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Predigten

Einige Predigten der letzten Zeit zum Nachlesen, Ansehen und Anhören.

In unserem Youtube-Kanal finden Sie Gottesdienste, Andachten und Lieder.

Gottesdienst am 17.1.2021 von Pfarrerin Susanne Pieper

Musik

Begrüßung
Wir feiern Gottesdienst. Das Weihnachtsfest tragen wir noch in unseren Herzen, zugleich aber hat das Andere uns schon wieder fest im Griff: der Beruf, die Schule, die alltäglichen Aufgaben.  Doch jetzt feiern wir den Gottesdienst.  Aus der Wilhelmskirche in Bad Nauheim begrüße ich Sie und euch dazu herzlich -  an den Laptops, den Tablets und den Smartphones.

Gottesdienst -  das ist wie ein Fest, das den Alltag unterbricht. Wir lassen uns darin berühren von Gottes Reich, das wir schon hier und jetzt immer wieder einmal spüren können. Auch der biblische Spruch der neuen Woche lässt uns davon etwas erahnen. Im 1. Kapitel des Johannesevangeliums, Vers 16 steht er geschrieben: „Aus seiner göttlichen Fülle hat er uns beschenkt, hat uns mit Güte überschüttet.“

Wir feiern den Gottesdienst im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Psalm 23
Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führt mich zum frischen Wasser. Er erquickt meine Seele. Er führt mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück. Denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbst mein Haupt mit Öl und schenkst mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.

Gebet
Du, Quelle unserer Kraft, wir blicken zurück auf unser Leben und sehen: du hast uns schon reich beschenkt. Und täglich neu beschenkst du uns mit deiner Gegenwart. Du willst uns auch heute begleiten, willst unserem Leben Sinn und Ziel geben.

Deshalb wagen wir es mit dir, auch wenn wir nicht wissen, wohin die Wege gehen, die du mit uns gehst.

Deinen Glanz suchen wir in unseren Tagen. Darum bitten wir: Komm zu uns.  Sprich uns an mit deinem guten, heilenden Wort.
Amen.

Lied: EG 66,1.4.5 Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude

Lesung aus Johannes 2,1-12
Am dritten Wochentag fand eine Hochzeit in Kana in Galiläa statt, und die Mutter Jesu war dort. Auch Jesus und seine Jünger waren zur Hochzeit eingeladen.
Als der Wein ausgegangen war, sagte die Mutter Jesu zu ihm: „Sie haben keinen Wein mehr!“ Jesus aber sagte zu ihr: “Was haben wir miteinander zu tun, Frau? Meine Zeit ist noch nicht gekommen.“ Seine Mutter sagte zu den Bediensteten: „Was auch immer er euch sagt, das tut!“
Nun standen dort sechs steinerne Wasserkrüge. Man benutzte sie für die Waschungen, die nach dem jüdischen Gesetz nötig sind. Jeder von ihnen fasste 100 Liter. Jesus sagte zu den Bediensteten: „Füllt die Krüge mit Wasser!“ Und sie füllten sie bis zum Rand. Und er sagte zu ihnen: „Schöpft jetzt etwas davon und bringt es dem Küchenchef!“ Und sie brachten es ihm. Der Mann probierte das Wasser: es war zu Wein geworden! Er wusste allerdings nicht, woher der Wein kam. Nur die Diener wussten Bescheid.
Da rief er den Bräutigam zu sich und sagte zu ihm: „Alle Menschen schenken zuerst den guten Wein aus, und erst dann, wenn die Gäste schon betrunken sind, kommt der billigere Wein auf den Tisch. Du aber hast den guten Wein bis jetzt aufgehoben.“
So vollbrachte Jesus im Dorf Kana in Galiläa sein erstes Wunderzeichen. Er offenbarte damit seinen göttlichen Glanz, und seine Jünger glaubten an ihn. Danach ging er mit seiner Mutter, seinen Brüdern und seinen Jüngern nach Kapernaum. Und sie blieben einige Tage dort.

Ansprache
Gottes Liebe, die Gnade unseres Herrn und Bruders Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Liebe Gemeinde,

die Hochzeit ist in vollem Gange. Ein Fest der Liebe, ein Fest der Freude und des Lebens. Es wird gefeiert, mehrere Tage lang. Der Duft von Köstlichkeiten erfüllt den Festsaal: gebratenes Lamm, Oliven, süße Feigen und gefüllte Datteln.  Musik und Tanzen, Singen und ausgelassene Freude, Genuss pur. Und mit Jesus und seiner Mutter sind noch viele andere Gäste eingeladen. Das ganze Dorf feiert mit. Da kann eigentlich nichts mehr schiefgehen, möchte man meinen.

Maria beobachtet hinter einer Tür des Festraumes das fröhliche Treiben. Sie war dabei bei der Vorbereitung des großen Festmahls. Sie gehört zum Team, das alles organisiert hat. Und ihrem wachen Blick entgeht es nicht, dass sich immer mehr Weingläser leeren. Sie bemerkt es als erste, dass der Wein ausgeht.

Eine schwierige, ja außerordentlich peinliche Situation bahnt sich da für das Brautpaar an. Möglicherweise sogar das abrupte Ende einer unbeschwerten Feier. Unerträglich diese Vorstellung für jede, die schon einmal eine große Feier ausgerichtet hat. Maria überlegt, was sie tun könnte, um das Fest zu retten.

Sie bittet ihren Sohn zu helfen. Ist er nicht gerade mit einigen jungen, kräftigen Freunden gekommen?  Vielleicht könnten sie in der Umgebung Nachschub besorgen oder ihm fällt etwas Anderes ein.

„Sie haben keinen Wein mehr.“ Ein Satz mit Aufforderungscharakter. Zwischen den Zeilen ist viel zu hören. Schroff und unwirsch reagiert der Sohn darauf, der Erwachsene, der, der inzwischen sogar Lehrer ist und seine Schüler dabei hat: „Was haben wir miteinander zu tun, Frau?“ Er nennt sie nicht einmal Mutter! Als wollte er alle alten Bindungen kappen, als wollte er sich abbeißen vom Elternhaus. Erwachsene Kinder fühlen sich oft angefixt, wenn sie Sätze mit Appellcharakter von den Eltern hören: „Du brauchst mir nicht zu sagen, was ich zu tun habe. Das ist jetzt ganz allein meine Sache!“ Es klingt wie die letzte Ablösung: „Meine Stunde ist noch nicht gekommen!“

Maria hält das aus, dass er sich so entschieden abgrenzt. Als würde sie diese Unfreundlichkeit ihres Sohnes überhören.  Sie ruht in sich. Und sie ist sich sicher, dass er ihre Botschaft trotzdem verstanden hat. Er wird etwas tun – was auch immer. Voller Vertrauen wendet sie sich an die Diener: “Was er euch sagt, das tut!“

Und wenig später tritt der Sohn tatsächlich in Aktion.  Er lässt die Wasserkrüge mit frischem Wasser füllen, bis zum Rand. Und wie von Zauberhand wird ein ganz besonderer Wein daraus -  ein Wein der Extraklasse. In Hülle und Fülle, 600 Liter, das wären heute 750 Flaschen Wein. Nun kann in vollen Zügen weitergefeiert werden, bis das Fest zuende ist.

Ein Wunder, ein erstes Zeichen, das Jesus in die Öffentlichkeit hinein setzt -  auch wenn es nur im Stillen geschehen ist, auch wenn es nur einige Wenige bemerkt haben.

Was ist hier passiert? Was bedeutet es, dass Jesus solch ein Zeichen tut?

Es bedeutet, dass Jesus radikal dem Leben zugewandt ist. Er spürt, was die Menschen in einer bestimmten Situation brauchen. Und was jetzt gerade dran ist. Er ist wach und aufmerksam. Hier rettet er ein gefährdetes Fest. Dieses Fest soll gelingen für das junge Paar – es soll ein verheißungsvoller, fröhlicher Auftakt sein für ihr Leben, das noch genug harte Tage mit sich bringen wird. Mit dem, was er tut, segnet er die Partnerschaft der beiden. Er rettet den gefährdeten Anfang. Und wenn ich mir Jesus irgendwo in den Evangelien ausgelassen und fröhlich vorstellen kann, dann hier: wie er dem jungen Paar aus tiefstem Herzen ein frohes „Lechajim“ zuprostet.

Die große Zeit seines Wirkens beginnt mit einer Hochzeit. Mit Freude und Leichtigkeit, mit Musik und Gesang, Speis und Trank als Vorgeschmack auf das anbrechende Reich Gottes. So öffnet Jesus mit seinem ersten Zeichen das Tor zum Himmelreich einen kleinen Spalt weit.  Wo er kommt, wo er eingeladen wird, da bringt er Freude, Fülle und Glanz mit. Mitten im Leben.

Das ist gut zu wissen und zu hören. Mitten im kalten Januar. In diesen schwierigen und herausfordernden Zeiten, in denen wir uns danach sehnen, wieder einmal ausgelassen zu sein wie die Gäste in Kana damals, zu feiern und zusammen zu sein. Unsere Familienfeste zu feiern. Eine Hochzeit.  Eine Taufe oder eine Konfirmation. Ich glaube, in diesen Zeiten leben wir davon, dass wir unsere Erinnerungen wachhalten an die frohen Momente, an die festlichen Zeiten, die wie Lichtpunkte in unserem Leben strahlen. Und wir leben von der Zuversicht, dass sie wieder möglich sein werden!

Die Geschichte von Kana bringt mich zugleich ins Fragen:

Gibt es auch heute noch Wunder? In unserer komplizierten, verwundeten und zerbrechlichen Welt? In dieser Welt, die wie auf den Kopf gestellt wirkt?

Ich glaube, dass Gott auch heute, in unserer Welt, seinen Glanz leuchten lässt. Er will die Menschen glücklich sehen. Das lernen wir aus der Geschichte von Kana. Und wir sind gefragt, ob wir uns die Zeit nehmen, nach innen zu hören, mitten in unserem Alltag und in unseren Häusern. Ob wir neugierig genug sind, ob wir offen genug sind, die Zeichen Gottes in unserem Leben zu erkennen.

Für mich lässt Gott seinen Glanz leuchten, wo Menschen einander Freude machen.  Wo sie aufeinander achten, nacheinander fragen und füreinander einstehen. Wo sie sich unterstützen und trösten. Da öffnet sich das Tor zum Himmelreich schon einen Spalt.

Gott lässt für mich seinen Glanz leuchten, wo Menschen Heilung erfahren -  Gesundung nach einer Erkrankung, wo sie ins Leben zurückfinden nach tiefer Trauer, wo sie aufgerichtet werden und neue Hoffnung schöpfen.

Zuletzt war das Weinwunder nicht weniger als ein Schöpfungsakt. Ein Wunder ist es für mich auch, wenn Menschen aus Antigenen und ganz verschiedenen Inhaltsstoffen ein medizinisches Heilmittel entwickeln, das den Menschen zugute kommt und ihr Leben schützt. Der Impfstoff und die Erkenntnisse unserer Forscher -  auch sie sind ein Wunder unserer Zeit. Auch durch sie lässt Gott heute seinen Glanz leuchten. Er will die Menschen glücklich sehen.

Und Gottes Friede, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.
Amen.

Lied: EG 632,1-4 Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht

Fürbitten
Lichtvoller Gott,
du lässt deinen Glanz leuchten unter uns, wo wir liebevoll miteinander umgehen. Da zeigt sich dein Himmel schon mitten in unserer Welt. Lass uns die guten, frohen Momente unseres Lebens genießen. Bringe uns dazu, sie zu erinnern und lass sie groß bleiben bei uns.

Wir bitten dich für alle, die in ihrem Leben keine schönen Seiten mehr sehen können. Lass sie aufatmen. Schenke ihnen eine neue Hoffnung.
Wir bitten dich für die vielen Menschen, die krank sind. Stärke sie in ihrer Angst und Not und stehe ihnen bei.

Wir bitten dich für alle Frauen und Männer im medizinischen Dienst, für alle, die sich um jeden Einzelnen  sorgen. Erfülle sie mit Geduld, mit Kraft und Durchhaltevermögen. Lass sie Zeiten zur Entspannung finden.

Wir bitten dich für alle, die in dieser Zeit um einen lieben Menschen trauern. Führe sie durch das Tal der Dunkelheit hindurch.  Sei du ihnen nahe und trockne ihre Tränen.
Unser Gott, sei du bei uns allen.  Wir bitten dich um deinen Segen.  Lass deinen Glanz leuchten unter uns.

Und gemeinsam beten wir das Vaterunser

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
Und die Kraft
Und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Abkündigungen

Segen
Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.
Amen

Musik

Gottesdienst am 10.1.2021 von Pfarrerin Meike Naumann

Musik zum Eingang

Begrüßung mit Votum

Herzlich willkommen zu unserem Gottesdienst. Gefühlt ist Weihnachten schon wieder ganz weit weg, dabei sind es gerade mal 2 Wochen. Das neue Jahr hat begonnen und nimmt uns ganz hinein in seinen Bann. Aber die Geburt im Stall das war nicht nur ein Traum. Die Geschichte von Jesus ging weiter. Zu Beginn seines Wirkens lässt Jesus sich von Johannes im Jordan taufen. Und allerspätestens als die Stimme Gottes zu hören ist, die sagt: „Dies ist mein geliebter Sohn!“ allerspätestens wird deutlich: Dieser Jesus ist mit Gottes Geist erfüllt. Auf ihn sind wir alle Christinnen und Christen getauft. Nicht, weil wir so besonders großartig wären, sondern weil er uns liebt. So ermutigt feiern wir unseren Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Musik

Psalm 89,2-5.27-30
2Ich will singen von der Gnade des Herrn ewiglich
und seine Treue verkünden mit meinem Munde für und für;
3denn ich sage: Auf ewig steht die Gnade fest;
du gibst deiner Treue sicheren Grund im Himmel.
4»Ich habe einen Bund geschlossen mit meinem Auserwählten,
ich habe David, meinem Knechte, geschworen:
5Ich will deinem Geschlecht festen Grund geben auf ewig
und deinen Thron bauen für und für.« SELA.
Er wird mich nennen: Du bist mein Vater,
mein Gott und der Hort meines Heils.
28Und ich will ihn zum erstgeborenen Sohn machen,
zum Höchsten unter den Königen auf Erden.
29Ich will ihm ewiglich bewahren meine Gnade,
und mein Bund soll ihm fest bleiben.
30Ich will ihm ewiglich Nachkommen geben
und seinen Thron erhalten, solange der Himmel währt.

Gebet
Himmlischer Vater,
du hast uns in unserer Taufe dazu berufen,
deine Kinder zu sein.
Wir danken dir, dass du uns mit deinem Heiligen Geist
begabst und immer neu beschenkst.
Hilf uns, dass wir nach deiner Verheißung leben,
als deine Kinder, die du mit Liebe beschenkst
und mit Weisheit begabst.
Dies bitten wir im Namen deines Sohnes,
Jesus Christus, der uns zum Bruder wurde.
Amen.

Schriftlesung Matthäus 3,13-17
Jesu Taufe
(Mk 1,9-11; Lk 3,21-22; Joh 1,32-34)
13Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe. 14Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir?
15Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt zu! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Da ließ er’s ihm zu.16Und als Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen. 17Und siehe, eine Stimme aus dem Himmel sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.

Glaubensbekenntnis

Musik

Predigt

Predigttext
Brief an die Gemeinde in Rom 12,1-8
1Ich ermutige euch, Geschwister: Verlasst euch auf Gottes Mitgefühl und bringt eure Körper als lebendige und heilige Gabe dar, an der Gott Freude hat. Das ist euer vernunftgemäßer Gottes-Dienst. 2Schwimmt nicht mit dem Strom, sondern macht euch von den Strukturen dieser Zeit frei, indem ihr euer Denken erneuert. So wird euch deutlich, was Gott will: das Gute, das, was Gott Freude macht, das Vollkommene.
3Erfüllt von der Zuneigung Gottes, die mir geschenkt wurde, sage ich nun einer jeden und einem jeden von euch: Überfordert euch nicht bei dem, wofür ihr euch einsetzt, achtet auf eure Grenzen bei dem, was ihr vorhabt. Denn Gott hat jedem und jeder ein bestimmtes Maß an Kraft zugeteilt, Vertrauen zu leben. 4Denkt an unseren Körper. Er ist eine Einheit und besteht aus vielen Körperteilen, aber nicht jedes Teil hat dieselbe Aufgabe. 5So sind wir, obwohl wir viele sind, doch ein einziger Körper in der Gemeinschaft des Messias. Einzeln betrachtet sind wir Körperteile, die sich füreinander einsetzen. 6Wir haben jeweils unterschiedliche Fähigkeiten, die uns in göttlicher Zuwendung geschenkt wurden:
Wer die Gabe hat, prophetisch zu reden, nutze sie, um deutlich zu machen, welches Handeln dem Vertrauen auf Gott entspricht. 7Wer die Gabe hat, für andere zu sorgen, nutze sie zum Wohl der Gemeinschaft. Wer die Gabe hat zu lehren, nutze sie, um andere am Wissen teilhaben zu lassen. 8Wer die Gabe hat zu trösten, nutze sie, um andere zu ermutigen. Wer mit anderen teilt, sei aufrichtig dabei. Wer eine Leitungsaufgabe übernimmt, fülle sie mit Begeisterung aus. Wer solidarisch mit anderen lebt, soll es heiter tun.

Liebe Gemeinde,

bevor ich vor 5 Jahren hier in unserer Kirchengemeinde die Pfarrstelle Ost übernommen habe, (damals noch zusammen mit dem Kollegen Dr Becke), war ich 10 Jahre im Schuldienst tätig. Erst in Herborn am Gymnasium, dann an der St Lioba Schule hier in Bad Nauheim. Es war eine Arbeit, die mir viel Spaß gemacht. Inhalte und Werte zu vermitteln an junge Menschen; mit ihnen im Dialog zu sein. Gemeinsam einen Weg gehen. Dazu gehört auch ganz oft die Jugendlichen zu ermutigen. Sie zu unterstützen, indem was sie gerade tun, wo sie gerade dran sind. Und es ist toll zu beobachten, welche Fähigkeiten da zu Tage kommen, wie Erlerntes angewendet wird, wie aus Frustration und Resignation wieder Mut und Lebensfreude wird. Sie kennen das vielleicht von ihren eigenen Kindern. Als Eltern ist man immer wieder gefordert zu ermutigen. Das fängt bei den Kleinsten an, wenn der Frust groß ist, weil das mit dem Laufenlernen nicht so schnell klappt, wie gewünscht. Und es zieht sich durch das ganze Leben durch. Eigentlich hört es nie auf. Wir Menschen brauchen immer wieder andere, die uns Mut zu sprechen. Die für uns da sind, wenn wir in einer Sackgasse feststecken Wenn einfach alles schiefläuft. Und wie gut ist es da jemanden zu haben, der einen in den Arm nimmt oder einfach ein aufmunterndes Wort findet. Und es tut auch dem gut, der helfen kann. Es ist eine schöne und gute Erfahrung, helfen zu können. Ermutigen zu können. Das erfüllt und befriedigt zutiefst. Kirche nimmt auf ganz unterschiedliche Weise diese Aufgabe wahr, Menschen zu ermutigen. In der Seelsorge, der Lebensberatung, in Gruppen und Kreisen, in den Kindergärten und der Arbeit mit Jugendlichen usw.

Im Evangelium für den heutigen Sonntag hörten wir davon, wie eine Stimme aus den Himmeln zu hören war und Jesus ermutigte: „Dieses ist mein geliebtes Kind, ihm gehört meine Zuneigung.“ (Mk 1,11 eigene Übersetzung)

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mir helfen meist ermutigende Worte mehr als gutgemeinte Ratschläge, die ganz genau vorschreiben, wie das Problem zu lösen ist. Noch besser ist es, gemeinsam zu überlegen und auszuprobieren, wie etwas funktionieren kann. Ein klassisches Beispiel ist da vielleicht dieses:

Wenn die (Groß-)mutter lernen möchte, wie sie eine Story auf instagram postet und verbreitet, hilft es nichts, wenn die Enkeltochter das Smartphone nimmt und alles schnell alleine tippt, sondern sie muss der (Groß-)mutter nur erklären, wie es geht. Die aber muss selber die Funktionen, die Tasten ausprobieren, selber tippen und ermutigt werden, zu probieren. Dann kann sie es bald alleine. Ähnlich geht es mir auch bei größeren Herausforderungen im Leben.
 
„Ich ermutige euch, Geschwister“. (Röm 12,1 BIGS 2011) Mit diesen Worten beginnt der heutige Predigttext. Wir haben ihn vorhin als Epistel gehört. Paulus schreibt ihn an die Gemeinde in Rom. Ermutigung brauchen die Menschen dort. Das Leben ist nicht leicht. Rom war damals das, was wir heute als eine Mega-City bezeichnen. Groß, reich, mächtig und strahlend, aber zugleich auch arm, verelendet, gewaltvoll. Ich stelle mir vor, wie die die, die sich zu Christus zählen, abends nach einem langen anstrengenden Tag zusammenkamen. Einige von ihnen hungrig, weil sie am Tage nicht genügend Geld für Essen verdient hatten. Sie hoffen, dass andere ihnen etwas zu essen mitgebracht haben, dass Speisen geteilt werden. Alle eint, dass sie anders leben wollen, als sie es jetzt tun. Sie sehnen sich nach einer gerechteren Welt. Sie wollen die Gebote der Tora, der Heiligen Schrift, halten, können es aber nicht, denn die Gesetze und das System des römischen Reiches sehen ein anderes Leben und andere Regeln für alle vor. Ich stelle mir vor, wie eine den Brief des Paulus in den Händen hält und aus ihm vorliest. „Ich ermutige euch, Geschwister“. Aufbauende Worte!
„Ich ermutige euch, Geschwister: Verlasst euch auf Gottes Mitgefühl und bringt eure Körper als lebendige und heilige Gabe dar, an der Gott Freude hat. Das ist euer vernunftgemäßer Gottes-Dienst. 2Schwimmt nicht mit dem Strom, sondern macht euch von den Strukturen dieser Zeit frei, indem ihr euer Denken erneuert. So wird euch deutlich, was Gott will: das Gute, das, was Gott Freude macht, das Vollkommene.“ (Röm 12,1-2 BIGS 2011)

Paulus ermutigt zu einem guten Leben, das Gott gefällt. Ein Leben, das nicht dem Mainstream entspricht. Ein Leben, das anders ist, das sich nicht von den herrschenden römischen Idealen leiten lässt, wo nur die Stärkeren gewinnen. Wo militärische Durchschlagskraft zählt. Wo es ein äußerst komfortables Oben für wenige und ein bitteres Unten für viele gibt. Wo Ausbeutung und Gewalt, auch sexualisierte Gewalt, ganz normal sind. Wo nach unten hin getreten wird.

„Schwimmt nicht mit dem Strom.“ (Röm 12,2 BIGS 2011)
Wer nicht mit dem Strom schwimmen möchte, braucht Mut, Ermutigung, Unterstützung. Es ist anstrengend. Damals wie heute. Paulus versichert den Menschen damals, dass Gott an und auf ihrer Seite ist. Mit diesem Zuspruch ruft er auf: „Bringt eure Körper als lebendige und heilige Gabe dar.“ (Röm 12,1 BIGS 2011)

So ermutigt Paulus die Versammelten, sich für Gott einzusetzen. Nicht irgendwie abstrakt, sondern ganz konkret mit dem Körper.

Wer sich für Gott einsetzt, wer aufsteht, aus dem Mainstream ausbricht, sich widersetzt, gegen den Strom schwimmt, braucht dafür eine Gemeinschaft, die diesen Dienst an Gott mitträgt. Es gibt Grenzen, denn so ein Dienst ist anstrengend. Deshalb schreibt Paulus weiter:

„Erfüllt von der Zuneigung Gottes, die mir geschenkt wurde, sage ich nun einer jeden und einem jeden von euch: Überfordert euch nicht bei dem, wofür ihr euch einsetzt, achtet auf eure Grenzen bei dem, was ihr vorhabt. Denn Gott hat jedem und jeder ein bestimmtes Maß an Kraft zugeteilt, Vertrauen zu leben.“ (Röm 12,3 BIGS 2011)

Wie ermutigend diese Mahnung, sich nicht zu überfordern! Stellen auch Sie sich manchmal die Frage, ob Sie auch wirklich genug tun, die Zeit nicht verplempern, sondern Ihre Fähigkeiten voll und ganz ausschöpfen? Wie ermutigend ist es zu lesen, dass ich auch Pausen einlegen darf, dass andere auch da sind. Paulus ermutigt weiter, indem er die Gemeinschaft betrachtet und darum wirbt, sie einmal genauer wahrzunehmen:

„Denkt an unseren Körper. Er ist eine Einheit und besteht aus vielen Körperteilen, aber nicht jedes Teil hat dieselbe Aufgabe. So sind wir, obwohl wir viele sind, doch ein einziger Körper in der Gemeinschaft des Messias. Einzeln betrachtet sind wir Körperteile, die sich füreinander einsetzen. Wir haben jeweils unterschiedliche Fähigkeiten, die uns in göttlicher Zuwendung geschenkt wurden:
Wer die Gabe hat, prophetisch zu reden, nutze sie, um deutlich zu machen,
welches Handeln dem Vertrauen auf Gott entspricht.
Wer die Gabe hat, für andere zu sorgen,
nutze sie zum Wohl der Gemeinschaft.
Wer die Gabe hat zu lehren,
nutze sie, um andere am Wissen teilhaben zu lassen.
Wer die Gabe hat zu trösten, nutze sie, um andere zu ermutigen.
Wer mit anderen teilt, sei aufrichtig dabei.
Wer eine Leitungsaufgabe übernimmt, fülle sie mit Begeisterung aus.
Wer solidarisch mit anderen lebt, soll es heiter tun.“ (Röm 12,4-8 BIGS 2011)

In der Gemeinschaft sind alle wichtig. Jede und jeder kann und soll sich einbringen mit dem, was sie, was er kann. „Ihr seid ein Körper“ – oder anders betont: „Ihr seid ein Körper.“ An anderer Stelle sagt Paulus sogar: „Ihr seid der Körper des Messias – das soma Christou" (1 Kor 12,27 BIGS 2011)

Als Christus-Innigkeit hat ein Theologe dieses Bild einmal bezeichnet. Ein schönes Wort! Christusinnigkeit. In Christus zu sein, in Gemeinschaft, in Beziehung. Diese Gemeinschaft ist kraftvoll. Sie ermutigt und erfährt Ermutigung. So ist es möglich, nicht mit dem Strom zu schwimmen, sondern sich von den Strukturen dieser Zeit frei zu machen.

Beim Lesen und Hören unseres Predigttextes habe ich eine Gruppe von älteren Frauen vor Augen, die heute das tun, wozu Paulus ermutigt. Sie sehen, dass in unserem System etwas schief läuft. Sie nehmen wahr, dass Respekt, gleiche Rechte für alle in Deutschland lebenden Frauen, Männer und Kinder in Gefahr sind. Sie sehen wie Frauenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus zunehmen und wollen dies nicht hinnehmen. Sie sehen unsere parlamentarische Demokratie in Gefahr. Deshalb organisieren Widerstand.

Sie gehen auf die Straße und nehmen an Demos und Kundgebungen teil Auch hier in der Wetterau bin ich ihnen im letzten Jahr bei Kundgebungen gegen Rechts begegnet. Sie strahlen eine große Lebensenergie und Lebenserfahrung aus. Sie haben alle schon etwas erlebt in ihrem Leben. Darum wissen sie auch um ihre Grenzen. Sie können sich auf andere verlassen. Und da es einfach ist, dazu zu gehören, schließen sich immer mehr Frauen an. Sie wollen auffallen, aber nicht als Einzelperson und Ausnahme, nicht als Star, sondern als Gruppe. Sie wollen heraustreten aus ihrer kleinen heilen Welt und eine gemeinsame starke Stimme für die Zukunft aller Kinder und Enkelkinder sein. Sie wollen, wenn ihre Kinder und Enkelkinder sie fragen: „Was habt ihr getan?“, etwas Ermutigendes erwidern können.

Wissen Sie, welche Gruppe ich meine?

Ich meine die „Omas gegen Rechts“. Es sind nicht nur Christinnen, die sich hier engagieren. Es ist eine überparteiliche, konfessionsunabhängige Initiative. Ich staune über ihre Kreativität, ihren Mut, mit selbstgebastelten Schildern auf Demos zu gehen, sich vor Ort in Regionalgruppen zu verbinden und in den sozialen Medien aktiv zu sein.

Mich ermutigen solche Initiativen. Bei den „Omas gegen Rechts“ nehme ich eine Kraft wahr, die ich aus christlichen Gruppen kenne und die ich so mancher christlichen Gruppe wünsche. Auch wenn sie nicht originär christlich sind, spüre ich dort die Kraft der Auferstehung. Die Frauen schwimmen nicht mit dem Strom. Sie schaffen es, Mutlosigkeit und Resignation zu überwinden. Trotz Rückschlägen bleiben sie an ihren Zielen dran. Sie stehen aktiv für ein gutes Leben ein. Sie setzen dabei ihre unterschiedlichen Fähigkeiten ein. Sie ermutigen. Als eine Bekannte Oma wurde, meinte sie fröhlich: „Jetzt kann ich endlich eine echte ‚Oma gegen Rechts‘ sein.“ Da war sie, diese Heiterkeit und Leichtigkeit von der auch Paulus schreibt. „Wer solidarisch mit anderen lebt, soll es heiter tun.“ (Röm 12,8 BIGS 2011)

Ich glaube, Paulus würde sich freuen, wenn er die „Omas gegen Rechts“ erleben könnte. Sie lassen sich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiegen das Böse mit Gutem. Sie sind für mich eine christusinnige Ermutigung, die ich immer wieder brauche. Sie auch?
Amen.

Musik

Fürbitte

Du hast uns zu deinen Kindern erwählt,
himmlischer Vater.
Wir danken dir, dass du uns als deine Erben berufen hast.
Wir danken dir für die Menschen,
in denen wir deine Liebe erkennen:
Für unsere Eltern, die uns begleiten,
für Freundinnen und Freunde, die uns verstehen,
für unsere Partner und Kinder, mit denen wir das Leben teilen.

Wir bitten dich für alle Kinder,
die wir in den vergangenen Wochen. Monaten und Jahren in deinem Namen getauft haben.
Lass sie deiner Verheißung trauen,
durch die du sie zu deinen Kindern erklärst.
Hilf uns, ihnen den Glauben an dich nahe zu bringen
und ihnen glaubwürdig vorzuleben.

Wir bitten dich für die Eltern unter uns,
die Verantwortung tragen für ihre Kinder.
Gib ihnen ein Herz voller Liebe
und hilf ihnen dabei,
sie den Weg ins Leben zu leiten.
Begabe sie mit deinem Geist
und schenke ihnen den Glauben an dich,
dass sie ihn an ihre Kinder weitergeben.

Wir bitten dich für Lehrerinnen und Lehrer,
Erzieherinnen und Erzieher,
dass sie die Fähigkeiten und Gaben
der Kinder und Jugendlichen entdecken,
die ihnen anvertraut sind.
Und lass sie in ihnen
deine Kinder und dein Ebenbild sehen.

Wir bitten dich für alle Menschen von denen wir in der letzten Woche Abschied nehmen mussten. Sei du bei unseren Verstorbenen und nimm sie auf in deine Ewigkeit. Tröste und stärke die Angehörigen, damit sie Schritte zurück ins Leben gehen können.

Vaterunser

Abkündigungen

Segen

Musik zum Ausgang

Gottesdienst am 3.1.2021 von Pfarrerin Meike Naumann

Musik zum Eingang

Begrüßung

Ein herzliches Willkommen Ihnen allen zu unserem Gottesdienst. Ein heller Stern hat die drei weisen Männer aus dem Orient zur Krippe geführt. Sie erkannten das Licht, das mit Jesus über der Dunkelheit der Welt aufgegangen ist. Die Strahlen dieses Licht fallen noch heute in unsere Dunkelheit. Sie dringen in die entferntesten Ecken der Welt und machen vor keiner Grenze halt. Der Apostel Paulus sagt: „Gott hat uns einen hellen Schein in unser Herz gegeben“. Wer diesen Schein spürt, trägt dieses Licht selbst weiter, kann die frohe Botschaft nicht für sich behalten, sondern ist erfüllt von Gottes Liebe. Das Licht lässt Menschen von innen leuchten. Und dieses Leuchten wiederum macht die Gesichter anderer Menschen hell. So breitet sich das Licht immer weiter aus bis in unsere Herzen. Wir wollen uns anstecken lassen vom göttlichen Licht und feiern unseren Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Psalm 72
21Von Salomo.
Gott, gib dein Recht dem König
und deine Gerechtigkeit dem Königssohn,
2dass er dein Volk richte in Gerechtigkeit
und deine Elenden nach dem Recht.
3Lass die Berge Frieden bringen für das Volk
und die Hügel Gerechtigkeit.
10Die Könige von Tarsis und auf den Inseln
sollen Geschenke bringen,
die Könige aus Saba und Seba
sollen Gaben senden.
11Alle Könige sollen vor ihm niederfallen
und alle Völker ihm dienen.
12Denn er wird den Armen erretten, der um Hilfe schreit,
Und durch ihn sollen gesegnet sein alle Völker,
und sie werden ihn preisen.
Gelobt sei Gott der Herr, der Gott Israels,
der allein Wunder tut!
19Gelobt sei sein herrlicher Name ewiglich,
und alle Lande sollen seiner Ehre voll werden!
Amen! Amen!

Gebet
Gott,
wir sehnen uns in diesen Tagen nach Licht.
Wir sehen uns nach deinem Licht.
Dein Stern leuchte auch für uns.
Hilf uns, dass wir ihn entdecken.
Vielleicht in einem Gesicht oder einem Lied.
Leite uns mit deinem Wort.
Öffne unsere Herzen für dein Licht.
Amen.

Lied: 53 Als die Welt verloren

Schriftlesung aus dem Matthäusevangelium 2,1-12

Die Weisen aus dem Morgenland
21Da Jesus geboren war zu Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen: 2Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihn anzubeten.3Als das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem, 4und er ließ zusammenkommen alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes und erforschte von ihnen, wo der Christus geboren werden sollte. 5Und sie sagten ihm: Zu Bethlehem in Judäa; denn so steht geschrieben durch den Propheten (Mi 5,1): 6»Und du, Bethlehem im Lande Juda, bist mitnichten die kleinste unter den Fürsten Judas; denn aus dir wird kommen der Fürst, der mein Volk Israel weiden soll.«7Da rief Herodes die Weisen heimlich zu sich und erkundete genau von ihnen, wann der Stern erschienen wäre, 8und schickte sie nach Bethlehem und sprach: Zieht hin und forscht fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr’s findet, so sagt mir’s wieder, dass auch ich komme und es anbete. 9Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war. 10Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut 11und gingen in das Haus und sahen das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe.12Und da ihnen im Traum befohlen wurde, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem anderen Weg wieder in ihr Land.

Glaubensbekenntnis

Lied: 56 Weil Gott in tiefster Nacht erschienen

Predigt
Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen

Liebe Gemeinde!
Epiphanias in dunkler Zeit:
Epiphanias – etwas wird offenbar, wird ins Licht gerückt, wird sichtbar. Epiphanias in der dunkelsten Jahreszeit. Vielleicht gerade deshalb, weil es in dieser Zeit so dunkel ist.
Epiphanias, gleichzeitig auch das Fest der heiligen drei Könige, das am 6. Januar also überübermorgen gefeiert wird. Das Fest an dem Kinder (in normalen Jahren) als Sternsinger von Tür zu Tür in unserer Stadt ziehen und den Segen Gottes in die Häuser tragen.
Epiphanias - etwas wird offenbar, etwas zeigt sich, wie durch einen Scheinwerfer gerät etwas in den Fokus.
Es ist die Geburt Jesu, auf die wir den Blick richten. Da ist ein Mensch geboren, aber eben nicht nur ein Mensch. Gott wurde Mensch, so dass sich der Sternenhimmel veränderte, so dass es am Himmel für alle offenbar wurde. Ein neuer Stern ist aufgegangen. Den Menschen geht ein Licht auf und die drei Weisen aus dem Morgenland machen sich auf den Weg:
„Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihn anzubeten.“  So heißt es im Matthäusevangelium. (Mt 2,2b, LUTHER 2017)

Menschen geht ein Licht auf und das hat Konsequenzen. Menschen kommen in Bewegung, Festgefahrenes löst sich, Perspektiven tun sich auf, Hoffnung wächst, Sehnsucht gedeiht.

Licht bewegt uns, lässt uns ins Handeln kommen. Zumindest wenn wir das Beispiel der drei Weisen aus dem Morgenland hören. Sie lassen sich zuerst vom Licht bewegen und dann geht es los: Sie sahen das Kind in der Krippe, fielen nieder und beteten es an. Sie taten ihre Schätze auf und schenkten dem Kind Gold, Weihrauch und Myrrhe (vgl. Mt 2,10f).

Wenn die Kinder den Stern durch unsere Stadt tragen, an den Türen der Häuser klingeln und mit einem Lied und Text den Segen zu den Menschen bringen, dann bringen sie das Licht des Sterns zu den Menschen, der die drei Weisen nach Bethlehem geführt hat. Der Stern bringt Licht in die Dunkelheit. Er steht über dem Stall und schickt sein Licht weit in die Dunkelheit hinein. An vielen Weihnachtsbäumen steckt auf der Spitze ein Stern, der an den Stern von Bethlehem erinnert.

Die Kinder schreiben den Segen mit Kreide an die Haustüren, so dass jede und jeder, der das Haus betritt das ganze Jahr über daran erinnert wird: Gott wurde Mensch. Uns Menschen ist ein Licht aufgegangen. Ein Stern steht neu am Himmel. Da ist Licht in dunkler Zeit.

Licht in dunkler Zeit:
Dunkel ist es nicht nur in der Nacht. Dunkel ist es auch, wenn das Leben schwer ist. Wenn unser Alltag durch Katastrophen jedweder Art erschüttert wird. Dunkel ist es, wenn ein lieber Mensch verstorben ist und Trauer den Blick ins Leben verschleiert. Dunkel ist es, wenn die Sorgen um den Arbeitsplatz, um die finanzielle Existenz die Luft zum Atmen nehmen. Dunkel ist es, wenn ich allein bin, weil Besuche aus Sicherheitsgründen nicht erlaubt sind. Dunkel ist es, wenn kein Spielbesuch kommen darf, um Oma und Opa zu schützen. Dunkel ist es in den vielen Regionen unserer Welt in denen Krieg herrscht und in denen die Hoffnung auf Frieden gegen null geht.

Predigttext: Jes 60,1-6: dunkle Zeit:

Der Predigttext für den heutigen Gottesdienst steht im Buch des Propheten Jesaja. Er ist zu einer Zeit entstanden, in der das Volk Israel sozusagen im Dunkeln lebte. Ohne Hoffnung auf Veränderung. Dies Hoffnungslosigkeit schwingt in den Zeilen des Predigttextes deutlich mit. Es wird ein Bild von einem Land gezeichnet, das geprägt ist von Ungerechtigkeit, Schuld, Unterdrückung, Lügen und Gewalt. Und es scheint unmöglich aus diesem Kreislauf des Bösen auszubrechen.
Da wird Gottes Stimme laut hörbar. Gott spricht sein Volk direkt an, macht Mut die ausgetretenen Wege zu verlassen, neu zu beginnen.
:
„Das Buch Jesaja 60,1-6 (BigS 2011)
1Steh auf, werde licht, denn dein Licht kommt
und der Glanz Gottes strahlt über dir auf!
2Schau nur: Finsternis bedeckt die Erde
und dunkle Wolken die Völkerschaften,
aber über dir wird Gott aufstrahlen, Gottes Glanz wird über dir sichtbar.
3Die fremden Völker werden zu deinem Licht gehen,
königliche Herrschaften zu dem Lichtschein, der über dir aufstrahlt.
4Erhebe deine Augen ringsum und schau!
Sie alle sammeln sich, kommen zu dir!
Deine Söhne werden aus der Ferne kommen
und deine Töchter werden sicher an deiner Seite sein.
5Da wirst du schauen und strahlen,
dein Herz wird erbeben und weit werden,
denn zu dir hin wenden sich die Schätze der Meere,
der Reichtum der fremden Völker kommt zu dir.
6Scharen von Kamelen werden dich bedecken,
junge Kamele aus Midian und Efa.
Aus Saba werden alle kommen, Gold und Weihrauch werden sie bringen,
die Ruhmestaten Gottes verkündigen sie.
(Jes 60,1-6 BIGS 2011)

„Steh auf und werde licht“ (Jes 60,1a BIGS 2011),
Gott ruft seinem Volk zu endlich aktiv zu werden. Nichtmehr einfach alles als gegeben hinzunehmen. Wenn sich etwas ändern soll, dann muss auch etwas getan werden.

Wie ist das bei mir? Wie ist das bei Ihnen? Steh auf und werde licht!

Das hört sich so einfach an und doch kenne wir alle die Erfahrung, wie schwer es ist sich selbst zu motivieren, wirklich etwas zu verändern. Silvester ist noch nicht lange her – gerade mal der 3. Januar ist heute. Wie war das mit den guten Vorsätzen für das neue Jahr? Habe ich es denn geschafft wenigstens einen dieser Vorsätze bis heute durchzuhalten? Es ist so unglaublich schwer – aber es lohnt sich. Es lohnt sich, weil Gott nicht nur fordert, sondern weil er den Weg zeigt: Steh auf und werde licht, denn dein Licht kommt!

Ermutigung statt Befehl
Dieses „Steh auf!“ ist vermutlich gar kein Befehl, keine Aufforderung. Gott ist kein Gott, der Befehle gibt. Gott ermutigt, statt zu befehlen. Gott gibt uns einen kleinen Schubs, so dass wir Lichtes entdecken können. Viele Kerzen haben seit Beginn der Corona-Pandemie die Fenster vieler Häuser erhellt und so an die Opfer und die Helferinnen und Helfer erinnert. Ein zartes Erstes, was an Kraft gewinnt. Keine Kraft durch Stärke und Macht, sondern Kraft im Schwachen, im Zarten, im Vorsichtigen.

Das kenne ich aus der Osternacht. Wenn wir uns hier morgens ganz früh noch im Dunkeln in der Dankeskirche zum Gottesdienst einfinden. So dunkel, dass wir kaum den Menschen neben uns wahrnehmen können. Und dann wird es im Verlauf des Gottesdienstes immer heller. Kerzen werden nach und nach angezündet. Ihr Licht breitet sich aus und erhellt den Kirchenraum. Und wenn dann die ersten Sonnenstrahlen durch die bunten Glasfenster im Chorraum brechen, dann spüre ich wie sich das Licht auch in mir Bahn bricht. Es wird licht in mir. Die Kraft des Lichts breitet sich in mir aus und erfüllt mich: das wärmende Rot, das leuchtende Grün. Ein zartes Gelb – Gold.

„Steh auf und werde licht“ (Jes 60,1a BIGS 2011)genau das spüre ich jetzt.
Und ich schaue und erhebe meine Augen ringsum und schaue, genau so, wie es der biblische Text beschreibt. Körperlich spüre ich die Veränderung. Aus dem Wahrnehmen wird ein Strahlen. Der Blickwinkel ändert sich. Aus dem Wahrnehmen wird ein aktives Schauen: „Erhebe deine Augen und schau!“ (Jes 60,4a BIGS 2011) Ich nehme all das Dunkle wahr. Was eben noch so düster wirkte, ist jetzt nur der Ort, der das Lichte erhellt. Es wird licht. Ich sehe Veränderung. Neues offenbart sich. Das Dunkle wird heller. Licht in der Dunkelheit. Das Licht erreicht mich. Es verändert. Es verändert mich, uns, die Gesellschaft. Lichtes ist da, das Dunkle verliert an Schrecken. Und ich spüre, wie sich alles verändert: endlich!
„Da wirst du schauen und strahlen, dein Herz wird erbeben und weit werden.“ (Jes 60,5a BIGS 2011)
Schauen und strahlen, ein weites Herz in sich spüren.
Es ist Epiphanias. Uns geht ein Licht auf, Gott wird Mensch, der Stern steht über dem Stall. Hoffnung und Sehnsucht, eine Perspektive für das eigene Leben, für das Leben des Volkes, für die Gesellschaft. Genau jetzt kann alles anders werden.
Amen.

Lied: Mache dich auf und werde Licht, denn dein Licht kommt!

Fürbitten

du bist der Morgenstern,
auf dessen Kommen die Völker sehnsüchtig warten.
Wir bitten dich, dass du den Menschen
den Weg zu dir weist,
du sie leitest,
damit sie zu dir kommen,
dem Heiland der Welt.

Wir bitten dich für alle Menschen,
die auf der Suche sind
nach dem Sinn ihres Lebens,
nach Weisheit oder Glück.
Schicke ihnen einen Stern,
der ihnen vorausgeht,
damit sie zu dir finden,
dem Heiland der Welt.

Wir bitten dich für die,
die sich vergraben haben
in ihrem Groll und ihrer Unzufriedenheit,
in ihrer Einsamkeit.
Wir bitten dich für die, die Abschied nehmen mussten von einem geliebten Menschen und deren Blick durch Trauer getrübt ist.
Lass sie den Weg hinaus finden zurück ins Leben,
dass sie zu dir kommen,
dem Heiland der Welt.

Wir bitten dich für uns,
dass wir nicht meinen,
den Weg gefunden zu haben,
sondern auf der Suche bleiben,
damit wir dich neu finden.
Amen.

Vaterunser

Kollekte: Für die Diakonie Deutschland

Segen

Musik zum Ausgang

Gottesdienst mit Video zum neuen Jahr von Vikar Ingmar Bartsch

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar: youtube.com/watch?v=DB2y54vY5ic

Votum
Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Gemeinde: Amen.

Wir beten mit Worten aus Psalm 145:
Ich will dich erheben, mein Gott, du König, und deinen Namen loben immer und ewiglich.
3 Der HERR ist groß und sehr zu loben, und seine Größe ist unausforschlich.
4 Kindeskinder werden deine Werke preisen und deine gewaltigen Taten verkündigen.
8 Gnädig und barmherzig ist der HERR, geduldig und von großer Güte.
13 Dein Reich ist ein ewiges Reich, und deine Herrschaft währet für und für.
Der HERR ist getreu in all seinen Worten und gnädig in allen seinen Werken.
14 Der HERR hält alle, die da fallen, und richtet alle auf, die niedergeschlagen sind.
15 Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit.
16 Du tust deine Hand auf und sättigst alles, was lebt, mit Wohlgefallen.
18 Der HERR ist nahe allen, die ihn anrufen, allen, die ihn mit Ernst anrufen.
19 Er tut, was die Gottesfürchtigen begehren, und hört ihr Schreien und hilft ihnen.
Kommt, lasst uns Gott anbeten.
Gemeinde: Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist. Wie es war im Anfang, jetzt und immerdar. Und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Gebet
Jesus Christus, wo Du bist, weicht alle Angst. So wollen wir mit Dir das neue Jahr beginnen und aus Deiner Hand nehmen, was darin ist an Freud und Leid. Lass es ein Gnadenjahr werden, in dem wir von Deiner Barmherzigkeit leben und sie weitertragen. Dir sei Ehre in Ewigkeit. Amen
Gemeinde: Amen

Lied: EG 369

Predigt
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.
Vor einer Weile habe ich die Familie meines Bruders besucht. Mein kleiner Neffe ist reichlich zwei Jahre alt. Er und imitiert seine Eltern, wo er nur kann. Oft wiederholt er Halbsätze der Erwachsenen. Scheinbar willkürlich. Während er einem kleinen Ball hinterher flitzt, reden wir über unsere Pläne und Erwartungen an das neue Jahr. Mein Neffe nimmt scheinbar keine Notiz von uns. Er quietscht fröhlich und rollt den Ball unter dem Tisch hindurch. Doch plötzlich sagt er „was alles möglich ist.“ Aus dem Nichts wiederholt der den letzten Teilsatz meines Bruders. Wir halten inne und lachen. Er strahlt uns an, rollt den Ball durch das Zimmer und nach kurzer Zeit wiederholt er den nächsten Halbsatz aus unserem Gespräch.
Vor einer Weile hat mein Neffe einen Laptop aus Holz bekommen. Auf den ist er mächtig stolz. „Pomputer“ ruft er ganz oft und dann muss man sich mit ihm an einen Tisch setzen. Er tippt ein wenig auf der aufgemalten Tastatur herum und dann dreht er den „Pomputer“ mit bedeutungsschwangerem Blick zu mir. Ich muss schmunzeln. Da seine Eltern überwiegend im Homeoffice sind, ist der „Pomputer“ wichtiger Teil des Alltags und das imitiert mein Neffe großartig.


Die Jahreslosung für das Jahr 2021 steht im Lukasevangelium im 6. Kapitel in Vers 36. Der Vers ist Teil der Feldrede Jesu, der „Bergpredigt“ des Lukasevangeliums. Auch die Feldrede ist ein anspruchsvolles Programm für gelingendes Zusammenleben. Sie steckt voller Imperative und auch die Jahreslosung ist auch ein solcher Imperativ: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“
Eine herausfordernde Jahreslosung. Dieses Jesuswort ist weder bequem noch kann man auf Anhieb nicken und sagen: Klar, mach ich. Nicht jeder hat gute Erfahrungen mit Vaterfiguren gemacht, auch wenn Jesus mit „Vater“ hier eindeutig Gott meint. Und es stellt sich die Frage:Was ist das eigentlich, Barmherzigkeit? Laut Wörterbuch ist Barmherzigkeit „Mitleid, Hilfsbereitschaft und tätige Nächstenliebe“. Bei Wikipedia liest man Folgendes: „Eine barmherzige Person öffnet ihr Herz fremder Not und nimmt sich ihrer mildtätig an. Dabei werden Mitleid und Barmherzigkeit unterscheiden. „Barmherzigkeit“ ist weniger ein Mit-Fühlen sondern eher Großherzigkeit.“ Barmherzigkeit kommt also vom Herzen. Und sie fragt nicht nach den Kosten. Sie hat den anderen Menschen ganz und gar im Blick und scheut den Aufwand der Hilfe nicht.
Damit liegt Barmherzigkeit nahe am Begriff der Gnade. Juristisch gesehen ist Gnade aber der Verzicht auf eine verdiente Bestrafung. Gnade fußt also noch mehr in einem Machtgefälle, während Barmherzigkeit meist auf Augenhöhe begegnet und viel praktischer ist. So wie wir es beim barmherzigen Samariter lesen können, eine der bekanntesten Geschichten aus der Bibel.
Auch wenn wir aufgefordert werden, es dem barmherzigen Samariter gleich zu tun, ist Barmherzigkeit in der Bibel überwiegend eine Eigenschaft Gottes. Psalm 145, den wir eben gebetet haben, fasst das mit wenigen Worten zusammen: „Gnädig und barmherzig ist der HERR, geduldig und von großer Güte.“
Jesus mutet uns nun zu, ebenso barmherzig zu sein, wie Gott barmherzig ist. Das ist ein hoher Anspruch. Und es ist klar: Jesus war keinesfalls anspruchslos. Er war den Armen, Kranken und Notleidenden immer sehr zugewandt. Er predigte Vergebung . Aber von denen, die es konnten, hat er außergewöhnliches verlangt. Jesus hat Menschen immer herausgefordert.
Jesus traut uns also zu, barmherzig zu sein. Wir sollen es nicht nur versuchen. Sein Imperativ geht davon aus, dass wir das schaffen können. Aber von wem lernen wir das? Hier kommt mein Neffe wieder ins Spiel. Er imitiert die Erwachsenen. Und wir können uns ein Beispiel an Gottes Barmherzigkeit nehmen. „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ In der Theologie heißt das „imitatio dei“. Gemeint ist, dass wir Menschen Gott nachahmen. Wir können also von Gott lernen, was Barmherzigkeit ist, weil wir von ihm Barmherzigkeit erfahren. Wir können anderen Menschen gegenüber barmherzig sein, weil wir selbst nicht perfekt sind. Und trotzdem sind wir von Gott geliebt.


Ich habe mal gelesen, dass Barmherzigkeit bedeutet, die Menschen um uns herum mit Gottes Augen zu sehen. Das ist vielleicht etwas anmaßend, aber durchaus nachdenkenswert. Denn es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Wir könnten Gott durchaus darum bitten, dass er uns die Menschen um uns herum mit seinen Augen sehen lässt.
Wir haben auch in diesem Jahr wieder eine Karte mit der Jahreslosung. Sie können sie hier an der Kirchentür abholen. Die Künstlerin, Angelika Litzkendorf, zeigt das Prinzip sehr eindrücklich. Barmherzigkeit fließt von Gott zu uns und wir können sie weitergeben.


Wenn mein Neffe uns Erwachsene imitiert, dann ist das immer irgendwie unvollständig. Es wirkt unvollkommen, wenn er auf seinem kleinen Holzlaptop herumspielt. Imitation. Für ihn ist das aber total ernst. Es ist nicht nur ein unvollkommener Versuch, es ist seine Welt. Er tut etwas absolut Wichtiges. Und mein Bruder und seine Frau würdigen das in unnachahmlich liebevoller Weise. Weil der Kleine alles gibt, um so zu sein, wie wir Erwachsenen.
Ich denke manchmal, Gott geht es ähnlich. Er sieht uns, wie wir unser Leben gestalten. Wie wir Dinge versuchen und scheitern. Er sieht, wie wir mit anderen Menschen umgehen, wie wir egoistisch sind oder uns bis zur Selbstaufgabe für andere verausgaben. Und natürlich ist unser Versuch, barmherzig zu sein, nicht so putzig, wie der Versuch meines Neffen, am Laptop zu arbeiten. Hier geht es schließlich um unsere Mitmenschen. Aber Gott ist die Quelle der Barmherzigkeit, deren Vollkommenheit wir nie erreichen. Trotzdem qualifiziert er unsere Versuche nicht einfach ab. Ihm es ist wichtig, dass wir es tun. Denn es ist ihm nicht gleichgültig, ob wir Barmherzigkeit üben oder nicht. Barmherzigkeit ist etwas Dynamisches. Sie wird mehr, wenn wir sie weitergeben. Sie verändert Leben. Schon deshalb ist es gut, wenn wir sie tun. Wenn wir Gott nachahmen.
Ich finde, das ist ein guter Vorsatz für das anbrechende Jahr. Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Lied: EG 65

Fürbitten und Vaterunser
Gott, barmherzig zu sein, ist nicht einfach. Manche Menschen wollen es sein und werden ausgenutzt oder belächelt. Manche kommen mit Hartherzigkeit im Leben weiter. Dabei braucht unsere Welt mehr Mitmenschlichkeit. Verändere Du unser Leben. Lass uns die Menschen in unserer Umgebung mit Deinen Augen sehen. Zeige uns, wie wir Deine Barmherzigkeit weitergeben können.

Gott, ein neues Jahr beginnt. Viele von uns sehen ihm mit Sorge entgegen. Werden wir die Pandemie besiegen können? Wird sich die Wirtschaft erholen und werden wir wieder mehr Gemeinschaft erleben können? Wir bitten Dich für diejenigen, die Verantwortung für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft tragen. Schenke, dass sie weise Entscheidungen treffen. Nimm uns die Angst vor der Zukunft. Mache uns barmherzig mit unseren Mitmenschen.

Gott, ein neues Jahr beginnt. Viele von uns freuen sich darauf. Schenke uns, dass wir auch in diesem Jahr in allen Schwierigkeiten die wunderbaren Seiten des Lebens wahrnehmen. Schenke uns viele Gelegenheiten zur Dankbarkeit. Lass es ein Jahr des Segens werden.

Und alles, was uns noch bewegt, bringen wir vor Dich mit den Worten des Vaterunsers.
Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Segen
Gehen Sie unter dem Segen Gottes in diesen Neujahrstag und das neue Jahr:
Der Herr segne Dich und behüte Dich.
Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über Dir und sei Dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf Dich und schenke Dir Frieden.

Silvestergottesdienst 2020 von Pfarrerin Meike Naumann und Gemeindereferentin Stephanie Veith

Ein herzliches Willkommen Ihnen allen zu unserem Gottesdienst aus der Wilhelmskirche. Schön, dass Sie sich zu Hause dazugeschaltet haben, um diesen letzten Abend des Jahres 2020 mit einem Gottesdienst zu begehen. Ich freue mich, dass wir es in ökumenischer Gemeinschaft tun.

Ein Jahr geht zu Ende, das sicher niemand sich auch nur annähernd so vorgestellt hat. Ziemlich genau ein Jahr ist es her, dass die Nachrichten von einer neuartigen Lungenkrankheit berichteten, die in China grassierte. Bilder von überfüllten Krankenhäusern und Menschen, die nur noch mit Masken auf der Straße unterwegs waren kamen über die TV-Bildschirme in unsere Wohnzimmer. Seitdem hat das Corona-Virus auch unser Leben bestimmt. Und am Ende dieses Jahres sagen viele: Wie gut, dass dieses Jahr zu Ende ist. Jede und jeder hat im Alltag viele Einschränkungen auf sich nehmen müssen. Viele Menschen sind krank geworden, viele sind gestorben. Darüber, wie man das Virus eindämmen kann, gab und gibt es immer wieder heftige Auseinandersetzungen. Auf der anderen Seite gab es aber auch viel Solidarität und praktische Hilfen zwischen Menschen. Auf viele Veranstaltungen und Präsenzgottesdienste mussten und müssen wir verzichten. Wir haben aber auch gelernt, neue Formen zu finden, Kontakte zu pflegen, miteinander zu leben und unseren Glauben teilen zu können ohne einander anzustecken.

Der Impfstoff gegen das Coronavirus ist zu gelassen und seit Weihnachten laufen auch hier in Hessen die ersten Impfungen. Dafür bin ich dankbar. Und ich hoffe von ganzem Herzen, dass wir uns alle beim nächsten Silvestergottesdienst 2021 wieder in der Kirche versammeln können.

Wenn wir jetzt alle zusammen in der Dankeskirche sitzen würden, hätte jeder und jede am Eingang einen kleinen Spiegel bekommen. Wenn Sie einen Spiegel bei sich in der Nähe haben, dann dürfen Sie sich den gern holen. Wenn nicht, dann wissen Sie sicher alle wovon ich spreche, kennen alle den Blick in den Spiegel am Morgen nach dem Aufstehen, der einem manchmal ein Spiegelbild zeigt, über das man sich nicht unbedingt freut: Wieder eine neue Falte oder ein graues Haar entdeckt.
Um unser Spiegelbild, das wir oft gar nicht freundlich ansehen, darum geht es heute. Um unsere Spiegelbild, dass uns, so unzufrieden wir oft mit uns sind, ganz viel von der Liebe Gottes zu uns Menschen zeigt.

So feiern wir diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Psalm: Psalm 8
Herr, unser Herrscher!
Groß ist dein Ruhm auf der ganzen Erde!
Deine Hoheit reicht höher als der Himmel.
Aus dem Lobpreis der Schwachen und Hilflosen
baust du eine Mauer,
an der deine Widersacher und Feinde zu Fall kommen. Ich bestaune den Himmel, das Werk deiner Hände,
den Mond und alle die Sterne, die du geschaffen hast: Wie klein ist da der Mensch,
wie gering und unbedeutend!
Und doch gibst du dich mit ihm ab
und kümmerst dich um ihn!
Ja, du hast ihm Macht und Würde verliehen;
es fehlt nicht viel, und er wäre wie du.
Du hast ihn zum Herrscher gemacht
über deine Geschöpfe, alles hast du ihm unterstellt:
die Schafe, Ziegen und Rinder allzumal,
die Wildtiere in Feld und Wald,
die Vögel in der Luft und die Fische im Wasser,
die kleinen und die großen,
alles was die Meere durchzieht.
Herr, unser Herrscher,
groß ist dein Ruhm auf der ganzen Erde!

Gebet
Guter Gott,
so viel spricht gegen dich:
schlimme Erfahrungen,
Geschichten die wir nicht vergessen können,
Zweifel, die uns zu schaffen machen;
vor allem aber wir selbst,
weil wir deiner Liebe nicht trauen
und nicht so leben, wie du es uns gönnst.
So zeige dich, Gott,
lass dich sehen und spüren,
wie du dich gezeigt hast in Jesus, deinem Sohn.
Erneuere und belebe uns durch deinen Geist,
damit wir uns auf dich verlassen
und deine Liebe widerspiegeln.
Lass uns die Menschen werden,
die wir sein können:
dein lebendiges Bild.

Lesung I: Gen 1,26a.27.28a
Die alttestamentliche Lesung aus dem 1. Buch Mose erzählt, wie Gott den Menschen zu seinem lebendigen Bild erschafft:
Und Gott sprach: „Nun wollen wir Menschen machen, ein Abbild von uns, das uns ähnlich ist!“ So schuf Gott die Menschen nach seinem Bild, als Gottes Ebenbild schuf er sie und schuf sie als Mann und als Frau. Und Gott segnete die Menschen und sagte zu ihnen: „Seid fruchtbar und vermehrt euch!“

Lied: Großer Gott, wir loben dich EG 331 / GL 380, 1.5

Ansprache
Das gibt es, Gott sei Dank:

Zeiten, in denen uns die Welt ein freundliches Gesicht zeigt. Wo wir mit Gott und uns selber im Reinen sind. Wo das Leben Spaß macht und wir ohne viel zu überlegen wissen: Es ist gut, wie es ist.
Da atmen wir auf und erschrecken nicht schon frühmorgens, wenn wir nur in den Spiegel schauen.
Da tanken wir Kräfte für Leib und Seele.
Das ist, als würde Gott uns freundlich zunicken und uns viel Glück und viel Segen wünschen. Wir spüren es.
Aber es gibt auch andere Zeiten, weiß Gott.

Dieses Jahr, das heute zu Ende geht, war ganz anders als die vergangenen. Das Virus veränderte viel in unser aller Alltag. Sie haben Abstand gehalten, im Homeoffice gearbeitet, die Kinder zu Hause beschult und auf Hobbies wie Sport verzichtet. Auch auf Traditionen wie das Weihnachtsfest, an dem die ganze Familie zusammenkommt, mussten wir verzichten. Wir tragen Masken und desinfizieren uns die Hände, und auch diesen Gottesdienst können wir nicht wie gewohnt miteinander feiern.

Wir alle bringen unsere Geschichte mit. Und manchmal lassen uns die Nachrichten, die Tag für Tag auf uns einprasseln, an alles andere glauben als an einen menschenfreundlichen Gott.

Ich weiß nicht, was Sie gerade ganz aktuell umtreibt und ich kann auch nur raten, was Sie in ihrem Alltag gerade ansteht. Vielleicht ist einer Ihrer Lieben krank und Sie sorgen sich. Vielleicht hat jemand von Ihnen einen lieben Menschen verloren. Vielleicht auch dies: Abschied nehmen müssen und neu anfangen im Leben, auch ungefragt und ungewollt. Vielleicht gehen die Kinder aus dem Haus und wir merken auf einmal, dass wir alt geworden sind. Vielleicht sind da Misserfolge im Beruf, die mich an mir selber zweifeln lassen. Oder die Kräfte lassen nach, und mir wird bewusst, dass ich künftig mit Einschränkungen leben muss und nicht mehr so kann wie ich möchte. Oder eine Beziehung, die mir viel bedeutet hat, wird zur Last ohne Ende.

In solchen Augenblicken fangen wir an, an Gott und an uns selbst zu zweifeln. Fragen überschwemmen uns, vor allem in schlaflosen Nächten: Wozu das alles? Warum gerade ich? Wer bin ich eigentlich? Wozu bin ich (noch) gut? Da verschwimmt Gottes Gesicht.

Sein Bild, das bei den meisten von uns im Lauf einer langen Lebensgeschichte gewachsen ist und sich natürlich auch mit der Zeit geändert hat, verändert sich dann noch einmal. In solchen Zeiten kennen wir uns selbst nicht mehr. Nicht nur unser Bild von Gott – auch das Bild, das wir von uns selbst haben, bekommt Risse und Sprünge.

Darum möchte ich mit Ihnen allen jetzt ein Bild anschauen. Dieses Bild habe ich nicht hier, es hängt bei Ihnen zuhause. Ich möchte, dass Sie jetzt aufstehen und ins Bad gehen. Schauen Sie mal über ihr Waschbecken. Vermutlich hängt da ein Spiegel. Ich schaue hier auch in den Spiegel. …

Sind Sie zurück? Was haben Sie gesehen? Ein ganz persönliches Gottesbild, wenn Sie so wollen.

Sicher fragen Sie sich: Wie bitte – das soll ein Bild von Gott sein!? Das Gesicht kommt mir doch bekannt vor. Viel zu bekannt womöglich.

Ja. Trotzdem. Auch wenn Sie’s vielleicht nicht für möglich halten: Was Sie da sehen, ist ein Gottes-Bild, eine Ikone Gottes, wie die Orthodoxen sagen. Weil wir uns aber damit schwertun, nehme ich aus der Bibel eine Erklärung dazu – wir haben sie vorhin schon als alttestamentliche Lesung gehört:
»Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei … Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn« heißt es da.

Gott schuf den Menschen – uns, Sie und mich – zu seinem Bild. Ohne Ausnahme. Keine Voraussetzungen, keine Bedingungen, keine Nachforderungen.
Keine Rede von Anstrengungen, von guten Vorsätzen oder von frommen Höchstleistungen.
Nichts dergleichen.

Wir sind – oder besser, persönlicher gesagt – ich bin Gottes lebendiges Bild. Einfach so. Ganz ohne Make-up und Fassadenpolitur. Und nicht nur dann, wenn ich mir selber gefalle. Sondern erst recht, wenn ich mir selbst nicht mehr ins Gesicht schauen mag oder Gott womöglich nur noch als Zerrbild wahrnehme.

»Wir sind der Spiegel Gottes, geschaffen, um Gott in uns aufzunehmen. Das Wasser kann noch so trübe sein – auch so widerspiegelt es den Himmel.« So sagt es der lateinamerikanische Priester und Poet Ernesto Cardenal.
Zit. nach: Gädtke, Horst Wolffram, Erika, Himmelsbrot für jeden Tag: was wir zum Leben brauchen; Sprüche und Gedichte, 2003

Ja, wir sind alle Gottes Bild – diese ganz normalen, durchschnittlichen Menschen, die wir nun mal sind. Nicht, weil wir so perfekt sind, besonders gelungene Exemplare unserer Gattung.

Und schon gar nicht, weil wir frömmer, besser, heiliger als andere wären.

Sondern einfach deshalb, weil Gott uns braucht, um seine Lebendigkeit, seine Freundlichkeit widerzuspiegeln. Weil seine Liebe ein Gesicht kriegen will: das unsere. Ich mag dich und ich brauche dich, sagt Gott – dich mit deinen Gaben und Schwächen, deinen Hoffnungen und Ängsten, deinem Lebensmut und deiner Todesangst. So, wie du bist. Du bist zu etwas gut auf dieser Welt!

Wenn Sie also wieder mal drauf und dran sind, an Gott und der Welt zu verzweifeln; wenn Ihr Glaube leer, Ihre Liebe kalt und Ihre Hoffnung brüchig wird; wenn Sie nicht mehr wissen, ob das, was Sie tun, überhaupt einen Sinn hat. Wenn Sie denken: Ich habe alles falsch gemacht, an mir ist nichts, was liebenswert wäre – dann schauen Sie in den Bilderrahmen über Ihrem Waschbecken. Er wird Ihnen Gottes Bild zeigen. Und Sie daran erinnern, wer Sie sind und dass Gott Sie brauchen kann.

Musik: Frank Scheffler

Schlussgebet
Guter Gott:
Du hast uns zu Menschen geschaffen,
die deine Liebe widerspiegeln.
Dein lebendiges Bild sollen wir sein,
damit Menschen durch uns deine Freundlichkeit spüren.
Im Vertrauen auf dich und deine guten Absichten bitten wir dich:
Sei du mit allen, die sich selbst nicht gut sind:
Schenke ihnen beides – den ehrlichen Blick für die eigenen Schwächen und das Vertrauen in ihre Stärken.
Sei mit allen, die lieber nicht in den Spiegel schauen, weil sie sehen, wie sie älter werden:
Lass sie zu ihrer Lebensgeschichte stehen und sie annehmen.
Sei mit allen, die vor allem sich selbst sehen:
Gib ihnen Augen für die Bedürfnisse anderer und lass sie die Freude erleben, das Leben mit anderen teilen zu können.
Sei mit allen, deren Glaube brüchig geworden ist:
Hilf ihnen, auch mit Bruchstücken zu leben, und gib ihnen die nötige Geduld mit dir und mit sich selber.
Sei mit allen, denen wir tagtäglich begegnen:
Dass wir in ihren Gesichtern den Reichtum des Lebens entdecken und in ihnen unsere Schwestern und Brüder erkennen.
Höre auf die Bitten, die wir dir in der Stille sagen:
Gebetsstille
Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name,
dein Reich komme,
dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute
und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Lied: Bewahre uns, Gott EG 171 / GL 453, 1–4

Segen
Nun geht als Menschen, die wissen, dass sie Gottes lebendiges Bild sind.
Menschen, die seine Liebe widerspiegeln.
Dazu segne euch der allmächtige und menschenliebende Gott,
der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

Gottesdienst zum 1. Weihnachtsfeiertag 2020 von Pfarrerin Susanne Pieper

Harfe und Flöte   Herbei, o ihr Gläubigen
Wenn ein Kind zur Welt kommt, verändert sich das Leben für alle, die dieses Kind in ihrem Leben annehmen. Am Weihnachtsfest feiern wir die Geburt Jesu. Am Weihnachtsfest feiern wir, dass es immer wieder einen neuen Anfang geben kann. Ein herzliches Willkommen zum Gottesdienst an diesem 1. Weihnachtstag! Ich begrüße Sie und Euch herzlich mit einem biblischen Wort aus dem Johannesevangelium. Im 1. Kapitel, Vers 14 steht geschrieben: “Das Wort wurde Mensch und wohnte unter uns, und wir sahen seinen Glanz, seine göttliche Herrlichkeit.“
Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Psalm 50
Gott der Herr, redet und ruft der Welt zu
von dort, wo die Sonne aufgeht, bis dorthin,
wo sie untergeht.
Aus Zion bricht an der schöne Glanz Gottes.
Unser Gott kommt. Er wird nicht länger schweigen.
Danke Gott für das, was er dir gegeben hat
und erfülle dem Höchsten deine Gelübde.
Er sagt: „Rufe mich an in der Not,
so will ich dich erretten und du sollst mich preisen.
Wer mir Dank darbringt, der ehrt mich,
und da ist der Weg, dass ich ihm zeige, wie Gott rettet.“

Lied EG 30,1-3  Es ist ein Ros entsprungen

Gebet
Jesus Christus, du Kind in der Krippe, Dir wollen wir begegnen heute am Weihnachtstag.

Zu Dir kommen wir, nicht nur heute, sondern an allen Tagen unseres Lebens. Das macht uns froh:  dass Du uns so liebevoll entgegenkommst, dass Du geboren bist, um uns nah zu sein. Dir sei Ehre in Ewigkeit. Amen.

Predigt
Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn und Bruders Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Liebe Gemeinde,
eine gute Nachricht duldet keinen Aufschub. Die Haustür flog auf. Der 18Jährige stürmte herein, wedelte mit einem Dokument in seiner Hand herum und rief: „Ich hab ihn! Ich hab den Führerschein!“

Wer sich freut, muss das gleich weitersagen: Eine Whatsapp ploppte morgens in einer Familie auf dem Handy auf: „Prüfung bestanden!“ stand da ganz lapidar. „Bin mega happy!“

Und dann war da ein junger Vater. Sein Kind war schwer erkrankt. Es musste operiert werden. Nun hatte er die Nachricht bekommen, dass alles gut verlaufen war. Voller Erleichterung rannte er los; der beste Freund musste das sofort erfahren. Fast wäre er dabei in seinen Hausschuhen losgelaufen!

Gute Nachrichten erlauben einfach keinen Aufschub. Da fließt einem das Herz über. Da fliegen die Füße, egal, ob sie zierlich und zart sind oder groß und kräftig.

Von überfließender Freude erzählt auch der Predigttext dieses Weihnachtstages aus dem Profeten Jesaja 52,7-10 und 12:

Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße derjenigen, die Freude verkünden, die Frieden ansagen, Gutes predigen, Rettung ansagen, die zu Zion sprechen: „Dein Gott ist König!“

Schon erheben deine Wächter die Stimme und jubeln gemeinsam! Ja, mit eigenen Augen sehen sie, wie der Herr zum Zion zurückkehrt.

Brecht in Jubel aus, ihr Trümmer Jerusalems, denn der Herr hat sein Volk getröstet und Jerusalem befreit. Entblößt hat Gott seinen heiligen Arm vor den Augen der Völker:  alle Enden der Erde sehen das Heil unseres Gottes.

Nun zieht heraus aus der Gefangenschaft.  Der Herr wird vor euch herziehen und der Gott Israels wird euren Zug beschließen.

Etwas Großes kündigt sich an. Hoffnung wollen diese Worte verbreiten. Und Trost. Um das Jahr 540- 538 vor Christ Geburt sind sie entstanden. Ein beachtlicher Teil des jüdischen Volkes lebt seit fast 50 Jahren im Exil, in Babylonien. Deportiert vom König Nebukadnezar, dem König von Babel, der Jerusalem erobert hatte. Zur Abschreckung für die Dagebliebenen ließ er zusätzlich den Tempel zerstören und wohl noch einiges andere drum herum. Trümmerfelder waren all überall zu sehen. Für die gläubigen Juden war das eine Katastrophe, denn gerade der Tempel war das Haus Gottes. War er nun zerstört, so musste das bedeuten, dass Gott nicht mehr in der Mitte seines Volkes wohnte. So deuteten sie das Geschehen. Inmitten dieser Situation aber geschieht für die eroberten Menschen etwas ganz Großes: Das Babylonische Reich geht unter; die neuen Machthaber, die Perser, haben andere Ziele. Und sie erlauben den Verbannten, nach Hause zu ziehen. Sogar der Tempel von Jerusalem darf wiederaufgebaut werden. Das ist ein Grund für übergroße Freude! Denn die Deutung des Glaubens ist, dass Gott sich seinem Volk wieder zugewandt hat. Erleichterung ist da. Aufatmen. Ein neuer Aufbruch ist möglich, ein Neustart. Ein neuer Anfang ist gesetzt. Mitten aus den Trümmern heraus.

Liebe Gemeinde,
ob das auch für uns möglich ist, an diesem ersten Weihnachtsfeiertag? Dass nach diesem Jahr voller Herausforderungen ein neuer Anfang möglich ist? Ein Aufatmen? Eine Perspektive? Ich glaube, nach diesem Jahr gibt es sie überall und im Leben vieler Menschen, die Trümmerfelder. In den Flüchtlingslagern, in den Hochhäusern ohne Balkon. Auch bei uns, trotz der Regel der Kurzarbeit, haben Menschen ihre Arbeit verloren; Läden haben Insolvenz angemeldet. Menschen sind gestorben und ihre Angehörigen konnten nicht so Abschied nehmen, wie es wichtig gewesen wäre. Pflegekräfte sind am Limit. Trümmerfelder unseres Lebens, sie sind auch am Weihnachtsfest spürbar und unübersehbar. Sie machen dieses Fest noch einmal ganz anders als sonst. Trümmerfelder, die auch mein Leben berühren und die mich erschrecken.

Und doch stellt sich auch die Frage, wie wir mit den Trümmern im eigenen Leben umgehen.  Wir können unseren Blick auf sie geheftet halten und darüber Gott anklagen. Und das hat sein Recht. Wir können versuchen, sie links liegen zu lassen und so tun, als hätten sie keine entscheidende Bedeutung für uns selbst. Aber dabei würden wir uns immer wieder an ihnen verletzen und über sie stolpern. Und es gibt die Möglichkeit, sie anzusehen; innerlich zu beginnen, aufzuräumen. Zu sortieren, woran wir unbedingt festhalten müssen, welche Erinnerungen an Menschen uns unendlich wichtig sind, was wir von ihnen in unser eigenes Leben mit hinübernehmen wollen, welche Werte uns bleiben sollen und was wir auch loslassen können. Was nun auch anders werden soll im eigenen Leben. Weniger aufwendig.  Bescheidener. Reduzierter. Dann könnte Raum entstehen und Platz für etwas Neues. Dann könnte Freiheit entstehen, und vielleicht könnten auch neue Perspektiven möglich werden. Die Bibel nennt diese Erfahrung Trost und sie nennt sie Hoffnung. Es ist die Offenheit dafür, dass Gott doch noch und wieder handeln kann im eigenen Leben.

Für unser Leben ist diese innere Bewegung existentiell. Es ist lebenswichtig für uns, dass wir uns neu orientieren können, uns aufrichten können, dass wir aufatmen können.

„Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße derjenigen, die Freude verkünden, den Frieden ansagen und Gutes predigen.“

Auf die Füße eines Gegenübers achten gerade diejenigen, die gebeugt sind.  Auf die Füße des Gegenübers achten gerade diejenigen, die ihren Kopf neigen, die nach unten schauen. Und gerade sie erkennen als erste, wenn jemand leichtfüßig daherkommt, bewegt, voller Hoffnung und guter Nachricht. Die Entwicklung des Impfstoffes, das baldige Verabreichen an die Verwundbarsten unter uns und dann an alle, die es wollen -  das ist eine Nachricht an diesem Weihnachtsfest, die uns mit Freude erfüllen kann, die gut ist und für die wir zutiefst dankbar sein können. Gott wirkt auch durch die Intelligenz und den charismatischen Forschergeist, durch die demütige Begabung der Besten in den Laboren unserer Länder.

Wenn die Stadt Jerusalem, der erste Wohnort Gottes, wiederaufgebaut werden konnte, so kann auch unser Leben wiederaufgebaut werden.

Und heute, am Weihnachtsfest, blicken wir auf das, was 500 Jahre später geschah, nachdem die Freudenboten ihre gute Nachricht vom neuen Anfang nach Jerusalem getragen haben. Da liefen noch einmal Freudenboten los:  in ihren leichten Sandalen machten sie sich auf den Weg. Es ging durch unwegsames Gelände, es ging über Stock und Stein. Felsigen Boden mussten sie überwinden, mit Grasnarben durchsetzt. Aufpassen mussten sie, dass sie nicht stolperten. Aber sie, die Hirten von Bethlehem, konnten nicht schweigen.  In der Dunkelheit ihrer Nacht hatten sie die umstürzende Botschaft der Engel Gottes gehört: „Fürchtet euch nicht!  Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird, denn euch ist heute der Heiland geboren, Christus, der Herr, in der Stadt Davids.“ „Fürchtet euch nicht!“ Und sie hatten das Kind gesehen. Das Neugeborene, das Gotteskind. Das so lange Erwartete.  Aus ihm strahlte die Liebe Gottes und seine Zuwendung zu den Menschen. Alle mussten davon erfahren, dass Gott einen Neuanfang machte mit seinen Menschen und mit seiner Welt. Dass er das Gute wollte für seine Geschöpfe, dass er den Frieden wollte für seine Erde. Und die Hirten selber, die Freudenboten, priesen und lobten Gott für alles, was sie gesehen und gehört hatten.

Von diesem Ereignis kommen wir her. Das Licht der Geburt dieses Gotteskindes scheint in unser Leben, soweit wir uns für dieses Kind öffnen. Und die Freude über seine Ankunft will uns aufrichten. Das Gotteskind wird uns helfen, die Hoffnung wiederzufinden und unser Leben wiederaufzubauen. Mit ihm ist Gott bei uns, für alle Zeit.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, seinem Sohn. Amen.

Lied How peaceful

Fürbitten
Wir richten uns zu Gott hin aus und beten:

Dein Kind ist uns geboren, unser Gott. Wir danken dir für die Freude, dass du mit ihm unter uns lebst. Lass deine Freude in uns leuchten und lass uns sie weitertragen mit leichtem Schritt.

Dein Kind ist uns geboren, guter Gott. Wir danken dir für die Hoffnung. Wir bitten für alle, die sich für Gerechtigkeit einsetzen, für die Veränderung zum Guten, dass sie gestärkt werden und Früchte ihres Tuns sehen.

Dein Kind ist uns geboren, liebevoller Gott. Wir danken dir für die Gemeinschaft untereinander. Wir bitten dich für die, die einsam sind oder krank, dass Menschen da sind, die sich ihrer annehmen.

Dein Kind ist uns geboren, ewiger Gott. Wir danken dir für das Leben. Wir bitten dich für alle, die ihr Leben loslassen müssen, dass sie spüren, sie sind nicht allein. Dein guter Engel ist mit ihnen und sie sind geborgen in dir.

Lichtvoller Gott, du schenkst uns deine Liebe. Lass sie bei uns spürbar sein als Kraft, als Hoffnung und als Zuversicht an jedem einzelnen Tag.

Und alle unsere Bitten nehmen wir mit hinein in das Vaterunser, das Jesus uns geschenkt hat:

Vaterunser
der du bist im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gibt uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.  Amen.

Lied  O du fröhliche

Segen
Der Herr segne dich und behüte dich
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und schenke dir Frieden. Amen.
Ich wünsche Ihnen allen ein gesegnetes Weihnachtsfest!

Christmette 2020 von Pfarrer Rainer Böhm und Team

Musik        Orgel und Harfe

Begrüßung
Dem Heiligen Abend folgt die Heilige Nacht, die mehr Licht in das Dunkel unserer Welt bringen soll. Das Licht der Liebe und des Friedens. Licht aus Bethlehem. Ich begrüße Sie zu unserer Christmette 2020.

Wir hören auf die alten Friedensverheißungen und die schönen weihnachtlichen Lieder und Melodien. wir hören die Worte der Weihnachtsgeschichte. Und wir werden eine Kurzgeschichte von Werner Reiser zu Gehör bringen, die von dem Engel erzählt, der nicht mehr mitsingen wollte.

Wir sind in Bad Nauheim in der Dankeskirche und wir grüßen Sie zu Hause an Ihren Bildschirmen. Wir haben uns dazu entschlossen, auf präsentische Gottesdienste angesichts der Inzidenzzahlen in der Wetterau und in Bad Nauheim zu verzichten. Wenn Sie unsere Mette nun online sehen, dann bemerken Sie, dass sich viele daran beteiligt haben – dafür ganz herzlichen Dank!

Votum
Glocken haben uns in diesen Gottesdienst gerufen.
Festliche Musik stimmt uns ein in diese besondere Nacht.
Wir tragen unsere Weihnachtsträume zusammen
Und wollen uns beflügeln lassen
Von der Botschaft dieser Nacht.

Gemeinsam mit den Engeln feiern wir diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Amen

Gebet
Unser Gott,
eigentlich haben wir uns das oft gewünscht, ein ruhiges Fest, ein stille Nacht.
Das ist es jetzt, wenn auch anders.
Du bist zu uns gekommen, in unsere dunkle Welt mit deinem Licht. Du verlässt uns nicht, komme was da will.
Wir bitten dich um geöffnete Herzen, betende Gedanken, aber auch die Kraft zum Handeln – damit wahr wird was Jesaja schreibt: „Mein Wort soll nicht leer zu mir zurückkommen.“ (Jes 55, 11)

Lesung AT

1 Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. 3 Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians. 4 Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt. 5 Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; 6 auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende. Jes 9, 1 – 6

Lichtimpuls – Friedenslicht von Bethlehem
Du Gott des Friedens
In diesen Tagen erleben wir, wie begrenzt unser Leben ist.
Doch zeigt uns das Friedenslicht aus Bethlehem – Grenzen können wir überwinden.
Sei Du uns das Licht, das ermutigt, stärkt und Zuversicht gibt.
Damit auch wir Lichtwerden in dieser Zeit mit einem tröstenden Blick, einem guten Wort, einer helfenden Hand, einem weiten Herz.
So leuchtet Dein Licht des Friedens weit in diese Welt hinein und über alle Grenzen hinweg.
Amen

Weihnachtsgeschichte I
1Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. 2Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. 3Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt.
4Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das judäische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum dass er von dem Hause und Geschlechte Davids war, 5auf dass er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger. 6Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. 7Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.
8Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. 9Und des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. 10Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; 11denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. 12Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. 13Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: 14 Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

Lied: Vom Himmel hoch …

Der Engel der nicht singen wollte     von Werner Reiser         
Als die Menge der himmlischen Heerscharen über den Feldern von Betlehem jubelte: "Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden", hörte ein kleiner Engel plötzlich zu singen auf. Obwohl er im unendlichen Chor nur eine kleine Stimme war, machte sich sein Schweigen doch bemerkbar. Engel singen in geschlossenen Reihen, da fällt jede Lücke sogleich auf. Die Sänger neben ihm stutzten und setzten ebenfalls aus. Das Schweigen pflanzte sich rasch fort und hätte beinahe den ganzen Chor ins Wanken gebracht, wenn nicht einige unbeirrbare Großengel mit kräftigem Anschwellen der Stimmen den Zusammenbruch des Gesanges verhindert hätten. Einer von ihnen ging dem gefährlichen Schweigen nach. Mit bewährtem Kopfnicken ordnete er das weitere Singen in der Umgebung und wandte sich dem kleinen Engel zu.

Warum willst du nicht singen?" fragte er ihn streng.

Er antwortete: "Ich wollte ja singen. Ich habe meinen Part gesungen bis zum "Ehre sei Gott in der Höhe". Aber als dann das mit dem "Frieden auf Erden unter den Menschen" kam, konnte ich nicht mehr weiter mitsingen. Auf einmal sah ich die vielen Soldaten in diesem Land und in allen Ländern. Immer und überall verbreiten sie Krieg und Schrecken, bringen Junge und Alte um und nennen das Frieden. Und auch wo nicht Soldaten sind, herrschen Streit und Gewalt, fliegen Fäuste und böse Worte zwischen den Menschen und regiert die Bitterkeit gegen Andersdenkende. Es ist nicht wahr, daß auf Erden Friede unter den Menschen ist, und ich singe nicht gegen meine Überzeugung! Ich merke doch den Unterschied zwischen dem, was wir singen, und dem, was auf Erden ist. Er ist für mein Empfinden zu groß, und ich halte diese Spannung nicht länger aus."

Der große Engel schaute ihn lange schweigend an. Er sah wie abwesend aus. Es war, als ob er auf eine höhere Weisung lauschen würde.

Dann nickte er und begann zu reden: "Gut. Du leidest am Zwiespalt zwischen Himmel und Erde, zwischen der Höhe und der Tiefe. So wisse denn, daß in dieser Nacht eben dieser Zwiespalt überbrückt wurde. Dieses Kind, das geboren wurde und um dessen Zukunft du dir Sorgen machst, soll unseren Frieden in die Welt bringen. Gott gibt in dieser Nacht seinen Frieden allen und will auch den Streit der Menschen gegen ihn beenden. Deshalb singen wir, auch wenn die Menschen dieses Geheimnis mit all seinen Auswirkungen noch nicht hören und verstehen. Wir übertönen mit unserem Gesang nicht den Zwiespalt, wie du meinst. Wir singen das neue Lied." ///

Lied: Mary …

Weihnachtsgeschichte II

15Und da die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen gen Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. 16Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen. 17Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. 18Und alle, vor die es kam, wunderten sich über die Rede, die ihnen die Hirten gesagt hatten. 19Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. 20Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.

Der kleine Engel rief: "Wenn es so ist, singe ich gerne weiter."
Der Große schüttelte den Kopf und sprach: "Du wirst nicht mitsingen. Du wirst einen anderen Dienst übernehmen. Du wirst nicht mit uns in die Höhe zurückkehren. Du wirst von heute an den Frieden Gottes und dieses Kindes zu den Menschen tragen. Tag und Nacht wirst du unterwegs sein. Du sollst an ihre Häuser pochen und ihnen die Sehnsucht nach ihm in die Herzen legen. Du musst bei ihren trotzigen und langwierigen Verhandlungen dabei sein und mitten ins Gewirr der Meinungen und Drohungen deinen Gedanken fallen lassen. Du musst ihre heuchlerischen Worte aufdecken und die anderen gegen die falschen Töne mißtrauisch machen. Sie werden dir die Türe weisen, aber du wirst auf den Schwellen sitzen bleiben und hartnäckig warten. Du musst die Unschuldigen unter deine Flügel nehmen und ihr Geschrei an uns weiterleiten. Du wirst nichts zu singen haben, du wirst viel zu weinen und zu klagen haben. Du hast es so gewollt. Du liebst die Wahrheit mehr als das Gotteslob. Dieses Merkmal deines Wesens wird nun zu deinem Auftrag. Und nun geh. Unser Gesang wird dich begleiten, damit du nie vergisst, daß der Friede in dieser Nacht zur Welt gekommen ist."

Der kleine Engel war unter diesen Worten zuerst noch kleiner, dann aber größer und größer geworden, ohne dass er es selber merkte. Er setzte seinen Fuß auf die Felder von Betlehem. Er wanderte mit den Hirten zu dem Kind in der Krippe und öffnete ihnen die Herzen, daß sie verstanden, was sie sahen. Dann ging er in die weite Welt und begann zu wirken.

Angefochten und immer neu verwundet, tut er seither seinen Dienst und sorgt dafür, dass die Sehnsucht nach dem Frieden nie mehr verschwindet, sondern wächst, Menschen beunruhigt und dazu antreibt, Frieden zu suchen und zu schaffen. Wer sich ihm öffnet und ihm hilft, hört plötzlich wie von ferne einen Gesang, der ihn ermutigt, das Werk des Friedens unter den Menschen weiterzuführen.

Lied:  O du fröhliche

Fürbitte

Freundlicher Gott,
du Gott des Friedens
bist bei uns eingekehrt als Kind in der Krippe.
Nichts ist zu klein oder zu unwichtig,
als dass du dich nicht seiner annehmen würdest.

Du kennst unsere Zweifel
am Zwiespalt zwischen Himmel und Erde.
Wir erleben, wie Existenzangst und Widerspruch,
Krankheit und Tod
allgegenwärtig sind in dieser Zeit
und sehnen uns zugleich
nach Harmonie und Frieden.

Du fragst uns nach unserem Mitgefühl
Mit den Menschen, die Leid tragen
Wo schauen wir weg? Was lassen wir zu?
Hilf uns die richtigen Worte zu finden,
Trost zu spenden,
das Unabänderliche auszuhalten,
und das Nötige zu tun
für eine Zukunft mit menschlicher Nähe und Wärme.

Freundlicher Gott,
du Gott des Friedens
dein Licht der Weihnacht leuchtet in der Krippe von Bethlehem
das Licht, das Grenzen überwindet.

Du kennst unsere Zweifel
am Zwiespalt zwischen Himmel und Erde.
Wir erleben, wie Krieg und Zerstörung,
Flucht und Vertreibung,
allgegenwärtig sind
und sehnen uns zugleich
nach Harmonie und Frieden.

Du fragst uns nach unserem Mitgefühl
mit den Geflüchteten
Wo helfen wir? Wie nehmen wir sie an?
Wir bitten dich für alle, die ihre Heimat aufgegeben mussten
und für alle, die ihnen beistehen,
in den Lagern auf Lesbos und anderswo,
die Engel der Menschlichkeit.
 
Freundlicher Gott,
du Gott des Friedens,
das Licht der Weihnacht leuchtet in uns.
All unsere Weihnachtswünsche bringen wir vor dich.
So groß unser Versagen, so weit unsere Sehnsucht -  So tief reicht deine Liebe zu uns.

Vater unser

Segen
Gott, der Herr segne und behüte uns.
Er lasse sein Licht für uns leuchten, damit wir uns nicht fürchten.
Er schenke uns Freude aneinander,
damit wir selbst Freude verschenken.
Er gebe uns seinen Frieden, damit wir ihn hinaustragen in alle Welt. Amen

Schlusslied

Musik

Beteiligte:

Sunhild Breckner
Pfr. Rainer Böhm
Antje Kreutz-Lorenz
Ursel Leichtweiß
Anna Lorenz  (Gesang)
Sigrid Torff-Behrens

Vikar Ingmar Bartsch (Aufnahmen, Ton, Schnitt)
Kantor Frank Scheffler et al (Orgel, Leitung musikal Aufnahmen)

Gottesdienst zum 4. Advent von Pfarrerin Susanne Pieper

Begrüßung
„Ihr, die ihr in der Gemeinschaft Christi seid, freut euch allezeit, und wiederum sage ich: Freut euch! Lasst eure Güte allen Menschen zuteil werden. Der Herr ist nahe!“ Nicht verzagen, sich nicht fürchten müssen, sondern sich freuen können und dürfen. Das ist die Botschaft des Philipperbriefes, die uns heute im Wochenspruch entgegenkommt. Diese Freude hat einen Grund, ein Ziel und einen Namen: Gott kommt uns Menschen nahe. Das ist sein Versprechen an uns. Dieser Freude in Gottes Gegenwart lasst uns in diesem Gottesdienst nachgehen. Wir feiern ihn im Namen Gottes, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Psalm 126
Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird,
 so werden wir sein wie die Träumenden.
Dann wird unser Mund voll Lachens
 und unsere Zunge voll Rühmens sein.
 Dann wird man sagen unter den Heiden:
 Der Herr hat Großes an ihnen getan!
Der Herr hat Großes an uns getan,
dessen sind wir fröhlich.
Herr, bringe zurück unsere Gefangenen,
wie du die Bäche wiederbringst im Südland.
Die mit Tränen säen,
werden mit Freuden ernten.
Sie gehen hin und weinen
und streuen ihre Saat
und kommen mit Freuden
und bringen ihre Garben.
Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war am Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Lied EG 19,1.2 O komm, o komm, du Morgenstern

Gebet
Du, Ewiger Gott. Du Anfang und Ziel der Welt. Du kommst auf uns zu. Begibst Dich mitten in unsere Vergänglichkeit. Wir sehnen uns und warten auf Zeichen Deiner Nähe. Lass uns in dieser Zeit der Erwartung offen werden für das Gute, für die Ankunft Deines Sohnes. Dort, in der Armut des Stalls können wir Deiner Nähe und Zärtlichkeit begegnen. Erfülle uns mit Deiner Gegenwart, mit der Kraft Deines Geistes, mit der Hoffnung, die aus Deinem Wort zu uns spricht. Lass uns frei werden von aller Angst.
Das bitten wir durch den, in dem du kommst: Jesus Christus, der mit Dir und dem Heiligen Geist lebt und wirkt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Lesung aus dem 1. Buch Mose 18,1-15
Und der Herr erschien Abraham bei den Bäumen von Mamre, während er an der Tür seines Zeltes saß, als der Tag am heißesten war. Und als Abraham seine Augen hob und aufschaute, siehe, da standen drei Gestalten vor ihm. Als er sie sah, lief er ihnen vom Zelteingang entgegen und neigte sich bis zur Erde. Und er sprach: Herr, habe ich Gnade vor deinen Augen gefunden, so geh nicht an deinem Knecht vorüber. Man soll euch ein wenig Wasser bringen, um eure Füße zu waschen, und dann lasst euch unter dem Baum nieder. Und ich will euch einen Bissen Brot bringen, dass ihr euer Herz labt; danach mögt ihr weiterziehen. Denn darum seid ihr ja bei eurem Knecht vorübergekommen. Sie sagten: Tu, was du gesagt hast.
Abraham eilte in das Zelt zu Sara und sprach: Beeile dich, menge drei Krüge feinstes Mehl, knete es und backe Fladenbrot. Er selbst aber lief zu den Rindern und holte ein zartes gutes Kalb und gab es dem Knecht; der beeilte sich und bereitete es zu.

Und er trug Sauermilch und Milch auf und nahm Fleisch von dem Kalb, das er zubereitet hatte, und setzte es ihnen vor und blieb vor ihnen unter dem Baum stehen, und sie aßen.

Dann sprachen sie zu ihm: Wo ist Sara, deine Frau? Er antwortete ihnen: Drinnen im Zelt. Da hörte Abraham die Worte: Ich will übers Jahr wieder zu dir kommen; siehe, dann soll Sara, deine Frau, einen Sohn haben. Das hörte Sara hinter ihm, hinter dem Vorhang des Zeltes. Abraham und Sara waren schon alt und hochbetagt, und Sara konnte gar keine Kinder mehr bekommen. Da lachte Sara innerlich und dachte: Ich bin alt und verbraucht, und meinem Mann geht es genauso. Und nun soll ich noch der Liebe pflegen? Da sprach der Herr zu Abraham: Warum lacht Sara denn und spricht: Sollte ich wirklich noch gebären? Wo ich doch so alt bin? Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein? Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen im nächsten Jahr; dann soll Sara einen Sohn haben. Aber Sara stritt es ab und sagte: Ich habe nicht gelacht. Denn sie hatte es mit der Angst bekommen. Er aber sprach: Doch, du hast gelacht.

Ansprache
Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn und Bruders Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen

Liebe Gemeinde,
kennen Sie die Skulptur „Die lachende Alte“ von dem Künstler Ernst Barlach? Es ist eine Bronzefigur, die er im Jahre 1937 gestaltet hat. Eine alte Frau kniet auf dem Boden. Sie hat die Arme im Schoß nach vorne gestreckt; die Hände ruhen auf ihren Knien und der Kopf ist weit zurückgelegt. Mit offenem Gesicht schaut sie nach oben. Ihr Gesicht leuchtet. Sie lacht mit offenem Mund. Ihr ganzer Körper ist ein einziges Lachen - ein heiter wirkendes, ein frohes, ein ansteckendes Lachen.

Sie erinnert mich an Sara. Abrahams Frau. Auch Sara lacht. Sie steht hinter dem Vorhang ihres Zeltes, das sie sich mit ihrem Ehemann teilt. Gerade hat sie gehört, dass ihr und ihrem Mann noch ein Kind verheißen worden ist. In dem hohen Alter? Nachdem ihre Zeit der Fruchtbarkeit doch längst vorbei ist? Nachdem sie beide so viele Jahre lang vergeblich darauf gehofft hatten, dass Gott seine Verheißung ihrer Nachkommenschaft wahrmachen würde? Sara kichert in sich hinein. Sie juchzt ganz leise. Erstaunt. Vergnügt. Tief verwundert. Auch ungläubig? Sie kann sich schlicht nicht vorstellen, wie das gehen soll. Und ist das nicht auch eine skurrile, lustige Vorstellung, wenn eine Frau im Urgroßmutteralter plötzlich schwanger wird? Auch von Abraham wird das übrigens erzählt, ein Kapitel vorher, als er das göttliche Versprechen hört, dass Sara ein Kind bekommen wird: „Da fiel er auf sein Angesicht und lachte und sprach in seinem Herzen: soll mir mit hundert Jahren ein Kind geboren werden?“ Doch ihm bleibt es erspart, von Gott für seine Zweifel hinterfragt zu werden.

Ich möchte das Lachen von Sara als Freude verstehen; als erstaunte Freude darüber, dass ihr lebenslanger, langersehnter Wunsch doch noch in Erfüllung gehen könnte. Sara sieht ja bei ihren Freundinnen und Verwandten, wie viele frohmachende Momente es mit kleinen Kindern gibt. Wenn ich in meine eigene Biografie schaue, dann erinnere ich mich gut daran, dass mein Mann und ich, nachdem unsere Kinder geboren worden waren, viel mehr in der Familie gelacht haben als vorher. Da gab es so viele heitere und unbeschwerte Momente, so viel Situationskomik, so viele überraschende Wortschöpfungen, so viele unerwartete Fragen, die unsere Fantasie herausforderten. Als ihr Sohn geboren wird, nennen Sara und Abraham ihn „Izchak“, das heißt „Er lacht“. Ein lachendes, fröhliches Kerlchen, das seinen Eltern noch in ihrem Alter viel Freude macht und Leichtigkeit in ihr Leben bringt.

Sollte Gott etwas unmöglich sein? Diese Frage leuchtet aus dieser Väter - und Müttergeschichte heraus. Traust du Gott noch etwas zu? Kannst du dir vorstellen, dass etwas Ungewöhnliches in deine kleine Welt einbricht? Dass etwas eintrifft, das du dir ersehnt hast, wofür du gebetet hast? Das du dir sehnlichst gewünscht hast?

Bei Abraham und Sara fängt alles mit ihrer Gastfreundschaft an. Aus unserer eigenen Erfahrung wissen wir, was Gastfreundschaft bewirken kann. Denken wir einen Moment lang an die besseren Tage, die wir auch in diesem Jahr oder in früheren Jahren erleben konnten. Wenn wir Gäste eingeladen haben, dann haben wir die schöne Erfahrung machen können, dass das gemeinsame Essen wirklich Gemeinschaft schafft. Gastfreundschaft erweitert den Horizont. Man erfährt Neues, vom Gastgeber, von den Gästen und von der Welt. Da werden neue Fenster aufgemacht. Da setzt sich die Welt neu zusammen, so als würden Puzzleteile zusammengesetzt. Da wird auch mal auf etwas zusammen angestoßen. Lachen und Freude und Gespräche erfüllen den Raum. Gastfreundschaft ist Leben. Ist Lebendigkeit.

In der Wüste ist Gastfreundschaft ein eigenes Gebot, ein ungeschriebenes Gesetz. Jedes Beduinenkind lernt das von klein auf: wenn du jemanden Unbekanntes in der Wüste triffst, dann ist es deine Pflicht, ihn mit in deine Familie zu bringen. Drei Tage Gastrecht stehen jedem Fremden zu. Niemand soll in der Wüste allein und unversorgt sein. Er soll alles bekommen, was er braucht.

Vor vielen Jahren habe ich diese Haltung der Fürsorge erlebt, als wir mit unserer Studentengruppe den Sinai erkundet haben. In zwei Kleingruppen waren wir mit unseren Autos unterwegs, und damit die zweite Gruppe wusste, in welche Richtung sie bei einer Weggabelung weiterfahren sollte, wurden zwei Mitglieder der ersten Gruppe an dieser Gabelung abgesetzt, die den Ankömmlingen die Richtung anzeigen und dann auch mitgenommen werden sollten. Mehrere Stunden warteten die Beiden an dieser Stelle. Mitten in der Stille der felsigen, warmen, sonnigen Umgebung. Nichts passierte. Schließlich aber kamen zwei Beduinen mit ihrer Karawane von Kamelen vorbei. Gemächlich bewegten sie sich auf die beiden Studenten zu. „Ist bei euch alles in Ordnung? Was macht ihr hier? Braucht ihr etwas? Ist wirklich alles okay?“ Immer wieder stellten sie auf englisch diese Fragen, bis sie irgendwann – noch immer etwas skeptisch - ihrer Wege weiterzogen. Gastfreundschaft ist ein Gebot der Wüste.

„Gastfrei zu sein vergesst nicht,“ heißt es im Hebräerbrief des Neuen Testaments, “denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt“ (Hebr. 13,2). Ja, wer die Tür seines Zeltes oder seines Hauses offen hält für Überraschungsgäste, kann gelegentlich ein Wunder erleben. Es könnte sein, dass Gott selbst oder ein Bote von ihm an unserem Tisch Platz nimmt und etwas mitbringt.

Das erleben Abraham und Sara. Und sie werden beschenkt mit einer guten Nachricht. Sie unterbricht ihren tristen Alltag. Sie richtet sie auf und sie verändert ihr Leben.

Was hat diese Geschichte der Erzeltern von einst mit uns heute zu tun? Mit uns, die wir gerade in unseren Wohnungen oder Häusern sitzen, im Lockdown ausharren, versuchen, uns bestmöglichst zu schützen und auf bessere Zeiten hoffen?

Ich möchte die Geschichte von Sara und Abraham auf dieser Folie noch einmal erzählen:
Gott kommt hinein in die Wüste, mitten hinein in ein unwirtliches Leben. Er kommt, wenn die Zeit am heißesten ist. Wenn niemand mit Besuch rechnet. Weil alle sich am liebsten verkriechen, in den Schatten, ins Zelt oder ins Haus. Und mitten in dieser heißen Zeit, in der alle verkrümmt sind in sich selbst, da wird ihr Blick aufgerichtet. Und sie sehen auf wie Abraham und Sara und hören auf neue Worte. Gott und seine Boten kommen nicht zufällig vorbei. Sie haben eine Mission, sie bringen eine Botschaft mit: „In einem Jahr sieht alles ganz anders aus! In einem Jahr werdet ihr euch wieder freuen können.“ Und ich denke an den berühmten Satz von Friedrich Hölderlin aus seinem Gedicht „Patmos“, wo es heißt: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ Und mir fällt zum Rettenden der Impfstoff ein, der auf dem Weg zu uns ist. Und die Menschen, die ihn verabreichen werden, sie werden wie Engel für uns sein. Und ich freue mich über ein biblisches Wort aus dem Jeremiabuch 31,17, das als Losungswort für den 17. Dezember ausgewählt worden war: „Es gibt eine Hoffnung für deine Zukunft.“

Mitten in dieser schweren, unwirtlichen Zeit warten auch wir auf ein Kind - auf das Kind von Bethlehem, das Gott hineinschickt in unsere tristen und bedeckten Tage. Und so wie Izchak seinen Eltern Freude geschenkt hat, so schenkt uns dieses Kind in der Krippe Licht und Freude und Liebe. Wie gut, dass es gerade in diesen Tagen unsere Seele aufatmen lässt.

Und nach dem Fest, da dürfen schon einmal unsere ersten Alten und Hochbetagten jubeln und juchzen und sich freuen – denn der Impfstoff wird für sie da sein. So wie vor wenigen Tagen jener alte Herr in England, der lachte und vor Freude strahlte und vor Begeisterung seine Arme in die Luft warf, nachdem er die Spritze bekommen hatte.

In einem Jahr wird es ganz anders sein.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Lied EG 8,1-4 Es kommt ein Schiff geladen

Fürbitten
Du, unser Gott, bist der, der war und der ist und der, der kommt.
In diesem Vertrauen bringen wir unsere Bitten für uns und für unsere Welt zu Dir.

Wir bitten für alle Pflegekräfte, für alle Ärztinnen und Ärzte in diesen Tagen. Gib ihnen Weisheit, Geduld, innere und äußere Stärke. Lass sie Kraft schöpfen aus der Liebe, mit der Du uns im Kind von Bethlehem begegnest.

Wir bitten Dich für alle, die sich vor dem kommenden Fest fürchten, weil sie Einsamkeit, Krankheit oder Sterben aushalten müssen. Lass das Licht von Bethlehem ihre Traurigkeit erhellen und die Klarheit des Herrn sie umleuchten, damit ihre Furcht und ihre Tränen weichen.

Wir bitten Dich für alle, deren Erwartungen an das Weihnachtsfest enttäuscht worden sind, die sich in diesen Tagen völlig neu orientieren müssen. Lass sie erfahren, dass Du da bist. Du besuchst sie im Kind von Bethlehem.

Lass das Licht von Bethlehem in unseren Fenstern und Herzen leuchten. Lass uns spüren, dass Neues entstehen und geboren werden kann, wo wir es gar nicht erwarten. Du gibst uns Zukunft und Hoffnung. Dein Licht vertreibt unsere Dunkelheit. Du bist der, der war, der ist und der zu uns kommt.

In diesem Vertrauen beten wir zu Dir mit den Worten des Vaterunsers:

Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Segen
Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.
Amen.

Gottesdienst mit Video zum 3. Advent von Vikar Ingmar Bartsch

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar: youtube.com/watch?v=tQgtu6Ng2L8

Begrüßung
Herzlich Willkommen zum Gottesdienst am dritten Advent hier in der Dankeskirche. Nicht einmal mehr zwei Wochen sind es bis Weihnachten. Wir feiern, dass Gott in Jesus in diese Welt gekommen ist. „Bereitet dem Herrn den Weg, denn siehe, der Herr kommt gewaltig.“ Das ist der Wochenspruch für die kommende Woche und damit auch eine Art Überschrift über diesem Sonntag. Aber können wir das immer so bejahen? Und wer ist Jesus für uns? Johannes der Täufer stellt sich diese Frage auch: „Bist Du der angekündigte Messias oder sollen wir warten, bis ein anderer kommt?“ Wer bist Du, Jesus? Dieser Frage wollen wir heute in diesem Gottesdienst nachspüren.

Votum
Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

Psalm 85,2.7-12
HERR, der du bist vormals gnädig gewesen deinem Lande und hast erlöst die Gefangenen Jakobs; 7 Willst du uns denn nicht wieder erquicken, dass dein Volk sich über dich freuen kann? 8 HERR, zeige uns deine Gnade und gib uns dein Heil! 9 Könnte ich doch hören, was Gott der HERR redet, dass er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen, auf dass sie nicht in Torheit geraten. 10 Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten, dass in unserm Lande Ehre wohne; 11 dass Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen; 12 dass Treue auf der Erde wachse und Gerechtigkeit vom Himmel schaue. Amen.

Gebet
Jesus Christus, unser Heiland und Erlöser. Wenn wir zweifeln und wenig von Dir wahrnehmen, dann festige unseren Glauben und mach uns geduldig. Komme Du uns in diesem Gottesdienst entgegen, dass wir von Dir lernen und erfahren, wer Du bist, der Du mit dem Vater und dem Heiligen Geist lebst und regierst von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Schriftlesung Jesaja 40, 1-10
Advent bedeutet Ankunft. Wir feiern das Kommen Jesu in unserer Welt. Als Christen stehen wir in der biblischen Tradition vom Kommen Jesu als dem Messias, das durch Johannes den Täufer angekündigt wurde. Johannes war davon überzeugt, dass die alten Prophezeiungen der jüdischen Schriften in seiner Zeit eintreffen werden. Und so hören wir von Jesaja, wie er es sich vorgestellt hat, wenn Gott selbst in die Welt kommt:
1 Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott. 2 Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist; denn sie hat die volle Strafe empfangen von der Hand des HERRN für alle ihre Sünden. 3 Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem HERRN den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott! 4 Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden; 5 denn die Herrlichkeit des HERRN soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn des HERRN Mund hat's geredet. 6 Es spricht eine Stimme: Predige!, und ich sprach: Was soll ich predigen? Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. 7 Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des HERRN Odem bläst darein. Ja, Gras ist das Volk! 8 Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich. 9 Zion, du Freudenbotin, steig auf einen hohen Berg; Jerusalem, du Freudenbotin, erhebe deine Stimme mit Macht; erhebe sie und fürchte dich nicht! Sage den Städten Judas: Siehe, da ist euer Gott; 10 siehe, da ist Gott der HERR! Er kommt gewaltig, und sein Arm wird herrschen. Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her.

Lied EG 536

Predigt
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

Ich stecke meinen Einkaufszettel in die linke Hosentasche, nehme meinen Schlüssel und das Portemonaie und ziehe die Wohnungstür hinter mir zu. Auf dem Weg zum Supermarkt gehe ich die Liste in Gedanken nochmal durch. Mein Auftrag ist klar, er steht da schwarz auf weiß. Im Supermarkt starte ich mit Obst und Gemüse und arbeite die Liste nach und nach ab. Tomaten, Bananen, Äpfel, ein paar Beeren. Weiter geht es. Kekse. Was für Kekse? Die, die wir zuletzt hatten? Oder die Lieblingskekse meiner Schwiegereltern, die uns am Wochenende besuchen werden? Ein leiser Zweifel schiebt sich in meinen gewissen Auftrag. So ist das oft, wenn ein Plan oder meine Erwartungen auf die Wirklichkeit treffen. Ganz banal, an der Käsetheke. Dort, wo ich mich frage, wie „ausreichend Käse für zwei Mal Abendbrot“ auf meinem Zettel wohl zu interpretieren ist.

Zweifel schleichen sich im Alltag schnell ein. Das betrifft auch wichtigere Dinge, als Kekse. Werde ich diese Prüfung bestehen und wenn ja, mit welcher Note? Wird es mit meiner Gesundheit jemals besser? Kann ich meinem Partner, meiner Partnerin wieder vertrauen? Wird zu Weihnachten die Familie zusammenfinden? Solche Fragen verschwinden nicht einfach. Die geistern mal mehr, mal weniger stark im Kopf herum.

Und solche Fragen gibt es auch in unserem Glaubensleben: Wie kann ich an einem Gott festhalten, der Leid zulässt? Wie ist das mit Jesus: Ist er ein besonders vorbildlicher Mensch gewesen? Ist er der auferstandene Christus, der Leid und Tod überwunden hat? Wer ist dieser Jesus? Diese Frage hat sich auch Johannes der Täufer gestellt. Ich lese aus dem Matthäus-evangelium im 11. Kapitel die Verse 2-6:

2 Johannes (der Täufer) war im Gefängnis und hörte, was der Christus vollbracht hatte. Deshalb schickte er seine Jünger zu Jesus, 3 Und ließ sie fragen: Bist Du der angekündigte Messias oder sollen wir warten, bis ein anderer kommt? 4 Und Jesus antwortete ihnen, indem er sagte: „Geht zu Johannes und berichtet ihm, was Ihr seht und hört. 5 Blinde sehen wieder und Lahme gehen spazieren. Aussätzige werden rein und Taube können hören. Tote werden auferweckt und den Armen wird die gute Nachricht, das Evangelium verkündet. 6 Und gesegnet ist der Mensch, der sich nicht über mich ärgert und vom Glauben abfällt.

Die gute Nachricht ist: Ich bin nicht allein mit meinen zweifelnden Fragen. Auch andere zweifeln. Selbst Johannes der Täufer zweifelt. Er, von dem Jesus sagt, dass er ein außergewöhnlicher Prophet sei. Ein Mann Gottes. Die Zweifel von Johannes kommen vermutlich aus den Erwartungen, die er und die Menschen zu seiner Zeit an Jesus hatten. Sie hofften auf einen politischen Retter, den Messias, der das Volk befreit. Der den Römern Paroli bietet und die politische Landschaft umpflügt. Und vielleicht hoffte Johannes auch darauf, dass er aus dem Gefängnis befreit wird, wenn der Messias kommt. Und dann trafen die Erwartungen, die Hoffnungen und Wünsche auf die Realität. Denn Jesus hat sie nicht so erfüllt, wie die Menschen sich das vorgestellt haben. Der Messias ist irgendwie anders gekommen, als erwartet. Da sind Zweifel eine normale Folge.

