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Zeitdokument vom 15. Dezember 1915

Das Zeitdokument vom 15. Dezember 1915 wurde vom damaligen Pfarrer Heinrich Fischer anlässlich notwendiger Renovierungsarbeiten am Kirchturm in der Gemeinde Untersteinach verfasst und für die Nachwelt in einer Kugel auf der Kirchturmspitze aufbewahrt. Es wurde bei dortigen Renovierungsarbeiten in den 1990er Jahren entdeckt. Die ausgewählten Textausschnitte geben Einblick in die damalige Weltanschauung. Das Dokument dient zur kritischen Auseinandersetzung und Aufarbeitung der Geschichte des 1. Weltkrieges.

J. N. S. P. & F. & Sp. S.

„Diese Arbeit geschah in einer überaus denkwürdigen Zeit schwerer Heimsuchungen, war aber doch zugleich reich an göttlicher Gnaden durch Hilfe durch die vielen herrlichen Siege unseren tapferen deutschen Heeres und seiner Verbündeten. Unser deutsches Volk hat bisher durchgehalten infolge weiser Sparsamkeit und seine Kraft nach jeder Richtung hin bewährt. Es ist nicht gelungen uns auszuhungern. Dadurch, dass jedem Haushalt sein Brot und Mehl staatlicherseits zugemessen und das Getreide mit Beschlag belegt war, ist es ermöglicht worden, dass nicht nur etwaigen verschwenderischen Gebrauch des Brotes dasselbe vor der Zeit ein Ende nahm. Die Ernte 1914 konnte gut und reichlich genannt werden. Auch 1915 kann trotz der zeitweiligen ungünstigen Witterung doch für die Pfarrgemeinde Untersteinach von einer guten Ernte geredet werden. Jede Familie musste freilich ihren Brotverbrauch einschränken.



Da der Krieg voraussichtlich noch länger dauert, der Fleisch- und Fettverbrauch aber durch die vielen Soldaten wie durch Kriegsgefangene, deren z.B. auf der Plassenburg 462 russische Offiziere und 93 Mann untergebracht sind, ständig zunimmt, während anderseits viel Vieh verkauft und geschlachtet wurde, so wurden jetzt Dienstag und Freitag zu fleischlosen Tagen gemacht, an welchen in Wirtschaften kein Fleisch abgegeben und von den Metzgern keines verkauft werden darf. Ferner darf am Sonnabend kein Schweinefleisch verkauft werden. Am Montag und Donnerstag darf in den Wirtschaften nichts mit Fett hergerichtetes abgegeben werden, auch keine Butter. Das sind gottlose Tage. Man kann nur hoffen und wünschen, dass unsere Feinde ihr «Fett» wie ein landläufiger Ausdruck sagt, bald reichlich bekommen, sodass sie den freventlich von ihnen heraufbeschworenen Krieg satt haben. Wir wollen uns dann schon das Fett abschöpfen von ihrem Lande. Bis dahin wird der ewig treue Gott weiterhelfen und wir wollen fröhlich sein in Hoffnung, geduldig in Trübsal, anhaltend am Gebet.



Seit einigen Monaten sind daher bei Gastwirt Johann Limmer 20 Kriegsgefangene Franzosen einquartiert, unter Bewachung von 2 Landsturmmännern. Diese Leute haben sich bei uns mit Drainierungs- und anderen landwirtschaftlichen Arbeiten beschäftigt und recht gut eingelebt. Sie haben auch zur Anpflanzung von Obstbäumen, insbesondere Nussbäumen 355 Baumgruben am Gumpersdorfer Weg gegraben. Diese Anlage wird nun im Volksmund «der Franzosenanger» heißen. Es gefällt den Franzosen, da sie gut behandelt werden, viel besser als im Barackenlager Grafenwöhr. Sie scheinen zufrieden zu sein, dass die «nix la guerre und bum, bum!» hören.

Doch schießen ihnen die Kulmbacher zeitweilig, bei jedem Siege, kräftig etwas vor mit Böllern. Hier wird bei größeren Siegen sofort von den Schulkindern zusammengeläutet. Neuerdings haben sich einige Buben dafür sogar ein kleines Geschütz angefertigt und schießen damit vom Turm aus unter großem Jubel der Jugend. Öfters wurden bei Siegen schon Schulferien vom kgl. Ministerium angeordnet und darauf frei gegeben. Immer mehr werden es der Vaterlandsverteidiger, die zu den Waffen einberufen werden. Leute bis zu 45 Jahren, die nie eine Waffe trugen, werden nun durch diesen Krieg zu «Veteranen» und die Leute mit 17 – 19 Jahren zu Landstürmern. Die 19jährigen mussten bereits einrücken und die 18jährigen werden zurzeit, anfangs Dezember, überall gemustert. Manche Leute sehen daher wegen Mangel an männlichen Arbeitskräften der Frühlings-Feldbestellung mit Sorgen entgegen.

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An Weihnachten 1914 wie auch 1915 erhält jeder Krieger aus der politischen Gemeinde Untersteinach ein Liebespaket. 1915 wurde ein Schwein geschlachtet und verwurstet zu diesem Zwecke. Die Kosten wurden durch Sammlungen gedeckt. Ein besonderer Unterausschuss für Kriegsfürsorge bestehend aus dem Pfarrer, dem Bürgermeister, dem Beigeordneten und Privatier Nikolaus Vießmann aus Untersteinach hatte in vielen Sitzungen als Organ des kgl. Bezirksamtes die Kriegsfürsorge namentlich einheitlich der Familienunterstützung zu bestätigen. Eigentliche Armut wurde trotz des Krieges bis jetzt nicht bemerkt.



Dies ist das Wichtigste aus der Pfarrei. Gott der Herr aber gebe uns bald den goldenen edlen Frieden wieder, damit durch alle Lande erschalle das «Nun danket alle Gott»!“

Untersteinach, den 15. Dezember 1915

Pfarrer Heinrich Fischer

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