kleine Schriftgröße normale Schriftgröße große Schriftgröße
01.09.2022

Geistliches Wort

Rainer Böhm, KernstadtRainer Böhm, Kernstadt

Unsere Pfarrerinnen und Pfarrer kommen hier im Wechsel zu Wort. Somit können Sie sich als Leser aus unterschiedlichen Perspektiven der Kirchengemeinden in unserer Stadt und deren Ortsteilen anregen lassen.

Alles hat seine Zeit

„Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde: Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit; töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit; weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit“ (Prediger 3, 1 – 4).

Diesen Text habe ich in den vergangenen Jahren oft als Lesung bei Trauerfeiern genommen. Heute trifft er mich selbst. Denn auch für mich geht nun etwas zu Ende. Vor ein paar Tagen sind wir aus dem Urlaub gekommen, noch einmal so, wie ich es während meines Berufslebens kannte. Nach dem Urlaub neu anzufangen. Die Aufgaben erledigen, die inzwischen dazu gekommen sind.

Diese Normalität hört nach 38 Berufsjahren auf, 28 Jahre hier in der Region, die ich vorher gar nicht kannte. Es war eine gute Zeit, damals mit den kleinen Kindern, hier alles kennenzulernen: Die Waldteiche oder den Winterstein, den Blick vom Johannesberg bis zum Vogelsberg, die vielen Residenzstädtchen in Oberhessen, das interessante Gießen, Hanau und vor allem: unsere schöne Stadt Bad Nauheim. Die alten Balkongeländer. So ähnliche hatte ich vorher in New Orleans gesehen.

Alles hat seine Zeit: das Grußwort sollte längst fertig sein, ich habe es hinausgeschoben, weil mir der Abschied schwerfällt. Dabei hatte ich meine Dienstzeit über den Ruhestand hinaus ja schon 14 Monate verlängert. Jetzt ist es wirklich Zeit. Wir sind schon nach Ranstadt umgezogen. Kein Hinauszögern mehr möglich. Mit fast 67 auch an der Zeit, oder? Es ist wie auf dem Bahnsteig, bald fährt der Zug, ich möchte beim Abschied am liebsten alles sagen – aber das geht nicht.

Wie oft den Weg um den Johannisberg gegangen, wie oft den vom Rögder Friedhof aus, das kleine Tal hinter der Rosenschule Ruf, die Magertriften bei Ober-Mörlen, wo manchmal ein Schäfer war und wir den Fastnachtsumzug hörten. Die Tage im Uhu mit Konfirmanden, schon lange bevor ich hier Pfarrer geworden bin übrigens.  Alles hat seine Zeit. Die vielen Abende und Fahrten mit dem Montagsforum und mit der Thomas Messen Gruppe. Mit vielen anderen Gruppen. Die begeisternden Gospelgottesdienste.

So viele gute Begegnungen, mit kleinen und großen Menschen, mit alten und jungen, mit lebenden und mit inzwischen verstorbenen. Mit vielen Menschen aus unserer Gemeinde, aber auch aus der Region. Sie haben mich an ihrem Leben teilhaben lassen, an ihren Erfahrungen und Gefühlen, wir haben zusammen gelacht und manchmal auch geweint. Ich habe von ihnen gelernt und mich in ihrer Gemeinschaft zu Hause gefühlt. Ich habe Toleranz, Verständnis, Mitgefühl erfahren in schwierigen Zeiten meines Lebens, sie haben mich getragen und gestärkt. Danke! Auch an alle Kolleginnen und Kollegen und Hauptamtlichen. Es war für mich eine fröhliche, bereichernde, oft beglückende Zusammenarbeit. Toll, wie wir die Ehrenamtsabende miteinander gestaltet haben. Danke!

Ich denke an das große Pfarrhaus, in das Kinder und Aupairmädchen passten, viel Besuch und Hunde, Wohnwagen und Wohnmobil in die Einfahrt. Alles hat seine Zeit. Vier Konfirmationsfeiern in unserer Zeit im Pfarrhaus, in früheren Jahren schon andere sechs, bei Zickmanns und Schäfers. Dankbar für außerordentlich gute Arbeitsbedingungen und Räume und Kirchen. Ich denke an den Weg vom Pfarrhaus zur Dankeskirche durch den Park. Ich glaube, es gibt keinen schöneren Kirchweg. Abende mit der Jugendband, eine lange Dankeskirchennacht in Kooperation mit der Schulseelsorge. Der riesige ökumenische Gottesdienst mit den Gemeinden in der Region zum Reformationsgedenken 2017. Unsere Partnerschaften mit Torgau, Amritsar und Chaumont, die Fahrten dorthin und die Gottesdienste dort und hier mit unseren Brüdern und Schwestern.

Ich empfinde meine Berufszeit als ein großes Glück und Geschenk. Ich habe Kirche erlebt und gelebt, wie ich sie mir wünsche. Dafür bin ich sehr dankbar. Aber: alles hat seine Zeit, auch aufzuhören. Jetzt ist Zeit, Platz zu machen: die Gemeinde wird neue Wege finden in und mit der Region. Ich hatte sehr viel Freude, jetzt sind andere dran.
Es gab eine Zeit vor dem Berufsleben, sie ist lange her, aber an sie erinnere ich mich jetzt manchmal. Der Ruhestand .. nicht als Aufbruch ins Leben, wie damals in den Beruf. Aber als Chance, noch einmal etwas anderes zu tun, an etwas Neuem zu schnuppern. Wie lange auch immer – meine Zeit steht in Gottes Händen! Ich will mich dabei an die Schlussverse dieses schönen Textes halten:

„Gott hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende. Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. Denn ein jeder Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes“ (Prediger 3, 11 – 13).

TOP

© 2022 Die Evangelischen Kirchengemeinden in Bad Nauheim  ·  Kontakt