Hängen meine Glaubenszweifel auch mit den Erwartungen zusammen, die ich an Gott habe? Weil meine Erwartungen auf die Realität prallen? Und wenn ja, welche Erwartungen habe ich an Gott? Eine Welt ohne Leid? Wohlstand für alle? Gelingendes Leben? Immer gute Laune und ein Leben in Gesundheit bis zum Tod im hohen Alter? Sind das meine Erwartungen an Gott? Und was passiert mit meinem Glauben, wenn sie nicht eintreffen?

Wie gesagt: Es ist normal, an Gott zu zweifeln. Das sagt Jesus selbst: gesegnet ist der Mensch, der sich nicht über mich ärgert und vom Glauben abfällt. Was aber kann ich tun, wenn sich diese Zweifel Bahn brechen? Wenn ich in meinen Erwartungen enttäuscht wurde? Johannes tut etwas Bemerkenswertes. Er wendet sich mit seinen Zweifeln direkt an Jesus. Er geht letztendlich mit seinen Zweifeln zu Gott. An der konkreten Situation des Johannes im Gefängnis ändert das übrigens erstmal gar nichts. Jesus hat auf die Zweifel des Johannes und damit auch auf unsere Zweifel eine Antwort: Verlasst Euch auf das, was Ihr seht und hört. Jesus sagt, dass die Zeichen seines Wirkens wahrnehmbar sind, wenn man sich darauf einlässt. Wenn man hinsieht. Wenn man hinhört.

Vielleicht muss ich dazu auch jenseits meiner Erwartungen hinsehen und hinhören. Da, wo Gott mir anders begegnet, als ich es denke. Für mich persönlich sind die Zeichen von Gottes Wirken in meinem Leben an verschiedenen Stellen zu erkennen. Wenn eine Prüfung vorbei ist und ich irgendwie das Gefühl hatte, ich war nicht allein. Selbst, wenn ich nicht bestanden haben sollte. Wenn ich nach einer Krankheit wieder an die frische Luft kann, und die Natur wahrnehme, auch wenn ich mich noch schwach fühle. Wenn Menschen den Dialog suchen und zusammenfinden, weil sie einander vergeben können. Auch wenn die Verletzungen tief sind. Wenn mir jemand in einem Nebensatz etwas sagt, was plötzlich ungeahnte Kraft in meinem Leben entfaltet. Wenn ich in den Adventsgottesdiensten spüre, dass da mehr ist, als ich selbst machen kann. Wenn ich merke: Gott ist da. Wenn mir die Nachbarin mitten in einer heftigen Arbeitsphase plötzlich Kuchen vorbeibringt, ohne zu wissen, dass ich gerade am Schreibtisch versauere.

Ich würde mir wünschen, dass wir hier in der Gemeinde noch mehr ins Gespräch kommen, über die Zeichen Gottes, die wir in unserem Leben erkennen können. Ich würde mir wünschen, dass wir uns gegenseitig stärken und ermutigen, weil wir uns von Gott erzählen. Und ich würde mir wünschen, dass wir auch über Zweifel sprechen.

Ist Jesus nun also der Messias? Oder mit Johannes gefragt: „Bist Du der angekündigte Messias oder sollen wir warten, bis ein anderer kommt?“ Jesus selbst sagt letztendlich: Meine Spuren sind gelegt. Du kannst sie entdecken. Aber sie zu suchen und mit Deinen Fragen und Zweifeln zu mir zu kommen, das ist Deine Entscheidung. Ob ich der Messias bin muss jede Generation, muss jeder Mensch für sich durchdenken, erkennen und glauben.

Gerade die Adventszeit ist eine Zeit der Zusagen. Gott bahnt sich seinen Weg zu uns Menschen. Gott kommt uns entgegen. Die Zeichen sind gelegt. Und vielleicht wirft Gott in der Advents- und Weihnachtszeit auch ein neues Licht auf die anderen drängenden Fragen unseres Lebens, wenn wir nach seinen Spuren suchen.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als unser menschliches Begreifen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Lied EG+ 112

Fürbitten und Vaterunser
Gott, Wir schauen auf Weihnachten. In Jesus Christus, dem versprochenen Erlöser, kommst Du zu uns. Schenke uns, dass wir Dich in unserem Leben erfahren können. Wir bitten Dich: Nimm uns die Zweifel an Dir. Mache uns zu Menschen, die nicht an ihren Erwartungen festmachen, wie Du sein sollst, damit wir erkennen können, wo Du uns beschenkst.

Gott, wir bitten für uns und unsere Gesellschaft in Zeiten der Pandemie. Zu sehr zermürben die Kontaktbeschränkungen. Und sie sollen noch verschärft werden. Viele Menschen geraten in Not, viele sind einsam. Wir hatten gehofft, dass die Infektionszahlen im November sinken. Wir hatten gehofft, dass wir uns eine Weile einschränken und dann ist die Lage wieder unter Kontrolle. Doch es ist anders gekommen und es ist schwer, damit umzugehen. Begleite uns in dieser Zeit. Mach uns trotz Unsicherheit geduldig und schenke uns Kraft für die kommenden Wochen. Wir bitten Dich um Weisheit für alle, die weitreichende Entscheidungen treffen müssen. Wir bitten Dich, dass wir selbst weise reagieren und unseren Teil zur Bewältigung der Pandemie beitragen.

Gott, wir bitten für unsere Gemeinde. Wir haben uns viele Gedanken gemacht, wie wir Weihnachten in diesem Jahr anders feiern. Wir bitten Dich, dass wir die Menschen in Bad Nauheim mit Deiner Botschaft des Friedens erreichen können. Wir bitten Dich um Deinen Segen für die Krippenwege und die Gottesdienste in den Kirchen und zu Hause. Wirke durch unsere Gemeinde in diese Welt hinein. Schenke, dass es Weihnachten wird in den Herzen der Menschen.

Und alles, was uns noch bewegt, bringen wir vor Dich mit den Worten des Vaterunsers.
Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Gemeinde: Amen.

 

Segen
Und so geht unter dem Segen Gottes in die kommende Woche:
Der Herr segne Dich und behüte Dich.
Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über Dir und sei Dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf Dich und schenke Dir Frieden.

Gottesdienst mit Video zum 1. Advent 2020 von Pfarrerin Susanne Pieper

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar: https://youtu.be/9GEjoyrdtHU

Orgel

Die erste Kerze brennt!  Ein herzliches Willkommen heute zum Gottesdienst. An diesem ersten Adventssonntag. Hier in der Dankeskirche.

Grund zur Freude bietet die Zeit des Advents! Vorfreude auf das Weihnachtsfest. Vorfreude auf die Geburt Jesu.  Auf die Ankunft des Friedenskönigs. Den Ausblick auf die Freude können wir gerade in diesen Tagen gut gebrauchen.

Worte aus dem  Buch des Profeten Sacharja begleiten uns in diese neue Woche:
„Sieh,  dein König kommt zu dir.  Ein Gerechter und ein Helfer.“

Wir feiern den Gottesdienst im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes! Amen.

Meditation zu Psalm 24

Macht die Tore weit und alle Türen in der Welt auf,
damit Gott wie ein König einziehe.

Warum sollen wir die Türen öffnen,
damit Gott zu uns kommt wie ein König?
Gehört ihm nicht schon die Erde?  
Sind nicht alle Geschöpfe das Werk seiner Hände?

Macht die Tore weit und alle Türen in der Welt auf,
damit Gott wie ein König einziehe.

Wer kann die Gegenwart Gottes ertragen,
wenn er zu uns kommt, um bei uns zu wohnen?
Der, der für Gerechtigkeit eintritt
und nach Frieden trachtet, der, der sich vergeben lässt,
wo er schuldig geworden ist.

Macht die Tore weit und alle Türen in der Welt auf,
damit Gott wie ein König einziehe.

Wer Gott die Tore öffnet
und für ihn die Tür seines Herzens weit aufmacht,
der wird Segen empfangen und seine Gebete
werden den Weg zu Gott finden.

Darum macht die Tore weit auf
und alle Türen in der Welt auf,
damit Gott wie ein König einziehe. Amen.

EG 1,1-3 Macht hoch die Tür

Gebet
Du, sehnlich erwarteter Gott,
unerwartet kommst du und manchmal so anders, als wir meinen. Doch du kommst! Darauf kommt es an und darauf können wir uns verlassen. Und eben darum bitten wir dich: Erhalte uns diese Zuversicht auch in schweren Zeiten und in einer für uns unberechenbaren Welt. Hilf uns, damit wir Tritt und Halt finden auf guten Wegen. Dies bitten wir im Namen deines Sohnes, unseres Bruders und Herrn. Amen.

Schriftlesung Sacharja 9,9-10
„Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, juble laut! Sieh, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer. Er ist arm und reitet auf einem Esel, auf dem Fohlen einer Eselin.  Ich werde die Streitwagen aus Ephraim beseitigen und die Schlachtrosse aus Jerusalem, und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden. Denn er wird den Völkern den Frieden gebieten, und seine Macht wird von einem Meer zum anderen reichen, vom Tigrisstrom bis zu den Enden der Erde.“

Ansprache
Gottes Liebe, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen!  Amen.

Liebe Gemeinde,
ein neues Jahr ist da! Ein neues Kirchenjahr. Heute, am 1.  Advent, zünden wir die 1.  Kerze an. Und übermorgen öffnen wir die erste Tür unserer Adventskalender – ob sie nun analog sind oder in dieser Zeit zusehends digital. Viele wundern sich, wo dieses letzte Jahr geblieben ist. Wie schnell ist es vergangen, auch wenn - oder gerade weil -  Vieles so ganz anders war als gewohnt. Ja, es ist schon so eine Sache mit der Zeit.

Wir leben und wir denken in Kategorien der Zeit: Stunden.  Tage. Wochen. Monate.  Das bietet uns Orientierung. Welcher Tag ist heute? Wo befinde ich mich gerade in meinem Terminkalender? Es ist wichtig, das zu wissen.  Damit das Richtige zur rechten Zeit getan wird.

Zugleich aber merken wir auch, dass Zeiten sich ändern. Gerade wenn wir die letzten Jahre miteinander vergleichen. Zeit – Ansagen werden gemacht. Täglich können wir das in den Medien verfolgen. Was gilt jetzt, im Moment? Was hat die Stunde geschlagen? Welche Regeln haben wir heute, morgen und in den nächsten Wochen zu befolgen? Was geben die Regierenden vor, die, die jetzt eine besondere Verantwortung tragen? Das alles verlangt viel Wachheit von uns, Aufmerksamkeit und ein flexibles Handeln. Und wir müssen jeweils neu für uns durchbuchstabieren und abwägen, was im Moment gerade ein verantwortungsvolles Verhalten ist. Gerade gegenüber unseren verwundbaren Nächsten.

Inmitten dieser Zeitansage möchten manche auch den Zeitgeist bestimmen. Sie wollen zeigen, wo es langgehen soll in unserer Welt. Da spricht einer einfach so von „alternativen Fakten“.  Da benutzt einer Twitter, als wäre es eine eigene, 4. Gewalt im Staate, mit der sich an demokratischen Strukturen vorbei Politik machen lässt. Menschen wollen den Zeitgeist bestimmen. Da radikalisieren und spalten sich ganze Gesellschaften innerhalb der westlichen Welt.  Da wird in unserem Land die Geschichte relativiert, und ein dumpfer Antisemitismus kommt wieder hervorgekrochen. Sie behaupten, sie allein wüssten, was wahr ist. Das alles sind Zeichen eines Zeitgeistes, die vielmehr Schreckgespenster sind. Diese Bewegungen sind Geister, Gespenster, die uns nur vorgaukeln, dass sie die Wahrheit vertreten. Sie nehmen unsere kostbare Zeit in Anspruch.  Sie wollen unsere Aufmerksamkeit. Sie erheben den Anspruch darauf, unser Denken, unser Fühlen und Handeln zu bestimmen.  Aber sie sind alle nur menschengemacht.

Da ist es gut, dass die Zeiten auch wechseln können. Dass etwas Anderes kommen kann. Der Lauf der Welt verändert sich auch! Er entlarvt viele Akteure, die den Zeitgeist bestimmen wollen. Und plötzlich fällt einem das Kind aus dem Märchen ein, das laut ruft: „Guckt mal, der Kaiser hat ja gar keine Kleider an!“

Hinter vielen Zeitgeistern steckt gar keine Substanz. Nichts Beständiges. Potemkimsche Dörfer. Reine Fassade.

Der biblische Text dieses Tages aber erzählt von einem wahren Geist. Der beständig ist. Und in Ewigkeit derselbe ist. Der wahr ist und sich treu ist. Der vor allem den Menschen treu ist. Und der die Menschen anspricht. Durch die Zeiten hindurch. Gottes Geist. Er geht uns unvermittelt an. Egal, in welcher Zeit wir leben. Wir hören ihn heute in den Worten Sacharjas, des Profeten: „Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, juble laut! Sieh, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer. Arm, und reitet auf einem Esel. Und er wird den Völkern Frieden gebieten, und seine Herrschaft wird von einem Meer zum anderen sein, bis an die Enden der Erde.“

Ein Profet sagt, was er von Gott weiß. Und er sagt, was jetzt gerade dran ist. Was die Stunde geschlagen hat. „Freut euch und jubelt!“ Er weckt seine Leute auf, er rüttelt sie wach. Er weiß, dass Vieles im Argen liegt zwischen den Menschen seiner Zeit. In der Gesellschaft seiner Zeit brodelt es: Gewalt ist auf den Straßen, Gewalt ist in den Häusern. Unfrieden, Streit und Auseinandersetzungen sind in vielen Beziehungen zu finden. Witwer und Witwen werden ausgegrenzt. Waisenkinder sind nicht versorgt. Arme hungern. Kranke leiden. Gastfreundschaft ist ein Fremdwort. Worüber sollten die Menschen sich da freuen?!

Sacharja, der Profet aber sieht tiefer. Er öffnet seinen Zeitgenossen den Blick dafür, dass es ja auch anders gehen könnte. Er malt ihnen eine ganz atemberaubende Vision vor Augen. Und er spricht von dem, der der „König ihrer Herzen“ werden möchte: der hilft, der gerecht ist, dem es wichtig ist, Unrecht zu überwinden und Frieden aufzurichten. Der demütig ist und sich selbst nicht zu hoch einschätzt. Damit öffnet der Profet seine Leute für die Perspektive, dass es durchaus anders zugehen könnte zwischen den Menschen. Und welch ein Gegenbild ist das zu den gängigen, üblichen Herrschern der Geschichte, die sich darin überbieten und überboten, reich zu sein, selbstsüchtig, korrupt und doppelzüngig. Menschen, die auf äußere Pracht aus sind und die keine Skrupel haben, über Leichen zu gehen. „Dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer. Der reitet auf einem Esel.“ Auf einem Esel?! Der taugt also gerade gar nicht  für eine aggressive Kriegsführung.

Sacharja spricht sein profetisches Wort hinein in einen der blutigsten Abschnitte der Weltgeschichte. Es ist die Zeit der sog. Diadochen, der Nachfolger Alexanders des Großen. Wo ein Herrscher den anderen zu Tode bringt – durch Intrigen, durch Dolch und Gift. Und dennoch halten sie alle sich für göttliche Wesen. Nennen sich „Heilsbringer“ (Euergetes), „auf Erden erscheinender Gott“ (Epiphanes) oder „Heiland“ (Soter). Dagegen nun erhebt ein Profet im kleinen Jerusalem seine Stimme und sagt: „Nein! Dein König kommt zu dir, um ein wirkliches Friedensreich zu errichten.  Ohne prachtvollen Glanz.“

Wen meint der Profet damit? Gott selbst? Einen einfachen Mann aus seinem Volk? Den Messias, der sehnsüchtig erwartet wird? Die jüdische und die christliche Tradition haben dies als messianische Voraussage verstanden. Aber im Text selbst bleibt es offen.

Ich denke, seine entscheidende Botschaft ist: „Merke auf! Auch wenn deine Gegenwart gerade dunkel ist -  das ist nicht das Ende aller Tage, nicht das Ende der Geschichtsschreibung. Es kann anders werden.  Gib nicht auf! Es gibt Licht am Horizont. Richte dich auf! Du darfst dem Dunkeln Licht entgegensetzen. Du siehst es vielleicht jetzt noch nicht, aber dein König kommt zu dir. Deine Erleichterung, deine Rettung.“

Die Menschen, die zur Zeit Jesu leben, erkennen die Worte des Profeten in ihm wieder, in dem Mann aus Nazareth. Er, der Friedenskönig, der arm ist und auf einem Esel nach Jerusalem hineinreitet. Begleitet von fröhlichen, glücklichen Menschen, die ihn als Messias, als den Sohn Davids, den lang erwarteten Retter feiern und preisen. Er ist es, der die Ausgestoßenen sieht und die Ausgegrenzten wieder in die Gemeinschaft hineinholt. Durch seine Kraft werden gebeugte Menschen aufgerichtet, erfahren Kranke Hilfe. Seine Liebe macht die Herzen der Menschen warm. Seine Liebe schließt Menschen füreinander auf und lässt sie neu entdecken, was Nächstenliebe bedeutet. Er verkündet die Sanftmut als einen entscheidenden Wert des Lebens. Und er zeigt mit seinem Handeln, wie Barmherzigkeit einem Menschen guttut. „Sieh, dein König kommt zu dir.“

Auch uns tut es gut, uns an ihm auszurichten, gerade in dieser Zeit. Wir sind dem Dunklen nicht ausgeliefert. Wir können das Licht der Welt in uns hineinlassen. Es hell werden lassen in uns.

Und auch wir können in den Spuren Jesu gehen. Lichter der Fürsorge und der Mitmenschlichkeit können wir anzünden. Fragen, wie es den Nachbarn, der Nachbarin geht und bedürftige Menschen sehen. Wir können kranken Menschen Gutes tun und den Trauernden unser Ohr leihen.

Wir können Arme unterstützen.  Daran werden wir gerade heute erinnert, wo wieder die „Aktion Brot für die Welt“ eröffnet wird.

So leuchten Lichter der Hoffnung und des Glaubens auf. Lauter kleine Lichter, die in der Dunkelheit unserer Welt aufstrahlen. Sie zeigen, dass das Licht der Welt unterwegs ist, der König des Friedens und der Liebe mit seinem so ganz anderen Reich.

„Sieh, dein König kommt. Zu dir.“ Es ist Advent.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, er bewahre unsere Herzen und Sinne in dem Messias Jesus. Amen.

EG 11,1-3 Wie soll ich dich empfangen

Fürbitten
Du, unser Gott, wir sind auf dem Weg durch das Leben. Auf diesem Weg kommt gerade Vieles auf uns zu. Wir danken dir für das Gute der letzten Zeit: dafür, dass sich ein neues Verhältnis zu den USA anbahnt und nun für manche globalen Probleme wieder gemeinsam nach Lösungen gesucht werden kann. Wir sind zutiefst dankbar für die Aussicht auf einen baldigen Impfstoff, der uns schützen und das Leben wieder leichter machen kann. Wir klagen dir aber auch, was uns belastet:  die Pandemie, die uns in allen Bereichen unseres Landes und unserer Welt in Atem hält. Du weißt um unsere Dünnhäutigkeit, wachsende Aggressionen und Verschwörungstheorien. Um Existenzangst und Niedergeschlagenheit, um die Trauer um geliebte Menschen. Das Wort deines Profeten und Dieners begleitet uns:  Komm uns zu Hilfe! Lass uns das Recht wahren und richte den Frieden unter uns auf.
Du, unser Gott, wir sind auf dem Weg durch das Leben. Auf diesem Weg kommen Manche auf uns zu: Menschen, die in Armut leben. Denen es nicht gut geht.  Die erschöpft sind und nach einer Perspektive für sich fragen. Menschen, die einsam sind. Doch das Wort und die Liebe deines Sohnes begleitet uns. Wir wollen zusammenhalten. Wollen einander wahrnehmen und unterstützen. Komm zu uns, Gott! Wir sind auf dem Weg. Komm zu uns in diesem so besonderen und ganz anderen Advent. Wir öffnen uns für dich.
Und alle unsere Bitten, die wir noch auf dem Herzen haben, nehmen wir mit hinein in das Gebet Jesu, das er uns geschenkt hat:

Vaterunser

Segen
Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Amen.

Adventsandacht am 28.11.2020 von Pfarrerin Meike Naumann

Musik zum Eingang

Begrüßung
„Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer."  Mit dem Wochenspruch aus dem Buch des Propheten Sacharja (9,9a) begrüße ich Sie ganz herzlich zu unserer Andacht am Vorabend des 1.Advent.
Mit dem 1. Advent beginnt das neue Kirchenjahr. Advent, das heißt Ankunft: die Adventszeit ist eine Zeit der Vorbereitung auf die Ankunft Jesu in dieser Welt, eine Zeit der Vorfreude und der gespannten Erwartung: „Macht hoch, die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit!“ so haben wir es von der Orgel gehört.
In diesem Jahr liegen den Adventsandachten die Bilder der Künstlerin Margot Brüning zu Grunde. „Hoffnungshorizonte“- so hat Margot Brüning diesen Bilderzyklus überschrieben. Die Kraft der christlichen Hoffnung kann uns helfen, die Herausforderungen unserer Zeit mutig anzunehmen. Hoffnung auf  Leben und Heilung. So feiern wir unsere Andacht im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Psalm24: EG
Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch,
dass der König der Ehre einziehe!
8Wer ist der König der Ehre?
Es ist der Herr, stark und mächtig, der Herr, mächtig im Streit.
9Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch,
dass der König der Ehre einziehe!
10Wer ist der König der Ehre?
Es ist der Herr Zebaoth; er ist der König der Ehre. SELA.

Gebet
Lebendiger Gott,
wir kommen zusammen, um Gottesdienst zu feiern.
Wir zünden die erste Kerze an, hören die vertrauten Lieder des Advents.
Wir bereiten uns vor auf das Weihnachtsfest.

Wir bitten dich:
Komme uns nahe mit deiner Gerechtigkeit!
Lass uns erfahren, dass deine Gerechtigkeit die Welt verändert,
und schenke uns immer wieder Möglichkeiten, Teil deiner Gerechtigkeit zu werden!
Amen!

Musik: O Heiland reiß die Himmel auf

Ansprache

Liebe Gemeinde, da zwängt sich etwas aus dem Dunkel heraus. Die tiefblauen Flächen scheinen sich unweigerlich öffnen zu müssen. Da ist eine Kraft, die zum Licht drängt. Etwas, was lange im Dunkel wohnte, will jetzt frei gegeben werden. In Verbindung mit dem Licht beginnt alles zu grünen.

Es erinnert mich an Knospen die aufspringen. Und damit kommt die Erinnerung an eine alte Nachbarin aus meinem Elternhaus, die schon lange nicht mehr lebt. Aber gute 30 Jahre sind wir in Butzbach Nachbarn gewesen. Und am Zaun zwischen unseren Grundstücken da standen auf ihrer Seite Spalierobst. Äpfel und Birnen. Und auf dieser davor ein wunderbarer alter Apfelbaum. Die Knospen auf der Karte erinnern mich an die Knospen dieses Apfelbaums von denen mir meine Nachbarin einmal erzählte:

„Ich wollte ihn schon immer mal wieder abholzen lassen, den alten Apfelbaum, weil er beim Rasenmähen so im Weg steht. Dann habe ich mir aber gedacht: Nein, der treibt noch mal. Und siehe da, einige Wochen später wachsen Knospen heran. Sie werden dicker und weicher. Das erste grüne Laub spitzt durch, die ersten weißen Blätter. Und dann blüht er ganz auf, auch in diesem Jahr.“ Und meine alte Nachbarin sprach weiter: „Es gibt nichts Schöneres als Apfelblüten im Frühjahr. Das Summer der Bienen. Diese weiße Pracht. Wenn ich dann aus dem Küchenfenster schaute, atme ich auf. Wieder einmal setzt sich das Leben durch und ich freue mich so darüber.“

Diese Nachbarin, liebe Gemeinde, ist für mich ein durch und durch adventlicher Mensch. Im Winter wenn die Bäume kahl sind, das Gras vergilbt ist und die Blüten abgestorben, wenn die Kälte die Insekten vertreibt und die frühe Dunkelheit das Leben verlangsamt – zumindest in der Natur – und in diesem Jahr durch den Lockdown auch bei uns Menschen – da sehnt sie sich nach den bunten Farben des Frühlings. Da glaubt sie an die Kraft ihres Baumes. Da schaut sie gespannt auf die Knospen du vertraut darauf, dass sie blühen werden.
Am 4. Dezember stecken manche jedes Jahr Kirschzweige in eine Vase. Frisches Wasser braucht es dazu, Winterlicht und vier Wochen Warten. Mehr nicht. Irgendwann springen die Knospen auf. Der Zweig beginnt zu blühen und steht an Weihnachten in seiner kleinen Pracht. Rosa Blüten am kahlen Zweig – Frühlingsboten neben dem Adventskranz oder dem Weihnachtsbaum. Dieser Brauch erinnert an einen anderen adventlichen Menschen. An eine junge Frau. Barbara war ihr Name. Sie war Christin geworden in einer Zeit, in der man für dieses Bekenntnis sein Leben aufs Spiel setzte. Wie grausam. Es war ihr eigener Vater, der über sie das Todesurteil fällte. Auf dem Weg zum Gefängnis – so die Legende – verheddert sich ein Zweig in ihrem Kleid. Sie steckt ihn in einen Becher mit Wasser. Als der Tag der Hinrichtung kommt, blüht der Zweig. Rosa Blüten – hauchdünn. „So wie du jetzt aufblühst“, soll Barbara gesagt haben, „werde ich aufblühen in einem neuen Leben“.

Zwei Frauen – eine alt und im Alter immer mal wieder einsam. die andere vom eigenen Vater verurteilt und den Tod vor Augen. Dazwischen liegen hunderte von Jahren. Was sie eint, ist der Hoffnungshorizont, in dem sie leben: Leben setzt sich durch. Knospen springen auf – fangen an zu blühen – jedes Jahr neu und einmal auch für immer.

Adventliche Menschen sind hoffnungsvolle Menschen. Sie erwarten Gutes von der Zukunft. Sie erwarten Gutes von Gott. Sie glauben an die Kraft des Lebens. Aus den kleinsten Zeichen schöpfen sie Hoffnung und atmen auf. Wer könnte atmen ohne Hoffnung?

„Hoffnungshorizonte“ heißt die Reihe der diesjährigen Adventsandachten. Es ist erstaunlich. Eine Herleitung des deutschen Wortes „hoffen“ trägt die Vorstellung des Horizontes schon in sich. Sie kommt aus dem Indogermanischen und bedeutet sich bücken. Sie lässt sich mit dem Griechischen „sich nach vorn beugen“ vergleichen. Indem man sich nach vorne beugt, versucht man weit über das, was ganz nahe ist, über den eigenen Tellerrand hinauszusehen. Wer nach vorne schaut, schaut von sich weg auf den Horizont. Dorthin „Wo die Schnittstelle ist zwischen Himmel und Erde“ – so beschreibt es die Malerin unseres Adventsmotivs. Wer nach vorne schaut, hebt den Kopf, der Brustkorb weitet sich. Atem kann fließen.
Ich nehme noch einmal die Karte in die Hand. Im ersten Augenblick wirkt sie düster auf mich, kalt und lebensfeindlich. Aber dort am Horizont wird es schon hell. Noch ist das Licht kalt und winterweiß. Aber an einer Stelle färbt es das Blau schon in Grün. Ich stelle mir vor, wie das Licht von Weihnachten das weiße Licht in warmes, gelbes Licht verwandelt. Ich höre die Stimme des Propheten Jesaja. „das Volk, das im Finstern wandelt sieht ein großes Licht und über denen, die im finsteren Tal leben, scheint es hell.“ JEs 9,1
Die schwarzen Striche, die Knospen an dem dunkel angedeuteten Zweig beginnen sich zu regen. Sie verändern sich, werden dick und weich und springen auf. Helles Blattgrün wird frei. Die Triebe entfalten sich und ich höre den Propheten Jesaja sagen: „Aus dem Baumstumpf Isais wächst ein grüner Reis, ein junger Trieb aus seiner Wurzel bringt Frucht“ (Jes 11,1). Es ist ein Ros entsprungen, aus einer Wurzel zart…. Das Blümelein so kleine, das duftet uns so süß. Mit seinem hellen Scheine vertreibts die Finsternis. Wahr Mensch und wahrer Gott, hilft uns aus allem Leide. Rettet vor Sünd und Tod.  – Dieses Lied durchdringt die Landschaft meiner Adventskarte.

Gott selbst taucht da am Horizont auf. In einem kleinen Kind kommt er zur Welt Mit ihm setzt sich Leben durch. Menschen werden heil. Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, den Armen wird das Evangelium verkündet und Tote haben das ewige Leben. Und einst wird die Welt verwandelt in einen blühenden, friedlichen Ort.

Adventliche Menschen sehen Gott im Hier und Jetzt als einen ,der schon da ist. Sie wissen sehr wohl, wie zerbrechlich und endlich das Leben ist und wie mühsam es manchmal sein kann leben zu müssen. Und sie sehen Gott am Horizont als einen der noch kommt, der Leben mit sich bringt wieder einmal – immer wieder – und einmal für immer. Adventliche Menschen schauen dem entgegen und atmen auf. Jedes Jahr neu: Dann kann ihnen ein Virus die Weihnachtsfreude nicht verderben. Dann lassen sie sich verzaubern von Wirkung liebevoller Zuwendung oder tatkräftiger Unterstützung. Dann hoffen sie darauf, dass ein Liebeswort die Angst überwindet , dass Apfelblüten einsame Menschen trösten und der blühende Barbara daran erinnert, dass neues Leben und neue Wege möglich sind.

Das ist der Hoffnungshorizont, der vor uns ausgebreitet wird in den nächsten Wochen. Beugen wir uns nach vorn, schauen wir ihm entgegen und werden selbst adventliche Menschen.

Und der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes. (Röm 15,13) Amen.

Musik

Gebet
Du Gott des Neubeginns,
du sehnst dich danach,
dass wir wahrhaft adventliche Menschen werden.
Segne unsere Hoffnung
und unser Vertrauen in deine Verheißung,
damit wir mit wachsen Herzen
unsere Sehnsucht nach dir lebendig halten,
mit wachem Gespür
die Zeichen der Zeit zu deuten wissen.
Segne unsere Hoffnung
Und unser Vertrauen in deine Wiederkunft,
damit wir mit wachem Blick
Ausschau halten, wo du uns entgegenkommst,
in freudiger Erwartung
bereit sind für die Begegnung mit dir.
Segne unsere Hoffnung
Und unser Vertrauen in deine Gegenwart,
damit wir hellwach
ausgerichtet bleiben auf dich,
offen und empfänglich für dein Wort,
das uns jeden Tag neu ins Leben ruft. Amen.

Vaterunser

Segen

Geh deinen Weg durch den Advent
Und lass das Licht in dich ein –
Dass es dich berühre,
in dir leuchte
und die Gesichter der Menschen froh mache,
die mit dir sind.
Amen

Musik

Gottesdienst am 15.11.2020 von Pfarrerin Meike Naumann

Musik

Begrüßung

Der heutige Sonntag, Volkstrauertag führt uns hinein ins Nachdenken über den Sinn des Gedenkens. „Muss das denn immer sein?“ – so ertappe ich mich manches Mal bei der Vorbereitung dieses Sonntages. „Ist nicht diese Novemberzeit, in der das Leben kahl wird und uns der Ewigkeitssonntag vor der Tür steht, schon schwer genug? Und gerade dieser November ist durch Corona und den erneuten Lockdown noch schwerer als sonst.“ Die Botschaft des Volkstrauertags lautet ganz kurz zusammengefasst: Nie wieder Krieg! Es ist gerade in dieser Zeit besonders wichtig diese Botschaft für uns, unser Land und die Welt wachzuhalten. Deswegen finde ich den Volktrauertag doch gut. Und gerade weil wir in diesem Jahr keinen Kranz am Denkmal ablegen können, ist es wichtig, dass wir hier in diesem Gottesdienst gedenken und für den Frieden beten. Wir tun das im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Lassen Sie uns unsere Stimmen erheben. Das Dunkle benennen, in dem wir stehen, Schuld und Not, die in unserem Land durch Verbrechen an der Menschlichkeit entstanden sind. Lassen Sie uns unsere Stimmen erheben und unsere Sehnsucht nach Heil Raum gewinnen lassen. Wir beten mit guten, alten Worten, die vor uns schon so viele getröstet haben und sprechen gemeinsam... (Ps 51 Nr. 727)

HN 727 Psalm 51
Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz
Gott, sei mir gnädig nach deiner Güte,
und tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit.
Wasche mich rein von meiner Missetat,
und reinige mich von meiner Sünde;
denn ich erkenne meine Missetat,
und meine Sünde ist immer vor mir.
An dir allein habe ich gesündigt
und übel vor dir getan,
auf dass du recht behaltest in deinen Worten
und rein dastehst, wenn du richtest.
Siehe, dir gefällt Wahrheit, die im Verborgenen liegt,
und im Geheimen tust du mir Weisheit kund.
Lass mich hören Freude und Wonne,
dass die Gebeine fröhlich werden, die du zerschlagen hast.
Verbirg dein Antlitz vor meinen Sünden,
und tilge alle meine Missetat.
Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz,
und gib mir einen neuen, beständigen Geist.
Verwirf mich nicht von deinem Angesicht,
und nimm deinen Heiligen Geist nicht von mir.
Erfreue mich wieder mit deiner Hilfe,
und mit einem willigen Geist rüste mich aus.
Ps 51,3-6.8.10-14

Tagesgebet
Gott des Lebens!
Du weckst in uns die Sehnsucht nach Erneuerung unserer Welt.
Lass uns erkennen, wo dein Reich heute schon unter uns ist.
Gib uns die Kraft und den Mut zu tun, was dem Frieden dient,
und dein Heil zu erwarten.
Durch Christus Jesus, unseren Herrn.
Amen.

Schriftlesung 25,31-46
31Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sich setzen auf den Thron seiner Herrlichkeit, 32und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, 33und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken.34Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! 35
Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. 36Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.37Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben? Oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? 38Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen? Oder nackt und haben dich gekleidet? 39Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? 40Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.41Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln! 42Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben. 43Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht.44Dann werden auch sie antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig gesehen oder als Fremden oder nackt oder krank oder im Gefängnis und haben dir nicht gedient? 45Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan. 46Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben.

Glaubensbekenntnis

Musik

Predigt

Friede sei mit Euch von dem, der da ist und der da war und der da kommt!

Liebe Gemeinde! Volkstrauertag.

Lange schon ist unser Leben in Deutschland wieder vom Frieden geprägt, von Wohlstand und Sicherheit. Auch Möglichkeiten des Bildungszugang für viele, Möglichkeiten von Meinungsfreiheit und demokratischer Mitgestaltung, auch Dichten und Denken und die Kunst des schönen Lebens sind im Frieden gewachsen und stehen uns offen.

Blicken wir heute zurück und schauen wir etwas genauer hin, sind die Folgen und Wirkungen von zwei Weltkriegen an Menschen und Völkern immer noch zu sehen und zu spüren. Von Deutschland aus ist im Nationalsozialismus viel Unmenschlichkeit, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, in die Welt gekommen. Viel Tod und Leid hat Menschenleben mit schweren Schatten des Todes, mit Schuld und vielerlei unermesslichem Leid und Not versehen. Geprägt sind Leben, ist die Welt davon. Manches geht als Erbe durch unsere Familien, durch unsere Biographien, prägt mein Leben noch nach Jahrzehnten.

Wir hören heute eine ungewöhnliche Geschichte, die für mich schwer zu fassen ist. Erst langsam weicht mein Widerstand und ich kann mich anstiften lassen, einen ungewöhnlichen Weg in dieser Geschichte zu erkennen. Diesen Weg vielleicht sympathisch zu finden. Hören Sie selbst:

Lukas 16,1ff Vom ungerechten Verwalter
161Er sprach aber auch zu den Jüngern: Es war ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter; der wurde bei ihm beschuldigt, er verschleudere ihm seinen Besitz. 2Und er ließ ihn rufen und sprach zu ihm: Was höre ich da von dir? Gib Rechenschaft über deine Verwaltung; denn du kannst hinfort nicht Verwalter sein. 3Da sprach der Verwalter bei sich selbst: Was soll ich tun? Mein Herr nimmt mir das Amt; graben kann ich nicht, auch schäme ich mich zu betteln. 4Ich weiß, was ich tun will, damit sie mich in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich von dem Amt abgesetzt werde. 5Und er rief zu sich die Schuldner seines Herrn, einen jeden für sich, und sprach zu dem ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig? 6Der sprach: Hundert Fass Öl. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich hin und schreib flugs fünfzig. 7Danach sprach er zu dem zweiten: Du aber, wie viel bist du schuldig? Der sprach: Hundert Sack Weizen. Er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig.8Und der Herr lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte. Denn die
Kinder dieser Welt sind unter ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts

Liebe Gemeinde, wenn es ums Verwalten von Gottes Gaben und Gütern geht, dann ist mir einleuchtend, dass es an anderer Stelle in der Bibel heißt, wir sollen Haushalter*innen der guten Gaben Gottes sein. Was soll ich nun heute mit diesem ungerechten Verwalter anfangen, frage ich mich. So ein Opportunist, der die Fahne in den Wind hält? Das provoziert mich. Vielleicht fällt mir das deshalb so auf, weil ich mich selbst oft gefragt habe, wie ich mich wohl verhalten hätte, wenn ich im Nationalsozialismus hätte leben müssen. Wäre ich eine Sophie Scholl gewesen? Oder hätte ich eine Täter*innen-Biographie? Hätte ich mich in so einem System in Schuld verstricken lassen und in Unmenschlichkeit? Oder hätte ich mir Auswege gewünscht, sie gesucht und gefunden?

Wahrscheinlich denken die Leute zur Zeit Jesu beim ungerechten Verwalter an Land in Galiläa, an Land, das nach Kriegen, all der Fremdherrschaft und Unterdrückung, nicht mehr den Bauern vor Ort gehört, sondern reichen Leuten im Ausland. Die hatten Leute aus der Gegend angestellt, die alles in ihrem Sinne verwalten sollten. Unsere Hauptperson steht also im Dienst solch eines Systems. Das ist uns in der deutschen Geschichte nicht fremd. Das Menschen einfach gemacht haben, was sie machen sollten oder mussten, aller Unmenschlichkeit zum Trotz weitergemacht haben, was bei ihnen eben auf dem Schreibtisch lag.

Als unser Verwalter denunziert wird, sieht er zwei Wege. Beide will er nicht einschlagen. Sie scheinen ihm ohne Hoffnung zu sein. Das imponiert mir. Nach all dem Leben im Dienst der Unmenschlichkeit hat er jetzt Hoffnung und will einen neuen Weg für sich, in dem Menschlichkeit und Geborgenheit in guten Beziehungen möglich ist. Er hat wohl irgendwie in sich ein Wissen davon, dass er es wert ist – und dass die anderen Menschen es auch wert sind.

Ob er wirklich schuldig war – das denke ich – oder ob er vielleicht unschuldig denunziert wurde, das erfahren wir gar nicht. Aber wir erfahren, dass dieser Mensch abwägt.
Der Verwalter will nicht Anschuldigungen aushalten, beschuldigt werden. Dieser Mensch will nicht beschämt werden. Das finde ich beeindruckend. Das ist vielleicht auch gesund. Beschämung ist furchtbar. Meist lebensfeindlich. Schwer ist es, von da wieder in die Liebe zu kommen, in die Selbstliebe, in die Nächstenliebe oder in die Gottesliebe.

Unser Mensch sieht einen zweiten Weg: Sich bestrafen lassen. Das würde heißen eine Arbeit tun, die seinen Gaben gar nicht entspricht. Das möchte er nicht. Er möchte seinen Gaben entsprechend leben. Deswegen sucht er nach einem dritten Weg.

Ich sehe in diesem Beispiel viel Liebe, viel Wissen darum, was wir brauchen, damit wir Liebe spüren können, uns selbst lieben können, für uns selbst sorgen können.

Viele Menschen, die in einem System waren, das andere Menschen unmenschlich behandelt hat, sind davon traumatisiert. Oder sie haben gesehen, wie Menschen durch das System, in dem sie selbst mitmachen, traumatisiert worden sind. Bei ihnen selbst bleibt ein starker Eindruck davon zurück. Auch der Krieg in Deutschland hat viele Menschen traumatisiert. Wenn ich vom Holocaust rede, werden sich bei Ihnen vermutlich sofort Bilder dazu einstellen. Unermessliches Leid ist entstanden, Entmenschlichung. Auch viele andere Menschen, die die Gewalt des Krieges als Kinder erlebt haben, wissen von Traumatisierungen und reden inzwischen davon. Angehörige von Menschen mit Traumata können selbst auch davon beeinflusst werden, Sekundärtraumatisierungen sagt man dazu. Das ist ein weites Feld. Ich weise nur darauf hin, weil ich glaube, dass der Mensch in unserer Geschichte eine wirklich gute Idee hat, als er sich danach sehnt, dass es einen Weg geben muss jenseits von Beschämung und Bestrafung. Ich finde es ganz beeindruckend, dass er von der Kraft der Selbstliebe weiß. In Kontexten, die traumatisierend waren oder sind, ist es unbedingt hilfreich und notwendig, dass Menschen eine gute Selbstfürsorge entwickeln. Das lebt uns die Beispielgeschichte vor. Sicherheit soll der neue Weg bringen. Geborgenheit. Hoffnung auf gutes Leben leitet unsere Hauptperson und der Wunsch nach Beziehungen, die tragen mögen und können. Unser Mensch gibt nach all der Unmenschlichkeit, nach all dem Verstricktsein in Schuldkontexte, die auch bleiben, die Hoffnung nicht auf, dass es eine gute Gemeinschaft in Menschlichkeit und echter Zugewandtheit geben kann, wieder geben kann, auch für ihn. Er ist es sich wert.

Das Lukasevangelium, das Evangelium der Armen und der Frauen, ist übrigens das einzige Evangelium, das diese Art der Hoffnungsgeschichte erzählt. Ich vermute, dass es auch daran liegt, dass arme Leute diese Art der Geldumverteilung sicher mit einem anderen Ohr hören als Reiche, die sich spontan eher mit dem Arbeitgeber des Verwalters identifizieren könnten.

Die Geschichte fordert mich auf, einen anderen Weg zu suchen. Was rät mir die Selbstfürsorge, wonach sehnt sich meine Selbst- und Nächstenliebe? Welche Bilder der Hoffnung lässt Gottes Liebe in mir aufsteigen?

Andere machen es vor: Im Kontext großer Unmenschlichkeit die Hoffnung auf Menschlichkeit behalten. Es mir wert sein. Hoffnung in die Welt halten. Auf Beziehungen, die tragen, hoffen und Geborgenheit für möglich halten. Der Liebe etwas zutrauen und Menschlichkeit suchen. Andere machen es vor: Viele Gefühle durchschreiten und in schwierigen Kontexten einen Weg finden, jenseits von Strafe und Scham. Ich denke, ich hoffe, das können wir auch.

Und der Friede Gottes, der alles, was wir zur Sache des Friedens zu denken wagen, übersteigt, halte unseren Verstand wach, unsere Hoffnung groß und mache unsere Liebe stark. In Christus Jesus.
Amen.

Musik

Fürbitten
Ewiger Gott, Du sagst, wir sollen nicht richten:
Nicht über die anderen und auch nicht über uns.
Wir sind aber sehr geübt darin, Beschuldigungen auszusprechen; überall Täter und Opfer auszumachen.
Hilf uns umzudenken und die anderen und uns selbst als Menschen sehen,
wie du uns geschaffen hast: Begabt zum Guten.

Ewiger Gott,
Unser Land ist noch immer verletzt von den beiden großen Kriegen. Das klagen wir dir heute!
Es zieht sich durch unsere Familien seit Generationen.
Nur langsam heilen die Wunden.
All die Toten! All die erlittene und verursachte Gewalt!
All die Schuld und die Not, die sich mit beiden Weltkriegen und dem Holocaust
in die Geschichte unseres Landes eingeschrieben hat!
Oh, hilf uns Gott, Frieden zu halten. Die Heilung zu fördern.

Ewiger Gott,
Hilf uns, Gott, die Spannungen auszuhalten zwischen den so weit auseinander gehenden Entwürfen,
was Menschlichkeit in unserer Gesellschaft fordert.
Lass uns dem wachsenden Rechtsextremismus mutig entgegenstehen.
Die Folgen der Corona-Pandemie lassen den Ton zwischen den verschiedenen Gruppierungen schärfer werden.
Schenk uns Geduld und langen Atem in dieser Zeit respektvoll miteinander umzugehen!

Ewiger Gott,
Wir klagen heute über die Opfer von Krieg und auch von Terroranschlägen in Frankreich und in vielen anderen Teilen unserer Welt.
Die Attentäter werden von blindem Hass gegen anders Denkende oder anders Glaubende getrieben.
Wir klagen dir den Hass, die Angst, die Verunsicherung.
Wir klagen über jedes Opfer und ihre Familien.
Wir klagen dir den Missbrauch von Religion, die dazu benutzt wird, das eigene Machtstreben zu tarnen.
Wir klagen dir, dass wir so hilflos sind.

Ewiger Gott,
wir bitten dich für alle Völker der Welt um Gerechtigkeit und Frieden,
wo Krieg und Gewalt und Macht das Wort führen.
Ewiger Gott,
In deiner Kraft sind wir gut aufgehoben.
Stärke unsere Hoffnung, dass sich das Gute als stärker erweist als das Böse
und das Leben mächtiger ist, als der Tod.
Ewiger Gott,
wir denken an die Menschen, die wir in dieser Woche bestattet haben und zünden eine Kerze für sie an: (...) Nimm du sie auf in deinen ewigen Frieden, heile alle Wunden und wische ab alle Tränen. Sei bei ihren Angehörigen mit deinem Trost.
Noch mehr haben wir auf dem Herzen, Gott.
Als Gemeinde und als Einzelpersonen ganz privat.
Alles legen wir dir ans Herz und wissen es eingeschlossen, in das Gebet, das Jesus uns gegeben hat.

Vater unser

Abkündigungen

Segen

Musik

Gottesdienst am 8.11.2020 von Pfarrerin Susanne Pieper

Musik

Begrüßung
„Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder genannt werden.“ Mit diesem Wort Jesu Christi aus seiner Bergpredigt in Matthäus 5,9 begrüße ich Sie herzlich zum Gottesdienst an diesem neuen Morgen.  Den Frieden finden – den Frieden im eigenen Herzen, den Frieden zwischen Menschen, den Frieden innerhalb einer Nation und den zwischen Völkern – in diesen Tagen erleben wir es auch im Blick auf die amerikanischen Nachbarn, wie schwer es ist, Frieden zu stiften und zu halten. Dieser Gottesdienst möchte uns darin mit seinen Gebeten, Liedern und Texten eine Hilfe sein.

Wir feiern den Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Psalm 85,9-14
Ich will hören, was Gott, der Herr, zu sagen hat:
Er verkündet Frieden seinem Volk,
denen die ihm die Treue halten;
doch sollen sie nicht in ihre alte Unvernunft zurückfallen.
Ganz sicher wird er allen helfen, die ihm mit Ehrfurcht begegnen.
Seine Herrlichkeit wird wieder in unserem Lande wohnen.  
Dann begegnen sich Güte und Treue, dann küssen sich Gerechtigkeit und Frieden.
Treue wird aus der Erde sprießen und Gerechtigkeit vom Himmel blicken.
Der Herr selbst wird uns mit Gutem beschenken, und unsere Felder werden reiche Ernten bringen.
Gerechtigkeit wird dem Herrn vorausgehen, ja, sie wird ihm den Weg bahnen.

Gebet
Hier sind wir, Du, barmherziger, hoffnungsspendender Gott. Wir danken Dir, dass Du da bist und auf uns wartest. Manchmal fällt es uns schwer, Deine Gegenwart zu spüren, und dann wieder ist sie einfach da. Hilf uns, dass unser Vertrauen auf Dich da bleibt, in guten wie in schwierigen Zeiten. Sende deinen Frieden hinein, wo Unfrieden das Leben vergiftet. Und stärke unsere Hoffnung auf Dein Kommen in unsere Welt.  Das bitten wir im Namen Jesu Christi, unseres Bruders und unseres Herrn.  Amen.

Lied EG 409,1.2.4.6-8 Gott liebt diese Welt

Schriftlesung aus 1.  Thessalonischer 5
„Der Herr wird herabkommen vom Himmel.  Wann das alles sein wird, zu welcher Zeit und Stunde, brauchen wir euch, liebe Schwestern und Brüder, nicht zu schreiben. Ihr selbst wisst ganz genau, dass der Tag, an dem der Herr kommt, so unerwartete eintreffen wird wie ein Dieb in der Nacht. Doch ihr lebt ja nicht in der Finsternis. Also kann euch der Tag, an dem er kommt, auch nicht wie ein Dieb in der Nacht überraschen. Ihr alle lebt im Licht; ihr gehört zum hellen Tag und nicht zur Nacht mit ihrer Dunkelheit. Darum lasst uns nicht schlafen wie die anderen! Wir wollen hellwach und nüchtern bleiben! Wir sind Kinder des Tages. Lasst uns besonnen sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil.“

Ansprache
Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn und Bruders Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Liebe Gemeinde, dieser Zweig hier in der Vase - er steht für den Herbst, den wir gerade von seiner sonnigen Seite erleben. Im Laufe der Predigt will ich einige Blumen in diese Vase hinzustellen.  Und damit möchte ich etwas von dem Licht veranschaulichen, das uns der Text dieses Morgens heute nahebringen möchte.

Jetzt im Herbst spüren wir besonders, wie die Zeit verrinnt. Die Tage werden immer kürzer und auch das Kirchenjahr geht seinem Ende entgegen. Unsere Lebenszeit läuft unaufhörlich weiter. Und nichts kann die Zeit anhalten. Allerdings sind es ja ganz besondere Ereignisse und Tage, die sich davon absetzen. Sie setzen Wegmarken hinein und unterbrechen diese Zeit, die unaufhaltsam vergeht.

Was waren die besonders herausragenden Tage Ihres Lebens? Wenn wir darüber nachdenken, dann kann dabei ein bunter Strauß von ganz besonderen und einmaligen Tagen zusammenkommen.

Es könnte die Geburt eines Kindes gewesen sein oder mehrerer Kinder (zwei Blumen), oder auch der Tag der Hochzeit (eine Bl.). Ich denke auch an eine Frau, die den großen Schritt in die Selbständigkeit gewagt hatte und für die es einen Schritt in einen ganz neuen Lebensabschnitt bedeutete (eine Bl.). Vielleicht denken Sie auch an einen besonderen runden Geburtstag zurück oder an einen schönen Moment während eines Urlaubs (zwei Bl.). Es mag sein, dass Ihr innerer Blick nun auch schon nach vorne gegangen ist und Sie sich fragen: was könnte für mich zu einem ganz besonderen Tag werden? Wenn das erwachsen gewordene Kind seine erste Arbeitsstelle antritt?  Oder wenn das erwartete Enkelkind da ist? Oder wenn die ersehnte Nachricht da, dass es einen Impfstoff gibt? (3 Bl).

Einmalige, ganz besondere Tage; sie leuchten in unserem Leben hervor aus dem Einerlei der verrinnenden Zeit.

Für den Apostel Paulus gibt es einen Tag, der nicht nur für einen Einzelnen, sondern für alle Menschen ein entscheidender und einmaliger Tag sein wird. Die große Hoffnung auf diesen Tag erfüllt ihn. Sie gibt ihm die Kraft, um sich für die große Mission einzusetzen, die ihm aufgetragen ist. Auch gegen alle Widerstände und gegen alle Anfeindungen, die er erfährt. „Der Herr wird herabkommen vom Himmel,“ schreibt er an seine Gemeinde. Der Tag Gottes.  Die große Erwartung. Dafür steht diese ganz besondere Blume. Paulus erinnert die Empfängerinnen und Empfänger seines Briefes an diese Erwartung. Er schreibt seinen Brief im Jahr 50 oder 51 n. Chr., also etwa 20 Jahre nach dem Tod und der Auferstehung Jesu. Die ersten Christen, zu denen auch die aus der Stadt Thessaloniki gehören, glauben, dass die neue Zeit angebrochen ist, dass sie nicht mehr sterben werden, bis Jesus wiederkommt und sein neues Reich aufbauen wird. Doch nun war schon einige Zeit vergangen.  Und manche aus der Gemeinde waren bereits gestorben.  Die Zeit verrann weiter. Kam der Tag des Herrn nun doch nicht mehr? Oder konnte man ihn an bestimmten, besonderen Vorzeichen erkennen? Worauf sollte man sich denn nun einstellen?

Die Frage nach der Wiederkunft Jesu Christi, liebe Gemeinde, hat die Menschen durch die Geschichte hindurch immer wieder beschäftigt. In manchen religiösen Gemeinschaften und Kirchen wurde sie minutiös berechnet.  Und dann im Nachhinein immer wieder korrigiert, wenn der berechnete und verkündete Termin ereignislos verstrichen war. Auch das Judentum kennt religiöse Strömungen, in denen die Ankunft des Messias ganz konkret erwartet wurde. Das ging zum Teil so weit, dass Menschen ihr Hab und Gut verkauften, weil sie sicher waren, dass sie das alles nicht mehr benötigen würden.

Paulus aber schreibt hier ganz grundsätzlich und sehr nüchtern: Wir wissen nicht, wann der Tag Gottes kommt. Damit lehnt er es ab, Gott auf ein bestimmtes Datum festlegen zu wollen. Es gibt im Glauben kein Ultimatum, bis zu dem Gott dieses oder jenes erledigt haben müsste. Er ist frei in seinem Handeln. Und es ist ganz allein seine Entscheidung, wann die neue Welt, wann sein Reich des weltumspannenden Friedens und seiner Gerechtigkeit anbrechen wird.

Entscheidend aber ist für Paulus, dass die Christinnen und Christen ihre Hoffnung auf den Tag Gottes nicht aufgeben. Die Erwartung, dass es ein Leben ganz im Lichte Gottes geben wird. Ein Leben ohne all das persönliche Leid, das wir und die Menschen um uns herum immer wieder durchleiden müssen. Auch ohne die Schrecknisse, die Gräueltaten, die Kriege und Katastrophen, die das Leben auf dieser Erde im Laufe der Jahrhunderte immer wieder erschüttert haben. Allein morgen, am 9. November, erinnern wir uns wieder an die Gewalttaten, die vor 81 Jahren an den Menschen jüdischer Herkunft in unserem Land begangen wurden und zur mörderischen, zutiefst bösartigen Vernichtung so vieler Unschuldiger führten. Es ist nicht leicht, sich dem allem zu stellen. Und um im Bild des Schlafens und Wachens zu bleiben: Angesichts all dessen möchte man schon manchmal innerlich die Decke über den Kopf ziehen und versuchen, so ganz ohne Erwartungen und Visionen durch das Leben zu kommen.

Doch genau an dieser Stelle kommen uns die Worte des Paulus entgegen. Mit ganz viel Energie und Optimismus ruft er uns zu: „Ihr seid Kinder des Tages! Ihr alle lebt im Licht! Lasst euch genau daran erinnern!“ Das ist seine gute Botschaft.  Das ist sein Evangelium, auch für uns. „Über das Wie und Wann der Wiederkehr Jesu macht euch mal keine Gedanken. Viel entscheidender ist, wie ihr inzwischen euer Leben gestaltet, wie ihr lebt. Mit welcher Haltung und Einstellung. Seid euch zuerst dessen bewusst, das ihr Kinder des Lichtes seid!“

Schnell kommen wir dazu, uns klein zu fühlen und unbedeutend. Bei uns selbst zu denken: „Ach, ich bin doch nur ein kleines Licht.  Was kann ich mit meiner kleinen Kraft schon erreichen? Was kann ich schon?“  Aber ich denke, das ist der falsche Ansatz.  Das ist eine zu kleinmütige Perspektive. Wir sind nicht Kinder des Lichtes, weil wir so besondere, herausragende Menschen sind. Oder weil wir so viel Besonderes leisten. Wir sind Kinder des Lichtes, weil wir uns von Gottes Licht bescheinen lassen können. Von Gottes Licht bescheinen lassen, das hat erst einmal ganz viel mit Stille zu tun. Ich habe das Bild vor mir, in Ruhe auf einer Parkbank zu sitzen und die Herbstsonne in mein Gesicht scheinen zu lassen. Die gute Luft einzuatmen und einen ausgiebigen Spaziergang zu unternehmen. Oder für mich ein Lied zu singen.  Oder in den Schein einer Kerze zu sehen.  Ich lasse mich von dem Licht bescheinen, das schon da ist. Ich darf mir etwas Gutes tun lassen. Ich darf etwas an mir geschehen lassen. Ich darf mir sagen lassen, dass ich ein Kind des Lichtes bin.

Wir sind auch Kinder des Lichtes, weil wir zu dem Einen gehören, der von sich gesagt hat: „Ich bin das Licht der Welt.“ Wir gehören zu ihm.  Ganz ohne eigenen Verdienst, ganz ohne eigene Vorleistung. Jesus Christus erhellt unsere Nacht. Darum können wir dem Dunkel standhalten, das in unserer Zeit seine eigenen Namen hat -  ob es nun Ratlosigkeit heißt oder Furcht, Resignation oder Pandemie. Wir gehören zu dem Einen, der uns das Licht gebracht hat, und der unseren Lebensweg erhellt und erhellen will.  Jesus Christus hat uns das Licht des Lebens und der unerschöpflichen Hoffnung gebracht. Und wir wissen, dass in der Mitte der Nacht der neue Tag mit ihm beginnt.

Aus diesem Wissen, aus dieser Haltung heraus können wir auch unser Leben als Kinder des Lichtes gestalten. Hellwach und nüchtern sein und mit Hoffnung im Herzen. Bis zum Tag Gottes bewusst und aufmerksam sein. Als Christinnen und als Christen haben wir den lichtvollen, hellen Tag Gottes im Kopf und im Herzen. Damit blicken wir weiter. Damit haben wir einen weiteren Horizont.  Damit haben wir eine größere Hoffnung. Damit sehen wir das Leben noch einmal aus einer anderen Perspektive an!  Wir haben damit eine andere, eine weitere Zeitrechnung. Aber wir springen damit keineswegs aus unserer Zeit heraus. Im Gegenteil – mit dem Glauben, mit der Liebe und der Hoffnung, die uns geschenkt wird, geben wir uns ein in unsere Welt, in diese Jetztzeit. „Tröstet einander und baut euch gegenseitig auf“, fordert der Apostel seine Leserinnen und Leser auf. Seid einfach füreinander da und nehmt wahr, wer ein offenes Ohr braucht, euer Mitdenken und eure Unterstützung.

So können wir als Kinder des Lichtes in dieser Zeit unser Licht leuchten lassen. Und das Licht unseres Glaubens wird leuchten -  auf seine Weise. Dafür wird unser Gott Sorge tragen.

Und sein Friede, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Lied EG 153,1-5 Der Himmel, der ist

Fürbitten

Unser Gott, wir sind Kinder des Lichts und des Tages. Du bist da und bescheinst uns mit deinem Licht der Liebe. Lass uns das an jedem Tag neu spüren und erfahren.

Wir bitten dich, hilf uns, uns nach dem Licht auszustrecken, wenn es dunkel um uns ist.

Wir bitten dich für die Menschen, die Angst haben in diesen unübersichtlichen Zeiten. Sei du ihnen nahe und schenke ihrem Inneren deinen Frieden.

Wir bitten dich für alle, die in diesen Tagen Verantwortung tragen für große Entscheidungen in unserem Land. Hilf ihnen mit klugen Gedanken und klaren Worten.

Wir bitten dich in diesen Tagen für die Menschen in den USA. Dass neue Begegnungen möglich werden und Brücken gebaut werden können über alle Zerrissenheiten hinweg.

Danke, dass du da bist und unsere Welt bescheinen willst mit dem Licht deiner Liebe. In der Stille sagen wir dir, was uns noch wichtig ist:

Vaterunser
Segen
Musik

Gottesdienst am 1.11.2020 von Pfarrerin Susanne Pieper

Musik

Begrüßung
Seien Sie alle herzlich gegrüßt an diesem neuen Morgen. Ein herzliches Willkommen euch, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden. Ich bin dankbar, dass wir selbst in diesen schwierigen Tagen den Gottesdienst miteinander feiern können. Viele Gedanken gehen uns jetzt durch den Kopf. Noch mehr als sonst suchen wir Vergewisserung, Hoffnung und einen festen Grund in der Überlieferung unseres Glaubens. So sind wir hier und hören heute noch einmal ganz anders und ganz neu die Worte des Paulus, die als Wochenspruch ausgewählt worden sind. In Römer 12,21 heißt es: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“

Wir feiern den Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Psalm 19
Die Himmel spiegeln die Ehre Gottes und die Erde verkündet das Werk seiner Hände. Jeder Tag spricht zum andern und jede Nacht singt der andern von den Wundern seiner Schöpfung. Ihr Loblied erklingt unhörbar und breitet sich doch aus in allen Ländern bis an die Enden der Welt. Gott hat den Himmel wie ein Zelt gemacht. Die Sonne läuft ihre Bahn mit Freude wie ein starker Held. Sie erscheint in der Frühe im Osten und läuft bis in den Westen, wo sie untergeht in feuriger Glut. Nichts bleibt ihr verborgen auf ihrem Weg zu den Enden der Erde. Sie sieht, wie Gottes Gebot voller Weisheit ist und der Seele guttut. Die Weisungen Gottes sind voller Wahrheit. Sie machen das Herz rein und erleuchten die Augen.

Lied 365,1-3 Von Gott will ich nicht lassen

Gebet
Unser Gott, Barmherziger, da sind wir. In deinem Haus.  Es tut uns gut, hier zu sein. Wir bringen so Vieles mit: unseren Dank und unsere Fragen, unsere Sorgen und unsere Zweifel, unsere Mutlosigkeit und unsere Ängste. Du kannst uns stärken. Deine Liebe nimmt uns in den Arm. Und während wir dich noch suchen, hast du uns schon längst gefunden. Dir sei Ehre und Dank.  Amen.

Schriftlesung aus Jeremia 29
Der Profet Jeremia schickte aus Jerusalem einen Brief an die Familienoberhäupter, die Priester, Profeten und alle anderen,  die den Angriff der Babylonier überlebt hatten und von Nebukadnezar nach Babylonien verschleppt worden waren. Jeremia schrieb:

„So spricht der Herr, der Gott Israels, zu allen Verbannten: ‚Baut euch Häuser und wohnt darin! Legt Gärten an und esst ihre Früchte! Heiratet und zeugt Kinder! Wählt für eure Söhne Frauen aus, und lasst eure Töchter heiraten, damit auch sie Kinder zur Welt bringen. Euer Volk soll wachsen und nicht kleiner werden. Sucht das Beste für die Stadt, in die ich euch verbannt habe, und betet für sie. Denn wenn es ihr gut geht, dann wird es auch euch gut gehen.

Ich sage euch: die Babylonier werden siebzig Jahre lang herrschen, und erst wenn diese Zeit um ist, lasse ich meine Verheißungen in Erfüllung gehen und bringe euch wieder in euer Land zurück. Denn ich weiß sehr wohl, welche Gedanken ich über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides.  Ich gebe euch Zukunft und Hoffnung. Wenn ihr zu mir ruft und betet, will ich euch erhören. Wenn ihr mich sucht, werdet ihr mich finden. Ja, wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, will ich mich von euch finden lassen. Ich werde euer Schicksal zum Guten wenden: aus allen Ländern, in die ich euch zerstreut habe, will ich euch wieder sammeln und in dieses Land zurückbringen.  So spricht der Herr.‘“

Ansprache
Gottes Liebe, die Gnade unseres Herrn und Bruders Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Liebe Gemeinde,
seit einiger Zeit gehe ich wieder öfter zur Post. Briefmarken kaufen.  Tatsächlich.  Um Briefe zu schreiben und zu verschicken.  „Schneckenpost“ sagen einige dazu, weil sie länger dauert als kurz mal schnell eine e - mail loszuschicken. Macht aber nichts. Denn ein persönlich geschriebener Brief macht noch mal mehr Freude.  Das weiß ich. Und ich selbst bekomme genauso gern Briefe, so richtig mit Absender und Empfänger. Für die man einen Brieföffner braucht.  Briefe, die man auch später noch einmal in die Hand nehmen kann, sich erinnern kann und sich daran freuen kann, dass da jemand an einen gedacht hat. Das sind Zeichen von Zuwendung und Nähe, die auch Jahrzehnte später noch zu spüren sind.

Auch der Text für den heutigen Sonntag ist ein Brief. Ein Brief, der vor mehr als 2.500 Jahren aus Jerusalem losgeschickt wurde – nach Babylon. Absender ist der Profet Jeremia. Er schreibt an die Verantwortungsträger unter denen aus seinem Volk, die aus der Heimat Juda deportiert worden sind. Was war da geschehen?  Ein Blick in die Geschichte zeigt uns: die Großmacht Ägypten hatte nicht mehr die Vorherrschaft über Palästina. Sie war gebrochen worden mit dem Sieg der Armee des Königs von Babylon. So wurde der König von Juda für die andere Weltmacht aus dem Osten tributpflichtig, dem Herrscher aus dem Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris.  In der Folge wandte sich der judäische König noch einmal der ägyptischen Seite zu und bat um Hilfe. Aber das war ein Fehler – denn bald kamen die Soldaten aus Babylon und besetzten den gesamten östlichen Mittelmeerraum. Und dann passierte das, was immer in der Besetzungspolitik Babylons passierte: machtpolitisches Kalkül. Die Regierenden, von der Familie des Königs an über die militärische Leitung und die Verwaltung, die oberen Geistlichen, kluge Architekten und leitende Handwerker wurden in die Hauptstadt Babylons verschleppt. So konnte sich der Widerstand in der Heimat schlechter organisieren. Und so profitierte die Hauptstadt der Eroberer, denn die besten Köpfe und Handwerker waren in ihrer Mitte angesiedelt und mussten nun für sie arbeiten. In diese Situation hinein also schreibt der Profet Jeremia seine Nachricht an die sogenannten oberen Zehntausend aus dem ehemaligen Königreich Juda. Im Namen seines Gottes.

„Baut euch Häuser und legt euch Gärten an. Lasst eure Kinder dort heiraten, wo ihr seid. Sucht das Beste für die Stadt, in der ihr nun wohnt. Und betet für sie.“

Zu Recht fragt man sich nun: was hat dieser Brief mit uns heute zu tun? Worin liegt seine Relevanz für uns, in unserer Situation? Dieser Brief wäre doch belanglos, wenn er nur ein historisches Geschehen aus uralter Zeit beschreiben würde.

Wir leben gerade in der Zeit der Pandemie. Unvorstellbar noch wäre das vor einem Jahr gewesen. Drastische Einschränkungen gehören jetzt schon wieder zum Alltag. Verunsicherung. Ständig neue Verordnungen, die wir zu beachten haben und die all unsere Pläne zunichtemachen.

Z.B. auch unsere Pläne und fantasievollen Ideen, die wir hier in der Kirchengemeinde uns für das kommende Weihnachtsfest ausgedacht hatten. Unser großer Plan B, in den wir uns schon verliebt hatten! Das ist wie Leben im Exil. Fremdbestimmt. Keine Kontrolle mehr über das eigene Leben haben, jedenfalls nicht so, wie wir es bisher gewohnt waren und woher wir auch unsere innere Sicherheit und unseren Lebensrhythmus genommen haben.

Vielleicht hilft uns dieses Bild des Exils tatsächlich, unsere derzeitige Situation zu verstehen. Das ist ja die Suchbewegung in dieser Zeit bei allen, die jetzt am Glauben festhalten wollen, die ein Geländer für sich suchen, einen Haltegriff, an dem sie sich festhalten können. Um nicht aus der Balance zu geraten, um nicht aus der inneren Mitte zu fliegen. Um besonnen bleiben zu können im besten Sinne. Um auch geistlich, spirituell durch diese Zeit zu kommen. In den relevanten theologischen Zeitschriften der Gegenwart, ob es im Pfarrerblatt ist, in den „zeitzeichen“ oder in der „Jungen Kirche“ aus der Woltersburger Mühle – überall ist dieselbe Grundfrage zu lesen: Welche Geschichten helfen uns, durch diese Zeit zu kommen? Welche biblischen Gedanken sind wichtig für gerade diese Zeit? Was hilft uns, unseren Weg zu finden und zu gehen?

Christof Vetter, ein Kollege aus dem Weserbergland, schreibt in der September- Ausgabe von „zeitzeichen“: „Das Bild des Exils verfestigt sich für mich, wenn ich diese Wochen theologisch denken will. Ins Exil werden Menschen gezwungen, durch die Entscheidung anderer, weil sie den Krieg verloren haben oder weil der eigene Widerstand gebrochen wurde – oder nun eben durch das Virus.“ Ja, dieses Virus lässt uns fremdbestimmt sein. Es nimmt uns erst einmal gewohnte, freie Handlungsmöglichkeiten aus der Hand. Wir erkennen, wie abhängig wir sind. Und wie verletzbar.

Zum Exil gehört auch, dass Menschen klagen und dass sie traurig sind. Im großen biblischen Psalm, der das Exil in Babylon beschreibt, in Psalm 126, lesen wir: „Herr, bringe zurück unsere Gefangenen. Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.  Sie gehen hin und weinen und streuen ihre Saat, und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.“  Wir wissen nicht, wie lange es geht. Aber wir warten sehnsüchtig auf das Ende und auf die Erleichterung. Ich denke, es ist wichtig, dass wir auch unserer Trauer eine Zeit und einen Raum geben. Wir trauern um die, die von uns gegangen sind in dieser Pandemie. Und es wird in naher Zukunft wichtig sein, dass wir den Vorschlag unseres Bundespräsidenten umsetzen, einen Trauertag für die Corona – Opfer festzulegen. Damit wir uns an sie erinnern, damit wir sie wertschätzen und damit weiter danach fragen, was wir aus dieser Zeit zu lernen haben. Zum Beispiel, was den nötigen Abstand zwischen dem Reich der Wildtiere und dem Reich der Menschen betrifft, der künftig unbedingt eingehalten werden muss. Trauer braucht einen Ort. Trauer braucht ihre eigene Zeit.

Zum Exil aber gehört noch viel mehr! Zum Exil gehört auch die Hoffnung; die Hoffnung, dass es einmal ein Ende haben wird mit dem Leben unter der Fremdherrschaft: „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll Lachens sein und unsere Zunge voll Rühmens.“ So haben sie damals gesungen. Und das könnte auch unser Lied sein. Hoffnungsvoll verfolgen wir die Schlagzeilen zur Forschung und zur Weiterentwicklung von Medikamenten. Inständig hoffen wir auf einen Impfstoff. Und welche Freude wird es sein, wenn mithilfe der Klugheit der Wissenschaftler und mit der Hilfe des Geistes Gottes ein Impfstoff da sein wird, der uns schützt und uns das Leben wieder leichter macht.  Dann werden wir sein wie die Träumenden! (Auch wenn wir dann noch mit der Verteilungsgerechtigkeit werden zurechtkommen müssen, aber das wird schon möglich sein.)

Zum Exil gehört schließlich auch, dass man die neue Gegenwart akzeptieren muss. Dass man lernen muss, mit den neuen Voraussetzungen zu leben. Es nützt nichts, nur zurückzublicken, nur nach hinten zu schauen und sich darin zu verlieren. Vieles ist im Exil anders als zuvor. Entscheidend ist nun, für die Gemeinschaft Sorge zu tragen, in der man jetzt gerade ist: „Sucht das Beste für die Stadt und betet für sie“, so Jeremia. „Denn wenn es ihr gut geht, dann wird es auch euch gut gehen.“

Was ist das Beste für die Gemeinschaft, in der wir jetzt sind?  Es ist mehr als Abstand halten, Maske tragen und sich die Hände desinfizieren. Es ist besonnen sein. Fragen: was ist denn jetzt trotzdem alles möglich unter diesen Voraussetzungen? Oder anders möglich? Was kann ich der „Pandemie der Einsamkeit“ entgegensetzen? Was kann ich tun, um gerade jetzt Menschen zu unterstützen, sie zu stärken und ihnen beizustehen? Aber auch das Andere, das so Notwendige:   wie kann ich gut für mich selbst sorgen, damit mein Inneres gesund bleibt? Gerade jetzt ist es wichtig, acht zu geben auf die eigene Seele und liebevoll mit sich selbst zu sein.

„Auch im Exil könnt ihr beten“, versichert Jeremia seinen Leuten. Für mich gehört das zu den schönsten Worten, die er schreibt. Wo immer wir sind, unter welchen Beschränkungen, in welchen Begrenzungen wir auch gerade zu leben haben – Gott ist da. Seine Liebe zu uns ist größer als alles andere.  Größer als alle Mächte und Gewalten, als Gegenwärtiges und Zukünftiges, als Hohes und Tiefes, größer als irgendeine Kreatur. Nichts kann uns von Gottes Liebe trennen. Das bleibt und das gilt. Und so hören wir zum Schluss, wie der Brief des Jeremia an die im Exil heute klingen könnte:

„So spricht der Herr, der Gott Israels und der Vater unseres Bruders Jesus Christus, zu allen in diesen Tagen:

Ihr lebt in einer sehr schwierigen Zeit. Ich verstehe, dass ihr so bald wie möglich aus dieser Ausnahmesituation herauskommen möchtet. Doch so schnell geht es nicht. Ihr werdet euch auf eine längere Zeitspanne einstellen müssen. Ihr braucht jetzt einen besonders langen Atem. Es wird dauern. Stellt euch auf diese neue Lebenssituation ein. Lebt in der Jetztzeit.
Doch gebt euch nicht auf! Sucht nach dem, wovon ihr nun leben könnt. Und achtet auf eure Seele!  Setzt Bäume. Kümmert euch um eure Pflanzen, eure Blumen und Tiere, um eure Gärten.

Singt - und wenn es für euch alleine ist.  Greift zu euren Instrumenten. Fangt an zu malen. Spielt miteinander. Schreibt Gedichte. Oder führt euer Tagebuch.Lest. Schreibt Liebesbriefe! Schickt liebevolle Päckchen ab!

Lasst euch nicht hängen und achtet darauf, dass ihr nicht weniger werdet. Ihr braucht jetzt einen langen Atem.

Nehmt auch ab und zu den Abholdienst der Restaurants in Anspruch, die in eurer Nähe sind, und unterstützt sie auf diese Weise.  Seid solidarisch mit denen, die weniger haben als ihr.
Vor allem aber seid gewiss: Ihr seid nicht allein! Ich bin da und ich werde da sein. Auch wenn ihr manchmal meint, ich sei unendlich weit entfernt oder ihr würdet nichts von mir wahrnehmen.

Ich verspreche euch: wenn ihr mich sucht, dann werdet ihr mich finden. Ihr werdet mich finden in der Liebe der Menschen zueinander. Wenn ihr nach mir fragt, dann bin ich da. Wenn ihr meine Kraft braucht, werdet ihr sie bekommen.

Ich behüte eure Seele, dass euch die Hoffnung nicht ausgeht. Ich schenke euch neue Aussichten. Ich gebe euch eine Zukunft.“

Lied + 102 Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott

Fürbitten
Gott, Du Schöpfer und Erhalter dieser Welt, wir bitten Dich um Hoffnung und um Deine Kraft, damit wir durch diese Zeiten finden. Wir bitten Dich um Liebe für die Menschen, die uns jetzt ganz besonders benötigen. Wir bitten Dich um Besonnenheit und um innere Ruhe, damit wir das Wichtige vom Unwichtigen unterscheiden können. Dir vertrauen wir unsere Ängste und alles an. Herr, erbarme Dich.
Wir bitten Dich für die Menschen, die jetzt in besonderer Verantwortung stehen, in der Politik, in den Kirchen, in der Wirtschaft und im Gesundheitswesen. Lass sie die richtigen Entscheidungen treffen, die unserem Gemeinwohl dienen. Schenke denen, deren Planungen durchkreuzt werden, Zeichen der Solidarität, Zuversicht und neue Perspektiven. Herr, erbarme Dich.
Lass Deinen Frieden groß in uns sein. Unsere Zeit steht in Deinen Händen. Amen

Vaterunser

Segen
Der Herr segne Dich und behüte Dich. Der Herr lasse leuchten Sein Angesicht über Dir und sei Dir gnädig. Der Herr erhebe Sein Angesicht auf Dich und gebe Dir Frieden.
Amen.

Musik

Gottesdienst zum Reformationsfest mit Video am 31.10.2020 von Vikar Ingmar Bartsch

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar: https://youtu.be/zJ5erRSNm5Y

 

Begrüßung:
Wann hat zuletzt jemand zu Ihnen gesagt: „Du bist geliebt. Ohne Bedingungen.“? Das zu hören tut gut. Doch oft denken wir, wir müssten etwas tun, damit uns Freunde annehmen. Oder der Partner uns liebt. Schnell gerät in Vergessenheit, dass andere uns einfach nur schätzen und lieben, weil wir einzigartige Menschen sind. Ebenso schnell vergessen wir, dass Gott uns liebt. Wir feiern heute Reformationsfest. Martin Luther lebte in einer Zeit, in der die Menschen überwiegend vergessen haben, dass sie sich Gottes Liebe nicht erarbeiten können. Luthers Botschaft war nicht neu. Aber in seiner Zeit war sie revolutionär. Befreiend. Auch für jeden von uns heute ist diese Botschaft nicht neu. Aber vielleicht ist die Zusagen, dass Du geliebt bist, in Vergessenheit geraten. Auch deshalb feiern wir Reformationstag. Damit wir nicht vergessen: Du bist geliebt. Ohne Bedingungen.

Votum:
Und so feiern wir diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

Eingangsspsalm: Psalm 46, 2-12
Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. 3 Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken, 4 wenngleich das Meer wütete und wallte und von seinem Ungestüm die Berge einfielen. 5 Dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben mit ihren Brünnlein, da die heiligen Wohnungen des Höchsten sind. 6 Gott ist bei ihr drinnen, darum wird sie fest bleiben; Gott hilft ihr früh am Morgen. 7 Die Völker müssen verzagen und die Königreiche fallen, das Erdreich muss vergehen, wenn er sich hören lässt. 8 Der HERR Zebaoth ist mit uns, der Gott Jakobs ist unser Schutz. 9 Kommt her und schauet die Werke des HERRN, der auf Erden solch ein Zerstören anrichtet, 10 der den Kriegen ein Ende macht in aller Welt, der Bogen zerbricht, Spieße zerschlägt und Wagen mit Feuer verbrennt. 11 Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin! Ich will mich erheben unter den Völkern, ich will mich erheben auf Erden. 12 Der HERR Zebaoth ist mit uns, der Gott Jakobs ist unser Schutz. Amen.

Gebet:
Großer Gott, befreie uns von dem Irrtum, dass wir uns Deine Zuwendung erarbeiten können. Denn Du hast uns bedingungslos angenommen. Großer Gott, befreie uns von dem Irrtum, dass es Dir egal ist, wie wir unser Leben leben. Denn Du hast uns Verantwortung für uns selbst und für unseren Nächsten gegeben. Lass uns im Glauben an Dich wachsen. Das bitten wir Dich durch Jesus Christus, unseren Herrn, der mit Dir und dem Heiligen Geist lebt und Leben schenkt in Ewigkeit. Amen.

Lesung und Predigttext: Mt 10, 26b-33.
26b Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. 27 Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern. 28 Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet viel mehr den, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle. 29 Verkauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. 30 Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Haupt alle gezählt. 31 Darum fürchtet euch nicht; ihr seid kostbarer als viele Sperlinge. 32 Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel. 33 Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel. Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg. Halleluja

Lied: EG 573 1+3

 

Predigt:
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.
Es ist ein wunderschöner Herbsttag. Die Sonne scheint, es weht ein frischer Wind. Ideal für einen Spaziergang mit Freunden. Die Kinder unserer Freunde tollen über den Weg. Sie sammeln Blätter und Kastanien auf. Plötzlich ruft die Tochter: „Papa, Papa, fang mich auf!“ Schon rennt sie auf unseren Freund zu, der blitzschnell die Arme öffnet, sie auffängt und durch die Luft wirbelt. Beide lachen ausgelassen. Was für ein kindliches Urvertrauen, denke ich. Denn unser Freund hatte nicht viel Zeit zum Reagieren. Und doch weiß das Mädchen ganz genau, dass ihr Papa sie auffangen wird. Weil sie sich angenommen weiß. Weil sie geliebt ist.
Es ist wundervoll, grundlegend geliebt und angenommen zu sein. Wir feiern heute Reformationsfest. Martin Luther hat sich jahrelang nicht wirklich angenommen gefühlt. Das hatte sicher auch mit seinem Vater zu tun. Der schickte ihn zum Jurastudium, damit etwas aus ihm wird. Das schien aber nicht so recht zu ihm zu passen und so hatte er 1505 eine Lebenskrise. Auf dem Weg von seiner Heimatstadt Mansfeld nach Erfurt gerät er im Juli 1505 in ein Gewitter.
Voller Angst – so berichtet er es selbst – verspricht er, dass er in ein Kloster eintritt, wenn er mit dem Leben davonkommt. Er verhandelt also mit Gott. Und tatsächlich: Er wird gerettet. Nun muss Luther liefern. Er geht ins Kloster. Dort will er Gott durch besondere Frömmigkeit und Treue gnädig stimmen. Doch das gelingt ihm nicht. Obwohl er sich mehr anstrengt, als alle anderen, wird er das Gefühl nicht los, dass er Gott nicht gerecht werden kann. Dass Gott so streng zu sein scheint und dass aus eigener Kraft niemand vor ihm bestehen kann, das setzt Luther unheimlich zu. Ungefähr 10 Jahre hat er das ausgehalten.

Und dann veränderte sich Luthers Sicht auf Gott. Er entdeckte, dass wir Menschen von Gott angenommen sind, ohne etwas leisten zu müssen. Das war ein Durchbruch. Ich vermute, dass seine Einsicht ein Prozess gewesen ist. Meines Erachtens hatte es mit seinem intensiven Bibelstudium zu tun. Er selbst beschreibt es als eine Art Bekehrung. An seinem Schreibtisch habe er plötzlich die Gerechtigkeit aus Gnade entdeckt. Luther ist also klar geworden, dass er sich Gottes Zuwendung nicht erarbeiten kann, egal, wie sehr er sich anstrengt. Vielmehr ist es umgekehrt: Gott nimmt uns Menschen zuerst grundlegend an. Von dieser Beobachtung beseelt, geht er in Widerspruch zum Ablasshandel seiner Kirche. Seine Entdeckung begeistert ihn so sehr, dass er für seine Glaubensüberzeugung einsteht. Auch wenn es sein Leben bedroht.

Luthers Furcht vor dem strafenden Gott war mit der Entdeckung der Gnade nicht ganz aus Luthers Leben verschwunden. Auch später hat er davon gesprochen, dass man den alten Adam täglich ersäufen müsse. Für ihn war es sonnenklar, dass wir Menschen trotz Gottes großartiger Liebe zu uns täglich an uns selbst scheitern. Für ihn war klar, dass wir täglich an Gott und anderen Menschen schuldig werden.
Auch für mich ist es eine Herausforderung, den liebenden Gott und den strafenden Gott überein zu bringen. Da fallen mir meine Freunde wieder ein und ich erinnere mich, dass Liebe nicht Gleichgültigkeit ist. Ihre Tochter weiß sich von ihren Eltern angenommen. Das macht sie mutig. So kann sie ihre Welt entdecken. Und das musste sie sich nicht erarbeiten. Ihre Eltern haben sie von Anfang an bedingungslos angenommen. Und doch setzen sie ihr Grenzen. Die sind für eine gute Entwicklung wichtig. Und auch Gott setzt Grenzen.

Der heutige Predigttext drückt das Dilemma des gnädigen und es strafenden Gottes sehr gut aus. Der Text fordert mich heraus, weil er mit drastischen Maßnahmen droht. Und es ist natürlich sinnvoll, mein Gottesbild von Jesus selbst immer wieder in Frage stellen zu lassen. Zuerst höre ich aus diesem Text aber die bedingungslose Zusage Jesu: Du bist kostbar. Du bist geliebt. Du bist angenommen. Wenn Gott die Haare auf unserem Kopf zählt, dann macht er sich echt Mühe. Selbst bei meiner Frisur hat der da noch ganz schön zu tun. Das heißt, er hat uns im Blick. Wir sind ihm wertvoll. Und wir sind angenommen. Das hat Luther mit der Rechtfertigung aus Gnade beschrieben.
Weil wir Gott besonders wertvoll sind, nimmt er uns die Menschenfurcht. Und wenn wir uns nicht vor Menschen fürchten müssen, dann können wir auch mutig bekennen. Wie gesagt: Luther selbst hat in Kauf genommen, für seinen Glauben getötet zu werden. Also könnten auch wir heutigen Christen bekennen und für das einstehen, was wir glauben und für richtig halten. Und da schleichen sich die Zweifel ein. Ich möchte eigentlich nicht wegen meines Bekenntnisses mein Leben verlieren. Ich hänge ja schon sehr an meinen gesicherten Lebensstandard. Und noch eine weitere Sache geht mir nahe: Der strafende, unbarmherzige Gott ist in diesen Versen eindeutig auszumachen. Jesus sagt: fürchtet vielmehr den, der auch Eure Seele töten kann. Und Jesus sagt weiter: Wer mich nicht bekennt, den werde ich auch nicht vor meinem Vater bekennen. Will Gott vielleicht, dass wir auch wie der junge Luther vor Angst schlottern? Gott ist gnädig und er nimmt jeden Menschen an. Daran glauben ich fest. Aber es ist ihm auch nicht gleichgültig, wie wir leben. Weil sich Liebe nicht mit Gleichgültigkeit verträgt.

Ich finde es spannend, dass wir in der Bibel beides finden. Den gnädigen Gott, der seine Geschöpfe bedingungslos annimmt. Und den strafenden Gott, der Menschen verwirft. Das lässt sich auch nicht einfach in die eine oder die andere Richtung auflösen. Wäre das möglich, hätten das berühmte Theologen in der Geschichte längst getan. Meines Erachtens stehen wir vor der Herausforderung, uns Gott immer wieder zu nähern. Luther hat das durch intensives Bibelstudium getan und ich finde, dass auch wir wieder mehr Bibel lesen könnten. Vor allem als evangelische Christen.
Und der Friede Gottes, der höher ist, als menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Lied: EG 197

Fürbitten:
Gott, wir danken Dir für Deine Gnade in Jesus Christus. Wir danken Dir, dass wir nicht ständig darüber nachdenken müssen, wie wir Dich gnädig stimmen können. Wir danken Dir für die Freiheit, die daraus erwächst. Lass uns diese Freiheit verantwortlich nutzen. Vor Dir und unserem Nächsten gegenüber.

Gott, wir danken Dir, dass wir nicht ohne Orientierung durch die Welt gehen müssen. Du hast uns in der Bibel gute Weisungen gegeben, die ein sinnvolles Zusammenleben ermöglichen. Hilf uns, dass wir Dir folgen. Schenke uns, dass wir ein Leben leben, wie Du es Dir gedacht hast, als Du uns geschaffen hast.

Gott, wir möchten immer mehr erkennen, wie Du bist. Schenke uns Begegnungen mit Dir und Deinem Wort. Lass uns im Glauben wachsen und Dich vor den Menschen bekennen.

Gott, wir bitten Dich für die Menschen, die Not leiden, die einsam sind, die krank sind, die um ihre Existenz bangen. Wir bitten für die Menschen, die keinen Ausweg aus ihrer aktuellen Situation finden. Stellvertretend bitten wir für die Menschen im neuen Lager Moria auf Lesbos. Die Zustände dort sind noch schlimmer, als im alten Lager und die Geflüchteten dort werden immer verzweifelter. Manche von ihnen sind zunehmend aggressiv. Wir bitten Dich: Herr erbarme Dich und schenke Lösungen für die Menschen, die in unmenschlichen Zuständen auf unbestimmte Zeit ausharren müssen.

Gott, uns wir machen uns Sorgen. Das Attentat in einer Kirche in Nizza hat uns sprachlos gemacht. Weshalb haben Menschen solch einen Hass aufeinander? Wie sollen die Verantwortlichen reagieren? Wir klagen Dir das Leid, welches die Angehörigen der Opfer durchleben müssen. Wir klagen Dir unsere Hilflosigkeit im Angesicht einer solchen Tat.

Gott, wir machen uns Sorgen. Übermorgen beginnt einer neuer Lockdown. Die Medien nennen ihn Lockdown „light“, aber viele Menschen trifft er mit voller Härte. Doch was sind die Alternativen? Wo gibt es definitive Lösungen? Wir klagen Dir das Leid, das durch diese Pandemie ausgelöst wurde. Wir klagen Dir unsere Hilflosigkeit.

Und alles, was uns noch bewegt, bringen wir vor Dich mit den Worten des Vaterunsers.
Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Segen:
Der Herr segne Dich und behüte Dich.
Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über Dir und sei Dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf Dich und schenke Dir Frieden. Amen.
Gottesdienst am 25.10.2020 von Pfarrer Rainer Böhm

Orgelvorspiel: D. Buxtehude: Toccata F-Dur

Begrüßung
Herzlich willkommen zum Gottesdienst heute Morgen in der Dankeskirche.

Wir erleben seit einiger Zeit, wie wichtig Regeln sind. Wir alle haben gelernt, was die AHA – Regel bedeutet und wie wichtig sie jetzt für den eigenen Schutz ist und für den anderer.

An diesem Sonntag geht es um Gebote.  „Der Sabbat ist für den Menschen da und nicht der Mensch für den Sabbat.“ So sagt es Jesus. Maßstab ist der Mensch: sowohl was den Hunger anbelangt, als auch was die Gesundheit betrifft. Das kann einmal die Freiheit einschränken – was unsere AHA – Regeln anbelangt; oder es kann die Freiheit vergrößern, was das Ährenraufen am Sabbat betrifft.

Das Kriterium, der Maßstab ist die Liebe. Der Prophet Micha schreibt: Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: Nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“

Votum

Eingangspsalm 119 EG W 748
Erhalte mich, Herr, durch dein Wort, dass ich lebe
Wohl denen, die ohne Tadel leben,
die im Gesetz des Herrn wandeln!
Wohl denen, die sich an seine Mahnungen halten,
die ihn von ganzem Herzen suchen,
die auf seinen Wegen wandeln
und kein Unrecht tun.
Wenn ich schaue allein auf deine Gebote,
so werde ich nicht zuschanden.
Ich danke dir mit aufrichtigem Herzen,
dass du mich lehrst die Ordnungen deiner Gerechtigkeit.
Deine Gebote will ich halten;
verlass mich nimmermehr!
Öffne mir die Augen,
dass ich sehe die Wunder an deinem Gesetz.
Zeige mir, Herr, den Weg deiner Gebote,
dass ich sie bewahre bis ans Ende.
Meine Seele verlangt nach deinem Heil;
ich hoffe auf dein Wort.
Meine Augen sehnen sich nach deinem Wort
und sagen: Wann tröstest du mich?
Wenn dein Gesetz nicht mein Trost gewesen wäre,
so wäre ich vergangen in meinem Elend.
Dein Wort ist meines Fußes Leuchte
und ein Licht auf meinem Wege.
Erhalte mich durch dein Wort, dass ich lebe,
und lass mich nicht zuschanden werden in meiner Hoffnung.
Stärke mich, dass ich gerettet werde,
so will ich stets Freude haben an deinen Geboten.

Eingangsgebet
Lebendiger Gott
Wir kommen zu dir an diesem Tag. Es ist Sonntag. Heilig, würdig und recht ist es, jetzt Pause zu machen und Ruhe zu finden. So kommen wir zu dir, Gott, um dir für alles zu danken, was war, und um alles gestalten zu können, was kommen wird. Wir kommen auch zu dir und legen ab, was uns den Tag schwermacht. Auch die Streitereien, die wir hören oder an denen wir selbst beteiligt sind. Sei bei uns in diesem Gottesdienst mit deinem Geist, damit wir deine Kraft spüren und empfangen. Du zeigst uns den Weg ins Leben – durch Jesus Christus, deinen Sohn. Amen

Lesung = Predigttext                  Mk 2, 23 – 28
Das Ährenraufen am Sabbat 23 Und es begab sich, dass er am Sabbat durch die Kornfelder ging, und seine Jünger fingen an, während sie gingen, Ähren auszuraufen. 24 Und die Pharisäer sprachen zu ihm: Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat was nicht erlaubt ist? 25 Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, da er Mangel hatte und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren: 26 wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit des Hohenpriesters Abjatar und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester, und gab sie auch denen, die bei ihm waren? 27 Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. 28 So ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.

Variation zu EG 165:  Gott ist gegenwärtig

Predigt
Liebe Gemeinde,
Was für eine schöne Geschichte: Ein Spaziergang durch die Kornfelder, der wachsende Hunger, keine Vorsorge für Nahrung – und dann die Frage: Was essen wir. Wir „raufen einfach Ähren aus, ist die Antwort derer, die ganz genau wissen, dass dies verboten ist am Sabbat. Wohl nicht zufällig, sondern als Beobachter, sind einige Pharisäer in der Nähe.

Rasen betreten verboten – warum eigentlich, haben sich die Studenten vor 50 Jahren gefragt – was ist der Sinn dieses Verbotes, wo man doch da im Sommer so schön sitzen kann. Und es war auch sehr lange die Frage der Bad Nauheimer Kinder und Jugendlichen, als der Park noch Eintritt kostete und es Parkwächter gab.

Manchmal ist es zum Haare und nicht nur zum Ähren raufen. Die Pharisäer sehen, wie Jesu Jünger das Gebot übertreten und fragen ernst, warum der Jude jesus das gestattet. Er tut es, weil er der Sohn Gottes ist – und also der Herr über die Gebote. Deshalb setzt der Übertritt sie ja nicht außer Kraft. Aber essen ist lebensnotwendig für Hungernde; also darf einmal ein Gebot außer Kraft gesetzt werden. Es wird ja nicht schlecht, nur weil es übertreten wird. Im Gegenteil: es leuchtet umso heller.

Das 1. Buch Samuel erzählt vom Priester Abimelech. Am Sabbath hatte er eine besondere Aufgabe: Er musste aus feinem Mehl zwölf Brote backen. Schaubrote nannte man sie. Sie wurden auf den Altar gelegt.  Wenn die Woche um war, durften Abimelech und die anderen Priester die Brote essen, die dann durch neue ersetzt wurden. So war es von den Vorvätern überliefert. Und so wurde es gemacht. Woche für Woche, Sabbat für Sabbat.

Dann kam plötzlich David. Er war auf der Flucht. Und hatte Hunger. Er bat Abimelech: „Hast du nun etwas bei der Hand, etwa fünf Brote oder was sonst vorhanden ist, das gib mir in meine Hand.“ (1. Sam 21,4). Nichts Anderes hatte Abimelech anzubieten als die heiligen Brote vom Altartisch Gottes. Nach kurzer Überlegung entschied sich Abimelech, David davon zu geben, obwohl er kein Priester war. Gesetz und Tradition waren damit überschritten. Nicht außer Kraft gesetzt, aber überschritten. In diesem besonderen Fall. Um des Menschen David willen.

Jesus und Abimelech lassen zu, dass Regeln gebrochen werden. Für beide gilt jedoch, damit werden die Gebote nicht ausser Kraft gesetzt. Sie gelten immer noch, auch wenn sie um der Menschen willen übertreten worden sind. Essen ist lebensnotwendig. Regeln sind nie kritiklos angenommen oder respektiert worden. Das, worauf Jesus hinweist, ist aber das Entscheidende: Dienen Regeln dem menschlichen Leben oder nicht?

Wie ist das mit der Maskenpflicht und den Corona Einschränkungen? Es wird darüber gestritten ob sie uns dienen oder uns einschränken. Und immer wieder wird an die Eigenverantwortlichkeit appelliert. Aber das greift zu kurz: Es geht um die Verantwortung für andere.

Das gilt für Senioren, die die Regeln nicht einhalten und sagen: «Lieber lebe ich jetzt noch so wie es mir gefällt. Wenn ich ins Krankenhaus komme und sterbe – naja.“ Im Krankenhaus arbeiten aber Mütter und Väter, die durch lange Schichten oft fern von ihrer Familie dem Risiko ausgesetzt sind.

Das gilt ebenso für Junge, die gern noch Partys feiern in dem Wissen, dass sie wahrscheinlich nicht so stark erkranken, sollten sie sich infizieren. Dass sie das Virus aber auch an Menschen mit Vorerkrankung weitergeben können, die dann sehr schwer erkranken, ist nicht im Blick.

Eigenverantwortung und Fremdverantwortung gehören zusammen, wie die zwei Seiten einer Münze. Mein Wohlergehen muss den Andern in Blick haben, der durch mich nicht zu Schaden kommen soll. Deshalb sind Regeln nötig in dieser Pandemiezeit. Regeln die für alle gelten und alle im Blick haben. Die sind die Bedingungen unserer Freiheit.

Regeln machen es einem nicht nur leichter, sie können auch freimachen. Die Sonntagsregel zum Beispiel. «Du sollst den Feiertag heiligen», das dritte Gebot. Ich versuche mich bewusst daran zu halten. Nehme mir vor, am Sonntag nicht zu arbeiten – außer ich habe einen Gottesdienst zu halten, was ich aber gerne tue. Kochen, lesen, chillen, telefonieren - Lauter Dinge, die für mich den Sonntag zu einem besonderen Tag machen, wo man nichts muss, sondern tun kann, was man möchte.

Wir wissen, dass Herbst und Winter lang und auch mühsam sein werden. Es hilft hilft, uns daran zu erinnern, wenn uns die Motivation zum Durchhalten fehlt: Regeln dienen dem Leben, unserem und dem der anderen.

«Gott, gib mir die Gelassenheit,
Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.
Einen Tag nach dem anderen zu leben,
einen Moment nach dem anderen zu genießen.
Entbehrung als einen Weg zum Frieden zu akzeptieren.
Diese sündige Welt anzunehmen, wie Jesus es tat,
und nicht so, wie ich sie gerne hätte.
Zu vertrauen, dass du alles richtigmachen wirst,
wenn ich mich deinem Willen hingebe,
sodass ich in diesem Leben ziemlich glücklich sein möge
und im nächsten für immer überglücklich». Amen.
(Reinhold Niebuhr)

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Variation zu EG 295: Wohl denen, die da wandeln

Fürbittgebet
Es ist zum Haareraufen, gnädiger Gott – was wir sehen und hören müssen in dieser Welt. Wir legen vor dir ab, was uns beschwert: die Pandemie, die keine Ruhe gibt und um sich greift – wo wir vergessen, aufeinander Rücksicht zu nehmen, uns in Sicherheit wiegen. Wir legen unsere Angst um uns und um andere ab und rufen zu dir:
Herr erbarme dich
Es ist zum Haareraufen, barmherziger Gott – immer wieder passiert es, dass wir als Gemeinde an Dingen festhalten, die wir längst loslassen sollten. Lass uns Wege finden, deinem lebendigen Evangelium mehr zu vertrauen. Bei dir ist so vieles möglich. Wir rufen zu dir:
Herr erbarme dich
Es ist zum Haareraufen – wenn Familien im Streit liegen, wenn Schdeiungen zum Rosenkrieg werden, wenn Kinder leiden. Es ist schlimm, wenn Menschen halsstarrig auf ihrem recht behaaren, unversöhnlich sind oder alles besser zu wissen behaupten. Wir brauchen Versöhnung, Vergebung, Gelassenheit. Hilf uns dazu beizutragen. Wir bitten dich:
Herr erbarme dich
Lebendiger Gott, wir gehen am Feldrand unseres Lebens entlang. Wir streichen mit der hand über die Ähren. Es sind die Früchte unseres Lebens. Sie wachsen nicht um ihrer selbst willen, sie sollen anderen dienen, dir zur Ehre. Gib uns die Kraft, unsere Ähren zu raufen, Gott, damit andere davon satt werden können.

Vater Unser

Segen

Orgelnachspiel:  J.S. Bach, Choralbearbeitung über `In dir ist Freude´

Gottesdienst am 18.10.2020 von Pfarrer Friedhelm Pieper

Vorspiel

Begrüßung und Votum
Herzlich willkommen, hier in der Dankeskirche! Herzlich willkommen zu diesem Gottesdienst an diesem herbstlichen Sonntagmorgen. - Für die, die mich nicht kennen: Ich bin Pfr. Friedhelm Pieper und arbeite am Zentrum Oekumene in Frankfurt. Ich wohne aber hier in Bad Nauheim, weil ich als Ehemann von Pfarrerin Susanne Pieper in deren Pfarrhaus mitwohnen darf. Das finde ich sehr schön, vor allem, dass mein Frau mich im Pfarrhaus mitwohnen lässt – aber ich wohne auch sehr gerne hier in dieser wunderbaren Stadt.

Wir feiern diesen Gottesdienst heute am 19. Sonntag nach Trinitatis!  Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen d Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen – Wir hören auf die Worte des Wochenspruchs für die kommende Woche aus Jeremia 17:

Heile Du mich, Herr, so werde ich heil; hilf Du mir, so ist mir geholfen.

Heilung: Im Mittelpunkt dieses Gd steht die Geschichte von der Heilung am Teich Bethesda, oder auch auf Hebräisch: der Teich von Beit Sata. Es gibt wohl kaum eine Geschichte in der Bibel, mit der Bad Nauheim so eng verbunden ist wie diese. Auf Ihrem Gd Blatt sehen Sie vorne das Bild von dieser Heilungsgeschichte. Das ist das große Fenster hier an der Südempore, gestiftet vor über hundert Jahren vom Ehepaar Sprengel. Das Bild verbindet die Heilung am Teich Bethesda aus dem Neuen Testament mit dem Sprudelwunder in Bad Nauheim im Jahre 1846, als da, wo heute der Sprudelhof steht, bei Tiefenbohrungen auf einmal ein mächtiger Solestrom emporschoss. So wurde der Ruf unserer Stadt als Gesundheits-stadt begründet: Die Besonderheit lag dabei anfangs in der Entdeckung und Anwendung der heilsamen Wirkung der natürlich vorkommenden Kohlensäure in der Thermalsole: Gutes, heilendes Wasser. - Und so können wir noch heute auf dem großen Sprudelbecken im Sprudelhof lesen: "Auf Gottes Geheiß aus der Tiefe geboren. Der Lebenden Leiden zu lindern erkoren." – Darum geht es heute in der Predigt über die Geschichte vom Teich Bethesda: Um Leiden, um Linderung, um Krankheit, um Heilung, um gesund werden.

Ich wünsche Ihnen, ich wünsche uns allen einen gesegneten Gottesdienst.

Psalm 146
1 Halleluja! Lobe den HERRN, meine Seele!
2 Ich will den HERRN loben, solange ich lebe, und meinem Gott lobsingen, solange ich bin.
3 Verlasset euch nicht auf Fürsten; sie sind Menschen, die können ja nicht helfen.
4 Denn des Menschen Geist muss davon, und er muss wieder zu Erde werden; dann sind verloren alle seine Pläne.
5 Wohl dem, dessen Hilfe der Gott Jakobs ist, der seine Hoffnung setzt auf den HERRN, seinen Gott,
6 der Himmel und Erde gemacht hat, das Meer und alles, was darinnen ist; der Treue hält ewiglich,
7 der Recht schafft denen, die Gewalt leiden, der die Hungrigen speiset. Der HERR macht die Gefangenen frei.
8 Der HERR macht die Blinden sehend. Der HERR richtet auf, die niedergeschlagen sind. Der HERR liebt die Gerechten.
9 Der HERR behütet die Fremdlinge und erhält Waisen und Witwen; aber die Gottlosen führt er in die Irre.
10 Der HERR ist König ewiglich, dein Gott, Zion, für und für. Halleluja!

Gebet
Guter und barmherziger Gott. Wir können nicht so tun, als sei alles schon in Ordnung. Wir sehen um uns herum, wie viel Bedrückung und Krankheit den Menschen zu schaffen machen. Wieviel auf Heilung wartet - in uns und um uns herum. Wir bitten dich: Erneuere uns durch Deine Nähe, durch Dein heilendes Wort. Wandle uns um. Du bist größer als unser ängstliches Herz. Du bist der Schöpfer des Lebens. Du bist der Schöpfer neuer Zukunft. Du bist der Gott der Liebe bis in Ewigkeit. Lass unsere Kraft erstarken, schenke uns Mut und Einsicht zum rechten Tun.

Wir bitten dies Durch Jesus Christus, deinen Sohn,  der mit dir in der Gemeinschaft des Heiligen Geistes lebt und regiert jetzt uns alle Zeit. Amen.

Lied: „Fürchte dich nicht“ (Fritz Baltruweit)
1. Fürchte dich nicht, gefangen in deiner Angst, mit der du lebst. Fürchte dich nicht, gefangen in deiner Angst. Mit ihr lebst du.
2. Fürchte dich nicht, getragen von seinem Wort, von dem du lebst. Fürchte dich nicht, getragen von seinem Wort. Von ihm lebst du.
3. Fürchte dich nicht, gesandt in den neuen Tag, für den du lebst. Fürchte dich nicht, gesandt in den neuen Tag. Für ihn lebst du.

Lesung: Jakobus 5, 13-16
13 Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen. 14 Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn. 15 Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden getan hat, wird ihm vergeben werden. 16 Bekennt also einander eure Sünden und betet füreinander, dass ihr gesund werdet. Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist.

Predigt zu Johannes 5, 1 – 16

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde, hier also die Geschichte von der Heilung am Teich Bethesda, am Teich Beit Sata, im JohEv, Kap. 5:

1 Danach war ein Fest der Juden, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem. 2 Es ist aber in Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der heißt Bethesda, auf Hebräisch Bei Sata. Dort sind fünf Hallen; in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte. 5 Es war aber dort ein Mensch, der war seit achtunddreißig Jahren krank. 6 Als Jesus ihn liegen sah und vernahm, dass er schon so lange krank war, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden? 7 Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein. 8 Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin! 9 Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin. Es war aber Schabbat an diesem Tag.

Liebe Gemeinde,

Ich muss heute mit dem Schluss anfangen: „Es war aber Schabbat an diesem Tag“. Die Geschichte vom Teich Bethesda endet im Johannesevangelium in einem Konflikt zwischen Jesus und anderen Juden über das Einhalten des Feiertags, des Schabbats. Wer mich kennt, weiß, dass ich seit Jahrzehnten im christlich-jüdischen Dialog engagiert bin. Ich kann also diesen Konflikt in der Geschichte nicht verdrängen. Aber, es würde diese Predigt um so vieles verlängern, wenn ich mich jetzt dazu einlassen würde. Deshalb habe ich entschieden: ich gebe Ihnen einen kleinen Kommentar zu dem Thema „Das Johannesevangelium und ‚die‘ Juden“ mit. Sie finden es in Ihrem Gottesdienstblatt. Wenn es Sie interessiert, können Sie dies Thema dann zuhause lesen – und wenn Sie Fragen haben, finden Sie da auch meine Kontaktdaten.

Siehe "Anhang zum Gottesdienst am 18.10.2020 von Pfarrer Friedhelm Pieper" als separater Textabschnitt.

So – und dann können wir uns dann jetzt auch ganz auf die Anfangsgeschichte konzentrieren: die Heilung am Teich Bet Sata, am Teich Bethesda.

Und da lesen wir: Jesus zieht an einem der jüdischen Feste hinauf nach Jerusalem. – Eben so war er es gewohnt. Schon mit seinen Eltern ist er regelmäßig an den großen jüdischen Festen nach Jerusalem gezogen, um dort im Tempel mit der großen jüdischen Feiergemeinde aus dem Land Israel und aus den umliegenden Ländern zu beten, zu singen und zu feiern. In der Regel zieht Jesus von Osten her über den Ölberg nach Jerusalem hinein. Zu seiner Zeit befanden sich an der Nordostseite des Tempelberges das Schafstor und ein ausgebauter Hallenbereich um den Teich Bethesda herum. Ruinen dieser Anlage kann man noch heute in Jerusalem besichtigen. - Vom Wasser dieses Teiches sagte man: gutes, heilendes Wasser. Und so liegen dort viele Kranke und ausgezehrte Menschen. Sie hoffen, irgendwie, auf Heilung. So liegen sie da.

Jesus kommt in den Hallenbereich hinein. Und es wird ihm ein Mann gezeigt: Dieser hier, der liegt schon 38 Jahre da. 38 Jahre! Unvorstellbar! Was für ein Leidensweg! - Und was macht Jesus? Er wendet sich dem Kranken zu und fragt: Willst du gesund werden? Wie bitte? Da liegt ein Mensch seit 38 Jahren und hofft auf Heilung – und dann diese Frage: Willst du gesund werden? Was soll diese Frage? Kann man das nicht einfach voraussetzen, dass der Kranke natürlich nur eines will, eben gesund werden. Aber nein, Jesus stellt diese Frage: Willst du gesund werden? - Denkt man darüber nach, dann kommen einem Krankheitsgeschichten in den Sinn, eigene Krankheitsgeschichten oder die von anderen. Und da fällt einem schon dies ein: Ja, es stimmt, von allein wird man nicht gesund. Es kommt auch auf einen selber an. Man muss schon an dem eigenen Gesundwerden mitwirken. Man muss mitdenken und mittun. Beim Patienten fließen alle Informationen zusammen, jedenfalls, wenn man mithört und mitdenkt. Manchmal muss man den nachfolgenden Arzt über aktuelle Befunde und Verläufe informieren. Auf jeden Fall aber benötigt es die eigene Motivation, um die Genesung voranzubringen. Wenn man sich gehen lässt, gewinnt man nichts. Es gibt Menschen, denen es ein starke Hilfe ist, wenn sie in ihrem Krankheitsverlauf beten können. Wenn sie durch das Gebet die Kraft und das Durchhaltevermögen aufbauen können, um ihren Weg zu gehen - bis hin Heilung – soweit wie möglich. – Meine Frau hat neulich mit der „Lucia-Gruppe“ hier einen bewegenden Gottesdienst gestaltet. Die Lucia-Gruppe, das sind Frauen, die mit der Diagnose Krebs und all den Folgen sich auseinzusetzen hatten. Eine von ihnen sagt: „Die Diagnose war ein Schock für mich und die ganze Familie.“ – Und dann sich auf die Behandlung einlassen. – „Während der ganzen Zeit habe ich nicht aufgegeben sondern an die Chance der Genesung geglaubt. - Meine Erfahrung ist, es lohnt sich zu kämpfen, schlechten Tagen mit positiven Gedanken zu begegnen und sich nicht hängen zu lassen. Ich habe noch so viel Leben zu leben.“ Was für eine bewegenden Geschichte, sie wollte gesund werden und sie fand zurück ins Leben!

Und was macht der Kranke am Teich Bethesda? Er gibt Jesus zu verstehen, dass der ihn mit seiner Frage überhaupt gar nicht erreicht. Er hat ein ganz anderes Problem: Herr ich habe keinen Menschen, der mir hilft. Das ist die andere Seite von Krankheiten, die auch nicht verdrängt werden darf. Es gibt Momente, da reicht der Wille zum Gesundwerden eben nicht. Es gibt die Erfahrung von Grenzen, die sich nicht einfach mehr überwinden lassen. Es gibt Grenzen, die man annehmen muss. Grenzen, über die kein Mensch, kein Arzt einfach so hinweghelfen kann. Da erfahren wir die Begrenztheit und die Verletzlichkeit unseres Lebens. Es gibt Dinge, die muss man annehmen und lernen, zu tragen. - So wie wir jetzt nicht einfach aus der Corona-Pandemie herausspringen können. Wir müssen uns jetzt geduldig durch die neue Infektions-Welle hindurcharbeiten, mit all dem, was das an Einschränkungen mit sich bringt, mit all dem Auf-sich-selbst-zurückgeworfen werden. Manchmal muss man warten bis der helfende Mensch eintrifft oder die rettenden Medizin, der schützende Impfstoff. Manchmal muss man tragen, was nicht sofort überwunden werden kann.

Und nun, in unserer Geschichte, hören wir dann plötzlich das heilende Wort Jesu: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin! Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin. -- Ach – ja, geradezu märchenhaft hier dieser wunderbare Schluss. Nach 38 Jahren, nun auf einmal geheilt – in einem Nu. Ach - ja, so würden wir es uns manchmal wünschen. Aber, man kann es so nun eben einfach nicht herstellen. Man kann es nicht erzwingen. Und was kann uns denn diese wundersame Heilung heute sagen?

