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Geistliches Wort

Rainer Böhm, KernstadtRainer Böhm, Kernstadt

Unsere Pfarrerinnen und Pfarrer kommen hier im Wechsel zu Wort. Somit können Sie sich als Leser aus unterschiedlichen Perspektiven der Kirchengemeinden in unserer Stadt und deren Ortsteilen anregen lassen.

Neulich habe ich die Tageslosung gelesen. Ich tue das nicht jeden Tag. Aber dieser Vers hat einiges in mir ausgelöst: „Johannes schreibt an Gaius: Mein Lieber, ich wünsche, dass es dir in allen Stücken gut gehe und du gesund seist, so wie es deiner Seele gut geht“ (3. Johannesbrief, Vers 2). Johannes wendet sich mit seinem Brief an Gaius, einen guten Freund, weil es in ihrer gerade erst gegründeten Gemeinde einen schwerwiegenden Konflikt gibt. Er beginnt zunächst mit einem freundlichen Wunsch.

Ich wünsche dir, dass du gesund seist. Und bleib gesund! Ich dachte daran, dass ich ganz ähnliche Wünsche seit Monaten in der einen oder anderen Form sage oder höre. Dabei gebe ich mir ja schon alle Mühe: Ich versuche, mich gesünder zu ernähren. Ich habe jetzt eine Pedometer-App  auf dem Handy, um zu kontrollieren, wie viel ich mich täglich bewege. Oft bleibt es leider bei dem Versuch: dann falle ich über Süßigkeiten her oder nehme doch wieder das Auto, statt zu gehen. So setze ich meine Gesundheit eigentlich aus Bequemlichkeit aufs Spiel und bestrafe mich mit einem schlechten Gewissen.

Ich weiß nicht, wie das dort ist, wo Sie wohnen: ich höre seit Dezember jeden Tag mehrfach die Krankenwagen, die zum Hochwaldkrankenhaus oder zur Kerckhoffklinik unterwegs sind. Mich bedrückt so manches an dieser Situation, und zugleich weiß ich, dass Angst krankmachen kann. Und ich weiß, dass es nicht nur um den Körper geht. Daran erinnert Johannes seinen Freund mit den Worten, dass es ihm „in allen Stücken gut gehen“ möge. Daran erinnern heute komplizierte Worte wie Salutogenese oder Resilienz: Zu Gesundheit gehören Freude am Miteinander, am kulturellen Genuss, gehören Vertrauen, Hoffnung und Geborgenheit. Gesundheit bedeutet mehr als gute Blutwerte und die Abwesenheit einer Erkrankung. Zu ihr gehört das Gefühl, dass es einen Sinn im Leben gibt, dass das Leben nicht einem unbeeinflussbaren Schicksal unterworfen ist. Es stellt mir Aufgaben, die ich lösen kann, und es steht in einem größeren, spirituellen Zusammenhang.

Das ist uns in der Kurstadt Bad Nauheim sehr bewusst. Zur Kur gehören, neben den Heilanwendungen, nicht nur Parks und die sogenannte Terrainkur, also Bewegung an der frischen Luft, sondern auch Cafès, Konzerte und der Gottesdienst. Das bedeutet eine umfassende Gesundheitsförderung, die auch seelische, soziale und geistliche Aspekte oder Dimensionen des Lebens in den Blick nimmt. Die nach Stärken schaut, zu denen unser Vertrauen auf Gott, unser Rückhalt in Familie und Gemeinschaft, unsere Gaben und Fähigkeiten gehören.

Der 3. Johannesbrief ist der kürzeste Brief im Neuen Testament. In der Gemeindeleitung, also dem Kirchenvorstand, gibt es Differenzen: einer der Kirchenvorsteher wendet sich gegen die Unterstützung der Wanderprediger, die auf ihren Reisen auf örtliche Hilfe angewiesen sind. Diotrephes verweigert anscheinend christliche Solidarität mit diesen Fremden und stellt die örtlichen Gemeindeinteressen über Werte wie Nächstenliebe und die Entwicklung der gesamten Kirche durch die Dienste der Mission. Deshalb schreibt der Presbyter Johannes an ein weiteres Gemeindemitglied, den Gaius, und bittet ihn in dieser Angelegenheit um Unterstützung. Deshalb ist der Brief auch ein frühes Beispiel von Kommunikation in einem Kirchenvorstand.

Selbst wenn sich die egoistische Position des Diotrephes kurzzeitig durchgesetzt haben sollte – insgesamt war der Erfolg der Wanderprediger, die das Christentum weitertrugen, nicht aufzuhalten. Mit ihrem Elan und Mut kam das Christentum bis an den Rand der damals bekannten Welt.

Der liebevolle Ton des Briefanfangs klingt sehr zugewandt.  Johannes würde seinen Freund Gaius jetzt lieber persönlich treffen, aber das geht in der aktuellen Situation nicht. Und so findet er einen anderen Weg, sich mit Gaius auszutauschen, keine Videokonferenz, aber einen Brief. Bleib gesund! „Ich hoffe aber, dich bald zu sehen; dann wollen wir mündlich miteinander reden … Grüß die Freunde, jeden mit Namen“ (3. Johannesbrief 14+15). So schließt der kurze Brief, dessen Aktualität mich wundert und berührt.

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