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01.09.2021

Geistliches Wort

Siegfried Nickel, Steinfurth-WisselsheimSiegfried Nickel, Steinfurth-Wisselsheim

Unsere Pfarrerinnen und Pfarrer kommen hier im Wechsel zu Wort. Somit können Sie sich als Leser aus unterschiedlichen Perspektiven der Kirchengemeinden in unserer Stadt und deren Ortsteilen anregen lassen.

Erntemonat September – Goldener Oktober – Nebelgrauer November

Nun beginnt eine spannende, bunte und vielfältige Jahreszeit.

Was wird sie bringen? Die vierte Corona-Welle oder werden die vielen, die sich vernünftig verhalten haben, dafür sorgen, dass die Einschränkungen moderat ausfallen? Keiner kann in die Zukunft schauen. Ich schreibe diese Zeilen Ende Juli. Da mussten viele Menschen an der Ahr und in anderen Teilen unseres Landes gerade durch das Hochwasser auf dramatisch-schreckliche Weise erleben, wie schnell Zukunfts-, ja Lebensträume zerstört werden können.

Keiner kann in die Zukunft schauen. Das gilt auch für unsere Kirche. Trotzdem geben die sogenannte Freiburger Studie und die aktuelle Mitgliederentwicklung zu denken. Die Kirche hat im letzten Jahr 2,5% ihrer Mitglieder verloren. Es sterben mehr Mitglieder als neue getauft werden, und es treten auch Menschen aus, u.a. weil sie den Kontakt zu ihrer Kirche verloren haben und deren breites und vielfältiges Angebot für alle gesellschaftlichen Schichten gar nicht mehr wahrnehmen. Darüber kann man nur klagen. Denn damit geht diesen Menschen in der Regel auch der Kontakt zum christlichen Gott verloren.

Wenn man die Zahlen der Mitgliedsentwicklung auf unsere Orte überträgt und hochrechnet, werden in zehn Jahren in Steinfurth und Wisselsheim statt der aktuellen 1.550 nur noch rund 1.150 Menschen Mitglied in der evangelischen Kirche sein (Schwalheim und Rödgen aktuell 1.163 - dann 863, Kernstadt aktuell 5.502 - dann 4.660). Das wird gravierende Auswirkungen haben, allein schon deshalb, weil Landeskirche und Gemeinde dadurch natürlich in erheblichen Umfang geringere finanzielle Mittel zur Verfügung stehen. In der Folge werden bald schon Gebäude veräußert und Pfarrbezirke vergrößert werden müssen. Die praktischen Folgen werden auch wir in unseren Orten erfahren.

Gleichzeitig hilft es aber nichts, in der Klage stehen zu bleiben. Deshalb hat unsere Landeskirche den Zukunftsprozess EKHN 2030 ausgerufen. „Wir stehen vor einer Zeit grundlegender Umbrüche“, erklärt der Kirchenpräsident Dr. Volker Jung dazu. Entscheidungen stünden darüber an, was wir „aufgeben müssen, um Freiraum für Neues zu gewinnen“.

Ein zentraler Bestandteil der Zukunftspläne ist es dabei, nicht mehr in Orten, sondern in Räumen zu denken. Unser Kooperationsraum Bad Nauheim / Ober-Mörlen ist ein praktisches Beispiel dafür. So wie ich ganz selbstverständlich zum Einkaufen, Sport oder Kulturgenuss in einen anderen Ort fahre, werde ich mich künftig neben interessanten Angeboten vor Ort auch zum Gottesdienst und zu anderen kirchlichen Veranstaltungen in andere Orte auf den Weg machen, um mich in meinem christlichen Glauben und Leben anregen und bestärken zu lassen.

Mein Christ-Sein ist ja ohnehin nicht auf meinen Wohnort beschränkt. Das gilt auch jetzt schon: Christ-Sein ist eine Überzeugung, eine Lebenshaltung, die mein ganzes Leben prägt, egal wo ich bin. Da orientiere ich mich nicht an Zahlen. Es geht auch nicht darum, selbst möglichst gut dazustehen oder „in“ zu sein. Ja, es geht noch nicht einmal um meine Möglichkeiten oder diejenigen meiner Kirche, nein, es geht um die Möglichkeiten Gottes. Nicht umsonst endet das Gebet, das Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern zu beten empfohlen hat mit folgenden Worten „Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.“

Die Zukunft und die Gegenwart liegen in Gottes Hand. Und da er uns, seine Menschen, liebt – wie er in Jesus Christus gezeigt hat – braucht uns um uns und unsere Kirche nicht bange sein. Die Kirche und wir brauchen nicht wie im Novembernebelgrau frustriert den Kopf unter die Bettdecke stecken, sondern können getrost wie bei einer Herbstwanderung durch buntgefärbte Wälder voranschreiten, denn es gilt weiterhin der Spruch, mit dem die Kindergruppe meiner Kindheit endete: „Mit Jesus Christus mutig voran.“

Denn Christ-Sein wird genau wie der Herbst in jedem Fall auch in Zukunft spannend, bunt und vielfältig sein.

PS: Man kann übrigens nicht nur aus der Kirche austreten, man kann auch (wieder) in sie eintreten. Das geht in der evangelischen Kirche ganz einfach. Nähere Informationen finden Sie hier: https://www.ekhn.de/service/mitglied-werden.html.

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