Zunächst: für die Menschen, die die Jesusgeschichten vor fast zweitausend Jahren niedergeschrieben haben, war dies gar nicht so wundersam wie für uns. Es gehörte zu ihrem Weltbild. Dass da vom Himmel heilende Kräfte in das Leben auf dieser Erde hineinwirkten, das war Teil ihrer Weltwahrnehmung, Teil ihrer Weltanschauung. Für uns Menschen in der Moderne mit unserem naturwissenschaftlichen Weltbild besteht da ein größeres Problem. Unser Weltbild ist nach Immanuel Kant in der Regel auf bloße Vernunft aufgebaut. Was können uns da die Wundergeschichten aus der Bibel sagen? Ich höre da zwei Botschaften aus diesen Geschichten heraus:

1.: Wir sollten unser Weltbild nicht völlig verabsolutieren! Auch unsere Weltwahrnehmung ist geschichtlich gewachsen und wird vielleicht eines Tages von einer besseren und umfassenderen Weltdeutung überholt werden. Tatsächlich leben wir ja als Menschen, als Lebewesen inmitten eines ungeheuer großen Geheimnisses: und dieses Geheimnis nennt sich LEBEN! Es gibt offenbar eine Quelle des Lebens, die nach wie vor sprudelt und die bei uns und um uns herum ständig neu Leben und großer Vielfalt und Pracht hervorkommen lässt. Albert Schweizer hat es so formuliert: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das auch leben will“. Wir sind eingebettet in einen großartigen Lebenszusammenhang, wir dürfen ein Teil dieses Lebens sein. „Ich habe noch so viel Leben zu leben!“, hörten wir von der Frau aus der Lucia-Gruppe.

Und 2.: Die Wundergeschichten halten uns offen für gute Ausgänge! Es kann ja geschehen! Es ist möglich, dass wir gesund werden! Warum sollten wir die Hoffnung aufgeben? Es ist möglich, dass Menschen nach einer Krebsoperation wieder zu einem guten und erfüllten Leben finden. Es ist möglich, dass wir in ganz unterschiedlichen Krankheitssituationen wieder zur Heilung gelangen. Es ist möglich, dass selbst nach 38jähriger Krankheit eine Chance zum Heilwerden eintritt! – Die Menschen in Israel haben den katastrophalen Berg der großen Infektionszahlen der zweiten Corona-Welle nach 4 Monaten hinter sich gebracht. Da ist was möglich! Es ist möglich, dass wir in einem Jahr wieder unbeschwert miteinander Gottesdienst feiern können, wieder miteinander singen können, weil wir den Impfstoff haben, der das Corona-Virus kontrolliert. Ja, es ist möglich!

Es ist gut, wenn wir Geschichten haben, die unsere Hoffnung stärken. Es ist gut, wenn wir Geschichten haben, die uns dran halten an der Ausschau nach einem guten Ausgang. Es ist gut, wenn wir Geschichten haben, die uns helfen, gerade da, wo wir aufgeben wollen, grade da, wo wir kurz davor sind, uns hängen zu lassen. Wir brauchen Geschichten, die uns fragen: Willst du gesund werden? Wir brauchen Geschichten, die uns sagen: Heilung ist möglich! – Ja, es stimmt: Wir haben noch so viel Leben zu leben!

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

Orgel

Text „If you wanna be well”
Einen amerikanischen Gospel ins Deutsche zu übersetzen ist fast unmöglich. Im Deutschen klingen die Texte häufig etwas banal, mit einer naiven Frömmigkeit versehen, mit amerikanischen Aktionismus und auf Erfolg getrimmt, scheinbar über alle Probleme des Lebens einfach hinweg stürmend. ABER: Nun gibt es diesen wunderschönen Gospel über die Heilung am Teich Bethesda und er passt so gut zu diesem Gottesdienst. Sie werden es hören: er betont nur die eine Seite der Geschichte, das gesund werden wollen! Aber wir haben in der Predigt auch gehört, dass dies eben auch eine wichtige Seite von Heilung ist. Hören wir jetzt zunächst den Text und dann schauen wir uns das Musikvideo in Englisch an.

Willst du gesund werden - Gaither Vocal Band
Dort wartend, 38 Jahre lang / Solange geweint, dass keine Träne mehr rann.
Völlig ausgemergelt, der Mann / Ausschau haltend nach heilender Hand

Dann eines Tags, seine Chance: Er traf ein, / Ein rettender Mann, der konnte ihn heil`n, / Und er blickte ihn an / Doch seine Frage überraschte ihn dann.

Willst Du gesund werden, wirklich gesund? / Deine Matte hochnehmen, dir selbst helfen, tu‘s kund. / Möchtest du frei werden, dich wirklich befrei‘n?
Geheilt und ganz werden, dann musst du es wollen: ganz rein.

Hast je versucht, dich zurecht zu bringen? / Standest auf, es wollt‘ nicht gelingen, / und du bliebst liegen darin, / sankst verzweifelt weiter dahin.

Hast dich gewöhnt an die Ketten, ach-jeh? / Bist ganz beschlagnahmt von diesem Weh, / Vor neuem Aufbruch ängstlich erstarrt, / Frag den Mann, nach neuem Herz, ganz neuem Start.

Willst Du gesund werden, wirklich gesund? / Deine Matte aufnehmen, dir selbst helfen, tu‘s kund…  - Do you wanna be well

Musikvideo
https://www.google.com/search?q=do+you+wanna+be+well+gaither+vocal+band&rlz=1C1CHBF_deDE893DE893&oq=If+you+wanna+be+well&aqs=chrome.4.69i57j0l5.9001j0j15&sourceid=chrome&ie=UTF-8

Fürbitten + Vaterunser
Als Gemeinde teilen wir Freude und Leid.

Aus unserer Gemeinde ist verstorben und wurde bestattet Herr ..., verstorben am 28.09. im Alter von 90 Jahren und Herr ..., verstorben am 02.10. im Alter von 59 Jahren. Lasst uns beten: Barmherziger Gott, wir denken an die, die einen vertrauten Menschen verloren haben. Hilf Du zu dankbarer Erinnerung an all das Schöne und Lebendige, was sie durch die Verstorbenen erfahren konnten. Und nimm unsere Toten auf in Dein Reich, in Deinen großen und tiefen Frieden. Du willst bei uns sein, auch in den dunkelsten Stunden. Du schenkst uns Dein Licht. Dafür danken wir Dir.

Am 10.10. durften wir die Taufe feiern von ..., Tochter von ..., Lasst uns beten: Gütiger Gott, wir danken Dir für das Leben von ... Lass sie werden und wachsen nach Deinem Willen und halte sie in guter Hand. Lass sie einen guten Weg in ihr Leben finden. Wir bitten Dich für Eltern und Paten, dass sie ihr gut beistehen können auf all ihren Wegen. --

Und für uns alle bitten wir:
1.    Gott, du bist ein Freund des Lebens und das Leben ist deine Gabe. Du überlässt uns nicht den Mächten der Krankheit, der Verzweiflung und der Niedergeschlagenheit. Wir sollen uns am Leben freuen können. Von dir berufen, deinem Willen zu folgen und das Leben in seinen Möglichkeiten zu bewahren, rufen wir dich an:
2.    Wir bitten um deine belebende Kraft, der Bedrohung des Lebens zu widerstehen. Segne unsere Anstrengungen, Leben zerstörenden Tendenzen zu wehren, Ehrfurcht vor dem Leben zu wecken und zum Leben - trotz aller Mühsal - zu ermutigen.
3.    Tritt auf für die besondere Würde jedes menschlichen Lebens. Mach uns empfindsam für seine Unverfügbarkeit. Alles bedrohte Leben nimm in deinen Schutz und lass es uns achten und selber schützen. Wehre allen Versuchen, Menschen zurückzusetzen oder auszugrenzen, weil ihr Leben durch Krankheit, Behinderung und nahenden Tod gezeichnet ist.
1.    Öffne uns dafür, im Leben anderer deinen Segen zu erfahren. Du hast uns einander gegeben zur Bereicherung und Fülle. Mach uns bereit, Belastungen zu ertragen. Gib uns ein Gespür, was wir in der Gemeinschaft einander zumuten können. Hilf, uns auch in unvorhersehbaren Situationen einzulassen auf dein Erbarmen.
2.    Sei mit deiner Gnade in all unserer Schwachheit mächtig. Du kannst Lasten in Segen wandeln. Du hast verheißen, dass denen, die dich lieben, alle Dinge zum Besten dienen. Das ist unsere Hoffnung, dass deine ganze Schöpfung befreit werden soll aus ihrer Vergänglichkeit  hin zur der Freiheit, die du bereit kannst.
3.    Begegne uns in der Gebrochenheit dieses Lebens schon jetzt mit den Zeichen deines Heils. Stärke uns Mut und Kraft, mit unserem Verhalten diese Hoffnung zu bezeugen. Darum bitten wir im Vertrauen auf Christus, deinen Sohn, unsern Bruder und Herrn.

Vaterunser

Abkündigungen

Segen

Nachspiel

 

Anhang zum Gottesdienst am 18.10.2020 von Pfarrer Friedhelm Pieper

Das Johannesevangelium und „die“ Juden.                                                

Die Lektüre des Johannesevangeliums (Joh) lässt Leserinnen und Leser in Bezug auf die Darstellung des Judentums irritiert zurück: Auf der einen Seite lesen wir das Jesus-Wort: „Das Heil kommt von den Juden“ (4, 22) und auf der anderen Seite: „Ihr habt den Teufel zum Vater“ (8,44). Wie soll man das verstehen und wie damit umgehen?

Ein hilfreicher Zugang ergibt sich m.E. aus dem Joh Schluss in Kap. 21: „24 Dies ist der Jünger, der das bezeugt und aufgeschrieben hat, und wir wissen, dass sein Zeugnis wahr ist. 25 Es sind noch viele andere Dinge, die Jesus getan hat. Wenn aber eins nach dem andern aufgeschrieben werden sollte, so würde, meine ich, die Welt die Bücher nicht fassen, die zu schreiben wären.“ - Wir lesen von einem Jünger, der von Jesus mündliche und schriftliche Berichte gab. Dann erscheint eine „wir“-Gruppe, die die Wahrheit dieser Berichte verteidigte. Am Ende erscheint ein „ich“, offenbar der Endredaktor des Joh, der hier dann auch das letzte Wort hat. Offenbar ist das Joh-Evangelium in mindestens drei Traditionsstufen entstanden.

Wie umfangreich mögliche erste Berichte aus dem Jüngerkreis für die Grundlegung des Evangeliums waren, ist schwierig zu sagen. Die dichte und hochtheologische Sprache des Joh verweist für die entscheidenden Niederschriften jedenfalls in eine spätere Zeit. Die „wir“-Gruppe ist damit beschäftigt, die Wahrheit der Texte zu bezeugen. Da in vielen Kapiteln des Joh Auseinandersetzungen darüber stattfinden, ob von Jesus wirklich behauptet werden kann, er sei der „Messias“ (Christus) und der „Sohn Gottes“, kommen wohl aus dieser Gruppe die im ganzen Evangelium immer wieder anzutreffenden Verteidigungsargumente. Diese „wir“-Gruppe wird in der exegetischen Forschung auch „Johannes-Gruppe“ oder „Johannes-Schule“ genannt.

Nach gängiger Meinung wird das Joh auf etwa zwischen 100 und 130 n. Chr datiert. Als Adressaten treten nichtjüdische Kirchengemeinden des frühen 2. Jh. in den Blick, da sämtliche hebräische Begriffe im Joh extra ins Griechische übersetzt werden. Es ist eine Zeit, in der in den christlichen Gemeinden im Mittelmeerraum vermehrt nichtjüdische Personen Leitung und theologische Lehre übernehmen oder bereits übernommen haben. Nach meiner Meinung ist daher auch für die Endredaktion des Joh und dessen Veröffentlichung für nichtjüdische Leserschaft eher ein nichtjüdischer Redaktor anzunehmen, der sich dann hinter dem „ich“ in 21,25 verbirgt.

Vor diesem Hintergrund wird zunächst die pauschale Redeweise „die Juden“ etwas verständlicher. Soll das Joh in nichtjüdischen Gemeinden gelesen werden, dann können denen gegenüber als Gesprächs- und Streitpartner Jesu verallgemeinernd „die Juden“ benannt werden. Während bei den anderen Evangelien noch genauer von Pharisäern, Sadduzäern, Priestern, Leviten und Mitgliedern des herodianischen Königshofes die Rede ist, wird nun gegenüber den nichtjüdischen Lesern pauschal von „den Juden“ gesprochen, die mit Jesus debattieren und streiten.

Woher aber kommt die abwertende Schärfe, die zugleich auch mit der pauschalisierenden Rede von „den Juden“ im Joh einhergeht? In der Zeit der Abfassung des Joh haben sich Konflikte zwischen Synagogengemeinden und den christlichen Gruppen bereits erheblich intensiviert. Die Zeit ist insgesamt höchst konfliktträchtig. Die Eroberung Jerusalems und die Zerstörung des Tempels durch die Römer (70 n. Chr.) hat das religiöse Zentrum der jüdischen Gemeinschaft vernichtet. Nicht wenige Juden sinnen auf einen weiteren Aufstand gegen die Römer. Andere lehnen dies angesichts Machtverhältnisse völlig ab und plädieren für Verhandlungen oder gar Unterwerfung. Der Streit darüber wird mit großer Schärfe geführt. Die Christen lehnen durchgängig eine Beteiligung an Aufständen gegen Rom ab und werden auch deswegen von anderen jüdischen Gruppen schwer bekämpft, wie auch andere jüdische Personen und Gruppen, die sich gegen einen Aufstand wenden.

Die Botschaft der Christen, dass Jesus der in der Heiligen Schrift verheißene Messias sei, dass er als Sohn Gottes aus dem Tod auferweckt und zur Rechten Gottes gesetzt wurde, wird von der Mehrheit des Judentums nicht geteilt, ja, sie erscheint vielen Juden als eine religiöse Anmaßung, die bekämpft werden müsse. Bis zur Abfassung des Joh haben zugleich nichtjüdische christliche Theologen die Perspektive entwickelt, dass nur der christliche Glaube der wahre Glaube sei und das Judentum falsch liege. Damit einher geht ein Anspruch, das jüdische Erbe in den christlichen Gemeinde zu verdrängen: „Es ist ungeheuerlich, von Jesus Christus zu reden und Judaismus zu praktizieren“ (Briefe des Ignatius von Antiochien, Abfassung ca. 107 – 110 n. Chr.). Bald darauf wird Justin der Märtyrer verkünden, dass die Christen „das wahre Israel“ seien und dass die Juden die Heiligen Schriften völlig falsch interpretieren (in: Dialog mit dem Juden Tryphon, ca. 155 – 160 n. Chr.).

Das Joh entsteht also in einer Zeit des teilweise Auseinanderbrechens der Wege des Judentums und des Christentums. Diese Konfliktlage bildet den Hintergrund dafür, dass die pauschale Rede von „den Juden“ in der Endredaktion durch einen wahrscheinlich nichtjüdischen Endredaktor in Form einer scharfen Abwertung des Judentums artikuliert wird.

Wir hätten also mindestens drei Entwicklungsstufen des Joh:
1.    Berichte aus dem Jüngerkreis Jesu: Hier dürften folgende Aspekte des Joh enthalten sein: Jesus wird als Jude geschildert; er wirkt als Wanderprediger und nimmt an jüdischen Festen und an den Gebeten im Tempel teil. Dabei gibt es genaue Schilderungen von jüdischen Riten und präzise Ortsbeschreibungen im Land Israel.
2.    Die „wir“-Gruppe (Johannes-Gruppe): Diese ist offenbar mit der Verteidigung des christlichen Glaubens an Jesus beschäftig. Von ihr könnte die Umgestaltung der Überlieferung in viele argumentative und verteidigende Textpassagen stammen.
3.    Die Endredaktion: bestimmt für nichtjüdische Gemeinden wird auf dieser Ebene die endgültige Textversion in Richtung pauschaler Rede von „den Juden“ entstanden sein - und in Hinblick auf die konfliktträchtige Auseinandersetzung zwischen Christen und jüdischen Gemeinden auch die Schärfe in der Abwertung des Judentums, was dann alles in den vorliegenden Endtext eingeflossen ist.

Die pauschale abwertende Rede von „den Juden“ hatte eine katastrophale Wirkungsgeschichte. Sie lieferte Formulierungen für den Jahrhunderte anhaltenden kirchlichen Antijudaismus, der auch den Boden für den rassistischen Antisemitismus der Nazis mit bereitet. Mit diesem christlichen Antijudaismus werden die Kirchen mitschuldig an den Verbrechen gegen die Juden im Holocaust.

Wir haben daher sehr verantwortlich mit den Texten des Joh umzugehen. Ein besonderes Gewicht gewinnen dabei jene Passagen, in denen die Verwurzelung Jesu im Judentum deutlich wird und bei denen die besondere Rolle des jüdischen Volkes als göttlich erwähltes Volk anklingt: „das Heil kommt von den Juden“ (4,22). Die abwertenden Formulierungen über „die Juden“ sind im historischen Kontext des frühen jüdisch-christlichen Streites zu verstehen und zu deuten.

Wir sind heute 75 Jahre nach dem Holocaust über die erstaunliche Erneuerung der Beziehungen zwischen Juden und Christen zutiefst dankbar! Diese Entwicklung ist zu pflegen und zu vertiefen. Dabei ist das unerträgliche neue Aufflammen von Judenfeindschaft und Antisemitismus in unserem Land entschieden zu bekämpfen und zu überwinden!
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10.10.2020 -- Pfarrer Friedhelm Pieper, Referent für interreligiösen Dialog, Judentum und Naher Osten, Zentrum Oekumene der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau und der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Praunheimer Landstr. 206, 60488 Frankfurt am Main, Tel. +49 (0)69 976518-22, Mail: pieper@zentrum-oekumene.de, www.zentrum-oekumene.de

Gottesdienst am 11.10.2020 von Pfarrerin Susanne Pieper

Begrüßung
Ein herzliches Willkommen Ihnen allen, Euch allen an diesem neuen Morgen! Heute bedenken wir ganz besonders, was es auf sich hat mit dem Wort Gottes. Was immer wir aufgeben oder aufgeben müssen – Gottes Wort bleibt. Das Wort von der Liebe Gottes zur Welt, das Wort von der Liebe Gottes zu den Menschen, das Wort von der Liebe der Menschen zueinander. Öfter ist das Wort Gottes nahe bei uns – als Taufspruch, als Konfirmationswort, als Trauspruch, als Wort zum Begräbnis. Und als ein Satz, der das biblische Motto der neuen Woche ist, und der klarer nicht sein kann: „Dieses Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass er auch seine Schwester und seinen Bruder liebe.“

Wir feiern den Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Psalm 1
Glücklich ist, wer nicht dem Rat gottloser Menschen folgt, wer nicht mit Sündern auf einer Seite steht, wer nicht mit solchen Leuten zusammensitzt, die über alles Heilige herziehen, sondern wer Freude hat am Gesetz des Herrn und darüber nachdenkt – Tag und Nacht.

Er ist wie ein Baum, er nah am Wasser gepflanzt ist, der Frucht trägt Jahr für Jahr und dessen Blätter nie verwelken. Was er sich vornimmt, das gelingt.

Ganz anders ergeht es allen, denen Gott gleichgültig ist: Sie sind wie Spreu, die der Wund verweht. Vor Gottes Gericht können sie nicht bestehen.

Der Herr wacht über den weg aller Menschen, die nach seinem Wort leben. Doch wer sich verschließt, der verläuft sich im Nichts.

Gebet
Du, unser Gott, hier sind wir. Wir tragen die Erlebnisse der letzten Zeit in uns. Du weißt, welche glücklichen Momente uns bewegen. Du weißt, was uns belastet, uns ängstet und uns traurig gemacht hat. Und was uns gut getan hat in den vergangenen Tagen.

Mit all dem sind wir heute hier, in deinem Haus. Öffne unser Herz für dein Wort, damit es uns berührt, in uns leuchtet und wir danach leben.  Amen.

EG  452,1-3.5 Er weckt mich alle Morgen, er weckt mir selbst das Ohr

Schriftlesung 5. Mose 30,11-14
Ja, das Gebot, das ich dir heute auftrage, ist nicht zu schwer verständlich für dich und nicht abwegig. Es ist nicht im Himmel, sodass es heißen müsste: „Wer steigt für uns in den Himmel, holt es für uns herunter und bringt es uns nahe, damit wir uns danach richten?“ es ist nicht jenseits des Meeres, sodass es heißen müsste:“ Wer überquert das Meer, holt es für uns und bringt es uns nahe, damit wir uns danach richten?“ Nein, dieses Wort ist dir sehr nahe. Es ist in deinem Mund, in deinem Herzen und deinem Verstand, sodass du dich danach richten kannst.

Gottes Liebe, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen!

Liebe Gemeinde,
wir hören heute von der letzten großen Aufgabe, die Mose, der Anführer des Volkes Israel, zu erfüllen hat. Ein Übergangsritus, ein „rite de passage“ ist es, den er hier vollzieht. 40 Jahre lang ist Mose mit dem Volk durch die Wüste gezogen, dem gelobten Land entgegen. Sie kamen aus der Unfreiheit der Sklaverei, aber jetzt ist die Freiheit zum Greifen nah. Nur noch kurze Zeit, und sie werden das verheißene Land betreten. Doch was wird die Zukunft bringen? Wird ihr Leben dort gelingen? Das fragt sich nicht nur Mose. Er weiß, dass er das Land nicht mehr betreten wird. Zu alt ist er geworden. Sein Nachfolger, Josua, wird den Jordan zusammen mit dem Volk überqueren. Deshalb hält Mose nun seine Abschiedsrede. Sie steht im 5. Buch Mose, wie wir sagen.  Dieses Buch heißt in der jüdischen Tradition „Devarim“ – das heißt „Worte“.

Und ich halte inne. Und denke darüber nach, wie das mit Worten eigentlich ist:

Ja, Worte können viel. Sie können aufbauen und glücklich machen. Sie können das Herz erwärmen und trösten. Worte können versöhnen und heilen. Worte können im Gegenteil aber auch traurig machen. Das Herz erkalten lassen und einen stumm machen. Sie können in den Streit führen und Beziehungen zerstören.

Worte haben eine große Macht. Es ist wichtig, achtsam und gut mit ihnen umzugehen.

Mose erinnert sein Volk an die besonderen Worte Gottes. Es sind gute Worte.  Hilfreiche Worte. Vor allem die Zehn Gebote hält er ihnen vor Augen. Wenn sie sich daran halten, so wird ihr Leben gelingen, sagt er. Dann wird die Gemeinschaft mit Gott dem Volk Frieden und Zusammenhalt bringen.  Aber sind die Worte vom Berg Sinai nicht übermächtig? Sind sie nicht zu schwer? Sind sie wirklich zu bewältigen? Mose versichert seinen Leuten, dass die Anforderungen nicht zu hoch sind. Deshalb sagt er diese wunderbaren, entlastenden Worte: „Das Gebot, das ich dir heute auftrage, ist nicht zu schwer verständlich und es ist nicht abwegig. Nicht zu hoch und nicht zu fern. Nein, dieses Wort ist dir sehr nahe.  Es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, sodass du dich danach richten kannst.“  

Dass Gottes Wort nahe bei den Menschen ist, das ist etwas ganz Besonderes für das Volk Israel. Bei den anderen Völkern rundherum war das Wort der Götter weit weg. Es war Himmelswissen. Es war ein göttliches Rätsel. Und es wurde nur sehr wenigen Eingeweihten offenbart, Priestern z.B. oder Königen. Es war auch nicht öffentlich zugänglich. Es wurde in Tempeln verborgen, in Festungen oder auf besonderen Bergen. Anders aber in Israel. Der Gott Israels kommt zu seinem Volk und geht ihm voran in der Wüste. Und er lässt sich hören in seinen Worten, die von Mund zu Mund gehen und von Herz zu Herz. Seine Worte sind verständlich und nah.  Unmittelbar. Nichts, was man erst von weit herholen muss, vom Himmel oder von weit hinter dem Meer. Es ist ganz in der Nähe; und was es allein braucht, ist ein offenes Herz, in das es fallen kann und ein Gewissen, das bereit ist, zwischen Richtig und Falsch zu unterscheiden.

Liebe Gemeinde, im Vorfeld der Predigt, in meiner Vorbereitung, da habe ich mich gefragt: Wie kann ich reden von der Wirkung des Wortes Gottes? Wie kann ich sie anschaulich machen?

Ich habe mich entschlossen, Ihnen drei Bilder vor Augen zu malen.  Drei Bilder von vielen, die ich in mir trage. Das ist dann also eine sehr persönliche Predigt.  Aber das Risiko nehme ich auf mich.

Als erstes möchte ich Ihnen erzählen, wie es aussehen kann, wenn Menschen die Freude über das Wort Gottes in sich tragen:

Als ich mit einer Gruppe von 17 Theologiestudenten in Jerusalem studierte, gehörte zu unserem Jahresprogramm eine einwöchige Tour durch die Wüste Sinai.  Das ging damals noch. Eine Woche Wanderungen durch Wadis und Übernachtungen in den Oasen. Mit nur mit ganz wenig Wasser zum Waschen. Aber eine großartige Erfahrung. Nach einer Woche kamen wir schmutzig, verschwitzt mit staubigem Zeug und Wüstensand in den Haaren wieder in Jerusalem an.  Wir wollten nur noch duschen und dann schlafen. Aber unser Gruppenleiter sagte bei der Ankunft: „Heute abend ist doch Simchat Thora.  Das Fest der Freude über die Thora, die Weisung Gottes. Dass ihr euch das nicht entgehen lasst! Fahrt nach Hause, macht euch frisch und dann ab in eine der Synagogen. Das müsst ihr erleben, was da los ist!“

Wir rafften uns tatsächlich auf. Und wurden wahrhaftig nicht enttäuscht: ein übervolles Gotteshaus; Große und Kleine tanzten im Kreis herum, ihre Begeisterung und Freude war überall zu spüren.  Sie klatschten, sagen und tanzten. Und einer hielt die Thorarolle so wie ein Baby im Arm. Zärtlich, vorsichtig und voller Liebe. Ganz nah an seinem Körper. Als wollte er sie nie wieder in seinem Leben loslassen. Auch so kann man sich einfach freuen darüber, dass es Gottes Worte gibt!

Heute ist übrigens Simchat Tora.  Heute feiern die jüdischen Gemeinden überall auf der Welt ihr Thorafreudenfest.:)

Melodie: „Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht“

Ein zweites Bild trage ich in mir:

Es war im Bibelmuseum in Frankfurt. Ich stand vor einer Vitrine mit einem kostbaren Ausstellungsstück. Eine Kette war da zu sehen, ihr Anhänger bestand aus einer kupfernen Kapsel, sie war wie ein kleines geschlossenes Rohr, ungefähr vier Zentimeter lang. Sie lag da, geöffnet. Und in ihr verborgen war ein Stück Pergament, auf dem ein einziger Bibelvers aus dem NT geschrieben war. Diese Halskette stammte aus dem 2. Jahrhundert nach Christus.  Und sie war im Sand der Wüste Negev gefunden worden. Was auf dem Stück Pergament stand, das weiß ich nicht mehr. Aber ich erinnere mich daran, dass ich mich, vor dieser Vitrine stehend, fragte: Welcher Mensch hat wohl diese Halskette einst getragen? War es ein Mann oder eine Frau? Welche Geschichte hatte er? Wohin war er auf dem Weg? Und was ist aus ihm geworden? Und wenn ich damals als Christin gelebt hätte, welchen Bibelvers hätte ich bei mir getragen, welchen hätte ich ausgewählt, dass er mich tröstet, mich stärkt, mich an Gott erinnert und mir ein Licht ist auf meinem Weg? Wäre es das Wort Jesu aus dem Johannesevangelium: „Ich bin das Licht der Welt.  Und wer mir nachfolgt, der wird nicht im Finstern gehen, sondern wird das Licht des Lebens haben“?  Oder wäre es Psalm 27,1: „Der Herr ist mein Licht und mein Heil. Vor wem sollte ich mich fürchten?“ Oder wäre es das wunderbare Wort des Auferstandenen: „Ich lebe und ihr sollt auch leben“? Welches biblische Wort hätten Sie, liebe Gemeinde, in einer kupfernen Kapsel getragen, wenn Sie im 2. Jahrhundert gelebt hätten? Welches Wort trägt Sie durch die blühenden Landschaften ebenso wie durch die Wüsten des Lebens?

Melodie: „Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht“

„Dieses Wort ist dir sehr nahe. Es ist in deinem Mund und in deinem Herzen.“

Ein drittes Bild trage ich in mir:

Es war im Krankenhaus. Ich lag auf einem dieser Klinikbetten und war auf dem Weg in den OP. Ich war aufgeregt, auch ein wenig ängstlich. Nur schemenhaft sah ich die Schwestern und Pfleger um mich herum. Würde alles gutgehen? Würden die Ärzte ihre Arbeit gut machen? Da fiel mir ein Wort aus den Psalmen ein. Zuerst sagte ich es nur im Kopf für mich hin, dann traute ich mich auch, es halblaut vor mir herzusagen: „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück. Denn du bist bei mir.“ Immer wieder sagte ich das, bis ich endlich ruhiger wurde. Was die anderen dachten, war mir in dem Moment völlig egal.

„Dieses Wort ist dir sehr nahe. Es ist in deinem Mund und in deinem Herzen.“ Manchmal ist ein Wort der Schrift mehr wert als der kostbarste Edelstein, mehr als der größte Barren Gold. Gottes Kraft ist dann in ihm zu spüren. Und es ist gut, es wie ein Mantra immer wieder vor sich her zu sagen. Trauen wir uns, biblische Worte auswendig zu lernen. Machen wir uns diese köstliche Mühe. Gott allein weiß, wofür es uns noch einmal von Nutzen sein kann. Wie gut, dass wir sie haben.

Und Gottes Friede, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

EG + 127,1-4 Schenk uns Weisheit, schenk uns Mut

Fürbitten
Barmherziger, ewiger Gott, Du gibst uns Dein Wort. Wir sind frei, es anzunehmen und in unserem Herzen zu tragen. Deine Worte geben unserer Seele Tiefgang. Sie erfüllen unser Leben mit Sinn. Danke für den großen Schatz Deiner Worte. Sie sind uns Richtschnur und Leitstern. Hilfe in Entscheidungen. Mahnung in Gleichgültigkeit. Stärkung in Not. Quelle von Glück und Freude.

Danke, dass unser Glaube wachsen kann. Du machst uns Mut, neue Erfahrungen mit Dir zu wagen: lass uns Schuld vergeben, wo es nötig ist. Lass uns auf neue Anfänge vertrauen.

Gib uns Mut, in Deinem Namen aufzustehen gegen Hass und Gewalt. Hilf uns, ausgleichend zu wirken. Lass Dein Wort in unseren Kirchen mächtig sein, damit sie Orte der Geborgenheit und Zuflucht sind.

Vaterunser

Segen
Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.  Amen

Erntedank-Gottesdienst mit Video am 4.10.2020 von Pfarrerin Meike Naumann

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar: https://youtu.be/lcPekSDj5gU

Musik zum Eingang

Begrüßung mit Votum

Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn! Am Erntedankfest ist die Kirche festlich geschmückt mit Obst und Gemüse, mit Kornähren und Sonnenblumen. Traditionell steht der Dank für die Ernte im Mittelpunkt – und dazu Dank für alles, was gelungen ist. Das Erntedankfest erinnert daran: Was wirklich wichtig ist im Leben, können wir nur empfangen.

"Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit." | Ps 145,15

Psalm 104 EG 743

Gebet
Gott,
hier bin ich.
Mit allem, was mein Leben ausmacht.
Hilf mir, das Gute in meinem Leben zu erkennen und dir dafür zu danken.
Mach mich frei von dem, was mir nicht gut tut.
Zeige mir, wie ich zu einem guten Leben für alle beitragen kann.
Stärke mich mit Mut und Kreativität für diesen Weg.

Schriftlesung 5. Mose 8,7-18

Denn der HERR, dein Gott, führt dich in ein gutes Land, ein Land, darin Bäche und Quellen sind und Wasser in der Tiefe, die aus den Bergen und in den Auen fließen, 8ein Land, darin Weizen, Gerste, Weinstöcke, Feigenbäume und Granatäpfel wachsen, ein Land, darin es Ölbäume und Honig gibt, ein Land, wo du Brot genug zu essen hast, wo dir nichts mangelt, ein Land, in dessen Steinen Eisen ist, wo du Kupfererz aus den Bergen haust. Und wenn du gegessen hast und satt bist, sollst du den HERRN, deinen Gott, loben für das gute Land, das er dir gegeben hat.So hüte dich nun davor, den HERRN, deinen Gott, zu vergessen, sodass du seine Gebote und seine Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, nicht hältst. Wenn du nun gegessen hast und satt bist und schöne Häuser erbaust und darin wohnst und deine Rinder und Schafe und Silber und Gold und alles, was du hast, sich mehrt, dann hüte dich, dass dein Herz sich nicht überhebt und du den HERRN, deinen Gott, vergisst, der dich aus Ägyptenland geführt hat, aus der Knechtschaft, und dich geleitet hat durch die große und furchtbare Wüste, wo feurige Schlangen und Skorpione und lauter Dürre und kein Wasser war, und ließ dir Wasser aus dem harten Felsen hervorgehen und speiste dich mit Manna in der Wüste, von dem deine Väter nichts gewusst haben, auf dass er dich demütigte und versuchte, damit er dir hernach wohltäte. Du könntest sonst sagen in deinem Herzen: Meine Kräfte und meiner Hände Stärke haben mir diesen Reichtum gewonnen. Sondern gedenke an den HERRN, deinen Gott; denn er ist’s, der dir Kräfte gibt, Reichtum zu gewinnen, auf dass er hielte seinen Bund, den er deinen Vätern geschworen hat, so wie es heute ist.

Glaubensbekenntnis

Musik

Predigt

Ein buntes Erntebild breitet sich vor uns im Altarraum aus. Die Ernte war gut. Die Natur hat wahrhaft großzügig ihre Schätze freigegeben, damit wir davon leben können. Die Landwirte sind froh und dankbar – die Mühe und Arbeit des vergangenen Jahres hat sich gelohnt und reiche Frucht getragen. Der wenige Regen der kam, kam hier genau zur richtigen Zeit und in der richtigen Menge.

Und auch wir dürfen dankbar sein – dafür, dass es immer noch Menschen gibt, die die Felder bestellen. Trotz der modernen Maschinen ist das nach wie vor harte Arbeit, nicht nur dem Wetter unterworfen, sondern auch wirtschaftlichen Zwängen, die oft genug Krisen produzieren. Schweinepest, Gammelfleisch, Das sind nur einige Stichworte zu immer wiederkehrenden Skandalen, die die Preise purzeln lassen und manchen Landwirt an den Rand seiner Existenz bringen.

Aber die Arbeit und Mühe der Landwirte macht es nicht allein. Wir pflügen und wir streuen zwar den Samen auf das Land. Aber Wachsen und Gedeihen liegt in Gottes Hand, wie wir eben gesungen haben. Dass alles wächst, das können wir nur bedingt machen. Eine reiche Ernte, sie ist auch immer ein Gottesgeschenk.

So wollen wir auch Gott danken, dass wir in diesem Winter genug haben. Viele von uns werden manches aus dem eigenen Garten, vom eigenen Feld in ihren Kellern und Scheunen gelagert haben und den Winter über zufrieden davon zehren können. Das ist Anlass genug zu Freude und Dank.

Zufrieden schauen wir auf die Ernte. Wir wissen, die Arbeit war nicht umsonst. Wir fühlen uns beschenkt. Auf der anderen Seite wissen wir ganz genau, dass wir in unserem Land selbst dann keine Sorge haben müssten, wenn die Ernte diesmal nicht ganz so gut ausgefallen wäre. Ja, selbst wenn ein ganzer Teil davon durch ein Unwetter vernichtet worden wäre, müssten wir keine Not leiden. Unser Mehl zum Brotbacken, unser Gemüse, unser Obst bekämen wir dann nur in verstärkterem Maße, als es sowieso geschieht, von anderen – aus Ländern, in denen die Ernte besser war: aus Italien, aus Israel, aus holländischen Gewächshäusern, vielleicht aus Russland und Amerika. Manches würde teurer sein, aber das könnten wir verkraften. Nein, wir müssen anders als die Menschen früher keine Angst haben, Not zu leiden. Wir haben genug.
 
Genug? Wenn wir ehrlich sind, müssten wir sagen, wir haben nicht nur genug, wir haben mehr als genug zu essen – so viel, dass immer wieder Lebensmittel in der Mülltonne landen. Wir haben mehr als genug zum Anziehen. Manche macht jede Mode mit und dafür wandert anderes kaum getragen in den Kleidersack. Wir haben genug Möbel, genug Autos, genug Spielsachen, genug von allem. Wir haben nicht nur genug, wir haben zu viel. Und wir registrieren es oft nicht einmal. Wir haben uns daran gewöhnt. Ja, es ist uns zur Selbstverständlichkeit geworden.

Diese Gewöhnung, diese Selbstverständlichkeit aber hat eine gefährliche Dynamik. Es scheint mir fast wie ein Naturgesetz zu sein, dass wer etwas hat, immer mehr haben will. Wir Menschen sind selten zufrieden, wenn wir genug haben. Wir streben danach, noch mehr zu erlangen, zu besitzen. Dieser Drang, den eigenen Besitz über das Maß hinaus zu vermehren, scheint tief in uns zu stecken. Ich kenne kaum einen Menschen, der dieser Versuchung nicht immer wieder erliegt – ich eingeschlossen. Eine gefährliche Versuchung. Wenn wir ihr erliegen, dann passiert es, dass wir maßlos werden, dass wir nur uns sehen. Dann kommen wir schnell an den Punkt, wo wir unseren Besitz um jeden Preis vermehren wollen, auch dadurch, dass wir anderen etwas vorenthalten oder wegnehmen. Denn die Ressourcen unserer Erde sind begrenzt. Das wissen wir alle. Wir haben nicht endlos Nahrung und Rohstoffe zur Verfügung. Und wenn einer immer mehr braucht, bekommt eine andere weniger davon. Viel Ungerechtigkeit in der Welt geschieht, weil mancher Konzern auch in unserem Land seine Gewinne mit solcher Ausbeutung erwirtschaftet.

„Was hat das mit dem Erntedankfest zu tun?“ mag nun mancher fragen. Muss uns das heute interessieren? Dürfen wir uns heute nicht einmal unbeschwert darüber freuen, dass die Ernte gut war? Müssen wir uns gleich wieder anhören: „Ihr habt gut lachen, aber anderswo fehlt es an vielem“, und schuldbewusst den Kopf einziehen?

Darum geht es nicht! Natürlich sollen wir uns freuen und dankbar sein und feiern. Wir sollen nicht schuldbewusst den Kopf einziehen. Aber wir sollen unsere Freude nicht für uns behalten, sondern sie mit anderen teilen.

Unsere Freude kann gar nicht groß genug sein. Sie soll so groß sein, dass wir gar nicht anders können, als alle Welt daran teilhaben lassen zu wollen. Weil wir so viel geschenkt bekommen haben, deshalb sollen wir mit vollen Händen voll Dankbarkeit weiterschenken. Wo wir das tun, da werden wir ein Wunder erleben.

So wie in der Erzählung des heutigen Predigttextes, die in der Bibel steht, weil sie vom Wunder des Teilens erzählt, an das die Jünger und Jüngerinnen nicht glaubten, das ihnen Jesus aber eindringlich vor Augen führt.

Verlesen des Predigttextes
Als sich in jenen Tagen wiederum viel Volk eingefunden hatte und sie nichts zu essen hatten, rief er die Jüngerinnen und Jünger zu sich und sagte ihnen: „Ich werde durch das Volk angerührt, denn sie bleiben schon seit drei Tagen bei mir und haben nichts zu essen. Wenn ich sie ohne Essen nach Hause gehen lasse, werden sie unterwegs entkräftet zusammenbrechen; einige von ihnen sind von weit her gekommen.“ Da antworteten ihm seine Jüngerinnen und Jünger: „Wie könnte hier in der Einöde irgendeine Person diese große Menschenmenge mit Broten sättigen?“ Er fragte sie: „Wie viele Brote habt ihr bei euch?“ Sie sagten: „Sieben“. Da gebot er dem Volk, sich wie zum Essen auf die Erde niederzulegen. Und er nahm die sieben Brote, sprach den Brotsegen, brach sie und gab sie seinen Jüngerinnen und Jüngern, damit sie die Speise austeilten. Sie teilten sie an das Volk aus. Außerdem hatten sie einige kleine Fische. Er sprach das Segensgebet und gebot, auch diese auszuteilen. Und sie aßen und wurden satt. Sie hoben auf, was an Resten übrig blieb: sieben Körbe. Sie waren aber ungefähr 4.000 Menschen. Und er schickte sie fort.
(Markusevangelium 8,1-9 BIGS 2011)

Eine große Menge Menschen ist Jesus gefolgt. Seit drei Tagen sind sie mit ihm unterwegs. Nun haben sie Hunger. Jesus möchte, dass die Jüngerinnen und Jünger ihnen etwas zu essen geben. Aber die sind ratlos: Es sind so viele! Wie sollen wir die alle satt bekommen? Resignation und Mutlosigkeit klingen aus diesen Worten. Die Freundinnen und Freunde Jesu sind völlig überfordert.

Ich kann das gut nachvollziehen. Wenn ich höre, wie vielen Menschen auf der Welt das Nötigste zum Leben fehlt, dann denke ich auch schnell: Was soll ich tun? Auch wenn ich noch so viel spende, es wird nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein.

Aber: Viele Tropfen ergeben ein Meer. „Fangt doch erst mal an!“, sagt Jesus. „Wie viele Brote habt ihr bei euch?“ (Mk 8,5 BIGS 2011) Sieben sind es und dazu einige kleine Fische. Jesus lädt die Menschen ein, sich niederzusetzen. Er dankt Gott und dann fordert er auf, auszuteilen. Und siehe, alle wurden satt. Am Ende blieben noch sieben Körbe über.

Das hatten sie niemals erwartet, dass es für alle reichen würde. Deshalb hatten sie gar nicht erst mit dem Teilen beginnen wollen. Jesus aber macht ihnen deutlich: „Fangt doch erst einmal an! Es reicht weiter als ihr denkt. Nur wenn ihr beginnt, könnt ihr das Wunder des Teilens erleben!“

Wir alle kennen das Sprichwort: Geteilte Freude ist doppelte Freude. Aber nicht nur Freude können wir teilen. Auch ein Stück Brot, auch eine Tafel Schokolade, eine Stunde Zeit.
Teilen kann auch bedeuten: Weggeben, was ich selber nicht mehr brauche. Das Kleid, das schon seit Jahren ungetragen im Schrank hängt; das Buch, das im Regal verstaubt; ein altes Spielzeug. Jemand anders wird sich darüber freuen.

Teilen können wir natürlich auch unser Geld. Indem wir spenden oder indem wir Produkte mit einem Siegel für fairen Handel kaufen. Es gibt Kaffee, Tee, Saft und Obst, für die die produzierenden Bauern dann soviel Geld bekommen, dass sie davon auch leben können. Den wenigsten von uns tut es weh, zwei bis drei Euro mehr für das Pfund Kaffee zu bezahlen. Für eine Familie in Guatemala aber bedeutet es menschenwürdig zu leben.

Wo wir so teilen, wird unser Brot nicht mehr Brot wie in der Erzählung vom Speisungswunder. Das können wir nicht tun. Wo wir ein Brot teilen, da bleibt es ein Brot. Wo wir es aber nicht für uns behalten, da ist am Ende trotzdem mehr: mehr Freude, vielleicht mehr Freunde. Nicht nur eine, sondern drei oder vier oder fünf sind satt geworden und haben Gemeinschaft gehabt.

Wo wir so teilen, da wachsen Freude, Menschlichkeit und Gerechtigkeit. In einer Welt, wo einer so für den anderen sorgt, hat Hass keinen Platz. Gerade angesichts der erneuten Aufrüstung und der Kriegstreiberei haben viele Menschen Sehnsucht nach einer Welt, wo alle leben können.

Die Erzählung von der Speisung der Vielen will uns ermutigen, dem Wunder des Teilens nachzuspüren. Brot und Fisch stehen für alles, was lebensnotwendig ist. Menschen, die es wagen, die mit anderen teilen, die bekommen ein neues Verhältnis zu ihrem Besitz. Denn der Besitz wird dann nicht nur weniger werden, sondern auch weniger wichtig. Aber die Zuneigung zu unseren Mitmenschen und die Erfahrung von Gerechtigkeit wachsen.

Jede und jeder kann teilen – im Kleinen und im Großen.

Erntedank soll uns dazu befreien – unsere Freude soll weiterwirken, nicht nur heute, sondern jeden Tag. Damit irgendwann einmal alle genug haben und als Schwestern und Brüder beieinander leben.
Amen.

Musik

Fürbitten
Gott, du ermutigst uns immer wieder,
deinem Wort zu vertrauen und deine Liebe in diese Welt zu tragen.

Wir bitten dich,
leite unsere Füße auf den Weg des Friedens!
Führe unsere Hände, dass sie erhalten und aufbauen,
was dem Mitmenschen und der Schöpfung dient!
Öffne unseren Mund für Worte, die trösten und stärken!

Lehre uns Geduld mit uns und anderen
und stärke das Vertrauen in unsere Fähigkeiten und Gaben!
Lass uns nicht verzagen,
wenn unsere Bemühungen ins Leere laufen!
Schenke uns die Kraft,
immer neu dafür einzutreten,
dass dein Reich auf dieser Erde wachse!

Wo wir an Grenzen geraten,
da hilf uns am Gebet festzuhalten!
Dein Wort verbindet über Grenzen
hinweg und schlägt Brücken
zu Menschen in der ganzen Welt.

Befreie uns zum Teilen,
mach uns bereit, loszulassen und abzugeben,
damit nicht nur wenige viel, sondern alle genug haben,
dass Gerechtigkeit auf der Erde wachse
und alle Menschen leben können!

Gemeinsam beten wir: Vater unser

Abkündigungen

Segen

Gottesdienst am 27.09.2020 von Pfarrerin Meike Naumann

Musik zum Eingang

Begrüßung mit Votum

"Christus Jesus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium." | 2. Tim 1,10b

Wir mögen hier und jetzt den Tod erleiden – durch Christus verliert der Tod seine Macht. Das geschah schon zu Jesu Lebzeiten, als er Menschen dem Tod abrang. Durch Jesu Sterben und Auferstehen ist der Tod endgültig besiegt. Was die Psalmen besangen wird in Jesus für Christen Wirklichkeit: „Du wirst meine Seele nicht dem Tode lassen!“ Aus dieser Hoffnung erwächst ein „Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“, der alle Furcht vertreiben will. Gottes Güte ist mächtiger als der Tod – sich daran zu halten und darauf zu vertrauen, dazu ermutigt dieser Sonntag.

Psalm
Der Sieg Gottes
Ein Psalmlied Davids, vorzusingen.
Die Gerechten aber freuen sich /
und sind fröhlich vor Gott
und freuen sich von Herzen.
Singet Gott, lobsinget seinem Namen! /
Macht Bahn dem, der auf den Wolken einherfährt;
er heißt HERR. Freuet euch vor ihm!
Ein Vater der Waisen und ein Helfer der Witwen
ist Gott in seiner heiligen Wohnung,
ein Gott, der die Einsamen nach Hause bringt, /
der die Gefangenen herausführt, dass es ihnen wohlgehe;
Gelobt sei der Herr täglich.
Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch.
Wir haben einen Gott, der da hilft,
und den HERRN, einen Herrn, der vom Tode errettet.

Gebet
Heute Morgen sind wir da, Gott.
Wir suchen deine Nähe.
Gegen alle Einsamkeiten unseres Lebens lass uns wissen:
Du bist um uns und in uns wie die Luft zum Atmen.
Du kannst uns trösten und unsere Leiden heilen.
Du willst unser Leben teilen.
Bleibe bei und. Heute und alle Zeit. Amen.

Schriftlesung
Die Auferweckung des Lazarus
Es lag aber einer krank, Lazarus aus Betanien, dem Dorf Marias und ihrer Schwester Marta. Da sandten die Schwestern zu Jesus und ließen ihm sagen: Herr, siehe, der, den du lieb hast, liegt krank. Da kam Jesus und fand Lazarus schon vier Tage im Grabe liegen. Betanien aber war nahe bei Jerusalem, etwa fünfzehn Stadien entfernt. Viele Juden aber waren zu Marta und Maria gekommen, sie zu trösten wegen ihres Bruders. Als Marta nun hörte, dass Jesus kommt, ging sie ihm entgegen; Maria aber blieb im Haus sitzen. Da sprach Marta zu Jesus: Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben. Aber auch jetzt weiß ich: Was du bittest von Gott, das wird dir Gott geben. Jesus spricht zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen. Marta spricht zu ihm: Ich weiß, dass er auferstehen wird bei der
Auferstehung am Jüngsten Tage. Jesus spricht zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubst du das? Sie spricht zu ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommt.

Glaubensbekenntnis

Musik

Predigt

Gott gebe uns ein Wort für unser Herz und ein Herz für Gottes Wort.

Liebe Gemeinde!
I
„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit!“ (2.Tim. 1,7 LUTHER 2017)
Zwei Frauen möchte ich Ihnen vorstellen. Zwei Frauen, deren Mut, Kraft und Liebe mich beeindrucken. Es kann gut sein, dass Sie eine oder vielleicht beide Frauen kennen.

Irma Duce war eine brasilianische Ordensschwester. Schon ganz jung trat sie in ihren Orden ein. Ihr Augenmerk galt denen, die von den anderen nicht gesehen wurden. Sie kümmerte sich um Obdachlose, brach leerstehende Häuser auf, um für sie ein Dach über dem Kopf zu finden. Im Hühnerstall ihres Klosters begann sie mit der Betreuung von Kranken. Daraus entstand ein kleines Krankenhaus, das wuchs und bald über 1000 Betten hatte. Mit 78 Jahren starb sie an einer schweren Lungenkrankheit. Sie hat sich um die Ärmsten gekümmert, um die, die durchs Raster fielen. Hat dafür gesorgt, dass sie gesehen wurden und dass andere ihnen gerecht werden, dass sich um sie gekümmert wird.

Cato Bontjes van Beek kam aus Fischerhude. Sie war die Nichte des Künstlers Otto Modersohn. Mit 23 Jahre wurde sie in Berlin Plötzensee hingerichtet. Schon früh erkennt sie das Leid und das Unrecht, dass die nationalsozialistische Ideologie hervorbringt. Sie engagiert sich im Widerstand, druckt Flugblätter und Schriften, die zum Kampf und zum Widerstand gegen die Nationalsozialisten aufrufen. Mit ihrem Vater wird sie verhaftet und ermordet.

In solchen Menschengeschichten entdecke ich Gottes Geist. Davon bin ich immer wieder fasziniert. Wie Frauen und Männer eine innere Richtschnur haben, die sie begleitet. Nicht ohne Umwege. Nicht ohne innere Kämpfe. Aber so, dass sie eine Fährte legen, auf die ich aufmerksam werde.

Gottes Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit – und vor allem nicht der Furcht!

Irma Duce sah, wo Not war, sah mit mitleidenden liebevollen Augen und wurde aktiv. Lies sich nicht einschüchtern von Gesetzen und Umständen, die ihr den Weg versperrten.
Cato Bontjes van Beek mochte nicht tatenlos zusehen, wie sich der Geist der Furcht ausbreitete, wie Menschen Würde und Leben genommen wurde. Sie vertraute auf Gottes Liebe zu allen Menschen und wollte nicht Ausgrenzung, Mord und Hass Raum geben. Selbst auf die Gefahr hin, selber ihr Leben zu verlieren, wurde sie aktiv.

Es sind Lebensgeschichten wie die dieser beiden Frauen, die mich darüber nachdenken lassen, wie ich diesen Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit und nicht der Furcht spüre und lebe.

Ich bin keine Heldin. Mein Leben aufs Spiel setzen?
Gott sei Dank leben wir im Moment in Zeiten, wo die Notwendigkeit dafür nicht gegeben ist. Aber den Geist der Furcht, den spüre ich trotzdem. Die Stimmung in unserer Gesellschaft ist angespannt, verändert sich.

Ich spüre den Geist der Furcht, wenn ich mich dabei ertappe, wie ich mich in schwierigen Situationen winde, um niemandem weh zu tun – auch aus Sorge, selber Schaden zu nehmen.

Wenn ich anderen begegne, die Sorge um das, haben, was sie sich aufgebaut haben. „Jetzt kommen so viele Fremde, das schaffen wir doch gar nicht!“
Wenn ich bei Facebook manche Auseinandersetzung verfolge und sehe, mit welcher Wortgewalt dort ausgeteilt und über andere geurteilt wird.

Wenn ich Schlagzeilen lese wie „Erschreckend, wie viele nicht mehr ihre Meinung sagen!“, mit denen suggeriert wird, dass die Meinungsfreiheit bei uns in Gefahr sei.

Da ist er, der Geist der Furcht, von dem die Bibel sagt: der ist nicht von Gott!

II
„Wie willst du das denn wissen?“ – Ich höre sie genau, diese Frage. Manche stellen sie laut. Sie finden, dass Gott zu viel von den falschen Leuten unterstellt wird. Sie sagen: „Vielleicht ist Gott ja genau in dieser Furcht spürbar? Vielleicht ist die Furcht ein Zeichen dafür, das was nicht stimmt!“

Furcht, das sehe ich auch so, ist ein Zeichen dafür, dass etwas nicht in Ordnung ist. Furcht macht klein und eng, verschließt mir den Blick für das, was mich umgibt.

Damit ist dann für mich aber auch klar, dass dieser Geist nicht von Gott kommt.

Denn die Bibel erzählt davon, wie Gottes Handeln Horizonte weit gemacht und Leben verwandelt hat.

Wie Menschen, die in sich ganz verkrümmt waren, auf einmal aufsahen und aufrecht gehen lernten.

Wie sie das, was sie im alten Leben festhielt, loslassen und sich neu entdecken konnten.

Wie ihnen gemeinsam mit anderen neue Wege eröffnet wurden, die sie sich selber nie hätten vorstellen können.

Mit Gottes Geist wird das Leben nicht klein und eng, sondern weit und offen. Dabei verschwindet die Furcht nicht – es gibt ja auch genug, vor dem wir uns fürchten könnten – am allermeisten wohl vor dem, zu dem wir Menschen untereinander fähig sind.
Aber der Furcht wird etwas entgegengesetzt, etwas, das anders, das stärker ist als sie.

Irma Duce wollte vor dem Leid um sie herum nicht die Augen verschließen. Sie vertraute Gott, der Kraft des Lebens, die keinen Menschen verloren gab
Cato Bontjes van Beeck wollte nicht tatenlos zusehen, als Menschen für wertlos erklärt wurden: „Ich will nicht nur reden, ich will etwas tun!“ Sie entdeckte in ihrem Glauben eine Quelle, die sie stärkte.

Beide vertrauten auf Gottes Liebe, die allen Menschen galt – egal wer sie waren und woher sie kamen.

III
Der Furcht etwas entgegensetzen, etwas, das stärker ist als sie.
Etwas, das ich nicht selber mache, sondern das in mir wächst und wirkt.
Etwas, das ich nicht selber mache, aber das meine Aufmerksamkeit braucht: der Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Und der ganz konkret wirken kann.

Wenn ich mich nicht in die Enge treiben lasse von Aussagen wie: „Hier darf ja keine mehr ihre Meinung sagen!“, sondern besonnen nachfrage: „Natürlich gibt es Meinungsfreiheit. Geht es dir vielleicht eher darum, dass du die Zustimmung für deine Meinung vermisst?“

Wenn ich die Kraft sammle, um Dinge anzusprechen, die mir schwerfallen, aber notwendig sind und mir und andere weiter helfen.

Wenn ich mich daran erinnere, dass ich daran glaube, dass ich von Gott geliebt bin, genau wie der Mann, wie die Frau, die ihre Heimat verlassen haben und hier Fuß fassen wollen, und diese Erinnerung stärker ist als die Sorge, etwas abgeben zu müssen.
Wenn ich mit vielen anderen an einer Kundgebung gegen Hass, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit teilnehme und so ein sichtbares Zeichen setze.

IV
Kraft, Liebe und Besonnenheit – Gottes Geist ist wie ein wunderbarer kluger Dreiklang.

Kraft allein wird schnell Kraftmeierei. Die Liebe führt häufig zum Überschwang und die Besonnenheit zur Behäbigkeit.

Alle drei zusammen aber geben sich gegenseitig Raum und Stütze.

In diesen wunderbaren Dreiklang stellt Gott mich und hofft, dass ich diesem Dreiklang in mir Platz schaffe und nicht weghöre, wenn die Furcht zu laut wird.

Menschen wie Irma Duce und Cato Bontjes van Beeck und all die anderen, die mir Spuren zeigen von Gottes Geist begleiten mich dabei, erinnern mich daran, dass der Geist der Furcht nicht der Geist Gottes ist, sondern der Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.
Amen.

Musik

Fürbitten
Himmlischer Vater,
du hast uns unser Leben geschenkt
und damit viele Möglichkeiten vor uns ausgebreitet.
Dafür danken wir dir.

Wir bitten dich für die Völker und Nationen
in den Krisengebieten dieser Welt,
die unter Krieg und Terror leiden,
dass endlich Friede einkehre.

Wir bitten dich für die Trauernden
in der Nähe und in der Ferne, die darunter leiden,
dass du der Lebenszeit Grenzen gesetzt hast,
dass du sie tröstest mit deiner grenzenlosen Liebe.

Wir bitten dich für die Männer und Frauen,
die durch eine Krankheit eingeschränkt sind,
die nicht sehen, sprechen oder hören können,
dass sie sich trotz ihrer Begrenzung entfalten.

Wir bitten dich für die Menschen,
die verbittert sind über die Begrenztheit des Lebens,
die sich in jeder Krankheit und jedem Leid und in jedem Sterben
erneut zeigt,
dass sie nicht bitter bleiben, sondern auf dich hoffen.

Wir bitten dich für diejenigen unter uns,
die mehr auf die Grenzen schauen,
die du ihnen gesetzt hast, als auf die Freiheit,
zu der du uns berufst,
dass du ihre Augen auftust
für die Möglichkeiten, die vor ihnen liegen.

Wir bitten für uns alle um die Gelassenheit,
Grenzen hinzunehmen, die wir nicht ändern können.
Wir bitten dich aber um den Mut,
gegen Grenzen zu rebellieren,
wo wir sie verändern und überwinden können.
Und wir bitten um die Weisheit,
zwischen diesen Grenzen und jenen zu unterscheiden.
Amen.

Vater Unser

Abkündigungen

Segen

Musik zum Ausgang

Gottesdienst am 20.09.2020 von Pfarrerin Susanne Pieper

Ich begrüße Sie und euch alle herzlich zu diesem Gottesdienst. Der Sommer neigt sich seinem Ende zu. Übermorgen beginnt der Herbst. Schon länger spüren wir ja, dass die Tage kürzer werden. Nun ist es gut, die Bilder und die Kraft der Sonne in uns zu speichern für die Herbsttage, die kommen.

Heute werden wir mit den Liedern und den Texten daran erinnert, dass wir nicht aus uns selbst leben, sondern aus Gottes guter Hand. Er ist für uns da. Er lässt sich ansprechen. Daran erinnern uns die Worte des Wochenspruchs aus dem 1. Petrusbrief Kap. 5: „Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch.“

Wir feiern den Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Psalm 104 i.A.

Lobe den Herrn, meine Seele! Mein Gott, du bist so groß!
Du bist schön und prächtig geschmückt. Licht ist dein Kleid, das du anhast.
Du breitest den Himmel aus wie einen Teppich.
Du lässt Gras wachsen für das Vieh und Saat zum Nutzen der Menschen,
um Brot aus der Erde hervorzubringen.
Du bringst Wein hervor, der das menschliche Herz erfreut,
Öl, damit das Angesicht schön werde
Und Brot, das das Herz des Menschen stärkt.
Wie groß und wie zahlreich sind deine Werke, Herr!
Du hast sie alle weise geordnet.
Ich will dem Herrn singen mein Leben lang
und meinen Gott loben, solange ich da bin.

Gebet

Du, mein Gott, ich bitte dich heute: komm zu mir und rühre mich an. Hilf mir, mit Körper, Geist und Seele jetzt ganz hier zu sein. Mich einzulassen auf diesen Gottesdienst. Inmitten deiner Gemeinde.
Schenke mir neue Gedanken, die mein Leben bereichern, die ich auch mitnehmen kann in meinen Alltag morgen.
Dies bitte ich dich im Namen Jesu Christi. Amen.

Lied EG 302,1-3 Du, meine Seele, singe

Schriftlesung 1. Mose 2,4-9.15
Es war zu der Zeit, als Gott die Erde und den Himmel erschuf. Und alle Sträucher auf dem Feld waren noch nicht auf der Erde, und all das Kraut auf dem Feld war noch nicht gewachsen. Denn Gott der Herr hatte es noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute. Aber ein Nebel stieg von der Erde auf und befeuchtete alles Land. Da machte Gott der Herr den Menschen aus Erde von Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so wurde der Mensch ein lebendiges Wesen. Und Gott der Herr pflanzte einen Garten in Eden gen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er geschaffen hatte. Und Gott der Herr ließ aus der Erde allerlei Bäume aufwachsen, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten in den Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Und Gott nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, damit er ihn bebaute und behütete.

Ansprache

Gottes Liebe, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Liebe Gemeinde,

es war im Sommer, in Finnland. Mit 70 anderen Jugendlichen war ich auf eine Freizeit gefahren, die unsere Kirchengemeinde angeboten hatte. Wir unterhielten uns über alles damals, auch darüber, was es bedeutete, mit der Bibel zu leben, als Christ in unserer Welt unterwegs zu sein. Unser Pastor war damals auch dabei, und wir waren stolz darauf, dass wir ihn alle duzen durften. Irgendwann in den tagen nahm ich mir ein Herz und fragte ihn: „Hans – Peter, hast du mal einen Moment Zeit? Ich habe da eine Frage.“ er hatte Zeit. Und so setzten wir uns an das Ufer jenes schönen finnischen Sees, und ich konnte mein Problem zur Sprache bringen: „Wie soll ich das zusammenbringen – den Schöpfungsbericht der Bibel und das, was ich im Biologieunterricht lerne: die Evolutionstheorie, die davon ausgeht, dass die Welt in Jahrmillionen entstanden ist und nicht in sieben Tagen? Entweder stimmt doch das eine oder das andere. Beides zugleich geht nicht. Und wenn das so weitergeht, werde ich noch die ganze Bibel über Bord werfen.“ Große Fragen einer 16Jährigen, an denen Vieles für sie hing. Mein Pastor überlegte. Dann sagte er: „Susanne, nimm die Bibel nicht wie ein biologisches Lehrbuch, nimm sie nicht wie ein geologisches Fachbuch. Das will sie nicht sein. Sie will etwas Anderes sagen; sie will sagen, dass Gott hinter allem steht, was wir sehen. Es ist sein Wille, dass es diese Erde gibt, dieses Universum und uns Menschen. Er ist der Schöpfer, und es liegt ein Sinn darin, dass es dich gibt und mich und jeden Menschen. Darauf kommt es an. Denk anders. Denk weiter. Denk größer!“

Mit diesen Worten und mit diesem Gespräch hat Hans-Peter Hellmanzik, mein Pastor, der mich konfirmiert und uns später getraut hat, entscheidend dazu beigetragen, dass ich hier heute stehe, dass ich mich für das Studium der Theologie entschieden habe. Er hat mich gelehrt, die Bibel anders zu sehen als nur im fundamentalistischen Sinne. Dafür bin ich ihm überaus dankbar.

„Es war zu der Zeit, als Gott die Erde und den Himmel erschuf.“ Gott wollte, dass es das alles hier gibt.

Die zweite Schöpfungserzählung am Anfang der Bibel beschreibt die Entstehung des Paradieses. Es ist eine Erzählung. Niemand war dabei. Gott pflanzt diesen wunderbaren Garten Eden, in dem noch alles gut war. Er lässt allerlei Bäume wachsen, verlockend und anziehend anzusehen. Mit Früchten zum Essen. In diesem Garten gibt es später auch Wasser die Fülle, das den Garten bewässert. Dann erschafft Gott aus Erde den Menschen und setzt ihn in den Garten, damit er ihn bearbeitet und beschützt. Auch die Tiere werden aus Erde geschaffen. Und als es kühl wird am Abend, spaziert Gott selbst durch den Garten. Was für ein schönes Bild!

Ein Garten, liebe Gemeinde, ist ein traumhafter Ort. Kein Wunder, dass fast jeder Mensch sich ein Häuschen mit Garten wünscht. Für viele Menschen in unserer Stadt ist ihr Garten, egal ob direkt am Haus gelegen oder als Schrebergarten ein bisschen weiter weg, ihr zweites Wohnzimmer, ihr zweites Zuhause. Und ich weiß es von Etlichen, die mir gesagt haben, gerade in der Coronazeit hätten sie plötzlich angefangen zu gärtnern. Im Garten, da gehen die Uhren anders. Da kann man schon einmal die Zeit vergessen. Der Garten ist Ort der Ruhe, der Erholung, des Durchatmens. Ob es die wunderschönen, offenen Rosengärten in Steinfurth sind, unser Gemeindegarten am Höhenweg oder die privaten Gärten, die man am „Tag des offenen Gartentors“ betreten und besichtigen darf – sie alle sind kleine Paradiese der Gegenwart. Allesamt Abbilder jenes biblischen Gartens Eden. Die englische Dichterin Dorothy Frances Gurney sagt dazu: „Man ist dem Herzen Gottes nirgendwo näher als in einem Garten.“ Hier spüren, riechen, schmecken, hören und sehen wir die Natur. Hier erkennen wir, dass die Natur mehr ist als Natur. Wir erkennen, dass sie Schöpfung ist. Dass eine großartige, kreative Kraftquelle sie gewollt hat und sie ins Leben gesetzt hat.

Woran freuen Sie sich besonders, wenn Sie an einen Garten denken? Ist es der Lavendel, der Rittersporn oder der Schmetterlingsflieder? Ist es die Rose, die Sonnenblume oder die Geranie auf dem Balkon? Ist es der Apfelbaum, voll mit reifen Früchten? Für jede und für jeden ist es sicher etwas Anderes. „Gott nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden.“

Wenn ich unseren Garten in seinem Jahresverlauf beobachte, vom Frühling bis zum Winter, so sehe ich vieles wieder, das sich auch im Lebensverlauf eines Menschen abzeichnet. Auch wir als Menschen sind mit hineingenommen in diesen uralten Kreislauf von Werden und Vergehen. Wir gehören zur Erde. In uns tanzen und schweben und bewegen sich dieselben Moleküle und Atome wie in der Natur, die uns umgibt. Wir sind nur anders zusammengesetzt. „Wir sind Leben inmitten von Leben, das leben will,“ hat Albert Schweizer einmal gesagt. Die hebräische Bibel spielt genau mit diesem Gedanken. Sie erzählt, dass der Mensch, der Adam, aus Erde vom Acker gemacht ist, aus der Adamah. Der Adam aus der Adamah. Der „Erdling aus der Erde.“ Wir sind Erdlinge – Teil dieser Erde. Ganz elementar. Wir sind Erde von Erde. Das kann uns einfach auch einmal sehr demütig werden lassen. Das bedeutet, dass wir mit beiden Füßen fest auf der Erde zu stehen haben. Erdverbunden, realistisch, nicht abgehoben. Und doch sind wir ja viel mehr; wir sind mit dem Geist Gottes begabt. “Und Gott machte den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in die Nase.“ Wir können atmen, denken, unsere Gedanken spielen lassen, phantasievoll sein, Sachen erfinden, bauen und gestalten, kreativ sein. Wir sind Erdlinge und doch zugleich mit Gott und mit seiner großen geistigen Welt verbunden. Wir sind eingespannt zwischen Himmel und Erde. Können immer wieder Neues denken und tun. Nach Gottes Willen fragen und handeln.

Das ist ein großes Glück. Das ist ein großer Schatz.

Nach dem Willen Gottes – so erzählt es der Schöpfungsbericht – soll der Mensch den Garten Eden bebauen und behüten. Bebauen heißt ja bearbeiten. Gartenarbeit ist Arbeit, manchmal schweißtreibend und anstrengend. Ein Stück Land umgraben, das geht in den Rücken und in die Arme. Wurzeln herausholen, Stubben roden, Erde begradigen, Steine lesen, das fordert Disziplin, Kraft und Selbstüberwindung. In seinem schönen Buch „Pinnegars Garten“ lässt der englische Autor Reginald Arkell den alten Gärtner sagen: “ Gärtnern ist ein Ganztagsjob, wenn einem das Unkraut droht, über den Kopf zu wachsen. Und Gärtnern ist eine Tätigkeit, die einen zur Verzweiflung treiben kann. Aber was sie fordert, das gibt sie auch zurück.“ Anstrengung und Disziplin gehören zu unserem Leben und Arbeiten dazu. Ohne das geht es nicht. Der Garten Eden ist nicht als Schlaraffenland konzipiert.

Wenn wir über unsere eigenen Gärten hinausschauen in die gegenwärtige Wirklichkeit unserer Erde, so sehen wir an vielen Orten ein Gegenbild zum Paradies der Bibel: Bäume werden nicht gepflanzt, sie sterben, sie verbrennen oder werden abgeholzt. Die Westküste Amerikas brennt. Urwälder werden zu Wüstenregionen. Anhaltende Trockenheit macht Menschen und Tieren zu schaffen. Und viel zu viele Menschen hungern und haben gerade keinen Zugang zu den Früchten der Erde. Die Klimaveränderung ist mit Händen zu greifen. Auch wenn es immer noch Menschen gibt, die sie leugnen.

Kann uns in dieser Situation das Bild vom Garten Eden helfen? Können wir aus diesem Bild Kraft schöpfen für unsere Zeit? Und einen Weg finden?

„Gott setzte den Menschen in den Garten Eden, damit er ihn bebaute und behütete.“ Bebauen und behüten, dieser Auftrag bleibt entscheidend. Durch die Zeiten hindurch. Wir Erdlinge, wir brauchen Gottes Geist, um immer neu zu erkennen, wo wir klimafreundlicher handeln können - und das dann auch tun. Wir alle kennen die Stichworte vom ökologischen Fußabdruck bis zum Umstieg auf klimaneutrale Verkehrsmittel. Wir wissen das alles.

Wir brauchen eine Haltung, Gott neu als den Schöpfer zu erkennen, ihm die Ehre zu geben. Das hilft uns, respektvoll und im guten Sinne demütig zu sein. Und wir haben eine Hoffnung, über das Ende aller Tage hier hinaus. Sie findet sich im 2. Petrusbrief 3: „Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach Gottes Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.“ Bis dahin lasst uns tun, was wir tun können.

Und Gottes Friede, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsre Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Fürbitten

Du, Gott, bist der Glanz und das Licht unserer Herzen. Wir sehen Deine schöpferische Kraft: auf Deiner Erde, an allen Sternen und Planeten und im Universum. Wir danken Dir für alles, womit wir versorgt sind.
Du vertraust unseren Händen Deine Erde an. Das ist eine hohe Verantwortung  und wir wissen nicht, ob wir ihr gerecht werden können. Gib uns Demut, damit wir Wege zur Umkehr finden. Gib uns Respekt, Herr, damit wir sparsam mit den Ressourcen umgehen.
Mit dem Virus, Gott, wendet sich die die Natur gerade gegen uns. Wir verstehen Vieles nicht, müssen uns schützen und sind angewiesen auf die medizinische Forschung. Wir sind jenseits von Eden. Wir bitten um Geist und Fantasie für die Wissenschaftler, damit ein Impfstoff möglich wird.
Wir bitten für alle, die in diesen Tagen einsam sind: Menschen in ihren Wohnungen, die Geflüchteten auf den Inseln, die, die in Minsk, in Belarus festgenommen worden sind: sei Du bei ihnen, stärke sie und gib ihnen eine Aussicht!

Vaterunser

Segen
Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.
Amen.

Gottesdienst am 13.09.2020 von Vikar Ingmar Bartsch

Votum: Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

Eingangsspsalm: Psalm 146, 1-3, 5-8
1 Lobe den Herrn, meine Seele! 2 Ich will den Herrn loben, solange ich lebe, und meinem Gott lobsingen, solange ich bin. 3 Verlasset euch nicht auf Fürsten; sie sind Menschen, die können ja nicht helfen. 5 Wohl dem, dessen Hilfe der Gott Jakobs ist, der seine Hoffnung setzt auf den Herrn, seinen Gott, 6 der Himmel und Erde gemacht hat, das Meer und alles, was darinnen ist; der Treue hält ewiglich, / 7 der Recht schafft denen, die Gewalt leiden, der die Hungrigen speiset. Der Herr macht die Gefangenen frei. 8 Der Herr macht die Blinden sehend. Der Herr richtet auf, die niedergeschla-gen sind. Der Herr liebt die Gerechten. Amen

Gebet
Großer Gott, manchmal trauen wir Dir zu wenig zu. Wir hören von Menschen, in deren Leben Du Veränderung bewirkt hast. Es fällt uns schwer, zu glauben, dass Du auch uns verändern kannst. Schenke uns, dass wir in diesem Gottesdienst Deine Kraft in unserem Leben spüren und von Dir angerührt werden. Das bitten wir Dich durch Jesus Christus, unseren Herrn, der mit Dir und dem Heiligen Geist lebt und Leben schenkt in Ewigkeit. Amen

Lesung: 1.Mose 28,10-19
10 Aber Jakob zog aus von Beerscheba und machte sich auf den Weg nach Haran 11 und kam an eine Stätte, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein von der Stätte und legte ihn zu seinen Häupten und legte sich an der Stätte schlafen. 12 Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder. 13 Und der HERR stand oben darauf und sprach: Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. 14 Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. 15 Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe. 16 Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht! 17 Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels. 18 Und Jakob stand früh am Morgen auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Steinmal und goss Öl oben darauf 19 und nannte die Stätte Bethel.

Lied:  EG 629
1.)Liebe ist nicht nur ein Wort,
Liebe das sind Worte und Taten.
Als Zeichen der Liebe ist Jesus geboren
Als Zeichen der Liebe für diese Welt.

2.)Freiheit ist nicht nur ein Wort,
Freiheit das sind Worte und Taten.
Als Zeichen der Freiheit ist Jesus gestorben
Als Zeichen der Freiheit für diese Welt.

3.)Hoffnung ist nicht nur ein Wort,
Hoffnung das sind Worte und Taten
Als Zeichen der Hoffnung ist Jesus lebendig,
Als Zeichen der Hoffnung für diese Welt.

Predigt zu Lukas 19,1-10
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus,

Hatten Sie schon mal eine Begegnung, die Ihr Leben verändert hat? Mit einer richtig beeindruckenden Person? Bei einem Vortrag, einer Buchlesung oder einem besonders inspirierendes Konzert? Beim Treffen mit einer berühmten Persönlichkeit oder dem tiefen Gespräch mit einer guten Freundin? Die berühmte Liebe auf den ersten Blick gehört definitiv in diese Kategorie. Begegnungen, die unser Leben verändern.
Der Wunsch nach Veränderung scheint uns Menschen inne zu wohnen. Bei einem der großen Händler im Internet findet man eine unüberschaubare Zahl an Ratgebern. „Verändere Dein Leben“, ist einer der Titel. Nicht super kreativ, aber man weiß gleich, worum es geht. „Der geile Scheiß vom Glücklichsein“ Das ist deutlich humorvoller. Oder „Wach auf, Dein Leben wartet!“ Und dann gibt es ja auch noch eine schier endlose Fülle an Fitnessratgebern.
Der Wunsch nach Veränderung ist kein Phänomen der heutigen Zeit. Das zeigt auch der Predigttext für den heutigen Sonntag. Es ist die bekannte Geschichte von Zachäus. Ich lese aus Lukas 19 nach der Übersetzung der BasisBibel:

1Jesus kam nach Jericho und zog durch die Stadt. 2 Und sieh doch: Dort lebte ein Mann,der Zachäus hieß. Er war der oberste Zolleinnehmer und sehr reich. 3 Er wollte unbedingt sehen, wer dieser Jesus war. Aber er konnte es nicht, denn er war klein und die Volksmenge versperrte ihm die Sicht. 4 Deshalb lief er voraus und kletterte auf einen Maulbeerfeigenbaum, um Jesus sehen zu können – denn dort musste er vorbeikommen. 5 Als Jesus an die Stelle kam, blickte er hoch und sagte zu ihm: »Zachäus, steig schnell herab. Ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein.« 6 Der stieg sofort vom Baum herab. Voller Freude nahm er Jesus bei sich auf.
7 Als die Leute das sahen,ärgerten sie sich und sagten zueinander: »Er ist bei einem Mann eingekehrt, der voller Schuld ist!« 8 Aber Zachäus stand auf und sagte zum Herrn: »Herr, sieh doch: Die Hälfte von meinem Besitz werde ich den Armen geben. Und wem ich zu viel abgenommen habe, dem werde ich es vierfach zurückzahlen.« 9 Da sagte Jesus zu ihm: »Heute ist dieses Haus gerettet worden,denn auch er ist ein Sohn Abrahams! 10D er Menschensohn ist gekommen,um die Verlorenen zu suchen und zu retten.«

Als Zachäus von Jesus hört, packt ihn die Neugier. Er läuft los. An der Straße ist das Gedränge aber zu groß. Er kann nicht sehen, was da passiert. Deshalb flitzt er noch einmal los. Er schätzt den Weg ab, den Jesus nehmen könnte und klettert auf einen Baum. Da sitzt er nun, der Zachäus.
Als Oberster der Zolleinnehmer war er kein Sympathieträger. Zöllner wirtschaften Gelder in die eigene Tasche. Das war damals jedem klar. Zöllner nutzen ihre Macht schamlos aus. Ob Zachäus das auch so gemacht hat, wissen wir nicht. Was wir aber wissen: Er war sehr reich. Und Reichtum ist verdächtig. Auch da hat sich in 2000 Jahren nicht viel verändert. Ich ertappe mich selbst dabei, dass ich denke: „Na, wo wird er denn die Kohle her haben?“ Bei dem Beruf. Die anderen nennen ihn einen Sünder, als Jesus bei ihm einkehrt. Hätte es damals Social Media schon gegeben, hätte Jesus einen ordentlichen Shitstorm geerntet. Und vermutlich war die Entrüstung der Menschen in Jericho schon für damalige Verhältnisse schon ein ordentlicher Shitsorm. Wir erfahren übrigens auch, dass er nicht besonders groß war. Deshalb musste er ja auf den Baum klettern. Offensichtlich war seine Neugierde größer, als er selbst. Ist Zachäus also ein skrupelloser Mensch ohne Gewissen? Einer von der ganz schlimmen Sorte?

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr gerät dieses Bild ins Wanken. Der Mann war immerhin oberster Zöllner. Vielleicht war er durch die Familie in diese Position gekommen. Aber sie zu behaupten oder gar auszubauen, das setzt Durchsetzungskraft voraus. Und die schien er zu haben, obwohl er mit seinem Auftreten wahrscheinlich nicht überzeugen konnte. Und da sind ja noch die neidischen Reaktionen der anderen. Wie heißt es so schön? Mitleid bekommt man geschenkt. Neid muss man sich verdienen.
Und nun kommt Jesus an diesem Baum vorbei. Und hier passiert das erste Mal etwas Unerwartetes. Der Zachäus macht sich ja in gewisser Weise lächerlich, indem er auf den Baum klettert. Er exponiert sich und nimmt in Kauf, verspottet zu werden. Und genau in diesem verletzlichen Moment dreht sich die für Zachäus gewohnte Perspektive. Jesus, der große Wunderheiler, der Lehrer, der mit der großen Gefolgschaft – dieser Jesus schaut auf. Er schaut auf zum kleinen Zachäus. Auf dem Liedblatt finden Sie ein Bild von Kees de Kort, welches das besonders gut illustriert.
Und Jesus will bei Zachäus essen. Das erinnert an die Geschichte von der Himmelsleiter. Jakob begegnet plötzlich Gott. Gott bricht mit diesem Traum in das Leben von Jakob ein und verändert es. An diese Begegnung wird Jakob sicher sein ganzes Leben lang denken. Dass Jesus bei ihm essen will, muss für Zachäus ähnlich beeindruckend gewesen sein. Denn er steigt in Höchstgeschwindigkeit vom Baum und nimmt Jesus mit nach Hause. Und dort scheint sich bei Zachäus etwas zu entladen. Ohne Zwang und ohne Aufforderung macht er tabula Rasa. Er will die Hälfte seines Vermögens spenden. Das muss ihm erstmal jemand nachmachen. Und er will allen, die er betrogen hat, das Geld vierfach erstatten.
Jesus kommentiert diese Veränderung bei Zachäus mit einer Zusage: „Heute ist diesem Haus Heil widerfahren.“ Und er sagt, dass er da ist, um das Verlorene zu suchen. Vielleicht war Zachäus mit seinem Leben gar nicht so unzufrieden. Aber da nagte etwas an ihm. Da war etwas nicht heil in seinem Leben. Da ahnte er, dass es eine Veränderung braucht. Der Knackpunkt scheint sein Umgang mit seinem Beruf gewesen zu sein. Ob ihm das ganz klar war, kann man nicht sagen. Aber in der Begegnung mit Jesus, der sich ihm ganz zuwendet, geschieht plötzlich eine Veränderung.

Ich staune immer wieder, wie treffend die Bibel uns Menschen beschreibt. Zachäus hat Facetten, die mir wohl vertraut sind. Sein Leben ist an sich nicht schlecht. Es ging ihm gut. Nach außen hatte er keinen Grund, sich zu verändern. Aber innerlich hatte er diese Unzufriedenheit. Das kenne ich auch. Da ist vielleicht eine ungeklärte Schieflage in einer Beziehung. Eine problematische Verhaltensweise. Oder ich tue etwas, was eigentlich mit meinen Werten nicht zusammenpasst – so wie es bei Zachäus der Fall gewesen sein muss. Zachäus hat die Begegnung mit Jesus verändert. Die Begegnungen mit Gottes personifizierter Liebe. Ich denke, dass das auch heute und für uns noch möglich ist. Wo wir Jesus und damit Gottes Liebe begegnen, da können sich Dinge in unserem Leben ändern. Das heißt nicht, dass unser ganzes Leben schlecht ist. Aber Jesu schenkt uns die Möglichkeit, an der ein oder anderen Stelle neu anzufangen.
Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Lied: EG 401
1 Liebe, die du mich zum Bilde deiner Gottheit hast gemacht, Liebe, die du mich so milde nach dem Fall hast wiederbracht: Liebe, dir ergeb ich mich, dein zu bleiben ewiglich.

2 Liebe, die du mich erkoren, eh ich noch geschaffen war, Liebe, die du Mensch geboren und mir gleich wardst ganz und gar: Liebe, dir ergeb ich mich, dein zu bleiben ewiglich.

Fürbitten
Herr, großer Gott, wir danken Dir für Deine Leben verändernde Kraft. Wir bitten Dich, dass diese Kraft auch in unserem Leben wirksam wird und uns zum Guten verändert.
Herr, großer Gott, ratlos und wütend machen uns die vielen Krisen und Konflikte in unserer Welt. Ratlos und wütend macht uns der Brand in Moria und die Situation der Menschen auf der Insel Lesbos. Schenke Du gute Lösungen für diejenigen, die obdachlos sind und die unter den Folgen des Brandes zu leiden haben.
Herr, großer Gott, wir bitten Dich für unsere Gemeinde. Vieles ist anders in Coronazeiten. Manchmal brauchen wir eine Extraportion Geduld. Schenke uns, dass wir liebevoll miteinander umgehen und dass wir auch unter erschwerten Bedingungen Licht und Salz sein können in Bad Nauheim.

Und gemeinsam beten wir das Vaterunser.
Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Segen
Der Herr segne Dich und behüte Dich.
Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über Dir und sei Dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf Dich und schenke Dir Frieden.

Konfirmationsgottesdienst am 06.09.2020

Die Dialogpredigt dieses Gottesdienstes gibt es als Tonaufzeichnung: https://youtu.be/sJWlYaODMDw

 

Votum: Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Eingangspsalm: Psalm 23
Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.

Gebet:
Am Morgen dieses Sonntags kommen wir zu Dir, unser Gott, Du Quelle des Lebens. Wir kommen mit dem was uns freut und mit dem, was uns Angst macht. Mit unseren Sorgen, Nöten und mit unserem Dank. Sprich Du in diesem Konfirmationsgottes-dienst ins unsere Herzen. Schenke, dass unser Vertrauen in Dich wachse und hilf, dass wir unser Leben gestalten, wie Du es von uns willst. Das bitten wir Dich durch Jesus Christus, der mit Dir und dem Heiligen Geist lebt und Leben schenkt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Schriftlesung: Lukas 24, 13 – 35
Die Emmausjünger
13 Und siehe, zwei von ihnen gingen an demselben Tage in ein Dorf, das war von Jerusalem etwa sechzig Stadien entfernt; dessen Name ist Emmaus. 14 Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten. 15 Und es geschah, als sie so redeten und einander fragten, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen. 16 Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten. 17 Er sprach aber zu ihnen: Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs? Da blieben sie traurig stehen. 18 Und der eine, mit Namen Kleopas, antwortete und sprach zu ihm: Bist du der Einzige unter den Fremden in Jerusalem, der nicht weiß, was in diesen Tagen dort geschehen ist? 19 Und er sprach zu ihnen: Was denn? Sie aber sprachen zu ihm: Das mit Jesus von Nazareth, der ein Prophet war, mächtig in Tat und Wort vor Gott und allem Volk; 20 wie ihn unsre Hohenpriester und Oberen zur Todesstrafe überantwortet und gekreuzigt haben. 21 Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde. Und über das alles ist heute der dritte Tag, dass dies geschehen ist. 22 Auch haben uns erschreckt einige Frauen aus unserer Mitte, die sind früh bei dem Grab gewesen, 23 haben seinen Leib nicht gefunden, kommen und sagen, sie haben eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagen, er lebe. 24 Und einige von denen, die mit uns waren, gingen hin zum Grab und fanden's so, wie die Frauen sagten; aber ihn sahen sie nicht. 25 Und er sprach zu ihnen: O ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben! 26 Musste nicht der Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen? 27 Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in allen Schriften von ihm gesagt war. 28 Und sie kamen nahe an das Dorf, wo sie hingingen. Und er stellte sich, als wollte er weitergehen. 29 Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben. 30 Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach's und gab's ihnen. 31 Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen. 32 Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete? 33 Und sie standen auf zu derselben Stunde, kehrten zurück nach Jerusalem und fanden die Elf versammelt und die bei ihnen waren; 34 die sprachen: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und dem Simon erschienen. 35 Und sie erzählten ihnen, was auf dem Wege geschehen war und wie er von ihnen erkannt wurde, da er das Brot brach.

Predigt:
Vor einem Jahr haben wir uns auf den Weg gemacht. In verschiedenen Konfigruppen zwar, aber mit einem gemeinsamen Ziel. Wir wollten Gottes Spuren entdecken. In der Welt, in unserer Kirchengemeinde, in unserem Leben. Wir sind losgelaufen und haben viel gemeinsam erlebt. Die Konfistunden am Dienstag. Der Besuch in der Synagoge.
Ihr habt in Gemeindeprojekten mitgeholfen. Einige von Euch haben die Wilhemskirche geschmückt. Andere haben syrisch gekocht und manche sind mit „Bad Nauheim barrierefrei“ sogar in der Zeitung gelandet.
Auf dem Weg lagen auch Gottesdienste. Die – nennen wir es mal - „normalen“ und die besonderen aus dem zweiten Programm. Ihr habt das Glaubensbekenntnis, das Vaterunser und den Psalm 23 gelernt, wie Generationen von Konfis vor Euch. Und ein Höhepunkt unseres gemeinsamen Weges war die Konfifreizeit im Flensunger Hof.


Und im März endete dieser Weg ganz plötzlich. Quasi über das Wochenende. Schlagartig wart Ihr nicht mehr in der Schule, konntet keine Freunde mehr treffen. Ihr konntet Eure Großeltern nicht mehr sehen.  Vielleicht haben kleine oder große Geschwister genervt, weil sie den ganzen Tag zu Hause waren. Ihr hattet plötzlich digitalen Unterricht und Eure Eltern waren die Lehrer. Und eigentlich waren Eure Eltern ja im Homeoffice.
Der Konfiunterricht fand nicht mehr statt. Der Vorstellungsgottesdienst, auf den wir uns alle gefreut hatten, war abgesagt. Plötzlich war alles anders und auch die Konfirmation stand in Frage. Und dann wurde klar, dass die Konfirmation in diesem Jahr ganz anders werden würde, als in den letzten Jahrzehnten.
Und so feiern wir jetzt ganz anders, als geplant. Mit Abstand und mit Masken. Ihr könnt nur acht Gäste mit in die Kirche bringen. Die Gemeinde muss heute auf den Gottesdienst verzichten, weil wir nur 90 Personen in die Kirche lassen dürfen. Und es kann sich hier vermutlich niemand erinnern, in Bad Nauheim je einen Konfirmationsgottesdienst ohne Abendmahl erlebt zu haben.


Habt Ihr da eigentlich mal an die Konfifreizeit zurückgedacht? An die Emmausjünger? Wir haben die Geschichte vorhin gehört. Für die hatte sich quasi auch übers Wochenende alles verändert.
Sie hatten sich zusammen mit anderen auf den Weg gemacht. Und mit Jesus. Diesem Heiler, Lehrer und Geschichtenerzähler. Dem von Gott Gesandten. Und es waren wundervolle Jahre mit ihm. Aber plötzlich war alles anders. EInfach so. Übers Wochenende. Gründonnerstag, Karfreitag. Jesus war tot. Alles war anders. Sie mussten ihr Leben neu in den Griff kriegen.
Und als sie an diesem Abend von Jerusalem nach Emmaus gehen, da sind sie enttäuscht.
Verwirrt.
Traurig.
Ängstlich.
Verunsichert.
Deprimiert.
Trostlos.
Hoffnungslos.
Verzweifelt. 
Alleingelassen.
Total fertig mit sich und der Welt. Das sieht man auf dem Bild auf dem Gottesdienstblatt: Es ist ein Druck des Künstlers Karl Schmidt-Rottluff und zeigt die beiden Emmaus Jünger so depressiv, wie sie in ihrer Trauer um Jesus und um ihr früheres Leben sind. Aber sie sind immer noch auf dem Weg. Der Weg ihres Lebens war nicht plötzlich zu Ende.
Und so gingen sie nach Hause. Das bedeutet: Sie waren wenigstens in Bewegung. Haben nicht aufgegeben. Sie sind losgegangen.  Und deshalb war diese kurze Wanderung von Jerusalem nach Emmaus zugleich der Weg in ein neues Leben. Spannend ist, dass wir nur einen der beiden Namen erfahren. Kleopas heißt der, dem Jesus auf seine Frage antwortet.

Wer war der andere Jünger eigentlich? Vielleicht hieß er auch Silas oder Johannes. Vielleicht hieß sie auch Maria? Oder er oder sie trug einen anderen damals gebräuchlichen Namen? Vielleicht hieß sie oder er auch ganz anders?
Linus zum Beispiel.
Oder Leonard.
Louis
Max
Leandro
Justin
Leo
Fabian
Emilio
Maximilian
Oder auch Susanne.
Oder Meike
Vielleicht auch Rainer.
Oder Ingmar
Mir gefällt diese Geschichte auch, weil ich mich darin so gut wiederfinden kann. Denn auf dem Weg, den die beiden gehen, passiert etwas. Das ist der Clou an dieser Erzählung. So plötzlich, wie sich das Leben über das Wochenende verändert hat, so plötzlich tritt Jesus wieder in ihr Leben. Aber Anders, als gedacht.


Er begleitet sie. Unaufdringlich, nicht mit einem Paukenschlag. Er hilft ihnen, das Geschehene zu verarbeiten. Und er scheint eine besondere Wirkung auf sie zu haben. Er nimmt sich einfach Zeit für die beiden. Er geht mit ihnen., Er verwickelt sie in ein Gespräch, begleitet sie nach Hause. Und sie erzählen ihm alles. Das Reden hilft ihnen. Es ist fast wie eine Kur, es wirkt heilsam, sich die ganze Enttäuschung von der Seele zu reden. Da hebt sich ihr Blick. Da sehen sie, was trotz allem noch möglich ist. Es ist gar nicht alles zu Ende. Vieles geht weiter. Das meiste. Wenn wir dafür sorgen. Mit ihm. Denn er lebt. Mit uns und durch uns. „Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete?“ - das sagen sie, als sie erkannten, dass es Jesus war, der mit ihnen gegangen ist.


Diese Erfahrung wünschen wir Euch auch. Auch wenn heute vieles anders ist, als gedacht. Auch wenn im Leben manches anders sein wird, als gehofft und gewünscht. Jesus geht mit. Auch wenn wenn wir es nicht immer merken.
Wir hoffen, dass Ihr im Rückblick auf die Konfizeit trotz aller Veränderungen sagen könnt: „Brannte nicht unser Herz in uns, als wir gemeinsam mit Gott auf dem Weg waren?“ Und wir wünschen Euch, dass Ihr das auch im Leben spürt. Gott begleitet Euch auf Eurem Lebensweg. Auch wenn wir es nicht immer merken. Aber im Nachhinein können wir hoffentlich sagen: „Brannte nicht unser Herz in uns, als wir gemeinsam mit Gott auf dem Weg waren?“

Lied: Ins Wasser fällt ein Stein, EG 621

Glaubensbekenntnis
Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde.
Und an Jesus Christus,
seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,
empfangen durch den Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage auferstanden von den Toten,
aufgefahren in den Himmel,
er sitzt zur Rechten Gottes,
des allmächtigen Vaters, von dort wird er kommen,
zu richten die Lebenden und die Toten.
Ich glaube an den Heiligen Geist,
die heilige christliche Kirche,
Gemeinschaft der Heiligen,
Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten
und das ewige Leben. Amen.

 

Einsegnung der Konfirmanden

 

Fürbitten:
Unser Gott, wir danken dir für eine erlebnisreiche Konfirmandenzeit. Wir danken dir für deinen Segen für jeden einzelnen Konfirmanden. Wir      bitten dich, gib allen die Kraft, im Glauben an dich zu leben, und auch im Alltag deine wunderbare und freundliche Begleitung nicht zu vergessen. Lass die Konfirmierten mutig und willensstark in dieses Leben gehen. Hilf ihnen, ihre eigenen Wege zu finden!
Wir bitten dich für die Familien der konfirmierten Jugendlichen. Begleite sie in besonderer Weise in dieser schwierigen Zeit mit ihren Herausforderungen. Lass sie heute alle fröhlich und im Guten miteinander feiern. Lass sie die Hauptperson dieses Festes in den Mittelpunkt stellen. Spannungen und Streit sollen heute keinen Platz haben. Dafür umso mehr Leichtigkeit und Zuversicht.
Wir bitten dich für alle Jugendlichen.  Lass sie in ihrem Leben immer wieder einen Halt finden, damit sie ihre Wege sicher gehen können. Lass sie nicht verzweifeln und aufgeben, sondern immer wieder für sich selbst und andere kämpfen. Lass sie spüren, dass du bei ihnen bist und sie unterstützen willst.
Wir bitten dich für uns alle in dieser Zeit, die in Manchem gerade so ganz anders ist. Zeige uns immer aufs Neue, dass du es gut mit uns meinst. Stärke unser Vertrauen. Schenke uns freundliche Menschen an unserer Seite, die uns liebevoll begleiten.
Lass uns niemals vergessen, dass du mit uns gehst über alle Höhen und durch die Tiefen unseres Lebens.

 

Vater Unser
Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Lied: Komm Herr, segne uns, EG 170

Segen:
Der Herr segne dich und behüte dich,
der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig,
der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

Gottesdienst mit Video am 30.08.2020 von Pfarrerin Meike Naumann

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar: https://youtu.be/IxrKcGFny9c

 

Musik zum Eingang

Begrüßung mit Votum

Wochenspruch
Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmemden Docht wird er nicht auslöschen. (Das Buch Jesaja 42,3 BIGS 2011)

Psalm 146 EG 757

Gebet
Du lässt Taube wieder hören
und öffnest den Mund der Stummen.
Dafür danken wir dir.
Schenke auch uns wache Augen,
damit wir deine Taten erkennen.
Gib uns offene Ohren,
dass wir auf deine Stimme hören.
Löse uns die Zunge,
dass wir deinen Namen preisen
und dich bekennen vor den Menschen.
Dies bitten wir durch unseren Herrn Jesus Christus,
deinen Sohn, der mit dir und dem Heiligen Geist
lebt und Leben schafft von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Schriftlesung Hebr 13,14-15
14 Denn auf der Erde gibt es keine Stadt, in der wir bleiben können. Wir sind unterwegs zu der Stadt, die kommen wird.
15 Durch Jesus wollen wir Gott jederzeit und in jeder Lebenslage Dankopfer darbringen; das heißt: Wir wollen uns mit unserem Beten und Singen zu ihm bekennen und ihn preisen.

Glaubensbekenntnis

Musik

Predigt
1.Korinther 3 Die Gemeinde als Bau und die Verantwortung der Bauleute
9 Wir sind also Gottes Mitarbeiter, ihr aber seid Gottes Ackerland. Oder mit einem anderen Bild: Ihr seid Gottes Bau.
10 Nach dem Auftrag, den Gott mir gegeben hat, habe ich wie ein umsichtiger Bauleiter das Fundament gelegt. Andere bauen nun darauf weiter. Aber jeder soll sehen, wie er weiterbaut!
11 Das Fundament ist gelegt: Jesus Christus. Niemand kann ein anderes legen.
12-13 Es wird auch nicht verborgen bleiben, was jemand darauf baut, ob Gold, Silber oder wertvolle Steine, ob Holz, Schilf oder Stroh. Am Tag des Gerichts wird sich erweisen, ob es Bestand hat. Dann wird die Feuerprobe gemacht: Das Werk eines jeden wird im Feuer auf seinen Wert geprüft.
14 Wenn das, was ein Mensch gebaut hat, die Probe besteht, wird er belohnt.
15 Wenn es verbrennt, wird er bestraft. Er selbst wird zwar gerettet, aber so, wie jemand gerade noch aus dem Feuer gerissen wird.
16 Wisst ihr nicht, dass ihr als Gemeinde der Tempel Gottes seid und dass der Geist* Gottes in euch wohnt?
17 Wer den Tempel Gottes zugrunde richtet, wird dafür von Gott zugrunde gerichtet. Denn der Tempel Gottes ist heilig, und dieser Tempel seid ihr.

Liebe Gemeinde,
der Predigttext hat mich an einen Zeichentrickfilm erinnert, den ich als Kind einmal gesehen habe. Vielleicht kennen Sie ihn. Die Geschichte von den drei kleinen Schweinchen von Walt Disney. Die drei Schweinchen bauen jeweils ein Haus für sich, um darin zu wohnen und um sich vor dem bösen Wolf zu schützen. Aber zwei davon sind nur locker mit Stroh und Holz gebaut, so dass sie den Angriffen des Wolfes nicht standhalten. Zum Glück hat das dritte Schweinchen kräftig investiert und sein Haus aus Stein gebaut. Die anderen beiden können dorthin flüchten und sind so gerettet. Die Moral von der Geschichte war, dass es sich lohnt in einen stabilen Bau zu investieren.

Von Walt Disney und seiner Moral: „Ein stabiler Bau lohnt sich“, möchte ich unsere Aufmerksamkeit auf den heutigen Abschnitt aus dem Ersten Brief an die Gemeinde in Korinth lenken und angeregt durch Paulus folgende Fragen stellen: Wie bauen wir mit an der Gemeinde Jesu Christi, an Kirche, am Reich Gottes? Stabil, einladend, oder so, dass er kleinste Windhauch es umbläst, oder die kleinste Erschütterung es einstürzen lässt?
Christentum, das bedeutet auch 2000 Jahre bauen und manchmal auch niederreißen, wiederaufbauen und manchmal verfallen lassen. Unterschiedliche Methoden, Ideen, Stile, Konzepte. Manchmal die Frage: Bauen wir wirklich am selben Haus? Bauen wir miteinander oder gegeneinander? Lohnt es sich überhaupt noch weiterzubauen? Wer interessiert sich noch dafür?

2000 Jahre Gemeindearbeit und kein Patentrezept dafür. Es ist mühsam, spannend, bereichernd, erschöpfend, segensreich…

In der Lesung aus dem Brief an die hebräischen Gemeinden haben wir gehört, dass wir hier keine bleibende Stadt haben. Der Kirchenvater Augustin, spricht vom „wandernden Gottesvolk“.

Das sind Bilder der Mobilität, aber auch der Unbehaustheit: „Wir haben hier keine bleibende Stadt.“ Ein Zuruf, der uns aufmerksam macht, dass nichts hier für die Ewigkeit ist. Alles ist Bewegung, ist Veränderung.

Im Brief an die Gemeinde in Korinth wird ein ganz anderes Bild vor uns gezeichnet. Aufbauen, weiterbauen, gute Materialen dafür wählen. Daraus spricht Kontinuität und Verlässlichkeit, vielleicht auch so etwas wie Heimat?

Bauen und keine Stadt haben, Heimat und Wanderschaft, das sind zwei sehr verschiedene Pole. Was gilt heute mehr: Das Entdecken, die Wanderschaft, die Überraschungen? Oder das Bauen und Heimat bieten? Ich denke, es ist eine Ty Sache.
Die landeskirchliche Realität ist wohl eher das Bauen und Heimat bieten. Das zeigt sich schon alleine dadurch, dass wir zu der Kirche gehören, die geographisch in unserer Nähe ist, und dass die Bauangelegenheiten und Renovierungen jede Pfarrgemeinde, die ich kennen gelernt habe, beschäftigen. Dazu gehört auch die Klage über die nicht vorhandene Weitsicht der Vorfahren, die zu klein, oder zu groß, zu teuer, oder zu billig oder am ganz falschen Platz gebaut haben.

Der Vorteil vom Wandern scheint, dass man immer weiterziehen kann, wenn es nicht mehr gefällt, die Situation sich verändert hat, der Wind sich dreht. Beim sesshaften Leben muss man das aushalten. Gebäude müssen renoviert und angepasst werden an die aktuellen Bedürfnisse. Wir können nicht einfach aufbrechen, weil uns zu viel festhält, von den Gräbern der Vorfahren, bis zum Kredit.

Den einen erscheint die Institution Kirche zu starr, zu alt, zu kalt, zu statisch. Am liebsten würden sie die Kirche niederreißen und neu, oder gar nicht mehr aufbauen. Die anderen sind der Meinung, dass die Veränderung, der Kirche nicht guttut. Alles soll so bleiben wie es war.  Es fällt schwer, den von der Kirchenleitung geforderten Prozess der Regionalisierung mitzugehen. Was bleibt dann noch in der Gemeinde vor Ort? Was wird ihr „weggenommen“?

Manchmal passiert es, dass wir das Fundament, die Grundlage unserer Existenz als Kirche, als Christen und Christinnen aus den Augen verlieren, weil wir so im Alltagsgeschäft verhaftet sind. Warum sind wir hier versammelt, egal ob als Baumeisterin, oder Pilger? Was ist unser Auftrag? Wie erfüllen wir ihn am besten? Wie können wir als Kirche, als Gemeinde, als Gläubige, zur befreienden Botschaft Jesu einladen.

In letzter Zeit lese ich von vielen Verabschiedungen von Pfarrpersonen. Die Babyboomer gehen in Pension. Das gibt viele Gelegenheiten die unterschiedlichen Zugänge zum Pfarrberuf zu entdecken. Aber das was ich hier herauslese, scheint mir übertragbar auf viele andere, Ehrenamtliche und Hauptamtliche, die in Gemeinde aktiv sind und auch auf die unterschiedlichen Selbstverständnisse von Gemeinden.
In der letzten Zeit habe ich drei Abschiedsartikel von Kolleg*innen gelesen. Diese drei unterschiedlichen Typen mag ich heute kurz skizzieren und dabei auch immer die zwei Pole: „wanderndes Volk“ und „Bauen am Tempel Gottes“ im Blick behalten.

Zuerst der Seelsorger.
Er war auf unterschiedlichen Sonderpfarrstellen vom Jugend-, über Studierenden- bis zur Krankenhausseelsorger. Hat etliche Zusatzausbildungen absolviert. Sein Verabschiedungstext, den er selbst geschrieben hat, teilt sich in ganz viele kleine Häppchen, die alle eine eigene Überschrift haben.
Wagnis – Freude pur – Abenteuer – mit Anderen – Niederlagen – Entscheidung – Miteinander - Verirrungen – Aufgabe – Korrektur – Glaube – Mühe – Zweifel – Beschwerung -Angst oder Befreiung – der letzte Schritt.
Der Text endet mit: „Ein großer Schritt für dich,“ sagt Gott, „du bist herzlich willkommen!“
Ohne dass ich jetzt ins Detail gehe, was für kurze Überlegungen unter diesen Überschriften zu lesen waren, so ist doch die Bewegung zu merken, die Gefühle, das auf und ab, das nie Ankommen, außer letztlich bei Gott.

Als zweites der Landpfarrer.
Er war sein ganzes Arbeitsleben an einer Pfarrstelle, hat den Ort und die Pfarrgemeinde geprägt. In seinem Text, der ein Interview ist, werden die Highlights der Gemeindeentwicklung der letzten 43 Jahre knapp wiedergegeben. Kirchenbauten, Renovierungen und Großereignisse. Er bleibt auch in der Pension am Pfarrgebiet wohnen. Sein Text endet mit: „Ich wünsche der Pfarrgemeinde Gottes reichen Segen. Und ich hoffe, dass sie einen Pfarrer bekommt, dem die Gemeindearbeit ist.“

Als letztes die Pfarrerin.
Sie beschreibt in ihrem Text, wie es war, in vielen Dinge die Erste zu sein, wie es war, noch nicht ausgeschrittene Pfade zu gehen, sondern diese Wege erst zu erkämpfen. Sie beschreibt die Aufbruchsstimmung, den Wunsch in der Jugend Kirche zu verändern, sie für Frauen und Männer besser zu machen. Sie berichtet von Vorurteilen und den Möglichkeiten sie zu widerlegen. Als einzige, obwohl alle drei verheiratet sind und Kinder haben, widmet sie dem Thema Arbeitsteilung und Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein paar Gedanken. Ihr Text endet mit: „Wir sind als Gemeinde Teil der Welt, stehen ihr nicht gegenüber. Wir geben Raum und ergreifen Partei, begleiten und hören zu, feiern und ermahnen einander. Schließlich haben wir den Auftrag, Salz zu sein und Licht für die Welt.“

Für mich zeigt sich im Text der Kollegin eine Möglichkeit die beiden Pole zu verbinden. Der Typ „wanderndes Gottesvolk“ wird für mich hier vom „Seelsorger“ eingenommen. Er ist ganz nach an den Menschen und bei sich und seinen Gefühlen. Er braucht die Institution nicht wirklich. Manchmal erleichtert sie die Arbeit, aber verbunden sieht er sich mit den Menschen, wo auch immer sie sind, und mit Gott, den er als Gewissheit bei sich hat, ganz dynamisch. Die Liebe Gottes, die er vermittelt, braucht keine fixen Orte, sie braucht das Gespräch, die Begegnung. Er war auch der erste, der die damals noch ganz neuen Medien, E-Mail, Homepage, nutze, um mit Menschen in Kontakt zu kommen.

Der Typ „Baumeister“ wird für mich vom „Landpfarrer“ vertreten. Er ist sehr verbunden mit dem Ort, den Gebäuden, natürlich auch den Menschen und der Botschaft Jesu. Er kennt alle Leute in seiner Pfarrgemeinde, ist das Gesicht der Kirche und die Menschen wissen, wo sie in finden, wenn sie ihn brauchen. Er misst den Erfolg des eigenen Wirkens an Zahlen. Egal ob es die Gottesdienstbesucherzahlen, die Kirchengebäude oder der Kirchenbeitrag ist. Bewahren und weiterbauen, der nächsten Generation etwas hinterlassen, woran sie wieder weiterbauen kann, das war sein Bestreben.

Die Brückenbauerin zwischen diesen beiden Polen ist für mich die Pfarrerin. Schon als junge Frau hat sie diese Kirche geliebt aber auch gemerkt, da muss sich etwas verändern. Das Gebäude ist noch nicht gut genug für Gott und für die Fülle der Menschen. Da muss noch Neues dazu gebaut werden, damit Männer und Frauen und andere, die vorher nicht mitgedacht wurden, Platz finden können. Und zwar nicht nur, weil sie es für sich so haben wollte, sondern um glaubwürdig Salz und Licht der Welt zu sein. Auch Gebäude können verändert werden, sind nicht nur statisch. Sie hat sich angesprochen gefühlt von der Botschaft Jesu, die einschließt und nicht abwehrt, und hat ihr Amt so verstanden immer mehr hineinzulassen. Manchmal auch, bevor das Kirchenrecht sich geweitet hat. Sie hat verstanden, dass es die Institution braucht, aber dass die Institution, nur das Mittel zum Zweck ist, die Liebe Gottes zu allen Menschen zu verbreiten.

Drei ganz unterschiedliche Wege und Herangehensweisen an den Glauben und die eigene Arbeit in der Kirche. Ich würde sagen, alle haben ihre Berechtigung.

Aber ein wenig verunsichert mich das Ende unsere Predigtstelle. Vielleicht meint Paulus, doch, dass es nur eine richtige Form gibt? Immerhin heißt es dort:
„Der Beitrag aller Einzelnen wird zum Vorschein kommen. Der Tag des Gottesgerichtes wird ihn sichtbar machen. Denn im Feuer wird es offenbar. Die Qualität der Arbeit aller wird das Feuer prüfen. Für das Stück, das ihr weitergebaut habt, werdet ihr Lohn empfangen, wenn es bestehen bleibt.“ (1. Kor 3,13-14 BIGS 2011)
Auch, wenn Paulus nicht auf das Fegefeuer hinweist, so kommen diese Bilder doch in den Sinn.

Wie können wir wissen als Getaufte, ob wir richtig bauen, mit den richtigen Materialien, damit sie der Feuerprüfung widerstehen? Kann ich es wissen und anderen sagen: „Achtung, du bist auf dem falschen Weg“? Sollte ich anderen glauben, wenn sie mir sagen, dass ich auf dem falschen Weg bin?
Eine Garantie, ob wir auf dem richtigen Weg sind gibt es nicht. Aber die Rückfrage: Warum mache ich/ machen wir das so oder so? Geht es nur um uns, unser Ego, unser Wohlbefinden, unseren Ehrgeiz? Oder geht es darum, Jesu Weg in der heutigen Welt weiterzugehen? Licht und Salz für die Welt zu sein? Wenn wir uns da rückversichern, dann sind wir auf einem guten Weg. Und auch für unsere Irrwege gilt: „Für das Stück, das verbrennt, werdet ihr die Konsequenzen tragen, aber ihr werdet trotzdem gerettet werden, wie aus einem brennenden Haus.“ (1. Kor 3,15 BIGS 2011)
Amen.

Musik

Fürbitten
Gott,
wir alle sind deine Kinder.
Wir begegnen dir unterschiedlich,
doch du schaust uns liebevoll an.

Wir bitten dich,
hilf uns dabei großzügig auf das zu schauen, was wir in unserem Leben leisten,
und dass was andere leisten, genauso zu achten.

Wir bitten für die, die die politische Macht haben,
dass sie für das Wohl aller Menschen und der Umwelt arbeiten.

Wir bitten dich für die, die sich auf ihrem Lebensweg verirrt haben,
die nicht wissen, wie es weitergehen kann.
Lass sie deine Liebe spüren, auch durch uns.

Wir bitten für die,
die von Krieg und Naturkatastrophen betroffen sind,
die bei uns Schutz suchen.
Lass unsere Herzen nicht erkalten für ihre Not.

Wir bitten dich für uns, die wir versuchen deine Botschaft weiterzutragen,
gib uns das richtige Maß an Beständigkeit und Veränderung.

Wir denken an die Menschen, die uns nahestehen.
In der Stille bringen wir die persönlichen Bitten vor dich
….

Vaterunser

Segen

Musik zum Ausgang

Gottesdienst am 23.08.2020 von Pfarrerin Susanne Pieper

Begrüßung
Ein herzliches Willkommen Ihnen und Euch allen an diesem Morgen! Ein biblischer Leitspruch aus dem 1. Petrusbrief 5,5 begleitet uns in diese neue Woche. Dort heißt es: „Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er seine Gnade.“

Hochmut kommt vor dem Fall. Das wissen wir. Aber ist das alles immer so klar, so eindeutig? Die Texte dieses Sonntags helfen uns, die Maßstäbe zu verstehen, die vor Gott gelten, und die oft so ganz befreiend anders sind als unsere.

Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Psalm 32 i.A.
Wohl allen, denen Gott ihr Unrecht vergeben und ihre Schuld zugedeckt hat! Wohl dem Menschen, dem der Herr seine Sünden nicht anrechnet und der mit Gott kein falsches Spiel treibt!
Erst wollte ich meine Schuld verheimlichen, doch davon wurde ich schwach und elend.
Meine Lebenskraft vertrocknete wie Wasser in der Sommerhitze.
Da endlich gestand ich dir meine Sünde.
Und wirklich: Du hast mir meine ganze Schuld vergeben!
Darum sollen die, die dir treu sind, beten zur Zeit der Angst.
Du bist mein Schirm, du wirst mich vor der Angst behüten,
dass ich errettet werde und dich fröhlich loben kann.

Gebet
Mein Gott, ich trete ein in deine Nähe, und du siehst mich so, wie ich bin. Du kennst mich besser als ich mich selbst. Du weißt um alles, was ich geschafft habe bis zum heutigen Tag. Was mir gelungen ist. Du weißt auch um meine blinden Flecken. Du weißt, wie ich mich gerne sehen möchte und vor anderen erscheinen will. Du weißt auch um all das, woran ich mich nicht erinnern kann. Oder mich nicht erinnern will: meine Verletzungen. Meine Schuld. Meine Hoffnungslosigkeit. Den schlimmen Zweifel. Mein Versagen. Meine Schwächen. Gott, du siehst mich so, wie ich bin. Hülle mich ein in deine Gnade! Danke, dass Du mich liebhast.

