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Geistliches Wort

Anne Wirth, Schwalheim-RödgenAnne Wirth, Schwalheim-Rödgen

Unsere Pfarrerinnen und Pfarrer kommen hier im Wechsel zu Wort. Somit können Sie sich als Leser aus unterschiedlichen Perspektiven der Kirchengemeinden in unserer Stadt und deren Ortsteilen anregen lassen.

Liebe Gemeindeglieder,

während ich diese Zeilen schreibe, zeigt das Außenthermometer 36 Grad Celsius an. Mir ist heiß, selbst beim Schreiben im abgedunkelten Raum.

Unsere Felder sind fast alle abgeerntet und es ist erst Ende Juli. Der Boden ist ausgetrocknet, fliegt davon wie Asche, Mensch und Vieh stöhnen unter einer selten erlebten Hitze. Saharahitze, sagen die Meteorologen. Ist das unsere Zukunft? Wenn ja, dann Gnade uns Gott, denn dann wäre das alles erst der Anfang eines Szenarios mit unabsehbaren Folgen.

Bald feiern wir unser Erntedankfest. Im ländlichen Raum wird das immer noch wahrgenommen, wenn auch nicht mehr von allen Menschen. Wer von der Landwirtschaft lebt, spürt seine Abhängigkeit, etwa vom Wetter, stärker als ein Mensch, der wie ich einen großen Teil seines Arbeitsalltags im Büro verbringt. Und doch sind wir alle abhängig von dem, was uns gegeben wird, von Sonne und Regen, von Wind und Jahreszeiten. Gerade dieses Jahr wird es uns wieder in aller Deutlichkeit bewusst.

Die Landwirte beklagen knapp 40 Prozent Ernteverlust. Vieh muss verkauft werden, da das nötige Futter nicht mehr aufzubringen ist. Die Existenz so mancher Betriebe ist bedroht. Welchen Grund hätten sie zu danken? Wie können wir für alles danken?

Der Benediktiner David Steindl-Rast schreibt: „ Wir können nicht dankbar sein, weil etwas misslingt. Aber wir können dankbar sein für die Gelegenheit, etwas daraus zu lernen: Geduld zum Beispiel. Oder Aufmerksamkeit. Und natürlich können wir für den Krieg, für Ausbeutung oder Hunger in der Welt nicht dankbar sein. Aber wir können, wenn wir damit konfrontiert werden, dankbar sein für die Gelegenheit, etwas dagegen zu tun, damit eine schwierige Situation nicht nur ausweglos ist.“

Das entscheidende Wort ist Gelegenheit. Das, was uns nicht gefällt, was uns an unsere Grenzen bringt, was uns leiden lässt, gibt uns die Gelegenheit, daran zu wachsen. Fehler, die wir machen, schenken uns die Gelegenheit, aus ihnen zu lernen, damit wir sie nicht wiederholen. Dinge, die uns misslingen, geben uns die Gelegenheit, sie beim nächsten Mal anders zu handhaben.

Einfach ist es sicherlich nicht, sich diese andere Sichtweise auf das Leben anzueignen. Aber ich bin der festen Überzeugung, wer sein Leben in dieser Haltung lebt, der wird immer einen Grund haben, Gott zu danken.

Unsere älteren Gemeindeglieder erinnern sich noch daran, dass es immer wieder Jahre gab, in denen man zu kämpfen hatte. Wie oft gab es eine schlechte Ernte! Wie oft musste man sich Gedanken machen, ob das Essen für die ganze Familie reicht! Oft, sogar sehr oft. Gerade in den Nachkriegszeiten. Doch trotz aller schwierigen Umstände gab es immer genug von allem. Mal mehr, mal weniger. Und so denke ich, dass wir „trotz allem“ auch dieses Jahr Grund zu danken haben. Danke Gott, dass du uns versorgst. Wir haben jeden Tag ausreichend zu essen, ausreichend Kleidung sowie ein Dach über dem Kopf.

Noch einmal Steindl-Rast:  „In 99% der Zeit wird uns etwas geschenkt, über das wir uns freuen und das wir genießen können. Also nichts als gegeben hinnehmen, sondern erwachen zu dieser neuen Sicht der Wirklichkeit.“

Liebet die ganze Schöpfung Gottes, die ganze Welt wie jedes Sandkörnchen auf Erden! Jedes Blättchen, jeden Lichtstrahl Gottes liebet! Liebet die Tiere, liebet die Gewächse, liebet jegliches Ding! Erst wenn du jedes Ding lieben wirst. wird sich dir das Geheimnis Gottes in den Dingen offenbaren.

Dostojewski

 

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