EG 299,1-3 Aus tiefer Not schrei ich zu dir

Schriftlesung: Lukas 18,9-14
Dann sprach er aber auch zu Leuten, die von sich selber überzeugt waren, gerecht zu sein, und die anderen verachteten, mit diesem Gleichnis: Zwei Menschen gingen zum Tempel hinauf, um zu beten: der eine ein Pharisäer, der andere ein Zolleinnehmer. Der Pharisäer stand da für sich und betete: Gott, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie die übrigen Menschen, die rauben, Unrecht tun, Ehen brechen – oder auch wie dieser Zolleinnehmer. Ich faste zweimal in der Woche, ich gebe von allen meinen Einkünften den zehnten Teil an dich. Der Zolleinnehmer stand am Rande und wollte nicht einmal die Augen zum Himmel erheben.  Er schlug sich an die Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig. Ich sage euch, dieser Mensch ging gerechtfertigt hinunter nach Hause und jener nicht. Denn alle, die sich selbst erhöhen, werden erniedrigt werden, und die, die andere nicht zu beherrschen suchen, werden erhöht werden.

Ansprache
Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn und Bruders Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Liebe Gemeinde,
das, was Jesus hier erzählt, ist ein Gleichnis. Und seien wir ehrlich: manche Gleichnisse von ihm wirken ein wenig grob. Holzschnittartig. Sie beleuchten etwas, aber sie wirken dabei oft etwas grell. Das Einzige, was solch ein Übertreiben rechtfertigt, das ist die Lehre, die da hinter steht. Und die soll ankommen. Die Situation im Tempel, mit dem Pharisäer und Zöllner, die hat es nicht wirklich so gegeben; Jesus erzählt sie nur. Sie ist eine Karikatur, eine ironische Darstellung. Weil er damit etwas veranschaulichen will. Und darum geht es. Um seine Lehre.  Um das, was er damit sagen will. Dem auf die Spur zu kommen, das lohnt sich.

Man kann bei der Geschichte vom Pharisäer und Zöllner schnell in eine Falle tappen. Und die heißt: „Wie gut, dass ich nicht so bin wie dieser arrogante, selbstgefällige, selbstherrliche und heuchlerische Pharisäer! Das ist ja furchtbar!“ Die christliche Auslegungstradition hat sich lange pauschal so gegenüber der Gruppe der Pharisäer aufgespielt.  Und schon der Dichter Eugen Roth bringt diese Haltung, dieses „in die Falle tappen“ wunderbar auf den Punkt, wenn er in einem Vers sagt:

„Ein Mensch betrachtete einst näher
die Fabel von dem Pharisäer,
der Gott gedankt voll Heuchelei
dafür, dass er kein Zöllner sei.
„Gottlob“, rief er im eitlen Sinn,
„dass ich kein Pharisäer bin!“

So sind auch wir - mir nichts dir nichts – schnell der Versuchung erlegen, von der Jesus hier erzählt.

Worum geht es also? Ich denke, es geht um die grundsätzliche und absolut aktuelle Frage: Wie stehe ich vor Gott? Was ist richtiges Beten?

Mit dem Gleichnis Jesu wird deutlich: Mit Gott macht man keine Geschäfte. Vor ihm verweist man nicht auf dies oder das, was man angeblich gut oder sehr gut gemacht hat. Es gibt keine Augenhöhe mit Gott. Dies wäre eine fatale Selbstüberschätzung. Gott ist im Himmel und wir sind auf Erden.  Und da gibt es einen großen Unterschied. Wir sind und bleiben immer Angewiesene auf ihn. Darum ist Demut im besten Sinne und Dankbarkeit angesagt. Wir brauchen auch unsere eigenen Leistungen und Guttaten vor ihm nicht benennen.  Er sieht sie und er kennt sie ja sowieso. Und bestimmt freut er sich sehr über sie. Aber er führt keinen Punktekatalog, und wir können uns bei ihm nicht einkaufen.

Und dann wird mit dem Gleichnis Jesu auch etwas Zweites sehr deutlich: Im Gebet, im Gespräch mit Gott geht es nur um Gott und um mich. Nicht um die anderen. Das ist etwas sehr Privates. Jede und jeder steht im Gespräch mit Gott allein vor Ihm. Das ist zugleich auch ein großes Privileg. Denn Gott allein weiß ja um mich. Wer ich bin. Was ich tue. Was ich getan habe. Er weiß um meine Gedanken, und er weiß, aus welcher Motivation heraus ich das tue, was ich tue. Er weiß auch, wo ich gescheitert bin, und wo etwas ganz anders angekommen ist als wie ich es wollte und wie ich es beabsichtigt habe. Gott kennt mich durch und durch.  Er sieht alle meine Gedanken und meine Wege. „Du allein kennst das Herz aller Menschenkinder,“ bekannte schon der weise König Salomo in seinem großen Tempelgebet (1.  Könige 8, 39). Und „ein Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an“ (1.  Samuel 16,7). Und es ist ein gnädiger, ein barmherziger Blick, mit dem er mich ansieht. Gott sei Dank! Wie sollte ich sonst leben?!

Im Gespräch mit Gott geht es nur um Gott und um mich. Es geht überhaupt nicht um die anderen. Ich habe nicht nach links und rechts zu schielen, und ich muss es auch nicht. Es geht vor dem Angesicht Gottes nicht um irgendwelche Vergleiche mit anderen. Um‘s besser oder schlechter sein. „Ich danke dir dafür, dass ich nicht so bin wie der da“ - das ist kein Gebet. Das ist kein Dialog mit Gott.  Da bleibt einer ganz allein und nur bei sich selbst. Viermal nur das Wörtchen „ich“. Er ist damit überhaupt noch nicht im Gespräch mit Gott angekommen. Und er hat noch nicht verstanden, dass zum Gespräch mit Gott gehört, erst einmal wirklich zu schweigen. Sich zu sammeln und still vor ihm zu werden.

Im Gespräch mit Gott geht es nur um Gott und um mich. Entsprechend haben Überheblichkeit und Hochmut vor Gott auch keinen Platz. Und wir brauchen nicht andere Menschen in unseren Gedanken abwerten und sie verurteilen. Zugleich bedeutet es auch, einen ganz besonderen Schutzraum zu haben, wenn ich im Gespräch mit Gott bin. Denn Gott interessiert sich nur dafür, was ich über mich denke. Die anderen mögen über mich denken, was sie wollen. Ihr Urteil über mich ist ein äußeres. Sie wissen nicht wirklich viel über mich. Er aber sieht mein Inneres. Gott weiß, was ich meine.  Er vergibt mir auch meine Schuld und richtet mich wieder auf. Er lässt mich aufleben.“

So ist Gott: er möchte, dass das Leben aufblüht und Menschen zum Frieden finden.

Der Zolleinnehmer sprach: „Gott, sei mir Sünder gnädig.“ Und ich sage euch, dieser Mensch ging gerechtfertigt hinunter nach Hause.

Und Gottes Frieden, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.
Amen.

EG 355,1.4.5 Mir ist Erbarmung widerfahren

Fürbitten
Lasst uns still werden vor Gott. Jeweils nach den Worten „Wir bitten dich“ antworten wir gemeinsam „Fange bei mir an.“

Du, unser Gott, wir danken dir für jeden Tag, an dem wir da sein dürfen. Wir danken dir für deine Vergebung und dein Erbarmen. Wir bitten dich heute für alle, die leicht in der Gefahr stehen, zu schnelle Urteile über einen Menschen zu fällen oder ihr Selbstbewusstsein durch das Vergleichen mit anderen zu definieren. Lass sie ihren Wert zuerst in deiner Liebe finden. Wir bitten dich: „Fange bei mir an!“

Wir bitten dich für alle, die oft von der Angst getrieben sind, sie könnten alles falsch machen. Für alle, die sich schnell selbst verurteilen und voller Skrupel sind. Schenke ihnen Leichtigkeit. Wenn ihr Herz sie verurteilt, lass sie erleben, dass du größer bist als ihr Herz. Stärke ihnen den Rücken. Wir bitten dich: „Fange bei mir an!“

Lass das Leben aufblühen unter uns, dass wir ehrlich zu uns selbst sind und ehrlich zueinander. Dass wir uns auch Kritisches sagen können, ohne uns zu verletzen, dass wir einander vergeben können und neue Wege miteinander wagen. Wir bitten dich: „Fange bei mir an!“

Wir bitten dich für alle, die sich einsam fühlen, die stumm geworden sind und manchmal verbittert. Lass uns einen Weg zu ihnen finden. Wir bitten dich: „Fange bei mir an!“
Bitte für das Brautpaar

Vaterunser
Segen

Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.
Amen

Gottesdienst am 16.08.2020 von Pfarrerin Susanne Pieper

Ich heiße Sie und Euch alle herzlich zu diesem Gottesdienst willkommen! Heute feiern wir den 10. Sonntag n. Tr., den sogenannten Israelsonntag. Ein Tag, an dem wir in den Kirchengemeinden besonders an das Volk Israel denken, an den Tempel, sein spirituelles Zentrum über viele Jahrhunderte, und daran, dass Jesu selbst diesem Volk angehört.
Jesus hat innerhalb seines Volkes gewirkt, und er hat zugleich die Tür geöffnet, sodass nun Menschen aus allen Völkern zum Gottesvolk gehören.

In diesem Sinne grüße ich Sie und Euch mit dem biblischen Leitspruch für die neue Woche. Er steht in Psalm 33,12 und lautet: „Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist. Wohl dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat.“

Wir feiern unseren Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Psalm 122
Ein Wallfahrtslied. Von David.
Ich habe mich gefreut, als man zu mir sprach:
Wir pilgern zum Haus des Herrn!
Nun stehen unsere Füße in deinen Toren, Jerusalem!
Jerusalem, gebaut als eine Stadt, in der man zusammenkommen soll.
Dorthin pilgern die Stämme, die Stämme des Herrn!
Ein Gebot für Israel ist es, zu preisen dort den Namen des Herrn.
Erbittet Frieden für Jerusalem, im Frieden mögen sein, die dich lieben!
Friede wohne in deinen Mauern und Glück in deinen Palästen!
Um meiner Schwestern, Brüder und Freunde willen will ich dir Frieden wünschen.
Um des Hauses des Herrn willen, unseres Gottes, will ich dir Gutes erbitten.

Kollektengebet
Du, großer Gott, bist der Gott Israels von alters her. Bist der Gott Abrahams und Saras, Gott und Vater Jesu Christi und der Völker. Auch wir dürfen zu dir gehören.

Wir kommen zu dir als deine Gemeinde, als dein Volk im Glauben. Du hast uns angerührt. Unsere Sehnsucht nach dir ist erwacht.

So hilf uns heute, auf dich zu hören und nach deinem Willen zu leben. Das bitten wir dich durch Jesus Christus, deinen Sohn und unseren Bruder. Amen.

EG 573,1-3 Lobt den Herrn

Schriftlesung: Römer 9,1-5
Christus ist mein Zeuge und Gottes Geist bestätigt es mir in meinem Gewissen, wenn ich euch versichere: steter Schmerz wohnt in meinem Herzen. Ich wünschte nämlich, anstelle meiner Geschwister, meiner leiblichen Verwandten selbst gebannt und vom Messias getrennt zu sein. Sie sind Israelitinnen und Israeliten. Ihnen gehört die Gotteskindschaft, die göttliche Gegenwart, der Bund und das Geschenk der Thora, der Gottesdienst, die göttlichen Zusagen und Verheißungen.

Ihnen gehören die Väter und Mütter im Glauben an, und aus ihrer Mitte stammt Christus, der Messias. Gott aber, der lebendig ist über allem, gebührt Lob und Ehre bis in Ewigkeit. Amen.

Ansprache
Gottes Liebe, die Gnade Jesus Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen

Jerusalem, liebe Gemeinde, ist auch heute noch für viele Menschen das spirituelle Zentrum der Welt. Jerusalem und der Tempel - darum geht es an diesem Sonntag. Ich bitte Sie deshalb, einen Augenblick lang das Bild auf der ersten Seite des Gottesdienstblattes zu betrachten. Zuerst fällt da der Felsendom auf, mit seiner bestechenden, glänzenden Kuppel aus Gold. Und darunter sehen wie die hohe, lange Mauer, gebaut aus dem hellen Jerusalemstein. Sie ist der einzige noch erhaltene Rest des herodianischen Tempels, der zur Zeit Jesu in Jerusalem stand. 70 n. Chr. haben römische Truppen unter dem Kaiser Titus ihn zerstört. Heute stellt dieser Mauerrest die Klagemauer dar. Damals war es die westliche Umfassungsmauer der Tempelplattform; 470 m lang und 250 m breit war das gesamte Areal. Da ahnen wir, wie beeindruckend dieser Sakralbau für die Menschen damals gewesen sein muss!

Und so möchte ich Sie für einen Moment in jene Zeit entführen und in die Nähe jenes berühmten Ortes. Lassen Sie sich einfach ein auf die folgende kurze Szene:

Der 10jährige Shimon und seine 8jährige Schwester Rebekka sind mit ihren Eltern unterwegs. Zu Fuß. Schon seit 4 Tagen. Ihr Ziel ist die große Stadt, hoch auf den Hügeln Judäas. Und ihr Ziel ist der Tempel. Rechtzeitig zum Laubhüttenfest wollen sie dort sein. Den Kindern tun die Füße weh. Endlich macht die Familie eine Pause. Da fragt Shimon, was er schon immer wissen wollte: „Abba, Papa, hört mich Gott eigentlich nur, wenn ich im Tempel bete? Oder hört er mich auch hier, wo ich gerade bin?“ Der Vater überlegt. Dann sagt er: „Ich bin sicher, er hört dich auch hier. Er wohnt im unsichtbaren Himmel, und er ist so groß, dass kein Himmel ihn fassen kann. Wir ziehen nun zum Tempel, damit wir ihn dort zusammen mit all unseren Verwandten und Freunden loben und ihn ehren können, und ihm danken für alles was er uns gibt.“

Viele Jahre später: Rebekka und ihr Bruder Shimon sind längst erwachsen geworden. Sie haben nun selbst Kinder. Aber sie leben mit ihnen nicht mehr in Israel, sondern weit entfernt in der Stadt Alexandrien. Den Tempel, zu dem sie immer gepilgert sind, den gibt es nicht mehr. Durch den Herrscher Roms wurde er zerstört. Sie feiern jetzt ihren kleinen Gottesdienst draußen, unter dem Schatten der Bäume. In der Fremde. Nun ist es Rebekkas Tochter, die ihre Mutter fragt: „Imma, Mama, wenn der Tempel nicht mehr da ist, ist Gott dann auch nicht mehr da?“ Die Mutter überlegt. Schließlich antwortet sie: „Doch, mein Kind. Gott ist noch da. Sein Name wohnt nicht mehr in seinem Haus, aber sein Name und er selbst ist mit uns in die Fremde gezogen. Da kannst du sicher sein: er ist auch hier bei uns.“

Die Zerstörung des ersten und des zweiten Tempels ist eine der großen Katastrophen im kollektiven jüdischen Gedächtnis. Der große Historiker Simon Montefiore beschreibt dies sehr eindrücklich in seinem grandiosen Werk „Jerusalem – die Biografie“. Immer wieder wurde die Stadt, ihr Heiligtum und der Tempelschatz zum Ziel der Habgier mächtiger Könige, Provinzfürsten und Potentaten. Für die Bürger Jerusalems war es oft gerade kein Segen, am Fuße des Tempels zu wohnen. Sie erlitten durch die Geschichte hindurch unermessliches Leid.

Man kann sich vielleicht fragen, warum wir als Kirche uns überhaupt an diese Ereignisse erinnern sollen, und ob es uns nicht eigentlich egal sein könnte. Aber die Antwort ist, dass wir als Kirche untrennbar mit dem jüdischen Volk verbunden sind. Jesus selbst war im Tempel zuhause; er hat dort immer wieder gepredigt; auch die ersten Christen haben sich nach dem Tod und nach der Auferstehung Jesu im Tempel getroffen und dort zusammen gebetet. Der Name des Gottes, an den wir glauben, war also im Tempel zuhause.

Umso mehr stellt sich daher die Frage, wie der Tempel und die Gegenwart Gottes zusammenhängt. Ist seine Gegenwart auf den Tempel beschränkt, so wie es die Tochter von Rebekka gefragt hat? In der jüdischen Theologie gibt es dazu eine besondere Lehre; es ist die rabbinische Lehre von der Schechina Gottes. Die Schechina, das ist das Wohnen Gottes unter den Menschen. Seine Niederlassung. Die Rabbinen lehren, dass in Gott selbst eine Trennung vorgeht. Er scheidet sich von sich selbst. Er gibt sich weg an sein Volk. Er erlebt die Leiden seines Volkes mit, und er zieht mit ihnen ins Exil, in das Elend der Fremde. Gottes Geist- so könnte man sagen – ist bei seinen Menschen. Auch ohne Tempel, auch ohne feste Gebetsstätte. Ganz ähnlich sagt es Jesus ja auch im Gespräch mit der Samaritanerin am Brunnen, als sie ihn fragt, wo man denn nun Gott anbeten solle, auf dem Berg Garizim oder in Jerusalem. „Glaube mir,“ antwortet er, „es kommt die Zeit, dass ihr weder auf dem Berg Garizim noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. Schon jetzt ist die Zeit, in der die wahren Anbeter den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten.“

Gottes Geist ist nicht an Mauern und nicht an Steine gebunden. Er ist frei. Auch wir hier in Bad Nauheim können genauso gut im kleinen Park hinter der Dankeskirche Gottesdienst feiern wie auch hier in der Dankeskirche. Gott ist überall ansprechbar auf dieser Erde. Und er ist überall zu finden.

Und trotzdem brauchen wir Menschen ja auch feste Räume, klar definierte Gotteshäuser – Kirchen, Kapellen oder Synagogen – wo wir uns versammeln können, gemeinsam zu Gott beten und uns unseres Glaubens vergewissern können. Wo unsere Seele einen Schutzraum findet. Darum war es auch gut, das die jüdischen Gemeinden damals schon, während der Tempel noch stand, überall an ihren Wohnorten Synagogen hatten, in denen sie zusammenkommen konnten. (Universalität und Partikularität liegen immer ganz dicht beieinander.)

Wir brauchen geheiligte Orte. Geheiligt durch das Gebet und durch den gemeinsamen Glau- ben.

Die Zeit des Tempels in Jerusalem ist vorbei. Der Tempel ist Vergangenheit. Und damit auch seine Brandopfer und Schlachtopfer. Die Realität heute ist, dass drei große, monotheistische Religionen in Jerusalem zuhause sind. Bitte schauen Sie dazu nun das Bild auf der letzten Seite des Gottesdienstblattes an: da sieht man links die helle Kuppel der Hurva- Synagoge; rechts davon den Turm der evangelischen Erlöserkirche und die beiden Kuppeln der christlichen Grabeskirche. Und zwei muslimische Minarette. Die jeweiligen heiligen Stätten sind auf engstem Raum zusammengeballt. Und ihre wichtigste Aufgabe ist es, ihren religiösen Nachbarn Respekt zu erweisen und gemeinsam den Frieden zu bewahren. Alles andere würde Krieg bedeuten. Heute kann ein Ort nur dann als heilig gelten, wenn er für alle heilig sein darf. Das gilt z. B. auch für die Hagia Sophia in unseren Tagen.

Einen letzten Gedanken aber möchte ich mitnehmen aus der damaligen imposanten Anlage des Tempels: das ist die Erinnerung an das „Allerheiligste“. Das Allerheiligste – das war ein leerer Raum in der Mitte des großen Tempels, mit all seinen Säulengängen und einzelnen Hallen. Ein Raum - nur mit einem Altar in der Mitte und einem großen Leuchter. Ein Raum, der nur einmal im Jahr vom Hohenpriester betreten werden durfte. Ein Raum, der Gott allein vorbehalten war.

Das ist ein schönes Symbol, das bleiben kann: es ist gut, auch in uns selbst solch einen leeren Raum zu haben. Den wir für Gott freihalten. Und es ist gut, solch einen leeren Raum auch in unserer Gemeinschaft zu haben. In den wir Gott immer wieder einladen. In dem er bei uns zuhause ist.

Und sein Friede, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

EG 613

Fürbitten
Mitgehender Gott, wir danken Dir für das Erbe des Glaubens: für Dein Wort, für alle Erzählungen darüber, wie Du Dich den Menschen gezeigt hast. Wir sind reich gesegnet mit Deinem Erbe. An Dich zu glauben, das hilft uns täglich, zu leben.

Hilf uns, einen Raum in uns frei zu halten, in dem Du wirken kannst.

Wir bitten Dich für unsere jüdischen Glaubensgeschwister, dass sie behütet bleiben vor Hass und Antisemitismus.

Wir bitten Dich für Jerusalem, diese dreimal heilige Stadt. Hilf, dass die Menschen der verschiedenen Religionen sich trotz aller Differenzen begegnen wollen als Kinder des Einen Gottes.

Wir bitten um Frieden für Jerusalem - für alle, die politisch und religiös Verantwortung tragen. Frieden für Israelis und Palästinenser, für Einheimisch und Touristen, wir bitten um

Frieden in der Region des Nahen Ostens. Wir bitten um Trost für die Menschen in Beirut. Lass sie Ermutigung erfahren durch die Hilfe, die ihnen zuteil wird.

Lege Deinen Segen auf unsere Erde. Und alle unsere Bitten nehmen wir hinein in das Vaterunser, das wir gemeinsam sprechen:

Vaterunser

Segen
Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Amen.

Gottesdienst am 09.08.2020 von Pfarrer Rainer Böhm

Begrüßung
Herzlich willkommen zum Gottesdienst in der Dankeskirche. Heute hätten wir, nach vielen Sonntagen, endlich wieder draußen feiern können. Aber angesichts der tropischen Hitze sind wir drinen geblieben, weil es hier wenigstens etwas kühler ist.
Ermutigen tut gut. Ich weiß noch, wie ich als kleiner Junge mit meinem Vater eine riesenlange und gefährliche Bergtour gemacht habe. Hinterher schimpften alle auf ihn, mit so einem kleinen Kind – aber ich war stolz und er war es auch.
Auch Gott traut uns einiges zu. Viel mehr, als wir für möglich halten.  „Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern." Lk 12, 48

Psalm 63,2-9
Gott, du bist mein Gott, den ich suche.
Es dürstet meine Seele nach dir,
mein ganzer Mensch verlangt nach dir
aus trockenem, dürrem Land, wo kein Wasser ist.
So schaue ich aus nach dir in deinem Heiligtum,
wollte gerne sehen deine Macht und Herrlichkeit.
Denn deine Güte ist besser als Leben;
meine Lippen preisen dich.
So will ich dich loben mein Leben lang
und meine Hände in deinem Namen aufheben.
Das ist meines Herzens Freude und Wonne,
wenn ich dich mit fröhlichem Munde loben kann;
wenn ich mich zu Bette lege, so denke ich an dich,
wenn ich wach liege, sinne ich über dich nach.
Denn du bist mein Helfer,
und unter dem Schatten deiner Flügel frohlocke ich.Lass
Meine Seele hängt an dir;
deine rechte Hand hält mich.

Gebet
Herr des Lebens,
du berufst uns Menschen zum Werkzeug deines Handelns.
Wir bitten dich, Lass uns deinen Ruf hören.
Hilf uns, dass wir uns nicht wegducken und entschuldigen, wenn du uns brauchst.
Wie oft vertraust du uns Aufgaben an, die wir nicht sehen oder nicht verstehen.
Wie oft redest du zu uns, aber wir hören dich nicht.
Vergib uns, wo wir Verantwortung abgelehnt haben.
Sieh nicht auf unser Schweigen und unsere Trägheit.
Lass uns das Ziel vor Augen haben, das du uns gesetzt hast in Jesus Christus –
Menschen zu werden nach deinem Vorbild, füreinander einzustehen, die Schöpfung zu bewahren, Gerechtigkeit zu üben – durch JX, deinen Sohn. Amen.

Lesung = Predigttext: Jeremia 1, 4 – 10
4 Und des HERRN Wort geschah zu mir: 5 Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker. 6 Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. 7 Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. 8 Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR. 9 Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. 10 Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.

Lied EG 398 "In dir ist Freude"
1. In dir ist Freude in allem Leide,
o du süßer Jesu Christ!
Durch dich wir haben himmlische Gaben,
du der wahre Heiland bist;
hilfest von Schanden, rettest von Banden.
Wer dir vertrauet, hat wohl gebauet,
wird ewig bleiben. Halleluja.
Zu deiner Güte steht unser G’müte,
an dir wir kleben im Tod und Leben;
nichts kann uns scheiden. Halleluja.

2. Wenn wir dich haben, kann uns nicht schaden
Teufel, Welt, Sünd oder Tod;
du hast’s in Händen, kannst alles wenden,
wie nur heißen mag die Not.
Drum wir dich ehren, dein Lob vermehren
mit hellem Schalle, freuen uns alle
zu dieser Stunde. Halleluja.
Wir jubilieren und triumphieren,
lieben und loben dein Macht dort droben
mit Herz und Munde. Halleluja.
Text: Cyriakus Schneegaß 1598
Melodie und Satz: Giovanni Giacomo Gastoldi 1591; geistlich Erfurt 1598



Predigt
I. Letzten Mittwoch in der Dankeskirche. Ich weise ein Ehepaar darauf hin, dass wir nur die mit Nummern gekennzeichneten Plätze in der Kirche belegen, es aber weiter vorne noch freie Plätze gibt und die Platzanweiserin dann ihre Namen in eine Liste einträgt. „Haben Sie einen Polizeiausweis? Was soll das hier eigentlich?“ Ich habe Mühe, die Contenance zu bewahren.
Letzten Samstag in Berlin. Etwa 20.000 Menschen demonstrieren auf der Straße des 17. Juni. Impfgegner. Corona-Leugner. Selbst ernannte „Querdenker“. Aber auch Rechtsradikale. Reichsbürger. In ihren Augen sind die staatlichen Corona-Maßnahmen eine große Verschwörung.
Mitten unter ihnen die Journalistin Dunja Hayali. Sie dreht für’s ZDF. Interviewt die Demonstrierenden. Und trägt dabei eine Maske. Sie wird beschimpft und bedrängt. „Schämt euch!“ „Hau ab!“ Und immer wieder: „Lügenpresse, Lügenpresse!“ Die Filmende wird selbst gefilmt. Auf den Rat ihrer Security bricht sie schließlich den Dreh ab.
In diesen Zeiten liegen die Nerven blank. Schnell ist mit Feindseligkeit zu rechnen. Dabei bilden sich erstaunliche Allianzen.  Corona? Eine kleine Grippe! Klimawandel? Eine Erfindung der Medien! Rechtsradikalismus? Ein Märchen der Regierung – um davon abzulenken, dass das deutsche Volk gerade gegen Migranten ausgetauscht wird.

II. Die Krisen machen Angst. Klimawandel. Vermüllung. Artensterben. Überbevölkerung. Atomare Bedrohung. Globalisierter Kapitalismus. Soziale Spaltung. Armutsmigration. Vormarsch der Populisten. Und jetzt auch noch die Corona-Pandemie.
Irgendwie sind wir alle in der Angst verbunden: Linke wie Rechte. Verschiedene Themen, aber das gleiche Grundgefühl. Der Bedrohtheit unseres Lebens. Man kann es leugnen. Aber trotzdem nagt und bohrt es weiter.
In den letzten Monaten und Wochen habe ich manchmal das Gefühl gehabt, meine Kräfte werden über Gebühr beansprucht. Corona. Der Lockdown und die Zeit danach. So viel Unsicherheit. So viel Sorge, Angst und Verzicht. Wir werden im Leben nicht immer gefragt, ob wir haben wollen, was uns zufällt. Und manches ist zu viel. Das hat nicht nur mit Corona zu tun. Es gibt solche Zeiten immer wieder im Leben, in denen ich denke: Manchmal würde ich lieber ausweichen.

III. Auch er wäre gerne ausgewichen. Ein Mann aus einer ganz anderen Zeit. Einer, der über Gebühr beansprucht wurde. Ein Prophet wider Willen. Jeremia, ein Priestersohn im 7. Jahrhundert vor Christus. Gegen seinen Willen und über seine Kraft hinaus wird er von Gott berufen. Das Südreich Israels, Juda, in dem er lebt, ist eingekeilt zwischen den Großmächten seiner Zeit: Assyrer, Babylonier, Ägypter. Die Verantwortlichen verlieren den Kopf, schließen falsche Bündnisse und lassen ihr Vertrauen auf Gott fahren. Jeremia mahnt und wirbt: wendet euch zu Gott zurück. Vertraut auf ihn, und er wird euch helfen. Die Menschen hören nicht auf ihn.
So wird sein Leben selbst zum Zeichen. Jeremia bleibt unverheiratet und kinderlos, um auf den Niedergang des Volkes hinzuweisen. Er trägt ein Joch durch die Straßen, um zu zeigen, wie sich das Volk unter die Herrschaft der Babylonier erniedrigt. Die Menschen glauben ihm nicht. Sie schieben ihre Angst auf ihn und werfen ihn in eine Zisterne. Der Schlamm hält seine Füße fest, erst in letzter Minute wird er gerettet. Jeremia bleibt Gott treu.
 
III. Neulich habe ich verstanden, dass es auch vegane Schuhe gibt. Natürlich, ohne tierische Produkte. Mein Sohn lebt jetzt vegan, die eine Tochter ist Vegetarierin, die andere normal oder wie man es nennt. Mich beeindruckt, wie ernsthaft sich die jungen Leute mit den Krisen beschäftigen, wie radikal ihre lösungen sind. Und ehrlich gesagt finde ich selbst schon lange, dass wir auch in der Kirche das Thema Tierethik – unser menschliches Verhalten der Ausbeutung – viel zu lange vor uns hergeschoben haben.
Aber muss ich wirklich ständig mein Verhalten überprüfen? Was ich esse. Was ich konsumiere. Wie die Dinge hergestellt werden. Wie sie verpackt werden. Muss ich tatsächlich auf Fleisch verzichten? Auf mein Auto?  Muss ich mich auf jede Minderheit wertschätzend einlassen? Ich denke: Ich habe doch schon so viel verändert. Ist es denn nie genug? Müssen wir Christen überhaupt die Umwelt retten? Schließlich weiß das Neue Testament doch um die Endlichkeit dieser Welt!

IV. Jeremia ahnt vielleicht: Es ist schwer, sich für sein eigenes Leben zu entscheiden. Es tut weh und macht mitunter einsam. Du fällst auch immer wieder auf die Erwartungen der anderen zurück. Aber es ist dein Leben – und Gott wird dieses Leben begleiten und behüten. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten.
Welch eine Zusage. Ich bin bei dir, spricht dein Gott.
Wenn Du Deinen Weg durchs Leben gehst – ich bin bei Dir.
Wenn es Dir gut geht – ich bin bei Dir.
Wenn Dir Tränen den Blick verschleiern und Du vor Trauer nicht mehr weißt, wie Du den Tag durchstehen sollst – ich bin bei Dir.
Wenn Du glücklich einen Menschen in die Arme schließt, der Dir alles bedeutet – ich bin bei Dir.
Wenn Du traurig Abschied nehmen musst von einem Menschen, der Dir alles bedeutet hat – ich bin bei Dir.
Wenn Du vor dem Spiegel stehst und Dir selber nicht in die Augen schauen magst – ich bin bei Dir.
Wenn Du das Gefühl hast, von der Welt verlassen zu sein – ich bin bei Dir.

V. Jeremia hat Angst.  Auf vieles hat er verzichten müssen. Und doch steht über seinem Leben die Zusage: ich bin bei dir. Und er hat, als Prophet wider Willen, sein eigenes Leben geführt. In aller Widerständigkeit. Der Auftrag war groß. Vielleicht zu groß. Aber er hat ihn für sich selbst angenommen und sich begleitet erfahren. Ich glaube, das ist groß und viel, was man über ein Leben sagen kann. Und sein Buch, das Buch Jeremia in unserer Bibel, erzählt davon, wie er alles aus Gottes Hand genommen hat.
Dass ich in den Krisen dieser Tage verzweifle, ist nur natürlich. Wenn ich trotzdem Mut bekomme und Lust auf Veränderung zum Guten, dann ist ein anderer Geist am Werk. Und wenn wir dann auch noch gemeinsam anfangen, unseren Teil zu einer besseren Welt beizutragen, dann ist Gottes Kraft in uns wirksam. Denn er gibt nicht nur Jeremia, er gibt auch uns den Auftrag und die Kraft, zu bauen und zu pflanzen. Amen.

Lied: EG 625: Wir strecken uns nach dir
1. Wir strecken uns nach dir,
in dir wohnt die Lebendigkeit.
Wir trauen uns zu dir,
in dir wohnt die Barmherzigkeit.
Du bist, wie du bist:
Schön sind deine Namen.
Halleluja. Amen. Halleluja. Amen.


2. Wir öffnen uns vor dir,
in dir wohnt die Wahrhaftigkeit.
Wir freuen uns an dir,
in dir wohnt die Gerechtigkeit.
Du bist, wie du bist:
Schön sind deine Namen.
Halleluja. Amen. Halleluja. Amen.


3. Wir halten uns bei dir,
in dir wohnt die Beständigkeit.
Wir sehnen uns nach dir,
in dir wohnt die Vollkommenheit.
Du bist, wie du bist:
Schön sind deine Namen.
Halleluja. Amen. Halleluja. Amen.
Text: Friedrich Karl Barth 1985
Melodie: Peter Janssens 1985


Fürbitte
Herr unser Gott, wir wissen: du begleitest uns.
Du gehst alle unsere Wege mit.

Und frei uns gehorsam sind deine Propheten den Weg gegangen,
den du ihnen gewiesen hast.
Sei auch bei denen, die jedes Risiko scheuen. Und bei denen, die sich unsicher fühlen, schwach und getrieben.
Deine Propheten haben Ungewohntes und Unerwartetes getan und sich hinweggesetzt über das Übliche. Wir wissen, auch wir können so manches. Gib uns die Hoffnung und den Mut dazu.

Bewahre uns vor den falschen Propheten bei uns.
Wo ein amerikanischer Präsident seine Lügenmärchen verbreitet, die Millionen Menschen lesen und glauben.
Wo es immer mehr gibt, die abschaffen wollen, was uns wichtig ist: Geschwisterlichkeit, Toleranz, ein offenes und tolerantes Miteinander.
Wo manche immer alles besser wissen, und gleichzeitig das Miteinander vergiften, weil es ihnen nur darum geht, vor anderen zu glänzen, wichtig zu tun, andere zurückzustellen.

Die Propheten heute, gnädiger Gott, echte Propheten. Zehntausende, Hunderttausende. Sie heißen heute Amelie und Bernd, Martina, Henriette oder Leon. Oder Ahmed, Shirin und Nikita.

Hilf uns, das Unmögliche zu sagen, Träume wachzuhalten, der Sinnlosigkeit zu wiedersprechen, die Angst auszuhalten, aufzustehen gegen alle Kräfte, die Menschen klein und stummmachen.

Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Segen
Der Herr segne Dich und behüte Dich.
Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über Dir und sei Dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf Dich und schenke Dir Frieden. Amen.

Gottesdienst am 02.08.2020 mit Video von Vikar Ingmar Bartsch

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar: https://youtu.be/NvgMxQOnUgA

 

Votum: Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Eingangsspsalm: 22, 2-6, 12, 20
2 Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne. 3 Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe. 4 Aber du bist heilig, der du thronst über den Lobgesängen Israels. 5 Unsere Väter hofften auf dich; und da sie hofften, halfst du ihnen heraus. 6 Zu dir schrien sie und wurden errettet, sie hofften auf dich und wurden nicht zuschanden. 12 Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe; denn es ist hier kein Helfer. 20 Aber du, HERR, sei nicht ferne; meine Stärke, eile, mir zu helfen!

Gebet:
Jesus Christus, unser Bruder und Freund, Licht der Welt und Salz der Erde hast Du uns genannt. Sei unser Verbündeter. Dann können wir unserem Zweifel an Gott und der Dunkelheit in unserer Seele Dein Licht entgegenhalten und verzagen nicht. Du bist unsere Hoffnung, jetzt und in Ewigkeit. Amen.

Lesung: Johannes 9,1-7
1 Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. 2 Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? 3 Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. 4 Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. 5 Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. 6 Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden 7 und sprach zu ihm: Geh zu dem Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.

Lied: EG+ 102 „Da wohnt ein Sehnen“
Refrain: Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott, nach dir, dich zu sehn, dir nah zusein.Es ist ein Sehnen, ist ein Durst nach Glück, nach Liebe, wie nur du sie gibst.
1. Um Frieden, um Freiheit, um Hoffnung bitten wir. In Sorge, im Schmerz – sei da, sei uns nahe, Gott. Ref.
2. Um Einsicht, Beherztheit, um Beistand bitten wir. In Ohnmacht, in Furcht – sei da, sei uns nahe, Gott. Ref.
3. Um Heilung, um Ganzsein, um Zukunft bitten wir. In Krankheit, im Tod – sei da, sei uns nahe, Gott. Ref.
4. Dass du, Gott, das Sehnen, den Durst stillst, bitten wir. Wir hoffen auf dich – sei da, sei uns nahe, Gott. Ref.

 

Predigt:
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

„Die Gesundheitsstadt“ - dieser kurze, griffige Werbeslogan beschreibt Bad Nauheim sehr gut und er ist überall in der Stadt zu finden. In den Kuranlagen, Rehazentren und Kliniken ist das Thema Gesundheit allgegenwärtig. Auch in unserer Dankeskirche ist das Motiv zu finden. Das Sprudelfenster auf der Südempore, (auf Ihrer rechten Seite) stellt eine biblische Geschichte dar, in der das heilende Wasser dominierend ist. Es ist die Heilung eines Blinden und wir finden dieses Motiv in der Bibel an mehreren Stellen. Auch im Predigttext für den heutigen Sonntag, den wir eben gehört haben – mit ein paar kleinen Unterschieden.

Das Sprudelfenster zeigt eine Heilung am Teich Bethesda, die heutige Blindenheilung spielt in der Nähe des Teiches Siloah. Beide Orte liegen in Jerusalem. Und natürlich lässt sich nicht vom Sprudelfenster auf die realen Verhältnisse der damaligen Zeit schließen. Trotzdem können wir uns diese Szene gut vorstellen. In den Zeilen vorher erfahren wir von einem Wortgefecht. Jesus und die religiösen Führer hatten im Tempel so hart diskutiert, dass in ihnen der Plan reifte, Jesus zu töten.

Vielleicht waren die Jünger gedanklich noch dabei, die Geschehnisse im Tempel einzuordnen, als schon die nächste Herausforderung auf sie wartet. Johannes schreibt: „Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war.“ Jesus sieht sich also nicht besorgt nach seinen Feinden um. Er versucht nicht, die Stadt auf schnellstem Wege zu verlassen. Er wendet sich sofort wieder der Not anderer Menschen zu. Doch seine Jünger beschäftigt etwas anderes. Sie fragen als erstes:

„Wer hat Schuld am Schicksal dieses blind Geborenen?“

„Wer ist Schuld daran, dass dieser Mann blind geboren wurde?“ Er selbst? Oder haben gar seine Eltern Schuld auf sich geladen? Wir zucken bei dieser Interpretation unweigerlich zusammen. Aber damals war das eine normale Schlussfolgerung. Wie fromm ein Mensch ist, machte man an seinen Lebensumständen fest. Man nennt das Tun-Ergehen-Zusammenhang. Wer ein gottgefälliges Leben führt, dem geht es gut. Und im Umkehrschluss heißt das: Wem es nicht gut geht, bei dem stimmt etwas mit dem Glauben nicht. Ich bin froh, dass wir diese Interpretation heute hinter uns gelassen haben.

Die Frage nach der dem Ursprung des Leides hingegen ist heute noch aktuell. Das scheint zu uns Menschen dazu zu gehören. Wer ist schuld an den Dingen, die uns widerfahren? Warum müssen wir durch schwierige Zeiten gehen, warum gibt es sinnloses Leid in dieser Welt? Diese Fragen fordern mich immer mal wieder heraus und so geht das auch anderen Menschen. Ich habe erst neulich wieder eine Diskussion zu diesem Thema in den Kommentaren unter einem digitalen Zeitungsartikel verfolgt. Erstaunlich, wie viele Leute sich da zu Wort melden.

Die Bibel hat kein geschlossenes Konzept, wo das Leid herkommt und was dessen Sinn ist. Vielmehr zeigt sie eine Vielzahl von Möglichkeiten auf, die sich aber durchaus widersprechen. Die Wurzel allen Übels kann man bei Adam und Eva und der Vertreibung aus dem Paradies suchen. In manchen biblischen Geschichten sind es Menschen, die sich gegenseitig Leid antun. Schuld und Sünde spielen sowohl im alten als auch im neuen Testament eine wichtige Rolle. Leid kann im alten Testament auch eine Strafe Gottes sein, wenn sich das Volk gegen ihn und seine guten Weisungen richtet. Bei Hiob lässt Gott tatsächlich selbst das durch Satan verursachte Leid zu. Gleichzeitig wächst Hiobs Gottesbeziehung in dieser Leidenszeit. In den Psalmen finden wir Klage bis hin zur Anklage, die oft ganz plötzlich zum Gotteslob wird. Vor allem die Psalmbeter vertrauen darauf, dass Gott das Leid wenden kann. Leid ist auch das Kennzeichen der noch unvollendeten Schöpfung.

An der Frage nach dem Leid haben sich Generationen von Theologinnen und Theologen die Zähne ausgebissen. Eng damit verknüpft ist ja auch die Frage, wie das Leid in der Welt und Gottes Gerechtigkeit und Gottes Güte zusammenpassen, also die so genannte Theodizefrage. Und auch die Jünger, die ja mit Jesus unterwegs waren, konnten die Frage nach dem Ursprung des Leides ganz offensichtlich nicht beantworten.

Ich persönlich denke, dass die Welt nicht schlüssig erklärbar ist und sich viele Dinge meinem Verstand entziehen. Ich kann zum Beispiel auch nicht erklären, weshalb es Liebe gibt. Manche Dinge sind für mein menschliches Gehirn zu groß. Deshalb gefällt mir auch der so genannte Kanzelsegen, der am Ende der Predigt kommt und in dem es heißt, dass der Friede Gottes höher ist, als alles menschliche Begreifen. Dieser Erklärversuch ist wie viele Dinge in meinem Glaubensleben in Bewegung und nicht in Stein gemeißelt. Ein weiterer Ansatz ist im strengen Sinne keine Erklärung für das Leid. Es ist eher eine Lösung. Leid fordert mich dazu heraus, es lindern. Es ist einfach da und wo es mir möglich ist, sollte ich etwas dagegen tun.

Das ist in dieser Heilungsgeschichte übrigens auch der Ansatz von Jesus. Seine Antwort auf die Frage der Jünger lautet kurz und bündig: „Es hat weder dieser gesündigt, noch seine Eltern, sondern, es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.“ Und dann – nach einer kurzen Bemerkung, dass die Zeit zum Handeln begrenzt ist – heilt er den Blindgeborenen. Jesus lenkt den Blick vom Problem weg hin zu einer Lösung. Er hält sich nicht mit der Schuldfrage auf, er handelt und heilt. Er blickt nicht in die Vergangenheit, er wendet sich in der Gegenwart dem konkreten Menschen zu. Und er lenkt den Blick au f die Zukunft. Weg vom Leid hin zum Heil und zum Leben, zur Hoffnung. Ob Gott das Leid zulässt – das bleibt offen. Sicher ist aber, dass er das Leben liebt.

Damit qualifiziert er übrigens die Frage nicht ab. Ich denke, dass Gott genau weiß, dass uns Menschen diese Frage beschäftigt. Gott kennt unsere Fragen und er kennt unser Leid. Er kennt unsere Zweifel. Schließlich ist er selbst Mensch geworden. Er weiß, wie verletzlich wir sind und wie verzweifelt wir sein können. Deshalb finden wir auch so viele unterschiedliche Ansätze zur Frage nach dem Leid in der Bibel. Ich halte das für einen Schatz, denn wir können bei Gott andocken, wenn wir die Welt nicht erklären können. Wir können sicher sein, dass Gott mit uns ist und unsere Gedanken kennt und ernst nimmt. Und dass er unseren Blick auf die Zukunft, auf das Leben und die Hoffnung ausrichtet.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alles menschliche Begreifen, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Lied: EG 396 „Wer nur den lieben Gott lässt walten“
1. Wer nur den lieben Gott lässt walten
und hoffet auf ihn allezeit,
den wird er wunderbar erhalten
in aller Not und Traurigkeit.
Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut,
der hat auf keinen Sand gebaut.

3. Man halte nur ein wenig stille
und sei doch in sich selbst vergnügt,
wie unser's Gottes Gnadenwille,
wie sein Allwissenheit es fügt;
Gott, der uns sich hat auserwählt,
der weiß auch sehr wohl, was uns fehlt.

7. Sing, bet und geh auf Gottes Wegen,
verricht das Deine nur getreu
und trau des Himmels reichem Segen,
so wird er bei dir werden neu;
denn welcher seine Zuversicht
auf Gott setzt, den verlässt er nicht.

Fürbitten:
Gott, wenn wir an unsere Grenzen kommen und uns die Welt nicht mehr erklären können, suchen wir nach einem Schuldigen. Wir wünschen uns einfache Erklärungen. Doch oft führen diese in die Irre. Deshalb bitten wir Dich: Öffne uns die Augen und weite unseren Horizont. Richte unseren Blick auf die Zukunft und unsere Mitmenschen aus. Hilf uns, dass wir Leid lindern, wo es uns möglich ist.

Gott, die Pandemie hat die Welt noch fest im Griff. Wir hatten gedacht, nach ein paar Wochen ist alles vorbei und es gab deutliche Zeichen der Hoffnung. Aber nun steigen auch bei uns die Zahlen wieder und wir wissen nicht, wie sich die Situation entwickeln wird.

Wir bitten Dich: Sei bei den Kranken, den Einsamen und Verbitterten. Sei bei den Menschen, die vor großen Herausforderungen stehen und um ihre Existenz fürchten müssen. Wir bitten Dich: Herr erbarme Dich!

Gott, wir sorgen uns um den sozialen Frieden in unserem Land. Lass nicht zu, dass Menschen auf der Suche nach Schuldigen selbst Schuld auf sich laden. Lass extreme Positionen und Gewaltbereitschaft nicht zur Entfaltung kommen. Schenke in einem Klima zunehmender Polarisierungen Menschen, die aufeinander zugehen und trotz unterschiedlicher Meinungen respektvoll mit einander reden. Schenke den Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft Weisheit und gute Entscheidungen. Wir bitten Dich, erbarme Dich über unser Land und unsere Gesellschaft.

Und gemeinsam beten wir das Vaterunser.

Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Segen
Der Herr segne Dich und behüte Dich.
Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über Dir und sei Dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf Dich und schenke Dir Frieden.

Rückmeldungen zu diesem Gottesdienst: bartsch@ev-kirche-bn.de oder 06033 79 60 527

Gottesdienst am 26.7.2020 von Pfarrer Rainer Böhm

Begrüßung
Jeder Sonntag hat in unserer Kirche ein eigenes Thema. Das Thema dieses Sonntags ist die Gemeinschaft, wie sie sich im Teilen zeigt: Im Teilen von Brot und Wein; im Teilen von Anteilnahme und Verantwortung. .. Verantwortung für andere – das lernen wir wohl in dieser Krise. Die Begegnung mit Gott führt in die Liebe; die Liebe führt in die Gemeinschaft des Teiles über alle Grenzen hinweg.

Psalm 107, 1 – 9
Danklied der Erlösten 1 Danket dem HERRN; denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich. 2 So sollen sagen, die erlöst sind durch den HERRN, die er aus der Not erlöst hat, 3 die er aus den Ländern zusammengebracht hat von Osten und Westen, von Norden und Süden. 4 Die irregingen in der Wüste, auf ungebahntem Wege, und fanden keine Stadt, in der sie wohnen konnten, 5 die hungrig und durstig waren und deren Seele verschmachtete, 6 die dann zum HERRN riefen in ihrer Not und er errettete sie aus ihren Ängsten 7 und führte sie den richtigen Weg, dass sie kamen zur Stadt, in der sie wohnen konnten: 8 Die sollen dem HERRN danken für seine Güte / und für seine Wunder, die er an den Menschenkindern tut, 9 dass er sättigt die durstige Seele und die Hungrigen füllt mit Gutem.

Gebet
So ist das,
Denn wir lieber aus dem Weg gehen
Sind dein Weg.
Die wir lieber nicht bei uns sehen möchten
Sind in deinem Blick.
Die wir nicht einladen wollen
Rufst du an deinen Tisch.
Die wir lieber nicht anhören wollen
Sind die Stimme, durch die du zu uns sprichst.
So ist das.
Und so bist du, überraschender, wunderwirkender Gott.
Amen

Lesung = Predigttext                 Lukas 9, 10 – 17          
Die Rückkehr der Zwölf. Die Speisung der Fünftausend 10 Und die Apostel kamen zurück und erzählten Jesus, wie große Dinge sie getan hatten. Und er nahm sie zu sich und zog sich mit ihnen allein in eine Stadt zurück, die heißt Betsaida. 11 Als die Menge das merkte, zog sie ihm nach. Und er ließ sie zu sich und sprach zu ihnen vom Reich Gottes und machte gesund, die der Heilung bedurften. 12 Aber der Tag fing an, sich zu neigen. Da traten die Zwölf zu ihm und sprachen: Lass das Volk gehen, dass sie hingehen in die Dörfer und Höfe ringsum und Herberge und Essen finden; denn wir sind hier an einer einsamen Stätte. 13 Da sprach er zu ihnen: Gebt ihr ihnen zu essen. Sie aber sprachen: Wir haben nicht mehr als fünf Brote und zwei Fische, es sei denn, dass wir hingehen sollen und für dieses ganze Volk Essen kaufen. 14 Denn es waren etwa fünftausend Männer. Er sprach aber zu seinen Jüngern: Lasst sie sich lagern in Gruppen zu je fünfzig. 15 Und sie taten das und ließen alle sich lagern. 16 Da nahm er die fünf Brote und zwei Fische und sah auf zum Himmel und segnete sie, brach die Brote und gab sie den Jüngern, dass sie dem Volk austeilten. 17 Und sie aßen und wurden alle satt; und es wurde aufgesammelt, was ihnen an Brocken übrigblieb, zwölf Körbe voll.

Predigt

Liebe Gemeinde,

ich stelle mir vor, Sie und ich wären dabei gewesen. Aber wo wäre dann unser Platz gewesen? Vielleicht als einer von den 5000 Menschen, irgendwo in dieser Menge, die wir uns in diesen Zeiten kaum vorzustellen können. Oder wenn, dann nur als eine Art Risikofaktor. – Oder können wir es uns vorstellen, an der Stelle Jesu zu sein? Einen ganzen Tag lang zu predigen und dann auch noch 5000 Menschen satt zu machen? Das kann ich mir nicht vorstellen und ich denke, es wäre auch vermessen.

Dann bleiben ja eigentlich nur die Jünger. Ich stelle mir also vor, Sie und ich wären dabei gewesen, als Jünger. Die Geschichte hätte für uns einen ganz und gar unerfreulichen Beginn gehabt. Denn wir haben anstrengende Tage hinter uns. In seinem Auftrag waren wir durch die Dörfer gezogen, haben gepredigt und sogar geheilt. Sie werden müde gewesen sein – so wie wir nach einer anstrengenden Woche. Dann brauchen wir Ruhe und müssen mal abschalten. Dann bin auch ich mal für niemanden zu sprechen. Ein anderer Pfarrer vertritt mich dann.

Und dann kommen da diese 5000 Leute. Kann ich denn nicht einmal ausruhen? Bitte – muss das denn nun auch noch sein? Und dann hätten Sie und ich zum ersten Mal gestaunt: Wie der müde Jesus sein und unser Ruhebedürfnis zurückstellt. ER redet und heilt und teilt sich aus. Da ist kein „kommt morgen wieder“. Anstrengend ist das mit diesem Jesus, das dämmert uns jetzt.

Wir hätten beobachtet, wie die Sonne so langsam untergeht, es etwas kühler wird – und bald hätten wir nur noch mit einem halben Ohr zugehört. Ich kenne das: wenn der andere einfach kein Ende finden kann. Die Unruhe, die dann aufsteigt, das Gefühl, es reicht, man muss doch jetzt mal die Realitäten sehen. Und irgendwann hätten wir dann mit den anderen vor Jesus gestanden und gesagt: „Herr, lass gut sein. Bald kommt die Nacht, sie haben nichts zu essen dabei, lass sie nach Hause gehen.“ Denn im Sorgen für andere – da sind wir gut. Da wissen wir, was für sie gut ist. Und dann wären wir zum zweiten Mal überrascht gewesen. Denn Jesus denkt gar nicht daran, aufzuhören: „Lasst uns doch gemeinsam zu Abend essen. Gebt ihr ihnen zu essen!“

Wie bitte!! Wir mit diesen wildfremden Menschen, die uns unsere wohlverdiente Ruhe gestohlen haben! Sind wir denn hier für alles und alle verantwortlich? Und sowieso: wir haben gerade mal fünf Brote und zwei Fische – für uns! Selber bezahlt. Außerdem haben dann alle nicht genug und keinem ist geholfen.  Aber dann hätten wir es geschafft und unsere Überraschung versteckt und schnell ein Hilfsprogramm aufgestellt: wir gehen los und kaufen noch mehr. Viel Arbeit für 5000 Menschen, aber irgendwie zu schaffen, Spendenaktion starten!

Aber nein, wir sollen aus der Menge Gruppen machen, damit sich die Menschen sehen und kennenlernen, nicht immer nur nach vorne schauen. Also hört auf, von den Geflüchteten zu reden, von den im Mittelmeer ertrunkenen – sie alle haben Namen, haben Familien, haben eine Geschichte. 5000 Gemeindemitglieder sind viele und keine, wenn kaum einer den anderen kennt. Bildet Kleingruppen!

Und dann hätten wir gesehen, wie er unser Brot nimmt und für das bisschen auch noch dankt und es uns dann gibt, das, was uns zugestanden hätte und dazu sagt: „Gebt es weg! Behaltet nichts zurück! Vertraut auf Gott, der aus wenig viel machen kann. Vertraut auf die Menschen, die sehen ihr gebt alles und behaltet nur eure leeren Hände.“ Und dann hätten wir wieder über uns selbstgestaunt, wie wir alles weggegeben hätten ohne an uns selbst zu denken. Wie wir uns eingesetzt hätten für andere, ohne nach ihrem Alter und ihrer Herkunft zu fragen oder nach unserer Zeit. Dass alle eine Zukunft haben miteinander, dass alle Menschen eine Gemeinschaft sind, auch die die anderen, von denen wir denken, sie gehören nicht dazu, weil sie anders aussehen, eine andere Religion haben, eine andere Bildung, komisch sind.

Wie die Träumenden haben sie wohl damals gehandelt: ausgeteilt, was ihnen gehörte, und nichts zurückbehalten. Und haben so das Reich Gottes vorweggenommen. Und es wurden alle satt! Wurde das Brot mehr? Oder lassen sich 5000 anstecken von dem Vertrauen der Jünger? Holten aus den Jackentaschen und Beuteln ihre heimlichen Vorräte, ihren vorsorglichen Proviant und gaben selbst alles weiter und empfingen und gaben auch? Aber dann wäre das ja gar kein Wunder gewesen, meinen Sie? Sind Sie sich da sicher? Wäre es nicht auch ein Wunder, dazu verwandelt zu werden?

Zwölf Körbe blieben übrig, jeder von uns stand an einem Korb. Und ich brauche mir gar nicht mehr vorzustellen, wir wären dabei gewesen – wir sind dabei! Jeder von uns steht an einem solchen Korb. Darin ist das was wir brauchen und viel mehr: an Geld, Zeit, Kraft, Brot. Alles wurde uns von Gott hineingelegt. Und Gott glaubt auch an uns: dass wir verteilen, wie sie damals zu verteilen gelernt haben. An Menschen, die brauchen, was wir haben. Denen der Magen knurrt, die Seele hungert, die Zukunft und das ganze Leben verbaut ist.  Lernen, darauf zu schauen, Gerechtigkeit herzustellen zwischen Arm und Reich, Nord und Süd, den Rassen und Geschlechtern. Gott vertraut uns. Dass wir seine Schöpfung retten, dass wir alles tun, damit alle genug haben zu leben, für Körper und Seele.

Es ist nicht nur so, dass wir an Wunder glauben und auf Wunder hoffen: Auch Gott glaubt daran: dass wir ihm vertrauen und denen, die uns so brauchen wie die Hungernden das Brot.
Amen

Guter Gott,
wenn wir einen Glauben hätten, der sogar Berge versetzen kann –
was wäre das ohne die lebendige Liebe zu anderen und zu uns selbst.
Wir haben dir für vieles zu danken.
Wir können erzählen, wie schön die Welt ist;
Unser Leben wurde bis heute bewahrt;
Uns ist gelungen, was eigentlich so schwer erschien.
Wir danken dir für die guten Nachrichten und für deine gute Nachricht.
Wenn wir ausruhen dürfen,
wenn Gedanken uns weiter helfen.

Du hast uns so vieles geschenkt.
Wir wollen unsere Hände öffnen
Und denen helfen, die uns brauchen,
und abgeben, was andere nötig haben.
Gott, lass uns lernen zu teilen:
Unsere Zeit, unsere Kraft,
unsere Liebe, unsere Geduld,
auch unseren Glauben an dich lass uns teilen mit anderen.

Vater Unser

Segen

Gottesdienst am 19.7.2020 von Pfarrerin Susanne Pieper

Vorspiel

Ich begrüße Sie und Euch alle herzlich zu diesem Gottesdienst. An diesem 6. Sontag nach Trinitatis erinnern wir uns in besonderer Weise an die Taufe. Dazu passt der biblische Spruch der neuen Woche besonders gut. „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein!“

Gott auch uns bei unserem Namen gerufen. Mit unserer Taufe hat er eine Geschichte mit uns begonnen, mit jeder und jedem von uns.  Darin ist ein großer Segen verborgen.

Lasst uns den Gottesdienst feiern im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.  Amen.

Psalm 111

Halleluja!

Ich danke Gott von ganzem Herzen im Kreise der großen Gemeinde.

Groß sind die Werke des Herrn; wer sie erforscht, hat Freude daran.

Gnädig und voller Zuwendung ist Gott, ewig gedenkt er an seinen Bund.

Heilig ist sein Name.

Die Ehrfurcht vor dem Herrn ist der Anfang der Weisheit.

Klug ist, wer sein Leben nach Gottes Geboten ausrichtet.

Sein Lob bleibt für alle Zeit.

Gebet

Gütiger Gott, von allen Seiten umgibst du uns. Du hast uns im Leib unserer Mutter gebildet, du hast uns beim Namen gerufen, als wir dich noch nicht kannten. Durch die Taufe wissen wir, dass wir deine Kinder sind. Dafür loben wir dich!

Hilf uns, auch heute deine Stimme zu hören: als Wegweisung und Hilfe, als dein aufrichtendes Wort.

Herr, segne uns diesen Gottesdienst.

Amen.

EG 449,1.4 Die güldne Sonne

Schriftlesung aus dem 5. Buch Mose 7

„Ihr seid ein heiliges Volk, ihr gehört ganz eurem Gott. Er hat euch aus allen Völkern der Welt zu seinem Eigentum erwählt. Das hat er nicht getan, weil, ihr etwa größer wäret als die anderen Völker. Ich seid ja das kleinste von allen Völkern. Sondern weil er euch geliebt hat und weil er das Versprechen halten wollte, das er euren Vorfahren gegeben hat. Darum hat er euch aus der Sklaverei in Ägypten herausgeholt. So erkennt doch: Euer Gott ist allein Gott und er ist treu! Über tausende von Generationen steht er zu seinem Bund und erweist allen seine Barmherzigkeit, die ihn lieben und sich an seine Gebote halten. Darum lebt nach den Weisungen und Geboten, die ich euch heute gebe. So wird der Herr euch lieben und segnen.“

Ansprache

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn und Bruders Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Liebe Gemeinde, die Worte, die wir eben gehört haben, sind die Grundlage der Predigt heute, und Sie finden Sie zum Nachlesen auch auf unserem Gottesdienstblatt. Zu Beginn möchte ich Sie heute einladen zu einem kleinen Ausflug.  Einem Ausflug in die Zeit, als dieser Text entstanden ist.

Wir schreiben ungefähr die Jahre zwischen 700 und 650 vor Christus. Alles spielt sich auf dem Gebiet des heutigen Israel und Palästina ab. Zwei Reiche gab es dort einst: Das Nordreich mit seiner Hauptstadt Samaria und das Südreich, mit seiner Hauptstadt Jerusalem. Im Jahr 720 v.Chr.  gab es einen großen Angriff auf das Nordreich: das mächtige Volk der Assyrer kam und eroberte das Reich des Nordens. In der Folgezeit kam es zu einem Austausch, einem Austausch der Eliten. Die „oberen Zehntausend“ des Nordreiches Israel wurden nach Assyrien verschleppt, und im Gegenzug kam eine große assyrische Führungsschicht ins Gebiet des Nordreiches. Auf diesem Weg wurde die Struktur des Landes zerstört. Die zweite Folge war, dass auch die religiöse Identität des Volkes verloren zu gehen drohte. Gleichgültigkeit zog ein. Das Volk drohte, seinen Glauben, seine religiöse Verwurzelung zu verlieren. Das sah der König des Südreiches, Josia, sehr genau. Seine Berater machten ihn darauf aufmerksam, dass der Glaube Israels durch den Einfluss Assyriens bald eingeschmolzen sein könnte im großen Schmelztiegel der assyrischen Kultur. Und darum schrieben sie die alten Worte des Anführers Mose noch einmal neu auf für die Menschen ihrer Zeit. Das Volk Israel sollte sich wieder seines besonderen Wertes und seines Auftrags bewusstwerden. „Hört“, schrieben sie, „was Mose gesagt hat: ihr seid für Gott ein heiliges Volk. Er hat euch erwählt. Haltet seine Weisungen, seine Gebote. Dann werdet ihr leben!“

Eine Rede also, die das Volk vor seiner inneren Auflösung bewahren sollte. Die Israeliten werden daran erinnert, dass sie von einer großartigen Geschichte herkommen. Dass Gott sie befreit hat aus der ägyptischen Sklaverei. Und ihnen den Bund und die Gebote geschenkt hat.

Gerade diese Berufung Gottes aber liegt nicht nur in der Vergangenheit; sie gilt genauso für die Gegenwart und für die Zukunft; denn wenn die Menschen auf Gottes Gebote achten, dann bauen sie an einer größeren Gemeinschaft.  Einer Gemeinschaft, in der sich jeder einzelne geborgen weiß. Ohne sie wird das Volk nicht überleben. A n ganz zentraler Stelle heißt es hier: „Ihr seid ein heiliges Volk, Gott hat euch zu seinem Eigentum erwählt.“

Ich habe mich oft gefragt, was es eigentlich mit der Erwählung auf sich hat. Wie man sie verstehen soll.

-Klar ist auf jeden Fall, dass es kein menschliches Verdienst ist, erwählt zu werden. „Gott hat es nicht getan, weil ihr etwa größer wäret als die anderen Völker“, sagt Mose in dieser Rede. Oft scheint es vielmehr so, dass Gott gerade auf die Kleinsten oder Jüngsten blickt: David, der spätere König, ist der jüngste von sieben Brüdern. Mose, der Anführer, ist einer, der nicht einmal gut reden kann.

- Erwählung ist auch kein Freibrief, nun einfach tun und lassen zu können, was man will. Ein Egoshooter zu werden und über alle Stränge zu schlagen. Gott einfach einen guten Mann sein lassen. Das zeigen allein schon die mahnenden, kritischen Stimmen der Profeten in Israels Geschichte.

- Nein, Erwählung ist kein Privileg ohne Folgen. Es ist Beauftragung, Verpflichtung. Das Volk Israel empfängt die Thora, die Weisungen zum Leben. Und es soll ein Beispiel dafür geben, dass die Gebote dem Leben dienen. Das ist seine Aufgabe.  Ein Vorbild sein, ein Licht für die Völker.

Gott schreibt seine Geschichte mit den Menschen. Mit Abraham und Sara, mit Mose, Miriam und Aaron.  Mit seinem Volk. Menschen werden von ihm berufen und mit einer Aufgabe betraut. Und jedem sagt er damit: „Kostbar bist du für mich.“ Es bleibt Gottes Geheimnis, nach welchem Kriterium er seine Wahl trifft.

Dabei aber geht Gottes Geschichte mit uns Menschen immer weiter. Sie bleibt nicht stehen.  Immer gibt es eine Fortsetzung! An der Schwelle zwischen dem Alten und dem Neuen Testament begegnet uns wieder einer, der von Gott berufen wird:  Johannes der Täufer.  Er ruft zur Umkehr auf, er tauft Jesus und dreht damit die Geschichte wieder in eine neue Richtung. Und dann tritt Jesus auf, wird erwählt und berufen, und wird Zeuge dafür, dass Gottes Liebe allen Menschen gilt. „Kostbar bist du für mich, mein geliebter Sohn“, so hört er es.

Und Jesus wiederum beruft und erwählt Einzelne, seine Jünger. Und beauftrag sie: „Tauft die Menschen und lehrt sie, alles zu halten, was ich euch aufgetragen habe.“

Und so kommen wir ins Spiel. Wir heute und hier.  Wir gehören mit hinein in die große Berufungsgeschichte, die Gott mit den Menschen schreibt. Mit der Taufe wurde auch uns von Gott gesagt:“ Kostbar bist du für mich!“ Gesegnet und berufen, nach den Geboten Gottes zu leben und mitzubauen an einer Gemeinschaft, in der die Menschen leben können.

Auch uns als Christen gelten ja die 10 Gebote, die zentralen Weisungen der Thora. Das Gebot der Gottesliebe und der Menschen- liebe.

Liebe Gemeinde, vor kurzem habe ich die Zeitungen der letzten Tage durchgeblättert. Vor meinem inneren Auge liefen die Ereignisse der letzten Monate vorbei, dieser neuen Coronazeit, die so Vieles an den Tag bringt. Da begann ich, die Meßlatte der uralten Gebote dazu zu legen. Und plötzlich sprang mir ihre Aktualität ins Auge:

Nächstenliebe – das heißt gerade Abstand halten.

„Ehre deinen Vater und deine Mutter“-  das ist der besondere Schutz der älteren und der alten Menschen.

„Rede nicht falsch Zeugnis wieder deinen Nächsten“ – verbreite keine Gerüchte. Das ist: Nein sagen zu Lügen, Halbwahrheiten und Verschwörungstheorien.

„Töte nicht“ und rufe nicht zum Töten auf.  Das bedeutet, wachsam zu sein, Aufklärung und Recht zu fordern, wenn Politikerinnen und Anwältinnen anonym vom NSU 2.0 mit Morddrohungen überzogen werden.

Die Gebote sind uns gegeben. Für uns. Hier und jetzt. Sie helfen uns, klar zu sehen und uns zu  orientieren. Sie sind Gottes Geschenk für unser Leben. Gott aber ist es, der zuvor und zuallererst zu jedem und jeder von uns sagt: „Kostbar bist du für mich.“

Amen.

EG +115,1-5

Fürbitten
Unser Gott, dich  allein beten wir an. Kostbar sind wir in deinen Augen, so wissen wir es seit unserer Taufe. Danke für deine Liebe, mit der du für uns da bist, Tag für Tag. Oft sehen wir sie nicht und halten sie schlicht für selbstverständlich. Du nährst uns, erhältst uns und erneuerst uns Stunde um Stunde. Danke für deine Liebe, die wir erkannt haben im Leben, im Sterben und im Auferstehen deines Sohnes Jesus Christus.

Du hast dein Volk aus der Sklaverei geführt und den Bund mit ihm geschlossen. Dein Blick geht gerade zum Kleinen und zum Unbedeutenden.  Genau das stärkst du mit deiner Liebe. Hilf uns, in deinen Spuren zu gehen: gerade die Menschen zu sehen, die bei uns als klein und unbedeutend gelten, am Rande der Gesellschaft leben und die Öffentlichkeit meiden.

Lass deine Gebote des Lebens Gehör finden in unserer Welt. Dass das Recht und die Demokratie geschützt bleiben, dass Unrecht aufgeklärt und als Unrecht benannt wird, dass die Menschenwürde für Kinder, Frauen und Männer hergestellt und gewahrt wird. Wir bitten um deine Hilfe.

Wir bitten dich für alle, die mit einer Krankheit zu kämpfen haben. Schenke ihnen Erleichterung.  Stärke sie und lass sie deinen Segen spüren. Für alle, die einen kranken Menschen versorgen und an seiner Seite sind, bitten wir: dass genug Stärke, Geduld und Liebe da ist, aber auch erholsame Auszeiten für sie selbst.

Bitte für die Verstorbenen

Vaterunser

Abkündigungen

Segen

Der Herr segne dich und behüte dich

Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig

Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Amen.

Gottesdienst am 5.7.2020 von Pfarrer Ernst Rohleder

Orgelvorspiel

Begrüßung
Liebe Gemeinde
Für diejenigen, die mich noch nicht kennen, möchte ich mich kurz vorstellen. Ich bin Ernst Rohleder, Pfarrer für Altenseelsorge im Dekanat Wetterau. Unter anderen bin ich in mehreren Seniorenheimen für Seelsorge und Gottesdienste verantwortlich. Gerne gebe ich, indem wir Gottesdienst feiern auch einen kleinen Einblick in das Feiern der Gottesdienste dort.

Lied
I: Komm, heilger Geist, mit deiner Kraft,
die uns verbindet und Leben schafft.:I
Wie ein Feuer sich verbreitet
und die Dunkelheit erhellt,
so soll uns dein Geist ergreifen,
umgestalten unsre Welt.
I: Komm, heilger Geist,…

Wie der Sturm so unaufhaltsam
dring in unser Leben ein.
Nur, wenn wir uns nicht verschließen,
können wir deine Kirche sein.
I: Komm, heilger Geist,…

Schenke uns von deiner Liebe,
die vertraut und die vergibt.
Alle sprechen eine Sprache,
wenn ein Mensch den andern liebt

Votum

Eingangspsalm mit Kehrvers
Alle meine Quelle entspringen in Dir

6 HERR, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist,
und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.
7 Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes /
und dein Recht wie die große Tiefe.

Alle meine Quelle entspringen in Dir

HERR, du hilfst Menschen und Tieren.
8 Wie köstlich ist deine Güte, Gott,
dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben!

Alle meine Quelle entspringen in Dir

9 Sie werden satt von den reichen Gütern deines Hauses,
und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom.
10 Denn bei dir ist die Quelle des Lebens,
und in deinem Lichte sehen wir das Licht.

Alle meine Quelle entspringen in Dir

Breite deine Güte über die, die dich kennen,
und deine Gerechtigkeit über deine Frommen.

Alle meine Quelle entspringen in Dir

Kommt, lasst uns anbeten……

Gemeinsam gelesenes Gebet
Gott,
du bist da – am Abend und am Morgen
du bist da - am Tag und in der Nacht
Du bist die Antwort aller Fragen
Du bist da – am Ende aller Zeit.
Wir bitten Dich:
Sei da in Trauer und in Glück
Sei da in dunklen und in hellen Stunden
Sei da mit deiner Hand, die hält.
Amen. (nach W. Gies)

Schriftlesung Galater 3,26 und 27
Denn ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus.
Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen.
Glaubensbekenntnis

Lied: Mein Leben liegt in deiner Hand nach der Melodie 324 Nun danket all..
Mein Leben liegt in deiner Hand,
du Herr von Welt und Zeit.
Du hältst mich fest in Bund und Band
in alle Ewigkeit.

Ich bin getauft und sage Ja
Mit allem, was ich bin.
Ich weiß, du bist stets für mich da,
gibst meinem Leben Sinn.

Du bringst mir Zukunft, schenkst mir Halt;
Du lenkst mir meinen Schritt
Und deine Wahrheit wird Gestalt;
Du gehst mein Leben mit.

Du gibst dem Denken Ziel und Raum,
machst Hände frei zur Tat.
Du segnest mir Gefühl und Traum;
nimmst an dich, was ich bat.

So singe ich dir meinen Dank.
Halt meinen Glauben fest,
der mich als Mensch ein Leben lang
bei dir zu Haus sein lässt.

Ansprache
Liebe Gemeinde,
untergehen,
die ganze Last alleine tragen,
unter einer Last zusammenbrechen,
die Wellen schlagen über einem zusammen,
ein rettendes Ufer erreichen,
es gerade noch einmal schaffen,
die Kurve kriegen.
Vielleicht haben Sie so etwas schon einmal erlebt?
Im wahrsten Sinne des Wortes?
In einem übertragenen Sinne?
Oder in einem Traum, aus dem Sie schweißgebadet aufgewacht sind?
Und wie sind jetzt ihre Erinnerungen daran?
Dann kommt gleich eine Geschichte für Sie!

Als Altenseelsorger suche ich immer wieder nach anschaulichen Möglichkeiten für Gottesdienste und Ansprachen abseits der geprägten sonntäglichen Predigttexte, die für die Menschen in Senioreneinrichtungen oft nicht mehr geeignet sind. So gehe ich seit Jahren mit Gottesdienstreihen durch das Kirchenjahr. Unter anderem mit der Betrachtung der Heiligen, denn in den Seniorenheimen habe ich ja auch immer auch katholische und evangelische Gemeindeglieder im Gottesdienst.

Ich denke, auch uns, fallen einige sofort ein: Sankt Martin, Nikolaus, die Barbara mit den Barbarazweigen im Dezember, Hildegard von Bingen, um nur einige zu nennen.  Viele Heilige werden auch bei uns in der Evangelischen Kirche bedacht. Ihre Bedeutung und ihre Verehrung sind in der evangelischen oder katholischen Kirche selbstverständlich eine andere.

Gemeinsam beten wir in unzähligen Gottesdiensten das Apostolische Glaubensbekenntnis und sprechen. Ich glaube an den heiligen Geist und dann an die Gemeinschaft der Heiligen. Wer sind denn die Heiligen, die wir da so bekennen?   

Sehen wir uns ein paar Sätze aus der Frühzeit der Christenheit an. Paulus beginnt seinen Römerbrief mit der Adresse:  An alle Geliebten Gottes und berufenen Heiligen in Rom: Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus! (1,7) und grüßt am Ende seines Römerbriefes (16,15): Grüsst Philologus und Julia, Nereus und seine Schwester und Olympas und alle Heiligen bei ihnen. Daraus wird deutlich, was auch der Petrusbrief schreibt: Ihr aber seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums, dass ihr verkündigen sollt die Wohltaten dessen, der euch berufen hat von der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht; (1.Petr 2,9)

Die Heiligen, das ist eine Ehrenbezeichnung für die zum Glauben gekommenen in der Zeit der frühen Christen. An die Heiligen im späteren Sinn, nämlich einzelner, besonders verehrter Personen, dachte damals noch niemand. Die Gemeinschaft der Heiligen, das sind wir! – wir, die glauben, wir, die von Christus erlöst sind und die vom Heiligen Geist geführt werden. Eine Gemeinschaft, die sich seit jetzt zwei Jahrtausenden durch die Geschichte zieht und die Christen aller Zeiten miteinander verbindet. In dieser Gemeinschaft sind wir mit den Christen vergangener Jahrhunderte, ja Jahrtausende verbunden; mit ihnen stehen wir gemeinsam vor Gott. Sie bezeugen uns den Glauben in ihrer Zeit und können damit ein Licht werfen auf unsere Zeit und auf die Aufgaben, vor denen unser Glaube heute steht.

Die Heiligen im späteren Sinn, sind ja von der Kirche besonders verehrte und gefeierte Einzelne, und dazu stehen wir unterschiedlich, ob wir nun evangelisch oder katholisch sind. Aber in der Gemeinschaft der Heiligen sind wir mit Ihnen verbunden. Und ihnen kommt die Würde zu, eindrückliche Zeugen unseres Glaubens zu sein. Ihr Vorbild kann dem einem Mut geben, der anderen Trost, einem Dritten Hoffnung oder einer Vierten Gelassenheit. Je nachdem, um welchen Heiligen es handelt und welchen Blick man auf ihn wirft.

Oft können wir die Geschichten der Heiligen, die Legenden, aber auch lesen als die Geschichte eines Menschen in seiner seelischen Entwicklung oder Reifung, ja geradezu als die Geschichte einer seelischen Fragestellung und ihrer Antwort. Und gerade – aber nicht nur dort – können sich die Bewohnerinnen und Bewohner in den Geschichten mit ihrer Seele und ihren Fragen wiederfinden.

Von einigen Heiligen gibt es gesicherte historische Daten als Personen der Geschichte. Um ihre Geschichte ranken sich außerdem Legenden. Andere sind alleine durch ihre Legenden greifbar. Das Anliegen der Legenden ist es, Gottes Wirken am Menschen zu erzählen und das ist nicht an eine Geschichte oder an eine Person gebunden. Gott handelt heute, wie auch damals. Gerade die Legenden der Heiligen zeigen in Bildern, wie Gott in unser Leben eingreift. So drückt es jedenfalls Anselm Grün aus, ein vielen auch bekannter Theologe und Buchautor

Der Heilige des heutigen Tages ist der heilige Christophorus und diese Geschichte für alle, die schon einmal untergegangen sind, es gerade noch einmal geschafft haben, die oft die ganze Last alleine tragen müssen, über denen die Wellen schon einmal zusammengeschlagen sind. Ich vermute irgendwie ist jeder von uns dabei.

Von Christophorus gibt es keine historische Überlieferung, sondern nur eine überlieferte Legende. Und im Kern geht sie so, denn sie wird immer auch ein wenig anders erzählt.

Es war einmal ein sehr großer und starker Mann, so groß, dass mache schon fast Riese zu ihm sagen wollten: Er hieß Phoros. Das ist Griechisch und heißt der Träger, denn er trug schwere Waffen und hatte ihn vielen Kriegen vielen Herren gedient. Mit seinem breiten Rücken konnte er auch viel tragen und schaffen. Und weil er stark war, wollte er nur dem mächtigsten Herrscher auf Erden dienen. Und diente er schließlich einem König. Einmal ritt er mit seinem König und wurde von einem Räuberhauptmann überfallen. Da sah er, wie sich der König vor dem Räuberhauptmann fürchtete. Also musste doch dieser größer und mächtiger sein, allerdings war er auch eben böse und schlimm fast wie der Teufel selbst. Und weil Phoros nun dem Bösen und teuflischen diente, wird er manchmal auch Reprobus, der Verdammte genannte.

Nun geschah es, dass der teuflische Räuberhauptmann einmal auf seinen Zügen an einem Kreuz vorbei kam, wo ein Bild des gekreuzigten Christus daran hing. Da machte der Räuberhauptmann einen großen Bogen, weil er sich vor dem Anblick des Christus fürchtete.

Da wurde dem riesenhaften Kerl klar, wenn sich dieser vor dem bloßen Anblick des Gekreuzigten fürchtet, dann muss dieser wohl noch größer und mächtiger sein. So zog er durch die Welt und suchte, wie er diesem Christus wohl dienen könnte. Schließlich riet ihm ein frommer Einsiedler, er solle sich doch an einem großen gefährlichen Fluss niederlassen und Reisende hinübertragen, so könne er den Menschen helfen. „Sei jedermanns Diener, so wirst du gewiss Christus begegnen und den König der Könige sehen.“

Eines Tages hörte er eine feine Stimme und er erblickte einen kleinen Knaben, der ihn bat: Trag mich hinüber.

Das anfangs so leichte Kind wurde auf seinen Schultern immer schwerer, kaum kann er die Last noch tragen und in der Mitte des Flusses schließlich schienen Riese und Kind unterzugehen. Er glaubt sterben zu müssen. Mit letzter Kraft erreicht er das andere Ufer. Und als er das Kind am anderen Ufer absetzt, sagt er: „Es war mir als habe ich die ganze Welt getragen.“

Das Kind antwortete ihm: Christophorus, du hast mehr getragen als die Welt, denn du hast den Herrn der Welt getragen. Ich bin Jesus Christus.

Und als du untergetaucht bist, da habe ich dich getauft: du sollst nicht mehr Phorus, sondern Christophorus, Christopher heißen, denn du hast Christus getragen.

Und das habe zum Zeichen, dein großer hölzerner Stecken, der soll über’s Jahr wieder ausschlagen und blühen.

Soweit die Legende. Viele Reisende, Autofahrer – auch evangelische - haben eine Christophorus-Plakette dabei, um auf ihren Wegen sicher begleitet, geschützt, getragen zu werden. Wo die Verehrung des Christophorus lebendig ist, da glaubt man, dass wer am Morgen sein Bild anschaue, der komme gut über den Tag, sozusagen durch den reißenden Strom der Alltagsgeschäfte, in denen man nur allzu oft glaubt unterzugehen. Die Angst, wie soll ich das alles schaffen, beschäftigt viele Menschen, sie fühlen sich ausgebrannt, erschöpft, ausgelaugt. Ich will gar nicht davon sprechen, was die Corona-Krise hier an der ein oder anderen Stellen zusätzlich dazu getan hat. Und es hat sicher auch Situationen in Ihrem Leben gegeben, in denen es Ihnen so oder ähnlich ergangen sein mag. Auch wenn es dabei vielleicht nicht um die Arbeitsbelastung geht, so gibt es doch viele Situationen, vor denen sich fast jeder Mensch unwillkürlich die Frage stellt, wie soll ich das schaffen, wie kann ich das schaffen? Das kann ein unangenehmes Gespräch sein, das vor mir liegt, das kann ein notwendiger Krankenhausaufenthalt sein, und vieles mehr. Wie schaff ich das hundurch?

Jemand hat das Gefühl, alle legten nur ihm oder ihr die Lasten auf.
Jemand hat das Gefühl, die Wellen schlügen über ihr zusammen.
Jemand hat das Gefühl vom Strom des Lebens unweigerlich abgetrieben zu werden und das rettende Ufer zu verlieren.
Es war mir, ich müsste sterben –
und einmal werden wir sterben.

Und wenn er, Christophorus, auch drohte unterzugehen, so kommt er doch durch die Gefahren, durch den großen Fluss. Ja mehr noch, er kommt als ein anderer am anderen Ufer an. Als Phorus oder in der anderen Überlieferung, sogar der Verdammte, geht er in den Fluss und er steigt als Christusträger am anderen Ufer heraus. Christus ist als Kraft bei ihm oder in ihm. Wer Christus in sich, bei sich trägt, der kann ihn nicht verlieren.

Es liegt aber auch eine große Symbolkraft darin, dass er die Menschen von einem Ufer zum anderen bringt. Es ist ein besonderer Übergang.

Besondere Übergänge gibt es auch im Leben, wenn man sozusagen eine Schwelle überschreitet und sich neue Räume für einen öffnen. Solche Schwellen sind in unserer Lebensgeschichte wichtig. Von der Kindheit zur Jugend. Ich weiß gerade von meinen Heimbewohnern, dass dieser Übergang gerade in der Kriegszeit ganz anders erlebt wurde, als das heute zum Glück möglich ist. Von der Jugend zu Erwachsenenalter. Zur eigenen Familie, in vielen Biografien gibt es in der Lebensmitte eine Schwelle, ja eine Krise oft dazu. Der Übergang von der Arbeitswelt in den Ruhestand, das Aufgeben der eigenen Wohnung, der Einzug in ein Haus, der Auszug aus der Wohnung in ein Seniorenheim, und einmal werden wir alle die letzte Schwelle unseres Lebens überschreiten. Die Schwelle und Übergänge werden manchmal freudig erwartet, manchmal machen sie große Angst, manchmal beides gleichzeitig, wie zum Beispiel das Erwachsenwerden.

Ich glaube, jede und jeder könnte aus seiner Lebensgeschichte dazu etwas beitragen.
Für viele Übergänge gibt es in den Religionen und auch eben in unserer christlichen Kirche besondere Begleitung. Die Taufe feiert den Beginn des Lebens, die Kommunion/Firmung oder evangelisch die Konfirmation zielt auf das besondere Jugendalter ab, die Familiengründung wird in der Hochzeit gefeiert, und schließlich begleiten wir Menschen bei der Beerdigung über die Schwelle des Todes. Alle diese Handlungen wollen dazu helfen, dass wir die Angst vor den Übergangen verlieren.

Christophorus ist sozusagen der Patron der Übergänge. Die Legende zeigt uns, mit welcher Wucht uns eine Übergangssituation belasten kann, Phorus droht unterzugehen, den Übergang nicht zu schaffen, ja er glaubt sterben zu müssen, dass es mit ihm aus sei.

In vielen Situationen glauben auch wir manchmal, dass es aus sei, wir können uns jedenfalls nicht vorstellen wie es weiter gehen soll.

Da sagt die Legende auch, in jedem Übergang kommen uns Kräfte zu, das scheinbar Unmögliche zu schaffen, es sind oft Kräfte, die uns selbst bisher unbewusst waren.

Die Legende von Christophorus ist die Verheißung, dass wir nicht untergehen werden. Christus bringt uns schließlich selbst ans andere Ufer.

Im Grunde sind wir alle durch unsere Taufe schon Christusträger geworden. Daran können wir uns immer erinnern, an den kleinen und an den großen Übergängen unseres Lebens, und wenn wir wieder einmal im täglichen Chaos versinken. Amen.

Lied: Kennt ihr die Legende von Christophorus

Kennt ihr die Legende von Christophorus,
er trägt auf seinem Rücken
und muss sich dabei bücken,
ein kleines Kind, - durch die Gefahren,
durch den großen Fluss.

Kehrvers:
Euch und uns und dir und mir –
ein gutes Beispiel gibt er hier,
gibt uns der Christophorus
an dem großen Fluss.

Ich wünscht, ich hätte Hände,
wie Christophorus
und trüg auf meinem  Rücken
und müsst mich dabei bücken,
ein kleines Kind, - durch die Gefahren,
durch den großen Fluss.
Kehrvers:

Es gäbe eine Wende, o Christophorus,
wenn wir die stolzen Rücken
für Menschenkinder bücken,
dann kommen sie - durch die Gefahren
durch den großen Fluss.
Kehrvers:

Schlussgebet
Gott, dein Wort ist unsere Freude.
Wir entdecken Spuren deiner Liebe in unserem Alltag.
Wir danken Dir für Menschen, die unser Leben hell machen:
für Freundinnen und Freunde, die uns verstehen,
für Vertraute, die uns begleiten,
die da sind
durch ihr Lachen und Reden, durch ihr stilles Mittragen.
Wir danken Dir,
für Menschen, die uns im Glauben vorangegangen sind,
und die uns durch ihr Leben
ein lebendiges Zeugnis und Beispiel geben.

Wir danken Dir, dass wir in unserer Taufe Christus angezogen haben wie ein Kleid und so alle zu Christusträgern geworden sind.
Wir vertrauen darauf, dass wir von ihm und durch ihn an den kleinen und großen Übergängen durch den großen Fluss unseres Lebens getragen werden.

Und in der Gemeinschaft der Heiligen,
die vor uns gewesen sind,
und die neben uns sind, beten wir:

Vater Unser

Schlusslied: Wohl denen, die da wandeln….
Wohl denen, die da wandeln
vor Gott in Heiligkeit,
 nach seinem Worte handeln
und leben allezeit;
die recht von Herzen suchen Gott
und seine Zeugniss' halten,
sind stets bei ihm in Gnad.

Mein Herz hängt treu und feste
an dem, was dein Wort lehrt.
Herr, tu bei mir das Beste,
sonst ich zuschanden werd.
Wenn du mich leitest, treuer Gott,
so kann ich richtig laufen
den Weg deiner Gebot.

Segen

Gottesdienst am 28.06.2020 mit Video von Vikar Ingmar Bartsch

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar: https://youtu.be/DbrFC4STC-A

 

Votum
Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

 

Eingangsspsalm: 34 1-7
1 Von David, als er sich wahnsinnig stellte vor Abimelech und dieser ihn vertrieb und er wegging. 2 Ich will den HERRN loben allezeit; sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein. 3 Meine Seele soll sich rühmen des HERRN, dass es die Elenden hören und sich freuen. 4 Preiset mit mir den HERRN und lasst uns miteinander seinen Namen erhöhen! 5 Da ich den HERRN suchte, antwortete er mir und errettete mich aus aller meiner Furcht. 6 Die auf ihn sehen, werden strahlen vor Freude, und ihr Angesicht soll nicht schamrot werden. 7 Als einer im Elend rief, hörte der HERR und half ihm aus allen seinen Nöten.

 

Gebet:
Gott, wir wollen das Leben spüren. Manchmal fehlt uns die Lebendigkeit. Dann verfallen wir in Aktionismus, versuchen alles, um ein erfülltes Leben zu haben. Aber das lässt sich nicht erzwingen. Gott, zu oft vergessen wir, dass es bei Dir Leben in Fülle gibt. Denn in Psalm 36 betet König David: Bei dir, Gott, ist die Quelle des Lebens, und in deinem Lichte sehen wir das Licht. Lass uns in diesem Gottesdienst durch Dein Wort dieser Lebensquelle näher kommen. Das bitten wir Dich durch Jesus Christus, Deinen Sohn, der mit Dir und dem Heiligen Geist lebt und Leben schenkt in Ewigkeit. Amen

 

Schriftlesung: (Psalm 23) nach der Basisbibel:
1 Der HERR ist mein Hirte. Mir fehlt es an nichts. 2 Die Weiden sind saftig grün. Hier lässt er mich ruhig lagern. Er leitet mich zu kühlen Wasserstellen. 3 Dort erfrischt er meine Seele. Er führt mich gerecht durchs Leben. Dafür steht er mit seinem Namen ein. 4 Und muss ich durch ein finsteres Tal, fürchte ich keine Gefahr. Denn du bist an meiner Seite! Dein Stock und dein Stab schützen und trösten mich. 5 Du deckst für mich einen Tisch vor den Augen meiner Feinde. Du salbst mein Haar mit duftendem Öl und füllst mir den Becher bis zum Rand.
6 Nichts als Liebe und Güte begleiten mich alle Tage meines Lebens. Mein Platz ist im Haus des HERRN. Dorthin werde ich zurückkehren – mein ganzes Leben lang!

 

Glaubensbekenntnis
Verbunden mit allen Christen weltweit bekennen wir unseren Glauben.
Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde.
Und an Jesus Christus,
seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,
empfangen durch den Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage auferstanden von den Toten,
aufgefahren in den Himmel,
er sitzt zur Rechten Gottes,
des allmächtigen Vaters, von dort wird er kommen,
zu richten die Lebenden und die Toten.
Ich glaube an den Heiligen Geist,
die heilige christliche Kirche,
Gemeinschaft der Heiligen,
Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten
und das ewige Leben. Amen.

 

Lied EG+ 145
1) Gott, du bist die Hoffnung, wo Leben verdorrt. Auf steinigem Grund, wachse in mir. Sei keimender Same, sei sicherer Ort. Treib Knospen und blühe in mir. Und ein neuer Morgen bricht auf dieser Erde an, in einem neuen Tag blühe in mir. Halte mich geborgen, fest in deiner starken Hand und segne mich. Segne mich und deine Erde.

2) Gott, du bist die Güte, wo Liebe zerbricht, in kalter Zeit atme in mir, sei zündender Funke, sei wärmendes Licht, sei Flamme und brenne in mir. Und ein neuer Morgen bricht auf dieser Erde an, in einem neuen Tag brenne in mir. Halte mich geborgen, fest in deiner starken Hand und segne mich. Segne mich und deine Erde.

3) Gott, du bist die Freude, wo Lachen erstickt, in dunkler Welt lebe in mir, sei froher Gedanke, sei tröstender Blick, sei Stimme und singe in mir. Und ein neuer Morgen bricht auf dieser Erde an, in einem neuen Tag singe in mir. Halte mich geborgen, fest in deiner starken Hand und segne mich. Segne mich und deine Erde.
 

Predigt
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

Seit Sonnenaufgang liegt der junge Mann gut versteckt im Gras. Schon gestern hatte er hier gelegen. Und vorgestern. Ist heute der Tag, der über sein Schicksal entscheiden würde? Würde er heute endlich erfahren, ob er endgültig die Flucht ergreifen muss? Oder kann er einfach in sein altes Leben zurückkehren? Zurück zur Normalität, so als sei nichts gewesen?

Was war da eigentlich mit ihm passiert? So richtig erklären konnte er das nicht. Er hatte seinem König gedient. Er hatte Erfolg gehabt, er war beim Volk beliebt. Zahlreiche Schlachten hatte er geschlagen und immer war er siegreich. Er hatte sich immer für den König eingesetzt. An seiner Loyalität konnte also kein Zweifel bestehen.

Doch der König hatte sich immer seltsamer verhalten. Er hatte unkontrollierte Wutausbrüche – und das konnte jeden treffen. Dann schleuderte der König seinen Spieß ohne Vorwarnung auf Menschen. Auch ihn hätte es beinahe getroffen. Mehrfach. Aber er konnte immer ausweichen. Und dann hatten Freunde angefangen, ihn zu warnen. „Der König will Dich umbringen“ haben sie ihm zugeraunt. Das war mehr, als jenes diffuse Gefühl. Aber es war auch noch keine greifbare Gefahr. Und Intrigen gab es am Hof ja mehr als genug.

So hängt der junge Mann, sein Name ist David, an diesem Morgen seinen Gedanken nach. Die Welt um ihn herum erwacht. Die Vögel beginnen zu singen. Fern im Dorf hört man einen Hahn krähen. David nimmt das alles mit wachen Sinnen auf. Das kennt er, als Soldat lag er oft da und beobachtete Feinde. Und doch ist alles anders. Seine Zukunft steht auf dem Spiel. Das Herz schlägt laut, er zwingt sich zur Ruhe. Er spürt: Ich lebe! Ich bin lebendig. Vielleicht nicht mehr lange. Wer weiß das schon. Leben ist kostbar. Und es kann sich von heute auf morgen verändern. Eben noch der Chef der Leibwache des Königs und jetzt vom Tod bedroht.

Plötzlich taucht ein Mann mit einem Jungen auf. Er macht Schießübungen. Es ist das verabredete Zeichen. David drückt sich ganz auf den Boden. Und nach wenigen Minuten hat er Gewissheit: König Saul will ihn töten.

Er hat ein Leben verloren, in dem er sich ganz gut eingerichtet hatte. Jetzt beginnt eine Zeit der Unsicherheit, ein Leben auf der Flucht. Das Leben in Höhlen und in dunklen Gassen. Ein Leben, in dem Menschen, die ihm helfen, einfach umgebracht werden. Und das alles wegen einer nicht greifbaren Bedrohung. In diesem Fall der Eifersucht König Sauls, der fürchtete, dass David ihm den Königsthron abnehmen würde.

„Das Leben spüren“. Das ist das Motto, welches uns im Rahmen einer außergewöhnlichen Thomasmesse seit einigen Wochen begleitet. Und es hat viele Facetten. Ich bin mir sicher, dass David an diesem Morgen und später auf der Flucht das Leben besonders gespürt hat. In seiner Fragilität, in all der Unsicherheit, die das Leben mit sich bringen kann. Es ist ein Aspekt des Lebens, dass es aus Höhen und Tiefen besteht. Und dass wir die Höhen besonders zu schätzen wissen, wenn wir Tiefen erlebt haben. Und ich denke, dass es bei David auch so ist. In der Bibel wird seine Lebensgeschichte als Auf und Ab berichtet. Eben noch der bejubelte General, jetzt auf der Flucht und später der König von Israel. Wenn das nicht ein Paradebeispiel von „Das Leben spüren“ ist.

An der Geschichte von König David im alten Testament beeindruckt mich immer wieder sein unerschütterliches Gottvertrauen. Die meisten der Psalmen, die wir kennen, werden König David zugeschrieben. Und sie sprechen von Verzweiflung und Angst, aber auch von großer Hoffnung. Sie sprechen vom Leben in all seinen Facetten. Und in diesem Auf und Ab des Lebens, verliert David Gott nicht aus dem Blick. Egal, was ihn gerade bewegt, er sucht die Begegnung mit dem ewigen Gott. Denn sich auf Gott einzulassen bedeutet, sich auf das Leben einzulassen. Und wir lassen uns dort auf Gott ein, wo wir die Begegnung mit ihm suchen. Wie hier im Gottesdienst. Wir lassen uns dort auf Gott ein, wo wir darauf vertrauen, dass er uns trägt und begleitet.

Wir hatten als Thomasmessenteam darum gebeten, uns Beiträge zukommen zu lassen, wo Sie das Leben besonders spüren. Und auch wir haben uns Gedanken gemacht. Einen Teil davon haben wir Ihnen schon präsentiert, auf dem Youtubekanal der Gemeinde finden Sie noch mehr kurze Clips zum Thema. Die meisten von uns spüren das Leben besonders in der Natur. Beim Wandern, beim Radfahren. Im Sonnenschein oder im Regen. Und auch das sind Gottesbegegnungen. Begegnungen mit dem Unverfügbaren, mit dem, was über uns hinaus weist.

In Zeiten der Kontaktbeschränkungen ist das Leben aber auch dort zu spüren, wo wir kontaktlose Lebenszeichen finden. In den Bildern von Regenbögen in den Fenstern oder in den bunt bemalten Steinen vor Kindergärten und Kirchen. Entstanden ist das Motto „Das Leben spüren“ schon im April, als die Einschränkungen durch Corona besonders spürbar waren. Als wir merkten, wie vermeintlich normale Dinge uns plötzlich fehlten. Freunde treffen, Essen gehen, normal zur Arbeit dürfen, in die Schule gehen und so vieles mehr. Und doch zeigten die Beispiele, dass das Leben nach wie vor spürbar ist, dass wir auch bei eingeschränkten Lebensumständen Leben spüren können.

Das Beispiel von König David macht Mut, sich auch weiterhin auf die Suche zu machen nach den Kraftquellen des Lebens. Nach den Orten, Momenten und Begegnungen, in denen das Leben besonders zu spüren ist. David hat immer wieder die Nähe Gottes gesucht, mit ihm geredet, geklagt und gelobt. Deshalb plädiere ich dafür, dass wir bei ihm das Leben suchen.

In den Psalmen haben wir einen reichen, lebendigen Schatz. Vielleicht nehmen Sie sich im Sommer die Bibel zur Hand und lesen ein paar von den Psalmen. Oder das erste und zweite Buch Samuel mit der Geschichte von Saul und David. Ich bin mir sicher, Sie werden auch in diesen Texten das Leben spüren. Und Gott begegnen.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle menschliche Vernunft, der bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

 

Lied Gesangbuch 170, 1-3
1) Komm, Herr, segne uns, daß wir uns nicht trennen, sondern überall uns zu dir bekennen. Nie sind wir allein, stets sind wir die Deinen. Lachen oder Weinen wird gesegnet sein.

2) Keiner kann allein Segen sich bewahren. Weil du reichlich gibst, müssen wir nicht sparen. Segen kann gedeihn, wo wir alles teilen, schlimmen Schaden heilen, lieben und verzeihn.

3) Frieden gabst du schon, Frieden muss noch werden, wie du ihn versprichst uns zum Wohl auf Erden. Hilf, dass wir ihn tun, wo wir ihn erspähen -, die mit Tränen säen, werden in ihm ruhn.

 

Fürbitten
Gott, Du hast uns das Leben geschenkt. Wir sehnen uns nach Lebendigkeit, aber manchmal fühlen wir uns ausgelaugt und leer. Dann wollen wir das Leben besonders spüren. Schenke uns die kleinen und großen Orte und Begegnungen mit Dir und unseren Mitmenschen im Alltag, in denen wir erfülltes Leben spüren können.

Gott, wir bitten Dich für diejenigen, die sich besonders danach sehnen, das Leben zu spüren. Wir bitten Dich für die Kranken und die Einsamen. Für die Menschen, die zur Risikogruppe gehören und Angst haben müssen, anderen zu begegnen. Wir bitten Dich für die Überforderten. Wir bitten Dich für die Trauernden. Schenke ihnen Hoffnung und Zuversicht und ein festes Vertrauen auf Dich.

Gott, wir bitten Dich für unsere Gesellschaft. Wir machen uns Sorgen, weil Menschen unmenschlich miteinander umgehen. Wir bitten Dich für die Opfer von Rassismus, für die Ausgegrenzten und Benachteiligten. Wir bitten Dich für die Wütenden und Gewalttätigen. Wir bitten Dich für diejenigen, die Verantwortung tragen. Schenke Menschen, die besonnen sind und den Dialog suchen und schenke uns, dass wir unseren Teil dazu beitragen können.

 

Vaterunser
Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

 

Segen
Mögest Du die kleinen Wegweiser des Tages nie übersehen:
Den Tau auf den Grasspitzen,
den Sonnenschein auf Deiner Tür,
das Wiederkäuen der Kuh,
das Lachen aus Kinderkehlen
der Mensch auf der Straße, der Dir ein Lächeln schenkt.
Möge Dein Tag gesegnet sein mit vielen kleinen, wundervollen Dingen.
So segne Dich der dreieinige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

 

Rückmeldungen zu diesem Gottesdienst: bartsch@ev-kirche-bn.de oder 06033 79 60 527

Gottesdienst am 21.06.2020 mit Video von Pfarrerin Meike Naumann

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar: https://youtu.be/GY1cuqyXdag

Musik

Begrüßung mit Votum

Liebe Gemeinde,
ein ganz herzliches Willkommen zu unserem Gottesdienst am 2. Sonntag nach Trinitatis.
Christus spricht: Kommt her zu mir,
alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. (Mt 11,28 LUTHER 2017)

Jesus lädt uns ein. Kommt alle. Wir dürfen kommen. Wir sind willkommen. Auch wenn wir oft mit unseren Sorgen und Lasten so beladen sind, dass wir kaum an Gott denken. Auch wenn wir oft die falschen Fragen stellen. Wir alle sind eingeladen. Eingeladen auszuruhen und zu Kräften zu kommen. Einfach da zu sein so wie wir sind. Und so feiern wir unseren Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Psalm 36 EG 719
6 Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist,
und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.
7 Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes / und dein Recht wie die große Tiefe.
Herr, du hilfst Menschen und Tieren.
8 Wie köstlich ist deine Güte, Gott,
dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben!
9 Sie werden satt von den reichen Gütern deines Hauses,
und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom.
10 Denn bei dir ist die Quelle des Lebens,
und in deinem Lichte sehen wir das Licht.

Gebet
Christus spricht: kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. (Mt 11,28)
Jesus Christus, du unser Heiland und Erlöser.
In deine Nähe sehnen wir uns,
wenn das Leben uns zur Last wird,
wenn wir den täglichen Druck
nicht mehr ertragen können,
wenn wir am Ende sind
mit unserer Kraft.
Gemeinsam mit vielen
Bitten wir dich:
Erquicke unsere Seele.
Stärke unsere müden Hände
Und mache unsere wankenden Knie fest. Amen.

Schriftlesung Jes 55,1-5
551 Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch!
2 Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und euren sauren Verdienst für das, was nicht satt macht? Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben.
3 Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir! Höret, so werdet ihr leben! Ich will mit euch einen ewigen Bund schließen, euch die beständigen Gnaden Davids zu geben.
4 Siehe, ich habe ihn den Völkern zum Zeugen bestellt, zum Fürsten für sie und zum Gebieter.
5 Siehe, du wirst Völker rufen, die du nicht kennst, und Völker, die dich nicht kennen, werden zu dir laufen um des Herrn willen, deines Gottes, und des Heiligen Israels, der dich herrlich gemacht hat. Halleluja

Glaubensbekenntnis

Musik eg+ 52 Du bist heilig

Predigt

Die Gnade und die Liebe Gottes sei mit euch allen.
Liebe Gemeinde!

An Tagen wie diesen.
Wünscht man sich, dass alles bald vorbei ist. Dass die Zeit schnell vergeht.
An diesen Tagen geht einem alles auf die Nerven. Da kommt nichts richtig an.
Ich habe alles getan. Ich habe alles gesagt. Und dann haben sie doch nichts verstanden!

An einem solchen Tag „Es war zu dieser Zeit“ (Mt 11,25 BIGS 2011), da hat Jesus wirklich alles genervt.
Wieso verstehen die Leute nichts, obwohl er doch alles ganz genau erklärt hat?
Warum hören sie nicht Gottes Wort, obwohl er’s ihnen doch auslegt?
Warum haben seine Heilungen und Wunder so geringe Wirkung?
Wieso fragt sein Vetter Johannes, der ihn doch kennt, ob er wirklich der Richtige ist?
„Bist du es, der kommen soll? Oder müssen wir auf jemand anderen warten?“ (Mt 11,3 BIGS 2011)

Blöde Frage.

Hat er vielleicht gedacht, sagt es aber nicht.
Jesus versteht: Der da fragt, Johannes der Täufer, sitzt im Gefängnis. Er ist vom Leben abgeschnitten und kann mit seinem Tod rechnen. Jesus versteht die Frage von Johannes, der seine Lebensbilanz zieht: Habe ich alles richtig gemacht? Gibt es meinen angekündigten Nachfolger?
„Bist du es, der kommen soll? Oder müssen wir auf jemand anderen warten?“ (Mt 11,3 BIGS 2011)

„Ja, bin ich, Vetter Johannes.“
„Geht und erzählt Johannes, was ihr hört und seht: Blinde sehen, Gelähmte gehen umher, Leprakranke werden rein und taube Menschen können hören. Tote werden aufgeweckt und die Armen bringen die Freudenbotschaft. Glücklich ist, wer nicht meinetwegen Gott untreu wird.“ (Mt 11,4-6 BIGS 2011)

Jesus ärgert sich. Über die, die sich über ihn ärgern.
Manchmal kann das, was man sagt und tut, so sinnlos sein. Denn alle können es zwar sehen, aber die meisten verstehen es nicht.

Wenn er genau nachdenkt: Johannes, den sie Täufer nennen, ist es auch so gegangen. Der hat sich abgerackert, nur für Gott gelebt, auf allen Komfort verzichtet und ist ein wirklicher Prophet. Der sitzt aus königlicher Willkür im Gefängnis. Wird das vielleicht nicht überleben. Über den sagen die anderen: „Er ist von einem Dämon besessen.“ (Mt 11,18 BIGS 2011)
Und über Jesus selbst, der doch ebenfalls Gottes Willen tut, der genießt, was Gott schenkt: „Siehe, dieser Mensch ist ein Fresser und Weinsäufer, ein Freund der Zöllner und Sünder!
(Mt 11,19 LUTHER 2017)

Warum sagen die einen so und die anderen so
und das eigene Glaubensleben und –tun überzeugt nicht und es geht nicht weiter?

Jesus steigert sich richtig in seinen Ärger herein. So beschreibt es das Matthäusevangelium im 11. Kapitel. Jesus beschimpft die Menschen und die Städte, in denen er tätig war. Auch da ist trotz aller Wunder und Heilungen nichts passiert. Mit solchen Leuten möchte er am liebsten gar nichts mehr zu tun haben. Manchmal findet man einfach keine Anerkennung.

Und dann...

Er weiß doch wie sie sind. Warum ärgert er sich eigentlich und verschwendet seine Kraft? Ja, seine Kraft. Die kommt von Gott. Und plötzlich richtet er sich an Gott. Gibt Antwort auf ein ungehörtes Wort.
Und beginnt zu singen. Ein Loblied. Zu dieser Zeit. An Tagen wie diesen.

Predigttext: Mt 11,25-30
25 Zu der Zeit betete Jesus: »Mein Vater, Herr über Himmel und Erde! Ich preise dich, dass du die Wahrheit über dein Reich vor den Klugen und Gebildeten verborgen und sie den Unwissenden enthüllt hast. 26 Ja, Vater, das war dein Wille, so hat es dir gefallen. 27 Mein Vater hat mir alle Macht gegeben. Nur der Vater kennt den Sohn. Und nur der Sohn kennt den Vater und jeder, dem der Sohn ihn offenbaren will. 28 Kommt alle her zu mir, die ihr euch abmüht und unter eurer Last leidet! Ich werde euch Ruhe geben. 29 Vertraut euch meiner Leitung an und lernt von mir, denn ich gehe behutsam mit euch um und sehe auf niemanden herab.[4] Wenn ihr das tut, dann findet ihr Ruhe für euer Leben. 30 Das Joch, das ich euch auflege, ist leicht, und was ich von euch verlange, ist nicht schwer zu erfüllen.«

Was ist das jetzt? Eben noch genervt und jetzt singt Jesus Loblieder?
So lässt sich das Leben besser aushalten. Im Singen und im Loben.
Und wer weiß, ob die anderen das nicht besser und lieber hören.
Ob sie Singen und Loben nicht sogar besser verstehen!
Das tröstet Jesus selbst, wenn er singen kann:

25 Zu der Zeit betete Jesus: »Mein Vater, Herr über Himmel und Erde! Ich preise dich, dass du die Wahrheit über dein Reich vor den Klugen und Gebildeten verborgen und sie den Unwissenden enthüllt hast. 26 Ja, Vater, das war dein Wille, so hat es dir gefallen. 27 Mein Vater hat mir alle Macht gegeben. Nur der Vater kennt den Sohn. Und nur der Sohn kennt den Vater und jeder, dem der Sohn ihn offenbaren will.

Das tröstet auch die anderen, oder?
Und jetzt wendet er sich ihnen freundlich und einladend zu:

28 Kommt alle her zu mir, die ihr euch abmüht und unter eurer Last leidet! Ich werde euch Ruhe geben.
Kommt alle zu mir. Ich frage nicht danach, wer ihr seid, was ihr geleistet habt.
Ihr Mühseligen und Beladenen und Belasteten: Lasst euch erfrischen. Ruht aus.
Wendet euer Denken weg von euren Sorgen und Mühen.
Ruht bei mir aus. Am frischen Wasser. In den grünen Auen.

An Tagen wie diesen. „Zu dieser Zeit.“ (Mt 11,25 BIGS 2011)

Ausruhen. Erfrischen. Das wäre schön.
Wer das kann, lässt die Sorgen, das Mühen, die Last los.
Wendet sich von sich selbst, seiner eigenen Mühe und Beladenheit ab. Ist frei!
Kann sich Jesus und Gott zuwenden. Wird wieder beweglich.
Kann auf andere sehen, statt nur auf sich selbst.
Kann auf Gott sehen und in seinem Sinne für andere da sein.

Aber dann kommt die Einschränkung: „Nehmt meine Last auf euch und lernt von mir.“ (Mt 11,29 BIGS 2011) 29 Vertraut euch meiner Leitung an und lernt von mir,

Doch eine neue Last? Eine andere: „Ich brauche keine Gewalt, und mein Herz ist nicht auf Herrschaft aus. So werdet ihr für euer Leben Ruhe finden. Denn meine Weisungen unterdrücken nicht, und meine Last ist leicht.“ (Mt 11,29-30 BIGS 2011) denn ich gehe behutsam mit euch um und sehe auf niemanden herab.[4] Wenn ihr das tut, dann findet ihr Ruhe für euer Leben. 30 Das Joch, das ich euch auflege, ist leicht, und was ich von euch verlange, ist nicht schwer zu erfüllen.«

Es ist ganz einfach. Ruhe finden für’s Leben. Könnte ganz einfach sein. Das einzige, was wir brauchen, ist Gottvertrauen. Wer Gott vertraut, wird in ihm Ruhe und Erfrischung finden.

In der Realität sieht das anders aus. Das Mühen und Beladen- und Belastetsein kommt von ganz allein. Oder?
Es kommt von außen mit Ansprüchen und Erwartungen. Mit anderen Menschen.
Beruf, Leben, Klimawandel, Corona-Pandemie, die große und kleine Politik, die Familie, die Freunde.

Es kommt von uns selbst mit Ansprüchen und Erwartungen.
Ich muss doch.
Ich muss doch mein Leben planen:
Termine setzen und einhalten, zuverlässig sein, vorbereitet sein.
Ich muss doch organisieren, durchhalten, aushalten, tragen und ertragen.

Denn ich lebe nicht allein auf der Welt, und das ist gut so.
Ich lebe mit anderen und das bedeutet, dass ich mein Leben mit dem der anderen verknüpfen muss. Das macht es leichter und schwerer.

Ich bin eine, die entscheidet, handelt und ich muss verantwortlich leben.
Und mit meiner und der Lebensplanung anderer kommen die Sorgen,
die kleinen und die großen:
Werden wir rechtzeitig zum Arzttermin da sein, obwohl der Bus Verspätung hat?
Wird die Rente reichen? Werde ich von meiner schweren Erkrankung geheilt?
Werden die Kinder noch für uns da sein, wenn sie weiter wegziehen?
Wer wird mir beim Einkaufen helfen, wenn ich nicht mehr kann?
Tue ich wirklich alles, was ich kann?
Was geschieht mit der Welt, wenn sich das Klima wandelt?
Werden die Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft für die Menschen da sein?

Sorgen und Mühen und Lasten treiben uns um und halten uns fest. Sie lenken den Blick in eine Richtung, schränken das Gesichts- und Handlungsfeld ein, fesseln und lähmen.

So wird oft genug, auch von mir selbst, beklagt, dass ich das Eigentliche aus den Augen verliere. Das, was mich ausmacht, was Gott mir schenkt. Und auch der Mensch neben mir ist oft nicht mehr in meinem Blickfeld. Und Gott... Der ist da... Aber ich denke nicht an ihn.

„Zu dieser Zeit.“ (Mt 11, 25 BIGS 2011) An Tagen wir diesen höre ich das Wort: „So kommt doch alle zu mir, die ihr euch abmüht und belastet seid: Ich will euch ausruhen lassen.“ (Mt 11,18 BIGS 2011)

Es gibt Menschen, die leben so.
Die sind fröhlich und spontan. Genießen das Leben. Denen geht alles leicht von der Hand.
Die verlassen sich auf das, was kommt, auf Gott. Und sind trotzdem ganz sicher.
Die legen ihr Leben in Gottes Hand.
Sie lassen es sich nicht von äußeren Gegebenheiten,
von anderen Menschen und sogenannten Sachzwängen aus der Hand nehmen.
Die wissen, was sie wollen, haben feste Vorstellungen von dem, was sie tun und erleben wollen.

„So kommt doch alle zu mir, die ihr euch abmüht und belastet seid: Ich will euch ausruhen lassen.“ (Mt 11,18 BIGS 2011)

Vielleicht geht das ja doch.
Ich darf das auch. Wir dürfen das.
Uns einladen lassen und ausruhen. Die Lasten ablegen und frei werden.

„Zu dieser Zeit“ (Mt 11,25 BIGS 2011), an Tagen wie diesen, wird es dann doch gut.
Und das Herz wird weit und singt Gott ein Loblied. Amen

Musik

Fürbitte
Du lädst uns ein, (...) Gott.
Bei dir haben wir das Leben in Fülle.
Bei dir enden die Sorgen.
Bei dir ist die Angst vorbei.
Du gibst und alle Welt atmet auf.
Wir bitten dich:
Höre unser Gebet.

Du lädst die Durstigen ein.
Du lädst die Hungrigen ein.
Bei dir haben sie Hoffnung
auf Wasser, Brot, Milch und Honig.
Bei dir haben sie Hoffnung auf Gerechtigkeit.
Gib ihrer Hoffnung Kraft
und erfülle sie,
damit die Hungrigen und Durstigen satt werden,
damit es gerecht in der Welt zugeht.
Wir bitten dich:
Höre unser Gebet.

Du lädst die Fragenden ein.
Du lädst die Suchenden ein.
Bei dir finden sie Antworten.
Bei dir finden sie ihren Weg.
Antworte ihrem Fragen und Suchen,
damit dein Wille sichtbar wird,
damit die Mächtigen umkehren,
damit die Klugen umkehren,
damit wir alle zu dir umkehren.
Wir bitten dich:
Höre unser Gebet.

Du lädst die Liebenden ein.
DU bist das Glück. Segne die Liebe.
Du lädst die Traurigen ein.
Wir bitten dich heute besonders für die MEnschen, die in der vergangenen Woche unter deiner Zusage beerdigt wurde, dass du niemanden verlorengehen lässt. Nicht im Leben und nicht im Tod. Wir zünden eine Kerze für sie an. Wir vertrauen dir unsere Verstorbenen an und bitten dich für ihre Familien: Tröste sie. Lindere ihren Schmerz. Stelle ihnen Menschen an die Seite, die für sie da sind und ihnen neue Wege ins Leben gehen.
Du lädst alle Welt ein.
Du lädst deine Kirche ein.
Du gibst Frieden.
Du gibst Einheit.
Schütze die Verfolgten,
rette die Ertrinkenden,
verteidige ihre Retter.
Ermutige unsere Kinder,
damit ihr Protest gehört wird.
Mache uns zu Boten des Friedens.
Wir bitten dich:
Höre unser Gebet.

Vaterunser
Abkündigungen
Segen
Musik

Gottesdienst am 14.6.2020 mit Video von Pfarrerin Susanne Pieper

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar: https://www.youtube.com/watch?v=_6T9HfskGno

Begrüßung

Ein herzliches Willkommen zum Gottesdienst, den wir hier in der Dankeskirche digital mit Ihnen und mit Euch feiern! Kritiker sagen, es sei manchmal zu behaglich in den Gottesdiensten der Kirchen. Oder es gehe nur darum, sich wohl zu fühlen.

Heute hören wir, dass die Nachfolge Jesu bedeutet, sich auch hinterfragen zu lassen, von alten Selbstverständlichkeiten Abschied zu nehmen und neue Prioritäten im Leben zu setzen. Der Wochenspruch aus dem 10. Kapitel des Lukasevangeliums passt dazu. In ihm sagt Jesus zu seinen Jüngern und Jüngerinnen: „Wer euch hört, der hört mich. Und wer euch verachtet, der verachtet mich und den, der mich gesandt hat.“

Lasst uns nun den Gottesdienst feiern im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes! Amen.

Psalm 133 Ein Wallfahrtslied von David

Seht, wie gut und wie schön ist es, wenn Schwestern und Brüder im Frieden zusammenleben!

Das ist so wohltuend wie das duftende Öl, mit dem Aaron, der Priester, gesalbt wurde, und das von seinem Kopf herunterrann in seinen Bart, bis hin zum Halssaum seines Gewandes.

Das ist so wohltuend wie frischer Tau, der vom Hermon niederfällt auf die Berge Zions.

Ja, dort schenkt der Ewige seinen Segen: Leben bis in Ewigkeit.

Gebet

Du, mein Gott, ich habe mich aufgemacht an diesem Morgen. Hier bin ich nun: mit meinem Glauben, mit meinen Fragen, mit meinen Zweifeln, mit meiner Unsicherheit, aber auch mit meiner Freude. Ich vertraue darauf, dass du mich hörst! Zeige mir, Gott, was gut ist und was wichtig ist für mein Leben. Amen.

EG 449,1.4 Die güldne Sonne

Ansprache

Gottes Liebe, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Liebe Gemeinde, im Fernsehen gab es eine Dokumentation, die begann so: wir sehen eine Frau, die mit einer zweiten Frau im Schlafzimmer vor dem Kleiderschrank steht. Die beiden nehmen Kleider und Blusen samt den Kleiderbügeln aus dem Schrank und legen sie aufs Bett. Dabei fragt die eine Frau die andere, wie oft sie die Sachen getragen hat und ob sie noch passen – und wir verstehen langsam, dass es sich hier um eine Kleiderschrank – Beratung handelt. Am Ende dieser Aktion ist der Schrank deutlich leerer, aber auch übersichtlicher als am Anfang. Die Beraterin erzählt, dass es viele Menschen gibt, die nicht mehr wissen, was sie mit der Fülle ihrer Kleidung oder ihrer Bücher oder ihres sonstigen Krams machen sollen und daran zu ersticken drohen. Jedenfalls beschäftigt das Problem überfüllter Wohnungen inzwischen eine ganze Berufsgruppe von professionellen Beratern. Und hinter dem großen Wunsch, den Schrank und die Wohnung aufzuräumen, steht mit Sicherheit das Bedürfnis, das Leben selbst aufzuräumen. Nicht mehr von all dem Überflüssigen gefangen zu sein.

Das Maßlose, der totale Überfluss ist ein Problem unserer heutigen Zeit. Und wir zahlen dafür einen hohen Preis – dies zeigt sich an all dem Plastikschrott und an den Müllbergen, die in unseren Tagen produziert werden.

Wie ist das eigentlich mit alledem, was wir besitzen? Wie wichtig soll uns das eigentlich sein? Und wieviel Zeit und Aufmerksamkeit wollen wir all dem geben? Ich glaube, wir ahnen es, dass unser Besitz uns regelrecht in Besitz nehmen kann. Wir ahnen, dass er für uns zu einem Götzen werden kann, der uns fest im Griff hat. Und dass es wichtig ist, acht zu geben und etwas dafür zu tun, dass das nicht geschieht.

Auch die ersten Christinnen und Christen stellten sich schon vor 2000 Jahren diese eine Frage: was ist im Leben wirklich wichtig? Wofür will ich leben? Und was sind meine Prioritäten? Folgendes wird uns dazu aus dem 4. Kapitel der Apostelgeschichte berichtet:

Die Menge der Menschen, die zum Glauben gekommen waren, war ein Herz und eine Seele. Niemand sagte von seinen Gütern, dass es Privateigentum sei, sondern sie teilten alles, was sie hatten.

Mit großer Kraft legten die Apostel Zeugnis ab von der Auferstehung Jesu, des Herrn. Und alle erlebten Gottes große Güte. Es litt auch niemand Mangel unter ihnen. Alle nämlich, die Grundstücke oder Häuser besaßen, verkauften sie, brachten die Verkaufserlöse herbei und legten sie den Aposteln zu Füßen. Es wurde einzeln zugeteilt.

Auch Josef, ein Levit aus Zypern, gehörte zu ihnen. Die Apostel nannten ihn Barnabas, das heißt übersetzt „der andere tröstet“. Er verkaufte seinen Acker und überreichte das Geld den Aposteln.

Den „Liebeskommunismus der Urgemeinde“ hat man das genannt, was hier beschrieben wird. Eine „ideale Gemeinschaft“, sogar ein „Vorgriff auf das Reich Gottes hier auf Erden“.  Aber vielleicht ist es wichtig, genauer hinzuschauen. Die Christen der ersten Gemeinde wurden zusammengeschlossen und verbunden durch ihren gemeinsamen Glauben. Sie hatten den Sinn ihres Lebens gefunden: sie vertrauten darauf, dass Jesus Christus ihrem Leben die richtige Richtung gab. Dass er lebte und bei ihnen war, ihnen die nötige Kraft für ihren Alltag gab und sie durch seine Liebe zu einer Gemeinschaft machte. Sie hatten das Zentrum ihres Lebens entdeckt!

Und von diesem neuen Blickwinkel her konnten sie nun klar unterscheiden, was wirklich wichtig war – und was nicht. Besitz, so stellten sie fest, liegt irgendwo dazwischen, zwischen wichtig und unwichtig. Besitz ist nicht unwichtig. Keineswegs. Wer das Nötigste nicht hat, der muss die ganze Zeit nur darüber nachdenken, wie er sich den Lebensunterhalt sichern kann. So kann man nicht leben. So diesseits der Armutsgrenze.

Auf der anderen Seite tut ein Zuviel von allem auch nicht gut. Wer zu viel besitzt, braucht immer größere und extravagantere Dinge, um ein Glücksgefühl zu empfinden und um sich noch freuen zu können. Nicht umsonst nennt man die Kaufsucht schließlich eine Sucht.

Die frühen Christen wussten, dass der Besitz zwei Seiten hat; dass er einerseits nötig ist und andererseits die Seelen besetzen kann, auch die soziale Gemeinschaft zerstören kann. Sie wussten, dass Besitz zum „Mammon“ werden kann. Deshalb versuchten sie, so zu leben, dass diese Gefahr ihre Gemeinschaft, ihr Zusammenleben nicht beherrschen konnte. Im Predigttext wird von einem Mann erzählt, der einen Acker verkaufte: „Josef, den sie Barnabas nannten, verkaufte seinen Acker und überreichte das Geld den Aposteln.“ Josef tat hier etwas, was öfter von den Christen der Urgemeinde erzählt wird: er verkaufte das Land, das Grundstück, das er anscheinend nicht brauchte. Häuser dagegen wurden weniger verkauft, denn sie wurden benötigt: zum Wohnen und zum Leben. Und sie waren Treffpunkte der Gemeinde! Da fand man zusammen – zum Beten, um das Abendmahl zu feiern und um gemeinsam zu essen. Häuser waren wichtige Orte, um sich zu treffen. Daran kann man erkennen, wie die Urgemeinde mit dem Besitz umging: das, was zum Leben gebraucht wird und das, was der Gemeinschaft dient, das wird behalten. Der Besitz hat den Sinn, die Grundbedürfnisse zu sichern und vor allem auch, um gastfreundlich zu sein. Was darüber hinaus überflüssig ist, wird der Gemeinschaft gespendet. So leben die Christen der Urgemeinde elementare Solidarität.

Mit diesem Verhalten des urchristlichen Teilens wurde durch die Kirchengeschichte hindurch oft ein moralischer Druck ausgeübt: so musst du es auch machen! Sonst bist du kein guter Christ!

Aber mit einer guten Portion Nüchternheit und Distanz können wir sehen, dass es freiwillige Gaben waren, die den Aposteln gebracht wurden. Niemand wurde zu etwas gezwungen. Es war ja damals eine Gesellschaft, die weder eine Sozial- noch eine Rentenversicherung kannte, die nichts von einer Grundsicherung wusste. Und da erbarmten sich die wohlhabenderen Mitglieder der Armen und Bedürftigen. Mit dem Ziel, dass niemand Mangel leiden sollte. Alle sollten auf diesem Wege die Möglichkeit haben, Gottes große Güte zu erfahren.

Ich glaube, trotz aller historischen Distanz zur Situation damals geben uns die ersten Christen für unsere Zeit heute etwas Wichtiges zum Nachdenken auf. Und das heißt: Mach dir bewusst, was du für dein Leben brauchst. Du und deine Kinder. Und darüber hinaus sieh dein Eigentum auch als etwas an, womit du anderen helfen kannst. Unser Grundgesetz spricht hier von der Sozialverpflichtung des Eigentums. Ganz bestimmt ist zwischen uns und den Superreichen dieser Welt eine unendliche Distanz. Aber würden alle Menschen in unserer Welt sich an der Haltung der Urchristen orientieren, dann würden nicht einige Wenige genauso viel besitzen wie die Hälfte der Menschheit.

In dieser Zeit werden die wirtschaftlichen Folgen der Coronapandemie erst langsam deutlich. Und wir ahnen, wie entscheidend es sein wird, dass wir in unserer Gesellschaft eine soziale und solidarische Haltung bewahren: gegenüber denen, auf deren Schildern steht „Nudeln und Ketchup kosten auch Geld“, gegenüber den Studenten, den Soloselbständigen, den Geflüchteten und denen, die am Rande stehen. Und wir benötigen einen Kraftakt der internationalen Solidarität mit den Menschen z.B. in Indien und in Afrika, die drohen, eher am Hunger zugrunde zu gehen als am Virus. Es ist gut und ich bin in diesem Zusammenhang froh, dass unser Dekanat hier in der Wetterau konkret die Lebensmittelversorgung für die Daliths in unserer Partnerdiözese Amritsar unterstützt und dafür Spenden sammelt.

Solidarität, Mitgefühl und Hoffnung solle künftig das Zusammenleben bestimmen, so hat die Bestsellerautorin Isabel Allende es kürzlich gesagt und es sich gewünscht. Dies seien die wichtigen Lehren aus der Pandemie. Ob uns das gelingt? Die Chancen dazu sind da.

So wie die frühen Christinnen und Christen, so können auch wir unser Vertrauen auf Gott setzen und von daher fragen, was wir benötigen, was für unsere Seele gut ist, und was wir weitergeben können, so dass es Anderen gut tut.

Und Gottes Friede, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne im Messias Jesus. Amen.

EG 632,1.3.4 Wenn das Brot, das wir teilen

Fürbitten

Du, unser Gott, bist die Schöpferkraft. Unaufhörlich bringst du Leben hervor. In dir, Gott, liegt die Fülle des Lebens. Hilf uns, diese Fülle auch in unserem Leben zu entdecken. Wir alle sind beschenkte Menschen. Wir haben Grund genug, dir zu danken. Lass uns nicht verzweifeln an dem, was wir nicht haben oder nicht können. Lenke unsere Aufmerksamkeit auf das, was uns möglich ist. Und lenke unsere Aufmerksamkeit auf das, was wirklich wichtig ist in unserem Leben.

Wir bitten dich heute für alle, die nicht satt werden, obwohl sie genug haben: öffne ihre Augen für den Reichtum, den du ihnen schenkst.

Wir bitten dich für alle, die wirklich nicht satt werden, weil das ungerechte Weltwirtschaftssystem sie gnadenlos benachteiligt. Stärke du ihnen den Rücken und schaffe ihnen Gerechtigkeit.

Wir bitten dich für alle, die Diskriminierung und Rassismus am eigenen Leib erfahren. Schaffe ihnen Recht und verändere die Herzen derer, unter denen sie leiden.

Wir bitten dich für alle, die Zeit und Ruhe brauchen, um wieder zu sich selbst zu finden. Für die Frauen und Männer, die durch zu viele Pflichten belastet sind, für die, die an ihrem Arbeitsplatz überfordert sind und für alle, die mit ihren Kräften am Ende sind. Schenke ihnen Zeiten, um still zu werden und um aufzuatmen.

Wir bitten dich für unsere Gemeinde: lass uns nicht auf das starren, was wir in dieser Ausnahmezeit nicht leisten können. Sei du selbst unser Reichtum und zeige uns neue Wege. Lass uns Gemeinschaft erfahren, so verschieden wir auch sind.

Und wir bitten dich von Herzen für die Menschen, die krank sind: sei du ihnen nahe und schenke ihnen Heilung, wo immer es möglich ist.

Und in der Stille sagen wir Dir, was uns noch wichtig ist:…..

Vaterunser

Segen

Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Amen.

Gottesdienst am 7.6.2020 mit Video von Pfarrer Rainer Böhm

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar: https://youtu.be/galZRsuSWmM

Auf dem GD Blatt sehen Sie ein überraschendes Fresko. Es befindet sich in der St.-Jakobus-Kirche im oberbayerischen Ort Urschalling am Chiemsee. Nebenan liegt ein uralter Gasthof mit Biergarten. Das Fresko ist Teil einer figurenreichen Wand- und Deckenbemalung aus dem 14. Jahrhundert , zu der ua auch ein Trommler gehört.
Dargestellt ist die heilige Dreifaltigkeit – nach christlicher Lehre der eine Gott in drei Personen. Die Dreiheit zeigt sich in drei Gesichtern und drei Oberkörpern. Nach unten zu, wo sich die Gewölberippen treffen, verschmelzen jedoch die drei Körper zu einem einzigen; die beiden Obergewänder und die drei Untergewänder der Gestalten vereinen sich zu einem einzigen Gewand. Die Gesamtgruppe hat nur zwei Arme. Die drei Heiligenscheine, die die Köpfe umgeben, sind nicht gegeneinander abgegrenzt und werden durch die drei Balken eines einzigen Kreuznimbus verklammert.
Umstritten ist die Deutung der mittleren Gestalt. Zwischen dem weißbärtigen Greis zur Rechten (also  Gott der Vater) und dem braunbärtigen Mann zur Linken (Gott der Sohn), die sich jeweils zur Mitte wenden, ist als  Heiliger Geistes ein rundes und bartloses Gesicht mit langem hellbraunem Haar zu sehen. Es schaut uns direkt an. Das weiße Obergewand bedeckt diese Gestalt nicht. Das dunklere Untergewand, ist unterhalb der Brust in Falten gerafft.
Umstritten ist, ob es sich bei dieser Gestalt um eine Frau handelt oder, um einen sehr jungen Mann. Die neuere kunstgeschichtliche Forschung neigt zur letzteren Deutung. Sie spricht vom klassischen Greis-Mann-Jüngling-Schema.
Ich bin schon lange fasziniert von den weiblichen Zügen dieser Gestalt. Ich sehe darin einen Hinweis auf die weibliche Seite Gottes und auf die alttestamentliche Rede vom Gottesgeist (hebr. ruach ist  Feminin). Auch an Maria wird gedacht. Andere Deuter sind zumindest überzeugt, dass eine uralte, auch christliche, Glaubens-Einsicht in dem Bild enthalten ist: die göttliche Liebe in Person.

Natürlich hat Gott keinen Sohn, wie wir uns Nachkommenschaft vorstellen, und auch keinen Geist, der mit unserem Geist vergleichbar ist. Gott „der Vater“ – das meint: Ich weiß, dass ich mein Leben nicht mir selbst verdanke. Gott „der Sohn“ – das meint: im Blick auf das Leben und Sterben und die lebendige Gegenwart Jesu aus Nazareth kann ich zuversichtlich sein. Der „heilige Geist“: Ich weiß, dass mein Geist und meine Energie nicht ausreichen, sondern dass ich auf eine Kraft angewiesen bin, die mich inspiriert und voranbringt.
Unsere christliche Vorstellung vom Gott in drei Personen ist ein sehr dynamisches Konzept. Die Trinitätslehre ist ein irdisches, theologisches Produkt. Aber sie birgt eine Botschaft, ein Angebot. Glaubende können „Gott den Vater, den Sohn und den heiligen Geist“ erfassen im Symbol der Dreieinheit: als ein unvorstellbares, Zeit und Raum überschreitendes Aggregat von Energien, die miteinander in Austausch stehen, in liebevoller Kommunikation einander ergänzen und gerade damit ihre Einheit vollziehen. Als ein Kommunikationsgeschehen, in das Gott die von ihm geschaffene Welt, uns Menschen alle, hineinziehen will.

Und dieser dynamische Gott ist ein Gott des Lebens. Ein Leben schaffender Gott, das wissen wir nicht erst seit Ostern; das empfinden wir ganz besonders jetzt im frühen Sommer. Und das brauchen wir ganz besonders jetzt, in den unsicheren Zeiten von Corona. Das Leben spüren.
Das taten schon die Menschen der Bibel: wenn sie vom Überschwang ihrer Gefühle überwältigt wurden: im Hohelied oder bei David im Palast; im Zorn mancher Propheten und der Lebenslust auf der Hochzeit zu Kana; in der Angst des Petrus und der Freude am Miteinander. Das ist nicht irgendwie verboten, sondern es ist erwünscht – so wie Gott sich nach der Vorstellung der Bibel am siebten Tag seiner Schöpfung erfreute.
Jetzt, wo der Sommer beginnt, wo wir uns so sehr nach dem Leben sehnen – da möchten wir Sie dazu einladen, sich auch selbst auf die Suche zu machen: was sind meine Lebensquellen, wann und wo fühle ich mich lebendig; wo kann ich das Leben spüren. Wir haben uns dazu Gedanken gemacht und möchten Sie Ihnen gleich vorstellen …

Begrüßung
Herzlich willkommen zu unserem ersten Gottesdienst im Sommermonat Juni, am Sonntag Trinitatis. Es ist der Sonntag der Dreieinigkeit Gottes – unser Gott ist drei in eins. Das feiern wir heute besonders, auch wenn wir ja in jedem Gottesdienst gleich zu Beginn daran denken.
Dieser lebendige und dynamische Gott segnet unser Leben.
„Das Leben spüren“ – das ist das Thema, mit dem wir uns im ThomasMesseTeam beschäftigt haben. Teile unserer Ideen wollen wir Ihnen heute vorstellen und uns in 14 Tagen und dann noch einmal nach den Sommerferien wieder damit beschäftigen.

Votum

Aus Psalm 145 EG W 756
Ich will dich erheben, mein Gott, du König,
und deinen Namen loben immer und ewiglich.
Der Herr ist groß und sehr zu loben,
und seine Größe ist unausforschlich.
Kindeskinder werden deine Werke preisen
und deine gewaltigen Taten verkündigen.
Gnädig und barmherzig ist der Herr,
geduldig und von großer Güte.
Dein Reich ist ein ewiges Reich,
und deine Herrschaft währet für und für.
Der Herr ist getreu in all seinen Worten
und gnädig in allen seinen Werken.
Der Herr hält alle, die da fallen,
und richtet alle auf, die niedergeschlagen sind.
Aller Augen warten auf dich,
und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit.
Du tust deine Hand auf
und sättigst alles, was lebt, nach deinem Wohlgefallen.
Der Herr ist nahe allen, die ihn anrufen,
allen, die ihn ernstlich anrufen.
Er tut, was die Gottesfürchtigen begehren,
und hört ihr Schreien und hilft ihnen.
 
Gebet
Gott, wenn wir einen Wunsch frei hätten,
was wäre es dann heute?
Welche Sehnsucht treibt uns um, wonach strecken wir uns aus.
Gesundheit und Freude. Lebenslust und Glück. Liebe und Geborgenheit.
So vieles wünschen wir uns noch für unser Leben Herr. Erfüllte Zeit.
Für unsere Nächsten und für unsere Welt.
Wenn ich nur einen Wunsch haben dürfte
Dann wünsche ich mir deinen Segen.
Dein leuchtendes Angesicht auf unserem Leben – wie das einer liebevollen Mutter und eines stolzen Vaters – der mich leben lässt und sich an meinem Leben freut.
Durch JX unseren Herrn. Amen

Fürbitte
Gott, du bist die Quelle des Lebens.
Wir bitten dich für die bedrohte Welt.
Wir danken dir für alle, die sich für die Natur einsetzen.
Vergib uns, wo wir auf Kosten anderer leben.
Oft wissen wir es noch nicht einmal.
Bewahre und behüte deine gute Schöpfung.

Jesus, du bist das Licht der Welt,
wir bitten dich für Menschen,
die in dunklen Zeiten deine Nähe suchen.
Wir danken dir für alle, die für Gerechtigkeit kämpfen.
Sei Hilfe und Kraft, die Frieden schafft.
Sei in uns, uns zu erlösen.

Heiliger Geist, Atem des Lebens,
Wir bitten dích für die Ängstlichen und Traurigen
Und die in ihrer Seele müde gewordenen.
Wir danken dir für Lebenskraft und Lebensmut,
für Impulse und Bauchgefühle, für Fantasie und Schaffenskraft.
Sei mit uns auf unseren Wegen,
sei um uns mit deinem Segen.

Gottesdienst Pfingstmontag 2020 mit Video von Pfarrerin Meike Naumann

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar: https://youtu.be/xiX4Am-om0I

Musik zum Eingang

Begrüßung

Liebe Gemeinde,

wir feiern Pfingsten. Das Fest des Heiligen Geistes. Wie können wir das verstehen? Welche Bedeutung kann das für uns haben? Die Jünger waren gerade noch mutlos gewesen. Fühlten sich wie ein Baum, der umgehauen, von seinen Wurzeln abgeschlagen worden ist. Da überkommt sie eine große Kraft. Wie ein Sturmwind. Bewegt vom Heiligen Geist könne sie ihre Wurzeln wieder spüren und etwas Neues wächst in ihnen. Pfingsten lädt dazu ein darüber nachzudenken: Wo sind meine Wurzeln? Wo kann ich Kraft schöpfen? Wo kann Neues wachsen?

Votum

Wir feiern Pfingsten. wir feiern das Leben, wir feiern den Heiligen Geist gegen Atemlosigkeit, gegen Hilflosigkeit, gegen Sprachlosigkeit. Wir feiern den Geist Gottes als Durchbruch zum Leben. Wir feiern im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Worte nach Psalm 1

Wer falsche Ratgeber durchschaut, wer sich von schlechten Vorbildern nicht verleiten lässt, der ist gut dran.

Wer sich nicht zu denen hält. Die gedankenlos über Gott reden und spöttisch über die Menschen, die glauben, der ist gut dran.

Wer zu begreifen sucht, was er glaubt, wer über Gottes Wort nachdenkt Tag für Tag, der ist gut dran.

Der ist wie ein gesunder Baum, gepflanzt an Wasserbächen. Seine Wurzeln reichen tief in die Erde. Jahr für Jahr trägt er Frucht. Sein Laub bleibt grün und frisch.

Eingangsgebet

Guter Gott, häufig fühlen wir uns nicht als gute Bäume. Wir denken zu wenig über dich und dein Wort nach und dafür zu viel an uns selbst. Wir haben zu wenig Standfestigkeit, wenn es darum geht, das Richtige zu tun. Wir wehen mit dem Wind und lassen uns leicht umpusten. Aber du gibst uns nicht auf. Du brichst den geknickte Ast nicht ab. Du verleihst unseren Wurzeln Standfestigkeit. Du gibst Du gibst uns immer wieder eine neue Chance zu wachsen. Dafür danken wir dir und wir bitten dich: Sei du mit deinem Heiligen Geist mitten unter uns, rühre uns an, bewege uns und begeistere uns. Amen.

Schriftlesung Jesaja 11,1-2

1 Was von Davids[1] Königshaus noch übrig bleibt, gleicht einem abgehauenen Baumstumpf. Doch er wird zu neuem Leben erwachen: Ein junger Trieb sprießt aus seinen Wurzeln hervor. 2 Der Geist des HERRN wird auf ihm ruhen, der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Geist des Rates und der Kraft, der Geist der Erkenntnis und der Ehrfurcht vor dem HERRN.

EG 134,1.2

Predigt

Kennen Sie das auch? Den Wunsch oder Verpflichtung ganz hoch hinaus zu müssen? Erfolgreicher und besser zu sein als alle anderen? Wachstum um jeden Preis? Das gibt es im Großen, in der Wirtschaft und in der Politik. Das gibt es aber auch im Kleinen. Im Beruf, im Bekanntenkreis, in der Schule, in der Kirchengemeinde. Und wenn wir ganz ehrlich sind, dann gibt es das manchmal auch bei uns selbst. Da sind diese Stimmen. Sie kommen von außen, von Menschen, die wir kennen und aus den Medien. Und diese Stimmen kommen auch von innen.

Diese Stimmen sagen uns:

Du musst klüger sein als alle anderen. Lerne viel, informiere dich, damit du den anderen immer einen Schritt voraus bist. – Xylophon

Du musst gerissener sein, damit sich immer alles zu deinem Vorteil entwickelt. – Xylophon

Du musst schöner sein, bloß kein Gramm zu viel. Mache Sport, mach Diäten. Nur die Gutaussehenden und fitten sind erfolgreich. – Xylophon

Du musst stärker sein. Bloß keine Schwäche zeigen. Du musst dich durchsetzen können. – Xylophon

Du musst reicher sein, mehr haben. Daran misst man Erfolg. – Xylophon

Du musst mächtiger sein, du musst bestimmen, wo es lang geht und die anderen ausbooten. – Xylophon

Wachse! Schneller! Besser! Höher! Weiter! Wachse!

Und dann bricht alles zusammen – Xylophon

Stille

Das kann passieren. Wir haben das schon erlebt. Menschen können unter diesem Druck zusammenbrechen. Ganze Volkswirtschaften können zusammenbrechen. Das ist wie bei einem Baum, der ganz schnell in die Höhe wächst, aber dadurch zu dünn ist und dessen Wurzeln nicht tief genug reichen. Er kann durch den kleinsten Sturm zusammenbrechen und man hat ihn leicht gefällt. Von so einem Baum, sogar von einem ganzen Wald haben wir eben gehört. Der Prophet Jesaja spricht von solch einem Bau. Der Baum wird umgehauen. Der Baum wird umgehauen. Aber ist er damit auch tot? Es sieht auf den ersten Blick so aus. Aber es ist nicht so. Denn seine Wurzeln sind noch da.

Wenn alles zusammenbricht und scheinbar nichts mehr geht, dann kann es passieren, dass man zur Ruhe kommt und sich auf seine Wurzeln besinnt. Ich möchte Sie einladen, dem einmal nachzuspüren. Stellen Sie Ihre Füße schulterbreit auf den Boden, als wären sie dort festgewachsen. Wenn Ihnen das im Stehen leichter fällt, sind Sie eingeladen, dazu aufzustehen. Spüren Sie den Boden unter sich. Stellen Sie sich vor, dass unter Ihren Füßen Wurzeln wachsen. Spüren Sie den Wurzeln nach. Was trägt Sie? Viele Wurzeln führen in die Vergangenheit. Wo sind Sie verwurzelt? In Ihrer Familie? Welche Werte sind Ihnen wichtig? Sind Sie im Glauben verwurzelt? In einer kurzen Stille sind Sie eingeladen, dem nachzuspüren.

Da, wo alles am Boden liegt, aber die Wurzeln noch da sind, kann Neues wachsen. Der Prophet Jesaja hat es so formuliert: „Es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen.“ Obwohl Jesaja viele Jahre vor Jesus gelebt hat, könnte man denken, dass er hier schon auf ihn hinweist. Jesus selbst ist so eine Pflanze, die aus Wurzeln des Volkes Israel geboren ist. Auf ihm ruht der Heilige Geist – die lebensspendende Geistkraft Gottes, die schon von Anbeginn der Zeiten da war. Und durch ihn wird die Geistkraft Gottes weitergegeben. Jesus selbst hat das seinen Freunden versprochen. „Ihr werdet die Geistkraft Gottes geschenkt bekommen“, hat er gesagt, „auch wenn ich körperlich nicht mehr da bin, die Geistkraft Gottes kommt zu euch. Sie ist wie ein frischer Wind, sie richtet euch auf, wenn ihr am Boden liegt. Sie schenkt euch die ganze Fülle des Lebens.“ Diese Zusage von Jesus gilt nicht nur seinen Freunden vor 2000 Jahren. Sie gilt für immer, auch für uns. Gerade, wenn nach einem großen Zusammenbruch etwas Neues wächst, gilt die Zusage von Jesus. Jesaja hat aufgeschrieben, was die Geistkraft Gottes alles schenkt:

Wenn zaghaft Neuen in uns wächst, schenkt sie uns Weisheit. Wir dürfen uns rückbesinnen auf das, was schon unsere Eltern und Großeltern gewusst haben. Wir dürfen uns darauf verlassen, was wir gelernt haben.

Wenn zaghaft etwas Neues in uns wächst, Schenkt sie uns Einsicht und Verstand. Wir müssen nicht alles so hinnehmen wie es ist. Wort dürfen klug handeln, kritisch hinterfragen, weiterdenken, Neues entwickeln und zulassen.

Wenn zaghaft Neues in uns wächst, schenkt sie Rat. Wenn wir nicht weiter wissen, dürfen wir uns im Gebet an Gott wenden. Wir dürfen darauf hoffen, dass uns weitergeholfen wird und manchmal passiert es, dass Probleme eine ganz unerwartete Wendung bekommen, dass ein völlig anderer neuer Weg sich auftut. Das ist dann wie ein Wunder.

Wenn zaghaft etwas Neues in uns wächst, schenkt uns die Geistkraft Gottes Stärke und Kraft. Wir dürfen die Herausforderungen des Alltags annehmen in der Gewissheit, dass Gott uns so viel Kraft gibt, wie wir brauchen. Wir können mutig sein und zu uns selbst und zu unserem Glauben stehen. Wir brauchen keine Angst zu haben.

Wenn zaghaft etwas Neues in uns wächst, schenkt uns die Geistkraft Gottes uns Wissen und Erkenntnis. Wir dürfen forschen und entdecken, wie Gottes gute Schöpfung funktioniert. Wir dürfen zweifeln und verwerfen und neu entdecken, denn glauben bedeutet nicht, Wissen und naturwissenschaftliche Erkenntnisse infrage zu stellen. Glauben bedeutet, Im Vertrauen auf den Gott zu leben, der uns seine Schöpfung anvertraut hat, um sie zu bewahren.

Wenn zaghaft Neues in uns wächst, schenkt uns die Geistkraft Gottes Ehrfurcht vor Gott – die wichtigste aller Gaben. Sie bewahrt dich vor dem egoistischen Missbrauch der anderen Gaben. Denn wo Weisheit, Verstand, Stärke und Wissen nur für einen selbst benutzt werden können sie leicht zu Machtmissbrauch, Ungerechtigkeit, Leid und letztlich zum Zusammenbruch führen. Andererseits zeigt uns die Ehrfurcht vor Gott, dass all die Geistgaben Geschenke sind. Sie müssen nicht aus uns selbst kommen. Wir bekommen sie geschenkt. Was für eine Befreiung! Die Ehrfurcht ist unsere Rückbindung an Gott. Sie stärkt unsere Wurzeln und verleiht gleichzeitig Flügel.

EG+ 96

Fürbitten

Guter Gott,

es gibt so viel Traurigkeit und Niedergeschlagenheit in der Welt. Schenke uns deinen Geist der Freude, der uns immer wieder neu aufrichtet.

Es gibt so viel Angst in der Welt. Manchmal trauen wir uns vor lauter Angst nicht, das Richtige zu tun. Schenke uns deinen Geist des Mutes und der Kraft.

Es gibt so viel Hilflosigkeit in der Welt. Schenke uns deinen Geist des Rates und des Beistands.

Es gibt so viel Zwang in der Welt – Zwang, der von anderen ausgeübt wird. Und auch Druck, unter den wir uns selbst. Schenke uns deinen Geist der Freiheit.

Es gibt so viel Gerissenheit auf der Welt. Eine Klugheit, die nur den eigenen Vorteil und die Gewinnmaximierung sucht. Schenke uns deinen Geist der Weisheit und des Verstands.

Es gibt so viel Krieg und Gewalt auf der Welt. Not und Elend durch Naturkatastrophen. Schenke uns deinen Geist des Friedens und der Fürsorge.

Es gibt so viel Selbstverherrlichung auf der Welt. Schenke uns deinen Geist der Ehrfurcht und der Demut.

Es gibt so viel Trauer auf der Welt. Wir denken heute besonders an die Menschen, die wir in dieser Woche beerdigen mussten. Wir zünden eine Kerze für sie an. Schenke ihnen deinen Frieden und Ruhe in deiner Ewigkeit und schenke den Angehörigen deinen Trost.

Vaterunser
Segen
Musik

Gottesdienst Pfingstsonntag 2020 mit Video von Vikar Ingmar Bartsch

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar: https://youtu.be/SNUEgcpWEII

Votum
Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Psalm 118:
24 Dies ist der Tag, den der Herr macht; lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein. 25 O Herr, hilf! O Herr, lass wohlgelingen! 26 Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn! Wir segnen euch vom Haus des Herrn. 27 Der Herr ist Gott, der uns erleuchtet. Schmückt das Fest mit Maien bis an die Hörner des Altars! 28 Du bist mein Gott, und ich danke dir; mein Gott, ich will dich preisen. 29 Danket dem Herrn; denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich.

Gebet:
Gott, wir feiern den Geburtstag der Kirche. Manchmal möchten wir so überzeugt sein, wie es uns von den ersten Christen geschildert wird. Unerschrocken, fest im Glauben, mit Dir verbunden, ohne Furcht um Leib und Leben. Doch wir ringen mit uns und unseren Zweifeln. Bitte weise uns den richtigen Weg und erbarme Dich.
Gott, Du hast uns Deinen Heiligen Geist gegeben. Er schenkt eine Kraft, die mehr vermag, als wir uns vorstellen können. Denn Du, Gott, sagst uns zu: Es soll nicht durch Heer oder Kraft geschehen, sondern durch meinen Geist.
Wunderbarer Gott, Du entzündest in uns das Feuer Deiner göttlichen Liebe. Dies ist der Tag, an dem wir gerufen werden, Deine Kirche zu sein. Schenke uns Deinen Geist, dass er Glauben in uns wecke und all unser Denken und Tun durchdringe. Das bitten wir Dich durch Jesus Christus, unseren Herrn, der mit Dir und dem Heiligen Geist lebt und Leben schenkt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.


Schriftlesung (Apostelgeschichte 2, 1-13)
1 Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beieinander an einem Ort. 2 Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. 3 Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen, 4 und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab. 5 Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. 6 Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde verstört, denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. 7 Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer? 8 Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache? 9 Parther und Meder und Elamiter und die da wohnen in Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia, 10 Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Römer, die bei uns wohnen, 11 Juden und Proselyten, Kreter und Araber: Wir hören sie in unsern Sprachen die großen Taten Gottes verkünden. 12 Sie entsetzten sich aber alle und waren ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? 13 Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll süßen Weins.

Glaubensbekenntnis
Verbunden mit allen Christen weltweit bekennen wir unseren Glauben.
Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde.
Und an Jesus Christus,
seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,
empfangen durch den Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage auferstanden von den Toten,
aufgefahren in den Himmel,
er sitzt zur Rechten Gottes,
des allmächtigen Vaters, von dort wird er kommen,
zu richten die Lebenden und die Toten.
Ich glaube an den Heiligen Geist,
die heilige christliche Kirche,
Gemeinschaft der Heiligen,
Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten
und das ewige Leben. Amen.

Lied Gesangbuch 130, 1-2
1) O Heilger Geist, kehr bei uns ein
und laß uns deine Wohnung sein, o komm du Herzens Sonne. Du Himmelslicht, laß deinen Schein
bei uns und in uns kräftig sein zu steter Freud und Wonne.
Sonne, Wonne, himmlisch Leben willst du geben,
wenn wir beten zu dir kommen wir getreten.

2) Du Quell, draus alle Weisheit fließt,
die sich in fromme Seelen gießt, laß deinen Trost uns hören, daß wir in Glaubenseinigkeit
auch können alle Christenheit dein wahres Zeugnis lehren.
Höre, lehre, daß wir können Herz und Sinnen dir ergeben,
dir zum Lob und uns zum Leben.

Predigt
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde,

eine Gruppe von Leuten sitzt in Jerusalem und wartet. Sie sind eine Schicksalsgemeinschaft. Harte Wochen und Monate liegen hinter ihnen. Ein Auf und Ab der Gefühle. Heilungen und Wunder haben sie gesehen. Ihr Meister wurde verhaftet, gefoltert und gekreuzigt. Er war tot und plötzlich war er wieder lebendig. Ein paar Tage war es fast wieder wie früher. Und doch ganz anders. Dann kam Himmelfahrt und er war weg. Sie sollten auf den Heiligen Geist warten, hatte Jesus unmissverständlich gesagt. Sie waren Jüngerinnen und Jünger im Wartestand.
Wie haben sie sich wohl die Zeit vertrieben? In der Apostelgeschichte gibt es einige Hinweise. Es wird explizit erwähnt, dass sie alle an einem Ort waren. Sie haben also viel Zeit miteinander verbracht. Sie beteten. Sicher haben sie sich gegenseitig von ihren Erlebnissen mit Jesus erzählt und sich damit Mut zugesprochen.

Und dann geschah über ihnen ein Brausen. Plötzlich kamen zerteilte Zungen auf sie herab und sie begannen – zu predigen. Und zwar polyglott. Also in Sprachen, die sie vorher nicht kannten. Die herbeigeeilte Menge bemerkte das sofort. Hier stimmt was nicht. Und sie interpretierten das auf zwei Arten: Die einen sind vorsichtig neugierig und die anderen spotten. Mit dem Beginn der weltweiten Kirche begann also auch gleich der Spott und die Ablehnung der Botschaft von Jesus Christus.

Und das ist bis heute so: Es ist normal, dass Menschen unsere Botschaft belächeln. Und es ist normal, Zweifel zu haben. Selbst die frommen, gottesfürchtigen Leute haben Zweifel. Und daneben steht das Wunder. Hier wird berichtet, wie Menschen durch die Kraft des Heiligen Geistes über sich selbst hinauswachsen. Durch ihn können  sie mehr zu tun, als sie für möglich halten. Wie er das tut, ist nicht klar. Der Geist weht, wo er will, heißt es so schön im Johannesevangelium.

Ich erlebe den Geist Gottes oft als eine kreative Kraft. Als das, was ich im Gespräch, in der Seelsorge, in der Predigt und im Alltag nicht selbst machen kann. Es ist das Unverfügbare und zugleich begeisternde. Es ist das, wofür das ich trotz aller guten Vorbereitung nichts tun kann. Weil es einfach geschieht.

Übrigens heißt das nicht, dass man sich auf die faule Haut legen kann. Denn die Jünger haben durchaus etwas getan: Sie haben sich zur Verfügung gestellt. Durch Beten, durch Gemeinschaft und durch hoffnungsvolles Warten. Und das können wir auch. Wir können den Geist nicht erzwingen, aber wir können ihm Raum geben. In unserem Leben und in unserer Gemeinde.

Ich vermute übrigens, dass nicht alle Jüngerinnen und Jünger laut Hurra! geschrien haben, als der Geist auf sie kam. Und ich denke, dass Nüchternheit und Skepsis durchaus Gaben sein können, durch die und in denen sich der Heilige Geist entfalten kann.
Und noch eine weitere Anmerkung: das hebräische Wort „ruach“ übersetzen wir im Deutschen mit „der Geist“. Im Hebräischen ist es aber weiblich und kann auch mit „die Geisteskraft“ übersetzt werden.

Eine weitere Sache fasziniert mich an diesem Pfingstwunder aus der Apostelgeschichte. Pfingsten ist ein Fest, an dem Grenzen überwunden werden. An diesem Tag überwinden die Jünger Sprachbarrieren. Verständigungsprobleme trennen Menschen seit jeher. Wer nicht miteinander reden kann, gerät schnell in einen Konflikt. Biblisch gesehen ist das Pfingstfest ein umgekehrter Turmbau zu Babel. Während Gott in Babel die Menschen durch die Sprachverwirrung zerstreut hat, werden sie hier durch das Sprachwunder wieder zusammengeführt. Barrieren werden abgebaut, der Geist verbindet, was getrennt ist. Pfingsten ist also ein zutiefst integratives und interkulturelles Fest. Und auch deshalb dürfen wir mehr Geist wagen.

Ein Drittes: Pfingsten macht Hoffnung
Für die Jünger begann etwas Neues. Etwas Umwälzendes. Und das begann in einer Zeit der Unsicherheit. Etwas Neues kann jeden Tag beginnen. Es muss nicht so gigantisch sein, wie die Gründung einer weltweiten Kirche. Denn wir dürfen uns auch im Alltag auf die Kraft Gottes einlassen. Wenn Sie nachher die Kirche verlassen und draußen den Mundnasenschutz absetzen, dann nehmen Sie mal einen tiefen Zug frischer Luft. Vielleicht hat es sich für die Jünger so angefühlt, als sie endlich starten konnten. Als die Zeit des Wartens vorbei war. Sie hatten lange drin gesessen. Und – das konnten sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen – sie würden auch wieder drin sitzen: gefangen, verfolgt, ängstlich. Aber an diesem Pfingsttag bekamen sie Kraft für das was kommen sollte.

So ist das auch heute: Der Geist inspiriert uns. Wir erfahren seine Kraft, Kreativität und Befreiung. Nicht als dauerhaft schwebendes Lebensgefühl, das wäre zu viel des Guten. Wir sind ja mitten im Leben und im Alltag verwurzelt.

Aber wir leben mit dem Blick auf den Himmel, gestärkt durch den Geist Gottes. Wie auch immer der sich in unserem Leben zeigt. Wir können in der Natur, draußen, einen tiefen Atemzug nehmen. Das erinnert uns an die belebende Kraft Gottes. An den Neuanfang der ersten Christen. Und an unsere eigene Hoffnung, dass es im Leben mehr gibt, als wir selbst machen können und als wir selbst machen müssen. Darauf will ich vertrauen. Ich will vertrauen auf den, der größer ist, als ich selbst. Denn der Friede Gottes, der höher ist, als alles menschliche Begreifen, der bewahrt unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Lied Gesangbuch 135, 1-3
1) Schmückt das Fest mit Maien, lasset Blumen streuen,
zündet Opfer an; denn der Geist der Gnaden
hat sich eingeladen, machet ihm die Bahn.
Nehmt ihn ein, so wird sein Schein
euch mit Licht und Heil erfüllen und den Kummer stillen.

2) Tröster der Betrübten, Siegel der Geliebten,
Geist voll Rat und Tat, starker Gottesfinger,
Friedensüberbringer, Licht auf unserm Pfad:
gib uns Kraft und Lebenssaft,
lass uns deine teuren Gaben zur Genüge laben.

3) Lass die Zungen brennen, wenn wir Jesus nennen,
führ den Geist empor; gib uns Kraft zu beten
und vor Gott zu treten, sprich du selbst uns vor.
Gib uns Mut, du höchstes Gut,
tröst uns kräftiglich von oben bei der Feinde Toben.

Fürbitten
Gott, seit dem Pfingstwunder in Jerusalem ist die Kirche weltweit gewachsen. Wir bitten Dich, erhalte sie und lass sie einen Ort der Geborgenheit, der Liebe und des Vertrauens sein. Schenke der weltweiten Christenheit und jedem einzelnen von uns Glaubensmut, Begeisterung, stärkende Gemeinschaft und ein Leben in der Nachfolge Christi.

Gott, wir sorgen uns um die Menschen in unserem Land. Das soziale Leben hat sich durch die Coronakrise verändert. Wir bitten Dich, dass dieses Virus zurückgedrängt wird und die lang ersehnten Lockerungen nicht zu neuen, unkontrollierten Krankheitsausbrüchen führen. Wir wünschen uns, dass es schnell einen Impfstoff gegen das Virus gibt. Wir bitten Dich für das gesellschaftliche Klima: Schenke uns allen Geduld und Liebe füreinander, dass wir uns nicht gegenseitig verletzen. Lass uns Friedensstifter sein.

Wir bitten dich für diejenigen in Kirche, Gesellschaft, Wirtschaft und Politik, die Verantwortung tragen. Lass sie weise handeln und gut umgehen mit den ihnen anvertrauten Menschen und Ressourcen. Schenke ihnen Deinen Heiligen Geist und lass uns erkennen, wo wir sie unterstützen können und wo wir Missstände anprangern müssen.

Gott, wenn ein Leben zu Ende geht, so hinterlässt das eine schmerzliche Lücke. In dieser Woche haben wir Abschied nehmen müssen von Menschen aus unserer Gemeinde. Sei Du ihnen ein gnädiger Richter am Tag der Rechenschaft, nimm sie auf in Dein Reich und lass sie schauen, was sie geglaubt haben.
Wir beten für die Familien, Angehörigen und Freunde der Verstorbenen. Du siehst ihre Trauer und Du kennst ihre Gefühle. Lass sie spüren, dass Du ihnen nahe bist. Schenke ihnen Menschen an die Seite, die sie begleiten und ihnen Trost schenken in schwerer Zeit.

Vaterunser
Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.  

Segen
Der Herr segne dich und behüte dich,
der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig,
der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

Gottesdienst am 24.05.2020 mit Video von Pfarrerin Meike Naumann

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar: https://youtu.be/Ei4NI5L4_Ws

Wochenspruch:
    
"Christus spricht: Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen." | Joh 12,32

Liebe Gemeinde,
ein herzliches Willkommen zu unserem Gottesdienst am Sonntag Exaudi. Auch wenn Ostern schon weit entfernt scheint, befinden wir uns kirchenjahreszeitlich in der Osterzeit. Der Zeit, die geprägt ist von der Freude und dem Jubel über die Auferstehung Jesu. An Himmelfahrt mussten die Jünger ein weiteres Mal Abschied nehmen von Jesus. Er ist nun nicht mehr sichtbar bei ihnen. Es liegen harte Tage vor ihnen. Doch Jesus lässt sie nicht allein. Auf andere Art wird er ihnen nahe sein: in ihren Herzen, als nie versiegende Quelle der Kraft. In einem neuen Geist werden sie Jesus erkennen. Das ist kein Ersatz für Jesu Anwesenheit, aber es ist ein Trost. Noch heute lebt dieser Geist unter uns. Wo wir in Liebe nach Gottes Willen handeln, da wird der Geist Gottes spürbar. Aber auch in unserer Not, in dieser Zeit voller Unruhe und Unsicherheit, da ist Gottes Geist uns nahe und tröstet uns.

Votum
Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Psalm 27

Der Herr ist mein Licht und mein Heil;
vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen?
4 Eines bitte ich vom Herrn, das hätte ich gerne:
dass ich im Hause des Herrn bleiben könne mein Leben lang, zu schauen die schönen Gottesdienste des Herrn und seinen Tempel zu betrachten.
5 Denn er deckt mich in seiner Hütte zur bösen Zeit, / er birgt mich im Schutz seines Zeltes
und erhöht mich auf einen Felsen.
7 Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe;
sei mir gnädig und antworte mir!
8 Mein Herz hält dir vor dein Wort: / »Ihr sollt mein Antlitz suchen.«
Darum suche ich auch, Herr, dein Antlitz.
9 Verbirg dein Antlitz nicht vor mir,
verstoße nicht im Zorn deinen Knecht! Denn du bist meine Hilfe; verlass mich nicht und tu die Hand nicht von mir ab, du Gott meines Heils!
13 Ich glaube aber doch, dass ich sehen werde
die Güte des Herrn im Lande der Lebendigen.
14 Harre des Herrn!
Sei getrost und unverzagt und harre des Herrn!

Gebet
Jetzt sind wir hier, Gott, in deinem Haus.
Du kennst uns und siehst unser Herz,
die unterschiedlichen Gedanken und Gefühle, die wir in uns tragen,
die Freude und die Traurigkeit, die Unsicherheit und Unruhe, die wir mitbringen.
Jetzt sind wir hier, Gott, und unser Herz kann zur Ruhe kommen,
wir können aufatmen und durchatmen.
Erfülle uns durch deine Geistkraft in Jesus,
der mit dir lebt und Leben schenkt, heute und allezeit und in Ewigkeit.
Amen.

Schriftlesung Römer 8
35 Was also könnte uns von Christus und seiner Liebe trennen? Leiden und Angst vielleicht? Verfolgung? Hunger? Armut? Gefahr oder gewaltsamer Tod?
38 Denn ich bin ganz sicher: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Dämonen[7], weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch irgendwelche Gewalten, 39 weder Hohes noch Tiefes oder sonst irgendetwas auf der Welt können uns von der Liebe Gottes trennen, die er uns in Jesus Christus, unserem Herrn, schenkt.

Glaubensbekenntnis

PREDIGT
Liebe Gemeinde,
sammeln Sie Treuepunkte? Beim Bäcker? Im Getränkemarkt? Sind Sie eine treue Kundin?
Ich komme beim Sammeln dieser Punkte immer durcheinander. Das Kärtchen verschwindet auf einmal im Geldbeutel oder die Aktion ist abgelaufen bevor ich die Punkte einlösen konnte. Ich bin eine recht treue Kundin, aber ohne Treuepunkte.
 
Treue ist wichtig – dieser Meinung sind die meisten Menschen.  Die Hochzeitspaare versprechen sich Treue in der Ehe. Freundschaft ist ohne Treue nicht möglich. Wir haben aber auch alle die Erfahrung gemacht, dass Treue verloren gehen oder sogar hintergangen werden kann. Untreue ist Gift für jede Beziehung. Auch für die Beziehung zu Gott?
Wir hören den Predigttext: Jer 31,31-34 Hoffnung für alle

Der neue Bund 31 »So spricht der HERR: Es kommt die Zeit, in der ich mit dem Volk Israel und dem Volk von Juda einen neuen Bund schließe. 32 Er ist nicht mit dem zu vergleichen, den ich damals mit ihren Vorfahren schloss, als ich sie bei der Hand nahm und aus Ägypten befreite. Diesen Bund haben sie gebrochen, obwohl ich doch ihr Herr war! 33 Der neue Bund, den ich dann mit dem Volk Israel schließe, wird ganz anders aussehen: Ich schreibe mein Gesetz in ihr Herz, es soll ihr ganzes Denken und Handeln bestimmen. Ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein. 34 Niemand muss dann den anderen noch belehren, keiner braucht seinem Bruder mehr zu sagen: ›Erkenne doch den HERRN!‹ Denn alle – vom Kleinsten bis zum Größten – werden erkennen, wer ich bin. Ich vergebe ihnen ihre Schuld und denke nicht mehr an ihre Sünden. Mein Wort gilt!

Liebe Gemeinde,
Treue und Untreue sind auch für Gott ein Thema. Im Himmel schwebt Gott nicht fernab unserer Wirklichkeit als der in sich ruhende, erste und ewige Beweger. Nein, Gott ist auf Beziehung ausgerichtet, Gott ist gesellig, könnte man sagen. Gott hat gerne ein Gegenüber schon von Anfang an. Mit seinem Gegenüber, mit den Menschen hat er sogar einen Bund geschlossen. Davon erzählen die fünf Bücher Mose.
Ein Bund ist ein Versprechen, eine feste Zusage: „Ich bin bei dir, ich bleibe dir treu. Du kannst dich immer auf mich verlassen.“ So einen Bund der Treue hatte Gott mit seinem Volk Israel geschlossen, der sollte halten und gut sein für beide Seiten. Aber der alte Bund ist an der Untreue der Menschen zerbrochen. Da geht es Gott nicht besser als uns Menschen. Und ich kann mir Gott auch ganz menschlich vorstellen in seiner Reaktion auf den Bruch des Bundes. Die Bibel erzählt: Gott ist verletzt und gekränkt, ja sogar wütend. Er hat sein Volk Israel an der Hand genommen und aus Ägypten geführt. Lange und laut hatten sie Gott um Hilfe gebeten. Als Sklavinnen und Arbeiter lebten sie im fremden Land. Die Lage war unerträglich und so riefen die Menschen zu Gott um Hilfe. Gott half ihnen aus der Unterdrückung in die Freiheit.
Auf dem Weg durch die Wüste blieb Gott treu an ihrer Seite. Sie fanden Wasser zum Trinken und Manna, Himmelsbrot, zum Essen. Schließlich führte Gott sein Volk in ein neues Land, ein Land der Freiheit. Auf dem Berg Sinai schloss er den Treuebund mit ihnen und gab Mose die zehn Gebote. Gott legte sich fest in seiner Liebe und Treue zu Israel, dem kleinen, erwählten Volk. Und die Menschen legten sich auch fest in ihrer Liebe und Treue zu Gott, der groß ist und der sie befreit hatte.
Die Tafeln mit den zehn Geboten führten die Männer und Frauen des Volkes Israel in einer kostbaren, goldenen Lade wie einen Schatz mit sich. Bundeslade nannte sie ihr Heiligtum in Erinnerung an den Bund zwischen Gott und ihnen.
Gott und Mensch waren gut miteinander unterwegs. Doch die Jahre gingen ins Land, das Leben hinterließ seine Spuren, Veränderungen stellten sich ein, Traditionen gingen verloren. Irgendwann war es nicht mehr so wie am Anfang. Die Jüngeren fragten kritisch: „Was sollen wir mit den alten Geschichten anfangen? Das ist doch völlig überholt. Wir sind diesem alten Bund nicht mehr verpflichtet. Er hat keine Bedeutung für uns. Wir steigen aus und kündigen.“
Und so verließen die Menschen den Bund und stiegen aus. Ihre Fragen und Zweifel wurden immer größer. Ihr Glaube und Vertrauen wurde immer kleiner. Gott hatte keine Bedeutung mehr für ihr Leben, anderes war wichtiger. Der Bund war hinfällig geworden.
Und Gott?
Beleidigt und gekränkt hätte Gott sich zurückziehen können. „Ich habe die Nase voll von euch Menschen. Macht doch, was ihr wollt, aber ohne mich!“ Verständlich wäre das gewesen und nachvollziehbar.
Doch Gott entscheidet sich für einen anderen Weg. Er gibt seine Liebe einfach nicht auf. Er bleibt seinem Volk treu. Gott rechnet nicht auf, Gott rechnet nicht vor, Gott verlangt keine Wiedergutmachung. Gott entscheidet sich klar und eindeutig für einen anderen Weg. Er will seinen Menschen weiter nahe sein und sie begleiten, denn er liebt sie doch, so wie sie sind, fehlerhaft und treulos, gleichgültig und selbstherrlich. Es steht viel Trennendes zwischen Gott und Mensch, keine Frage, damals und heute. Aber die Liebe ist größer.
Die Liebe ist der Weg Gottes zu den Menschen, kein lautes Donnerwetter, keine Zwangsmaßnahmen, keine Erpressung. Gottes Weg zu uns Menschen, das ist der Weg der Liebe, damals und heute. Und deswegen ist der neue Bund eine Herzensangelegenheit für Gott und für die Menschen. Der neue Bund ist ein Bund des Herzens. Gott will das Herz der Menschen berühren, ihr Innerstes, ihr Denken und Handeln.

Liebe Gemeinde,
ganz schön riskant, könnte man sagen. Es ist riskant und auch ein bisschen naiv, nur auf das Herz zu setzen. Im Innersten, in unserem Herz ist so viel los. Gefühle und Gedanken gehen oft durcheinander. Heute so und morgen schon wieder ganz anders. Allein in den letzten Wochen gab es eine Berg- und Talfahrt an Gefühlen. Angst vor der Ansteckung mit Covid 19, Momente der Einsamkeit, Freude am Aufblühen der Natur um uns herum, Aggressionen gegen die scheinbar zu langsamen Lockerungen, der Drang nach draußen zurück in den vermeintlich normalen Alltag. Das nur als kleines Beispiel dafür, wie schnell Gefühle und Gedanken sich ändern können.
Aus Liebe kann Gleichgültigkeit oder sogar Hass werden. Aus Vertrauen kann Misstrauen werden. Das Herz ist ein wackeliger Kandidat in Sachen Liebe und Treue. Es kann im Sturm erobert werden. Aber genauso schnell wie es sich für etwas erwärmt, kann es auch wieder erkalten. Und dann zerbrechen Freundschaften. Auch Überzeugungen und Wertvorstellungen können sich im Lauf des Lebens mehrfach verändern, manchmal geht das ganz schnell und manchmal unwiederbringlich.
Trotz alledem entscheidet Gott sich für die Liebe. Irgendwie gibt es für ihn keine Alternative. Gott setzt auf die Liebe. Mit ihr will Gott das Herz der Menschen gewinnen. Der neue Bund wird im Herzen geschlossen. Es ist ein Bund der Liebe zwischen Gott und Mensch. Dafür setzt Gott sein Herzallerliebstes, seinen Sohn Jesus, ein.
Jesus berührt die Herzen der Menschen durch seine Worte und Taten. In seiner Gegenwart können Menschen aufatmen und neu anfangen. Die gekrümmte Frau richtet Jesus wieder auf. Der korrupte Zöllner Zachäus kann neu anfangen. Jesus berührt das Herz der Menschen. Er kommt ihnen nah, hört ihnen aufmerksam zu und spricht wohltuende, helfende Worte. So ist es möglich, dass Menschen ihr Herz öffnen können und sie werden beschenkt mit Glaube, Liebe und Hoffnung. Dann wird Wirklichkeit, was verheißen ist: Menschen erkennen Gott- Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Eigentlich würden wir heute Konfirmation feiern. Ein Jahr lang haben die Jugendlichen sich auf die Spur Gottes begeben, haben nachgefragt, Erfahrungen und Erlebnisse gesammelt, haben diskutiert und sich mit unserem christlichen Glauben auseinandergesetzt. Und sie sind für sich zu dem Ergebnis gekommen, dass sie dabei bleiben wollen. Dass sie ihren Lebensweg mit Gott gehen wollen, unter Gottes Segen. Dass sie ihr Leben unter und in der Nähe Gottes leben möchten.
Aber wie geht das?
Eine kleine Geschichte erzählt es so:
Ein Junge lässt am Strand bei herrlichem Wetter und gutem Wind seinen bunten Drachen steigen. Als seine Schnur völlig abgerollt ist, sieht man den Drachen gar nicht mehr, so hoch ist er in die Wolken hineingeschwebt. Eine ältere Frau kommt zu dem Jungen und fragt ihn, was er da mache.
Der Junge antwortet ihr, dass er seinen schönen bunten Drachen in den Himmel steigen lasse. Die Frau entgegnet ihm, wo er denn sei, sie könne gar keinen Drachen sehen. Da entgegnet der Junge, dass er ihn auch nicht sehen könne, so weit weg sei er. Aber dennoch wüsste er, dass er da ist. Er fühle, wie er an der Leine zieht.
(Nach einer Geschichte von Axel Kühner)

Liebe Gemeinde,
vielleicht ist es ja mit uns und Gott auch manchmal so. Wir können Gott nicht sehen, aber wir können ihn spüren. Es gibt eine unsichtbare Schnur zwischen Gott und uns. Wir können Gottes Kraft in uns spüren, auch hinter den dunklen Wolken in unserem Leben. Wenn wir nicht klarsehen, wenn wir traurig sind und uns ganz hilflos fühlen, wenn wir Angst haben und uns große Sorgen machen, wenn das Herz weh tut, weil wir verletzt oder verlassen worden sind.
Gott ist dennoch da und er zieht uns mit seiner Liebe, seiner Kraft und seinem Trost zu sich. Der neue Bund ist eine Herzenssache. Gott ist eindeutig. Er setzt auf die Liebe und wir müssen keine Treuepunkte sammeln.
Amen.

Musik

Fürbitten
Gott, du bist uns nahe, du kennst unser Herz und weißt, was uns bewegt.
Hilf uns, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden.
Hilf uns, auf dich zu hören im Vielerlei unseres Alltages.
Lass uns deine Nähe spüren, schenke uns Kraft und Zuversicht für unseren Weg.

Gott, wir bringen vor dich, was unser Herz schwer macht:
Trauer um Verlorenes, Enttäuschungen und Verletzungen, Sorgen und Ängste, ausgelöste durch die Corona-Epidemie, die in diesen Tagen unser Leben bestimmt. Tröste uns, Gott, und stärke uns, damit unser unruhiges Herz bei dir zur Ruhe kommt.
Gott, wir kommen du dir mit unserer Fürbitte für andere Menschen,
die in schwierigen Beziehungen leben,
die keine Liebe erfahren,
die nicht glauben und hoffen können.
Sei du ihnen nahe und lass sie Menschen treffen, die gut zu ihnen sind.
Zeige uns, was wir tun können, damit das Miteinander gelingt.
Gib uns Weisheit und Geduld.

Gott, wir bringen vor dich, was unser Herz bewegt,
wenn wir an unsere fernen und nahen Nächsten denken.
Wir bitten dich für die, deren Leben bedroht ist durch Unruhen und Kriege.
Wir bitten dich für die, die auf der Flucht sind.
Wir bitten dich, Gott, für alle, die Abschied nehmen müssen und die nicht neu anfangen könne.
Wir bitten dich für die Angehörigen der Menschen, aus unserer Gemeinde, die wir in dieser Woche unter deinem Wort beerdigt haben.
Wir zünden eine Kerze für sie an.
Ihnen und uns gilt deine Zusage, dass du keinen verlorengehen lässt. Lass uns auf diese Zusage vertrauen und sei du bei den Angehörigen mit deinem Trost und deiner Liebe.

Vaterunser

Abkündigungen

Segen

Musik

Gottesdienst an Himmelfahrt 2020 mit Video von Pfarrerin Susanne Pieper

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar: https://www.youtube.com/watch?v=XoStKCf4TNU

Orgelvorspiel: W. A. Mozart, 1. Satz aus der Sonate C- Dur (Sonata facile)

Begrüßung und Votum

Der Himmel erzählt viele Geschichten. Von unendlicher Weite, von Gottes Reich, von Treue und von Freiheit. Wie schön, dass wir diesen Gottesdienst heute draußen im Freien feiern können! Wie gut, dass wir nun wieder als Gemeinde zusammen sind. Auch wenn wir noch nicht gemeinsam singen dürfen und die Liedtexte nur mitlesen können. Auch wenn unser Zusammensein kürzer ist als gewohnt.

Ein herzliches Willkommen zum Gottesdienst hier am Himmelfahrtstag! Wir strecken uns heute zum Himmel aus und vertrauen darauf, dass Jesus Christus mit uns verbunden ist. Im Wochenspruch aus Joh. 12 Vers 32 steht geschrieben: „Jesus Christus spricht: ‚Und wenn ich erhöht sein werde, so werde ich alle zu mir bringen.‘“
Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.  Amen.

Psalm 47

Freut euch und klatscht in die Hände, alle Völker! Lobt Gott mit fröhlichem Rufen!
Denn der Herr ist der Höchste, ein König über die ganze Welt.
Gott, der Herr, ist auf seinen Thron gestiegen, begleitet von Jubelrufen und dem Klang von Hörnern.
Singt zu Gottes Ehre, singt! Singt zur Ehre unseres Königs! Ja, singt und musiziert!
Denn Gott ist König über die ganze Welt, singt ihm ein neues Lied!
Ja, Gott ist König über alle Völker, er sitzt auf seinem heiligen Thron.
Die Mächtigen der Erde versammeln sich mit dem Volk,
das sich zum Gott Abrahams bekennt.
Gott gehören alle Könige der Welt, er allein ist hoch erhaben! Amen.

Kollektengebet
Wir beten:
Jesus Christus, Du bist in den Himmel aufgefahren, in die große Dimension Gottes, die alles übersteigt, was wir uns denken und vorstellen können. Wir danken Dir dafür. Denn Du bist nicht weg, sondern Du bist da.
Bist bei Gott, der wie ein Vater und wie eine Mutter für uns ist.
Und Du bist bei allen, die an Dich glauben. Überall können wir zu Dir beten.
Du hast uns den Himmel aufgeschlossen. Nun haben wir einen Heimathafen für unsere Lebensfahrt. Amen.

+155,1.2.6 Erfreue dich, Himmel, erfreue dich, Erde

Die Lesung für diesen Gottesdienst findet sich im 17. Kapitel des Johannesevangeliums,  in den Versen 20-26:
Jesus aber betete:
Vater, ich bitte dich nicht allein für meine Jünger, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben werden. Sie alle sollen eins sein, so wie du, Gott, in mir bist und ich in dir. Sie sollen in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.

Und ich habe ihnen den Glanz gegeben, den du mir gegeben hast, damit sie eins sind, so wie wir eins sind. Ich bin in ihnen und du bist in mir, so dass sie zu einer Einheit vollendet werden. Die Welt soll so erkennen, dass du mich gesandt hast und dass du sie liebst, wie du mich liebst.

Vater, ich will, dass die, die du mir gegeben hast, auch dort bei mir sind, wo ich bin. Sie sollen meinen Glanz sehen, den du mir gegeben hast. Denn du hast mich schon geliebt, bevor die Welt gegründet wurde.

Gerechter Gott, die Welt hat dich nicht erkannt, ich aber habe dich erkannt, und diese haben erkannt, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen deinen Namen mitgeteilt und werde ihn mitteilen, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen ist und ich in ihnen bin.

Ansprache

Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Liebe Gemeinde am Himmelfahrtsfest,

Himmelfahrt, das ist in der Bibel ein Fest des Übergangs. Zunächst für Jesus, der gekreuzigt und auferweckt worden ist. Und der nun Abschied nimmt von dieser Erde und hinübergehen wird in die ganz andere, unsichtbare Dimension Gottes, aus der er einst gekommen ist. Der zurückkehren wird in Gottes unsichtbares Reich, das wir Himmel nennen.

Himmelfahrt ist aber genauso auch ein Fest des Übergangs für seine Jünger und seine Jüngerinnen.  Ihre Hoffnung, dass Gottes Reich nun mit dem auferstandenen Jesus sichtbar auf dieser Erde anbrechen würde, erfüllt sich noch nicht. Jesus geht von ihnen. Damit werden sie in eine ganz neue, unbekannte Selbständigkeit entlassen, und damit müssen sie erst einmal zurechtkommen. Sie sind im Übergang; sie sind dabei, als Kinder Gottes, Nachfolger und Nachfolgerinnen Jesu Christi erwachsen zu werden und ihren eigenen Weg als Kirche in dieser Welt zu suchen und zu finden. Dabei ist es eine unschätzbar große Hilfe für sie, dass sie mit dem Kommen des Geistes Gottes rechnen dürfen.

Unmittelbar vor dieser Zeit des Übergangs hält Jesus eine große Abschiedsrede an seine Nachfolger. Er weiß um die Unsicherheit, die in ihnen ist. Er weiß, wie wenig sie sich ihre Zukunft vorstellen können, wie sehr sie im Dunkeln tappen. Er weiß, wie verletzbar sie sich fühlen. Und darum geht seine Abschiedsrede an sie über in ein großes Gebet. Er richtet das an Gott, seinen Vater. Er bittet für die, die er liebt; mit denen er mehrere Jahre seines Lebens geteilt hat und deren Schicksal ihm am Herzen liegt.

Auch für uns, liebe Gemeinde, ist Himmelfahrt in diesem Jahr in besonderer Weise ein Übergang. Wir begehen dieses Fest mitten in einer Zeit, in der wir uns zwischen dem Lockdown und einer langsamen Lockerung befinden. Wir wissen in diesen Tagen noch nicht, ob die Erleichterungen so bleiben können, ob sie weiter fortgesetzt werden und ob und wann wir wieder dort anknüpfen können, wo wir vor dem Shutdown waren. Unsicherheit und Verletzbarkeit sind auch unsere Begleiter. „Es ist ganz normal, dass Sie sich in diesen Zeiten gestresst fühlen“, so habe ich kürzlich bei facebook gelesen. Das zu lesen, war gerade erst mal etwas entlastend, weil ich merkte, ich bin mit diesem Eindruck nicht allein. Auch wir können nicht absehen, wie die Zukunft in unserer Kirche und unserer Gesellschaft aussehen wird.

In dieser Zeit müssen wir gleichwohl Entscheidungen fällen. Ob wir wollen oder nicht. Ich meine dabei z.B. Entscheidungen im persönlichen Bereich. Wir erleben in diesen Wochen, dass es einen starken Rückzug ins Private gibt, ja geben muss.  Aber dann ist die Frage: bedeutet die Reduktion von Begegnungen auch, dass unsere Herzlichkeit reduziert wird? Dass wir nun viel weniger aneinander Anteil nehmen? Dass wir uns deutlich weniger austauschen und deshalb nun viel weniger voneinander wissen? Wenn wir aber weniger miteinander reden, ahnen wir, dass das Misstrauen wächst, dass Missverständnisse zunehmen. Es ist wichtig, dass uns dies bewusst ist. Oder geben wir in dieser Zeit, wo wir uns weniger begegnen, den Gesprächen am Telefon, am Smartphone oder auf der Straße umso mehr eine besondere Qualität? Nehmen wir uns mehr Zeit dafür?  Bieten wir eine andere Form der Nähe an? Des Zuhörens und des Mitdenkens? Auch das ist ja möglich. Es ist eine Zeit der Entscheidungen in dieser Phase des Übergangs.

Genauso müssen wir aber auch Entscheidungen im öffentlichen, gesellschaftlichen Bereich fällen. Schenken wir den Politikerinnen und den Politikern, den Verantwortungsträgern in der Forschung und den Virologen genau in dieser Zeit das Vertrauen, das Schiff unseres Landes durch die schwere See zu steuern, in der es sich befindet, oder macht sich ein untergründiges Misstrauen selbständig, geben wir obskuren Verschwörungstheorien Raum, die im Internet kolportiert werden, die keine nachprüfbaren Beweise haben, die sich gar mit antisemitischen Lügen garnieren und eine unverantwortliche, gefährliche Mischung abgeben? Diese Zeit des Übergangs ist eine Zeit der besonderen Herausforderungen und Entscheidungen. Und wir brauchen alle einen klaren Kopf, wir brauchen Wachheit und Nüchternheit, um Gutes von Gefährlichem zu unterscheiden. Und dabei fahren wir alle immer nur auf Sicht.

In dieser Situation, in dieser Zeit spricht mich ein Gedanke aus dem heutigen Predigttext des Johannes ganz besonders an: Da hat schon einmal jemand für uns gebetet. Das war nicht irgendjemand.  Es war Jesus Christus, der Sohn Gottes, der uns schon im Blick hatte:  

„Vater, ich bitte dich nicht allein für meine Jünger, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben werden.“ Alle, die durch ihr Wort an mich glauben werden – dazu gehören wir ja auch. Auch zu uns ist die gute Botschaft von Jesus Christus gekommen, durch unsere Väter und Mütter im Glauben, durch unsere Ahnen und Urahnen, durch alle Glaubensgenossen und -genossinnen, durch all unsere Brüder und Schwestern in den vergangenen Jahrhunderten.  Wir gehören dazu.  Wir gehören mit all denen zusammen, die Gottes große Liebe erkannt haben, die in seinem Sohn zu sehen ist. Wir heute bilden mit all denen ein großes, starkes Netz, die zur Gemeinde Jesu Christi, zu seiner Nachfolgerschaft, zu seiner Kirche gehören.  Durch die Jahrhunderte hindurch. „Vater, ich bitte dich nicht allein für meine Jünger, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben werden.“  Da sind wir mitgemeint. Auch wir heute hier in Bad Nauheim, in der Wetterau. Der Auferstandene hat uns heute im Blick. Wir sind nicht allein.  Wir sind nicht verloren.

Worum aber bittet Jesus in seinem großen Gebet, das auch das „Hohepriesterliche Gebet“ genannt wird, weil es ein so stellvertretendes Gebet für so Viele ist?

Er bittet darum, dass „alle seine Jüngerinnen und Jünger eins sein sollen“. Für mich bedeutet das: wir dürfen auf die Gemeinschaft vertrauen, die zwischen uns da ist und die uns miteinander verbindet. Auch wenn wir z.T. noch in diesem lockdown drin sind. Es gibt ein starkes Glaubensnetz, ein starkes Hoffnungsnetz, das zwischen uns geknüpft ist, und das nicht zerreissen wird, solange wir uns gemeinsam auf Gott besinnen. Ein Beispiel dafür ist der Umgang mit dem Gebet, den ich in dieser besonderen Zeit erlebe:
Da führe ich ein langes Telefongespräch mit einer hochbetagten Dame und am Ende sagt sie mir zu: „Ich bete für Sie! Sie sind ja noch so jung!“ (Und ich muss bei dem „so jung“ auch etwas schmunzeln, aber aus ihrer Perspektive stimmt es ja.) Da bittet mich jemand, der in einer ganz besonders hohen Verantwortung für seinen Arbeitsbereich steht: „Beten Sie für mich, dass wir alle gut durch diese Zeit kommen!“ Da kann ich selbst einem Menschen, der in einer Trauersituation ist, zusichern: „Sie sind mit in meinen Fürbitten!“ Gebete füreinander gehen hin und her in dieser Zeit; Menschen sprechen viel freier und ungehemmter darüber; sie trauen sich viel eher, dieses Wort über die Lippen zu bringen als früher.  Wir sind eine Gemeinschaft, wir gehören zusammen und können füreinander einstehen. Dies erlebe ich, wenn ich Menschen aus der Gemeinde draussen treffe; dies habe ich besonders in dem ersten Gottesdienst am letzten Sonntag gespürt, den wir endlich wieder analog zusammen in der Dankeskirche feiern konnten.  Wenn auch mit Maske und Desinfektionsmittel und Abstand halten. Egal. Wir haben uns wieder gesehen, haben uns miteinander vergewissert:  ja, die anderen sind ja auch noch da!  Wie schön! „Sie alle sollen eins sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast“, bittet Jesus.

Jesus sagt zu seinem Vater in seinem Abschiedsgebet noch ein Zweites, bevor er zu ihm zurückkehrt. „Ich habe ihnen den Glanz gegeben, den du mir gegeben hast. So soll die Welt erkennen, dass du sie liebst, wie du mich liebst.“ Das, wovon Jesus hier spricht, ist etwas Geheimnisvolles. Martin Luther übersetzt hier „Herrlichkeit“, im griechischen heißt es „doxa“, in der Bibel Für Gerechte Sprache nun „Glanz“. Das ist für mich am schönsten; damit kann ich am meisten anfangen. Jede und jeder von uns ist von einem besonderen Glanz umgeben, oder trägt einen besonderen Glanz in sich. Seit dem Tag der Taufe, so stelle ich es mir vor. Als uns gesagt wurde: „Du bist Gottes Kind. Du bist von Gott unendlich geliebt. Als ein einmaliger Mensch auf dieser Welt. Vorweg bist du schon geliebt. Niemand kann dir das in deinem Leben nehmen. Geh aufrecht. Es ist ein Geschenk, das du nur in deine Hände und in dein Herz nehmen brauchst. Diese Liebe Gottes zu dir bleibt für immer und für alle Zeit.“  Ich glaube, wenn wir uns diese Zusage zusprechen lassen, wenn wir sie in uns hineinfallen lassen, sie (tief inhalieren und) in uns wirken lassen, dann kann es passieren, dass etwas in unseren Augen zu glänzen beginnt. Dass uns Glück erfüllt und wir einen tiefen Frieden erfahren.

Das Abschiedsgebet Jesu für seine Jüngerinnen und Jünger ist voller Liebe. Da ist kein Wort mehr von Enttäuschung über ihr Versagen, kein Wort mehr über ihre Angst oder über Mangel an Vertrauen ihm gegenüber. „Die Liebe, mit der du mich liebst, soll in ihnen sein,“ bittet der Sohn Gottes seinen himmlischen Vater.  Und ich denke mir:

Vielleicht ist das in unserer Zeit gerade genug: dieses „Liebe empfangen“. Vielleicht benötigen wir gerade nur dieses Eine, uns sagen zu lassen, dass der Sohn Gottes für uns betet, damit wir das Geschenk der Liebe Gottes sehen. So könnten wir wieder den Weg finden von der Angst zum Vertrauen, von der Unsicherheit zum Frieden. Durch unsere Tage und durch unsere Nächte hindurch.

In Ihrem Liedblatt finden Sie ein kleines Stück Glanzpapier.  Nehmen Sie es einfach mit.  Es möchte Sie daran erinnern, dass Gottes Glanz bei Ihnen ist, dass der Glanz der Liebe Gottes mit Ihnen weitergeht.

Und sein Friede, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.  Amen.

+84,1.2.4  We are one in the spirit

Fürbitten

SP Unser Gott, wir danken dir für den Glanz deiner Liebe, mit dem du bei uns bist und uns umgibst. Wir dürfen am Leben sein bis zum heutigen Tag. Du hast uns durch manche gefährlichen Zeiten geführt und warst so oft schon unsichtbar an unserer Seite. Dafür loben wir dich!

MS Wir bitten dich für alle, die wir lieben und die zu uns gehören. Schütze sie. Für alle, die an Leib und Seele erkrankt sind, bitten wir: sei du an ihrer Seite. Schenke ihnen Erleichterung und Hilfe.

SP Wir bitten für alle Pflegekräfte, Ärzte und Forscher, dass sie mit Stärke, Geduld und Liebe ihren Dienst tun können.  Wir danken für ihren unschätzbaren Dienst.

MS Wir bitten dich für unsere Gesellschaft, dass der Friede in ihr erhalten bleibt. Dass wir mit Geduld aufeinander hören und uns gegenseitig unterstützen. Dass alle Anteil behalten an den Ressourcen, die wir für unser Leben benötigen.

SP Wir bitten dich für unsere Erde, dass du ihre gute Ordnung bewahrst. Halte unsere Augen und Hände offen, damit wir deine Schöpfung lieben und auf sie achtgeben, soweit es in unseren Kräften steht. Und gemeinsam…

Vaterunser

Abkündigungen

Segen

Orgelnachspiel: W. A. Mozart, Rondo alla turca
 

 

Gottesdienst am 17.05.2020 mit Video von Pfarrer Rainer Böhm

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar: https://youtu.be/VWpVWv1LDLo

J. S. Bach: Präludium C-Dur

Begrüßung
Eigentlich hätten wir jetzt eine volle Dankeskirche. Denn eigentlich wäre heute unser erster Konfirmationsgottesdienst in diesem Jahr. 25 Konfis, 25 Familien, Menschen von nah und fern, junge und alte.
Aber nun ist alle anders und wir sind froh, wenigstens so wieder Gottesdienst feiern zu können. Als Video im Netz, und analog für wenige Besucher hier bei uns in der Kirche. Schön dass Sie gekommen sind, dass Sie uns eingeschaltet haben.
Rogate heißt der heutige Sonntag, dh beten. Es geht um das Vater Unser.

Eingangspsalm: Psalm 95
Ruf zu Anbetung und Gehorsam 1 Kommt herzu, lasst uns dem HERRN frohlocken und jauchzen dem Hort unsres Heils! 2 Lasst uns mit Danken vor sein Angesicht kommen und mit Psalmen ihm jauchzen! 3 Denn der HERR ist ein großer Gott und ein großer König über alle Götter. 4 Denn in seiner Hand sind die Tiefen der Erde, und die Höhen der Berge sind auch sein. 5 Denn sein ist das Meer, und er hat's gemacht, und seine Hände haben das Trockene bereitet. 6 Kommt, lasst uns anbeten und knien und niederfallen vor dem HERRN, der uns gemacht hat. 7 Denn er ist unser Gott und wir das Volk seiner Weide und Schafe seiner Hand.

Eingangsgebet
Zum ersten Mal seit Monaten wieder in unserer Kirche, Herr.
Wie schön das ist, und wie anders zugleich. Da müssen wir uns noch dran gewöhnen.
Keine Konfirmation heute.  Und wir halten Abstand voneinander.
Vater unser im Himmel.
Wir reden viel und wir sagen wenig.
In der Menge unserer Worte verlieren wir den Kontakt zueinander.
Und so beten wir auch manchmal, gedankenlos, und verlieren den Kontakt zu dir.
Dabei brauchen wir nur ruhig zu werden, auf eine Kerze zu schauen, ein Bild, ein inneres Bild, die Augen zu schließen, und schon beginnt das Gespräch, das Beten.
Vater unser im Himmel,
du weißt was wir brauchen, bevor wir es sagen.
Vergib uns unsere Schuld und lass uns neu beginnen –
Durch Jesus Christus, deinen Sohn. Amen

Lesung = Predigttext                  Mt 6, 5 – 15
Vom Beten. Das Vaterunser 5 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. 6 Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten. 7 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. 8 Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. 9 Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. 10 Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. 11 Unser tägliches Brot gib uns heute. 12 Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. 13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. [Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.]

Kurze Variationen über 501 Wie lieblich ist der Maien

Liebe Gemeinde,
früher hatte man als Konfirmand vieles auswendig zu lernen: Luthers Kleinen Katechismus, das Glaubensbekenntnis, Kirchenlieder mit sämtlichen Strophen und natürlich das Vaterunser. Das hat sich etwas geändert, aber das Glaubensbekenntnis, die 10 Gebote, Psalm 23 und das Vaterunser lernen immer noch alle. Auch wenn wir es nicht prüfen. Wir fragen es ab. Nur in diesem Jahr ist natürlich manches anders.

Und viele von uns spüren jetzt, wie wichtig es ist und wie heilsam, beten zu können, zur Ruhe zu kommen, Besinnung zu finden. Deshalb sind wir froh, ab Mittwoch, wieder die Dankeskirche zum Gebet öffnen zu können. Die Not lehrt beten, heißt ein Sprichwort. Ich habe das vor ein paar Monaten am eigenen Leib erlebt – und tun wir es gemeinsam. Es ist gut Gebete zu haben wie einen Vorrat, die man wie eine Litanei sprechen kann.

Mich hat es in den vergangenen Wochen sehr ergriffen, wenn wir in unseren Videokonferenzen miteinander das Vater Unser gebetet haben: getrennt und doch verbunden, in einer berührenden Sprachcollage, in der mal die eine, mal die andere Stimme hervortritt, die einzelnen Worte eine Form bekommen. Ich bin an drei Aspekten des Vater Unsers ‚hängen‘ geblieben.:

Die Anrede „Vater unser im Himmel“

Zu Gott als einem Vater kommen: was für eine schöne Vorstellung. Zu diesem gütigen und verständnisvollen Vater, der sein Kind in die Arme schließt, wenn es sich verlaufen hatte; der offen ist für ein Gespräch und sich erkundigt; der verständnisvoll ist, der auf die eigene Freiheit vorbereitet und sie respektiert; der vergibt, noch bevor man sich ganz klein machen musste. So ist Gott, wie wir von Jesus wissen. Wir Menschen erleben das leider oft anders. Gut, dass es diesen Vater im Himmel gibt.

Gott ist dieser freundliche Vater, dieses Eltern-Ideal, das jeder sich wünscht und dem zugleich niemand gerecht zu werden vermag. Dieser Gott schaut in unser Herz, er kennt unsere Wahrheit. Er holt uns zu sich und nimmt uns am Ende freundlich in seine Arme.

Das Vater Unser als ein jüdisches Gebet

Das Vaterunser gilt als das christliche Gebet. Es verbindet Christinnen und Christen aller Kirchen miteinander: ob in der Orthodoxie, im Katholizismus, den Kirchen der Reformation und auch jüngeren Kirchen, überall spielt es eine zentrale Rolle. Es wird in jedem Gottesdienst gebetet. Auch bei jeder Taufe, Trauung und Beerdigung. Und  ist nicht auf den Gottesdienst beschränkt.

Dabei haben wir  zu verstehen, dass Jesus das Vater Unser als Jude betet. Es ist also ein Kaddisch, seine Wurzel ist das Gebet in der Synagoge, auch wenn es sich davon unterscheidet. Seine Inhalte sind Teil der jüdischen Tradition. Für die Gottesrede, die Kürze des Gebets und seinen vermeintlich eschatologischen Charakter gibt es zahlreiche Parallelen im Judentum Jesu.

Lesen wir es so , dann bekommt es neue Akzente. ZB die aktive Beteiligung der Betenden. Das Kommen des Reiches Gottes ist im Judentum nicht etwas, auf dass es still zu warten gilt, sondern das der menschlichen Mitwirkung bedarf. Der Mensch als Partner und Partnerin Gottes kommt viel stärker in den Blick. Vor dem Hintergrund einer Tradition, die eher das Handeln Gottes als das des Menschen akzentuiert, ist es wichtig, diese Unterschiede  der jüdischen Tradition wahrzunehmen. Sie eröffnen einen neuen Zugang zu einem oft gehörten und gesprochen Text.

Die Formulierung: Führe uns nicht in Versuchung

Führt Gott in Versuchung? Oder muss das Vaterunser geändert werden?
Die Versuchung war immer groß, den Text zu glätten und die Widersprüche aufzulösen.
Der Vers "Und führe uns nicht in Versuchung" sei "keine gute Übersetzung", sagte Papst Franziskus. Besser wäre: "Lass mich nicht in Versuchung geraten." Denn ein Vater mache so etwas nicht. Der Versucher sei ein anderer. Viele Theologen fühlen sich nun herausgefordert, die sechste Bitte des Vaterunsers zu überdenken.

Der Theologe Rupert Lay liest den Vers so: "Und führe uns auch in der Versuchung!" Die "Bibel in gerechter Sprache" übersetzt: "Führe uns nicht zum Verrat an dir!" Und die "Gute-Nachricht-Bibel" schließlich formuliert: "Und lass uns nicht in die Gefahr kommen, dir untreu zu werden."

Ich finde das sind alles Interpretationen, die in die richtige Richtung führen. Gott will uns nicht versuchen, Das sind wir selbst. Aber er will uns führen – auch durch die größten Anfechtungen unseres Glaubens und durch die größten Zweifel und tiefsten Fragen. So wie jetzt, wo alles anders ist. ER möchte uns helfen, auf dem Weg zu bleiben.
Gott – er bleibt der Rätselhafte, der ganz Andere. Unser Vater im Himmel.
Amen.

Kurze Variationen über 188 Vater unser, Vater im Himmel

Fürbitte
Vater im Himmel
Sei bei uns, wenn wir zu viele Worte machen
Und erinnere uns daran, deinen Namen zu heiligen.
Sei bei allen, die jetzt Sorgen haben, seelische, gesundheitliche, wirtschaftliche Sorgen, überall auf dieser Welt:
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Sei bei allen, die mit sich selbst hadern und unzufrieden sind, über die Situation, über sich selbst, über andere. Und es Kinder und Familie spüren lassen. Die nachtragend sind und nicht loslassen können:
Vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und wenn wir an dir zweifeln und an deiner Schöpfung und uns fragen, woher diese Pandemie kommt und warum
Dann führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn du bist unser Vater im Himmel. Wir danken ir für deine Nähe. Auf dich vertrauen wir:
Denn dein ist das Reich, und die Kraft, und die herrlichkeit, in Ewigkeit. Amen

Vater Unser

Segen

Orgelnachspiel        Robert Schumann: Kanon in E-Dur

Gottesdienst am 10.05.2020 mit Video von Dekan Volkhard Guth

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar: https://youtu.be/od6Eyl5kLNQ

Eingangsmusik
Begrüßung (Kantate)

Wochenspruch:
Herzlich willkommen zum Gottesdienst aus der Dankeskirche Bad Nauheim am Sonntag Kantate.
„Singet dem HERRN ein neues Lied, denn ER tut Wunder.“ Ps.98,1
Der ausgelassene Tanz, das Lied, das Trauernde berührt, das Pfeifen im Garten oder die Kantate, die tief ins Herz dringt, – Musik lässt niemanden unbewegt.

Musik eröffnet Resonanzräume. -
Dort, wo Gottes Name besungen wird, dort ist Gott ganz nah.
Je mehr unser Leben zum Gesang wird, desto stärker wird uns diese Resonanz verändern.
Auch wenn wir jetzt nicht im selben Raum singen werden, ich wünsche ich uns, dass dieser Gottesdienst uns ein Resonanzraum wird, in dem wir Gott und seiner Herrlichkeit begegnen.

Und das kann passieren! Denn wir feiern diesen Gottesdienst – wir hier, und Sie bei sich zuhause -

Votum
im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Gem.: Amen

Eingangspsalm 98, 1-6 [EG 739]

1 Singet dem Herrn ein neues Lied,
denn er tut Wunder. Er schafft Heil mit seiner Rechten und mit seinem heiligen Arm.
2 Der Herr lässt sein Heil verkündigen;
vor den Völkern macht er seine Gerechtigkeit offenbar.
3 Er gedenkt an seine Gnade und Treue für das Haus Israel,
aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes.
4 Jauchzet dem Herrn, alle Welt,
singet, rühmet und lobet!
5 Lobet den Herrn mit Harfen,
mit Harfen und mit Saitenspiel!
6 Mit Trompeten und Posaunen
Jauchzet vor dem Herrn, dem König!

Kommt lasst uns anbeten!

Gesang: Ehr sei dem Vater und dem Sohn

Eingangsgebet
Herr, wie gerne würden wir dir heute ein neues Lied singen.
Aber es geht nicht. Wir können nicht gemeinsam singen.

Herr, wie gerne sähen wir jetzt und in diesen Tagen ein Wunder. Dass da jemand etwas entdeckt, das uns vor dem Virus schützt.

Schenk uns die Kraft, wenigstens die alten Lieder zu singen.
Dass wir uns von ihnen und deinem Wort erinnern lassen an deine früheren Wunder.

Es gibt sie ja. Und wir haben sie ja immer auch schon erlebt. Die Zeichen deiner Herrlichkeit.

Von denen wir leben, auf die wir trauen und von denen wir erzählen könnten.

Hilf uns, dir ein neues Lied zu singen. Heute mit diesem Gottesdienst und in unserem Leben. Denn du bist´s, der Wunder tut.
Amen

Gesang: Amen

Schriftlesung (LK.19, 37-40)
37 Und als er schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten,
38 und sprachen: Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!
39 Und einige von den Pharisäern in der Menge sprachen zu ihm: Meister, weise doch deine Jünger zurecht!
40 Er antwortete und sprach: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.
Selig sind, die Gottes Wort hören, bewahrten und danach leben.

Gesang.: Halleluja

Lied vor der Predigt: Ich singe dir mit Herz und Mund (EG 324, 1-3.17.17)

Predigt (2.Chr.5, 2-5.10.12-14)
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen

2 Da versammelte Salomo alle Ältesten Israels, alle Häupter der Stämme und die Fürsten der Sippen Israels in Jerusalem, damit sie die Lade des Bundes des Herrn hinaufbrächten aus der Stadt Davids, das ist Zion.
3 Und es versammelten sich beim König alle Männer Israels zum Fest, das im siebenten Monat ist.
4 Und es kamen alle Ältesten Israels, und die Leviten hoben die Lade auf
5 und brachten sie hinauf samt der Stiftshütte und allem heiligen Gerät, das in der Stiftshütte war; es brachten sie hinauf die Priester und Leviten.
10 Und es war nichts in der Lade außer den zwei Tafeln, die Mose am Horeb hineingelegt hatte, die Tafeln des Bundes, den der Herr mit Israel geschlossen hatte, als sie aus Ägypten zogen.
12 und alle Leviten, die Sänger waren, nämlich Asaf, Heman und Jedutun und ihre Söhne und Brüder, angetan mit feiner Leinwand, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen.
13 Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem Herrn. Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den Herrn lobte: »Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig«, da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke, als das Haus des Herrn,
14 sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das Haus Gottes.

Sie haben sie erkannt?! Die Geschichte der Einweihung des salomonischen Tempels. Ein großes Fest!

Und der zentrale Akt: die Überführung der Bundeslade mit den beiden Gesetzestafeln aus der alten Stiftshütte, die Israel bei der Wüstenwanderung und der Landnahme begleitet hat, hinein in den neu erbauten Tempel auf dem Zionsberg.

Und die zentrale Botschaft: Gott ist an diesem Ort anwesend. Hier kann Israel seinem Gott begegnen.
Es ist so etwas wie die Einwohnung der Herrlichkeit Gottes.
Und damit ist der lange Weg vom Sinai zum Zion abgeschlossen.

Diese Tempelweihe, sie wird uns im Buch der Chroniken als ein Klangereignis geschildert.
Es ist dem Text wichtig zu erzählen: Indem alle Instrumente, der Gesang und auch jedes artikulierte Wort zu einer Einheit werden, zu einem Klang verschmelzen, werden alle diese Elemente zum wahren Gotteslob. Das ist die Aussage.

Der Predigttext von heute stellt also eine enge Verbindung zwischen der Musik und der Herrlichkeit Gottes her.

Wir können heute nicht miteinander singen. - Und auch wenn wir in den nächsten Wochen beginnen, wieder öffentliche Gottesdienste in unseren Kirchen zu feiern, werden wir nicht gemeinsam singen dürfen.

Vielleicht gerade deshalb aber kann unser Text uns heute, am Sonntag Kantate, zu der Frage führen, was unsere Gottesdienste eigentlich und grundlegend ausmacht!?

Ich möchte dazu gerne den Begriff der „Resonanz“ bemühen. Der Soziologe Hartmut Rosa hat ihn in den letzten Jahren in der soziologischen Debatte neu aufgegriffen.
Resonanz als Antwortbeziehung. Resonanz als Beziehungsmodus.

Was meine ich damit?
Der Predigttext von heute macht deutlich: das göttliche Handeln, die Begegnung mit der Herrlichkeit Gottes kann nicht ohne Resonanz bleiben.
Die Einwohnung Gottes im neuen Tempel führt zum unmittelbaren Lob seiner Herrlichkeit.
Mehr noch: all die Pauken, Zimbeln und Schofarhörner, der Gesang – all das wird zu einem Klang und damit offenbar zu einem einzigartigen Klangereignis.

Unser Text mag uns also daran erinnern, was das Ziel jeder unserer gemeinsamen Feiern ist: gemeinsames Gotteslob in der Erwartung seiner Gegenwart.
Und Musik spielt dabei eine Rolle.

Also nicht jene weitschweifigen, wortlastigen Veranstaltungen mit ihren Belehrungstendenzen, in denen bisweilen sogar Einleitungen, Begrüßungen und Gebete zu immer neuen Predigten werden, sondern Räume, in denen es zu Resonanzen kommen kann, zu Begegnung und zur Beziehung mit dem, dessen Lob wir singen sollen.

Dann könnte Gott vielleicht sogar unsere sonst so aufwändig inszenierten Religionsfeiern mit seiner Gegenwart heilsam unterbrechen.

Bei allem sehnlichen Warten darauf, dass wir wieder physisch miteinander Gottesdienste feiern können, lässt mich die gegenwärtige Zeit und die Erfahrung dieser Tage neu fragen, was Gottesdienst ist und wie er zu feiern sein müsste?!

Marin Luther hat in seiner Einweihungspredigt der Schlosskirche in Torgau 1544 jene oft zitierte Formel geprägt: der Gottesdienst ist nichts anders, „denn dass unser lieber Herr selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort und wir wiederum mit ihm reden durchs Gebet und Lobgesang“.
Das ist Resonanz, wovon Luther spricht. – Der Gottesdienst als Antwortbeziehung. Gott und Mensch im Beziehungsmodus.

Das, was niemand von uns machen kann, was Mose am brennenden Dornbusch erfahren hat, was eine Maria und die Hirten auf dem Felde erlebt haben, was in der Offenbarung des Johannes von „der großen Stimme“ berichtet wird, das soll geschehen in jeder unserer Versammlungen. Gott spricht sein Wort – und der einzelne Mensch, getroffen von diesem Wort, soll antworten. Und die Antwort heißt: Gott loben.
Und in der gemeinsamen Feier wird dieses Lob zu einem großen Lobgesang wie ein Klang.

Resonanz. Darum geht es im Gottesdienst. Der Gottesdienst als Antwortbeziehung. Der gesungene Lobpreis der Herrlichkeit unseres Gottes als Beziehungsmodus zwischen uns und Gott.

Ein zweiter Gedanken: Es hat ja etwas kultkritisches, wenn unser Predigttext beinahe schon lapidar feststellt, dass die Lade nichts anderes ist, als ein Kasten aus Holz. Und dass in ihr nicht mehr drin ist, als zwei Tafeln.
Auch das mag uns helfen, die Pointe des evangelischen Gottesdienstes nochmal neu zu entdecken.
So wie jede Tempelfeier an den Bundesschluss am Horeb erinnert hat und an den Inhalt dieses Bundes, so erinnern auch wir uns des Bundes, den Gott in Jesus Christus mit uns geschlossen hat – am Kreuz, in unserer Taufe.
Und indem wir das feiern, entsteht wie schon im alten Israel, eine Art zweiter Resonanz: Vergangenes wird gegenwärtig. Und es erhält genau darin seine Bedeutung für die Zukunft.

Ich freue mich darauf, wenn wir es irgendwann einmal, wenn wirklich alles überstanden ist, einfach wieder gemeinsam tun können: Singen. Aus voller Kehle. Ohne Mundschutz und Abstandsregeln.
Und dann werden wir für unsere Gottesdienste aus den letzten Wochen mitgenommen haben, dass vielleicht gar nicht allzu lange über einen Text wie den aus 2.Chr. gepredigt werden muss.
Sondern dass wir mit einem Text wie diesem in ein erwartungsvoll offenes Lob der Gemeinde geführt werden. Mit ganz viel Gesang und Musik, wie ein Klang.
Denn die Antwort auf die Begegnung mit der Herrlichkeit Gottes ist das Singen. Für Gott, für die Welt und füreinander.

Bis dahin wünsche ich uns – Ihnen und mir -, dass uns die Herrlichkeit Gottes wie in einer Wolke immer neu berührt: zuhause, beim Lesen seines Wortes, im Gebet, draußen, beim Hören einer Predigt, beim Betrachten eines Fernsehgottesdienstes, unter Freunden, in der Familie.
Und dass sie in uns Resonanz wirkt. Dass wir ins Loben kommen – weit über den Sonntag Kantate hinaus.  

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere menschliche Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen

Lied nach der Predigt: Lob Gott getrost mit Singen (EG 243, 1.4.5)

Fürbittgebet
Singt dem Herrn ein neues Lied, denn ER tut Wunder.
Dich Gott loben wir, denn du tust Wunder.
Darum bitten wir dich
für die Menschen, die in dieser Nacht mit Schmerzen wachten,
für die Verletzten, die Kranken, die Gedemütigten.
Du hörst ihr Weinen.

Wir bitten wir dich
für die Menschen, die heute mit Sorgen erwacht sind,
für die Traurigen und die Trauernden.
Du kennst sie und hörst ihre Klage.
Das Virus bestimmt ihr und unser Leben in diesen Tagen und Nächten.
Für sie und für uns rufen wir zu dir:
Herr, erbarme dich.
Singt dem Herrn ein neues Lied, denn ER tut Wunder.
Dich loben wir, denn du tust Wunder.
So bitten wir dich
für die, die oben stehen,
für die, denen alles leicht fällt,
und denen alles zu glücken scheint.
Du kennst sie und das, was sie gefährdet.

Wir bitten wir dich
für die, denen man zuhört,
die Einfluss und Macht über
das Leben der anderen haben.
Die Politikerinnen und Politiker unseres Landes,
die in der Wirtschaft das Sagen haben
Du kennst ihre Interessen und
kannst ihre Herzen weit machen.
Für sie rufen wir zu dir:
Herr, erbarme dich.
Singt dem Herrn ein neues Lied, denn ER tut Wunder.
Dich loben wir, denn du tust Wunder.
Darum bitten wir dich
für alle Menschen, die dir vertrauen,
und für alle, die sich nach Frieden in dieser Welt ausstrecken,
für die Brückenbauer und Freiwilligen in den Hilfsorganisationen.
75 Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs ist der Frieden in vielen Ländern gefährdeter denn je, auch angesichts der Auswirkungen der Pandemie.
Für sie und uns alle rufen wir zu dir:
Herr, erbarme dich.
Singt dem Herrn ein neues Lied, denn ER tut Wunder.
Wir loben wir dich, denn du tust Wunder.
Und so bitten wir dich
für deine weltweite Kirche,
für unsere Gemeinden und alle,
mit denen wir im Glauben an Jesus Christus verbunden sind.
Besonders denken wir an unsere Geschwister in unserer Partnerdiözese Amritsar in Nordindien.

Wir bitten dich für uns
und für alle, für die wir Verantwortung haben.
Du kennst unsere Grenzen und unser Wollen.
Du hörst unsere Gebete.
Im Namen Jesus Christi bitten wir dich.
Dein Heiliger Geist lässt uns singen.
Singt dem Herrn ein neues Lied, denn ER tut Wunder.

Vater unser
Amen.

Musik
Segen
Amen

Musik zum Ausgang

 

Gottesdienst am 03.05.2020 mit Video von Vikar Ingmar Bartsch

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar: https://youtu.be/_tBIVp7fKeY und als PDF.

Für diesen Gottesdienst gibt es zwei Liedvorschläge. Vor der Predigt das Lied 501 „Wie lieblich ist der  Maien“, die Strophen 1,2 und 4. Nach der Predigt könnte man das Lied „Du bist der Weg und die Wahrheit und das Leben“ von Christoph Zehendner und Johannes Nitsch singen. Dessen Text können wir aus urheberrechtlichen Gründen nicht veröffentlichen, aber wer den Titel und die Namen in die Internetsuche eingibt, wird sicher fündig.

Votum
Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

Schuldbekenntnis
Gott, wir leben im Ausnahmezustand und fühlen uns hilflos, unsicher und eingeschränkt. Wir wüssten gerne, was richtig ist und was falsch. Wir wüssten gerne, wie lange wir noch auf ein normales Leben verzichten müssen. Wir versuchen, uns zu arrangieren und doch merken wir, dass diese Krise  schwer auszuhalten ist. Wir beklagen die Menschen, die in Existenznöte geraten sind. Wir beklagen die Kranken und Verstorbenen. Wir bitten Dich: Herr, erbarme Dich!

Gott, manchmal stehen wir uns selbst im Weg. Wir sind stolz und uneinsichtig. Wir brechen Brücken zu unseren Mitmenschen ab, manchmal durch ein vorschnelles Wort oder durch Unachtsamkeit. Wir schenken der Beziehung zu Dir wenig Beachtung.
Wir scheitern an unseren selbst gesteckten Zielen. Wir überspielen unsere Fehler. All das bringen wir vor Dich und bitten: Herr, erbarme Dich!

Gnadenzusage
Hört das Wort der Gnade, denn Jesus Christus spricht:  „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht“ Ehre sei Gott in der Höhe!

Schriftlesung aus 1. Mose 1, 1-5; 26-27 und 2,1-3.
1 Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. 2 Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser. 3 Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. 4 Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis 5 und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.  26 Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. 27 Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.

Glaubensbekenntnis
Verbunden mit allen Christen weltweit bekennen wir unseren Glauben.
Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde.
Und an Jesus Christus,
seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,
empfangen durch den Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage auferstanden von den Toten,
aufgefahren in den Himmel,
er sitzt zur Rechten Gottes,
des allmächtigen Vaters, von dort wird er kommen,
zu richten die Lebenden und die Toten.
Ich glaube an den Heiligen Geist,
die heilige christliche Kirche,
Gemeinschaft der Heiligen,
Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten
und das ewige Leben. Amen.

Predigt
In dieser Predigt war ein Teller mit Weintrauben zu sehen, von denen einige etwas zermatscht oder verschrumpelt waren.

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde,

wenn ich Weintrauben kaufe, liegen am Boden der Verpackung oft ein paar  verschrumpelte Exemplare. Vermutlich sind sie beim Transport abgefallen und dann werden sie unansehnlich und matschig. Bei der Weinrebe selbst wundere ich mich manchmal, dass die Trauben oft noch so frisch sind. Sie sind ja schon ein paar Tage vom Weinstock abgeschnitten.
Vielleicht fragen Sie sich jetzt, woher ich diese Trauben habe. Auf natürliche Weise wachsen sie im Mai in Deutschland nicht. So wie Erdbeeren im Dezember. Diese Trauben kommen aus Spanien. Ich kann nur vermuten, wie groß ihr ökologischer Fußabdruck ist. Größe 45 wird wohl nicht reichen. Und im Supermarkt, aus dem ich die Trauben habe, gab es auch welche aus Indien. Die sind um die halbe Welt gereist. Witzigerweise dürfen die trotz Corona raus aus Indien. Zu mir auf den Tisch. So wie Granatäpfel, Avocado, Papaya und anderes bei uns nicht heimisches Superfood. Manche Früchte sind sogar mit dem Flugzeug angereist. Ob das für unsere Schöpfung gut ist? Vermutlich nicht.


Ich treffe täglich – in diesem Falle beim Einkaufen –  Entscheidungen, die Auswirkungen haben. Jetzt müsste ich fünf Euro ins Phrasenschwein werfen. Denn genau genommen hat jede Entscheidung Auswirkungen. Das ist quasi das Wesensmerkmal von Entscheidungen. Sie haben Konsequenzen: Es hat Konsequenzen, wenn ich über meine Nachbarn tratsche. Wie nachhaltig meine Klamotten sind. Ob ich das Auto oder das Rad nehme. Ob ich jemanden für etwas Nebensächliches kritisiere oder lieber ein Lob ausspreche. Es ist schier zum Verzweifeln: Egal, was ich mache, es hat Konsequenzen. Und nicht immer gute.
Wir haben vorhin einen Teil der Schöpfungsgeschichte gehört. Gott hat die Welt gut gemacht und er war wirklich zufrieden. Und dann kam der Mensch. Und wenn man sich das Ergebnis anschaut…


Naja. Reden wir nicht drüber. Wir scheitern regelmäßig an eigenen und fremden Maßgaben, an Geboten und Verboten. An den Imperativen, die wir befolgen müssen. Uns Christen sehen viele Menschen wahlweise als Spießer oder als Versager mit großen Ansprüchen und noch größerem Hang zum Moralisieren. Schuldgeplagt und an der Masse der Gebote scheiternd gehen wir durch diese Welt, immer die Strafe unseres Gottes fürchtend.


Und jetzt kommt es noch dicker! Denn der heutige Predigttext aus dem Johannesevangelium schlägt heftig in die gleiche Kerbe.
Ich lese aus dem Johannesevangelium im 15 Kapitel, die Verse 1 bis 8. Jesus Christus spricht: 1 Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. 2 Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. 3 Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. 4 Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. 5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. 6 Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. 7 Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. 8 Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.


Halten wir fest: Jesus ist der Weinstock und ich bin eine Rebe. Und wenn ich so verschrumpelt und entkräftet daherkomme und keine gute Frucht bringe, dann werde ich abgeschnitten und ins Feuer geworfen. Ich kann schon verstehen, dass die Botschaft der Bibel manchmal sehr seltsam wirkt. Aber irgendwie passt das zu unserer Gesellschaft, wie die Faust aufs Auge. Wer Leistung bringt, aus dem kann was werden. Spare, lerne, leiste was dann haste, kannste, biste was! Und wer nichts  leisten kann, der fällt durchs Raster. Bei uns in Deutschland zum Glück nicht so tief, wie anderswo. Hier muss zumindest niemand verhungern.


Nun stehe ich also etwas entmutigt, frustriert und widerwillig vor diesem Text und werde daran erinnert, dass ich am Anspruch der Bibel und an meinen eigenen Anspruch scheitere. Aber ist das wirklich der Kern dieser Rede Jesu? Nein! Denn in diesen Worten steckt viel mehr Ermutigung und Zuspruch.


Erstens: Nicht wir Menschen entscheiden, wer gute Frucht bringt. Das entscheidet Gott. Denn er ist der Weingärtner. Jede einzelne Rebe, also jeder einzelne Mensch, ist ihm so wichtig, dass er sie hegt und pflegt. Gott wendet sich mir persönlich zu.
Zweitens: Deshalb geht es hier um eine Beziehung. Um die Verbindung zwischen Jesus und mir. Für die Bibel ist völlig klar, dass ein Mensch nicht ohne Gott auskommen will und muss. Das stellt sie gar nicht infrage. Deshalb geht es ganz grundlegend um eine organische Verbindung zwischen Jesus und uns Menschen. Ich bin in Jesus verwurzelt, wie eine Rebe in einem Weinstock. Das ist seine Zusage bei der Taufe, das ist seine Zusage an uns Menschen.
Drittens: Die Kraft muss nicht aus mir selbst kommen. Die Kraft wird mir von Jesus bereitgestellt. Ich kann also nur das geben, was mir vorher geschenkt wurde.
Viertens: Mein Scheitern ist nicht das Ende. Das ist die Osterbotschaft, die über dieser Geschichte steht. Denn Jesus hat mein Scheitern bereits getragen. Nicht im Sinne eines Weglächelns. Denn meine Entscheidungen haben immer noch Konsequenzen. Der Weingärtner reinigt die Trauben. Das kann schon mal weh tun. Das ist nicht der einfache Weg. Denn unser Glaube ist tatsächlich nicht einfach ein Kuschelglaube, bei dem alles irgendwie in Ordnung ist, was wir machen. Aber in der Verbindung mit Jesus sind wir auf der sicheren Seite. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu Euch geredet habe.


Aus diesen Jesusworten wird die krasse Mischung sichtbar, die mich am Christsein immer wieder herausfordert, aber auch so begeistert. Es ist Zuspruch und Vergebung auf der einen Seite und Anspruch und Verantwortung auf der anderen. Jesus sagt hier: Wenn Ihr in Beziehung mit mir lebt, wenn ich Eure Kraftquelle bin, dann könnt Ihr gute Frucht bringen.

 

Manchmal fühle ich mich wie so eine Weintraube. Vertrocknet oder zermatscht. Kraftlos, ausgesaugt. Mutlos. Dann hilft mir ein Gespräch mit einem lieben Menschen, ein Telefonat. Ein Gebet. Die Beschäftigung mit einem Bibeltext. Das erfrischt in vertrockneten Zeiten. Es ist die Erinnerung, dass bei Jesus eine große Kraftquelle liegt. Wie lässt sich diese Beziehung konkret gestalten und die Kraftquelle anzapfen? Jesus selbst macht dazu Vorschläge. Und auch die sind meist Zuspruch und/oder Anspruch. Werdet wie die Kinder. Also bewertet Situationen auf eine Weise neu, als würdet Ihr sie noch gar nicht kennen. Selig sind die Friedfertigen. Liebe Gott und Deinen Nächsten. Verkaufe alles und gib es den Armen. Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Folge mir nach. Dein Glaube hat Dir geholfen. Ich bin der gute Hirte. Ich bin die Auferstehung und das Leben.


Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.

Amen.

Fürbitten
Gott, Du hast uns die Schöpfung anvertraut. Wir danken Dir für den Frühling, in dem wir besonders sehen können, wie wunderbar die Natur ist. Hilf uns, dass wir verantwortungsvoll mit der Erde umgehen.
Gott, wir bitten Dich für die Menschen in unserer Gemeinde und darüber hinaus, die um einen geliebten Menschen trauern. Danke, dass Du den Tod überwunden hast. Für die Trauernden bitten wir Dich, dass Du sie tröstest, stärkst und aufrichtest. Schenke ihnen Menschen, die mit ihnen gehen durch schwere Zeiten.
Kerze anzünden
Gott, wir bitten Dich für unsere Gemeinde. Danke für Möglichkeiten der digitalen Begegnung. Wir vermissen es, einander real treffen zu können. Wir vermissen das gemeinsame Lachen, Singen, Beten, Feiern, das Diskutieren, Planen und Träumen. Wir bitten Dich, lass uns bald wieder zusammenkommen können. Stärke unsere Gemeinschaft in der aktuellen Situation.
Gott, zurzeit sind viele Krisen auf der Welt nicht mehr im Fokus der Öffentlichkeit. Wir danken Dir, dass es trotzdem Menschen gibt, die sich zum Teil bis zur totalen Erschöpfung für die Vergessenen einsetzen. Wir bitten Dich für die Menschen im Lager Moria auf Lesbos, die unter schlimmen Bedingungen leben. Wir bitten Dich für die Opfer von Krieg und Gewalt, besonders in Syrien. Wir bitten Dich für die Menschen in unserer Partnerdiözese Amritsar. Steh Du ihnen bei und schenke, ihnen Frieden und ein menschenwürdiges Leben.

Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.  
Gehen Sie unter dem Segen Gottes in die kommende Woche:

Segen
Der Herr segne dich und behüte dich,
der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig,
der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

 

Rückmeldungen zu diesem Gottesdienst: bartsch@ev-kirche-bn.de oder 06033 79 60 527

Gottesdienst am 26.4.2020 mit Video von Pfarrerin Meike Naumann

Dieser Gottesdienst steht auch online: https://youtu.be/q804S6GozSw

Musik zum Eingang

Begrüßung
"Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben." | Joh 10,11a.27–28a

Psalm 23
Der gute Hirte
1 Ein Psalm Davids.
Der Herr ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln.
2 Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.
3 Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
4 Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,
fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.
5 Du bereitest vor mir einen Tisch
im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.
6 Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.

Gnadenzusage
Zu unserem Leben gehört es, dass wir in die Irre gehen.
Und wenn wir den Weg nicht allein zurückfinden, können wir darauf vertrauen:
Gott geht mit uns.
Denn so spricht Gott, dein Erlöser:
Ich bin dein Gott, der dich lehrt, was dir hilft und dich leitet auf dem Weg, den du gehst.
(Jes 48,17 LUTHER 2017)

Kollektengebet
Gott, du beschützt uns, du bist für uns da,
wann immer wir dich brauchen.
Im dunklen Tal, im hellen Licht, im Angesicht derer, die uns übel wollen.
Darum bitten wir dich:
Lass uns aufeinander achten und füreinander eintreten.
Durch Jesus Christus, der eins ist mit dir,
der uns birgt und bewahrt wie Eltern,
die schützen und stärken, die uns kennen und lieben.
Amen.

Lied: 445, 1.2.5

Predigt
Ich lese aus dem 1. Petrusbrief im zweiten Kapitel die Verse 21-25: (Einheitsübersetzung 1. Petrus 2,21b – 25)

Ihr wisst doch:
Christus hat für euch gelitten
und euch ein Beispiel gegeben,
damit ihr seinen Spuren folgt.
22 Ihr wisst: »Er hat kein Unrecht getan;
nie ist ein unwahres Wort aus seinem Mund gekommen.«
23 Wenn er beleidigt wurde,
gab er es nicht zurück.
Wenn er leiden musste,
drohte er nicht mit Vergeltung,
sondern überließ es Gott,
ihm zum Recht zu verhelfen.
24 Unsere Sünden hat er ans Kreuz hinaufgetragen,
mit seinem eigenen Leib.
Damit sind wir für die Sünden tot
und können nun für das Gute leben.
Durch seine Wunden seid ihr geheilt worden!
25 Ihr wart wie Schafe, die sich verlaufen haben;
jetzt aber seid ihr auf den rechten Weg zurückgekehrt
und folgt dem Hirten, der euch leitet und schützt.

Liebe Gemeinde,

es ist ein Text, der herausfordert: Christus hat für euch gelitten und euch ein Beispiel gegeben,
damit ihr seinen Spuren folgt. (vgl. 1. Petr 2,21)

Ich soll also Christus als Vorbild predigen? Den Leidenden zum guten Beispiel machen? Dem Gekreuzigten nacheifern? Und aufrufen soll ich: „Folgt seinen Spuren! Auf, ihm nach! Werdet wie er!“ Der leidende, geschundene, sterbende Mann am Kreuz – als Vorbild? Da entstehen vor meinen Augen Bilder von Christinnen und Christen, die sich für ihren Glauben geißeln und aus Buße Pilgerwege auf den Knien zurücklegen. Mir fallen Menschen ein, die sich selbst nicht vergeben können und ihr Leben von Schuld gebeugt und innerlich zerfressen verbringen. Ich denke an Menschen, die das Leid, das sie getroffen hat, klaglos als Gottes Strafe für ihre Sünden annehmen. Leiden als Strafe Gottes verstehen und klaglos aushalten - ist das gemeint, wenn der leidende Christus uns ein Vorbild werden soll???

Da suche ich mir lieber andere Vorbilder: Mir fallen strahlende Idole ein: Ich könnte über Elvis reden, den gefeierten Popsänger, über seine Hits, seine Filme, seine größten Erfolge, seine Millionen, seine Zeit hier in Bad Nauheim. So möchte doch jede und jeder von uns sein: Umjubelt wie er, im Mittelpunkt des Interesses, beliebt bei Alt und Jung. Mir fallen Youtuber ein, die eine Meinungsmacht haben mit Millionen Followern und die Meinung besonders von jungen Menschen maßgeblich bestimmen. Tagtäglich senden sie ihre Filme, Bilder und Posts in die Welt, werden dafür geliebt oder auch angefeindet. Sogar von dem Filmwandheld James Bond, dem Agenten seiner Majestät, könnte ich reden, der in jeder Situation einen kühlen Kopf behält. Klug, stark, charmant meistert er das Leben und jedes Abenteuer. So möchte man doch sein: Gut aussehend, intelligent, durchtrainiert, dann ist das Leben ein Kinderspiel. Aber ich soll über einen Ohnmächtigen reden, einen Misshandelten, einen Gequälten, einen, den sie als Verbrecher ans Kreuz genagelt haben. Und das in einer Gesellschaft, die Leid und Tod an den Rand drängt, wo jede und jeder schön und gesund, erfolgreich und mächtig sein soll. Ich soll über einen Ohnmächtigen predigen - und das in einer Zeit in der wir alle so unglaublich ohnmächtig sind. Seit ich denken kann sind Leid und Tod in den Medien nicht so präsent gewesen wie in diesen Wochen der Corona-Krise.

Da schaue ich mir lieber noch ein wenig meine Idole, die Stars, die Meinungsmacher, die Filmhelden an. Um mich abzulenken. So möchte man sein. So möchte ich sein. Gewiss, ich weiß ja: Das sind Träume, Illusionen – die Wirklichkeit sieht anders aus: Das scheinbar wunderbare Leben von Elvis endete mit einem frühen Herztod des Künstlers, der seinen Körper mit Süßigkeiten, Alkohol und andere Drogen schädigte, um seine innere Leere zu füllen. Und die Machtfülle eines Youtube-Stars kann auch eine furchtbare Belastung sein. Der Zwang täglich im Netz präsent zu sein, kann einem den Schlaf und die Lebensqualität rauben. Und der Filmwandheld ist ohne die Tricks, Schnitte und Stunts, also in der Realität, auch nur ein normaler Mensch. Von dem charmanten und überlegenen Helden bleibt nur ein Schauspieler, der eine Rolle einstudiert, ein Drehbuch umsetzt. Alles nur Illusion. So scheitern meine Träume, Wunschbilder, Illusionen an der Wirklichkeit. Wenn ich hinter die Fassade schaue, wenn ich die Vorbilder privat sehe, wenn ich hinter die Reklametafeln mit den perfekten Menschen schaue, dann zerplatzen die falschen Hoffnungen auf ein umjubeltes, mächtiges, freies Leben wie Seifenblasen - schillernd und doch zerbrechlich.

Jesus dagegen ist ein Vorbild ohne Täuschung, ohne Enttäuschung, ohne Illusion: Dieser Mann am Kreuz zeigt uns die Welt, wie sie ist – voller Leidenschaft und Begeisterung, aber auch ungerecht und voller Leid. Jesu Leben bietet uns einen Blick auf die Realität: in Armut geboren, auf der Flucht vor einem despotischen Herrscher, Freund der Armen und Rechtlosen, Tischgenosse der Menschen, die niemand beachtete, ein Mann auf Wanderschaft ohne Behausung, ohne Habe, ohne einflussreiches Amt. Ein Mann, der begeistert gefeiert wurde und seine Zeit mit seinen Freunden verbrachte. Der viel Schönes und viel Leid erlebte. Es ist ein ehrliches Leben, was uns Jesus bietet – ohne Verschönerungen, ohne Illusion.

Ich merke: Dieser Jesus am Kreuz, der passt zu all den anderen Bildern, die ich in meinem Kopf habe, die mich nicht loslassen, die mich Tag für Tag aufs Neue bestürmen. Da ist nichts mehr vorbildlich und schön. Da ist Angst und  Verunsicherung. Da ist Einsamkeit und Unsicherheit wie es denn weitergehen soll. Und da ist das alltägliche Elend, das durch die Corona-Krise an den Rand gedrängt wird: Menschen in überfüllten Flüchtlingslagern, Obdachlose…
Keine Vorbilder, aber Bilder! Eben welche, die nicht täuschen oder mir etwas vormachen, was nicht so ist. Der Gekreuzigte passt da hinein, in diese Bilder, in diese Welt, in unseren Alltag.

Doch unter uns, bei dieser Flut der Bilder und der Menge des Elends, des Leidens, der Schrecken, die uns täglich medial in den Zeitungen und Nachrichten vor Augen geführt wird, bei dieser Menge von Bildern, die sich in meinem Kopf festsetzen und deren Elend mir zu Herzen geht: Ist es da ein Wunder, dass ich träumen möchte? Ist es da nicht völlig verständlich, dass ich mich in eine Scheinwelt der Illusion flüchte, um den Alltag auszublenden? Um dem Leiden der Welt zu entfliehen, ist es doch schön, Vor-Bilder zu haben, denen das scheinbar gelingt, oder? Doch ich bin, wir Christenmenschen sind mit dem Vorbild konfrontiert, das uns keine Flucht, keine Illusion, keinen Traum ermöglicht: In dem Leidenden, dem Ohnmächtigen, dem Gekreuzigten muss ich mich der Welt und ihren Bildern stellen. Und nicht nur das: Ich muss es zulassen, dass diese Bilder mich berühren, mich betroffen und traurig machen. Denn so ist das Leben: Neben all dem Schönen und Freudigen gibt es die Seite des Lebens, die hässlich, traurig und furchtbar ist.

Trotzdem ist dieses Vor-Bild vom Gekreuzigten nicht ohne Hoffnung, nicht ohne Träume von einer besseren Welt: Denn dieser Mann am Kreuz gibt uns nicht nur mit seinem Leben, sondern auch mit seinem Sterben Grund und Hoffnung zum Träumen: Denn Jesus starb für uns. Ein Satz, der schwierig zu hören ist. Er starb für uns – zu unserer Erlösung, damit wir ein freies Leben führen können, unbelastet von den Sünden der Vergangenheit. Der Briefschreiber formuliert es so: „Durch Jesu Striemen werden wir geheilt.“ Unsere Sünden hat er ans Kreuz hinaufgetragen, mit seinem eigenen Leib.

Damit sind wir für die Sünden tot (1. Petr 2,24 BIGS 2011), durch seine Wunden werden wir heil. Durch Jesu Tod am Kreuz schenkt uns Jesus, schenkt uns Gott, Leben, das immer wieder neu beginnt. Keine Aufrechnung dessen, was wir getan haben, kein Auflisten der großen und kleinen Sünden. Durch diesen Tod am Kreuz für uns, schenkt Jesus uns Heil. Und er schenkt uns den Traum von einem freien Leben, frei von der Last, der Schuld der Vergangenheit. Jesus schenkt uns immer wieder einen neuen Anfang und Freiheit von den Belastungen der Vergangenheit.

Noch etwas ist mir an dem Vorbild des Leidenden wichtig: Jesus bleibt nicht im Leid. Das Leiden wird nicht zu einem Selbstzweck. Das Leid ist nicht der Schlusspunkt. Aus dem Leid, dem Tod und der Trauer entsteht neues Leben und neue Hoffnung. Jesus bleibt nicht im Tod gefangen. Er ist auferstanden. Auf Karfreitag folgt immer wieder der Ostermorgen. Hier wird deutlich: Leiden gehört zum Leben. Und in allem, dem Leiden und dem Schweren ist Gott an unserer Seite. Gott behütet uns wie ein Schäfer seine Herde. Leiden gehört zum Leben. Aber es ist nicht Sinn und Ziel des Lebens. Gott möchte ein gutes, frohes Leben voller Heil für uns. Nur leider funktioniert das nicht immer. Das wissen Sie und ich. Leiden gehört zum Leben – und es ist trotzdem nicht gottgewollt. Gott möchte, dass wir nicht im Leiden bleiben, sondern es überwinden, neue Hoffnung bekommen und neu auferstehen – immer wieder. Jeden Tag neu auf(er)stehen. Der Traum von einem guten Leben kann uns immer wieder Kraft geben, das Schlimme und das Leid auszuhalten, zu überstehen, wissend, dass Gott an unserer Seite ist und wir von ihm begleitet sind. Wie ein Schäfer seine Herde beschützt, so ist Gott für uns da an jedem Tag unseres Lebens.

Diese Träume von einem unbelasteten und guten Leben sind keine schillernden Seifenblasen, die zerplatzen, sobald sie mit dem harten Boden der Realität konfrontiert werden. Sondern diese Träume sind tragende Hoffnungen, gegründet in dieser Welt, basierend auf einem, der das Leben kannte und mit seinem Tod den Beweis brachte: Gott will für uns kein Leben durch Schuld belastet. Gott will für uns kein Leben im Leid. Das zeigt uns jemand, der das Leben kennt: Jesus, der für uns am Kreuz für unsere Sünden starb und wieder auferstand. Durch Jesus werden Träume wahr, sie werden lebendig und Realität.

Denn mit Jesus verändert sich unser Blick auf die Wirklichkeit. Wir sehen diese Welt, ihre Ungerechtigkeit, die Fehlerhaftigkeit, die Probleme und Mängel, und wollen sie zu einem besseren Ort machen. Wir stellen uns gegen Ungerechtigkeit – im Großen oder im Kleinen. Wir setzen uns für den Schutz der Umwelt ein, damit unsere Kinder und Kindeskinder noch eine Zukunft auf dieser Erde haben. Wir verleihen Unterdrückten eine Stimme. Wir stellen uns gegen Hass und Gewalt und gehen in unserem Alltag friedlich und rücksichtsvoll mit unseren Mitmenschen um. So hat es Jesus uns gezeigt, so können wir Tag für Tag seinen Fußstapfen folgen. Und diese Welt zu einem besseren und gerechteren Ort machen. Diese Träume zerplatzen nicht an der Wirklichkeit, wenn die Illusion der Realität weicht. Diese Träume bestehen auch vor den Bildern der Nachrichten, des wahren Lebens. Bei einem solchen Vorbild brauchen wir uns nicht in Illusionen zu flüchten. Denn Gott begleitet uns durch das Auf und Ab des Lebens, kontinuierlich und sicher wie ein Schäfer seine Herde. Jesus als Vorbild - ein besseres Vorbild könnten wir nicht haben. Denn es hält die Realität aus und bietet uns Raum zum Träumen.

Amen.

Lied: EG 209 Ich möchte‘, dass einer mit mir geht

Fürbitten
Gott, du bist mein Hirte, du weißt, was ich nötig habe.
Wir bitten für Menschen, denen die Liebe in ihrem Leben fehlt,
die sich einsam fühlen, denen die Kraft zum Leben fehlt.
Erquicke du ihre Seele,
führe sie zur Quelle, die Leben schenkt

Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal. (Ps 23, 4a BIGS 2011)
Wir bitten für Menschen,
die keinen Sinn in der Welt und in ihrem Leben entdecken,
die es nicht ertragen von ihren Familien und Freunden getrennt zu sein,
die krank sind und
Sei du bei ihnen, so dass sie kein Unglück fürchten müssen.
Gib du ihnen den Trost, den sie benötigen.

Dein Stecken und Stab trösten mich. (Ps 23, 4c BIGS 2011)
Wir bitten für alle, die einen Menschen verloren haben und deswegen trauern.
Besonders denken wir an die Angehörigen unserer Gemeindeglieder, die/der in dieser Woche kirchlich bestattet wurde.
Sei du bei ihnen auf dem Weg durch die Trauer und gib ihnen Hoffnung und Vertrauen, dass du uns alle umfängst.
Wir bitten dich für alle, die in der Pflege und Betreuung der Menschen arbeiten, die nicht allein leben können, für die Pflegekräfte und Ärzte im Krankenhaus und bei den Rettungsdiensten, gib ihnen weiterhin Kraft und Freude für ihre Arbeit unter diesen erschwerten Bedingungen.

Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. (Ps 23, 5 BIGS 2011)
Wir bitten für Menschen, die hungern, die dürsten, die in Armut leben,
die nicht wissen, wovon sie morgen leben.
Für die, die nicht wissen, ob ihre Firma die wirtschaftliche Krise überlebt, die durch den Corona-Virus ausgelöst wird, ob ihr Arbeitsplatz in wenigen Wochen noch bestehen wird.  
Gib ihnen das tägliche Brot und die Hoffnung, dass du ihnen voll einschenkst.
Denn wir vertrauen auf deine Barmherzigkeit und Güte,
die wir einst erfahren werden.

Vaterunser

Segen
Gott segne dich und behüte dich. Gott lasse sein Angesicht über dir leuchten und sei dir gnädig. Gott erhebe sein Angesicht auf dich und schenke dir seinen Frieden. Amen.

Musik zum Ausgang

Gottesdienst am 19.4.2020 mit Video von Pfarrer Rainer Böhm

Dieser Gottesdienst steht auch online: https://youtu.be/Qw-2i7zvWEQ

Orgel
Begrüßung
„Quasimodogeniti“ = „gleichsam wie Neugeborene“ – so stellte man sich in der frühen christlichen Kirche die Täuflinge vor, wenn sie bei ihrer Taufe im Wasser untergetaucht waren und wiederauftauchten. Ein eindrückliches, zeichenhaftes Geschehen und zugleich eine sichtbare Erklärung für die Auferstehung Jesu: gestorben und wieder auferstanden, neu geboren!
Damals kamen alle in der Osternacht getauften Christen in ihren weißen Taufgewändern am Sonntag nach Ostern zum ersten Gottesdienst als neu getaufte Mit-Christen. Deshalb nennt man bis heute diesen Sonntag den „Weißen Sonntag“. Unsere christliche Taufe ist also eng mit der Auferstehung Jesu verbunden.
Dieses österliche Geschehen übersteigt unsere Vernunft und Vorstellungskraft. Es ist ein ermunterndes Zeugnis zum Aufbruch aus Trübsinn und Resignation – gerade in dieser eigenartigen „Corona-Zeit“, in der wir nur „gemeinsam getrennt“ Gottesdienste feiern können.

Votum
Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Amen

Psalmgebet

Aus Psalm 116 EG 746
 
Der Herr tut dir Gutes
 
Sei nun wieder zufrieden, meine Seele;
denn der Herr tut dir Gutes.
 
Denn du hast meine Seele vom Tode errettet,
mein Auge von den Tränen, meinen Fuß vom Gleiten.
 
Ich werde wandeln vor dem Herrn
im Lande der Lebendigen.
 
Wie soll ich dem Herrn vergelten
all seine Wohltat, die er an mir tut?
 
Ich will den Kelch des Heils nehmen
und des Herrn Namen anrufen.
 
Dir will ich Dank opfern
und des Herrn Namen anrufen.
 
Ich will meine Gelübde dem Herrn erfüllen
vor all seinem Volk
 
in den Vorhöfen am Hause des Herrn,
in dir, Jerusalem. Halleluja!

Eingangsgebet
Gott,
wir kommen mit unseren Fragen, mit unseren Sorgen.
Wir kommen zu dir mit Ängsten und mit Zweifeln.
Schenke uns Augen, die sehen.
Schenke uns Hände, die begreifen.
Gib uns ein Herz, das dir vertraut.
Das bitten wir dich durch Jesus Christus, deinen Sohn.
Amen

Lesung Johannes 20, 19+24 – 29
19 Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, da die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch!
24 Thomas aber, einer der Zwölf, der Zwilling genannt wird, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. 25 Da sagten die andern Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und lege meinen Finger in die Nägelmale und lege meine Hand in seine Seite, kann ich's nicht glauben. 26 Und nach acht Tagen waren seine Jünger abermals drinnen, und Thomas war bei ihnen. Kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren, und tritt mitten unter sie und spricht: Friede sei mit euch! 27 Danach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! 28 Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott! 29 Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, darum glaubst du? Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!

Lied: 184 Wir glauben Gott im höchsten Thron

Predigt

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

Liebe Gemeinde nah und fern,

ich möchte eine Brücke schlagen über 2500 Jahre. Von uns heute zu einem Predigttext, der in Babylon entstand, wo die jüdische Oberschicht gefangen war. Weit weg von der Heimat hat Gott ihnen einen Propheten geschickt, der sie trösten und aufmuntern sollte. Ich glaube, das können wir auch gut gebrauchen. Jesaja sagt also ihnen und uns:
26 Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt. 27 Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: „Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber“?  28 Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.  29 Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.  30 Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen;  31 aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden. Jesaja 40, 26-31

Sie haben jahrelang zu ihrem Gott gebetet; sie haben von ihm erzählt und sich an ihn gehalten; sie sind nicht von ihm abgefallen und haben sich nicht den vielen Göttern Babylons zugewandt; sie haben der Botschaft von dem einen, barmherzigen Gott vertraut. Aber sie haben nichts von ihm gespürt; er hat sie nicht befreit; er hat sie nicht in ihre Heimat zurückgebracht. Sie haben wie vor eine Wand gebetet und vergeblich geglaubt. Deshalb haben sie schließlich die Götter der Babylonier angebetet; denn ihr Gott hatte sie vergessen.

Auch wir beten – und nichts ändert sich. Was ist, wenn das Coronavirus das persönliche Leben und das der ganzen Gesellschaft völlig umkrempelt? Was ist, wenn wir unter unseren eigenen Fehlentscheidungen leiden und den Sinn des Lebens und das Vertrauen in Menschen verlieren? Wo ist dann Gott? Kümmert er sich nicht um uns hier? Hat er immer andere im Blick?  Unsere Kirchengemeinde wird kleiner; es ist schwer, engagierte Menschen in den Kirchenvorstand zu bekommen; die Zahl der nicht getauften Menschen wird größer.
„Geht der Glaube zur Tür hinaus, kommt der Aberglaube durch´s Fenster. Verlässt Gott das Haus, kommen die Gespenster.“ So heißt ein altes Sprichwort.         

„Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der die Enden geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich!“
Hast du nicht gehört, was damals nach der Kreuzigung Jesu an Ostern geschehen ist? Sie waren wirklich verzweifelt, als ihr Meister und ihr Idol gefangen genommen und gekreuzigt wurde. Sie waren völlig enttäuscht; denn ihre Lebenshoffnung war dahin! Aus Angst vor der eigenen Gefangennahme und Kreuzigung waren sie geflohen. Sie waren Angsthasen geworden.
Und dann wurden sie Zeugen der Schöpfungsmacht Gottes; sie erlebten die Begegnung mit dem auferstandenen Jesus. Sie bekamen plötzlich neue Kraft, „dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“

Menschen: sie sind auf einmal nicht mehr dieselben. Sie sind andere geworden. Wo sind auf einmal die Feiglinge, die flüchten? Die Angsthasen, die ihn verleugnen? Die Zweifler, wie Thomas, von dem wir eben hörten? Die Angst macht nichts besser. Im Gegenteil. Sie macht das Leben in schwierigen Zeiten noch schwerer. Vorsicht ist gut, Wachsamkeit. Aber Angst ist wie gefangen zu sein. Aus ihnen werden andere. Sie haben ihre Angst verloren. Sie wissen, es geht weiter. Der Himmel steht uns allen offen.

Von dem Pfarrer und Dichter Kurt Marti stammen die Zeilen:
„Ihr fragt, wie ist die Auferstehung der Toten? – Ich weiß es nicht.
Ihr fragt, wann ist die Auferstehung der Toten? – Ich weiß es nicht.
Ihr fragt, gibt´s keine Auferstehung der Toten? – ich weiß es nicht.
Ich weiß nur, wonach ihr  n i c h t  fragt: Die Auferstehung derer, die leben. Ich weiß nur, wozu er uns ruft: Zur Auferstehung heute und jetzt.“

Auferstehung als ermutigender Schritt nach vorne. Ich erlebe es als  ein aktuelles Geschehen, als Ruf aus meiner Angst. Wir – das sind die, die „auf den Herrn harren“. „Harren heißt Hoffen, weil der Schöpfergott viel mehr vermag als ich, sein Geschöpf. Er kann den Tod besiegen; er kann die Angst wegnehmen; er schenkt neue Kraft. Und er kann dies nicht nur; er hat es getan!  „Weißt du nicht? Hast du nicht gehört?“
 
Die Osterbotschaft ist Schöpfungshandeln Gottes Es übersteigt unseren Verstand! Es reißt uns bis heute heraus aus dem Jammern und Klagen über die Abwesenheit des Gottes, über seinen Tod und die Frage, wie er so etwas zulassen kann wie das, was uns in diesen Monaten geschieht. Und das hat seine Auswirkung auf unser Verhalten:

Ich erlebe, wie unsere Gemeinde zusammenhält. Wie wir uns im Internet zum gemeinsamen Gebet versammeln können und zur Beratung. Wie unsere Gemeindebrief_Redaktion vor Ostern in wenigen Tagen eine Sondernummer zusammengestellt hat, die wir in Altenheime,  gebracht, und an tausend Emailadressen verschickt haben. Gottesdienst auch so zu feiern – hier in der Kirche und bei Ihnen daheim. Oder die Osternacht in der Dankeskirche als Youtube-Video erleben zu können.

Unserem schwachen Glauben werden Flügel geschenkt, wie Adler sie haben. Auferstehung heißt aufstehen und aufbrechen wie die Menschen, die gerade getauft sind. So sind wir! Gottes Schöpfung ist noch lange nicht zu Ende.
Amen

Der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen

Lied: 103, 1 – 5 Gelobt sei Gott im höchsten Thron

Fürbitte
„Ostern, Aufstand des Lebens gegen den Tod.
Noch ist unser Leben vom Tod gezeichnet.
Ostern, Aufstand der Freude gegen das Leid.
Noch ist unser Leben vom Leid gezeichnet.
Nur ahnend erfassen wir das Neue.
Doch wir trauen dir, Gott, zu, dass du alles verwandelst
und dein Osterlicht heute durch uns leuchten lässt.“

Gott, wir stehen an der Seite unserer Geschwister, die leiden. Und wir wissen, dass sie durch deine Wunden geheilt sind von Schwäche und Krankheit.
Wir bitten darum, dass wir gemeinsam als deine Kinder auf der ganzen Erde diese schweren Zeitengemeinsam bestehen.
Wir bitten um Schutz für diejenigen, die ganz vorne stehen im Kampf gegen das Coronavirus, als Pflger, als Ärzte, als Forscher.
Wir bitten um Ruhe, um Trost und um Vernunft in bedrängender Panik und wachsender Angst.
Wir bitten um Verbundenheit und Solidarität in unserer weltweiten Menschenfamilie in dieser schwierigen Situation.
Lass deinen Frieden sich ausbreiten in uns.
Das bitten wir in Jesu Namen. Amen.

Vaterunser

Lied: 99 Christ ist erstanden

Segen
Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. (Jesaja 9,1)
Gottes heilende Hand ruhe auf dir.
Gottes lebenspendende Kraft fließe in dich und in jede Zelle deines Körpers und in die Tiefen deiner Seele.
Sie soll dich reinigen und erfüllen und aufbauen zu Ganzheit und Stärke im Frieden Gottes.
Amen

Orgel

Gottesdienst am Ostermontag 2020 mit Video von Pfarrerin Meike Naumann

Der hier abgedruckte Gottesdienst ist auch online zu finden: https://youtu.be/8plFR0AKdTE

Liebe Kinder, liebe Eltern,

bevor es losgeht mit unserem ganz anderen Ostergottesdienst ein paar Worte vorweg. Natürlich wird der Gottesdienst, den wir gleich feiern, ganz anders sein als der Familiengottesdienst, den wir sonst immer feiern. Wir haben den Gottesdienst in der Dankeskirche aufgenommen, nicht in der Wilhelmskirche. Ihr seid zu Hause am PC oder am Tablet und guckt euch den Gottesdienst an. Wir können uns nicht wie sonst direkt begrüßen, miteinander singen, uns anschauen. Der Gottesdienst ist viel ruhiger als er es sonst ist. Ohne Anspiel oder Aktionen für euch zum Mitmachen. Und die Aufzeichnung ist vor allem viel ruhiger als die Sendungen, die ihr sonst so schaut. Aber ich freue mich trotzdem, dass wir das alles so hinbekommen haben und wünsche uns einen gesegneten Gottesdienst.

Musik zum Eingang

Liebe Kinder, liebe Eltern,

leider können wir dieses Jahr unseren Osterfamiliengottesdienst nicht gemeinsam feiern. Aber Ostern fällt nicht aus!

Und so grüße ich Euch und Sie alle aus der fast leeren Dankeskirche. Ich freue mich, dass ich nicht ganz allein hier bin. Frank Scheffler ist an der Orgel und hat uns bereits mit dem Jubelruf begrüßt:

„Christus ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden!“

Diese Botschaft haben die Frauen den Jüngern überbracht. Wir wollen gemeinsam feiern, dass Jesus nicht im Tod geblieben ist. Jesus lebt! Wir wollen gemeinsam feiern, denn Jesus hat uns versprochen: Wer sein Leben in meinem Namen lebt, der wird ein erfülltes Leben haben.
Wir sind zusammen im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und heilige Geistes. Amen.

Wir freuen uns und singen gemeinsam das erste Lied.

Lied: EG+ 17  Große Leute, kleine Leute

Und wir beten zu Gott mit Worten aus Psalm 118

Heute ist der Tag, den Gott gemacht hat.
Lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein.
Gott, ich will für dich ein Lied singen.
Ich darf leben und erzählen, wie gut du zu uns bist.

Gott, wenn ich Angst habe, dann bist du da.
Du hörst mich, wenn ich rufe.
Was können mir Menschen tun?
Du bist da, um mir zu helfen.

Auf dich zu vertrauen ist besser, als sich nur auf Menschen
zu verlassen.
Auf dich zu vertrauen ist besser, als auf irgendeinen Supermann
zu warten.

Der Stein, den die Bauleute achtlos weggeworfen haben,
ist zum Grundstein für alles geworden.
Und das hat Gott gemacht.
Heute ist der Tag, den Gott gemacht hat.
Lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein.

Die Ostergeschichte nach dem Evangelium des Lukas Kapitel 24,12

Jesus lebt!

Am Sonntagmorgen gingen die Frauen in aller Frühe zum Grab.

Sie hatten duftende Salben und Öle dabei, mit denen sie Jesus einreiben wollten. So war es damals bei Begräbnissen üblich. Als sie beim Grab ankamen, sahen sie, dass der große Stein nicht mehr vor dem Eingang lag. Jemand musste ihn weggerollt haben!

Die Frauen gingen in die Grabkammer hinein und erschraken: Das Grab war leer! Jesus war nicht mehr da! Was war mit ihm geschehen?

Ratlos standen die Frauen da. Plötzlich kamen zwei Männer auf sie zu. Ihr Kleider waren so weiß, dass sie leuchteten wie die Sonne. Furchtsam blickten die Frauen auf den Boden und wagten nicht, die Männer anzusehen.

»Ihr sucht Jesus?«, sprach einer der Männer sie an. »Warum sucht ihr ihn hier bei den Toten? Er ist nicht hier. Denn er lebt! Gott hat ihn vom Tod auferweckt.« Da erinnerten sich die Frauen, dass Jesus ihnen schon vor seinem Tod gesagt hatte: »Ich werde am Kreuz sterben. Aber am dritten Tag werde ich auferstehen.« Jetzt hatten sich seine Worte erfüllt. Gott hatte Jesus nicht dem Tod überlassen!

Voller Freude liefen sie in die Stadt zurück. Diese wunderbare Nachricht mussten sie so schnell wie möglich den anderen Jüngern bringen: Jesus war vom Tod auferstanden! Doch als die Frauen den Jüngern erzählten, was sie erlebt hatten, wollten die ihnen nicht glauben. »Was sagt ihr denn da?«, riefen sie. »Das ist völlig unmöglich! Wir haben doch gesehen, wie Jesus am Kreuz gestorben ist!« Nur Petrus sagte nichts. Er stand auf, lief zum Grab und schaute hinein. Nur das weiße Leintuch lag dort. Jesus war fort – genau wie die Frauen es gesagt hatten. Ob sie doch Recht hatten? Nachdenklich ging Petrus wieder zu den anderen zurück.

Lied: EG 116 Er ist erstanden

Gebet

Gott, wir feiern Ostern.
Wir feiern, denn du hast den Tod besiegt.
Wir freuen uns, dass du stärker bist als alles, was uns Angst macht.
Du versprichst uns neues Leben.
Wie Jesus bei dir lebt, so werden auch wir bei dir leben.
Auf dich hoffen wir.
Wir bitten dich für alle Menschen,
die sich heute nicht freuen können,
die traurig sind,
die Angst haben,
die ohne Hoffnung sind.
Lass es auch für sie Ostern werden.
Verwandle ihre Trauer in Freude.
Verwandle ihre Angst in Mut.
Verwandle ihre Hoffnungslosigkeit in Vertrauen auf dich.

Vater unser

Lied: 170 Komm, Herr, segne uns

Segen

Musik zum Ausgang

Gottesdienst am Ostersonntag 2020 mit Video von Pfarrer Rainer Böhm

Der hier abgedruckte Gottesdienst ist auch online zu finden: https://youtu.be/t8cDXpbi_MQ

Eingangsmusik

BEGRÜSSUNG
Er ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden!
Ostersonntag ist der Tag, an dem es trotzdem weitergeht. Es geht weiter. Anders. Alles ist anders. Du hattest es anders geplant, gewünscht, gehofft, Du warst es anders gewohnt. Anders ist schwer. Es ist auch nicht auf einmal alles gut. Es ist immer noch schrecklich. Aber das ist nicht das Ende. Es geht weiter. Du gehst weiter. Und Du merkst, dass Du nicht alleine gehst. Jesus ist noch da. Irgendwo weiter vorne und manchmal neben dir. Auf dem Weg durch Leben und Tod. Auf dem Weg in eine bessere Zukunft. Gott hat sie uns versprochen. Deshalb: Frohe Ostern!

VOTUM
Wir feiern diesen Ostergottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

EINGANGSPSALM

Leben, das ist etwas Erschütterbares.
Es ist in uns. Es ist um uns.
Und es ist uns voraus.
So wie Christus selbst:
Er ist in uns. Er ist um uns.
Und er ist uns voraus.
Unsere Hoffnung trägt seinen Namen.
Sein Name trägt unsere Hoffnung.
Oster – Hoffnung,
die das Leben wandelt
und jeden Tag neu auf uns wartet:
„Mir ist ein Stein vom Herzen genommen:
meine Hoffnung,
die ich begrub,
ist auferstanden.“
Er ist in uns. Er ist um uns.
Und er ist uns voraus.
Lasst uns miteinander Gott anbeten ...

Kyrie
Kyrie eleison – Herr, erbarme dich!
„Wir wollen alle fröhlich sein“ –
aber es gibt so vieles, was unsere Freude bedrängt:
Krankheit, Gefahr, Tod, Verunsicherung.
Wir wissen in diesem Jahr gar nicht, wie wir Ostern feiern sollen.

Christe eleison – Christe erbarme dich!
„Wir wollen alle fröhlich sein“ –
aber die Freude und Fröhlichkeit ist uns gerade vergangen,
haben wir verlernt und ausgetrieben.
Können und dürfen wir sie neu lernen?

Kyrie eleison – Herr, erbarme dich!
„Wir wollen alle fröhlich sein“ –
aber es sind viele, die sich nicht mitfreuen können:
unwillkommen in unserem reichen Land,
verfolgt und unterdrückt in anderen Ländern der Erde,
verstümmelt von Minen der neuesten Technologie.
Triumphiert nicht überall der Tod über das Leben?
Wir bitten gemeinsam: Herr, erbarme dich ...

Gloria
Die der Geist Gottes treibt,
die sind Gottes Kinder.
Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben,
nämlich Gottes Erben und Miterben Christi,
wenn anders wir mit ihm leiden
auf dass wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden.
Lobsinget Gott,
erhebet seinen heiligen Namen ...

Der Herr sei mit euch ...

GEBET
Gott, Quelle des Lebens,
vom Tod weg wende unsere Sinne zum Leben,
von der Trauer weg zur Freude am Miteinander,
von der Ängstlichkeit zum Mut der Befreiten.

Gott, Quelle des Lebens,
unsere Gefühle erwachen zur Hoffnung,
unsere Worte bezeugen deine Wunder,
unsere Taten preisen deine Liebe.

Gott, Quelle des Lebens,
wir sind in deinen Tod getauft,
wir werden neu zu deinem Leben erweckt,
wir werden in dir sein, wie du in uns –
durch Jesus Christus, deinen Sohn

LESUNG
Mk 16, 1 - 8
Die Botschaft von Jesu Auferstehung
1 Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben. 2 Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging.
3 Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?
4 Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß. 5 Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich.
6 Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. 7 Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingeht nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.
8 Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas; denn sie fürchteten sich.

EG 805 Nicänisches Glaubensbekenntnis
Wir glauben an den einen Gott,
den Vater,
den Allmächtigen,
der alles geschaffen hat,
Himmel und Erde,
die sichtbare und die unsichtbare Welt.
Und an den einen Herrn Jesus Christus,
Gottes eingeborenen Sohn,
aus dem Vater geboren vor aller Zeit:
Gott von Gott,
Licht vom Licht,
wahrer Gott vom wahren Gott,
gezeugt, nicht geschaffen,
eines Wesens mit dem Vater;
durch ihn ist alles geschaffen.
Für uns Menschen und zu unserm Heil ist er vom Himmel gekommen,
hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist
von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden.
Er wurde für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus,
hat gelitten und ist begraben worden,
ist am dritten Tage auferstanden nach der Schrift
und aufgefahren in den Himmel.
Er sitzt zur Rechten des Vaters
und wird wiederkommen in Herrlichkeit,
zu richten die Lebenden und die Toten;
seiner Herrschaft wird kein Ende sein.
Wir glauben an den Heiligen Geist,
der Herr ist und lebendig macht,
der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht,
der mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird,
der gesprochen hat durch die Propheten,
und die eine, heilige, christliche und apostolische Kirche.
Wir bekennen die eine Taufe zur Vergebung der Sünden.
Wir erwarten die Auferstehung der Toten
und das Leben der kommenden Welt.
Amen.
Anmerkung:
Das "und vom Sohn" (filioque) wurde später in das Glaubensbekenntnis eingefügt und in karolingischer Zeit im ganzen Frankenreich gebräuchlich. Es entspricht westlicher, nicht ostkirchlicher Tradition.

LIED 100, 1+2   Wir wollen alle fröhlich sein

Predigt

Liebe Ostergemeinde,

zunächst werden sie vom Entsetzen gepackt.
Wie im Traum ist es, als die Frauen in das Grab hineingehen. Ein Traum ist nicht die Realität. Er spricht eine andere Wahrheit aus der Tiefe der Seele. So können wir die Ostergeschichte hören – und vergleichen mit unseren Träumen, wenn in ihnen die ganze Sehnsucht nach Leben aufwacht:
Du schläfst – um aufzuwachen. Du stirbst – um zu leben: So heißt ein alter Weisheitsspruch.
Wie im Traum gehen sie ins Grab, und sie finden den Leichnam Jesu nicht, aber sehen einen Jüngling im weißen Gewand. Im Schock sind die Frauen wie versteinert, wie erstarrt. Es ist wie der zweite Verlust eines Toten. Eine Kälte, die nach dem Herzen greift. Er ist weg.

„Entsetzt euch!“, das sagt uns jetzt jede Zeitung, jede neue Meldung, das sagt uns unser ganz normaler Verstand in diesen Wochen.  Fürchtet euch vor diesem Virus. Fürchtet euch vor Ansteckung und Krankheit. Vor dem Tod! Fürchtet euch!
„Fürchtet euch!“ das dachten sie auch damals. Jesus weg. Die Hoffnung verloren. Der Glaube: umsonst. Die Liebe: vergeblich. Das sind Erfahrungen, die jeden versteinern. Hart machen. Wir treiben auch auf den Tod zu, und mit ihm verlieren wir alles. Er beherrscht unser Leben. Und deshalb klammern wir uns an alles, an Besitz und Pläne, an Bedürfnisse und Ordnungen. Und so schleicht sich der Tod auch in unser Leben.

„Entsetzt euch nicht!“, sagt der Engel. Und die drei Frauen erfahren:  Der Himmel ist offen. Und sie ahnen es ist Gott, auf den wir zugehen. Der unseren Tod in Leben verwandelt. Mehr wissen sie nicht. Aber sie bekommen den Auftrag, es den Jüngern zu sagen; und dass er vor ihnen hergehen wird nach Galiläa; dass er ihnen also voraus sein wird.
Sie fliehen vom Grab. Maria erzählt es in der Stadt den Jüngern, und die glauben ihr nicht. So schwer ist es mit der Auferstehung, dass man es nicht glauben kann. Und wem es von uns so geht, der ist in bester Gesellschaft. Bevor an Aufstehen zu denken ist, bevor das Leben neu zu begreifen ist, muss alles durch eine tiefe Erschütterung hindurch.

Das ist auch bei uns jetzt so: dass wir erschüttert werden und dann bewegt werden zu Neuem. Durch schlimme Tiefen hindurch. Erschüttert von dieser gemeinsamen Ohnmacht. Woher kann Hilfe kommen? Was wird aus uns? Erschüttert auch durch frühere Brüche. Durch Scheitern. Durch Abschiede. Aber auch in uns kann eine tiefe Sehnsucht wachsen, die uns anrührt und bewegt. Zum Leben bewegt werden und einander zum Leben bewegen. Das Leben lebendig machen und einander zum Leben erwecken – Das ist auch Ostern. So haben wir Anteil an der Auferstehung, so nehmen wir teil an der Auferstehung Jesu Christi.
Sie will uns beleben. Uns, die wir oft ganz mutlos sind; in Ängsten gefangen. Dieses Ostern heißt es: In Ängsten, aber siehe: wir leben!
Wir lernen alle viel in diesen Wochen. Darauf zu achten, was der Gemeinschaft dient. Abstand zu halten aus Verantwortung für den anderen. Wieder mehr zu telefonieren. Wir lernen, Videokonferenzen zu nutzen oder Gottesdienste und Andachten in der Kirche aufzunehmen. Wir lernen die wertzuschätzen, auf die wir vorher kaum geachtet haben: all die Fahrer und das ganze Transportwesen; Kassiererinnen und Regalauffüller, Pflegekräfte in den Krankenhäusern und Heimen, die ganze medizinische Infrastruktur unseres Landes. Ging es nicht vor kurzem noch um weitere Klinikschließungen und Einsparungen?  Eine Hoffnung wächst: vieles wird sich ändern, so wie wir uns gerade ändern.

Die Frauen berichten vom leeren Grab. Für viele damals und heute: ein anstößiger Glaube. Eine Fantasie, nicht zu beweisen. Paulus berichtet 25 Jahre später im Korintherbrief darüber, alle Evangelien deuten das Leben Jesu von diesem Ausgangspunkt aus: der Auferstehung. Ihr stärkster Beleg ist für mich aber ein anderer: Zuerst die Frauen am Grab, dann alle Jünger, Paulus und immer mehr andere Menschen: sie sind auf einmal nicht mehr dieselben. Sie sind nicht mehr wieder zu erkennen. Wo sind auf einmal die Feiglinge, die flüchten, als ihr Meister abgeholt wird? Die Angsthasen, die ihn verleugnen, bis der Hahn kräht? Die Zweifler, die sich verstecken, bis er am Kreuz erstickt?
Aus ihnen werden Apostel. Boten und Botinnen des Evangeliums. Bereit, sich für diesen Jesus zu opfern. Sie halten nicht mehr still. Sie sind einfach durch nichts und niemanden mehr zu stoppen. Ihnen ist etwas Ungeheuerliches widerfahren. Und jetzt tragen sie dieses Erlebnis übers Land. Da ist einer vergeblich hingerichtet worden. Der Himmel steht uns allen offen.

Auferstehung, Auferweckung. Wir wachen auf. Wir wachen auf zum Leben. Wir werden wach für das Leben. Für unser Leben. Auch angesichts von Grenzen, Belastungen und Ängsten:  Wir erkennen es in seiner Einmaligkeit, seiner Schönheit, und auch in seiner Gefährdung.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Lied 100, 3 – 5 Wir wollen alle fröhlich sein

Karsamstagslegende
von Bertolt  Brecht

Seine Dornenkrone
Nahmen sie ihm ab
Legten ihn ohne
Die Würde ins Grab.

Als sie gehetzt und müde
Andern Tags wieder zum Grabe kamen
Siehe, da blühte
Aus dem Hügel jenes Dornes Samen.

Und in den Blüten, abendgrau verhüllt
Sang wunderleise
Eine Drossel süß und mild
Eine helle Weise.

Da fühlten sie kaum
Mehr den Tod am Ort
Sahen über Zeit und Raum
Lächelten im hellen Traum
Und gingen träumend fort.

Fürbitte

Gott,
du unserer Hoffnung Hoffnung,
 worauf sollen wir bauen,
 wenn nicht auf den Grund,
 den du legst
 in Jesus Christus.

Wir danken dir,
dass unsere Hoffnung
 immer wieder neu Nahrung erhält
 durch das Miteinander in der Gemeinde,
 durch erste gute Nachrichten,
 durch die Genesung schon vieler vormals Infizierter,
 durch in den Medien übertragene FeierN
 und durch eigene Stille,
 durch Liebe und Dienst,
 durch neue Ideen und gereifte Erfahrung,
 durch Gebet und Hingabe.

So reicht unsere Hoffnung
weit über den Glauben des Einzelnen hinaus.
So kennt unsere Hoffnung
keine Grenzen und Mauern.
So wird einer zur Stütze des anderen.

Gott,
du unserer Hoffnung Hoffnung,
stärke unsere Gemeinschaft.

Vater Unser

Lied 99 Christ ist erstanden

Segen

Musikalisches Nachspiel

Ostermorgen in der Dankeskirche - Video mit Vikar Ingmar Bartsch

Vom Dunkel ins Licht. Die ersten Sonnenstrahlen des Tages erhellen die Dankeskirche. An diesem Ostermorgen sind Sie dabei: Im Zeitraffer, mit dem Osterevangelium und dem Osterchoral „Wir wollen alle fröhlich sein“ von Kantor Uwe Krause.

Klicken Sie hier: https://youtu.be/nW_BZ04-EhA

Gottesdienst an Karfreitag 2020 mit Video von Pfarrerin Susanne Pieper

Der hier abgedruckte Gottesdienst ist auch online zu finden: https://www.youtube.com/channel/UCavtdQ1pU2H4Sd7TBtGgl9A/featured

Begrüßung

Ich grüße Sie heute herzlich über das Internet. Wir können in diesem Jahr den Karfreitag nicht gemeinsam begehen. Wir sind in einer Ausnahmesituation. Können nicht zusammen singen, beten, nachdenken und das Abendmahl feiern. Aber wir können uns durch Gottes Wort stärken lassen! Wir sind gleichwohl miteinander verbunden durch den Geist Gottes, der bei uns allen ist – egal, wo wir uns gerade befinden. Er gibt uns die Hoffnung, dass wir diese Zeit der Bewährung bestehen werden. Ich lade Sie ein, den Gottesdienst nun als Lesende miteinander zu feiern!

Votum

Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes! Amen.

Lasst uns beten

Jesus Christus, unser Bruder und Herr. Du bist den Weg des Leidens gegangen. Du warst einsam und ohne alle Sicherheiten. Du hast den Tod durchschritten. Wir kommen zu dir an diesem Tag. Mit unserer Not. Mit unseren Ängsten. Mit unserer Unsicherheit und Traurigkeit, mit dem, was uns bedrückt.
Sei du bei uns in dieser Zeit. Mach unsere Herzen weit, damit wir verstehen, dass dein Sterben für uns geschah. Damit wir aus deinem Leiden Trost und Kraft schöpfen für unseren Weg. Herr, erbarme dich!

Gnadenzusage

Jesus Christus spricht: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen (Offenbarung 1,17.18)

Lesung aus Matthäus 27,35-52a.54

Als sie ihn aber gekreuzigt hatten, verteilten sie seine Kleider und warfen das Los darum. Und sie saßen da und bewachten ihn. Und oben über sein Haupt setzten sie eine Aufschrift mit der Ursache seines Todes: Dies ist Jesus, der König der Juden. Und es wurden zwei Räuber mit ihm gekreuzigt, einer zur Rechten und einer zur Linken. Die aber vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe und sprachen: Der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, hilf dir selbst, wenn du Gottes Sohn bist, und steig herab vom Kreuz! Ebenso spotteten auch die Hohenpriester mit den Schriftgelehrten und Ältesten und sprachen: Andern hat er geholfen und kann sich selbst nicht helfen. Ist er der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz herab. Dann wollen wir an ihn glauben. Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, wenn er Gefallen an ihm hat; denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn. Desgleichen schmähten ihn auch die Räuber, die mit ihm gekreuzigt waren.

Und von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Einige aber, die da standen, als sie das hörten, sprachen sie: Der ruft nach Elia. Und sogleich lief einer von ihnen, nahm einen Schwamm und füllte ihn mit Essig und steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken. Die anderen aber sprachen: Halt, lass sehen, ob Elia komme und ihm helfe!

Aber Jesus schrie noch einmal laut und verschied. Und siehe, der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus. Und die Erde erbebte und die Felsen zerrissen. Als aber der Hauptmann und die mit ihm Jesus bewachten das Erdbeben sahen und was da geschah, erschraken sie sehr und sprachen: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!

Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg.

Lasst uns mit den Worten unserer Mütter und Väter unseren christlichen Glauben bekennen

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.

Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel, er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.

Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

Lied 97,1.2.6 Holz auf Jesu Schulter

Ansprache

Gottes Liebe, die Gnade Jesus Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!

Liebe Gemeinde,

um ehrlich zu sein, bin ich zurückhaltend darin, ein Kreuz zu tragen. Solch ein Kreuz an einer Halskette, solch einen schönen, glänzenden Schmuck. Das Kreuz ist zwiespältig. Zu schnell verbinde ich damit Gewalt und Unterdrückung. Zu sehr erinnert es mich an das schlimme Marterinstrument der Antike, an die römische Besatzungsmacht damals.  Dann aber gab es einen Trauerfall in der Familie. Und ich habe mir doch ein kleines Kreuz gekauft. Schwer zu beschreiben, warum. Ich sehnte mich nach Schutz in bedrohter Zeit. Ich brauchte Hilfe für mein verwundetes Inneres. Ich wollte ein Zeichen haben, dass ich nicht allein bin. Dass da jemand bei mir ist. Ganz nahe.

Irgendwann hatte das Kreuz dann wieder seinen Platz in seiner Schatulle. Doch jetzt trage ich es wieder.

Fast alles ist anders geworden in den letzten Wochen. Als wäre die Wirklichkeit dieser Welt in zwei Teile zerfallen. „Es gibt kein Drehbuch dafür“, sagen die Experten. „Es gibt keine Blaupause dafür“, sagen die Politiker. Grenzen werden geschlossen. Menschen dürfen sich nicht besuchen. Viele bangen um ihre berufliche Existenz. Ärzte und Pflegekräfte kämpfen. Und unvorstellbar viele Menschen sind schon gestorben. Niemand weiß, wie viele Angehörige um sie trauern. Ein heiliger Zorn ergreift mich im Blick auf das Virus. Und manchmal möchte ich am liebsten einfach auch nur schweigen.  Auf dem Boden sitzen, sieben Tage lang, so wie die Freunde von Hiob. Mein Herz klagt und trauert um die unfassbar Vielen. (Blick auf die Kerze und die Rose auf dem Altar. Kurze Stille)

Und dann diese Fragen: Wie soll ich das mit meinem Glauben zusammenbringen? Mit Gott? Wo ist er? In einem Kirchenlied heißt es: “Gott will im Dunkeln wohnen und hat es doch erhellt.“ Mit diesen Worten von Jochen Klepper singen wir uns eine mögliche Antwort zu. Und hoffen, dass Gott doch auch da ist. Auch im Leid.   Vor einer Woche schrieb mir eine Freundin in einer sms: „Es fühlt sich an derzeit an wie Karfreitag.“  Ja, das stimmt, dachte ich. Stille Straßen. Verhaltene, ernste Stimmung. Stumme Menschen. Jeder Tag wie Karfreitag. Und dann ist da die Frage, was es denn für uns austrägt, mitten in diesen Zeiten den Karfreitag auch noch zu begehen. Und inwiefern uns das jetzt helfen kann.

Ich glaube, es gibt einen Schlüssel. Einen kurzen, prägnanten Satz von Paulus: „Gott war in Christus,“ sagt er. „Wenn du etwas von Gott verstehen willst in dieser Welt, dann schau auf Jesus Christus. Sieh auf seinen Weg.“  Er hält sich nicht nur auf der Sonnenseite des Lebens auf. Er geht auch auf die Schatten- seite: wie ein guter Arzt kümmert er sich um die Kranken, die seine Hilfe brauchen. Nimmt sie wahr. Ist für sie da. Und heilt viele von ihnen. Er sieht die, die einsam sind, spricht mit ihnen und schenkt ihnen seine Zeit.  Überschwänglich und selbstlos verschenkt er Gottes Liebe an diese Welt.  Jesus geht aber auch den Weg in das Leid. Wird verleugnet, verraten.  Verspottet und geschmäht. Ausgeliefert.  Wird einsam inmitten seiner Gegner. Um das Kreuz herum ist es dunkel. “Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Das ist der Ruf aus dem tiefsten Leid, das ein Mensch im Leben je erfahren kann. Diesem Schmerz stellt Jesus sich. Er trägt diese Gottverlassenheit. Er hält sie durch.

Genau damit aber ist er unser Gefährte geworden. Der, der uns auch ohne Worte versteht. Unsere Angst und unsere Situation kennt. Uns begleitet.

„Gott war in Christus.“ Gott ging in seinem Sohn Jesus in den Tod, damit niemand, kein einzelner Mensch mehr im Tod allein ist. Damit keine Not und selbst der Tod kein Ort mehr ist, an dem wir von Gott verlassen sind. An der Hand von Jesus Christus kommen wir hindurch. Das ist Gottes tiefste Solidarität mit dem Menschen.

Der Klageruf Jesu in seiner letzten Stunde findet sich auch im 22. Psalm der Bibel. Mit diesem Ruf hält Jesus sich an der Tradition seines Volkes fest wie an einem Rettungsring. Und das alte Gebet geht weiter mit den Worten: “Du hast mich erhört! Als der Elende zu Gott schrie, da hörte er es!“ Diese Aussicht betet Jesus im Stillen mit. Darauf hofft er.

Jesus hat sich durch die Gottverlassenheit hindurchgebetet. Und sein Vater hat ihn nicht im Tod gelassen. Er hat seinen Ruf erhört. Hat ihm die Hand gereicht. Hat ihm ein neues Leben geschenkt. Hat ihn aus dem Tod auferweckt.

Auf den Karfreitag folgt Ostern. Das ist unsere Hoffnung! Das ist der Fels, auf dem unsere Füße stehen können. Das ist der Grund, auf dem wir Halt finden. Es wird Befreiung geben. Gott wird auch uns das Leben schenken und die Auferstehung dazu. Wir gehen im Leben immer auf Ostern zu.

Mit dieser Aussicht werden wir auch diese Krise durchstehen.

Ich trage jetzt mein Silberkreuz an jedem Tag. Es erinnert mich daran, dass ich nicht allein bin in dieser Zeit. Einer ist da, der ist immer ganz nahe. Einer wird immer bei mir sein.

Und Gottes Friede, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne im Messias Jesus. Amen.

Lied 209,1-4 Ich möcht, dass einer mit mir geht

Fürbitten und stilles Gebet

Unser Gott, wir danken dir für deinen Sohn. Er hat uns gezeigt, dass es möglich ist, durch das Dunkel zu gehen und trotzdem an dir festzuhalten, dir zu vertrauen. Er hat uns die Tür geöffnet für das Leben in deinem Licht. Er hat die Liebe bis zuletzt durchgehalten. Lass uns in seinen Spuren gehen.

Wir danken dir für alle Menschen, die schon genesen und immun geworden sind. Wir danken dir für alle Zeichen der Solidarität, die wir in unseren Tagen erleben.

Wir bitten dich für alle, die leiden müssen, dass du sie tröstest und bei ihnen bist.

Wir bitten dich für die Familien, die einen geliebten Menschen verloren haben und nicht mehr weiterwissen. Dass du ihnen durch die Trauer hindurch hilfst und sie aufrichtest.

Wir bitten dich für die Menschen, die schmerzlich ihre Einsamkeit spüren. Lass sie ein offenes Ohr für ihre Gedanken und Sorgen finden.

Wir bitten dich für alle Menschen, die um ihre berufliche Zukunft bangen. Schütze ihre Seele. Lass sie darauf vertrauen, dass es eine Lösung geben wird, auch wenn sie sie jetzt noch nicht sehen.

Wir bitten dich für alle Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte. Stärke sie, gib ihnen Zuversicht, bewahre sie vor Verzweiflung und schenke ihnen auch schöne Momente.

Wir bitten dich für die Menschen, die jetzt Verantwortung tragen in der Politik, Wirtschaft und Forschung. Lass sie Lösungen finden und Entscheidungen treffen, die uns schützen und uns helfen, solidarisch miteinander zu sein.

Wir bitten dich für die Familien, die in ihrem Zuhause unter besonderer Anspannung stehen. Gib ihnen Kraft, Gelassenheit und Fantasie für ihr Zusammenleben. Schütze die Kinder und die Schwachen.
Bleibe du bei uns allen mit deinem guten Geist, damit wir mutig durch diese Zeiten kommen. In der Stille sagen wir dir, was uns noch bewegt.

Vaterunser

Vaterunser im Himmel. Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Segen

Nun geht in die kommende Zeit mit dem guten Segen unseres Gottes:
Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Amen.

Tischabendmahl an Gründonnerstag 2020 mit Video von Vikar Ingmar Bartsch

Hinweis: In diesem Gottesdienst – der Titel sagt es ja schon – wird Abendmahl gefeiert. Das Abendmahl ist ein Zeichen der Gemeinschaft. Und deshalb können Sie es zu Hause mitfeiern, indem Sie sich Brot und Wein oder Traubensaft oder einen anderen Saft zurechtstellen. So wird Ihr Tisch zu Hause zum Tisch der Gemeinschaft innerhalb der Gemeinde.

Der hier abgedruckte Gottesdienst ist auch online zu finden: https://www.youtube.com/channel/UCavtdQ1pU2H4Sd7TBtGgl9A/featured


Wir feiern dieses Tischabendmahl im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

Lassen Sie uns beten:
Gott, wir halten Abstand, und bleiben zu Hause. Unsere Kontakte sind auf ein Minimum beschränkt. Viele Menschen vereinsamen in dieser Zeit. Das klagen wir Dir Gott und bitten Dich: Herr, erbarme Dich!
Gott, wir halten Abstand und bleiben zu Hause und verlieren dabei Menschen aus den Augen, die uns wichtig sind. Das klagen wir Dir Gott und bitten Dich: Herr, erbarme Dich!
Gott, wir halten Abstand und bleiben zu Hause. Doch zu Hause ist nicht für alle ein Ort der Geborgenheit. Das klagen wir Dir Gott und bitten Dich: Herr, erbarme Dich!
Gott, wir halten Abstand und bleiben zu Hause. Manchmal werden wir ungehalten und zornig. Wir werden ungerecht gegenüber unseren Mitmenschen. Das klagen wir Dir Gott und bitten Dich: Herr, erbarme Dich!

Jesus Christus spricht: Ich bin bei Euch alle Tage, bis ans Ende der Welt. Ehre sei Gott in der Höhe!

Lesung Nach Exodus 12, 1-14
1 Der HERR aber sprach zu Mose und Aaron in Ägyptenland: 2 Dieser Monat soll bei euch der erste Monat sein, und von ihm an sollt ihr die Monate des Jahres zählen. 3 Sagt der ganzen Gemeinde Israel: Am zehnten Tage dieses Monats nehme jeder Hausvater ein Lamm und schlachte es. 7 Und sie sollen von seinem Blut nehmen und beide Pfosten an der Tür und den Türsturz damit bestreichen an den Häusern, in denen sie's essen, 8 und sollen das Fleisch essen in derselben Nacht, am Feuer gebraten, und ungesäuertes Brot dazu und sollen es mit bitteren Kräutern essen. 10 Und ihr sollt nichts davon übrig lassen bis zum Morgen; wenn aber etwas übrig bleibt bis zum Morgen, sollt ihr's mit Feuer verbrennen. 11 So sollt ihr's aber essen: Um eure Lenden sollt ihr gegürtet sein und eure Schuhe an euren Füßen haben und den Stab in der Hand und sollt es in Eile essen; es ist des HERRN Passa. 14 Ihr sollt diesen Tag als Gedenktag haben und sollt ihn feiern als ein Fest für den HERRN, ihr und alle eure Nachkommen, als ewige Ordnung.

Predigt Teil 1:
Diese Nacht war eine besondere Nacht. Es war die Nacht vor dem Auszug aus Ägypten. Wie werden sich die Menschen damals gefühlt haben? Euphorisch? Ängstlich? Voller Tatendrang oder zögernd? Sie waren in einer Situation zwischen Bangen und Hoffen. Die Nacht vor dem Aufbruch ins Ungewisse. Und gerade da lässt Gott das Volk feiern. Sie sollen sich stärken und auf das vorbereiten, was kommt.

Nein, es war kein Vergnügen, was die Israeliten am nächsten Tag und in den folgenden 40 Jahren erwartete. Es war ein langer Weg, eine Wüstenwanderung im wahrsten Sinne des Wortes. Sie rangen mit sich und mit Gott. Sie waren himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Der Weg in das gelobte Land ihrer Vorfahren war anstrengend. An manchen Tagen wünschten sie sich sogar die Sklaverei zurück. An diesem Abend aber saßen sie zusammen und stärkten sich. Jede Familie in ihrem Haus. Doch das gemeinsame Essen verband sie untereinander.  

Und damit dieser Abend und die Befreiung aus Ägypten nie in Vergessenheit gerät, machte Gott selbst aus diesem ersten Passahmahl eine jährliche Erinnerungsfeier. Jedes Jahr sollen sich die Israeliten erinnern, dass sie Sklaven waren und dass Gott sie befreit hat. Und Gott verbindet diese Erinnerung mit Essen. Das finde ich tief sympathisch. Die ungesäuerten Brote, die so genannten Mazzen erinnern daran, dass das Volk bereit zum Auszug war. Die bitteren Kräuter erinnern an die schlimme Zeit in der Sklaverei in Ägypten. Später ist das Salzwasser hinzugekommen. Es steht für die Tränen, welche die unterdrückten Menschen vergossen haben.  Ebenfalls später kamen frische, grüne Kräuter hinzu, als Symbol für den Aufbruch und die Hoffnung auf eine bessere Zeit. Und für diese Hoffnung und die Befreiung stehen auch die Kelche mit dem Wein.

Lied 221: „Das sollt ihr, Jesu Jünger, nie vergessen“


Lesung
Unser Abendmahl hat seine Wurzeln auch im jüdischen Passahfest und in der Sederfeier. Denn am Abend vor seinem Tod am Kreuz feierte Jesus mit seinen Jüngern, also seinen engsten Freunden, das Passahmahl. Es war eine letzte Gemeinschaft miteinander, aber es lag ein Schleier auf diesem Fest. Die Freunde haben zusammen gegessen, sie haben gefeiert. Und doch war es anders, als sonst.
Wir hören Worte aus dem Markusevangelium im 14. Kapitel:
12 Und am ersten Tage der Ungesäuerten Brote, da man das Passalamm opferte, sprachen seine Jünger zu ihm: Wo willst du, dass wir hingehen und das Passalamm bereiten, damit du es essen kannst? 13 Und er sandte zwei seiner Jünger und sprach zu ihnen: Geht hin in die Stadt, und es wird euch ein Mensch begegnen, der trägt einen Krug mit Wasser; folgt ihm, 14 und wo er hineingeht, da sprecht zu dem Hausherrn: Der Meister lässt dir sagen: Wo ist die Herberge für mich, in der ich das Passalamm essen kann mit meinen Jüngern? 15 Und er wird euch einen großen Saal zeigen, der schön ausgelegt und vorbereitet ist; und dort richtet für uns zu. 16 Und die Jünger gingen hin und kamen in die Stadt und fanden's, wie er ihnen gesagt hatte, und bereiteten das Passalamm. 17 Und am Abend kam er mit den Zwölfen. 18 Und als sie bei Tisch waren und aßen, sprach Jesus: Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch, der mit mir isst, wird mich verraten. 19 Da wurden sie traurig und sagten zu ihm, einer nach dem andern: Bin ich's? 20 Er aber sprach zu ihnen: Einer von den Zwölfen, der mit mir seinen Bissen in die Schüssel taucht. 21 Der Menschensohn geht zwar hin, wie von ihm geschrieben steht; weh aber dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird! Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre. 22 Und als sie aßen, nahm er das Brot, dankte und brach's und gab's ihnen und sprach: Nehmet; das ist mein Leib. 23 Und er nahm den Kelch, dankte und gab ihnen den; und sie tranken alle daraus. 24 Und er sprach zu ihnen: Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird. 25 Wahrlich, ich sage euch, dass ich nicht mehr trinken werde vom Gewächs des Weinstocks bis an den Tag, an dem ich aufs Neue davon trinke im Reich Gottes. 26 Und als sie den Lobgesang gesungen hatten, gingen sie hinaus an den Ölberg.

Predigt Teil 2
Zur Zeit Jesu herrschten die Römer in Israel. Die Menschen sehnten sich nach einem Befreier, der die Macht der Römer beendet. In dieser Situation feiert Jesus das Passahfest mit seinen Freunden in Erinnerung an den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten. Und so sitzen sie zusammen.  An diesem Abend, vor der Kreuzigung. Jesus hatte das angedeutet, aber die Jünger haben es nicht verstanden. Wie werden sie sich wohl gefühlt haben? Vermutlich auch zwischen Bangen und Hoffen. Verunsichert ob der Worte Jesu.

Nein, es ist keine leichte Zeit, in die die Jünger gehen. Ihr Meister wird qualvoll am Kreuz sterben. Sie werden Angst haben, Jesus verraten, sie werden sich einschließen. Die Botschaft von der Auferstehung wird sie zuerst tief verunsichern. Und dann wird sie ihnen Hoffnung geben, auch wenn die ersten Christen später verfolgt werden.

Doch an diesem Abend feiern sie. Mit seltsamen Andeutungen von Verrat und Tod. Aber sie haben Gemeinschaft, die stärkt. Untereinander. Mit Jesus. Die Kraft, die von diesem letzten Abendmahl ausgeht, trägt uns Christen bis heute.

Wir feiern heute Tischabendmahl. Am Gründonnerstag. Online. Zu Hause. Zwischen Bangen und Hoffen.

Nein, es sind keine leichten Zeiten, durch die wir gehen. Wie lange dauern die Einschränkungen? Was wird die Zukunft bringen?  Wie wird es mit unserer Gesellschaft weitergehen? Wann werden wir uns wieder normal treffen können? Viele Fragen gehen uns durch den Kopf.

Aber heute feiern wir. Gedämpft zwar und räumlich getrennt, aber wir wissen, dass wir nicht allein sind. Wir nehmen Anteil aneinander. Wir feiern Abendmahl und sind so untereinander und mit Jesus Christus verbunden. Vielleicht klingt das etwas trotzig. Aber es gibt Halt. Das Abendmahl feiern Menschen seit Jahrtausenden und es ist ein Zeichen der Hoffnung. Der Hoffnung, dass wieder bessere Tage kommen. Und dass Jesus das Leid der Welt kennt und getragen hat. Das Abendmahl ist ein Fest des Lebens.

Lassen Sie uns beten.
Wir loben Dich, heiliger und allmächtiger Gott, dass Du durch Deinen Sohn Jesus Christus einen neuen Bund aufgerichtet hast. Deshalb preisen wir Dich gemeinsam mit der sichtbaren und der unsichtbaren Welt und singen Dir zum Lob.

Lied 185.3: „Heilig, Heilig, Heilig“

Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.  

Unser Herr Jesus Christus, in der Nacht, da er verraten wurde, nahm er das Brot, dankte und brach es und gab es seinen Jüngern und sprach: Nehmet hin und esset. Dies ist mein Leib, der für Euch gegeben wird. Solches tut zu meinem Gedächtnis.

Ebenso nach er auch den Kelch nach dem Abendmahl, dankte und gab ihnen den uns sprach: Nehmet hin und trinket alle daraus. Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für Euch vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Solches tut, so oft ihrs trinket zu meinem Gedächtnis.

Lied 190.2: „Christe, du Lamm Gottes“
 
Austeilung
Christi Leib, für Dich gegeben. Das stärke und bewahre Dich im Glauben zum ewigen Leben.
Christi Blut, für Dich gegeben. Das stärke und bewahre Dich im Glauben zum ewigen Leben.

Wir danken Dir, allmächtiger Gott, dass wir im Abendmahl Gemeinschaft haben durften in dieser Zeit zwischen Bangen und Hoffen. Wir danken Dir, dass Du uns stärkst und bitten Dich, dass wir stark werden im Vertrauen auf Dich und in der Liebe untereinander. Das bitten wir durch Jesus Christus, Deinen Sohn, der mit Dir und dem Heiligen Geist lebt und Leben schenkt von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Lied 229: „Kommt mit Gaben und Lobgesang“

Fürbitten
Die Fürbitte soll einen Raum bieten für eigene Gedanken und Gebete. Legen Sie in die Stille nach den Impulssätzen hinein, was Ihnen durch den Kopf geht und was Sie Gott sagen möchten.

Gott, wir gehen durch eine verunsichernde Zeit.

Gott, bereite uns vor, auf das was noch kommt.

Gott, wecke in uns die Hoffnung auf andere Zeiten.

Gott, stärke unsere Gemeinschaft.

Gott, wir bitten Dich für uns, unsere Familien, Freunde, für unsere Gesellschaft und alle, die Verantwortung tragen. Sei Du bei uns und lass uns Deine Nähe spüren. Amen.

Segen
Und nun gehen Sie in die kommenden Tage unter dem Segen Gottes.
Der Herr segne dich und behüte dich,
der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig,
der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

 

Rückmeldungen zu diesem Gottesdienst: bartsch@ev-kirche-bn.de oder 06033 79 60 527

Gottesdienst am 5.4.2020 vollständig von Pfarrerin Meike Naumann

Musik zum Eingang

Begrüßung

Heute bejubelt, morgen fallen gelassen: der Einzug Jesu in Jerusalem am Palmsonntag steht am Anfang der Karwoche. Wenig später schlagen sie ihn ans Kreuz. Durch die Tiefe führt Gottes Weg zur Verherrlichung.

Es gibt Momente, in denen ist nichts, wie es scheint. Ein fröhliches Gesicht versteckt tiefe Trauer, wer Härte zeigt, kann auch barmherzig sein und hinter einer scheinbar so düsteren Zukunft verbirgt sich eine neue Chance.

Grenzmomente sind das, unsicher und vage. Erst im Nachhinein deute ich die Zeichen richtig. Der Palmsonntag führt in eine solche Grenzzeit hinein: Die Hände, die eben noch Palmzweige schwingen, sind schon zu Fäusten geballt. Das „Hosianna“ wird zum gellenden „Kreuzige“-Ruf, fröhliche Gesichter erstarren zu Fratzen. Und doch ist es Jesu Tod am Kreuz, der den Menschen Leben bringt. Sein Weg ins Dunkel war ein Weg ins Licht, heute bekennen wir das. Im Geschlagenen, im Verachteten war Gott ganz nah. Nur wenige erkannten das – wie die Frau, die den Todgeweihten wie einen König salbte.

Lied: 314 Jesus zieht in Jerusalem ein

Psalm 69 : EG 731

Kyrie
Du, Sohn Davids,
unser Befreier,
manchmal wünschten wir,
du würdest in sichtbarer Hoheit daher kommen
und würdest auf einen Schlag alles Elend, alle Gewalt beenden.
Aber du kommst auf einem Esel geritten.
In der Gestalt eines machtlosen Menschen.
Und dein Weg führt
In Leiden und Sterben.
Du enttäuschst uns,
wenn wir von dir
göttlichen Zauber erwarten.
Aber du tröstest alle,
die auf eine neue Welt hoffen,
denn die Macht deiner Liebe
verschafft dir den Sieg über alles Böse.
Mach uns von falschen Erwartungen frei und
Lehre uns dir mit Demut zu folgen.
Und so bitten wir dich, erbarme dich unser.

Gloria
Wir haben es schon so oft gehört, uns doch fällt es uns immer wieder schwer es zu glauben. So wie schon die Jünger die Ankündigung Jesu nicht hören wollten. Doch die Zusage gilt:
Der Menschensohn muss erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. Joh 3,14b-15

Gebet

Gott, unser Vater,
du bist in deinem Sohn Jesus Christus zu uns gekommen,
du bist eingekehrt in unsere Welt.
Du hast uns nicht allein gelassen mit unseren Sorgen und Ängsten.
Wie gern möchten wir dich aufnehmen in unsere Familien und
Häuser,
wie sehnen wir uns nach deiner Nähe.
Und doch fällt es uns immer wieder schwer,
dir zu folgen, wohin du uns gerufen hast.
Wir sind zurückgewichen, wo du deine
Hand nach uns ausgestreckt hast.
Auch wir haben dich allein gelassen,
als du uns brauchtest.
So bitten wir dich für diese Stunde,
dass du trotz allem in unsere Herzen einziehst
und uns bereit machst für dein Kommen
zu einem jeden von uns.
Amen.

Schriftlesung: Joh 12,12-19 Einzug Jesu in Jerusalem

Glaubensbekenntnis

Lied: 314 Jesus zieht in Jerusalem ein

PREDIGT
(Text in vier Teilen nach Luther 2017 in der Predigt)

Liebe Gemeinde,

ich weiß noch als ich mir mein erstes Parfüm gekauft habe, zum ersten Mal im Leben, richtig teuer, unmöglich! Eigentlich geht das gar nicht, aber ich habe es getan. Das konnte gewiss nur im Urlaub passieren, mit Zeit zum Schnuppern und Ausprobieren. Dennoch: Warum tue ich sowas, was in meinem Leben sonst eigentlich keinen Platz hat? Ja, das habe ich mich schon gefragt und dann auch eine Antwort gewusst: Verliebt habe ich mich in einen Geruch, in einen Duft. Warum darf ich dafür nicht Geld ausgeben? Ein leckeres Essen im Lokal kostet auch seinen Preis, fügt die Vernunft noch schnell hinzu, um den Handel abzuschließen. Warum aber muss ich vernünftig sein und alles begründen? Warum soll alles plausibel sein und erklärbar? Es ist für einen Duft, für etwas Köstliches, schon mehr geopfert worden als eine Geldsumme. Das Besondere zu erwerben kann alles kosten. Im biblischen Gleichnis für das Himmelreich werden diejenigen herausgestellt, die das Besondere und Kostbarste erkennen und sich dafür einsetzen (Mt 13,44-46). Wo ist die Grenze zwischen Luxus und Verschwendung? Wo wird der Wunsch nach etwas Schönem, Besonderen, was der Seele guttut, unmäßig? Und wer entscheidet das? Darf ich für mich selbst auf diese Weise sorgen? Oder nur für andere? Hören wir den ersten Teil unseres heutigen Predigtabschnitts:

Lesung, Mk 14,3 Öl auf sein Haupt
Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt.

Eine Schilderung aus dem Leben Jesu. Auf den ersten Blick eine durchaus übliche Szene: Jesus ist Gast und sitzt zu Tisch. Es gibt weitere Gäste, Freunde. Es wird gegessen. Die Tischrunde wird allerdings unter sich sein: Freunde von Jesus, Freunde des Gastgebers. Denn Simon, der Hausherr, ist krank, aussätzig. Religiös Führende sind hier nicht zu erwarten. Dies Haus ist Tabu für fromme jüdische Menschen. Und so hätte uns kein Mensch davon erzählt, wenn nicht etwas ganz Besonderes geschehen wäre, etwas Unerhörtes und ganz Anderes.

Eine Frau betritt dieses Haus mit Männerrunde. Das geht sowas von gar nicht. In dieser Zeit an diesem Ort ist aber das, was jene ungenannte Frau tut, mehr als eine Tabuverletzung. Und doch ist das ja noch nichts dagegen, was anschließend passiert, was sie sich dann leistet. Buchstäblich leistet, nämlich kostbarstes Öl, teuer, wertvoll, wird hier nicht nur zum Salben eingesetzt, sondern ausgegossen, über den Kopf in reicher Menge, ja bis auf den letzten Tropfen, denn die Frau zerbricht das Gefäß.

Sie will keinen Rest wieder mitnehmen. Es geht ums Ganze. Das kostbare Gefäß ist ihr nichts wert, das teure Öl spielt keine Rolle. Denn sie hat nur ein Ziel: Sie will zu Jesus und genau dies tun, ihm etwas - ja Gutes tun, ihrer Zuneigung Ausdruck geben, ihre Verehrung und Liebe zeigen!

Unverfälscht ist das Öl. Also gab es auch anderes, günstigeres, gestrecktes, eben verfälscht, verlängert und längst nicht so kostbar – das will hier betont sein: So etwas Minderwertiges ist hier nicht im Spiel.  Das ist kein Sonderangebot, hier wird nicht gespart in dem Sinne von: Das teilen wir auf. Das teilen wir ein. Das können wir noch brauchen. Pass mal auf, das muss noch halten… Nichts davon: Zerbrachs und gabs, gab alles… ganz und gar.

Und die Reaktion? Was erwarten wir? Was erwarten wir von den Freunden Jesu, von den Gästen des Simons, die doch alle ein Tabu verletzen, indem sie mit dem Aussätzigen essen, bei ihm sind. Die sich auskennen mit ihrem Jesus und seinem weiten Herzen. Es sind Freunde, die sich bewusst entschieden haben, der guten Nachricht zu trauen, und manches dafür aufzugeben.

Lesen des 2. Teils, Mk 14,4-5 bis: „fuhren sie an“.
Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an.

Hätte, hätte... Was soll das jetzt noch, vergossene Milch kann ich nicht aufheben und vergossenes Öl noch weniger. Es ist weg. Lamentieren nützt gar nix. Und wenn sie noch so recht haben, diese Leute mit der klaren Meinung, 300 Silberlinge sind weg, ein Jahresverdienst, vergossen, für nichts??? Ich versuche mich einzufühlen in die beiden, die sich die Meckerei besonders anhören müssen. Nach dieser unglaublichen Handlung: Eine Frau dringt in eine Männerrunde und salbt einen Gast mit kostbarstem Öl, indem sie ein teures Gefäß zerbrochen hat und alles über ihn ausgießt, und da ist ein Mann, der von einer Frau mit kostbarem Öl übergossen wird. Alles ist in Duft gehüllt, benommen, überwältigt, noch nicht verstanden, was hier überhaupt los ist, und da wissen einige genau Bescheid und rufen: „Unmöglich! Verschwendung! Vergeudung! Was du gemacht hast, ist falsch! Was du gerade genossen hast, das war nicht richtig! Das bist du nicht wert. Sie hätte das nicht dürfen. Du darfst das nicht gut finden.“

Wie redet die Vernunft? Redet sie so? Muss der Verstand das Erleben bewerten und einordnen und in kleine Einheiten ummünzen: Mehr als 300 Silberlinge, was hätte man dafür alles kaufen können? Aber die Zuschauer und Kritiker, wollen ja nichts für sich, nein, sie schalten ihren Verstand gleich zweimal ein. „Wir hätten es doch verkaufen und den Erlös den Armen geben können.“ Wie edel! „Wir wollen ja nix für uns, aber das, was diese Frau hier macht, also: Vergießen, verschütten, verschwenderisch salben, das ist doch nicht in Ordnung, oder?“

Wie geht es Ihnen damit? Wohin neigen Sie euch? Wen verstehen sie besser? Ist das hier der Gegensatz von Verstand und Gefühl? Was geschieht hier? Warum macht sie das? Weil sie eine Frau ist? Weil sie verliebt ist? Ist das ein Abschiedsgeschenk? Vielleicht ahnt sie etwas vom nahen Tod, spürt mehr als die anderen?

Oder neigen wir zu der vernünftigen Seite, die ja auch plausibel ist: Warum so viel, so unmäßig, als Zeichen und für den Wohlgeruch reicht doch auch eine kleine Menge. Während ich das denke, spüre ich: Ja, ich finde das auch zu viel. Ich verstehe die Frau nicht. Mir gefällt zwar nicht die Meckerei der anderen. Aber ich muss mir auf die Zunge beißen, um nicht zu rufen: „Halt! Warum so viel? Sie hätte noch viele mit dieser Narde erfreuen oder salben können. Warum alles auf einmal? Es wäre auch mit wenig sehr gut gewesen und duftend und ein wertvolles Zeichen der Liebe. Und die teure Flasche aus Alabaster, einem Marmor. Sicher ist sie wiederverschließbar!“ Es geht mir nicht anders als den Kritikern. Ich verstehe nicht, nicht wirklich mit dem Herzen. Ich ahne vielleicht, dass mir etwas fehlt. Das schon. Dennoch bin ich nicht weit weg von denen, die ihre Vernunft einschalten und ihre Meinung heraus posaunen und mal wieder alles besser wissen, die das kostbare Geschenk verkleinern wollen, alles kaputt machen - machen könnten, das Geschenk, die Freude am Schenken, den Genuss, eben alles –  wenn nicht Jesus…

3. Teil, Mk 14,6-8 lesen bis: „Begräbnis“.
Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis

Ich mag seine Fürsorge: „Macht doch diese Frau nicht traurig! Tut ihr nicht weh!“ Wie er die Menge an Öl und Wohlgeruch empfunden hat, das erfahren wir nicht. Er fühlt sich in die Spenderin ein. Er erlebt die verschwenderische Fülle körperlich. Alles ist Duft, öffnet andere, neue Welten, spricht Sinne an, die vorher ruhten. „Bekümmert sie doch nicht! Macht doch nichts kaputt. Seht doch, was sie wollte. Sie hat es gut gemeint und gut gemacht. Sie hat das Beste getan, was sie konnte.“ Ja, sie hat etwas getan, was die anderen nicht konnten. (Sie hat Jesus aus der Welt des Materials, der Materie herausgelöst.)

Haben die anderen eine Deutung parat: „Puh, Verschwendung! Vergeudung!“, so wendet Jesus mit seiner Deutung alles zum Guten: „Die Armen laufen euch nicht weg. Diese Frau hat etwas neu gesehen und danach gehandelt.“ Schließlich, und da denke ich an so manche Trauerfeier, sehe vor mir, was alles investiert werden kann in Sarg und Ausstattung und Blumen, schließlich hat diese Frau seinen Leib im Voraus gesalbt, hat das getan, was viele erst nach dem Tod für ihre Angehörigen tun. Jesus wendet sich dem Leben und der liebenden Hand zu. Er weiß sich und seine Botschaft durch sie verstanden, spürt und erfährt die Zuneigung dieser Frau körperlich, bedeutsam. Beide stehen im Glanz und im Licht.

Schlusslesung, Mk 14,9
Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.

Eine Frau ohne Namen geht in die Geschichte ein. Sie bekommt mit ihrer Herzensangelegenheit Recht. Nein es ist nicht vernünftig. Aber wer hat denn behauptet, dass die Vernunft die richtige Entscheidung trifft?

Können wir lernen? Eher nicht, lernen kann der Verstand und der hat hier heute keinen Zutritt. Auf das eigene Herz zu hören. Sich von der Liebe den Weg zeigen lassen –  Vielleicht das? Vielleicht auch: Sich mit der eigenen Meinung zurückzuhalten. Sie nicht gleich hinauszuposaunen. Erst denken, dann fühlen, dann überlegen ob überhaupt etwas gesagt werden muss. Dann kann ich meine Sehnsucht wahrnehmen, nach solcher Hinwendung: so liebend sich verschenken, ohne irgendwelche Angst mir etwas zu vergeben, mich gar aufzugeben, Sehnsucht, mir solche Liebesgabe gefallen zu lassen, zu genießen, zu spüren, zu riechen: Der kostbare Duft der Narde ist noch in der Luft und entzieht sich allen Berechnungen. Mit allen Sinnen erfahren, dass ich es wert bin, wertvoll, einzigartig…

Amen.

Lied: EG 545 Wir gehen hinauf  nach Jerusalem

Fürbitte
Gott, Urgrund des Lebens!
Ein Gegenüber brauche ich unbedingt, damit ich nicht um mich kreise. Das merke ich besonders in diesen Tagen, in denen das Alleinsein, das Fürsichbleiben schon so lange dauert.
Sei du da, Kraft, Weisheit, Liebe, die größer ist als alle Vernunft.

Ich bitte dich für alle, die mir nah sind,
mit denen ich lebe und arbeite,
wohne und Zeit verbringe,
für die, die mir lieb sind und die,
denen ich lieber aus dem Weg ginge.
Öffne mir die Augen für ihre Schönheit und Eigenart!
Zeige mir ihre Empfindsamkeit und Trauer!

Ich bitte dich für diejenigen, die etwas zu sagen haben,
dass ich ihre Botschaft höre, dass ich Weisheit erkenne
und sie ihre Stimme erheben zum Heilwerden des Ganzen.
Dass sie sich nicht einschüchtern lassen, sondern mutig bleiben.

Gott, ich bitte dich für diejenigen, die Macht haben
durch Stellung und Geld, dass sie dies auch erkennen und dazu stehen,
dass sie ihre Möglichkeiten einsetzen für die Bewahrung der Menschen und unserer Erde.

Gott, für die Schwachen bitten wir, dass sie den Mut haben zu rufen.
Und dass wir sie hören und hinsehen und tun, was wir können.
Dass wir uns nicht für zu klein halten, dass wir unsere Kräfte
nutzen und einbringen zum Wohle der Vielen!

Gott, ich bitte dich für alle die in der Alten- und Krankenpflege arbeiten, für Ärztinnen und Arzte, Rettungsdienste und Einsatzkräfte,
schenke ihnen Geduld, Kraft und Durchhaltevermögen und Gesundheit.

Gott, ich bitte dich für unsere Verstorbenen, die wir in der vergangenen Woche bestattet haben. Komme du ihnen entgegen und nimm sie auf in deine ewige Liebe. Umhülle die Angehörigen, die unter so schwierigen Bedingungen Abschied nehmen mussten, mit dem Mantel deines Trostes.
Alles, was uns in unserem Herzen bewegt, bringen wir vor dich Gott, wenn wir beten:

Vater unser

Lied: 421 Verleih uns Frieden

Segen
Gott segne dich und behüte dich!
Gott lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig!
Gott erhebe sein Angesicht auf dich und schenke dir Frieden.
Amen.

Musik zum Ausgang

Passionsandacht am 4.4.2020 von Pfarrerin Meike Naumann

zu Bildern von Sieger Köder „Schaulustig – Jesus wird ans Kreuz genagelt“

Musik zum Eingang
Begrüßung mit Votum

Lied: eg +11

Lesung Jes 53,2b-5

Gebet
Wir kommen heute zu dir,
du treuer und barmherziger Gott,
wir kommen, wie wir sind,
mit unseren Ecken und Kanten,
mit unseren Stärken und Schwächen,
mit unserer Freude und Trauer.,
mit all der Unsicherheit und Angst, die diese Tage mit sich bringen
Wir bitten dich, dass du uns  stärkst
an Leib und Seele.
Wir bitten dich, dass du uns annimmst,
trotz allem, was wir getan oder unterlassen haben.
Und wir bitten dich, dass du unser Gebet vernimmst
und unser Rufen erhörst.
Amen.

Lied: EG 85,1-2

Ansprache
Das Bild von Sieger Köder, das wir heute miteinander betrachten, trägt den Titel „Jesus wird ans Kreuz genagelt“. Doch Jesus ist darauf nicht zu sehen. Stattdessen zeigt uns der Maler, was Jesus sieht, am Boden und im wahrsten Sinne des Wortes aufs Kreuz gelegt. Wir schauen in die Gesichter der Zuschauer oder wie wir vielleicht sagen würden, der Gaffer und Schaulustigen, die bei der Kreuzigung Jesu zusehen. Ein dicht gedrängter Kreis von Menschen (und einem Tier) schaut herab auf den, der in ihrer Mitte liegt. Zwischen ihren Köpfen ist ein Ausschnitt des Himmels zu sehen mit einer schwarzen Sonne, wie bei einer Sonnenfinsternis.

Im Vordergrund hebt ein Soldat mit blauer Rüstung den Arm und holt zum nächsten Hammerschlag aus. Einer hebt den Daumen „Gut so! Geschieht ihm recht!“ Und alle schauen zu. Die einen interessiert oder hämisch, traurig und voller Entsetzen die anderen.

Gewaltsame und schreckliche Ereignisse üben eine eigentümliche Faszination auf Menschen aus. Das erfahren wir gerade ganz aktuell am eigenen Leib. Warum ist das so? Was macht schlimme Geschehnisse so anziehend, dass man hinschauen will, ja muss? Bei Verkehrsunfällen zum Beispiel sammeln sich einer Untersuchung zufolge durchschnittlich zwischen 16 und 26 Zuschauer. Dabei werden Bilder gemacht mit dem Smartphone und direkt ins Internet gestellt. Die Rettungsgasse wird blockiert, so dass die Helfer nicht zu den Opfern gelangen. Woher diese offenbar schier unwiderstehliche Schaulust? Ist der Mensch einfach von Grund auf böse, roh und sadistisch? Oder wird er mitleidlos und gleichgültig, so lange nicht er selbst oder ein Angehöriger betroffen ist?

Bereits den römischen Dichter und Philosophen Lukrez, der knapp 100 Jahre vor Christus geboren wurde, hat diese Frage beschäftigt. In einem seiner Lehrgedichte schreibt er:
Wonnevoll ist’s bei wogender See, wenn der Sturm die Gewässer aufwühlt, ruhig vom Lande zu sehn, wie ein andrer sich abmüht. Nicht als ob es uns freute, wenn jemand Leiden erduldet, sondern aus Wonnegfühl, dass man selber vom Leiden befreit ist.

Lukrez mein also, es gehe bei unserer Schaulust gar nicht in erster Linie darum, dass wir es schön finden, wenn andere leiden. Die Lust, die wir beim Zuschauen empfinden, rühre vielmehr daher, dass wir spüren und uns bewusst werden, wie sicher, gesund und unverletzt wir selbst sind. Eine Deutung, die übrigens auch heutige Forscher durchaus teilen.

Es gibt aber auch noch andere Gründe. Eine weitere Vermutung ist beispielsweise, dass der Drang zum Zusehen bei schlimmen Ereignissen dem Lernen dient. Die Beobachter sehen Gefahren und lernen sie zu vermeiden. Die vielen Sondersendungen auf allen TV-Kanälen haben sicher auch diese Funktion. Aufklärung, Information, damit die Bevölkerung sich jetzt, wo es darauf ankommt richtig verhält.
Zugleich wird aber beim Blick auf etwas Schreckliches, vor dem man sich zutiefst fürchtet, auch der Umgang mit der Katastrophe eingeübt.

Bei all dem ist die Gruppe wichtig. Das Gemeinschaftserlebnis, sagen einige Forscher, ist bei der Schaulust unerlässlich. In der Gruppe finde ich Schutz und gewinne ich Distanz zu dem eigentlich unerträglichen Geschehen und kann es deshalb anschauen.

Mit der Gruppe deute und kommentiere ich das Ereignis („Schrecklich, nicht wahr“) und ordne es ein.
Insofern kann, zugespitzt formuliert, das Betrachten der Leiden anderer hilfreich sein.
Vieles von dem Gesagten kann man bei den Menschen auf unserem Bild beobachten. Im sicheren Schutz der Gruppe verfolgen sie ein an und für sich absolut unerträgliches Geschehen. Sie schauen dabei zu, wie einem Menschen Nägel durch Hände und Füße getrieben werden. Und sie versuchen das, was sie da sehen, einzuordnen, indem sie es kommentieren und deuten. Eher hinter vorgehaltener Hand die einen. Andere wirken, als würden sie schreien. Dabei fallen vielleicht Sätze wie: „Er hat es verdient!“ „Das hat er jetzt davon, der Möchtegern-Messias!“ oder „Er ist unschuldig!“. „Das ist Unrecht!“

Alles ganz normal, glaubt man den Forschern und irgendwann ist es vorbei und alle gehen nach Hause.
Anders als normal ist aber die Betrachtung des Leidens Jesu mit seinem Tod nicht vorbei. Im Gegenteil. Schon früh gab es Darstellungen des Gekreuzigten. In Kirchen stoßen wir auf Bilder und Skulpturen des gegeißelten Heilands. Seit vielen Jahrhunderten gibt es die Kreuzwege, die mit ihren verschiedenen Stationen das Leiden Jesu detailliert darstellen. Und auch wir schauen uns ja in dieser Andachtsreihe Bilder vom Kreuzweg Jesu an.

Müssen wir Christen uns also den Vorwurf gefallen lassen, Gaffer und Schaulustige zu sein?

In dem Kirchenlied „O Welt ich muss dich lassen“, heißt es in einer Strophe vom Leiden Christi „Ich will’s mir vor Augen setzen, mich stets daran ergötzen, ich sei auch, wo ich sei…“ Für heutige Ohren klingt das zumindest befremdlich.

Die fromme „Schaulust“, die hier anklingt, speist sich jedoch noch aus einer anderen Quelle, als dem, was wir so alles an Forschungshypothesen gehört haben. Der Dreh- und Angelpunkt ist Ostern. Die Sonnenfinsternis, von der der Evangelist Matthäus erzählt, und die wir mitten auf unserem Bild sehen, sie ist vorbei. Die Ostersonne wirft ein völlig neues Licht auf das grausame Geschehen von Leiden und Tod. Jesu Auferstehung gibt uns, wenn wir gemeinsam das eigentlich Unerträgliche seines Kreuzestodes betrachten, ganz andere, völlig neue Deutungsmöglichkeiten: „Er hat es für uns getan.“
„Gott ist da, auch mitten im Leid.“ Er kennt unsere Angst und unsere Not.“ „Er wird auferweckt zum ewigen Leben.“ Und: im Betrachten des Leidens Jesu üben auch wir Christen uns ein in den Umgang mit der Katastrophe. In den Umgang mit dem Schrecken und der Bedrängnis des eigenen Todes, der jedem und jeder von uns bevorsteht. Aber es ist ein Einüben in Hoffnung. Im Betrachten und Singen üben wir uns ein in die Hoffnung, dass auch unser Sterben einmal nicht gottverlassen sein wird. Wir üben uns ein in die Hoffnung, dass der Gekreuzigte und Auferstandene uns dann nahe sein wird und uns mitnehmen wird in das neue Leben.

In seinem Lied „O Haupt voll Blut und Wunden“ dichtete Paul Gerhard:
Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir. Wenn ich den Tod soll leiden, so tritt du dann herfür, wenn mir am allerbängsten, wird um das Herze sein, so reiß mich aus den Ängsten, kraft deiner Angst und Pein.

Erscheine mir zum Schilde, zum Trost in meinem Tod. Und lass mich sehn dein Bilde, in deiner Kreuzesnot. Da will ich nach dir blicken, da will ich glaubensvoll dich fest an mein Herz drücken. Wer so stirbt, der stirbt wohl.
Amen.

Lied EG 85,9-10

Gebet
Unser Gott,
du hast uns dein Reich verheißen,
ein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit.
Wir bitten dich, dass dein Reich komme,
auch zu uns.
Wir bitten dich darum,
dass du uns nicht nach dem beurteilst,
was wir an Falschem getan
und an Gutem unterlassen haben.
Wir bitten dich darum,
dass du uns annimmst, wie wir sind,
dass du uns vergibst, wo wir gefehlt haben,
Wir bitten dich darum,
dass auch wir vergeben können, wie du uns vergibst,
dass auch wir die Menschen nicht nur nach dem beurteilen,
was sie leisten, dass wir sie nicht einteilen
in Erfolgreiche und Erfolglose, in Gewinner und Verlierer.
Wir bitten dich darum,
dass wir andere sehen lernen mit deinen Augen,
mit den Augen der Liebe und des Verständnisses.
Wir bitten dich, dass wir uns öffnen und offen bleiben
für die Menschen, die zu uns kommen
und dass wir ihnen geben, was sie brauchen.
Wir bitten dich darum,
dass wir anderen in Liebe begegnen
und ihnen Anerkennung schenken.
Unser Gott,
du hast uns dein Reich verheißen,
ein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit.
Wir bitten dich, dass dein Reich komme,
auch zu uns.
Amen.

Vaterunser

Segen

Musik zum Ausgang

Gottesdienst am 29.03.2020 mit Video von Vikar Ingmar Bartsch

Der hier abgedruckte Gottesdienst ist auch online zu finden: https://www.youtube.com/channel/UCavtdQ1pU2H4Sd7TBtGgl9A/featured

Da im Onlinegottesdienst keine Lieder gesungen werden, sind hier im Gottesdienstverlauf auch keine Lieder abgedruckt. Wenn Sie gerne Lieder singen möchten, können Sie aus dem Gesangbuch die Nummer 97 „Holz auf Jesu Schulter“ oder die Nummer 93 „Nun gehören unsre Herzen“ singen.

Votum
Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Gemeinde: Amen

Schuldbekenntnis
Gott, zu oft denken wir in Kategorien. Wir stecken Menschen in Schubladen. Wir haben schnell eine feste Meinung. Wir sind schnell im Reden, aber langsam im Hören. Wir teilen unsere soziale Welt in drinnen und draußen.
Gott, wir gehen durch schwere Zeiten. Unsere Fundamente wanken. Wir sind verunsichert. Wir fühlen uns schwach und hilflos. Trotzdem fällt es uns schwer, die Mauern in unseren Köpfen abzureißen, uns auf die Nöte unserer Mitmenschen einzustellen. Wir bitten Dich in dieser Zeit, in der sich unser Leben und das Leben anderer radikal verändert: Herr, erbarme Dich!
Gemeinde: Herr, erbarme Dich.

Gnadenzusage
So spricht Gott, Dein Erbarmer: Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfällig werden. Ehre sei Gott in der Höhe!
Gemeinde: Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.

Lesung
Herbäer 13: 12 Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. 13 So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. 14 Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.
Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg. Amen.

Glaubensbekenntnis
Verbunden mit allen Christen weltweit bekennen wir unseren Glauben.
Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde.
Und an Jesus Christus,
seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,
empfangen durch den Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage auferstanden von den Toten,
aufgefahren in den Himmel,
er sitzt zur Rechten Gottes,
des allmächtigen Vaters, von dort wird er kommen,
zu richten die Lebenden und die Toten.
Ich glaube an den Heiligen Geist,
die heilige christliche Kirche,
Gemeinschaft der Heiligen,
Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten
und das ewige Leben. Amen.

Predigt
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde

Ich habe einen Freund, den ich schon jahrzehntelang kenne und sehr schätze. Manchmal sitzen wir abends stundenlang zusammen und philosophieren. Dabei sind unsere Meinungen manchmal sehr unterschiedlich. So kann es passieren, dass mein Freund mitten im Gespräch einen Satz raushaut, bei dem ich erst mal schlucken muss. Das sind Sätze, die mir so richtig gegen den Strich gehen. Sie machen wütend. Oder hilflos. Oder angriffslustig. Vielleicht kennen das: So ein Satz wirkt wie ein massiver Pflock, der in die Erde gerammt wird. Das Zeichen ist klar: Hier stehe ich! Das ist meine Meinung!

Sicher geht es meinem Freund genau so. Auch ich ramme verbal den ein oder anderen Pflock in die Erde. Manchmal ohne es zu ahnen. Der Clou an unserer Freundschaft ist aber, dass wir uns immer herzlich zugeneigt sind. Ich weiß, dass diese Pflöcke nicht aus Bösartigkeit in den Boden gerammt werden. Und weil das so ist, kann ich mit diesen Pflöcken auch besser umgehen. Daraus entspinnen sich weitere spannende Gespräche. Weil die Beziehung zwischen uns geklärt ist. Das ist ein bereichernder Teil unserer Freundschaft.

Solche Pflöcke gibt es für mich auch in der Bibel. Der Hebräerbrief gehört dazu. Verfasser des Briefes ist vermutlich ein Paulusschüler. Und der haut ganz schön steile Sätze raus. Wir haben den Text eben in der Lesung gehört. Darin geht es um Einsamkeit. Um Leiden. Um Schmach. Um Ausgeschlossensein. Beim Lesen habe ich einen Klos im Hals, weil es sich sehr nach Anspruch anhört. Wir sollen die Schmach, die Beschimpfungen und die Vorwürfe von Jesus ertragen. Ein echter Pflock, der da im Raum steht.

Ich lese die Verse aus dem Hebräerbrief noch einmal: 12 Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. 13 So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. 14 Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Auffällig an diesem Text sind auch die Ortsangaben. Außerhalb des Stadttores. Draußen vor dem Lager. Es geht um die Stadt, die nicht bleibt und um die zukünftige Stadt. An diesen Orten bin ich hängen geblieben. Wir vollziehen in der Passionszeit einen Weg nach. Den Weg Jesu ans Kreuz. Und der Schreiber des Briefes wirft ein Schlaglicht auf den Ort, an dem Jesus gekreuzigt wurde. Die Kreuzigung fand nicht innerhalb Jerusalems statt. Jesus wurde draußen gekreuzigt. Bei den Verbrechern. So war es damals üblich. Und so war die Kreuzigung ein deutliches Zeichen: Jesus gehört wie die Verbrecher, mit denen er gekreuzigt wurde, nicht mehr zur Gemeinschaft. Ist es nicht paradox: Die zentrale Rettungstat Gottes für uns Menschen passiert dort, wo der Abschaum ist. Schon sein Leben lang war Jesus bei den Armen und Schwachen. Und nun werden wir aufgerufen, ihm dort hin zu folgen.

Für mich ist das erstmal ein Pflock. Ich will nicht dort sein, wo der Abschaum ist. Mir ist nicht nach Einsamkeit, nach Leid. Nach Beschimpfungen und Schmähung. Ich bin lieber drinnen. In der Stadt. In Sicherheit. Innerhalb der Gemeinschaft. Dieses drinnen und draußen ist aber meines Erachtens nur auf den ersten Blick streng getrennt in die sichere Stadt und das unsichere draußen. Auf den zweiten Blick kommt das nämlich ins Wanken. Wenn Jesus und damit Gott da draußen ist, dann ist dieses draußen nicht mehr ein einsamer, unwirtlicher Ort. Denn Jesus ist schon da. Jesus ist da, wo das Leid ist und hilft uns, es mitzutragen. Dieses draußen ist also der Ort der Jesunachfolge und damit ist die Grenze zwischen drinnen und draußen aufgelöst. Jesus löst feste Grenzen auf. Wenn wir ihm darin nachfolgen, dann ist das nicht immer bequem. Denn um Jesus nachzufolgen müssen wir manchmal Mauern einreißen. Zum Beispiel in unseren Köpfen. Aber dank Jesus können wir Grenzen überwinden. Er bricht das draußen und das drinnen auf. Und zwar auf eine Weise, die sich kein Mensch hätte ausdenken können.

Für uns gilt zurzeit auch ein striktes draußen und drinnen. In unserer aktuellen Situation schützen wir andere Menschen, indem wir soziale Kontakte minimieren. Aber wir können die Grenze zwischen draußen und drinnen auch überwinden, ohne auf die Straße zu gehen. Sie könnten zum Beispiel nach diesem Gottesdienst zum Hörer greifen und jemand anrufen, den Sie sonst beim Kirchencafé treffen würden. Ich bin übrigens sehr angetan von den vielen Ideen, die bereits umgesetzt werden. Der Zusammenhalt und unserer Gesellschaft und in unserer Gemeinde ist beeindruckend. Einige engagieren sich bei der Einkaufshilfe und der Besuchsdienst schreibt zum Geburtstag jetzt Briefe, da Besuche im Moment nicht möglich sind.

Kommen wir zurück zu meinem lieben Freund und den Pflöcken. Ich hatte gesagt, dass wir gut mit unseren Pflöcken umgehen können, weil wir uns herzlich zugeneigt sind. Ich halte das für eine wesentliche Grundlage. Viel zu schnell werden aus Pflöcken feste Zäune, hinter denen man sich verschanzt. Und dann wachsen Mauern. Deshalb rate ich natürlich eher zur Vorsicht mit Pflöcken, die man vor anderen in die Erde rammt. Da ist auch Sensibilität gefragt. Gerade in Zeiten, in denen wir dünnhäutiger sind, als sonst.

Auch der Bibel bin ich herzlich zugeneigt. Sie hat mein Leben schon oft bereichert. Deshalb finde ich es wichtig, dass ich mit den Pflöcken der Bibel konstruktiv umgehe. Und der Hebräerbrief wirkt nicht nur ungemütlich, er soll es wohl auch sein. Er sollte Menschen wachrütteln und sie auf Jesus hinweisen. Aber dank ihm hinterfrage ich, wie ich das mit dem drinnen und draußen handhabe. Grenze ich aus? Habe ich mein Drinnen zu sehr im Blick? Wie kann ich sensibler werden für andere? Welchen Anteil habe ich als Christ daran, dass das drinnen und das draußen in den Köpfen abgebaut wird?

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle menschliche Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Fürbitten
Wir haben Abschied nehmen müssen von Rosemarie (xx), die am 15. März im Alter von xx Jahren verstorben ist und von Paul (xx), der am 24. März im Alter von xx Jahren aus diesem Leben abgerufen wurde.
Wir zünden für sie eine Kerze an und nehmen sie auf in unser Gebet.

Lassen Sie uns beten.

Herr, großer Gott, wenn der Weg eines geliebten Menschen hier auf der Erde zu Ende geht, hinterlässt das eine schmerzhafte Lücke. Wir fühlen uns hilflos und verlassen. Wir bitten Dich für die Verstorbenen. Nimm sie gnädig auf in Dein Reich und lass sie schauen, was sie geglaubt haben. Für ihre Familien und Freunde bitten wir Dich, dass Du sie in ihrer Trauer und ihrem Schmerz tröstest, stärkst und aufrichtest. Gib ihnen Menschen zur Seite, die sie mittragen in schwerer Zeit. Schenke ihnen die Gewissheit, dass Du den Tod überwunden hast und bei Dir ewiges Leben ist.

Gott, durch den Tod Deines Sohnes Jesus Christus ermöglichst Du Versöhnung. Versöhnung mit Dir. Versöhnung untereinander. Wir bitten Dich: mache uns zu Menschen, die einander vergeben können. Schenke uns die Kraft Deines Geistes, damit wir uns gegenseitig annehmen können und keine Mauern aufbauen zwischen uns und unseren Mitmenschen. Hilf uns, dass wir respektvoll miteinander umgehen und unterschiedliche Meinungen stehen lassen können.

Gott, wir bitten Dich für uns alle. Wir gehen sehr unterschiedlich mit den derzeitigen gesellschaftlichen Einschränkungen um. Manche von uns haben Angst. Andere stürzen sich in die Arbeit. Einige entspannen, andere wissen nicht, wie sie Kinderbetreuung und Homeoffice unter einen Hut bringen sollen. Manche würden den Kontakt zu anderen Menschen aus Sorge vor Ansteckung lieber einschränken, dürfen das aber nicht. Andere spüren schmerzlich die Einsamkeit. Wir bitten Dich, schenke uns, dass wir mit der aktuellen Situation weise umgehen. Stärke unsere Beziehungen auch ohne direkten Kontakt. Stehe uns bei in unseren Ängsten, Sorgen und Nöten, in der Langeweile und Überforderung, in Vereinsamung und Streit und schenke uns, dass wir gemeinsam gestärkt aus der Krise herausgehen.

Gott, wir bitten Dich für unsere Gemeinde. Wir können uns nicht treffen, obwohl Gemeinschaft unsere Basis ist. Lass uns Wege finden, miteinander in Kontakt zu bleiben. Schenke uns, dass wir anderen beistehen können, wenn sie Hilfe brauchen.

Gott, wir bitten Dich für die Menschen, die Verantwortung tragen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Sie müssen derzeit Beschlüsse treffen, deren Wirkung kaum abzuschätzen ist. Schenke ihnen Weisheit und lass ihre Entscheidungen am Wohl der Gemeinschaft orientiert sein. Schenke ihnen Menschen an die Seite, die ihnen gute Worte sagen, die sie stärken und begleiten.

In der Stille bringen wir vor Dich, was uns noch bewegt.

Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Segen
Gehen Sie unter dem Segen Gottes in die kommende Woche mit all ihren Herausforderungen:

Der Herr segne dich und behüte dich,
der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig,
der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

Passionsandacht am 28.3.2020 von Pfarrerin Susanne Pieper

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Jesus sprach: „Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was durch die Profeten von dem Menschensohn geschrieben ist.“ (Lukas 18,31)

Der Weg nach Jerusalem führt Jesus ins Leiden und ans Kreuz. Der Maler Sieger Köder hat von diesem Kreuzweg viele Bilder geschaffen. Eines davon betrachten wir gemeinsam in dieser Andacht.

Lied EG 97,1: Holz auf Jesu Schulter, von der Welt verflucht, ward zum Baum des Lebens und bringt gute Frucht. Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehn. Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn.

Ansprache

Nichts geht mehr. Mehr kann ein Mensch nicht verkraften. Erdrückt liegt der Patient auf der Intensivstation. Er ringt mit seinem Leben. Erdrückt läuft die Krankenschwester durch die Gänge der Klinik. Sie arbeitet nun schon in der dritten Schicht nacheinander. Ohne Pause.

„Ich bin hingeschüttet wie Wasser. Alle meine Knochen haben sich voneinander gelöst. Mein Herz ist in meinem Leib wie zerschmolzenes Wachs. Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe und meine Zunge klebt mir am Gaumen. Du legst mich in den Staub des Todes.“ (Psalm 22,15f)

Erdrückt sind die Angehörigen. Sie dürfen nicht zu ihrer schwerkranken Verwandten, um ihr die Hand zu halten und ihr nahe zu sein. Erdrückt ist der spanische Arzt. Er steht vor der fruchtbaren Frage, wem er die Sauerstoffmaske gibt und wem nicht mehr.

„Ich bin hingeschüttet wie Wasser. Mein Herz ist in meinem Leib wie zerschmolzenes Wachs. Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe und meine Zunge klebt mir am Gaumen.“

Menschen an der Grenze. Es ist schwer, davon zu hören, davon zu lesen. Die uralten Worte aus dem Psalm 22 bringen all diese menschlichen Erfahrungen auf den Punkt. Das Unerträgliche. Die Schwere der Lebenslast und des Schicksals erdrückt uns fast. Es ist zu viel. „Du legst mich in den Staub des Todes.“

Diesen Moment an der Grenze hat der Maler Sieger Köder festgehalten und bietet ihn uns zur Betrachtung in der Passionszeit an. Als eine Station auf dem Leidensweg Jesu hinauf nach Golgatha. Eine Station zwischen Himmel und Erde. Noch am Leben, aber doch dem Tod schon nahe. Auf dem Bild sehen wir Jesus. Im Staub des Todes. Zusammengebrochen, ohnmächtig, schwach. Niedergedrückt zur Erde unter dem schweren Balken. Die ganze Welt scheint auf ihm zu lasten. Einsam. Niemand ist da. Seht, welch ein Mensch!

Im Antlitz Jesu spiegeln sich die Gesichter vieler Menschen bis heute. So viele Schicksale, die im Grauen der Gewalt und Ohnmacht gestrandet sind. Am Ende. Sprachlos. Wie war das mit der Idee Gottes vom Menschen? Psalm 8 besingt sie mit den Worten:

„Wenn ich die Himmel sehe, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.“ (Psalm 8,4-6).

In diesem Psalm leuchtet die großartige Würde des Menschen auf; aufrecht geht er, gekrönt, Gottes Ebenbild und wenig niedriger als er.

Und dieses Bild? Es zeigt das Gegenteil. Der Mensch ist zu Boden geworfen. Der ganze Horizont besteht nur aus einem schweren Balken, der den Menschen zu Boden drückt. Dieses Geschehen füllt den ganzen unteren Bildraum. Darüber erhebt sich hoch ein graublauer Himmel mit einer fahl scheinenden Sonne. Weit weg ist diese Lichtquelle. Dies scheint das Gefühl der Einsamkeit noch zu verstärken.

Und doch, bei genauer Betrachtung, scheint es eine Verbindung von diesem fernen Licht hinunter zur Erde, zu diesem Geschehen zu geben. Durch alle grauen Himmel hindurch fällt Licht auf das dunkle Holz und breitet sich auf wundersame Weise auch auf dem Gesicht des Geschundenen aus.

Die Worte des Psalms gehen weiter: „Aber du, Herr, sei nicht fern; meine Stärke, eile mir zu helfen! Errette meine Seele. Hilf mir aus dem Rachen des Löwen! Du hast mich erhört!  Er hat nicht verachtet das Elend des Armen und sein Angesicht vor ihm nicht verborgen. Und als er zu ihm schrie, da hörte er es.“ (Psalm 22,20-25)

Ich bin überzeugt, dass die Psalmen auf ihre Weise Lebensretter sind. Sie kennen Freude und Dank, abgrundtiefe Lebensangst und Verzweiflung. Aber eines tun sie nicht: sie verstummen nicht. Sie sprechen das ganze Leben aus. Sie benennen, was ist und bringen es zur Sprache. Und sie bringen alles direkt vor Gott. Hartnäckig halten sie an diesem Lebensgespräch mit dem Schöpfer aller Dinge fest. Sie lassen nicht locker. Sie beschönigen nichts. Sie klagen und ringen.

So geben sie uns Worte gegen das Verstummen. Geben uns eine Sprache, wenn wir sprachlos geworden sind. Geben uns eine Fassung, wenn wir fassungslos sind. Sie bauen uns Wortbrücken gegen das Elend und gegen die Angst. Bis sie schließlich bezeugen:

Gott hört. Er hört mein tiefes Seufzen und meinen stummen Schrei.

Gott sieht. Er sieht meine Not und meine Verzweiflung.

Vielleicht deutet das der Lichtstrahl auf dem Bild an? Der Mensch am Boden ist im Blick Gottes. Seht: In Jesus unter dem Kreuz, da liegt Gott selbst am Boden. So nahe kommt er seinen geliebten Geschöpfen in ihrer Not. Er kennt, was Menschen durchleiden, wenn sie ganz unten sind. Auch im Sterben und Hinübergehen ist er da.

Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes gute Hände. Er fängt dich auf. Vertraue darauf: auch im Dunkel ist er da. Auch wenn du ihn nicht sehen oder spüren kannst. An dem Weg Jesu durch den Tod, aber umso mehr an seiner Auferweckung durch seinen Vater erkennen wir die Botschaft, die unsere Hoffnung und unser Innerstes rettet: Gottes Lebenskraft bleibt stärker als der Tod. Ein für alle Mal. Und Jesus Christus sagt: „Ich lebe und ihr sollt auch leben“. An dieser Zusage können wir uns festhalten. Gerade in dieser bedrückenden Zeit. In diese Zusage können wir durch das ganze Leben hindurch unser Vertrauen setzen.

Amen.

Gebet

Gott, wir klagen. Die Not ist groß in unserer Welt. Auf allen Kontinenten. Wir verstehen das nicht. Wir können es nicht fassen. Aber wir halten daran fest, dass du siehst, wenn Menschen leiden. Dass du hörst, wenn jemand weint. Dass du weißt, wie groß Angst sein kann.

Dein Sohn Jesus hat selber gelitten. Er ist am Kreuz gestorben. Aber du hast ihn auferweckt.

Das ist unsere Hoffnung. Du bist größer als die Angst und stärker als der Tod. Hilf uns, diese Hoffnung zu bewahren und sie in unserem Herzen zu tragen. An jedem Tag. Sei du bei allen Menschen, die heute leiden. Gib allen die nötige Kraft, die sich für die Kranken und ihre Angehörigen einsetzen. Erbarme dich unser.

Amen.

Gottesdienst am 22.3.2020 vollständig von Pfarrerin Meike Naumann

Wochenspruch
Wenn das Weizenkorn, das in die Erde fällt, nicht stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, trägt es viel Frucht.
(Johannesevangelium 12,24 BIGS 2011)

Lied: EG 398  In dir ist Freude

Psalm 84

Freude am Hause Gottes
1 Ein Psalm der Korachiter, vorzusingen, auf der Gittit.
2 Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth!
3 Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des Herrn; mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott.
4 Der Vogel hat ein Haus gefunden
und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen – deine Altäre, Herr Zebaoth, mein König und mein Gott.
5 Wohl denen, die in deinem Hause wohnen;
die loben dich immerdar. SELA.
6 Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten
und von Herzen dir nachwandeln!
7 Wenn sie durchs dürre Tal ziehen, / wird es ihnen zum Quellgrund,
und Frühregen hüllt es in Segen.
8 Sie gehen von einer Kraft zur andern
und schauen den wahren Gott in Zion.
9 Herr, Gott Zebaoth, höre mein Gebet;
vernimm es, Gott Jakobs! SELA.
10 Gott, unser Schild, schaue doch;
sieh an das Antlitz deines Gesalbten!
11 Denn ein Tag in deinen Vorhöfen
ist besser als sonst tausend. Ich will lieber die Tür hüten in meines Gottes Hause als wohnen in den Zelten der Frevler.
12 Denn Gott der Herr ist Sonne und Schild; / der Herr gibt Gnade und Ehre.
Er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen.
13 Herr Zebaoth, wohl dem Menschen,
der sich auf dich verlässt!

Gebet
Gott, mitten in dieser schwierigen Zeit feiern wir Deine Gegenwart.
Mitten in der Passionszeit Deine Nähe.
Hier vor Dir können wir abladen, was uns bewegt –
was uns belastet und bedrückt.
Du hörst uns – mit und ohne Worte:
(Stille)
Gott, danke für Dein offenes Ohr.
Hab Dank für Dein liebendes Herz.
Wir haben allen Grund,
in Dir zu bleiben,
denn Du hältst und trägst uns
in Leid und Freude,
unser Leben lang.
Amen

Schriftlesung: Joh 6,47-51
47 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer glaubt, der hat das ewige Leben.
48 Ich bin das Brot des Lebens.
49 Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben.
50 Dies ist das Brot, das vom Himmel kommt, damit, wer davon isst, nicht sterbe.
51 Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. Und das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch – für das Leben der Welt.

Glaubensbekenntnis

Lied: EG 98 Korn das in die Erde

Predigt zu Jesaja 66,10ff
10 Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.
11 Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust.
12 Denn so spricht der Herr: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen.
13 Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.

Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet – so steht es beim Propheten Jesaja.

Eine Mutter tröstet – vielleicht mit einem Lied wie diesem: „Heile, heile Segen. Es wird schon wieder gut, gibt’s mal drei Tage regen, es wird schon wieder gut. Kommt auch wieder Sonnen schein, alles wird vergessen sein!“  Vielleicht hat auch Ihre Mutter und Oma sie ab und an mit diesem alten Kinderlied getröstet? Vielleicht haben Sie noch die beruhigende Stimme im Ohr.  Vielleicht haben Sie dieses Lied selbst Ihren Kindern vorgesungen. Behütet und getröstet werden – das tut gut. Da ist jemand, der mich auf den Arm nimmt, auf dem Schoß wiegt, mich tröstet.

Dem kleinen Kind, das wir einmal waren hat das geholfen. Jetzt tut das weh, aber das wird vorbeigehen. Die Zeit heilt Wunden. Das aufgeschürfte Knie war nach ein paar Tagen wieder heile. „Heile, heile Segen! Sieben Tage Regen, sieben Tage Sonnenschein, wird alles wieder heile sein.“

Nicht alles lässt sich so einfach trösten. Nicht alles heilt so schnell. Manches braucht mehr als zwei Mal sieben Tage, manches braucht sehr lange Zeit, um zu heilen. Niemand weiß, wie sich die Situation bei uns in den nächsten Tagen und Wochen zuspitzen wird. Wie viele Menschen erkranken werden. Wie groß die Belastung für das Pflegepersonal und die Ärzte, die Rettungsdienste werden wird. Manches braucht sehr lange Zeit um zu heilen. Und manches wird nie mehr heile. Jedenfalls nicht auf Erden.

Ist da überhaupt Trost möglich?

„Ich glaube, ich bin eine schlechte Trösterin“ – wer von uns hat das nicht schon gedacht? Was soll man auch sagen, wenn einer nie mehr gesund wird? Was soll man sagen, wenn eine aus dem Leben gerissen wird. Bleibt da nicht nur Schweigen?

Zuhören wie Hiobs Freunde, die mit ihm sieben Tage und sieben Nächte auf der Erde saßen und nichts mit ihm redeten.

„Denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war“

Doch – das ist schon Trost, dass man nicht allein gelassen wird, dass jemand da ist, der das aushält, der mir wortlos einen Raum gibt für die Klage, die Wut, das Seufzen, die Tränen.

Als christliche Gemeinde können wir einen solchen Raum bilden. Einen Raum, der schützt vor allem falschen Trost der Welt, die sich einfach so weiter dreht als ob nichts geschehen wäre. Einen Raum in dem wir gemeinsam aushalten, was kaum zu fassen ist. Einen Raum indem wir auf Gottes Trost hören. Denn Gott tröstet mich, auch wenn ich jetzt keine innere Festigkeit habe, wenn ich untröstlich bin.

„Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“, spricht Gott. Mitten in diese bedrückende Situation hinein.

Wenn ich meine Runde um die Waldteiche gehe, sehe ich Bäume, groß und alt. Sie strahlen für mich Ruhe und Trost aus und verweisen mit ihren hohen Kronen auf den Himmel. So werden sie für mich zu Symbolen der Ewigkeit und der Treue Gottes. Sie erinnern mich an die tröstende und treue Gegenwart Gottes. Trost und Treue – beide Worte haben sprachlich gesehen den gleichen Stamm. Trost und Treue – das gehört auch bei Gott zusammen. Gott ist treu, der sein Volk Israel nicht seinem Schicksal in der Fremde überlassen hat, sondern es tröstet und aus dem Exil wieder in die Heimat nach Jerusalem führt. Gott ist treu, der uns nicht unserer Angst überlässt, sondern uns tröstet und uns mit Christus aus dem Tod ins Leben ruft, zu einem neuen Tag.  Das feiern wir an diesem Sonntag Lätare, der auch das kleine Osterfest genannt wird. Ostern ist nun nicht mehr weit. Das Licht der Auferstehung leuchtet schon zu uns herüber.

Gott ist treu, dessen Wort die Kraft hat zu trösten und Neues zu schaffen.
„Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“

Lied: EG 632 Wenn das Brot, das wir teilen

Fürbitte
Gott, unsere Sehnsucht nach einem gelingenden Leben ist groß.
Gerade in dieser Zeit, in der wir an das Leiden Jesu denken
und in ihm das Leid vieler Menschen in dieser Welt entdecken,
da sehnen wir uns nach einem Leben, das sich zu leben lohnt.
Hilf, dass wir tun, was dem Leben dient.
Mach uns Mut, der Gewalt die Stirn zu bieten.

Gott, unsere Sehnsucht nach einem Leben in Frieden nicht nur bei uns,
sondern überall auf der Welt, ist groß.
Tagtäglich sehen und hören wir,
wie Unfrieden und Gewalt Leben vieler Menschen und Deiner Schöpfung zerstört.
Hilf, dass wir den Frieden halten, wo wir leben.
Mach uns Mut, der Zerstörung zu widerstehen.

Gott, unsere Sehnsucht nach Glück und Zufriedenheit ist groß.
Dennoch machen wir einander oft das Leben schwer.
Wir sehen vor allem das, was nicht gut ist bei uns und anderen.
Hilf, dass wir einander annehmen können, so wie wir sind.
Mach uns Mut, zu den eigenen Fehlern zu stehen
Und gnädig mit uns selbst umzugehen.

Gott, unsere Sehnsucht nach einem Leben ohne Krankheit,
ohne Leid und Sorgen ist groß.
Oft fragen wir, wo Du bist, wenn etwas schief läuft in unserem Leben
oder im Leben derer, die uns nahe sind.
Wir suchen und zweifeln und fragen: Warum?
Hilf, dass wir Deine Nähe auch im Schweren entdecken.
Mach uns Mut, zu Dir zu stehen, auch wenn Zweifel stärker scheinen.

Gott, unsere Sehnsucht nach einem Glauben ohne Wenn und Aber ist groß.
Oft erleben wir, dass andere uns belächeln.
Wir erleben, wie unser Glaube in Frage steht.
Spüren Gegenwind, auch unserer Kirche gegenüber.
Hilf uns, dass wir dennoch glauben.
Mach uns Mut, dem Brot des Lebens zu vertrauen,
dass es uns stärkt und satt macht und lebendig.

Lass uns leben, Gott, in Deiner Liebe und unter Deinen Segen.  
Vater unser…

Lied: 613 Freunde, dass der Mandelzweig

Segen
Buch Josua 1, 9:
Ja, ich sage es noch einmal:
Sei mutig und entschlossen!
Lass dich nicht einschüchtern und hab keine Angst!
Denn ich, der Herr, dein Gott, bin bei dir, wohin du auch gehst.

Passionsandacht am 21.3.2020 von Pfarrer Rainer Böhm

zum Bild von Sieger Köder: Jesus begegnet seiner Mutter

Gott ist Mensch gewesen. Er litt unser Leid; er starb unseren Tod. Und es gibt daran nichts zu beschönigen, weil er sich tatsächlich ganz darauf eingelassen hat.

Aus politischen Gründen, zur Abschreckung, haben die Römer aus der Kreuzigung ein öffentliches Schauspiel gemacht. Der zum Tod Verurteilte musste sein eigenes Kreuz tragen, auf sich nehmen. Eigentlich so wie jeder von uns. Er musste damit mitten durch die Stadt gehen, umringt von Schaulustigen, so wie wenn bei uns die Rettungskräfte kommen, an eine Unfallstelle, in ein Haus, um einen Kranken oder Verletzten abzuholen. Oder wenn ein alter Mensch lernen muss, mit dem Rollator für alle sichtbar einkaufen zu gehen. Es fehlte dann nur noch, dass andere ihre Handys zücken, um zu fotografieren, wie ein anderer sein ganz persönliches Unglück erleidet, eine Strafe wie Jesus, einen Unfall oder eine Krankheit wie bei uns, ein Gebrechen, für das wir uns schämen.

Das Leiden Jesu findet nicht im Verborgenen statt. Es wird öffentlich gemacht. Da gibt es keine Schamwand. Wir schauen dabei zu: andächtig, erschüttert, abgestoßen oder mitfühlend. Darf man das Leiden eines Menschen so zur Schau stellen? Werden hier nicht die Grenzen des Anstands überschritten?

Auf dem Bild von Sieger Köder, das wir heute betrachten, ist Jesus für einen kurzen Moment den Blicken entzogen. Das Bild trägt den Titel „Jesus begegnet seiner Mutter“.

Der alte Simeon hat es einst im Tempel, als er das Jesuskind in die Arme nehmen darf, der Mutter prophezeit: die Mutter, die ihren Sohn heranwachsen sieht, muss ihn loslassen und mitansehen, wie er leidet und stirbt.

Mitten durch das Bild geht der Balken des Kreuzes. Er trennt Mutter und Sohn und verbindet sie zugleich. Die Evangelien berichten immer wieder von schwierigen Begegnungen zwischen Maria und Jesus. Oft ist er schroff, ja zurückweisend zu seiner Mutter. „Was geht es dich an, was ich tue!“. „Ich habe eine neue Familie!“ .. Es scheint so, als habe dieser Kreuzesbalken schon lange zwischen den beiden gestanden. Rechts davon im grünen Gewand Maria, die ihren Sohn im Leben behalten möchte. Links davon in einem blutroten Gewand ein Sohn, der einen selbstbestimmten Weg gehen muss. Eine tragische Familiengeschichte.

Jesus hat den Balken fest im Griff. Aber da ist auch noch eine andere Hand, die sich sanft auf seine Rechte legt, die Hand seiner Mutter. Es wirkt so, als wäre der Leidensweg für einen Augenblick unterbrochen. Keine öffentliche Zurschaustellung, sondern Trost und Hoffnung. Die Farben der Gewänder sind natürlich bewusst gewählt: Rot ist nicht nur die Farbe des Blutes, sondern auch der Liebe, das satte irdische Grün ist die Farbe der Hoffnung.

Was gesagt wird, können wir nicht hören. Wir spüren den Schmerz dieser Mutter um ihr Kind, das sie gehen lassen muss.  Und wir sehen zwei Hände, die sich berühren. Mehr braucht es in diesem Augenblick auch nicht – als da zu sein für einen anderen und mit ihm auszuhalten, ihm nahe zu sein, ihn zu berühren in seinem Leid. Maria kann ihrem Sohn das Kreuz nicht abnehmen, aber sie kann Anteil nehmen an seinem Schmerz.

Gott teilt unser Leid. Und so geschieht es auch jetzt überall auf dieser Welt. Und so auch bei uns: Da wird Leiden geteilt, da setzen sich Menschen für andere ein, professionell als Ärzte, Pflegerinnen oder auch als Wissenschaftler, Apothekerinnen, die Frauen an der Kasse im Supermarkt. Ohne große Aufmerksamkeit, ohne großes Aufsehen, oft für einen geringen Lohn. Aber stetig und verbindlich. Wie sähe unsere Welt nur ohne sie aus, ohne die vielen Marias, die jetzt diesen Dienst tun – manchmal auch nur mit einer kleinen Geste und verborgen hinter dem Kreuz.

Amen

′Corona-′ Gottesdienst am 15.3.2020 vollständig von Pfarrer Rainer Böhm

In der Liturgie, in den Gebeten folgen wir einem Gottesdienst, der zu uns aus Asien in englischer Sprache gekommen ist und den ich übersetzt habe.
Die Predigt folgt unserer Ordnung.

In dieser Zeit der Verwundbarkeit kommen wir zu dir Gott.
Wir stehen vor einem unvorhergesehenen Schrecken.
Es geht dabei nicht nur um unser Wohlergehen, sondern um unser Leben.
So beten wir in diesem Gottesdienst mit unseren Schwestern und Brüdern in Asien und mit ihren Worten und fühlen uns mit ihnen verbunden.
So stärke Gott unseren Glauben.
Wir beten mit Jakobus: „Das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten.“ (Jak 5,15)

Psalm 41: Gebet in Krankheit
1 Ein Psalm Davids, vorzusingen. 2 Wohl dem, der sich des Schwachen annimmt! Den wird der HERR erretten zur bösen Zeit. 3 Der HERR wird ihn bewahren und beim Leben erhalten / und es ihm lassen wohlgehen auf Erden und ihn nicht preisgeben dem Willen seiner Feinde. 4 Der HERR wird ihn erquicken auf seinem Lager; du hilfst ihm auf von aller seiner Krankheit. 5 Ich sprach: HERR, sei mir gnädig!

Kyrie
Im Glauben kommen wir zu dir und bitten dich um Gnade und Vergebung für unsere Sünden gegen dich und deine Schöpfung.
In dieser Zeit der Angst bringen wir die Schrecken der Pandemie vor dich, die uns weltweit erfasst haben.
In der Zeit der Schwachheit, Furcht und des Todes rufen wir zu dir:
Heile die Kranken; festige die Schwankenden; beschütze diejenigen, die im Gesundheitssystem für uns sorgen.
Wir vertrauen auf deine Gnade, Gott.
Kyrie eleison …

Gott, höre auf den Schrei unserer Körper. In deiner Gnade heilst du, die an Körper, Geist und Seele krank sind. Wir bitten dich für alle, die vom Virus infiziert worden sind. Heile die Kranken und helfe auf denen, die gebrochenen Herzens sind und die um Verstorbene trauern.
Kyrie eleison …

Gott, wir sind schwach und verletzbar. Wenn du mit uns gehst, verbreitest du deine heilende Kraft und Zuversicht. In deine Hand legen wir die Menschen, die bereits erkrankt sind und die, die noch daran erkranken werden. Von den Feldern der Angst rufen wir zu dir: Stärke uns in Glaube, Hoffnung und Liebe.
Kyrie eleison

Gnadenwort
„Siehe, ich will sie heilen und gesundmachen und will ihnen dauernden Frieden gewähren.  Denn ich will das Geschick Judas und das Geschick Israels wenden und will sie bauen wie im Anfang.“ (Jeremia 33, 6+7)

Lesung Altes Testament/Hebräische Bibel

37 Wenn eine Hungersnot oder Pest oder Dürre oder Getreidebrand oder Heuschrecken oder Raupen im Lande sein werden oder sein Feind im Lande seine Städte belagert oder irgendeine Plage oder Krankheit da ist – 38 wer dann bittet und fleht, es sei jeder Mensch oder dein ganzes Volk Israel, die da ihre Plage spüren, jeder in seinem Herzen, und breiten ihre Hände aus zu diesem Hause, 39 so wollest du hören im Himmel, an dem Ort, wo du wohnst, und gnädig sein und schaffen, dass du jedem gibst, wie er gewandelt ist, wie du sein Herz erkennst – denn du allein kennst das Herz aller Menschenkinder. (1. Könige 8)

Lesung Neues Testament

29 Und alsbald gingen sie aus der Synagoge und kamen in das Haus des Simon und Andreas mit Jakobus und Johannes. 30 Die Schwiegermutter Simons aber lag darnieder und hatte das Fieber; und alsbald sagten sie ihm von ihr. 31 Und er trat zu ihr, ergriff sie bei der Hand und richtete sie auf; und das Fieber verließ sie, und sie diente ihnen. 32 Am Abend aber, da die Sonne untergegangen war, brachten sie zu ihm alle Kranken und Besessenen. 33 Und die ganze Stadt war versammelt vor der Tür. 34 Und er heilte viele, die an mancherlei Krankheiten litten, und trieb viele Dämonen aus und ließ die Dämonen nicht reden; denn sie kannten ihn. ( Markus 1)

Glaubensbekenntnis

Predigt                        Okuli

Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.
Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Er aber sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!
Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind. Jesus aber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. Lk 9,57-62

Liebe Gemeinde,
das sind jetzt aufregende Zeiten.
Das Coronavirus hat gezeigt, wie verwundbar wir sind. Wir gehen einer neuen Zeit entgegen. Die meisten Menschen, die eine schwere Krankheit durchgemacht haben, sind nun dankbarer für das Leben als vor ihrer Krankheit. Wenn das Coronavirus einmal verschwunden ist, wird die ganze Bevölkerung hoffentlich den ganz gewöhnlichen Alltag mehr schätzen als vorher. Und vielleicht werden wir auch mehr Mitgefühl mit unseren Kranken und Alten empfinden. Sie sind zurzeit am meisten durch das Virus bedroht. Wir fürchten, dass wir sie verlieren können. Und diese Furcht ist ja ein gutes Gefühl. Sie sagt etwas über unsere Liebe. Wenn wir jemanden mögen, dann haben wir Sorge um ihn oder sie.

Es sind aufregende Zeiten, und es ist für mich ist das heute auch ein aufwühlender Text:
Nur ganz wenige Abschnitte in den Evangelien geben die Stimme Jesu, seine eigenen Worte, wieder. Hier haben wir sozusagen den ganz seltenen O-Ton des Jesus von Nazareth. Wann und in welchem Zusammenhang Jesus die jeweilige Aussage gemacht hat, ist uns nicht überliefert. Der Evangelist Lukas hat sie wie Puzzlesteine genommen und ihnen in seinem Evangelium einen Platz gegeben. Ich denke, dass er sehr bewusst diese doch höchst verschiedenen Szenen zusammen komponiert hat. Er bewahrt uns damit vor Irrwegen und Abwegen beim Verstehen.

Was also haben diese Bilder gemeinsam?
Immer geht es um einen Neuanfang. Immer geht es um den ersten Schritt hinein in ein Leben, das vom Reich Gottes durchdrungen und getragen ist. Schauen wir uns die einzelnen Szenen an:
Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.
Anders als viele andere, verspricht Jesus denen, die ihm nachfolgen wollen, nicht den Himmel auf Erden. Anders als viele andere, verspricht er nicht ein Leben, in dem es nur noch Friede, Freude, Erfolg, Glück und Wohlstand gibt. Der Glaube an Gott, ein Leben in der Nachfolge Jesu ist kein Wellnessurlaub. Schwere Zeiten, Not, Traurigkeit, ja sogar Katastrophen sind nicht ausgeschlossen. Ein Leben in der Nachfolge Jesu verläuft zuerst einmal nicht anders als jedes andere Leben auch.

Nachdem das geklärt ist, geht es weiter: Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Er aber sprach zu ihm; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!
Hart klingt das.  Weil ich erkrankt war, konnte ich vor drei Monaten nicht zur Trauerfeier für meinen Vater fahren. Zum Glück hatte ich ihn vor meiner OP noch einmal besucht. Aber dieses Lass die Toten ihre Toten begraben, das klingt bitter und hart. Jetzt überlegen wir, wie Beerdigungen und Trauerfeiern funktionieren in Zeiten von Corona.
Ich denke, es geht um die Zeit danach.
So geht es für mich in so einer schweren Zeit darum, meine geliebten Verstorbenen Gott täglich neu anzuvertrauen. Und mich und mein neues Leben ohne sie auch. Jede und jede hier, die nach so einer Zeit wieder ins Leben zurückgekehrt ist, verkündigt das Reich Gottes ganz ohne Worte. Denn andere, die grad mitten drin stecken in so einer schweren Zeit, können sehen: Gott begleitet durch diese Zeit und gibt die Kraft, die ich brauche.

Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind. Jesus aber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.
Wer Jesus tatsächlich und ernsthaft nachfolgen möchte, ändert sein Leben grundlegend. Er trifft eine existentielle Entscheidung. ER sagt „Ja“. Und wenn sich einer aufmacht und sein Leben so dramatisch ändert, dann ist mit ziemlicher Sicherheit seine Welt nicht mehr dieselbe. Denn die Freunde, von denen er sich verabschieden möchte, die bleiben ja zu Hause. Sie haben nun kaum mehr etwas gemeinsam.
Jesus nachfolgen kann auch dazu führen, dass alte Verbindungen, lieb gewordene Gewohnheiten, eingefahrene Muster nicht mehr passen. Es kann dazu führen, dass ich tatsächlich meine Ansichten und Einsichten ändere. Was mir früher gefallen hat, interessiert mich nicht mehr. Was ich abgelehnt habe, tue ich jetzt selbst.

Reich Gottes, was ist das nun eigentlich? Und was hat das mit unserer Situation heute zu tun?
Ich verstehe das nicht als einen Ort wie Deutschland, wo man hinein gehen und herausgehen kann. Das Reich Gottes ist für mich eher ein Lebensgefühl. Eine Erfahrung: So wie man Auferstehung auch nach der Entlassung aus dem Krankenhaus erfahren kann, nach der Genesung oder an einem schönen Frühlingstag im April. Oder wie Nachfolge eine existentielle Entscheidung ist. Ein Ereignis. wo ich bemerke: So ist es gut. So ist es recht. Was hier geschieht, ist total stimmig.
Ich habe das letztes Jahr bei einer Aussegnung auf der Palliativstation im Krankenhaus erlebt, an einem strahlenden Sommertag. Die Kinder der Verstobenen, die Geschwister, die Mutter waren ums Bett waren ums Bett versammelt. Auf dem Bett laen Blumen, ganz nahe bei ihr. Ihre Hände waren gefaltet, ihr Gesicht ganz entspannt. Eine schöne halbe Stunde. Ich trau mich zu sagen: für uns alle.

Meine älteste Tochter lebt in Wien. Wenn ich ab und zu dort sein kann, fühle ich mich in den öffentlichen Verkehrsmitteln immer wieder an das Reich Gottes erinnert. Jedes Mal bisher war ich aufs Neue überrascht und erfreut über die engelsgleich, sanfte Stimme, die man dort hören kann und die sagt: „Bitte seien Sie achtsam. Andere brauchen den Sitzplatz vielleicht notwendiger!“ Und dann nimmt jemand aus der bequemen Sitzposition wahr, hier ist ein Mensch, der sich schwer tut beim Stehen. Und steht auf mit einem Nicken und einer Handbewegung und überlässt den Sitzplatz. Und die andere Person dankt und lässt sich erleichtert nieder. Als mir einmal eine junge Studentin ihren Platz anbot merkte ich: ich bin nun in einem gewissen Alter.
Aber Achtung: Wir Menschen machen das Reich Gottes nicht, indem wir anderen unseren Sitzplatz überlassen. Wir erfahren in solchen Momenten, wie Gott diese Welt gemeint hat. Als ein Ort, wo man auf einander schaut und achtsam ist. Wir spüren bei solchen Gelegenheiten, wie unser Schöpfer uns von Anfang an begabt hat mit der Fähigkeit, dieser Welt ein freundliches Gesicht zu geben. Unsere Verantwortung und Nächstenliebe ist jetzt ganz praktisch gefragt.

Das Coronavirus zeigt, dass es schön ist, wenn nichts passiert. Still und ruhig verläuft der Gottesdienst von Anfang bis Ende. Viele meinen, es müsste etwas mehr los sein. Wieso eigentlich? Wir tun im Großen und Ganzen jeden Tag dasselbe. Diagnoselose Zeiten sind gute Zeiten. Gar nicht so schlecht, wenn das spannendste Ereignis war, dass vier statt drei Krähen auf unserem Rasen landeten. Was ist das für eine phantastische Zeit, wenn wir uns damit begnügen können, die Zeitung aufzuschlagen und zu lesen, was im Fernsehen los war und dass die Bundeskanzlerin eine Rede gehalten hat.
Zurzeit haben wir das Coronavirus – medizinisch geschieht gerade allzu viel in der Welt. Wenn doch nichts passieren würde! Nichts passiert mehr, nichts geht mehr in unseren Schulen, Kindergärten, Theatern – und auch in unserer Kirchengemeinde. Wir treffen uns jetzt gewissermaßen hier, im Internet, wenigstens dies ist möglich.
Seitens der Kirche folgen wir dem Rat der Gesundheitsbehörden. Nächstenliebe bedeutet für uns jetzt, Verantwortung zu übernehmen und Ansteckung in unserem Bereich möglichst zu verhindern. Achtsamkeit zu leben. Aber wir sollen auch Gott darum bitten, dass die Epidemie gestoppt werden kann. Als Christen wissen wir: Es liegt nicht nur in unserer Hand: es liegt bei Gott. Amen


Fürbitten

Liebender und fürsorgender Gott,
Du begleitest die Kranken und bist bei denen, die verwundet sind,. Du teilst das Leiden. So bitten wir dich für alle, die am Coronavirus leiden. Befreie sie von ihrem Gebrechen und Leid.

Du bist der einzige der uns beschenkt und bereichert mit deinem tiefen Ozean von Mitleid und Trost.
Wir flehen dich an dein Volk zu befreien von der Last und dieser Krankheit.
Gnädiger Gott, wir glauben daran, dass du die Quelle des Lebens bist und der Heilung.

Zeige uns die heiligen Ströme deiner Gnade und heile alle, die beklagenswert krank geworden sind. Höre auf unser Flehen und befreie uns von allen unseren Bedrängnissen.
Wir glauben daran, dass der einzige sichere Amker bist den wir haben und unser einziger Schutz.
Wir kommen zu dir mit unsrem tiefempfundenen Glauben und bitten dich um Gnade und Erbarmen.

Gnädiger Gott, Herr der Herrscharen, du bist der Arzt, der Erlöser, der Helfer aller in Schmerz und Krankheit. Deine Diener suchen jetzt dein unbeschreibliches großes Erbarmen.
So bitten wir dich leidenschaftlich und tief.

Gott, wir stehen an der Seite unserer Geschwister, die leiden. Und wir wissen, dass sie durch deine Wunden geheilt sind von Schwäche und Krankheit.
Wir bitten darum, dass wir gemeinsam als deine Kinder auf der ganzen Erde diese schweren Zeitengemeinsam bestehen.
Wir bitten um Schutz für diejenigen, die ganz vorne stehen im Kampf gegen das Coronavirus, als Pflger, als Ärzte, als Forscher.
Wir bitten um Ruhe, um Trost und um Vernunft in bedrängender Panik und wachsender Angst.
Wir bitten um Verbundenheit und Solidarität in unserer weltweiten Menschenfamilie indieser schwierigen Situation.
Lass deinen Frieden sich ausbreiten in uns.
Das bitten wir in Jesu Namen. Amen.

Segen

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. (Jesaja 9,1)

Gottes heilende Hand ruhe auf dir.
Gottes lebenspendende Kraft fließe in dich und in jede Zelle deines Körpers und in die Tiefen deiner Seele.
Sie soll dich reinigen und erfüllen und aufbauen zu Ganzheit und Stärke im Frieden Gottes.
Amen

 

Passionsandacht am 14.3.2020 von Pfarrerin Meike Naumann

Nehmt auf euch mein Joch – mit Bildern von Sieger Köder

Musik zum Eingang

Begrüßung mit Votum

Herzlich willkommen zu unserer ersten Andacht in dieser Passionszeit. Wir feiern diese Andacht unter Bedingungen wie wir sie alle sicher nie erwartet hätten. Die durch den Corona-Virus ausgelöste Pandemie stellt uns alle vor eine große Herausforderung. Es gilt, Rücksicht zu nehmen.

Jesus nahm aber zu sich die Zwölf und sprach zu ihnen: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.

Jesu Weg ins Leid, Jesu Weg ans Kreuz. Darauf richten wir in der diesen Tagen unseren Blick. Betend, singend, nachdenkend gehen wir sozusagen Jesu Leidensweg mit.

In diesem Jahr schauen wir dabei auf die Bilder, die der Pfarrer und Künstler Siger Köder gemalt hat.

Heute ist es das Bild „Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen.

Was in einer fernen Zeit geschah, holen wir uns so vor Augen und in unsere Gegenwart.

Und so sind wir hier zusammen im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Lied: EG 545

Gebet

Wir wenden uns zu Gott und bitten ihn um sein Erbarmen.
Menschen leiden.
Überall.
Wohin wir sehen.
Weit weg.
Unter Hunger und Elend.
Unter Gewalt und Terror,
unter Kriegen und Katastrophen

Vor unserer Haustür.
Unter Armut und Not.
Unter Missachtung und Diskriminierung.
Unter Neid und Hass.
In unseren Familien.
Unter Krankheit und Trauer,
unter Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung,
unter Ängsten und Zweifeln.

Menschen leiden.
Und Gott leidet mit.
Unsere Schmerzen sind seine Schmerzen.
Unsere Nöte sind seine Nöte.
Unser Leid ist sein Leid.
Deswegen können wir zu ihm gehen
Mit allem, was uns das Leben schwer macht.
Er wird uns helfen.

Lied: 369,1-3 Wer nur den lieben Gott lässt walten.

Lesung: Mk 15,20b-22
Und sie führten ihn hinaus, dass sie ihn kreuzigten.
21 Und zwangen einen, der vorüberging, Simon von Cyrene, der vom Feld kam, den Vater des Alexander und des Rufus, dass er ihm das Kreuz trage.
22 Und sie brachten ihn zu der Stätte Golgatha, das heißt übersetzt: Schädelstätte.

Predigt

„Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen“ – so heißt dieses Bild. Zwei Männer stehe oder gehen eng umschlungen. Ihre Gesichter und Körper berühren sich. Sie ähneln einander. Allein die Farben ihrer Kleidung und ihrer Haut unterscheiden sich. Man muss schon genauer hinschauen, um zu erkennen, wer Simon ist und wer Jesus:

Im Gesicht des Rechten sieht man ein paar Blutstropfen, Kratzer von der Dornenkrone, die die Soldaten Jesus auf den Kopf gesetzt hatten. Todesbleich ist sein Gesicht und das rote Gewand erinnert an Blut. Symbol für den gewalttätigen Tod.

Vier Hände sind auf allen vier Ecken des Bildes verteilt. Man braucht ein wenig, um sie den beiden zuzuordnen: Je eine Hand umfasst den Balken, die andere umfasst den Gefährten an der Hüfte. Die Arme überkreuzen sich hinter ihren Rücken. Die beiden halten sich aneinander. Einer trägt die Last für den anderen mit. Ihr Blick geht in die gleiche Richtung, auf den Weg vor ihnen, auf das, was jetzt kommt.

Anders als es die Bibel erzählt, trägt Simon das Kreuz nicht allein. Der Künstler stellt die beiden Männer ganz eng zueinander. Sie tragen das Kreuz zusammen. Dabei war es kein Mitleid, keine Nächstenliebe, kein demonstrativer Protest von Simon. Er ist dazu gezwungen worden.

„Ich kam doch nur zufällig vorbei. Ich war auf dem Heimweg von der Arbeit, vom Feld, als sie mir entgegenkamen: Die Soldaten, die Jesus antrieben und die vielen Menschen die ihnen folgten. Stau vor dem Stadttor. So blieb ich stehen. Es war einfach Zufall, dass sie ausgerechnet mich gepackt haben. „He, du, komm her!“ Dann haben sie mich gezwungen, das Kreuz zu tragen. Ich kannte ihn eigentlich nicht. Mein Sohn Rufus schon, der war einer von den Anhängern Jesu. Aber das konnten die Soldaten doch nicht wissen. Ich glaube, es war einfach Zufall, mein Schicksal eben.“

Zufall oder Schicksal ist es, das Menschen in solche Situationen bringt:

Da wird der Partner krank oder dement oder braucht Pflege. Für die Frau   oder den Mann bedeutet das dann, diesen Weg mitzugehen, zu stützen, mitzutragen. Nähe und Wärme zu schenken – und auf vieles zu verzichten: Zeit für sich und die eigenen Wünsche. Das Schicksal fragt nicht: „Willst du das?“. Es zwingt einen, so wie Simon gezwungen wurde, das Kreuz mit zu tragen.

Simon von Cyrenes Sohn, Rufus, wird in der Bibel an anderer Stelle erwähnt. Er zählt zum größeren Jüngerkreis. Was er über das Schicksal seines Vaters sagen würde?

„Ja, so könnte es gewesen sein. Mein Vater hat nicht viel Worte gemacht. Er war eher ein Mann der Tat, kräftig und stark von der Arbeit auf dem Feld. Vielleicht haben sie ihn deshalb ausgesucht. Er war halt zufällig der Kräftigste von allen, die gerade da waren. Manche meinen aber auch, es war Fügung. Er war der Richtige für diese Aufgabe. Ein so warmherziger Mensch. Hat manchmal einfach seine Arm um dich gelegt und dann wusstest du: du bist nicht allein.“

Es ist die Nähe eines Menschen, die uns ohne Worte sagen kann: du bist nicht allein auf diesem letzten Weg. Dabei wirkt Simon auf diesem Bild nicht stärker als Jesus. Beide tragen eine gleich schwere Last. Aber durch die Last rücken sie enger aneinander. Manchmal erzählen Menschen davon, dass sie durch das Leiden, das gemeinsame Bewältigen schwieriger Zeiten, enger aneinandergerückt sind. Eheleute oder Kinder und Eltern. Freunde. Manchmal erzählen sie auch davon, dass sie nicht gedacht hätten, dass sie das können. Es aushalten können. Aber dann seien ihnen doch Kräfte zugewachsen.

Der Künstler hat die Hände besonders groß gemalt. Sie wirken wie ein Rahmen für das abgebildete Geschehen. Hände können anpacken, tragen, aber auch stützen und trösten und einfach halten. Und dass es nicht einfach ist, zu sehen, wem welche Hand gehört, das passt. So ist das manchmal, wenn ein Leid, ein schwerer Weg Menschen zusammenspannt. Es ist nicht immer klar, wer dann wen trägt und hält.

„Es waren ihre Hände, die ich in den letzten Sekunden gehalten habe. Manchmal hat sie mit einem leichten Druck reagiert. Dann habe ich sie ganz sanft gestreichelt. Als sie dann ihre letzten Atemzüge getan hatte, habe ich ihre Hände noch ein wenig gehalten und dann über ihrer Decke zusammengelegt. So als würde sie beten. Jetzt hält sie ein anderer, habe ich gedacht, als wir aus dem Zimmer gegangen sind. Es war gut, dass ich bei ihr war.“

Nicht nur Hände hat Simon auf diesem Bild. Er hat auch ein großes Ohr.
„Dass ich höre, wie ein Jünger hört“. Heißt es an anderer Stelle in der Bibel. Jünger haben große Ohren. Sie hören auf Gottes Wort. Doch was hört dieser Jünger wider Willen?

Mir fällt das Wort Jesu ein:
Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.
29 Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.
30 Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

Ein Joch – das ist ein Querholz, mit dem man früher Ochsen als Zugtiere zusammen vor einen Wagen spannte.

Wie unter einem solchen Joch sind Jesus und Simon hier zusammengespannt. Das Kreuz, der Kreuzbalken bringt die beiden zusammen, hält sie beieinander, lässt sie in die gleiche Richtung blicken. Das Leid schweißt manchmal Menschen zusammen, lässt sie einen schweren Weg gemeinsam gehen.
Simon geht den Weg Jesu mit. Für uns, die wir das Geschehen von außen betrachten – sieht daran nichts leicht aus. Das Joch wirkt hart und die Last schwer. Und doch schwebt die Verheißung Jesu über diesem Bild: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.
29 Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.
30 Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

Manchmal erzählen Menschen davon: dass das, was für Außenstehende so hart und schwer zu tragen aussah, dann doch leicht war, leichter als gedacht oder befürchtet.

Wenn Menschen zusammengespannt werden unter ein Schicksal, wenn sie die Last des anderen mittragen, dann höre ich immer auch die Verheißung mit, die darübersteht.

So wie bei der schweren Aufgabe, zuzuhören, wenn andere von erlittener Gewalt und Ängsten erzählen. „Du kannst mir anvertrauen, was auf dir lastet“, das ist die Einladung zu einem Gespräch zwischen einer jungen und alten Frauen. Das Gespräch findet statt auf einer Bank. Einer sogenannten Freundschaftsbank in Simbabwe. Wir haben davon auch beim Weltgebetstag gehört. Ältere Frauen, Großmütter werden als Laientherapeutinnen ausgebildet. In einem armen Land, in dem Psychische Krankheiten ein Tabu sind und es kaum Therapieplätze gibt, da sind die Freundschaftsbänke erfunden worden. Großmütter haben Zeit und hören zu. Sie hören Geschichten von Armut und Angst und Einsamkeit. Von Gewalt und Verzweiflung. Die Last, die hier ausgesprochen wird, geht durch Zuhören allein nicht weg und wird auch nicht sofort leichter. Aber was ausgesprochen wir, wird behandelbar. Es ist sicher schwer für die Großmütter, für diese weisen Frauen, all diese Geschichten und Schicksale zu hören und die Traurigkeit auszuhalten. Aber sie haben das als ihre Aufgabe angenommen, weil es sonst niemanden gibt, der das tut.

Simon von Cyrene hat die Last eines anderen mitgetragen. Die Aufgabe ist ihm zugewiesen worden. Er konnte sich nicht dagegen wehren.

Man weiß nicht, ob er ein Jünger Jesu war oder später zur ersten christlichen Gemeinde gehörte. Es ist nur ein Vers in der Bibel, der von ihm erzählt. Es bleibt offen, ob es Zufall war oder Fügung, dass er derjenige war, der Jesus nahe war auf seinem letzten Weg.

Zufall, Schicksal? Simon könnte klagen, sich wütend beschweren oder Antwort verlangen auf die Frage: „Warum ich?“ Er könnte mit seinem Schicksal hadern. Davon erfahren wir nichts. So wie die Dinge standen, hätte das auch nichts geändert.

Es gibt Situationen im Leben, in denen nichts mehr anders wird. Erlittenes Unrecht kann trotz aller Rechtssprechung nicht mehr ungeschehen gemacht werden. Die Toten holt niemand mehr zurück. Manche Krankheit kann nur gelindert werden.

Aber ich glaube, dass über allen Lasten die wir zu tragen haben, die wir mittragen oder miteinander tragen müssen, diese Verheißung steht:

Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.
29 Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.
30 Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.
AMEN.

Lied: EG 361,1-2

Fürbitten
Jesus Christus,
Simon von Cyrene ist ein Stück deines Weges mit dir gegangen.
Auch wir stehen in deiner Nachfolge.
Nimm du uns mit auf deinen Weg,
dass wir Liebe lernen und Frieden finden.
Nimm uns mit auf deine Weg,
dass wir lernen, zugewandt und einfühlsam zu sein,
und einander zu achten mit all unseren Unterschiedlichkeiten.
Nimm uns mit auf deinen Weg,
dass wir unserer Arbeit verantwortungsvoll nachgehen,
dass wir mit unserer Kraft dem Frieden dienen
und für Gerechtigkeit eintreten.
Nimm uns mit auf deinen Weg,
dass wir uns nicht blenden lassen
durch äußere Macht, durch Geld und Besitz.
Nimm uns mit auf deinen Weg,
den du für uns gegangen bist,
durch den Tod hin durch ins Leben.
Amen

Vater unser

Lied: Verleih uns Frieden EG +142

Segen
Musik zum Ausgang

 

am 1.3.2020 von Oberkirchenrätin Dr. Melanie Beiner, Darmstadt

Der Predigttext für den Sonntag heute ist eine der bekanntesten Erzählungen der Bibel. Adam und Eva. Die Erzählung vom Sündenfall. Eigentlich kennen wir sie noch irgendwie, jedenfalls in den groben Zügen. Sie ist lang und ich habe bei der Vorbereitung überlegt, ob es gut ist, sie ganz zu lesen. Und habe gedacht: sie ist zwar bekannt, aber literarisch ist sie so kunstvoll und dann hat man sie vielleicht doch in allen Teilen nicht mehr so präsent, dass ich mich entschlossen habe: ich lese sie ganz vor, auch wenn sie so lang ist.

Und die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der Herr gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?
Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet!
Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.

Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von seiner Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß.
Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.

Und sie hörten Gott den Herrn, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des Herrn zwischen den Bäumen im Garten.
Und Gott der Herr rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du?
Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich.
Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen?
Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß.
Da sprach Gott der Herr zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, sodass ich aß.

Da sprach Gott der Herr zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht vor allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Staub fressen dein Leben lang.
Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.
Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein.
Und zum Mann sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen –, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang.
Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen.
Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst, davon du genommen bist. Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.

Und Adam nannte seine Frau Eva; denn sie wurde die Mutter aller, die da leben.
Und Gott der Herr machte Adam und seiner Frau Röcke von Fellen und zog sie ihnen an.
Und Gott der Herr sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Nun aber, dass er nur nicht ausstrecke seine Hand und nehme auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich!
Da wies ihn Gott der Herr aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war.
Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.

„Und die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde.“ – Erster Satz. Ein Satz – und man weiß Bescheid. Einen besseren Beginn für das, was folgt, gibt es nicht. „Und die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde.“ Literarisch ist der Satz fast nicht zu toppen. Denn mit dem ersten Satz ahnt man, weiß man eigentlich – diese Geschichte kann nicht wirklich gut ausgehen.
„Und sprach zu der Frau…“ – so geht es direkt weiter. Alles in einem Atemzug.
„Sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?“

Ein kurzer Dialog. Die Frau wird verführt, überzeugt, überredet – in der Geschichte hat man vieles geschrieben. „Ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“ – Das ist das Verlockende.

Wissen, was gut und böse ist, das heißt ja eigentlich moralisch handeln können. Ein ethisches Subjekt werden. Das ist das Verlockende.

„Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und verlockend, weil er klug machte.“
Es hat lange gedauert, bis ich diesen Satz in Gänze wahrgenommen habe. Verlockend zu essen – soweit ist es im kulturellen Gedächtnis verankert. Und passt zu uralten Klischees über Frauen: emotional, leiblich, verführbar.
Verlockend, weil er klug macht – das hat die Tradition nicht so differenziert ausgebreitet.
Es ist die Frau, die gerne klug sein möchte.
Es ist die Frau, die es erstrebenswert findet, eine ethisch handelnde Person zu sein und Urteilskraft zu gewinnen. Zwischen gut und böse zu unterscheiden.

Ich kann mich nicht erinnern, dass es in meinem Studium eine Auslegung gegeben hat, die das einmal als Unterscheidungskriterium für Mann und Frau angeführt hat. Die Frau ist die, die klug werden will.

Was hat man auf Frauen alles projiziert und diese Erzählung jahrhundertelang für Rechtfertigung der Unterordnung der Frau herangeholt. Hat irgendjemand mal gesehen, dass es die Frau ist, die – im Unterschied zum Mann – hier an Erkenntnis interessiert ist. Ich wäre – wie Eva – interessiert das zu wissen.

„Und sie nahm von seiner Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß. Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schürze.“

Wir sind jetzt bei Vers 7. Die ganze Erzählung hat 24 Verse. Nach noch nicht mal einem Drittel der Erzählung ist es passiert.
„Und die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde.“ Jetzt schon zeitigt ihr Handeln Folgen. Sie wurden gewahr, dass sie nackt waren. Sie werden sich in ihrer Blöße gewahr. Wieso ist das eigentlich eine Folge, wenn man gut und böse erkennt?

Weil man sich dazu selbst reflektieren und damit selbst ansehen können muss. Erkenntnis gibt es nicht ohne Selbsterkenntnis. Nicht ohne, dass man sich selbst in ein Verhältnis setzen kann zu dem, was man tut oder nicht tut, tun soll oder nicht tun soll. Die Alternative ist der Instinkt. Da tut man auch was, aber ohne sich quasi selbst auch von außen ansehen zu können.
Und sobald man das kann – sobald man sich von außen ansieht – kann man auch sehen, dass man nackt ist, wenn man nackt ist.
„Und flochten Feigenblätter und machten sich Schürze.“

Dann kommt, was immer kommt, wenn man etwas angestellt hat. Ein langer Weg der Auseinandersetzung und schließlich die Konsequenzen.
Literarisch wird neu eingesetzt. „Und sie hörten Gott den Herrn, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war.“ Gott geht spazieren. Adam versteckt sich und Gott ruft:
„Adam, wo bist du?“
Auch das, muss ich zugestehen, habe ich so noch nicht bewusst gelesen. Vielleicht ist das meine Genderbrille. Adam wird ja gerufen. Nicht Eva.

„Adam, wo bist du?“ Die nächste erzählerische Genialität. Nicht: Adam, was hast du gemacht? Sondern: Wo bist du? Gott ist noch ahnungslos oder tut so. Adam nicht.
Ich finde, dass diese Frage die Erinnerung an genau die Situationen wachruft, in denen man wusste, dass man in Kürze der Instanz gegenüber stehen würde, der man irgendwie rechenschaftspflichtig war, seien es Eltern, Geschwister, Vorgesetzte oder wer auch immer.
Und dann verrät sich Adam. Er beichtet ja nicht, sondern verrät sich durch seine Scham sich nackt zu zeigen.

Und dann kommen die Schuldzuweisungen an andere, eigentlich eine ziemlich freche, die Adam hier nennt: „Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß.“
Mit anderen Worten: Du bist selbst schuld, Gott.
Und Gott fragt dann wie ein – ja, wie wer? Ein Vater, der sich erstmal alles erzählen lässt, bevor er dann ganz sicher ist, dass die Konsequenzen auch wirklich berechtigt sind?

Und dann kommen 6 Verse Konsequenzen. Die kennen wir, die leben wir ja heute noch. Die Schlange im Staub, die Frau liegt in Geburtswehen, der Mann arbeitet im Schweiße seines Angesichts.
Und schließlich: Adam nannte seine Frau Eva, denn sie wurde zur Mutter alles Lebendigen. Und Gott bekleidet die beiden und dann marschieren sie raus aus dem Paradies und es bleibt der Cherub mit dem Feuerschwert vor dem Eingang. – Willkommen im Diesseits.

Literarisch ist die Erzählung einer ganz bestimmten Gattung zuzuordnen. Ätiologie nennt man sie. Das sind Erzählungen, die märchen- oder mythenhaft erklären, warum etwas geworden ist, wie es ist. Oft sind es auch Legenden, die sich um besonders auffällige oder ungewöhnliche Naturformationen ranken. Vielleicht reicht die Erzählung vom Weihnachtswunder in Bad Nauheim, bei dem auf einmal die Sole aus dem Boden schäumte, auch daran heran.

Die Erzählung vom Sündenfall ist jedenfalls so eine Ätiologie. Sie will erklären, warum Frauen Geburtswehen haben und Männer arbeiten und Schlangen im Sand kriechen. Also warum das so ist, obwohl die Menschen einst von Gott geschaffen wurden und warum dann, obwohl Gott es gut meint, das Leben so mühsam ist.
Eine Antwort wird eben in Form dieser Geschichte gegeben.

Aber die Erzählung betrachten wir als Christinnen und Christen ja nicht nur literarisch. Wir fragen ja auch nach dem, was sie für unseren Glauben bereithält.

Die gängige Auslegung ist: Wir sollen nicht so sein wie Gott. Aber wir wollen es sein. Wir maßen uns zuviel an. Das ist Sünde. Das wird dann sehr moralisch verstanden. Und wir lesen die Geschichte immer als Geschichte vom Sündenfall – das Wort Sünde kommt aber gar nicht vor. Das gab es damals gar nicht.

Worum geht es dann? Für mich erzählt die Geschichte von einer heilsamen Begrenzung.

Wir leben im hier und jetzt. Wir können erkennen, aber eben nur eine bestimmte Zeit in einem bestimmten Raum, aus einer bestimmten Sicht.
Für uns erscheint das wie eine Begrenzung, die wir gerne aufheben möchten. Aber würden wir immer, überall und ewig leben, dann gäbe es keine Orientierung, wir wären keine Ichs, denn die entsteht durch Begrenzungen und Unterscheidung – gegenüber anderen und gegenüber Gott.

Adam, wo bist du? Das ist ja nicht nur eine mahnende Frage. Das ist auch eine Anrede. Der Mensch wird Gott zu einem Gegenüber, das angeredet werden kann und angeredet wird.
Erst wenn wir bestimmte Menschen zu bestimmten Zeiten mit bestimmten Namen, Erinnerungen, Erfahrungen, Einstellung sind, dann werden wir ein Gegenüber, ein Gesicht, einen den oder eine, der man verbunden ist, den man rufen kann und ein Ich, das sich angesprochen fühlt.

Interessanterweise gibt ja auch Adam Eva erst nachdem sie von dem Baum gegessen haben, einen Namen. Auch Adam und Eva erkennen sich in ihrem Unterschied erst, nachdem sie ethisch Handelnde geworden sind, erst da können sie sich ansprechen, sich begegnen, sich als Gegenüber wahrnehmen.

Ich verstehe es so: Gott lässt sich auf den Menschen ein, der nach der Erkenntnis strebt. Wir haben das jetzt nicht gehört, aber im Kapitel vorher sagt Gott noch: wenn du vom Baum der Erkenntnis isst, dann musst du des Todes sterben.

Davon ist hier keine Rede mehr. Gott lässt sich in gewisser Weise auch von dem Erkenntnisinteresse des Menschen überzeugen, davon, dass er ein moralisches Subjekt sein möchte. Und dass es gut ist, dass er gut und böse erkennt. „Wie unsereiner geworden.“
Und reagiert darauf, indem er ihn, indem er uns verantwortlich macht.

Ich rufe dich. Mensch, du bist gefragt. Da muss man sich nicht nur ertappt fühlen. Da kann man sich auch ernst genommen fühlen.

Das zweite, was für mich in diese Richtung deutet: Als sich selbst erkennender Mensch, kann man nicht mehr im Paradies bleiben. Weil wir automatisch hineingestellt sind in die Ambivalenzen, in das Für und Wider der Welt. Es gibt in kaum einer Situation einfach nur eine Seite, nur eine Sicht, schon gar nicht, wenn es um ethische Entscheidungen geht. Und deshalb kann es für uns, die wir handelnde Menschen sind, das Paradies, den Ort des Einverständnisses mit allem und allen nicht dauerhaft geben. Daraus wachsen Fragen, Herausforderungen, oft genug Konflikte, daraus wachsen aber auch Verständigung, sich wahrnehmen, begegnen, hören, daraus begegnet Vielfalt und Unterschiedliches. Das Diesseits ist das Gegenteil von Eintönigkeit.

Allerdings gilt auch da: Gott lässt den Menschen im Diesseits nicht bloß. Er kleidet ihn, bevor er in die Welt zieht. Legt ein Fell wie eine Schutzhaut um ihn. Will, dass er lebt.

Und schließlich:
Adam nannte die Frau Eva, denn sie wurde die Mutter alles Lebendigen.
Das finde ich eigentlich den schönsten Satz. Aus Eva geht alles hervor, was lebt. Das Lebendige ist eingebunden in Zeit und Raum, hat Grenzen, hat einen Anfang und ein Ende, Geburt und Tod, aber es bleibt lebendig, in Bewegung, lachend, weinen, wachsend, reifend, blühend und sich wieder zur Erde neigend.

Fruchtbar und sinnlich, leiblich und kräftig, und dann älter werdend, kleiner, stiller, langsamer. Irgendwann verlassen wir unser Ich dann wieder, das Sich-selbst-Erkennen verlassen wir und werden Teil dieser Erde. „Von Erde bist du genommen zur Erde wirst du werden.“

Für mich zeigt die Erzählung in seiner ganzen literarischen Schönheit und inhaltlichen Empfindsamkeit, dass es eben nicht nur schwarz und weiß gibt, nicht nur Gebote halten oder Gebote übertreten, nicht nur eindeutig gut und eindeutig böse, erwählt oder verworfen.
Was Gott hier tut, das zeigt gerade: Wir leben weiter und immer aus der Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen, aus dem, der Leben geschaffen hat und Leben will.
Und wenn wir uns von Gott entfernen, dann sucht er den Weg, uns lebendig und in seiner Nähe zu halten; es bleibt sein Sinn, den er in uns legt, seine Güte, die wir weitergeben; mit Anfang und Ende, mit Schmerzen und Schweiß und Staub, aber auch da unter seiner Obhut, in seiner Fürsorge, als sein Geschöpf.

Keine noch so listige Schlange kann das verhindern.
Wir sind längst nicht mehr im Paradies, aber immer mit Gott unterwegs. Mitten drin im Diesseits, mittendrin im Abenteuer, das wir Leben nennen. Und genau genommen ist Gott ja mit ausgezogen aus dem Paradies, hat sich uns beigesellt, ist Mensch geworden und ist unseren Weg einfach mitgegangen, auch den, auf dem es so schwierig wird und wir leiden.
Zusammen mit Gott auf einer spannenden Reise durch das Leben – so gesehen kann das Paradies auch noch ein Weilchen warten. Wir werden früh genug dahin zurückkommen.
Bis dahin dürfen wir weiter klug werden und leben unter seinem Schutz.

Amen

am 23.02.2020 von Vikar Ingmar Bartsch

Mit einer Schale Wein in der Hand sitzen Johannes und Thomas an diesem Abend zusammen. Wie so oft diskutieren sie über die Ereignisse des Tages. So langsam wird es kühl hier im Hof der kleinen Herberge in der Nähe von Jericho. Wie an jedem Abend hat sich die Menschenmenge aufgelöst, die sie seit Wochen begleitet. Morgen früh werden die Leute garantiert wieder auftauchen, die Zöllner, Sünder, die Pharisäer, die Sympathisanten und Kritiker, die Aussätzigen und die reichen Typen, die freundlichen und die griesgrämigen, die Frauen, Männer und Kinder. Einige von ihnen haben ein Dach über dem Kopf für die Nacht gefunden, andere schlafen draußen. Um die Ecke gab es noch vorhin eine Auseinandersetzung um das letzte freie Zimmer. Jetzt ist alles friedlich. Jesus schläft schon seit einer halben Stunde in einer Ecke des großen Raumes der Herberge. Er ist Frühaufsteher und betet oft vor Sonnenaufgang. Unmöglich für Johannes und Thomas. Sie verarbeiten die Ereignisse eines Tages am Abend und kommen morgens nur schwer in die Gänge.

„Ich bin total gerne mit Jesus unterwegs. Niemand erlebt so viel wie wir. Und doch komme ich mir manchmal so dumm vor.“ Nachdenklich lehnt sich Johannes an die Wand. Sie schweigen lange.

„Ich kapiere es auch nicht.“ Thomas schüttelt den Kopf. „Seit Wochen spricht er davon, dass wir nach Jerusalem gehen und dass da irgendetwas passieren wird. Und heute hatte er wieder solche Anwandlungen.“

„Wenigstens hat er sich nicht wieder über unsere Dummheit aufgeregt.“ gibt Johannes zu bedenken.

„Das stimmt.“ Ein kurzes Schmunzeln huscht über Thomas Gesicht. „Du weißt doch, wie er ist. Manchmal kapiert man einfach nicht, was er sagt. Und manchmal zweifle ich richtiggehend an ihm.“

Mit einem Ruck lehnt sich Johannes nach vorn. „Thomas, er hat gesagt, dass man ihn umbringt. Er wird höllische Schmerzen leiden. Er hat uns dafür extra zur Seite genommen. Das macht mir Angst.“

„Mir auch.“ Thomas überlegt einen Augenblick. „Aber denkst Du, er meint das ernst? Er redet doch ständig in Rätseln. Bestimmt ist das wieder so ein Gleichnis. Eins von denen, die er nicht extra erklärt.“

Johannes seufzt. „Ich hoffe, Du hast Recht. Wir werden wohl nie ganz verstehen, was er meint.“

 

Ich lese den ersten Teil des heutigen Predigttextes aus dem Lukasevangelium, Kapitel 18 ab Vers 31.

31 Er nahm aber zu sich die Zwölf und sprach zu ihnen: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. 32 Denn er wird überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und misshandelt und angespien werden, 33 und sie werden ihn geißeln und töten; und am dritten Tage wird er auferstehen. 34 Sie aber verstanden nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie begriffen nicht, was damit gesagt war.

Jesus ist mit vielen Menschen unterwegs. Sie bedrängen ihn. Er soll sie lehren, mit ihnen diskutieren, er soll einzelne wahrnehmen und heilen. Ich vermute, dass Jesu sehr gefordert war. Und doch ruft er mitten im Trubel des Tages seine 12 treuesten Gefährten zu einem kurzen Infoblock zusammen. Jesus erklärt ihnen, dass er misshandelt und getötet wird. Und dass er auferstehen wird. Das sagt er ihnen nicht zum ersten Mal, es ist schon die dritte Leidensankündigung im Lukasevangelium. Und trotzdem bleiben die Jünger ratlos. „Sie aber verstanden nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie begriffen nicht, was damit gesagt war.“ so überliefert der Evangelist Lukas die Reaktion der Jünger.

Wir lesen in den Evangelien häufiger, dass die Jünger die Worte und Taten Jesu einfach nicht verstehen konnten. Aber dieser Satz ist besonders, denn es handelt sich hier um drei Arten des Unverständnisses.

1. Sie aber verstanden nichts davon,

2. der Sinn der Rede war ihnen verborgen,

3. sie begriffen nicht, was damit gesagt war.

Bemerkenswert. Diese drei Teile zielen auf verschiedene Aspekte des Verstehens. Der erste Teil des Satzes beschreibt meines Erachtens ein schlichtes Kommunikationsproblem zwischen Jesus und seinen Jüngern. Eine Art alltägliches Missverständnis. Jesus sagt etwas und die Jünger verstehen nicht, was gemeint ist. Man könnte vermuten, dass sie sich in der konkreten Situation nicht getraut haben, nachzufragen. Deshalb heißt es: Sie aber verstanden nichts.

Aber damit nicht genug. Die Worte Jesu waren ihnen – zweitens – wohl auch schlicht und ergreifend zu hoch. Es war eine Botschaft, die ihre kognitiven Fähigkeiten überstieg. Etwas, wovon sie überfordert waren und dessen Sinn sich ihnen deshalb gar nicht erschließen konnte. Der Sinn der Rede war vor ihnen verborgen.

Drittens konnten diese Worte auch nicht in ihren Herzen ankommen. Dort keimte eigentlich die Hoffnung, dass der Messias die Römer aus dem Land vertreiben und eine neue Königsherrschaft installieren würde. Und deshalb war es für die Jünger vollkommen unmöglich, dass Jesus sterben sollte. Von der Vorstellung einer Auferstehung ganz zu schweigen. Sie begriffen einfach nicht, was damit gesagt war.

Man möchte meinen, dass wir heute im Vorteil sind. Wir können in der Bibel nachlesen, was an Ostern passiert ist. Aber mal ehrlich: Auch wir verstehen das nicht bis ins letzte. Selbst nach Jahren des Theologiestudiums muss ich zugeben: ich kann das nicht abschließend und schlüssig erklären, was da an Ostern warum passiert ist. Zu groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich die Worte Jesu einfach missverstehe. Und es übersteigt oft meinen Intellekt und meine Vorstellungskraft. Und auch wenn ich es versuche, mit dem Herz zu begreifen, so bleibt das Passions- und Ostergeschehen doch immer ein Geheimnis des Glaubens.

Und das ist gut so. Denn auf diese Weise können wir uns immer wieder wundern. Wir können stutzig werden. Wir können nachdenken über das Leiden, Sterben und die Auferstehung Jesu. Wir können diese Botschaft neu für uns entdecken, unseren Glauben stärken und Zweifel zulassen. Und das auch, weil diejenigen, die am nächsten dran waren, es ebenfalls nicht bis ins Letzte verstanden haben. Diejenigen, die eigentlich deutlich an der Quelle saßen, die mit Jesus unterwegs waren, die eigentlich die Sehenden sein sollten, die waren oft blind für seine Botschaft.

 

Und das führt zum zweiten Teil des heutigen Predigttextes. Ich lese aus Lukas 18,35 bis 43.

35 Es geschah aber, als er in die Nähe von Jericho kam, da saß ein Blinder am Wege und bettelte. 36 Als er aber die Menge hörte, die vorbeiging, forschte er, was das wäre. 37 Da verkündeten sie ihm, Jesus von Nazareth gehe vorüber. 38 Und er rief: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! 39 Die aber vornean gingen, fuhren ihn an, er sollte schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner! 40 Jesus aber blieb stehen und befahl, ihn zu sich zu führen. Als er aber näher kam, fragte er ihn: 41 Was willst du, dass ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann. 42 Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. 43 Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das es sah, lobte Gott.

Als ich den heutigen Predigttext vor einigen Tagen las, fragte ich mich, wie die Leidensankündigung und die Heilung des Blinden zusammenhängen könnten. Für mich lag das nicht gleich auf der Hand. Aber es gibt ein Motiv, das beide Teile verbindet: Das Sehen. Die Jünger sind – wie eben angedeutet – eigentlich Sehende, die nicht sehen. Sie sind jahrelang mit Jesus unterwegs, aber sie sehen oft nicht, wer er ist und welchen Plan Gott mit ihm hat. Und dann ist da ein Blinder, der durch Jesus sehend wird. Und der durch die Anrede „Sohn Davids“ schon von vornherein erkennt, dass es sich hier um den verheißenen Messias handeln muss.

An dieser Begebenheit bei Jericho finde ich bemerkenswert, dass sich der Blinde nicht mundtot machen lässt. Als er hört, dass da Jesus an ihm vorbeigeht, ruft er laut nach ihm. Er lässt sich auch nicht von denen abbringen, die ihn zum Schweigen bringen wollen. Ganz im Gegenteil. Auf die Verbote hin ruft er noch lauter. Und es verwundert mich, dass genau die Leute, die mit Jesus unterwegs sind, die seine Wunder gesehen und seine Worte gehört haben, einem Blinden verbieten, nach Jesus zu rufen.

Ich finde, dass auch wir uns nicht davon abbringen lassen sollten, nach Jesus zu rufen. Wenn uns etwas bewegt. Wenn uns etwas ängstigt. Wenn wir Zweifel haben. Wenn wir die Welt weder mit dem Kopf noch mit dem Herzen verstehen. Wenn wir uns über unsere Blindheit ärgern. Dann kann es helfen, dass wir uns an Jesus wenden und von ihm lernen. Denn – und das ist auch auffällig an dieser Blindenheilung: Jesus ist genau da, wo Zweifel sind. Ist Ihnen aufgefallen, dass an der Spitze der Menschenmenge offensichtlich nicht Jesus, sondern die Rechthaber laufen?

Die Menge um Jesus geht durch den Ort und der Blinde wird von den Leuten an der Spitze des Zuges zusammengestaucht. Jesus aber ist mittendrin in der Menge. Er ist bei denen, die ihn brauchen. Und er wendet sich dem Blinden direkt zu. Als der Blinde dann vor Jesus steht, gibt es nicht ein schnelles Heilungswunder. Er spricht mit dem Blinden. Das ist hier der dritte überraschende Punkt. Er fragt ihn, was er will. Ist das nicht klar? Ist Jesus auch begriffsstutzig? Denkt er, der Blinde wünscht sich Geld oder ein neues Auto? Was willst Du, dass ich für Dich tun soll? Jesus interessiert sich für den Menschen. Er will, dass er ausdrückt, was ihm fehlt. Es geht um die Beziehung. Und dann wird aus dem Blinden ein Sehender. Lukas überliefert es so: Und Jesus sprach: sei sehend! Dein Glaube hat Dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend.

Das ist eine frohe Botschaft, die durch den Blinden auch für uns klarer wird. Er schreit in seiner Blindheit nach Jesus. Er lässt sich nicht davon abbringen, dass er von Jesus sehend gemacht werden will. Und das gilt auch uns: Jesus kann sehend machen. Er kann uns dabei helfen, immer mehr zu verstehen, was es mit der Passionszeit, in die wir in der anbrechenden Woche starten, auf sich hat. Er kann uns dabei helfen, immer mehr zu verstehen, was sein Tod am Kreuz und seine Auferstehung bedeuten. Und wir können uns als Gemeinde zusammen auf Entdeckungsreise begeben: In den Gottesdiensten, den Passionsandachten, der Fastengruppe und vielen anderen Gemeindekreisen. Vielleicht sind die kommenden Wochen eine Möglichkeit, Jesus neu zu begegnen und etwas mehr Sehkraft zu gewinnen.

am 16.02.2020 von Pfarrer Rainer Böhm

Die Sendung Ezechiels
Und er sprach zu mir: Du Mensch, stelle dich auf deine Füsse, und ich will zu dir sprechen!  2 Und sobald er zu mir sprach, kam Geist in mich und stellte mich auf meine Füsse, und ich hörte den, der zu mir sprach.
3 Und er sprach zu mir: Mensch, ich sende dich zu den Israeliten, zu Nationen, die sich auflehnen, die sich aufgelehnt haben gegen mich. Sie und ihre Vorfahren haben mit mir gebrochen, so ist es bis auf diesen heutigen Tag.  4 Und zu den Nachkommen mit verhärteten Gesichtern und hartem Herzen, zu ihnen sende ich dich, und du wirst ihnen sagen: So spricht Gott der HERR!  5 Und sie - mögen sie hören oder es lassen, denn sie sind ein Haus der Widerspenstigkeit! -, sie sollen wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist.
6 Und du, Mensch, fürchte dich nicht vor ihnen und vor ihren Worten. Fürchte dich nicht, auch wenn sie dir widersprechen und Dornen für dich sind und du auf Skorpionen sitzt. Vor ihren Worten fürchte dich nicht, und vor ihren Gesichtern hab keine Angst! Sie sind ein Haus der Widerspenstigkeit!  7 Und du wirst ihnen meine Worte sagen, mögen sie hören oder es lassen! Sie sind ein Haus der Widerspenstigkeit!
8 Du aber, Mensch, höre, was ich zu dir rede. Sei nicht widerspenstig wie das Haus der Widerspenstigkeit, öffne deinen Mund, und iss, was ich dir gebe.
9 Und ich sah, und sieh: Zu mir hin war eine Hand ausgestreckt, und sieh, in ihr war eine Schriftrolle.  10 Und er breitete sie vor mir aus, und sie war auf der Vorderseite und auf der Rückseite beschrieben, und auf ihr aufgeschrieben waren Klagen und Seufzer und Wehrufe.
31 Und er sprach zu mir: Du Mensch, iss, was du vorfindest, iss diese Schriftrolle, und geh, sprich zum Haus Israel!  2 Und ich öffnete meinen Mund, und er lies mich jene Rolle essen.
3 Und er sprach zu mir: Mensch, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe! Da aß ich sie, und in meinem Mund wurde sie wie Honig, süß.

Liebe Gemeinde,

Prophet wird man nicht von sich aus. Man wird von Gott auserwählt und berufen. Meist haben die Berufenen einen Einwand: Jeremia wendet ein, er sei doch dafür zu jung; Mose meint, er habe Sprachprobleme. Und Jona läuft schnell in die entgegengesetzte Richtung. Aber das hilft ihm auch nicht. Dem Wort und Auftrag Gottes kanner auch dort nicht entkommen.
Ich kann diese Einwände gut verstehen, denn eine solche Berufung verändert alles, sie stellt das alte Leben auf den Kopf. Nichts ist mehr, wie es vorher war, nachdem Gott in dein Leben eingegriffen hat. Nur Elia und Ezechiel haben keine Einwände gegen ihre Berufung.
Ezechiel war der Sohn eines Priesters  und gehörte zur ersten Gruppe der um 600 v Chr nach Babylon verschleppten Israeliten. Er war Zeitgenosse des Propheten Jeremia. Er erhielt seinen Wohnsitz in Mesopotamien am Fluss Kebar bei Babylon, wo er als Prophet auftrat. Dort begann er im Alter von 30 Jahren sein prophetisches Wirken.

Ezechiel wird in ein schweres Amt berufen. So schön auch die Vorstellung ist, dass Gott mitgeht ins fremde Land, und nicht im Tempel in Jerusalem wohnt, so ernüchternd sind seine Worte. Er kommt nicht als der liebende und tröstende Gott, sondern als derjenige, der ihnen die «Leviten liest». Als Sprachrohr Gottes soll Ezechiel ihnen aufzeigen, wo sie nicht nach Gottes Willen gelebt haben.
Ezechiel bekommt eine Schriftrolle, die beidseitig beschrieben ist. Eine Anklageschrift mit so vielen Punkten, mit so viel «Klage, Ach und Weh», dass kein unbeschriebener Fleck auf der Rolle übrig ist.
Ob Ezechiel den Auftrag lieber abgelehnt hätte, wissen wir nicht. Er wird nämlich einer besonderen Prozedur unterzogen.
«Du Menschenkind, nimm und iss, was du vor dir hast!», wird ihm gesagt, «Du musst diese Schriftrolle in dich hinein essen und deinen Leib damit füllen». Ezechiel isst die Rolle und verinnerlicht dadurch mit jeder Zelle seines Körpers Botschaft und Auftrag. Er kaut die Botschaft durch, bevor er sie verkündet. So kann Ezechiel nun Ankläger im Namen Gottes werden..

Öffne deinen Mund und iss! „Ich weiß, was gut für dich ist.“
Das klingt für mich nach Gewalt, nach Übergriff
Diese Worte lösen in mir bittere Erinnerungen aus.  Ich war ein Kind, das nicht essen wollte. Und ich hatte ziemlich junge Eltern, die damit nicht zurechtgekommen sind. Ich wusste nicht mehr, wie man schluckt. Ich wollte nicht alles schlucken. Schon gar nicht gefüllte Paprika. Bis heute esse ich das nicht. Und so saß ich vor diesem Teller, bis es dunkel wurde. Es war eine kindliche Gewalterfahrung, die in ihrem Zynismus darin gipfelte, dass ich ein paar Jahre später auch noch auf eine dieser sechswöchigen Kinderkuren geschickt worden bin. Es ist wirklich schwierig, ein Kind zu füttern, das nicht essen will. Ein Dilemma, aus dem sich meine Eltern damals nicht anders zu retten wussten.
Heute weiß man, dass es nicht Bosheit der Kinder ist, die es zu überwinden gilt. Das Standardwerk der Kindererziehung war damals „Die Mutter und ihr erstes Kind“, ein Buch voller autoritärer Nazi-Pädagogik. (Dr. Johanna Haarer) Es hieß in der Nazizeit „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ und wurde auch nach 1945, unter leicht verändertem Titel, hunderttausendfach verkauft.  Ein Kassenschlager autoritärer Erziehung.
Heute wissen wir: Schreiende Kinder sind keine Gefahr, renitent, müssen nicht in ihre Schranken verwiesen werden. Schreiende Kinder brauchen etwas. Und es ist noch kein kleines Kind freiwíllig verhungert. Das Buch des  Kinderarztes Dr. Benjamin Spock, USA „Säuglings- und Kinderpflege“ gilt als Meilenstein einer grundlegenden Revision der bis dahin praktizierten Pflege und Erziehung von Säuglingen und Kleinkindern. Spock lehrte, vom Ende des Zweiten Weltkrieges an, dass Eltern ihr Kind im Gegenteil mit Liebe und Wärme aufziehen und sich auf ihre Intuition verlassen sollten.

«Du Menschenkind, nimm und iss, was du vor dir hast!»
Im polytheistischen Babylon bekräftigte Ezechiel  den Monotheismus der JHWH-Religion und übt schärfste Kritik an den Götzen, denen die Israeliten dort verfallen waren. Er prägte die Vorstellung von der Heiligkeit des Gottesnamens und gilt als Vater der priesterlichen Theologie. Die Gebote der Mitmenschlichkeit sind bei Ezechiel: Schonung von Frauen, Elenden und Armen; dem Hungrigen Brot geben; die Nackten bekleiden; Verzicht auf Zins und Zuschlag; Fairness im Handel, d. h. Nutzung fairer und anerkannter Maßeinheit. Handlungen in seiner Vorstellung von Jahwe sind häufig von Gewaltphantasien und -handlungen geprägt.  Aber sonderbarer Weise schmeckt ja die Botschaft nicht bitter, sondern süss wie Honig.
 
Die Israeliten damals haben die Anklage Gottes nicht gern gehört. Auch uns heute, als Kinder der Reformation, ist es viel angenehmer zu hören: «Wir sind von Gott geliebt und angenommen». Kritik hört niemand gerne, schon gar nicht aus Gottes Mund. Dennoch war es für die Israeliten damals wichtig, und ebenso wichtig ist es für uns heute, zu erkennen, dass Gott nicht nur ein liebender, sondern auch ein fordernder Gott ist. Unser Glaube wäre ein billiger und harmloser Glaube, wenn Gott nur der Liebende wäre, der all unsere Wünsche zu erfüllen hätte. Es ist Bestandteil der Liebe, ja Ausdruck der Liebe, Distanz zu nehmen zu Dingen, die man nicht mag und Kritik zu üben. Liebe und Kritik sind wie zwei Seiten einer Münze. Der Wahre Gegensatz zur Liebe ist die Gleichgültigkeit.
Bei Gott werden durch Kritik und Gericht Beziehungen geheilt. Es geht Gott nicht um die Bestrafung für Einzeltaten. Es geht um Veränderung. Indem er den Israeliten die Wahrheit über ihr Leben und auch ihren Glauben aufzeigt, sollen sie verändert werden. Die Gerichtsrede des Ezechiel ist sozusagen ein therapeutischer Prozess. Gott hat sich nicht zu ihnen auf den Weg gemacht, um sie fertig zu machen, sondern um sie zu verändern und um die Beziehung zwischen ihm und seinem Volk zu heilen. «Ich will ihnen ein anderes Herz geben und einen neuen Geist in sie geben und will das steinerne Herz wegnehmen aus ihrem Leibe und ihnen ein fleischernes Herz geben.» sagt Gott. Weil das Ziel die Heilung der Beziehung ist kann die Gerichtsrolle, die Ezechiel isst,  süß wie Honig schmecken.

Wir sind heute froh, dass es Antibiotika gibt, auch wenn sie nicht süß schmecken. Froh über das eine oder andere Medikament, auch wenn die großen Kapseln gelegentlichen Brechreiz auslösen. Wir hoffen mit den Menschen in China, dass es bald wirksame Therapien gegen das Virus geben wird. Auch wenn die jetzt ergriffenen Maßnahmen die Bewegungsfreiheit der Menschen drastisch einschränkt – das müssen die Betroffenen wohl schlucken, wenn sie überleben wollen. Und wir ja auch.
Als Kinder Gottes in dieser Welt haben wir eine Aufgabe. Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung – dafür haben wir uns  einzusetzen. Gott will durch uns in dieser Welt wirken. Er meint es gut mit der Welt und ihren Menschen, aber er will unsere Mitwirkung.

am 26.1.2020 von Oberkirchenrätin Dr. Melanie Beiner, Darmstadt

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde,

erstmal muss ich Ihnen ein Geständnis machen. Ich bin heute das erste Mal in meinem Leben in Bad Nauheim. Ich war heute morgen allerdings schon früh da und habe ein paar Schritte im schönen Kurpark gemacht, auch wenn es ja heute morgen sehr trüb und nebelig ist. Eine Weile stand ich dann auch vor dem Holocaust-Mahnmal. Im Internet habe ich es schon gesehen, und da hat es mich schon beeindruckt. Und nochmal mehr, als ich eben davorstand und die Namen lesen konnte, die auf der Gedenktafel stehen. Das Denkmal bewegt mich sehr. Die Bank mit dem zurückgelassenen Mantel lässt bei mir den Eindruck entstehen: Hier haben Menschen gelebt, die jetzt fehlen – und es scheint so, als wären sie gerade eben noch hier gewesen. Die Bank mit dem Mantel erinnert, indem das Dasein und Fehlen vergegenwärtigt wird. Einige Namen und Familiengeschichten habe ich auf der Homepage lesen können. Ich bin froh, dass ich das sehen und lesen konnte. Es wird mein Gedenken heute und morgen, am 27. Januar, am Gedenktag der Opfer des Nationalsozialismus begleiten.

Auch das Evangelium heute aus dem Matthäusevangelium kann uns bei der Erinnerung und Vergegenwärtigung helfen; und bei der Frage nach einer grenzüberschreitenden Verbindung zwischen Menschen unterschiedlicher Religion.

Als er nach Kafarnaum kam, trat ein Hauptmann an ihn heran und bat ihn (Mt 8, 5-13):
6 Herr, mein Diener liegt gelähmt zu Hause und hat große Schmerzen.
7 Jesus sagte zu ihm: Ich will kommen und ihn heilen.
8 Und der Hauptmann antwortete: Herr, ich bin es nicht wert, dass du unter mein Dach einkehrst; aber sprich nur ein Wort, dann wird mein Diener gesund!
9 Denn auch ich muss Befehlen gehorchen und ich habe selbst Soldaten unter mir; sage ich nun zu einem: Geh!, so geht er, und zu einem andern: Komm!, so kommt er, und zu meinem Diener: Tu das!, so tut er es.
10 Jesus war erstaunt, als er das hörte, und sagte zu denen, die ihm nachfolgten: Amen, ich sage euch: Einen solchen Glauben habe ich in Israel noch bei niemandem gefunden.
11 Ich sage euch: Viele werden von Osten und Westen kommen und mit Abraham, Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen;
12 aber die Söhne des Reiches werden hinausgeworfen in die äußerste Finsternis; dort wird Heulen und Zähneknirschen sein.
13 Und zum Hauptmann sagte Jesus: Geh! Es soll dir geschehen, wie du geglaubt hast. Und in derselben Stunde wurde sein Diener gesund.

Der Hauptmann von Kapernaum – eine Heilungsgeschichte. Allerdings, wie ich finde, eine besondere. Besonders ist zunächst, dass der Hauptmann, der, der um Hilfe bittet, viel von sich erzählt. Das kommt sonst nicht so häufig vor. Die ganze Szenerie gehört heute nicht mehr unmittelbar zu unserem Alltagerleben, damals aber schon. Ein Mann vom römischen Militär kommt zu Jesus. Das ist ungewöhnlich. Eigentlich waren die Römer die Besatzungsmacht. Sie haben zwar wohl die jüdische Bevölkerung und ihre Religion weitgehend in Ruhe gelassen, aber die Machtverhältnisse waren eindeutig und die Bedeutung politischer und militärischer Stärke war groß.

Der Hauptmann hat einen kranken Diener, für den er Jesus um Heilung bittet. Das ist das zweite Ungewöhnliche. Offenbar lassen sich übliche Zuschreibungen, die man von einem militärischen Befehlshaber aus dieser Zeit hatte, hier nicht anwenden. Er wird jedenfalls als ein Mensch gezeigt, der sich für seinen Untergebenen sehr einsetzt. Und dafür eigene Würden vernachlässigt. Jesus will zu ihm kommen, aber der Hauptmann weiß: eigentlich darf ein Jude kein nichtjüdisches Haus betreten. Also verlangt er es auch nicht von Jesus. Er respektiert die religiösen Vorschriften einer anderen Religion. Und dennoch aber bittet er Jesus um Heilung. Dennoch traut er ihm etwas zu.

Zur Erklärung zieht er seine eigene Lebenswelt heran. „Ich habe Macht und wenn ich ein Wort spreche, dann wird danach gehandelt.“ Eine solche Macht, allein durch ein Wort zu wirken, spricht er Jesus zu. Ganz unprätentiös, auch selbstbewusst. Es geht nicht um ein Gefälle. Das finde ich sehr wichtig. Es geht nicht um die bekannte Verteilung von Macht und Ohnmacht: hier der Hilfsbedürftige, da der Heiler. Man könnte auch sagen, der Hauptmann ist der, der hilft, und Jesus ist der, dem er Macht zuspricht und zuerkennt, aber den er dafür in gewisser Weise auch in Dienst nimmt.

Ich stelle mir das vor: Hier der dekorierte, uniformierte und anerkannte Berufssoldat; da der unkonventionelle, unstete Rabbi. Hier der, der in seinem sozialen Umfeld Ansehen genießt, da der, der immer wieder Unruhe reinbringt, weiterzieht, nur ein paar Leute mit sich nimmt und an jedem Ort von vorne anfängt.

Auf mich wirkt dieser Hauptmann souverän. Er macht einfach, was „dran“ ist. Einer im Haus ist krank – er kümmert sich um Hilfe. Der Helfende darf nicht in sein Haus – er bietet von sich aus an: „Sprich nur ein Wort…“.

Wie selbstverständlich geht er auf die Bedürfnisse anderer ein, obwohl sie nicht seine eigenen sind und obwohl es nach seinem sozialen und politischen Stand möglich wäre, sie gar nicht zu beachten.

Ich frage mich: Warum bekommen wir das nicht so hin? Warum tun wir uns so unglaublich schwer damit, wenn Menschen anders leben, anders denken, anders glauben?

Es ist erschreckend, wie sehr die Zugehörigkeit zu einer anderen Religion als das Christentum wieder zu Ausgrenzung und Diffamierung führt. Und das, obwohl wir ja als Gesellschaft immer weniger religiös werden. Seit vielen Jahren stand und steht der Islam im Fokus der Kritik. Jetzt erschrecken wir darüber, wie sehr der Antisemitismus sich wieder verbreitet. Und wie er es tut. Nicht nur allein in rechten Parolen, sondern als kleine Bildchen bei Twitter, im Alltag, einfach so, auf dem Schulhof, im Internet eben, und dann auch mit tödlichem Ausgang vor der Synagoge. Im Durchschnitt sind es fünf Attacken täglich, die als antisemitisch gelten, die in der Statistik des Bundeskriminalamtes vor zwei Jahren erfasst worden sind.

Die Politologin und Autorin Hannah Arendt hat Anfang der sechziger Jahre im Zuge der Berichterstattung über den Eichmann-Prozess von der „Banalität des Bösen“ gesprochen. Damals hat sie viel Kritik dafür bekommen. Bis heute ist umstritten, ob dieser Ausdruck das Böse nicht verharmlost.

Ich finde nachvollziehbar: Das Böse ist nicht banal; aber es kann im Gewand der Banalität, im Gewand der Normalität daherkommen. Vielleicht ist das gerade das Schlimme: es kann gewöhnlich und Gewohnheit werden. Wenn sich nur genug einig sind, dann funktionieren die Mechanismen von Stigmatisierung und Ausgrenzung aufgrund von Religion oder Herkunft. Je öfter es geteilt wird, desto normaler erscheint es. Und es scheint so, als könne es jederzeit wiederkommen.

Vielen erschien es bis vor einiger Zeit undenkbar, dass sich eine solche Ausgrenzung wieder vollzieht. Wir pflegen seit Jahrzehnten eine Gedenkkultur, wir erinnern uns, wir unterrichten, Austauschprogramme sollen das Verständnis untereinander ermöglichen.

Gleichzeitig müssen wir auch immer wieder selbstkritisch darauf schauen, dass auch das Christentum sich abgegrenzt hat und seine eigene Identität versucht hat zu bestimmen, indem es sich vom Judentum distanzierte und es nicht selten diffamierte.

Unsere eigenen Glaubensgrundlagen waren und sind nicht davor gefeit, dass man sie ausgrenzend und menschenfeindlich interpretiert. Auch das Matthäusevangelium war ein Text, der dazu missbraucht wurde, die Abgrenzung Jesu von den Juden zu behaupten.

Ich vermute, nur wenn wir ehrlich eingestehen, dass niemand per se vor Ausgrenzung und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit gefeit ist, nur dann bleiben wir wach und offen genug, um beidem im richtigen Moment entgegenzutreten.

Was gehört noch dazu?

Der Hauptmann von Kapernaum erkennt seine eigenen Grenzen an. Er ist zwar selber einer der Mächtigen, eigentlich eine Führungskraft; aber was die Heilung seines Knechtes angeht, da spricht er Jesus Macht zu. „Sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund.“

Für mich bedeutet das: Ich muss meine eigenen Grenzen erkennen, und das heißt auch, ich muss möglicherweise auch an meine eigenen Grenzen stoßen. Merken, wo es bei mir nicht weiter geht; merken, wo ich an den Rand komme. Erkennen, dass auch ich meistens nur eine Perspektive auf etwas habe, und ein anderer eine andere. Nur bestimmte Dinge kann und andere nicht. Immer nur Teile sehe, nie das Ganze. Das ist meistens unangenehm. Das ist vielleicht auch kränkend oder schwer zu ertragen; aber nur, wenn ich an meine Grenzen stoße, dann merke ich auch, wie und wo ich anders werden kann und soll. Eigentlich ist jeder Bildungsprozess eine Grenzüberschreitung – ich entwickle mich. Ich lerne etwas, das mir einen neuen Horizont eröffnet; aber ich muss gleichzeitig eingestehen, dass ich es vorher eben nicht gesehen, nicht gewusst, nicht verstanden habe.

Was ich bemerkenswert finde: Auch Jesus lernt in der Erzählung etwas vom Hauptmann von Kapernaum. „Als Jesus das hörte, war er erstaunt.“ Interessant ist, dass es ein paar wenige Erzählungen gibt, in denen Jesus lernt, sein Vorhaben ändert, sich auf etwas anderes einlässt als er vorhatte.  Das Interessante daran ist: es sind vor allem Erzählungen, in denen Andersgläubige ihn um Hilfe bitten.

Das Fremde, der Andere – er kann mich immer infrage stellen; mir zeigen, dass man auch ganz anders leben und ganz anders glauben kann. Möglicherweise ist das der Kern dessen, was Angst macht; denn dadurch wird mein eigenes Leben vielleicht relativiert. Ich merke, ich bin nur ein kleiner Teil einer großen Welt. Wenn mir jemand begegnet, der anders ist als ich, dann ist das immer auch eine Selbstbegegnung, weil sie mich in einem anderen Licht erscheinen lässt, mir widerspiegelt, wie ich in den Augen eines anderen erscheine.

Der Hauptmann scheint davor keine Angst zu haben; obwohl er viel Macht hat und seine Autorität bewahren muss. Er überschreitet seine eigenen Grenzen, indem er Jesus um Hilfe bittet.

„Ich bin nicht wert, dass du in mein Haus kommst, aber sprich nur ein Wort, dann wird mein Knecht gesund.“ Und dabei geht er nicht nur auf Jesus zu. Dieser Satz ist ja Ausdruck eines großen Vertrauens: „Sprich nur ein Wort….du kannst das“ – die eigenen Grenzen erkennen und dem anderen zutrauen, dass er schafft, was ich nicht kann.

Und Jesus? Sagt: „Dir geschehe, wie du geglaubt hast.“ Und heilt. Jesus heilt und lässt sich von dem Hauptmann verändern. Das scheint mir das Zweite zu sein. Wenn ich anderen begegne, die mir fremd sind, dann kann es sein, dass sie mich verändern, dass mein Leben sich verändert. Dass es nicht bleibt wie es war. Es kann tatsächlich sein, dass ich eine andere werde durch eine Begegnung, durch etwas, das mich bewegt, berührt. Auf einmal wird mir etwas wichtig; auf einmal werde ich verändert und muss mein Leben neu ausrichten.

Einer, der seine Grenze sieht und einer, der sich verändern lässt – das ist der Stoff, aus dem hier der Frieden gemacht wird. Zwei, die sich begegnen, ihre Grenzen erkennen können, und dem anderen vertrauen, dass er heilsam damit umgeht. Der Knecht wurde gesund – daraus also entsteht Leben.
Mir erscheint das verheißungsvoll. Und es passt in eine Zeit, in der wir als Gesellschaft ja global offen werden können und sollen. Das gilt auch für die Religion und unseren christlichen Glauben. Wir können ihn nicht durch Abgrenzung und Abschottung bewahren, sondern indem wir ihn mutig und  vertrauensvoll leben. Wir können nicht verhindern, dass Religion missbraucht wird; aber wir können einen anderen Umgang mit unserem Glauben dagegensetzen, nämlich indem wir ihn durchlässig machen und befragen lassen können von denen, die anders glauben und leben. Wir können ihn bekennen, ohne andere auszugrenzen und uns in dem Vertrauen getragen wissen, wohin auch immer sich unser Leben ausrichtet, Gott lässt Leben daraus entstehen.

So durchlässig für andere zu sein und gleichzeitig so vertrauensvoll an Gott zu glauben – das mag nicht einfach sein. Aber es gibt die, die das schaffen, auch oder obwohl das eigene Leben bedroht ist. Frauen aus dem Konzentrationslager Ravensbrück haben ein Gebet und eine Friedensbitte aufgeschrieben. Es ist für mich Ausdruck eines unglaublichen Gottvertrauens und eines selbstbewussten und friedlichen Umgangs mit anderen – auch in der größten Not.

Ich spreche das Gebet für uns erinnernd und vergegenwärtigend und als Vorbild im Glauben:

Friede den Menschen, die bösen Willens sind,
und ein Ende aller Rache
und allen Reden über Strafe und Züchtigung.
Die Grausamkeiten spotten allem je Dagewesenen,
sie überschreiten die Grenzen menschlichen Begreifens,
und zahlreich sind die Märtyrer.
Daher, o Gott,
wäge nicht ihre Leiden auf den Schalen
Deiner Gerechtigkeit,
fordre nicht grausame Abrechnung,
sondern schlage sie anders zu Buche:
Laß sie zugute kommen allen Henkern,
Verrätern und Spionen
Und allen schlechten Menschen,
und vergib ihnen
um des Mutes und der Seelenkraft der andern willen.
All das Gute sollte zählen, nicht das Böse.
Und in der Erinnerung unserer Feinde
sollten wir nicht als ihre Opfer weiterleben,
nicht als ihr Alptraum und grässliche Gespenster,
vielmehr ihnen zu Hilfe kommen,
damit sie abstehen mögen von ihrem Wahn.
Nur dies allein wird ihnen abgefordert,
und daß wir, wenn alles vorbei sein wird,
leben dürfen als Menschen unter Menschen,
und daß wieder Friede sein möge auf dieser armen Erde
den Menschen, die guten Willens sind,
und daß dieser Friede auch zu den andern komme.

Amen.

 

zur Verabschiedung von Pfarrerin Barbara Wilhelmi am 29.12.2019

Liebe Gemeinde,

„viele werden verstehen, wenn auf diesen Gottesdienst meine Gedanken schon lange gerichtet waren“ - mit diesen Worten fing mein Vater 1972 seine Predigt an, mit der er sich von seinen letzten Gemeinden verabschiedete. Ich las dort auch den handschriftlichen Zusatz, dass seine fast 42 Amtsjahre in eine wechselvolle, leidevolle Geschichte für Kirche und Welt gefallen waren. Dagegen waren meine fast 40 Jahre seit dem 1. Examen vergleichsweise ruhig – trotz Tschernobyl und Wiedervereinigung. In seiner Predigt damals legte mein Vater seiner letzten Gemeinde ans Herz, dem Wirken des Heiligen Geistes zu vertrauen und ermunterte sie, in sich die Tür aufzumachen und selbst anderen christliche Werte – vor allem den Kindern - vorzuleben – sich von der Geist-Kraft Gottes leiten zu lassen.

An diesem Punkt begegnen sich meine Predigt für diesen Tag mit der meines Vaters, denn von der Geisteskraft Gottes erzählte das Lukasevangelium in der Geschichte von Simeon, der auf etwas wartete und im Alter seinen Lebenshöhepunkt erlebt. Es ist eine Geschichte von einem alten Menschen, aber er hoffte darauf, dass da noch etwas Entscheidendes kommen wird. Simeon erwartete etwas von Gott – und so ist diese Altersgeschichte mitnichten eine Erzählung vom körperlichen Leistungsabfall! Simeon hat zwar körperliche Einbußen zu machen, er sieht nicht mehr gut ABER er definiert sein Leben nicht dadurch. Er muss nicht fit sein, um das Entscheidende noch zu erleben. Er wartet auf den Trost Israels (so übersetzt es Luther), andere schreiben, er wartet auf Zuspruch + Hoffnung. Und bevor er dem Tod begegnen wird, so der göttliche Geist, wird er diesen Trost und Zuspruch erfahren... Seine Gottesvorstellung war nicht geprägt davon, dass Gott etwas von ihm erwartet – etwa die Gebote halten - Nein, er erwartet etwas von Gott... und daraus wird eine lichtvolle Begegnung mit dem kleinen Christuskind, das sein Leben krönt.... und das ewige Leben für ihn schon jetzt angstfrei spürbar macht durch das Kind (den H e i l a n d). Ihn nimmt Simeon in seine Hände und segnet ihn.

Danach geht die Geschichte folgendermaßen weiter: L e s u n g Lk 2,36 – 38:
Und es war eine Prophetin, Hanna, eine Tochter Phanuëls, aus dem Stamm Asser. Sie war hochbetagt... Sie hatte sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt und war nun eine Witwe von vierundachtzig Jahren; die wich nicht vom Tempel und diente Gott mit Fasten und Beten Tag und Nacht. Sie trat auch hinzu zu derselben Stunde und pries Gott und predigte/redete von ihm zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten. Als sie alles vollendet hatten nach dem Gesetz Gottes, kehrten sie wieder zurück nach Galiläa in ihre Stadt Nazareth. Das Kind aber wuchs und wurde stark, voller Weisheit, und Gottes Gnade lag auf ihm.

Diese Geschichte ist in einem Fresko in der Abtei von Pomposa in Italien – zwischen Venedig und Ravenna an der Adria – aufgenommen.

In der Mitte sehen Sie die Hände Simeons, die sich von rechts dem Jesuskind entgegenstrecken, das noch auf dem Arm von Maria sitzt, Maria in einem tiefblauen Gewand. Rechts neben Simeon sehen wir die Prophetin Hanna im grünen Gewand. Das ganze Bild zeigt vier Personen sehr paritätisch angeordnet: Josef hinter Maria – in der Mitte Christus – und rechts Simeon und Hanna. Josef hält 2 Tauben in den Händen, Simeon will das Kind anfassen und Hanna hält die Schriftrolle in ihrer linken Hand, die sie anscheinend liest und vorliest, denn im Hebräischen wird von rechts nach links gelesen und genauso hält sie diese Rolle auch. Auf diesem Bild soll erkannt werden: Diese Hanna hat wirklich gelesen, sie war weise und als Prophetin hat sie geweissagt.

Die Darstellung zeigt keine Rollenstereotypen: Aber diese Deutung des Freskos aus der Kirche von Pomposa ist nicht ungewöhnlich, denn es stammt aus der frühmittelalterlichen Zeit, in der Frauen noch mehr Raum gewährt wurde - in Kirchen und an Höfen. Wir erinnern uns dabei auch an Hildegard von Bingen in unserer Nähe aus der Zeit 1098-1179 und an die frühmittelalterlichen Schriftstellerinnen, die wesentlich zur heutigen deutschen Sprache beigetragen haben. Leider wurde ihr Wirken ab dem 13. Jahrhundert verboten und jäh beendet. Fortan hatten es Frauen innerhalb und außerhalb der Kirche schwerer und es brauchte viele Jahrhunderte, um daran etwas zu ändern. Deshalb hatte ich mich gefreut, als ich nachschaute, welche Texte für den heutigen Tag zur Lesung vorgeschlagen waren, als ich dort Hannah entdeckte, die im Lukasevangelium mit Namen und Herkunft aus dem Stamme Asser, was Glück und Segen bedeuten kann, und vor allem mit ihrem Beruf ganz genau benannt ist.

Bei meiner Ordinationspredigt über 1. Mose 12, 1 – 3 – auch hier in der Dankeskirche vor 30 Jahren – war das nicht so. In jener Passage ist ja nur von Abraham die Rede, der von Gott weggeschickt wurde in ein anderes Land... Von Sarah steht dort nichts, obwohl sie natürlich auch dabei war. Sie sollte sich anscheinend mitgemeint fühlen – wie das vor 30 Jahren noch oft von uns Frauen verlangt wurde. Damals hatte ich deshalb ganz bewusst lange über Sarah gepredigt, mehr als von Abraham. Ich wollte den künftigen Gemeindegliedern zeigen, worauf ich ein Augenmerk legen will: Etwas zur Sprache zu bringen in der Seelsorge und Leben sichtbar zu machen – von Frauen und Männern.

Mittlerweile hat sich einiges geändert: Das Kapitel 8 im Lukasevangelium wurde zwar schon 1984 überschrieben mit: Die Jüngerinnen Jesu – aber diesen Begriff konnte ich 1988 nicht so ohne weiteres in der Gemeinde voraussetzen. In den vergangenen Jahrzehnten wurde daran weiter gearbeitet und nicht zuletzt versucht seit dem letzten Jahr die neuen Perikopenordnung für die gottesdienstlichen Texte einen neuen Akzent zu setzen, sodass die ganze Breite der biblischen Frauen und Männer aus der Bibel im Gottesdienst vorkommt.

Andere Felder in meinem Berufsleben waren nicht nur positiv – natürlich habe ich auch Enttäuschungen erlebt, Erfahrungen von verschlossenen Türen, Missverständnisse. Ich zähle das jetzt nicht einzeln auf, sondern lasse Sie lieber teilhaben, wie ich oft gerade deshalb auf einen besseren Weg geführt wurde, als ich selbst es vorher beabsichtigt hatte – und ich sage dazu auch, vom Geist Gottes geführt. Wegen der Verhinderung ursprünglicher Pläne, habe ich neue Arbeitsfelder entdeckte. Z.B. gab es da die Veränderung durch die Gesundheitsreform – das Wegfallen von Räumen – es brachte mich zur Konzentration auf die PatientInnen in den Kliniken und meiner expliziten Fragestellung: Was kann ich bewirken, wenn Menschen es erleben, zwischen Leben und Tod zu sein? Was ist Seelsorge? Der Begriff: Seele – der in meiner Ausbildung keine große Rolle spielte - rückte nun mehr und mehr in den Mittelpunkt. Die zentrale Frage meiner Berufstätigkeit war: Wie kann Seelsorge praktiziert werden – wenn ich den Heilungsauftrag Jesu ernst nehme, der ja nicht nur unmittelbar den damaligen Jüngerinnen und Jünger galt – sondern auch für mich. Ich suchte nach Methoden – ich blickte in andere Kulturen auf Traditionen und altes Wissen bei Menschen, die möglicherweise das Bibelwissen für Heilung noch bewahren konnten....

Die mögliche Kraft der Heilung benennt auch Simeon in unserem Text: „Nun haben meine Augen deine Heilungskraft gesehen, Gott, deinen Heiland“ (Luther) anstatt „deinen Retter“ (Sotärion sou). Etwas sehen – erkennen wollen - sagt Simeon und er ist nah an den Patientenerfahrungen: Zunächst können viele der kranken Menschen gar nicht nicht aussprechen, was mit ihnen in oder nach einer traumatischen Erfahrung ist... wer sie jetzt sind... Sie wissen auch nicht, ob da noch Rettung ist, haben kaum Hoffnung. In einer Seelsorge, die sich auf das Gespräch beschränkt, kommt man oft an diesem Punkt nicht weiter – wenn noch keine Worte da sind. In unserer Geschichte wird gezeigt, dass Simon Jesus anfasst und so begreift... Deshalb setzte ich auch unterschiedlichen Methoden in der Seelsorge ein: Malen – Musik – Bibliodrama: Da ging es auch um das Erleben, fühlen, sehen, malen, singen, meditieren – und erst so konnten sich danach die eigenen persönlichen – richtigen Worte formiere, Erkenntnisse reifen.

Viele Menschen haben mich bei dieser Arbeit unterstützt und ihnen möchte ich heute danken – allen, die praktisch mitgeholfen und organisiert haben – mitgedacht haben: Den Ärztinnen und Ärzten, Mitarbeitenden in den Kliniken, den KollegInnen in der Gemeinde und in der Klinikseelsorge im Dekanat von 1988 bis heute... Ich danke aber auch allen hier aus der Kirchengemeinde und meiner Familie, den Freundinnen und Freunden, allen, die mir ein Gegenüber waren, mir Mut gemacht – teilgenommen haben in den Veranstaltungen der Kurseelsorge früher – z.B. im Bibliodrama und ab 1994 der Frauenkreis, der mir so viel bedeutet hat über all die Jahre...

Meine Hoffnung ist, dass ich wie Simeon nach vorne schaue und lebe – die Hände ausstrecke nach dem Trost – dem Heilenden... und dass ich wie Hannah im Tempel Gottes bleibe – was nicht wortwörtlich zu verstehen ist, denn die Schlüssel von den Kirchen und Gemeindeamt muss ich ja leider abgeben! - aber innerlich kann ich doch bleiben - mehr und mehr spirituell wachsen – vielleicht auch hier und da etwas weissagen....
 
Ich wünsche Ihnen allen, dass Sie auch von Gott in Ihrem Leben etwas erwarten - und die Hände danach ausstrecken – nach dem Heilenden...

Möge die göttliche Geistes Kraft uns führen und das Licht Gottes uns alle erhellen.
AMEN

zur Christvesper am Heiligen Abend 2019 von Vikar Ingmar Bartsch

Liebe Gemeinde,

Gnade sei mit Euch und Frieden von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

Wir erleben gerade die längste Friedensperiode unserer Geschichte. Ein Blick über Europa hinaus zeigt aber deutlich: Frieden kann niemand garantieren. Frieden ist fragil und oft genug ist er mit Kompromissen verbunden. Bei Jesaja haben wir heute gelesen, dass Gott Frieden für sein Volk ankündigt. Und wir haben von den Engeln gehört, die den Frieden Gottes auf Erden verkünden.

Die Sehnsucht nach Frieden ist so alt, wie die Menschheit selbst. In zahllosen Liedern wird er besungen. „Lass mich in Frieden!“ sagen manche Menschen, die ihre Ruhe haben wollen. „Der ungerechteste Frieden ist besser, als der gerechteste Krieg,“ sagte einst Cicero und man stutzt bei diesen Worten ein wenig. Humorvoller hat es ein unbekannter Künstler ausgedrückt: „Der einzige Ort, an dem man stets Frieden, Gesundheit, Reichtum und Glück findet, ist das Lexikon.“ Es gibt übrigens den so genannten Weihnachtsfrieden. In dieser Zeit um Weihnachten verschicken Ämter keine Knöllchen oder andere Bescheide, die den Empfänger belasten. Manche von Ihnen kennen den Begriff Weihnachtsfrieden auch aus einem anderen Zusammenhang. Im ersten Weltkrieg schwiegen zu Weihnachten 1914 die Waffen und britische und deutsche Soldaten feierten gemeinsam.

Eine weitere Spielart des Friedens ist der Burgfrieden. Vielleicht haben Sie schon einmal etwas davon gehört. Der Burgfrieden ist eine mittelalterliche Erfindung. Er war notwendig, wenn die Besitzer einer Burg untereinander zerstritten waren. Diese stellten ihre Konflikte zurück, und gingen vereint gegen Feinde vor. Gelöst waren die internen Konflikte davon natürlich nicht. Aber Cicero wäre sicher zufrieden gewesen. Zumal der Burgfriede ja ein echter Friede ist. Und manchmal ist er in den eigenen vier Wänden auch heute noch nützlich. Denn Frieden ist so ein wertvolles und zerbrechliches Gut.

Ob die Hirten bei Bethlehem auch eine Art Burgfrieden hatten? Lukas verrät uns wenig über die Hirten. Ich würde da ehrlich gesagt mehr erfahren wollen: Wie lebten sie? Waren sie Außenseiter oder übten sie einen normalen Beruf aus? War es normal, dass sie mitten in der Nacht draußen waren? Wir können nur vermuten. Lukas belässt es bei dem lapidaren „Und es waren Hirten in der selben Nacht auf dem Felde, die hüteten des Nachts ihre Herde.“ Vor welchen Bedrohungen sie ihre Schafe wohl beschützt haben? Vor wilden Tieren? Vor dreisten Viehdieben? Vielleicht waren die Hirten untereinander fürchterlich zerstritten. Aber um ihre Arbeit tun zu können, haben sie das in den Hintergrund gestellt. Vielleicht fiel es ihnen schwer, einander auszuhalten. Vielleicht gingen sie sich schon lange gegenseitig auf den Keks. So wie manchem die entfernte Tante, die jedes Jahr bei der Familienfeier dabei ist. Für das höhere Ziel, die Herde, haben sie ihre eigene Unzulänglichkeit und ihre gegenseitige Abneigung ignoriert. Sich etwas besser benommen. Etwas geduldiger auf andere reagiert.

Was wir definitiv von Lukas erfahren: Die Hirten hörten als erste die weihnachtliche Friedensbotschaft. An diesem Abend, dem ersten Weihnachtsfest, waren die Hirten draußen. Und plötzlich wurden sie aus ihrem Alltag gerissen. Das kam so unvermittelt und es muss so beeindruckend gewesen sein, dass sie große Angst hatten. Schon dieser eine Engel, der zuerst erschien, muss die Hirten völlig aus der Bahn geworfen haben. Und Engel tauchen immer da auf, wo Gott etwas Wichtiges zu verkünden hat.

Das erste Weihnachten war ein überwältigender Einbruch von Gottes Herrlichkeit in den Alltag der Menschen. Auch wenn es etwas simpel klingt: Ich persönlich kann das nachvollziehen. Es ist fast schon amüsant, aber mit präziser Regelmäßigkeit kommt Weihnachten plötzlich und unerwartet. Man wacht morgens auf und der Heilige Abend ist da. Ich habe Adventskalender. Ich weiß also, dass das Datum über Nacht vom 23. auf den 24. wechselt. Aber es kommt immer unvermittelt. Es gäbe noch genügend zu tun. So vieles ist noch nicht vorbereitet. Dieses wunderbare Fest kommt immer plötzlich und unerwartet mitten in meinen Alltag. Mitten in meine unfertige Weihnachtswelt. Vielleicht geht Ihnen das auch so. Eben noch die letzten Handgriffe an den Weihnachtsvorbereitungen getan und schon sitzen Sie hier in der Christvesper.

Für die Hirten war dieser Einbruch in den Alltag natürlich drastischer: Ihnen wurde eine unglaubliche Botschaft verkündet. Der, auf den alle Welt gewartet hat, der Friedensbringer, der göttliche Hoffnungsträger, er ist da. Geboren in einem Stall in Bethlehem. Gott selbst ist auf die Erde gekommen. Es wird nicht berichtet, dass die Hirten lange diskutiert haben. Sie zögern keinen Augenblick und laufen sofort los. „Lasst uns nun gehen nach Bethlehem!“ Und dort finden sie das, was die Engel ihnen angekündigt haben. Sie sehen das Kind.

Mit dem Entschluss, nach Bethlehem zu gehen, verlassen die Hirten den Alltag und tauchen ein in das Weihnachtsgeschehen. So ist unser Erleben heute mit den Erfahrungen der Hirten verwoben. Sie gehen los, lassen sich auf diese Botschaft ein, sehen das Wunder der Menschwerdung Gottes. Erleben Gottes ganze Zuwendung. Erfahren einen besonderen Frieden. Die Begegnung mit dem Kind muss so beeindruckend gewesen sein, dass sie jedem davon erzählten. Und egal, ob die Hirten ganz normale Menschen waren – wie Du und ich – oder Säufer und Raufbolde, sie haben erlebt: Gott hat sie nicht vergessen. Auch wenn ihr Alltag manchmal anders ausgesehen hat. Sie haben Frieden gefunden.

Und diesen Frieden konnten sie offensichtlich nicht selbst machen. Sie haben sich sicher angestrengt. Sie haben einander ertragen. Und das hat vermutlich ganz gut funktioniert. Sie konnten den äußeren Frieden wahren. Aber den inneren Frieden, den hat ihnen Jesus gebracht. Hier hat eine Veränderung stattgefunden. Das erfahren wir vor allem dadurch, dass sie nach dieser Begegnung Gott loben und ehren. Und dann kehrten sie in ihren Alltag zurück. Weihnachten ist auch heute noch das Eintauchen in das Besondere. Davon werden wir auch heute noch verändert. Wie die Hirten. Und wir können ebenfalls verändert in den Alltag zurückkehren.

Wie kann das geschehen? Vielleicht können wir auch im Alltag ab und zu weihnachtliche Begegnungen mit der Friedensbotschaft Gottes schaffen. In der Stille. Im Gebet. Im Lesen der Bibel. In der Begegnung mit Menschen. Vielleicht werden wir gnädiger zu anderen, weicher. Denn Gott kam ja als Neugeborenes. Vielleicht werden wir gnädiger zu uns selbst. Wir dürfen Schwächen haben. Wir dürfen Fehler machen. Wir müssen nicht vollkommen sein. Wenn selbst Gott ein Kind wird, dann müssen wir keine Helden sein.

Vielleicht gerät dann einiges durcheinander: Das Misstrauen, in dem man sich eingerichtet hat. Die Urteile und Vorurteile, mit denen man lebt. Die Stumpfheit, die einen vor Verletzungen schützt, aber auch das Glück und die Freude domestiziert. Und die Rücksichtslosigkeit den Ärmeren und der ganzen bedrohten Schöpfung gegenüber. Da gehen einem die Ohren auf und die Augen und das Herz. „Friede auf Erden“, heißt es jetzt. „Und den Menschen ein Wohlgefallen!“

Mag sein, dass das alles ein bisschen dauert und nicht von heute auf morgen geschieht. Die Hirten sind ziemlich schnell angekommen. Die Weisen aus dem Morgenland haben bis zum 6. Januar gebraucht. Und es ist keine Schande, länger unterwegs zu sein. Weihnachten ist ja nur ein Anfang, damit der Friede Gottes, der alle menschliche Vernunft bei Weitem übersteigt, unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus bewahrt.

am 8.12.2019 von Vikar Ingmar Bartsch

Liebe Gemeinde,

ich stecke den Schlüssel ins Zündschloss drehe ihn herum. Kurz hört man den Anlasser und schon springt der Motor an. Manche von Ihnen drücken einfach nur einen Knopf und hauchen dem Wagen damit Leben ein. Das ist der Normalfall, fast eine Art Gesetzmäßigkeit. Natürlich gibt es Tage, an denen das Fahrzeug nicht anspringt. Aber das ist eher selten. Mir ist das in 20 Jahren nur zwei Mal passiert. In der Regel starten wir das Auto und können losfahren.

Es gibt viele Wenn-Dann-Gesetzmäßigkeiten in unserem Leben. Wenn eine bestimmte Melodie in der ARD ertönt, dann beginnt der Tatort. Wenn die Klingel erschallt, dann beginnt die Pause. Wenn ich ein paar Minuten Film bei Youtube anschaue, dann kommt die Werbung. Wenn ich den Wasserhahn aufmache, dann kommt Wasser raus. Zumindest meistens. Und wenn die Glocken läuten, dann beginnt der Gottesdienst.

Im Lukasevangelium gebraucht Jesus eine solche Konstruktion. Er sagt im 21. Kapitel: „Seht den Feigenbaum und alle Bäume an: wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, dann wisst ihr selber, dass der Sommer schon nahe ist.“ Das kennen wir auch. Wenn bei uns die Bäume anfangen zu blühen, dann wissen wir, es ist nicht mehr lange bis zum Sommer. Das ist so, Jahr für Jahr. Ich mag es sehr, dass Jesus oft bekannte Bilder wählt. Bilder aus dem Alltag, die wir gut nachvollziehen können. Wenn die Bäume blühen, ist der Sommer nicht mehr weit. Was aber will Jesus mit dieser Aussage bezwecken?

Und da wird es spannend. Er bezieht Dieses Wenn-Dann auf das Kommen der Herrschaft Gottes. Und seine Worte klingen endzeitlich. Sie klingen nach Apokalypse und nach dem Ende der Welt, wie wir sie kennen. Ich lese Lukas 21, die Verse 25 bis 33:

25 Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres, 26 und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. 27 Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. 28 Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.

Vom Feigenbaum

29 Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht den Feigenbaum und alle Bäume an: 30 wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wisst ihr selber, dass der Sommer schon nahe ist. 31 So auch ihr: Wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist. 32 Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis es alles geschieht. 33 Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen.

Es sind dunkle Bilder, die Jesus hier gebraucht. Die Kräfte des Himmels werden ins Wanken geraten. Menschen werden Angst haben und vergehen vor Furcht. Sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres. So wird es – sagt Jesus – sein, wenn Gottes neues Reich anbricht und er wiederkommen wird. So wird es sein, wenn die Welt, die wir kennen, zu Ende sein wird. Und das kann einem schon Angst machen. Wie schrecklich muss es sein, wenn die Welt in sich zusammenbricht.

Ich habe das Gefühl, dass uns solche Beschreibungen gar nicht so unbekannt sind. Denn es muss ja nicht das Ende der Erde sein, das uns aus der Bahn wirft. Es gibt im Leben einschneidende Ereignisse. Ereignisse, nach denen wir das Gefühl haben, dass es nicht weitergeht. In denen wir nicht mehr aus noch ein wissen, der Boden unter unseren Füßen wankt und wir nicht wissen, wo wir Halt und Hilfe finden sollen. Es sind Ereignisse, die unsere Welt eigene zusammenbrechen lassen.

In den letzten Jahren erleben wir verstärkt, dass die Natur aus den Fugen gerät. Weil wir gedacht haben, dass wir sie ohne Rücksicht ausbeuten können. Dass sie sich von allein regeneriert. Wir haben die Schöpfung nur halbherzig bewahrt und nun merken wir, dass die Natur bedroht ist. Und diese Bedrohung wirkt auf viele Menschen ebenfalls wie ein Weltuntergang. Das macht diesen Text übrigens wieder hochaktuell. Jahrelang haben wir gedacht, dass wir alles im Griff haben.

Und heute müssen wir sehen, dass unsere Handlungen gegenüber der Natur Konsequenzen haben. Und natürlich haben Handlungen Konsequenzen. Plötzlich wird also die Gefahr eines Weltuntergangs für viele Menschen wieder real. Es wird denkbar, dass sich das Meer erhebt und die Kräfte der Natur ins Wanken kommen.

Die Bilder aus diesem endzeitlichen Text sind uns also nicht fremd. Wir kennen es, wenn uns bange wird vor der Zukunft. Wir kennen es, wenn wir uns fürchten. Um unsere Gesundheit, um unsere Existenz, um liebe Menschen. Um den Frieden und unsere Gesellschaft. Um unsere Welt. Doch Jesus geht es hier nicht darum, Angst zu machen. Im Gegenteil.

Denn in all dem Chaos, von dem hier die Rede ist, ist Jesus der Bezugspunkt. Denn, so sagt er: „Der Menschensohn wird kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit.“ Und: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.“ Wenn alles zusammenbricht, wenn die Welt und der Himmel aus den Fugen geraten, dann kommt der Menschensohn von dort, wo das Chaos am größten ist. Nämlich auf einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. Und wenn nichts mehr Bestand hat, dann werden seine Worte nicht vergehen. Wir haben in ihm also einen Bezugspunkt. Und deshalb sind wir nicht orientierungslos.

Jesus will mit seinen Worten unseren Fokus neu ausrichten. Sie kennen das Sprichwort vom Kaninchen vor der Schlange. Ängstlich erstarrt das Kaninchen, weil es keinen Fluchtweg mehr findet. Wir nutzen dieses Sprichwort, wenn jemand auf die Probleme fixiert ist und nicht nach einer Lösung sucht. Und das will Jesus verhindern, indem er uns einen Blickwechsel anbietet. Vor dem Chaos, unseren Ängsten, Nöten, Sorgen und Problemen müssen wir nicht kapitulieren. Wir können mit dem Blick auf Jesus hindurchgehen.

Deshalb spricht er zu uns: Wenn all dies geschieht, dann seht auf und erhebt Eure Häupter. Und zwar in die Richtung, aus der Eure Erlösung kommt. Dann seht zu mir, bringt Eure Sorgen und Eure Ängste zu mir und vertraut mir. Vielleicht ist es unerwartet, aber manchmal kommt mitten aus der Unruhe, aus der Katastrophe die Hilfe. Diese Hilfe kann durch Gottvertrauen kommen. Sie kann durch ein Gebet kommen. Oder durch Menschen, die für uns zum Christus werden, die Jesu Liebe und Erlösung in unserem Leben erlebbar machen.

Durch die Nachbarn, die uns in schwerer Krankheit etwas zu Essen kochen und uns unterstützen. Durch Menschen aus der Gemeinde, die uns zusagen, für uns zu beten. Manchmal kommt die Hilfe, indem wir beim Lesen in der Bibel neue Hoffnung schöpfen. So lenkt Jesus unseren Blick weg von den Zeichen des Untergangs hin zu Gott.

Jesus sagt übrigens nicht, dass alles gut wird. Er sagt nicht, dass wir keine Angst mehr haben werden, wenn wir auf ihn sehen. Und er sagt auch nicht, dass es keine Katastrophen geben wird. Oder dass wir nur fest genug glauben müssen, damit uns nichts passiert und alles gelingt.

Aber er sagt, dass wir darauf vertrauen dürfen, dass wir nicht allein sind. Er sagt, dass wir zu ihm sehen dürfen, wenn alles aus den Fugen gerät. Dann seht auf und erhebt Eure Häupter, weil sich Eure Erlösung naht. Dann erinnert Euch daran, dass Himmel und Erde vergehen, meine Worte aber bestehen bleiben. Das heißt: Erlösung wird kommen. Das sagt der Text deutlich. Die Katastrophe ist nicht das Ende. Denn am Ende steht die Befreiung von der Katastrophe.

Wir befinden uns gerade mitten im Advent. Früher war das eine Fastenzeit. Damit hat man das Warten auf Weihnachten deutlich gemacht. Wir warten auch heute auf Weihnachten. Alles läuft auf diese zweieinhalb Tage vom 24. bis 26.12. zu. Und da passt die Aussage des heutigen Textes sehr gut. Denn die gesamte Adventszeit ist auf die Ankunft des Jesuskindes ausgerichtet. Und an den Adventssonntagen werden wir daran erinnert, dass Jesus kommt. Als Kind in der Krippe. Als Erlöser zu jedem von uns.

Was ist nun mit der Wenn-Dann-Gesetzmäßigkeit vom Anfang? Der Blick nach oben verändert – wie eben gesagt – nicht sofort unser Leben. Probleme sind nicht sofort verschwunden. Die Wenn-Dann Gesetzmäßigkeit ist also nicht: Wenn die Welt aus den Fugen gerät, macht Gott sofort alles besser. Der Blick nach oben verändert aber unsere Perspektive. Und das kann uns helfen, wenn wir ratlos sind oder gar nicht mehr weiterwissen. Und diesen Blickwechsel dürfen wir für uns gerne zu einem Wenn-Dann-Gesetz werden lassen. Wenn die Welt aus den Fugen gerät, dann seht nicht auf die Probleme. Seht nach oben, zu Gott, zu Jesus.

Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.

zum Ewigkeitssonntag am 24.11.2019 von Pfarrerin Susanne Pieper

Gottes Liebe, die Gnade unseres Herrn und Bruders Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen!

Liebe Gemeinde,

es war auf dem Gleis 7 auf dem Hamburger Hauptbahnhof. Vor mir ging eine kleine Gruppe von Reisenden auf zwei Bahnbeamte zu und fragte hektisch: „Wo fährt der Regionalzug nach Kiel ab?“ „Immer den roten Lichtern nach“, antwortete einer der beiden – so, als hätte er diese Antwort schon oft gegeben. Und schon eilte die Gruppe weiter, und ich hinterher; mit der inneren Unruhe, die mich auf Bahnhöfen immer erfasst, und der Frage, ob ich den Zug wohl noch bekomme, ob ich nicht zu spät dran bin. Doch da stand er ja noch, und alles war in Ordnung.

Die Angst, zu spät zu kommen. Vielleicht kennt jeder Mensch sie. Die Angst, zu spät zu kommen, hat auch die ersten Christinnen und Christen beschäftigt. Sie warteten darauf, dass der auferstandene Christus wiederkommt. Sie lebten in dieser Hoffnung, auch wenn sie nicht wussten, wie und wann das geschehen würde.

Folgendes Gleichnis aus dem Matthäusevangelium spiegelt etwas davon wider: „Dann wird das Himmelreich mit der Geschichte über zehn Mädchen verglichen werden. Sie nahmen ihre Fackeln und gingen hinaus, um dem Bräutigam zu begegnen. Fünf von ihnen waren naiv und fünf schlau. Denn die Naiven nahmen ihre Fackeln, aber sie nahmen kein Öl mit sich. Die schlauen jedoch nahmen Öl in den Gefäßen zusammen mit ihren Fackeln mit. Als der Bräutigam auf sich warten ließ, wurden sie alle müde und schliefen ein.

Mitten in der Nacht aber ertönte ein lautes Rufen: ‚Der Bräutigam ist da! Geht hinaus, ihm entgegen.‘ Da wachten die jungen Frauen alle auf und machten ihre Fackeln zurecht. Die Naiven aber sagten zu den Schlauen. ‚Gebt uns von eurem Öl, denn unsere Fackeln verlöschen.‘ Die Schlauen antworteten jedoch: ‚Dann wird es bestimmt nicht für uns und für euch reichen. Geht lieber zu den Händlern und kauft euch welches.‘ Während sie weggingen, um einzukaufen, kam der Bräutigam. Und die, die fertig vorbereitet waren, gingen mit ihm zur Hochzeitsfeier, und die Tür wurde geschlossen. Später kamen die übrigen jungen Frauen und sagten: ‚Herr, öffne uns!‘ Er aber sagte: ‚Ich kenne euch nicht.‘ So seid wach, denn ihr kennt weder Tag noch Stunde!“

Ich gebe zu, liebe Gemeinde: ich habe mich über eine lange Zeit mit dieser Geschichte von den zehn jungen Frauen schwer getan. Denn ich habe sie moralisch verstanden: du darfst nicht naiv sein; du musst dich immer klug verhalten. Du musst auch im religiösen Sinne alles richtig machen, um bestehen zu können, um zuletzt dazu zu gehören. Doch darum geht es nicht in dieser Geschichte von der Ankunft des Bräutigams. Es geht in der Bibel nicht um Leistungen, die wir Menschen erbringen müssen, um vor Gott bestehen zu können. Und dann war da noch die Frage: Warum geben die Klugen den Naiven nichts ab? Warum teilen sie nicht? Dann hätten doch alle etwas davon. Aber offensichtlich geht es darum nicht.

Ich möchte diese Geschichte darum heute vielmehr auf die Symbole hin befragen, die in ihr verborgen sind. Und was sie uns heute, an diesem besonderen Tag des Gedenkens sagen können.

„Seid wach, denn ihr kennt weder Tag noch Stunde“ - diese Worte Jesu sind und bleiben im Ohr. Es geht um das wachsame Warten, und das tun ja anfangs alle zehn jungen Frauen in dieser Geschichte.

Warten – vielleicht erinnern auch Sie sich konkret an Zeiten oder an Momente, in denen Sie warten mussten. Auf einen Termin, auf einen Anruf, auf „bessere Zeiten“, auf Genesung und Besserung – oder schließlich auch darauf, dass ein Mensch nach langer Krankheit, in der es keine Aussicht mehr gab, doch auch gehen konnte, loslassen konnte, sterben konnte. Die Zeit des Wartens ist eine anstrengende Zeit. Weil sich in ihr alle unsere Kräfte konzentrieren, unsere Sehnsüchte, unsere Ängste und unsere Aufmerksamkeit. Und wie oft ist diese Zeit eine Zeit des stillen Gebetes und des Flehens zu Gott!

„Gebt uns von eurem Öl!“ sagt die eine Gruppe der jungen Frauen zu der anderen Gruppe. Doch die antwortet: „Dann wird es bestimmt nicht für uns und euch reichen. Geht lieber zu den Händlern und kauft euch euer eigenes.“ Jeder Mensch muss seinen eigenen Weg gehen. Jede und jeder muss auch sein oder ihr eigenes Leben leben. Und weiterleben. Wir können uns da nichts von jemand Anderem leihen. Es ist der ureigenste Weg; der ganz eigene, der meine Antworten auf die neue Situation erfordert. Wenn ich in Trauer bin oder wenn ich es gewesen bin, so weiß ich, dass niemand mir diese Trauer abnehmen kann. Ich muss selbst meine eigenen Schritte hindurchgehen. Diese Suche nach neuen Wegen kann anstrengend sein, und das Warten auf andere Zeiten kann sehr schmerzen. Aber vielleicht bitten mich später andere Menschen selbst um Öl für ihre Lampen. Vielleicht fragen sie: „Wie hast du das geschafft? Wie bist du da hindurch gekommen? Sagst du mir, wie das geht?“

Die Logotherapeutin Elisabeth Lukas hat einen wichtigen Satz gesagt. Der heißt: „In der Trauer lebt die Liebe weiter.“ Ja, wir tragen die Liebe für den geliebten Menschen weiter in uns. Sie bleibt uns. Die Liebe begleitet uns. Und durch die Erinnerung wird sie noch teurer, noch kostbarer und noch wertvoller. Und es ist schön, wenn wir stolz und dankbar dafür werden, dass wir sie im Leben erleben und erfahren durften!

In der Geschichte von den jungen Frauen geht es um das Öl. Öl ist das Symbol für eine Energiequelle. „Habe ich genug Öl in meiner Lampe, in meinem Gefäß?“ Ich verstehe das so: achte ich in dieser Zeit auch auf mich selbst? Dass ich noch Ressourcen habe? Gehe ich gut mit mir selbst um? Tue ich mir selbst Gutes, gerade auch in der anstrengenden Trauerzeit? Gehe ich spazieren, gönne ich mir eine wohltuende Massage, suche ich den Kontakt zu Menschen, die mir gut tun? Im Hier und Jetzt meines Lebens?

Klug ist es, sagt unsere Geschichte, auch gelassen zu sein und getrost schlafen zu können, Gott alles in die Hände zu legen. Schlafen und ausruhen und nichts tun. Auch das darf dazugehören. Auch die zehn jungen Frauen haben sich ihre Schlafzeit genommen. Die Trauerzeit ist eine kräftezehrende Zeit. Da brauchen wir besonders viele Ruhezeiten, unser Körper und unsere Seele braucht sie, damit wir zu neuen Energien finden.

Das Öl in der Geschichte steht für eine Energiequelle. Eine Kollegin schrieb: „Es steht für Glaube, Liebe und Hoffnung.“ Ich finde, das ist ein schöner Gedanke! Wir brauchen genug „Öl“, um durch den dunklen Weg der Trauer hindurch zu kommen. Mein „Öl“, meine Kraftquelle, das kann der Glaube sein, das Vertrauen, dass ich trotzdem getragen bin. Dass da jemand ist, der mich bei der Hand hält und der auch dann einen Weg für mich weiß, wenn ich ihn noch nicht sehen kann.

Mein „Öl“, meine Energiequelle, das kann die Liebe sein, die Erinnerung an all die Liebeszeichen, die ich von dem Menschen bekommen habe, der von mir gegangen ist. Sie werden immer bei mir bleiben, und sie werden sich in Dank verwandeln. Und mein „Öl“, das kann meine Liebe sein, mit der ich den geliebten Menschen den guten Händen Gottes und seiner umfassenden Güte anvertraut habe. Jesus sagt: „Bleibt in meiner Liebe!“ und „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid - ich will euch erquicken, ich will euch aufatmen lassen.“ Zu ihm sind wir eingeladen. Mit seiner Auferstehung hat er uns die großartige, die umstürzende Hoffnung auf ein neues Leben bei Gott gebracht.

Ja, das Gleichnis von den zehn jungen Frauen schenkt eine große Aussicht. Es sagt: Dein „Öl“, deine Energiequelle, kann die Hoffnung sein. Es ist klug, damit zu rechnen, dass der Bräutigam wirklich kommt; dass es ein Fest geben wird und dass wir wirklich dazu eingeladen sind. Es ist klug, damit zu rechnen, dass Gottes Versprechen wahr werden: dass er die Tränen abwischen wird von unseren Augen und der Tod einmal nicht mehr sein wird. Es ist klug, weiter zu blicken als unsere Augen eigentlich sehen können. Gott wird verbinden, was hier getrennt ist. Da werden das Warten und die Sehnsucht zu Ende sein. Da wird Wärme und Liebe sein. Freude und Wiedersehensfreude. So wie es Ernesto Cardenal, der Priester aus Nicaragua gedichtet hat:

Wir sind noch nicht im Festsaal angelangt,

aber wir sind eingeladen.

Wir sehen schon die Lichter

Und hören schon die Musik.

Und Gottes Friede, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

am 1.9.2019 von Pfarrer Rainer Böhm

Hiob 23, 1-17
Hiob antwortete und sprach:
2 Auch heute lehnt sich meine Klage auf; seine Hand drückt schwer, dass ich seufzen muss. 3 Ach dass ich wüsste, wie ich ihn finden und zu seiner Stätte kommen könnte! 4 So würde ich ihm das Recht darlegen und meinen Mund mit Beweisen füllen 5 und erfahren die Reden, die er mir antworten, und vernehmen, was er mir sagen würde. 6 Würde er mit großer Macht mit mir rechten? Nein, er selbst würde achthaben auf mich. 7 Dort würde ein Redlicher mit ihm rechten, und für immer würde ich entrinnen meinem Richter!
8 Aber gehe ich nach Osten, so ist er nicht da; gehe ich nach Westen, so spüre ich ihn nicht. 9 Wirkt er im Norden, so schaue ich ihn nicht; verbirgt er sich im Süden, so sehe ich ihn nicht. 10 Er aber kennt meinen Weg gut. Er prüfe mich, so will ich befunden werden wie das Gold. 11 Denn ich hielt meinen Fuß auf seiner Bahn und bewahrte seinen Weg und wich nicht ab 12 und übertrat nicht das Gebot seiner Lippen und bewahrte die Reden seines Mundes bei mir.
13 Doch er hat's beschlossen, wer will ihm wehren? Und er macht's, wie er will. 14 Ja, er wird vollenden, was mir bestimmt ist, und hat noch mehr derart im Sinn. 15 Darum erschrecke ich vor seinem Angesicht, und wenn ich darüber nachdenke, so fürchte ich mich vor ihm. 16 Gott ist's, der mein Herz mutlos gemacht, und der Allmächtige, der mich erschreckt hat; 17 denn nicht der Finsternis wegen muss ich schweigen, und nicht, weil Dunkel mein Angesicht deckt.


„Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden oder lieber weniger lieben und weniger leiden? Das glaube ich ist am Ende die einzig wahre Frage.“
Mit dieser Frage beginnt der neue Roman des britischen Schriftsteller Julian Barnes, „Die einzige Geschichte“.

„Würdest du lieber mehr glauben und dafür mehr leiden oder lieber weniger glauben und weniger leiden?“ – Was Hiob da wohl antworten würde, wenn einer seiner Freunde ihm eine solche Frage stellen würde … Gerade sitzen sie zusammen. Aber sie reden nicht einfach über Gott und die Welt. Sie führen kein zwangloses und vielleicht gerade deshalb tiefsinniges Kneipengespräch.

Hiobs Freunde haben beste Absichten. Sie möchten helfen, trösten, selbst verstehen, den Sinn suchen. Nach Erklärungen, nach dem Sinn seines Leidens, nach Antworten sucht ja auch Hiob. Die große Frage nach dem Warum steht im Raum. Hiob geht sie gewissermaßen in einer absoluten Haltung an: Er versteht nicht nur die Welt nicht mehr, sondern auch Gott. Immer hat er ihm vertraut, immer hat er seine Weisungen beachtet. Er war „fromm, rechtschaffen, gottesfürchtig und mied das Böse“, so heißt es über ihn in der Bibel.

Man braucht nicht nach dem Sinn zu fragen, wenn es einem gut geht. Nach Katastrophen sind die Kirchen voll: Hiob ging es lange Zeit richtig gut. Er war reich, erfreute sich bester Gesundheit. Bei allen, die ihn kannten, war er beliebt. ER hatte was aus seinem Leben gemacht. Neben dem beruflichen Erfolg fand er Rückhalt und Ausgleich in seiner großen Familie. Und überheblich oder eingebildet war er auch nicht, sondern sozial und solidarisch und dankte Gott für sein Glück.
Aber dann trifft ihn ein Schicksalsschlag nach dem anderen. Er verliert fast seinen ganzen Besitz. Seine Kindersterben. Er wird krank. Manche seiner Freunde wenden sich von ihm ab. Aber diese drei halten weiter zu ihm.

Sie versuchen, das Leiden irgendwie zu erklären und einzuordnen – so wie wir es vielleicht auch tun würden. Was wir einordnen können, damit können wir besser umgehen, es leichter akzeptieren. Verantwortung und Schuld spielen eine Rolle in jedem Leben, auch in unserem.

Menschen lieben zu viel oder zu wenig. Machen sich schuldig auch gerade an denen, die ihnen besonders nahe sind. Es ist schwer, alles richtig zu machen und allen gerecht zu werden. Schuld gehört zu unserem Leben.

Aber lässt sich mit Schuld alles erklären?  Kommt das Leiden aus unserer Schuld? Es fällt schwer, im Leiden überhaupt einen Sinn zu sehen. Höchstens wenn es überstanden ist und man es im Nachhinein als eine Prüfung verstehen kann. Es sich von anderen mitten im Leid sagen zu lassen, das erscheint gnadenlos. „Alles wird gut hört sich dann ebenso erlogen an wie „Du bist selber schuld“ die höchste Form von Teilnahmslosigkeit darstellt.

Wer am Bett eines Kranken selbst ohnmächtig dem Leiden begegnet, im Wohnzimmer einer Familie, die jemanden verloren hat, der weiß, dass es keine einfachen Antworten gibt. Dass Erklärungen überhaupt nicht helfen, sondern alles noch schlimmer machen können. Der kennt diese Gemengelage an Gefühlen aus Hilflosigkeit, Zweifeln und Wut.

So geht es auch Hiob. Er hat so viele Fragen im Kopf. Diese eine Frage: nach dem Warum? Lässt ihn nicht mehr los. Warum trifft mich dieses Unglück, warum jetzt, warum keinen anderen? Hiob war ein leidenschaftlicher Anhänger Gottes. Jetzt wird er zum leidenschaftlichen Zweifler.

Hiob wird kein Atheist oder Agnostiker. Er tritt gewissermaßen nicht aus der Kirche aus. Aber er kann nicht mehr an Gottes Güte und Freundlichkeit glauben. Er erlebt keine Freundlichkeit mehr. Wir erleben das Unglück immer als Einzelne in unserem Leben. Plötzlich ragt es hinein, auch wenn es ein allgemeines Unglück ist oder war: Da sterben die nächsten Angehörigen, da verliert man seine Heimat, da wird man selbst in den Strudel gezogen: So wie Millionen Menschen in Mittel und Osteuropa, zwischen Stalin und Hitler im vergangenen Jahrhundert, in KZs, in Hungerkatastrophen, auf Schlachtfeldern und Todesmärschen, in Lagern … in endloser, den Menschen angetaner Gewalt. Die Brutalität des Krieges, von Menschen gemacht, erweist sich im Leben der Einzelnen. Und da ist weit und breit kein Gott. Oder?

Im frühen 18. Jhd gab es ein verheerendes Erdbeben in Lissabon. Bis die Nachricht damals Mitteleuropa erreichte – dauerte es Tage oder gar Wochen, die Menschen waren entsetzt – so wie wir vor einigen Jahren nach dem verheerenden Tsunami vor Indonesien und Thailand zu Weihnachten.  Es war auch eine große Verunsicherung des europäischen Gottesbildes. Ist denn Gott nicht allmächtig?  Oder ist er etwa zynisch? Wie kommt das Böse in die Welt?

Der Philosoph Leibniz hat sich mit allen möglichen verschiedenen Übeln auseinandergesetzt. Geduldig sucht er Antworten auf die Existenz des Übels. In unerschütterlichem vertrauen auf die Liebe Gottes kommt er immer wieder zu dem logischen Schluss, dass Gott die beste aller möglichen Welten geschaffen hat. Und selbst aus dem Bösesten wird Gott Gutes entstehen lassen.

Eine andere Lösung, die mir sehr einleuchtet, das ist der Glaube an den mitleidenden Gott.  Das ist der Gott, der uns in Jesus Christus begegnet. Gott hat sich gar nicht abgewendet: er begleitet uns durch das Dunkel hindurch, er ist bei uns in unserer Not und weicht uns nicht von der Seite. Das sagt uns das Kreuz Christi.

„Würdest du lieber mehr glauben und dafür mehr leiden oder lieber weniger glauben und weniger leiden?“ – Hiob zieht Gott zur Rechenschaft, klagt ihn an, schreit ihn an, ringt und schimpft mit ihm. ER brüllt und lässt seinen Gefühlen freien Lauf. Der Gott soll es ruhig wissen, was er da anstellt. Hiob rennt nicht weg und schmeißt nicht hin. ER kommt von Gott nicht los, von der Frage nach Gott auch nicht.

Sein Unglück findet Worte und wird zur Klage. Vielleicht liegt darin ein erster Schritt zur Besserung. Denn es ist gut, wenn wir Worte für unsere Klage finden, wenn wir den Schmerz fühlen und zulassen und ausdrücken können.

Erst ganz am Ende antwortet Gott diesem zornigen und aufgewühlten und verzweifelten Beter. Nicht so, wie Hiob es gerne hätte. Das Leid kann nicht weggewischt werden; das Warum bleibt im Raum. Aber Gott wendet sich nicht ab. ER bleibt auch nicht stumm. ER hört Hiobs Klagen und Hiob kann ihn wieder hören. Über Ihn schreibt die Bibel am Ende seines Buches: „Und Hiob starb alt und lebenssatt.“
Amen

am 11.8.2019 von Pfarrerin Susanne Pieper

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn und Bruders Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen

Liebe Gemeinde,

ich möchte Sie heute morgen dazu einladen, mit mir ein wenig zu träumen. Zu träumen von einer Welt, in der jeder Mensch genug von allem hat. Zu träumen von einer Welt, in der es keinen Krieg gibt und keine Gewalt. Und in der Menschen, die aus ganz verschiedenen Nationen kommen, sich friedlich und auf Augenhöhe begegnen. Solche Träume von einer anderen, einer besseren Welt haben ihre Wurzeln in alten Verheißungen. Verheißungen, die manche Menschen schon lange vor uns in sich getragen haben. Eine von ihnen ist die Friedensverheißung des Jesaja. Ich lese sie aus dem 2. Kapitel seines Buches; es ist der Predigttext dieses Tages.

„In einer Vision empfing Jesaja, der Sohn des Amoz, diese Botschaft für Juda und Jerusalem: Am Ende der Zeit wird der Berg, auf dem der Tempel Gottes steht, alle anderen Berge und Hügel weit überragen. Menschen aus allen Nationen strömen dann herbei. Viele Völker ziehen los und rufen einander zu: ‚Kommt, lasst uns auf den Berg des Herrn steigen, zum Tempel des Gottes Israels! Dort wird er uns seinen Weg zeigen, und wir werden lernen, so zu leben, wie er es will.‘ Denn vom Berg Zion aus wird Gott seine Weisungen ausgeben, und sein Wort von Jerusalem aus verkünden.

Und Gott selbst wird den Streit zwischen den Völkern schlichten und das Recht zwischen den Nationen sprechen. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Speere zu Winzermessern. Kein Volk wird mehr das andere angreifen; und sie werden nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Kommt nun, ihr Nachkommen von Jakob, lasst uns schon jetzt im Lichte Gottes leben!“

Jesaja, der Profet, zeichnet hier ein großartiges Bild der Hoffnung, die sog. Zionswallfahrt der Völker: viele Nationen kommen aus freien Stücken nach Jerusalem, um gute Weisung für ihr Zusammenleben zu erhalten. Sie kommen zu Gott, weil sie von ihm ein gerechtes Urteil erwarten. Und mit seinem Urteil fühlen sich die Streitparteien offenbar so tief verstanden, dass nicht einer als Sieger und der andere als Verlierer da steht, sondern dass sie echten Frieden schließen! So wird Gott zum Vermittler zwischen Völkern. Alle kommen zu ihrem Recht, sie müssen nicht mehr gegeneinander kämpfen. Friede wird möglich, ja sie verlernen sogar das Kriegshandwerk. Tötungsinstrumente werden zu landwirtschaftlichen Geräten umgebaut. Statt Aufrüstung also Abrüstung. Statt Zerstören der Erde Bebauen der Erde. Angriffsszenarien und Verteidigungspläne sind nicht mehr nötig. Der Friede ist für immer da.

Welch ein Gegenbild zu unserer Welt! Täglich erreichen uns Nachrichten von Kriegen und Konflikten. Zwar wurden in den 90er Jahren internationale Abkommen zur Rüstungskontrolle geschlossen. Trotzdem aber tobt zur Zeit in Syrien einer der schrecklichsten Kriege. Im Stellvertreterkrieg im Jemen, in Afghanistan oder im Sudan leiden unzählige Menschen unter Krieg, Gewalt, Hunger und Seuchen. Ich denke aber auch an die eskalierte Situation am Golf, an den Handels- und Währungskrieg zwischen den USA und China, an die drohende atomare Aufrüstung, nachdem der INF-Vertrag 2018 von den USA aufgekündigt wurde.

Angesichts all dessen klingt die Vision eines Friedensreiches, so wie der Profet Jesaja sie schaut, doch sehr weltfern. Sehr utopisch. Ist es die Beschreibung eines St. Nimmerleintages? Oder ist es die Vision vom Ende aller Tage?

Sicher ist: es ist keine Beschreibung der Welt, so wie sie jetzt ist. Vielmehr betrachtet der Profet seine Wirklichkeit von der Zukunft her – von jener Zukunft Gottes, die ihm schon jetzt vor Augen steht.

Jesajas Zeit damals war ganz sicher genauso wenig friedlich wie unsere heutige Zeit. Das kleine Land Juda war umgeben von konkurrierenden Mächten. Der judäische König hatte sich schon der Großmacht Assyrien unterworfen, versuchte aber trotzdem noch zusammen mit anderen Kleinstaaten den Aufstand. So wurden Juda und Jerusalem durch das assyrische Heer bedrängt. Und schließlich auch besiegt und mit hohen Tributzahlungen belegt. Doch schon bevor es soweit gekommen war, mitten hinein in diese unruhige Zeit, rief Jesaja dazu auf, nach Gottes Weisung zu fragen und sich nicht allein auf zerbrechliche politische Bündnisse zu verlassen.

Er zeichnet ein Gegenbild zur üblichen Machtpolitik. Entwirft das Bild eines Friedensreiches, wie Gott es verheißt. Es ist ein fulminantes Friedenswort, das mitten hineinspricht in eine zutiefst unfriedliche Welt:

„Und Gott wird Recht sprechen zwischen den Nationen. Dann wird kein Volk mehr das andere angreifen, und niemand wird mehr lernen, Krieg zu führen.“ Das klingt zu schön, um wahr zu sein. Und doch: wie verlockend ist dieser Gedanke! Wenn ich mit Menschen spreche, die fast 90 Jahre alt sind, dann höre ich diesen großen Wunsch. Dann erzählen sie von Krieg und Vertreibung. Und ich spüre fast am eigenen Leib, wie nahe für sie dieses Thema noch immer ist. „Wir wissen, wie das war“, sagen sie. „Wir haben das alles gesehen. Kriege bringen Kinder um ihre Kindheit. Kriege zerstören die Liebe. Sie zerstören Familien. Kriege bringen nur Leid. Ich will, dass Menschen das nie wieder erleben müssen.“ Gerade aus den Erfahrungen des letzten Krieges erwächst die unendlich große Sehnsucht danach, den Frieden zu halten und ihn zu bewahren.

Jesaja schaut aus der Zukunft Gottes auf seine Gegenwart. Damit tröstet er sein Volk. Sagt damit: „Es werden andere Zeiten kommen. Gott wird größer sein. Auch Assyrien wird gerichtet werden und seine Macht abgeben müssen.“ So hilft er seinem Volk, nicht zu verzweifeln. Militärische Macht wird ihre Kraft verlieren. Schwerter zu Pflugscharen.

Schwerter zu Pflugscharen!? Das war doch das Motto der kirchlichen Friedensbewegung vor über 30 Jahren. Gruppen in Ost- und Westdeutschland haben damals gegen die atomare Aufrüstung demonstriert. Auch ich war damals dabei, als blutjunge Studentin gegen die Mittelstreckenraketen in Mutlangen. Viele Jugendliche trugen Aufnäher mit diesem Satz auf ihren Parkas, obwohl sie das in der DDR ihre berufliche Zukunft kosten konnte. Sie wollten sich von der Staatsmacht einfach nicht mehr einschüchtern lassen. Viele Einzelaktionen trugen damals dazu bei, dass Menschen ihre Angst verloren und massive Veränderungen forderten. Wir hier im Westen haben das damals z.T. atemlos beobachtet. Friedrich Schorlemmer feierte 1983 mit 600 Menschen eine „Schmiedeliturgie“ im Innenhof des Lutherhauses in Wittenberg. So wurde das Motto „Schwerter zu Pflugscharen“ zum Aufruf der friedlichen Revolution in der DDR.

Was war da passiert? Eine biblische Vision pflanzte sich ein in die Köpfe und Herzen der Menschen. Sie machte sie mutig und half ihnen, auch bei den Montagsdemonstrationen und -gebeten friedlich zu bleiben, nicht zu provozieren, und so dazu beizutragen, dass die Mauer fiel. „Mit allem haben wir gerechnet, nur nicht mit Kerzen und Gebeten“, sagten die Machthaber später.

Schwerter zu Pflugscharen. Ein Bild kann Macht entfalten. Das lernen wir aus der jüngeren Geschichte Deutschlands. Ein Bild kann Hoffnung geben. Es bestärkt uns, nicht immer nur den Bedenken Raum zu geben, sondern auch der Hoffnung. Es könnte doch vielleicht möglich sein. Es könnte doch sein, dass Friedenskräfte wieder stärker werden. Hoffen ist Einüben in etwas, was noch nicht da ist. Das ist Jesajas Botschaft auch für uns: „Hofft auf Frieden und gebt nicht auf!“

Er schaut aus der Zukunft Gottes auf seine Gegenwart, und dabei geht es um einen Perspektivwechsel: wenn alle Beteiligten einfach so weitermachen wie bisher, dann wird sich die Spirale von Gewalt, Unterwerfung und Gegengewalt immer weiter drehen, bis in Ewigkeit. Aus Gottes Zukunft her betrachtet, zeigt sich aber: Frieden ist möglich! Nur Gottes Geist bringt Menschen auf diese Idee.

Für mich, liebe Gemeinde, ist das ein atemberaubender Gedanke. Ich möchte ihn glauben, allen meinen Zweifeln zum Trotz. Und manchen Ohnmachtsgefühlen zum Trotz, die mich manchmal beschleichen wollen. Und ich merke, wie sehr ich diese Vision vom Frieden brauche.

„Die Herren dieser Welt gehen. Aber unser Herr kommt!“ Dieser Satz von Gustav Heinemann gilt auch heute noch. Gott behält das letzte Wort. Ich will mit Jesaja an diesen Gott glauben, der den Frieden liebt und nicht den Krieg. Wo Kinder nicht mehr lernen müssen, andere zu hassen. Wo sie Kinder sein dürfen, spielen und lernen dürfen. Wo Erwachsene pfleglich mit der Erde umgehen, anstatt sie zu zerstören. Und ich bin froh, dass er ein Gott ist, der zwischen den Völkern schlichtet, das Recht zwischen den Nationen spricht. Weil dies bedeutet, dass Gott alle Nationen dieser Erde im Blick hat. Nicht nur die wenigen Großen, Reichen, Machtbesessenen, die meinen, an der ersten Stelle zu stehen. Er will auch für die Kleinen Gerechtigkeit. Alle kommen zu Wort. Es geht ihm also um den Ausgleich der verschiedenen Interessen, d.h. auch um das Wahrnehmen der Schwachen. Das ist auch für uns jetzt schon ein wichtiger Kompass, um die Konflikte in unserer Welt zu beurteilen.

An diesen Gott will ich glauben. Mit diesem Gott will ich durch meine Lebenszeit gehen.

Hochinteressant ist, wie die Friedensvision des Jesaja aufhört: „Kommt nun“, sagt er, „lasst uns schon jetzt im Lichte Gottes leben!“ Schon jetzt also ist es dran, nach Gottes Weisungen zu leben. Auch wenn sich die umfassende Friedensperspektive erst am Ende der Zeit durchsetzen wird. Schon jetzt im Lichte Gottes leben: Schritte zur Abrüstung suchen anstatt zur Aufrüstung, gerade auch der atomaren Aufrüstung. Streit schlichten, Brücken bauen, immer wieder das Gespräch zwischen den Nationen suchen. Nur so gehen wir in den Spuren Jesu, unseres Meisters. Auch die anderen, die auf der gegnerischen Seite, sind Mitmenschen, sind Gottes Geschöpfe; auch sie lieben ihre Kinder. Gottes Liebe kann die Spirale von Gewalt und Gegengewalt durchbrechen.

„Kommt, lasst uns schon jetzt im Lichte Gottes leben.“ Gottes Licht scheint schon jetzt in unsere Gegenwart hinein. Das dürfen wir hoffen. Und damit können wir leben.

Und Gottes Friede, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

am 21.7.2019 von Pfarrer Rainer Böhm

Mt 9, 35 – 10,10

35 Und Jesus zog umher in alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen.

36 Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren geängstet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben.

37 Da sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter. Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.

1 Und er rief seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen Macht über die unreinen Geister, dass sie die austrieben und heilten alle Krankheiten und alle Gebrechen.

2 Die Namen aber der zwölf Apostel sind diese: zuerst Simon, genannt Petrus, und Andreas, sein Bruder; Jakobus, der Sohn des Zebedäus, und Johannes, sein Bruder; 3 Philippus und Bartholomäus; Thomas und Matthäus, der Zöllner; Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Thaddäus; 4 Simon Kananäus und Judas Iskariot, der ihn verriet.

5 Diese Zwölf sandte Jesus aus, gebot ihnen und sprach: Geht nicht den Weg zu den Heiden und zieht nicht in eine Stadt der Samariter,

6 sondern geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel.

7 Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. 8 Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus. Umsonst habt ihr's empfangen, umsonst gebt es auch. 9 Ihr sollt weder Gold noch Silber noch Kupfer in euren Gürteln haben, 10 auch keine Tasche für den Weg, auch nicht zwei Hemden, keine Schuhe, auch keinen Stecken. Denn ein Arbeiter ist seiner Speise wert.

 

Liebe Gemeinde,

schon vor den Ferien haben wir Urlaub auf Kreta gemacht, wandern und schwimmen. Eigentlich braucht man dafür nicht viel Gepäck. Bade- und Wanderzeug. Sie glauben nicht, was ich alles zu viel dabei hatte! Schuhe, viel zu viele Hemden, Hosen, Wanderstöcke. Die Hälfte hätte genügt. Nun gut, es war ja auch kein Pilgerweg. Dort ist wenig Gepäck angezeigt, das habe ich neulich in einem Gespräch gelernt. Da kommt es auf jedes Kilo an.

Der ‚Geist der ersten Zeugen‘.

Aber hätte Jesus nicht fähigere Leute für seine Sache finden können als diese zwölf? Simon Petrus, impulsiv, vorlaut, schwankend in seinem Mut. Er hätte es wohl kaum bei uns ins Vikariat geschafft. Jakobus und Johannes, die „Donnersöhne“, sind ehrgeizig, mit der Neigung zum Jähzorn. Matthäus, der Zöllner mit dem schlechten Leumund. Thomas, der notorische Skeptiker. Simon Kananäus, der Zelot, ein Aktivist gegen die Römer. Und schließlich ja auch noch Judas Iskariot, der Kassenwart, der für eine Handvoll Silbergroschen zum Verräter wird. Was für eine Gurkentruppe. Wo war da der Personalberater? Hätte Jesus nicht geeignetere Leute finden können?

Vielleicht. Aber er hat sich genau diese zwölf ausgesucht. Oder genommen, die da waren und bereit. Wie seltsam, und  – wie tröstlich! Wenn Jesus solche Leute brauchen konnte, dann kann er wohl auch uns brauchen, dich und mich. Für Jesus ist niemand zu schwach und zu unvollkommen, als dass er nicht gebraucht würde für das Reich Gottes  – von der Mitarbeit im Kirchenvorstand über das Tellerspülen nach dem Osterfrühstück bis zum Austragen des Gemeindebriefes.

Jesus entsendet seine Jünger. In verstörender Weise werden die Jünger ermahnt, wie ihr Herr zu handeln: ‚Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt böse Geister aus…‘ Wir werden auf einmal auf den Leib gewiesen, auf seine Krankheiten, seine Entstellung, seine Erschöpfung, sein Ausgeliefertsein an böse Mächte. Auch das ginge uns etwas an? Ein fremdes, ein faszinierendes Bild von Kirche. Heilung, uns ja nicht fremd in der Kurstadt.

Als sei das noch nicht genug, legt Jesus noch eins nach. Muss man für diesen Auftrag nicht gründlich vorbereitet und ausgerüstet sein? Reiserücktritt, Auslandskrankenversicherung? Nichts! ‚Ihr sollt weder Gold noch Silber noch Kupfer in euren Gürteln haben; auch keine Reisetasche, auch nicht zwei Hemden, keine Schuhe, auch keinen Stecken. Denn ein Arbeiter ist seiner Speise wert‘.

Arm und mittellos, nicht einmal einen Kupferpfennig in der Tasche, ohne belastendes Gepäck, sogar ohne einen Stock, mit dem er sich gegen Räuber und wilde Tiere verteidigen kann, soll der ‚Wanderer‘ im Namen Christi unterwegs sein. Kirche mit den und für die Armen. Nur der Wehrlose, der Angewiesene lebt wirklich mit dem anderen und ist glaubwürdiger Zeuge und Täter des kommenden Gottesreiches.

‚Wanderradikalismus‘ (G. Theißen) hat man diese Bewegung im Urchristentum genannt und bestaunt. Männer und Frauen, die von Ort zu Ort zogen, predigten, heilten und so zur Wurzel, zum Anfang der Kirche wurden. Wie die iroschottischen Mönche bei uns 700 Jahre später. Ging dieser Anfang verloren?

Meine Dienstwohnungen sind im Laufe von 35 Dienstjahren immer größer geworden. Papst Franziskus versuchte den Traum einer ‚Kirche für die Armen‘ zu erneuern. Einer Kirche ‚die zwar verbeult ist wie ein kleiner alter Fiat, doch auf die Straße geht. Er, der statt im Papstpalast im vatikanischen Pilgerhotel wohnt, sprang gleichsam zurück zu den ‚Wanderern‘ des Anfangs und machte sich mit ihnen gleichzeitig.

Dieses ‚Kurzschließen‘ der Zeiten hat viele Christen angesprochen, aber was bedeutet es konkret? Was ändert sich, wenn wir ihm folgen? Muss diese Kirche arm werden, mit den Betroffenen leben, statt von oben herab‘ zu betreuen oder zu versorgen? Das haben wir uns zb auch gefragt, bevor unser KV die große Spendenaktion für unsere Orgel gestartet hat. Es ist die größte Geldsammlung unserer Gemeinde seit über 100 Jahren, als die Dankeskirche vor allem aus Spenden gebaut worden ist.

Wir haben uns gesagt: das gehört zu unserer Mission hier, weil die Orgel und die Kirchenmusik in unserer Kurstadt eine große Rolle spielen. Sie wie die Musik tiefere Schichten unserer Seele erreicht, trösten und erbauen kann, uns einen Sinn für die Tiefendimension des Lebens zu geben vermag. Also halten wir daran fest: und wollen aber auch nicht vergessen, dass es vielen Menschen in unserem Land, geflüchteten zumal, Brüdern und Schwestern auf der ganzen Welt viel schlechter geht als uns. Und dass sie nicht nur unseres Gebets, sondern unserer materielle Hilfe bedürfen.

Je mehr man fragt, umso verlegener werden wir in der sog. ‚Mittelstands-Kirche‘, die nicht so richtig weiß, wo es hingeht, und dabei sorgenvoll über ihrem Geld und ihren Fortbestand grübelt. Mit Grund: Schließlich leben viele Menschen davon, dass sie in ihr arbeiten und ihren Lebensunterhalt verdienen. Erzieherinnen, Pflegedienste inklusive. Unsere Gemeinde sammelt für die Diakonie und für ‚Brot für die Welt‘, wir haben Kindergärten. Und wir haben auch eine Partnerschaft mit der Kirche von Nordindien. Wir haben Experten und Werke, die professionell und abrechnungsfähig ihren Klienten, den Kranken, den Obdachlosen, den Isolierten und Verarmten beistehen. Das ist Realität. Aber ist es das, was in Jesu Rede an die Jünger gemeint war? Etwas hakt.

Schauen wir wie Jesus noch einmal genau hin: Wir sind nicht Herr der Ernte, aber Erntehelfer will ich nach wie vor gerne sein. Wenn ich die Erntehelfer hier auf den Feldern in der Wetterau sehe, dann ahne ich, wie erledigt die am Abend sind. Das ist richtig anstrengende Arbeit. Und da stehen vermutlich keine Leute um sie herum, die ihnen auf die Schultern klopfen und sagen: “Das machst du aber toll!“

Zu meinem Glauben zu stehen, ihn zu leben: Das kann richtig anstrengend sein. Aber Erntehelfer sind wir als Christen nicht, weil wir immer Lust dazu haben oder damit andere sehen, wie toll wir sind und deshalb in der Kirche bleiben. Wir sind Erntehelfer, weil Gott uns dazu beauftragt. Weil wir daran glauben.

Und dabei haben wir nicht diesen Auftrag der ersten Zeugen, der zwölf von damals. Sie wurden ausschließlich zu ihrem jüdischen Volk gesandt. Wir haben den Auftrag des auferstandenen Jesus, am Ende des Mt.-Evangeliums, der bei jeder Taufe vorgelesen wird: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“ (Mt 28).

Christ bin ich nicht nur für mich. Eine Gemeinde ist nicht nur für sich selbst da. Kirche ist Kirche für andere. Wenn wir uns nur um uns selbst drehen, dann läuft etwas ziemlich schief. Geht hin: das schreibt er uns ins Stammbuch. Fangt vor eurer Haustüre an, glaubwürdig und wertschätzend miteinander zu leben. Übt es, Menschen barmherzig anzuschauen. Lernt Menschen liebevoll anzusehen als Menschen vor Gott, wie Du einer bist. Lasst Gnade vor Recht walten. So nehmt ihr euren Auftrag als Erntehelfer ernst:

Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. Amen

zur Konfirmation am 2.6.2019 von Pfarrer Rainer Böhm

Liebe Gemeinde, liebe Eltern und Familien, liebe Patinnen und Paten, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,

ich habe ein paar Steine mitgebracht.

Ich glaube das kennt jeder: Steine sammeln. Bei einer Freizeit mit Jugendlichen in der Toskana, an einem ziemlich steinigen Strand: da hab ich diesen Stein gefunden und war wie vom Donner gerührt. Das Kreuz in einem Stein. Seit wann ist es christliches Symbol? Und wie lange schon ist es in diesem Stein? Und warum? Bin ich gemeint? Ist das so etwas wie ein natürlicher Gottesbeweis? Das kann doch kein Zufall sein!

Ich habe dann angefangen, solche Steine zu sammeln, in Italien aber auch woanders. Heute habe ich ein ganzes Fensterbrett voll davon in meinem Gesprächszimmer im Pfarrhaus. Keiner war so schön wie der erste, aber es gibt sie immer wieder und natürlich sind sie nur ein Spiel der Natur, Gottes Natur allerdings.

Kurios, wie die sogenannten Hühnergötter, die man an der Ostsee findet, aber auch in Kalifornien oder sonst wo. Früher wurden sie als Amulette getragen und sollten zB die Hühner vor bösen Geistern (oder bösen Füchsen) bewahren. Dazu band man sie um die Hühnerhälse. 1960 fand sich der Begriff übrigens zum erstem mal im Duden der DDR; nach der Wiedervereinigung wurde er 1990 wieder gestrichen. Auch eine seltsame Geschichte.

Jedenfalls habe ich nicht mehr aufhören können, Steine zu sammeln. Manchmal hatte ich Angst, ich hätte beim Rückflug zu viel Gewicht im Koffer. Und zu Hause verlieren sie doch relativ schnell ihre Attraktivität – oder ich verliere den Überblick.

Einer meiner Freunde ist als Jugendlicher mit seinem Vater oft in die Eifel gefahren. Sie haben fachmännisch Steine gesammelt und geklopft, Fossilien gefunden, geologische Gesteinsschichten bestimmt. Im Keller in Lübeck gab es einen Raum mit Glasschränken, wie ein Museumsarchiv. Zu solcher Ordnung habe ich es nie gebracht. Und dieses Steine-Archiv gibt es auch nicht mehr.

Einmal hab ich mit meinem Sohn etwas Ähnliches gemacht: Wir sind vor ein paar Jahren zusammen nach Schottland gefahren und haben eine Rundreise unternommen. Ich habe die Route festgelegt, er hat zB für die musikalische Untermalung im Auto gesorgt. Zuletzt kamen wir dorthin, wohin ich vor allem wollte: Auf die alte Klosterinsel Iona. Eine winzige Insel der Inner Hebrides, noch vor der Isle of Mull, man braucht also zwei Fähren, sie liegt ganz außen zum Atlantik hin.

Mit dem römischen Reich hatte sich das Christentum in ganz Europas ausgebreitet. Aber es war nur in den Städten vertreten. Regensburg, Worms, Trier, Köln. Mit dem Untergang des römischen Reiches wurde es in Westeuropa quasi ausgerottet – aber es hat an seinen äußersten Rändern überlebt: Auf Inseln vor Irland und Schottland. Im Jahre 563 kam Columban mit zwölf Männern von Irland auf diese kleine Insel und gründete dort das Kloster Iona Abbey. Von Iona verbreitete sich das Christentum in Schottland und Nordengland und weiter: zurück nach Europa. Meist zogen sie zu 12. los, total mutig ins Unbekannte, gründeten Klöster, kultivierten das Land, unterrichteten die Kinder der Adligen, brachten Bücher mit, denn die alten Schriften hatten dort am Rand der Welt überlebt. Die Spuren dieser Mönche und Nonnen finden sich auch in unserer Gegend. ZB in den Namen Schotten oder Lioba.

Die Wikinger haben schließlich dieses Kloster zerstört – aber 1000 Jahre später wurde es wieder aufgebaut von einer ökumenischen Gemeinschaft, der es um Mission und soziale Arbeit geht. Ziel ihrer Arbeit ist es, „neue Wege zu finden, die Herzen aller zu erreichen“. Sie tun dies vor allem durch Jugendarbeit, neue Lieder, Gottesdienste sowie Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden. „Peace of the Earth“, eines Eurer Lieblingslieder, kommt von dort…

Und von dort habe ich diesen Stein. Zu Hause war ich überrascht: Iona ist aus den ältesten Gesteinen der Erdoberfläche aufgebaut. Man findet dort bis zu 3 Mrd alte Gesteinsformationen aus Granitgneis und Granulit, mehrfach geformten Iona-Marmor.

Aber weshalb um Himmels Willen erzähle ich Euch das alles?! Wegen eines Liedes, das wir nicht einmal singen? Damit ihr Steine sammelt? Oder besser gar nicht erst damit anfangt?

Zum einen will ich Euch sagen, dass man überall und jederzeit anfangen kann zu graben und zu fragen: wie bei den Steinen. Warum ist das so? Es lohnt sich genau hin zu schauen. Wer nicht fragt bleibt dumm. Die Welt steckt voller Wunder. Ein Leben reicht dafür nicht.

Zweitens: so viele Steine es auch auf der Welt gibt – alle sind anders. Jeder hat seine Geschichte, seine Eigenarten, jeder kann ein Lieblingsstein sein oder es werden für andere. So viele Menschen es auf der Welt auch gibt – jeder ist ein Original. Es gibt keine einzige Kopie. Noch nicht, jedenfalls. Und genauso haben wir Euch in diesem Jahr erlebt: als ganz eigene Menschen, als ganz besondere, jede und jeder unverwechselbar.

Auch in der Kirche spielen Steine eine Rolle, Taufsteine zB. Hier haben wir sogar zwei davon: der eine hier vorne (aus weißem Carrara-Marmor) erzählt eine Geschichte aus der Bibel: das man sich nämlich die Kinder zum Vorbild nehmen soll. Und das Kind, das in jedem von uns steckt, das wir mal waren und immer noch sind, am besten nie vergisst. Denn es möchte auch zu seinem recht kommen. Sonst geht es uns selbst nämlich schlecht. Der andere Taufstein dort drüben ist mindestens 1000 Jahre als und aus einem Stück gearbeitet worden, aus dem Basalt des Vogelsberges. Er stand einmal oben in der Kirche auf dem Johannesberg, der ersten christlichen Kirche in der ganzen Gegend hier.

Schon bei der Taufe hat Gott Euch zugesagt: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du gehörst zu mir.“ Er kennt jede und jeden. Und er findet Euch gut, genau so wie ihr seid – und kein bisschen anders.

Bei der Taufe haben Dich vielleicht die Eltern oder die Paten getragen. Heute nimmst du den Glauben in deine eigenen Hände. Konfirmare heißt: bestärken, Darin will Gott Euch also bestärken: ein eigenes Leben zu führen, eigene Glaubenserfahrungen zu machen – so verschieden, wie wir Euch kennen gelernt haben.

Und schließlich gibt es auch in der Bibel Steine. Das Bild der Kirche, deren Grundstein Jesus ist – und wir alle bilden ein Haus aus lauter verschiedenen lebendigen Steinen. Oder der Stein, der nicht mehr vor und auf dem Grab gelegen hat – weil Jesus gar nicht mehr tot drin liegt, sondern lebt.

Deshalb also heute diese Steinrede zu Eurer Konfirmation. Und weil wir Euch gleich noch einen Stein mitgeben möchten. Eine Art Denkmal. Ein Denkmal zum mitnehmen. Ein Denkmal für unterwegs.

Auf dem Stein steht in Goldschrift der Anfang von Psalm 23: „Der Herr ist mein Hirte.“ Vor Euch liegt das gelobte Land Eures Lebens. So wie Ihr es auf unserer Konfifahrt gemalt habt, Euer Leben in 20 Jahren oder so. Erinnert Ihr Euch? Wer losgeht, kann sich verlaufen, wer anpackt, kann auch mal daneben greifen, und wieder neu anfangen. Aber wer nicht losgeht, der kommt auch nie ans Ziel.

Gott ist mit denen, die sich auf den Weg machen ins Land der Zukunft. Dazu konfirmieren wir Euch gleich, dafür gibt er Euch seinen Segen. So wie er es bei den Menschen der Bibel tat, die sich auf den Weg gemacht haben. Und dafür geben wir Euch Kieselsteine mit, als Stärkung und Erinnerung für den Weg: Gott wird mit dir gehen, dein ganzes Leben lang.

Amen

zur Konfirmation am 26.5.2019 von Pfarrerin Susanne Pieper

Gottes Liebe, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen!

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde,

heute, an diesem Festtag, da steht ihr so richtig im Mittelpunkt. Und ihr seht einfach alle super aus! Viele Menschen sind heute einfach nur froh, mit euch zusammen zu sein. Und bestimmt sind sie stolz darauf, zu sehen, was aus euch schon alles geworden ist!

Ihr geht jetzt mehr und mehr eure eigenen Wege. Ihr trefft mehr und mehr eure eigenen Entscheidungen. Das gehört ja dazu, wenn man und frau erwachsen wird: Entscheidungen für das eigenen Leben zu treffen, und dann auch für die Konsequenzen gerade zu stehen. Jede und jeder für sich - auf dem eigenen Weg.

Ein Stück dieses Weges haben wir zusammen zurückgelegt. Ein Konfijahr liegt hinter uns. Und da haben wir so Vieles miteinander erlebt. Die Zeit war ja vergleichsweise kurz, aber zugleich auch so intensiv!

Da waren die Projekte: ihr habt syrisch gekocht und seid geklettert. Seid im Rollstuhl durch unsere Straßen gefahren und habt Kindern beim Basteln geholfen. Ihr habt mit euren Anspielen in Gottesdiensten euer schauspielerisches Talent unter Beweis gestellt. Und wie viele Kerzen habt ihr hier am Altar angezündet!

Da war die Konfifreizeit: wir haben gelacht und gespielt, gesungen und gemalt, gedichtet und Worte in viele verschiedene Formen gegossen. Und dann euer Vorstellungsgottesdienst: ihr habt uns, das Team, und eure Familien überrascht. Ihr habt uns nämlich so Vieles von euren Gaben gezeigt, die in euch versteckt liegen, und habt uns teilhaben lassen an der Fülle eurer Gedanken!

Ihr wart zusammen auf dem Weg – auch ganz wörtlich: in kleinen Gruppen habt ihr Spenden gesammelt für kranke und bedürftige Menschen, die in unserer Stadt leben. Und damit seid ihr direkt in den Spuren von Jesus gelaufen. In seiner Nachfolge. Denn er hat so oft seinen Blick gerade auf die Menschen gerichtet, die im Schatten der Gesellschaft leben und nicht im strahlenden Scheinwerferlicht. Ihr habt als gesamter Konfijahrgang 1.450 Euro und 49 Cent gesammelt - eine grandiose Summe! Und im Namen des Diakonischen Werkes Wetterau danke ich euch heute ganz herzlich dafür!

Und dann waren im letzten Jahr da die Konfistunden: wir haben gelesen und diskutiert. Manchmal haben wir uns auch gegenseitig genervt. Aber es lag ja auch schon ein langer Schultag hinter euch, und wir wollten von euch eine ganze Menge. Wollten euch mit eurer ganzen Person ansprechen, auch mit euren Ecken und Kanten, Fragen, Zweifeln und Überzeugungen. Und mit eurer Power! Pfarrerin Naumann hat mir erzählt, wie schön sie es einfach fand, auf welche ihrer Ideen ihr euch eingelassen habt und wie kreativ ihr z. B. in den gemeinsamen Rollenspielen wart. Und ich war glücklich, wenn ich erlebt habe, welche Fragen ihr gestellt habt und auch, welche Einwendungen ihr hattet. Ihr wolltet es wissen, was es mit dem Glauben auf sich hat. Und ihr wart wach und vital dabei! Dass dann im letzten Jahr ab und zu auch der eine oder andere Konfipass Beine bekommen hat, sich für immer auf wundersame Weise aufgemacht hat in unsere große weite Welt oder sich zeitweise im Süßigkeitenfach versteckt hat - okay, das haben wir in Kauf genommenJ

Nun beginnt ein neuer Lebensabschnitt für euch. Ihr werdet etwas Neues ausprobieren und neue Interessen entwickeln. Einige von euch werden dies auch in unserer Kirchengemeinde tun und sich z.B. im tollen Kreis der Mitarbeitenden engagieren. Darüber freuen wir uns sehr! Wohin auch immer aber euer Weg euch führt: wir haben euch heute als Symbol für euren Neubeginn diesen Rucksack mitgebracht.

Ein Rucksack steht ja dafür, dass jemand unterwegs ist. Dass jemand Lust auf Abenteuer hat. Wer seinen Rucksack packt, will aufbrechen.

Wir wollen euch etwas mitgeben für euren weiteren Lebensweg. Und darum haben wir in diesen Rucksack Einiges für euren Weg gepackt, für den Weg, den wir ja alle noch gar nicht kennen.

Zuerst das HERZ: das große Symbol für die Liebe. Es sagt dir: Du bist geliebt. Einfach so. Weil Du da bist. Gott sagt sein großes JA zu Dir. Du bist geliebt. Vergiss das niemals in Deinem Leben. An keinem einzigen Tag. Das bedeutet: Niemals wird

Dein Wert durch die Noten bestimmt, die Du nachhause bringst. Niemals durch das, was Du leistest, was Du lieferst oder wie deine Figur gerade ist. Du bist geliebt. Vorneweg schon. Ohne jegliche Vorbedingungen. Von Deiner Familie und von Gott. Darum atme auf. Atme durch. Und geh Deinen Weg immer aufrecht. Du trägst ein leichtes Gepäck.

Und dann ist da ein ZOLLSTOCK in unserem Rucksack: In nicht allzu ferner Zukunft werdet ihr ihn brauchen, wenn ihr euer erstes Zimmer z.B. in einer WG beziehen werdet - irgendwo, vielleicht in 5 oder 6 Jahren. Aber bis dahin ist ja noch Zeit. Nehmt daher den Zollstock erstmal als Symbol. Als Maßstab, an dem man sich orientieren kann. Als Symbol für die 10 Gebote, die Gott uns Menschen gegeben hat. Sie helfen uns, zu unterscheiden zwischen Mein und Dein. Zwischen dem Bewahren und dem Zerstören von Natur und Leben. Zwischen Lüge und Wahrheit. Diese Gebote helfen euch, unsere Wirklichkeit, unsere Welt, zu beurteilen. Unrecht zu erkennen und zu benennen. Sich von Niemandem aufs Glatteis führen zu lassen. Z.B. Du sollst nicht lügen. Die Gebote helfen euch dabei, wachsam zu sein. Fake news von Wahrheit zu unterscheiden oder zu erkennen, wo Menschen in der Gefahr stehen, sich selbst zu einem Gott zu machen. Als Christinnen und als Christen sind wir immer zugleich Bürgerinnen und Bürger mitten in unserer Gesellschaft. Im kleinen wie im großen Bereich tragen wir Verantwortung. Darum bitte ich auch Sie, liebe Festfamilien, gleichwohl heute von Ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen und zur Europawahl zu gehen. Vielleicht gibt es dazu beim Spaziergang zwischen dem Mittagessen und dem Kaffeetrinken den besten Slot. Oder zwischen 17.00 und 18.00 Uhr J Die 10 Gebote führen uns flugs und geradewegs mitten hinein in unsere Gesellschaft.

Wir möchten euch auch ein Kreuz mitgeben: weil es an Jesus erinnert, an den Sohn Gottes, der als Mensch auf dieser Welt gelebt und auch gelitten hat. Er hat das Dunkel und die Täler des Lebens geteilt. Und Gott hat ihm darin Recht gegeben. Er hat ihn nicht im Tod gelassen, sondern hat ihn auferweckt zu einem neuen und wunderbaren Leben. Darum nehmt das Kreuz mit auf euren Weg. Es ist Gottes großes Pluszeichen, Sein großes Hoffnungszeichen, mit dem wir alle von ihm gesegnet sind.

Zu guter Letzt nehmt auch noch einen Schirm mit in euren Lebensrucksack: als Zeichen dafür, dass Gott wie ein Schirm für euch ist. Damit nicht alles an euch herankommt. Mit Gott an eurer Seite müsst ihr nicht alles an euch heranlassen. Ihr habt nämlich ein Recht auf euer Glück. Auf eure Gegenwart und auf eure überschäumende Lebensfreude! Manches darf deshalb getrost an diesem Schirm abprallen. So wie es ein Psalmwort sagt: „Gott ist eure Zuflucht, er ist Schutz und Schirm“. Wir aber, die Erwachsenen, haben die Aufgabe, für euch und dann auch mit euch an einer weiterhin lebenswerten Zukunft zu bauen.

Jesus Christus sagt zu euch und zu uns allen: „Fürchtet euch nicht! Seht, ich bin bei euch an jedem Tag und bis an das Ende der Welt“. Was immer ihr tut, wo immer ihr seid. Das ist ein großartiges Versprechen. Dieses Versprechen liegt in dem Segen verborgen, den ihr heute bekommt. Gottes Segen geht über euch auf und bleibt bei euch. Amen.

an Ostersonntag 2019 von Pfarrer Rainer Böhm

Maria Magdalena     (Joh 20, 11 – 18)

Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, beugte sie sich in das Grab hinein und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu den Füßen, wo der Leichnam Jesu gelegen hatte.  Und die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben. 

Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist. Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? - Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir: Wo hast du ihn hingelegt? Dann will ich ihn holen. 

Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni!, das heißt: Meister! 

Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott. 

Maria Magdalena geht und verkündigt den Jüngern: »Ich habe den Herrn gesehen«, und was er zu ihr gesagt habe.

Liebe Ostergemeinde,

„Maria!“ – „Rabbuni!“ – Die Seligkeit liegt in diesem Zwei-Wort-Gespräch. Im Zwischenraum, im Zueinander des Dialogs. Kürzer geht es nicht, und inniger auch kaum. Wir werden zu Zeugen eines der ganz großen, stillen Momente. Zum Berührendsten, was ein Mensch mit Gott erleben darf. Dass er dich findet, und du dich in ihm.

„Maria!“ – „Rabbuni!“ – Maria aus Magdala – das ist nicht die Mutter Jesu. Es ist eine – oder die? – Freundin Jesu, wenn man das so sagen möchte. Ursprünglich war diese Maria eine Prostituierte. Ausgerechnet sie ist nun die erste Botschafterin der Auferstehung. Was Johannes uns wohl damit sagen will: Einer bigotten, von schein-heiliger Moral geprägten, von Männern dominierten Welt… „Maria!“ – „Rabbuni!“

Aus dem Ersten Testament weht der Hauch des Hoheliedes herüber. Die erotische Stimmung, der Garten, die Verwirrung und Verzweiflung, das Suchen und Finden. Am Sabbat des Passahfestes lesen sie das Lied der Lieder in den Synagogen. Sie verstehen es als Liebeslied zwischen Gott und seinem Volk. Da kann es nicht verwundern, dass Verse aus dem Hohenlied wie ein Hintergrund erscheinen zu Marias Suche am Ostermorgen: „Des Nachts auf meinem Lager suchte ich, den meine Seele liebt. Ich suchte, aber ich fand ihn nicht. Ich will aufstehen und in der Stadt umhergehen auf den Gassen und Straßen und suchen, den meine Seele liebt. Ich suchte, aber ich fand ihn nicht. Es fanden mich die Wächter, die in der Stadt umhergehen: »Habt ihr nicht gesehen, den meine Seele liebt?«  Als ich ein wenig an ihnen vorüber war, da fand ich, den meine Seele liebt. Ich hielt ihn und ließ ihn nicht los, bis ich ihn brachte in meiner Mutter Haus, in die Kammer derer, die mich geboren hat“ (3, 1 – 4).

„Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte.“ Die Männer, Petrus und Johannes, sind verwundert wieder heimgegangen. Nach ihrem Wettlauf zum Grab haben sie statt des Leichnams nur die Leintücher im Grab liegen sehen. Sie verstehen das noch nicht.

Maria von Magdala aber bleibt. Die Liebe hält sie hier. Sie braucht noch etwas. Sie sucht, den ihre Seele liebt. Vielleicht dachte sie,  sie könnte Jesu Tod akzeptieren, wenn sie von dem Toten noch einmal Abschied nehmen könnte, ihn noch einmal berühren. Und als sie ihn nicht findet denkt sie: „Sie haben ihn mir weggenommen!“

Weggenommen …  Das fühlt sich scheußlich an. Das wissen alle, denen etwas weggenommen wurde. Die Heimat, das Haus, das Erbe, die Gesundheit, die Würde. Weggenommen. Und du stehst da und kannst es nicht fassen.

„Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte.“ Durch die Tränen sieht sie zwei Engel im Grab.  Die fragen behutsam: „Frau, was weinst du?“ Gewiss sind es auch Engel, die dich nach deinem Kummer fragen; dir ihr Mitgefühl zeigen; deine Verzweiflung mit aushalten und du kannst reden. Wie Maria sagen durfte: „Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.“

Nun beginnt die Wandlung. Maria dreht sich um. Kurz darauf nochmals. Oder wird sie umgedreht? Ich habe versucht, nachzuvollziehen, wie sich Johannes diese Wendungen vorstellt. Es ist mir nicht gelungen.

Die erste Wendung geht noch klar: Vom Hineinschauen ins Grab wendet sie sich zur Gestalt Jesu, die offenbar vor dem Grab steht, nicht weit von ihr. Aber weshalb sollte sie sich dann noch einmal umwenden?

Heute glaube ich: Diese Wendungen markieren ihre innere, seelische Wendung, einen Wandlungsprozess. Maria wird um- und umgedreht. Suchbewegung einer liebenden und trauernden Seele.  Sie wendet  ihren Blick vom offenen Grab zu Jesus vor dem Grab. Aber sie erkennt ihn nicht. Sie ist noch gefangen in der Angst des „Weggenommen“. Gebannt vom Alten. Sie verwechselt ihn: „Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo du ihn hingelegt hast; dann will ich ihn holen.“ Sie ist so fixiert auf den Toten, dass sie den Lebendigen nicht erkennt. Erst als er sie beim Namen ruft. „Maria!“ .. „Da ist die Stimme meines Freundes!“ heißt es im Hohenlied. Da ist seine Stimme,  die ihr zu Herzen geht, die ihr Innerstes erreicht. Er ruft sie beim Namen. Er hat sie gefunden.

„Da wandte sie sich um und spricht zu ihm: Rabbuni!, das heißt: mein Meister!“ Mit dieser Antwort kommt ihre suchende Seele zur Ruhe. „Mein Freund ist mein und ich bin sein,“ heißt es im Hohenlied. Und die Liebe ist stärker als der Tod. „Maria!“ – „Rabbuni.“ .. Jetzt ist es Ostern geworden.

Und so wird es auch Ostern für Uns: Wenn wir spüren: Er ist uns nahe – und wir sind ihm nahe. Wo wir spüren, er meint mich selbst. Und ich meine ihn. „Wer in der Liebe bleibt der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ (1. Joh)

„Ich hielt ihn und ließ ihn nicht los,“ so das Hohelied der Liebe. Maria wollte Jesus umarmen. Oder wenigstens seine Füße umfassen, wie die Frauen bei Matthäus. „Rühre mich nicht an!“, sagt er aber zu Ihr. Oder freundlicher: „Halte mich nicht fest!“

Maria muss also lernen: es ist nun anders als vorher. Es ist dieselbe Liebe, aber sie soll anders gelebt werden.

Auferstehung bedeutet nicht, dass Jesus so wieder da ist wie vor seinem Tod. Er hat ihn jetzt hinter sich, Maria hat den Tod noch vor sich. Aber „stark wie der Tod ist die Liebe“. Maria muss loslassen, um neu zu empfangen. Die Auferstehung will sie befreien vom krampfhaften Klammern. Und sie erlebt: die seelische Berührung steht der körperlichen kaum nach. Sie spielt sich in ihrem Herzen ab: Maria! – Rabbuni.

Von Martin Schongauer, dem spät-ma Maler, gibt es eine Darstellung dieser Szene Man kann sie  im schönen Unterlinden-Museum in Colmar sehen: Schongauer hat genau diesen Moment festgehalten – das „Halte mich nicht fest!“ oder Noli me tangere. Ganz zart. In einem umzäunten Garten, mit Rosen, Vögeln, Granatäpfeln. Da streckt Maria in großer Sehnsucht und Anmut ihre Hände nach Jesu Hand aus. – Und er zieht sie nicht etwa abweisend zurück. Er blickt ihr in die Augen und lässt ihr seine Hand – fast! Da ist noch ein Hauch von einem Zwischenraum. Es ist beinah eine Berührung, beinahe. Eine zärtliche Distanz. Man glaubt, die Spannung zu spüren zwischen den beiden Händen. Die Energie. Ein schöpferischer, liebevoller Zwischenraum. Ein Raum der Sehnsucht und der Hoffnung.

Spielraum, Raum des Glaubens – der Bereich, in dem das Leben neu wird.  … Ostern.

an Karfreitag 2019 von Pfarrer Rainer Böhm

Jesu Kreuzigung und Tod              Johannes 19, 16 – 30

Da überantwortete er ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde. Sie nahmen ihn aber, und er trug selber das Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. 

Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte. 

Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der Juden König. 

Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache.

Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreibe nicht: Der Juden König, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der Juden König. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben. 

Die Soldaten aber, da sie Jesus gekreuzigt hatten, nahmen seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch den Rock. Der aber war ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. Da sprachen sie untereinander: Lasst uns den nicht zerteilen, sondern darum losen, wem er gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt (Psalm 22,19): »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten. 

Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria Magdalena. Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. 

Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Ysop und hielten ihm den an den Mund. 

Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht. Und neigte das Haupt und verschied.

Liebe Gemeinde,

was zu tun war, ist getan; was zu sagen war, ist gesagt. Jetzt ist alles vollbracht. Das erkennt Jesus. Dann kann er sterben: es ist vollbracht. Vorher ist mir diese Abfolge nie aufgefallen. So viele Karfreitage in ihrer eigenartigen Ruhe. Und nie ist mir dieser Zwischenraum aufgefallen. Jesus sieht, bevor er stirbt, dass alles vollbracht ist. Das schildert Johannes in seinem Evangelium. Erst mit einem kleinen Abstand kommt dann der Tod. Ein Zwischenraum tut sich auf.

Bisher war dieses Wort Jesu, im Fenster dargestellt, für mich der Stempel unter seinen Tod. Aber so schildert es der Evangelist ja gar nicht: Wir stehen mit Johannes beim Kreuz und hören schon vor Jesu Tod: Alles ist getan. Jesus hat alles zu Ende gebracht bevor er stirbt. Dadurch entsteht eine kleine Zwischenzeit, ein Zeitfenster. Diese Lücke ist Teil der frohen Botschaft am Karfreitag.

Wir ziehen normalerweise die Summe der Passionsgesichte aus allen vier Evangelien. Deshalb sprechen wir zum Beispiel von den sieben letzten Worten Jesu am Kreuz. Von Johannes hören wir aber nur drei. Jeder Evangelist setzt seine eigenen Akzente. Die Bachkenner unter uns wissen: Die Matthäuspassion klingt ganz anders als die Johannespassion. Wenn wir mit Johannes am Kreuz stehen, erleben wir manches mit ganz eigenem Charakter. Jesu Sterben ist friedvoller, stiller.

Keine dramatischen Naturgewalten, die das Geschehen kommentieren. Wo der Himmel sich verfinstert, wo der Vorhang im Tempel zerreißt, wo das Gebet eines Gottverlassenen unser Herz anrührt. Und die Tafel „König der Juden“ ist keine Gemeinheit gegenüber Jesus, sondern eine Art Respekt von Pilatus. Und wenn Jesus Essig zu trinken bekommt, ist das keine Bösartigkeit der Folterer, um ihn noch mehr zu quälen, sondern sie reichen ihm ihr Soldatengetränk, das den Durst nachhaltig stillt. - Es ist die andere Geschichte vom Kreuz.

Es ist vollbracht. Ein bedeutungsschwerer Karfreitagssatz. Da schwingen mit die alten Choräle, von denen uns einige eher fremd anmuten. Die Erklärungen, die wir gelernt haben. Die Deutungen, die wir uns selbst zurecht legen. Das eine ist uns heute näher, das andere irritiert uns eher: Jesus leidet mit allen Leidenden. Er steht an ihrer Seite. ER stirbt den Opfertod, um uns mit Gott zu versöhnen. Gott selbst stirbt am Kreuz. – Wer vor dem Kreuz steht, bringt Fragen mit oder Erklärungen; steht da stirnrunzelnd, kopfschüttelnd, mit Mitleid oder mit Unverständnis. Und kann nicht gut zuhören.

Ich selbst habe „vollbracht“ immer mit dem Tod Jesu zusammengebracht. Aber so weit sind wir noch  nicht. Wir stehen noch beim Kreuz, in seiner Gegenwart, und hören von ihm: es ist alles vollbracht. Nun kommt bald der Tod. Könnte dieser Zwischenraum unser Standort sein, der offene Spalt?

Der erste Karfreitag war kein Feiertag, wie hier in Deutschland. Und Jesus hat nicht in gehobenem Deutsch am Kreuz gesprochen, sondern in seiner aramäischen Muttersprache. Was also Johannes in Griechisch wiedergibt, bedeutet in unserer Umgangssprache einfach: es ist erledigt. Ich erschrecke fast ein wenig, wenn ich das aufschreibe: Darf man dieses Wort, das über die Jahre Patina angesetzt hat, so alltäglich ausdrücken: Es ist erledigt? So jedenfalls ist es gemeint: Die Sache ist abgeschlossen. Es ist alles zu Ende gebracht. Die ToDoListe ist abgearbeitet. Jesus sagt nicht: ICH habe es vollbracht, schaut auf MICH. Er lenkt die Aufmerksamkeit auf seine Lebensaufgabe, sein Werk.

Hospizleute, die viele Sterbende begleiten, verwenden den Begriff des „unfinished business“. Dinge in der Familie, die man bei Lebzeiten nicht geregelt hat, belasten den Abschied. Worte, die unausgesprochen bleiben, machen das Sterben zusätzlich schwer. Wenn aber am Sterbebett zwei Parteien wieder zueinander finden oder wenn endlich ausgesprochen wird, worauf man jahrelang gewartet hat – dann wird zuletzt etwas vollbracht, was das Sterben erleichtert.

Es ist alles gesagt: auch das letzte: „Ich habe Durst“. Es ist alles getan: auch das letzte: Für die Nahestehenden, die Nächsten, ist gesorgt. Also kein unfinished business. Im Gegenteil: Bevor Jesus stirbt ist alles gesagt und getan. Und das stellt er fest. Und dann kann er loslassen.

Was zu tun war, hat er vor seinem Tod erledigt. ER hat gelebt. Wir blicken zurück, wie wir es auch bei Angehörigen tun, wenn wir Abschied nehmen. Es geht beim Tod um das Leben…

Jesus erledigt die Aufgabe, die Gott ihm auf seinen Weg in die Welt mitgibt. Er führt den Arbeitsauftrag Gottes aus, mit allem, was er sagt und tut. Davon zehrt Jesus, das gibt ihm Kraft bis in seine letzten Minuten. Das ist seine Wegzehrung bis zuletzt. Sein Sinn. Er lebt und stirbt, um die Schrift zu erfüllen, Jesu Bibel, unser Altes Testament. Die Bibel ist Jesu Auftragsbuch, das Buch mit den Arbeitsanweisungen Gottes für ihn.

Sein Leben ist ein Zeichen für Gottes Liebe. Gott zeigt der Welt seine Liebe, indem er seinen Sohn für sie hergibt. So betont es Johannes in seinem Evangelium. Jesus setzt mit seinem Leben Zeichen dafür. Seine Worte und Wunder sind Zeichen dafür, dass Gott in unserer Welt ist. – Da wird aus Wasser Wein bei einer Hochzeitsgesellschaft. Da werden aus Toten wieder Lebendige, wie das Lazarus erfährt. Sein Licht scheint in der Finsternis. ER ist das Lamm, das hinweg nimmt die Sünden der Welt. ER beseitigt, was uns von Gott trennt.

Wenn Schuld tötet: schauen wir auf Zeichen und Wunder. Der Tote lebt. Beziehungen, die tot waren, leben wieder auf. Lazarus kehrt zurück zu seiner Familie. – Wenn Schuld das Leben bedrückt und verdunkelt: schauen wir auf Zeichen und Wunder. Eine Hochzeitsgesellschaft feiert. Wir können das Leben genießen. „Bei mir bekommt ihr Leben in Fülle“, sagt Jesus.

Der Weg neigt sich dem Ende zu. Die Zeichen sind gesetzt. Es ist alles vollbracht. Aber noch lebt Jesus. Und wir leben als Christen in diesem Zwischenraum, in dieser Spannung. In dieser Lücke spielt sich alles ab. Es ist alles vollbracht. Jesus am Kreuz sagt es, und das nehme ich mit auf meinem Weg in den Alltag. Ich vertraue darauf, dass alles getan ist, damit Gott diese Welt wirklich liebt.

Aber wo sehe und spüre ich es? Immerhin VERSTEHE ich jetzt, was mir die ganze Sache mit Gott und dem Glauben so beschwerlich macht: denn was hat sich nach dem Tod Jesu am Kreuz wirklich verändert? Ich sehe auch nicht eine Winzigkeit, die sich in der Weltgeschichte verändert hat. Weiterhin steht das Kreuz, und die Welt dreht sich unverändert weiter.  Sünde, Leid, Tod wohin wir schauen. Sollten wir nicht dauerhaft die schwarze Kirchenfarbe verwenden und ohne Orgel feiern? Hat der Karfreitag keine Spuren hinterlassen, außer in der Musik, in der Kunst, in Frömmigkeit und Theologie?

Diese Zwischenzeit gehört also dazu, zum Leben, zur Welt. Sie ist nicht etwas Fremdes, so wie der Karfreitag bleibend dazu gehört. Wir machen weiter, dankbar, vertrauend darauf, dass alles geschafft ist. Alles war zu vollbringen und ist durchgeführt und auch vollendet. So weit, so gut. Aber nun stirbt Jesus noch, und so wird es uns auch gehen.

Ich lebe mit diesem letzten Wort. Und ich vertraue darauf, dass wir in unserer Welt Gottes Liebe sehen und begreifen. Auf Zeichen und Wunder warte ich. Dass die Toten leben werden. Dass Schuld ausgelöscht wird. Dass wir in Fülle leben werden, mit Freude und Wein, mit Lust und Saft, mit Glück und Genuss. Noch diese Zwischenzeit lang warte ich. Jesus hat alles vollbracht, und doch steht sein Tod noch bevor. Der Tod muss noch gestorben werden. Das ist unsere Gegenwart, bei Jesus am Kreuz. Diese Zwischenzeit, der offene Spalt. Es ist vollbracht. Der Tod steht noch bevor. Da muss noch etwas kommen. Noch ganz viel, gnädiger Gott.

Amen

am 7.4.2019 von Pfarrer Rainer Böhm

Joh 18, 28 – 19,5

Jesu Verhör vor Pilatus

28 Da führten sie Jesus von Kaiphas vor das Prätorium; es war aber früh am Morgen. Und sie gingen nicht hinein in das Prätorium, damit sie nicht unrein würden, sondern das Passamahl essen könnten. 

29 Da kam Pilatus zu ihnen heraus und sprach: Was für eine Klage bringt ihr vor gegen diesen Menschen? 30 Sie antworteten und sprachen zu ihm: Wäre dieser nicht ein Übeltäter, wir hätten dir ihn nicht überantwortet. 31 Da sprach Pilatus zu ihnen: So nehmt ihr ihn und richtet ihn nach eurem Gesetz. Da sprachen die Juden zu ihm: Es ist uns nicht erlaubt, jemanden zu töten. 32 So sollte das Wort Jesu erfüllt werden, das er gesagt hatte, um anzuzeigen, welchen Todes er sterben würde. 

33 Da ging Pilatus wieder hinein ins Prätorium und rief Jesus und sprach zu ihm: Bist du der Juden König? 34 Jesus antwortete: Sagst du das von dir aus, oder haben dir's andere über mich gesagt? 35 Pilatus antwortete: Bin ich ein Jude? Dein Volk und die Hohenpriester haben dich mir überantwortet. Was hast du getan? 36 Jesus antwortete: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen, dass ich den Juden nicht überantwortet würde; aber nun ist mein Reich nicht von hier. 37 Da sprach Pilatus zu ihm: So bist du dennoch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es: Ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme.  38 Spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit? Und als er das gesagt hatte, ging er wieder hinaus zu den Juden und spricht zu ihnen: Ich finde keine Schuld an ihm. 

39 Ihr habt aber die Gewohnheit, dass ich euch einen zum Passafest losgebe; wollt ihr nun, dass ich euch den König der Juden losgebe?  40 Da schrien sie wiederum: Nicht diesen, sondern Barabbas! Barabbas aber war ein Räuber.

1Da nahm Pilatus Jesus und ließ ihn geißeln. 2 Und die Soldaten flochten eine Krone aus Dornen und setzten sie auf sein Haupt und legten ihm ein Purpurgewand an  3 und traten zu ihm und sprachen: Sei gegrüßt, König der Juden!, und schlugen ihm ins Gesicht. 4 Und Pilatus ging wieder hinaus und sprach zu ihnen: Seht, ich führe ihn heraus zu euch, damit ihr erkennt, dass ich keine Schuld an ihm finde. 

5 Da kam Jesus heraus und trug die Dornenkrone und das Purpurgewand. Und Pilatus spricht zu ihnen: Sehet, welch ein Mensch!

 

Liebe Gemeinde!

„Schaffe mir Recht, Gott!“ So fleht der Psalmsänger. Seine Worte geben dem heutigen Passionssonntag den Namen: Judika.

Schaffe mir Recht, so rufen Menschen auf der ganzen Welt, weil ihnen Unrecht geschieht, weil Mächtige und Verhältnisse das Recht mit Füßen treten. Schaffe mir Recht, so rufen die zu Unrecht verfolgten und die zu Unrecht Abgelehnten. Schaffe mir Recht rufen Menschen, denen andere mit ihrer übertriebenen Gesetzlichkeit das Leben schwermachen.

Um Recht und Unrecht geht es auch bei dem Prozess Jesu. Im Johannesevangelium findet der Prozess am Tag vor dem Passahfest statt. Es ist der Tag, an dem die Lämmer für das Fest geschlachtet werden. Voraus gingen Jesu Gefangennahme und das Verhör vor der religiösen Obrigkeit in Jerusalem, dem Hohen Rat.

Der Prozess wird einem Menschen gemacht, für den die Liebe das höchste Prinzip ist, der Geist, nicht der Buchstabe. Jesus kannte das mosaische Gesetz. Er lebte und prüfte es. Seine Auslegung unterschied sich von der herrschenden Meinung: sie sollte Recht schaffen, Unrecht verhindern und der Liebe Raum geben. Dabei überschritt er Grenzen, erregte Anstoß, zeigte, wie der Geist der Liebe zu leben sei: unabhängig von den Grenzen der Kultur, der Religion, der öffentlichen Meinung.

Am Jakobsbrunnen in der heidnischen Stadt Samaria trifft Jesus eine Frau und lässt sich von ihr in ein Gespräch verwickeln. Damit erweist er ihr Ehre, verstößt aber zugleich mehrfach gegen das Gesetz Mose, denn 1. Ist sie eine Frau. 2. Gehört sie zu einer anderen Religion. 3. Lebt sie in einer nichtehelichen Partnerschaft. Mit diesem Gespräch legt Jesus ein deutliches Statement für die Vernunft ab und gegen den Hass.

So auch, als ihn ein römischer Beamter für seinen kranken Sohn um Hilfe bittet. Jesus heilt das Kind und bringt den Vater zum Glauben an den Gott Israels.

Und schließlich die sog. Ehebrecherin: So hat die religiöse Führung sie zu ihm gebracht. Sie war wohl ihrem Mann untreu geworden und hatte also das Gesetz übertreten. Darauf stand die Steinigung. Die Ankläger benutzen sie, um Jesus eine Falle zu stellen.  Ihm aber geht es nicht um diese Männer, sondern um die Not der Frau. Er sieht sie und sieht: sie ist ein Mensch. Die Ankläger fordern die Einhaltung jedes Buchstabens des Gesetzes – und übersehen, dass auch sie selbst nur fehlbare und natürlich ebenfalls Menschen mit Trieben sind.

Drei Geschichten, in denen Jesus zum Gesetzesbrecher wird. Drei Geschichten, in denen er die Liebe höher bewertet als das Gesetz. Hat er also wirklich das Gesetz gebrochen oder es so ausgelegt, wie Gott es eigentlich gedacht hatte. Soll das Gesetz zu einem korrekten Leben führen, einer Art von unveränderlicher Vorschriftsdiktatur? Oder ist es eine Richtschnur und Orientierungshilfe auf dem Weg zu Menschlichkeit und Würde?

Zwei Auslegungen stehen sich hier unversöhnlich gegenüber. Zum einen sind da die religiösen Führer des Landes, die auf die Achtung der Tradition pochen und den Buchstaben des Gesetzes und gewissermaßen keine festen Bänke durch variable Stühle ersetzen wollen: Wo kommen wir denn hin, wenn wir nicht mehr die Deutungshoheit über unsere Tradition haben. Und zum anderen ist da dieser Galiläer, der wohin er auch kommt und was er auch tut immer wieder den Menschen, ob Mann oder Frau, Jung oder Alt, Einheimisch oder Fremd zum Maßstab des Gesetzes und seines Handelns macht.

Eines ist also klar: das Urteil steht fest! Es geht nur noch um seine eleganteste Vollstreckung. Und darum, es so zu begründen, dass es der römischen Besatzungsmacht plausibel erscheint. Denn seit Judäa dem römischen Kaiser unterstellt und römische Provinz geworden ist, dürfen jüdische Richter kein Todesurteil mehr fällen. Das ist das Recht der Besatzungsmacht. Also kann die Begründung für ein Urteil gegen Jesus nicht religiös sein, es muss politisch begründet werden, sonst wäre kein Todesurteil möglich.

Also wird Jesus zum Palast des römischen Statthalters gebracht. Es geht darum, Pilatus so von der Schuld zu überzeugen, dass er das Todesurteil fällt.

Dessen Haus betreten die Ankläger indes nicht: Sie warten, bis Pilatus zu ihnen heraus kommt. Denn nach dem Gesetz verunreinigt sich der gläubige Jude für sieben Tage, wenn er das Haus eines Heiden betritt. Aber jetzt steht ja das Passahfest vor der Tür. Und weil an dem Mahl nur teilnehmen darf, wer sich vorher nicht verunreinigt, also kultisch rein ist, wollen die frommen Ankläger den Palast des Pilatus nicht betreten.

Der muss sich als oberster Richter dieser Sache annehmen und stellt gleich eine politisch motivierte Frage: „Bist du der Juden König?“ Dann wäre die Sache einfach, aber so einfach liegt dieser Fall nicht, denn Jesu Reich ist nicht von dieser Welt. Er gehört nicht zu den Kämpfern gegen die Besatzungsmacht, die mit erhöhten Steuern das Land auspresst. Seine Freunde kämpfen nicht mit Waffen gegen die Staatsmacht. Und dennoch ist seine Wahrheit brisant und kann destabilisierend wirken.

Was ist Wahrheit? Sie ist eine Frage der Perspektive. Natürlich steht das Recht geschrieben. Aber ist es deshalb im Sinne der Menschen? Es gibt einen Unterschied zwischen legal und legitim, zwischen dem was streng gesetzlich ist und  dem ungeschriebenen sittlichen und moralischen Recht. Jede Religion vertritt ihre eigene Wahrheit – und besitzt doch für sich nur einen Teil davon: Denn die Wahrheit liegt alleine bei Gott. Gottes Willen gegenüber den Interessen der Welt zu sagen, seinen Willen in tätiger Nächstenliebe zu bezeugen – das bedeutet, in seiner Wahrheit zu leben.

Nach römischen Recht findet Pilatus keine Schuld an Jesus. Aber indirekt fällt er dennoch ein Todesurteil, indem er die vor der Tür stehenden an das Recht der Passah-Amnestie erinnert. Damit stellt er Jesus in den Raum des Todesurteils, den er nun nicht mehr verlassen kann. Denn die anderen erbitten die Freilassung eines politischen Widerstandskämpfers. Also kommt Pilatus gewissermaßen nicht mehr aus dieser Nummer heraus. Und selbst die Geißelung erwirkt bei den Anklägern kein Mitleid.

Es ist am Ende weder die religiöse Führung noch der römische Statthalter, die Verantwortung für die Kreuzigung tragen. Es sind die gesellschaftlichen Zusammenhänge, die verschiedenen Interessen und Strukturen, es ist die unbarmherzige und gottlose Welt, es sind die Menschen, von denen keiner aufsteht und sich etwas traut, das Wort ergreift. Es ist die Lust am Schauspiel und an der Not der anderen. Dabei hat niemand gegen das Gesetz verstoßen. Es war woanders, es geschah vor vielen Jahrhunderten -  aber wir heute sind gemeint!

Jesus zeigt, dass jedes Recht hinterfragt werden und nicht einfach durchgesetzt werden darf. Gott schafft Recht. Er schafft es auf dem Weg der Liebe, auch dann, wenn zunächst das Unrecht siegt. Gott schafft das Recht zu seiner Zeit. Zum Beispiel am Ostermorgen.

am 10.3.2019 (Thomas Messe) von Pfarrer Ernst Rohleder

Ein Gedicht von Mascha Kaléko
(aus: Mascha Kaléko: Die paar leuchtenden Jahre.2003 Deutscher Taschenbuch Verlag, München)

Die Zeit steht still.
Wir sind es, die vergehen.
Und doch, wenn wir im Zug vorüberwehen,
scheint Haus und Feld und Herden, die da grasen,
wie ein Phantom an uns vorbeizurasen.
Da winkt uns wer und schwindet wie im Traum,
mit Haus und Feld, Laternenpfahl und Baum.

So weht wohl auch die Landschaft unsres Lebens
an uns vorbei zu einem andern Stern
und ist im Nahekommen uns schon fern.
Sie anzuhalten suchen wir vergebens
und wissen wohl, dies alles ist nur Trug.

Die Landschaft bleibt, indessen unser Zug
zurücklegt die ihm zugemessnen Meilen.

Die Zeit steht still.
Wir sind es, die enteilen.

Liebe Gemeinde,

Die Zeit steht still.
Wir sind es, die enteilen.
So weht wohl auch die Landschaft unsres Lebens an uns vorbei.
Sie anzuhalten suchen wir vergebens.

Endlichkeit – das Thema zu dem ich etwas sagen soll und werde, natürlich habe ich täglich als Pfarrer für Altenseelsorge und Seelsorger in mehreren Seniorenheimen mit einer Vielzahl von älteren, alten und hochbetagten und langlebigen Frauen und Männern zu tun.

Und ja!, die allermeisten, nehmen bewusst war, dass die Lebenszeit, die sie haben begrenzt und endlich ist.

Und ja!, die Art und Weise wie jede und jeder auf seine und ihre Weise damit umgeht, davor habe ich hohen Respekt und große Achtung.

Und ja! Es gibt auch die, die mich fragen, wann darf ich endlich sterben, nach einem langen, langen Leben.

Aber so gut wie niemand denkt dabei unablässig an den Tod und das Sterben. „Ich bin ‚das immerzu ans Sterben denken“ so beschreibt eine andere Dichterin in einem ihrer Gedichte die Depression, das ist eine Krankheit zum Tode.

Und krank zu sein, ist etwas ganz anderes als endlich zu sein.

Endlich sein, das macht nicht krank! Jedenfalls nicht an sich.

Und das Anspiel, das wir eben gesehen und gehört haben, zeigt ja auch, beim Sterben und dem Tod geht es nicht nur um die schon alt gewordenen, es kann auch den Nachbarn in der Mitte des Lebens treffen. Und mich natürlich auch. Und wenn ich durch die Wetterau fahre, dann kenne ich einige Kreuze am Rande der Straße, die von Angehörigen und Freunden aufgestellt wurden, und erinnere mich an die, für die diese Kreuze stehen und die ich in meiner Zeit als Gemeindepfarrer nach einem Verkehrsunfall beerdigt habe. Hat das was mit Endlichkeit zu tun?

Oder hat das nicht auch etwas was mit Geschwindigkeit zu tun, mit einer fatalen Sekunde der Ablenkung oder manchmal einfach nur mit einem Scheiß Zufall? Mitten wir im Leben, sind vom Tod umgeben.

Ich möchte mich hier weigern mich, das Thema Endlichkeit auf das Thema: „wir alle müssen sterben“ zu reduzieren. Ja, das müssen wir, Sie und Ich.

Wir müssen aber alle auch das andere: wir müssen leben! Auch Sie und ich!

Jemand hat einmal gesagt: Die Endlichkeit mahnt uns endlich zu leben.

Leben, endlich leben!

Die Zeit steht still, wir sind es, die enteilen!

Und so vieles ist endlich und das ist gut so!

Das Anspiel eben endete mit dem bekannten Satz aus dem Prediger Salomo: Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben.

Denn ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes. Aber das ist ja nur der Schluss von einem Stück großer Weltliteratur:

Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde:

geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit;

töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit;

weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit;

suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit;

Der Text beschreibt die Endlichkeit von allem. VON ALLEM! Würde ich nicht gerne immer lachen, fröhlich sein? Don’t worry, be happy! Und gibt es nicht Zeiten, da gefriert mir das Lachen zur Maske? Da ist mir die Fröhlichkeit zuwider, weil das Leben eben nicht so ist. Das Leben ist auch voller Angst und Traurigkeit, Abschiednehmen müssen und, ja auch Sterben. Wie kann ich da eine lustige Mine aufsetzen: ist ja alles nicht so schlimm. Nein, verdammt, es ist schlimm. Und deshalb hat das Lachen seine Zeit! Weg mit Dir, ich muss auch trauern dürfen!

Aber, und jetzt kommt’s ja: auch das Weinen hat seine Zeit: Auch das Weinen ist endlich! Du musst kein schlechtes Gewissen haben, weil du in der Trauer auch mal lachst, wenn du ein neues Leben für dich suchst und vielleicht sogar findest! Es ist Gottes Wort, das dir sagt: Weinen hat seine Zeit.

Suchen hat seine Zeit – wie bin ich doch mein ganzes Leben auf der Suche nach mir selbst! Aber ich finde mich ja auch, manchmal, vor allem, - so würde ich sagen - weil Gott mich findet. Was für Zeiten sind das dann!

Aber ich verliere mich auch wieder – ich kann nicht ewig auf dem Gipfel der Erleuchtung bleiben. Es gibt auch noch die Welt und den Alltag und den Ärger und die Anderen.

Es ist gut, dass alles endlich ist und seine Zeit hat.

Es fordert heraus klug zu leben, wie der Psalmvers sagt, oder endlich zu leben, wie der Aphoristiker Glasl sagt.

Ich kann und brauche nicht alles so wichtig nehmen, als sei es in Stein gemeißelt. Aber dieser Stein wird bröckeln. Ich kann und darf gelassen sein, und vor allem mich selbst nicht so wichtig nehmen. Oder zu meinen, unentbehrlich zu sein.

So weht wohl auch die Landschaft unsres Lebens an uns vorbei. Sie anzuhalten suchen wir vergebens.

Die Endlichkeit gibt mir Raum liebevoll mit mir und dann auch mit anderen umzugehen, achtsam sagt man ja heutzutage gern.

Endlichkeit           macht         Sinn.

Und die Endlichkeit geht ja noch weiter. Mein Wissen ist endlich, Stückwerk sagte einmal Paulus. Meine Fähigkeiten sind endlich. Manchmal ist meine Geduld am Ende. Endlich ist auch die Gewalt der Gewaltigen, die Herrschaft der herrschsüchtigen. Ja auch dieser Kosmos, wie wir ihn kennen, wird einmal endlich sein, vielleicht in sich zusammenfallen, nachdem er sich unendlich ausgedehnt hat und selbst die Unendlichkeit einmal am Ende ist, in einem neuen BIGBANG und Urknall vielleicht von neuem beginnen und von Anfang an wieder endlich sein wird.

Leider wird auch scheinbar immer wieder vergessen, worin eigentlich Endlichkeit eingebettet ist. Denn so spricht der Prediger Salomo weiter:

Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.

Für mich ist Ewigkeit nicht die einfach in das Unendliche verlängerte Zeit, Ewigkeit ist die Qualität - nicht die Quantität, die der Endlichkeit entgegensteht. Ewigkeit qualifiziert die Endlichkeit, die ich erlebe. Ja, ich kann sogar in der Endlichkeit, Ewigkeit erleben,

Momente des Glücks, der Liebe, der Meditation, in denen ich spüre, hinter – oder mitten drin – in diesem Leben der Endlichkeit ist Ewigkeit.

Die Zeit steht still – so benennt es das Gedicht.

Die Ewigkeit.
In ihr Herz gelegt.
In das Herz des Menschen.

Wir spüren die Endlichkeit!
Spüren wir auch die Ewigkeit,
die in unser Herz gelegt ist!

Wir tragen die Ahnung, das Wissen, den Glauben, das Geheimnis der Ewigkeit in uns. ‚In ihr Herz gelegt‘, das Herz der Menschen. In ein Organ, aus Muskel und Blut, mit Rhythmus und Kraft und auch Versagen und schließlich Stillstand.

Aber es ist mein Herz –
Es ist meine Zeit,
meine Ewigkeit
und meine Endlichkeit.
Es ist Ihr Herz.
Ihre Zeit, Ihre Ewigkeit, und Ihre Endlichkeit.

Machen wir was draus, Endlichkeit: endlich leben!

Denn: Die Landschaft bleibt,
wir sind es, die enteilen!

am 17.2.2019 von Pfarrer Rainer Böhm

Die Liebe unseres Herrn Jesus Christus, die Gnade Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

Liebe Gemeinde,

„Halte Ordnung, liebe sie, Ordnung spart dir Zeit und Müh.“ Meine Mutter kannte viele dieser Lebensweisheiten. Trotzdem bin ich ein Papierstapler geworden. Um mich herum auf meinen beiden Schreibtischen, im Pfarrhaus und im Gemeindebüro sind sie: Rechts und links von der Arbeitsfläche wachsen immer wieder, ich weiß auch nicht wie das passiert, zwei, also vier Stapel. Vermutlich liegts an meinem mangelhaften Ablagesystem.

Ich wäre so gerne anders. Ratgeber wissen, wie es geht. Sie erzielen irrsinnige Umsätze, die Buchhandlungen sind voll davon. Ratgeber für alles: Gesundheit, gute Ehefrauen und Ehemänner, Ratgeber zum Glück, zur Ordnung, für mein inneres Ich oder mein inneres Kind. Ratgeber zur Erziehung, für die gute Geldanlage.

Auch ich habe einen solchen Ratgeber geschenkt bekommen, von meinen Kindern: Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin (K.Passig/S. Lobo). Es ist ein Lehrbuch darüber, dass es auch anders geht, gehen kann, gehen darf.

Was steckt aber hinter dieser unbändigen Suche nach Ratgebern? Hinter all den klugen Ratschlägen und unnötigen Informationen von Leuten, die eine Menge Geld mit der Not der anderen verdienen?

Wir ergreifen jeden Zipfel, um noch etwas in der Hand zu behalten, bevor es uns entgleitet. Wir sind unsicher geworden, ich bin unsicher geworden in einer Welt, in der nichts sicher ist – außer dem Tod. Wie vorsorgen? Wie mein Leben gestalten? Wie einen Partner finden? Wie eine bezahlbare Wohnung?

Die neue Perikopenordnung beschert uns neue Predigttexte, auch solche, die bisher eher ein Schattendasein geführt haben. Bislang war das Buch des Predigers Salomo, Kohelet, nur einmal in sechs Jahren vertreten, mit dem berühmten Gesang über die Zeit. „Alles hat seine Zeit“. Das Buch Kohelet wird dem Sohn Davids zugeschrieben, Salomo, König in Jerusalem. Wahrscheinlich ist es an seinem Hof entstanden, aber wie die Psalmen nicht vom König selbst. Es gehört zur atl Weisheitsliteratur. Auch wenn uns also unsere Zeit als die Unsicherste erscheint – Menschen aller Zeiten suchten nach Sicherheit. Es gab schon immer Ratgeber, besonders am Hof eines Königs. Ich lese den Predigttext aus Pred. 7, 15 – 18:

Dies alles hab ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens: Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit. Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest. Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht stirbst vor deiner Zeit. Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt; denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen. 

Der Prediger des Salomo war ein Berater am Hof des Königs. Vor fast 3000 Jahren beobachtete er den Lauf der Dinge. Nicht wie ein Professor, der so etwas über dem Erdboden schwebt. In der hebräischen Bibel ist die Weisheit die Antwort des Menschen auf Erfahrungen, die er in der Welt macht – in einer Welt, in der uns überall auch das Handeln Gottes begegnet. Die Weisheit des Predigers ist seine Art des Glaubens.

Die lässt sich aus einem Dilemma heraus verstehen: Es gibt Gerechte, die gehen in (und vielleicht auch an) ihrer Gerechtigkeit zugrunde. Und es gibt Gottlose, die leben mit all ihrer Bosheit auf Kosten der anderen (und sie leben damit auch noch gut). Gutes Handeln bleibt oft folgenlos. Aus diesem Dilemma ergibt sich für den Prediger der Mittelweg: „Sei nicht zu gerecht und nicht zu gottlos.“ Der Mittelweg ist nicht unbedingt der Königsweg. Aber er ist immerhin lebenspraktisch, Der Prediger ist sparsam mit großen Worten.

Und die Erfahrung lehrt uns ja: Frechheit siegt. Je offensichtlicher sich jemand korrupt und gewalttätig gebärdet, desto weniger passiert ihm. Ganze Länder und Landstriche werden von einzelnen ausgebeutet, Minderheiten ermordet. Ehrlichkeit währt nicht immer am längsten, und auch die Strafe folgt nicht immer auf dem Fuß. Nein, stellt der Prediger fest, ein frommes Leben wird von Gott nicht belohnt, und ein gottloses Leben nicht bestraft. Ist Gott also ungerecht?

„Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“ – so hat es der Frankfurter Sozialphilosoph Theodor W. Adorno formuliert. Verstünde man den Satz wörtlich, dann wäre er zynisch gemeint und ein Freibrief dazu, sein Leben auf Kosten der anderen zu gestalten. Nach mir die Sintflut. Aber so ist der Satz Adornos nicht gemeint. Er geht aus von der Einsicht, dass unser Leben immer beschädigtes Leben ist. Wir arbeiten uns ab an unseren eigenen Widersprüchen und Unzulänglichkeiten. An den Kränkungen unseres Lebens. Verdrängen ist keine Lösung, es gilt die Widersprüche anzunehmen. Die strikte Prinzipienfestigkeit ist keine Lösung, und die zerstörerische Gleichgültigkeit auch nicht.

Der Prediger benennt genau diese Widersprüchlichkeit, die sich auch durch menschliche Weisheit nicht auflösen lässt. „Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit.“ Das muss gesehen, benannt und ausgesprochen werden. Denn nur dann geht die eigene Mitte nicht verloren. Leben ohne Widersprüche, ohne Fremdbestimmung und Verblendung, ohne Unzulänglichkeiten – ein im Ganzen richtiges Leben: das ist unmöglich, nicht zu bekommen, gibt es nicht.

Adorno hat das als Jude in Deutschland am eigenen Leib erfahren. „Dies alles hab ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens.“ Deshalb überlegt er in immer neuen Ansätzen wie man sich in schwieriger Lage am besten verhält. Er untersucht die gesellschaftlichen Bedingungen von Entfremdung und Ungerechtigkeit und weist auf die zerstörerischen Tendenzen der Moderne hin. Leben ist beschädigtes Leben. Trotz allem hält Adorno fest am Traum des gelingenden Lebens, nur vom Unmöglichen her können wir unsere Möglichkeiten sehen. Er sieht diese Möglichkeiten gelingenden Lebens in der Kontemplation, in der unverfälschten Begegnung, im Miteinander und auch in der Begegnung mit der Kunst.

„Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest.“ Der Prediger vertritt weder faule Kompromisse noch abgestumpfte Gleichgültigkeit. Unser Leben bleibt uns undurchschaubar, eine bleibende Statt haben wir hier nicht, letzte Sicherheit gibt es auch nicht. Kluger Pragmatismus ist vonnöten. Es ist wie es ist, sagen die Kölner. Aus mir wird kein Vorbild an Ordnung mehr, und ehrlich gesagt komme ich auch so ganz gut zurecht. Aber gerade in unseren eigenen begrenzten Möglichkeiten dürfen wir mit dem Unmöglichen rechnen, in unserer Endlichkeit mit der Unendlichkeit, mit dem in Gott gegründeten Mehrwert des menschlichen Lebens.

„Wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen“, sagt der Prediger am Ende. Ich verstehe Furcht im Sinne von Ehrfurcht oder Respekt. Mit Blick auf Gott sollen wir Christen unsere ethischen Zwickmühlen abwägen, unsere Vernunft bemühen, der eigenen Endlichkeit bewusst sein und dankbar und fröhlich leben. Denn es gibt nichts unter der Sonne, was außerhalb von Gottes Herrschaftsbereich geschieht.

Die Weisheit des Predigers ist seine Art zu glauben. Sie ist getragen von dem Glauben, dass die Schöpfung gut ist; dass jeder auf der Welt seinen Platz finden kann – und dorthin möchte er uns führen.

Du bist, so wie du bist, von Gott gewollt: in all deiner Unzulänglichkeit, mit den Schäden, die das Leben dir zugefügt hat. Du bist geschaffen, bist gewollt, ein Mensch mit Verstand und Gefühl gesegnet. Geschöpf Gottes. Du kannst wissen und fühlen, was er von dir will. Du sollst wissen, dass deine einzige Sicherheit Gott selbst ist. Unser Leben liegt in seiner Hand. Und er ist ein liebender Gott. „Die Furcht, der Respekt des Herrn ist der Anfang der Weisheit.“

Die Liebe Gottes, die höher ist als unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen

am 3.2.2019 von Pfarrer Rainer Böhm

Die Liebe unseres Herrn Jesus Christus, die Gnade Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

Predigttext nach neuer Ordnung (1.Kor 1, 4-9)

Dank für reiche Gaben in Korinth

Ich danke meinem Gott allezeit euretwegen für die Gnade Gottes, die euch gegeben ist in Christus Jesus, dass ihr durch ihn in allen Stücken reich gemacht seid, in allem Wort und in aller Erkenntnis. Denn die Predigt von Christus ist unter euch kräftig geworden, sodass ihr keinen Mangel habt an irgendeiner Gabe und wartet nur auf die Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus. Der wird euch auch fest machen bis ans Ende, dass ihr untadelig seid am Tag unseres Herrn Jesus Christus. Denn Gott ist treu, durch den ihr berufen seid zur Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus