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Predigten

Einige Predigten der letzten Zeit zum Nachlesen, Ansehen und Anhören.

In unserem Youtube-Kanal finden Sie Gottesdienste, Andachten und Lieder.

zu den Konfirmationen am 19.9.2021 von Pfarrerin Meike Naumann

Lesung: Mk 4, 35-41 

Im Sturm auf die Probe gestellt

Am Abend dieses Tages sagte Jesus zu seinen Jüngern: »Wir wollen ans andere Ufer fahren.« Sie ließen die Volksmenge zurück und fuhren mit dem Boot los, in dem er saß. Auch andere Boote fuhren mit. Da kam ein starker Sturm auf. Die Wellen schlugen ins Boot hinein, sodass es schon volllief. Jesus schlief hinten im Boot auf einem Kissen. Seine Jünger weckten ihn und riefen: »Lehrer! Macht es dir nichts aus, dass wir untergehen?« Jesus stand auf, bedrohte den Wind und sagte zum See: »Werde ruhig! Sei still!« Da legte sich der Wind, und es wurde ganz still. Jesus fragte die Jünger: »Warum habt ihr solche Angst? Habt ihr immer noch keinen Glauben?« Aber die Jünger überkam große Furcht. Sie fragten sich: »Wer ist er eigentlich? Sogar der Wind und die Wellen gehorchen ihm!«

Predigt

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,
liebe Festgemeinde,

manchmal kommt alles ganz anders als geplant. Da wirkt ein See oder das Meer völlig ruhig und harmlos. Alles ist völlig entspannt. Und dann bricht ganz plötzlich ein Unwetter los und versetzt alle in Angst und Schrecken. Vielleicht habt Ihr so einen Wetterumschwung schon einmal erlebt, das kann ja wirklich überall passieren. Am See Genezareth, wo die Geschichte spielt, die wir eben in der Lesung gehört haben, da passiert so etwas öfter. Die örtlichen Begebenheiten dort sind so, dass nach einem wettertechnisch völlig ruhigen Vormittag und Mittag, nachmittags heftige Fallwinde aufkommen können. Und diese Fallwinde sind durchaus stark genug, um kleinere Fischerboote, wie sie zur Zeit Jesus üblich waren, ins Schwanken zu bringen. So kann es gehen. Nicht nur am See Genezareth. So kann es überall zu jeder Zeit geschehen. Ganz unverhofft.

Unser Leben geht seinen ganz alltäglichen Gang. Wir arbeiten, gehen in die Schule, haben unsere Hobbies wie Musik, Sport, Theater oder, oder….unsere Freizeit ist ausgefüllt mit Sachen, die uns Spaß machen oder manchmal auch nicht. Wir planen unseren Urlaub für die Sommerferien oder freuen uns auf ein großes Fest. Wie zum Beispiel Eure Konfirmation. Und dann – ganz plötzlich geschieht etwas, das unser Leben von Grund auf durcheinander bringt. Auf einmal ist nichts mehr so, wie wir es immer gewohnt waren. Wir müssen alles neu sortieren: den Alltag, die Schule, die Arbeit, die Freizeit, unsere Freundschaften. Keine Ahnung wie das funktionieren soll. Wann wird sich wieder Normalität einstellen? Wird es die Normalität, die wir kannten überhaupt wiedergeben? Das alles beunruhigt uns und macht auch richtig Angst.

Die Geschichte, die das Markusevangelium von dieser abenteuerlichen Bootsfahrt erzählt, ist eine wunderbare Geschichte gegen die Angst. Die ersten Christ*innen haben sich solche Wundergeschichten von Jesus erzählt, um sich gegenseitig Mut zu machen. Denn auch sie haben in stürmischen Zeiten gelebt. Ihr Leben war keine ruhige Flusskreuzfahrt, sondern Ihr Lebensboot war vielen Stürmen ausgesetzt. Sie wurden oft wegen ihres Glaubens verfolgt. Und durch diese Bedrohung machten sich auch bei ihnen Zweifel breit, ob der christliche Glaube denn wirklich der richtige Glaube sei. Inmitten solcher Stürme war es gut zu hören: Was auch immer geschehen mag, wie sehr ihr euch auch fürchtet, ihr seid nicht allein. Jesus ist bei euch und steht euch bei.

Das zu hören tut uns heute noch genauso gut wie den Menschen vor 2000 Jahren. Manchmal kommt uns ein Tag, der für andere ganz gewöhnlich wirkt, vor wie ein stürmisches, aufgewühltes Meer. Kaum zu schaffen! In unserer Geschichte ist Jesus mitten im Sturm. Aber was macht er? Er schläft! Ja, er lässt sich nicht in die Angst seiner Jünger*innen hineinziehen. Er ermutigt sie vielmehr, Vertrauen zu haben und die Ruhe zu bewahren.

Liebe Gemeinde, wir sollen uns von der Angst nicht unterkriegen lassen, sagt uns diese Geschichte. Die Angst ist nicht plötzlich weggezaubert. Nein. Aber es lässt sich mit ihr leben. Zu wissen, dass wir nicht allein sind, das tut gut. Gott ist mit uns in einem Boot. Wenn wir darauf vertrauen, dann können wir auch ruhiger werden, so wie der See ruhiger wird. Manchmal hilft es schon, wenn wir in einer chaotischen, stürmischen Situation die Ruhe bewahren. Dann gelingt es uns vielleicht, kleine Schritte zu planen und zu tun. Wir starren nicht wie gelähmt auf das Meer von Problemen, das wir überwinden müssen. Wir können immer einen Schritt nach dem anderen machen. Und irgendwann legt sich auch der heftigste Sturm.

Das beruhigt. Es gilt durchzuhalten und dem Sturm tapfer zu trotzen. Voller Vertrauen darauf, dass Jesus die Macht hat dem Sturm Einhalt zu gebieten und die Wogen zu glätten. Es werden auch wieder andere Zeiten kommen, darauf dürfen wir vertrauen. Ihr, liebe Konfis, habt eure Zukunft vor euch. Auch da wird es stürmische Zeiten geben. Nicht alles klappt auf Anhieb und der Wind bläst einem direkt ins Gesicht. Aber, da bin ich ganz sicher, es wird viele schöne Erlebnisse und gute Zeiten für euch geben. Im Bild der Geschichte gesprochen: da warten tolle und aufregende Segeltörns auf euch oder erfolgreiche und aufregende Wildwasserfahrten. Da bin ich mir sicher und das wünsche ich euch von Herzen. Ihr könnt euch getrost Jesus als Steuermann und Gott als Kapitän anvertrauen mit all euren Gedanken, Plänen und auch mit euren Sorgen und Zweifeln. Ihr werdet sehen, dass es guttut, sich darauf verlassen zu können, dass Gott immer bei uns ist und uns liebevoll begleitet. Das gibt immer wieder neuen Mut und neue Kraft. Amen.

Gottesdienst am 12.9.2021 mit Video von Pfarrer Rainer Böhm

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar.

Begrüßung

Herzlich willkommen zum Gottesdienst in der Dankeskirche.
Am vergangenen Sonntag sind wir mit Konfirmandinnen und Konfirmanden eingezogen (und kommenden Sonntag tun wir das wieder). Eben sind 23 Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher hier feierlich eingezogen und haben hier vorne Platz genommen.

Die Konfirmanden nehmen ihren Glauben in die eigene Verantwortung. Sie als Kirchenvorsteher übernehmen Verantwortung als Leitung unserer Kirchengemeinde für die kommenden sechs Jahre. Kein neuer Lebensabschnitt, aber immerhin eine neue Sitzungsperiode unseres Vorstands.

Es ist der 2. Sonntag im September: Das ist der Tag des offenen Denkmals, des Jugendstilfestivals und Orgeltag heute bei uns. Eigentlich ist es auch der Tag unseres schönen Gemeindefestes in und um die Dankeskirche. Schade, dass es nun schon zum 2. Mal ausfallen muss. Aber wir feiern ja trotzdem: Gottesdienst, und die Verabschiedung das alten und die Einführung des neuen Kirchenvorstands.

Predigt

Die Gnade unseres Herrn JX, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des HG sei mit uns allen. Amen.

Liebe Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher, liebe Gemeinde,
dieser Gottesdienst markiert für uns einen Übergang: vom alten zum neuen Kirchenvorstand. Eine Gelegenheit, zurückzutreten und sich zu vergewissern, was wir da eigentlich tun; und um Gottes Segen zu bitten: für das was war und für das was kommt. Und dafür, dass wir unsere unterschiedlichen Gaben zum Nutzen der Gemeinde zusammenführen und gemeinsam wirksam werden lassen, wie wir es eben in der Lesung hörten (1. Kor 12, 4-11). Zu fragen, was führen und leiten in der Kirche eigentlich heißt.

Schauen wir doch einfach mal in der Bibel nach:
Gleich am Anfang leitet Gott. ER legt die Grundstrukturen: Licht und Dunkel, Festes und Fließendes. Er erfindet die Polarität, das Paar, die Lebensräume Wasser, Land und Luft. ER spricht und dann geschieht. ER ordnet und schafft Zusammenhänge, behält den Blick auf das Ganze, schenkt Ruhezeiten. Und ihm liegt anscheinend an der Verantwortung und dem inneren Potenzial seiner Geschöpfe.  ER segnet ausdrücklich die Kreativität und Selbstständigkeit seiner Geschöpfe und freut sich an ihnen. Und zeigt ihnen seine Freude wie ein Lob.

Ich denke an den Auszug aus Ägypten. Eine große Aufgabe, für die es eine gute Organisation, eine klare Leitung und am besten auch eine Arbeitsteilung geben sollte. Gott stellte Mose seinen Bruder Aaron zur Seite: Keine einfache Beziehung, sicher nicht ohne den Geschwisterkonflikt, den wir immer wieder in der Bibel finden. Nicht ohne Konflikte, aber es kommt nicht zum Bruch. Das gemeinsame Ziel steht im Vordergrund, aber keiner von beiden erreicht das gelobte Land. Mose mit der Gesamtleitung, der ältere Aaron wurde sein Sprecher und Stellvertreter. Ihm wurde das Amt des Hoheproesters übertragen, die geistliche Leitung also.

Und schließlich denke ich an Jesus und seine Jünger. Bei genauerem Hinsehen gab es in der Gruppe eine Arbeitsteilung, zB einen Quartiermeister, einen Leiter, einen etwas zwielichtigen Finanzbeauftragten. Bei der Speisung der 5000 haben sie den Auftrag, aus der Menge Gruppen zu bilden, wie in einer Kirchengemeinde. Denn 5000 sind eine anonyme Masse. Aber Konfirmandeneltern, Taufkinder, die Pfadfinder, der Jugendchor oder die Kantorei, der Besuchsdienst oder die Gemeindebriefredaktion: das sind Einzelne, die sich untereinander kennen und voneinander wissen. Und so gab Jesus den Auftrag, sie sich in kleine Gruppen setzen zu lassen. Und so konnte das Wunder seinen Lauf nehmen.

Im Kirchenvorstand geht es also um führen und leiten:
Führen heißt (nach Müller-Weißner, Chef sein im Hause des Herrn):  1. Im beruflichen Umfeld 2. andere Menschen 3. wertschätzend und 4. zielgerichtet 5. in einer spezifischen Situation 6. dazu zu bewegen 7. Aufgaben zu übernehmen und erfolgreich auszuführen.
Die beiden Vorsitzenden des Kirchenvorstandes sind verantwortlich für die Personalführung. Mit der „unmittelbaren Beaufsichtigung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“ hat der Kirchenvorstand als Ganzes nichts zu tun. Auch nicht mit den Personalgesprächen, welche die Vorsitzenden nach Absprache ihrer Bereiche mit den Angestellten der Gemeinde führen.

Der Kirchenvorstand ist verantwortlich für das Leiten.
Leiten heißt (nach Müller-Weißner): 1. Die Kirchengemeinde 2. als Feld von Strategie und Planung begreifen und 3. in einer vorfindlichen Situation 4. geeignete Lenkungsmittel benutzen, um 5. das Überleben zu sichern und 6. die Zukunft zu gestalten.
Es geht also nicht um den Blumenschmuck in der Kirche, sondern darum, dass er finanziert werden kann. Es geht nicht um das Benehmen einzelner Nutzer unserer Gemeinderäume, sondern um unsere Hausordnung und wie sie überwacht werden kann. Sicherlich manchmal auch um das Detail und genauere Hinsehen – aber vor allem um das Ganze. Auch wenn die Tagesordnungen des KVs oft nach klein/klein aussehen.

Leiten ähnelt in manchem der Aufgabe, die Eltern haben. Es geht darum, Verantwortung für den Rahmen zu übernehmen, für das Klima in der Gemeinde. Entwicklungsräume, also Lebensräume zu gestalten, die vielleicht auch Grenzen brauchen. Jeder Erwachsene hat schon viel damit zu tun, sich selber zu leiten. Gemeinsam leiten ist noch eine Stufe schwerer. Weil es darum geht, dass unterschiedliche Menschen gemeinsam Verantwortung übernehmen. Ganz wesentlich dabei ist, dass die Unterschiede eingebracht und genutzt werden können.

Leiten gelingt, wenn Auftrag und Fähigkeit für eine möglichst klar definierte Aufgabe zusammenkommen. Leitung braucht die für ihre Aufgaben angemessene Möglichkeit, Dinge zu gestalten und durchzusetzen. Gemeinsame Leitung lebt von gegenseitiger Achtung und Loyalität. Auch wenn sich meine Meinung nicht durchsetzen konnte, sollte ich einen gemeinsam getroffenen Beschluss nach außen loyal vertreten.

Von Reiner Kunze gibt es dieses schöne Gedicht:
Rudern zwei
ein boot,
der eine
kundig der sterne,
der andre
kundig der stürme,
wird der eine
führn durch die sterne,
wird der andre
führn durch die stürme,
und am ende ganz am ende
wird das meer in der erinnerung
blau sein

Das macht Sinn: Wenn zwei sich mit ihren unterschiedlichen Fähigkeiten zusammentun, so bringen sie ihr Boot weiter übers Wasser als einer allein. Darum wird das Schiff, das sich Gemeinde nennt, auch nicht von einem allein gesteuert, sondern „Kirchenvorstand und Pfarrerinnen und Pfarrer leiten gemeinsam die Gemeinde“ (KGO). Gemeinsam leiten funktioniert aber nicht automatisch. Die zwei im Gedicht sind in verschiedenen Gebieten kundig; über die Sterne und die Stürme wird nicht diskutiert und abgestimmt, sondern der jeweils Kundige übernimmt Führung. Das ist die hohe Kunst des gemeinsamen Leitens: Unterschiede anerkennen und wertschätzend einsetzen. Verschiedene Gaben zu ihrem Recht kommen lassen. Im Rückblick finde ich, dass uns das sehr gut gelungen ist.

Kirche ist eine hörende Gemeinschaft. Der Ausgangspunkt ist immer das Hören auf Gottes Wort. Im Hören darauf fragen wir nach den Verheißungen der Kirche und dem Auftrag, der ihr gegeben ist.

Dazu gehört auch, als Gemeindeleitung aufeinander zu hören. Geistlich leiten geschieht immer im Miteinander des Kirchenvorstands und in seiner Verschiedenheit. Niemand kann und soll es alleine machen. Gut, wenn jemand den Hut aufhat. Nicht auf die anderen zu hören heißt, sie abzuhängen und zu demotivieren. Sie aber zu fragen heißt, sie zu beteiligen.

Schließlich bedeutet geistliche Gemeindeleitung auch, miteinander zu feiern. Das heißt, es sich nicht nur miteinander gut gehen zu lassen. Das bestimmt auch. Aber vor allem Gott für das zu danken, was wachsen durfte; ihm anzuvertrauen, was nicht verwirklicht werden konnte; und seinen Segen zu erbitten für das, was kommt.

Der Friede Gottes, der höher ist als unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in JX. Amen

Gottesdienst am 29.8.2021 mit Video von Pfarrerin Meike Naumann

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar.

Musik zum Eingang

Begrüßung

Wochenspruch:
Christus spricht: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Geschwistern, das habt ihr mir getan.
(Mt 25,40 LUTHER 2017)

Psalm 136: EG 719

Gebet
Gott, du hast uns das Leben geschenkt.
Dafür danken wir.
Eine Woche liegt hinter uns,
Du weißt, was war.
Was gut war, was schwer.
Was falsch war, vergib uns.

Gott, du hast uns das Leben geschenkt,
du, Gott des Anfangs.
Lass dein gutes Wort in uns wohnen.
Schenk uns neue Kraft.
mach uns Mut für den nächsten Schritt.
Lass uns aufleben, mach uns frei.
Amen.

Schriftlesung: Gen 4

Kain erschlägt Abel
Adam schlief mit seiner Frau Eva. Sie wurde schwanger und brachte Kain zur Welt. Da sagte sie: »Mithilfe des Herrn habe ich einen Sohn bekommen.« Danach brachte sie seinen Bruder Abel zur Welt. Abel wurde Hirte und Kain wurde Ackerbauer.
Eines Tages brachte Kain dem Herrn von dem Ertrag seines Feldes eine Opfergabe dar. Auch Abel brachte ein Opfer dar: die erstgeborenen Tiere seiner Herde und ihr Fett. Der Herr schaute wohlwollend auf Abel und sein Opfer. Doch Kain und sein Opferschaute er nicht wohlwollend an. Da packte Kain der Zorn, und er blickte finster zu Boden. Der Herr fragte Kain: »Warum bist du so zornig, und warum blickst du zu Boden? Ist es nicht so: Wenn du Gutes planst, kannst du den Blick frei erheben. Hast du jedoch nichts Gutes im Sinn, dann lauert die Sünde an der Tür. Sie lockt dich, aber du darfst ihr nicht nachgeben!«
Kain sagte zu seinem Bruder Abel: »Lass uns aufs Feld gehen! «Als sie auf dem Feld waren, fiel Kain über seinen Bruder Abel her und erschlug ihn. Da sagte der Herr zu Kain: »Wo ist dein Bruder Abel? «Kain antwortete: »Das weiß ich nicht. Bin ich dazu da, auf meinen Bruder achtzugeben?« Der Herr entgegnete ihm: »Was hast du getan? Das Blut deines Bruders schreit vom Ackerboden zu mir. Verflucht sollst du sein, verbannt vom Ackerboden, den deine Hand mit seinem Blut getränkt hat! Wenn du ihn bearbeitest, wird er dir künftig keinen Ertrag mehr bringen. Du wirst ein heimatloser Flüchtling sein und von Ort zu Ort ziehen.« Kain erwiderte dem Herrn: »Die Strafe ist zu schwer für mich. Du verjagst mich jetzt vom Ackerland und verbannst mich aus deiner Gegenwart. Als heimatloser Flüchtling muss ich von Ort zu Ort ziehen. Jeder, dem ich begegne, kann mich erschlagen.« Der Herr antwortete: »Das soll nicht geschehen! Wer Kain tötet, an dem soll es siebenfach gerächt werden. «Der Herr machte ein Zeichen an Kain. Niemand, der ihm begegnete, durfte ihn töten. Kain zog fort, weg vom Herrn, und ließ sich im Land Nod nieder. Das liegt östlich des Gartens Eden.

Glaubensbekenntnis

Lied: EG 432 Gott gab uns Atem

PREDIGT
Gott schenke uns ein Herz für sein Wort und ein Wort für unsere Herzen.
Amen.

Liebe Gemeinde,
Kain und Abel. Die Geschichte kennen die meisten. Aus der Urgeschichte. Von den Anfängen. Die Schöpfung. Das Licht. Den Tag und die Nacht. Den Himmel und die Erde. Das Wasser und die Erde und das Grüne. Die Sonne, den Mond und die Sterne. Die Wassertiere und die Flugtiere. Das Wild, die Kriechtiere und das Vieh. Schließlich das erste Menschenpaar, Adam und Eva. Den Ruhetag. Den Garten Eden. Und die Vertreibung daraus. Die ersten geborenen Menschen. Der erste Mensch, der stirbt. Der erste Mord. Die erste Sünde. Ein Brudermord.

Kain und Abel. Ich erinnere mich an die Grundschule. Wir bekamen die Aufgabe zu zeichnen. Abels Altar und Kains Altar. Wichtig war der Lehrerin die Gestaltung des Rauchs. Bei Kain wie vom Wind verweht, unruhig und voller Zacken. Bei Abel eine wunderbare aufsteigende Rauchsäule. Gott sieht Abel und sein Opfer. Nimmt es an. Kains nicht. Abels Opfer war das Gott gefälligere, so lernten wir. Viel wertvoller als Kains.

Lange Jahre hielt sich diese Deutung, wohl nicht nur bei mir. Auch im Studium, in der Wissenschaft, wurde weiter nach Gründen gesucht. Es gehe wohl um verschiedene Lebensformen. Ackerbauerkultur und Nomadentum. Doch eigentlich gebe es gar keinen Unterschied zwischen Kain und Abel. Kain habe nichts falsch gemacht. Und Abel habe nichts besser gemacht. Gott handelte einfach so, ohne irgendwelche Gründe.

Lassen Sie sich einladen, der Geschichte heute Morgen etwas auf die Spur zu kommen, indem wir über die Ränder unseres Predigttextes hinausschauen. Schauen, was davor erzählt wird. Und was danach. Das Kapitel zu Ende lesen. Denn: da steht noch etwas! Etwas ganz Wichtiges, Erhellendes. Das Sinn und Tiefe gibt. Auch an unserem Text erst einmal ruhig entlang gehen. Und den Erinnerungen lauschen. Den Erinnerungen von Adam und Kain, von Abel und Eva. Und schließlich ein wenig das Geheimnis lüften können, das sich hinter Gottes Handeln verbirgt, das Geheimnis der Liebe.

„Ich erinnere mich“, sagt Adam, „weil ich von dem Baum gegessen hatte, verfluchte Gott den Ackerboden. Nur mit Mühe sollte ich mich von ihm ernähren, mein Leben lang. Mit Dornen und Disteln mich abplagen. Und am Ende zum Ackerboden zurückkehren. ‚Ja, Erde bist du, und zur Erde kehrst du zurück‘, sagte Gott. Nun waren wir sterblich. Gott machte uns Kleider und schickte uns fort aus dem Garten.

‚Mutter alles Lebendigen‘, hatte ich Eva genannt. Ich erkannte sie. Wir schliefen zusammen und sie wurde schwanger. Kain wurde geboren. Und bald darauf Abel. Viel später dann war sie noch einmal guter Hoffnung und wir bekamen noch einen Sohn. Aber davon soll sie besser selbst erzählen, denn das ist ihre Geschichte. Ich habe mich abgeplagt und geackert. Wie Gott es gesagt hatte. Unsere Söhne wuchsen heran und wurden selbständig ... Jetzt erzählst Du besser selbst weiter, Kain!“

Doch ehe Kain zu Wort kam, begann sehr schnell und leise Abel zu sprechen: „Verzeih, wenn ich mich vordrängle. Ich weiß sehr wohl, ich bin nur der Zweite. Der Ewig-Zweite. Der kleine Bruder eben. Bloß einmal will ich es anders um. Ist auch gar nicht viel, was ich von mir erzählen will. Was ich erinnere. Meinen Namen, Abel. Der ist wichtig. Damit Ihr versteht. Und mit mir fühlt und spürt. Abel. ‚Hauch‘ bedeutet das. Eine Luftnummer bin ich. Abel, das heißt auch ‚ein Nichts‘. Mein Name ist Programm. Schon der erzählt von meiner Vergänglichkeit. Pfffffffffffff. (laut die Luft auspusten)

Ja, ein ‚Nichts-chen‘, mehr bin ich nicht. So wie jeder Mensch. Ein Nichts-chen, ein Hauch, vergänglich, mit kurzer Lebensspanne. So wie jede Frau und jeder Mann. Ein Habenichts bin ich. Ziehe umher mit meiner Kleinviehherde. Von Weide zu Weide. Nomade bin ich, hüte Schafe und Ziegen. Ein Kleinviehhirte. Schlage mich so durch. Reich werde ich damit nicht. Komme grad so zurecht. Bin eher ein Looser, ein Verlierer. Ein Opfer. Mit mir ist wirklich nicht viel los.

Und dann, eines schönen Tages, sehe ich, wie mein großer Bruder, der Kain, von den Früchten seines Feldes opfert. Gute Idee, denke ich. Der Gottheit danken. Und um gute Ernte bitten. Also mache ich es ihm nach. Opfere etwas von den Erstgeburten meiner Herde und von ihren Fettstücken. Und erlebe und erfahre: Gott sieht mich an. Mich. Mein Opfer. Mich, den Hauch, das Nichts-chen. Den, der sonst immer übersehen wird. Das tut so gut. Die Gottheit sieht mich.“

Abel hält inne, fast so, als wäre er schon viel zu laut geworden. Als hätte er schon viel zu viel Raum eingenommen. Sich richtig wichtig gemacht!

Da ergreift auch schon Kain das Wort: „Nun hört mir mal gut zu. Hört, was ich erinnere. Ich war zuerst da. Der Erstgeborene. Der Große. Der Ältere. Das zukünftige Haupt der Familie, der neue Patriarch. Ich trage Verantwortung für die Familie. Das doppelte Erbteil ist mir versprochen. Meine Mutter war sehr stolz, als sie mich bekam. ‚Ich hab's gekonnt, einen Mann erschaffen – mit Adonaj.‘ (Gen 4,1 BigS 2011) Und meinen Namen, Kain, wählte sie mit Bedacht. Da steckt ‚erwerben‘ drin und ‚besitzen‘. Mein Name ist Programm. Ich bin Mutters Hauptgewinn. Ein Gewinner. Mir kann keiner was. Nicht so eine Null, so ein Nichts-chen. So ein Nichtiger. Wie mein Bruder. Der Erste eben. Und der Beste. Der Hauptgewinner. ‚The winner takes it all!‘ Der Sieger bekommt alles. So einer bin ich. Dazu stehe ich.

Auf dem Feld rackere ich mich ab. So wie mein Vater. Mühsam ist es, dem Boden etwas abzuringen. Gewinn zu machen. Aber ich bin stark. Ich schaffe das. Und Abel, der war nie ein echter Konkurrent für mich. Darum macht er wohl auch so ganz was anderes. Der ist und bleibt eben ein Nichts-chen. Meinem Namen mache ich alle Ehre. Sicher ist meine Mutter sehr stolz auf mich. Ich weiß gar nicht mehr, warum ich das machte. Aber eines schönen Tages nahm ich von meiner Ernte, von den Früchten meines Ackers. In denen so viel harte Arbeit und Mühsal steckten. Und ich opferte sie.

Und der Kleine, dieses ‚Nichts-chen‘, musste es mir natürlich nachmachen. Typisch! Wie mich das nervt! Schon immer. Glaubt mir, das kannte ich schon. Daran hatte ich mich längst gewöhnt. Was ich aber dann erlebt hatte, was ich noch nicht kannte, war, wie die Gottheit reagierte. Gott sah mein Opfer nicht an. Genauso wenig wie mich! Aber diese Luftnummer, dieses Nichts-chen und sein Opfer, die sah er. Die beachtete er. Die sah er an. Nicht zu fassen. Ich hatte doch nichts falsch gemacht! Oder? Ach egal, es gelang mir nicht, noch irgendwie einen klaren Gedanken zu fassen.

Gefühle übermannten mich. Überfielen mich. Überrannten mich. In mir tobte es. Mir wurde so heiß. Aufs Äußerste entflammte ich, und ich spürte, wie mir meine Gesichtszüge entglitten. Eifersüchtig war ich. Und wie! Neidisch. Diese Ungerechtigkeit! Zornig wurde ich, richtig gehend wütend. Ich musste zu Boden schauen. Bloß nicht mehr dieses Nichts-chen und sein Opfer sehen! Und trotzdem wurde ich rasend vor Wut.

Es machte es keinen Deut besser, dass Gott mich jetzt doch sah. Ansah. Und mich ansprach. ‚Warum brennt es in dir? Und warum entgleiten deine Gesichtszüge derart? Ist es nicht so: Wenn dir Gutes gelingt, schaust du stolz; wenn dir aber nichts Gutes gelingt, lauert die Sünde an der Tür. ‚Auf dich richtet sich ihr Verlangen, doch du – du musst sie beherrschen.‘ (Gen 4,6-8 BIGS 2011) Das erreichte mich gar nicht. Völlig unmöglich, jetzt darüber nachzudenken. Und auch noch zu antworten! Ich versuchte mich zusammen zu reißen. Wirklich! Wollte meinem Bruder etwas sagen. Doch als wir dann auf dem Feld waren, fehlten mir die Worte. Mein Groll und meine Wut wurden übermächtig. Und so erschlug ich ihn.

Und da! Da war Gott dann plötzlich auch da. Hatte mich gesehen. Und was ich getan hatte. Und fragte mich. ‚Wo ist Abel, dein Bruder?‘ (Gen 4,9a BIGS 2011) Ich sagte nur.
‚Das weiß ich nicht. Habe ich etwa die Aufsicht über meinen Bruder?‘ (Gen 4,9b BIGS 2011) Ja, bin ich denn sein Hüter? Meines Bruders Hüter? Nein. Alles andere bin ich. Aber gewiss nicht der Hüter meines Bruders! Doch Gott machte weiter, ließ nicht locker. Stellte mir die nächste Frage. ‚Was hast du getan? Laut schreit das Blut deines Bruders zu mir vom Acker her. Also: Verflucht bist du, weg vom Acker, der das Blut deines Bruders von deiner Hand geschluckt und aufgenommen hat! Wenn du den Acker weiter bearbeitest, wird er dir seine Kraft nicht mehr geben. Heimatlos und ruhelos musst du auf der Erde sein.‘ (Gen 4,10-12 BIGS 2011)

Ja. Das verstehe ich immer noch nicht. Warum Gott mir das Leben ließ. Mich nicht richtig hart bestrafte. Warum er mich nur verfluchte? Und nicht tötete? Warum war Gott so gnädig? Wo er mich und mein Opfer doch nicht gesehen hatte? Trotzdem bekam ich eine Riesenpanik. Wie würde es mir ergehen, da draußen? So sagte ich ängstlich und voller Sorge: ‚Meine Schuld ist zu groß, sie kann nicht aufgehoben werden. Doch schau, du vertreibst mich heute vom Antlitz des Ackers, und auch vor deinem Antlitz muss ich mich verbergen und soll heimatlos und ruhelos auf der Erde sein – dann kann jeder mich töten, der mich findet.‘ (Gen 4,13-15 BIGS 2011)

Darauf gab Gott mir die klare Zusage: ‚Also denn: Wer Kain tötet, soll siebenfach gerächt werden.‘ (Gen 4,16 BIGS 2011) Damit konnte ich leben. Weiter machen. Ein Schutzzeichen bekam ich auch. Keiner sollte es wagen mich zu töten. Zukunft sollte ich haben. Die bekam ich. Und Nachkommenschaft. Den Henoch. Nach ihm benannte ich eine Stadt, die ich erbaute. Mein Enkel Irad bekam den Mehujaël. Und der den Metuschaël. Und der bekam den Lamech. der sich zwei Frauen nahm. Mit Ada bekam er den Jabal. Auf den das Hirtenleben zurückgeht. Und den Jubal. Auf den alles Spielen auf Instrumenten zurückgeht. Und mit Zilla den Tubal-Kain. Der war ein Schmied von Bronze- und Eisenpflügen. Und auch von Waffen. Lamech sagte seinen Frauen; ‚Einen Mann töte ich für meine Wunde, ein Kind für meine Strieme. Wenn Kain siebenmal gerächt wird, so Lamech siebenundsiebzigmal, denn: Wer Kain tötet, soll siebenfach gerächt werden.‘ (Gen 4,23-24 BIGS 2011) Die Gewalt nahm zu. Das Töten und die Kriege. Der Blutrausch. Viele Lebensjahre hatte ich. Keiner wagte mir etwas anzutun. Nie. Keinen Tag. Ich habe Geschichte gemacht.“ Kain unterbrach sich. Hielt inne. Zufrieden. Stolz. Mit sich und der Welt im Reinen.

Da ergriff Eva das Wort. „Ich erinnere mich auch. Wie glücklich ich war! Und so stolz, als ich den Kain geboren hatte. Mit Gott hatte ich mir einen Mann erworben. Kain. Einen Mann hatte ich erschaffen. Abel, nun ja, das war der zweite. Nur ein Hauch eben. Ein Hauch von Leben. Nicht zu vergleichen mit Kain. Sie wurden beide erwachsen. Kain wurde Ackerbauer, Abel ein Hirte. Und dann verschwanden sie beide aus meinem Leben. Am selben Tag. Mein Kain wurde der Mörder seines Bruders. Das ‚Nichts-chen‘ war verhaucht. Nur sein Blut schrie von der Erde.

Inzwischen bin ich alt geworden. Vieles wurde mir zugetragen. Über das Opfer der beiden. Über den Mord. Über Kains Leben. Meine Enkel und Urenkel und so weiter. All die neuen Generationen. Über die Blutspur, die Kains Nachkommen in der Welt hinterließen. Ich hatte viel Zeit nachzudenken. Inzwischen ist mir so einiges klar geworden. Auch über unsere Gottheit. Die mich Mitschöpferin werden ließ. Die meinen Stolz ertrug. Und meine Geringschätzung für Abel. Kein Wunder, dass Kain auf seinen Bruder herabsah. Von ihm nichts wissen wollte. Für ihn kein Bruder sein wollte. Und darum auch nicht so handelte. Nie und nimmer. Zu keiner Zeit.

Als Gott Abel ansah und sein Opfer. Meinen kleinen, zarten Abel, diesen Windhauch, dies Nichts-chen'. Da ist Kain völlig durchgedreht. Da fühlte der sich total provoziert. Er, der Mann, und sein Opfer werden übersehen. Da sind Gefühle in ihm empor geflammt, die hat er nicht ertragen, nicht ausgehalten. Dass Gott sich von ihm wünschte, dass er ein Bruder sei. Dass er achtgibt auf Abel, diese Nichtigkeit. Das habe auch ich erst spät begriffen. Mein Auftrag, meine Aufgabe als Mutter, wäre ja dieselbe gewesen. Auf den Kleinen, den Schwachen, diesen Hauch, dies Nichts-chen acht zu geben. Es zu schützen. Zu beschützen. Der Erstgeborene hatte ja sowieso alle Vorteile auf seiner Seite.

Ach ja. Es ist so schwer für die Starken. Wenn Gott die Starken verwirft. Und die Schwachen erwählt. Die Gottheit ist frei in ihrer Entscheidung. Tätermutter und Opfermutter bin ich. In einer Person. Als ich Gottes Willen endlich verstanden hatte, für mich akzeptiert hatte, erinnerte ich mich endlich. Eva, Mutter allen Lebens, so heiße ich doch! Also wandte ich mich Adam zu. Und der erkannte mich noch einmal und ich ‚gebar einen Sohn und gab ihm den Namen Set, denn seht, Gott hat mir einen anderen Nachkommen gesetzt anstelle Abels, denn Kain hat ihn getötet.‘ (Gen 4,25 BIGS 2011) Das war mir eine Herzenssache. Set, mein dritter Sohn, für Abel, weil Kain ihn erschlug. So blieb ich Eva, Mutter des Lebens. Und gab das Leben weiter. Für Abel. Auf einer anderen Linie. In Set. Dem Setzling. Für Abel. Und Set bekam den Enosch. Das ‚Menschlein‘. Damals begannen die Menschen, Gott anzurufen.“

Nachdenklich enden Evas Erinnerungen. Eine kluge Frau. Gereift. Widerständig. Erklärt das Richtige der Mächtigen für falsch. Ergreift Partei für Abel, für die Schwachen. Kehrt um zu Recht und Gerechtigkeit. Erkennt die Sünde. Den Mord. Das Handeln gegen die Gottheit und Gottes Schöpfergeist. Die Erkenntnis von Gut und Böse. Auch draußen. Nach dem Rauswurf aus dem Garten Eden. Gottes Parteinahme für die Schwachen und Unterdrückten beginnt früh. Für die Übersehenen und Zarten. Für die ewigen Zweiten. Für die Letzten. Gott wirbt von Anfang an um uns: Seht die im Schatten leben. In Armut und Unterdrückung. Die nicht angesehen werden. Die übersehen werden. Die Bibel erzählt die Geschichte der Opfer. Ist an ihrer Seite. Und Gott mit ihnen.

Haben wir mehr als die Alternative: Kain oder Abel? Täter oder Opfer? Adam und Eva haben ein drittes Kind geboren, Set, der Stammvater war die Linie, die über die Väter Israels und über König David und von dort bis zu Jesus führte. Uns bleibt der dritte Weg: Jesus zu folgen, der sagte: „Wahrhaftig, ich sage euch, alles, was ihr für eines dieser meiner geringsten Geschwister getan habt, habt ihr für mich getan.“ (Mt 25,40 BIGS 2011) Und: „Du sollst die Lebendige, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen und mit deinem ganzen Leben und mit deiner ganzen Kraft und mit deinem ganzen Denken, und deine Nächsten wie dich selbst.“ (Lk 10,27 unter Bezug auf Lev 19,18 BIGS 2011) Und: „Ich gebe euch ein neues Gebot, dass ihr euch gegenseitig liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr euch gegenseitig liebt.“ (Joh 13,34 BIGS 2011)

Solange wir in dieser Welt leben, sind wir nicht vollkommen. Sünder und Gerechte sind wir, zugleich. Täterinnen und Opfer. Immer noch sind Kain und Abel in uns. Wenn wir die Nachrichten sehen, erkennen wir jeden Tag, wie dünn die Schicht der Zivilisation immer noch ist. Noch immer ist der Mensch dem andern ein Wolf. Doch hat Gott einen neuen Anfang gemacht. Mit dem Wagnis der Liebe. „Wahrhaftig, ich sage euch, alles, was ihr für eines dieser meiner geringsten Geschwister getan habt, habt ihr für mich getan.“ (Mt 25,40 BIGS 2011)
Amen.

Lied: eg +135 Wie ein Fest nach langer Trauer

Fürbitten:
Gott, du hast uns das Leben geschenkt.
Wie Mutter und Vater bist du für uns.
Wir danken dir für deine Liebe.
Du siehst alle Menschen von Geburt an.
Du siehst unsere Vergänglichkeit,
unsere Fehler und unsere Schuld
und doch sorgst du für uns.
Danke für deine Gnade und Liebe.
Wir bitten dich, erbarme dich.

Gott, du hast uns das Leben geschenkt.
Wie Mutter und Vater bist du für uns.
Deine Liebe und Fürsorge gelten nicht nur uns,
sondern allen Lebewesen dieser Welt,
deiner Schöpfung.
Darum legen wir dir heute besonders an dein Herz,
die unter Ungerechtigkeit und Gewalt leiden,
die fliehen müssen und heimatlos sind.
Lass sie Schutz, ein Zuhause und Frieden finden.
Wir bitten dich, erbarme dich.

Gott, du hast uns das Leben geschenkt.
Wie Mutter und Vater bist du für uns.
Deine Liebe und Fürsorge gelten nicht nur uns,
sondern auch den Kranken und Sterbenden,
den Trauernden und Verzweifelten.
Schenke ihnen neue Kraft,
und auch all denen, die andere in ihrer Not begleiten.
Wir bitten dich, erbarme dich.

Gott, du hast uns das Leben geschenkt.
Wie Mutter und Vater bist du für uns.
In der Stille bringen wir die Menschen vor dich,
die uns am Herzen liegen,
und alles andere, was uns sonst noch bewegt:

Wir bitten dich, erbarme dich.

Jesus Christus, Licht der Welt,
öffne uns, wenn wir nun mit den Worten beten,
die du uns geschenkt hast:

Vater unser ...

Abkündigungen

Lied: EG 430 Gib Frieden, Herr, gib Frieden

Segen

Musik zum Ausgang

Gottesdienst am 22.8.2021 mit Video von Pfarrer Friedhelm Pieper

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar.

+ Gesang „Ich will den Herrn loben“ (EG 335)

+ Begrüßung
Einen schönen guten Morgen! Herzlich willkommen hier in Dankeskirche zu unserem Gottesdienst heute am 12. Sonntag nach Trinitatis!

Viele Menschen kommen nach Bad Nauheim zur ärztlichen Behandlung in einer der Kliniken. Bad Nauheim nennt sich „Gesundheitsstadt“. Heil werden, von einer Krankheit genesen können. Das ist auch ein zentrales Thema in der Bibel. Auch heute steht eine Heilungsgeschichte im Mittelpunkt des Gottesdienstes, im Mittelpunkt der Predigt. Wie können wir solche Heilungsgeschichten heute hören? Was können wir heute von ihnen lernen? Diesen Fragen wollen in diesem Gottesdienst nachgehen und hoffen, dass wir dabei etwas heilsames entdecken können.

Mit Blick auf die geltenden Hygieneregeln möchte ich Sie noch darauf hinweisen, dass Sie, wenn Sie sich in der Kirche bewegen Ihre Maske bitte tragen möchten, an Ihrem Platz können Sie die  Maske abnehmen. Wie können in der Kirche auch singen, aber beim Singen müssen Sie die Maske dann aufsetzen.
Nun wünsche ich Ihnen und Euch, ich wünsche uns allen einen gesegneten Gottesdienst.

+ Votum

+ Psalm 146 (im Wechsel)

Halleluja! Lobe den HERRN, meine Seele!
Ich will den HERRN loben, solange ich lebe, und meinem Gott lobsingen, solange ich bin.
Verlasset euch nicht auf Fürsten; sie sind Menschen, die können ja nicht helfen.
Denn des Menschen Geist muss davon, und er muss wieder zu Erde werden; dann sind verloren alle seine Pläne.
Wohl dem, dessen Hilfe der Gott Jakobs ist, der seine Hoffnung setzt auf den HERRN, seinen Gott, der Himmel und Erde gemacht hat, das Meer und alles, was darinnen ist; der Treue hält ewiglich,
der Recht schafft denen, die Gewalt leiden, der die Hungrigen speiset. Der HERR macht die Gefangenen frei.
Der HERR macht die Blinden sehend. Der HERR richtet auf, die niedergeschlagen sind. Der HERR liebt die Gerechten.
Der HERR behütet die Fremdlinge und erhält Waisen und Witwen; aber die Gottlosen führt er in die Irre.
Der HERR ist König ewiglich, dein Gott, Zion, für und für. Halleluja!

+  Kollektengebet
Guter Gott, vor Dir sammeln wir uns im Gebet. Wir danken Dir für unser Leben, das wir aus Deiner Hand empfangen haben. Wir danken Dir für alle schönen und beglückenden Momente, die wir erfahren dürfen. Vor Dir aber denken wir auch an das, was uns belastet und begrenzt. - In Deinem Sohn Jesus Christus zeigst Du uns Deine Zuwendung zu uns Menschen, gerade auch in dem, was uns schmerzt, was uns krank macht und niederdrückt. Wir bitten Dich um Deine Nähe in diesem Gottesdienst. Lass uns erfahren, was unser Leben hell macht. Lass uns erfahren, dass dort wo Wege verschlossen sind, sich Öffnungen auftun und Neues möglich wird. – Dies bitten wir im Namen Deines Sohnes Jesus Christus, der mit Dir in der Gemeinschaft des Heiligen Geistes lebt und wirkt, jetzt und allezeit. Amen.

Lied: EG 440, 1 – 4: „All Morgen ist ganz frisch und neu…“

Lesung: Jes. 35, 1 – 6a
1 Die Wüste und Einöde wird frohlocken, und die Steppe wird jubeln und wird blühen wie die Lilien. 2 Sie wird blühen und jubeln in aller Lust und Freude. Die Herrlichkeit des Libanon ist ihr gegeben, die Pracht von Karmel und Scharon. Sie sehen die Herrlichkeit des Herrn, die Pracht unseres Gottes. 3 Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie! 4 Sagt den verzagten Herzen: »Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt … und wird euch helfen.« 5 Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden. 6 Dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch, und die Zunge des Stummen wird frohlocken.

+ Glaubensbekenntnis

+ Gesang u. Gemeinde “Wohl denen, die da wandeln…“ (EG 295, 1 – 4 – 2+4 mit Gemeinde)

+ Predigt über Mk 7, 31 – 37
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht in Mk. 7, 31 – 37:

31 Und als Jesus (er) wieder fortging aus dem Gebiet von Tyrus, kam er durch Sidon an das Galiläische Meer, mitten in das Gebiet der Zehn Städte. 32 Und sie brachten zu ihm einen, der taub war und stammelte, und baten ihn, dass er ihm die Hand auflege. 33 Und er nahm ihn aus der Menge beiseite und legte ihm die Finger in die Ohren und spuckte aus und berührte seine Zunge 34 und sah auf zum Himmel und seufzte und sprach zu ihm: Hefata!, das heißt: Tu dich auf! 35 Und sogleich taten sich seine Ohren auf, und die Fessel seiner Zunge wurde gelöst, und er redete richtig. 36 Und Jesus gebot ihnen, sie sollten's niemandem sagen. Je mehr er's ihnen aber verbot, desto mehr breiteten sie es aus. 37 Und sie wunderten sich über die Maßen und sprachen: Er hat alles wohl gemacht; die Tauben macht er hören und die Sprachlosen reden.

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

So erzählt es uns das Markusevangelium: Jesus kehrt zurück von einer kurzen Reise ins nördliche Nachbarland. Er war im Gebiet des heutigen Libanon unterwegs, in Tyros und Sidon und kommt wieder an den See Genezareth, an das Galiläische Meer. Er geht an dessen östliches Ufer im Gebiet der Zehn Städte, der Dekapolis. Und da bringen die Menschen dort einen Kranken zu Jesus. Der konnte nicht hören und nicht richtig sprechen. Nur ein Stammeln war bei ihm zu vernehmen, nur Wortlaute, aus denen niemand einen Sinn heraushören konnte. Ja, schwierig das richtige Sprechen zu lernen, wenn man nicht richtig hören kann. Welch eine Not! - Je älter ich werde und je mehr bei mir das Hören schwächer wird, desto mehr kann ich etwas nachvollziehen von dieser Not, von diesem Ausgegrenztsein, wenn man nicht mehr richtig hören kann. Nicht mehr verstehen kann, was die Menschen um einen herum erzählen. Man sieht wohl, dass gesprochen wird, manches kann man von den Lippen ablesen, aber manchmal bekommt man nur noch Bruchstücke mit - oder gar nichts mehr. - Die wunderbare Hilfe durch Hörgeräte, die wir heute haben, gab es damals nicht. Was kann dann noch helfen? –

Immerhin, er hat Menschen, die sich um ihn kümmern, die ihn in seiner Not nicht allein lassen. Gut, wenn man in seiner Not nicht allein gelassen wird. Wenn da Menschen sind, die sich zuwenden, die bereit sind zu helfen und zu unterstützen. - Sie bringen den im Hören und Sprechen erkrankten Menschen zu Jesus, sie bringen ihn in der Hoffnung, dass Jesus die Hände auf ihn lege, dass er irgendwie eine Veränderung herbeiführen kann, eine Verbesserung, eine Heilung, wie weitgehend auch immer.

Jesus sieht ihn, berührt ihn, sieht auf zum Himmel und seufzt - dann spricht er zu ihm in seiner Sprache auf Aramäisch: Efata!, das heißt: Tue dich auf!

Jesus sieht ihn, berührt ihn, sieht auf zum Himmel und seufzt. Ein seufzender Jesus! – Erinnern Sie das noch, wann Sie das letzte Mal geseufzt haben? Wann war das, der letzte Seufzer? Gestern vielleicht, oder vielleicht sogar heute Morgen? Oder schon sehr lange zurück? Solange, dass Sie sich gar nicht mehr erinnern können? Der letzte Seufzer. – Was, was geschieht da denn eigentlich, wenn wir seufzen? – Wir seufzen, wenn wir an eine Grenze stoßen, an ein Hindernis. Wir seufzen, wenn wir etwas gerne anders haben möchten und zugleich doch wissen, es ist jetzt so, es kann jetzt nicht sogleich verändert werden. Für den Moment muss ich damit leben. Ach ja.

Wir seufzen, wenn wir Menschen begegnen in ihrer Erkrankung, in ihren Grenzerfahrungen, in ihren Belastungen. Wir seufzen, weil wir wünschen, dass es ihnen besser gehen möge und wir doch zugleich wissen, dass eine Verbesserung so schnell nicht eintreten wird. Dass man erstmal damit leben muss. Ach ja.

Wir haben vielleicht geseufzt, als wir die Nachrichten vernahmen, dass die Corona-Pandemie noch längst nicht überwunden ist und wir jetzt offenbar nun noch mit einer vierten Welle klarkommen müssen.

Wir seufzen vielleicht, angesichts der Klimaveränderungen mit den verheerenden Folgen von extremen Wetter, von extremer Hitze, von Trockenheit und Waldbränden, von sintflutartigem Regen, der in den Tälern zu gewaltigen Fluten wird, die alles mitreißen. Werden wir da noch Wege finden zu einem Lebensstil, der stärker unserer natürlichen Umwelt angepasst ist, der die Erwärmung des Luftraums nicht weiter anheizt?

Wir seufzen angesichts des Schicksals der Menschen in Afghanistan. Und, angesichts dessen, dass die westlichen Streitkräfte einschließlich der Bundeswehr wohl einen Rückzugsplan für die militärischen Einheiten vorbereitet und durchgeführt haben, nicht aber für die Ortskräfte, deren Hilfe man jahrelang in Anspruch nahm. Warum?

Ach ja, offenbar lässt sich da doch so einiges finden, das uns Anlass zum Seufzen gibt. Jede und jeder von uns wird da so eine eigene Liste haben.

In unserer Geschichte von Jesus und dem Taubstummen geht es so weiter: In dem Moment, in dem Jesus seufzt schaut er auf hin zum Himmel. Es ist, als wenn sein Seufzen ein Gebet ist. Ein Gebet um Veränderung, ein Gebet um das Öffnen dessen, was da gerade verschlossen ist. Ein Gebet darum, dass Hören da wieder möglich wird, wo es gerade nicht geht. Ein Gebet darum, dass Sprechen da wieder möglich wird, wo jetzt noch der Mund verstummt oder nur Unverständliches Stammeln kann.

Es ist, als wollte uns die Geschichte sagen, wenn wir Anlass zum Seufzen haben, sollten wir unsere Seufzer zum Himmel richten. Dann wird aus unserem Seufzen ein Gebet. Ein Seufzer-Gebet. Der Apostel Paulus spricht davon, dass ein Gebet schon allein aus einem tiefen, langen Seufzer bestehen kann. Wenn so ein Seufzer-Gebet zum Himmel gerichtet wird, dann kann es geschehen, dass unsere Hoffnung gestärkt wird. Ja, im Moment müssen wir mit dem leben, was ist. Aber wir müssen unsere Hoffnung nicht aufgeben. Es kann geschehen, dass eine Wende zum Guten sich doch noch einstellt. Wir müssen nicht jetzt schon im Angesicht von Grenzen und Belastungen aufgeben. Da ist etwas, das uns hilft beim Tragen. Da gibt es etwas, das unsere Geduld zu stärken vermag.

Effata, so spricht Jesus in Aramäisch zu dem Taubstummen, Effata: Tue dich auf! Ja, es kann geschehen. Es kann sich etwas öffnen. Etwas, das so lange schon verschlossen ist, in uns und um uns herum, es kann sich doch öffnen. Es muss nicht verschlossen bleiben auf immer und ewig. Öffnungen sind möglich. --

Die Menschen zur der Zeit, als das Markus-Evangelium geschrieben wurde, hatten keine Schwierigkeiten damit, sich vorzustellen, dass es bei Jesus auch zu sofortigen Heilungen kommen konnte. Dass sich Ohren nach dem Gebet Jesu sogleich öffnen, dass die Zunge sich sogleich löst und das Sprechen ermöglicht.  - Das ist bei uns heute anders. In unserem modernen Weltbild haben Wunder kaum einen Platz. Wir sind da skeptischer geworden. Wir haben unsere Erfahrungen, wir haben unsere Einsichten. Wir wollen uns auch nicht einfach zu einem Wunderglauben überreden lassen, an dessen Ende dann doch die nüchterne Erkenntnis bleibt, dass wir aus den Bedingungen unseres Lebens nicht einfach so herausspringen können. So einfach lässt sich unser Leben nicht aus den Angeln heben. – Und was können wir dann mit den Wundergeschichten des Neuen Testaments anfangen?

Ich glaube, dass diese Geschichten uns in unserem Seufzen helfen können. Dass aus unserem Seufzen ein Seufzer-Gebet wird. Dass wir nicht nur nach unten starren, sondern uns trauen, den Kopf zu heben und nach oben zu schauen. Dass wir uns so aufrichten und lernen, den Mut nicht zu schnell aufzugeben. Dass wir die Hoffnung nicht zu schnell aufgeben. Dass wir dran bleiben, auch an dem, was uns begrenzt und belastet. Dass wir uns öffnen können dafür, dass sich doch noch neue Wege auftun können. Dass wir dafür offen bleiben: Wer weiß: Wir können doch noch Neues hören, wir können doch noch Anderes hören. Wer weiß: Wir können doch noch neue Worte finden, wir können doch noch aus dem Stammeln herauskommen. - Heilungsgeschichten halten uns offen für Veränderungen zum Guten, und wenn nicht jetzt, dann vielleicht morgen oder eines Tages. Ein Seufzer zum Himmel gerichtet kann dabei helfen.

Interessant ist ja, dass bei dem Taubstummen erst das Hören geheilt wird und dann das Sprechen. Eine interessante Reihenfolge: Erst das Hören und dann das Sprechen. - Wieviel Veränderungen zum Guten könnte es bei uns geben, wenn erst das Hören da wäre und dann erst das Sprechen. Das ist - glaube ich - eine gute Reihenfolge, die zu mancher Gesundung führen könnte: Erst Zuhören, dann Sprechen. Das könnte wahrhaft helfen in unseren Beziehungen, in der Partnerschaft, in den Familien, in den Gemeinden, ja auch in der Politik. Wenn es erst zum Hören kommt und dann zum Sprechen. Wenn erst versucht wird, zu verstehen, bevor man versucht, seine Meinung beizutragen.

Zum Schluss noch eine Bemerkung zu dem aramäischen Wort: Efata oder Hefata, das übersetzt heißt: Tue dich auf! Da dieses Wort im Markus-Evangelium in einer Geschichte erscheint, in der sich Menschen um einen Kranken kümmern und zu seiner Heilung beitragen, haben viele kirchliche und andere christliche Sozialwerke und Diakoniestationen das Wort „Hephata“ zu ihrem Leitwort und zu ihrem Programm gemacht. So auch hier in Bad Nauheim das Sozialwerk Hephata in der Lindenstraße. Es ist ein Seniorenheim. Und auch hier setzt man sich dafür ein, für den Lebensabend immer wieder danach zu suchen, welche neuen Wege sich auftun können, auch in dieser späten Phase des Lebens. Und so wirkt unsere Geschichte aus dem Markus-Evangelium weiter fort bis in unsere Gegenwart hinein und will uns offenhalten für Linderung, für Heilung für Gesundung.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn. Amen

+ Gesang “In dir ist Freude“ (EG 398)

+ Fürbitten
Guter Gott, Du bist ein Freund des Lebens und das Leben ist Deine Gabe. Du überlässt uns nicht den Mächten der Krankheit, der Verzweiflung und der Niedergeschlagenheit. Wir sollen uns am Leben freuen können. Von Dir berufen, deinem Willen zu folgen und das Leben in seinen Möglichkeiten zu bewahren, wollen wir unsere Wege gehen.

Wir bitten um Deine belebende Kraft, der Bedrohung des Lebens zu widerstehen. Segne unsere Anstrengungen, Leben zerstörenden Tendenzen zu wehren, unsere Umwelt achtsam zu behandeln, Ehrfurcht vor dem Leben zu wecken und zu einem Leben im Einklang mit der Natur zu ermutigen.

Tritt auf für die besondere Würde jedes menschlichen Lebens. Mach uns empfindsam für seine Unverfügbarkeit. Alles bedrohte Leben nimm in Deinen Schutz und lass es uns achten und selber schützen. Wir bitten Dich, hilf, dass die in Afghanistan Schutz suchenden Menschen schnell und unbeschädigt aus dem Land herauskommen und ein Asyl finden. Wehre allen Versuchen, Menschen zurückzusetzen oder auszugrenzen, weil ihr Leben durch Krankheit, Behinderung und nahenden Tod gezeichnet ist.

Öffne uns dafür, im Leben anderer deinen Segen zu erfahren. Du hast uns einander gegeben zur Bereicherung und Fülle. Mach uns bereit, Belastungen zu ertragen. Gib uns ein Gespür, was wir in der Gemeinschaft einander zumuten können. Hilf, uns auch in unvorhersehbaren Situationen einzulassen auf Dein Erbarmen.

Sei mit Deiner Gnade in all unserer Schwachheit mächtig. Du kannst Lasten in Segen wandeln. Du hast verheißen, dass denen, die Dich lieben, alle Dinge zum Besten dienen. Das ist unsere Hoffnung, dass Deine ganze Schöpfung befreit werden soll aus ihrer Vergänglichkeit hin zu der Freiheit, die Du bereiten kannst.

Begegne uns in der Gebrochenheit dieses Lebens schon jetzt mit den Zeichen Deines Heils. Stärke uns Mut und Kraft, mit unserem Verhalten diese Hoffnung zu bezeugen. Darum bitten wir im Vertrauen auf Jesus Christus, deinen Sohn, unsern Bruder und Herrn.

+ Vaterunser

+ Lied EG 432, 1 – 3: „Gott gab uns Atem“

+ Abkündigungen

+ Segen

+ Orgelnachspiel

Gottesdienst am 15.8.2021 mit Video von Pfarrerin Susanne Pieper

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar.

Musik

Begrüßung und Votum
Es ist kein lauter Gottessdienst, zu dem ich Sie und euch heute willkommen heiße. Es ist ein Gottesdienst zur Stille. Und ich begrüße alle herzlich dazu!

Welche Bedeutung hat die Stille für uns Menschen? Was hat sie mit dem Glauben zu tun? Und welche Kräfte können aus der Stille erwachsen?

Mit dem Gottesdienst heute wollen wir versuchen, Antworten darauf zu finden. Ich freue mich, dass es heute Mehrere sind, die den Gottesdienst gemeinsam im Team gestalten.

Wir hören auf ein Wort aus den Klageliedern Jeremias, aus dem 3. Kapitel, die Verse 22 und 23: „Gottes Barmherzigkeit hat noch kein Ende. Sie ist an jedem Morgen neu. Wie ist seine Treue so groß!“

So feiern wir den Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes! Amen.

Psalm 65,1-6
Für dich ist die Stille Lobgesang, du Gott, der auf dem Berg Zion wohnt. Du bist es, der Gebete erhört, darum kommen die Menschen zu dir.

Schuld und Vergehen drücken uns hart, doch du mögest sie uns vergeben.

Glücklich sind, die du erwählst und die du dir nahe kommen lässt. Sie dürfen in den Vorhöfen des Tempels zu Hause sein.

Wir sehnen uns nach dem reichen Trost, den du in deinem Haus für uns bereithältst. Gott, auf deine Gerechtigkeit ist Verlass. Dir vertrauen die Enden der Erde. Amen.

Lied: Was für ein Vertrauen

Gebet
Du, unser Gott,
Stille ist ein Geschenk für den Menschen, der sucht und lauscht.
Wir danken dir für den Sonntag,
für die Ruhe des Feiertages,
für die Zeit der Erholung und der Besinnung.
Zeige uns, wie wir das kostbare Geschenk der Stille annehmen können.
Hilf uns, auf die leisen Töne zu hören.
Das bitten wir im Namen deines Sohnes Jesus Christus.
Amen.

Glaubensbekenntnis

Votum G. Eilermann: Die Stille lieben; Stille ist relativ

Musik

Votum Friedhelm Pieper: Die Stille erfahren; Stille kann absolut sein

Musik
Ansprache I, Susanne Pieper:
Ganz besondere Erlebnisse.  Eine ganz besondere Zeit: weit weg. Am Meer, in der Wüste. Wo Stille so ganz besonders intensiv zu erfahren war…Orte der Stille aber können wir auch in der Nähe finden! So wie diesen Kirchenraum: hier wird dir und mir Stille angeboten! Menschen kommen hierher.  Gerade auch dann, wenn die Kirche leer ist. Sie sehnen sich danach, einfach einmal nicht reden zu müssen. Sie möchten einfach Ruhe finden.  Ganz in der Nähe einen Raum der Stille finden.  Davon spricht auch ein berühmter Dichter:  

Zitat (Andrea Vaupel): Reiner Kunze:

„Einladung zu einer Tasse Jasmintee

Treten Sie ein, legen Sie Ihre
Traurigkeit ab, hier
dürfen Sie schweigen“
(Reiner Kunze, Sensible Wege und frühe Gedichte, 1969, S.  105)

Ansprache II, Susanne Pieper: Schweigen kann tröstlich sein, wenn einfach ein Raum da ist, wo ich dasein kann. Schweigen kann entlastend sein, wenn jemand eine Zeit hinter sich hat, in der er sehr viel reden musste.  Dann ist das Schweigen dürfen wohltuend und entspannend. Manchmal, wenn man zu viel allein ist, können aber Schweigen und Stille auch zu viel werden. Dann ist es wichtig, wieder nach außen zu gehen, Kontakte zu suchen. Eine neue Balance zu finden zwischen dem Alleinsein und der Gemeinschaft.

Das Schweigen aber kann uns auch für das Leise öffnen! Wir können anfangen, tiefer zu hören. Im Alten Testament, im 1. Buch der Könige, Kap. 19 wird erzählt, wie Gott sich gerade im Leisen finden lässt: der Profet Elia hatte sich in einer Höhle versteckt,  aus Furcht vor der Königin Isebel,  die ihn verfolgte.

Da sprach Gott zu Elia: „Geh aus deiner Höhle heraus und steige auf den Berg. Denn ich werde dort an dir vorübergehen!“ und ein großer, starker Sturm kam, der die Felsen zerbersten ließ. Aber Gott war nicht in dem Sturm. Danach kam ein Erdbeben. Aber Gott war nicht in dem Erdbeben. Nach dem Beben kam ein Feuer. Doch Gott war nicht in dem Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen. Martin Buber übersetzt: „Nach dem Feuer eine Stimme verschwebenden Schweigens“.

Und aus dieser sanften Stille spricht Gott mit Elia. Gott lässt sich gerade im Leisen finden.

Das können wir auch an Jesus Christus erkennen.  Auch er suchte die nächtliche Stille, die Einsamkeit, und kam dort mit seinem himmlischen Vater ins Gespräch. Markus berichtet davon.

Mk 1,35: „Und am Morgen, noch bevor der Tag begann, stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort.“

Das Beten in der Stille ist eine Quelle der Kraft.

Lied: EG 323, 1.3 Man lobt dich in der Stille

Zitat (Andrea Vaupel): Erling Kagge ist ein norwegischer Verleger, Jurist und Abenteurer. Er schreibt in seinem Buch „Stille – Ein Wegweiser“ diese Gedanken:

„Aber die Stille kann auch ein Freund sein. Eine bereichernde Kraft. Die Stille, die im Gras wohnt. An der Unterseite jedes Halms. Und in dem blauen Zwischenraum zwischen den Steinen. Die Stille, die sich wie ein Vogeljunges zwischen deine Hände legt. Allein auf dem Meer hörst du das Wasser, im Wald einen dahinrieselnden Bach oder Zweige, die sich im Wind bewegen, in den Bergen kleine Bewegungen zwischen den Steinen und Moosen. Dann ist die Stille beruhigend. Ich suche danach in mir.  Von Minute zu Minute. Es kann draußen in der Natur sein, aber es kann ebenso gut auf dem Weg ins Büro geschehen; ich halte unmittelbar vor einem Termin einen Moment inne oder steige aus einem Gespräch einfach aus. Die Welt auszusperren heißt nicht, seiner Umgebung den Rücken zuzukehren, sondern im Gegenteil:  es heißt, die Welt ein wenig deutlicher zu sehen, eine Richtung beizubehalten und zu versuchen, das Leben zu lieben.

Die Stille ist eine Bereicherung an sich.  Es ist etwas Exklusives und Luxuriöses. Ein Schlüssel, mit dem sich neue Arten des Denkens erschließen. Eine praktische Ressource für ein reicheres Leben.“

Susanne Pieper: Aus dem Reichtum der Stille, aus dem Schweigen heraus beten wir. Wir bringen unseren Dank, wir bringen unsere Bitten zu Gott.

Fürbitten
Es ist gut, vor dir zur Ruhe zu kommen, barmherziger Gott. Dein Friede will in uns einziehen. Du erquickst unsere Seele. Du bist die Quelle der Kraft, mit der wir unsere Herausforderungen bestehen können.
Dafür loben wir dich!
Lass uns deinen Frieden weitertragen. Liebe üben, wo Gleichgültigkeit herrscht. Verzeihen, wo Menschen sich beleidigen. Brücken bauen, wo Gräben sind.  Hoffnungslichter anzünden, wo Menschen zu verzweifeln drohen. Trost schenken, wo Menschen danach rufen.
Lass deinen Frieden groß werden in uns, damit er sich ausbreitet – hin zu deinem Reich.

Vaterunser

Abkündigungen

Lied: Leg deine Hand in meine Hand

Segen

Musik

Gottesdienst am 8.8.2021 mit Video von Pfarrerin Meike Naumann

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar.

Musik zum Eingang

Begrüßung
Höre, Israel, der Herr ist unser Gott“: So beginnt das Schema Israel, das Grundbekenntnis des Volkes Israel. Am 10. Sonntag nach Trinitatis, dem Israelsonntag, geht es um das Verhältnis und die bleibende Verbindung zwischen Christentum und Judentum. Wir begehen diesen Sonntag als

Tag der Besinnung auf die Verbundenheit zwischen der Kirche und Israel. Denn vieles von dem, was Jesus gelehrt hat, ist nur aus dem Judentum zu verstehen: So die Frage nach dem höchsten Gebot oder die Bedeutung des Gesetzes. Das Volk Israel spielt eine herausragende Rolle in der Geschichte Gottes mit den Menschen. Und auch wenn wir nicht wissen, was Gottes Plan mit den beiden Religionen ist, so bleibt Israel doch Gottes auserwähltes Volk.

Und so feiern wir unseren Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und heiligen Geistes. Amen.

Psalm 111: EG 744

Kyrie
Ewiger Gott, Richter der Welt,
wir hören die Klage deines Volkes
und müssen erkennen,
wir Christ*innen dazu Anlass boten,
sie aufs Neue anzustimmen.
Nicht nur einmal mussten jüdische Menschen
Die Zerstörung ihrer Gotteshäuser beweinen.
Nicht nur einmal hat sie die Angst
Vor der Gewalttätigkeit der Feinde
Aus ihrer Heimat vertrieben.
Nicht nur einmal wurden viele von ihnen ermordet
Und ganz Israel von Vernichtung bedroht.

Du, Heiliger Israels,
vergiss das Leiden deines Volkes nicht.
Du hast seine Tränen bei dir gesammelt
Und wirst über seine Peiniger richten.
Vor dir bekennen wir die Schuld unserer Kirche,
die oft Hass gegen Jud*innen gesät hat im Namen Christi.

Wir bitten dich, gerechter Gott:
Vergib uns um deiner Barmherzigkeit willen
Und stell uns deinem Volk
In fester Verbundenheit zur Seite.   Kyrie eleison!

Gloria
Wir können uns den Aufgaben und der Verantwortung dieser Zeit stellen, wir können für Gerechtigkeit und Frieden eintreten, denn Gott ist bei uns. So wie er es schon Jesaja versprochen hat:
Fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir.
Weiche nicht zurück, denn ich bin dein Gott.
Ich stärke dich und ich helfe dir,
ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit. Jes 41,10
Gott schenkt uns immer

Kollektengebet
Guter Gott,
wir danken dir dafür,
dass wir hier zusammen sein können,
dass du uns zusammenführst,
um miteinander dein Wort zu hören.
Wo wir verzagt sind, richte uns auf!
Wo wir zufrieden sind, mach uns dankbar!
Lass deine Liebe unser Herz erfüllen und die Welt!
Amen.

Schriftlesung
Exodus 19,1-6
191Genau drei Monate nach dem Auszug aus Ägyptenkamen die Israeliten in die Wüste Sinai.2Sie waren von Refidim aufgebrochen und erreichten nun die Wüste Sinai. In der Wüste schlugen sie ihr Lager auf. Dort lagerte sich Israel am Fuß des Berges,3Mose aber stieg zu Gott hinauf. Da rief ihm der Herr vom Berg aus zu: »Sag es dem Haus Jakob! Verkünde es den Israeliten:4Ihr habt gesehen, was ich den Ägyptern angetan habe. Euch aber habe ich wie ein Adler auf Flügeln getragen und hierher zu mir gebracht.5Hört jetzt auf meine Stimme und haltet meinen Bund! Dann sollt ihr mein Eigentum sein unter allen Völkern. Denn mir gehört die ganze Erde.6Ihr aber sollt für mich ein Volk von Priestern sein, ein heiliges Volk. Diese Worte sollst du den Israeliten sagen.

Glaubensbekenntnis

Lied:  EG 316,1.3.5

Predigt

Liebe Gemeinde,
„Euch aber habe ich wie ein Adler auf Flügeln getragen“ – dieses Bild, dass Gott sich seinem Volk zuwendet wie ein Adler findet sich an mehreren Stellen in der Bibel. Adler nehmen ihre Jungen unter ihre Fittiche, um sie wärmen und zu schützen. Wenn die kleinen Adler fliegen lernen, fliegen die Alten neben den Jungtieren her, um sie auf ihren Flügel zum Horst zurückzubringen, falls dem Jungtier die Kraft ausgeht.

An dieser Stelle der Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel bildet das Bild des Adlers die Botschaft des Textes ziemlich gut ab. Wie ein Adler die ersten Flugversuche seines Jungtieres begleitet, hat Gott sein Volk auf dem Weg aus der Sklaverei in Ägypten bis zum Berg Sinai begleitet. Ein langer Weg liegt hinter ihnen. Ein Weg auf dem ihnen Leid, Verfolgung, Sehnsucht und auch Verblendung begegnet sind. Es war nicht leicht auf diesem Weg den Überblick zu behalten und das Ziel nicht aus dem Blick zu verlieren.

Da ist es gut, dass die Menschen auf ihrer Flucht daran erinnert werden, dass ihr Weg – trotz all der Gefahren und Widerstände – behütet wird und dass dieser Weg ein Ziel hat: Die Offenbarung Gottes am Sinai und den Bund Gottes mit Israel. Wenn die Israelit*innen es auch noch nicht wussten, wie Gott sie nach der Flucht aus Ägypten begleiten wird und welches eigentlich ihr Ziel sein wird – sie erlebten mit einem Mal eine so große Freiheit, dass es möglich schien alle Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Die Hoffnung war riesengroß. Mose war der Hoffnungsträger dieser göttlichen Botschaft und ihm folgte man durch das Schilfmeer in die Wüste.

Doch der Alltag beendet den Höhenflug dieser Hoffnung und Begeisterung. Hunger, Durst und viele andere Gefahren auf dem Weg durch die Wüste verstellen den Blick nach vorn. Die Erinnerungen an die Leiden der Unterdrückung verblassen und auf einmal war in Ägypten doch nicht alles schlecht.

Das Hochgefühl des Aufbruchs ist erloschen. Die Freiheit scheint nicht mehr so wichtig und das Ziel ist sowieso in unerreichbare Ferne gerückt. Der Weg durch die Wüste ist mühsam und es wird nach Schuldigen gesucht für diese Enttäuschung. Immer öfter kommt die Frage auf, ob dieser unsichtbare Gott, dem man da folgt, wirklich der richtige Gott ist.
Erschöpft kommt das Volk Israel am Sinai an. Kann es hier zur Ruhe kommen? Kann es wieder wahrnehmen, dass es auch in den schweren Zeiten der Wüstenwanderung sehr wohl begleitet und bewahrt war? Hat Gott nicht Manna geschenkt und Mose Wasser aus dem Felsen geschlagen?

Gott hat sein Volk wie „auf Adelers Fittichen sicher geführet“.
An diesem Ort wird es möglich, zu erkennen wie Gott trotz aller Bedrängung und Not sein Volk geführt hat. Und tatsächlich stellt sich am Vorabend großer Ereignisse neue Hoffnung ein. Mose wird auf den Berg gehen, Gott wird ihm dort in Wind und Wetter erscheinen. Mose wird die Tafeln des Bundes erhalten – und sie erst einmal wieder zerschmettern angesichts des Goldenen Kalbes. Israel steht hier an einem Wendepunkt seiner Geschichtemit Gott. Ohne Pomp wird Israel zum Bundesvolk Gottes erwählt.

An dieser Stelle treffen wir Christ*innen auf das Volk am Fuß des Berges Sinai. Denn auch wir nehmen für uns in Anspruch, dass auch wir Gottesbundesvolk seien. Leider haben wir Christ*innen nie der Versuchung widerstehen können, den Erwählungsglauben des Volkes Israel gegen das Volk selbst zu wenden, dem jüdischen Volk vorzuwerfen, es halte sich für etwas Besseres, sei überheblich – ohne zu merken, dass wir das gleiche dann auch über uns selbst sagen müssten.

Denn gerne halten auch wir Christ*innen uns für etwas Besseres. Nämlich dann, wenn wir uns als neues Bundesvolk betrachten, das alte aber für überholt erklären. Wenn wir einerseits die Zehn Gebote für uns reklamieren, aber zugleich der jüdischen Religion Gesetzlichkeit vorwerfen.

Wir müssen uns also fragen, wo wir uns mit unserer Glaubensgewissheit, Volk Gottes zu sein, eigentlich befinden: Stehen wir auch am Fuß des Berges Sinai und hören den Ruf, Gottes Volk zu sein? Oder sind wir der Meinung, dass für uns der Berg der Verklärung, wo sich die Wolke über Jesus legte, reicht. Sind wir damit der Meinung, dass wir mit dem Volk Israel nichts zu tun haben? Und vergessen dabei, dass die entscheidenden alttestamentlichen Gestalten Mose und Elia auch auf diesem Berg den Jüngern erschienen sind. Reihen wir uns ein, neben dem Volk Israel, den gemeinsamen Bund zu verehren? Oder verdrängen wir das Volk Israel von seinem Platz und bekämpfen es gar?
Wie geht unser Weg als Volk des Bundes weiter?

Das Volk Israel hat lernen müssen, dass Gottes Bundesvolk zu sein, auch heißt, für Gott einzustehen, das Ideal der Schöpfung Gottes dazustellen und Gottes Regeln vorbildhaft zu befolgen. Damit macht man sich in der Welt keine Freunde. Es ist eine harte Aufgabe.
So hat Gott vom Sinai her das Volk Israel wieder auf einen langen Weg ins gelobte Land geschickt. Wieder beginnt die entbehrungsreiche Wanderung durch die Wüste, wieder holen die Mühen der Ebene das Volk ein, wieder drohen Hoffnungen zu zerbrechen an der harten Wirklichkeit.

Einen wesentlichen Grund für die Mühen der Ebene haben allerdings wir Christ*innen gelegt. Denn immer wieder haben Christ*innen ihren Anspruch Gottes Volk zu sein, damit belegen wollen, dass sie das Volk Israel gedemütigt und verleumdet haben. Die christliche Überheblichkeit wurde zu einer echten Gefahr für jüdische Mitbürger*innen. Ein aufgehetzter Mob konnte dann schon mal am Karfreitag jüdische Menschen verfolgen mit der Begründung, sie seien schuld am Tod Jesu.

Wenn wir wirklich für uns in Anspruch nehmen wollen, als Christ*innen auch erwähltes Volk zu sein wie das Volk Israel, dann müssen wir den Weg weiter mitgehen vom Berg Sinai oder auch vom Berg der Verheißung. Dann müssen wir uns in die Mühen der Ebene begeben. Das heißt, wir müssen christlichen Judenhass überwinden, aus der Geschichte lernen und heute sehr aktuell gegen jede Art von Antisemitismus und Rassismus Stellung beziehen.
Volk Gottes zu sein, heißt sich in die Pflicht nehmen zu lassen für den Willen Gottes in seiner Schöpfung, in dieser Welt, in unserer Gesellschaft, in unserer Stadt.
Gott begleitet uns dabei und schenkt uns immer wieder die Möglichkeit umzukehren und neu anzufangen.

Lied + 89 Du bist da

Fürbitten
Ewiger Gott,
Du bist Vater und Mutter aller Menschen.
Uns alle hast Du nach Deinem Bilde geschaffen.
Deine Liebe und Deine Barmherzigkeit gilt uns allen.
Dafür danken wir Dir.

Wir bitten Dich heute insbesondere für jüdische Menschen in der Nähe und in der Ferne.
Sei an ihrer Seite und stärke sie, wo immer sie Diskriminierung und Gewalt erfahren.
Auch für die jüdischen Gemeinden und Verbände in unserer Nachbarschaft
bitten wir Dich um Schutz und Bewahrung.

Wir bitten Dich auch für die Geschwister im Glauben aus den anderen Religionen
und für die Menschen anderer Weltanschauungen,
die gemeinsam mit uns nach Frieden und Gerechtigkeit streben.
Behüte sie und lass sie nicht müde werden auf ihrem Weg.

Und wir denken an die Menschen in unserer Kirche, in unserer Stadt und unserem Land,denen es nicht gut geht,
die Deiner und unserer Zuwendung besonders bedürfen.
Lass sie nicht allein, gibt ihnen Kraft und Mut, ihren Weg zu gehen.

Ewiger Gott,
wir bitten dich für __, die am letzten Samstag getauft wurden. Schenke ihnen Augen, die sehen und Ohren, die hören auf das, was in der Welt um sie herum passiert. Und schenke ihnen ein offenes Herz ihre Mitmenschen zu verstehen und selbst verstanden zu werden. Begleite du sie mit deinem Segen.

Ewiger Gott,
wir bitten dich für die Menschen von denen wir in der letzten Woche Abschied nehmen mussten. Wir bitten für _ und zünden eine Kerze für sie an. Nimm du sie auf in deine Ewigkeit und schicke den Angehörigen dein Osterlicht, dass ihnen den Weg aus der Dunkelheit der Trauer heraus zeige.

Ewiger Gott, Quelle der Barmherzigkeit,
sei auch mit uns, auf dass wir zum Zeichen Deiner Barmherzigkeit,
Deiner Gerechtigkeit und Deines Friedens werden.
Amen.

Vaterunser

Abkündigungen

Lied: EG 613 Freunde, dass der Mandelzweig

Segen

Musik zum Ausgang

Gottesdienst am 1.8.2021 mit Video von Pfarrer Rainer Böhm

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar.

Vom Hausbau
Wer auf Gott vertraut hat auf Fels gebaut

Eingangsmusik
Begrüßung

Das Haus auf unserem GD Blatt sieht aus, als sei es in die Hand Gottes gebaut. Auf jeden Fall ist es auf Fels gebaut, wie es Jesus sich wünscht. ER sagt: Vertraut auf Gott, und ihr werdet leben. Wer sein Leben in Gottes Hand baut, der vertraut auf ihn, der kann nicht tiefer fallen als in Gottes Hand.
Es geht heute um Vertrauen, um den Hausbau, um das Fundament. Dieses Haus auf der Titelseite steht übrigens auf einer kleinen Insel vor Island, auf Heimaey.
Herzlich willkommen zu unseren Gottesdienst. Wir freuen uns, dass er von Mitgliedern der Kantorei unter der Leitung von Kantor Frank Scheffler musikalisch gestaltet wird. Und wir wollen Abendmahl feiern, unter Coronabedingungen, versteht sich.

Votum

Psalm  63
Ich will Gott loben mein Leben lang
G:    Gott, du bist mein Gott, den ich suche.
Es dürstet meine Seele nach dir,
P:    mein ganzer Mensch verlangt nach dir
aus trockenem, dürrem Land, wo kein Wasser ist.
G:    So schaue ich aus nach dir in deinem Heiligtum,
wollte gerne sehen deine Macht und Herrlichkeit.
P:    Denn deine Güte ist besser als Leben;
meine Lippen preisen dich.
G:    So will ich dich loben mein Leben lang
und meine Hände in deinem Namen aufheben.
P:    Das ist meines Herzens Freude und Wonne,
wenn ich dich mit fröhlichem Munde loben kann;
G:    wenn ich mich zu Bette lege, so denke ich an dich,
wenn ich wach liege, sinne ich über dich nach.
P:    Denn du bist mein Helfer,
und unter dem Schatten deiner Flügel frohlocke ich.
G:    Meine Seele hängt an dir;
deine rechte Hand hält mich.

Gebet
Guter Gott,
dein Wort ist unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unseren Wegen.
Darauf vertrauen und hoffen wir.
Wir bitten dich um einen festen Stand in den Stürmen unseres Lebens.
Um offene Ohren und Herzen, und deinLicht, das unseren Weg erhellt.
Durch JX, deinen Sohn. Amen

Lesung
Vom Hausbau
24 Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. 25 Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet. 26 Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf Sand baute. 27 Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, da fiel es ein und sein Fall war groß.

Musik:         EG 589     Komm bau ein Haus

Predigt

Die Gnade unseres Herrn JX, die Lebe Gottes und die Gemeinschaft des HG Sei mit uns allen. Amen

Liebe Gemeinde,
Selten hat mich ein Bibelwort so unmittelbar berührt. Ich sehe noch die zusammenbrechenden, umgestoßenen Häuser in der Eifel, Menschen, die mit Hubschraubern von den Dächern gerettet werden. Ich sammle in meinem Pfarrhaus noch das letzte Erinnerungsstück. Und sie haben dort alles verloren, einschließlich ihrer beruflichen Existenz. Da kam ein Regen, eine Flut, und sie hatten zwar nicht auf Sand gebaut, aber vielleicht zu dicht an den Bach oder den Fluss. Jedenfalls nicht auf schützenden Fels. Und alles war in den Fluten verloren und viele sind gestorben.

Die Bibel erzählt schon an ihrem Anfang von einer schrecklichen Flut: die Sintflut löscht alles Leben aus auf der Erde, nur Noah und seine Familie werden in der Arche mit vielen Tieren gerettet. Gewiss ist dies kein historischer Bericht, aber Reflex auf die vielfältigen Fluterfahrungen der Menschen im Nahen Osten. Und zugleich eine mahnende Stimme, die auf die Verantwortung der Menschen verweist; aber auch nicht leugnet, dass wir in der Verantwortung stehen, was die Klimaerwärmung, was große Dürren, aber auch heftigen Regen angeht.

Das Gleichnis vom Hausbau ist der Abschluss der Bergpredigt. In ihr ruft uns Jesus mit radikalen und rigorosen Forderungen zu seiner Nachfolge auf: Wir Menschen scheitern notwendig daran, weil wir eben nur Menschen sind. Keiner der Schüler, die ich in meinem Pfarrerleben unterrichtet habe, wäre tatsächlich bereit gewesen, auch noch die andere Backe anzubieten.

Die Forderungen Jesu sind unerfüllbar. Sie sollen gar keine ethische Anweisung sein, sondern deutlich machen, dass der Mensch den Willen Gottes allein von sich aus nicht erfüllen kann. Wenn der Mensch diese Situation erkennt, dass er unzulänglich und Sünder ist – letztlich unfähig zum absoluten Guten, dann ist er allein auf Gottes Gnade, Barmherzigkeit und Vergebung angewiesen.

Die Forderungen der Bergpredigt machen deutlich, dass es Jesus nicht um neue Gesetze und konkrete Anweisungen geht, sondern um eine Grundhaltung, eine Gesinnungsethik, also eine innere Haltung und Herzenseinstellung. Deshalb treibt er die jüdischen Gesetze in seiner Rede auf die Spitze: Keine Scheidung! Nicht schwören! Niemals vergelten!

Bei der Bergpredigt handelt es sich um überprägnante Normen, die bewusst das tatsächlich Erreichbare um Vieles überragen. Solches ist notwendig, weil das Ziel immer weiter gesteckt sein muss als das, was man wirklich erreichen kann.  Eine der Anweisungen aus der Bergpredigt begleitet mich seit dem 1. Oder 2. Semester im Studium: „Wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr da schon Besonderes?“ Es weist mich darauf hin, dass es nicht nur um den Nächsten geht, sondern auch um den Übernächsten und sein Lebenswohl.
Deshalb hat mich immer gefreut, dass wir in unserer Gemeinde Partner in Frankreich, Ostdeutschland und Indien haben; dass es Hausaufgabenhilfe für geflüchtete Kinder gab; dass es hier einen Friedenskreis und ein Friedensgebet gibt und dass wir den Eine-Welt-Laden unterstützen oder in der Corona-Notlage dort eine große Spende nach Indien überwiesen haben, auch wenn wir selbst nicht aus dem Vollen schöpfen können.

„Wer sein Haus auf Fels baute“: Das hat Bischof Tebartz van Elst auf dem Domberg in Limburg getan. Vor einigen Wochen hatte ich die Gelegenheit, dieses markante Haus zu besichtigen. Es ist in seinem Kellergeschoss tatsächlich auf gewachsenen Fels gebaut, er ragt in den großen Konferenzraum, in dem sich nun ein anderer Bischof, der privat in Limburg eine Sozialwohnung bezogen hat, mit Mitgliedern der deutschen Bischofskonferenz trifft. Das umstrittene Haus nutzt er als Dienstsitz.

Seine hohen Kosten wurden nicht durch eine goldene Badewanne verursacht. Die gibts im Baumarkt, sie steht halt frei im Raum. Na und?  Teurer wurde alles durch viel mehr Abraum, durch das Freilegen der Felsen und bei der Sanierung eines angrenzenden Gebäudes. So hatte der frühere Bischof also auf Fels bauen lassen, aber die Zeichen der Zeit und den Zusammenhang von Reden und Handeln nicht beachtet. Wenn Worte im Widerspruch zum eigenen Handeln stehen, wittert die Öffentlichkeit Scheinheiligkeit und Heuchelei. Das war weniger das Problem des Bischofs damals, als dasjenige seiner Administration und Öffentlichkeitsarbeit.

Ich habe mich neulich ziemlich ausgiebig mit Häusern beschäftigt: Wir haben das Haus, das unsere Eltern in Schleswig-Holstein vor 20 Jahren für ihr Alter erworben hatten, wiederverkauft. Dan hatten wir selbst überlegt, hier in der Wetterau ein Haus zu bauen oder zu kaufen und ich habe Worte wie Grunderwerbssteuer oder Baunebenkosten gelernt.
Wenn Jesus am Ende der Bergpredigt das Bild vom Hausbau benutzt, dann greift er dabei wie in seinen Gleichnissen auf die Lebenswelt seiner Zuhörer zurück. Das kennen alle. Es geht nicht um die Gestaltung des Außengeländes oder die Aufteilung der Zimmer, schon gar nicht um Farben oder heiztechnische Lösungen. Es geht um die Gründung des Hauses, das Fundament, seine Verbindung zur Umgebung, um Stein oder Sand.

Paulus nimmt im Brief an die Korinther das Bild vom Fundament auf und spricht von Jesus als dem Grund, der gelegt ist, und der durch nichts und niemanden ersetzt werden kann (1. Kor 3, 11). Vielleicht entfaltet sich die Kraft dieses Bildes ja gerade in Situationen, in denen ich vor den Trümmern meines eigenen Handelns stehe. Im Großen und auch im Kleinen. Dann, wenn ich erkenne, dass ich mehr Sorgfalt hätte walten lassen müssen, hinter dem zurückgeblieben bin, was gut gewesen wäre.

Neben allem gelingenden im Leben gibt es eben auch das: Häuser stürzen ein, Projekte und Lebenspläne misslingen. Manches hätte anders gebaut, geplant, bedacht, getan, gesagt werden sollen. Derjenige, der uns zu soliden Fundamentarbeiten aufruft, ist zugleich der stabile Grund unseres Lebens. Was auch kommen mag, was gelingen und was scheitern mag: Der Grund ist gelegt. ER bleibt fest. Auf ihn können wir uns verlassen. ER bleibt – für mich und das Haus meines Lebens. Seine Zusage steht, wie Worte, in Stein gemeißelt, die jeden Sturm und jedes Unwetter des Lebens überstehen.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in JX.  Amen

Lied:        EG + 54    Vater, unser Vater

Fürbittgebet:

Guter Gott,
du schenkst uns das tragfähige Fundament für unser Lebenshaus, das allen Unwettern standhalten kann.
Um diese Zuversicht und Gewissheit bitten wir dich:
Für Menschen, denen der Boden unter den Füßen zu verschwinden droht, weil sie Verluste erleben.
Für menschen, die ihr Leben in den Sand gesetzt zu haben glauben: Dass sie neu beginnen können und ein tragfähiges Fundament für ihr Lebenshaus entdecken.
Für Menschen, deren Leben durch Unwetter du Stürme in Gefahr ist: dass sie durch die Verbindung und das Vertrauen zu dir getragen und gehalten werden.
Wir danken dir, lebendiger Gott, für alle Bewahrung und Leitung auf unseren Wegen. Wir danken dir für alles Glück und alle Freude, die wir in unserem Lebenshaus täglich erleben dürfen.
Dein Wort ist wie ein Licht – lass es uns hören, verstehen und bedenken – heute und alle Tage – so, wie du alle Tage bei uns bist und wir das in deinem Mahl erleben und spüren dürfen.

Vater Unser
Friedensgruß
Einsetzungsworte

Brot
Wein/Traube

Schlussgebet
Du hast uns eingeladen, mit allem zu dir zu kommen. Du stärkst uns mit deinem Wort und mit dem Mahl deines Sohnes, das uns sagt: du willst uns nahe sein. Lass uns in der kommenden Zeit deine Nähe spüren und die in unserem Alltag vertrauen. Hilf uns, anderen eine Stütze zu sein, wenn sie uns brauchen und denen zu vertrauen, die wir brauchen – durch JX, deinen Sohn

Schlusslied:     EG 295     Wohl denen die da wandeln
Segen

Musik zum Ausgang

Gottesdienst am 25.7.2021 mit Video von Pfarrer Rainer Böhm

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar.

Lust und Laster -
Wissen allein genügt nicht – es braucht auch Selbsterkenntnis

Eingangsmusik:
aus dem Oratorium `Elias´ von Felix Mendelssohn das Duett `Herr höre unser Gebet´.

Begrüßung
„Wandelt als Kinder des Lichts; die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.“ (Eph 5).
Mir fallen bei dem Wort vom Licht die unglaublich klaren, plastischen Farben an frischen Apriltagen ein; das Licht des Südens, die alten Licht und Luftbäder der  Arbeiterbewegung oder die Höhensonne von früher.
Was dieses Wort vom Licht aus der Sicht des Evangeliums bedeuten kann, das wird uns der Apostel Paulus erläutern. ER wünscht sich ein Christsein mit Leib und Seele.

Votum

Psalm 121    EG  749
Der Herr behütet dich
G:    Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen.
Woher kommt mir Hilfe?
P:    Meine Hilfe kommt vom Herrn,
der Himmel und Erde gemacht hat.
G:    Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen,
und der dich behütet, schläft nicht.
Siehe, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht.
P:    Der Herr behütet dich;
der Herr ist dein Schatten über deiner rechten Hand,
G:    dass dich des Tages die Sonne nicht steche
noch der Mond des Nachts.
P:    Der Herr behüte dich vor allem Übel,
er behüte deine Seele.
G:    Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang
von nun an bis in Ewigkeit!
 
Gebet
Guter Gott, wir sitzen oder stehen hier in unserer schönen Kirche. Wir sehen die Menschen vor uns, neben uns, wir hören Worte, Lieder, Musik. Wir atmen langsam oder etwas schneller, je nach unserer momentanen Befindlichkeit. Wir spüren unsere gefalteten Hände, wir spüren unseren ganzen Körper, vielleicht ist er locker, vielleicht ist er noch etwas angespannt von dem, was uns beschäftigt.
Wir hoffen, nach diesem Gottesdienst fühlen wir uns wohl in unserer Haut, können frei atmen, den Blick erheben, aufrecht gehen. Wir bitten dich: Mache uns mit deinem befreienden Wort zu lebendigen Gliedern an deinem Leib.
Das bitten wir dich durch Jesus Chrístus, deinen Sohn.

Lesung
1. Kor. 6, 9-14 (15-18) 19-20 |
 9 Oder wisst ihr nicht, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden? Täuscht euch nicht! Weder Unzüchtige noch Götzendiener noch Ehebrecher noch Lustknaben noch Knabenschänder 10 noch Diebe noch Habgierige noch Trunkenbolde noch Lästerer noch Räuber werden das Reich Gottes ererben. 11 Und solche sind einige von euch gewesen. Aber ihr seid reingewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes.
12 Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich. 13 Die Speise dem Bauch und der Bauch der Speise; aber Gott wird das eine wie das andere zunichtemachen. Der Leib aber nicht der Hurerei, sondern dem Herrn, und der Herr dem Leibe. 14 Gott aber hat den Herrn auferweckt und wird auch uns auferwecken durch seine Kraft. 17 Wer aber dem Herrn anhängt, der ist ein Geist mit ihm.
19 Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört? 20 Denn ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leibe.

Musik:         441    Du höchstes Licht, du ewger Schein

Predigt
Die Liebe unseres Herrn JX, die Gnade Gottes und die Gemeinschaft des HG sei mit uns allen. Amen

Liebe Gemeinde,
Als die Ehefrau vom Gottesdienst nach Hause kommt, fragt ihr Mann beiläufig: „Na, worüber hat der Pfarrer den heute gepredigt?“ Sie antwortet: “Über Laster und Sünden.“ Seine Rückfrage: “Und was hat er dazu gesagt?“ beantwortet sie lakonisch: “Er ist dagegen.“
Das entspricht der gängigen Erwartung, wenn es um Themen wie Sünde und Sexualmoral geht. Früher war man dann wohl schnell versucht, die Menschen, die im Hochsommer am Sonntagmorgen in die Kirche kamen, im wahrsten Sinne des Wortes abzukanzeln. Aber würde sich dadurch etwas ändern? Und wem wäre damit gedient, wenn ich jetzt die Verrohung der Sitten anprangere und Ihnen mit erhobenem Zeigefinger die Leviten lese?

Dann spricht da ein Moralapostel. Wie in unserem Text Paulus: Drei Mal schleudert Paulus ein „Wisst Ihr nicht … !“ den vermeintlichen „Übeltätern entgegen. Frei übersetzt: „Wie blöde seid ihr eigentlich?!“

Aber natürlich wissen sie es. Gerade so, wie jeder normale Mensch weiß, dass er seinem Körper nichts Gutes tut, wenn er raucht, Alkohol trinkt, Fettes isst. Gerade so wie jeder Mensch weiß, dass es nicht gerade eine Heldentat ist, ins Bordell zu gehen.

Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich. Das ist ja wunderbar. Schön wäre jetzt nur noch, wenn Paulus noch erwähnt, wie man das hinbekommt. Offenbar ist ein quälend schlechtes Gewissen, offenbar sind peinigende Schuld- und Schamgefühle alleine noch kein Rezept, um das eigene Verhalten zu verändern. Im Gegenteil: sie sind eingebaut in den süchtigen Kreislauf von Triebdurchbruch, Schuld und Scham, sich schwören, so etwas nie mehr zu tun – bis zum nächsten Triebdurchbruch.

Moralpredigten haben zur Unglaubwürdigkeit der Kirche beigetragen. Sie haben einen blinden Fleck – nämlich das Leben des Predigers oder der Predigerin. Halten sie sich selbst an das, was in der Bibel steht und was sie predigen? Das ist die Gefahr der Selbstgerechtigkeit. Sich hin zu stellen und zu sagen: Ich danke dir Gott, dass ich nicht so bin wie die anderen „die mit Sexualität unverantwortlich umgehen; die andere Gottheiten verehren; die in der Ehe oder gar in gleichgeschlechtlichen Beziehungen das Recht Gottes verletzen; die andere bestehlen oder gierig immer mehr wollen; die sich betrinken und schlecht über andere reden.“

Was also tun gegen Scheinheiligkeit? Glaubwürdigkeit entsteht, wenn das öffentliche Reden im Einklang steht mit dem, was ich auch sonst tue. Der erste Schritt zu einem ganzheitlichen Leben ist wohl, sich selbst kritisch und nüchtern zu betrachten. Was macht mich so wütend auf diese verlotterten Korinther? Es mögen Gefühle der Ohnmacht sein, der Hilflosigkeit. Nichts tun zu können gegen ihre Haltungen. Und ganz vielleicht auch noch ein kleines bißchen Neid auf das, was sie sich erlauben und wie sie sich ausleben.

Aber eigentlich schreibt Paulus ja auch wenig später im gleichen Brief an dieselben Leute, nach diesem ganzen Hass auf die Unzüchtigen einen der schönsten Texte über die Liebe in der ganzen Bibel: „Die Liebe ist langmütig und freundlich, die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt keinen Mutwillen …“ So kann auch Paulus selbst aus der Liebe, die er im 13 Kapitel feiert, im 6. Kapitel herausfallen in Zorn und Hass. Mit seinen eigenen Worten möchte man ihm sagen: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“

Was lernen wir nun daraus?

1. Gegenüber unseren Emotionen hat der Verstand alleine keine Chance. Deshalb ist etwas zu predigen viel leichter, als das gepredigte selbst vorzuleben. Und das gilt übrigens für uns alle hier, nicht dass wir uns da falsch verstehen. Es gilt, die Kraft zu nüchterner Selbstkritik aufzubringen, eine Art innerer Beichte, realistischer Selbsteinschätzung. Indem wir uns unsere vermeintlichen Schwächen eingestehen, verändert sich Inhalt und Art unseres Redens gegenüber anderen in Richtung Barmherzigkeit – wenn ich nur einen Funken Empathie aufzubringen in der Lage bin.

2. Sich über andere zu empören ist viel leichter, als zu versuchen, das Fremde, das andere zu verstehen, das mir und meinen Werten entgegensteht.  Hallo! – Korinth war eine Hafenstadt. Es war berühmt für die Verlockungen des Konsums – dort gab es alles! Des Luxus, der Lebenslust. Und berüchtigt für die Tempelprostitution im Aphroditetempel, mit vermutlich mehr als 1000 sog. Priesterinnen. Aber wer von uns war in Hamburg und wäre nicht über die Reeperbahn geschlichen?

3. „Tu deinem Körper etwas Gutes, damit deine Seele Lust hat, darin zu wohnen.“ Das schrieb Teresa von Avila. ZB schön Essen gehen mit Freunden. Oder nachher einen Mittagsschlaf. Es geht um den ganzen Menschen, wir glauben nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit „Herzen Mund und Händen“. Glaube ist ganzheitlich. Und deshalb ist es auch nicht nebensächlich, wie wir mit unsrem Körper umgehen, nicht nur mit unserer Seele. Wir dürfen kleinen Raubbau an ihm betreiben.

Und 4.  wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist?“ Inmitten unserer aus den Fugen geratenen Welt werden wir eingeladen, auszuprobieren, was dieses Bild für uns bedeuten kann. Fühle ich mich getragen oder unterstützt mich der Heilige Geist in dem, was ich mir ohnehin vorgenommen habe? Baut er uns Brücken aus der spannungsvollen Unsicherheit heraus oder stellt er sich inmitten von Katastrophischem uns tröstend auf die Seite?

Gott selbst hat uns losgekauft, und deshalb gehören wir nicht länger uns selbst. Gerade, weil er uns aus den von uns selbst gesetzten Grenzen befreit, ermöglicht er uns, behutsamer auf das Leben in der Welt zu achten. Wir werden nicht nur mitmenschlicher, sondern auch zu seinen (Mit-)Geschöpfen: „Wer aber dem Herrn anhängt, der ist ein Geist mit ihm.“
Amen

Musik:        166    Tut mir auf die schöne Pforte

Fürbitte

Gütiger Gott,
es ist nicht leicht zu lieben, ohne zu verletzen;
zu genießen, ohne zu missbrauchen;
etwas aufzubauen, ohne zu zerstören;
etwas Neues zu wollen, ohne das alte zu enttäuschen oder vor den Kopf zu stoßen.
Wir bitten dich deshalb: Lass uns das tun, was du segnest, was das Leben fördert in seiner Buntheit und Vielfalt.

Du hast uns durch die Taufe Freiheit geschenkt, alles ist uns erlaubt. Lehre uns, verantwortungsvoll mit dieser Freiheit umzugehen, sie kreativ zu nutzen. Nichts soll uns gefangen nehmen. All denen die noch gefangen sind in Angst und Verzweiflung, in Vorurteilen und selbstzerstörerischen Zwängen, in Sucht und Besitz, zeige dich als derjenige, der den Schlüssel zur Befreiung besitzt. Denn alles kann uns zum Guten dienen.

Erhalte und fördere in uns den liebevollen Blick für den Nächsten. Lehre und zeige uns deinen Weg des Lebens. So kommen wir am Ende in dein Reich.

Vater Unser

Schlusslied:
Oratorium Elias  von Felix Mendelssohn das Duett `Hebe deine Augen auf zu den Bergen, von welchen dir Hilfe kommt´

Abkündigungen

Segen

Ausgangsmusik:
Oratorium ‚Elias‘: `Wer bis an das Ende beharrt, der wird selig´.

Gottesdienst am 18.7.2021 mit Video von Pfarrerin Meike Naumann

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar.

Musik zum Eingang

Begrüßung mit Votum:
Liebe Gemeinde,
So seid ihr nun nicht mehr Fremde und Ausländer, sondern ihr seid Mitbürgerinnen der Heiligen und Hausgenossen Gottes.
 Ephesus 2,19 BIGS 2011)
Mit dem Wochenspruch aus dem Brief des Paulus an die Gemeinde in Ephesus begrüße ich Sie ganz herzlich zu unserem Gottesdienst. Dass wir Hausgenossinnen Gottes sind, das verlieren wir im Alltagstrott oft aus dem Blick. Obwohl wir doch alles haben, fühlen wir uns ausgebrannt und leer. Obwohl wir täglich satt werden, ist das ein ungeheurer Durst nach mehr in uns. Wir sehnen uns nach etwas, das wir nicht in Worte fassen können.
Gott stillt körperlichen und seelischen Hunger, davon erzählt der 7. Sonntag nach Trinitatis.

Psalm 146: EG 757

Kollektengebet
Du, unser Gott,
Vieles bewegt uns, Unterschiedliches bringen wir mit,
was uns freut und traurig macht,
was uns beschwert und was leicht ist in diesen Tagen,
mitten im Sommer, in der Ferienzeit,
nach dem Schuljahresende und viel freier Zeit vor uns.
Das alles bringen wir mit und bitten dich:
Lass uns zur Ruhe kommen mit unseren Gedanken und Gefühlen!
Hilf uns ganz hier zu sein in deinem Namen
und als deine Gemeinde auf dein Wort zu hören,
das uns stärken und ausrichten will.

Schriftlesung
Elia am Bach Krit und bei der Witwe zu Sarepta
171Und es sprach Elia, der Tischbiter, aus Tischbe in Gilead zu Ahab: So wahr der Herr, der Gott Israels, lebt, vor dem ich stehe:
Es soll diese Jahre weder Tau noch Regen kommen, ich sage es denn.
2Da kam das Wort des Herrn zu ihm: 3Geh weg von hier und wende dich nach Osten und verbirg dich am Bach Krit, der zum Jordan fließt. 4Und du sollst aus dem Bach trinken, und ich habe den Raben geboten, dass sie dich dort versorgen sollen. 5Er aber ging hin und tat nach dem Wort des Herrn und setzte sich nieder am Bach Krit, der zum Jordan fließt. 6Und die Raben brachten ihm Brot und Fleisch des Morgens und des Abends, und er trank aus dem Bach. 7Und es geschah nach einiger Zeit, dass der Bach vertrocknete; denn es war kein Regen im Lande. 8Da kam das Wort des Herrn zu ihm: 9Mach dich auf und geh nach Sarepta, das zu Sidon gehört, und bleibe dort; denn ich habe dort einer Witwe geboten, dass sie dich versorge.
10Und er machte sich auf und ging nach Sarepta. Und als er an das Tor der Stadt kam, siehe, da war eine Witwe, die las Holz auf. Und er rief ihr zu und sprach: Hole mir ein wenig Wasser im Gefäß, dass ich trinke! 11Und als sie hinging zu holen, rief er ihr nach und sprach: Bringe mir auch einen Bissen Brot mit! 12Sie sprach: So wahr der Herr, dein Gott, lebt: Ich habe nichts Gebackenes, nur eine Handvoll Mehl im Topf und ein wenig Öl im Krug. Und siehe, ich habe ein Scheit Holz oder zwei aufgelesen und gehe heim und will’s mir und meinem Sohn zubereiten, dass wir essen – und sterben.
13Elia sprach zu ihr: Fürchte dich nicht! Geh hin und mach’s, wie du gesagt hast. Doch mache zuerst mir etwas Gebackenes davon und bringe mir’s heraus; dir aber und deinem Sohn sollst du danach auch etwas backen. 14Denn so spricht der Herr, der Gott Israels: Das Mehl im Topf soll nicht verzehrt werden, und dem Ölkrug soll nichts mangeln bis auf den Tag, an dem der Herr regnen lassen wird auf Erden. 15Sie ging hin und tat, wie Elia gesagt hatte. Und er aß und sie auch und ihr Sohn Tag um Tag. 16Das Mehl im Topf wurde nicht verzehrt, und dem Ölkrug mangelte nichts nach dem Wort des Herrn, das er geredet hatte durch Elia.

Glaubensbekenntnis

Lied: EG 320 Nun lasst uns Gott dem Herren

PREDIGT
Liebe Gemeinde,
Kennen Sie das Märchen der Gebrüder Grimm vom „süßen Brei“? Ein armes, frommes Mädchen lebt mit seiner Mutter allein und hat nichts mehr zu essen. Es bekommt ein Töpfchen geschenkt, das süßen Hirsebrei von allein kocht, wenn die richtigen Worte gesprochen sind, und auch wieder aufhört. Eines Tages kocht das Töpfchen weiter und weiter und das ganze Dorf ist voller süßem Hirsebrei, bis das Mädchen nach Hause kommt und es zum Stillstand kommt.

Verlockende märchenhafte Vorstellung: immer süßen Hirsebrei zu haben, wenn man hungrig ist. In der biblischen Geschichte verspricht der Gottesmann Elija, dass das Mehl im Topf und das Öl im Krug nicht aufhören werden. Ist das ähnlich märchenhaft?

Vergleichbar ist die ausweglose Situation in der Hungersnot der beiden Familien aus der Bibel und im Märchen. Verursacht durch die Dürre haben sie nicht genug zu essen. Sie werden sterben und haben nur noch eine kleine Mahlzeit. Doch Elija schenkt keinen Wundertopf, sondern will vom gebackenen Brot zuerst etwas abhaben. Dann verspricht er, dass Öl und Mehl nicht ausgehen werden. Die Witwe ist zurückhaltend, vielleicht sogar ärgerlich? Von dem wenigen noch etwas abgeben? Und das auch noch zuerst? Vielleicht musste sie ihrem verstorbenen Mann auch immer zuerst etwas zu Essen zubereiten. Das war damals üblich in der patriarchalen Gesellschaft, in der Frauen abhängig waren von den Männern in der Familie, zuerst vom Vater, dann vom Ehemann. Jetzt lebt sie allein, ohne männliche Unterstützung, ohne für sich und ihren Sohn irgendwo noch etwas auftreiben zu können, rechtlos und mittellos.

Und Elija, der Gottesmann? Er soll das Wort und den Willen Gottes verkünden und gegen die falschen Propheten des Baal auftreten. Er soll gegen den mächtigen König Ahab und seiner Frau Isebel, die vom Gott Israels nichts wissen wollen, auftreten. Sie verehren Baal, den Herrn und Meister, Fruchtbarkeitsgott auf Seiten der Mächtigen. Elija hat dem gegenüber kaum eine Chance. Alle anderen Propheten des Gottes Israels sind schon verfolgt worden. Machtlos bleibt er zurück und soll überleben angesichts der Dürre und Not, die nicht aufhören wird, bis Gott es wieder regnen lässt. Der Gottesmann erlebt diese Not und Dürre am eigenen Leib. Gott schickt ihn nach Osten, an einen Bach Kerit, und versorgt ihn dort mit Brot und Fleisch, das die Raben ihm bringen, bis die Dürre den Bach austrocknen lässt und Elija sich wieder auf den Weg macht.

Kein Regen wird fallen, Dürrezeiten und Hungersnöte. Denken Sie auch an Hunger und Elend heute? An die Trockenheit in fernen Ländern Afrikas und nun auch bei uns? Die Fichten sterben ab, sogar die Buchen leiden in unseren Wäldern. Klimawandel? Klimakatastrophe? Dass wir Menschen seit Jahrzehnten darum wissen und immer noch nichts lernen, macht mich wütend. „Fridays für Future“ war durch Corona ausgebremst, doch jetzt demonstrieren sie wieder, Junge und auch viele Alte, die es einfach nicht hinnehmen wollten, dass die Politik das Thema Klimawandel immer wieder hinten anstellt.

Menschen fliehen vor der Dürre, wenn kein Regen das Land fruchtbar macht, wenn sie vor Hunger nicht mehr ein noch aus wissen. Sie kommen zu uns nach Europa, nach Deutschland und suchen ein sicheres Zuhause. Das macht vielen Angst, die um ihre Existenz hier bangen und natürlich auch zuerst an sich denken, weil die Arbeitsplätze nicht für alle ausreichen könnten, weil es keinen bezahlbaren Wohnraum für alle geben könnte. Weil das Boot voll ist. Zuerst wir, zuerst ich, denken viele. Für uns alle wird es nicht reichen, das Mehl im Topf und das Öl im Krug. Das ist nur allzu verständlich, oder?

Zeigt die Geschichte der Bibel einen Ausweg? Was macht Elija?

Er kommt zu einer Witwe, die auch nichts hat oder fast nichts. Sie leidet an Hunger. Sie und ihr Sohn werden nicht überleben. Sie haben nichts mehr als ein bisschen Mehl und ein bisschen Öl. Wie soll das reichen?

Und dann reicht es doch! Wie geschieht hier das Wunder? Elija weist die Witwe an, noch einen Brotfladen zu backen und davon zuerst ihm geben. Zuerst dem Mann? Das erinnert mich an früher, wenn bei Tisch am Sonntag zuerst der Vater das größte Stück vom Braten abgekriegt hat. Weil der Mann damals das Sagen hatte. Gott sei Dank sind diese Zeiten vorbei! Und doch bestimmt das „zuerst“ unser Denken und Handeln. Zuerst ich! Zuerst wir! Zuerst unser Land, unsere Nation! Ist das hier in der Geschichte auch gemeint?
Das Wort „zuerst“ zeigt noch etwas anderes: Ich denke an die Erstlingsgabe der Ernte als Abgabe an Gott. So wird es im Dritten Buch Mose beschrieben. Indem die Israeliten erst (zuerst) etwas von der Ernte an Gott zurückgeben, erkennen sie an, dass die Gabe des Lebens und des Lebensnotwendigen nicht selbstverständlich ist. Nicht die Menschen selbst haben die Ernte eingebracht oder unser Auskommen verdient. Es ist Geschenk und Gnade. Es geht um Dankbarkeit und Anerkennung des Gottes Israels, der das Leben schenkt. Und es allen Menschen gleichermaßen schenkt, ausreichend und auskömmlich.

Daran erinnert das „zuerst“, zu dem Elija die Witwe auffordert. Dadurch erkennt auch die Witwe an, die nicht zum Volk Israel gehört und von dessen Gott nichts weiß, dass die Menschen das Leben und alles zum Leben Notwendige diesem Gott verdanken. Zuerst Elija als Prophet dieses Gottes etwas zu Essen zuzubereiten, gibt diesem Gott die Ehre, erkennt ihn an, und dann reicht das Lebensnotwendige für lange Zeit. Mehl und Öl versiegen nicht. Die Witwe und ihr Sohn werden leben, bis wieder Regen fällt und sie sich selbst versorgen können. In Vers 15 heißt es, dass sie es genau so tut. Allerdings isst sie dann zuerst vom Brot und nicht Elija, wie sie selbst es vielleicht befürchtet hat, dass der Mann zuerst versorgt werden will. Nein Elija erkennt an, dass sie dem Gebot der Erstlingsgabe folgt und ihre Dankbarkeit darin ausdrückt. Deshalb ist sie zuerst genannt: Sie hatte zu essen, er und sie und ihr Haus, Tag für Tag.

Eine Erstlingsgabe abgeben? Das machen wir heute nicht mehr. Am Erntedankfest wird der Altar mit Erntegaben geschmückt. Manche geben Spenden für die Tafeln in ihren Gemeinden. So kann Not abgewendet werden. Hier bei uns oder auch durch Spenden in anderen Teilen der Welt.

Das Umdenken geschieht noch vorher, indem wir die Gabe des Lebens und des Lebensnotwendigen anerkennen und Gott dafür danken, bei jedem Essen, das so selbstverständlich auf unseren Tisch kommt, bei jedem Einkauf von Gütern, die andere für uns produziert haben. Egal ob es Lebensmittel, Kleidung oder Möbel sind. Alles hat seinen Preis. Fair produziert soll es sein, damit alle gut davon leben können. Immer mehr reift das Bewusstsein für die Zusammenhänge in der Welt, wie sehr wir miteinander verbunden sind. „Bad Nauheim fair wandeln“ heißt der Verein, in dem sich Menschen aus unserer Stadt genau dafür engagieren. Regelmäßige Vorträge bringen das Thema immer wieder in die Öffentlichkeit, Zusammenarbeit mit den örtlichen Schulen oder unseren Konfigruppen, sensibilisieren schon Kinder und Jugendliche, dafür, wie sie mit ihrem Einkaufsverhalten Einfluss auf das Leben vieler Familien in Ländern der sogenannten Dritten Welt nehmen können.

Vieles haben wir schon gelernt, vieles kann anders werden: Fair gehandelter Kaffee ist teurer, weil die Kaffeebauern ihre Kinder zur Schule schicken können. Und das Frühstücksei kostet mehr und schmeckt besser, weil auch die männlichen Küken überleben können. Oder eine Frau bringt ihrem Nachbar einen halben Kuchen vorbei, weil sie weiß, er freut sich, dass sie an ihn gedacht hat.

Nicht zuerst wir oder zuerst ich. Wir sind aufeinander angewiesen und können das Wunder erleben, indem wir an die anderen denken und damit Gott die Ehre geben.

Die Geschichte von der Witwe in Zarpath dankt Gott für die Gabe des Lebens und Mehl im Krug und Öl im Topf versiegen nicht. Sie quillen auch nicht wie von Wunderhand aus dem Topf und werden nicht zu einer Bedrohung wie im Märchen. Sie können geteilt werden und werden so zum Segen.
Amen.

Musik EG 182 Suchet zuerst Gottes Reich in dieser Welt

Fürbitte
Du unser Gott,
von dir kommt die Gabe des Lebens.
Wir bitten, dass wir mit allem sorgsam umgehen: mit dem Boden, dem Wasser, der Luft.
Wir bitten für Pflanzen und Tiere, unsere Mitgeschöpfe.
Wir bitten für die Menschen, die aus Ländern fliehen,
die von Hungersnot oder Katastrophen heimgesucht werden.
Wir bitten für die Menschen, deren Heimat vom Krieg zerstört ist,
die ein neues Zuhause suchen, die unter der Ungerechtigkeit in der Welt leiden.
Wir bitten für die Menschen, die an Leib und Seele krank sind
und dringend Hilfe brauchen.
Und wir danken dir für jede Gabe des Lebens, für alles, was wir haben.
Hilf uns, dir zuerst die Ehre zu geben und dann teilen zu können:
unser tägliches Brot und unser Dach, unsere Kleidung und unsere Habe.
Schenk uns eine lebenswerte Zukunft und zeig uns, was wir dazu beitragen können.

Vaterunser

Abkündigungen

Lied eg+142 Verleih uns Frieden gnädiglich

Segen

Musik zum Ausgang

Gottesdienst am 11.7.2021 mit Video von Vikar Ingmar Bartsch

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar.

Musik

Psalm 67,2-8
2 Gott sei uns gnädig und segne uns, er lasse uns sein Antlitz leuchten, 3 dass man auf Erden erkenne seinen Weg, unter allen Heiden sein Heil. 4 Es danken dir, Gott, die Völker, es danken dir alle Völker. 5 Die Völker freuen sich und jauchzen, dass du die Menschen recht richtest und regierst die Völker auf Erden. 6 Es danken dir, Gott, die Völker, es danken dir alle Völker. 7 Das Land gibt sein Gewächs; es segne uns Gott, unser Gott! 8 Es segne uns Gott, und alle Welt fürchte ihn!

Gebet
Herr großer Gott, Du hast die Macht über Himmel und Erde. Schenke uns, dass wir Dir in diesem Gottesdienst begegnen. Sprich Du in unser Herz und fülle es mit Deiner Liebe für uns Menschen. Das bitten wir Dich durch Jesus Christus, Deinen Sohn, der mit Dir und dem Heiligen Geist lebt und Leben schenkt in Ewigkeit. Amen.

Lesung Jesaja 43,1-7
1 Jetzt aber spricht der Herr, der Jakob geschaffen und sein Volk Israel gebildet hat: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich befreit. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du gehörst zu mir. 2 Wenn du durch Wasserfluten gehst, bin ich bei dir. Reißende Ströme spülen dich nicht fort. Wenn du durchs Feuer gehst, verbrennst du nicht. Die Flammen können dir nichts anhaben. 3 Denn ich bin der Herr, dein Gott. Ich bin der Heilige Israels, der dich rettet. Ich habe Ägypten als Kaufpreis für dich bezahlt, dazu noch Nubien und Seba. 4 Du bist kostbar und wertvoll für mich, und ich habe dich lieb. Deshalb gebe ich Menschen für dich preis und setze Völker für dein Leben aufs Spiel. 5 Fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir. Ich hole deine Nachkommen aus dem Osten herbei und bringe sie aus dem Westen zusammen. 6 Zum Norden sage ich: Gib sie heraus! Und zum Süden: Halt sie nicht zurück! Meine Söhne sollen aus der Ferne kommen, meine Töchter von den fernsten Winkeln der Erde. 7 Alle, die ich zu mir gerufen habe, sollen kommen. Denn ich habe sie zu meiner Ehre geschaffen, ich habe sie geformt und gebildet.

Lied EG 452

Predigt zu Matthäus 28, 16-20
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde,

meine Frau und ich werden in ein paar Tagen von hier aus zu Fuß nach Santiago de Compostela starten. Schon wenn ich das sage, klingt es verrückt und unwirklich. Aber wir freuen uns auf dieses Abenteuer, auch wenn es herausfordernd wird. Wie heißt es so schön: Wer etwas anfängt, kann scheitern. Wer nicht anfängt, ist schon gescheitert. Für unsere Pilgerreise haben wir viel vorzubereiten. Wir brauchen eine Auslandskrankenversicherung, ein Zelt, Rucksäcke, Wanderschuhe, Pilgerführer, Klamotten, etwas zu Essen und viel Wasser. Auch die Dinge zu Hause sollten wir geordnet haben. Was ist, wenn etwas passiert? Wer kommt im Fall der Fälle an unsere Dokumente? Wer entscheidet in medizinischen Notfällen?

Wir sortieren also gerade unsere Dokumente und stellen Vollmachten aus. Patientenverfügungen zum Beispiel. Betreuungsvollmachten. Und Vertretungsvollmachten für verschiedene Anlässe. So eine Vollmacht beschreibt meist die Sache, um die es geht. Die Konditionen geregelt. Und es wird geregelt, wer mit dieser Vollmacht handeln darf. Wer eine solche Vollmacht hat, der trägt auch Verantwortung. Denn eine Vollmacht – und das steckt bereits im Wort drin – verleiht Macht.Um

Macht und Vollmacht geht es auch im heutigen Predigttext.In Matthäus 28 steht ab Vers 16:
16 Die elf Jünger gingen nach Galiläa. Sie stiegen auf den Berg, wohin Jesus sie bestellt hatte. 17 Als sie Jesus sahen, fielen sie vor ihm nieder. Aber einige hatten auch Zweifel. 18 Jesus kam zu ihnen und sagte: »Gott hat mir alle Macht gegeben, im Himmel und auf der Erde. 19 Geht nun hin zu allen Völkern und ladet die Menschen ein, meine Jünger und Jüngerinnen zu werden. Tauft sie im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes! 20 Und lehrt sie, alles zu tun, was ich euch geboten habe! Seid gewiss: Ich bin immer bei euch, jeden Tag, bis zum Ende der Welt.«

Jesus spricht: „Gott hat mir alle Macht gegeben, im Himmel und auf der Erde.“ Luther übersetzte das mit den etwas bekannteren Worten: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“ Macht? Gewalt? Wo ist der Unterschied? Diese Begriffe zu trennen, ist gar nicht so einfach. Denn die Bedeutung von Worten ändert sich im Laufe der Zeit und im Kontext. Die meisten modernen Übersetzungen nutzen für das griechische Wort ἐξουσία (exousia) im Deutschen den Begriff „Macht“. Luther spricht von Gewalt. In seiner Zeit war „Gewalt“ nicht nur negativ konnotiert. Sie bedeutete auch „Ordnung“ und damit „Sicherheit“. Heute verstehen wir unter Gewalt eher Unterdrückung, rohe Kraft und unrechtmäßiges Vorgehen.

Auch der „Macht“ begegnen wir heutzutage skeptisch. Dabei ist ein Grundpfeiler unserer Demokratie die Gewaltenteilung. Hier sieht man, dass die Begriffe ineinander übergehen. Denn ganz offensichtlich sagen wir nicht Machtteilung. Wir haben die Legislative, also das gesetzgebende Parlament, die Exekutive, also die ausführende Regierung und die Judikative, also die Recht setzenden und prüfenden Gerichte. Und wir haben die Medien, die sich immer mehr zur vierten Gewalt entwickelt haben. Unter diesen Institutionen ist die staatliche Macht auf verschiedenen Ebenen aufgeteilt. Nicht umsonst werden wir misstrauisch, wenn eine der vier Institutionen zu viel Macht haben könnte. Das kann man in den Diskussionen der sozialen Netzwerke gut beobachten. Und zurecht kritisieren wir als Kirche Abhängigkeitsstrukturen und negative Machtverhältnisse.

Wir trauen Macht nicht über den Weg. Wie passt das dann zu unserem Text? Und meint Jesus überhaupt diese politische, von Menschen ausgeübte Macht? Ist die identisch mit der göttlichen Macht? Die Bibel gibt da meines Erachtens eine eindeutige Antwort. Gottes Macht ist nämlich anders. Anders, als das, was wir Menschen als Macht definieren. Ihre Quelle ist die befreiende Liebe Gottes. In der Lesung aus Jesaja 43 haben wir folgenden Satz gehört: „So spricht der Herr, der Dich geschaffen hat: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich befreit. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du gehörst zu mir.“ So spricht Gott zu seinem Volk und – da bin ich mir sehr sicher – so spricht Gott auch zu uns.

Gottes Fokus liegt auf uns Menschen. Er sucht uns, weil wir Menschen zu ihm gehören. Weil wir mit ihm in Beziehung sein können. Und für dieses Ziel setzt er seine Macht ein. Und diese Macht bedeutet nicht Herrschaft über andere. Gottes Macht ist sanft. Sie ist liebevoll, weil sie Gottes Liebe entspringt. „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Über diesen Bibelvers aus Römer 12,21 haben die Konfirmandinnen und Konfirmanden vor ein paar Wochen nachgedacht. So eine Haltung kann machtvoll Teufelskreise durchbrechen. „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig“ lesen wir 2. Korinther 12,9. Und die Bergpredigt ist ein Manifest der Macht der Liebe. Diese göttliche Macht ist Jesus gegeben. Er sagt: „Gott hat mir alle Macht gegeben, im Himmel und auf der Erde. 19 Geht nun hin zu allen Völkern und ladet die Menschen ein, meine Jünger und Jüngerinnen zu werden.“ Jesus erteilt uns quasi eine klassische Vollmacht. Jesus beschreibt zuerst, worum es geht. Um Gottes Macht er Liebe. Und er sagt, wer diese Vollmacht bekommt: Seine Jüngerinnen und Jünger und damit wir Christen. Und er macht die Konditionen klar. Ladet die Menschen in meinem Namen ein, ebenfalls an der Macht der Liebe teilzuhaben. Ladet sie ein, ebenfalls Jüngerinnen und Jünger zu werden.

Was fangen wir nun mit der Vollmacht an? Wie kann ich, wie können Sie diese Vollmacht umsetzen? Das ist ja ein ganz schön respekteinflößender Auftrag. Im Gegensatz zu menschlichen Vollmachten ist der Bevollmächtigende, also Jesus, in diesem Fall nicht weg. Er ist noch da. Mehr noch: Er stärkt uns den Rücken, wenn wir mit seiner Vollmacht losziehen: „Seid gewiss: Ich bin immer bei euch, jeden Tag, bis zum Ende der Welt.“ Da bleibt immer noch die Herausforderung, wie wir das nun konkret angehen können. Vor ein paar Tagen hat eine Kirchvorsteherin eine Email herumgeschickt. Es ging um die Social Media Kanäle der Gemeinde. Sie regte an, dass jeder, der in der Gemeinde von etwas begeistert ist, es für diese Kanäle zur Verfügung stellen kann. Die kleine Begegnung im Alltag. Die bereichernde Veranstaltung in der Gemeinde. Die Schönheit von Gottes Schöpfung in Bad Nauheim. Wenn Sie die Ergebnisse interessieren, dann schauen Sie gerne mal bei Instagram und Facebook vorbei. Mich hat diese Email begeistert. Weil so unsere Gemeinschaft bereichert wird. Wir teilen die kleinen und großen Freuden des Alltags, die Herausforderungen und das im Lichte unseres Glaubens als Christen. Und wir teilen das mit allen Menschen. Sozusagen mit aller Welt.

Ich bin mir sicher, dass wir schon hier mit der Vollmacht Jesu starten. Wer in alle Welt gehen will, der muss einen ersten Schritt machen. Also würde ich sagen: Auf geht es. Reden wir über das, was uns begeistert. Reden wir über das, was unser Leben trägt. Reden wir über unseren Glauben. Nicht aufdringlich, Nicht bedrängend. Sondern in der sanften, klaren Art, wie es Jesus getan hat. Nicht mit dem weltlichen Machtanspruch eines Missionsbefehls. Sondern mit der sehnenden Liebe Gottes nach dem Menschen. Das Evangelium ist der Grund, weshalb wir uns hier im Gottesdienst versammeln. Es trägt unsere Gemeinschaft. Und es kann andere Menschen tragen. Und wenn wir davon reden, haben wir Rückenwind. Denn Jesus Christus spricht:

„Gott hat mir alle Macht gegeben, im Himmel und auf der Erde. 19 Geht nun hin zu allen Völkern und ladet die Menschen ein, meine Jünger und Jüngerinnen zu werden. Tauft sie im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes! 20 Und lehrt sie, alles zu tun, was ich euch geboten habe! Seid gewiss: Ich bin immer bei euch, jeden Tag, bis zum Ende der Welt.“

Lied EG 369

Fürbitten
Gott, Deine Macht ist so anders, als unsere menschlichen Vorstellungen. Sie ist sanft. Geprägt von Deiner Liebe zu uns Menschen. Schenke uns, dass sich diese Liebe kraftvoll ausbreitet. Wir bitten Dich: Mache uns zu Boten Deiner guten Nachricht. Schenke uns Phantasie und Glaubensmut, Schritte zu anderen Menschen zu gehen.

Gott, wir bitten Dich, dass die Mächtigen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft weise regieren und handeln. Für die Opfer von Krieg und Gewalt bitten wir Dich, dass sie die Hoffnung nicht aufgeben. Schenke ihnen Frieden und Zuversicht und lass uns unseren Teil dazu beitragen, dass alle Menschen ein würdiges Leben führen können.

Gott, wir bitten Dich für die Kranken, die Einsamen und die Sterbenden. Sei Du ihnen nahe. Sei ihnen Trost in schweren Stunden und schenke Menschen, die ihnen beistehen.

Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Lied EG 590

 

Segen
Der Herr segne Dich und behüte Dich.
Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über Dir und sei Dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf Dich und schenke Dir Frieden.

 

Musik

Gottesdienst am 4.7.2021 mit Video von Pfarrerin Susanne Pieper

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar.

Musik

Begrüßung
Ein herzliches Willkommen zum Gottesdienst heute, am 5.  Sonntag nach Trinitatis! Was gibt uns Kraft für unser Leben? Was hilft uns, durch Höhen und Tiefen zu kommen? Wo sind die Quellen unserer Spiritualität? Um diese Fragen geht es im Gottesdienst heute.

Nach so langer Zeit feiern wir heute endlich wieder das Abendmahl. Darauf freue ich mich sehr! In anderer Form als sonst, doch ebenso würdevoll möge es werden. Dazu liegt neben Ihrem Platz ein kleiner Teller mit Brot und Trauben. Sie sind herzlich eingeladen, es mitzufeiern! Singen werden wir noch nicht. Aber Timo Kreuder wird für uns das „Heilig, heilig“  und das „Christe, du Lamm Gottes“ stellvertretend singen.  Dafür und für die musikalische Gestaltung dieser Stunde ein herzliches Dankeschön.

Ein Wort aus Eph.2,8 begleitet uns in die neue Woche: „Durch die unverdiente Gnade seid ihr gerettet worden. Es ist nicht euer eigenes Werk, es ist Gottes Geschenk.“
Wir feiern den Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Meditation zu Psalm 73
Wenn mir auch Leib und Seele verschmachten, bleibst du, Gott, der Trost meines Herzens.
Ich setze mein Vertrauen auf dich, du gibst mir Halt.

Als ich strauchelte und ausglitt, hast du mich ergriffen und mir den Weg gezeigt, den ich gehen kann.

Dass es den Hochmütigen und Prahlenden so gut geht und ihre Worte bejubelt werden, kann ich nicht verstehen.

Aber ich will mich mit ihnen nicht vergleichen, sondern trotzdem bei dir bleiben, mein Gott.

Du hältst mich bei meiner rechten Hand und zeigst mir meinen Weg.

Und am Ende nimmst du mich mit Ehren an. Darum frage ich nicht mehr nach Himmel und Erde, wenn ich nur dich habe. Wenn mir auch Leib und Seele verschmachten, bleibst du, Gott, der Trost meines Herzens.

Lied EG 625,1-3
1 Wir strecken uns nach dir, in dir wohnt die Lebendigkeit. Wir trauen uns zu dir, in dir wohnt die Barmherzigkeit. Du bist, wie du bist: schön sind deine Namen. Halleluja. Amen. Halleluja. Amen.
2 Wir öffnen uns vor dir, in dir wohnt die Wahrhaftigkeit. Wir freuen uns an dir, in dir wohnt die Gerechtigkeit. Du bist, wie du bist: schön sind deine Namen. Halleluja. Amen. Halleluja. Amen.
3 Wir halten uns bei dir, in dir wohnt die Beständigkeit. Wir sehnen uns nach dir, in dir wohnt die Vollkommenheit. Du bist, wie du bist: schön sind deine Namen. Halleluja. Amen. Halleluja. Amen.

Gebet
In deine Gegenwart kommen wir, unser Gott, mit allem, was wir mitbringen: unser Alltagsglück und unsere Freude, unsere Enttäuschungen und unsere Sorgen. Wir möchten Kraft tanken und Ruhe. Möchten uns neu im Glauben ausrichten. Wir möchten uns stärken lassen für einen neuen Aufbruch. Lass uns heute die Kraft deiner Liebe spüren. Das bitten wir im Namen deines Sohnes Jesus Christus. Amen.

Lesung aus dem 1. Kor.1,18-25
Paulus schreibt: „Vom Kreuz zu erzählen, gilt denen als unklug, die zugrunde gehen. Uns aber rettet es, weil Gottes Kraft darin liegt. Denn es steht in der Schrift: ‚Ich mache die Weisheit der Weisen zunichte, und den Verstand der Verständigen setze ich ins Unrecht.‘  
Wo sind die Weisen? Wo sind die Gelehrten? Wo sind die, die in dieser Welt das Wort führen? Hat Gott nicht die Weisheit der Welt als kurzsichtig erwiesen? Umgeben von Gottes Weisheit hat die Welt mit ihrer Weisheit Gott nicht erkannt. Deshalb hat Gott es den Glaubenden geschenkt, sie durch die unkluge Verkündigung zu retten.
Es gibt jüdische Menschen, die erwarten Zeichen Gottes, und es gibt griechische Menschen, die suchen Weisheit;  wir aber verkündigen den gekreuzigten Messias. Manche jüdischen Menschen halten das für ein Ärgernis, manche aus den Völkern für unvernünftig. Denen aber, die von Gott gerufen werden, ob jüdisch oder nichtjüdisch, verkörpert der Messias göttliche Macht und göttliche Weisheit.
Denn das Unkluge, das zu Gott gehört, ist weiser als die Menschen es sind; und das Schwache, das zu Gott gehört, ist stärker als die Menschen es sind.

Ansprache
Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen

Liebe Gemeinde,
die Sache mit dem Kreuz ist gar nicht so einfach wie sie scheint.

Eine Grundschulklasse besuchte mit ihrer Religionslehrerin die Kirche. Alles wurde angeschaut und eingehend erklärt: die Kanzel, die Orgel, das Taufbecken und der Altar. Da schaute ein Kind am Altar nach oben und entdeckte das große Kreuz. „Was macht denn der Mann da oben?“  fragte es und zeigte verwundert auf das Kruzifix. Ja, diese Frage kommt inzwischen öfter bei Kindern vor, denn das elementare Wissen über christliche Inhalte hat in unserer Gesellschaft in der Tat abgenommen. Und doch steckt hinter dieser Frage noch mehr. Das Erschrecken eines Kindes über das, was es dort sieht. Und das wiederum erinnert mich an eine Szene aus unserer eigenen Familie. Es war in der Hauptstraße in Heppenheim an der Bergstraße, am Randes des Odenwaldes. An einer Kreuzung der Darmstädter Straße stand ein lebensgroßes Kruzifix. Täglich fuhr ich mit meinen Kindern im Auto daran vorbei, und jedes Mal rief eines der Kinder völlig entrüstet: „Mama, der hängt da immer noch!“  Für Kinder im Vorschulalter sind Statuen, Figuren und Darstellungen etwas Lebendiges, und nur vor diesem Hintergrund ist zu verstehen, warum unser Kind so verstört und empört reagierte. Damit wollte es also im Grunde sagen: Den muss man da doch abnehmen! Das geht doch nicht! Das kann man doch nicht zulassen! Es dauerte übrigens Monate, bis unser Kind sich darüber beruhigte und offenbar einen anderen Zugang dazu gewinnen konnte.

Wir Erwachsenen haben uns so sehr an Kreuzesdarstellungen gewöhnt. Erst die Kinder mit ihren unverstellten Fragen, mit ihren unschuldigen Reaktionen stoßen uns wieder darauf, wie anstößig, wie befremdlich eigentlich das ist, was wir sehen: einen Menschen, der das Opfer eines brutal agierenden Unrechtsstaates geworden ist. Machen wir uns nichts vor:

Viele Menschen hinterfragen heute laut oder leise das Geschehen am Kreuz: „Musste das sein?“ „Ich mag das gar nicht immer anschauen!“ „Wie soll ich das eigentlich verstehen?“

Und mit diesen Fragen und Empfindungen finden sie sich in bester Gesellschaft wieder: schon zur Zeit der ersten christlichen Gemeinden gab es dieses Befremden gegenüber dem, was am Kreuz geschehen war. Der Apostel Paulus spricht davon, dass die einen das Ganze für ein „Ärgernis“ hielten und die anderen es einfach für „unvernünftig“ erklärten.

War Jesus gescheitert? Diese Frage beschäftigte seine Jünger zentral nach den Ereignissen von Jerusalem. Mit seiner Sanftmut, mit seinen Seligpreisungen, mit seiner Friedensethik und mit seinem so überaus liebevollen Handeln den Menschen gegenüber? Die Emmausjünger klagen auf ihrem Weg zurück in ihr Heimatdorf: „Jesus, das war der Profet, mächtig in Taten und Worten vor Gott und allen Menschen – doch dann wurde er gekreuzigt. Und wir hatten gehofft, er würde Israel erlösen.“ Und er war ja nicht der einzige - überaus viele andere erlitten unter den Römern dasselbe Schicksal. Wie sollte man das alles verstehen? Einerseits war er der wundertätige Heiler – und wurde andererseits selbst verwundet. Er hatte den Sturm gestillt – und wurde dann selbst bezwungen. Er hatte so viele Menschen aus der Not gerettet – und erlebte zuletzt selbst die ultimative Not. Viele waren irritiert. Macht und Ohnmacht lagen hier so nahe beieinander. Und alle gängigen Vorstellungen von einem siegreichen Messias wurden durchkreuzt, im wahrsten Sinne.

Trotzdem sagt Paulus: „Vom Kreuz zu erzählen, das rettet uns, weil Gottes Kraft darin liegt.“ Daran hält er fest. Paulus kann das sagen, weil das Wort vom Kreuz für ihn immer zugleich auch das Wort von der Auferstehung bedeutet.  Nur von der Auferstehung her bekommt das Ganze einen Sinn! Sie ist der finale, letztgültige Stempel Gottes für diesen Weg Jesu. Mit der Auferweckung seines Sohnes bestätigt Gott, dass dieser ganze Weg Jesu in seinem Sinne war. Dass es ein Ausdruck der grenzenlosen Liebe Jesu zu den schuldigen Menschen war. Von der Auferstehung her wird erkennbar, dass Gott ihn die ganze Zeit hindurch unsichtbar begleitet hat. Und dass Jesus nicht verlassen war, auch wenn er dies so empfunden hat.  Man muss also offenbar genauer hinschauen. Man muss einen tieferen Blick gewinnen. Dann wird deutlich, dass gerade dieser Messias göttliche Macht und göttliche Weisheit in sich trägt. Unter dem Gegenteil verborgen, sozusagen.

Das Wort vom Kreuz hatte in den urchristlichen Gemeinden tatsächlich eine ungeheure Kraft, denn es stellte die gesellschaftlichen Verhältnisse auf den Kopf. Reiche und Arme waren da in derselben Gemeinde versammelt, Freie Bürger gehörten dazu, aber genauso auch Sklavinnen und Sklaven. Der Sohn Gottes war selbst durch die Ohnmacht hindurchgegangen. Alles Äußere war ihm genommen worden. Und dadurch erkannten alle, die ihm nachfolgten, dass es im menschlichen Miteinander nicht mehr auf das Äußere ankam, nicht auf Ansehen und auf den Besitz, sondern auf das Innere eines jeden Menschen, auf seine Person, auf seine Liebesfähigkeit und auf seine Liebesbedürftigkeit.

So werden auch wir heute zusammengebracht, in unseren Gemeinden.  Die Kraft des Evangeliums überwindet alle kleinlichen Unterschiede und Grenzen, die wir sonst so oft zwischen uns ziehen. Wir alle gehören zusammen und sind miteinander verbunden. Das dürfen wir gerade und ganz besonders im Abendmahl miteinander feiern und erleben.

Immer wieder erfahren Menschen diese Kraft, die im Wort vom Kreuz steckt, auch in ihren eigenen Lebenskrisen. Es gibt Momente, in denen wir meinen, ganz unten angekommen zu sein. Wo wir den Eindruck haben, dass niemand uns versteht, niemand nachvollziehen kann, wie es uns geht – weil alles so beschämend ist oder so schwer. In diesen Momenten ist es ungemein tröstend, sich den Sohn Gottes vor Augen zu stellen: er hat selbst die tiefsten Tiefen des menschlichen Lebens ausgelotet. Er war ganz unten. Er weiß, wie es mir geht, wenn ich mich elend fühle. Deswegen ist er mir genau dort auch nahe und führt mich auf den Weg, den er selbst gegangen ist: aus dem Leid wieder ins Leben zurück. Gottes Liebe zu uns kennt keine Grenzen. Und seine Solidarität mit uns Menschen ist so tief wie das Meer. Darin liegt der Kern des Evangeliums.

Aus dieser Kraftquelle können wir schöpfen.  Sie tröstet uns. Sie richtet uns auf. Sie heilt uns und spendet uns Leben.

Und Gottes Friede, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Lied 398, 1.2
1 In dir ist Freude in allem Leide, o du süßer Jesu Christ! Durch dich wir haben himmlische Gaben, du der wahre Heiland bist; hilfst uns von Schanden, rettest von Banden. Wer dir vertrauet, hat wohl gebauet, wird ewig bleiben. Halleluja. Zu deiner Güte steht unser G’müte, an dir wir kleben im Tod und Leben; nichts kann uns scheiden. Halleluja.
2 Wenn wir dich haben, kann uns nicht schaden Teufel, Welt, Sünd oder Tod, du hast’s in Händen, kannst alles wenden, wie nur heißen mag die Not. Drum wir dich ehren, dein Lob vermehren mit hellem Schalle, freuen uns alle zu dieser Stunde. Halleluja. Wir jubilieren und triumphieren, lieben und loben dein Macht dort droben mit Herz und Munde. Halleluja.

Abendmahl

Vaterunser

Abkündigungen

Segen
Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.
Amen.

Musik

Gottesdienst am 27.6.2021 mit Video von Pfarrerin Meike Naumann

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar.

Orgelvorspiel

Begrüßung
„Einer trage des andern Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen“ (Gal 6,2). Das ist der Wochenspruch für die heute beginnende Woche. Über fehlende Lasten können wir uns nicht beklagen, egal, ob es um die kleinen Lasten des Alltags oder die großen Lasten von Leib und Seele geht. In diesem Gottesdienst geht es darum, einige Lasten unseres Miteinanders nicht nur auszuhalten, sondern zu verändern. Es gibt biblische Vorbilder, an denen wir uns orientieren können. Und es gibt Gottes Hilfe, um die wir heute bitten können.

Votum

Lied EG 449 Die güldne Sonne (Strophen 1+4+6)

Psalm 42
Meine Seele dürstet nach Gott
Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser,
so schreit meine Seele, Gott, zu dir.
Meine Seele dürstet nach Gott,
nach dem lebendigen Gott.
Wann werde ich dahin kommen,
dass ich Gottes Angesicht schaue?
Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht,
weil man täglich zu mir sagt: Wo ist nun dein Gott?
Daran will ich denken
und ausschütten mein Herz bei mir selbst:
wie ich einherzog in großer Schar,
mit ihnen zu wallen zum Hause Gottes
mit Frohlocken und Danken
in der Schar derer, die da feiern.
Was betrübst du dich, meine Seele,
und bist so unruhig in mir?
Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken,
dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.
Am Tage sendet der Herr seine Güte,
und des Nachts singe ich ihm und bete zu dem Gott meines Lebens.
Ich sage zu Gott, meinem Fels:
Warum hast du mich vergessen?
Warum muss ich so traurig gehen,
wenn mein Feind mich dränget?
Es ist wie Mord in meinen Gebeinen, wenn mich meine Feinde schmähen
und täglich zu mir sagen: Wo ist nun dein Gott?
Was betrübst du dich, meine Seele,
und bist so unruhig in mir?
Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken,
dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.
Ps 42,2-6.9-12

Gebet
Gott, unser Vater, hilf uns, geschwisterlich miteinander umzugehen. Du ermutigst uns, erste Schritte der Versöhnung zu gehen, statt auf das Entgegenkommen der anderen zu warten. Du willst dir das Urteil über andere nicht aus der Hand nehmen lassen. Hilf, dass wir einander ertragen lernen, indem wir uns ein Beispiel nehmen an Jesus Christus, unserm Herrn.

Lesung Lukas 6,36-42

36»Seid barmherzig, so wie euer Vater barmherzig ist.37Ihr sollt andere nicht verurteilen, dann wird auch Gott euch nicht verurteilen. Sitzt über niemanden zu Gericht, dann wird Gott auch über euch nicht zu Gericht sitzen. Vergebt anderen, dann wird Gott auch euch vergeben.38Schenkt, dann wird Gott auch euch beschenken: Ein gutes Maß wird euch in den Schoß geschüttet –festgedrückt, geschüttelt und voll bis an den Rand. Denn der Maßstab, den ihr an andere anlegt, wird auch für euch gelten.«
39Jesus erzählte ihnen auch ein Gleichnis: »Kann etwa ein Blinder einen Blinden führen? Werden sie nicht beide in die Grube fallen?40Kein Jünger steht über seinem Lehrer. Auch wenn er fertig ausgebildet ist, ist er nur wie sein Lehrer.
41Du siehst den Splitter im Auge deines Bruders oder deiner Schwester. Bemerkst du nicht den Balken in deinem eigenen Auge?42Wie kannst du zu deinem Bruder oder zu deiner Schwester sagen: ›Komm her! Ich zieh dir den Splitter aus deinem Auge. ‹Siehst du nicht den Balken in deinem eigenen Auge? Du Scheinheiliger! Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge! Dann hast du den Blick frei, um den Splitter aus dem Auge deines Bruders oder deiner Schwester zu ziehen.«

Glaubensbekenntnis

Lied EG 428 1+2+5 Komm in unsre stolze Welt

Predigt
„Man kann sich seine Familie nicht aussuchen.“ Der Mann saß vor seiner Kaffeetasse und schaute in die milchbraune Pfütze darin. Graue Haare fielen ihm in die Stirn und ließen Schuppen auf sein schwarzes Jackett rieseln. Er strich die Haare zurück, sah auf und blickte auf die Frau in den Fünfzigern, die ihm gegenüber saß. Dann ließ er seinen Blick durch die Gaststube mit den dunkel gekleideten Menschen schweifen. Ungefähr die Hälfte von ihnen war Verwandtschaft. Der Rest waren Freunde und Bekannte. Sie saßen in Gruppen an den Tischen, aßen Butterkuchen und hoben ab und zu die Thermoskannen, um zu sehen, ob noch Kaffee da war. Manche redeten noch über Vater, der nun seit knapp zwei Stunden neben seiner Frau auf dem Friedhof lag. Bei anderen war das Gespräch schon bei der Arbeit, der Politik oder den Enkelkindern.
 
„Man kann sich seine Familie nicht aussuchen“, wiederholte er mit Nachdruck. „Du wirst geboren und dann ist die Familie schon da. Vielleicht kriegst du noch Geschwister oder einen Stiefvater, aber darauf hast du keinen Einfluss. Und ob sie dich unterbuttern oder du Mutters Nesthäkchen wirst, entscheidest du auch nicht selbst.“ Die Frau ihm gegenüber schwieg und überlegte, ob sie sich schuldig fühlen sollte, weil sie das Nesthäkchen gewesen war.

„Nicht jeder kriegt die Familie, die er verdient“, setzte er hinzu. „Überhaupt kriegen die meisten nicht das, was sie verdienen. Jedenfalls, wenn ‚verdienen‘ bedeutet, dass man dafür was getan hat. Du kriegst vielleicht Geld für deine Arbeit. Aber ‚verdienen‘? Wenn du den Betrieb deines Vaters erbst und der läuft gut und du kaufst dir einen Mercedes – nicht mal dann hast du dir den komplett verdient. Und wenn du studierst, weil dir deine Eltern in der Schule geholfen und immer schöne Bücher gekauft haben – hast du das dann etwa mehr verdient als der Michi aus deiner Klasse, der schon als Zweijähriger Stubenarrest gekriegt und später nicht mal seinen Hauptschulabschluss geschafft hat? Was verdient man überhaupt im Leben? Dass du Krankheiten kriegst oder dein Kind einen Unfall hat?“ Seine Stimme brach kurz weg. Dann fing er sich wieder.
 
„Ich sag dir was. Das eigentliche Problem ist, dass die Leute nicht wahrhaben wollen, dass sie sich fast nichts in ihrem Leben verdient haben. Ihren Erfolg, ihr Haus, ihr Auto, ihre Frau, ihre Gesundheit. Nimm dir einen beliebigen Lebenslauf. Und dann lass mal plötzlich den liebevollen Papa weg. Oder die Oma, die sich immer gekümmert hat. Oder den tollen Deutschlehrer. Die Ehefrau, die kostenlos den Haushalt und die Kinder versorgt. Oder nimm den Zufall weg, dass du in Deutschland geboren bist und nicht in Somalia. Und so weiter. Dann merkst du, dass du fast nichts von all dem Mist selbst verdient hast. Dass total viel Glück eine Rolle spielt, wenn’s dir gut geht. Aber das wollen die Leute ja nicht wahrhaben. Weil das an ihrem Selbstbewusstsein kratzt. Und wenn sie sich eingestehen würden, dass man das meiste unverdient geschenkt bekommen hat, müssten sie ja vielleicht zu dem Schluss kommen, dass man auch mal was abgeben könnte. Wenn man schon nicht gerecht teilt. Weil noch nie gerecht geteilt worden ist.“ Seine Stimme wurde bitter.
 
Die Frau sah an ihm vorbei zu einem Mann, der zwei Tische weiter saß. Er hatte den Gesichtsausdruck eines angemessen trauernden Sohnes. Aber er wirkte nicht trostbedürftig. Er wirkte überhaupt nicht bedürftig, sondern kümmerte sich um die Leute um ihn herum. Obwohl er auf die Sechzig zuging, sah er attraktiv aus in seinem dunklen Anzug und strahlte Selbstsicherheit und Zugewandtheit aus. Er wirkte wie der Gastgeber hier, dabei hatten seine vielen Geschwister sich um alles hier gekümmert. „Hast du mal mit ihm geredet?“, fragte sie. „Ich bin doch nicht blöd!“, entgegnete er. „Es hat sich nichts geändert. Es ist genau wie früher. Einer ist der Prinz und die anderen liegen ihm zu Füßen.“
 
Lassen Sie uns für einen Moment aus der Geschichte herausspringen. „Einer ist der Prinz“, das kennt man. Manchmal ist der kleine Bruder der Prinz, manchmal der Kollege in der Firma, manchmal die Nachbarin. Der Prinz kriegt meistens, was er will. Er weiß, wie man sich bei denen, die Einfluss haben, lieb Kind macht. Die anderen müssen eben zusehen. Manchmal ist das nur anstrengend, aber richtig weh tut es unter Geschwistern.

Wer sich in der Kindheit ungerecht behandelt fühlt, vergisst das nicht. Im Gegenteil. Oft wird es schlimmer mit zunehmendem Alter. Alle Gefühle von Ungerechtigkeit und Zurücksetzung sind wieder da. Und all die Fragen. „Hast du meine Schwester wirklich mehr gemocht als mich? Oder hat es nur so ausgesehen?“ „Warum hat unser Bruder den Betrieb allein geerbt und nicht wir alle zusammen?“ „Hatten wir anderen deine Zuneigung nicht verdient?“ Wenn man das aber die Eltern nicht mehr fragen kann, weil sie inzwischen verstorben sind, muss man wohl oder übel ohne Antwort weiterleben. Und sich fragen, wem man jetzt die Schuld für das alles geben soll.
 
In unserem heutigen Predigttext, der Geschichte von Josef und seinen Brüdern scheint verhältnismäßig klar, wer die Bösen und die Guten sind: Die Bösen sind die Geschwister, die das Lieblingskind ihres Vaters nach Ägypten verkauft haben. Sie haben sich von ihrer Eifersucht zu einem Verbrechen hinreißen lassen und ihren Vater belogen und getäuscht. Ihr Bruder Josef dagegen ist der Gute, Edle, der unschuldig zum Sklaven wird, durch eine Intrige im Gefängnis landet, aber dann doch wie Phönix aus der Asche steigt und das Leben eines großen Patriarchen führt. Er kann es sich am Ende sogar leisten, seine ganze Großfamilie mitzuversorgen. Ich lese
 
Lesen des Textes. 1. Buch Mose 50,15-21
Josefs Edelmut und sein Tod
15Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben.
16Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: 17So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als man ihm solches sagte.
18Und seine Brüder gingen selbst hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. 19Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt? 20Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber
Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. 21So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.

Wenn man nun das Evangelium noch im Ohr hat, verliert die Josefsgeschichte plötzlich etwas von ihrer märchenhaften Eindeutigkeit. „Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge?“ Einen Splitter im Auge hat auch Josef. Er hatte ja früher offenbar keine Schwierigkeiten damit, das Lieblingskind zu sein und bevorzugt zu werden. Im Gegenteil. Er zeigte sein Überlegenheitsgefühl und seine Herrschaftsträume deutlich genug. Natürlich ist das nicht halb so schlimm wie der Verkauf des eigenen Bruders, aber die feine Art ist es auch nicht gerade. In Wirklichkeit hat nicht nur Josef seinen Brüdern etwas zu vergeben, sondern auch umgekehrt. Genau genommen hätte auch der Vater, der seinen Lieblingssohn so schamlos bevorzugt hat, die Vergebung seiner Kinder nötig gehabt.

Lässt sich das überhaupt alles ausräumen, wie es der biblische Text behauptet? Oder wird hinter der nackten Existenzangst, die Josefs Brüder zur Unterwerfung treibt und sie aus Angst einen Versöhnungswunsch des alten Vaters erfinden lässt, die alte Eifersucht immer weiterschwelen? Hat vielleicht Josef seine Brüder am Ende so bereitwillig versorgt, nicht, weil er es sich leisten konnte, sondern weil er eingesehen hatte, dass er ihnen auch etwas schuldig geblieben war? Und weil er nicht über die Lippen brachte, dass er auch auf ihre Vergebung angewiesen war und nicht nur sie auf die seine?
 
Nur in den ganz extremen Fällen sind Schuld und Vergebung einseitig verteilt. Im normalen Familienleben ist es meistens komplizierter. Meist sieht man die größere Schuld bei anderen und bei sich selbst die kleinere – wenn überhaupt. Man glaubt zu wissen, was man selbst verdient hätte und was der andere verdient hätte. Nur: der andere glaubt es auch zu wissen. Bloß andersherum. Deswegen warten beide auf den ersten Schritt des anderen. Vergeblich.
 
Der gedämpfte Lärm in der Gaststube nahm ab. Langsam leerte sich der Raum. Noch immer saß der Mann am Tisch und hielt sich an der kalten Kaffeetasse fest. Die Frau ihm gegenüber legte ihm die Hand auf den Arm. „Es tut mir leid, dass ich das Nesthäkchen war“, sagte sie. „Ich fand es schön, von allen verhätschelt zu werden, aber ich habe nicht darüber nachgedacht, dass es dich oder euch kränken könnte.“ Überrascht sah er auf. „Aber ich meinte gar nicht dich“, sagte er. „Du musst dich doch nicht entschuldigen. Ich meinte ihn.“ Er sah zum seinem Bruder hinüber. Dieser wirkte inzwischen nicht mehr so attraktiv und selbstbewusst wie noch vor einer Viertelstunde. Die Freunde der Familie hatten sich verabschiedet. Niemand war mehr da, um den der gut gekleidete Mann sich kümmern konnte. Der letzte Mensch, dessen Lieblingskind er gewesen war, war unter der Erde. Und obwohl alle seine Geschwister noch da waren, saß er jetzt allein und spielte mit den Krümeln auf der Tischdecke. Trotz seiner augenscheinlichen Einsamkeit schien er noch nicht gehen zu wollen.
 
Seine Schwester bemerkte es auch. Dann sah sie ihr Gegenüber an. „Vielleicht bin nicht ich die, die sich entschuldigen muss“, sagte sie. „Aber vielleicht kann er auch nicht so viel dafür, wie wir denken. Vielleicht konnten nicht mal unsere Eltern so viel dafür. Du hast schon Recht: Was verdient man schon in seinem Leben! Unser verkorkstes Verhältnis haben wir alle nicht verdient. Deswegen kann genauso gut ich den Anfang machen.“

Lied EG+ 135 Wie ein Fest nach langer Trauer

Fürbitten
Gott, deine Augen sehen die Welt. Du übersiehst uns nicht und du übersiehst auch kein Unrecht. Dafür danken wir dir.
 
Gott, wir bitten dich für alle Länder, in denen die Bevölkerung gespalten ist und die einen die anderen verteufeln: Lass die Menschen einander zuhören und sich darin üben, die anderen zu verstehen.
 
Gott, wir bitten dich für alle, die sich für Gerechtigkeit einsetzen und denen das Urteilen nicht erspart bleibt: Für Richter, Anwältinnen und Polizisten, für Menschenrechtler und Aktivistinnen. Gib ihnen ein klares Urteilsvermögen und ein gütiges Herz.
 
Gott, wir bitten dich für alle Familien, für die zerstrittenen, aber auch die harmonischen und die vielen, die irgendwo dazwischen liegen: Schenke ihnen anhaltenden Frieden, nachwachsende Freude aneinander und ein vertrauensvolles Miteinander.

Gott, wir bitten dich für alle, die von einem lieben Menschen Abschied nehmen mussten. So bitten wir dich heute besonders für die Angehörigen von _, die wir in dieser Woche unter deinem Segen bestattet haben. Wir bitten dich: Nimm unsere Verstorbenen bei dir auf und tröste die Angehörigen.

Gott, wir bitten dich für uns selbst: Nimm von uns die Lust, über andere zu urteilen.
Schenke uns Wohlwollen und Verständnis. Gib uns einen Gerechtigkeitssinn, der den anderen ebenso dient wie uns selbst.

Vater Unser
Abkündigungen
Segen

Gottesdienst am 20.6.2021 mit Video von Pfarrerin Susanne Pieper

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar.

Musik

Begrüßung
Wir feiern Gottesdienst. Hier sind alle herzlich willkommen. Um das Suchen und Finden geht es heute. In Gottes Nähe sollen wir finden, was uns glücklich macht. Segen will uns den Rücken stärken – über den Tag hinaus.  All diese Versprechen liegen verborgen in dem Bibelwort aus Lukas 19,10, das uns in die neue Woche begleitet. Hören wir es gemeinsam: „Der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ging.“
Lasst uns den Gottesdienst feiern im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Meditation zu Psalm 103
Ich will Gott loben mit meiner Seele und ihm mit allem, was in mir ist, preisen.
   Ich will ihm danken und ihm nicht vergessen, was er mir Gutes getan hat.
Er hat mich geliebt, als ich mich selbst nicht lieben konnte. Seine Gnade und Barmherzigkeit haben mich umhüllt wie ein warmer Mantel.
   Gott hat mich herausgeholt aus dem Loch, in das ich mich zurückgezogen habe.
Er hat mir Freude geschenkt und mich wieder fröhlich gemacht.
   Wie ein Adler kann ich mein Nest verlassen. Gott nimmt mich an trotz allem, was ich getan und gedacht habe.
Seine Gnade ist so groß wie der Himmel, der sich über der Erde wölbt.
   Meine Schuld vergibt er mir und ich darf zu ihm kommen wie zu einem Vater und einer Mutter. Amen.

Lied EG 447,1.2.4
1 Lobet den Herren alle, die ihn ehren; lasst uns mit Freuden seinem Namen singen und Preis und Dank zu seinem Altar bringen. Lobet den Herrn!
2 Der unser Leben, das er uns gegeben, in dieser Nacht so väterlich bedecket und aus dem Schlaf uns fröhlich auferwecket: Lobet den Herren!
4 Gib, dass wir heute, Herr, durch dein Geleite auf unsern Wegen unverhindert gehen und überall in deiner Gnade stehen. Lobet den Herren!

Lesung Lukas 15,1-10
Immer wieder kamen viele Zolleinnehmer und andere Leute, die zu den Sündern gezählt wurden, zu Jesus, um ihn zu hören. Die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten und sagten: „Mit welchen sündigen Leuten gibt er sich da ab! Er isst sogar mit ihnen!“

Da erzählte ihnen Jesus folgendes Gleichnis: „Stellt euch vor, einer von euch hätte hundert Schafe und eins davon geht verloren, was wird er tun? Lässt er nicht die neunundneunzig in der Wildnis zurück, um das verlorene Schaf solange zu suchen, bis er es gefunden hat? Und wenn er es gefunden hat, so nimmt er es voller Freude auf seine Schultern und trägt es nach Hause. Dort angekommen ruft er seine Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: ‚Freut euch mit mir, ich habe mein verlorenes Schaf wiedergefunden!‘  

Ich sage euch: So wird auch im Himmel Freude herrschen über einen Sünder, der zu Gott umkehrt – mehr als über neunundneunzig andere, die nach Gottes Willen leben und es deshalb gar nicht nötig haben, zu ihm umzukehren.

Oder nehmt ein anderes Beispiel: Eine Frau hat zehn Silbermünzen gespart. Eines Tages verliert sie eine davon. Sofort zündet sie eine Lampe an, stellt das ganze Haus auf den Kopf und sucht in allen Ecken. Endlich findet sie die Münze. Sie ruft ihre Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und erzählt: ‚Ich habe mein verlorenes Geld wiedergefunden! Freut euch mit mir!‘ Genauso freuen sich auch die Engel Gottes, wenn ein einziger Sünder zu Gott umkehrt.“

Gebet
Du, liebender Gott, siehst mich an.
Ich bin in diese Kirche gekommen.
Ich suche dich auf, Gott.
Ich bin auf der Suche nach dir – mit meinen Gedanken.
Mit meiner Seele.
Und mit meinem Gebet.
Ich bin durstig nach dir.
Und das ist meine Bitte:
Dass du mich findest.
Mich ansprichst und mich berührst.
Komm auf mich zu mit deinem guten Wort
Und mit deinem Segen.
So kann ich leben.
Und finde neue Kräfte. Amen.

Ansprache
Gottes Liebe, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen

Es gibt ein Ritual bei uns zuhause, liebe Gemeinde, und das geht so -  ich frage meinen Mann: „Hast du mein Handy gesehen?“ Er antwortet: „Ach, schon wieder? Also:  grundsätzlich hilft es, zu überlegen, wo du es zuletzt gehabt hast…“ „Ja, wenn ich das wüsste...kannst du mich mal anrufen?“ Und er tut es wieder einmal in seiner unnachahmlichen Geduld. Bald schon klingelt es irgendwo im Haus. Ganz leise. Aber verheißungsvoll. Mit spitzen Ohren laufe ich dem vertrauten Ton entgegen. „Ich hab’s!“ kommt dann endlich der ersehnte Schrei.

Alltagsrituale. Gut, wenn man darüber noch lachen kann. Gut, wenn man vor allem über sich selbst lachen kann. Das Handy kann man ja jedenfalls noch anrufen. Bei der Lesebrille, dem Schlüsselbund, dem Portemonnaie oder dem Schulheft wäre es schon schwieriger. Ja, Suchen und Finden sind ein Teil unseres Lebens. Es ist ärgerlich, weil es uns unterbricht und unnötige Zeit raubt. Es ist aber auch lehrreich, weil wir wieder einmal daran erinnert werden, dass alles irgendwo wohnen sollte und seinen festen Platz haben sollte. Vor allem aber gehört ja zu diesem Spiel die Freude! Die große Erleichterung, etwas wiedergefunden zu haben. Denn immer ist damit das Gefühl verbunden, dass die Welt wieder etwas mehr in Ordnung ist, vollständiger und runder ist.

Vor allem von der Freude handeln auch die beiden Gleichnisse, die Jesus erzählt. Die Freude über das Wiedergefundene, das ist die Pointe der beiden kleinen Beispielgeschichten. Der Hirte mit seinem verlorenen Schaf und die Frau mit ihrer Silbermünze -  sie beide halten mit ihrer Freude und Erleichterung nicht hinter den Berg. Schnell rufen sie ihre Freunde und Freundinnen, ihre Nachbarn und Nachbarinnen zusammen und fordern sie begeistert auf: „Freut euch mit mir! Ich muss euch etwas erzählen.“  Wir sind da wohl heute meistens verschämter. Über das eigene Missgeschick spricht man halt nicht gern; das ist doch peinlich! In welches Licht gerät man denn dann…  In den Gleichnissen aber wird die Freude großzügig mit anderen geteilt. Dieses Glück des Wiederfindens ist doch alles andere als selbstverständlich! Deshalb können es ruhig alle wissen. Und schließlich ist das Suchen und das Finden doch einfach auch etwas ganz Menschliches, das jedem und jeder passieren kann.

Warum eigentlich erzählt Jesus diese beiden Gleichnisse? Er will damit sein eigenes Verhalten erklären. Jesus bietet immer wieder denen seine Gemeinschaft und seine Nähe an, die in der Gesellschaft seiner Zeit nicht gut angesehen sind: den Zolleinnehmern,  die mit den römischen Besatzern ihre Geschäfte machen und  denen,  die die Gebote nicht halten und zu den verrufenen Leuten gehören. Nun gibt es aber auch die Pharisäer, die dafür bekannt sind, dass sie im Alltag die Gebote genau befolgen. Und es gibt die Schriftgelehrten, die die Menschen in den Heiligen Schriften unterweisen. Verschiedene Gruppierungen also treten hier auf, und sie alle verhalten sich sehr unterschiedlich Jesus gegenüber: Zöllner und Sünder kommen zu ihm, um ihn zu hören. Gerade sie fühlen sich von ihm angesprochen. Schriftgelehrte und pharisäische Menschen kommen dagegen, um genau diese Nähe zwischen Jesus und den schlecht Angesehenen zu kritisieren, zu hinterfragen. Sie wollen wissen, auf welcher Seite Jesus steht. Und vielleicht sind sie einfach irritiert, denn Jesus hat ja auch schon mehrfach Einladungen zum Essen angenommen, die Pharisäer ihm gegenüber ausgesprochen haben. Also:  wie sollen sie das alles verstehen?

Wir können an dieser Situation etwas sehen: es geschieht sehr leicht, die eigene Identität zu definieren, indem man sich von anderen Gruppen abgrenzt. Häufig zeigt sich die Identität in bestimmten Gruppenzugehörigkeiten.  Das heißt, wir sortieren sowohl uns selbst als auch andere oft ganz schnell bestimmten Gruppen zu: bist du Kaffee- oder Teetrinker? Frühaufsteherin oder Nachtarbeiter, Lerche oder Eule? Dortmund –, Schalke -  oder Bayern - Fan? Grünwähler oder CDU – Wählerin? Solche Vorlieben zeigen etwas von unserem Lebensstil, und sie schaffen uns eine eigene Identität. Oftmals aber wird nun die Identität auch mit einer Art von Negativfolie konstruiert. Das zeigen soziologische Untersuchungen. Das zeigen aber genauso auch unsere Alltagserfahrungen. Menschen haben ein Interesse daran, die eigene Identität aufzuwerten, und das geschieht oft dadurch, dass man andere Gruppen abwertet und sich ganz klar von ihnen abgrenzt.  Mit „den anderen“ möchte man dann auf keinen Fall verwechselt werden, mit ihnen möchte man keine Gemeinschaft haben. Und so entstehen sehr schnell unsichtbare Gräben zwischen den Menschen.

In der letzten Konfirmandenstunde haben wir uns mit den Gleichnissen Jesu aus dem heutigen Predigttext beschäftigt, und ich habe meine Konfis gefragt: Was meint ihr, wer wären heute die verlorenen Schafe oder die verlorenen Münzen? Da kamen viele Antworten: „Ausgegrenzte Leute, Obdachlose, Bettler, drogensüchtige Menschen, politisch oder religiös extreme Leute, oder solche, die andere mobben.“  Zu denen geht man erstmal auf Distanz. Das ist verständlich, aber es schafft ja auch weitere tiefe Risse und Gräben. Und die Frage ist, wie sie überwunden werden können. Und wie man in einen hilfreichen Dialog miteinander kommen kann, der etwas verändert.

Wenn in unserer Geschichte die Pharisäer und Schriftgelehrten murren, dann drücken sie damit nicht nur ihre Gruppenidentität aus. Sie sehen Jesus auch als einen der ihren an, als einen Lehrer, und wollen, dass er sich von den sogenannten Sündern fernhalten soll. Vielleicht wollen sie ihn einfach auch schützen.

Jesus aber nimmt mit seinen Gleichnissen eine andere Perspektive ein, quasi eine göttliche. Er geht immer gerade auf die anderen zu. Auf die, die an den Rändern sind. Er blickt die Menschen anders an. Blickt vor allem jeden Einzelnen anders an. Jesus sieht zuerst auf die Person und erst dann auf ihr Verhalten. Er unterscheidet zwischen Person und Tat. Er schaut den Menschen zunächst mit einem liebevollen Blick an, bevor er ihn beurteilt. Und er blickt durch das Äußere hindurch auf das Innere, durch die Fassade hindurch auf den Kern. Darüberhinaus Jesus geht davon aus, dass Menschen sich auch ändern können. Deshalb kommen sie in Scharen, um ihn zu hören. Deshalb werden sie von ihm angezogen. Und sie erkennen durch das Verhalten Jesu, durch seine Unvoreingenommenheit, dass Gott sie liebt. Trotz alledem. Ich bin davon überzeugt, dass dies das Geheimnis Jesu ist; seine warme, helle und großartige Ausstrahlung auf die Menschen seiner Zeit.

Jesus versteht sich als Sohn Gottes. Er bringt den Menschen Gottes unendliche Liebe entgegen und Gottes Zuwendung. Wenn die Zöllner und Sünder nun zu ihm kommen, um ihn zu hören, wenn sie mit ihm essen und trinken, dann kehren sie zugleich zu Gott um. Dann kommen sie zurück an den gemeinsamen Tisch, in die große Gemeinschaft der Kinder Gottes. Dann ist es, als würden sie wiedergefunden werden. Weil sie bereit sind, ihr Leben zu ändern und neu anzufangen. Mit ihnen wird die Gemeinschaft wieder vollständig. So wie das verlorene Schaf nun wieder die Herde der anderen Neunundneunzig vollständig macht und die verlorene Münze die Zehnerzahl vervollkommnet. So wie ein letztes Puzzleteil, das sich irgendwo in der Wohnung versteckt hatte, wiedergefunden wird und das Puzzle nun endlich fertig wird und schön.

„Freut euch darüber!“ ist also die Botschaft Jesu.  Gottes Gemeinschaft ist größer als ihr denkt. Zieht den Kreis nicht zu klein. Gott freut sich über jeden Menschen, der auf seine Liebe antwortet und zu ihm zurückkommt. Gott gibt niemanden verloren, und jeder einzelne Mensch ist ihm wichtig. Jede und Jeder soll ein Teil der Gemeinschaft sein.

Und dann wechsele ich plötzlich noch einmal die Perspektive. Und bin selbst mitten im Gleichnis drin. Manchmal bin ich ja selbst so wie eine kleine Münze, die davongerollt ist. Und nun irgendwo liegt, im Licht oder im Schatten, mit meinen Fragen und Zweifeln, mit meinen Unsicherheiten, quälenden Gedanken und Sorgen, und ich warte darauf, gefunden zu werden.  Wie gut ist es da, zu hören, dass sich jemand auf die Suche macht, nach mir, nach dir, nach uns allen.  Ein Licht anzündet, in alle Ecken und Räume leuchtet, und auf die Knie geht, um das Verlorengegangene zu finden. Um mich, um dich zu finden. Gott ist wie der Hirte. Gott ist wie die Frau, die uns sucht. Mit dieser Gewissheit dürfen wir leben: dass wir gesucht und gefunden werden. In der Dunkelheit, wenn wir uns klein und verloren fühlen. Oder im Licht, wenn das Leben auf uns scheint. Immer ist jemand da, der nach uns fragt und dem wir wichtig sind. Immer ist jemand da, der uns liebt. Gott nimmt uns in seine Hände, er trägt uns auf seinen Schultern, er bringt uns nach Hause und in die Gemeinschaft. Wir sind nicht allein. Wir dürfen zusammen das Leben feiern.

Und Gottes Friede, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Lied 152 Suchen und fragen (Erdentöne, Himmelsklang)
1 Suchen und fragen, hoffen und sehn, miteinander glauben und sich verstehn, lachen, sich öffnen, tanzen, befrein.
So spricht Gott sein Ja, so stirbt unser Nein. So spricht Gott sein Ja, so stirbt unser Nein.
2 Klagende hören, Trauernde sehn, aneinander glauben und sich verstehn, auf unsre Armut lässt Gott sich ein.
So spricht Gott sein Ja, so stirbt unser Nein. So spricht Gott sein Ja, so stirbt unser Nein.
3 Planen und bauen, Neuland begehn, füreinander glauben und sich verstehn, leben für Viele, Brot sein und Wein.
So spricht Gott sein Ja, so stirbt unser Nein. So spricht Gott sein Ja, so stirbt unser Nein.

Fürbitten
1 Du, Quelle meines Lebens, ich hab dich gesucht und du hast mich gefunden. Vor dir darf ich sein. Einfach da sein und leben. Du beurteilst mich nicht nach tausend Maßstäben. Du taxierst mich nicht ab. Bist nicht mit mir fertig.  So wie es mir gerade geht, darf ich vor dir sein. Von Herzen danke ich dir für deine unendliche Liebe zu mir.
2 Heute bringen wir dir als Gemeinde, was uns auf dem Herzen liegt. Für alle, die ihren Ort in dieser Welt noch nicht gefunden haben, bitten wir. Zeige ihnen ein Zuhause, in dem sie heimisch werden können.
3 Für alle, die sich leer fühlen und unnütz, bitten wir. Zeige ihnen eine Aufgabe, die ihnen Spaß macht und die sie erfüllt.
4 Für alle, die krank sind, bitten wir. Sei du an ihrer Seite, tröste sie, stärke sie und lass sie alle Liebe erfahren, die sie jetzt gerade benötigen.
5 Bitte für die getauften Kinder und für die verstorbenen Mitglieder der Gemeinde

Vaterunser

Abkündigungen

Segen
Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Amen

Musik

Gottesdienst am 13.6.2021 mit Video von Pfarrerin Meike Naumann

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar.

Orgelvorspiel

Votum

Begrüßung
Christus spricht: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid: ich will euch erquicken. Mit dem Wochenspruch begrüße ich Sie alle ganz herzlich in diesem Gottesdienst. Möge Sie dieser Gottesdienst erquicken, wenn Sie die Nähe Gottes suchen, in Freude und im Leid, in Hoffnung und in Sorge oder einfach auf der Suche nach Seelenfrieden. Möge Ihre Sehnsucht zumindest ein wenig gestillt werden - und dennoch lebendig bleiben.

Psalm 36,6-10
Herr, deine Güte reicht, soweit der Himmel ist,
und deine Wahrheit soweit die Wolken gehen.
    Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes/
    Und dein Recht wie die große Tiefe.
Herr, du hilfst Menschen und Tieren.
Wie köstlich ist deine Güte, Gott,
dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben.
Sie werden satt von den reichen Gütern deines Hauses,
    und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom.
Denn bei dir ist die Quelle des Lebens,
und in deinem Lichte sehen wir das Licht.

Gebet
Barmherziger Gott,
dein Sohn lädt uns ein, uns mit unseren Sorgen und Ängsten, unserer Erschöpfung und Reue vertrauensvoll an dich zu wenden. Du willst uns wieder aufrichten und neue Kraft schenken. Dafür danken wir dir und bitten dich heute am Wahltag: Gib deinen Geist, schenke uns gute Nerven und Gelassenheit dazu. Wie es auch wird- deine Güte bleibt, für uns, für alle, heute und immer.

Lesung Epheser 2,17-22

Musik

Predigt in szenischer Lesung
P= Pfarrerin                G: Gemeindeglied

P:   
Liebe Gemeinde, der Predigttext für heute steht im 1. Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth. Im 14. Kapitel.
G:    (meldet sich räuspernd und kommt nach vorn)
Also, dieser Text – ich muss schon sagen – der ist reichlich seltsam…. Ich habe den schon zweimal gelesen, das versteht doch kein normaler Mensch….
P:    
Sie haben sich ja richtig auf den Gottesdienst vorbereitet. Das finde ich richtig gut. Aber vielleicht lassen Sie mich den Text erstmal vorlesen, dann wissen alle hier, worum es geht.
„Strebt nach der Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber darum, dass ihr prophetisch redet! Denn wer in Zungen redet, der redet nicht zu Menschen, sondern zu Gott. Denn niemand versteht: im Geist redet er Geheimnisse.!
G:     
Entschuldigung, aber da muss ich direkt unterbrechen. Zungenreden – ohne Zunge kann man doch gar nicht reden. Soll das eine Geheimsprache sein von der Paulus da spricht? Kompliziertes Gerede mit tausend Fremdwörtern die niemand versteht? Und kann es sein, dass Paulus das gar nicht gut findet?
P:    
Ehrlich gesagt: Zungenreden zu erklären ist gar nicht so einfach. Es war damals in Korinth gerade ziemlich in. Aber es war auch nicht unumstritten.
G:     
Ich habe das so verstanden, dass der Heilige Geist einem da so eine Art Geistesblitz schickt und dann kann man es einfach –
P:    
Lassen Sie mich versuchen es zu erklären. Zungenreden ist eine Art von Gebet. Allerdings kann man die Worte, die da gebetet werden, nicht verstehen. Es ist oft keine richtige Sprache. Die Menschen, die in Zungen reden sind wie in Ekstase. Sie sind vom heiligen Geist ergriffen. Es ist ein spirituelles Erlebnis. Etwas ganz Persönliches. Das hat nicht jeder und diese Art zu beten liegt auch nicht jedem.
G:    
Das ist krass. Die Menschen schalten einfach ihren Verstand aus und lassen ihre Gefühle raus? Sie sind aus dem Häuschen?
P:    
Manche nennen das Zungenreden auch Engelssprache. Das soll ausdrücken, dass zwischen dem Menschen, der betet und dem Göttlichen eine ganz besondere Verbindung entsteht.
G:    
Wozu soll das denn gut sein?
P:    
Genau mit dieser Frage hat Paulus sich beschäftigt. Denn das Zungenreden hat die Konflikte in der Gemeinde in Korinth noch verschärft.
G:    
Gab es da auch schon Knatsch? Ich dachte, da wäre die Welt noch in Ordnung gewesen…Über was haben die sich denn gestritten?
P:    
Streit gab es auch in Korinth schon genug. Es gab Streit zwischen Armen und Reichen. Es gab welche, die meinten, sie seien die besseren Christ*innen. Und es gab Streit darüber, wie die frohe Botschaft von Jesus Christus weitererzählt werden sollte. Und zwar so, dass auch Nichtchrist*innen die Botschaft verstehen.
G:     
Zungenrede scheint mir da nur bedingt geeignet zu sein?! – Und Paulus war auch nicht wirklich begeistert, wenn ich es richtig gelesen habe….
P:    
Das stimmt. Paulus ist das Reden zwar auch ziemlich schwergefallen, aber hat sich gegen die Zungenrede ausgesprochen. - Aber ich lese mal weiter, dann klärt sich vielleicht einiges:

„Wer aber prophetisch redet, der redet zu Menschen zu Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung. Wer in Zungen redet, der erbaut sich selbst; wer aber prophetisch redet, der erbaut die Gemeinde. Ich möchte, dass ihr alle in Zungen reden könnt, aber noch viel mehr, dass ihr prophetisch redet. Denn wer prophetisch redet, ist größer als der, der in Zungen redet; es sei denn, er legt es auch aus, auf das die Gemeinde erbaut werde. Nun aber, Brüder und Schwestern, wenn ich zu euch käme und redete in Zungen, was würde ich euch nützen, wenn ich nicht mit euch redete in Worten der Offenbarung oder der Erkenntnis oder der Prophetie oder der Lehre?“
G:     
Da eiert der Paulus aber ganz schön rum! Zungenreden ja, aber nur mit Übersetzung! Richtig geheuer sind diese Zungenredner dem Paulus scheinbar nicht. Der wirkt auch sonst eher nüchtern und durchdacht.
P:    
Ja, das stimmt. Paulus durchdenkt alles ganz genau, was er sagt. Mit zu viel Ekstase kann er nichts anfangen, obwohl er anderen das durchaus zugesteht. Was er aber gar nicht gelten lässt, ist die Haltung einiger Menschen in Korinth, die behaupten, dass nur wer in Zungen redet auch ein echter Christ / eine echte Christin ist. Und erst recht nicht, dass man damit angibt, so nach dem Motto: guck mal, ich habe den besseren Draht zu Gott als du.
G:    
Da war ja ganz schön was los in der Gemeinde. Das ging bestimmt hoch her zwischen diesen Gruppen. Da frage ich mich, wie die ihren Kirchenvorstand gewählt haben. Und wer den Job machen wollte?! So eine Gemeinde zusammenzuhalten – das ist doch unmöglich!
P:    
Die Botschaft von Jesus Christus kann auf verschiedene Arten verbreitet werden, das ist für Paulus ok, aber es muss immer verstehbar sein. Paulus schreibt weiter:

„So verhält es sich auch mit leblosen Instrumenten, es sei eine Flöte oder eine Harfe: Wenn sie nicht unterschiedliche Töne von sich geben, wie kann man erkennen, was auf der Flöte oder Harfe gespielt wird? Und wenn die Posaune einen undeutlichen Ton gibt, wer wird sich zur Schlacht rüsten?“
G:    
Wenn alle den gleichen Ton spielen würden, das wäre absolut langweilig! In einer Gemeinde muss es verschiedene Klangfarben geben, da hat Paulus völlig recht.
P:    
Es ist aber auch so, dass die verschiedenen Instrumente aufeinander hören müssen, wenn sie zusammenspielen. Davon lebt jedes Ensemble, jedes Orchester, selbst der Gemeindegesang.
G:    
das heißt aber nicht, dass man nicht verschiedener Meinung sein darf! Es muss auch mal einen gepflegten Streit geben.
P:    
das sehe ich und das sieht auch Paulus so. Aber es muss immer fair bleiben. Es muss um die Sache gehen und alle müssen sich gegenseitig zuhören und die Argumente der anderen ernstnehmen. Es darf niemand verletzt werden oder ausgelacht.

Aber bevor wir vom eigentlichen Thema Zungenrede abkommen: Der Predigttext ist noch nicht Ende:

Paulus schreibt: „So auch ihr: Wenn ihr in Zungen redet und nicht mit deutlichen Worten, wie kann man wissen, was gemeint ist? Ihr werdet in den Wind reden. Es gibt vielerlei Sprachen in der Welt, und nichts ist ohne Sprache. Wenn ich nun die Bedeutung der Sprache nicht kenne, werde ich ein Fremder sein für den, der redet, und der redet, wird für mich ein Fremder sein. So auch ihr: da ihr euch bemüht um die Gaben des Geistes, so trachtet danach, dass ihr sie im Überfluss habt und so die Gemeinde erbaut.“
G.    
Also geht es darum, dass wir uns einig sind, darüber, dass wir uns uneinig sind? Das ist jetzt nicht so befriedigend, oder? In einer Gemeinde müssen doch auch Entscheidungen getroffen werden.
P:    
Dafür gibt es den Kirchenvorstand.
G:    
Und wie soll so ein Kirchenvorstand zu einer Entscheidung kommen, wenn alle andere Meinungen haben? So wie damals in Korinth?
P:    
Ja, das ist richtig schwer. Aber Paulus gibt uns eine Richtschnur, die alternativlos ist. Die Liebe!
G.    
Also, jetzt wirklich – was hat – bitte schön – die Liebe mit einem Kirchenvorstand zu tun?
P:    
Die Liebe steht in unserem Grundsatzprogramm als Kirche. Ein Kapitel vorher schreibt Paulus den Korinthern: „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.“ (1 kor 13,1)
G:    
Ist das ein Seitenhieb auf die enthusiastische Zungenrede?
P.    
Nein, die anderen kommen genauso dran. Paulus schreibt: „Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, so dass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.“
G:     
Wenn ich mich richtig erinnere, dann fängt doch der Predigttext über das Zungenreden auch mit der Liebe an. Wie war das nochmal?
P:    
„Strebt nach der Liebe“. Das ist wie eine Überschrift.
G:    
Könnte doch ein ganz gutes Motto für einen Kirchenvorstand sein oder für die ganze Kirche.
P.    
Darauf sage ich nur: Ja und Amen!

Musik: EG 417 „Lasst die Wurzel unseres Handelns Liebe sein“

Fürbitten
Herr unser Gott, du lädst uns ein, an deinem Reich mitzuwirken.
Doch du weißt auch um die Zweifel, die uns lähmen; um die Angst, die uns manchmal blind macht für die Nöte anderer Menschen.

Deshalb brauchen wir deine Hilfe und bitten dich:

Für deine Kirche: Dass sie allen, die guten Willens kommen, eine Heimat ist und auch den noch Fernstehenden ein Zuhause wird. Dass sie die richtigen Worte findet, glaubwürdig und begeisternd von dir zu erzählen.

Wir bitten für deine Welt: Sende den Kranken und Notleidendenden Menschen an ihre Seite, die mit ihnen weinen, mit denen sie aber auch lachen können. Hilf uns eine Welt zu schaffen, in der niemand mehr seine Heimat verlassen muss und in der denen geholfen wird, die in Not sind.

Für die Trauernden und Verzweifelten bitten wir: Gib dich denen zu erkennen, die an ihrem Leben verzweifeln- in Einsamkeit und Krankheit. Tröste die Menschen, die um einen lieben Angehörigen trauern.

Wir bitten für deine Gemeinde: Erwecke in ihr immer wieder die Hoffnung auf dein Reich. Lass uns einander in Liebe Wegweiser sein.

In der vergangenen Woche haben wir Abschied genommen von

Wir zünden eine Kerze für sie an und bitten dich: Nimm sei auf in deine Herrlichkeit und schenke ihnen ewige Heimat bei dir.

Für die Trauernden und Verzweifelten bitten wir: Gib dich denen zu erkennen, die an ihrem Leben verzweifeln- in Einsamkeit und Krankheit. Tröste die Menschen, die um einen lieben Angehörigen trauern.

Alles, was uns bewegt, alles Ausgesprochene und Unausgesprochene bringen wir vor dich, wenn wir gemeinsam das Vater unser beten:

Vater Unser
Abkündigungen
Segen
Kantorei

Gottesdienst am 6.6.2021 mit Video von Pfarrerin Susanne Pieper

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar.

Musik

Begrüßung
Seien Sie alle herzlich willkommen an diesem neuen Morgen! Wir feiern den Gottesdienst, um unser Hören auf Gott einzuüben, um seine Stimme herauszuhören aus den vielen anderen Stimmen, die uns Tag für Tag erreichen. Und zugleich wird viel Vertrauen in uns gelegt, in das, was wir als Christinnen und als Christen sagen, was aus unserem Munde kommt.  So sagt Jesus es in den Worten des Wochenspruchs aus dem Lukasevangelium 10,16: „Wer euch hört, der hört mich; und wer euch verachtet, der verachtet mich.“ Darin liegt zum einen die Erinnerung daran, mit Bedacht unsere Worte zu wählen. Und zugleich werden wir mit dieser Zusage Jesu überaus hochgeschätzt.

Lassen Sie uns heute entdecken, was die Worte Gottes für einen Menschen bedeuten können. Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

+144,1.2 Dich rühmt der Morgen

Psalm des Jona 2,1-7
Und Jona betete zum Herrn, seinem Gott, im Leib des Fisches und sprach:
Ich rief zum Herrn in meiner Angst und er antwortete mir. Ich schrie aus dem Rachen des Todes, und du hörtest meine Stimme. Alle deine Wogen und Wellen gingen über mich, dass ich dachte, ich wäre von deinen Augen verstoßen, ich würde deinen heiligen Tempel nicht mehr sehen. Wasser umgaben mich und gingen mir ans Leben, die Tiefe umringte mich, Schilf bedeckte meinen Kopf.

382, 1.3 Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr
Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr, fremd wie dein Name sind mir deine Wege. Seit Menschen leben, rufen sie nach Gott; mein Los ist Tod, hast du nicht andern Segen? Bist du der Gott, der Zukunft mir verheißt? Ich möchte glauben, komm du mir entgegen.
Sprich du das Wort, das tröstet und befreit, und das mich führt in deinen großen Frieden. Schließ auf das Land, das keine Grenzen kennt, und lass mich unter deinen Kindern leben. Sei du mein täglich Brot, so wahr du lebst. Du bist mein Atem, wenn ich zu dir bete.

Psalm des Jona 2,8-11
Als meine Seele in mir verzagte, da gedachte ich an den Herrn, und mein Gebet kam zu dir, in deinen heiligen Tempel. Ich will dir mit Dank Opfer bringen. Meine Gelübde will ich erfüllen dem Gott, der mir geholfen hat.
Und der Herr sprach zu dem Fisch, und der spuckte Jona aus ans Land.

Gebet
Guter Gott, heute kommen wir zu dir. Manchmal laufen wir auch davon, vor unseren Aufgaben und vor Konflikten. Oder vor uns selbst. So wie wir sind, so kommen wir zu dir – mit all unseren Irrwegen und Umwegen.
Zeige uns die Richtung, die wir gehen sollen. Tröste uns und begeistere uns.
Es ist gut zu wissen, dass du überall da bist. In der tiefsten Tiefe und auf den höchsten Höhen. Von allen Seiten umgibst du uns.
So sprich du uns an in dieser Stunde. Das bitten wir im Namen deines Sohnes und im Namen des Heiligen Geistes. Amen.

Ansprache
Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn und Bruders Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Gottvertrauen, liebe Gemeinde,
wir tauchen heute morgen ein in ein Profetenstück vom Gottvertrauen. Ich, nein wir möchten Ihnen heute den Bibeltext von Jona erzählen, und wir werden entdecken, ob und wie wir da selbst vorkommen.

Machen wir uns gemeinsam auf den Weg mit Jona, dem Profeten. Ein wenig kennen wir Jona noch aus der Kinder- bibel von damals oder aus dem einen oder anderen Lied.

1.Akt
Der Vorhang hebt sich.  Und sofort geht es los:
„Das Wort Gottes erging an Jona: ‚Steh auf! Geh nach Ninive, in die riesige Stadt! Predige gegen sie, denn ihre Bosheit ist bis vor mein Angesicht gedrungen!‘“

Welche Zumutung, aber auch: welch ein Vertrauen setzt Gott da in Jona! Er soll aufstehen, losgehen, rufen, kritisieren, nicht aufhören, den Finger in die Wunden der Gesellschaft zu legen, gegen an predigen. Mit nichts Anderem im Gepäck als diesem „Steh auf! Geh!“    Mit Gottes großem Vertrauen, dass er das tun kann. Und ich denke mir: Ninive, das große, unüberschaubare, das gab es nicht nur damals. Das gibt es auch heute: die fehlende Inklusion von Menschen mit Beeinträchtigungen, ihre mangelnde Teilhabe, ein wachsender Antisemitismus in unserer Gesellschaft und eine wachsende Gewaltbereitschaft. Zwangsprostitution, in die Mädchen und junge Frauen geraten, das große, dunkle Netzwerk von Kindesmissbrauch, und die Plattform – User im Darknet. Alltägliche Demütigung und Gewalt gegen Frauen, oftmals verschwiegen. „Schaut hin!“ – so lautete das Motto des Ökumenischen Kirchentages, der gerade hinter uns liegt. Ninive gab es nicht nur damals.  Ninive ist auch heute. Und Gott will, dass auch wir heute hinsehen und aufstehen gegen die Ungerechtigkeit und die Unterdrückung, die uns vor Augen kommt.

2. Akt
„Da stand Jona auf.“
Wir haben es nicht anders erwartet. Ein Profet ist eine mutige Person. Und gehorsam doch noch dazu. Doch da: ein Paukenschlag! „Da stand Jona auf, jedoch um vor Gottes Angesicht zu fliehen.“ Er soll allein in diese riesige Stadt Ninive gehen?? Soll sich hinstellen und rufen? Oder gar predigen? Bestenfalls wird er ausgelacht. Schlimmstenfalls wird er eingekerkert oder umgebracht, wie es üblich ist in den autoritären, diktatorischen Städten dieser Welt. Nein, soviel Gottvertrauen hat Jona dann doch nicht! Er geht zum Hafen nach Jaffa und sucht sich ein Schiff, das so weit weg wie möglich fährt.  Nach Tarsis im heutigen Spanien. Auf die andere Seite des Mittelmeeres. Nur weg von Gottes Angesicht!

Mensch Jona, das kenne ich gut. Ich bin auch schon einmal weggelaufen – oder hätte es an anderer Stelle am liebsten getan. Aufgaben können zu schwer werden. Lasten zu groß. Da möchte man endlich in Ruhe gelassen werden, nicht immer die Verantwortung tragen. Jona, offenbar brauchst du Distanz. Einen ruhigen Ort. Einen Ankerplatz für deine wundgeriebene Seele. Einen sicheren Hafen, einfach ganz weit weg. Und doch, Jona: ich weiß nicht, ob Du so einfach weglaufen kannst. Das hat irgendwie auch etwas Rührendes, was du da vorhast.

3. Akt
Ist es ein Märchen? Oder Fantasy? Das Drama spitzt sich jedenfalls zu:

Jona ist auf dem Schiff. Total erschöpft, verkriecht er sich in das unterste Deck des Schiffes.  Nur noch seine Ruhe haben. Da kommt ein Sturm auf, ja ein Orkan. Und schon werfen die Matrosen das Los. Mal sehen, auf wen es fällt. Mal sehen, wer schuld ist an diesem ganzen Unglück, an dieser Misere, dieser lebensgefährlichen Situation! Es fällt auf Jona und Jona gesteht: Ich bin es. Und Jona lässt es zu, ja er bittet sogar darum, über Bord geworfen zu werden.

Das finde ich schlimm. Mit diesem Teil der Geschichte habe ich die größten Schwierigkeiten: wieso sollte so etwas Zufälliges wie ein Los die Wahrheit bringen? Warum wird ein Ungewitter als Strafe Gottes gesehen und nicht einfach als ein Naturereignis?  Und warum überhaupt und um Gottes Willen soll ein einziger Mensch die Ursache für ein Unwetter sein? Warum wird hier ausgerechnet ein Sündenbock gesucht? Aus vielen historischen Situationen wissen wir, dass Sündenbocktheorien Unheil schaffen und maßloses Leid. Dieser Teil der Geschichte ist archaisch.

Dieser Teil der Geschichte hat keinen pädagogischen Mehrwert, ja darf es niemals haben. Das einzig Positive daran ist, dass Jona sich innerhalb dieses Prozesses zu der Tatsache stellt und sich dazu bekennt, dass er weggelaufen ist. Jona kommt aus seinem Versteck heraus, er kommt aus seiner Deckung.

Finale furioso
„Gott aber bestimmte einen großen Fisch, um Jona zu verschlucken. Und Jona war drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches.“

Gott also gibt Jona noch eine Chance. Er rettet Jona, wenn auch auf sehr ungewöhnlichem Wege. Gott hält fest an seinem Vertrauen in Jona. Und er tut alles dafür, dass Jona unbeschadet bleibt, dass er eine Zukunft hat. Und hier, inmitten des Wales, geschieht mit Jona eine große Veränderung.  Er ist eingeschlossen, ja. Aber er ist zugleich auch geschützt vor dem verderbenden Wasser, gerettet vor dem Sturm da draußen. Ich denke dabei an Menschen, die sich bei Kriegshandlungen in einen Bunker flüchten: eingeschlossen, aber in größtmöglicher Sicherheit. Jona weiß nicht, wie es weitergehen wird. Er hat keinerlei Kontrolle mehr. Der Wal schwimmt mit ihm irgendwohin, ohne sichtbares Ziel. Der ganze Ausgang ist ungewiss. Jona weiß nichts mehr. Nun aber geschieht es: dies ist der Moment des Gebetes. Dies ist der Moment, um sich an Gott zu erinnern. „Als meine Seele in mir verzagte, da gedachte ich an den Herrn.“ Und Jona beginnt, wieder den Kontakt zu Gott zu suchen. Er übt sich neu in ein Vertrauen ein. Mit seiner ganzen Existenz vertraut Jona sich Gott von neuem an. Er dankt Gott von ganzem Herzen! Und er ist bereit, ihm ein Gelübde zu geben.

Jona erlebt hier die krasseste Situation seines Lebens. Den ultimativen Lockdown.

Ich erkenne uns wieder in dieser Situation, in der Jona war. In den letzten Monaten waren auch wir eingeschlossen, im Lockdown. Gewiss, wir hatten es deutlich bequemer als er – mit Couch, Fernseher und der Möglichkeit, spazieren zu gehen - aber auch wir wussten zeitweise nicht, wie es weitergehen würde. Auch uns war die Kontrolle aus den Händen genommen. Und wie alles ausgehen würde, war keineswegs klar. Wir waren existentiell gefährdet, und wir haben selbst dem Tod viel direkter ins Auge gesehen als jemals zuvor.

Viele von uns haben wohl wirklich mehr und intensiver zu Gott gebetet und gefleht als vorher. Viele von uns haben neu um Vertrauen gerungen, und wir haben Gott neu unser Leben in seine Hände gegeben.

Sogar die Kirchen wurden zu modernen Fischbäuchen. Nicht nur unsere Kirchen hier in Bad Nauheim waren nach der ersten Zeit der Schockstarre geöffnet. In vielen Städten war das so. Und viele Jonasse kamen herein: hineingeschleudert von den schweren Wogen ihres Lebens. So traten sie ein aus dem tosenden Meer ihres Alltags, der komplett durcheinandergeraten war. Und so kamen sie hinein in die Stille. In einen anderen Raum. Nun durften sie einfach nur da sein – angefüllt mit ihren Sorgen, ihren Fragen und ihrem großen Wunsch nach Segen. Und oft mit dem zaghaften Vertrauen darauf, dass Gott ihr Beten hört, wenn sie eine Kerze anzündeten.

Auch unsere Kirchen sind Walfischbäuche. Große Segensräume. Bergende Orte auf Zeit, in denen wir den Lärm und die Stürme für einen Moment hinter uns lassen können. In denen unser Vertrauen wieder wächst, dass Gott da ist. Dass er uns begleitet und uns in seinen Händen hält. Und dass Gott nicht strafen will, sondern dass er ein gnädiger, barmherziger und überaus geduldiger Gott ist. So wie Jona es in seinem weiteren Leben erkannt hat.

Unser Leben geht weiter. So wie das Leben des Jona weitergehen durfte.

Gott hat Vertrauen in uns. So wie er in Jona Vertrauen hatte.
Und der Herr sprach zu dem Fisch, und der spuckte Jona aus ans Land.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Lied 380, 1.3.6.7 Ja, ich will euch tragen

Fürbitten

  1. Barmherziger Gott, jeder Tag ist dein Geschenk an uns. Wir danken dir für jede Stunde unseres Lebens. Lass uns unsere Tage schätzen, in Achtsamkeit mit uns selbst und in Wertschätzung unserer Nächsten.
  2. Du traust uns zu, deine Liebe zu dieser Welt zu bezeugen. Gib uns deinen Heiligen Geist, damit wir diese deine Welt zum Guten verändern können, zu mehr Gerechtigkeit und Solidarität. Hilf uns dabei auch, Konflikte durchzustehen.
  3. Wir bitten dich für alle, die es wagen, loszugehen, in einen neuen Lebensabschnitt oder zu Menschen, denen sie vertrauen wollen. Segne alle Schritte auf ihrem Weg.
  4. Wir bitten dich für alle, die zu Unrecht gefangen sind. Sei du ihnen nahe und stärke sie. Lass sie spüren, dass sie nicht vergessen sind.
  5. Wir bitten dich für die Menschen in unserer Partnerdiözese in Indien. Stärke alle, die sich für die Schwächsten in dieser Zeit einsetzen und mach der Pandemie ein Ende.
  6. Bitte für Verstorbene und ihre Familien

Vaterunser

Segen
Der Herr segne dich und behüte dich
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden
Amen

Musik

Gottesdienst am 30.5.2021 mit Video von Pfarrerin Susanne Pieper

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar.

Musik

Begrüßung
Ich heiße Sie an diesem Morgen herzlich willkommen zum Gottesdienst! Heute feiern wir den Sonntag Trinitatis, die Dreieinigkeit Gottes. Gott in dreifacher Gestalt. Die Christen der jungen Kirche wollten eine Antwort finden auf die Frage, wie man Gott, den Schöpfer der Welt, seinen Sohn Jesus Christus und den Heiligen Geist zusammendenken kann. Und in welchem Verhältnis sie zueinander stehen. So wurde der Gedanke der Dreieinigkeit Gottes miteinander entwickelt. Ansätze dazu finden wir bereits im Neuen Testament, z.B. in dem Spruch für die neue Woche aus dem 2. Kor. Brief 13,13. Dort grüßt Paulus die Gemeinde mit den Worten: „Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!“

So feiern wir nun den Gottesdienst! Und sind zusammen im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Psalm 113
Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang
sei Gottes Name gelobt!
Lobt Gott, alle, die ihr ihm mit Ehrfurcht begegnet,
lobt seinen Namen, heute und morgen.
Denn er ist Herr über alle Völker,
seine Güte reicht von Horizont zu Horizont.
Wer könnte sich mit ihm vergleichen?
Gott wohnt im Himmel und sieht doch bis in die tiefste Tiefe.
Er richtet die Gebeugten auf
Und zieht die Armen aus dem Schmutz.
Er setzt die Geringen neben die Fürsten,
 bringt die Verachteten wie die Beliebten zu Ehren.
In seinen Augen ist niemand gering.
Darum lasst uns Gott preisen:
Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang
Sei Gottes Name gelobt. Halleluja.

Gebet
Du, unser Gott, bist Schöpfer der Welt. Mit deinem guten Geist hast du uns begabt. Du willst, dass wir als gesegnete Menschen durch unsere Tage gehen.

Doch so oft blicken wir nur auf unseren eigenen, kleinen Weg. Lassen Dir nur wenig Raum bei uns. Wir kommen zu Dir mit allem, was uns belastet: mit unseren Enttäuschungen, verurteilenden Gedanken, verletzenden Worten und unterlassenen Taten. Wir bitten dich um Vergebung. Wir bitten dich um Befreiung.

Mach Du uns neu. Du kannst alles neu machen. Führe uns auf neue Wege.
Das bitten wir Dich im Namen Jesu Christi, deines Sohnes, und im Namen des Heiligen Geistes. Amen

Lied: 165,1.4.6 Gott ist gegenwärtig

Lesung aus Joh. 3,1-8
Es gab aber einen Pharisäer, der hieß Nikodemus. Er gehörte zur jüdischen Obrigkeit. Der kam nachts zu Jesus und sagte zu ihm: „Rabbi, wir wissen, dass du von Gott als Lehrer gekommen bist, denn niemand kann diese Wunderzeichen tun, die du tust, wenn nicht Gott mit ihm ist.“  Jesus antwortete ihm und sagte: „Amen, amen, ich sage dir: alle, die nicht erneut geboren werden, können das Königreich Gottes nicht sehen.“ Nikodemus sagte zu ihm: „Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Es ist doch nicht möglich, ein zweites Mal in den Bauch der eigenen Mutter hineinzugehen und geboren zu werden!“ Jesus antwortete: „Amen, amen, ich sage dir: Alle, die nicht aus Wasser und Geistkraft geboren werden, können nicht in das Königreich Gottes hineingehen. Was aus der Materie geboren ist, ist Materie; und was aus dem Geist geboren ist, ist Geist. Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: ‘Ihr müsst erneut geboren werden.‘ Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl, aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist es bei allen, die aus der Geistkraft geboren sind.“

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn und Bruders Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen

Liebe Gemeinde,
plötzlich war es halb zwei in der Nacht. Wir hatten völlig die Zeit vergessen. Sieben Monate lang hatten wir uns nicht gesehen, nur miteinander telefoniert. Jetzt war es höchste Zeit, dass wir uns endlich wieder einmal von Angesicht zu Angesicht sahen.  Es gab einfach so viel zu bereden, zu erzählen, zu lachen und aufzuholen… So ging es mir vor kurzem, als ich endlich meine Eltern wieder einmal besuchen konnte.

Nachtgespräche – ihr Reiz liegt einfach darin, dass sie zeitlich nicht begrenzt sind – auch wenn man es vielleicht am nächsten Morgen bereut. In Nachtgesprächen kommt eher einmal Grundsätzliches zur Sprache,  für das im hektischen Alltagsgeschehen keine Zeit ist. In Nachtgesprächen kommt die Wahrheit auf den Tisch. Mit all ihren Seiten. Und in Nachtgesprächen werden auch manchesmal Verabredungen für die Zukunft getroffen. Solche besonderen Gespräche können überall stattfinden: drinnen oder draußen auf der Bank. Im Schein einer Laterne, am Strand oder am Lagerfeuer.

Von einem Nachgespräch erzählt auch der Bibeltext dieses Tages: „Es gab einen Pharisäer, der hieß Nikodemus. Der kam nachts zu Jesus.“ Warum kommt Nikodemus nachts? Nachts ist es ruhig in der belebten Stadt. Nachts ist Zeit zum ausführlichen Reden und Diskutieren. Und die Nacht fängt früh an in Jerusalem. Gegen 18.00h, wenn die Sonne fast schlagartig untergegangen ist. Wir müssen Nikodemus nicht unterstellen, dass er als Pharisäer Angst vor den anderen hatte, Angst, gesehen zu werden, wie er zu Jesus ging. Denn Nikodemus ist ein selbstbewusster Mensch. Einer, der sehr eigenständig denkt und handelt. Einer, der sich sein eigenes Urteil bildet und darin bedächtig und vorsichtig ist. Zweimal noch ist von ihm im Johannesevangelium die Rede. So wird er später seine Brüder unter den Pharisäern daran erinnern, dass es nach der Thora notwendig ist, einen Menschen zunächst anzuhören und ausführlich zu Wort kommen zu lassen, bevor man irgendein Urteil über ihn spricht. Dies sagt er ganz explizit im Blick auf Jesus. Und am Ende, direkt nach dem Tod Jesu, kommt Nikodemus und bringt eine große Menge an Salben und Kräutern, Myrrhe und Aloe, damit Jesus würdig bestattet werden kann. Es wirkt, als stehe er quer zum Sanhedrin, zum obersten Rat in Jerusalem. Nikodemus ist offen. Nachdenklich. Er will wirklich wissen, wer Jesus ist und was sein Auftreten bedeutet. „Rabbi, wir wissen, dass du von Gott als Lehrer gekommen bist, denn niemand kann diese Wunderzeichen tun, die du tust, wenn nicht Gott mit ihm ist.“ Das ist ein freundlicher Gesprächsauftakt. Wenn Jesus ein Lehrer von Gott ist, mit diesen Wundertaten, dann, ja ist dann schon angebrochen, worauf alle so sehnsüchtig warten? Ist der Messias dann schon auf dem Weg? Bei ihnen? Wird dann endlich wieder heil, was gerade alles zerbrochen daliegt? Wenn Wasser zu Wein verwandelt worden ist, wenn er behauptet, er könne den Tempel, der in 46 Jahren erbaut wurde, in drei Tagen nach einer Zerstörung wiederaufbauen – ist das Größenwahn und Blasphemie oder ist Gott wirklich definitiv auf seiner Seite? Wer ist dieser Mann? Genau diese Fragen treiben den nächtlichen Besucher um.

Und Jesus antwortete: „Amen, ich sage dir: alle, die nicht erneut geboren werden, können das Königreich Gottes nicht sehen. Und alle, die nicht aus Wasser und Geistkraft geboren werden, können nicht in das Königreich Gottes hineingehen.“  

Jesus fragt hier nicht, was Nikodemus eigentlich will.  Er antwortet auf einer ganz anderen Ebene. Ist das überhaupt wirklich ein Gespräch? Was passiert hier? Als wollte Jesus sagen: es geht hier gerade gar nicht um mich, und wer ich bin innerhalb aller eurer gängigen Erwartungen, es geht um das Reich Gottes. Und um das Thema der Neugeburt.  Jesus geht in medias res, mitten hinein in sein zentrales Anliegen.

Jesus spricht von der Neugeburt. Aber wie soll das gehen?  Hat Nikodemus nicht recht mit seiner Frage? Neu geboren werden – wie soll man das denn machen? Geboren wird man doch. Das kann man schließlich nicht selbst herbeiführen. Das geschieht mit einem. Und wenn man schon alt ist, ist das wirklich eine schöne Vorstellung, alles noch einmal von vorne zu erleben? Nochmal durch alles hindurch zu gehen, was bis jetzt zum Leben gehört hat? Das will doch nicht wirklich jemand, oder? Erneut geboren werden, sagt Jesus, bedeutet, aus Wasser und der Geistkraft geboren zu werden. Das ist also eine andere Geburt als die natürliche. Das ist quasi eine zweite Geburt. Ich verstehe das so: es gibt unser irdisches Leben, unsere ganz irdische, materielle Existenz. In ihr sind wir zuhause. In unserem Körper.  Aber dann gibt es noch mehr:  es gibt die geistliche, die spirituelle Dimension unseres Lebens. Es gibt unseren Kontakt zu Gott, unsere Beziehung zu ihm. Und diese Dimension wird durch die Taufe geschaffen. Da wird uns gesagt: „Du bist Gottes Sohn, du bist Gottes Tochter“.

Und mit der Taufe sind eben das Wasser und der Geist elementar verbunden. Jesus selbst wurde durch Johannes mit dem Wasser des Jordan getauft. Und Gottes Geist in Gestalt einer Taube bezeugte ihm und allen, die dabei waren, dass Jesus der Sohn Gottes ist.

So geht es also bei der Neugeburt um die Taufe.

Das meint die Taufe, wie Johannes der Täufer sie den Menschen angeboten hat, sie dringlich gemacht hat. Die Taufe als radikale Umkehr zu Gott. Auf die Umkehr fokussiert sich alles, sagt Jesus damit. Jetzt ist die Zeit zur Umkehr.

Etwas gefällt mir sehr an dem, was Jesus hier sagt.  Seine Antwort an Nikodemus kommt zwar sehr schroff daher. Aber es liegt auch ganz viel Hoffnung darin. Er sagt damit nämlich: ein Mensch kann sich verändern, allen anderen Meinungen zum Trotz. Er muss nicht der alte bleiben. Ein Mensch kann sogar neu werden. Er kann etwas bereuen und einen anderen, einen besseren Weg gehen. Wegkommen von seinem Egoismus oder wegkommen von seiner Alkoholsucht. Er kann sich umdrehen und fortan einen anderen Weg einschlagen. Selbst noch auf dem Sterbebett können Menschen erleuchtet werden. Gottes Geist kennt da viele Möglichkeiten. Manchmal ist das wie ein plötzliches Geschenk Gottes, wenn das geschieht. Und es kann eben geschehen.

Und neben dieser großartigen Hoffnung Jesu gibt es nun auch ein Gebot für die, die sich Christen nennen, Nachfolger und Nachfolgerinnen Jesu. Es ist das Gebot, sich selbst zu prüfen und sehr wohl die eigene Person immer wieder auch infrage zu stellen.

War das im Sinne Gottes, was ich da gesagt oder getan habe? Habe ich richtig gehandelt?  Stecke ich den anderen nicht in eine fertige Schublade, wenn ich so von ihm denke oder rede, wie ich es tue? Gebe ich ihm überhaupt noch eine Chance, auch anders zu sein?  Früher nannte man das den Beichtspiegel. Niemand ist ja fertig. Nur wer sich selbst infrage stellt, kann auch seine Sinne ändern. Und das geschieht nicht nur einmal. Das geschieht genau genommen in jedem Gottesdienst: wenn wir unsere Fehler, unsere Unterlassungen und unsere Schuld vor Gott bringen, und wenn wir um sein Erbarmen mit uns bitten und darum, dass er uns vergeben möchte, was nicht richtig war.

Dann werden wir neu durch den Geist Gottes, dann genau erfahren wir es, dass wir durch Gottes Geist neu belebt werden. Unsere Umkehr und die barmherzige Zusage Gottes - das lässt uns leben. Im Grunde also ist das Neu Geboren werden nicht ein einmaliges Ereignis; es ist vielmehr ein lebenslanger Prozess. Ein lebenslanger Prozess unserer Spiritualität. „An jedem Morgen muss der alte Adam wieder aus der Taufe kriechen“, hat M. Luther dazu gesagt. Wir sind ja immer auf dem Weg. Auch auf dem Weg mit Gott. Bis zum Ende unserer Tage hier.

Ein Letztes noch berührt mich sehr, was Jesus sagt: „Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl, aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht.  So ist es bei allen, die aus der Geistkraft geboren sind.“ Ich denke daran, wie ich an einem Sommerabend auf dem Balkon sitze. Es ist ein sehr heißer Tag gewesen, und nun kommt der Abendwind auf. Ich spüre, wie es auffrischt. Wie schön ist es, so vom Wind berührt zu werden. Wie schön ist es, so belebt zu werden – auch wenn ich nicht weiß, aus welcher Richtung die frische Brise eigentlich kommt. Aber es tut einfach nur gut.

Und ich denke daran, wie ich an einem Ostseehafen stehe. Viele Boote liegen da im Wasser, und einige haben schon ihre Segel gehisst. Bald wollen sie losfahren. Plötzlich fährt eine kräftige Böe in den Stoff und die Segel blähen sich. Nun ist alles bereit - die Boote können ihre Fahrt aufnehmen.

Gottes Geist bewegt uns, so wie der frische Wind am Abend. Er ist überraschend und niemand kann über ihn verfügen.

Und Gottes Geist belebt uns, so wie der Wind in die Segel fährt. Er bringt uns Freude. Er ist unsere Energie. Er bringt uns in die richtige Richtung unseres Lebens und hin zu den Menschen, die auf uns warten.

Und Gottes Friede, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.
Amen.

Lied: + 20 Atem des Lebens

Fürbitten
Du, liebender Gott, bist uns Vater und Mutter, Anfang und Ende. Du trägst uns, hältst unser Leben in Deiner Hand und gibst uns Kraft für jeden Tag. Hilf uns, die Erde zu schützen. Wir bitten Dich: lass Deinen Willen geschehen in dieser Welt.

Jesus Christus, Sohn Gottes und unser Bruder, Du bist unser Retter, befreist uns von unserer Schuld und zeigst uns die Liebe Gottes. Wir bitten Dich: sei allen Menschen nahe, die Befreiung brauchen aus ihrer Einsamkeit, aus Verstrickung in Fehler, aus der Sackgasse der Lieblosigkeit. Deine Liebe blühe auf in unserer Welt.

Heiliger Geist, unser Tröster und frischer Wind, Du vertrittst uns beim Vater, wenn wir nicht mehr wissen, wie wir beten sollen. Du schenkst uns neue Ideen und veränderst uns, sodass wir täglich neu werden können. Wir bitten Dich: führe Menschen zur Versöhnung, wo sie im Streit oder im Krieg miteinander sind. Verändere die Herzen der Menschen, wo sie verhärtet sind im Antisemitismus, im Rassismus und in Menschenverachtung. Deine Wärme, Freude und Begeisterung durchwehe unsere Zeit.

Dreieiniger Gott, Dir gehört unser Leben. Dich loben wir heute und bis in Ewigkeit.

Vaterunser

Segen
Der Herr segne dich und behüte dich
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden
Amen

Musik

Andacht zum Pfingstmontag 2021 von Pfarrer Rainer Böhm

Das Lied "Geist der Wahrheit" des Gospelchors "For Heavens´Sake" ist auf unserem Youtube-Kanal veröffentlicht.

Es gibt keine Pfingstbäume mit Pfingstkugeln dran. Soweit ich weiß auch kein Pfingstspiel im Gottesdienst. Wir suchen keine Pfingsteier im Garten. Finden könnten wir, bei uns im Garten jedenfalls, Pfingstrosen, aber die blühen, wann sie wollen. Vielleicht einen Ausflug in die Natur – da wäre ich dabei! Ein Picknick draußen irgendwo! Was also feiern wir an Pfingsten – komm, Heiliger Geist. Komm, du Geist der Wahrheit.

An Weinachten feiern wie die Ankunft Gottes in der Welt. An Ostern feiern wir das Leben und Gottes Sieg über den Tod. Pfingsten ist u n s e r Fest: Gottes Geist will bei uns sein. Wir sind nicht allein zu Hause, brauchen keine Angst zu haben. Gott ist da mit seinem Geist, lässt mit sich reden und hört uns zu. Er will uns Mut geben, Fantasie, Energie. Kraft auch für die Wahrheit zwischen uns, in unserem Miteinander, und auch für die Wahrheit über uns selbst.

Immer sind wir miteinander vor ihm, nie war einer allein. So erzählt es die Bibel. Im Paradies, auf der Arche, beim Zug durch das Rote Meer oder auch mit Jesus – immer waren viele zusammen. Und auch an Pfingsten. Und dabei alle verschieden – so bunt und so vielfältig wie unser Gospelchor.

Woran erkennt man also, dass Pfingsten ist? Nur an uns selbst! An unserer Freude, unserer Neugier, unserem Gesang, an dem, wie wir sind. Viele, und jeder anders. Wir selbst sind das Pfingstfest Gottes. Nach dem Christbaum im Wohnzimmer und den Ostereiern im Garten ist es jetzt an der Zeit, dass wir uns selbst auf den Weg machen: In Bad Nauheim oder Langenhain-Ziegenberg, in Berlin oder in Wien. Gott ist dabei gegenwärtig: Mit seinem Geist: der Wahrheit, der Liebe und des Aufbruchs.
Amen.

Gottesdienst an Pfingstsonntag mit Video von Pfarrer Rainer Böhm

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar.

Orgelvorspiel:     Leon Boellmann: Menuet Gothique aus der `Suite Gothique´                 

Begrüßung
Der Wochenspruch zum heiligen Pfingstfest macht Mut: Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der HERR Zebaoth. (Sacharja 4,6)
Durch den Heiligen Geist kann alles neu werden. Der Heilige Geist lässt uns das Undenkbare denken. Der Heilige Geist lässt uns das Unbegreifbare spüren. Der Heilige Geist lässt uns das Unmögliche tun. Alles wird neu. Und wir sind der Anfang von Gottes neuer Schöpfung.
                
Votum                    

Psalm 118  EG  747
Dies ist der Tag, den der Herr macht
Danket dem Herrn; denn er ist freundlich,
und seine Güte währet ewiglich.
Der Herr ist meine Macht und mein Psalm
und ist mein Heil.
Man singt mit Freuden vom Sieg in den Hütten der Gerechten:
Die Rechte des Herrn behält den Sieg!
Die Rechte des Herrn ist erhöht;
die Rechte des Herrn behält den Sieg!
Ich werde nicht sterben, sondern leben
und des Herrn Werke verkündigen.
Der Herr züchtigt mich schwer;
aber er gibt mich dem Tode nicht preis.
Tut mir auf die Tore der Gerechtigkeit,
dass ich durch sie einziehe und dem Herrn danke.
Das ist das Tor des Herrn;
die Gerechten werden dort einziehen.
Ich danke dir, dass du mich erhört hast
und hast mir geholfen.
Der Stein, den die Bauleute verworfen haben,
ist zum Eckstein geworden.
Das ist vom Herrn geschehen
und ist ein Wunder vor unsern Augen.
 
Dies ist der Tag, den der Herr macht;
lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein.
O Herr, hilf!
O Herr, lass wohlgelingen!
Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!
Wir segnen euch, die ihr vom Hause des Herrn seid.
Der Herr ist Gott, der uns erleuchtet.
Schmückt das Fest mit Maien bis an die Hörner des Altars!
Du bist mein Gott, und ich danke dir;
mein Gott, ich will dich preisen.
Danket dem Herrn; denn er ist freundlich,
und seine Güte währet ewiglich.                

Gebet    
Gemeinsam, wie mit einem Mund, sollen wir Gott loben. Das gelingt oft nicht. Zu vieles unterscheidet uns und bringt uns gegeneinander auf.
Gemeinsam, wie mit einem Mund, können wir Gott loben. Er weckt Liebe in uns, Liebe, die nach den anderen fragt, die andere versteht und annimmt.
Herr, unser Gott, junge und alte Menschen, einfache und kluge, erfolgreiche und enttäuschte hast du zusammengeführt als deine Gemeinde. Gib einem jedem und einer jeden von deinem guten Geist, damit wir dich und uns selbst und einander besser verstehen und vorankommen auf deinem Weg.
                    
Lesung
Der Turmbau zu Babel
1 Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. 2 Als sie nun von Osten aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst. 3 Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! – und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel 4 und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, dass wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut über die ganze Erde. 5 Da fuhr der HERR hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten. 6 Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. 7 Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe! 8 So zerstreute sie der HERR von dort über die ganze Erde, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. 9 Daher heißt ihr Name Babel, weil der HERR daselbst verwirrt hat aller Welt Sprache und sie von dort zerstreut hat über die ganze Erde.

Orgel:         Robert Schumann `Träumerei´            

Predigt   

Ein altes Foto unserer Kirche. 1905: Die Dankeskirche im Bau, vor 116 Jahren. Das Richtfest, das Bäumchen auf dem Dach, die Zimmerleute in luftiger Höhe. Ohne Absicherung. Einer hat da oben im Dachstuhl eine Bierflasche vergessen, wie eine Flaschenpost, die Herr Horstmann vor einigen Jahren fand. Die Namen der Arbeiter kennen wir nicht – nur den Namen der Firma. Stamm und Steuernagel steht da dick und fett. Mit dem Bau hat sich die Firma einen Namen gemacht.

Es scheint, dass zum Menschsein die Selbstverwirklichung gehört. Für die Generation meiner Eltern war das eigene Haus ein wichtiges Lebensziel. Die einen wollten raus aus den engen Mietwohnungen, die anderen hatten durch Krieg und Vertreibung alles verloren. Die eigenen vier Wände bedeuteten Sicherheit und Lebensqualität und einen Status: Hausbesitzer. Und eine Wertanlage für die Kinder: sie sollten es einmal besser haben.

Es war eine Zeit, da die Menschen unterwegs waren. Und wenn sie auch in den alten Sagen wie großartige Helden wirkten: In Wahrheit hatten sie Angst – ihren Feinden schutzlos ausgeliefert zu sein, zerstreut zu werden und vergessen. Gegen diese Ängste bauten sie eine Stadt und einen Turm. Wie hoch? Soo hoch, dass seine Spitze bis in den Himmel reicht.  Sie haben dafür Ziegelsteine gestrichen und gebrannt, wie man sie sich heute noch im Berliner Museum anschauen kann. Mit solchen Steinen und mit Erdharz konnten sie bauen, hoch und immer höher. Sie meinten, sie wären die Größten und die Klügsten und die Stärksten und sie wüssten alles.

Aber Gott musste sie erst einmal suchen, so klein waren sie in Wirklichkeit, denn sie waren ja auch nur Menschen. Und so klein sind die Mächtigen, die uns Angst machen wollen mit ihren Plänen. Und damit sie nicht zu mächtig werden können und damit die kleinen Leute ihnen nicht völlig ausgeliefert sind – deshalb hat er dafür gesorgt, dass es so viele Sprachen gibt. Jetzt konnten die ganzen Gernegroße herumschreien wie sie wollten. Viele haben sie nicht verstanden. Und viele haben nicht getan, was die Schreier wollten. So hat Gott mir seinem Geist dafür gesorgt, dass die Mächtigen nicht allmächtig wurden. Babel ist für uns das Synonym für Durcheinander, auf hessisch heißt das Gebabbel.

So möchte ich die Geschichte vom Turmbau und der Sprachverwirrung neu verstehen.  Sie erzählt davon, wie mächtig und groß Gott ist. Er kann Kommunikation zerstören, um Frieden zu schaffen. Sein Handeln ist nicht Strafe, sondern Rettung. Er begrenzt die Ambitionen eines übergriffigen Systems. Einer andere überfordernden Macht. Er greift ein, um seine Menschen, seine Schöpfung vor Überlastung zu schützen – die Vielfalt und Freiheit der Völker und Kulturen. Auch die Vielfalt der Sprachen ist nicht Folge der Sünde oder Strafe, sondern sie war bereits vorher vorhanden und ist von Gott so gewollt.

An Pfingsten in Jerusalem wird diese Geschichte weitererzählt. Die aus vielen Völkern versammelten Juden hören die Apostel zwar in deren galiläischem Dialekt predigen. Aber sie verstehen sie in ihrer jeweils eigenen Muttersprache von den großen Taten Gottes in Jesus Christus berichten. Der Heilige Geist schaltet die Vielfalt nicht aus. Er bestätigt und würdigt die Vielfalt und Buntheit der Kulturen. Und er schafft zu Pfingsten etwas Neues: eine versöhnte, mehrsprachige Gemeinschaft der Christen. Das ist der Beginn einer neuen Gesellschaft.

Keine Kirchengemeinde ohne Bauausschuss, keine Kirchenvorstandssitzung ohne ‚Bausachen‘. Mittel, die anderswo fehlen, Räume, die wir vielleicht so nicht brauchen, bei uns, und in unserer Region. Eine Kirche ist eigentlich dauernd im Bau. Aber durch besonders tolle Gebäude brauchen wir uns heute keinen Namen mehr zu machen. Wir wären allerdings froh und stolz über ein Hospiz in unserer alten Johanneskirche und eine dringend benötigte neue Orgel hier in der Kirche. In einer Gesellschaft, in der wir Christen weniger werden und Kirche unbedeutender, verkündet unser Kirchengebäude eine wichtige Botschaft: Wir sind hier, mitten in der Stadt, Und wir werden auch so schnell nicht von der Bildfläche verschwinden.

Mit dem Geist Gottes erhalten wir die Gabe, über alle Barrieren hinweg uns mit Menschen anderer Sprachen und Kulturen zu verständigen. Alle behalten ihre Eigenheiten, alle bleiben verschieden; es entsteht aber ein gemeinsames Verständnis, aus einem gemeinsamen Geist. Aus einem Wir-Gefühl. Diese Gemeinschaft entsteht über unseren eigenen Kirchturm hinaus: Mit den Gemeinden hier in unserer Region, die alle ganz verschieden sind und mit denen wir zueinanderkommen, Kirche bauen und in Zukunft gemeinsam Kirche sind. Über die Unterschiede von Stadt und Land hinaus.

Und das gilt auch für unsere Glaubensgeschwister in Nordindien, die unter der zweiten großen Coronawelle leiden – über alle Entfernungen hinweg sind wir mit ihnen ständig in Kontakt. Wir sind verbunden im Geist. Sie sind für uns ein leuchtendes Beispiel an Überzeugung, Glaube und Einsatz für die Armen. Wir beten für sie und wir feiern miteinander Gottesdienste. Wir besuchen einander und wir helfen ihnen mit unserem Gebet und unserer Spende.

Wenn wir ernst machen mit diesem Geist und vor allem in diesem Geist, über alle Grenzen hinweg, dann ist mir um unsere Kirche nicht bange. Vielleicht leben wir dann neu miteinander, teilen unsere Gaben und was wir haben, unsere unterschiedlichen Fische und Brote. Und staunen darüber, wieviel mehr wir bekommen, wenn wir nur geben. Und wie Jesus unser Herr uns alle satt macht.
Amen

Musik: EG 639    Damit aus Fremden Freunde werden        

Fürbitten                    
Herr, unser Gott, vielfältig wie deine Schöpfung hast du auch die Menschen geschaffen, einen jeglichen nach seiner Art.  Das macht das Leben bunt und lebendig, und dafür danken wir dir.

Sende deinen Heiligen Geist. Er verbindet uns miteinander und schafft Leben.
Lass uns von deinem Geist ergriffen sein.

Gib uns Mut und Geduld, eingefahrene Wege zu verlassen, wenn wir die Bedürfnisse der Menschen nicht im Blick haben.

Dring in unser Leben ein und wirke durch ihn. Lass unsere verschiedenen Welten einander begegnen.

Hilf uns, die Schätze der anderen zu entdecken. Schenke uns von deiner Liebe. Sie vertraut und sie vergibt.

Hilf uns, dass wir deinen Frieden leben können. Brich mit uns zusammen auf, dass wir Wege der Hoffnung und der Liebe gehen können.

Vater Unser                

Orgel:         Improvisation                   

Abkündigungen                

Segen                        

Orgelnachspiel:     Felix Mendelssohn Bartholdy: Lied ohne Worte E-Dur

Gottesdienst am 16.05.2021 mit Video von Vikar Ingmar Bartsch

Dieser Gottesdienst ist ab 10 Uhr als Livestream und später als Video auf unserem Youtubekanal verfügbar.

Musik zum Eingang

Begrüßung
Wasser ist ein Durstlöscher. Wasser erfrischt. Nach dem Wandern. Nach dem Sport. Zwischendurch. Ohne Wasser ist unser Leben nicht denkbar. Auch in der Bibel lesen wir viel über das Wasser. Es ist ein Symbol für das Leben. Für die Nähe zu Gott. „Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir.“ werden wir gleich gemeinsam beten. „Wer Durst hat, soll zu mir kommen. Und es soll trinken, wer an mich glaubt,“ sagt Jesus im heutigen Predigttext. Lassen Sie sich in diesem Gottesdienst mit hineinnehmen in die Gedanken über den Durst. Und über das Wasser, das den Durst stillt.

Votum
Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Psalm 42, 2-6 und 9-12
2 Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir. 3 Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann werde ich dahin kommen, dass ich Gottes Angesicht schaue? 4 Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht, weil man täglich zu mir sagt: Wo ist nun dein Gott? 5 Daran will ich denken und ausschütten mein Herz bei mir selbst: wie ich einherzog in großer Schar, mit ihnen zu wallen zum Hause Gottes mit Frohlocken und Danken in der Schar derer, die da feiern.
6 Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er mir hilft mit seinem Angesicht. 9 Am Tage sendet der HERR seine Güte, und des Nachts singe ich ihm und bete zu dem Gott meines Lebens. 10 Ich sage zu Gott, meinem Fels: Warum hast du mich vergessen? Warum muss ich so traurig gehen, wenn mein Feind mich drängt? 11 Es ist wie Mord in meinen Gebeinen, wenn mich meine Feinde schmähen und täglich zu mir sagen: Wo ist nun dein Gott? 12 Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

Gebet
Großer Gott, als guter Hirte führst Du uns zu frischem Wasser. In den Wüstenzeiten unseres Lebens. Aber auch dann, wenn es uns gut geht. Stärke uns in diesem Gottesdienst an Geist, Herz und Seele. Wecke in uns die Sehnsucht nach Dir und dem lebendigen Wasser. Das bitten wir Dich durch Deinen Sohn Jesus Christus, der mit Dir und dem Heiligen Geist lebt und Leben schenkt in Ewigkeit. Amen.

Lesung: Johannes 7,37-39
37 Am letzten Tag, dem Höhepunkt des Festes, trat Jesus vor die Menschenmenge und rief laut: »Wer Durst hat, soll zu mir kommen. Und es soll trinken, 38 wer an mich glaubt. So sagt es die Heilige Schrift: ›Ströme von lebendigem Wasserwerden aus seinem Inneren fließen.‹« 39 Jesus bezog dies auf den Heiligen Geist. Den sollten die erhalten, die zum Glauben an ihn gekommen waren. Denn der Heilige Geist war noch nicht gekommen, weil Jesus noch nicht in seiner Herrlichkeit sichtbar war.

Musik
Improvisation zu Psalm 42

Predigt
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

Vor einigen Jahren war ich in Uganda. Dort habe ich ein beeindruckendes Waisenkinderhaus besucht. Gegründet wurde es von einem jungen Mann namens Herbert. Deutsche Vornamen sind in Uganda durchaus häufig. Seine Familie war vor vielen Jahren vom Land in die Hauptstadt Kampala gezogen. Sein Vater war meines Wissens Anwalt, Herbert selbst hat in der Immobilienbranche Karriere gemacht. Seine Familie gehört zur gut versorgten Mittelschicht. Das Grundstück in einer ländlichen Gegend, auf dem sie früher gelebt haben, gehörte ihnen noch immer. Nach einigen Jahren stellten sie fest, dass sich verwahrloste Kinder auf dem Gelände aufhalten. Es waren Aidswaisen oder Kinder, die von ihren Familien wegen der Armut weggejagt wurden. Herbert und seine Familie haben nicht lange überlegt und angefangen, sich um die Kinder kümmern. Das habe Gott ihnen deutlich ans Herz gelegt, hat mir Herbert erzählt.
Ich bin ehrenamtliches Vorstandsmitglied in einer Organisation, die Herbert und die Kids unterstützt. In Uganda gibt es Wüsten, Savannen, aber auch wundervoll grüne Gegenden. Das Waisenkinderhaus steht inmitten von Bäumen und Bananenpflanzen. Ich habe in meinem Leben weder vorher noch hinterher so gute Avocado gegessen, wie dort. Allerdings gab es ein großes Problem: Das ganze Dorf liegt auf einem Hügel und hatte keinen Zugang zu frischem Wasser. Um also an Trinkwasser zu kommen, mussten Herbert und die Kinder mit Kanistern losziehen. Sie gingen anderthalb Kilometer weit zu einem Wasserloch. Ich war schockiert, als ich die Qualität des Wassers sah. Es war eine eklige, braune Brühe. Egal, wozu Herbert und die Kinder Wasser brauchten, sie mussten diese braune Brühe mühselig heranschaffen. Inzwischen haben wir dort eine Anlage aufgebaut, die Regenwasser fängt und einen Brunnen bohren können, der sogar einen Teil des Dorfes versorgt.
Aber dieses Wasserloch geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Zurück in Deutschland ist mir plötzlich aufgefallen, dass ich beim Zähneputzen das Wasser laufen lasse. Man stelle sich vor, ich hätte dieses Wasser von einem Loch anderthalb Kilometer entfernt holen müssen. Ich bin seitdem so dankbar, dass ich einfach nur den Wasserhahn aufmachen muss, wenn ich Wasser haben will. Ich kenne das gar nicht, dass Wasser wirklich richtig knapp ist, auch wenn die Wasserwerke in den letzten beiden Jahren wegen der Knappheit gewarnt haben.
Warum erzähle ich Ihnen das? Zum einen wegen meinem veränderten Verhältnis zum Wasser. Ich muss immer mal wieder an Uganda denken, wenn ich Wasser verwende. Es macht mich unheimlich dankbar, dass ich einfach duschen kann. Dass ich ausreichend sauberes Trinkwasser habe. Denn Wasser ist kostbar. Wasser ist nicht selbstverständlich. Und vor diesem Hintergrund erschließt sich mir der heutige Predigttext viel leichter. Jesus spricht: „Wer Durst hat, soll zu mir kommen. Und es soll trinken, wer an mich glaubt.“ Jesus weist hier auf ein Bedürfnis hin. Wie das Wasser, brauchen wir in unserem Leben Annahme, Sinn und Hoffnung. Und Jesus sagt: Kommt her. Hier ist es. In den Wüstenzeiten, wenn sich das Leben ausgetrocknet anfühlt, dann hat Gott für uns eine Erfrischung parat. Mehr noch: Das lebendige Wasser steht uns durch Jesus immer zur Verfügung. Auch in den guten Zeiten ist es wichtig. Bei ihm können wir Kraft und Hoffnung schöpfen.
Wie geht das praktisch? Das ist der zweite Grund, weshalb ich Ihnen von Herbert erzähle. Herbert ist ein sehr frommer Mann. Man trifft ihn selten ohne Bibel an. Er strahlt eine große Zuversicht aus und es macht Spaß, mit ihm unterwegs zu sein. Aber Herbert hat auch Sorgen. Die Familie von Herbert setzt einen großen Teil ihres privaten Einkommens dafür ein, dass wildfremde Kinder ein Zuhause haben. Und sie können nur 20 Kinder aufnehmen, weil der Platz zu knapp ist. Und auch wenn das Land unheimlich viele Früchte hervorbringt, reicht das Geld manchmal nicht mal für einen Sack Reis, weil Herbert das Schulgeld zahlen muss. Inzwischen unterstützen wir ihn mit Kinderpatenschaften. Aber als ich ihn zum ersten Mal getroffen habe, da hatte er gerade mal wieder einen Engpass. Und trotzdem strahlte er diese Zuversicht aus. Und die Kinder auf dem Gelände waren fröhlich und ausgelassen und man sah ihnen an, dass sie glücklich waren. Jesus spricht: „Wer Durst hat, soll zu mir kommen. Und es soll trinken, wer an mich glaubt. So sagt es die Heilige Schrift: ‚Ströme von lebendigem Wasser werden aus seinem Inneren fließen.‘"
Wenn ich Herbert sagen würde, dass dieser Vers sehr gut zu ihm passt, dann würde er abwehren. Ich finde: Zu ihm und von ihm fließt sichtbar lebendiges Wasser. Aber er würde sagen: Ich tue nur das, was richtig ist und was Gott mir ans Herz legt. Natürlich ist ihm bewusst, dass er etwas tut, was andere nicht tun. Und dass er Kindern eine Zukunft schenkt, die sie ohne ihn nicht hätten. Und doch gehört er für mich zu den Menschen, die eine Quelle lebendigen Wassers sind, ohne sich dessen immer bewusst zu sein. Und Quelle lebendigen Wassers zu sein heißt ja auch nicht, dass es einem selbst immer nur gut geht.
Wie ist das bei Ihnen? Haben Sie Durst nach lebendigem Wasser? Und haben Sie die Quelle im Blick? Fließt von Ihnen lebendiges Wasser weiter an andere? Vielleicht ohne, dass Sie es bewusst wahrnehmen? Das Weiterfließen können wir übrigens nicht machen. Ich denke, dass wir auf Dauer nur das weitergeben können, was wir empfangen. Das lebendige Wasser kommt von Gott. Es fließt von ihm zu uns und weiter zu anderen Menschen. Jesus spricht: „Wer Durst hat, soll zu mir kommen. Und es soll trinken, wer an mich glaubt. So sagt es die Heilige Schrift: ‚Ströme von lebendigem Wasser werden aus seinem Inneren fließen.‘“
Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle menschliche Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Lied
EG+ 61 "Wasser des Lebens"

Fürbitten
Gott, Du Quelle des Lebens, bei Dir ist Leben aus der Fülle. Doch nicht immer ist das zu spüren. Manche ignorieren den Durst nach Liebe und Geborgenheit. Andere versuchen, ihn mit anderen Dingen zu stillen. Hilf uns, dass wir uns nach Dir ausstrecken.
Gott, Du Quelle des Lebens, wir haben heute gehört, dass auch aus uns lebendiges Wasser zu anderen fließen kann. Wo wir das nicht merken, mache es uns bewusst. Hilf uns, dass wir uns gegenseitig ermutigen und einander zum Segen werden.
Gott, Du Quelle des Lebens, fassungslos schauen wir in den Nahen Osten. Es ist schwer verständlich, dass Gewalt sich immer wieder so brutal Bahn bricht. Wir bitten Dich um Frieden. Wir bitten Dich um Weisheit für die Menschen dort. Und wir bitten Dich: Lass nicht zu, dass der Konflikt auch hier in Deutschland gewaltsam ausgetragen wird, sondern schenke Dialog und ein friedfertiges Miteinander.
Gott, Du Quelle des Lebens, gestern und letzten Samstag haben die Konfirmandinnen und Konfirmanden aus dem letzten Jahrgang ihr Taufversprechen erneuert. Wir bitten Dich für sie: Erhalte ihren Glauben. Stärke ihre Hoffnung. Gib ihnen Mut und Geduld, der Spur Jesu zu folgen. Dein guter Geist lasse sie getrost ihren Weg gehen.
Gott, Du Quelle des Lebens, wir bitten Dich: Sei bei den Kranken, den Einsamen und Verbitterten. Sei bei den Menschen, die vor großen Herausforderungen stehen und um ihre Existenz fürchten müssen.

Vaterunser
Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Segen
Der Herr segne Dich und behüte Dich.
Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über Dir und sei Dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf Dich und schenke Dir Frieden.

Musik zum Ausgang

 

Ökumenischer Gottesdienst an Christi Himmelfahrt 2021 mit Video

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar.

Begrüßung
Wir begrüßen Sie herzlich zu diesem Gottesdienst.

Wir sind sehr froh, ihn wieder in dieser Form feiern zu können: mit Teilnehmern und Teilnehmerinnen. Immer noch unter Corona-Bedingungen. Aber wenigstens zusammen und jetzt sogar draußen an der Daki.

Es sind die Tage des ökumenischen Kirchtages in Frankfurt, der nun natürlich auch vor allem virtuell gefeiert wird. Deshalb freuen wir uns, dass wir Frau Veith bei uns begrüßen dürfen, die im Team von St. Bonifatius tätig ist.

Und wir sind froh, eine Pfarrerlegende endlich wieder erleben zu können; zu einem 1. Gemeindegottesdienst nach seinem Ruhestandsbeginn vor anderthalb Jahren: Dr. Ulrich Becke.

Wir feiern zusammen Christi Himmelfahrt. „Braucht Gott überhaupt ein Haus?“ Das war die Frage König Salomos, von dem wir gleich hören werden. Über das Für und Wider von Kirchenräumen. Wo spüren und erleben wir Gott dichter: draußen in der Natur, unter seinem Himmel, oder in der Kirche

Votum

Psalm 47
Gott ist König über alle Völker 1 Ein Psalm der Korachiter, vorzusingen. 2 Schlagt froh in die Hände, alle Völker, und jauchzet Gott mit fröhlichem Schall! 3 Denn der HERR, der Allerhöchste, ist zu fürchten, ein großer König über die ganze Erde. 4 Er zwingt die Völker unter uns und Völkerschaften unter unsere Füße. 5 Er erwählt uns unser Erbteil, die Herrlichkeit Jakobs, den er liebt. Sela. 6 Gott fährt auf unter Jauchzen, der HERR beim Schall der Posaune. 7 Lobsinget, lobsinget Gott, lobsinget, lobsinget unserm König! 8 Denn Gott ist König über die ganze Erde; lobsinget ihm mit Psalmen! 9 Gott ist König über die Völker, Gott sitzt auf seinem heiligen Thron. 10 Die Fürsten der Völker sind versammelt als Volk des Gottes Abrahams; denn Gott gehören die Schilde auf Erden; er ist hoch erhaben.

Glaubensbekenntnis
Wir glauben an den einen Gott, den Vater, den Allmächtigen, der alles geschaffen hat, Himmel und Erde, die sichtbare und die unsichtbare Welt.

Und an den einen Herrn Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, aus dem Vater geboren vor aller Zeit: Gott von Gott , Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater; durch ihn ist alles geschaffen. Für uns Menschen und zu unserm Heil ist er vom Himmel gekommen, hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden. Er wurde für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus, hat gelitten und ist begraben worden, ist am dritten Tage auferstanden nach der Schrift und aufgefahren in den Himmel. Er sitzt zur Rechten des Vaters und wird wiederkommen in Herrlichkeit, zu richten die Lebenden und die Toten; seiner Herrschaft wird kein Ende sein.

Wir glauben an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht, der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht, der mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird, der gesprochen hat durch die Propheten, und die eine, heilige, christliche und apostolische Kirche. Wir bekennen die eine Taufe zur Vergebung der Sünden. Wir erwarten die Auferstehung der Toten und das Leben der kommenden Welt. Amen.
(Nizäa-Konstantinopel, EG 805 / GL 586.1

Lesung 1. Könige 8,22-24; 26 – 28         
Und Salomo trat vor den Altar des HERRN angesichts der ganzen Gemeinde Israel und breitete seine Hände aus gen Himmel 23 und sprach: HERR, Gott Israels, es ist kein Gott weder droben im Himmel noch unten auf Erden dir gleich, der du hältst den Bund und die Barmherzigkeit deinen Knechten, die vor dir wandeln von ganzem Herzen; 24 der du gehalten hast deinem Knecht, meinem Vater David, was du ihm zugesagt hast. Mit deinem Mund hast du es geredet, und mit deiner Hand hast du es erfüllt, wie es offenbar ist an diesem Tage. 26 Nun, Gott Israels, lass dein Wort wahr werden, das du deinem Knecht, meinem Vater David, zugesagt hast. 27 Denn sollte Gott wirklich auf Erden wohnen? Siehe, der Himmel und aller Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe? 28 Wende dich aber zum Gebet deines Knechts und zu seinem Flehen, HERR, mein Gott, auf dass du hörst das Flehen und Gebet deines Knechts heute vor dir.

Predigt

Das ist wahrhaftig großes Kino in Cinemascope und Sensorround: Stoff für opulente Bibelfilme a la Hollywood, diese Szene: endlich ist der Tempel in Jerusalem auf dem Tempelberg fertig erstellt.

Golden erstrahlen seine Zierfriese im Licht der Sonne. Gewaltiger Hofstaat umwogt Salomo, den sprichwörtlich weisen König. Sein Vater hat ein Imperium gegründet, einen Weltstaat. (Klammer auf - so schildert es die Tradition Israels. Merkwürdig, dass keine der zeitgenössischen anderen Quellen das davidisch-salomonische Großreich überhaupt auch nur erwähnt – Klammer zu)

Schon David hatte vor, seinem Gott, dem Gott Israels, einen Tempel zu errichten, um ihn vor dem Volk und den Nachbarstaaten zu verherrlichen, aber auch, um ihn listenreich an einen festen Wohnsitz zu binden als Garantie des Fortbestandes Israels.

Aber – so erzählt es die Bibel: Gott selbst verbietet ihm das, denn an seinen Händen klebt Blut, das Blut des Hethiters Uria, den David hat im Krieg ermorden lassen, um seinen Ehebruch mit Batsheba, dessen Frau, zu vertuschen; Sie kennen die Geschichte?

Und jetzt darf Salomo, der Herr über 700 Frauen und 300 Nebenfrauen in seinem Harem, das Lebenswerk des Vaters vollenden.

Und mitten in einem Gebet der großen Worte, das ja auch ein klein bisschen der Majestät der eigenen Person bühnenshowmäßig dienen soll und dient, blitzt und blinkt da doch fast überraschend sprichwörtlich salomonische Weisheit durch:
Siehe, der Himmel und aller Himmel Himmel können dich nicht fassen – wie sollte es dann dies Haus tun, das ich gebaut habe?

Und das heißt ja zum einen: wer bin denn ich, dass ich dem Unendlichen, dem Ewigen Israels ein Haus bauen oder zumindest einweihen könnte oder sollte?

Schimmert da etwas durch wie Martin Luthers Panikattacke bei seiner ersten Messe: im Angesicht Gottes – wer bin denn überhaupt ich vor dem lebendigen Gott?

Luther hat die Szene oft geschildert: bei seiner Primiz, seiner ersten von ihm gelesenen Messe, packt ihn wahre Panik beim Gebet „Te igitur, clementissime Pater“ und er will weg vom Altar flüchten, woran ihn sein Prior gerade noch hindern kann. Katholische Amtsbrüder haben mir versichert, dass das selbstverständlich ein Moment sei, der an die Existenzgrundlage eines Neupriesters gehe: das Hochgebet unmittelbar nach der Wandlung, das er an den im Brot jetzt präsenten Gott zu richten habe.

Zurück zu Salomons Fragestellung bei der Tempelweihe in Jerusalem: Braucht Gott überhaupt ein Haus? Können, ja: sollen wir ihn denn nicht besser unter freiem Himmel verehren wie das bei uns an Himmelfahrt zur Tradition geworden ist? So wie wir heute am Fest Christi Himmelfahrt?

Da gibt’s ja den gebräuchlichen Satz, den Pfarrer - etwa beim Geburtstagsbesuch - immer wieder zu hören bekommen: meinen Gott finde ich draußen beim Wandern, im Wald. Eine Kirche brauche ich dazu nicht!

Und dazu die alte Pfarrerreplik (meist nur gedacht oder allenfalls gemurmelt): dann soll Dich doch später mal der Oberförster beerdigen…

Im Ernst: Andachten unter freiem Himmel, wie ich sie immer wieder viele Jahre lang auf Gemeindefahrten gefeiert habe, gehören zu meinen schönsten Erinnerungen, im Wald, oder in der Wüste, wo etwa die Landschaft zum Ausleger des 23. Psalms wurde.

Und doch andererseits: Menschen brauchen Kirchen – das spüren wir schmerzlich in einer Zeit, die uns zu Digitalgottesdiensten nötigt.

Das sehen und erleben wir ja zu den Öffnungszeiten unserer Kirche an Werktagen: Menschen, die eine Kerze anzünden, für andere, für sich selbst, einfach nur still da sitzen – und dazu den umbauten Kirchenraum brauchen und nützen.
Und ganz gewiss ist dazu eben auch der Alltagsraum geeignet für private und unprätentiöse Kurzandachten.

Ein kleiner praktischer Vorschlag dazu: ganz am Ende eines Tages, so kurz vorm Einschlafen einfach mal die schönsten Sequenzen und Momente des vergehenden Tages im Geiste vor uns vorbeiziehen lassen, um dann schlicht „Danke, Gott“ zu sagen.

Wie gesagt, beides ist gut und weise: mitten im Freien, mitten im Alltag einfach mal nur so an Gott denken. Ja, auch im Urlaub. Ich hoffe, Sie erinnern sich noch, was das früher mal war: Urlaub…

Und sich dann wiederum, wenn das hoffentlich bald wieder geht: im Kirchenraum mit hineinnehmen lassen in die Geschichte Gottes mit allen seinen Menschen, sich als winziger und demütiger Teil eines ganz großen Ganzen zu fühlen. So muss es mit einem Mal damals Salomo bei der Einweihungsfeier für den funkelnagelneuen Tempel in Jerusalem ergangen sein.

Himmelfahrt ist ein schönes Fest, meist bei schönem Wetter. Vollkommen fälschlich ja auch Vatertag genannt…

Ich denke, hinter diesem Feiertag steht eine zunächst sehr schmerzliche, aber dann sehr befreiende Erfahrung der Urgemeinde damals in Jerusalem.

Um sie neu zu verstehen, lassen Sie uns einen Umweg über die Zoologie gehen.
Wie wird ein junger Bär selbständig und mündig?

Das geschieht, wenn die jungen Bären etwa zwei Jahre alt sind und die Mutter erneut trächtig wird. Sie treibt dann die kleinen Bären mit großem Nachdruck auf einen hohen Baum und setzt sich schnell ab. Bis dahin haben die Kleinen gelernt, dass das Kommando der Mutter in jedem Fall unbedingte Gültigkeit hat. Und so sitzen sie mit wachsender Ungeduld und Angst und steigendem Hunger hoch im Baum, bis sie die Einsicht ins Notwendige zwingt, den Baum zu verlassen, um jetzt selbständig ins Erwachsenenleben, ja auch ins Erwerbsleben zu treten – und der eigene Futtererwerb beginnt.

Ich denke, das steht hinter der urgemeindlichen Erfahrung von Himmelfahrt. Ich sehe in erstaunte Gesichter.

Da gibt es eine Zeit damals in Jerusalem, wo die Jüngerinnen und Jünger noch eine Zeitlang nach Ostern irgendwie fühlten und glaubten, ihr Meister sei nach wie vor mitten unter ihnen. Und dann geht dieses Gefühl für immer von ihnen, geht der Meister von ihnen für immer.

Und sie lernen, von nun an müssen wir als Gemeinde auf eigenen Füßen stehen, müssen wir geistlich erwachsen werden. Unsere spirituelle Ausrüstung bleibt uns, die hat ER uns überlassen, ER, der jetzt für immer nicht mehr unter uns ist. Das, was er uns gelehrt hat, befähigt uns zum aufrechten und erwachsenen Gang als seine Gemeinde.

In einem Gebetbuch für Kirchentag stehen die Worte:

Ich bin hier.
Ich habe Zeit.
Ich spüre den Boden unter mir.
Ich bin getragen.
Du, Gott, trägst mich.
Danke!
Von allen Seiten umgibst du mich.

Ich atme. Ich atme ein und atme aus.
Mein Atem kommt. Mein Atem geht.
Und kommt von Neuem.
Ich bin lebendig.

Ich atme. Ich atme ein und atme aus.
Mein Atem kommt. Mein Atem geht.
Und kommt von Neuem.
Ich bin lebendig.
Du, Gott, bist mein Leben.
Danke!
Du hast mich wunderbar gemacht.

Ich denke an das, was ich erlebt habe
in den vergangenen Stunden:
was mich erfreut hat oder geärgert hat …
was mich berührt oder provoziert hat …
Danke für alles!
Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz.

Ich denke an die Menschen,
denen ich begegnet bin: …
Du warst dabei!
Du verstehst meine Gedanken von ferne.

AMEN

Ökumenische Fürbitte
Großzügiger Gott,ich danke Dir für diesen neuen, frischen Tag. Einen Tag, den ich mir nicht verdient habe, aber einen Tag, den Du mir gegeben haben. Einen Tag gefüllt mit Gemeinschaft und Verbundenheit. Zu oft sehe ich nur Unterschiede, wenn ich in die Gesichter um mich herumschaue. Ich habe Sorge vor zu großer Nähe. Ich habe Angst die Bedürftigen zu erkennen, die mit Mangel leben. Ich traue mich nicht, in mich selbst zu schauen und die Widersprüche zu betrachten. Zeige mir den Weg in eine Beziehung mit allen Deinen geliebten Kindern, von denen jedes seine Heiligkeit offenbart. Und auch ich bin eines von ihnen.

Für Frieden und Gemeinschaft, öffne meine Augen!

Verbindender Gott, ich danke Dir für unsere christlichen Geschwister hier vor Ort und in der ganzen Welt. Wir versammeln uns vor dir und du versorgst und reichlich. Wir leben gemeinsam hier in diesem Ort, in dieser Stadt, in diesem Land. Heute feiern wir gemeinsam und morgen sind wir schon wieder verstreut und voneinander getrennt. Vielleicht auch wieder fremd. Du zeigst uns, dass wir nur in der Gemeinschaft genug Nahrung finden. Nur, wenn wir alle zusammenlegen, ist genug für alle da. Zeige mir den Weg, wie ich jedes deiner Geschöpfe mit dem Herzen ansehen kann. Hilf mir, dass ich auch Fremdlinge von jenseits meiner Gemeinde, meines Ortes, meiner Stadt und meines Landes in meine Nähe lasse.

Für Frieden und Gemeinschaft, öffne meine Augen!

Dreieiniger Gott, heute leben wir die Ökumene, mit kleinen oder mit großen Schritten. Wir sehen unsere gemeinsame Mission in Deiner Welt. Ich bitte Dich für Freundlichkeit in unseren Glaubensgemeinschaften, auch wenn wir uns in manchem uneinig sind. Ich bitte Dich um Weisheit und Einsicht, um die Einheit aufrechtzuerhalten, ohne Einheitlichkeit zu fordern. Zeige mir den Weg, in unseren Gemeinden die Vielfalt zu feiern, anstatt sie zu einem Grund zur Spaltung zu machen. Hilf mir, meinen Teil beizutragen, um Christ*innen zueinander zu führen und Versöhnung zu bringen.

Für Frieden und Gemeinschaft, öffne meine Augen

Vater Unser

Segen

Musik

Gottesdienst am 9.5.2021 mit Video von Pfarrerin Susanne Pieper

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar.

Musik

An diesem Morgen begrüße ich Sie herzlich an Ihren Bildschirmen. Beten – macht das heute noch Sinn? Bewirkt es etwas? Um diese Fragen geht es an diesem Sonntag, der den Namen „Rogate“ trägt – das heißt eben „Betet!“ Für die einen gehört das Beten ganz natürlich zum Tagesablauf hinzu, andere wieder können gar nichts damit anfangen. Mit Ihnen möchten wir heute einen Weg gehen und erkunden, wie das Leben und das Beten zusammengehören. Zum Anfang hören wir dazu das biblische Wort der neuen Woche aus Psalm 66,20, das eine besondere Erfahrung enthält und sagt: „Gelobt sei Gott, der mein Gebet nicht verwirft und seine Güte nicht von mir wendet.“

Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Psalm 95
Kommt, lasst uns Gott zujubeln!
Wir wollen ihn loben, den Fels, bei dem wir Rettung finden!
Lasst uns dankbar zu ihm kommen
Und ihn mit fröhlichen Liedern besingen!
In seiner Hand liegt alles – von den Tiefen der Erde
Bis zu den Gipfeln der höchsten Berge.
Ihn gehört das Meer, er hat es ja gemacht, und seine
Hände haben das Festland geformt.
Kommt, wir wollen ihn anbeten und uns vor ihm beugen.
Lasst uns kommen vor den Herrn, unseren Schöpfer!
Denn er ist unser Gott, und wir sind sein Volk.
Er kümmert sich um uns wie ein Hirte,
der seine Herde auf die Weide führt.

Gebet
Gott, ich vernehme die Worte dieses Psalms. Und doch frage ich: Hörst du mich? Oder hallt mein Gebet ins Leere? Ich rufe zu dir in meiner Not, ich liege wach, meine Gedanken kreisen. Vor dir, so sagen sie, kann ich meine geheimsten Gedanken zu Ende denken, kann in Worte fassen, was ich sonst niemandem sage.

Hörst du mich, Gott?  Klingt mein Rufen hinauf bis zu dir oder bleiben meine Worte ungehört? Vernimmst nicht einmal du, was ich hinausschreien muss? Nimmst nicht einmal du wahr, wie es um mich steht?

Und doch - ich bin gewiss, dir kann ich meine innere Traurigkeit zeigen, kann auch von meinen Ängsten sprechen, zu versagen. Vor dir kann ich sein, wie ich bin.
Dafür danke ich dir. Lass mich dich in meinen Gebeten suchen und dich finden.
Amen.

Lied: 444,1.3.4 Die güldene Sonne

Der Predigttext dieses Tages findet sich im Buch Jesus Sirach 35,13-18a. Dieser Text aus den sogenannten Apokryphen ist für diesen Sonntag in der neuen Perikopenordnung der EKD vorgeschlagen.

„Gott hilft dem Ärmsten ohne Ansehen der Person und erhört das Gebet des Unterdrückten. Er verachtet nicht das Flehen der Waisen noch die Witwe, wenn sie ihre Klagen ausschüttet.
Laufen ihr nicht die Tränen die Wangen herunter, und richtet sich ihr Schreien nicht gegen den, der die Tränen fließen lässt?  
Der Mensch, der Gott dient, wird mit Freude angenommen, und sein Gebet reicht bis in die Wolken. Das Gebet eines demütigen Menschen dringt durch die Wolken, und es lässt nicht nach, bis es sein Ziel erreicht hat;
es gibt nicht auf, bis der Höchste sich seiner annimmt.“

Gottes Liebe, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde,
es war einmal ein Seufzer. Der kam tief aus dem Herzen einer jungen Frau, er schlüpfte durch ihren Mund und schwebte unsichtbar durch die Luft in Richtung der Wolken. Der Seufzer hieß: „Ach Gott! Wie soll es nur weitergehen?“ Ein kleiner Satz nur, aber ein ganzes Leben steckte darin. Sie musste sich völlig neu orientieren.  Ihre Lebenspläne waren durcheinandergeraten. Und es war ganz anders gekommen, als sie es sich immer vorgestellt hatte. Nun war sie wieder allein, war ganz jung schon Witwe geworden. Niemand, der sie versorgte. Noch durfte sie im Haus bleiben, aber die Gnadenfrist würde bald ablaufen. Ihre Familie war da, ja, sie würde sie unterstützen. Aber wer will schon auf die Barmherzigkeit der anderen angewiesen sein?  „Ach Gott, wie soll es nur weitergehen mit mir?“ So viele Gedanken steckten in diesem kleinen Seufzer. Schwer, dunkel und kaum zu ertragen. Dieser Seufzer - der war gar nicht als Gebet gemeint. Gar nicht als Suche nach Trost und Gewissheit, oder als Zwiesprache mit Gott. Nein, dieser Seufzer war einfach nur ein Stoßseufzer. Eine Klage. Gerade mitten aus der Dunkelheit ihres Lebens.

Lied + 26,1.2 Aus der Tiefe

Und doch – dieser tiefe Seufzer machte sich auf den Weg durch die Luft und flog in Richtung Wolken. Und er blieb doch nicht unbemerkt: als er die Wolken durchbrach, landete er direkt in Gottes Ohr. Und Gott war wach. Er hörte all das, was da mitschwang:  alle Trauer. Alle Angst. All diese Ratlosigkeit, und auch die kleinen Hoffnungen, die doch irgendwie mit dabei waren. Und in Gottes Ohren wurde aus dem Seufzer ein Gebet. Und dieses Gebet bewegte Gottes Herz.

Stellen wir uns nun einen Moment lang vor, es würde weitergehen wie in einem Märchen: da würde Gott die Sterne vom Himmel regnen lassen in die Schürze dieser Frau, und würde sie in Goldmünzen verwandeln. Oder er würde eine andere Witwe schicken, die reich ist, die geerbt hat und mit der unsere Frau nun in einer WG leben würde und einen Laden eröffnen könnte. So wäre das in einem Märchen. Aber in Wirklichkeit?  In unserer Wirklichkeit sind solche traumhaften Gebetserhörungen selten – auch wenn es sie durchaus auch geben kann. Gebetserhörungen funktionieren oft nicht eins zu eins.

So wie ich es bisher in meinem Leben erfahren habe, sieht es eher anders aus: wenn ich ein Unglück erlebt habe, etwas, was mich aus der Bahn geworfen hat, von jetzt auf gleich, dann weine ich, ich schimpfe auch, ich lasse meiner ganzen Not freien Lauf. Ich klage anderen mein Leid und muss es irgendwie loswerden. Ich mühe mich ab mit meinen Gefühlen und ich suche nach Lösungen, die mir jetzt helfen.  Und zwischendurch schicke ich einen Seufzer und Tränen in den Himmel, hoffe auf ein Wunder und weiß im nächsten Moment gar nicht, ob ich damit rechnen darf. Und dann kommen da diese Fragen: „Ich habe das Gefühl, als ginge mein Gebet nur bis zur Zimmerdecke. Hört Gott mich denn eigentlich? Lässt er sich bewegen von meinem Gebet? Wird er meine Tränen trocknen, wird er mich Heilung sehen lassen?“

Die Bibel sagt dazu: Doch. Gott hört uns. Und er lässt sich von uns bewegen. Gott reagiert auf unsere Tränen und auf unser Leid. Manchmal auch auf sehr verblüffende Weise und sehr unterschiedlich.

Ich denke an Hagar, die Magd von Sarah; sie erwartet und bekommt ein Kind von Abraham. Als sie mit ihrem Sohn in die Wüste verbannt wird, hat sie nicht einmal mehr Kraft für ein Gebet. Nur noch für Tränen reicht es, während sie meint, sie müsse ihrem Sohn beim Verdursten zusehen. Gott aber hört das Weinen des Kindes und schickt einen Engel, der ihnen einen Brunnen zeigt. Beide überleben und verbringen ihr Leben am Rande der Wüste. Das ist wohl nicht das, was Hagar sich gewünscht hat. Aber sie und ihr Sohn dürfen leben.

Und ich denke an Paulus, den Prediger, Apostel und Missionar.  Er reist durch den Mittelmeerraum und erzählt den Menschen von Gottes Liebe, die er in Jesus Christus gezeigt hat. Paulus trägt an einer schweren Krankheit.  Sie behindert ihn, und er bittet Gott um Heilung. Nun heißt Gottes Antwort: „Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Es ist nicht ganz das, was Paulus sich erhofft hatte, aber es macht ihm Mut, es stärkt seine Seele und es hilft ihm, dennoch zu leben und nicht aufzugeben.

Wenn Sie an Ihr Leben denken: Gab es da Situationen, wo Ihr Klagen erhört worden ist?  Haben Sie es erlebt, dass Ihr Beten etwas zum Guten verändert hat? Vielleicht ganz anders, als Sie es sich erhofft haben -  aber doch so, dass Sie im Rückblick sagen können: „Ja, da hat Gott mir geholfen, da habe ich eine neue Perspektive gefunden, eine neue Kraft für mein Leben. Da bin ich trotz allem hindurchgekommen“?

Lied: +26,4 Aus der Tiefe

Erstaunlicherweise geht der Schreiber unseres Predigttextes fest davon aus, dass Gott ganz besonders das Gebet der Witwen und Waisen, der Ärmsten und Demütigen hört. Warum? Weil sie es sind, auf die sonst niemand hört. Die keine Lobby haben, keine Fürsprecher. Die, die sozial schwach sind und bedürftig, sie liegen Gott ganz besonders am Herzen. Gerade sie sollen nicht unter die Räder kommen. So ist es in der Thora festgehalten. Die Witwen und die Waisen haben einen Anspruch auf Versorgung; sie sollen besonders als Menschen mit Rechten und mit Würde wahrgenommen werden. Und darum ist es die Aufgabe jeder Frau und jedes Mannes, die sich selbst als gläubig bezeichnen oder als gottesfürchtig, die Klagen dieser Ärmsten zu hören und auf sie zu reagieren.

Darum könnte die Geschichte vom kleinen, tiefen Seufzer so weitergehen:

Auf dem Weg vom Herzen der Frau bis hoch zu den Wolken kam der Seufzer an einigen Menschen vorbei. Am Hausbesitzer zum Beispiel – und dem fiel der Satz aus der Thora ein: „Witwen und Waisen dürft ihr nicht ausbeuten“ (aus dem 2.  Buch Mose 22,21). Und er ging zu der Frau und bot ihr an, ihre Miete zu senken. Und der Seufzer kam an einer alten Freundin vorbei, die mit ihrem eigenen Leben, ihrer Familie und ihren Kindern so beschäftigt gewesen war, dass sie das Schicksal der Frau kaum wahrgenommen hatte. Und nun ging sie zu ihrer Freundin und fragte sie: „Was brauchst du? Hab keine Scheu, es mir zu sagen.“

So kann es gehen, wenn ein Seufzer sich auf den Weg zum Himmel macht. Wenn wir selbst seufzen, dann dürfen wir darauf vertrauen, dass Gott uns wirklich hört.

Und wenn wir die Seufzer eines anderen Menschen hören, dann ist es unsere Aufgabe, darauf zu reagieren und zu antworten. Eines aber gilt: jedes Gebet trägt eine Kraft in sich. Wir dürfen groß vom Beten denken. Beten hat Folgen.  Es kann andere zum Handeln bringen.

Jedes Gebet verändert uns. Es bewegt Gott. Und es verändert unsere Mitmenschen, indem es sie barmherziger machen kann. Darum ist es lebenswichtig, am Beten festzuhalten.

Und Gottes Friede, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.
Amen.

Lied: + 31 Der Herr segne dich

Fürbitten
Du, unser Gott, Barmherziger, den Faden zu Dir immer neu knüpfen, mit Herz und Seele an Dir hängen, das hält uns lebendig, innerlich wie äußerlich. Manchmal ist unser Beten nur Schweigen, nur ein Stoßseufzer oder eine Klage. Dann wieder ist es überschwänglicher Dank oder ein jubelndes Lied. So sind wir da und hoffen, dass Du uns hörst, Dich bewegen und berühren lässt, dass Du Situationen und Menschenherzen verändern kannst.

Heute danken wir Dir für unser Leben. Dass wir versorgt sind mit allem, was wir benötigen. Für unsere Familien und Freundinnen und Freunde danken wir, für alle, die sich um uns sorgen und nach uns fragen.

Wir bitten für alle, die nicht mehr beten können. Denen der Zweifel, die Enttäuschung oder die Verbitterung den Mund verschlossen hat.  Öffne ihnen eine neue Tür zu Dir. Schenke ihnen neuen Mut, Dir zu vertrauen.

Wir bitten für alle, die erkrankt sind. Dass sie die Hoffnung nicht verlieren, geduldig mit sich sind, Hilfe und Genesung erfahren, wo immer es möglich ist.

Für alle, die sich am Rande der Gesellschaft und übersehen fühlen, bitten wir. Schenke ihnen Wertschätzung und einen liebevollen Menschen, der an ihrer Seite ist.

Wir bitten für alle, die politisch verfolgt werden. Dass ihre Botschaft gehört und respektiert wird. Schenke ihnen Recht und Befreiung.

Für alle Trauernden bitten wir, die einen Menschen verloren haben. Lass sie Trost erfahren. Lass ihnen Hilfe und Beistand nahe sein.

Du, Kraft unseres Lebens, öffne unsere Sinne für die Zeichen Deiner Gegenwart. Stärke uns und lass uns zuversichtlich leben vor Deinem Angesicht.

Vaterunser

Segen
Der Herr segne dich und behüte dich
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden
Amen

Musik

Gottesdienst am 2.5.2021 mit Video von Pfarrer Rainer Böhm

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar.

Musik als Medizin; die heilende Kraft des Gesangs; Singen und Veränderung
Der Sonntag ‚Kantate‘ ist der Sonntag des Singens.  Der erleichterte Dank, das Loblied der Geschöpfe, der mutige Gesang gegen Unrecht und Angst – unsere Lieder vereinen sich zu einem vielstimmigen Lobgebet. Wo er so besungen wird, dort ist Gott ganz nah. Und dort können wir uns wandeln zu liebevollen, verantwortlichen und dankbaren Menschen.

Musik

Begrüßung
Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder. Der Wochenspruch aus Psalm 98 (V.1) hat auch diesem Sonntag seinen Namen gegeben: Singet! Kantate! Auch wenn es uns manchmal schwer möglich ist zu singen: Im Singen und im Loben bringen wir unseren Glauben zum Ausdruck. Wir bringen vor Gott, was uns das Leben schwermacht und loben ihn für die Wunder, die er an uns tut. So feiern wir diesen Gottesdienst im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Psalm 98
Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder. Er schafft Heil mit seiner Rechten und mit seinem heiligen Arm. 2 Der HERR lässt sein Heil verkündigen; vor den Völkern macht er seine Gerechtigkeit offenbar. 3 Er gedenkt an seine Gnade und Treue für das Haus Israel, aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes. 4 Jauchzet dem HERRN, alle Welt, singet, rühmet und lobet! 5 Lobet den HERRN mit Harfen, mit Harfen und mit Saitenspiel! 6 Mit Trompeten und Posaunen jauchzet vor dem HERRN, dem König! 7 Das Meer brause und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen. 8 Die Ströme sollen in die Hände klatschen, und alle Berge seien fröhlich 9 vor dem HERRN; denn er kommt, das Erdreich zu richten. Er wird den Erdkreis richten mit Gerechtigkeit und die Völker, wie es recht ist.

Lied: 287     Singet dem Herrn ein neues Lied

Eingangsgebet
Singen wollen wir dir, Herr, und deinen Namen preisen.
Doch oft bleibt uns das Wort im Hals stecken. Not und Leid dieser Welt machen uns sprachlos. Auch unsere Umwelt leidet stumm.
Darum bitten wir dich: Befreie uns aus aller Not und unserem Kleinglauben, gib uns Worte, da Öffne unsere Ohren, dass wir dein Wort hören und die Sorgen unserer Mitmenschen nicht überhören; öffne unsere Augen, dass wir deine Wunder sehen und die Not nicht übersehen, die uns begegnet; öffne unseren Mund zu Klage und Lob, dass wir dir singen in der Kraft des Heiligen Geistes.

Lesung
Musik hat die Kraft, das verstörte Gemüt von Menschen aufzuhellen. So wird es vom jungen David erzählt, der für König Saul auf der Harfe spielt.
 
Alttestamentliche Lesung: 1. Samuel, 16, 14-23

Lied: 501    Wie lieblich ist der Maien

Predigt
Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder. Ps 98, 1

Liebe Gemeinde,
Singen: als Kind mit dem Schulchor die Carmina Burana, dort in Königstein, wo jetzt die Orgel aus der Johanneskirche aufgebaut worden ist. Melodien, die mich mein ganzes Leben begleiten, obwohl ich danach nie wieder in einem Chor gesungen habe. Aber im Gottesdienst. Und ein paarmal in einer leeren Kirche zusammen mit meiner Frau. Für uns kam es aus ganzem Herzen. Es war wie ein inniges Gebet für mich. „Wie lieblich ist der Maien“ in einer leeren Klosterkirche in Thüringen.

Singen: Irgendwann vor ihrer Konfirmation sagte der Pfarrer zu ihr: „Du stellst dich dann ganz hinten hin, wenn wir im Gottesdienst unser Konfirmandenlied singen. Und dann machst du einfach nur den Mund auf und zu und tust nur so, als ob du singen würdest!“ Das erzählte mir die alte Dame mit bebender Stimme. Und dass sie jetzt doch manchmal singen würde. Obwohl ihr die Worte von damals immer noch weh tun. Ein Wunder überhaupt, dass sie nicht aufgehört hat zu singen. Und ein Wunder, dass ihr der Glaube nicht abhandengekommen ist.

Singen: Was uns etwas bedeutet, spüren wir, wenn wir es nicht mehr haben. Im Moment des Verlusts. Für mich ist es nun schon das zweite Jahr, in dem eines meines Lieblingslieder gewissermaßen nicht funktioniert: Denn das tut es nur mit anderen, als Gemeindegesang oder sagen wir: also Mindestens zu Zweit. Es gibt ein paar Lieder im Gesangbuch, die mich so ergreifen, dass ich manchmal dabei weinen muss. Unser Kantor und Organist Frank Scheffler könnte viel darüber sagen: die heilsame Wirkung des Gesangs; das Singen in der Gemeinschaft; die positive Wirkung auf Körper, Geist und Seele.

Ich erinnere mich an den heiligen Schauer, den ich in einem Gottesdienst in Schönberg empfand, als im Lied „Du meine Seele singe“ der Posaunenchor einsetzte. Das war gewaltig, dazu der brausende Gemeindegesang. Für mich haben viele Lieder eine reinigende, kathartische Wirkung. Und deshalb gehört fehlender Chor- und Gemeindegesang in Coronazeiten auch zu der seelischen Inzidenz, die Bischof Bedford-Strom neulich angesprochen hat. Zu etwas, was wir schmerzlich vermissen.

Singen ist also nicht nur singen. Es macht etwas mit uns, wie das Beten; es ist eine Kraft, die eine Veränderung bewirken kann. Nicht nur mit uns, sondern über uns hinaus, wie das Gebet.

Kantate, Singt! Das Singen ist Ausdruck des gelebten Glaubens. Wenn wir die schönen Lieder singen, dann empfinden wir zugleich den Widerspruch zu unserer Wirklichkeit. Singen wir von Gottes Herrlichkeit und beklagen das Leid der Menschen in Indien. Wenn wir von dem Frieden singen, den uns Christus gebracht hat, dann gehört dazu, dass wir über den Unfrieden klagen und sehen, wo Menschen unter Krieg und Verfolgung leiden. Wenn wir in der Osterzeit davon singen, dass Gott neues Leben schenkt und uns frei atmen lässt, dann denken wir an George Floyd und stimmen ein in die Rufe gegen Rassismus auch hier bei uns. Wenn wir in den Liedern Gottes wunderbare Schöpfung besingen hören wir zugleich das Seufzen der Kreatur und denken an den Klimawandel und das Leiden von Pflanzen und Tieren und treten ein für das Lebensrecht der Natur und der nachfolgenden Generationen.

Singen:  es kann für uns nicht beim Singen allein bleiben. Wir freuen uns am Gesang. Ich kann gar nicht abwarten, dass es wieder erlaubt ist in der Kirche, die Zeit wird sehr lang. Ich weiß das alles ganz neu zu schätzen. Und ich weiß jetzt, dass es so nicht weitergehen kann.
Mit dem Gesang können wir uns gegenseitig dazu stärken. „Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit, mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen Liedern singt Gott dankbar in euren Herzen.“ So heißt es in der Epistel für heute. Selbst wenn wir im Gottesdienst noch nicht miteinander singen können, können wir einstimmen in den großen Gesang der Kirche und in das Lob der ganzen Schöpfung und der Welt, wie sie ist und wie sie sein wird mit Gottes und mit unserer Hilfe: Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und die Erde verändert ihr altes Gesicht. Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und die Erde lebt auf und wird licht.“
Amen

Lied

Gebet und Fürbitten
Gott, du Herr des Lebens, dich preisen wir mit unseren Liedern;
doch wir rufen auch wegen des Unrechts, das in der Welt geschieht. Mit unseren Klagen und Bitten kommen wir zu dir:
 
Wir beklagen die Friedlosigkeit, die an so vielen Orten der Erde herrscht,
und bitten für alle Frauen, Männer und Kinder, die an den Folgen von Hass leiden, wir bitten für die Menschen, die auf der Flucht sind und für die, die bei uns in Frieden leben wollen.
Wir rufen zu dir: Herr, erhöre uns.
 
Himmelschreiend ist das Unrechts, das uns in der Nähe und in der Ferne begegnet, und wir bitten dich für alle Menschen, denen die Freiheit zum Atmen fehlt und für die, die unterdrückt und benachteiligt werden, wir bitten für die Kinder, die Opfer von Gewalt und Missbrauch werden.
Wir rufen zu dir: Herr, erhöre uns.
 
Wir loben deine Schöpfung und bringen vor dich ihrLeiden, wir beklagen das Aussterben von Tierarten und die Massentierhaltung; wir sorgen uns um das Klima auf der Erde und die Verwüstung von Lebensräumen, wir bitten dich für die belebte und unbelebte Natur.
Wir rufen zu dir: Herr, erhöre uns.
 
So oft vergessen wir beides: wir schreien nicht vom Unrecht, das wir sehen,
und wir singen nicht von der Hoffnung, die wir haben.
Wir rufen zu dir: Herr, erhöre uns.
 
Wir bitten dich für uns alle:
Gib uns den Mut und die Freude, dir Lob zu singen.

Vater Unser

Segen

Abkündigungen

Musik

Gottesdienst am 25.4.2021 mit Video von Pfarrerin Susanne Pieper

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar.

Musik
Begrüßung
Jubilate – freut euch! Das ist der Name dieses Sonntags. Dazu ein herzliches Willkommen hier aus der Wilhelmskirche in Bad Nauheim! Freut euch – das Osterlicht leuchtet. Die Osterfreude klingt weiter. Die Welt um uns herum steht in voller Blüte, und wir atmen etwas von der Schöpfung, die wieder neu wird.
Das passt gut zu dem Wochenspruch er Bibel aus dem 2.  Korintherbrief; er lautet: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur. Das Alte ist vergangen, sieh: Neues ist geworden!“
So lasst uns diesen Gottesdienst feiern im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Psalm 66
Jubelt Gott zu, all ihr Menschen auf der Erde! Singt und musiziert zu seiner Ehre. Rühmt seinen Namen heute und morgen. Du handelst in Liebe und dein Werk ist Erbarmen.
Für deine Kinder verwandelst du das Meer, machst es zum gangbaren Weg, zur trockenen Bahn. Durch deine Hand wird unser Leben erhalten. Du bewahrst uns, dass unsere Füße nicht gleiten, und deine Augen blicken auf unser Tun. Jubelt ihr Länder, lasst alle Welt zur Ehre Gottes singen. Alle werden sich vor dir beugen, du Höchster.

Gebet
Du naher und ferner Gott zugleich, wir kommen vor dein Angesicht an diesem Tag. „In dir leben wir und sind wir“, so hören wir es heute. Eine jede und ein jeder ist mit dir, unser Gott, verwoben. Deine Nähe durchzieht unser Leben so wie ein roter Faden. Mal nehmen wir ihn wahr, mal läuft er verdeckt durch das Webmuster unseres Lebens. Wir suchen dich – hinter den Wundern deiner Schöpfung und zwischen den Rätseln unseres Lebens. Und wo wir dich gefunden haben, da hüpft unsere Seele vor Freude. Lass dich von uns finden. Darum bitten wir dich im Namen deines Sohnes Jesus Christus, unseres Bruders und Herrn. Amen.

Lied EG 324,1.2.12.13  Ich singe dir mit Herz und Mund

Lesung  Apostelgeschichte 17,22-34 (nach der Hoffnung für alle und der Bibel in gerechter Sprache)

Paulus wartete in Athen auf seine Mitarbeiter Silas und Timotheus. Er erfuhr, dass die Athener immer gerne etwas Neues sagen oder hören wollten. Nun stand er mitten auf dem Areopag, dem zentralen Platz der Stadt, und rief:  „Ihr Leute von Athen, ich sehe, dass ihr euren Göttern mit großer Hingabe dient. Denn als ich durch eure Stadt ging und mir eure Heiligtümer ansah, habe ich sogar einen Altar gefunden, auf dem stand: ‚Für die unbekannte Gottheit‘. Diesen Gott, den ihr verehrt, ohne ihn zu kennen, den möchte ich euch nun bekannt machen.

Es ist der Gott, der die Welt und alles, was in ihr ist, geschaffen hat. Er ist Herr des Himmels und der Erde und wohnt nicht in Tempeln, die Menschen gebaut haben. Er lässt sich nicht von Menschenhänden versorgen, denn er selbst gibt allen den Atem, das Leben und alles, was notwendig ist. Aus einem Menschen ließ er die ganze Menschheit hervorgehen. Er will, dass die Menschen ihn suchen, mit ihm in Berührung kommen und ihn finden. In der Tat - Gott ist nicht fern von jeder und jedem von uns.  Denn in Gott leben wir, bewegen wir uns und sind wir. So wie es einige eurer Dichter gesagt haben: ‚Wir sind seine Kinder.‘

Wenn wir also von göttlicher Art sind, dürfen wir nicht meinen, dass wir Gott in Statuen aus Gold, Silber oder behauenen Steinen darstellen könnten. Dies sind ja doch nur Gebilde unserer Kunst und unserer Vorstellungen. Bisher hat Gott mit Geduld darüber hinweggesehen, nun aber fordert er die Menschen überall auf, umzukehren. Er hat einen Tag festgesetzt, um an ihm die Menschheit gerecht zu richten durch einen Mann, den er selbst dazu bestimmt hat. Er hat ihn gegenüber allen besonders ausgewiesen, indem er ihn von den Toten auferweckte.“

Als Paulus von der Auferstehung der Toten sprach, begannen einige Athener zu spotten, andere aber meinten: “Darüber wollen wir dich ein anderes Mal hören.“ Da ging Paulus von ihnen weg. Einige Leute aber schlossen sich ihm an und fanden zum Glauben. Darunter waren Dionysius, ein Mitglied des Gerichtes auf dem Areopag, und eine Frau namens Damaris, und weitere mit ihnen.

Gottes Liebe, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Liebe Gemeinde,
es war in diesem Raum. Hier in der Wilhelmskirche. Die Stühle - zur Seite gestellt. Ein langes Seil war auf dem Boden ausgebreitet, in Form einer Spirale. Wir waren mitten in der Konfistunde. Einzelne Sätze des Glaubensbekenntnisses lagen verteilt an dem langen Seil auf dem Boden, und nun schritten die Jugendlichen das Seil ab; sie sollten an einem der Sätze stehenbleiben, der ihnen am meisten zusagte. „Ich glaube an Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde.“ Hier stellten sich die meisten auf. Zwei weitere befanden sich an dem Halbsatz „gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben.“ Und eine kleine Gruppe stand bei der „Auferstehung der Toten“. Andere Passagen lagen ganz ohne die Konfis da. Nun fragte ich die größte Gruppe: „Warum habt ihr euch zum 1.  Satz des Glaubensbekenntnisses gestellt?“ Ein Mädchen antwortete: „Gott verbinde ich am meisten mit der Natur. Ich kann ihn hier am besten finden.“ Ich ging weiter. “Und euch ist der Satz ‚gelitten unter Pontius Pilatus‘ am wichtigsten?“ „Ja, weil man das historisch beweisen kann,“ sagte ein Junge. „Alles andere muss man glauben.“ Ein Glaube, der sich hier für zwei Konfis erdet. „Ich sehe, dass ihr hier bei der Aussage von der ‚Auferstehung der Toten‘  steht.“ „Ja, das gibt mir Hoffnung in meinem Leben,“ war die Antwort. An einem Punkt können sich die Konfis in die Tradition einklinken, etwas von den überkommenen Glaubensinhalten mit ihrer Welt in Verbindung bringen, etwas in ihre Sprache übersetzen. Ja, die Aussagen des Glaubens müssen immer wieder übersetzt werden, sie müssen verständlich gemacht werden. Sonst sind sie für das Leben nichtssagend.

Vor dieser Aufgabe stand auch Paulus, der Apostel, als er einen Zwischenstopp auf seiner Missionsreise einlegte. Athen- das war einmal eine blühende Metropole. Hier waren die Götter in ihren bunten Tempeln zuhause. Die Stadt wurde zwar mit der Besetzung durch die Römer fast bedeutungslos; aber die Sehnsucht der Bewohner nach guten Lehren für ein glückliches Leben, diese Sehnsucht war ungebrochen. Wie kann Paulus dieser Kultur, die ja ganz anders ist als seine eigene, so von seinem Glauben erzählen, dass die Athener ihn verstehen? Woran kann er anknüpfen?

Paulus nimmt sich zuerst einmal Zeit. Das imponiert mir. Während er durch die Straßen geht, fallen ihm die kleinen und großen Tempel der verschiedenen Gottheiten auf, die angebetet werden und denen geopfert wird, damit sie den Menschen wohlgesonnen bleiben. Er schaut hin. Nimmt wahr, was da ist: „Ich sehe, dass ihr euren Göttern mit großer Hingabe dient.“ Daraus klingt Respekt. Und es klingt daraus Wertschätzung für den Glaubenshorizont der anderen. Wertschätzung und Respekt, das sind die grundlegenden Voraussetzungen für einen jeden Dialog zwischen Religionen.  Erstmal hinhören. Hinsehen. Ehrerbietung für die Vorstellungen, in denen der Andere lebt, Achtung für den Glaubenshorizont, in dem die Andere sich bewegt.  Diese Haltung ist auch in unserer Zeit, in unserer multireligiösen, gegenwärtigen Gesellschaft unbedingt vonnöten, damit es einen Zusammenhalt geben kann, damit Menschen, die ansonsten sehr unterschiedlich sind, friedlich zusammenleben können.

Paulus sieht die Tempel. Und dann da diesen besonderen Altar, gewidmet „Dem unbekannten Gott“. Warum steht der da? Wollen die Bewohner von Athen nur sichergehen, dass sie keine Gottheit dieser Welt übersehen? Befürchten sie, sonst irgendwie bestraft zu werden, wenn sie dieser unbekannten Größe keinen Respekt erweisen? Ist das eine religiöse Rückversicherung für alle Fälle? Mag sein. Vielleicht. Aber es steckt doch mehr dahinter: Sie sind neugierig. Im besten Sinne. Sie sind Menschen, die auf der Suche sind.

Das ist eine Haltung, die sagt: Wir gehen davon aus, dass es mehr gibt als das, was wir bisher begriffen und verstanden haben. Wir sind offen für Neues. Für das, was wir noch nicht wissen. Wir wollen mehr verstehen von dem, was diese Welt zusammenhält.

Unser Geist ist auf dem Sprung.

Genau das wertzuschätzen, ist erst einmal gut! Solch eine suchende Haltung ist die Voraussetzung dafür, dass es überhaupt Forschung gibt. Wissenschaft, die hilfreich für uns Menschen ist; die uns weiter nach vorne bringt, uns zu Entdeckungen führt, gerade auch zu medizinischen Entdeckungen, die heilsam für uns sind, ja lebensrettend. Gerade in dieser Zeit erfahren wir Tag für Tag, wie wichtig solch eine suchende Haltung ist. Der Geist ist auf dem Sprung.

Aber auch die Seele ist auf dem Sprung.

Und daran knüpft Paulus nun auch an. Er knüpft an den leeren Altar an, geweiht „Dem unbekannten Gott“. Der leere Altar – ein großartiges Symbol ist das! Gott also lässt sich nicht darstellen. Der Mensch soll sich kein Bildnis von ihm machen. Gott lässt sich nicht einzwängen in das Korsett menschlicher Vorstellungen, nicht bannen in Statuen und Standbilder. Er lässt sich aber auch nicht nur auf unsere bisherigen Erfahrungen festlegen. Er überrascht uns je neu. Mit ihm zu leben, ist ein Abenteuer.

Der Altar, an dem wir Gott anbeten, ist leer. Und Paulus kommt ins Erzählen; kommt ins Schwärmen von dem Gott, der größer ist als Himmel und Erde, der vor und hinter allem Raum da ist, vor und hinter allen unseren denkbaren Kategorien von Zeit. Er ist die Kraftquelle des Lebens, sagt er.  Er ist der Ursprung aller Lebendigkeit. Er gibt und wir dürfen nehmen. Er ist von uns nicht abhängig. Und will es doch unbedingt mit uns zu tun haben! Gott will in einer Beziehung zu uns sein. Wir sind ihm keineswegs gleichgültig. Das heißt aber auch, dass wir mit Gott niemals fertig sind. Dass immer noch etwas Überraschendes kommen kann. Weil es ein gemeinsamer Weg ist mit ihm.

„Gott will, dass die Menschen ihn suchen, in Berührung mit ihm kommen und ihn finden“, sagt Paulus. Gott lässt sich demnach finden. Ist das mehr als eine Behauptung? Kann das in diesen schweren Tagen zu einem Versprechen werden? Kann das eine Verheißung sein? Das wäre so viel.

Und so höre ich Paulus, wie er uns über alle zeitliche Distanz hinweg zuruft: „Gib nicht auf.  Auch wenn du gerade meinst, nur dunkle Wolken über dir zu erkennen, auch wenn du den Weg nicht siehst, und um dich her nur Dickicht ist. Auch in deiner Irrsal und Wirrsal gib nicht auf. Wage es, Gott immer wieder zu suchen.  Suche nach Spuren von ihm. Frage nach ihm, bete, und du wirst es erleben, dass er sich von dir finden lässt. Du wirst Neues von ihm sehen!“

Gott lässt sich finden. Kann das sogar ein Trost werden? An vielen Tagen gehen wir gebückt unter der Decke der Pandemie. Wir seufzen in der Trauer um die Opfer. Und unsere Seele reibt sich wund an den schwierigen Fragen dieser Zeit, auf die es so schnell keine Antwort gibt und mit denen wir leben müssen. Aber trotzdem: es scheint mir, als öffnete Paulus uns eine Tür für eine besondere Wesensseite Gottes. Als sagte er zu uns: „Seht nicht nur auf die Ränder eures Lebens. Schaut hin! Wir alle sind nicht verlassen. Er ist uns näher, als wir ahnen. Von allen Seiten umgibt er uns und hält seine Hand über uns. Und wir können niemals tiefer fallen als nur in Gottes Hand. Gott ist um uns herum, so wie die Luft, die wir atmen. Wie das Wasser, in das wir eintauchen. Wie der Gesang der Vögel, die wir am Morgen hören. In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir. Und Gott ist da in jedem Zeichen der Liebe, das wir Menschen einander geben und voneinander annehmen. ‚Wo Barmherzigkeit ist und Liebe, da ist Gott‘, so singen wir es doch. Das gilt gerade jetzt, wo so viele Menschen sich einsetzen, um die Bedürftigen zu pflegen und für sie zu sorgen, in einer tiefen Solidarität und Barmherzigkeit. Gott ist da in jedem Zeichen der Liebe. Er will, dass wir ihn suchen.  Und er wird sich von uns finden lassen. An jedem Tag.“

Und sein Friede, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Lied EG 432,1-3 Gott gab uns Atem, damit wir leben

Fürbitten
Du, Gott, bist die Kraftquelle unseres Lebens, bist Ursprung aller Lebendigkeit. Wir danken dir für jeden Morgen, den wir sehen, für jede Stunde, die du uns schenkst. Wir loben dich für jedes Lachen in unserer Mitte. Wir preisen dich für das Licht des Tages und für die bergende Ruhe der Nacht.
Wir danken dir für alle Zeichen der Liebe, die wir empfangen von denen, die uns zugetan sind.  Von denen, mit denen wir verbunden sind durch die treue Gemeinschaft der Glaubenden. Halte uns alle in diesem guten Netz miteinander verbunden, damit niemand verloren geht und einsam wird.
Wir bitten dich für alle, die krank sind: stärke sie und tröste sie. Lass sie deine Gegenwart und Kraft spüren.
Wir bitten dich für alle Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte: gib ihnen die Kräfte, die sie benötigen und lass sie sich getragen wissen durch unsere Gemeinschaft und Vernunft.
Wir bitten dich für alle, die um einen Menschen traurig sind: sei du unsichtbar an ihrer Seite. Stärke ihre Schritte an jedem einzelnen Tag und schenke ihnen neue Hoffnung für ihr Leben.
Wir bitten dich für alle Familien, die unter besonderen Belastungen stehen. Gib ihnen Geduld und lass sie aufatmen. Schütze die Schwachen und die Kinder.
Lass uns dich finden in jedem Zeichen der Liebe.  Bleibe du uns spürbar nahe, barmherziger Gott. Mit den Worten des Vaterunsers sagen wir dir, was uns noch wichtig ist:

Vaterunser

Segen
Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.
Amen.
 

Musik

Gottesdienst am 18.04.2021 mit Video von Vikar Ingmar Bartsch

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar.

Vorspiel

Begrüßung und Votum
Guten Morgen und herzlich Willkommen zum Gottesdiens. Am heutigen Sonntag fließen viele Themen zusammen. Schwerpunkt ist der gute Hirte, der seine Herde sammelt und zu neuen Weiden führt. Gleichzeitig denken wir heute an ein wichtiges Ereignis der Kirchengeschichte. Am 18. April 1521, also genau vor 500 Jahren, hielt Luther beim Reichstag zu Worms seine berühmte Rede vor dem Kaiser. Er beendete sie mit den kämpferischen Worten: „Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist. Gott helfe mir, Amen!“ Elf Tage später kam Luther übrigens mit großer Sicherheit durch Bad Nauheim.
Ganz aktuell ist der bundesweite Gedenktag für die Coronaopfer, an die wir in der Fürbitte denken werden. Es sind drei sehr verschiedene Themen, denen wir heute in diesem Gottesdienst begegnen werden. Es ist eine Begegnung mit dem Leben. Freud und Leid, Herausforderungen und Ermutigung, Verantwortung und Sicherheit begegnen uns im Alltag. In diesem Gottesdienst betrachten wir sie im Lichte Gottes. Und so feiern wir diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Psalm 23
1 Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. 2 Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. 3 Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. 4 Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. 5 Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. 6 Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

Gebet
Gott des Lebens, durch die Auferstehung Deines Sohnes hast Du der hoffnungslosen Welt Deine Zukunft eröffnet. Schenke uns, dass auch wir aus dieser Hoffnung leben. Stärke uns in diesem Gottesdienst und lass uns die Welt im Lichte Deiner Auferstehung, Deiner Liebe und Deiner Gnade sehen und begreifen. Das bitten wir Dich durch Jesus Christus, Deinen Sohn. Amen.

Schriftlesung aus Hesekiel 34, 1-2; 10-16; 31
1 Und des HERRN Wort geschah zu mir: 2 Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? 10 So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, dass sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, dass sie sie nicht mehr fressen sollen. 11 Denn so spricht Gott der HERR: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen. 12 Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war. 13 Ich will sie aus den Völkern herausführen und aus den Ländern sammeln und will sie in ihr Land bringen und will sie weiden auf den Bergen Israels, in den Tälern und wo immer sie wohnen im Lande. 14 Ich will sie auf die beste Weide führen, und auf den hohen Bergen in Israel sollen ihre Auen sein; da werden sie auf guten Auen lagern und fette Weide haben auf den Bergen Israels. 15 Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der HERR. 16 Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist. 31 Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der HERR.

Lied 346 „Such wer da will ein ander Ziel“ 1,3,4

Predigt
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.
Die Sonne steht hoch am wolkenlosen Himmel. Das saftige Grün der Wiesen reicht bis zum Horizont. Auf einer Weide blöken glückliche Schafe. Sie grasen, zwei Hunde laufen herum und halten die Herde beisammen. Vor seinem umgebauten Bauwagen sitzt der Hirte und schaut glücklich auf die friedliche Szene. Einen Kaffee in der Hand lächelt er in sich hinein. Zufrieden mit sich und der Welt.
Meine letzte Begegnung mit einem Hirten war im Fernsehen. Es war ein Bericht über einen Aussteiger, der zum Hirten geworden ist. Und die Szene mit den Schafen und dem Bauwagen ist irgendwie ambivalent. Einerseits wirkt sie völlig aus der Zeit gefallen: Der Beruf des Hirten ist in Deutschland seit Jahrzehnten quasi ausgestorben. Andererseits ist es es supermodern. Hirten stehen für die Rückbesinnung auf die Natur. Und es gibt anscheinend immer mehr Aussteiger. So ist das mit dem Hirtenbild generell. Eigentlich spielt es in unserem Alltag keine Rolle mehr und doch ist es erstaunlich gut in Erinnerung. Wir haben einige Redensarten, die auf das Hüten zurückgreifen. Dabei geht es um die Herausforderung, auf etwas aufzupassen und Verantwortung zu übernehmen. Das Haus hüten. Die Zunge hüten. Schön finde ich die Wendung: „Das ist wie einen Sack Flöhe hüten.“ Man hütet Dinge wie den eigenen Augapfel.

Aufpassen und Beschützen sind Grundaufgaben von Hirtinnen und Hirten. Sie tragen Verantwortung. Für Hesekiel steht der Hirte für Gott genau so wie für die politische und religiöse Elite der damaligen Zeit: 1 Und des HERRN Wort geschah zu mir: 2 Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden?
Hier geht es eindeutig um Machtmissbrauch. Das ist ein topaktuelles Thema. Ihnen fallen sicher auf Anhieb Beispiele ein: Für Menschen, die die ihnen anvertraute Macht und Verantwortung zu ihrem persönlichen Vorteil nutzen. Abgeordnete, die über ihre Firmen Maskendeals vermitteln. Oder Geld für die Lobbyarbeit von autokratischen Staaten erhalten. Manager, die ihre Firmen mit Staatsgeldern gerade so vor der Pleite bewahren und wenig später Menschen entlassen und sich selbst fette Boni auszahlen. Menschen, die ohne Not staatliche Unterstützung und Solidarleistungen beantragen, um sich selbst zu bereichern. Mir fallen viele Beispiele ein, bei denen ich mich über den Missbrauch von großer und kleiner Macht aufregen könnte. „Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden?“

Und in meiner Empörung über Machtmissbrauch muss ich an Martin Luther denken. Der ist heute vor 500 Jahren gegen Machtmissbrauch aufgestanden. Und das hat ihn richtig was gekostet. Wie mag es ihm wohl gegangen sein? Vor 500 Jahren an diesem 18. April morgens 10 Uhr in Worms auf dem Weg zum mächtigsten Mann der bekannten Welt? Wie mag er sich gefühlt haben, mit der Option, zu widerrufen und dann sein altes Leben wieder zu bekommen? Was mag er gedacht haben, als er beschlossen hat, dem Kaiser ins Gesicht zu sagen, dass er aus Verantwortung vor Gott nicht von seiner Meinung abweichen kann?  Martin Luther wusste sich von Gott getragen. Er vertraute seiner Erkenntnis, dass Gott gnädig ist, dass Gott seine Macht nicht missbraucht. Und auch Martin Luther war nicht unfehlbar. Auch er, der Heilige der evangelischen Kirche, hat seine ganz dunklen Seiten.

Ich denke, meine Wut über Menschen, die Macht missbrauchen und ihrer Verantwortung nicht nachkommen, ist gerechtfertigt. Aber tief in mir ahne ich, dass auch ich in dieser Gefahr stehe. Denn auch ich trage Verantwortung. In meinem Umfeld. Auch ich habe manchmal Hirtenfunktion. Und damit meine ich nicht nur, dass Pfarrerinnen und Pfarrer oft als Hirten bezeichnet werden. Ich trage Verantwortung in meiner Familie. Ich trage Verantwortung im Beruf. In meinem Ehrenamt. Oder für meinen Lebensstil. Sicher fallen Ihnen selbst Bereiche ein, in denen Sie Verantwortung und sogar Macht haben. Und wo Verantwortung ist, da ist Versagen leider nicht weit. Das ist menschlich.

Irgendwie bin ich jetzt in so eine Art Verantwortungsethik geraten. Mach nur alles richtig, dann wirst Du ein guter Mensch sein. Verantwortungsvoll zu handeln, ist absolut wichtig. Keine Frage. Aber wo bleibt da die Hoffnung im Angesicht der Realität? Es wäre nämlich fatal, wenn ich mit meiner Verantwortung und meinem Versagen ganz allein wäre. Nur auf mich selbst geworfen. Angewiesen darauf, dass ich das schon irgendwie wieder hinbekommen muss.

Die Hoffnung, die wir so dringend brauchen, kommt aus den speziellen Themen dieses Sonntages. Folgende drei Dinge sind mir dabei wichtig:
1. Wir kommen von Ostern. Am Kreuz ist unsere Schuld mit Jesus gestorben. Umkehr ist möglich. Und das allein aus Gottes Gnade. Für diese Erkenntnis hat Martin Luther vor 500 Jahren gekämpft. Und diese Erkenntnis trägt und befreit uns auch heute noch.
2. Die Worte des Propheten Hesekiel sind ein Feuerwerk der Hoffnung. Gott stellt eine wunderbare Zukunft für seine ganze Herde in Aussicht: „Denn so spricht Gott der HERR: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen. Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist.“ Das ist eine grandiose Botschaft. Gott sucht mich. Auch wenn ich zu den Verlorenen gehöre. Auch wenn ich den Überblick verloren habe in der Pandemie. Gott sucht mich und bei Gott finde ich Geborgenheit und Zuversicht.
3. muss ich dann doch wieder ein wenig auf die Euphoriebremse treten. Der historische Kontext, in dem sich das Hesekielbuch verortet, ist die Zeit des Exils. Das Volkes Israel lebte in der Verbannung. Das Land lag mehr oder weniger in Trümmern. Im Text sagt Gott mehr als 10 Mal „Ich will“. Und man möchte ihm zurufen: „Na, mach doch!“ Die Zukunft, von der hier gesprochen wird, ist noch nicht angebrochen. Und doch hat der Text den Menschen über Generationen Hoffnung gegeben. Die Hoffnung auf eine bessere Zukunft hat das Volk Israel durch schwere Zeiten getragen. Und diese Hoffnung ist es, die uns auch heute tragen kann. Mehr noch. Aus dieser Aussicht auf die Zukunft können wir handeln. Und etwas verändern. Uns. Die Umstände. Wir können Gott näher kommen. Wir können aus der Gnade leben. Dazu helfe uns Gott. Amen.

Musikstück

Fürbitten und Vaterunser
Gott, in der Bibel begegnest Du uns als guter Hirte. Bei Dir können wir Zuflucht finden. Wir bitten Dich: Bringe uns zurück, wenn wir uns verirrt haben. Suche uns, wenn wir uns verloren fühlen. Verbinde uns, wenn wir verwundet sind. Stärke uns, wenn wir schwach sind. Behüte uns, wenn es uns gut geht.
Gott, wir bitten Dich für unsere Gemeinde. Wir wünschen uns, bald wieder mit vielen Menschen hier in der Dankeskirche Gottesdienst zu feiern. Wir wünschen uns, dass wieder Gruppen und Kreise stattfinden. Bitte erhalte uns auch in diesen Zeiten unsere Gemeinschaft. Wir bitten Dich auch für unsere Kirche. In der nächsten Woche tagt die Kirchensynode der EKHN. Bitte schenke den Verantwortlichen Weisheit und gute Entscheidungen. Lass die Synode mit Weitsicht in die Zukunft schauen und wichtige Reformprozesse voranbringen.
Gott, in der Coronapandemie fühlen sich viele Menschen hilflos. Es ist schwer zu fassen, was da gerade geschieht. Und bei aller Hoffnung ist immer noch kein Ende in Sicht. Gott, wir bitten Dich:
Gib Weisheit denen, die politische Entscheidungen treffen.
Stärke alle, die die Kranken pflegen.
Erfrische die Erschöpften.
Tröste die Mutlosen.
Beschütze die Kinder.
Behüte die Kranken.
Sei bei denen, die um ihre Lieben weinen.
Sei am Bett der Sterbenden.
Berge die Toten in deinen Armen.
Lass niemand verloren gehen.
Bewahre uns, Gott, in deinem Frieden.

Und alles, was uns noch bewegt, bringen wir im Vaterunser vor Dich.
Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Abkündigungen
Wegen der Coronasituation in der Wetterau verzichten wir bis auf weiteres auf Präsenzveranstaltungen. Sie finden ein vielseitiges, digitales Angebot mit Andachten und dem Programm der Kinderkirche auf unserer Internetseite www.evangelisch-in-bad-nauheim.de. Auch den nächsten Gottesdienst am Sonntag, dem 25. April, mit Pfarrerin Pieper können Sie im Livestream um 10 Uhr und danach jederzeit auf Youtube mitfeiern.
Wir würden uns freuen, wenn Sie am heutigen Sonntag mit einer Kollekte die allgemeine Gemeindearbeit unterstützen würden. Neben vielfältigen anderen tollen Projekten wie Veranstaltungen im Gemeindegarten oder dem Gemeindebrief, finanzieren wir damit auch die Technik für die Onlinegottesdienste. Sie können Ihre Spende in bar gerne im Gemeindebüro abgeben. Auf unserer Homepage finden Sie im Abschnitt Spenden einen Link, über den Sie den heutigen Kollektenzweck auf sichere Weise direkt bargeldlos unterstützen können. Herzlichen Dank für Ihre Unterstützung.

Lied: 170 „Komm Herr, segne uns“

Segen
Der Herr segne dich und behüte dich,
der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig,
der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

Nachspiel

Gottesdienst am 11.4.2021 mit Video von Pfarrerin Meike Naumann

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar.

Begrüßung

Herzlich willkommen zu unserem Gottesdienst!
„Ich glaube nur, was ich sehe“, sagen viele. Was ich mit dem Verstand fassen kann, was ich be-greifen kann, nur das hat Bestand. Auferstehung? Das passt da nicht hinein. Auch viele Jünger konnten die Botschaft von der Auferstehung Jesu zunächst nicht glauben.
Wo war der Beweis? Wo die logische Erklärung? Der erste Sonntag nach Ostern (Quasimodogeniti) erzählt davon, wie Jesus den Zweiflern und Skeptikern entgegenkam, sich anfassen ließ und gemeinsam mit ihnen aß. So konnten sie später auch glauben, was sie nicht sahen: die unsichtbare Gemeinschaft mit Christus. Schon jetzt haben Christ*innen Anteil an seinem, dem neuen Leben. Darf man das glauben? „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben“, sagt Jesus.

Votum
Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen Gottes.
Gott ist die Liebe.
Im Namen Jesu Christi.
Jesus ist als Bruder für uns in die Welt gekommen.
Und im Namen des Heiligen Geistes,
der Kraft, die uns beflügelt und die unter uns Gemeinschaft stiftet.
Amen.

Gebet
Gott, du Freundin und Quelle
lass uns springen
lass uns mit offenen
Augen und Herzen durch die Welt gehen

Lass uns vertraute Wege verlassen
damit wir spüren
wo dein Geist weht
wo dein Wasser sprudelt.

Wo wir zu Nomad*innen, Hirt*innen
und Prophet*innen werden,
lass uns Geschichten
erzählen
suchen und hören
das Feuer lebendig halten
und Salz der Erde sein.
Amen

Schriftlesung Joh 21,1-14
Der Auferstandene am See von Tiberias 1 Danach offenbarte sich Jesus abermals den Jüngern am See von Tiberias. Er offenbarte sich aber so: 2 Es waren beieinander Simon Petrus und Thomas, der Zwilling genannt wird, und Nathanael aus Kana in Galiläa und die Söhne des Zebedäus und zwei andere seiner Jünger. 3 Spricht Simon Petrus zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sprechen zu ihm: Wir kommen mit dir. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot, und in dieser Nacht fingen sie nichts. 4 Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer, aber die Jünger wussten nicht, dass es Jesus war. 5 Spricht Jesus zu ihnen: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworteten ihm: Nein. 6 Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden. Da warfen sie es aus und konnten's nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische. 7 Da spricht der Jünger, den Jesus lieb hatte, zu Petrus: Es ist der Herr! Als Simon Petrus hörte: »Es ist der Herr«, da gürtete er sich das Obergewand um, denn er war nackt, und warf sich in den See. 8 Die andern Jünger aber kamen mit dem Boot, denn sie waren nicht fern vom Land, nur etwa zweihundert Ellen, und zogen das Netz mit den Fischen. 9 Als sie nun an Land stiegen, sahen sie ein Kohlenfeuer am Boden und Fisch darauf und Brot. 10 Spricht Jesus zu ihnen: Bringt von den Fischen, die ihr jetzt gefangen habt! 11 Simon Petrus stieg herauf und zog das Netz an Land, voll großer Fische, hundertdreiundfünfzig. Und obwohl es so viele waren, zerriss doch das Netz nicht. 12 Spricht Jesus zu ihnen: Kommt und haltet das Mahl! Niemand aber unter den Jüngern wagte, ihn zu fragen: Wer bist du? Denn sie wussten: Es ist der Herr. 13 Da kommt Jesus und nimmt das Brot und gibt's ihnen, desgleichen auch den Fisch. 14 Das ist nun das dritte Mal, dass sich Jesus den Jüngern offenbarte, nachdem er von den Toten auferstanden war.

Glaubensbekenntnis

Lied: Der schöne Ostertag EG 117

Predigt

Friede sei mit euch, von dem der da ist und der da war und der da kommt!

„Als es aber schon Morgen war, stand Jesus am Ufer“ (Joh 21,4 BIGS 2011).
Da stehen sie nun die sieben Jünger: Simon Petrus, Thomas, Nathanael, die Söhne des Zebedäus und zwei andere Jünger*innen. Ob auch Frauen dabei gewesen sind, wissen wir nicht. Es könnte aber durchaus sein. Ich gehe eigentlich davon aus, schließlich gehörten sie zu der Gefolgschaft Jesu unbedingt dazu!

Allen ging es ähnlich. Den Jüngerinnen und den Jüngern, der ganzen frühen Gemeinschaft von Christinnen und Christen: Jesus war weg. Ein leerer Raum, eine Riesenlücke tat sich auf, eine große Orientierungslosigkeit. Was bleibt? Was sollen wir jetzt nur machen?
„Da sagt Petrus: „Ich geh fischen.“ (Joh 21,3 LUTHER 2017) Und die anderen: „Wir kommen mit dir.“ (Joh 21,3 LUTHER 2017) Ein bisschen trostlos und resigniert klingt das. Nichts mehr von dieser anfänglichen Begeisterung. Keine inspirierenden Aufbrüche, ein Vakuum, eine Leere, die auch nicht so einfach gefüllt werden kann.

Trostlos und resigniert – so habe ich mich und viele andere Hauptamtliche und Ehrenamtliche in den letzten beiden Wochen auch gefühlt. Das zweite Mal an Ostern auf Präsenzgottesdienste verzichten!
Dabei hatten wir so viel vorbereitet, um Ostern in diesem Jahr richtig feiern zu können. Aber die Corona-Pandemie hat uns da alle ausgebremst.
Vielleicht fühlten sich die Jünger*innen ähnlich? Auch sie waren ausgebremst. Nach Ostern war nichts mehr so wie es vorher gewesen war. Jesus war zwar auferstanden, aber er war nicht mehr bei ihnen.
Was also sollten sie tun?

Fischen gehen – das, was sie, bevor sie mit Jesus unterwegs waren, auch getan haben. Zurück zum Alltagsgeschäft. Die Jünger*innen machen das, was sie gelernt haben. Aber es scheint, als haben sie das Fischen verlernt. Die ganze Nacht auf dem See zugebracht und nichts gefangen. Was bleibt?
Einfach nichts! Das ist doch eine Erfahrung, die wir auch kennen. Bestimmte Dinge, die uns früher gut gelungen sind, funktionieren nicht mehr. Eine innere Ratlosigkeit breitet sich aus oder auch bestimmte Zugehörigkeitserfahrungen, die plötzlich nicht mehr funktionieren. Eine Gruppe, in der ich lange mein Zuhause hatte, die nach und nach auseinanderbröselt, oder ein Chor, in dem ich jahrelang mit Freude gesungen habe, in dem ich mich nicht mehr beheimaten kann, weil irgendetwas verlorengegangen ist. Oder die Situation in unseren Familien, wenn jemand aus dem Haus geht. Oder die Kinder alle weg sind und die Eltern auf sich zurückgeworfen. Was bleibt??
Und dann ist da dieser Mensch dort am Strand, der sie fragt: „Kinder, habt ihr nichts zu essen?“ (Joh 21,5 LUTHER 2017). Die Jünger*innen müssen antworten: „Nein.“ (Joh 21,5 LUTHER 2017)

„Habt ihr nichts zu essen?“ (Joh 21,5 LUTHER 2017)
Habt ihr nichts, was euch innerlich belebt und ausfüllt, habt ihr keine Nahrung? Dies klingt wie die mitfühlende Frage eines sorgenden Menschen, der sich um die Lebensenergie, um das, was die Jünger*innen am Leben hält, sorgt.
Mit leeren Händen und leeren Netzen stehen sie da. Ich denke, Jesus bezieht sich auf den realen Hunger, aber auch auf die innere Leere, in die sich die Jünger*innen hineinbegeben haben.
Jesus steht am Strand, aber „sie wussten nicht, dass es Jesus war.“ (Joh 21,4 LUTHER 2017) Sie erkannten Jesus einfach nicht. Mich erinnert diese Szene an die Situation der Maria Magdalena am Grab. Sie, die Jesus so innig verbunden war, erkannte Jesus nicht. Erst als er ihren Namen aussprach, wusste sie, dass er es ist!
Vielleicht ist Ihnen/ Euch das auch schon mal passiert. Ein Mensch, der wichtig Ihnen war, eine alte Lehrerin oder eine Kollegin, eine Schüler*in, jemand aus der Kirchengemeinde, die Sie früher mal sehr geschätzt haben, begegnet Ihnen und Sie erkennen diesen Menschen einfach nicht. Vielleicht gibt es so ein vages Gefühl: Ja, die habe ich schon mal gesehen. Aber mehr auch nicht.

„Er aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten Seite des Bootes, dann werdet ihr welchen finden.“ (Joh 21,6 LUTHER 2017)

Ich stelle mir diese Situation, als Jesus das am frühen Tag zu ihnen sagt, fast ein bisschen verrückt vor. Normalerweise verschwinden die Fische an den tiefen Grund des Sees, sobald die Sonne am Himmel steht, und dann so eine Aufforderung, am frühen Tag: „Werft das Netz aus… Da warfen sie es aus und konnten es nicht mehr heraufziehen wegen der Menge der Fische.“ (Joh 21,6 LUTHER 2017)

Welch eine Wandlung innerhalb kürzester Zeit! Diese Menschen sind ausgelaugt, verzagt, haben scheinbar keine Kraft mehr. Jesus sorgt dafür, dass sie einen Riesenfang machen. Dieser Fang ist ein Neuanfang, Ein Netz voller Fische.
Eigentlich total super, nur dass die Jünger*innen plötzlich vor einem ganz neuen Problem stehen. Ein volles Netz und keine Kraft!
In genau diesem Moment begreifen sie, wer der Mann am Strand ist. Jesus steht am Strand. Der, den sie vermisst glauben, der sie nach seinem Tod mit einer Leere und einer großen Trostlosigkeit konfrontierte, dieser Jesus macht sie hier zum Teil eines Wunders. Durch seine Gegenwart dürfen sie die plötzliche Wendung erleben, dass ihre Netze gefüllt sind.
Die Jünger*innen haben überhaupt nicht mit Jesus gerechnet, sonst hätten sie doch wohl etwas für ihn vorbereitet. Völlig unvorbereitet trifft sie die Begegnung mit Jesus. „Als Simon Petrus hörte, dass es Jesus war, zog er sein Oberkleid an, denn er war nackt, und sprang in den See. Die anderen Jüngerinnen und Jünger aber kamen mit dem Boot.“ (Joh 21,7f. BIGS 2011)
Jesus steht am Ufer. Ich finde dieses Bild so stark. So kraftvoll. Dieses Ufer als ein Bild für das, was schon da ist, nicht im Wasser, sondern zu Land. Wahrscheinlich müssen wir nur genau hinschauen, damit wir Jesus erkennen. Er sitzt nicht still in der Ecke und schaut, wie wir mit Leere, Vakuum und Trostlosigkeit klarzukommen versuchen. Er steht am Ufer, wartet auf uns.
Er konfrontiert uns genauso wie seine Jünger*innen mit unseren Lebens-Situationen, in denen wir wie die Jünger mit leeren Händen dastanden. Gerade in schwierigen Zeiten können wir davon ein Lied singen. Die letzten Einschränkungen der letzten Monate haben uns alle an unsere Grenzen gebracht. Nur noch ganz wenige Kontakte zu haben, nicht unbeschwert mit anderen Menschen zusammen sein zu dürfen, Angst um liebe Menschen zu haben, die krank sind.

Jesusbegegnungen können für uns wie für die Jünger*innen zu Gottesbegegnungen werden. Unerwartete Momente der Präsenz und der Gegenwärtigkeit dessen, was uns unbedingt und ganz existenziell angeht,

Ich denke an Begegnungen mit Menschen, die unser Herz berühren.
Gottesbegegnungen. In unserem Alltag können sie ganz klein sein, aber auch so groß, dass wir es nicht fassen können. Diese Begegnungen verlaufen wie in unserer Geschichte oft eigenartig. Es gehen plötzlich Türen auf im Leben, die neue Chancen bieten. Das Wunder, eine Partnerin oder einen Partner zu finden, jemandem in schwerer Not beistehen zu können. Es sind nicht immer Netze voller Fische, sondern auch Gespräche mit Menschen, die wir brauchen, Halt und das Wissen, nicht allein zu sein, mit anderen in der Suche nach dieser Präsenz Gottes verbunden zu sein.

„Jesus sagte zu ihnen: ‚Kommt und frühstückt!‘ Niemand von den Jüngerinnen und Jüngern wagte zu fragen: ‚Wer bist du?‘ Denn sie wussten: Es war Jesus der Lebendige. Jesus kam, nahm das Brot und gab es ihnen, und den Fisch ebenso.“ (Joh 21,12-13 BIGS 2011)
Die Jünger*innen kommen an den Strand und Jesus hat Frühstück gemacht. Jesus isst mit den Jünger*innen und gibt ihnen das, was sie brauchen. Er weiß, dass sie nach dem Fischen richtig Hunger haben. Jesus versorgt und sorgt sich um seine Jünger*innen.
Was bleibt uns? Jesus bleibt als der Auferstandene und ist auch in unserem Alltag dabei. Das ist ganz einfach. Gleichzeitig ist und bleibt es unglaublich.
In unserer Geschichte wird die Leere, das Vakuum verwandelt. Es ist ein Leben in Fülle mit diesem Gott, die uns als Freundin und Freund einfach so sein lässt. Kein Abschiednehmen für immer, nein es ist ein Ankommen bei einer Kraft und einer Verheißung, die nachhaltig ist und die trägt.
Eine, die bleibt - für immer und ewig. Keine Uhr muss zurückgedreht werden. Leben im Hier und Jetzt. Keine Resignation nach der Abschiedstrauer, genau das erkennen und das wahrnehmen: Jesus wartet am Ufer. Kein Alleinsein, keine Leere in uns, sondern die Freude, jemanden zu haben, die da ist und sich um uns sorgt.
Jesus steht da am Ufer. Kommt, lasst uns ihm entgegen gehen!

Lied: Christ ist erstanden EG 99

Fürbittengebet    

Gott,
wir bitten,
zeig dich uns den Weg zu dir.
Wir wissen so oft nicht wo wir in all dem Chaos um uns herum
wir anfangen sollen
dich zu suchen.

Zeig uns, wo und wie wir uns engagieren
Können für eine Welt
in der Menschen in Frieden miteinander und mit deiner Schöpfung leben können:

ohne Angst
ohne Unterdrückung
ohne Hass und Machtgier.

Zeig dich uns
wie du da am Ufer stehst
auf die wartest
die nichts
zu essen haben
die kein zuhause haben
die nicht weiterwissen
die nichts mehr hoffen.

Lass uns anfangen
Träumer*innen
Prophet*innen
Jünger*innen
zu werden und mutig und
ohne Angst für andere einstehen.
Hilf uns
das große Ganze im Blick zu haben
mit Zuversicht
mit Kraft und Liebe und
mit der Gewissheit
dass du da am Ufer
auf uns wartest.

Wir denken besonders an die Menschen denken,
die in der vergangenen Woche verstorben sind und unter deinem Wort bestattet wurden.
Hilf uns den Angehörigen beizustehen, sie zu trösten.
Sei du bei ihnen mit deiner Liebe und schicke ihnen deinen guten Geist, der heilt und vom Leben erzählt.
Amen

Vaterunser

Kollekte

Segen

Gottesdienst am Ostersonntag 2021 mit Video vom Pfarrteam Bad Nauheim/Ober-Mörlen

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar.

Musik zum Eingang

Begrüßung
Die Nacht ist vorbei.
Das Licht eines neuen Morgens ist aufgegangen.
Der erste Tag einer neuen Schöpfung.
Die Macht des Todes ist gebrochen.
Der Herr ist auferstanden!
Er ist wahrhaftig auferstanden!

Lasst uns den Tag der Auferstehung feiern

Im Namen des Vaters und des Sohnes und
des Heiligen Geistes.    G: Amen

Herzlich Willkommen zum Ostergottesdienst hier aus der
Dankeskirche in Bad Nauheim.
Er wird gemeinsam gestaltet von Pfarrerinnen und
Pfarrern aus dem Kooperationsraum Bad Nauheim –
Ober-Mörlen und Kantor Frank Scheffler.
Wir freuen uns, dass wir diesen Gottesdienst jetzt
mit Ihnen / mit Euch feiern.

Eingangspsalm
Manches scheint klar und endgültig.
Aber manchmal kommt es doch noch zu einer
überraschenden Wendung, zum Wunder.

An Ostern wird alles auf den Kopf gestellt:
Nicht der Tod hat das letzte Wort,
sondern Gott, der Herr.

Hört Auszüge aus dem 118. Psalm:

Danket dem Herrn, denn er ist freundlich,
und seine Güte währet ewiglich.
Der Herr ist meine Macht und mein Psalm und ist mein
Heil.
Der Stein, den die Bauleute verworfen haben,
ist zum Eckstein geworden.
Das ist vom Herrn geschehen
Und ist ein Wunder vor unseren Augen.
Dies ist der Tag, den der Herr macht;
Lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein.

Kommt lasst uns anbeten:
G: Ehr sei dem Vater    177.2

Sündenbekenntnis oder Not
Zu Gott können wir kommen mit allem was uns bewegt,
auch mit unserer Unvollkommenheit und unserem Zwiespalt:
Heute ist Ostern – heute feiern wir die Auferstehung Jesu von den Toten.
Aber kann das sein?
Auferstehung widerspricht allen Naturgesetzen.
Tot ist tot.
Aus, Ende, vorbei!

Doch wenn Du, Gott, der Schöpfer dieser Welt bist,
dann liegt auch alle Macht in deinen Händen.
Als Herr über Raum und Zeit ist Deine Macht auch größer als die Macht des Todes.

Ist Deine Macht auch stärker als unser Zweifel?
Mehre unseren kleinen Glauben!
Herr, erbarme Dich!

    So rufen wir dich an:
 Kyrie eleison. Herr, erbarme dich.

Kyrie:    178.2
    G:    Herr, erbarme dich
Christus, erbarme dich
Herr, erbarm dich über uns

Gnadenzusage oder Trost
Gott, der Herr, ist barmherzig.
Wir müssen nicht perfekt sein.
Auf die Blickrichtung kommt es an:
Lasst uns laufen mit Geduld
in dem Kampf, der uns bestimmt ist
und aufsehen zu Jesus,
dem Anfänger und Vollender des Glaubens.
(Hebr. 12, 1c.2a)
Friede sei mit uns allen. Amen!

Gebet des Tages
Ich lade Sie und Euch ein, mit mir zu beten:
Gott des Lebens,
Deine Liebe ist stärker als der Tod.
Heute an Ostern tritt dies in aller Klarheit zu Tage.
Erfülle uns mit der Auferstehungsfreude,
dass wir ganz von ihr ergriffen werden
und wir freudig einstimmen in den Osterjubel:
Der Herr ist auferstanden!
Er ist wahrhaftig auferstanden!

Darum bitten wir Dich
im Namen deines auferstandenen Sohnes,
der mit Dir und dem Heiligen Geist lebt
und Leben schenkt gestern, heute und in Ewigkeit.
G: Amen

Lesung    
Eigentlich wollten sie nur nach seinem Grab sehen.
Maria Magdalena und Maria.
Ihrer Trauer Raum geben.
Doch dann kommt es zu umstürzenden Ereignissen.
Und urplötzlich sind sie die ersten Zeuginnen der
Auferstehung Jesu.

Hört das Osterevangelium nach Matth. 28, 1 – 10:

Als aber der Sabbat vorüber war und der erste Tag der
Woche anbrach, kamen Maria Magdalena und die an-
dere Maria, um nach dem Grab zu sehen. Und es ge-
schah ein großes Erdbeben. Denn ein Engel des Herrn
kam vom Himmel herab, trat hinzu, wälzte den
Stein weg und setzte sich darauf. Seine Erscheinung war
wie der Blitz und sein Gewand weiß wie Schnee. Die
Wachen aber erbebten aus Furcht vor ihm und wurden,
als wären sie tot.
Aber der Engel sprach zu den Frauen: Fürchtet euch
nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht.
Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat.
Kommt und seht die Stätte, wo er gelegen hat; und geht
eilends hin und sagt seinen Jüngern: er ist auferstanden
von den Toten. Und siehe, er geht vor euch hin nach
Galiläa; da werdet ihr ihn sehen. Siehe, ich habe es euch
gesagt.  Und sie gingen eilends weg vom Grab mit
Furcht und großer Freude und liefen, um es seinen Jün-
gern zu verkündigen.
Und siehe, da begegnete ihnen Jesus und sprach: Seid
gegrüßt! Und sie traten zu ihm und umfassten seine
Füße und fielen vor ihm nieder. Da sprach Jesus zu
ihnen: Fürchtet euch nicht! Geht hin und verkündet es
meinen Brüdern, dass sie nach Galiläa gehen: dort wer-
den sie mich sehen.
    Halleluja     G: Halleluja

Glaubensbekenntnis

Gesangsquartett: „Gelobt sei Gott im höchsten Thron“
Predigt A
  (Sophie-Lotte Immanuel, Ober-Mörlen und Langenhain-Ziegenberg)

Liebe Gemeinde,
Furcht und Freude – diese zwei Emotionen, die so gegensätzlich scheinen, kommen in der Erzählung von Matthäus oft vor. Gehäuft sogar, könnte man sagen.
    
FURCHT
Die zwei Frauen, die sich da auf den Weg zum Grab machen,
haben in den vergangenen Tagen Unfassbares erlebt. Jesus ist gestorben, den sie so geliebt haben. Für den sie viel aufgegeben haben.
Und nicht nur das. Er ist auf eine Art und Weise gestorben, die grausamer kaum sein könnte. Er wurde gedemütigt, bespuckt und gequält. Sie haben ihn ausgelacht, und selbst die Hohenpriester haben noch unter sich gefeixt: „Er hat auf Gott vertraut; der soll ihn jetzt retten, wenn er will. Er hat ja gesagt: ich bin Gottes Sohn.“
Wie kann das Leben danach nur weitergehen? Wie soll man danach in den Alltag zurückfinden, ja auch zu Gott zurückfinden? Ist Gott auch an diesem Kreuz gestorben?

Maria aus Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus und des Josef beschließen also, mit der Last der Trauer und all dem, was passiert ist, auf dem Herzen liegend, dass sie den Leib Jesu mit schön riechenden Ölen einreiben wollen. Deswegen gehen sie los.
Auf der einen Seite stehen die Römer. Mit ihren Schwertern und ledernen Rüstungen, mit ihren Schilden und all der Macht und Gewalt eines Weltreiches. Und auf der anderen Seite stehen die Frauen. Kein Schwert, kein Schild, keine Macht: aber das Öl, teuer erkauft, halten sie in den Händen.
Und es ist, als ob sie sich mit der Zärtlichkeit ihrer Hände Jesus zurückerobern wollen. Das Letzte soll nicht dieser Tod sein. Sondern ihre Liebe zu ihm. Das ist echte Trauerarbeit.

Woher sie den Mut und die Kraft dafür wohlgenommen haben? Ich kann mir vorstellen, dass sie nicht darüber nachgedacht haben, wie sie die Wachen überwältigen oder gar den großen Stein wegrollen würden. Hätten sie das getan, wären sie vielleicht morgens gar nicht erst aus dem Bett aufgestanden.
Sie sind losgegangen, und vielleicht ging in dem Moment nur das: immer nur ein Schritt nach dem anderen. Und darin sind mir diese zwei Frauen so nah. Ja, jetzt gerade sind sie mir nah, wo ich auch nur einen Schritt nach dem anderen tun kann, einen Tag nach dem anderen bewältige. An die nächsten Wochen, Monate mag ich gar nicht denken.
Das ganze letzte Jahr steckt mir in den Knochen. Wo bleibt meine Kraft, und wo bleibt mein Mut eigentlich?

Die zwei Marias kommen am Grab an und sehen, wie unter dem Beben der Erde ein Engel des HERRN wie ein Blitz vom Himmel herabkommt.

Musik: EG 99 Christ ist erstanden

Predigt B
(Susanne Pieper, Bad Nauheim)

FREUDE
Der Engel wälzt den Stein weg, der vor dem Eingang des Grabes gelegen hat und setzt sich einfach drauf. Er rollt das Schwere weg. Die Frauen müssen nicht mehr dagegen ankämpfen. Sie müssen sich nicht mehr damit belasten. Jemand, wie vom Himmel gesandt, kommt ihnen zu Hilfe. Das wünsche ich mir auch, dass mir jemand das Schwere von meinem Herzen rollt.

Die Wachen aber, die römischen Soldaten, schwer bewaffnet wie sie sind, fürchten sich zu Tode. Ihre Macht wird ohnmächtig, ihre tödliche Macht. Ihre Herrschaft von Gewalt und Zerstörung liegt am Boden. Was für ein Zeichen und was für eine Vision ist das!

Den Engel des Lebens interessieren die Wachen gar nicht. Er ignoriert sie und setzt sich einfach auf den Stein. Welch eine Verachtung der Mächtigen liegt in dieser Geste. Aber auch: welch feine Ironie!

Ich stelle mir vor, wie sein Blick die Besatzersoldaten nur kurz streift. Und wie sein Blick dann hin zu den beiden Marias schwenkt.  Und auf sie gerichtet bleibt. Und wie diese unglaublichen Worte erklingen: „Habt keine Angst! Jesus ist nicht hier, er ist auferstanden, wie er gesagt hat.
Darauf kommt es von jetzt ab an: das Grab ist nicht das Ende eures Weges. Der Tod ist nicht das Ziel eurer schweren Schritte. Die Trauer soll euch nicht für den Rest eures Lebens den Rücken krumm machen.
Da hat er gelegen. Ja. Aber jetzt geht er vor euch her. Ihr werdet leben, und ihr werdet ihn sehen.“

Ich sehe die beiden Marias vor meinem inneren Auge. Bis hierher sind ihre Augen vor Trauer nur auf den Boden gerichtet. Jetzt aber blicken sie auf, verwundert, und sie richten sich auf, noch ungläubig. Bis hierher denken sie, sie sind am Ende ihres Weges angekommen. Jetzt aber sehen sie ein neues Ziel.
Und die beiden laufen los, „mit Furcht und großer Freude“. Beflügelt von der unfassbaren Aussicht, dass das Leben für sie weitergehen wird. Dass der Sohn Gottes, Jesus, ihr geliebter Freund, ihnen vorausgeht und auf sie wartet.

Ich habe mich gefragt: ist diese Ostergeschichte zu fern für mich? Zu groß für diese Zeit?
Aber ich glaube, sie ist es nicht. Ich will von ihr etwas mitnehmen in diese Zeit:

Mit den beiden Marias will ich glauben, dass ich die Furcht überwinden kann.

So wie sie will auch ich der Möglichkeit Raum geben, dass etwas Neues aufblühen kann. Ich muss nicht nur Vergänglichkeit und Zerstörung sehen.

Diese Frauengeschichte von Ostern macht mir Mut; und sie gibt mir Kraft. Sie erzählt vom Aufbruch und vom Leben, da, wo man gar nichts mehr erwartet hat.

Schritt für Schritt will ich mit den Frauen mitgehen. Und mich für die Freude öffnen. Trotz allem. Vielleicht gehe ich langsamer als sie, aber ich gehe mit. Wir haben nämlich ein gemeinsames Ziel: der, der aus dem Himmelslicht gekommen ist und unter die Menschen gefallen ist, der lebt. Und er geht uns voraus. Er wartet auf uns und will uns die Fülle des Lebens schenken.

Und Gottes Friede, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Gesangsquintett: „Heut triumphieret Gottes Sohn“

Fürbittengebet

Mein Gott,
das letzte Jahr steckt uns in den Knochen. Und jetzt sind wir hier.
Vor unseren Bildschirmen.
Ganz in echt und doch virtuell.
So ist unser ganzes Leben gewesen, in den letzten Monaten.
Heute, an Ostern, legen wir dir das alles in die Hände.
Wie’s uns geht. Was uns fehlt.
Wir bitten dich: Zeig uns unsere Hoffnungsvorräte.
Führe uns zu Kraftquellen.
Füll doch du unsere Leere aus.

Und ja, im Moment haben wir viel mit uns selbst zu tun, Gott. Und trotzdem denken wie auch an die Anderen,
weil du in den Flüchtlingslagern und Kriegsruinen wohnst,
weil du mitfrierst und mithungerst,
weil du jede Träne mitweinst.
Dürfen wir auf Frieden hoffen?
Wir bitten dich darum, nicht nur um Frieden. Essen, Geborgenheit. Wärme.
Für all die, die das gerade vermissen.

Wenn du nicht weißt, was du beten sollst, dann sprich das Vater Unser – so legen wir all das, was uns auf dem Herzen liegt, in dieses eine wichtigste Gebet:

Vaterunser

Segen

Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.
Amen.

Arie „I know that my redeemer lives“

Gottesdienst an Karfreitag 2021 mit Video vom Pfarrteam Bad Nauheim/Ober-Mörlen

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar.

Musikal. Vorspiel

Begrüßung
Zum GD an Karfreitag begrüßen wir Sie herzlich.
Eigentlich ist es ein Trauer-GD:
Wir gedenken des Leidens und Sterbens Jesu an diesem Tag. Und Gedanken an eigene Trauer, eigenes Leiden stellen sich dabei unweigerlich ein, an nahe und ferne Orte heutigen Leidens auf unserer Erde. Der Tod erscheint uns allemal als ein hoffnungsloses Geschehen.
Wir gedenken des Leidens und Sterbens Jesu an diesem Tag.
Da gibt es einen Zwischenton. Da ist etwas, was uns aufhorchen lässt. Enttäuschung, Verzweiflung, Schmerz, Ohnmacht umgeben auch Jesu Kreuz. Aber in der Sinnlosigkeit dieses Todes leuchtet ein geheimnisvoller Sinn. Und der macht das Kreuz zu einem Zeichen der Hoffnung. Jesus ist für uns gestorben – damit wir leben und Hoffnung haben.

Eingangsvotum
Wir sind hier, um des To¬des Jesu von Na¬za¬reth zu ge¬den¬ken,
auf das Kreuz zu bli¬cken, das die Mitte un¬se¬res Glau¬bens ist.
Vor dem Kreuz Jesu neh¬men wir wahr: das Un¬recht, das Men¬schen ein¬an¬der zu¬fü¬gen.
Vor dem Kreuz Jesu neh¬men wir auch wahr: Gott selbst will uns vom Ver¬der¬ben er¬lö¬sen.
Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.
        
Worte, dem 22. Psalm nachempfunden

Gott, mein Gott, warum
Hast du mich verlassen?
Zu dir schrei ich am Tag
Und des Nachts, und werde nicht gestillt…
Heiliger, hoch thronender, ruhmreicher,
du gibst nicht nach.
Mein Vater, meine Vorväter, Generationen zurück,
sie sagten: „Ihm kannst du vertrauen,
er ließ uns entkommen, der tut, was Er sagt“-
die waren deiner schamlos sicher.
Doch ich bin ein Wurm in der Erde-
Mit ihren ledernen Stiefeln
Zertrampeln sie mich und lachen sich tot:
Er hat doch einen Gott!
Ich wurde geboren
Und in deine Hände gelegt.
Du bist mein Gott von Mutterschoß an.
Weißt du es noch? Ja, du weißt. Amen.
(Huub Oosterhuis)

Gebet

Lasst uns beten:
Heute ist Karfreitag.
Dein Todestag, Jesus Christus.
Wir denken an dein Leiden.
An dein Sterben am Kreuz.
All die Steine auf unseren Schultern
Sind mit dabei.
So bist du uns nah.
Weil du ganzer Mensch warst,
Können wir unser Menschsein vor dein Kreuz bringen.
Amen.

Lied:  EG 91, 1 + 4 Herr, stärke mich

Lesung
Johannes 19, 16 – 30 Jesu Kreuzigung und Tod
16 Da überantwortete er ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde. Sie nahmen ihn aber,
17 und er trug selber das Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. 18 Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte. 19 Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der Juden König. 20 Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache. 21 Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreibe nicht: Der Juden König, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der Juden König. 22 Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben. 23 Die Soldaten aber, da sie Jesus gekreuzigt hatten, nahmen seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch den Rock. Der aber war ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. 24 Da sprachen sie untereinander: Lasst uns den nicht zerteilen, sondern darum losen, wem er gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt (Psalm 22,19): »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten. 25 Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria Magdalena. 26 Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! 27 Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. 28 Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. 29 Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Ysop und hielten ihm den an den Mund. 30 Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht. Und neigte das Haupt und verschied.

Musik

Predigt
Da stirbt einer. Er ist im Dämmerzustand zwischen Bewusstlosigkeit und Schmerz, tödlich verwundet von Schergen, wie sie überall zu finden und jetzt gerade zB in Myanmar aktiv sind. Sein Schmerz ist ohne jede Betäubung. Krass und überwältigend. In wachen Momenten spricht er. Oder ist es ein Flüstern?

Die Tradition liest diese Worte als letzte Botschaft Jesu, mit der er seinen Kreuzestod selbst deutet und seinen Jüngern letzte Weisungen gibt. Die Exegese geht davon aus, dass diese Worte nicht historisch sind. Sie spiegeln den Glauben der frühen Kirche wider.

Das Neue Testament ist ein Glaubenszeugnis. In der Sprache der damaligen Zeit.
und aus gläubigem Herzen. Wir wissen: Poesie drückt Wirklichkeit oft besser aus als bloße Fakten.

Die sieben Worte Jesu am Kreuz:

1.    „Vater vergib ihnen; denn sie wissen nicht was sie tun“ (Lk 23,24)
Jesus betet am Kreuz für die, die ihm das alles antun: „Vergib ihnen!“ Bittet um Vergebung für diejenigen, die ihm das Leben nehmen und ihn quälen. Warum sollte ihnen vergeben werden? Weil sie ahnungslos sind, ohne Wissen um das, was sie eigentlich tun. Es sind nur Befehlsempfänger. Aber sie sind deshalb nicht schuldlos. Deshalb brauchen sie ja auch Vergebung. Sie sind verantwortlich für ihr Handeln – so wie es Judas war für seinen Verrat. Und auch ihm hat er vergeben. In dem Moment, als er seinen Verrat beim Abendmahl offenbar machte hat er ihm Brot und Wein gereicht. Alle haben sich schuldig gemacht, von Pontius bis Pilatus. Aber schon im Moment der Schuld gilt die Vergebung, tritt sie in Kraft.

2.    “Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“ (Lk 23, 43)
Wie weit ist es eigentlich bis zum Paradies? Wie lange dauert es nach unserem Tod. Ist es eine ewige Warteschleife, oder kommen wir bald an? Da stirbt einer neben ihm, an einem anderen Kreuz. Für ihn ist Jesus die letzte Hoffnung, er bittet ihn um Zuwendung. Er möchte wissen was kommt, wenn wir gehen. Und er hört: Heute noch! Am Ende des Elends steht die Himmelstüre schon offen. Nicht übermorgen oder irgendwann. Was für ein tröstlicher Gedanke, finde ich. Die Gemeinschaft mit Jesus am Kreuz wird zu einer gemeinsamen Reise in die Ewigkeit, die Verheißung, das Paradies. Good Friday heißt der Karfreitag auf Englisch, ein guter Tag ist heute.

3.    „Siehe, dein Sohn! Siehe, deine Mutter“ (Joh 19,26)
Der sterbende Jesus denkt an die Lebenden, er sorgt sich um ihre Zukunft. Er sieht die Mutter. Er weiß, welchen langen Weg sie gegangen ist, schon damals nach Bethlehem. Sie hat um seine Nähe gerungen, seine Rückkehr zur Familie, und immer alles in ihrem Herzen bewegt, von Anfang an. Sie soll nicht untröstlich zurückbleiben und unversorgt, Josef ist anscheinend schon lange tot. Und der geliebte Johannes. Auch er soll nicht mutterseelenallein bleiben. Trauer verbindet neu, Hinterbliebene werden einander anvertraut. Im letzten Moment.  Schaut aufeinander!

4.    „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ (Mk 15, 34)
Das große Warum. Jesus kennt es, und wir kennen es auch. Warum diese himmelschreiende Pandemie, Millionen abgebrochene Leben. Warum diese Frau, inoperabler Hirntumor. Zwei Kinder, warum sie? Was alles wäre noch möglich gewesen, an Leben, nun beten wir für sie und einen sanften Tod und gute und mitfühlende Ärztinnen und Pflegerinnen. Mein Warum ist sein Warum. Mein Warum ist aufgehoben in seinem. Verlorenheit ist ihm nicht fremd, vergebliche Gottsuche auch nicht. Damit können wir leben und sterben mit ihm, jeder mit seinen Schmerzen und weiß nicht warum. Das teilen wir mit ihm um Gottes Willen.

5.    „Mich dürstet“ (Joh 19,28)
Was für ein erbärmlicher, menschlicher Wunsch. Er hat Bedürfnisse wie wir, einen Körper wie du und ich. Im Tod wird der Durst nach Leben unendlich. Ein Schluck schafft Linderung und hilft gegen das innere Verbrennen. Was für ein armseliges Betteln des Gottessohnes, heruntergekommen wie niemals zuvor. Seht welch ein Mensch. Jeder kleine Schluck, den wir uns reichen auf letzten Wegen, ist hier abgebildet. Auf dem Heimweg zur Quelle des Lebens.

6.    „Es ist vollbracht“ (Joh 19, 30)
Endlich. Weniger triumphal als erschöpft; weniger heldenhaft als im Fenster der Dankeskirche dargestellt. Geschafft. Jesus bringt es zu Ende. Es ist ein letzter Hauch. Alles, was Odem hat, geht diesen Weg bis zum letzten Zug. Steil bergauf, auf die Spitze getriebener Todesmut in der Hinrichtung, ganz oben als Ziel steht ein Gipfelkreuz, schon fast im Himmel, im Heimatland.

7.    „In deine Hände befehle ich meinen Geist“ (Lk 23,46)
Ganz am Ende vertrauen wir uns an. Dann ist es gut. Genug. Dann brauchen wir nicht mehr zu kämpfen. Dann können wir uns überlassen. Nicht tiefer fallen als in Gottes Hand. Am Ende kommt es nur noch darauf an, nur noch darauf, zu vertrauen, loszulassen, sich fallen zu lassen. Ti dir den Gefallen, lass dich fallen. Jesus ist unser ganz persönliches Fallbeispiel: Gott nimmt alles Weitere in seine Hand.

„Ihm sei’s begonnen, der Monde und Sonnen an blauen Gezeiten des Himmels bewegt. Du Vater, du rate, lenk du und wende! Herr dir in die Hände sei Anfang und Ende, sei alles gelegt!“ (Eduard Mörike)
Amen.

Musik
Fürbitten:

Gott, du Schöpfer der Welt,
letzte Worte Jesu am Kreuz
malen wir uns das bildlich aus,
so fällt es uns schwer, das auszuhalten.
Uns prägen die Bilder der Schönen und Reichen.
Wir wollen das Leben feiern und genießen.
Das Leid, das Sterben, gar der Tod hat da keinen Platz.
Über Jahrzehnte haben wir ihn abgeschoben in Krankenhäuser und Altenheime.
Und so verstören uns Bilder von Militärlastern voller Särge in Bergamo oder von Massengräbern in Brasilien.
Nur langsam gewähren wir ihm wieder Raum in Palliativversorgung, Hospizen oder mit Aussegnungen.
Wir leben nicht im Paradies.
Hilf uns das Leid, den Tod als Teil unserer Existenz zu akzeptieren,
damit wir es aushalten können,
damit wir Leidende begleiten können,
damit wir das Leben gewinnen.

Gott, Vater der Barmherzigkeit,
letzte Worte Jesu am Kreuz
Namenlos ist oft das Leiden in dieser Welt.
Verstümmelte Kriegsopfer, hungernde Kinder, Folgen des Klimawandels.
Die Nachrichten davon wollen uns verstummen lassen.
Worte sind manchmal auch fehl am Platz,
doch hilf uns, nicht beim Schweigen stehenzubleiben

Stärke alle, die im Großen und im Kleinen für Frieden eintreten
unter uns und in dieser Welt,
damit Konflikte gelöst und Waffen entschärft werden und die Gewalt ein Ende findet.

Ermutige alle, die sich im Großen und im Kleinen für Gerechtigkeit einsetzen
unter uns und in dieser Welt,
damit die Güter dieser Welt fair verteilt werden
jeder und jede die Wertschätzung widerfährt, die ihm, die ihr gebührt
und dem Unrecht gewehrt wird.

Gib Energie allen, die sich im Großen und im Kleinen für die Bewahrung deiner Schöpfung engagieren unter uns und in dieser Welt,
damit der Klimawandel gestoppt wird,
wir den Lebensraum von Pflanzen und Tieren nicht zerstören
und die Grundlagen unseres Lebens erhalten.

Verhilf auch uns selbst zu Mut und Einsicht danach zu leben.

Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit,
letzte Worte Jesu am Kreuz.
Was werden meine sein?
Wie wird es mir ergehen?
Sterbe ich alt und lebenssatt, nach großem Leiden oder plötzlich und unerwartet?
Viele Fragen beschweren uns, wenn wir an unser Sterben denken?
Wie wird es sein? Was wird danach sein? Mit unseren Lieben und mit uns selbst?
Gib uns den Mut unsere Sterblichkeit nicht zu verdrängen und rechtzeitig Regelungen zu treffen für uns und für das, was bleibt.
Schenke uns einen gnädigen Tod oder komme wieder zu Deiner Zeit
Mehre unseren Glauben und stärke unsere Hoffnung auf eine Zukunft bei Dir.

In der Stille bringen wir das vor Dich, was uns jetzt persönlich bewegt

STILLE

Wir danken Dir, gnädiger Gott, denn Du hörst unser Gebet
und so fassen wir all das und alles andere in die Worte,
die Jesus seine Jüngerinnen und Jünger zu seinen Lebzeiten zu beten gelehrt hat.

Vater Unser

Segen

Musikalischer Ausklang

Gottesdienst zum Gründonnerstag am 01.04.21 mit Vikar Ingmar Bartsch

Begrüßung
Es ist Gründonnerstag. Wir denken heute an das letzte Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern. Und wir gehen mit ihm den schweren Weg durch die Karwoche. Wir kommen von Palmsonntag, dem umjubelten Einzug Jesu in Jerusalem. Und wir gehen auf Karfreitag zu, auf das Leiden und Sterben Jesu. Wir warten auf den Ostersonntag, an dem wir daran denken, dass Jesus auferstanden ist. Wir feiern Gottesdienst. Und auch wenn wir zu Hause an unseren Tablets, Mobiltelefonen und Computern mitfeiern, gehen wir durch die Karwoche mit Jesus und durch ihn in gegenseitiger Verbundenheit und Gemeinschaft.
Und so feiern wir diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Lasst uns beten
Jesus Christus, du bist mitten unter uns. In Deinem Wort. Wenn wir uns bewusst Zeit nehmen, an Dich zu denken. Im Gebet. In unserem Alltag. Du bist mitten unter uns in diesem Gottesdienst. Halte in uns das Sehnen wach nach Deiner lebendigen Botschaft. Entfalte diese Botschaft in unseren Herzen. Das bitten wir Dich, der Du mit dem Vater und dem Heiligen Geist lebst und regierst in Ewigkeit. Amen.

Lesung aus Mt 26,17-30
17 Aber am ersten Tag der Ungesäuerten Brote traten die Jünger zu Jesus und sprachen: Wo willst du, dass wir dir das Passalamm zum Essen bereiten? 18 Er sprach: Geht hin in die Stadt zu einem und sprecht zu ihm: Der Meister lässt dir sagen: Meine Zeit ist nahe; ich will bei dir das Passamahl halten mit meinen Jüngern. 19 Und die Jünger taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, und bereiteten das Passalamm. 20 Und am Abend setzte er sich zu Tisch mit den Zwölfen. 21 Und als sie aßen, sprach er: Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten. 22 Und sie wurden sehr betrübt und fingen an, jeder einzeln zu ihm zu sagen: Herr, bin ich's? 23 Er antwortete und sprach: Der die Hand mit mir in die Schüssel taucht, der wird mich verraten. 24 Der Menschensohn geht zwar dahin, wie von ihm geschrieben steht; doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird! Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre. 25 Da antwortete Judas, der ihn verriet, und sprach: Bin ich's, Rabbi? Er sprach zu ihm: Du sagst es. 26 Als sie aber aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach's und gab's den Jüngern und sprach: Nehmet, esset; das ist mein Leib. 27 Und er nahm den Kelch und dankte, gab ihnen den und sprach: Trinket alle daraus; 28 das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden. 29 Ich sage euch: Ich werde von nun an nicht mehr von diesem Gewächs des Weinstocks trinken bis an den Tag, an dem ich aufs Neue davon trinken werde mit euch in meines Vaters Reich. 30 Und als sie den Lobgesang gesungen hatten, gingen sie hinaus an den Ölberg.

Lied 228 "Er ist das Brot"

Predigt
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.
Vor ein paar Tagen kam ich eher zufällig auf die Facebookseite der Firma eines Freundes. Die war schon eine Weile nicht mehr aktualisiert worden. Einer der letzten Einträge war die Firmenweihnachtsfeier 2019. Da sitzen viele Leute in einem engen Raum zusammen. Ohne Abstand. Ohne Masken. Bilder wie von einem anderen Stern. Und während ich die Fotos betrachte, schießt mir ein Gedanke durch den Kopf: Hätten sich die Leute anders verhalten, wenn sie gewusst hätten, was kommen wird?
Jesus und seine Jünger feiern Passahfest. Es ist Teil ihres Lebens, es ist Teil ihrer Kultur. Und es scheint auf wundervolle Art eine Routine zu sein. Die Initiative geht von den Jüngern aus. Sie fragen Jesus: „Wo willst Du, dass wir das Passahlamm zum Essen zubereiten?“ Das klingt nach: Hey Jesus, es ist wieder so weit. Wir freuen uns auf das Passahfest! Wie wollen wir es dieses Jahr machen? So wie immer? Wie hast Du Dir das gedacht? Die Jünger starten mit den Vorbereitungen. Und sie wissen noch nicht, dass wenig später alles anders sein wird. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie grundlegend sich ihr Leben verändern wird. Und so sitzen sie da. Die Jünger. Sie bereiten das Passahlamm vor. Sie feiern mit Jesus. Zum letzten Mal, ohne es zu wissen. Natürlich hat Jesus Andeutungen gemacht. Er hat gesagt, dass sich die Dinge verändern würden. Und auch beim Passahmahl hat er von den bevorstehenden Ereignissen gesprochen. Aber richtig realisiert haben die Jünger das nicht.

Manchmal sind wir in einer ähnlichen Situation, wie die Jünger. Wir tun unbewusst Dinge zum letzten Mal und das muss nicht mal was Negatives sein. Ich kenne jemanden, der wusste bei seiner letzten Zigarette noch nicht, dass es die letzte sein würde. Er hat danach von einem Tag auf den anderen aufgehört und hat in den letzten 50 Jahren keine Zigarette mehr angefasst. Aber es kann eben auch nicht so positiv sein. Mir war es nicht klar, dass ich im Februar 2020 vorerst zum letzten Mal in der Dankeskirche Abendmahl feiern würde. Wie die Jünger tun wir manchmal Dinge zum letzten Mal, ohne es zu wissen.

Da sitzen sie nun, die Jünger. Unwissend beim letzten Abendmahl. Und hier stehe ich nun. Mit meiner Erinnerungen an das letzte Abendmahl vor über einem Jahr. Ist das nicht deprimierend? Ja. Das ist es. Und es ist wichtig, sich das einzugestehen. Es fehlt uns an Begegnungen in dieser Pandemie. Es fehlt uns an Gemeinschaft. Wir haben vieles verloren im letzten Jahr. Und wir haben einiges ersetzen können, aber auch mit der größten Anstrengung können wir nicht so tun, als wäre alles gut. Und so sehne ich mich nach der Kraft der Jünger, mit der sie die Botschaft von Jesus verbreitet haben. Und die Umstände damals waren wirklich schlecht: Nach Jesu Auferstehung gerieten die Christen schnell ins Fadenkreuz der Machthaber. Sie gehörten zu den Sympathisanten eines hingerichteten, politischen Dissidenten. Die Ausgangsbedingungen für das Startup Kirche hätten kaum schlechter sein können.
Was hat den Jüngern also geholfen, nachdem Jesus weg war und sie Angst um ihr Leben hatten? Die erste Antwort ist: Ostern. Nach Gründonnerstag und Karfreitag ging es weiter. Jesus ist auferstanden und das hat das Leben seiner Jüngerinnen und Jünger verändert. Das hat neue Hoffnung gegeben und das gibt uns heute neue Hoffnung. Wir leben in der Hoffnung, dass Tod, Krankheit und Leiden nicht das Ende sind. Wir leben in der Hoffnung, dass Gott in Jesus stärker ist, als alles, was uns bedrängt. Und wenn diese Hoffnung in uns in Vergessenheit geraten ist, weil uns die Umstände übermächtig erscheinen, dann dürfen wir uns gegenseitig daran erinnern. Auch am Gründonnerstag. Wir dürfen unsere Hoffnung lebendig halten. Wir wissen: Sogar nach dem Tod geht es weiter.
Was hat den Jüngern noch geholfen? Die Erinnerung. Das, was wir heute als Abendmahl kennen, ist aus diesem letzten Passahfest entstanden. Jesus hat einige Hinweise gegeben, wie es gefeiert werden soll. Aber es war keine detaillierte Anleitung. Wie das Erinnerungsmahl der Jünger exakt aussehen sollte, das mussten sie selbst überlegen und gestalten. Und als sie mit ihrem Erinnerungsmahl begonnen haben, haben sie festgestellt: Der auferstandene Christus ist dabei. Und diese Erfahrung können wir heute auch machen.
Ja, wir können gerade nicht in der Kirche zusammenkommen. Wir können das Abendmahl nicht so feiern, wie noch im letzten Februar. Aber wir können uns zu Hause an Jesu letztes Abendmahl erinnern. Mit Brot und Wein oder Traubensaft. Kreieren Sie Ihr eigenes Erinnerungsmahl. Nehmen Sie das mit hinein, was Sie daran tröstet. Denken Sie beim Essen bewusst an Jesus. An seinen Weg zum Kreuz. An sein Leiden. An sein Sterben. An seine Auferstehung. Finden Sie eine Form, in der Sie sich erinnern können. So, wie es die Jünger getan haben.
Und wenn Sie das tun, dann haben Sie eben doch nicht vor einem Jahr zum letzten Mal Abendmahl gefeiert. Sie haben heute wieder gefeiert. Oder morgen. Es ist anders, als in der Kirche. Und es wird sich auch anders anfühlen. Aber es ist eine Ausdrucksform unseres Glaubens. Wir verzichten in diesem Livestream übrigens darauf, Abendmahl digital zu feiern, denn es ist nicht jedermanns Sache. Aber wenn Sie gerne in Ihr eigenes Erinnerungsmahl eine Abendmahlsliturgie integrieren möchten, dann finden Sie auf diesem Kanal ein Video dazu. Sie können es gerne ausprobieren. Und wenn Sie dann Ihr eigenes Erinnerungsmahl gestalten, dann ich bin mir sicher: Sie werden entdecken, dass Jesus dabei ist. Dass Sie getröstet werden. Wie die Jünger, aus deren Erinnerungsmahlen unser heutiges Abendmahl geworden ist. Das wir seit hunderten von Jahren feiern und das wir auch wieder feiern werden.
Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Lied: Kommt mit Gaben und Lobgesang 229

Fürbitten
Herr, großer Gott, wie gern hätten wir diese für unseren Glauben so wichtigen Tage in stärkender Gemeinschaft erlebt. Wie gern hätten wir in einer großen Runde Abendmahl gefeiert. Wir klagen Dir, dass das nicht möglich ist in der Pandemie. Stärke Du uns und halte in uns die Hoffnung und die Erinnerung wach, dass Du stärker bist, als alle unsere Sorgen.
Herr, großer Gott, wir klagen Dir, dass Menschen weltweit in Armut leben. Wir klagen Dir, dass Menschen ihre Heimat verlassen müssen und verfolgt werden. Wir klagen Dir die Gewalt, die Menschen einander antun. Stellvertretend nennen wir Dir die Situation in Myanmar. Schenke Du Frieden in der Welt und mache uns zu Friedensstiftern. In unserem privaten Umfeld und darüber hinaus.
Herr, großer Gott, wir klagen Dir diese Pandemie. Wir klagen Dir die Ungewissheit. Wir klagen Dir, dass in unserem Land viele Menschen Politiker für unfähig halten und Politiker Menschen für unfähig halten. Wir klagen Dir dass das gesellschaftliche Klima in der Pandemie rauer geworden ist. Wir bitten Dich, heile unsere Herzen, mach uns besonnen und schenke uns, dass wir fröhlich werden an den Dingen, die uns dankbar machen in allen Schwierigkeiten.
Herr, großer Gott, wir bitten Dich für die Menschen, die einsam sind, wir bitten Dich für die Kranken und die Sterbenden. Sei Du ihnen nahe und schenke ihnen Menschen zur Seite, die sie aufrichten, trösten und stärken.
Wir bitten Dich für unsere Gemeinde. Wir möchten die Hoffnung und die Freude über Deine Auferstehungsbotschaft weitergeben. Hilf uns, dass uns das gelingt und lass diese Botschaft Frucht tragen in unseren Herzen und den Herzen unserer Nächsten.

Und was uns sonst bewegt, legen wir in das Vaterunser:
Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Segen
Der Herr segne dich und behüte dich,
der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig,
der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

Gottesdienst am 28.3.2021 mit Video von Pfarrerin Meike Naumann

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar.

Gottesdienst am Palmsonntag 2021 unter Verwendung des Projekts „Faire Jobs für Näherinnen“ von Brot für die Welt

Musik zum Eingang

Begrüßung und Votum
Liturgin 1
Wir feiern unseren Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Wir begrüßen Sie ganz herzlich zu unserem Gottesdienst am Palmsonntag, dem letzten Sonntag in der Passionszeit. An diesem Sonntag zieht Jesus auf einem Esel in Jerusalem ein. Seine Freundinnen und Freund begleiten ihn. Viele Menschen stehen an den Straßen Jerusalems und begrüßen ihn jubelnd. So viele Hoffnungen und Sehnsüchte richten sich auf Jesus. Mit dem Einzug in Jerusalem beginnt der schwerste Abschnitt auf Jesu Weg. Spannung liegt in der Luft, alle spüren, dass etwas Schlimmes passieren wird. Wir wollen in diesem Gottesdienst innezuhalten uns an das Leiden und Sterben unseres Bruders Jesus denken. Dass Jesus gefoltert und hingerichtet worden ist, bleibt für uns Christinnen und Christen trotz der Wucht des Erschreckens ein Zeichen. Es ist ein Zeichen dafür, dass wir vertrauen können: Gott ist auch im Leid. Dennoch sollen wir deswegen nicht nur Leid ertragen, sondern dort, wo Menschen durch andere Menschen leiden, etwas dagegen tun. In diesen Zeiten, in denen die Nachrichten überwiegend von den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf unser Land und unsere Gesellschaft bestimmt sind, wollen wir wachsam sein, dass neben all den Schwierigkeiten und Sorgen die uns ganz konkret beschäftigen, die Menschen nicht vergessen werden, die schon vor Corona unter ungerechten Lebensbedingungen gelitten haben und deren Situation sich nun immer weiter verschärft.

Liturgin 2
Denn der Herr ist gerecht, er liebt gerechte Taten. Wer aufrichtig ist, darf sein Angesicht schauen.

So steht es im 11. Psalm (Vers 7). Und so wollen wir heute über Leid und Gerechtigkeit nachdenken – und von einer jungen Frau hören, die Ungerechtigkeit erfährt und daran leidet, aber trotzdem die Kraft hat, dagegen zu kämpfen.
Gerechtigkeit! „Es ist die große Sache aller Staaten und Thronen, dass gescheh', was rechtens ist, und jedem auf der Welt das Seine werde; Denn da, wo die Gerechtigkeit regiert, da freut sich jeder, sicher seines Erbes…, so schreibt es Friedrich Schiller. Menschen haben ein Empfinden dafür, was gerecht ist und was nicht. Und wenn etwas Ungerechtes länger andauert, regt sich Widerstand.

Liturgin 1
Passion heißt Leiden, und in den sieben Wochen vor Ostern erinnern wir uns an das Leiden und Sterben Jesu Christi. Wir schauen nicht weg, wo anderen Unrecht und Leid geschieht. Überall auf der Welt leiden Menschen unter der Verletzung der elementarsten Menschenrechte. Wir wollen ihr Schicksal nicht dem Vergessen überlassen. Begleiten Sie uns heute nach Nicaragua. Das ist nur eines von sehr vielen Ländern dieser Erde, in denen Menschen nicht überall in gerechten Verhältnissen leben können. Nicaragua ist nach Haiti das zweitärmste Land Amerikas. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt in Armut. Lassen Sie uns hören, wie Menschen dort leben und wie sie Leid und Gerechtigkeit erfahren.

Musik: Bleibet hier und wachet mit mir

Gebet
Gott,
du bist für uns da, du stehst auf unserer Seite,
besonders auf der Seite der Armen und der Schutzlosen.
Wenn wir hören,
was Menschen anderen Menschen antun,
wie sie anderen die elementaren Rechte nehmen,
dann kocht in uns ohnmächtige Wut.

Gott,
es fällt oft schwer,
nicht irre zu werden an der Welt und an dir.
Gott, steh auf,
erhebe deine Hand
und vergiss die Elenden nicht.

Lass uns nicht in Gleichgültigkeit fliehen.
Bewahre uns einen kritischen Geist,
ein waches Gewissen
und ein mitfühlendes Herz.

Hilf uns, immer wieder hinzusehen und unsere Stimme zu erheben,
für die, die keine Stimme haben.
Amen.

Sprecherin 1
„Sei der Erste, der das Beste bekommt!“ So steht es auf der Webseite der Sportartikelfirma „Under armour“, was soviel wie „kampfbereit“ oder „in Rüstung“ bedeutet. Sehnige, durchtrainierte Menschen setzen auf den Fotos zum Sprung an und machen in ihrer Kleidung eine gute Figur. 55 Euro zahlt man für eine „SC30 Ultra Performance Shorts“ in schwarz. Solche schwarzen Shorts sind nur eines von vielen Milliarden Kleidungsstücken, die aus den Nähstuben der Armut kommen. Zum Beispiel aus den Händen von María Elena aus Nicaragua.

Sprecherin 2       
Ich heiße María Elena Gonzales Jiménez. Ich bin 23 Jahre alt und komme aus Nicaragua. Ich habe einen Job. Der Holzstuhl an meiner Nähmaschine, auf dem ich jeden Tag sitze, ist hart. Ich sitze da auch nicht so gut, meist muss ich mich mehr oder weniger runterbücken. In der Halle mit den vielen Nähmaschinen es ist heiß und stickig. Ventilatoren gibt es nicht. Der Druck ist enorm. Meine Chefs geben Stückzahlen vor, die wir gar nicht schaffen können. Doch ich brauche den Job. 5.000 Córdobas verdiene ich im Monat, das sind umgerechnet rund 132 Euro. Mit meiner Arbeit ernähre ich den Vater, der ist über 80, meine ältere Schwester und deren drei Kinder. Das ist es, was mir durch den Kopf geht, wenn ich die Nähte der schwarzen Shorts säume, 1.500mal am Tag derselbe Handgriff, zehn Stunden lang, sechs Tage die Woche.

Sprecherin 3
Verhilf mir zu meinem Recht, Gott!
Vertritt mich vor Gericht gegen das Volk,
das sich nicht an deine Gebote hält!
Rette mich vor falschen und bösen Menschen!
Ja, du bist der Gott, der meine Zuflucht ist!
Sende dein Licht und deine Wahrheit!
Sie sollen mich sicher führen.
Sie sollen mich zu dem Berg bringen,
wo dein Heiligtum ist – deine Wohnung.
Dann will ich vor den Altar Gottes treten –
vor Gott, den Grund meiner unbändigen Freude.
Verse aus dem Psalm 43

Liedruf: Bleibet hier und wachet mit mir

Sprecherin 2
Ja, meine Kolleginnen und ich haben harte Arbeitsbedingungen. Und bei uns allen reicht das Geld hinten und vorne nicht – aber ich lasse mich davon nicht unterkriegen. Meine Mutter hat immer gesagt: Geht, Mädchen, kämpft für eure Rechte! Sie hat mich auch öfter mitgenommen zu Workshops einer Bewegung, die „María Elena Cuadra“ (MEC) heißt. Das ist eine Frauenorganisation, die für
menschenwürdige Arbeitsverhältnisse in den Textilfabriken kämpft.
Zum Beispiel dafür, dass der Mindestlohn gezahlt wird, dass Gesundheits- und Hygienebestimmungen eingehalten werden, dass Arbeiterinnen und Arbeiter nach
Unfällen eine medizinische Behandlung erhalten.

Sprecherin 1
Lasst uns nicht vergessen: Es sind Menschen wie María Elena, die unsere Kleidungsstücke herstellen. Sie tun dies an vielen Orten dieser Erde, oft bei schlechter Bezahlung und unter schwierigen Arbeitsbedingungen.
Lasst uns nicht vergessen: Was und wie wir einkaufen ist Gottesdienst im Alltag der Welt. Vor allem aber lasst uns das nicht vergessen: Ein nachhaltiges Denken, damit Menschen wie María Elena ein Leben in der von Gott geschenkten Würde möglich ist.

Sprecherin 3
Denn der HERR sagt: »Ich liebe Gerechtigkeit und hasse gemeinen Raub. Ich halte meinem Volk die Treue, und belohne es für seine Leiden; ich schließe mit ihm einen unauflöslichen Bund und sage ihm für alle Zeiten meinen Schutz zu. Jesaja 61,8
Liedruf  - Bleibet hier und wachet mit mir

Sprecherin 2
Ich war 18, als ich etwas über meine Rechte erfuhr. Ich hatte Glück! Denn das hat mein Leben verändert. Rechte sind für uns gemacht – wir müssen sie aber kennen. Rechte, die meine Arbeit in der Fabrik betreffen – aber auch zu Hause und in der Gesellschaft. Da kam so viel in Bewegung, dass ich sehr viel Kraft bekam. Diese Kraft reicht aus, um neben der Arbeit noch Jura zu studieren. Abends, wenn ich zu Hause bin, dann lerne ich eben noch. Und ich arbeite ehrenamtlich bei der Organisation MEC mit, der ich persönlich meinen Wandel verdanke. Das ist es mir wert! Damit gebe ich das, was ich bekommen habe, an andere zurück.

Sprecherin 1
Ungerechte Lebensverhältnisse und Unterdrückung haben eine lange Geschichte. Selten gab es Zeiten, in denen Menschen es geschafft haben, so zu leben, dass für alle ein gutes Leben möglich war. Ein Leben ohne Hunger, Ausbeutung, Fremdbestimmung. Zu Zeiten des Propheten Jesaja, 700 vor Christus, war die soziale Lage in Israel angespannt. Der Graben zwischen Arm und Reich wurde immer tiefer. Große Teile der Bevölkerung verarmten. Menschen wurden unterdrückt und ihrer Rechte beraubt. Das assyrische Großreich bedrohte Israel und eroberte es schließlich. Der Prophet Jesaja steht in dieser Situation auf der Seite der Armen und Entrechteten. Immer wieder klagt er die Reichen an, die die Gesetze Gottes brechen. Immer wieder weist er laut daraufhin, dass Gott ein Gott der Gerechtigkeit und des Friedens ist. Deshalb ist es sozusagen die Kernaufgabe für den Menschen, so zu handeln, dass allen Gerechtigkeit widerfährt. Gott hält für alle echten Frieden und echte Ruhe bereit. Gott verlässt die Menschen nicht. Seine Gebote sind die Richtschnur für ein Leben in Gerechtigkeit. Und so ruft Jesaja sein Volk immer wieder auf:

Sprecher*in 3
Darum harrt der Herr darauf, dass er euch gnädig sei, und darum macht er sich auf, dass er sich euer erbarme; denn der Herr ist ein Gott des Rechts. Wohl allen, die auf ihn harren! Du Volk Zions, das in Jerusalem wohnt, du wirst nicht weinen! Er wird dir gnädig sein, wenn du rufst. Er wird dir antworten, sobald er's hört. Und der Herr wird euch in Trübsal Brot und in Ängsten Wasser geben. Und dein Lehrer wird sich nicht mehr verbergen müssen, sondern deine Augen werden deinen Lehrer sehen. Und wenn ihr zur Rechten oder zur Linken gehen wollt, werden deine Ohren hinter dir das Wort hören: Dies ist der Weg; den geht!  (Jesaja 30,18-21)

Lied: Lass uns den Weg der Gerechtigkeit gehen

Liturgin 1
Maria Elenas Geschichte ist nur eine von weltweiten Milliarden Geschichten. Doch ich hoffe, dass sie Mut machen konnte. Und dass sie uns zeigt, dass wir einander beistehen sollen, wenn wir Unrecht erfahren. Die Geschichte zeigt genau das. Helfen wir einander, stützen wir uns und sehen nicht weg – dann wächst Gutes aus dem Leid. Dann kann aus dem abgeschlagenen Baum wieder ein Trieb wachsen.
Wir bitten Gott um sein Licht und seine Wahrheit. Gott öffne Herzen und Augen, Hände und Verstand für das, was wir als Christinnen und Christen tun können auf dem Weg zur Gerechtigkeit im Namen Gottes, in der Nachfolge Jesu. Ermutigt vom Geist Gottes, der Menschen von allem Anfang begeistern konnte; der Menschen begeistern konnte, das Leben zu schützen. Wir sind uns gewiss, dass wir damit die Absicht Gottes bezeugen, den Armen, Witwen, Waisen und Fremden in besonderer Weise nahe zu sein

Fürbitte
Gott, wir bitten dich für deine Kirche,
mache sie zur Zeugin und zum Werkzeug deines Friedens.
Vater unseres Lebens – Bruder unseres Leidens – Schöpfer unseres Glaubens,
wir danken dir, dass du uns dazu berufen hast, deine Geschichte zu erzählen,
vom Leben deiner Zeuginnen und Zeugen zu hören.
Dich, der du unsere Tiefe geteilt und selbst unter dem Bösen gelitten hast,
bitten wir für alle Menschen in Einsamkeit und Schmerzen.
Reiß Menschen aus Habgier und Bosheit,
lass Freundlichkeit unter uns wachsen und wehre der Gefühllosigkeit.
Wir bitten dich für alle, die anderen zu helfen versuchen.
Nimm dich unser gnädig an, rette und erhalte uns.

Und alles Gesagte und Ungesagte fassen wir zusammen in dem Gebet, das Jesus uns lehrte:
Vater unser im Himmel….

Die Kollekte sammeln wir für Brot für die Welt.

Segen

So lasst uns unsere Wege gehen
im Frieden und unter dem Segen Gottes:

Gott segne und behüte uns.
Gott schütze unser Leben
und bewahre unsre Hoffnung.
Gott lass Dein Angesicht leuchten über uns,
dass wir leuchten können für andere.
Gott erhebe Dein Angesicht auf uns
Und stärke unsern Glauben,
dass das Leben stärker ist als der Tod.

Musik: Change the world

Aus diesem Anlass bittet der Arbeitskreis um Spenden für „Brot für die Welt“, um die Menschen zu unterstützen, die unter schlechten Arbeitsbedingungen und ungerechten, niedrigen Löhnen arbeiten, wie z. B. in der Textilindustrie. In Zeiten der Corona-Pandemie sind sie besonders von Arbeitslosigkeit und Hunger bedroht.

Das Spendenkonto:

Ev. Kirchengemeinde Bad Nauheim
Verwendungszweck: Brot für die Welt
Sparkasse Oberhessen: IBAN: DE 09 5185 0079 0030 0016 21
Volksbank Mittelhessen: IBAN DE 83 51390000 0089 3284 03

Passionsandacht am 27.03.21 mit Video von Pfarrerin Meike Naumann

Diese Passionsandacht ist auch als Video verfügbar.

Andacht zum Lied „Seh‘ ich das Kreuz an….“

Musik zum Eingang: Seh‘ ich das Kreuz an

Begrüßung mit Votum
Gott hält seine Hand über uns. Darum sind wir versammelt im Namen Gottes, der Quelle des Lebens, menschgewordener Liebe und Grund unserer Hoffnung. Amen.

Kollektengebet
Gott, Du bist Liebe,
bist Begleitung und Ziel allen Lebens.
Du schenkst uns unsere Zeit, gute und schlechte Tage.
Auch die Irrtümer, die Sackgassen und die Umwege sind wichtig.
Auch sie gehören zu unserem Menschsein.
Erinnere Dich an Deine Barmherzigkeit, an deine Güte und hilf uns zurückzufinden zu Dir, wenn wir Dich verloren haben.
In Jesus Christus spüren wir deine Kraft,
lebendig, stark und schön.
Schenk uns deine belebende Nähe,
denke an deine Güte, erinnere dich an deine Liebe zu uns
und rufe uns immer wieder zu Dir,
zum Leben in deinem Geist.
Amen.

Lesung: 1. Kor 1,18-25

Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist es Gottes Kraft. 19Denn es steht geschrieben (Jes 29,14): »Ich will zunichtemachen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.« 20Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht? 21Denn weil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die da glauben.22Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit, 23wir aber predigen Christus, den Gekreuzigten, den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit; 24denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit. 25Denn die göttliche Torheit ist weiser, als die Menschen sind, und die göttliche Schwachheit ist stärker, als die Menschen sind.

Lied: Seh, ich das Kreuz an, ach wie schwer

Ansprache
Friede sei mit euch, von dem der da ist und der da war und der da kommt.

Es ist schöne Tradition in unserer Gemeinde, dass unsere Konfis im Konfirmationsgottesdienst ein Kreuz geschenkt bekommen. Das Design der Kreuze hat sich in den Jahren immer mal wieder geändert. Mal waren es Kreuze aus Olivenbaumholz, die wie ein Handschmeichler in der Hand lagen. Dann bunte Kreuze gestaltet von Menschen in fernen Ländern. Dann wieder schlichte silberne Schmuckkreuze als Kettenanhänger. Es ist unser Geschenk als Kirchengemeinde an die Jugendlichen und soll sie erinnern an die Gemeinde, die sie kennengelernt haben, an den Glauben, mit dem sie sich in der zurückliegenden Konfizeit beschäftigt haben. Natürlich hoffen wir, dass die Jugendlichen für die Kreuze einen schönen Platz finden, den Kettenanhänger auch tragen. Als Erinnerung an den, der sie auch zukünftig in ihrem Leben begleiten will.

Das Kreuz ist DAS Symbol des Christentums. Und es gibt die unterschiedlichsten Traditionen und Bräuche rund um das Kreuz. Kreuze finden sich natürlich in Kirchen und kirchlichen Räumen, in Wohnungen, manchmal am Rückspiegel eines Autos und an vielen anderen Orten. Und es gibt ganz unterschiedliche Kreuze. Waren es anfangs eher sehr schlichte aus Stein gemeißelte Modelle, so wurden sie mit der Zeit immer kunstvoller und je nachdem wie viel Geld der Auftraggeber*in hatte, auch immer aufwändiger und prunkvoller. Bis hin zu den in goldgefassten und mit Edelsteinen besetzten, überladenen Prunkkreuzen auf Domaltären oder fürstlichen Gebetsbüchern. Diese Prunksucht ist uns als Kirche mittlerweile eher peinlich. Und viele denken zu recht: Das Kreuz und ein damit zur Schau gestellter Reichtum passen nicht zusammen. Ist nicht das, wofür das Kreuz steht, das genaue Gegenteil von Schmuck, Zier und äußerem Glanz?

Das Lied „Seh ich das Kreuz an: Ach wie schwer“ nimmt beide Blickweisen in den Blick. Den Blick auf den wertvollen Kunstgegenstand und den Blick auf Gekreuzigten. Beide Sichtweisen werden einander gegenübergestellt. Das Lied ordnet Reichtum und Glanz den menschlichen Wünschen und Begierden zu. An und unter dem Kreuz herrschen Tod, Leid, Hohn und Spott. Doch weil an und unter dem Kreuz auch Gott anwesend ist, dreht er die damit verbundenen Werte einfach um: Glanz, erfolg, Reichtum stehen in völligem Gegensatz zu der Erniedrigung des Gekreuzigten und sich ist sein Leiden für uns, kostbarer und wertvoller als alle irdischen Güter. Das Lied spielt mit den Begriffen unserer materiellen Welt. Im englischen Originaltext noch deutlicher als in der deutschen Übersetzung. Diese materiellen Begriffen werden im Lied der Welt Gottes gegenübergestellt. Reichtum und Glanz stehen hier auf der menschlichen Seite – my richest gain (mein reichster Gewinn), all the vain things that charm me most (all die eitlen Dinge, die mich so sehr reizen). Doch die wahre göttliche Krone ist nicht aus Edelsteinen, sondern aus Dornen gemacht, der Mann am Kreuz ist ein König der Leidenden, der den Tod in ein neues Leben verwandelt hat.

Deshalb kann unser Blick auf das Kreuz immer nur ein doppelter Blick sein. Wir sehen darin nicht nur die Niederlage, sondern auch den Sieg, nicht nur Elend und menschliche Finsternis, sondern auch Glanz und göttliches Strahlen. „Der Tod ist verwandelt in den Sieg. Tod wo ist dein Stachel!“ Jesus hat mit seinem Tod am Kreuz die Gültigkeit von Reichtum und Macht überwunden und an ihre Stelle die Liebe und das Leben gesetzt.
Und das heißt: Weil Gott alle Werte, die vermeintlich Geltung haben, verändert, könne auch wir falsche Prioritäten unseres Lebens ablegen.

„Erfolg und Glanz verlocken mich, und doch vergehn sie mit der Zeit. Durch Jesus und sein Kreuz bin ich erlöst, aus ihrer Macht befreit.“ So singt das Lied in seiner 2. Strophe.
Wie weit trifft uns das? Natürlich haben Erfolg und Glanz einen Reiz. Wie schön wäre es, frei zu sein von allen materiellen Sorgen. Sich einfach leisten zu können, was das Leben erleichtert. Und immer besteht die Gefahr in den Strudel des „immer-mehr haben Wollens“ hineinzugeraten. Auch das gibt es.

Wie ist es mit dem Glanz nach außen? Wie stellen wir uns nach außen dar? Wie wollen wir wahrgenommen werden? Dieser Druck immer gut „rüber zu kommen“, immer glücklich und erfolgreich zu erscheinen. Das hat durch die sozialen Netzwerke eine ganz eigene Dynamik bekommen. Klicks und Likes bestimmen oft das Selbstwertgefühl und den sozialen Status einer Person. Hassmails und Fake News machen Menschen gezielt fertig. Führen in den sozialen Tod bis hin zum Selbstmord.

Und trotzdem: Ist es nicht zutiefst menschlich, dass wir für unsere Arbeit Anerkennung bekommen wollen? Ein Lob für unseren Einsatz an der Arbeit, im Ehrenamt oder im Freundeskreis und in der Familie. Wir brauchen die Bestätigung von außen.

„Erfolg und Glanz verlocken mich, und doch vergehn sie mit der Zeit und sein Kreuz bin ich erlöst, aus ihrer Macht befreit.“ Wenn ich diese Strophe höre, mich von der Melodie führen lasse, ist es eine Verheißung, eine gute Botschaft: Dein Wert wird nicht bestimmt durch Klicks und Likes. Du bist nicht davon abhängig, ob dich einer gut findet oder nicht. Du bist nicht das, was die anderen von dir denken. Die anderen haben keine Macht dich zu verurteilen. Denn der Mann am Kreuz hat  alle menschliche Macht gebrochen, er hat den Leidenden Glanz verliehen, den Gebrochenen Ruhm. Bei denen die im Schatten seines Kreuzes leben, zählen andere Werte. Zählt die Liebe, das Leben, das entsteht, wenn Menschen sich entwickeln.

Die Kreuze, die wir unseren Konfis schenken, die Kreuze, die in Kirchen und Wohnungen ihren Platz haben, haben eine wichtige Botschaft: Gib nicht den anderen Macht über dich. Lass dich nicht von dem bestimmen, was andere über dich denken. Schau auf das Kreuz und erinnere dich. Da ist einer, der dich liebt, auch wenn du selbst das gerade vielleicht nicht kannst. Da ist Trost und Hoffnung. Das Leben wird mit ihm an unserer Seite vielleicht sogar gut.

Lied

Fürbitten
Gott,
erinnere dich an deine Barmherzigkeit und Güte,
die von Ewigkeit her gewesen sind, und sieh auf uns und unsere Welt!
Wir bitten dich für alle, die es schwer haben.
Lass sie deine Gegenwart spüren und zeige ihnen Wege, die sie gehen können!
Wir bitten dich für die, die dem Bösen nicht standhalten.
Lass sie umkehren und zurückfinden!
Wir bitten dich für alle, die sich umsonst mühen.
Lass sie nicht verzweifeln und lass sie zu ihrem Ziel finden!
Wir bitten dich für alle Liebenden. Schütze und begleite sie!
Wir bitten dich für alle, die krank sind. Schenke ihnen Gesundheit!
Wir bitten dich für alle, die du aus dieser Welt zu dir gerufen hast.
Vollende sie in deinem Reich und sei mit allen, die um sie trauern!
Alles, was wir noch auf dem Herzen haben, bringen wir in der Stille vor dich…
Wir schließen unsere Bitten zusammen in dem Gebet, das Jesus Christus uns gelehrt hat:
Vater unser im Himmel….
Amen.

Abkündigungen
Segen

Gottesdienst am 21.3.2021 mit Video von Pfarrerin Susanne Pieper

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar.

Musik
 

Begrüßung
Ein herzliches Willkommen zu unserem Gottesdienst heute! Judika heißt dieser Sonntag, nach dem Psalmwort „Schaffe mir Recht, Gott!“ So viele Menschen finden in ihrer Umgebung keine Gerechtigkeit und suchen sie bei Gott. So wie Hiob.  In diesem Gottesdienst hören wir von ihm, dem Mann, der mit Gott um Gerechtigkeit kämpft, auch um Gerechtigkeit für sich selbst. Ihm und auch uns heute soll darum eine Zusage Gottes gelten, wie sie beim Profeten Jesaja steht (57,18):
„Gott spricht: Ihre Wege habe ich gesehen, und ich habe das Leid gesehen, das sie tragen. Darum will ich sie heilen und sie leiten und will ihnen wieder Trost geben.“
Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Psalm 43
Verschaffe mir Recht, Gott!
Rette mich vor den Menschen, die betrügen und Unrecht tun! Du bist der Gott meiner Stärke. Warum hast du mich verstoßen? Warum muss ich so traurig umhergehen, weil Menschen mich anfeinden?
Sende dein Licht und deine Wahrheit, das sie mich leiten und bringen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung.
Dass ich hineingehe zum Altar Gottes, zu dem Gott, der meine Freude und Wonne ist, und dir, Gott, auf der Harfe danke, mein Gott.
Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Hoffe auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

Und wir beten:
Heiliger Gott, wir danken Dir, dass Du uns den Sonntag freihältst von allem, was uns zerstreut. Du versammelst uns in Deiner Gegenwart.
Dafür danken wir Dir.  Nimm Du Dir nun Raum in unseren Herzen. Bewege und stärke uns in dieser Stunde für die Woche, die vor uns liegt.  Dich beten wir an, dreieiniger Gott. Amen

Lied: 440,1-4 All Morgen ist ganz frisch und neu

Lesung
Wir stehen nun in der Passionszeit. Der Zeit der Prüfung und der Bewährung des Glaubens. Hören wir, wie es dem Mann Hiob ergeht. Hiob ist ein schwerkranker Mann.  Ich lese aus dem 19. Kapitel des Hiobbuches die Verse 19-27 nach der Übersetzung „Hoffnung für alle“:

„Hört mir zu! Meine engsten Freunde verabscheuen mich jetzt; sie, die mir am nächsten standen, lehnen mich ab!

Und ich? Ich bin nur noch Haut und Knochen, mit knapper Not bin ich dem Tod entkommen. Erbarmt euch über mich, meine Freunde, erbarmt euch! Gottes Hand hat mich getroffen. Warum verfolgt ihr mich, wie Gott es tut?  Habt ihr mich nicht schon genug gequält?

Ach, würden doch meine Worte in einer Inschrift festgehalten und in Stein gemeißelt, lesbar für alle Zeiten!

Und doch: Ich weiß, dass mein Erlöser lebt! Auf dieser todgeweihten Erde spricht er das letzte Wort.  Auch wenn meine Haut noch so zerschlagen ist, werde ich doch Gott sehen! Ich werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen, und nicht als einen Fremden. Danach sehne ich mich von ganzem Herzen.“

Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg. Amen.

Ansprache
Gottes Liebe, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Liebe Gemeinde,
sicher kennen Sie sie auch, die Hiobsbotschaften. Sie sind etwas, was niemand braucht. Niemandem sind sie zu wünschen. Hiobsbotschaften können einem direkt den Boden unter den Füßen wegreißen.  Sie kommen unvorhergesehen und können einen ohne Vorwarnung treffen. Und dann ist da diese Frage nach dem „Warum?“ Eine Frage, die ohne Antwort bleibt. Warum diese Krankheit? Warum dieses Leid? Warum ich? Wo bleibst du,  Gott?

Hiobsbotschaft – dieser Ausdruck rührt her von dem Mann Hiob, einem Menschen aus den Weisheitsbüchern unserer Bibel. Hiob erlebt so ziemlich alles, was das Leben eines Menschen niederdrücken kann. Schlag auf Schlag trifft es ihn, als hätte es jemand auf ihn abgesehen. Erst rafft Feuer sein Vieh dahin. Dann verliert er Haus und Hof. Seine Söhne und Töchter sterben, und schließlich wird er noch selbst von einer schweren Hautkrankheit eingeholt, die ihn quält, vom Scheitel bis zur Sohle. Hiob, der so geschlagen ist, schert sich den Kopf und wirft sich in den Staub.  Mehr geht nicht. Er weiß nicht, womit er all das verdient hat. Niemand weiß das. Denn wenn es einen Menschen auf Gottes Erde gibt, dem man nichts, aber auch gar nichts zur Last legen könnte, dann dieser Hiob. Er achtet Gott. Er ist ehrlich und hat sich wirklich nichts zu Schulden kommen lassen. Drei Freunde kommen zu ihm. Sie kommen, um bei ihm Schiwa zu sitzen, so wie es in der jüdischen Kultur üblich ist:  sie kommen, um sieben Tage mit ihm am Boden zu kauern und zu trauern. Auch sie wollen es verstehen: Warum? Warum gerade du, Hiob? Und dann fallen viele kluge Worte.  Mutmaßungen, Vorwürfe an Hiob und etliche Ratschläge.  Denn in einem sind sich die Männer nun doch einig: das Schicksal des Hiob muss eine Strafe Gottes sein. Wofür auch immer. Irgendeinen Grund muss es geben. Und so fragen sie immer wieder nach, und bohren herum im Leid des Geschlagenen.

Bis Hiob endlich schreit- voller Entrüstung und voller Enttäuschung: „Erbarmt euch über mich! Warum verfolgt ihr mich? Eure Ratschläge sind Schläge für mich!“ Und er schleudert ihnen ein entschiedenes Nein entgegen: „Nein, meine Krankheit ist keine Strafe Gottes! Ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen. Krankheit und Unglück sind kein Fluch wegen einer Sünde oder einer Verfehlung. Hört auf mit diesem unseligen Herumstochern. Es gibt hier nicht Ursache und Wirkung.“

Das, was Hiob hier erlebt, ist nicht nur ein Zeichen seiner Zeit. Auch heute stellen Menschen immer wieder diese Frage, wenn sie mit einem Schicksalsschlag konfrontiert sind: „Womit habe ich das verdient? Was habe ich falsch gemacht? Wofür soll das nun eine Strafe sein?“ oder ihre Umgebung stellt genau diese Fragen und vermutet drauf los, offen oder heimlich. -  Aber es gibt keinen Zusammenhang zwischen dem Tun und dem Ergehen. Es kann einfach jeden treffen, und das zu jeder Zeit.  Hiob leidet nicht nur körperlich, er leidet auch seelisch – daran, dass man ihn selbst für sein Unglück verantwortlich machen will, und daran, dass sich so Viele von ihm zurückziehen. Die Familie. Viele Freunde. Seine Bediensteten.

Hiob leidet aber auch daran, dass er nichts von Gott merkt. Gott ist ihm fremd, ist ihm verborgen und dunkel. „Gottes Hand hat mich getroffen“, klagt er. Und vielleicht ist das das Schwierigste, was auszuhalten ist.

Es kann im Leben tatsächlich Zeiten geben, wo man von Gott nichts spürt. Wo er sehr weit weg zu sein scheint. Zeiten der Gottesferne. Wo das Gefühl da ist, er habe sein Angesicht verborgen. Da kann es schwerfallen, überhaupt noch zu glauben. Da kann es sein, dass einen die Zweifel übermannen wollen. Gerade dann brauchen wir Freundinnen und Freunde, die das Schwere mit aushalten können und die uns nicht alleine lassen. Menschen, die sogar stellvertretend für uns glauben, die an Gott festhalten, ohne uns Vorwürfe zu machen. Sie sind dann wie ein unsichtbares Netz, das uns auffängt. Wie eine Brücke über eine tiefe Schlucht. Sie helfen uns, nicht zu fallen. Einen Weg zu gehen.  

In einer Krise können Menschen zu Stellvertretern Gottes werden. Zu Teilhaberinnen seiner Sorge um einen Menschen, der leidet. Davon erzählt ein Ausspruch aus dem chassidischen Judentum, einer besonderen Frömmigkeitsrichtung innerhalb des jüdischen Glaubens.  In diesem Ausspruch heißt es: „Wenn einer in Not ist und sagt: ‚Es gibt keinen Gott, es gibt kein Recht, und die Menschen sind schlecht‘, dann antworte: ‚Vielleicht. Aber ich bin da!‘“

Denjenigen nicht allein lassen, der ein Ohr braucht, diejenige nicht zurücklassen, die in seelischer Not ist – wie wichtig ist das zu jeder Zeit. „Ach, hört mir doch einmal zu! Damit würdet ihr mich trösten!“ sagt Hiob zu seinen Freunden.

Aber das Gute ist und schließlich das Entscheidende: Hiobs Weg ist noch nicht zuende. Er kämpft und klagt und ringt mit Gott. Er lässt ihn einfach nicht los. Hiob weiß, dass Gott alles für ihn bedeutet. Er will und er kann ohne ihn einfach nicht sein. Und so hofft Hiob auf Gott gegen Gott, gegen den Augenschein, dass er nicht da ist. Mit dieser Hoffnung gibt Hiob dem großen Trotzdem des Glaubens ein Gesicht. Und dann geschieht der Umschwung. Er ringt sich durch zu einer neuen Erkenntnis. So, als würde ein Gedanke von außen auf ihn zukommen. „Und doch: Ich weiß, dass mein Erlöser lebt!“ das ist wie eine Inspiration.  Wie ein Geistesblitz. Seine Hoffnung hängt an diesem einzigen Satz. So wie sein Leben an einem Faden hängt. Nur weil er mit Gott gerungen hat, ist Hiob zu dieser Hoffnung hindurchgedrungen.

Und dieser Satz wird zum lösenden Wort. An dieses Bekenntnis bindet Hiob sich, er, der irgendwo zwischen Himmel und Hölle hängt. Dessen Gefühle Achterbahn fahren. „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt!“ Davon ist er nun felsenfest überzeugt. Und das proklamiert er für sich und für alle Generationen. Aus tiefer Klage wird Vertrauen. Aus Verzweiflung wird Zuversicht. Und aus dem Niedergedrückt sein wird Aufatmen. „Meine Augen werden Gott sehen, und nicht mehr als einen Fremden, sondern als einen Freund,“ dazu streckt Hiob sich nun aus. Und er erfährt einen neuen Segen in seinem Leben:  er wird gesund, ihm wird noch einmal Hab und Gut beschert, und er und seine Frau dürfen noch einmal Eltern von einer Kinderschar werden.

Ich lerne aus dieser Geschichte, dass auch unser Leben nicht immer von Hiobsbotschaften verschont bleibt. Und dass wir uns mit ihnen auseinandersetzen müssen. Ob wir wollen oder nicht. Wohin uns das „Abenteuer Leben“ führt, wissen wir nicht. Aber  - und das ist das Entscheidende! -  wir sind nicht gottverlassen. Niemals. Das ruft uns das Hiobbuch mit seiner positiven Hiobsbotschaft zu, mit dieser Zuversicht: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt!“  Für mich ist das wie ein heller Lichtstrahl der Hoffnung, gerade in unserer Zeit, die von so manchen düsteren Wolken verhangen ist. Gott ist da. Er wird uns Licht und Befreiung schenken, so wie an diesen letzten Tagen der Passionszeit schon das Licht der Auferweckung Jesu in unser Leben scheint und in unseren Tagen aufleuchtet. Mit dieser Aussicht kommen wir hindurch.

Und der Friede unseres Gottes, der höher ist als alles, was wir verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Lied: + 101 Du bist mein Zufluchtsort

Fürbitten
1.    Du lebst, Gott. Du bist das Licht unseres Lebens. Du wirst uns Licht und Befreiung schenken, so wie Du es zeichenhaft schon getan hast in der Auferweckung deines Sohnes. Lass uns mit dieser Gewissheit im Herzen durch unsere Tage gehen.
2.    Du Gott bist unser Zufluchtsort. Wir bitten dich für alle, die sich verlassen fühlen. Gib dich ihnen zu erkennen und tröste sie.
3.    Wir bitten dich für alle, die krank sind. Sei du ihnen nahe. Schenke ihnen Genesung und neue Kräfte.
4.    Du Gott bist unser Helfer. Wir bitten dich für alle, die Unrecht erfahren. Nimm dich ihrer Sache an. Gib ihnen Fürsprecher an die Seite, die Gerechtigkeit für sie einfordern.
5.    Für uns alle bitten wir. Nimm die Lasten von unseren Schultern, die wir nicht mehr tragen können. Stärke unsere Geduld in dieser Zeit und gib uns einen langen Atem.
6.    Für unsere Verstorbenen bitten wir, von denen wir Abschied genommen haben in dieser Woche: nimm sie auf in den Frieden deines Himmels. Schenke ihnen deine unendliche Geborgenheit und Liebe. Danke, Gott, dass du auch das Licht ihres Lebens bist und bleibst.
7.    Und alle unsere Bitten nehmen wir hinein in das Vaterunser, das Jesus Christus uns geschenkt hat:

Vaterunser
Segen
Der Herr segne dich und behüte dich
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden
Amen

Gottesdienst am 14.3.2021 mit Video von Pfarrer Rainer Böhm

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar.

Gottesdienst mit dem Thomas Messe Team: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“

Begrüßung
Votum

Eingangsmusik

Psalm 31 - Variation

Du stellst meine Füße auf weiten Raum
Du – manchmal frage ich mich, wer du überhaupt bist – Gott.
Du scheinst so ferne von mir zu sein
Und dann auch wieder ganz nahe bei mir
Es gibt Tage, da verstehe ich dich nicht, nehme nichts von dir wahr
Und doch ahne ich, dass du da bist. Mein Gegenüber.
Du bist da, mir ganz nah, auch wenn ich es nicht spüre.
Und jetzt stelle ich fest:
Meine Füße stellst du, Gott, auf weiten Raum
Meine Füße - wie lange tragen sie mich jetzt schon durchs Leben
Wieviel Wege bin ich schon gegangen?
Gute Wege, die mich näher zum Licht und zur Wärme brachten,
aber auch verkehrte Wege und ich stand nahe am Abgrund und schaute hinunter.
Doch du Gott warst da!
Mit mir am Abgrund!
Und du hast meine Hand gehalten
Sodass ich nicht abstürzen konnte
Du hast mich behütet und bewahrt
In guten wie in schlechten Zeiten
Und jetzt erkenne ich:
Auf weiten Raum stellst du Gott meine Füße
Weiter Raum, nicht mehr beengt sein
Freiheit und Weite spüren.
Grenzenlose Freiheit und doch umfangen von dir,
geborgen, in deinen starken Armen.
Und genau das wünschen ich mir
Deine Nähe und Liebe, jeden Tag neu
Deine Begleitung, damit ich nicht allein bin, wohin ich auch gehe
Und die Freiheit, den weiten Raum, den nur du schenken kannst
Ja, du Gott stellst meine Füße auf weiten Raum,
damit ich sicher wohne

Gebet

DU
große Weite und Licht des Lebens

DU löst mich aus meiner Enge
DU erhellst mein Dunkel
DU schaffst mir weiten Raum
DU bewegst mich zur Freiheit

Leib und Seele dürfen sich öffnen
immer wieder neu und lebendig
weit ausschreiten und das Mögliche entdecken

DICH fragen
DICH hören
DIR danken
Gott
DU
weites und großes Herz

Impulse: Unsere Erfahrungen des ‚weiten Raums‘    

Du stellst meine Füße auf weiten Raum:
In den letzten Wochen habe ich erlebt, wie bereichernd es ist, für andere etwas zu tun. Zwei gute Bekannte sind coronabedingt im Homeoffice. Da bleibt die Versorgung mit einer warmen Mahlzeit manchmal auf der Strecke. Als ich sie fragte, ob ich sie so einmal in der Woche zum Mittagessen einladen dürfte, waren sie hellauf begeistert. Mir haben schon die Überlegungen im Vorfeld viel Freude gemacht.  Überlegen was ich kochen will, Rezepte raussuchen, was schmeckt den anderen?  Die Vorbereitungen und das Kochen haben mir bisher unbekannte Erfahrungen und Erfolgserlebnisse geschenkt. Sozusagen meine Füße in einen weiten bisher ungenutzten Raum gestellt. Und bei einer gemeinsamen Mahlzeit macht das Essen doppelt Freude.
….

Lied: 638, 1+2    Ich lobe meinen Gott, der aus der Tiefe mich holt, damit ich lebe …    

Am Meeresstrand – Kurze Phantasiereise
Nun begib dich in deiner Phantasie an einen wundervollen weißen Sandstrand — Du läufst am Wasser entlang, nimmst den Strand wahr, den Himmel, die Wolken und die Weite und beobachtest die Wellen des Meeres — Das leichte hin und her — Du kannst den feinen warmen Sand unter deinen Füßen spüren. — Die Sonne scheint angenehm warm und wärmt dich. Die sanften Wellen des ruhigen Meeres bewegen sich ganz leicht hin und her  — höre dem Rauschen des Meeres zu — genieße die warme Sonne auf deiner Haut  — genieße die wohltuende Umgebung des Meeres — lausche deinem eigenem Atem — ein und aus — ein und aus —  Stelle dir beim Einatmen die Tiefe des Meeres vor und beim Ausatmen die Weite des Horizonts--du spürst wie die Wärme der Sonne von den Armen — zum Brustbereich — in den Bauch — in dein Gesäß — in deine Beine — bis in deine Füße fließt — du spürst eine angenehme Schwere — die deinen ganzen Körper erfasst — Beobachte deinen Atem —  — ein und aus — spüre wie das Heben und Senken deines Brustkorbs dir gut tut — Du kannst deinen Atem im ganzen Körper spüren — heben und senken — angenehme Schwere, angenehme Wärme — ein und aus — lausche wieder dem Rauschen des Meeres und fühle wie eine erfrischende Brise deine Stirn berührt — sie kühlt deine Stirn — du bist völlig klar, erfrischt und entspannt — angenehme Schwere und Wärme erfüllt dich  — atme die saubere Seeluft ein — nimm die Meeresatmosphäre in dich auf — spüre wie die Sonne deinen Körper wärmt — du fühlst dich vollkommen aufgenommen und geborgen.
Das Gefühl der Geborgenheit wird dich nun auf deiner Heimreise begleiten — fühle die Wärme der Sonne, die dich erfüllt — Fühle dieses Gefühl der Freude — Fühle die angenehme Schwere deiner Glieder — die Entspannung und die wohlige Wärme — nun kehre in Gedanken zurück aus deinem Bild — verabschiede dich —

Ansprache

Du stellst unsere Füße auf weiten Raum .. Ps 31,9

Dieser Vers hat uns in den letzten Wochen begleitet, wenn wir über unsere Erfahrungen mit dem Lockdown gesprochen haben. Wir konnten uns nur online treffen – und waren froh darüber, dass das wenigstens ging. Es war sogar schon ein Stück Freiraum geworden, weil sich alle daran beteiligen konnten. Handlungsspielraum – ein schönes Wort finde ich.

Es gibt unser Leben nicht ohne die Furcht um sich selbst. Ganz besonders in diesen Zeiten. Und Angst hat mit Enge zu tun. Die Blutgefäße verengen sich. Die Muskelspannung nimmt zu. Alles verkrampft sich. Angst kann Menschen die Lebensimpulse nehmen, die Lebendigkeit. Sie kann blind machen und die Handlungsspielräume ganz klein werden lassen. „Angst essen Seele auf“, heißt ein bekannter Film.

Aber:  Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit…. Durch Christus Jesus, der dem Tode die Macht genommen hat und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium. 2. Tim 1, 7+10
Wenn der Timotheusbrief gegen die Angst anschreibt, dann geht es darum, ihr die Grenzen zu zeigen.  Sie nicht überhand nehmen zu lassen. Denn das ist die Gefahr bei der Angst: Dass sie wie ein Gefängnis wird, in das wir uns nur noch einschließen.

„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit“, heißt es dort weiter. Dieser „Mutmach-Geist“ ist schlicht und einfach da.
Und er gibt mir Kraft: Im Griechischen steht da dynamis, das hat mit Bewegung und Dynamik zu tun. Wo alles erstarrt und gebannt ist vor Angst, da kommt Bewegung und Schwung rein. Da sind wieder Schritte möglich, da tun sich neue Wege auf.
Er gibt mir Liebe: Da klingt Gemeinschaft, Verbundenheit, Beziehung an. Ich muss mich nicht zurückziehen, ich soll mich nicht heraus nehmen, sondern ich kann auf andere zugehen, meine Ängste mitteilen, trösten und getröstet werden.
Er gibt mir Besonnenheit: Ich habe die Fähigkeit, angemessen zu beurteilen, klar zu denken und abzuwägen. Ich kann Regeln beachten und Handlungsspielraum verantwortlich nutzen.
Kraft und Liebe und Besonnenheit, all das wird mir zugetraut, ich bin kompetent im Umgang mit der Angst!
Glauben bedeutet also nicht, keine Angst mehr haben, das wäre naiv. Der Glaube kann die Angst verändern. Der Glaube arbeitet an der Angst. Der Glaube schiebt der Angst einen Riegel vor: bis hierher und keinen Schritt weiter!

Die jüdische Schriftstellerin Rose Ausländer, die in der Nazizeit Angst und Schrecken erlebt hat, beginnt ein Gedicht mit den Worten: „Wirf deine Angst in die Luft“. Da trotzt eine der Furcht mit spielerischer Leichtigkeit. „Wirf deine Angst in die Luft“ – als könnte man damit spielen, als wäre das Fenster weit geöffnet. So wie Timotheus beim „Geist der Furcht“: Ihr seid darin doch gar nicht gefangen, ihr seid euren Ängsten doch gar nicht ausgeliefert! Ihr seid frei, ihr habt Gottes Geist und Kraft. – Das lässt mich wieder freier atmen, das macht, dass ich einen ersten Schritt heraustreten kann. Es geht weiter! Wirf deine Angst in die Luft! Es gibt keinen Grund zu verzagen! Fürchte dich nicht! Gott stellt unsere Füße auf weiten Raum.

Lied: 395. 1+3    Vertraut den neuen Wegen

Fürbitte
In unser Gebet nehmen wir die Gemeindemitglieder auf, von denen wir uns in der vergangenen Woche verabschieden mussten.
Wir bitten für Alleinstehende, denen die persönlichen Kontakte so sehr fehlen. Die Einsamkeit höhlt sie von innen aus. Bitte schenke ihnen kleine Hoffnungszeichen der Zuwendung, damit sie spüren, dass sie nicht alleine sind.

Wir bitten für die Menschen in den Alten- und Pflegeheimen. Wenn sie nun geimpft sind, mögen sie wieder ein Stück Normalität zurückgewinnen, gemeinsam essen, Besucher empfangen können. Gib uns allen einen Sinn dafür, bei aller weiterhin notwendigen Vorsicht vor dem Corona-Virus die Menschlichkeit nicht zu vergessen und an die Nächstenliebe zum Maßstab unseres Handelns zu machen.

Wir bitten dich aber auch für die Familien, du weißt, wo die Wohnungen eng werden und die Kraft und die Geduld fehlen. Wir bitten dich um Liebe in den Familien, gerade in Zeiten von Homeschooling, Homeoffice und Kurzarbeit. Du weißt um all die finanziellen Engpässe, die Nöte und Sorgen. Schenke uns da immer wieder auch den wachen Blick, wo wir helfen und einander beistehen können. Stelle du selbst unsere Füße auf weiten Raum und schenke und neue, belebende Gedanken

Wir bitten für uns - dass wir die Gelassenheit finden, noch einige Zeit mit notwendigen Einschränkungen unseres Lebens zurechtzukommen, aber auch, dass wir Spielräume erkennen, wo sie vorhanden sind und diese nutzen.

Wir haben mit Anteilnahme den Besuch des Papstes im Irak verfolgt. Es war ein starkes Zeichen für die Verständigung zwischen den Religionen. Gib den Menschen die Kraft, dieses Zeichen weiterzutragen und es mit Leben zu füllen, und hilf den verbliebenen Christen im Irak, gemeinsam mit den dort lebenden Muslimen eine Perspektive für ihr Leben und ihren Glauben zu finden.

Vater Unser
Lied: 432, 1+3        Gott gab uns Atem
 

Abkündigungen
Am Samstag, dem 20.3. laden wir Sie zur Passionsandacht in der Wilhelmskirche und als Livestream auf Youtube ein.
Die nächste Thomas Messe feiern wir am 27.6.2021

Die Kollekte des heutigen Sonntags erbitten wir für unsere allgemeine Gemeindearbeit.

Unter Gemeindearbeit sind alle Aktivitäten zusammengefasst, die nicht mit der Kirchenmusik, der Jugendarbeit oder unseren diakonischen Aufgaben zusammenhängen.
Darunter fällt der Betrieb unseres Gemeindebusses, aber auch die Stelle im Freiwilligen Sozialen Jahr. Dieses konnten wir nun schon seit einiger Zeit leider nicht mehr besetzen, weil wir es uns einfach nicht leisten können.
Auch die Öffentlichkeitsarbeit mit dem Gemeindebrief, Kirchenführern und Monatsplänen erfordert Geld für das Drucken – erstellt wird das alles kostenlos von engagierten Ehrenamtlichen.
Wir möchten auch weiterhin gerne Freizeiten anbieten, die nicht immer durch Teilnehmerbeiträge finanziert werden können. Und wir möchten nicht zuletzt auch bei Taufen und Trauungen zum Beispiel Bibeln verschenken.
In unserem Gemeindegarten und bei den Malworkshops wird Material benötigt, und bei Gemeindeversammlungen und den Begrüßungstreffen von Zugezogenen brauchen wir auch mal etwas Kaffee und Kuchen.
Gelegentlich muss auch mal etwas repariert werden, und für alles das reicht die Kirchensteuer leider nicht aus. Insgesamt fehlen uns jedes Jahr etwa 9.000 Euro in diesem Bereich.

Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie heute kräftig dazu beitragen könnten, unsere Gemeindearbeit zu unterstützen.
Sie können die Kollekte gerne als Barspende im Gemeindebüro abgeben oder auch überweisen. Die Kontodaten finden Sie auf unserer Homepage.
Mitgebsel: Füße

Segen                                
Musik  
    

Passionsandacht am 13.03.21 mit Video von Vikar Ingmar Bartsch

Diese Passionsandacht ist auch als Video verfügbar.

Musik
Wir feiern diese Passionsandacht im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Gebet
Allmächtiger und barmherziger Vater, Dein Sohn Jesus Christus hat als wahrer Mensch gelebt und den Tod am Kreuz erlitten. Seine Liebe und Hingabe haben uns Heil gebracht. Tröste und bewahre uns in aller Not durch ihn, Christus, unseren Herrn. Amen.

Lesung aus 1. Korinther 1, 18-25
18 Denn das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist es Gottes Kraft. 19 Denn es steht geschrieben (Jesaja 29,14): »Ich will zunichtemachen die Weisheit der Weisen, und den Verstand der Verständigen will ich verwerfen.« 20 Wo sind die Klugen? Wo sind die Schriftgelehrten? Wo sind die Weisen dieser Welt? Hat nicht Gott die Weisheit der Welt zur Torheit gemacht? 21 Denn weil die Welt durch ihre Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, gefiel es Gott wohl, durch die Torheit der Predigt selig zu machen, die da glauben. 22 Denn die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit, 23 wir aber predigen Christus, den Gekreuzigten, den Juden ein Ärgernis und den Heiden eine Torheit; 24 denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit. 25 Denn die göttliche Torheit ist weiser, als die Menschen sind, und die göttliche Schwachheit ist stärker, als die Menschen sind.

Lied „Auf das Kreuz will ich vertrauen“
Das Lied können Sie auf der Seite des Gottesdienstinstituts nachhören.

Ansprache
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.
Das Kreuz. Es ist das Symbol der Passionszeit. Ja, es ist das Symbol der Christen überhaupt. Aber es ist kein eindeutiges Symbol. Es gehört in jede Kirche. Es hängt bei vielen Menschen zu Hause. Es ist Modeschmuck der Lebenden und auf den Gräbern der Toten. Deshalb verknüpfen viele Menschen das Kreuz mit dem Tod. Am Ende des Lebens steht das Kreuz. Und das ist ja auch richtig: Das Kreuz erinnert an die dunkelsten Stunden im Leben Jesu und im Leben derer, die ihre Hoffnung auf ihn gesetzt hatten. Im Kreuz verdichtet sich Erfahrung von menschlicher Grausamkeit und Schuldverstrickung, von Leid und Tod.
Und gerade das ist eines der prägendsten Symbole der Christenheit! Ist das nicht seltsam? Geradezu dumm? Oder um es mit Paulus zu sagen: Eine Torheit?

Ganz anders dichtet und singt es John Bowring. In seinem Lied „In the cross of Christ I glory!“ ist das Kreuz ein Zeichen des Lebens. Des Triumphes. Lassen wir wir die Worte der ersten beiden Strophen noch einmal in der deutschen Übersetzung von Christina Falkenroths auf uns wirken:
1. Auf das Kreuz will ich vertrauen, / es strahlt hell durch alle Zeit. /
Jesus Christus will ich schauen, / sein Licht bleibt in Ewigkeit.
2. Wenn mich Leid und Kummer plagen, / Angst mir fast den Atem raubt, /
immer wird das Kreuz mich tragen. / Frieden findet, wer ihm glaubt.

Ein Lied der Freude mitten in der Passionszeit. Es wartet nicht auf Ostern und die Botschaft von der Auferstehung, sondern bringt das Kreuz selbst zum Leuchten. Ausgerechnet das, was uns an das Schmerzlichste erinnert: An die dunklen Schatten, die Leid und Tod auf das Leben werfen; ausgerechnet dieses Kreuz wird in diesem Lied besungen als Quelle des Lichts und des Vertrauens in das, was uns wirklich trägt. Wie ist das möglich? Was lässt mich die strahlende Seite des Kreuzes sehen, ausgerechnet dann, wenn ich von Leid und Tod umgeben bin? Wie kann ich dieses Lied auch innerlich mitsingen? Drei wichtige Glaubenserfahrungen werden in diesem Lied lebendig:

(1) In einer schweren Situation tut es gut, nicht allein zu sein. Es tut gut, wenn jemand mit ganzer Empathie und Solidarität an meiner Seite ist. Nicht als jemand, der „über den Dingen“ steht. Sondern jemand, der mitfühlt, mitleidet, mitweint. Für mich ist das Kreuz ein Symbol dafür, dass Gott genau das tut. Dass Gott einfach da ist. Dass er in Jesus Christus selbst durch alles Menschliche gegangen ist. Das Kreuz ist das Zeichen, dass Gott mit mir durch all das hindurchgeht, was ich als „Kreuz“ erfahre.

(2) Manchmal werden wir ausgerechnet in Situationen, die wir als zerbrochen und dunkel erleben, besonders durchlässig für das Licht und die Kraft Gottes. Oft wird das erst im Nachhinein sichtbar. Der kanadische Schriftsteller und Musiker Leonard Cohen hat das so auf den Punkt gebracht: „There is a crack in everything, that's how the light gets in“. Man könnte das ungefähr so übersetzen: „In allem ist ein Riss – auf diese Weise kommt das Licht herein“. Das Kreuz steht für mich genau für diesen Riss: Die Erfahrung von Schuld, von Zerbrochensein, von Endlichkeit – und durch diesen Riss dringt das Licht der Liebe Gottes. Es heilt und vergibt und überwindet alle Macht des Todes. Ein für allemal. Das Kreuz strahlt hell, weil Gott durch das Kreuz hindurch sein Heilswerk vollendet. Ohne Kreuz keine Auferstehung und ohne Auferstehung keine Hoffnung.

(3) Christus lebt. Sein Tod am Kreuz war nicht das letzte Wort. Mit dem Licht des Ostermorgens ist er ist mitten unter uns. Es ist die Erfahrung, dass er uns täglich begegnet. Zum Beispiel in Menschen, die uns manchmal fremd oder gleichgültig sind, die er aber seine Geschwister nennt. Es ist die Erfahrung, dass er mich immer wieder sucht, auch wenn ich mich von ihm entfernt habe. Christus lebt, und ich in ihm. Dafür steht das Kreuz. Und deshalb kann ich auf das Kreuz vertrauen.

Wir können in der Passionszeit singen vom Kreuz, das strahlt und uns trägt. Vielleicht bleibt dabei etwas Irritierendes, gerade in der heutigen Zeit. Vielleicht war es das, was Paulus meinte, als er an die Korinther schrieb: „Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren werden; uns aber, die wir selig werden, ist es Gottes Kraft“ (1.Korinther 1,18). So ist auch unser Leben: Nicht geradlinig. Leid und Freude sind beieinander. Scheitern und Erfolg sind immer möglich. Das Leben ist nicht nur Passion oder Ostern. In der Passionszeit bedenken wir Jesu Weg nach Golgatha. Und doch sind wir schon über Golgatha hinaus. Jesus lebt. Und davon geben auch die Lieder dieser Passionsandacht Zeugnis. Wir singen gleich „Herr, stärke mich, Dein Leiden zu bedenken.“ Und wir haben vor dieser Predigt gehört:

1. Auf das Kreuz will ich vertrauen, / es strahlt hell durch alle Zeit. /
Jesus Christus will ich schauen, / sein Licht bleibt in Ewigkeit.

Lied EG 91, 1-2 und 9

Fürbitten und Vaterunser
Gott, unser Schöpfer,
Du hast dich als Mensch unter Menschen begeben, um uns gleich zu sein und uns nahe zu kommen. Du willst uns auch durch schwere Zeiten hindurch begleiten. Dafür danken wir dir.
Wir bitten dich:vHilf uns, dir zu vertrauen. Oft fühlen wir uns fern von dir, wir zweifeln an dir. Oft wollen wir erst dann glauben, wenn wir verstehen. Doch du bist größer als unsere Vernunft. Hilf uns, dich mit Kopf und Herz zu erkennen und uns im Leben auf dich zu verlassen.

Sei bei denen, die leiden:
Bei Menschen, denen durch andere Gewalt angetan wird.
Bei Menschen, die unter der Verachtung leiden, die ihnen andere entgegenbringen.
Bei Menschen, deren Vertrauen enttäuscht worden ist, und die nun nicht mehr wagen, sich anderen zu öffnen.
Bei Menschen, die krank sind und von anderen allein gelassen werden.

Vergib denen, die schuldig werden an anderen. Schenke ihnen Kraft, wieder auf andere Menschen zuzugehen und neue, tragende Bindungen aufzubauen. Gott der Liebe, wir bitten dich: hilf uns, dir zu leben und dir zu singen. Schenke uns die Fähigkeit zu staunen über das Leben, das du uns gegeben hast.

Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Segen
Der Herr segne Dich und behüte Dich,
der Herr lasse leuchten sein Angesicht über Dir und sei Dir gnädig,
der Herr erhebe sein Angesicht auf Dich und gebe Dir Frieden.
Amen

Musik

Die Passionsandacht basiert auf Texten und Ideen des Gottesdienstinstituts.

 

Gottesdienst am 07.03.2021 mit Video von Vikar Ingmar Bartsch

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar.

Klavierstück

Begrüßung
Herzlich Willkommen am Sonntag Oculi hier in der Wilhelmskirche. Ich wünsche Ihnen einen wunderschönen guten Morgen. Oder einen guten Tag. Je nachdem, wann Sie diesen Gottesdienst anschauen. „Meine Augen sehen stets auf den Herrn.“ ist der heutige Leitvers. Dieser Sonntag hat seinen Namen „Oculi“ von der lateinischen Übersetzung des Leitverses: „Oclui nostri ad dominum deum.“ Vielleicht kennen Sie diesen Vers aus einem Taizélied, das wir heute auch singen werden. Thematischer Schwerpunkt des Gottesdienstes göttliche Licht. Es freut uns, dass Sie sich von zu Hause aus zugeschaltet haben und wir diesen Gottesdienst gemeinsam feiern.
Heute gibt es wieder zwei Lieder zum Mitsingen. Damit Sie diese in Ihrem Gesangbuch besser finden können, sagen wir sie jetzt schon einmal an. Wenn Sie kein Gesangbuch zu Hause haben, können Sie sie auch über eine Suchmaschine finden. Das Lied vor der Predigt ist die Nummer 96. Das Passionslied „Du schöner Lebensbaum des Paradieses“ ist das Wochenlied. Die Nummer 96 im Gesangbuch. Das Lied nach der Predigt ist die Nummer 789.5 „Oculi nostri“. Als Taizélied hat es nur wenig Text, der meditativ mehrfach wiederholt wird. „Oculi nostri“ im Gesangbuch unter der Nummer 789.5
Und so feiern wir diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Psalm und Gebet
Wir beten mit Worten aus Psalm 25: Mein Gott, ich hoffe auf dich; lass mich nicht zuschanden werden, dass meine Feinde nicht frohlocken über mich. 3 Denn keiner wird zuschanden, der auf dich harret. HERR, zeige mir deine Wege und lehre mich deine Steige! 5 Leite mich in deiner Wahrheit und lehre mich! Denn du bist der Gott, der mir hilft; täglich harre ich auf dich. 15 Meine Augen sehen stets auf den HERRN; denn er wird meinen Fuß aus dem Netze ziehen. 16 Wende dich zu mir und sei mir gnädig; denn ich bin einsam und elend. 17 Die Angst meines Herzens ist groß; führe mich aus meinen Nöten! 18 Sieh an meinen Jammer und mein Elend und vergib mir alle meine Sünden! 20 Bewahre meine Seele und errette mich; lass mich nicht zuschanden werden, denn ich traue auf dich!

Gott, Du Quelle des Lichts, manchmal tust Du uns die Augen auf, lässt uns hindurchsehen durch alles Ungeklärte, so dass wir zu glauben wagen, aller Unsicherheit zum Trotz. Lass uns das Licht wahrnehmen, das uns leuchtet in Christus und alle Nacht vertreibt. Christus ist unser Licht in Ewigkeit. Amen.

Lesung Eph 5,1-2; 8-9
Die Lesung für den heutigen Sonntag ist zugleich der Predigttext: 1 So ahmt nun Gott nach als geliebte Kinder 2 und wandelt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch. 8 Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Wandelt als Kinder des Lichts; 9 die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit. Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg. Amen.

Lied: EG 96, 1-3

Predigt
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.
Liebe Gemeinde,
wann haben Sie das letzte Mal einen Sonnenaufgang beobachtet? Zurzeit stehen die Chancen ja recht gut. Aus dem Fenster meines Arbeitszimmers sehe ich manchmal wunderschöne Sonnenaufgänge. Es fasziniert mich, wenn sich das warme Rot über den Dächern ausbreitet. Das Licht bahnt sich einen Weg in den Tag. Nach wenigen Minuten taucht die Sonne auf und ihre unbändige Kraft wird spürbar. Das Rot wird heller, ich genieße die ersten Sonnenstrahlen des Tages auf meinem Gesicht. Das Licht flutet alles. Unaufhaltsam, angenehm, faszinierend. Es ist der Zauber des neu erwachenden Tages. Vielleicht erinnern Sie sich an besondere Sonnenaufgänge. In der Osternacht. Am Meer. In den Bergen. Auf der Autobahn oder im Zug auf dem Weg zur Arbeit. Zu Hause beim Frühstück.

Um das Licht geht es im zweiten Teil des heutigen Predigttextes. Der erste Teil beschäftigt sich mit der Nachahmung. Darüber habe ich im Gottesdienst zum neuen Jahr gesprochen, als es um die Jahreslosung ging. Vielleicht erinnern Sie sich. Und wenn nicht, können Sie den Gottesdienst noch in unserem Youtubekanal nachhören. Ein positiver Aspekt der Onlinegottesdienste. So können wir uns ganz dem Lichtmotiv in den Versen acht und neun widmen. Ich lese noch einmal die beiden Verse aus dem Epheserbrief im fünften Kapitel: 8 Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Wandelt als Kinder des Lichts; 9 die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.
Was für eine grandiose Zusage: Ihr seid Licht in dem Herrn. Die neue Genfer Bibel übersetzt: „Jetzt gehört ihr zum Licht, weil ihr mit dem Herrn verbunden seid.“ Du gehörst zum Licht. Weil Du zu Gott gehörst, weil Du zu Jesus gehörst. Vorher waren wir in der Finsternis, aber nun sind wir Licht in Gott. Christ zu sein, bedeutet also auch Transformation. Gott verändert uns durch seine liebevolle Kraft. So wie die Sonne des anbrechenden Tages die Finsternis durchdringt, langsam und sanft, kraftvoll und unaufhaltsam, lebendig. So durchdringt Gottes Kraft unser Leben. Als Nachfolger Christi ist Licht sein also unser Normalzustand.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber wenn ich auf mein Leben sehe, dann bin ich nicht immer Licht. Bei mir gibt es einige Schattenseiten, über die ich mich total ärgere. Oder noch schlimmer: Ich habe Schattenseiten, über die sich andere immer wieder aufs Neue ärgern. Und nicht selten zu Recht. Wie passt das zu meinem Normalzustand? Wie passt das zu der Aussage, dass ich Licht BIN in Gott?

Dazu zwei Gedanken. Erstens: Licht kann wärmend ins Zimmer scheinen. Es kann Sicherheit geben. Menschen fühlen sich am Tag oft sicherer, als in der Nacht. Aber Licht kann auch unangenehm sein. Blenden. Dreckige Ecken in den Fokus rücken. Will ich überhaupt alle Ecken meines Lebens von Gottes Licht ausgeleuchtet haben? Vielleicht gibt es ja dunkle Ecken, in denen ich mich häuslich eingerichtet habe. Das zuzugeben, kann schmerzhaft sein. Und doch ahne ich tief in meinem Innern, dass auch in diesen Ecken Licht gut tun würde. Wenn es nur am Anfang nicht so schonungslos wäre. Auf der anderen Seite bin ich mir sicher: Gott verurteilt mich nicht deswegen. Er drängt mich nicht. Er schenkt sein Licht freigiebig. Er macht das Angebot, mit uns zusammen Licht in dunkle Ecken unseres Lebens zu bringen.

Zweitens: Licht sein ist eine individuelle Entwicklung. Bei uns in Mitteleuropa braucht der Sonnenaufgang etwas Zeit. Das macht auch seinen Zauber aus. Und so breitet sich das Licht auch in unserem Leben nach und nach aus. Wie eben angedeutet, hängt das auch damit zusammen, wie sehr wir es einlassen. Licht zu sein, ist also eine persönliche, individuelle Entwicklung. Das Licht kommt zu uns und wir können ihm Raum geben. Und das passt zur Fastenzeit. Ich finde sie eine großartige Gelegenheit, Gott in unserem Leben zu entdecken. In der Fastenzeit können wir seinem Licht in uns Raum geben. In der Fastenzeit können wir innehalten und uns fragen: Was ist mir wichtig? Woran hängt mein Herz? Wir können uns auf Gott fokussieren. Durch Gebet, durch Meditation. Durch intensive Beschäftigung mit einem Bibeltext. Durch Verzicht. Durch Schweigen. So öffnen wir uns für das Licht Gottes. Aber nicht als Spitzenleistung. Wir müssen Gott nicht beweisen, dass wir toll sind. Er weiß, dass wir Schattenseiten haben und dass wir mit seinem Licht auch ab und zu herausgefordert sind. Gerade deshalb gilt uns seine Zusage: Ihr SEID Licht in Gott.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alles menschliche Begreifen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Informationen zum interaktiven Gebet

Dem Licht Gottes in unserem Leben Raum geben durch Mediation, Musik und Gebet. Das möchte ich jetzt mit Ihnen praktisch ausprobieren. Wenn Sie diesen Gottesdienst auf der Internetseite der Gemeinde in Textform feiern, dann können sie ebenfalls Gebetsanliegen formulieren. Unter menti.com/eygmy24yrw finden Sie eine Seite mit einem Fenster, in das Sie Ihr Gebetsanliegen anonym eintragen können. Ihre Anliegen nehmen wir am Donnerstag mit in die Dankeskirche. Dort kommen sie an eine Gebetswand, wir werden dafür beten und eine Kerze anzünden. Die bis Mittwochabend verschickten Anliegen gehen also nicht verloren. Sollte etwas technisch nicht klappten, schicken Sie uns gerne Anliegen per Mail oder werfen Sie sie in den Briefkasten am Gemeindebüro.

Lied: EG 789.5

Fürbitten und Vaterunser
Herr, großer Gott, wir danken Dir für das Licht, mit dem Du unser Leben durchströmst. Lass uns entdecken, wie Du in unserem Leben wirkst und lass uns Kinder des Lichts sein in dieser Welt.
Barmherziger Gott, wir mussten auch in dieser Woche Abschied nehmen von lieben Menschen. Du kennst ihre Namen. Nimm sie gnädig auf in Dein Reich. Richte ihre Familien und Freunde in ihrer Trauer auf, lass sie Trost finden und stelle ihnen Menschen an die Seite, sie bei ihnen sind in dieser schweren Zeit.

Wir beten weiter mit den Worten des Vaterunsers.
Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Abkündigungen
Wegen der Coronasituation in der Wetterau verzichten wir bis auf weiteres auf Präsenzveranstaltungen. Sie finden ein vielseitiges, digitales Angebot mit Andachten und dem Programm der Kinderkirche auf unserer Internetseite www.evangelisch-in-bad-nauheim.de. Am Samstag, dem 13.3. laden wir Sie zur Passionsandacht ebenfalls als Livestream auf Youtube ein.

Die Kollekte ist - wie in allen Gottesdiensten in der EKHN am heutigen Sonntag – jeweils zur Hälfte bestimmt für die Aktion „Hoffnung für Osteuropa“ und für die Initiative Polen-Deutschland-Zeichen der Hoffnung. Die Aktion "Hoffnung für Osteuropa" hilft und bringt Menschen zusammen. So wird Jugendlichen aus der Region um Tschernobyl jährlich ein Aufenthalt in Deutschland ermöglicht. Der Verein "Kinderhilfe Gomel e.V." setzt sich sowohl für die Aufenthalte hierzulande ein als auch für die Unterstützung der Familien vor Ort. Die heutige Kollekte trägt hierzu bei. „Zeichen der Hoffnung“ bittet um eine Kollekte für das Projekt „ZEITZEUGENGESPRÄCHE ALS BEITRAG ZUR VERSÖHNUNG“. Überlebende polnische KZ-Opfer berichten in Schulen und Jugendeinrichtungen. Wegen der großen Nachfrage in unserem Kirchengebiet möchte „Zeichen der Hoffnung“ mit den letzten überlebenden Zeitzeugen solche Gesprächserfahrungen insbesondere für junge Menschen ermöglichen.

Wir würden unssehr freuen, wenn Sie heute kräftig dazu beitragen könnten, diese beiden Projekte zu unterstützen. Sie können Ihre Spende in bar gerne im Gemeindebüro abgeben. Auf unserer Homepage finden Sie im Abschnitt Spenden auch einen Link, über den Sie den heutigen Kollektenzweck auf sichere Weise direkt bargeldlos unterstützen können. Herzlichen Dank für Ihre Unterstützung.

Segen
Gehen Sie unter dem Segen Gottes in die neue Woche:
Der Herr segne Dich und behüte Dich.
Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über Dir und sei Dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf Dich und schenke Dir Frieden.

Klavierstück

 

 

 

 

Gottesdienst am 28.02.2021 mit Video von Pfarrerin Meike Naumann

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar.

Musik zum Eingang

Begrüßung mit Votum
Herzlich willkommen, schön, dass Sie sich auch an diesem Sonntag wieder zugeschaltet haben, so dass wir gemeinsam Gottesdienst feiern können. Heute ist der 2. Sonntag in der Passionszeit. Reminiscere – so heißt dieser Sonntag. Da ist viel um uns herum, was uns traurig macht. Die Corona-Pandemie führt uns täglich an unsere Grenzen. Mal fühlen wir uns mehr, mal weniger belastet. An manchen Tagen sind wir angespannt und empfindlich und es rutscht uns ein schroffes Wort heraus, das uns anschließend leidtut. Alle hoffen wir darauf, dass mit dem Frühling und den Impfungen bald alles besser wird. Dass wir herauskommen aus der Einsamkeit und wieder einen normalen Alltag führen können. Inmitten dieser Erfahrungen von Leid und Schuld erinnert uns dieser Sonntag an die Liebe unseres Gottes, der uns nicht verloren gibt, der uns mit seiner Liebe stärken möchte.

Und so feiern wir unseren Gottesdienst im Namen Gottes, der Quelle des Lebens, menschgewordener Liebe und Grund unserer Hoffnung. Amen.

Wir werden in diesem Gottesdienst aus dem Gesangbuch die Lieder EG Nr 382 „Ich steh vor dir mit leeren Händen“  und  EG 98 „Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt“ singen. Sie können gern jetzt schon Ihr Bändchens ins Gesangbuch legen.

Gebet

Gott, du bist unser Vater und unsere Mutter,
du siehst, wie wir immer wieder Fehler machen und trotz allen Bemühungen scheitern.
Und dennoch wirst du nicht ungeduldig oder zornig mit uns,
sondern überwindest unser Versagen mit deiner Liebe.
Wir danken dir für deine Geduld,
die du uns entgegenbringst,
und für deine Langmut,
die wir oft kaum begreifen können.
Wir bitten dich:
Gib uns mehr Geduld mit uns selbst
und mehr Geduld mit anderen.
Lass uns anderen vergeben,
wie du uns vergeben hast.
Amen.

Schriftlesung Röm 5,1-6
51Da wir nun gerecht geworden sind durch den Glauben, haben wir
Frieden mit Gott durch unsern Herrn Jesus Christus. 2Durch ihn haben wir auch
den Zugang im Glauben zu dieser Gnade, in der wir stehen, und rühmen uns der
Hoffnung auf die Herrlichkeit, die Gott geben wird. 3Nicht allein aber das, sondern
wir rühmen uns auch der Bedrängnisse, weil wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, 4Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, 5Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.

Glaubensbekenntnis

Lied: EG 382

Predigt

Liebe Gemeinde,
ein „Herzberuhigungsgebet“ kennen Sie so etwas? Gebete, die sich in unserem Gedächtnis fest eingegraben haben und die uns dann, wenn wir es gar nicht vermuten, in den Sinn kommen. Gebete, von denen wir in guten Zeiten gar nicht mehr wissen, dass wir sie überhaupt auswendig können. Aber dann, wenn es drauf ankommt, dann sind sie plötzlich ganz präsent. Woher wir diese Gebete kennen? Vielleicht haben unsere Eltern oder Großeltern sie in unserer Kindheit mit uns regelmäßig gebetet. Vielleicht hing ein solcher Vers als Schmuckblatt über der Eckbank in der Küche. Vielleicht haben wir dieses Lied in der Schule im Religionsunterricht gesungen oder im Konfirmandenunterricht Auswendiglernen müssen.

Solche oft uralten Texte sind ganz nah an unseren Gefühlen, an unserer Angst und auch an unserer Freude. Und sie haben oft eine tröstende und beruhigende Wirkung. „Herzberuhigungsgebete“ eben!

Ein solches „Herzberuhigungsgebet“ ist der 43. Psalm. Und es ist ein ziemlich langes, denn eigentlich gehört der 42. Psalm noch dazu. Da gibt es diese Sätze, die beide Psalmen verbinden:
Was betrübst du dich meine Seele,
und bist so unruhig in mir?
Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken,
dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

Wie ein Mantra, das Herz und Seele beruhigt. Und dazwischen Klage und Hoffnung. Da geht es hin und her. So ist das eben: Manchmal wohnen zwei Seelen in einer Brust. Oder auch mehr.

Wir werden dieses „Herzberuhigungsgebet“ als Ganzes beten. Und die verschiedenen Seelen bekommen verschiedene Stimmen:

Sprecher*in 1
Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser,
so schreit meine Seele, Gott, zu dir.
Meine Seele dürstet nach Gott,
nach dem lebendigen Gott.
Wann werde ich dahin kommen,
dass ich Gottes Angesicht schaue?
Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht,
weil man täglich zu mir sagt: Wo ist nun dein Gott?

Sprecher*in 2
Daran will ich denken
Und ausschütten mein Herz bei mir selbst:
Wie ich einherzog in großer Schar,
mit ihnen zu wallen zum Hause Gottes
mit Frohlocken und Danken
in der Schar derer, die da feiern.

Sprecher*in 3
Was betrübt du dich, meine Seele,
und bist so unruhig in mir?
Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken,
dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

Sprecher*in 2
Mein Gott, betrübt ist meine Seele in mir,
darum gedenke ich an dich
aus dem Land am Jordan und Hermon, vom Berg Misar.

Sprecher*in 1
Deine Fluten rauschen daher,
und eine Tiefe ruft die andere;
alle deine Wasserwogen und Wellen gehen über ich.

Sprecher*in 2
Am Tage sendet der Herr seine Güte,
und des Nachts singe ich hm und bete zu dem Gott meines Lebens.

Sprecher*in 1
Ich sage zu Gott, meinem Fels:
Warum hast du mich vergessen?
Warum muss ich so traurig gehen,
wenn mein Feind mich dränget?
Es ist wie Mord in meinen Gebeinen,
wenn mich meine Feinde schmähen
und täglich zu mir sagen: Wo ist nun dein Gott?

Sprecher*in 3
Was betrübst du dich, meine Seele,
und bist so unruhig in mir?
Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken,
dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

Sprecher*in 2
Gott, schaffe mir Recht
Und führe meine Sache wider das unheilige Volk
Und errette mich von den falschen und bösen Leuten!
Denn du bist der Gott meiner Stärke.

Sprecher*in 1
Warum hast du mich verstoßen?
Warum muss ich so traurig gehen,
wenn mein Feind mich drängt?

Sprecher*in 2
Sende dein Licht und deine Wahrheit, dass sie mich leiten
Und bringen zu deinem heiligen Berg und zu deiner Wohnung,
dass ich hineingehe zum Altar Gottes,
zu dem Gott, der meine Freude und Wonne ist,
und dir Gott, auf der Harfe danke, mein Gott.

Sprecher*in 3
Was betrübst du dich, meine Seele,
und bist so unruhig in mir?
Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken,
dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

Selbstgespräche mit der Seele. Wann haben Sie das letzte Mal mit Ihrer Seele gesprochen? So ein Gespräch unter Freunden? Von Frau zu Frau, von Mann zu Mann sozusagen? Ich mache das manchmal. Eher heimlich, damit es damit es niemand hört. Damit mich niemand für verrückt hält. Aber das ist ganz und gar nicht verrückt. Wenn das Herz einen Tick zu schnell pocht, wenn die Kehle eng ist, wenn die Beine unruhig werden und die Hände fahrig. Wenn man gleichzeitig unter Strom steht und doch ohne Antrieb ist. Dann ist es gut, sich selbst mal von außen zu betrachten und zu sich zu sprechen: Hey, Seele, was ist mit dir? Warum bist du so traurig? Wo ist deine Lebenskraft? Wo ist dein Mut.

Der Beter des Psalms macht das. Und das sind keine billigen Muntermachersprüche wie: Was stellst du dich so an, ist doch alles halb so wild. Doch, es ist wild! Wie ernst der Beter die Sache nimmt! Wie liebevoll er mit sich selbst spricht! Wann haben Sie das letzte Mal liebevoll mit sich selbst gesprochen?

Was betrübst du dich, meine Seele,
und bist so unruhig in mir?
Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken,
dass er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

Ein „Herzberuhigungsgebt“ und ein „Herzentlastungsgebet“.  Nicht nur mit seiner Seele spricht der Beter, auch mit Gott. Wild, klagend, schreiend.

Warum hast du mich verstoßen?

Und gleich zweimal:
Warum muss ich so traurig gehen?

Wann haben Sie das letzte Mal so wild mit Gott gesprochen? Oder sogar geschrien?

Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser,
so schreit meine Seele, Gott, zu dir. Warum hast du mich vergessen?

Ähnlich hat Jesus am Kreuz geschrien: Mein Gott, mein Gott! Warum hast du mich verlassen?
Das ist der Unterschied zwischen Jammern und Klagen. Wenn du deinen Schmerz nicht für dich behältst. Wenn du ihn ablädst, rausklagst, rausschreist dahin, wo er hingehört: zu Gott.

Warum hast du mich vergessen? Warum muss ich so traurig gehen?

Wild und zornig. Wann habe ich das letzte Mal so zornig mit Gott gesprochen? Es ist jetzt schon so eine lange Zeit, die die Corona-Pandemie unseren Alltag bestimmt, dass ich merke, dass mir oft die Kraft fehlt, mich darüber wild und zornig zu werden. Dass ich mich daran gewöhnt habe jeden Tag die Zahl der Verstorbenen einfach so hinzunehmen. Und die Frage nach dem Warum bringt mich auch nicht weiter.

Wild und zornig – das war ich aber an dem Tag des schrecklichen Anschlags in Hanau, der nun auch schon wieder ein Jahr zurückliegt. Zornig darüber, dass Hass und rechtes Gedankengut in unserem Land wieder solch furchtbare Taten auslösen. Zornig darüber, dass wir Menschen scheinbar nicht fähig oder willig sind aus unserer Geschichte zu lernen. Zornig, dass uralte Vorurteile und Lügen sich ganz schnell wieder anheizen lassen und aus einem kleinen Rinnsal schnell wieder ein reißender Bach wird. Und wieder gibt es eine große Mehrheit, die schweigt. Warum Gott, passiert so etwas immer wieder?

Es ist wie Mord in meinen Gebeinen, wenn mich meine Feinde schmähen und täglich zu mir sagen: Wo ist nun dein Gott?

Ja, wo bist du, Gott? Ein „Herzberuhigungsgebet“: Ein „Herzentlastungsgebet“. Wenn du verzweifelst über all das, was die Corona-Pandemie mit uns macht: Die Einsamkeit, die vielen Menschen zu schaffen macht. Den älteren Menschen, die keinen oder nur wenig Besuch bekommen, aber auch den vielen Kindern und Jugendlichen, die nicht in die Schule gehen, die ihre Hobbies nicht ausüben können, die keine anderen zum Spielen oder einfach zu Chillen haben. Die besonderen Herausforderungen mit denen die Familien jeden Tag neu kämpfen müssen. Die existentiellen Sorgen vor die viele gestellt sind.

Ein „Herzentlastungsgebet“ - Wenn du verzweifelst an über all die Anfeindungen von außen und von innen. Dann sprich mit deiner Seele. Liebevoll und fürsorglich. Dann sprich mit Gott, wild und zornig. Und erinnere dich! Der Psalmbeter macht es vor:

Darum will ich denken und ausschütten mein Herz bei mir selbst:
Wenn ich einherzog in großer Schar,
mit ihnen zu wallen zum Hause Gottes
mit Frohlocken und Danken
in der Schar derer, die da feiern.

Neuere Hirnforschung und Traumatherapie erklären uns, was der Psalmbeter schon vor 2500 Jahren wusste: Die Imagination positiver Bilder, die gedankliche Vorstellung von guten Erinnerungen beruhigen. Erinnere dich, wie da war: Wie du im Gras gesessen hast und Blumenkränze geflochten. Wie du Eierpfannkuchen mit Heidelbeeren gegessen hast und über deine blauen Zähne gelacht hast. Wie ein Kind dir mit strahlendem Gesicht einen Kuchen aus Sand geschenkt hat. Wie du im Konzert gesessen hast und geglaubt hast, die Engel singen zu hören.

Schon das Denken an gute Erfahrungen wirkt auf das Gehirn, auf das emotionale Gedächtnis. Und das schüttet Glücks- und Beruhigungshormone ins Blut und in die Seele. Bilder helfen, neue Verschaltungen im Gehirn zu bilden. Bis ins hohe Alter. Wir können traumatische Erfahrungen und Stress verarbeiten: Durch Wiederholungen positiver Bilder. Einmal reicht da nicht. Und meistens braucht es noch einen liebevollen Menschen, der uns erinnern hilft, oder eben einen Psalm wie diesen.

Traumatherapie macht sich das zunutze. Seelisch verletzte Menschen werden aufgefordert zwischen positiven und belastenden Erinnerungen hin- und herzupendeln. Die belastenden Erinnerungen werden mit Worten oder Weinen, Schreien oder Zittern ausgedrückt. Und die positiven helfen, Herz und Seele zu beruhigen.

Genau das macht der Psalmbeter. Er pendelt hin und her: zwischen Klage und Erinnerungen an Gutes, zwischen wildem Schreien zu Gott und der Hoffnung, ja mehr noch, der Gewissheit: Gott wird mir helfen. Hin und her und immer wieder. Er stellt sich der Angst und der Verzweiflung. Aber er erinnert sich auch daran, dass er damit nicht allein ist. Ja, dass er es schon mal erlebt hat, wie es sich anfühlt, glücklich zu sein. Und da kommen die Bilder in ihm hoch: Wie er sich Jerusalem nähert, mit vielen anderen Menschen. Wie er den Tempel sieht, hoch auch dem Berg. Was für ein Anblick. Und was für ein Gefühl da war: Helle Begeisterung. Und das Gute, das er mit Gott erlebt hat. Ja, das gibt es doch auch! Am Ende des Psalms überwiegen Zuversicht und Hoffnung.

Ein „Herzberuhigungsgebet“ – gut für Leib und Seele. Wann haben Sie sich das letzte Mal so etwas Gutes getan? Wir haben zusammen den Psalm gebetet. Wiederholung lohnt sich!

Lied: 98

Fürbitte

Ewiger Gott,
du hast deinen Sohn, Jesus Christus,
in unsere Welt gesandt,
damit wir in ihm deine Liebe erkennen.
Er hat mitten unter uns gelebt,
hat Kranke geheilt und Mutlose mit neuer Hoffnung beschenkt.
In allem, was er getan und gesagt hat,
erkennen wir deine Liebe,
die uns auch dann gilt, wenn wir versagen.

Wir bitten dich, dass wir deine Liebe,
die sich in deinem Sohn Jesus Christus zeigt, annehmen können.
Wir bitten dich, dass sich deine Liebe ausbreitet
in unserer Gemeinde, in unserer Stadt und in unserem Land.
Wir bitten dich, dass du uns zu Boten machst,
die überall immer wieder von deiner Liebe erzählen.

Wir bitten dich, dass wir nicht mutlos werden
In dieser Zeit, die uns so vieles abverlangt.
Lass uns nicht an deiner Liebe zweifeln.
Wir bitten dich für alle Menschen aus unserer Gemeinde, die wir in der vergangenen Woche zu Grabe getragen habe. Nimm du sie auf in deine ewige Liebe und schenke ihnen deinen Frieden. Tröste die Angehörigen und stehe ihnen bei.

Wir bitten dich,
dass uns deine Liebe innerlich prägt und verändert,
dass unser enges Herz geweitet werde.
Amen.

Vaterunser
Abkündigungen

Kollekte für die eigene Gemeinde
Segen
Musik zum Ausgang

Gottesdienst am 21.02.2021 mit Video von Pfarrer Rainer Böhm

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar.

Der Verrat des Judas

Musikalisches Vorspiel

Begrüßung

Ich begrüße Sie herzlich zu unserem Gottesdienst aus dem Gemeindezentrum Wilhelmskirche.

Es ist der erste Sonntag in der Passionszeit. Wir denken an das Leiden Christi, das Leiden in der Welt; an das Drama menschlichen Leidens damals und heute; an die menschlichen Tragödien damals und heute in der Pandemie, die scheinbare Unabänderlichkeit des Schicksals.

Invokavit, Gott ruft uns, heraus aus dieser Verfallenheit an das Schicksal. Hoffen wir, das wir das für uns annehmen können.

Aber gilt das auch für eine der dunkelsten Figuren der Bibel? Gilt es auch für Judas, der Jesus verrät?

Diese Frage und der Verrat des Judas werden uns heute beschäftigen.

Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Psalmgebet

Aus Psalm 91 EG W 736

Der Herr ist deine Zuversicht

Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt
und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt,
der spricht zu dem Herrn: Meine Zuversicht und meine Burg,
mein Gott, auf den ich hoffe.
Denn er errettet dich vom Strick des Jägers
und von der verderblichen Pest.
Er wird dich mit seinen Fittichen decken,
und Zuflucht wirst du haben unter seinen Flügeln.
Seine Wahrheit ist Schirm und Schild,
dass du nicht erschrecken musst vor dem Grauen der Nacht,
vor den Pfeilen, die des Tages fliegen,
vor der Pest, die im Finstern schleicht,
vor der Seuche, die am Mittag Verderben bringt.
Denn der Herr ist deine Zuversicht,
der Höchste ist deine Zuflucht.
Es wird dir kein Übel begegnen,
und keine Plage wird sich deinem Hause nahen.
Denn er hat seinen Engeln befohlen,
dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen,
dass sie dich auf den Händen tragen
und du deinen Fuß nicht an einen Stein stoßest.

Eingangsgebet

Lieber Gott,

es gibt so viele Stimmen in mir und außerhalb von mir,
die recht haben wollen,
die über mich bestimmen wollen,
die wissen, wie ich leben soll.
Ich bin unsicher, wenn ich auf deine Stimme höre.
Sie ist so leise – und ohne Zwang.
Eher ein Flüstern als ein rufen.
In deiner leisen Stimme spüre ich deine Liebe zu meinem Leben,
Besorgnis und Barmherzigkeit.
In dieser Liebe wird es still in mir, und in dieser Stille
Lasse ich mir an deiner Gnade genügen –
Durch Jesus Christus, deinen Sohn. Amen

Lesung: Johannes 13, 21 – 30: Jesus, der Lieblingsjünger und der Verräter

21 Als Jesus das gesagt hatte, wurde er erregt im Geist und bezeugte und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten. 22 Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete. 23 Es war aber einer unter seinen Jüngern, der zu Tische lag an der Brust Jesu, den hatte Jesus lieb. 24 Dem winkte Simon Petrus, dass er fragen sollte, wer es wäre, von dem er redete. 25 Da lehnte der sich an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist's? 26 Jesus antwortete: Der ist's, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er nahm den Bissen, tauchte ihn ein und gab ihn Judas, dem Sohn des Simon Iskariot. 27 Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn. Da sprach Jesus zu ihm: Was du tust, das tue bald! 28 Niemand am Tisch aber wusste, wozu er ihm das sagte. 29 Denn einige meinten, weil Judas den Beutel hatte, spräche Jesus zu ihm: Kaufe, was wir zum Fest nötig haben!, oder dass er den Armen etwas geben sollte. 30 Als er nun den Bissen genommen hatte, ging er alsbald hinaus. Und es war Nacht.

Glaubensbekenntnis

Lied: 91, 1+3        Herr, Stärke mich, dein Leiden zu bedenken

Predigt

Die Gnade unseres Herrn JX, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

die Geschichte, um die es heute geht, handelt vom Zerbrechen einer Beziehung., von tiefer Enttäuschung und von Hass. Erzählt wird sie aus der Sicht von Jesus, aber es ist anzunehmen, dass auch der andere, dass Judas gequält war von Enttäuschung – so stark seine Gefühle für Jesus sind. Es ist der aus der Enttäuschung wachsende Hass auf Jesus, der Judas gefangen hält.

Mir hat man früher beigebracht: Judas ist ein Verräter, ein skrupelloser, geldgieriger Typ, ohne Ethos und Moral, der seinen Freund für ein paar Silberlinge an die Feinde verkauft. Eigentlich ist er ein Dieb. Als Jesus bei Maria und Marta zu Besuch ist, regt er sich darüber auf, dass Maria Jesu Füße mit kostbarem Öl benetzt. Er fordert, man solle das Öl verkaufen und das Geld den Armen geben. Aber vielleicht will er das Geld für seine eigenen Zwecke verwenden.

Später lernte ich noch eine zweite Auslegungstradition kennen, die Judas als, einen Freiheitskämpfer beschreibt, der sein Volk von der römischen Besatzung befreien will. Er gilt als Anhänger einer politischen Gruppe, die im Untergrund gegen die Römer opponiert und darauf wartet, endlich aufzustehen. Mit Jesus könnte sich diese Hoffnung erfüllen, er könnte ihr Anführer werden. Als Judas erkennt, dass Jesus den bewaffneten Kampf ablehnt, wendet er sich enttäuscht von ihm ab.

Und dann gibt es noch die dritte Deutungslinie: Der Teufel sei in Judas gefahren, der Satan hätte von ihm Besitz ergriffen. Judas sei nicht er selbst, sondern der Handlanger des Bösen … In der Auslegungsgeschichte existieren also verschiedene Bilder von Judas: Mal Sohn der Finsternis, der vom Teufel fremdbestimmt wird, mal tragischer Held, der an der Person seines Meisters irrewird, weil dieser seine Hoffnung nicht erfüllt.

In der Gruppe spricht es Jesus ganz offen an: „Einer von Euch wird mich verraten!“ Jetzt ist es ausgesprochen. Und nichts ist mehr wie es vorher war. Wieder einmal ist es Petrus, der einen Impuls gibt: Frag Jesus, wer es ist! Aber es gelingt nur teilweise: “Der, dem ich den Bissen eintauche und gebe.“ Alles kippt. „Und nach dem Bissen fuhr der Satan in ihn.“

Das klingt nicht nach einer aktiven Entscheidung des Judas. Es fühlt sich eher so an, als sei Judas selbst auch der Leidtragende, als stelle er sich, seinen Willen dem Satan zur Verfügung. Als würde er instrumentalisiert. Jesus versteht das: „Was du tust, das tue bald!“ Die Jünger kapieren nichts. Oder sie reden es sich selbst schön. Und auch Judas hält diese Spannung nicht mehr aus: „Als er den Bissen genommen hatte, ging er hinaus. Und es war Nacht.“

Es ist die dunkle Nacht des Selbstverrates, denn Judas verrät sich selbst. Er verrät seine tiefe Beziehung zu Jesus. Er liefert in aus, und zwar an seinen eigenen Hass auf ihn. Daran zerbricht die Beziehung. Und damit verrät Judas nicht nur Jesus, sondern zugleich sich selbst: alles, wofür er gelebt und woran er geglaubt hat.

„Tu’s einfach“, flüstert der Satan, „so eine Gelegenheit gibt’s nicht wieder!“ Es ist das Ausleben des ungehemmten Triebes, es gibt wie bei anderem Missbrauch kein An-sich-Halten mehr. Die Triebnatur des Menschen bricht ungehemmt durch, Liebe und Hass gehen gleichsam eigene getrennte Wege. Als Jesus ihm wie eine Intinctio an diesem Abschiedsabend das in den Wein eingetunkte Brot reicht, fährt „der Satan in ihn“. Er will nicht länger genährt und gefüttert werden, abhängig sein wie ein kleines Kind. ER will jetzt groß sein und unabhängig. Aber er spürt vor allem seine Abhängigkeit. Als wäre es böse, frei sein zu wollen.

Das schürt den Hass. Und Hass macht eine Trennung im Guten unmöglich. Im Hass bleiben die Menschen auf zerstörerische Weise aneinandergebunden. Die nur scheinbare Trennung im Hass heißt Verrat. So übt der Verräter Rache an dem, was ihm seiner Meinung nach angetan worden ist. Er bestraft den anderen. Aber in Wahrheit wurde ihm gar nichts angetan, sondern er hat sich freiwillig in diese Beziehung begeben, die ihn immer mehr enttäuschte. Und dann konnte er sich die Enttäuschung nicht eingestehen, konnte sie nicht ansprechen, aber sie wuchs im Hintergrund wie ein Dämon.

Die Basis, der Ausgangspunkt des Verrates ist also das Gefühl der Abhängigkeit. In gegenseitiger Freiheit ist Verrat nicht nötig. Freiheit ist aber die Basis der Liebe. Nur in der Freiheit kann sie wachsen und gedeihen. Liebe lässt los, gibt frei, verzichtet auf die Macht der Kontrolle. Hass hält den anderen unter Verdacht, er braucht die Macht der Kontrolle, ihm fehlt die seelische Größe, die Freiheit und Eigen-Art des anderen mitzutragen.

Auf dem Boden gegenseitiger Liebe soll sich die Identität der christlichen Gemeinde gründen. „Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr liebe untereinander habt“, Joh 13,35. Gegenseitige Liebe verzichtet auf misstrauische Kontrolle und lebt von einem wertschätzenden Miteinander. Sie anerkennt die Verschiedenheit des anderen und nimmt sich selbst zurück. Sich selbst zurückzunehmen, den eigenen Impuls, den anderen Gleichzuschalten damit er so ist wie ich, das geht nur in der Liebe. In geschwisterlichem Einverständnis, in Freiheit und Ehrlichkeit, in Wahrheit, die nicht gegen mich ausgelegt wird, also auch in Vertrauen so sein zu dürfen wie ich bin. Das klingt wie ein Traum.

Ein Traum – wie die Vorstellung, dass Judas doch den Weg ins Paradies findet. Auf einem Kapitell in der Kirche von Vezelay in Burgund könnte genau das dargestellt sein. Es ist fast 900 Jahre alt. Die Deutung ist umstritten. Auf der einen Seite des Säulenabschlusses sieht man Judas, der sich mit dem Strick selbst gerichtet hat. Auf der anderen Seite einen Dämon – oder eben den guten Hirten, der auch dieses verlorene Schaf zurück zu seiner Herde bringt. So hat es selbst der Papst vor einigen Monaten gedeutet.

In der dunkelsten Nacht des Verrates keimt eine neue, sogar diesen grausamen Verrat tragende Barmherzigkeit. In dem Moment, in dem er den Verrat des Judas vor allen offenbar macht, reicht Jesus ihm die Intinctio, das Zeichen größter Nähe und Verbundenheit, ein Liebesbeweis, Mahlgemeinschaft. Sie verweist mit ihrem goldenen Strahl auf jene andere Welt Gottes, die manchmal zwischen uns aufleuchtet. Wer seine Augen an diese Dunkelheit gewöhnt, wird ihn immer häufiger wahrnehmen können.

Die Liebe Gottes, die höher ist als unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Lied: 97, 1 – 3        Holz auf Jesu Schulter

Fürbitte

In unser Gebet nehmen wir die Gemeindemitglieder auf, von denen wir in der vergangenen Woche Abschied nehmen mussten. Wir bitten Dich Gott, sei Du ihnen ein gnädiger Vater und schenke uns die rechten Worte und Gesten, ihre Angehörigen zu trösten.

Wir zünden für die Verstorbenen eine Kerze an.

Du Gott kennst uns … wie wir schlecht über andere reden und uns immer wieder dazu hinreißen lassen, mitzumachen, anstelle dagegen aufzustehen. Du kennst unser verräterisches Herz und unsere Wege in die Dunkelheit.

Darum bitten wir Dich für alle, die in der Nacht verirrt sind: in der Nacht des Hasses auf jemanden, gefangen in rassistischen Gedanken, Gefühlen und Vorurteilen; in der Nacht des Leidens an jemandem, in der Nacht heimtückischer, sadistischer Freude am Bösen und der Gewalt; in der Lust am Untergang, in der Nacht von Angst, Zweifel und Not.

Wir bitten Dich für die Opfer von Gewalt und Rassismus, auch für die Angehörigen, wie die in Hanau, die auf Aufklärung warten und selbst diskriminiert worden sind .. Und wir bitten Dich für alle, die der bitteren Nacht des Todes entgegengehen: Erbarme Dich unser. Sende Dein Licht, auf das wir freundlicher werden, Vergebende; auf dass wir Gefallen finden an Güte und Anstand, an Hoffnung und Zuversicht, an Offenheit und Aufmerksamkeit und Empathie.

Wo unser Herz hart bleibt, gilt Deine Barmherzigkeit; wo wir nicht vergeben sollen wir wissen, dass Du es schon lange tust. Wie die Jünger wollen wir Dir in Liebe dienen. Du bringst uns zum Ziel, auch durch die Nacht. Amen

Vater Unser

Lied: 347, 1+4      Ach bleib mit deiner Gnade

Abkündigungen

Segen

Musikalisches Nachspiel

Gottesdienst am 14.02.2021 mit Video von Vikar Ingmar Bartsch

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar.

Votum
Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Gemeinde: Amen.

Wir beten mit Worten aus Psalm 31:
2 HERR, auf dich traue ich, lass mich nimmermehr zuschanden werden, errette mich durch deine Gerechtigkeit!
3 Neige deine Ohren zu mir, hilf mir eilends! Sei mir ein starker Fels und eine Burg, dass du mir helfest!
4 Denn du bist mein Fels und meine Burg, und um deines Namens willen wollest du mich leiten und führen.
5 Du wollest mich aus dem Netze ziehen, / das sie mir heimlich stellten; denn du bist meine Stärke.
6 In deine Hände befehle ich meinen Geist; du hast mich erlöst, HERR, du treuer Gott.
8 Ich freue mich und bin fröhlich über deine Güte, dass du mein Elend ansiehst und kennst die Not meiner Seele
9 und übergibst mich nicht in die Hände des Feindes; du stellst meine Füße auf weiten Raum.
15 Ich aber, HERR, hoffe auf dich und spreche: Du bist mein Gott!
16 Meine Zeit steht in deinen Händen. Errette mich von der Hand meiner Feinde und von denen, die mich verfolgen.
17 Lass leuchten dein Antlitz über deinem Knecht; hilf mir durch deine Güte! Amen.

Gebet
Herr, unser Gott, Du hast Glauben, Hoffnung und Liebe in uns entzündet. Belebe diese Gaben durch die Begegnung mit Dir in diesem Gottesdienst und stille unsere Sehnsucht nach echter Beziehung. Das bitten wir durch Jesus Christus, Deinen Sohn, der mit Dir und dem Heiligen Geist lebt und Leben schenkt in Ewigkeit. Amen

Lied: EG 409, 1-2, 4, 7

Predigt
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

Das Maß war voll. Die Beziehung war belastet, das war allen Beteiligten klar. Irgendwie war seit einiger Zeit der Wurm drin. Dabei hatte das am Anfang so richtig gut funktioniert. Ein echtes Dreamteam sind sie gewesen. Gefühlt war die erste Zeit wie ein Schwebezustand. Alles schien zu gelingen. Okay. So kleine Reibereien hatte es immer gegeben. Aber alles in allem hatten sie lange Zeit wirklich gut miteinander harmoniert. Sie haben aufeinander geachtet. Sie hatten einen gemeinsamen Rahmen gefunden, an den sie sich gehalten haben. Sie haben die Grenzen des anderen respektiert. Und dann kamen die kleinen und großen Unachtsamkeiten. Manchmal fehlte auch einfach das Verständnis füreinander. Die Leichtigkeit der ersten Zeit war verflogen. Und obwohl sich jeder viel mehr anstrengte, wurde es immer schwerer, den Weg gemeinsam zu gehen. Es begann die Zeit der gegenseitigen Vorwürfe und der Forderungen. Und irgendwann redete man kaum noch miteinander.

1 Rufe laut, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden! 2 Sie suchen mich täglich und wollen gerne meine Wege wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie wollen, dass Gott ihnen nahe sei. 3 »Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst's nicht wissen?« Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll. 5 Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit oder seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der HERR Wohlgefallen hat?

Das Tischtuch ist zerrissen. Da ist ein tiefer Graben zwischen Gott und dem Volk. Was für ein Predigttext. Ich habe mich tatsächlich gefragt, ob ich den überhaupt predigen soll. Ist das die Botschaft Gottes auch für unsere Gemeinde in dieser Zeit? Gerade jetzt, wo wir auch in unserer Gesellschaft zunehmend Probleme mit dem Dialog haben? Aber auch gerade jetzt in der närrischen Zeit, in der doch viele Menschen zumindest ein wenig ausgelassene Stimmung verbreiten? Soll ich diesen Text predigen, gerade heute, am Valentinstag? Soll ich da von Gottes Zorn über falsches Fasten predigen? Auch wenn die Fastenzeit vor der Tür steht?

Für Sie liegt die Antwort auf der Hand, denn ich rede ja gerade über diesen Text. Und ein Thema bot sich auch sofort an. Gott sagt: Richtiges Fasten ist, wenn Du nachhaltig und am Menschen orientiert handelst: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! Das ethisch gute Handeln ist ein wichtiger Teil unseres Menschseins. Da kann es keine zwei Meinungen geben. Von uns hängt es ab, wie wir leben wollen. Von uns hängt es ab, wie diese Erde aussehen wird. Wir haben den Auftrag, den Armen zu helfen und die Schwachen zu schützen.

Aber ich finde, dass es in diesem Bibeltext noch ein weiteres, vielleicht etwas versteckteres Motiv gibt: Die Sehnsucht nach echter, gelingender Beziehung. Das war für mich anfangs hinter diesen ganzen krassen Vorwürfen gar nicht so leicht zu entdecken. Echte, gelingende Beziehung. Das ist eine Grundsehnsucht von uns Menschen. Und ich finde, dass sie gerade am Valentinstag mit Händen zu greifen ist. Diese Sehnsucht steckt auch in diesem Text. Sie steckt hinter all den Vorwürfen und den moralischen Ansprüchen.

Zuerst einmal ist aber offensichtlich: Hier ist eine Beziehung gründlich festgefahren. So wie wir Gott hier kennenlernen, hat er starke Emotionen. Das Volk hat sich anderen Göttern zugewandt. Diese unsichtbare Mauer zwischen ihm und dem Volk Israel nennt Gott Sünde. Und ein Teil dieser unsichtbaren Mauer sind die gegenseitigen Vorwürfe. Sie zerfressen die Beziehung. Genauso trennend ist der Egoismus. Offensichtlich meint das Volk, dass es alles tut, was Gott will. Es fastet, es macht sich klein. Und das täglich. Die Menschen sind sich sicher, dass sie ihren Teil der Beziehung erfüllen. Und dafür kann man doch ein wenig Dankbarkeit erwarten, oder?

Was läuft da also schief? Ich denke, dass das Volk Gott in ein Schema gepresst hat. Sie haben ein derart enges Bild von Gott, dass die eigentliche Idee der Beziehung völlig in den Hintergrund tritt. Denn ihr Fasten ist eigentlich ein Handel: Wir fasten und gehen in Sack und Asche und zum Ausgleich bist Du, Gott, uns nahe und zeigst Dich von Deiner besten Seite. Unter dem Deckmantel des „Für Dich!“ kommt ein „Für uns!“ zum Vorschein. Das Fasten ist ein Geschenk ohne Empathie, einfach um sich selbst und des Geschenkes willen.

Was tun? Mein Eindruck in dieser Geschichte ist – und davon spricht die gesamte Bibel – dass Umkehr helfen würde. Wo Beziehung festgefahren ist, da hilft ein Neuanfang. Gott bietet seinem Volk auch hier seine heilende Kraft an. Er bietet ihnen eine Rückkehr zur gelingenden, echten Beziehung an. Zu sich. Zu ihren Mitmenschen. Gott macht es seinem Volk eigentlich sehr leicht. Er sagt: So tun, als würdet Ihr etwas für mich machen und trotzdem nur an Euch denken, das kostet Euch unnütz Kraft. Das ist nicht Sinn Eures Lebens und am Ende erfüllt es Euch auch nicht. Im Text ist das so formuliert: 6 Ist nicht das ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! 7 Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!

Für mich heißt das: Lass die Vorwürfe und lass den Egoismus. In einer Beziehung kommt es darauf an, dass Du Dein Gegenüber liebevoll im Blick hast und Dich nicht auf seine Kosten selbst erhöhst. Und in diesem konkreten Fall, in der Beziehung zu Gott, wird so nicht nur die Mauer zwischen ihm und den Menschen abgerissen. Vielmehr ist diese Vision, die Gott entwickelt, eine Welt, in der Menschen gerne leben wollen. Ich weiß, das ist schwierig. Irgendwie sind wir Menschen so angelegt, dass wir immer wieder an uns selbst scheitern. Irgendwie kommt der Egoismus immer wieder durch. Vielleicht erahnen wir das, vielleicht fällt uns das nicht mal auf. Und auch das sollen uns diese „alten Geschichten“ aus der Bibel auch deutlich machen. Es ist leider menschlich, dass wir in unseren Beziehungen scheitern, auch wenn wir uns so sehr nach gelingenden, echten Beziehungen sehnen.

Die gute Nachricht ist: Gott kommt uns entgegen. Umkehr ist möglich. Davon spricht die gesamte Bibel. Das ist kein leichter Prozess. Aber Gott hat Geduld mit uns. So wie mit seinem Volk. Und dieses Entgegenkommen wird in diesem Text wunderbar dargestellt: 8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. 9 Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Lied: EGPlus 131

Fürbitten und Vaterunser
Barmherziger Gott, wir sehnen uns nach gelingenden und echten Beziehungen. Manchmal scheitern wir dabei an uns selbst. Wenn unsere Beziehungen zu anderen Menschen und zu Dir festgefahren sind, dann bitten wir Dich: antworte uns, wenn wir zu Dir rufen und lass das Licht hervorbrechen wie die Morgenröte.

Barmherziger Gott, wir mussten auch in dieser Woche Abschied nehmen von lieben Menschen. Du kennst ihre Namen und Du weißt um die Trauer ihrer Angehörigen und Freunde. Für die Verstorbenen bitten wir Dich, dass Du sie gnädig aufnimmst in Dein Reich. Richte die Trauernden auf, lass sie Trost finden und stelle ihnen Menschen an die Seite, sie bei ihnen sind in dieser schweren Zeit.

Barmherziger Gott, mit Dir können wir teilen, was uns bewegt. Bei Dir können wir klagen und zweifeln, aber auch danken und loben. In der Stille bringen wir vor Dich, was uns bewegt.

Wir beten weiter mit den Worten des Vaterunsers.
Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Abkündigungen:
Die Kandidatinnen und Kandidaten für die Kirchenvorstandswahl am 13. Juni 2021 stehen fest. Die Liste finden Sie hier: evangelisch-in-bad-nauheim.de/Kirchenwahl2021 und in den Schaukästen

Wir freuen uns, wenn Sie unsere Gemeinde mit einer Kollekte unterstützen: evangelisch-in-bad-nauheim.de/Spenden

Segen
Gehen Sie unter dem Segen Gottes in die neue Woche:
Der Herr segne Dich und behüte Dich.
Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über Dir und sei Dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf Dich und schenke Dir Frieden.

Gottesdienst am 7.2.2021 von Pfarrerin Susanne Pieper

Musik
Begrüßung

Einen guten Morgen und ein herzliches Willkommen aus der Wilhelmskirche in Bad Nauheim! Der Sonntag heute stellt das Wort Gottes ins Zentrum, wie es ausgesät wird und Früchte trägt. Was bedeutet das für uns und für unsere Zeit? Darüber denken wir heute und hier nach. Und da ist ein Versprechen im Raum: dass Gottes Wort uns nahe kommen will, dass es unser Glück ist und dass es blühen möchte unter uns. Darum bittet uns der Wochenspruch aus dem Hebräerbrief 3,15: „Heute, wenn ihr seine Stimme hört, verschließt eure Herzen nicht.“
Wir feiern den Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Worte aus Psalm 119
Mein Gott, ich habe gesehen, dass alles ein Ende hat, aber dein Gebot bleibt bestehen.
Dein Wort bleibt ewig, soweit wie der Himmel reicht. Deine Wahrheit währt für alle Zeit.
Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg.
Mein Leben ist immer in Gefahr, aber deine Weisungen vergesse ich nicht.
Deine Worte sind mein ewiges Erbe. Sie sind die Wonne meines Herzens.
Du bist mein Schutz und mein Schild. Ich hoffe auf dein Wort. Amen.

Gebet
Du, lichtvoller Gott, meine Seele verlangt nach deinem Frieden. Ich sehne mich nach deinem Wort, das mich aufrichtet, das mich tröstet. Wie wird es weitergehen? Was kommt auf unsere Gesellschaft zu, auf unser Land, auf die Menschen weltweit? Diese Fragen treiben mich um. Umso mehr bin ich in dieser Zeit dankbar für den Halt, den du mir gibst. Du kennst einen Weg für mich, einen Weg für uns. Dein Wort leuchtet uns. Es leitet uns auch in dieser Zeit. Es will uns helfen, auf einem guten Weg zu bleiben. Dafür danken wir Dir durch Jesus Christus, deinen Sohn, das Licht unserer Welt. Amen.

Lied: 166,1 Tut mir auf die schöne Pforte

Lesung: Lukas 8,4-8 und 11-15
Als wieder einmal eine große Menschenmenge aus allen Städten zusammengekommen war, erzählte Jesus dieses Gleichnis: „Ein Bauer ging aufs Feld, um sein Getreide auszusäen. Als er die Körner ausstreute, fielen ein paar von ihnen auf den Weg. Sie wurden zertreten und von den Vögeln aufgepickt. Andere Körner fielen auf felsigen Boden. Sie gingen zwar auf, aber weil es nicht feucht genug war, vertrockneten die Pflänzchen. Wieder andere Körner fielen mitten ins Dornengestrüpp. Dieses schoss zusammen mit der jungen Saat in die Höhe, so dass es sie schließlich erstickte. Die übrigen Körner aber fielen auf fruchtbaren Boden, gingen auf und brachten das Hundertfache der Aussaat als Ertrag.“ Nachdem Jesus das gesagt hatte, rief er: „Wer Ohren hat, der soll auf meine Worte hören!“

Das Gleichnis bedeutet Folgendes: Die Saat ist Gottes Botschaft. Die Menschen, bei denen die Saatkörner auf den Weg fallen, haben die Botschaft zwar gehört. Aber dann kommt der Satan, der Durcheinanderbringer, und nimmt sie ihnen aus den Herzen, damit sie nicht glauben und gerettet werden.

Andere Menschen wiederum sind wie der felsige Boden: Sie hören die Botschaft und nehmen sie mit Begeisterung an. Aber ihr Glaube hat keine starken Wurzeln. Eine Zeit lang halten sich diese Menschen zu Gott, doch wenn ihr Glaube dann auf die Probe gestellt wird, wenden sie sich wieder davon ab.

Noch andere Menschen gleichen dem von Dornengestrüpp überwucherten Boden. Sie hören die Botschaft zwar, doch dann kommen die Sorgen des Alltags, die Verführung durch den Wohlstand und die Vergnügungen des Lebens und ersticken Gottes Botschaft, so dass keine Frucht daraus entstehen kann.

Aber dann gibt es auch Menschen, die sind wie der fruchtbare Boden, auf den die Saat fällt: sie hören Gottes Botschaft und nehmen sie mit aufrichtigem und bereitwilligem Herzen an.  Sie halten treu daran fest, lassen sich durch nichts beirren und bringen schließlich reiche Frucht.

Selig sind, die Gottes Wort hören und bewahren. Amen.

Glaubensbekenntnis

Ansprache
Gottes Liebe, die Gnade unseres Herrn und Bruders Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Liebe Gemeinde,
es war ungefähr vor ein und halb Jahren, da saß ich mit einer Gruppe von ungefähr zwanzig Menschen hier in unserer Wilhelmskirche um einen großen Tisch herum. Wir feierten miteinander die „Dinnerchurch“: ein neues Gottesdienstprojekt, in dem wir gemeinsam kochen, essen, miteinander über einen Bibeltext nachdenken und auch zusammen das Abendmahl feiern. Jemand hatte den Text von dem Sämann, dem Bauern, der das Getreide aussät, vorgelesen. Da sagte meine Nachbarin ganz spontan: „Wie es dem Bauern mit seiner Saat ergeht, das verstehe ich gut! Ich bin Musiklehrerin; ich erteile Klavierunterricht. Und da geht es mir genauso. Das, was ich sage, das fällt bei meinen Schülern und Schülerinnen auf sehr unterschiedlichen Boden. Die eine nimmt es zur Kenntnis, hat es aber bald vergessen, bei dem anderen aber fällt es auf fruchtbaren Boden. Er nimmt es sich zu Herzen, übt entsprechend und kann mir das Musikstück in der nächsten Stunde dann schon viel, viel besser vorspielen.“ Ja, das, was an Wissen und an Erfahrung an andere weitergegeben wird, wird längst nicht überall gleich aufgenommen. Der Ertrag, der Erfolg ist nicht bei allen Menschen der gleiche. Schließlich bringen alle ja unterschiedliche Voraussetzungen mit. Und alle haben verschiedene Begabungen, mit denen sie lernen können. Darum verlangt  auch das Unterrichten immer wieder einen sehr differenzierten Blick des Lehrers oder der Lehrerin auf die,  die ihm oder ihr anvertraut sind.

Meine Nachbarin aus der Dinnerchurch erinnert mich in gewisser Weise an den Sämann aus dem biblischen Gleichnis: der ist da unterwegs. Er bringt das Saatgut auf dem Feld aus. Nicht alle Stellen des Bodens sind gleich gut für das Wachstum geeignet. Da gibt es den Weg, den Felsen und das Dornengestrüpp. Was hier landet, was hier hinfällt, das wird nicht aufgehen. Der Bauer weiß das. Trotzdem aber spart er die Bereiche nicht aus. Er ist großzügig. Mit einer weiten Armbewegung streut er die Samenkörner aus!! Es könnte ja doch etwas wachsen. Und es ist besser, dass ein Saatkorn auf einen nicht so ertragreichen Grund fällt als dass ein guter Boden ohne Saat bleibt.

Innerhalb der Auslegungstradtion der Kirche gibt es eine Richtung, die konzentriert sich fast nur auf die unfruchtbaren Böden. Da könnte man meinen, der Sämann bewege sich nur noch auf plattgetretenen Trampelpfaden, auf Wüstenböden oder bei den Dornenhecken. Aber das stimmt ja nicht! Er hat ja einen Acker, wo es sich lohnt, auszusäen. Er verlässt sich darauf, dass die Ernte groß genug sein wird! Dabei nimmt er es in Kauf, dass manche Samenkörner nicht aufgehen werden. Die eigentliche Pointe der Geschichte aber ist, dass der Einsatz sich tatsächlich verhundertfacht.  Dass darüber hinaus einiges verloren geht, das ist dann nicht so schlimm.

Liebe Gemeinde,
Jesus erzählt dieses Gleichnis seinen Jüngerinnen und Jüngern. Und damit auch uns. Das Saatgut, das ist Gottes Wort. Es fällt von außen auf den Boden. Es kommt von außen auf uns zu. Wir tragen es nicht schon immer in uns. Vielmehr ist es wichtig, auf dieses Wort zu achten und auf es zu hören. Bereit zu sein, uns auf es einzulassen. Und ihm Raum zu geben bei uns.

Vielleicht gibt es manchmal auch Zeiten, wo Gottes Botschaft leise ist oder wo wir meinen, sie habe sich versteckt. Wo wir regelrecht nach dem suchen müssen, was Gott uns denn jetzt sagen will. Manchmal, da gibt es auch Zeiten, wo unser Glaube auf die Probe gestellt wird. Alte Sicherheiten sind nicht mehr so selbstverständlich wie früher. Zweifel beginnen, an uns zu nagen; das ist dann wie mit den Sorgen und den Dornen im Gleichnis. Und wir haben mehr Fragen als Antworten.  Wolken wollen unser klares Verhältnis zu Gott verdunkeln, und unsere Seele ist durstig nach ihm, nach Klarheit, nach Trost, nach einer Aussicht und nach einem guten Wort. Nach einem Segen.

In diesen Monaten gehen wir gerade durch eine extreme und außergewöhnliche Zeit. Vielmehr als sonst sind wir auf uns selbst zurückgeworfen, auf den Boden unserer eigenen Existenz. Wir müssen es neu lernen, mit uns selbst zurechtzukommen. Mit unserer Zeit, mit unserer Arbeitszeit und Freizeit, mit unseren Energien und unseren Gedanken. Wir sind auch uns selbst ausgesetzt. Unseren Partnern. Unseren Familien. Und sie sind uns ausgesetzt. Mehr und mehr Menschen drohen, mürbe zu werden. Umso mehr steht jetzt die Frage im Raum: Was gibt uns jetzt Kraft? Woher beziehen wir unsere Energie? Woran können wir uns jetzt halten?

Dazu kommt, dass wir mit sehr ernsten Fragen konfrontiert sind, so intensiv wie lange nicht mehr: werde ich die nächsten Monate ungeimpft gut überstehen? Komme ich hindurch? Ich und meine Familie? Kommen wir gut hindurch? Die Auseinandersetzung mit dem Thema von Tod und Leben ist viel näher gerückt. Wir kommen an ihr nicht mehr vorbei. Was also zählt jetzt? Was ist jetzt wirklich wichtig? Und wo ist ein Geländer, an dem ich mich verlässlich festhalten kann?

Das Saatgut ist Gottes Wort, sagt das Gleichnis. Es fällt von außen auf den Boden.  Es kommt von außen auf uns zu. Viele Menschen haben in extremen Situationen ihres Lebens die Erfahrung gemacht, dass ein biblisches Wort auf sie zugekommen ist. Dass es für sie zu einem Geländer geworden ist. Das war das Wort „Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir“ aus dem 23. Psalm. Oder „Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt, der spricht zu seinem Gott: meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe“ aus Psalm 91. Oder „Seht, ich bin bei euch alle Tage, bis an das Ende der Welt“ aus Matthäus 28.

Ich bin davon überzeugt, dass es wichtig für uns ist, solch ein biblisches Wort zu suchen.  Oder uns von ihm finden zu lassen. Es hilft, einen dieser Sätze zu meditieren, ihn immer wieder vor sich her zu sagen, laut und leise, auf ihm herum zu kauen wie auf einem guten Stück Schwarzbrot, ihm Raum zu geben, ihn wie ein Mantra in uns arbeiten und wirken zu lassen.

So entsteht langsam etwas Neues. Ganz leise. Und vielleicht erst einmal unbemerkt.  Aber dann überraschend: Ein inneres Wissen wächst heran, eine tiefe Zuversicht, eine friedvolle Erkenntnis: ich bin ja wertvoll und geliebt.  Gott gibt mir einen starken Grund unter meine Füße. Er hält mich fest in seinem Arm. Und die Zukunft, die er für mich bereithält, ist größer und weiter als ich es mir bisher vorstellen konnte.

Gottes Wort kommt von außen auf uns zu. Ja. Und es will in uns hineinfallen wie ein Samenkorn, will in uns wachsen und reifen und zur Blüte kommen. Und so bringt es reiche Frucht.  Eine Frucht, die sich in unserer Zeit zeigen wird als Besonnenheit, als Geduld, als Hoffnung und als ein tiefes Vertrauen. Gott ist da und wird immer da sein. Und genau darin liegt die Kraft unseres Lebens.

Und sein Friede, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus, dem Messias. Amen.

Lied: + 145,1 Gott, du bist die Hoffnung

Fürbitten  
Du, unser Gott, dein Wort ist ein Licht auf unserem Weg. Dein Wort ist die Wonne unseres Lebens. Lass dein Wort blühen in uns, damit es groß bleibt in unserer Seele, damit es Früchte in uns trägt. Damit wir uns davon nähren können in guten wie in schwierigen Zeiten.

Gib uns Geborgenheit in dieser Zeit und hilf uns, gesund zu bleiben an Leib und Seele. Gib uns Orientierung in dieser Zeit und hilf uns, die richtigen Wege zu gehen.

Wir bitten für alle, die krank oder verletzt sind: lass sie Heilung erfahren, hilf, dass wirksame Medizin entwickelt wird. Wir bitten für alle, die im Gesundheitswesen tätig sind:  erfülle sie mit Kraft, mit Geduld und Liebe. Lass sie auch Entlastung und Erholung erfahren.

Wir bitten für alle, die heimatlos sind oder auf der Flucht: lass sie einen sicheren Ort finden.

Wir bitten für alle, die in diesen Tagen um einen lieben Menschen trauern: sei ihnen nahe mit deinem Trost, richte sie auf und führe sie ins Leben zurück.

Wir bitten dich für alle, die verstorben sind: halte sie in deinen Armen geborgen, tröste sie und lass sie das wärmende, liebevolle Licht deines Himmels erfahren.

Und alle unsere Bitten nehmen wir hinein das Vaterunser, das Jesus Christus uns geschenkt hat:

Vaterunser

Segen
Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.
Amen

Gottesdienst am 31.1.2021 mit Video von Pfarrer Johannes Hoeltz

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar.

Musik zum Eingang

Begrüßung mit Votum

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Wir feiern den Letzten Sonntag nach Epiphanias. Eine eigentümliche Weihnachtszeit geht heute zu Ende. Eine Weihnachtszeit, in der vieles gefehlt hat: Gemeinschaft, Familie, Gottesdienste, das Hinzutreten zu der Krippe in der Kirche.
Und doch: nach dieser eigentümlichen Weihnacht lässt der Predigttext aus dem zweiten Petrusbrief es noch einmal weihnachtlich werden bei uns, hier in der Wilhelmskirche und bei Ihnen zuhause. Schön, dass Sie da sind.

Wochenspruch: Über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. (Jes 60,2b)

Musik EG 73 Auf, Seele, auf und säume nicht

Psalm 97
Der Herr ist König; des freue sich das Erdreich
und seien fröhlich die Inseln, so viel ihrer sind.
Wolken und Dunkel sind um ihn her,
Gerechtigkeit und Recht sind seines Thrones Stütze.
Feuer geht vor ihm her
und verzehrt ringsum seine Feinde.
Seine Blitze erleuchten den Erdkreis,
das Erdreich sieht es und erschrickt.
Berge zerschmelzen wie Wachs vor dem Herrn,
vor dem Herrscher der ganzen Erde.
Die Himmel verkündigen seine Gerechtigkeit,
und alle Völker sehen seine Herrlichkeit.
Schämen sollen sich alle, die den Bildern dienen /
und sich der Götzen rühmen.
Betet ihn an, alle Götter!
Zion hört es und ist froh,
und die Töchter Juda sind fröhlich, weil du, Herr, recht regierest.
Denn du, Herr, bist der Höchste über allen Landen,
du bist hoch erhöht über alle Götter.
Die ihr den Herrn liebet, hasset das Arge!
Der Herr bewahrt die Seelen seiner Heiligen;
aus der Hand der Frevler wird er sie erretten.
Dem Gerechten muss das Licht immer wieder aufgehen
und Freude den aufrichtigen Herzen.
Ihr Gerechten, freut euch des Herrn
und danket ihm und preiset seinen heiligen Namen!
Ehre sei dem Vater …

Gebet
Gott, ich danke dir
für die hellen Momente in meinem Leben.
Ich denke an die Zeiten,
in denen ich Liebe erfahre und Herzenswärme spüre.
Wenn ich auf einmal klarer sehe,
welchen Weg ich gehe.
Manchmal bekomme ich eine Ahnung davon,
dass die Welt nicht einfach nur Welt ist.
Sie ist durchlässig für dein himmlisches Licht.
Gott, heute ist ein Sonntag.
Da möchte ich solche hellen Momente zählen,
damit ich an den dunklen Tagen nicht vergesse:
Es gibt Licht.
Ich bitte dich:
Mach diesen Gottesdienst zu einer hellen Stunde für uns!
Sohnes,
Jesus Christus, der uns zum Bruder wurde.
Amen.

Schriftlesung Matthäusevangelium 17, 1-9 DIE VERKLÄRUNG JESU
Und nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus und Jakobus und Johannes, dessen Bruder, und führte sie allein auf einen hohen Berg. Und er wurde verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht. Und siehe, da erschienen ihnen Mose und Elia; die redeten mit ihm. Petrus aber antwortete und sprach zu Jesus: Herr, hier ist gut sein! Willst du, so will ich hier drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine. Als er noch so redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke. Und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören! Als das die Jünger hörten, fielen sie auf ihr Angesicht und fürchteten sich sehr. Jesus aber trat zu ihnen, rührte sie an und sprach: Steht auf und fürchtet euch nicht! Als sie aber ihre Augen aufhoben, sahen sie niemand als Jesus allein. Und als sie vom Berge hinabgingen, gebot ihnen Jesus und sprach: Ihr sollt von dieser Erscheinung niemandem sagen, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist.

Glaubensbekenntnis

Musik EG 69 Der Morgenstern ist aufgedrungen

Predigt - 2 Petr 1,16-19

Die Liebe Gottes und die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!

Liebe Gemeinde,
der Predigttext für den heutigen letzten Sonntag nach Epiphanias steht im 2. Petrusbrief im ersten Kapitel.

Petrus schreibt:

Wir sind nicht ausgeklügelten Fabeln gefolgt, als wir euch kundgetan haben die Kraft und das Kommen unseres Herrn Jesus Christus;
sondern wir haben seine Herrlichkeit mit eigenen Augen gesehen.
Denn er empfing von Gott, dem Vater, Ehre und Preis durch eine Stimme, die zu ihm kam von der großen Herrlichkeit:
Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.
Und diese Stimme haben wir gehört vom Himmel kommen, als wir mit ihm waren auf dem heiligen Berge.
Umso fester haben wir das prophetische Wort,
und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort,
bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen.

Wort des lebendigen Gottes!

Liebe Gemeinde,
mit dem letzten Sonntag nach Epiphanias ist die Weihnachtszeit im Kirchenjahr zu Ende. Und heute zum Ende der Weihnachtszeit wird es noch einmal weihnachtlich. Sehr weihnachtlich.

Unser Predigttext aus dem 2. Petrusbrief lässt uns die Bilder und Motive der Weihnacht, des Heiligabends vor Augen steigen. Noch einmal Weihnachten! Das Lesen dieser Worte des Petrus zaubert mir unwillkürlich den Geschmack von Vanillekipferl, Zimtsternen und Stollen auf die Zunge. Wie schön!

Hört noch einmal:
„das Kommen unseres Herrn Jesus Christus …“
„wir haben seine Herrlichkeit mit eigenen Augen gesehen …“
„mein lieber Sohn …“
„ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort …“
„der Morgenstern [, der] aufgeht in euren Herzen.“

Da ist er: der helle Stern, dem die Weisen aus dem Morgenland folgen.
Da sind sie: die Hirten, in der Dunkelheit bei ihren Schafen vor Bethlehem. Und in dieser Dunkelheit geht ihnen das Licht auf.
Da ist er: der liebe Sohn. Das Kind in der Krippe. Gottes Sohn wird Mensch.
Ja, da ist es: Weihnachten - das Kommen unseres Herrn Jesus Christus in unsere, in seine Welt.
Ja, so ist Weihnachten: es wird hell in unserem Leben. Der Morgenstern geht in unseren Herzen auf.
Und schließlich: wir haben seine Herrlichkeit mit eigenen Augen gesehen.

Und dieses Gefühl von Weihnachten trägt uns durch die Wochen danach weiter bis jetzt zum letzten Sonntag nach Epiphanias. Und Petrus, Petrus versetzt uns noch einmal in diese Stimmung hinein. Danke, Petrus!

Aber halt! So war es doch gar nicht! Nicht dieses Weihnachten! Nicht Heiligabend 2020!

Vielleicht war es so die Heiligabende und Weihnachten davor in unserem Leben: „wir haben seine Herrlichkeit mit eigenen Augen gesehen …“
Wir standen vor der Krippe. In der Kirche. Der Adventskranz, der mit großen roten Kerzen das Kommen der Weihnacht herunterzählte. Dann der Weihnachtsbaum. Das Krippenspiel. Kinder in Engelskostümen. Der Kinderchor sang. Die Christvesper. Und spät am Abend die Christmette. Noch einmal haben wir uns auf den Weg gemacht, spät am Abend. Haben den Zauber dieser heiligen Nacht gespürt.
Wir haben gesungen. Erst im Advent und dann an Weihnachten. „Tochter Zion, freue dich!“ „Stille Nacht, heilige Nacht“, „Ich steh an deiner Krippe hier“. Und wir haben gehört. Die Kantorei hat gesungen.
Und dann der erste Feiertag, das Christfest. Am Tag des Herrn haben wir Abendmahl gefeiert. Wir haben geschmeckt und gefühlt, dass Gott Mensch geworden ist. In Brot und Wein sind wir dem Kind in der Krippe nahe gekommen.
Ja, all die Heiligabende, all die Weihnachten unsers Leben konnten wir, wenn wir uns denn wie die Hirten, wie die Weisen auf den Weg zur Krippe gemacht hatten, zurückkehren mit der Gewissheit in unserem Herzen: „wir haben seine Herrlichkeit mit eigenen Augen gesehen …“

Aber nein! So war es dieses Weihnachten nicht. Die Vanillekipferl, die Zimtsterne, den Stollen, von denen ich sprach, gab es auch in diesem Jahr. Aber was mehr?
Haben Sie es gewagt, zur Christmette in die Dankeskirche zu gehen? Mit Maske und ungutem Gefühl? Mit unseren Kindern wollten wir uns auf den Weihnachtsweg im Wald machen, den Regina Reitz und Pfarrerin Naumann vorbereitet hatten. Aber: abgesagt!
Gewiss, die Fernsehgottesdienste, die vielen Gottesdienste auf YouTube. Gut, dass es sie gibt! Aber ist das vergleichbar? Vergleichbar dem Gang zur Kirche, dem Gang zur Krippe, der Begegnung, dem Miteinander, der Gemeinschaft im Gottesdienst? Ich hatte sogar mit meiner Tochter das Privileg am Online-Familiengottesdienst des Dekanats mitzuwirken. Aber weder die Aufzeichnung Anfang Dezember noch das Anschauen am Heiligabend hat bei mir das Gefühl hinterlassen: „wir haben seine Herrlichkeit mit eigenen Augen gesehen …“

Corona ist ein Elend! Gott sei’s geklagt!
Corona ist ein Elend! Die Toten. Unsere Eltern, Großeltern und Urgroßeltern, die sterben. Unsere Lieben, die eben gerade auch an Heiligabend aus gutem Grund nicht bei uns waren. Alleine in den Seniorenheimen. Alleine in ihren Wohnungen.
Corona ist ein Elend! Von meinen Schülern an der Berufsschule könnte ich erzählen, deren Lernen im home office leidet. Da können noch so viele Video-Konferenzen online durchgeführt werden, da kann noch so viel Kontakt per E-Mail und Telefon gehalten werden, die Lehrerin im Klassenzimmer ersetzt das alles nicht.
Corona ist ein Elend! Ich muss es Ihnen aus Ihren Lebensbereichen nicht erzählen. Sie wissen es nur zu gut.

Corona ist ein Elend! Und es ist eben auch ein geistliches Elend. Ich sehne mich nach Gottesdiensten, nach ganz normalen Gottesdiensten. Einfach in der Kirchenbank sitzen. Zeit für mich, Zeit für Gott. Einmal in der Woche. Den Raum spüren. Die Orgel erleben. Singen. Die Predigt hören. Gemeinsam das Vaterunser sprechen. Gesegnet werden.
Na klar, das machen wir auch jetzt gerade. Und gut, dass Sie dabei sind. Aber es ist einfach etwas anderes.

Vielleicht kann uns Petrus in dieser geistlichen Wüstenzeit, in der wir durch Corona sind, helfen. Vielleicht kann uns Petrus auf die Spur von Weihnachten bringen. Und nein, jetzt meine ich nicht Vanillekipferl und Stollen.

Schauen wir noch einmal genau hin. Ein weihnachtlicher Text ist unser Predigttext, aber von Stall, Krippe, dem Kind, Maria und Josef, den Hirten weiß Petrus nichts. Und vom Weihnachtsbaum in der Kirche, von Christmette und Kantorei weiß Petrus schon gar nichts.
Und mehr noch: er braucht es auch gar nicht. Es geht auch ohne. Erstaunlicherweise. Petrus erzählt von Weihnachten, ohne Weihnachten zu kennen. Oder anders gesagt: Petrus hat ein anderes Weihnachten erlebt. In der Evangeliumslesung haben wir davon gehört und in unserem Predigttext bezieht er sich darauf: „diese Stimme haben wir gehört vom Himmel kommen, als wir mit ihm waren auf dem heiligen Berge.“

Mit seinen engsten Jüngern, Jakobus, Johannes und eben Petrus ist Jesus auf den Berg gestiegen. Und dort oben haben sie Gott erlebt und sie haben Gott in Jesus erlebt: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Petrus hat erlebt: Gott wird Mensch. Gott ist Mensch. In diesem Menschen Jesus, seinen Freund, seinen Meister.

Nichts anderes erzählen die Weihnachtsevangelien nach Lukas und Matthäus, nur eben auf andere Weise. „wir haben seine Herrlichkeit mit eigenen Augen gesehen!“ So sprechen die Hirten, zurückgekommen von der Krippe. So schreibt es Petrus, wieder herunter gestiegen von dem Berg.

So geht Weihnachten. Und eben nicht nur am 24.12. Eben nicht nur in der Advents-, Weihnachts- und Epiphaniaszeit, eben nicht nur von Anfang Dezember bis Ende Januar. Nein, so geht Weihnachten das ganz Jahr über. So geht Weihnachten unser ganzes Leben lang. Gott wird Mensch. Gott ist nicht fern. Gott ist an unserer Seite. Gott ist einer von uns. Und so lädt er uns ein, ihm ähnlich, Gott ähnlich zu werden.

Liebe Gemeinde, ich bin weit davon entfernt, Corona rechtfertigen zu wollen. Ich will auch Corona geistlich nicht verzwecken. Nein, Corona ist einfach nur schlimm. Aber bei all dem Schlechten von Corona möchte ich auch das Gute haben. Ja, es ist schlimm, dass unser Gottesdienstleben, unser geistliches Leben und unser Gemeindeleben zurzeit so stark beschnitten und beeinträchtigt ist. Und ja, es ist gut, zu erkennen, dass Weihnachten nicht auf die schönen Weihnachtsgottesdienste beschränkt ist. Das sagt uns Petrus heute, am letzten Sonntag nach Epiphanias. Heute am Ende dieser eigentümlichen Weihnachtszeit, in der uns so viel gefehlt hat. Aber das Wesentliche, das muss nicht fehlen.

„wir haben seine Herrlichkeit mit eigenen Augen gesehen!“ Solche Weihnachtserlebnisse wünsche ich Ihnen. Wo auch immer und wann auch immer. An Heiligabend 2021 vor der Krippe in der Dankeskirche. Oder vielleicht mitten im Hochsommer. In einem voll besetzen Gottesdienst oder jetzt in der Corona-Einsamkeit.

Ich wünsche Ihnen, Gott zu erleben, zu erleben, wie uns Gott nahe kommt. Ich wünsche Ihnen, dass Sie dann berichten können, so wie die Hirten, so wie Petrus, voller Freude, voller Gewissheit, voller Glauben: „wir haben seine Herrlichkeit mit eigenen Augen gesehen!“
Bleiben Sie bereit! Bewahren Sie sich ein adventliches Herz! Ein waches Herz, das jederzeit mit dem Kommen Jesu in unsere Welt rechnet. Jesu Kommen mitten in diese dunkle Corona-Zeit. Gerade in dieser dunklen Zeit wird das Licht weihnachtlich hell aufleuchten.
Beherzigt, was Petrus uns schreibt:
„Achtet auf das Licht, das da scheint an einem dunklen Ort,
bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus!
Amen.

Musik EG 70 Wie schön leuchtet der Morgenstern

Fürbitte
Gott, du hast über Jesus gesagt:
„Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe;
den sollt ihr hören!“ (Mt 17,5)
Wir hören auf das, was Jesus sagt,
und bringen unsere Bitten vor dich.

Jesus sagt:
Selig sind, die da Leid tragen;
denn sie sollen getröstet werden. (Mt 5,4)
Gott, wir bitten dich für alle,
die leiden und sich nach Trost sehnen.
Guter Gott, unsere Eltern, unsere Großeltern und Urgroßeltern sterben. Lass uns ihre Tode nicht zu einer Zahl in der Corona-Statistik reduzieren. Hilf zu einem Sterben und Abschiednehmen in Würde. Lass die Angehörigen Trost finden in ihrer Trauer.
Nimm dich ihrer an!

Jesus sagt:
Wenn du mit deinem Bruder zürnst
oder deine Schwester etwas gegen dich hat,
versöhne dich. (nach Mt 5,22-24)
Gott, wir bitten dich für Familien, Freundinnen und Nachbarn,
die zerstritten sind.
Gib ihnen die Kraft zur Versöhnung!

Jesus sagt:
Liebt eure Feinde. (Mt 5,44)
Gott, wir bitten dich für die Menschen,
die verfeindet sind.
Wir bitten dich für die Länder,
in denen Krieg herrscht.
Gib Frieden!

Jesus sagt:
Sorgt nicht um euer Leben. (Mt 6,25)
Gott, wir bitten dich für die Menschen,
die sich sorgen,
weil sie nicht genug zum Leben haben,
weil ihnen Schweres bevorsteht.
Sorge du für sie!

Jesus sagt:
Ihr seid das Licht der Welt. (Mt 5,14)
Gott, wir bitten dich für uns,
dass wir eine warme Ausstrahlung haben,
dass wir den Menschen um uns wohltun.
Dein Licht leuchte durch uns!

Stille

Vaterunser

Abkündigungen

Segen

Musik zum Ausgang EG-HN 625 Wir strecken uns nach dir

Gottesdienst am 24.1.2021 mit Video von Pfarrer Rainer Böhm

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar.

Vorspiel           

Begrüßung
Herzlich willkommen zu unserem Gottesdienst am 3. Sonntag nach Epiphanias. Wir feiern und übertragen ihn aus dem Gemeindezentrum Wilhelmskirche – schön, dass Sie mit dabei sind!

“Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes.“ Der Wochenspruch aus dem Lukasevangelium gibt uns das Thema dieses Sonntags vor: Wo Gott zum Orientierungspunkt wird, da spielt die Herkunft keine Rolle mehr. Da gehören alle zu ihm, egal woher sie kommen.

Natürlich sind nicht alle gut, nur weil sie von woanders kommen – oder nur weil sie von hier sind. Aber alle haben verdient, dass man ihre Geschichte hört – auch Ruth und Naomi. Deren Geschichte steht heute im Mittelpunkt.

Wir sind zusammengekommen im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

Psalm  67/ EG 730

Es danken dir, Gott, die Völker
Gott sei uns gnädig und segne uns,
er lasse uns sein Antlitz leuchten,
dass man auf Erden erkenne seinen Weg,
unter allen Heiden sein Heil.
Es danken dir, Gott, die Völker,
es danken dir alle Völker.
Die Völker freuen sich und jauchzen,
dass du die Menschen recht richtest
und regierst die Völker auf Erden.
Es danken dir, Gott, die Völker,
es danken dir alle Völker.
Das Land gibt sein Gewächs;
es segne uns Gott, unser Gott!
Es segne uns Gott,
und alle Welt fürchte ihn!

Eingangsgebet
Aus dem Kleinen kommen wir zu dir, großer Gott.
Wir schauen nicht über das hinaus, was uns umgibt und vergessen deine Weite. Wir brauchen dich für den anderen, weiteren Blick.
Manchmal können wir uns gar nicht vorstellen, dass du der Gott aller Menschen bist.
Manchmal glauben wir, wir hätten dich erkannt.
Manchmal werden wir überheblich und grenzen andere Menschen aus.
Dein Wort, deine Hoffnung, dein Erbarmen, alles, was du uns schenkst, reicht über unseren Horizont hinaus.
Um diesen weiteren Horizont bitten wir dich durch Jesus Christus, deinen Sohn. Amen.

Lesung und Predigttext
Naomi und ihre Schwiegertochter Rut:    Rut 1,1-19  (Übersetzung: Basisbibel)

Es war zu der Zeit, als Richter in Israel regierten. Wieder einmal herrschte Hunger im Land. Da verließ ein Mann die Stadt Betlehem in Juda. Er wollte mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen eine Zeit lang im Land Moab leben. Der Mann hieß Elimelech und seine Frau hieß Naomi. Seine beiden Söhne hießen Machlon und Kiljon. Sie gehörten zur Großfamilie der Efratiter, die aus Betlehem im Land Juda kam.

Sie gingen nach Moab und ließen sich dort nieder. Da starb Naomis Mann Elimelech, und sie blieb mit ihren zwei Söhnen zurück. Die beiden heirateten Moabiterinnen. Eine hieß Orpa und die andere Rut. Ungefähr zehn Jahre lang wohnten sie in Moab. Dann starben auch die beiden Söhne Machlon und Kiljon. Naomi blieb allein zurück, ohne Söhne und Mann.

Naomi machte sich auf und zog aus Moab weg, zusammen mit ihren Schwiegertöchtern. Sie hatte dort nämlich erfahren, dass der Herr sich um sein Volk kümmerte und ihm Brot gab. So verließ sie den Ort, an dem sie gelebt hatte. Die beiden Schwiegertöchter begleiteten sie auf dem Weg zurück ins Land Juda. Unterwegs sagte Naomi zu ihren beiden Schwiegertöchtern: »Kehrt um! Geht zu euren Müttern zurück! Der Herr soll euch genauso lieben, wie ihr die Verstorbenen und auch mich geliebt habt. Er soll dafür sorgen, dass ihr ein neues Zuhause findet bei neuen Ehemännern. Naomi küsste die beiden. Aber sie weinten laut und baten Naomi: »Lass uns mit dir zu deinem Volk zurückkehren!«

Musik

Doch Naomi erwiderte: »Kehrt um, meine Töchter! Warum wollt ihr mit mir gehen? Ich kann keine Söhne mehr zu Welt bringen, die euch heiraten würden. Kehrt um, meine Töchter! Geht! Ich bin einfach zu alt für eine neue Ehe. Selbst wenn ich es nicht wäre –wenn ich noch heute Nacht mit einem Mann schlafen und danach Söhne zur Welt bringen würde: Wollt ihr wirklich warten, bis sie groß sind? Wollt ihr euch so lange einschließen und mit keinem Mann verheiratet sein? Nein, meine Töchter! Mein Schicksal ist zu bitter für euch! Die Hand des Herrn hat mich getroffen.« Da weinten die beiden noch lauter. Orpa küsste ihre Schwiegermutter zum Abschied. Aber Rut blieb bei Naomi.

Noomi sagte zu Rut: »Schau! Deine Schwägerin ist umgekehrt zu ihrem Volk und zu ihrem Gott. Mach es wie sie: Kehr um!« Aber Rut antwortete: »Schick mich nicht fort! Ich will dich nicht im Stich lassen. Ja, wohin du gehst, dahin gehe auch ich. Und wo du bleibst, da bleibe auch ich. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott! Wo du stirbst, da will auch ich sterben, und da will ich auch begraben sein. Der Herr soll mir antun, was immer er will! Nichts kann mich von dir trennen außer dem Tod.« Naomi sah, dass Rut entschlossen war, mit ihr zu ziehen. Da hörte sie auf, es ihr auszureden. So wanderten sie gemeinsam nach Betlehem.

Lied     593, 1 – 3            Licht, das in die Welt gekommen

Predigt
Die Gnade Gottes, die Liebe unseres Herrn Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

Liebe Gemeinde,
die Zeit des Buches Ruth, die sog. Richterzeit, liegt über 3000 Jahre zurück. Europa ist noch kaum zur Geschichte erwacht. Weite Landstriche sind noch nicht gerodet. Die Menschen leben unter einfachsten Bedingungen. Im vorderen Orient aber ist die Kultur schon lange erwacht. In Israel gibt es bereits Städte, aber noch keinen Staat, keinen König, sondern Richter. Im Land herrscht tiefste wirtschaftliche Not. Die Landwirtschaft ist mühselig, dem Handel bleiben die Kunden aus. Wer nur irgend kann, geht woanders hin. Denn dort in der Fremde lockt die Chance eines besseren Lebens.

So war es vor dreitausend Jahren im Orient, als Elimelech mit seiner Frau Naomi von Bethlehem nach Moab zog. So war es, als viele Deutsche vor vierhundert Jahren in den Osten aufbrachen oder vor zweihundert in die andere Richtung nach Amerika – oder nach dem Krieg als Flüchtlinge oder Vertriebene hierher in den Westen kamen. So ist es auch, wenn Soldaten von ihrer Regierung in ein anderes fernes Land geschickt werden und dort ihre Liebe finden. Und dann in Friedberg oder Bad Nauheim Fuß fassen, wie Elvis oder viele andere amerikanische Soldaten. Und etliche deutsche Frauen folgten ihnen in ein besseres Leben.

Und so war es auch 2016 bei dem berühmten „Wir schaffen das“ unserer Kanzlerin: als sich, wie immer noch, tausende von Menschen aus den armen Regionen unserer Erde auf den Weg gemacht haben und es immer noch machen – sie kommen nur nicht mehr bis zu uns. Die Wirtschaft, die Politik, die Geschichte, die persönlichen Verhältnisse wirbeln immer wieder die Menschen, das Leben durcheinander.

Grenzgänger – die Bibel ist voll davon. Der Kämmerer aus Äthiopien, der unterwegs getauft wird; Mose, der sein Volk aus Ägypten bis in das gelobte Land führt; Maria und Josef, die bald nach der Geburt ihres Kindes gezwungen sind, ihr Land zu verlassen, weil sie bedroht sind und es dort kein Leben für sie mehr gibt: Die Bibel ist voller Geschichten über Menschen, die fliehen und Grenzen überschreiten.

„Sie kommen von Osten und Westen, von Norden und Süden“: Meine Großeltern kamen aus dem Osten, aus dem Sudetenland. Haus, Fabrik und Sägewerk, die schönen Parks und das Theater- und Opernhaus von Teplitz – sie mussten alles zurücklassen. Den einzigen Wertgegenstand, den mein Vater dabeihatte, eine Armbanduhr, musste er an der Grenze abgeben. Grenzgänger. Und es war nicht gerade so, dass man hier mit offenen Türen auf die Vertriebenen und Geflüchteten gewartet hätte.  „Kalte Heimat“ heißt ein Buch über diese Zeit in Deutschland.

Solche Grenzgänger haben wir zum Glück auch in unserer Gemeinde: Christinnen und Christen, aber auch Muslime aus Syrien, dem Iran, Äthiopien. Aus dem Süden jetzt also. Einige Menschen in unserer Gemeinde haben sich von Anfang an für die zu uns Geflüchteten eingesetzt und tun dies bis heute. Wenn es um die Sprache oder die Wohnung geht, die Arbeit und vor allem die Aufenthaltserlaubnis.

Moab liegt östlich von Israel. Dort starb Elimelech schon nach kurzer Zeit. Die Söhne aber heirateten Moabiterinnen, weil sie sich heimisch fühlten in diesem Land. Aber auch die Söhne starben früh und kinderlos – und hinterließen dadurch drei mittellose Frauen. Da besinnt sich Naomi auf ihre Heimat, aus der es inzwischen wieder bessere Nachrichten gibt. Und ihre Schwiegertöchter begleiten sie bis vor die Grenze. Dort wird Naomi klar, dass ihre beiden Schwiegertöchter in ihrer eigenen Heimat, bei ihren leiblichen Müttern mehr Möglichkeiten haben – deshalb gibt sie sie nun frei. Freiheit ist die Grundbedingung von Liebe.

Orpa entscheidet sich dafür, in ihrer Heimat zu bleiben. Und so trennen sich ihre Lebenswege, den Ruth sagt das große Wort, das zu einem beliebten Trauspruch wurde: „Bedränge mich nicht, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte. Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. 17 Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden. Der HERR tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden.“ (Luther 2017)

Deutlicher kann man es kaum ausdrücken. Was als Geschenk leben bedeutet, wird als Forderung zum Tod. Mit diesem Vers schenken sich Menschen einander, schenken einander ihr Leben. Und indem sie sich verschenken, werden sie unendlich reich. Ruth wird zur Grenzgängerin, die sich ganz auf Neues einlassen kann. Und es lag der Segen Gottes auf dem Lebensweg der Ruth, die zur Großmutter Davids wurde, und zur Ahnfrau Jesu.

Ein schon immer erstaunlicher Text, ein wunderschönes Buch. Goethe hat es als seicht abgetan. Das finde ich nicht. Vielleicht war es glaubenspolitisch gemeint: als Gegenposition zu den gesetzestreuen Schriftgelehrten, die schon damals Mischehen abgelehnt haben. Davids Stammbaum beruht auf Mischehen.  Und in vielen unserer Familien ist das ja auch heute ein Thema.

Ich persönlich bewundere diese Grenzgängerin.  Ihren Mut, ihr Offenheit, ihr Vertrauen. Davon würde ich mir manchmal gerne eine Scheibe abschneiden. Denn auch wir müssen uns doch immer wieder auf etwas ganz Neues, Unbekanntes einlassen – uns neu einlassen auf Gott, der einen anderen, neuen, unbekannten Weg mit uns gehen will.

Und dann schaue ich mich um und bin überrascht: Solche Grenzgänger gibt es hier bei uns, in unserer Gemeinde. Und sogar in meiner eignen Familie. Da müsste es doch auch mir möglich sein …

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen

Lied    395                        Vertraut den neuen Wegen

Fürbitte
Gott, in Jesus Christus offenbarst du uns deine Liebe zur Welt.
Wir bitten dich: Lass dein Wort und deine Hoffnung stark in uns werden. Dass wir frei werden von dem Blick, der nur uns selbst gilt.
Schenke uns Kraft und Mut das zu tun, was vor uns liegt, den Nächsten im Blick.
Wir bitten dich für die Völker der Erde in Nord und Süd, in Ost und West:
Dass sie einander Vertrauen schenken, dass sie sich miteinander auf den Weg machen
Und mit vereinten Kräften einander dienen.
Wir bitten dich für die Kirchen:
Dass sie ihren Platz an er Seite der Ärmsten finden und sich ohne Furcht überall für Frieden und Gerechtigkeit einsetzen.
Wir bitten dich für die vielen Menschen, die sich auf den Weg gemacht haben auf der Suche nach Leben und Auskommen,
dass Lager und kleine Boote, dass Kälte und Nässe keine Endstation werden sondern ein Ausgangspunkt sind.
Und wir bitten dich für uns selbst:
Dass uns keine Zeit zu kostbar und kein Weg zu weit ist, wenn andere uns brauchen.

Unsere Bitte, unseren Dank legen wir in das Gebet, das uns Jesus Christus gelehrt hat:

Vater Unser

Lied:        614, 1 – 3            Lass uns in deinem Namen, Herr

Segen

Nachspiel

Gottesdienst am 17.1.2021 von Pfarrerin Susanne Pieper

Musik

Begrüßung
Wir feiern Gottesdienst. Das Weihnachtsfest tragen wir noch in unseren Herzen, zugleich aber hat das Andere uns schon wieder fest im Griff: der Beruf, die Schule, die alltäglichen Aufgaben.  Doch jetzt feiern wir den Gottesdienst.  Aus der Wilhelmskirche in Bad Nauheim begrüße ich Sie und euch dazu herzlich -  an den Laptops, den Tablets und den Smartphones.

Gottesdienst -  das ist wie ein Fest, das den Alltag unterbricht. Wir lassen uns darin berühren von Gottes Reich, das wir schon hier und jetzt immer wieder einmal spüren können. Auch der biblische Spruch der neuen Woche lässt uns davon etwas erahnen. Im 1. Kapitel des Johannesevangeliums, Vers 16 steht er geschrieben: „Aus seiner göttlichen Fülle hat er uns beschenkt, hat uns mit Güte überschüttet.“

Wir feiern den Gottesdienst im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Psalm 23
Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führt mich zum frischen Wasser. Er erquickt meine Seele. Er führt mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück. Denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbst mein Haupt mit Öl und schenkst mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.

Gebet
Du, Quelle unserer Kraft, wir blicken zurück auf unser Leben und sehen: du hast uns schon reich beschenkt. Und täglich neu beschenkst du uns mit deiner Gegenwart. Du willst uns auch heute begleiten, willst unserem Leben Sinn und Ziel geben.

Deshalb wagen wir es mit dir, auch wenn wir nicht wissen, wohin die Wege gehen, die du mit uns gehst.

Deinen Glanz suchen wir in unseren Tagen. Darum bitten wir: Komm zu uns.  Sprich uns an mit deinem guten, heilenden Wort.
Amen.

Lied: EG 66,1.4.5 Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude

Lesung aus Johannes 2,1-12
Am dritten Wochentag fand eine Hochzeit in Kana in Galiläa statt, und die Mutter Jesu war dort. Auch Jesus und seine Jünger waren zur Hochzeit eingeladen.
Als der Wein ausgegangen war, sagte die Mutter Jesu zu ihm: „Sie haben keinen Wein mehr!“ Jesus aber sagte zu ihr: “Was haben wir miteinander zu tun, Frau? Meine Zeit ist noch nicht gekommen.“ Seine Mutter sagte zu den Bediensteten: „Was auch immer er euch sagt, das tut!“
Nun standen dort sechs steinerne Wasserkrüge. Man benutzte sie für die Waschungen, die nach dem jüdischen Gesetz nötig sind. Jeder von ihnen fasste 100 Liter. Jesus sagte zu den Bediensteten: „Füllt die Krüge mit Wasser!“ Und sie füllten sie bis zum Rand. Und er sagte zu ihnen: „Schöpft jetzt etwas davon und bringt es dem Küchenchef!“ Und sie brachten es ihm. Der Mann probierte das Wasser: es war zu Wein geworden! Er wusste allerdings nicht, woher der Wein kam. Nur die Diener wussten Bescheid.
Da rief er den Bräutigam zu sich und sagte zu ihm: „Alle Menschen schenken zuerst den guten Wein aus, und erst dann, wenn die Gäste schon betrunken sind, kommt der billigere Wein auf den Tisch. Du aber hast den guten Wein bis jetzt aufgehoben.“
So vollbrachte Jesus im Dorf Kana in Galiläa sein erstes Wunderzeichen. Er offenbarte damit seinen göttlichen Glanz, und seine Jünger glaubten an ihn. Danach ging er mit seiner Mutter, seinen Brüdern und seinen Jüngern nach Kapernaum. Und sie blieben einige Tage dort.

Ansprache
Gottes Liebe, die Gnade unseres Herrn und Bruders Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Liebe Gemeinde,

die Hochzeit ist in vollem Gange. Ein Fest der Liebe, ein Fest der Freude und des Lebens. Es wird gefeiert, mehrere Tage lang. Der Duft von Köstlichkeiten erfüllt den Festsaal: gebratenes Lamm, Oliven, süße Feigen und gefüllte Datteln.  Musik und Tanzen, Singen und ausgelassene Freude, Genuss pur. Und mit Jesus und seiner Mutter sind noch viele andere Gäste eingeladen. Das ganze Dorf feiert mit. Da kann eigentlich nichts mehr schiefgehen, möchte man meinen.

Maria beobachtet hinter einer Tür des Festraumes das fröhliche Treiben. Sie war dabei bei der Vorbereitung des großen Festmahls. Sie gehört zum Team, das alles organisiert hat. Und ihrem wachen Blick entgeht es nicht, dass sich immer mehr Weingläser leeren. Sie bemerkt es als erste, dass der Wein ausgeht.

Eine schwierige, ja außerordentlich peinliche Situation bahnt sich da für das Brautpaar an. Möglicherweise sogar das abrupte Ende einer unbeschwerten Feier. Unerträglich diese Vorstellung für jede, die schon einmal eine große Feier ausgerichtet hat. Maria überlegt, was sie tun könnte, um das Fest zu retten.

Sie bittet ihren Sohn zu helfen. Ist er nicht gerade mit einigen jungen, kräftigen Freunden gekommen?  Vielleicht könnten sie in der Umgebung Nachschub besorgen oder ihm fällt etwas Anderes ein.

„Sie haben keinen Wein mehr.“ Ein Satz mit Aufforderungscharakter. Zwischen den Zeilen ist viel zu hören. Schroff und unwirsch reagiert der Sohn darauf, der Erwachsene, der, der inzwischen sogar Lehrer ist und seine Schüler dabei hat: „Was haben wir miteinander zu tun, Frau?“ Er nennt sie nicht einmal Mutter! Als wollte er alle alten Bindungen kappen, als wollte er sich abbeißen vom Elternhaus. Erwachsene Kinder fühlen sich oft angefixt, wenn sie Sätze mit Appellcharakter von den Eltern hören: „Du brauchst mir nicht zu sagen, was ich zu tun habe. Das ist jetzt ganz allein meine Sache!“ Es klingt wie die letzte Ablösung: „Meine Stunde ist noch nicht gekommen!“

Maria hält das aus, dass er sich so entschieden abgrenzt. Als würde sie diese Unfreundlichkeit ihres Sohnes überhören.  Sie ruht in sich. Und sie ist sich sicher, dass er ihre Botschaft trotzdem verstanden hat. Er wird etwas tun – was auch immer. Voller Vertrauen wendet sie sich an die Diener: “Was er euch sagt, das tut!“

Und wenig später tritt der Sohn tatsächlich in Aktion.  Er lässt die Wasserkrüge mit frischem Wasser füllen, bis zum Rand. Und wie von Zauberhand wird ein ganz besonderer Wein daraus -  ein Wein der Extraklasse. In Hülle und Fülle, 600 Liter, das wären heute 750 Flaschen Wein. Nun kann in vollen Zügen weitergefeiert werden, bis das Fest zuende ist.

Ein Wunder, ein erstes Zeichen, das Jesus in die Öffentlichkeit hinein setzt -  auch wenn es nur im Stillen geschehen ist, auch wenn es nur einige Wenige bemerkt haben.

Was ist hier passiert? Was bedeutet es, dass Jesus solch ein Zeichen tut?

Es bedeutet, dass Jesus radikal dem Leben zugewandt ist. Er spürt, was die Menschen in einer bestimmten Situation brauchen. Und was jetzt gerade dran ist. Er ist wach und aufmerksam. Hier rettet er ein gefährdetes Fest. Dieses Fest soll gelingen für das junge Paar – es soll ein verheißungsvoller, fröhlicher Auftakt sein für ihr Leben, das noch genug harte Tage mit sich bringen wird. Mit dem, was er tut, segnet er die Partnerschaft der beiden. Er rettet den gefährdeten Anfang. Und wenn ich mir Jesus irgendwo in den Evangelien ausgelassen und fröhlich vorstellen kann, dann hier: wie er dem jungen Paar aus tiefstem Herzen ein frohes „Lechajim“ zuprostet.

Die große Zeit seines Wirkens beginnt mit einer Hochzeit. Mit Freude und Leichtigkeit, mit Musik und Gesang, Speis und Trank als Vorgeschmack auf das anbrechende Reich Gottes. So öffnet Jesus mit seinem ersten Zeichen das Tor zum Himmelreich einen kleinen Spalt weit.  Wo er kommt, wo er eingeladen wird, da bringt er Freude, Fülle und Glanz mit. Mitten im Leben.

Das ist gut zu wissen und zu hören. Mitten im kalten Januar. In diesen schwierigen und herausfordernden Zeiten, in denen wir uns danach sehnen, wieder einmal ausgelassen zu sein wie die Gäste in Kana damals, zu feiern und zusammen zu sein. Unsere Familienfeste zu feiern. Eine Hochzeit.  Eine Taufe oder eine Konfirmation. Ich glaube, in diesen Zeiten leben wir davon, dass wir unsere Erinnerungen wachhalten an die frohen Momente, an die festlichen Zeiten, die wie Lichtpunkte in unserem Leben strahlen. Und wir leben von der Zuversicht, dass sie wieder möglich sein werden!

Die Geschichte von Kana bringt mich zugleich ins Fragen:

Gibt es auch heute noch Wunder? In unserer komplizierten, verwundeten und zerbrechlichen Welt? In dieser Welt, die wie auf den Kopf gestellt wirkt?

Ich glaube, dass Gott auch heute, in unserer Welt, seinen Glanz leuchten lässt. Er will die Menschen glücklich sehen. Das lernen wir aus der Geschichte von Kana. Und wir sind gefragt, ob wir uns die Zeit nehmen, nach innen zu hören, mitten in unserem Alltag und in unseren Häusern. Ob wir neugierig genug sind, ob wir offen genug sind, die Zeichen Gottes in unserem Leben zu erkennen.

Für mich lässt Gott seinen Glanz leuchten, wo Menschen einander Freude machen.  Wo sie aufeinander achten, nacheinander fragen und füreinander einstehen. Wo sie sich unterstützen und trösten. Da öffnet sich das Tor zum Himmelreich schon einen Spalt.

Gott lässt für mich seinen Glanz leuchten, wo Menschen Heilung erfahren -  Gesundung nach einer Erkrankung, wo sie ins Leben zurückfinden nach tiefer Trauer, wo sie aufgerichtet werden und neue Hoffnung schöpfen.

Zuletzt war das Weinwunder nicht weniger als ein Schöpfungsakt. Ein Wunder ist es für mich auch, wenn Menschen aus Antigenen und ganz verschiedenen Inhaltsstoffen ein medizinisches Heilmittel entwickeln, das den Menschen zugute kommt und ihr Leben schützt. Der Impfstoff und die Erkenntnisse unserer Forscher -  auch sie sind ein Wunder unserer Zeit. Auch durch sie lässt Gott heute seinen Glanz leuchten. Er will die Menschen glücklich sehen.

Und Gottes Friede, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.
Amen.

Lied: EG 632,1-4 Wenn das Brot, das wir teilen, als Rose blüht

Fürbitten
Lichtvoller Gott,
du lässt deinen Glanz leuchten unter uns, wo wir liebevoll miteinander umgehen. Da zeigt sich dein Himmel schon mitten in unserer Welt. Lass uns die guten, frohen Momente unseres Lebens genießen. Bringe uns dazu, sie zu erinnern und lass sie groß bleiben bei uns.

Wir bitten dich für alle, die in ihrem Leben keine schönen Seiten mehr sehen können. Lass sie aufatmen. Schenke ihnen eine neue Hoffnung.
Wir bitten dich für die vielen Menschen, die krank sind. Stärke sie in ihrer Angst und Not und stehe ihnen bei.

Wir bitten dich für alle Frauen und Männer im medizinischen Dienst, für alle, die sich um jeden Einzelnen  sorgen. Erfülle sie mit Geduld, mit Kraft und Durchhaltevermögen. Lass sie Zeiten zur Entspannung finden.

Wir bitten dich für alle, die in dieser Zeit um einen lieben Menschen trauern. Führe sie durch das Tal der Dunkelheit hindurch.  Sei du ihnen nahe und trockne ihre Tränen.
Unser Gott, sei du bei uns allen.  Wir bitten dich um deinen Segen.  Lass deinen Glanz leuchten unter uns.

Und gemeinsam beten wir das Vaterunser

Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
Und die Kraft
Und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Abkündigungen

Segen
Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.
Amen

Musik

Gottesdienst am 10.1.2021 mit Video von Pfarrerin Meike Naumann

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar.

Musik zum Eingang

Begrüßung mit Votum

Herzlich willkommen zu unserem Gottesdienst. Gefühlt ist Weihnachten schon wieder ganz weit weg, dabei sind es gerade mal 2 Wochen. Das neue Jahr hat begonnen und nimmt uns ganz hinein in seinen Bann. Aber die Geburt im Stall das war nicht nur ein Traum. Die Geschichte von Jesus ging weiter. Zu Beginn seines Wirkens lässt Jesus sich von Johannes im Jordan taufen. Und allerspätestens als die Stimme Gottes zu hören ist, die sagt: „Dies ist mein geliebter Sohn!“ allerspätestens wird deutlich: Dieser Jesus ist mit Gottes Geist erfüllt. Auf ihn sind wir alle Christinnen und Christen getauft. Nicht, weil wir so besonders großartig wären, sondern weil er uns liebt. So ermutigt feiern wir unseren Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Musik

Psalm 89,2-5.27-30
2Ich will singen von der Gnade des Herrn ewiglich
und seine Treue verkünden mit meinem Munde für und für;
3denn ich sage: Auf ewig steht die Gnade fest;
du gibst deiner Treue sicheren Grund im Himmel.
4»Ich habe einen Bund geschlossen mit meinem Auserwählten,
ich habe David, meinem Knechte, geschworen:
5Ich will deinem Geschlecht festen Grund geben auf ewig
und deinen Thron bauen für und für.« SELA.
Er wird mich nennen: Du bist mein Vater,
mein Gott und der Hort meines Heils.
28Und ich will ihn zum erstgeborenen Sohn machen,
zum Höchsten unter den Königen auf Erden.
29Ich will ihm ewiglich bewahren meine Gnade,
und mein Bund soll ihm fest bleiben.
30Ich will ihm ewiglich Nachkommen geben
und seinen Thron erhalten, solange der Himmel währt.

Gebet
Himmlischer Vater,
du hast uns in unserer Taufe dazu berufen,
deine Kinder zu sein.
Wir danken dir, dass du uns mit deinem Heiligen Geist
begabst und immer neu beschenkst.
Hilf uns, dass wir nach deiner Verheißung leben,
als deine Kinder, die du mit Liebe beschenkst
und mit Weisheit begabst.
Dies bitten wir im Namen deines Sohnes,
Jesus Christus, der uns zum Bruder wurde.
Amen.

Schriftlesung Matthäus 3,13-17
Jesu Taufe
(Mk 1,9-11; Lk 3,21-22; Joh 1,32-34)
13Zu der Zeit kam Jesus aus Galiläa an den Jordan zu Johannes, dass er sich von ihm taufen ließe. 14Aber Johannes wehrte ihm und sprach: Ich bedarf dessen, dass ich von dir getauft werde, und du kommst zu mir?
15Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Lass es jetzt zu! Denn so gebührt es uns, alle Gerechtigkeit zu erfüllen. Da ließ er’s ihm zu.16Und als Jesus getauft war, stieg er alsbald herauf aus dem Wasser. Und siehe, da tat sich ihm der Himmel auf, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube herabfahren und über sich kommen. 17Und siehe, eine Stimme aus dem Himmel sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.

Glaubensbekenntnis

Musik

Predigt

Predigttext
Brief an die Gemeinde in Rom 12,1-8
1Ich ermutige euch, Geschwister: Verlasst euch auf Gottes Mitgefühl und bringt eure Körper als lebendige und heilige Gabe dar, an der Gott Freude hat. Das ist euer vernunftgemäßer Gottes-Dienst. 2Schwimmt nicht mit dem Strom, sondern macht euch von den Strukturen dieser Zeit frei, indem ihr euer Denken erneuert. So wird euch deutlich, was Gott will: das Gute, das, was Gott Freude macht, das Vollkommene.
3Erfüllt von der Zuneigung Gottes, die mir geschenkt wurde, sage ich nun einer jeden und einem jeden von euch: Überfordert euch nicht bei dem, wofür ihr euch einsetzt, achtet auf eure Grenzen bei dem, was ihr vorhabt. Denn Gott hat jedem und jeder ein bestimmtes Maß an Kraft zugeteilt, Vertrauen zu leben. 4Denkt an unseren Körper. Er ist eine Einheit und besteht aus vielen Körperteilen, aber nicht jedes Teil hat dieselbe Aufgabe. 5So sind wir, obwohl wir viele sind, doch ein einziger Körper in der Gemeinschaft des Messias. Einzeln betrachtet sind wir Körperteile, die sich füreinander einsetzen. 6Wir haben jeweils unterschiedliche Fähigkeiten, die uns in göttlicher Zuwendung geschenkt wurden:
Wer die Gabe hat, prophetisch zu reden, nutze sie, um deutlich zu machen, welches Handeln dem Vertrauen auf Gott entspricht. 7Wer die Gabe hat, für andere zu sorgen, nutze sie zum Wohl der Gemeinschaft. Wer die Gabe hat zu lehren, nutze sie, um andere am Wissen teilhaben zu lassen. 8Wer die Gabe hat zu trösten, nutze sie, um andere zu ermutigen. Wer mit anderen teilt, sei aufrichtig dabei. Wer eine Leitungsaufgabe übernimmt, fülle sie mit Begeisterung aus. Wer solidarisch mit anderen lebt, soll es heiter tun.

Liebe Gemeinde,

bevor ich vor 5 Jahren hier in unserer Kirchengemeinde die Pfarrstelle Ost übernommen habe, (damals noch zusammen mit dem Kollegen Dr Becke), war ich 10 Jahre im Schuldienst tätig. Erst in Herborn am Gymnasium, dann an der St Lioba Schule hier in Bad Nauheim. Es war eine Arbeit, die mir viel Spaß gemacht. Inhalte und Werte zu vermitteln an junge Menschen; mit ihnen im Dialog zu sein. Gemeinsam einen Weg gehen. Dazu gehört auch ganz oft die Jugendlichen zu ermutigen. Sie zu unterstützen, indem was sie gerade tun, wo sie gerade dran sind. Und es ist toll zu beobachten, welche Fähigkeiten da zu Tage kommen, wie Erlerntes angewendet wird, wie aus Frustration und Resignation wieder Mut und Lebensfreude wird. Sie kennen das vielleicht von ihren eigenen Kindern. Als Eltern ist man immer wieder gefordert zu ermutigen. Das fängt bei den Kleinsten an, wenn der Frust groß ist, weil das mit dem Laufenlernen nicht so schnell klappt, wie gewünscht. Und es zieht sich durch das ganze Leben durch. Eigentlich hört es nie auf. Wir Menschen brauchen immer wieder andere, die uns Mut zu sprechen. Die für uns da sind, wenn wir in einer Sackgasse feststecken Wenn einfach alles schiefläuft. Und wie gut ist es da jemanden zu haben, der einen in den Arm nimmt oder einfach ein aufmunterndes Wort findet. Und es tut auch dem gut, der helfen kann. Es ist eine schöne und gute Erfahrung, helfen zu können. Ermutigen zu können. Das erfüllt und befriedigt zutiefst. Kirche nimmt auf ganz unterschiedliche Weise diese Aufgabe wahr, Menschen zu ermutigen. In der Seelsorge, der Lebensberatung, in Gruppen und Kreisen, in den Kindergärten und der Arbeit mit Jugendlichen usw.

Im Evangelium für den heutigen Sonntag hörten wir davon, wie eine Stimme aus den Himmeln zu hören war und Jesus ermutigte: „Dieses ist mein geliebtes Kind, ihm gehört meine Zuneigung.“ (Mk 1,11 eigene Übersetzung)

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mir helfen meist ermutigende Worte mehr als gutgemeinte Ratschläge, die ganz genau vorschreiben, wie das Problem zu lösen ist. Noch besser ist es, gemeinsam zu überlegen und auszuprobieren, wie etwas funktionieren kann. Ein klassisches Beispiel ist da vielleicht dieses:

Wenn die (Groß-)mutter lernen möchte, wie sie eine Story auf instagram postet und verbreitet, hilft es nichts, wenn die Enkeltochter das Smartphone nimmt und alles schnell alleine tippt, sondern sie muss der (Groß-)mutter nur erklären, wie es geht. Die aber muss selber die Funktionen, die Tasten ausprobieren, selber tippen und ermutigt werden, zu probieren. Dann kann sie es bald alleine. Ähnlich geht es mir auch bei größeren Herausforderungen im Leben.
 
„Ich ermutige euch, Geschwister“. (Röm 12,1 BIGS 2011) Mit diesen Worten beginnt der heutige Predigttext. Wir haben ihn vorhin als Epistel gehört. Paulus schreibt ihn an die Gemeinde in Rom. Ermutigung brauchen die Menschen dort. Das Leben ist nicht leicht. Rom war damals das, was wir heute als eine Mega-City bezeichnen. Groß, reich, mächtig und strahlend, aber zugleich auch arm, verelendet, gewaltvoll. Ich stelle mir vor, wie die die, die sich zu Christus zählen, abends nach einem langen anstrengenden Tag zusammenkamen. Einige von ihnen hungrig, weil sie am Tage nicht genügend Geld für Essen verdient hatten. Sie hoffen, dass andere ihnen etwas zu essen mitgebracht haben, dass Speisen geteilt werden. Alle eint, dass sie anders leben wollen, als sie es jetzt tun. Sie sehnen sich nach einer gerechteren Welt. Sie wollen die Gebote der Tora, der Heiligen Schrift, halten, können es aber nicht, denn die Gesetze und das System des römischen Reiches sehen ein anderes Leben und andere Regeln für alle vor. Ich stelle mir vor, wie eine den Brief des Paulus in den Händen hält und aus ihm vorliest. „Ich ermutige euch, Geschwister“. Aufbauende Worte!
„Ich ermutige euch, Geschwister: Verlasst euch auf Gottes Mitgefühl und bringt eure Körper als lebendige und heilige Gabe dar, an der Gott Freude hat. Das ist euer vernunftgemäßer Gottes-Dienst. 2Schwimmt nicht mit dem Strom, sondern macht euch von den Strukturen dieser Zeit frei, indem ihr euer Denken erneuert. So wird euch deutlich, was Gott will: das Gute, das, was Gott Freude macht, das Vollkommene.“ (Röm 12,1-2 BIGS 2011)

Paulus ermutigt zu einem guten Leben, das Gott gefällt. Ein Leben, das nicht dem Mainstream entspricht. Ein Leben, das anders ist, das sich nicht von den herrschenden römischen Idealen leiten lässt, wo nur die Stärkeren gewinnen. Wo militärische Durchschlagskraft zählt. Wo es ein äußerst komfortables Oben für wenige und ein bitteres Unten für viele gibt. Wo Ausbeutung und Gewalt, auch sexualisierte Gewalt, ganz normal sind. Wo nach unten hin getreten wird.

„Schwimmt nicht mit dem Strom.“ (Röm 12,2 BIGS 2011)
Wer nicht mit dem Strom schwimmen möchte, braucht Mut, Ermutigung, Unterstützung. Es ist anstrengend. Damals wie heute. Paulus versichert den Menschen damals, dass Gott an und auf ihrer Seite ist. Mit diesem Zuspruch ruft er auf: „Bringt eure Körper als lebendige und heilige Gabe dar.“ (Röm 12,1 BIGS 2011)

So ermutigt Paulus die Versammelten, sich für Gott einzusetzen. Nicht irgendwie abstrakt, sondern ganz konkret mit dem Körper.

Wer sich für Gott einsetzt, wer aufsteht, aus dem Mainstream ausbricht, sich widersetzt, gegen den Strom schwimmt, braucht dafür eine Gemeinschaft, die diesen Dienst an Gott mitträgt. Es gibt Grenzen, denn so ein Dienst ist anstrengend. Deshalb schreibt Paulus weiter:

„Erfüllt von der Zuneigung Gottes, die mir geschenkt wurde, sage ich nun einer jeden und einem jeden von euch: Überfordert euch nicht bei dem, wofür ihr euch einsetzt, achtet auf eure Grenzen bei dem, was ihr vorhabt. Denn Gott hat jedem und jeder ein bestimmtes Maß an Kraft zugeteilt, Vertrauen zu leben.“ (Röm 12,3 BIGS 2011)

Wie ermutigend diese Mahnung, sich nicht zu überfordern! Stellen auch Sie sich manchmal die Frage, ob Sie auch wirklich genug tun, die Zeit nicht verplempern, sondern Ihre Fähigkeiten voll und ganz ausschöpfen? Wie ermutigend ist es zu lesen, dass ich auch Pausen einlegen darf, dass andere auch da sind. Paulus ermutigt weiter, indem er die Gemeinschaft betrachtet und darum wirbt, sie einmal genauer wahrzunehmen:

„Denkt an unseren Körper. Er ist eine Einheit und besteht aus vielen Körperteilen, aber nicht jedes Teil hat dieselbe Aufgabe. So sind wir, obwohl wir viele sind, doch ein einziger Körper in der Gemeinschaft des Messias. Einzeln betrachtet sind wir Körperteile, die sich füreinander einsetzen. Wir haben jeweils unterschiedliche Fähigkeiten, die uns in göttlicher Zuwendung geschenkt wurden:
Wer die Gabe hat, prophetisch zu reden, nutze sie, um deutlich zu machen,
welches Handeln dem Vertrauen auf Gott entspricht.
Wer die Gabe hat, für andere zu sorgen,
nutze sie zum Wohl der Gemeinschaft.
Wer die Gabe hat zu lehren,
nutze sie, um andere am Wissen teilhaben zu lassen.
Wer die Gabe hat zu trösten, nutze sie, um andere zu ermutigen.
Wer mit anderen teilt, sei aufrichtig dabei.
Wer eine Leitungsaufgabe übernimmt, fülle sie mit Begeisterung aus.
Wer solidarisch mit anderen lebt, soll es heiter tun.“ (Röm 12,4-8 BIGS 2011)

In der Gemeinschaft sind alle wichtig. Jede und jeder kann und soll sich einbringen mit dem, was sie, was er kann. „Ihr seid ein Körper“ – oder anders betont: „Ihr seid ein Körper.“ An anderer Stelle sagt Paulus sogar: „Ihr seid der Körper des Messias – das soma Christou" (1 Kor 12,27 BIGS 2011)

Als Christus-Innigkeit hat ein Theologe dieses Bild einmal bezeichnet. Ein schönes Wort! Christusinnigkeit. In Christus zu sein, in Gemeinschaft, in Beziehung. Diese Gemeinschaft ist kraftvoll. Sie ermutigt und erfährt Ermutigung. So ist es möglich, nicht mit dem Strom zu schwimmen, sondern sich von den Strukturen dieser Zeit frei zu machen.

Beim Lesen und Hören unseres Predigttextes habe ich eine Gruppe von älteren Frauen vor Augen, die heute das tun, wozu Paulus ermutigt. Sie sehen, dass in unserem System etwas schief läuft. Sie nehmen wahr, dass Respekt, gleiche Rechte für alle in Deutschland lebenden Frauen, Männer und Kinder in Gefahr sind. Sie sehen wie Frauenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus zunehmen und wollen dies nicht hinnehmen. Sie sehen unsere parlamentarische Demokratie in Gefahr. Deshalb organisieren Widerstand.

Sie gehen auf die Straße und nehmen an Demos und Kundgebungen teil Auch hier in der Wetterau bin ich ihnen im letzten Jahr bei Kundgebungen gegen Rechts begegnet. Sie strahlen eine große Lebensenergie und Lebenserfahrung aus. Sie haben alle schon etwas erlebt in ihrem Leben. Darum wissen sie auch um ihre Grenzen. Sie können sich auf andere verlassen. Und da es einfach ist, dazu zu gehören, schließen sich immer mehr Frauen an. Sie wollen auffallen, aber nicht als Einzelperson und Ausnahme, nicht als Star, sondern als Gruppe. Sie wollen heraustreten aus ihrer kleinen heilen Welt und eine gemeinsame starke Stimme für die Zukunft aller Kinder und Enkelkinder sein. Sie wollen, wenn ihre Kinder und Enkelkinder sie fragen: „Was habt ihr getan?“, etwas Ermutigendes erwidern können.

Wissen Sie, welche Gruppe ich meine?

Ich meine die „Omas gegen Rechts“. Es sind nicht nur Christinnen, die sich hier engagieren. Es ist eine überparteiliche, konfessionsunabhängige Initiative. Ich staune über ihre Kreativität, ihren Mut, mit selbstgebastelten Schildern auf Demos zu gehen, sich vor Ort in Regionalgruppen zu verbinden und in den sozialen Medien aktiv zu sein.

Mich ermutigen solche Initiativen. Bei den „Omas gegen Rechts“ nehme ich eine Kraft wahr, die ich aus christlichen Gruppen kenne und die ich so mancher christlichen Gruppe wünsche. Auch wenn sie nicht originär christlich sind, spüre ich dort die Kraft der Auferstehung. Die Frauen schwimmen nicht mit dem Strom. Sie schaffen es, Mutlosigkeit und Resignation zu überwinden. Trotz Rückschlägen bleiben sie an ihren Zielen dran. Sie stehen aktiv für ein gutes Leben ein. Sie setzen dabei ihre unterschiedlichen Fähigkeiten ein. Sie ermutigen. Als eine Bekannte Oma wurde, meinte sie fröhlich: „Jetzt kann ich endlich eine echte ‚Oma gegen Rechts‘ sein.“ Da war sie, diese Heiterkeit und Leichtigkeit von der auch Paulus schreibt. „Wer solidarisch mit anderen lebt, soll es heiter tun.“ (Röm 12,8 BIGS 2011)

Ich glaube, Paulus würde sich freuen, wenn er die „Omas gegen Rechts“ erleben könnte. Sie lassen sich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiegen das Böse mit Gutem. Sie sind für mich eine christusinnige Ermutigung, die ich immer wieder brauche. Sie auch?
Amen.

Musik

Fürbitte

Du hast uns zu deinen Kindern erwählt,
himmlischer Vater.
Wir danken dir, dass du uns als deine Erben berufen hast.
Wir danken dir für die Menschen,
in denen wir deine Liebe erkennen:
Für unsere Eltern, die uns begleiten,
für Freundinnen und Freunde, die uns verstehen,
für unsere Partner und Kinder, mit denen wir das Leben teilen.

Wir bitten dich für alle Kinder,
die wir in den vergangenen Wochen. Monaten und Jahren in deinem Namen getauft haben.
Lass sie deiner Verheißung trauen,
durch die du sie zu deinen Kindern erklärst.
Hilf uns, ihnen den Glauben an dich nahe zu bringen
und ihnen glaubwürdig vorzuleben.

Wir bitten dich für die Eltern unter uns,
die Verantwortung tragen für ihre Kinder.
Gib ihnen ein Herz voller Liebe
und hilf ihnen dabei,
sie den Weg ins Leben zu leiten.
Begabe sie mit deinem Geist
und schenke ihnen den Glauben an dich,
dass sie ihn an ihre Kinder weitergeben.

Wir bitten dich für Lehrerinnen und Lehrer,
Erzieherinnen und Erzieher,
dass sie die Fähigkeiten und Gaben
der Kinder und Jugendlichen entdecken,
die ihnen anvertraut sind.
Und lass sie in ihnen
deine Kinder und dein Ebenbild sehen.

Wir bitten dich für alle Menschen von denen wir in der letzten Woche Abschied nehmen mussten. Sei du bei unseren Verstorbenen und nimm sie auf in deine Ewigkeit. Tröste und stärke die Angehörigen, damit sie Schritte zurück ins Leben gehen können.

Vaterunser

Abkündigungen

Segen

Musik zum Ausgang

Gottesdienst am 3.1.2021 mit Video von Pfarrerin Meike Naumann

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar.

Musik zum Eingang

Begrüßung

Ein herzliches Willkommen Ihnen allen zu unserem Gottesdienst. Ein heller Stern hat die drei weisen Männer aus dem Orient zur Krippe geführt. Sie erkannten das Licht, das mit Jesus über der Dunkelheit der Welt aufgegangen ist. Die Strahlen dieses Licht fallen noch heute in unsere Dunkelheit. Sie dringen in die entferntesten Ecken der Welt und machen vor keiner Grenze halt. Der Apostel Paulus sagt: „Gott hat uns einen hellen Schein in unser Herz gegeben“. Wer diesen Schein spürt, trägt dieses Licht selbst weiter, kann die frohe Botschaft nicht für sich behalten, sondern ist erfüllt von Gottes Liebe. Das Licht lässt Menschen von innen leuchten. Und dieses Leuchten wiederum macht die Gesichter anderer Menschen hell. So breitet sich das Licht immer weiter aus bis in unsere Herzen. Wir wollen uns anstecken lassen vom göttlichen Licht und feiern unseren Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Psalm 72
21Von Salomo.
Gott, gib dein Recht dem König
und deine Gerechtigkeit dem Königssohn,
2dass er dein Volk richte in Gerechtigkeit
und deine Elenden nach dem Recht.
3Lass die Berge Frieden bringen für das Volk
und die Hügel Gerechtigkeit.
10Die Könige von Tarsis und auf den Inseln
sollen Geschenke bringen,
die Könige aus Saba und Seba
sollen Gaben senden.
11Alle Könige sollen vor ihm niederfallen
und alle Völker ihm dienen.
12Denn er wird den Armen erretten, der um Hilfe schreit,
Und durch ihn sollen gesegnet sein alle Völker,
und sie werden ihn preisen.
Gelobt sei Gott der Herr, der Gott Israels,
der allein Wunder tut!
19Gelobt sei sein herrlicher Name ewiglich,
und alle Lande sollen seiner Ehre voll werden!
Amen! Amen!

Gebet
Gott,
wir sehnen uns in diesen Tagen nach Licht.
Wir sehen uns nach deinem Licht.
Dein Stern leuchte auch für uns.
Hilf uns, dass wir ihn entdecken.
Vielleicht in einem Gesicht oder einem Lied.
Leite uns mit deinem Wort.
Öffne unsere Herzen für dein Licht.
Amen.

Lied: 53 Als die Welt verloren

Schriftlesung aus dem Matthäusevangelium 2,1-12

Die Weisen aus dem Morgenland
21Da Jesus geboren war zu Bethlehem in Judäa zur Zeit des Königs Herodes, siehe, da kamen Weise aus dem Morgenland nach Jerusalem und sprachen: 2Wo ist der neugeborene König der Juden? Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihn anzubeten.3Als das der König Herodes hörte, erschrak er und mit ihm ganz Jerusalem, 4und er ließ zusammenkommen alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes und erforschte von ihnen, wo der Christus geboren werden sollte. 5Und sie sagten ihm: Zu Bethlehem in Judäa; denn so steht geschrieben durch den Propheten (Mi 5,1): 6»Und du, Bethlehem im Lande Juda, bist mitnichten die kleinste unter den Fürsten Judas; denn aus dir wird kommen der Fürst, der mein Volk Israel weiden soll.«7Da rief Herodes die Weisen heimlich zu sich und erkundete genau von ihnen, wann der Stern erschienen wäre, 8und schickte sie nach Bethlehem und sprach: Zieht hin und forscht fleißig nach dem Kindlein; und wenn ihr’s findet, so sagt mir’s wieder, dass auch ich komme und es anbete. 9Als sie nun den König gehört hatten, zogen sie hin. Und siehe, der Stern, den sie hatten aufgehen sehen, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stand, wo das Kindlein war. 10Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfreut 11und gingen in das Haus und sahen das Kindlein mit Maria, seiner Mutter, und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe.12Und da ihnen im Traum befohlen wurde, nicht wieder zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem anderen Weg wieder in ihr Land.

Glaubensbekenntnis

Lied: 56 Weil Gott in tiefster Nacht erschienen

Predigt
Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt. Amen

Liebe Gemeinde!
Epiphanias in dunkler Zeit:
Epiphanias – etwas wird offenbar, wird ins Licht gerückt, wird sichtbar. Epiphanias in der dunkelsten Jahreszeit. Vielleicht gerade deshalb, weil es in dieser Zeit so dunkel ist.
Epiphanias, gleichzeitig auch das Fest der heiligen drei Könige, das am 6. Januar also überübermorgen gefeiert wird. Das Fest an dem Kinder (in normalen Jahren) als Sternsinger von Tür zu Tür in unserer Stadt ziehen und den Segen Gottes in die Häuser tragen.
Epiphanias - etwas wird offenbar, etwas zeigt sich, wie durch einen Scheinwerfer gerät etwas in den Fokus.
Es ist die Geburt Jesu, auf die wir den Blick richten. Da ist ein Mensch geboren, aber eben nicht nur ein Mensch. Gott wurde Mensch, so dass sich der Sternenhimmel veränderte, so dass es am Himmel für alle offenbar wurde. Ein neuer Stern ist aufgegangen. Den Menschen geht ein Licht auf und die drei Weisen aus dem Morgenland machen sich auf den Weg:
„Wir haben seinen Stern aufgehen sehen und sind gekommen, ihn anzubeten.“  So heißt es im Matthäusevangelium. (Mt 2,2b, LUTHER 2017)

Menschen geht ein Licht auf und das hat Konsequenzen. Menschen kommen in Bewegung, Festgefahrenes löst sich, Perspektiven tun sich auf, Hoffnung wächst, Sehnsucht gedeiht.

Licht bewegt uns, lässt uns ins Handeln kommen. Zumindest wenn wir das Beispiel der drei Weisen aus dem Morgenland hören. Sie lassen sich zuerst vom Licht bewegen und dann geht es los: Sie sahen das Kind in der Krippe, fielen nieder und beteten es an. Sie taten ihre Schätze auf und schenkten dem Kind Gold, Weihrauch und Myrrhe (vgl. Mt 2,10f).

Wenn die Kinder den Stern durch unsere Stadt tragen, an den Türen der Häuser klingeln und mit einem Lied und Text den Segen zu den Menschen bringen, dann bringen sie das Licht des Sterns zu den Menschen, der die drei Weisen nach Bethlehem geführt hat. Der Stern bringt Licht in die Dunkelheit. Er steht über dem Stall und schickt sein Licht weit in die Dunkelheit hinein. An vielen Weihnachtsbäumen steckt auf der Spitze ein Stern, der an den Stern von Bethlehem erinnert.

Die Kinder schreiben den Segen mit Kreide an die Haustüren, so dass jede und jeder, der das Haus betritt das ganze Jahr über daran erinnert wird: Gott wurde Mensch. Uns Menschen ist ein Licht aufgegangen. Ein Stern steht neu am Himmel. Da ist Licht in dunkler Zeit.

Licht in dunkler Zeit:
Dunkel ist es nicht nur in der Nacht. Dunkel ist es auch, wenn das Leben schwer ist. Wenn unser Alltag durch Katastrophen jedweder Art erschüttert wird. Dunkel ist es, wenn ein lieber Mensch verstorben ist und Trauer den Blick ins Leben verschleiert. Dunkel ist es, wenn die Sorgen um den Arbeitsplatz, um die finanzielle Existenz die Luft zum Atmen nehmen. Dunkel ist es, wenn ich allein bin, weil Besuche aus Sicherheitsgründen nicht erlaubt sind. Dunkel ist es, wenn kein Spielbesuch kommen darf, um Oma und Opa zu schützen. Dunkel ist es in den vielen Regionen unserer Welt in denen Krieg herrscht und in denen die Hoffnung auf Frieden gegen null geht.

Predigttext: Jes 60,1-6: dunkle Zeit:

Der Predigttext für den heutigen Gottesdienst steht im Buch des Propheten Jesaja. Er ist zu einer Zeit entstanden, in der das Volk Israel sozusagen im Dunkeln lebte. Ohne Hoffnung auf Veränderung. Dies Hoffnungslosigkeit schwingt in den Zeilen des Predigttextes deutlich mit. Es wird ein Bild von einem Land gezeichnet, das geprägt ist von Ungerechtigkeit, Schuld, Unterdrückung, Lügen und Gewalt. Und es scheint unmöglich aus diesem Kreislauf des Bösen auszubrechen.
Da wird Gottes Stimme laut hörbar. Gott spricht sein Volk direkt an, macht Mut die ausgetretenen Wege zu verlassen, neu zu beginnen.
:
„Das Buch Jesaja 60,1-6 (BigS 2011)
1Steh auf, werde licht, denn dein Licht kommt
und der Glanz Gottes strahlt über dir auf!
2Schau nur: Finsternis bedeckt die Erde
und dunkle Wolken die Völkerschaften,
aber über dir wird Gott aufstrahlen, Gottes Glanz wird über dir sichtbar.
3Die fremden Völker werden zu deinem Licht gehen,
königliche Herrschaften zu dem Lichtschein, der über dir aufstrahlt.
4Erhebe deine Augen ringsum und schau!
Sie alle sammeln sich, kommen zu dir!
Deine Söhne werden aus der Ferne kommen
und deine Töchter werden sicher an deiner Seite sein.
5Da wirst du schauen und strahlen,
dein Herz wird erbeben und weit werden,
denn zu dir hin wenden sich die Schätze der Meere,
der Reichtum der fremden Völker kommt zu dir.
6Scharen von Kamelen werden dich bedecken,
junge Kamele aus Midian und Efa.
Aus Saba werden alle kommen, Gold und Weihrauch werden sie bringen,
die Ruhmestaten Gottes verkündigen sie.
(Jes 60,1-6 BIGS 2011)

„Steh auf und werde licht“ (Jes 60,1a BIGS 2011),
Gott ruft seinem Volk zu endlich aktiv zu werden. Nichtmehr einfach alles als gegeben hinzunehmen. Wenn sich etwas ändern soll, dann muss auch etwas getan werden.

Wie ist das bei mir? Wie ist das bei Ihnen? Steh auf und werde licht!

Das hört sich so einfach an und doch kenne wir alle die Erfahrung, wie schwer es ist sich selbst zu motivieren, wirklich etwas zu verändern. Silvester ist noch nicht lange her – gerade mal der 3. Januar ist heute. Wie war das mit den guten Vorsätzen für das neue Jahr? Habe ich es denn geschafft wenigstens einen dieser Vorsätze bis heute durchzuhalten? Es ist so unglaublich schwer – aber es lohnt sich. Es lohnt sich, weil Gott nicht nur fordert, sondern weil er den Weg zeigt: Steh auf und werde licht, denn dein Licht kommt!

Ermutigung statt Befehl
Dieses „Steh auf!“ ist vermutlich gar kein Befehl, keine Aufforderung. Gott ist kein Gott, der Befehle gibt. Gott ermutigt, statt zu befehlen. Gott gibt uns einen kleinen Schubs, so dass wir Lichtes entdecken können. Viele Kerzen haben seit Beginn der Corona-Pandemie die Fenster vieler Häuser erhellt und so an die Opfer und die Helferinnen und Helfer erinnert. Ein zartes Erstes, was an Kraft gewinnt. Keine Kraft durch Stärke und Macht, sondern Kraft im Schwachen, im Zarten, im Vorsichtigen.

Das kenne ich aus der Osternacht. Wenn wir uns hier morgens ganz früh noch im Dunkeln in der Dankeskirche zum Gottesdienst einfinden. So dunkel, dass wir kaum den Menschen neben uns wahrnehmen können. Und dann wird es im Verlauf des Gottesdienstes immer heller. Kerzen werden nach und nach angezündet. Ihr Licht breitet sich aus und erhellt den Kirchenraum. Und wenn dann die ersten Sonnenstrahlen durch die bunten Glasfenster im Chorraum brechen, dann spüre ich wie sich das Licht auch in mir Bahn bricht. Es wird licht in mir. Die Kraft des Lichts breitet sich in mir aus und erfüllt mich: das wärmende Rot, das leuchtende Grün. Ein zartes Gelb – Gold.

„Steh auf und werde licht“ (Jes 60,1a BIGS 2011)genau das spüre ich jetzt.
Und ich schaue und erhebe meine Augen ringsum und schaue, genau so, wie es der biblische Text beschreibt. Körperlich spüre ich die Veränderung. Aus dem Wahrnehmen wird ein Strahlen. Der Blickwinkel ändert sich. Aus dem Wahrnehmen wird ein aktives Schauen: „Erhebe deine Augen und schau!“ (Jes 60,4a BIGS 2011) Ich nehme all das Dunkle wahr. Was eben noch so düster wirkte, ist jetzt nur der Ort, der das Lichte erhellt. Es wird licht. Ich sehe Veränderung. Neues offenbart sich. Das Dunkle wird heller. Licht in der Dunkelheit. Das Licht erreicht mich. Es verändert. Es verändert mich, uns, die Gesellschaft. Lichtes ist da, das Dunkle verliert an Schrecken. Und ich spüre, wie sich alles verändert: endlich!
„Da wirst du schauen und strahlen, dein Herz wird erbeben und weit werden.“ (Jes 60,5a BIGS 2011)
Schauen und strahlen, ein weites Herz in sich spüren.
Es ist Epiphanias. Uns geht ein Licht auf, Gott wird Mensch, der Stern steht über dem Stall. Hoffnung und Sehnsucht, eine Perspektive für das eigene Leben, für das Leben des Volkes, für die Gesellschaft. Genau jetzt kann alles anders werden.
Amen.

Lied: Mache dich auf und werde Licht, denn dein Licht kommt!

Fürbitten

du bist der Morgenstern,
auf dessen Kommen die Völker sehnsüchtig warten.
Wir bitten dich, dass du den Menschen
den Weg zu dir weist,
du sie leitest,
damit sie zu dir kommen,
dem Heiland der Welt.

Wir bitten dich für alle Menschen,
die auf der Suche sind
nach dem Sinn ihres Lebens,
nach Weisheit oder Glück.
Schicke ihnen einen Stern,
der ihnen vorausgeht,
damit sie zu dir finden,
dem Heiland der Welt.

Wir bitten dich für die,
die sich vergraben haben
in ihrem Groll und ihrer Unzufriedenheit,
in ihrer Einsamkeit.
Wir bitten dich für die, die Abschied nehmen mussten von einem geliebten Menschen und deren Blick durch Trauer getrübt ist.
Lass sie den Weg hinaus finden zurück ins Leben,
dass sie zu dir kommen,
dem Heiland der Welt.

Wir bitten dich für uns,
dass wir nicht meinen,
den Weg gefunden zu haben,
sondern auf der Suche bleiben,
damit wir dich neu finden.
Amen.

Vaterunser

Kollekte: Für die Diakonie Deutschland

Segen

Musik zum Ausgang

Gottesdienst mit Video zum neuen Jahr von Vikar Ingmar Bartsch

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar.

Votum
Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Gemeinde: Amen.

Wir beten mit Worten aus Psalm 145:
Ich will dich erheben, mein Gott, du König, und deinen Namen loben immer und ewiglich.
3 Der HERR ist groß und sehr zu loben, und seine Größe ist unausforschlich.
4 Kindeskinder werden deine Werke preisen und deine gewaltigen Taten verkündigen.
8 Gnädig und barmherzig ist der HERR, geduldig und von großer Güte.
13 Dein Reich ist ein ewiges Reich, und deine Herrschaft währet für und für.
Der HERR ist getreu in all seinen Worten und gnädig in allen seinen Werken.
14 Der HERR hält alle, die da fallen, und richtet alle auf, die niedergeschlagen sind.
15 Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit.
16 Du tust deine Hand auf und sättigst alles, was lebt, mit Wohlgefallen.
18 Der HERR ist nahe allen, die ihn anrufen, allen, die ihn mit Ernst anrufen.
19 Er tut, was die Gottesfürchtigen begehren, und hört ihr Schreien und hilft ihnen.
Kommt, lasst uns Gott anbeten.
Gemeinde: Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist. Wie es war im Anfang, jetzt und immerdar. Und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Gebet
Jesus Christus, wo Du bist, weicht alle Angst. So wollen wir mit Dir das neue Jahr beginnen und aus Deiner Hand nehmen, was darin ist an Freud und Leid. Lass es ein Gnadenjahr werden, in dem wir von Deiner Barmherzigkeit leben und sie weitertragen. Dir sei Ehre in Ewigkeit. Amen
Gemeinde: Amen

Lied: EG 369

Predigt
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.
Vor einer Weile habe ich die Familie meines Bruders besucht. Mein kleiner Neffe ist reichlich zwei Jahre alt. Er und imitiert seine Eltern, wo er nur kann. Oft wiederholt er Halbsätze der Erwachsenen. Scheinbar willkürlich. Während er einem kleinen Ball hinterher flitzt, reden wir über unsere Pläne und Erwartungen an das neue Jahr. Mein Neffe nimmt scheinbar keine Notiz von uns. Er quietscht fröhlich und rollt den Ball unter dem Tisch hindurch. Doch plötzlich sagt er „was alles möglich ist.“ Aus dem Nichts wiederholt der den letzten Teilsatz meines Bruders. Wir halten inne und lachen. Er strahlt uns an, rollt den Ball durch das Zimmer und nach kurzer Zeit wiederholt er den nächsten Halbsatz aus unserem Gespräch.
Vor einer Weile hat mein Neffe einen Laptop aus Holz bekommen. Auf den ist er mächtig stolz. „Pomputer“ ruft er ganz oft und dann muss man sich mit ihm an einen Tisch setzen. Er tippt ein wenig auf der aufgemalten Tastatur herum und dann dreht er den „Pomputer“ mit bedeutungsschwangerem Blick zu mir. Ich muss schmunzeln. Da seine Eltern überwiegend im Homeoffice sind, ist der „Pomputer“ wichtiger Teil des Alltags und das imitiert mein Neffe großartig.


Die Jahreslosung für das Jahr 2021 steht im Lukasevangelium im 6. Kapitel in Vers 36. Der Vers ist Teil der Feldrede Jesu, der „Bergpredigt“ des Lukasevangeliums. Auch die Feldrede ist ein anspruchsvolles Programm für gelingendes Zusammenleben. Sie steckt voller Imperative und auch die Jahreslosung ist auch ein solcher Imperativ: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“
Eine herausfordernde Jahreslosung. Dieses Jesuswort ist weder bequem noch kann man auf Anhieb nicken und sagen: Klar, mach ich. Nicht jeder hat gute Erfahrungen mit Vaterfiguren gemacht, auch wenn Jesus mit „Vater“ hier eindeutig Gott meint. Und es stellt sich die Frage:Was ist das eigentlich, Barmherzigkeit? Laut Wörterbuch ist Barmherzigkeit „Mitleid, Hilfsbereitschaft und tätige Nächstenliebe“. Bei Wikipedia liest man Folgendes: „Eine barmherzige Person öffnet ihr Herz fremder Not und nimmt sich ihrer mildtätig an. Dabei werden Mitleid und Barmherzigkeit unterscheiden. „Barmherzigkeit“ ist weniger ein Mit-Fühlen sondern eher Großherzigkeit.“ Barmherzigkeit kommt also vom Herzen. Und sie fragt nicht nach den Kosten. Sie hat den anderen Menschen ganz und gar im Blick und scheut den Aufwand der Hilfe nicht.
Damit liegt Barmherzigkeit nahe am Begriff der Gnade. Juristisch gesehen ist Gnade aber der Verzicht auf eine verdiente Bestrafung. Gnade fußt also noch mehr in einem Machtgefälle, während Barmherzigkeit meist auf Augenhöhe begegnet und viel praktischer ist. So wie wir es beim barmherzigen Samariter lesen können, eine der bekanntesten Geschichten aus der Bibel.
Auch wenn wir aufgefordert werden, es dem barmherzigen Samariter gleich zu tun, ist Barmherzigkeit in der Bibel überwiegend eine Eigenschaft Gottes. Psalm 145, den wir eben gebetet haben, fasst das mit wenigen Worten zusammen: „Gnädig und barmherzig ist der HERR, geduldig und von großer Güte.“
Jesus mutet uns nun zu, ebenso barmherzig zu sein, wie Gott barmherzig ist. Das ist ein hoher Anspruch. Und es ist klar: Jesus war keinesfalls anspruchslos. Er war den Armen, Kranken und Notleidenden immer sehr zugewandt. Er predigte Vergebung . Aber von denen, die es konnten, hat er außergewöhnliches verlangt. Jesus hat Menschen immer herausgefordert.
Jesus traut uns also zu, barmherzig zu sein. Wir sollen es nicht nur versuchen. Sein Imperativ geht davon aus, dass wir das schaffen können. Aber von wem lernen wir das? Hier kommt mein Neffe wieder ins Spiel. Er imitiert die Erwachsenen. Und wir können uns ein Beispiel an Gottes Barmherzigkeit nehmen. „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ In der Theologie heißt das „imitatio dei“. Gemeint ist, dass wir Menschen Gott nachahmen. Wir können also von Gott lernen, was Barmherzigkeit ist, weil wir von ihm Barmherzigkeit erfahren. Wir können anderen Menschen gegenüber barmherzig sein, weil wir selbst nicht perfekt sind. Und trotzdem sind wir von Gott geliebt.


Ich habe mal gelesen, dass Barmherzigkeit bedeutet, die Menschen um uns herum mit Gottes Augen zu sehen. Das ist vielleicht etwas anmaßend, aber durchaus nachdenkenswert. Denn es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Wir könnten Gott durchaus darum bitten, dass er uns die Menschen um uns herum mit seinen Augen sehen lässt.
Wir haben auch in diesem Jahr wieder eine Karte mit der Jahreslosung. Sie können sie hier an der Kirchentür abholen. Die Künstlerin, Angelika Litzkendorf, zeigt das Prinzip sehr eindrücklich. Barmherzigkeit fließt von Gott zu uns und wir können sie weitergeben.


Wenn mein Neffe uns Erwachsene imitiert, dann ist das immer irgendwie unvollständig. Es wirkt unvollkommen, wenn er auf seinem kleinen Holzlaptop herumspielt. Imitation. Für ihn ist das aber total ernst. Es ist nicht nur ein unvollkommener Versuch, es ist seine Welt. Er tut etwas absolut Wichtiges. Und mein Bruder und seine Frau würdigen das in unnachahmlich liebevoller Weise. Weil der Kleine alles gibt, um so zu sein, wie wir Erwachsenen.
Ich denke manchmal, Gott geht es ähnlich. Er sieht uns, wie wir unser Leben gestalten. Wie wir Dinge versuchen und scheitern. Er sieht, wie wir mit anderen Menschen umgehen, wie wir egoistisch sind oder uns bis zur Selbstaufgabe für andere verausgaben. Und natürlich ist unser Versuch, barmherzig zu sein, nicht so putzig, wie der Versuch meines Neffen, am Laptop zu arbeiten. Hier geht es schließlich um unsere Mitmenschen. Aber Gott ist die Quelle der Barmherzigkeit, deren Vollkommenheit wir nie erreichen. Trotzdem qualifiziert er unsere Versuche nicht einfach ab. Ihm es ist wichtig, dass wir es tun. Denn es ist ihm nicht gleichgültig, ob wir Barmherzigkeit üben oder nicht. Barmherzigkeit ist etwas Dynamisches. Sie wird mehr, wenn wir sie weitergeben. Sie verändert Leben. Schon deshalb ist es gut, wenn wir sie tun. Wenn wir Gott nachahmen.
Ich finde, das ist ein guter Vorsatz für das anbrechende Jahr. Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Lied: EG 65

Fürbitten und Vaterunser
Gott, barmherzig zu sein, ist nicht einfach. Manche Menschen wollen es sein und werden ausgenutzt oder belächelt. Manche kommen mit Hartherzigkeit im Leben weiter. Dabei braucht unsere Welt mehr Mitmenschlichkeit. Verändere Du unser Leben. Lass uns die Menschen in unserer Umgebung mit Deinen Augen sehen. Zeige uns, wie wir Deine Barmherzigkeit weitergeben können.

Gott, ein neues Jahr beginnt. Viele von uns sehen ihm mit Sorge entgegen. Werden wir die Pandemie besiegen können? Wird sich die Wirtschaft erholen und werden wir wieder mehr Gemeinschaft erleben können? Wir bitten Dich für diejenigen, die Verantwortung für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft tragen. Schenke, dass sie weise Entscheidungen treffen. Nimm uns die Angst vor der Zukunft. Mache uns barmherzig mit unseren Mitmenschen.

Gott, ein neues Jahr beginnt. Viele von uns freuen sich darauf. Schenke uns, dass wir auch in diesem Jahr in allen Schwierigkeiten die wunderbaren Seiten des Lebens wahrnehmen. Schenke uns viele Gelegenheiten zur Dankbarkeit. Lass es ein Jahr des Segens werden.

Und alles, was uns noch bewegt, bringen wir vor Dich mit den Worten des Vaterunsers.
Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Segen
Gehen Sie unter dem Segen Gottes in diesen Neujahrstag und das neue Jahr:
Der Herr segne Dich und behüte Dich.
Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über Dir und sei Dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf Dich und schenke Dir Frieden.

Silvestergottesdienst 2020 von Pfarrerin Meike Naumann und Gemeindereferentin Stephanie Veith

Ein herzliches Willkommen Ihnen allen zu unserem Gottesdienst aus der Wilhelmskirche. Schön, dass Sie sich zu Hause dazugeschaltet haben, um diesen letzten Abend des Jahres 2020 mit einem Gottesdienst zu begehen. Ich freue mich, dass wir es in ökumenischer Gemeinschaft tun.

Ein Jahr geht zu Ende, das sicher niemand sich auch nur annähernd so vorgestellt hat. Ziemlich genau ein Jahr ist es her, dass die Nachrichten von einer neuartigen Lungenkrankheit berichteten, die in China grassierte. Bilder von überfüllten Krankenhäusern und Menschen, die nur noch mit Masken auf der Straße unterwegs waren kamen über die TV-Bildschirme in unsere Wohnzimmer. Seitdem hat das Corona-Virus auch unser Leben bestimmt. Und am Ende dieses Jahres sagen viele: Wie gut, dass dieses Jahr zu Ende ist. Jede und jeder hat im Alltag viele Einschränkungen auf sich nehmen müssen. Viele Menschen sind krank geworden, viele sind gestorben. Darüber, wie man das Virus eindämmen kann, gab und gibt es immer wieder heftige Auseinandersetzungen. Auf der anderen Seite gab es aber auch viel Solidarität und praktische Hilfen zwischen Menschen. Auf viele Veranstaltungen und Präsenzgottesdienste mussten und müssen wir verzichten. Wir haben aber auch gelernt, neue Formen zu finden, Kontakte zu pflegen, miteinander zu leben und unseren Glauben teilen zu können ohne einander anzustecken.

Der Impfstoff gegen das Coronavirus ist zu gelassen und seit Weihnachten laufen auch hier in Hessen die ersten Impfungen. Dafür bin ich dankbar. Und ich hoffe von ganzem Herzen, dass wir uns alle beim nächsten Silvestergottesdienst 2021 wieder in der Kirche versammeln können.

Wenn wir jetzt alle zusammen in der Dankeskirche sitzen würden, hätte jeder und jede am Eingang einen kleinen Spiegel bekommen. Wenn Sie einen Spiegel bei sich in der Nähe haben, dann dürfen Sie sich den gern holen. Wenn nicht, dann wissen Sie sicher alle wovon ich spreche, kennen alle den Blick in den Spiegel am Morgen nach dem Aufstehen, der einem manchmal ein Spiegelbild zeigt, über das man sich nicht unbedingt freut: Wieder eine neue Falte oder ein graues Haar entdeckt.
Um unser Spiegelbild, das wir oft gar nicht freundlich ansehen, darum geht es heute. Um unsere Spiegelbild, dass uns, so unzufrieden wir oft mit uns sind, ganz viel von der Liebe Gottes zu uns Menschen zeigt.

So feiern wir diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Psalm: Psalm 8
Herr, unser Herrscher!
Groß ist dein Ruhm auf der ganzen Erde!
Deine Hoheit reicht höher als der Himmel.
Aus dem Lobpreis der Schwachen und Hilflosen
baust du eine Mauer,
an der deine Widersacher und Feinde zu Fall kommen. Ich bestaune den Himmel, das Werk deiner Hände,
den Mond und alle die Sterne, die du geschaffen hast: Wie klein ist da der Mensch,
wie gering und unbedeutend!
Und doch gibst du dich mit ihm ab
und kümmerst dich um ihn!
Ja, du hast ihm Macht und Würde verliehen;
es fehlt nicht viel, und er wäre wie du.
Du hast ihn zum Herrscher gemacht
über deine Geschöpfe, alles hast du ihm unterstellt:
die Schafe, Ziegen und Rinder allzumal,
die Wildtiere in Feld und Wald,
die Vögel in der Luft und die Fische im Wasser,
die kleinen und die großen,
alles was die Meere durchzieht.
Herr, unser Herrscher,
groß ist dein Ruhm auf der ganzen Erde!

Gebet
Guter Gott,
so viel spricht gegen dich:
schlimme Erfahrungen,
Geschichten die wir nicht vergessen können,
Zweifel, die uns zu schaffen machen;
vor allem aber wir selbst,
weil wir deiner Liebe nicht trauen
und nicht so leben, wie du es uns gönnst.
So zeige dich, Gott,
lass dich sehen und spüren,
wie du dich gezeigt hast in Jesus, deinem Sohn.
Erneuere und belebe uns durch deinen Geist,
damit wir uns auf dich verlassen
und deine Liebe widerspiegeln.
Lass uns die Menschen werden,
die wir sein können:
dein lebendiges Bild.

Lesung I: Gen 1,26a.27.28a
Die alttestamentliche Lesung aus dem 1. Buch Mose erzählt, wie Gott den Menschen zu seinem lebendigen Bild erschafft:
Und Gott sprach: „Nun wollen wir Menschen machen, ein Abbild von uns, das uns ähnlich ist!“ So schuf Gott die Menschen nach seinem Bild, als Gottes Ebenbild schuf er sie und schuf sie als Mann und als Frau. Und Gott segnete die Menschen und sagte zu ihnen: „Seid fruchtbar und vermehrt euch!“

Lied: Großer Gott, wir loben dich EG 331 / GL 380, 1.5

Ansprache
Das gibt es, Gott sei Dank:

Zeiten, in denen uns die Welt ein freundliches Gesicht zeigt. Wo wir mit Gott und uns selber im Reinen sind. Wo das Leben Spaß macht und wir ohne viel zu überlegen wissen: Es ist gut, wie es ist.
Da atmen wir auf und erschrecken nicht schon frühmorgens, wenn wir nur in den Spiegel schauen.
Da tanken wir Kräfte für Leib und Seele.
Das ist, als würde Gott uns freundlich zunicken und uns viel Glück und viel Segen wünschen. Wir spüren es.
Aber es gibt auch andere Zeiten, weiß Gott.

Dieses Jahr, das heute zu Ende geht, war ganz anders als die vergangenen. Das Virus veränderte viel in unser aller Alltag. Sie haben Abstand gehalten, im Homeoffice gearbeitet, die Kinder zu Hause beschult und auf Hobbies wie Sport verzichtet. Auch auf Traditionen wie das Weihnachtsfest, an dem die ganze Familie zusammenkommt, mussten wir verzichten. Wir tragen Masken und desinfizieren uns die Hände, und auch diesen Gottesdienst können wir nicht wie gewohnt miteinander feiern.

Wir alle bringen unsere Geschichte mit. Und manchmal lassen uns die Nachrichten, die Tag für Tag auf uns einprasseln, an alles andere glauben als an einen menschenfreundlichen Gott.

Ich weiß nicht, was Sie gerade ganz aktuell umtreibt und ich kann auch nur raten, was Sie in ihrem Alltag gerade ansteht. Vielleicht ist einer Ihrer Lieben krank und Sie sorgen sich. Vielleicht hat jemand von Ihnen einen lieben Menschen verloren. Vielleicht auch dies: Abschied nehmen müssen und neu anfangen im Leben, auch ungefragt und ungewollt. Vielleicht gehen die Kinder aus dem Haus und wir merken auf einmal, dass wir alt geworden sind. Vielleicht sind da Misserfolge im Beruf, die mich an mir selber zweifeln lassen. Oder die Kräfte lassen nach, und mir wird bewusst, dass ich künftig mit Einschränkungen leben muss und nicht mehr so kann wie ich möchte. Oder eine Beziehung, die mir viel bedeutet hat, wird zur Last ohne Ende.

In solchen Augenblicken fangen wir an, an Gott und an uns selbst zu zweifeln. Fragen überschwemmen uns, vor allem in schlaflosen Nächten: Wozu das alles? Warum gerade ich? Wer bin ich eigentlich? Wozu bin ich (noch) gut? Da verschwimmt Gottes Gesicht.

Sein Bild, das bei den meisten von uns im Lauf einer langen Lebensgeschichte gewachsen ist und sich natürlich auch mit der Zeit geändert hat, verändert sich dann noch einmal. In solchen Zeiten kennen wir uns selbst nicht mehr. Nicht nur unser Bild von Gott – auch das Bild, das wir von uns selbst haben, bekommt Risse und Sprünge.

Darum möchte ich mit Ihnen allen jetzt ein Bild anschauen. Dieses Bild habe ich nicht hier, es hängt bei Ihnen zuhause. Ich möchte, dass Sie jetzt aufstehen und ins Bad gehen. Schauen Sie mal über ihr Waschbecken. Vermutlich hängt da ein Spiegel. Ich schaue hier auch in den Spiegel. …

Sind Sie zurück? Was haben Sie gesehen? Ein ganz persönliches Gottesbild, wenn Sie so wollen.

Sicher fragen Sie sich: Wie bitte – das soll ein Bild von Gott sein!? Das Gesicht kommt mir doch bekannt vor. Viel zu bekannt womöglich.

Ja. Trotzdem. Auch wenn Sie’s vielleicht nicht für möglich halten: Was Sie da sehen, ist ein Gottes-Bild, eine Ikone Gottes, wie die Orthodoxen sagen. Weil wir uns aber damit schwertun, nehme ich aus der Bibel eine Erklärung dazu – wir haben sie vorhin schon als alttestamentliche Lesung gehört:
»Und Gott sprach: Lasst uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei … Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn« heißt es da.

Gott schuf den Menschen – uns, Sie und mich – zu seinem Bild. Ohne Ausnahme. Keine Voraussetzungen, keine Bedingungen, keine Nachforderungen.
Keine Rede von Anstrengungen, von guten Vorsätzen oder von frommen Höchstleistungen.
Nichts dergleichen.

Wir sind – oder besser, persönlicher gesagt – ich bin Gottes lebendiges Bild. Einfach so. Ganz ohne Make-up und Fassadenpolitur. Und nicht nur dann, wenn ich mir selber gefalle. Sondern erst recht, wenn ich mir selbst nicht mehr ins Gesicht schauen mag oder Gott womöglich nur noch als Zerrbild wahrnehme.

»Wir sind der Spiegel Gottes, geschaffen, um Gott in uns aufzunehmen. Das Wasser kann noch so trübe sein – auch so widerspiegelt es den Himmel.« So sagt es der lateinamerikanische Priester und Poet Ernesto Cardenal.
Zit. nach: Gädtke, Horst Wolffram, Erika, Himmelsbrot für jeden Tag: was wir zum Leben brauchen; Sprüche und Gedichte, 2003

Ja, wir sind alle Gottes Bild – diese ganz normalen, durchschnittlichen Menschen, die wir nun mal sind. Nicht, weil wir so perfekt sind, besonders gelungene Exemplare unserer Gattung.

Und schon gar nicht, weil wir frömmer, besser, heiliger als andere wären.

Sondern einfach deshalb, weil Gott uns braucht, um seine Lebendigkeit, seine Freundlichkeit widerzuspiegeln. Weil seine Liebe ein Gesicht kriegen will: das unsere. Ich mag dich und ich brauche dich, sagt Gott – dich mit deinen Gaben und Schwächen, deinen Hoffnungen und Ängsten, deinem Lebensmut und deiner Todesangst. So, wie du bist. Du bist zu etwas gut auf dieser Welt!

Wenn Sie also wieder mal drauf und dran sind, an Gott und der Welt zu verzweifeln; wenn Ihr Glaube leer, Ihre Liebe kalt und Ihre Hoffnung brüchig wird; wenn Sie nicht mehr wissen, ob das, was Sie tun, überhaupt einen Sinn hat. Wenn Sie denken: Ich habe alles falsch gemacht, an mir ist nichts, was liebenswert wäre – dann schauen Sie in den Bilderrahmen über Ihrem Waschbecken. Er wird Ihnen Gottes Bild zeigen. Und Sie daran erinnern, wer Sie sind und dass Gott Sie brauchen kann.

Musik: Frank Scheffler

Schlussgebet
Guter Gott:
Du hast uns zu Menschen geschaffen,
die deine Liebe widerspiegeln.
Dein lebendiges Bild sollen wir sein,
damit Menschen durch uns deine Freundlichkeit spüren.
Im Vertrauen auf dich und deine guten Absichten bitten wir dich:
Sei du mit allen, die sich selbst nicht gut sind:
Schenke ihnen beides – den ehrlichen Blick für die eigenen Schwächen und das Vertrauen in ihre Stärken.
Sei mit allen, die lieber nicht in den Spiegel schauen, weil sie sehen, wie sie älter werden:
Lass sie zu ihrer Lebensgeschichte stehen und sie annehmen.
Sei mit allen, die vor allem sich selbst sehen:
Gib ihnen Augen für die Bedürfnisse anderer und lass sie die Freude erleben, das Leben mit anderen teilen zu können.
Sei mit allen, deren Glaube brüchig geworden ist:
Hilf ihnen, auch mit Bruchstücken zu leben, und gib ihnen die nötige Geduld mit dir und mit sich selber.
Sei mit allen, denen wir tagtäglich begegnen:
Dass wir in ihren Gesichtern den Reichtum des Lebens entdecken und in ihnen unsere Schwestern und Brüder erkennen.
Höre auf die Bitten, die wir dir in der Stille sagen:
Gebetsstille
Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name,
dein Reich komme,
dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute
und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Lied: Bewahre uns, Gott EG 171 / GL 453, 1–4

Segen
Nun geht als Menschen, die wissen, dass sie Gottes lebendiges Bild sind.
Menschen, die seine Liebe widerspiegeln.
Dazu segne euch der allmächtige und menschenliebende Gott,
der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

Gottesdienst zum 1. Weihnachtsfeiertag 2020 von Pfarrerin Susanne Pieper

Harfe und Flöte   Herbei, o ihr Gläubigen
Wenn ein Kind zur Welt kommt, verändert sich das Leben für alle, die dieses Kind in ihrem Leben annehmen. Am Weihnachtsfest feiern wir die Geburt Jesu. Am Weihnachtsfest feiern wir, dass es immer wieder einen neuen Anfang geben kann. Ein herzliches Willkommen zum Gottesdienst an diesem 1. Weihnachtstag! Ich begrüße Sie und Euch herzlich mit einem biblischen Wort aus dem Johannesevangelium. Im 1. Kapitel, Vers 14 steht geschrieben: “Das Wort wurde Mensch und wohnte unter uns, und wir sahen seinen Glanz, seine göttliche Herrlichkeit.“
Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Psalm 50
Gott der Herr, redet und ruft der Welt zu
von dort, wo die Sonne aufgeht, bis dorthin,
wo sie untergeht.
Aus Zion bricht an der schöne Glanz Gottes.
Unser Gott kommt. Er wird nicht länger schweigen.
Danke Gott für das, was er dir gegeben hat
und erfülle dem Höchsten deine Gelübde.
Er sagt: „Rufe mich an in der Not,
so will ich dich erretten und du sollst mich preisen.
Wer mir Dank darbringt, der ehrt mich,
und da ist der Weg, dass ich ihm zeige, wie Gott rettet.“

Lied EG 30,1-3  Es ist ein Ros entsprungen

Gebet
Jesus Christus, du Kind in der Krippe, Dir wollen wir begegnen heute am Weihnachtstag.

Zu Dir kommen wir, nicht nur heute, sondern an allen Tagen unseres Lebens. Das macht uns froh:  dass Du uns so liebevoll entgegenkommst, dass Du geboren bist, um uns nah zu sein. Dir sei Ehre in Ewigkeit. Amen.

Predigt
Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn und Bruders Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Liebe Gemeinde,
eine gute Nachricht duldet keinen Aufschub. Die Haustür flog auf. Der 18Jährige stürmte herein, wedelte mit einem Dokument in seiner Hand herum und rief: „Ich hab ihn! Ich hab den Führerschein!“

Wer sich freut, muss das gleich weitersagen: Eine Whatsapp ploppte morgens in einer Familie auf dem Handy auf: „Prüfung bestanden!“ stand da ganz lapidar. „Bin mega happy!“

Und dann war da ein junger Vater. Sein Kind war schwer erkrankt. Es musste operiert werden. Nun hatte er die Nachricht bekommen, dass alles gut verlaufen war. Voller Erleichterung rannte er los; der beste Freund musste das sofort erfahren. Fast wäre er dabei in seinen Hausschuhen losgelaufen!

Gute Nachrichten erlauben einfach keinen Aufschub. Da fließt einem das Herz über. Da fliegen die Füße, egal, ob sie zierlich und zart sind oder groß und kräftig.

Von überfließender Freude erzählt auch der Predigttext dieses Weihnachtstages aus dem Profeten Jesaja 52,7-10 und 12:

Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße derjenigen, die Freude verkünden, die Frieden ansagen, Gutes predigen, Rettung ansagen, die zu Zion sprechen: „Dein Gott ist König!“

Schon erheben deine Wächter die Stimme und jubeln gemeinsam! Ja, mit eigenen Augen sehen sie, wie der Herr zum Zion zurückkehrt.

Brecht in Jubel aus, ihr Trümmer Jerusalems, denn der Herr hat sein Volk getröstet und Jerusalem befreit. Entblößt hat Gott seinen heiligen Arm vor den Augen der Völker:  alle Enden der Erde sehen das Heil unseres Gottes.

Nun zieht heraus aus der Gefangenschaft.  Der Herr wird vor euch herziehen und der Gott Israels wird euren Zug beschließen.

Etwas Großes kündigt sich an. Hoffnung wollen diese Worte verbreiten. Und Trost. Um das Jahr 540- 538 vor Christ Geburt sind sie entstanden. Ein beachtlicher Teil des jüdischen Volkes lebt seit fast 50 Jahren im Exil, in Babylonien. Deportiert vom König Nebukadnezar, dem König von Babel, der Jerusalem erobert hatte. Zur Abschreckung für die Dagebliebenen ließ er zusätzlich den Tempel zerstören und wohl noch einiges andere drum herum. Trümmerfelder waren all überall zu sehen. Für die gläubigen Juden war das eine Katastrophe, denn gerade der Tempel war das Haus Gottes. War er nun zerstört, so musste das bedeuten, dass Gott nicht mehr in der Mitte seines Volkes wohnte. So deuteten sie das Geschehen. Inmitten dieser Situation aber geschieht für die eroberten Menschen etwas ganz Großes: Das Babylonische Reich geht unter; die neuen Machthaber, die Perser, haben andere Ziele. Und sie erlauben den Verbannten, nach Hause zu ziehen. Sogar der Tempel von Jerusalem darf wiederaufgebaut werden. Das ist ein Grund für übergroße Freude! Denn die Deutung des Glaubens ist, dass Gott sich seinem Volk wieder zugewandt hat. Erleichterung ist da. Aufatmen. Ein neuer Aufbruch ist möglich, ein Neustart. Ein neuer Anfang ist gesetzt. Mitten aus den Trümmern heraus.

Liebe Gemeinde,
ob das auch für uns möglich ist, an diesem ersten Weihnachtsfeiertag? Dass nach diesem Jahr voller Herausforderungen ein neuer Anfang möglich ist? Ein Aufatmen? Eine Perspektive? Ich glaube, nach diesem Jahr gibt es sie überall und im Leben vieler Menschen, die Trümmerfelder. In den Flüchtlingslagern, in den Hochhäusern ohne Balkon. Auch bei uns, trotz der Regel der Kurzarbeit, haben Menschen ihre Arbeit verloren; Läden haben Insolvenz angemeldet. Menschen sind gestorben und ihre Angehörigen konnten nicht so Abschied nehmen, wie es wichtig gewesen wäre. Pflegekräfte sind am Limit. Trümmerfelder unseres Lebens, sie sind auch am Weihnachtsfest spürbar und unübersehbar. Sie machen dieses Fest noch einmal ganz anders als sonst. Trümmerfelder, die auch mein Leben berühren und die mich erschrecken.

Und doch stellt sich auch die Frage, wie wir mit den Trümmern im eigenen Leben umgehen.  Wir können unseren Blick auf sie geheftet halten und darüber Gott anklagen. Und das hat sein Recht. Wir können versuchen, sie links liegen zu lassen und so tun, als hätten sie keine entscheidende Bedeutung für uns selbst. Aber dabei würden wir uns immer wieder an ihnen verletzen und über sie stolpern. Und es gibt die Möglichkeit, sie anzusehen; innerlich zu beginnen, aufzuräumen. Zu sortieren, woran wir unbedingt festhalten müssen, welche Erinnerungen an Menschen uns unendlich wichtig sind, was wir von ihnen in unser eigenes Leben mit hinübernehmen wollen, welche Werte uns bleiben sollen und was wir auch loslassen können. Was nun auch anders werden soll im eigenen Leben. Weniger aufwendig.  Bescheidener. Reduzierter. Dann könnte Raum entstehen und Platz für etwas Neues. Dann könnte Freiheit entstehen, und vielleicht könnten auch neue Perspektiven möglich werden. Die Bibel nennt diese Erfahrung Trost und sie nennt sie Hoffnung. Es ist die Offenheit dafür, dass Gott doch noch und wieder handeln kann im eigenen Leben.

Für unser Leben ist diese innere Bewegung existentiell. Es ist lebenswichtig für uns, dass wir uns neu orientieren können, uns aufrichten können, dass wir aufatmen können.

„Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße derjenigen, die Freude verkünden, den Frieden ansagen und Gutes predigen.“

Auf die Füße eines Gegenübers achten gerade diejenigen, die gebeugt sind.  Auf die Füße des Gegenübers achten gerade diejenigen, die ihren Kopf neigen, die nach unten schauen. Und gerade sie erkennen als erste, wenn jemand leichtfüßig daherkommt, bewegt, voller Hoffnung und guter Nachricht. Die Entwicklung des Impfstoffes, das baldige Verabreichen an die Verwundbarsten unter uns und dann an alle, die es wollen -  das ist eine Nachricht an diesem Weihnachtsfest, die uns mit Freude erfüllen kann, die gut ist und für die wir zutiefst dankbar sein können. Gott wirkt auch durch die Intelligenz und den charismatischen Forschergeist, durch die demütige Begabung der Besten in den Laboren unserer Länder.

Wenn die Stadt Jerusalem, der erste Wohnort Gottes, wiederaufgebaut werden konnte, so kann auch unser Leben wiederaufgebaut werden.

Und heute, am Weihnachtsfest, blicken wir auf das, was 500 Jahre später geschah, nachdem die Freudenboten ihre gute Nachricht vom neuen Anfang nach Jerusalem getragen haben. Da liefen noch einmal Freudenboten los:  in ihren leichten Sandalen machten sie sich auf den Weg. Es ging durch unwegsames Gelände, es ging über Stock und Stein. Felsigen Boden mussten sie überwinden, mit Grasnarben durchsetzt. Aufpassen mussten sie, dass sie nicht stolperten. Aber sie, die Hirten von Bethlehem, konnten nicht schweigen.  In der Dunkelheit ihrer Nacht hatten sie die umstürzende Botschaft der Engel Gottes gehört: „Fürchtet euch nicht!  Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird, denn euch ist heute der Heiland geboren, Christus, der Herr, in der Stadt Davids.“ „Fürchtet euch nicht!“ Und sie hatten das Kind gesehen. Das Neugeborene, das Gotteskind. Das so lange Erwartete.  Aus ihm strahlte die Liebe Gottes und seine Zuwendung zu den Menschen. Alle mussten davon erfahren, dass Gott einen Neuanfang machte mit seinen Menschen und mit seiner Welt. Dass er das Gute wollte für seine Geschöpfe, dass er den Frieden wollte für seine Erde. Und die Hirten selber, die Freudenboten, priesen und lobten Gott für alles, was sie gesehen und gehört hatten.

Von diesem Ereignis kommen wir her. Das Licht der Geburt dieses Gotteskindes scheint in unser Leben, soweit wir uns für dieses Kind öffnen. Und die Freude über seine Ankunft will uns aufrichten. Das Gotteskind wird uns helfen, die Hoffnung wiederzufinden und unser Leben wiederaufzubauen. Mit ihm ist Gott bei uns, für alle Zeit.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, seinem Sohn. Amen.

Lied How peaceful

Fürbitten
Wir richten uns zu Gott hin aus und beten:

Dein Kind ist uns geboren, unser Gott. Wir danken dir für die Freude, dass du mit ihm unter uns lebst. Lass deine Freude in uns leuchten und lass uns sie weitertragen mit leichtem Schritt.

Dein Kind ist uns geboren, guter Gott. Wir danken dir für die Hoffnung. Wir bitten für alle, die sich für Gerechtigkeit einsetzen, für die Veränderung zum Guten, dass sie gestärkt werden und Früchte ihres Tuns sehen.

Dein Kind ist uns geboren, liebevoller Gott. Wir danken dir für die Gemeinschaft untereinander. Wir bitten dich für die, die einsam sind oder krank, dass Menschen da sind, die sich ihrer annehmen.

Dein Kind ist uns geboren, ewiger Gott. Wir danken dir für das Leben. Wir bitten dich für alle, die ihr Leben loslassen müssen, dass sie spüren, sie sind nicht allein. Dein guter Engel ist mit ihnen und sie sind geborgen in dir.

Lichtvoller Gott, du schenkst uns deine Liebe. Lass sie bei uns spürbar sein als Kraft, als Hoffnung und als Zuversicht an jedem einzelnen Tag.

Und alle unsere Bitten nehmen wir mit hinein in das Vaterunser, das Jesus uns geschenkt hat:

Vaterunser
der du bist im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gibt uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.  Amen.

Lied  O du fröhliche

Segen
Der Herr segne dich und behüte dich
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und schenke dir Frieden. Amen.
Ich wünsche Ihnen allen ein gesegnetes Weihnachtsfest!

Christmette 2020 von Pfarrer Rainer Böhm und Team

Musik        Orgel und Harfe

Begrüßung
Dem Heiligen Abend folgt die Heilige Nacht, die mehr Licht in das Dunkel unserer Welt bringen soll. Das Licht der Liebe und des Friedens. Licht aus Bethlehem. Ich begrüße Sie zu unserer Christmette 2020.

Wir hören auf die alten Friedensverheißungen und die schönen weihnachtlichen Lieder und Melodien. wir hören die Worte der Weihnachtsgeschichte. Und wir werden eine Kurzgeschichte von Werner Reiser zu Gehör bringen, die von dem Engel erzählt, der nicht mehr mitsingen wollte.

Wir sind in Bad Nauheim in der Dankeskirche und wir grüßen Sie zu Hause an Ihren Bildschirmen. Wir haben uns dazu entschlossen, auf präsentische Gottesdienste angesichts der Inzidenzzahlen in der Wetterau und in Bad Nauheim zu verzichten. Wenn Sie unsere Mette nun online sehen, dann bemerken Sie, dass sich viele daran beteiligt haben – dafür ganz herzlichen Dank!

Votum
Glocken haben uns in diesen Gottesdienst gerufen.
Festliche Musik stimmt uns ein in diese besondere Nacht.
Wir tragen unsere Weihnachtsträume zusammen
Und wollen uns beflügeln lassen
Von der Botschaft dieser Nacht.

Gemeinsam mit den Engeln feiern wir diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Amen

Gebet
Unser Gott,
eigentlich haben wir uns das oft gewünscht, ein ruhiges Fest, ein stille Nacht.
Das ist es jetzt, wenn auch anders.
Du bist zu uns gekommen, in unsere dunkle Welt mit deinem Licht. Du verlässt uns nicht, komme was da will.
Wir bitten dich um geöffnete Herzen, betende Gedanken, aber auch die Kraft zum Handeln – damit wahr wird was Jesaja schreibt: „Mein Wort soll nicht leer zu mir zurückkommen.“ (Jes 55, 11)

Lesung AT

1 Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. 3 Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians. 4 Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt. 5 Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; 6 auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende. Jes 9, 1 – 6

Lichtimpuls – Friedenslicht von Bethlehem
Du Gott des Friedens
In diesen Tagen erleben wir, wie begrenzt unser Leben ist.
Doch zeigt uns das Friedenslicht aus Bethlehem – Grenzen können wir überwinden.
Sei Du uns das Licht, das ermutigt, stärkt und Zuversicht gibt.
Damit auch wir Lichtwerden in dieser Zeit mit einem tröstenden Blick, einem guten Wort, einer helfenden Hand, einem weiten Herz.
So leuchtet Dein Licht des Friedens weit in diese Welt hinein und über alle Grenzen hinweg.
Amen

Weihnachtsgeschichte I
1Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. 2Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. 3Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt.
4Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das judäische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum dass er von dem Hause und Geschlechte Davids war, 5auf dass er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger. 6Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. 7Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.
8Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. 9Und des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. 10Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; 11denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. 12Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. 13Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: 14 Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

Lied: Vom Himmel hoch …

Der Engel der nicht singen wollte     von Werner Reiser         
Als die Menge der himmlischen Heerscharen über den Feldern von Betlehem jubelte: "Ehre sei Gott in der Höhe und Friede den Menschen auf Erden", hörte ein kleiner Engel plötzlich zu singen auf. Obwohl er im unendlichen Chor nur eine kleine Stimme war, machte sich sein Schweigen doch bemerkbar. Engel singen in geschlossenen Reihen, da fällt jede Lücke sogleich auf. Die Sänger neben ihm stutzten und setzten ebenfalls aus. Das Schweigen pflanzte sich rasch fort und hätte beinahe den ganzen Chor ins Wanken gebracht, wenn nicht einige unbeirrbare Großengel mit kräftigem Anschwellen der Stimmen den Zusammenbruch des Gesanges verhindert hätten. Einer von ihnen ging dem gefährlichen Schweigen nach. Mit bewährtem Kopfnicken ordnete er das weitere Singen in der Umgebung und wandte sich dem kleinen Engel zu.

Warum willst du nicht singen?" fragte er ihn streng.

Er antwortete: "Ich wollte ja singen. Ich habe meinen Part gesungen bis zum "Ehre sei Gott in der Höhe". Aber als dann das mit dem "Frieden auf Erden unter den Menschen" kam, konnte ich nicht mehr weiter mitsingen. Auf einmal sah ich die vielen Soldaten in diesem Land und in allen Ländern. Immer und überall verbreiten sie Krieg und Schrecken, bringen Junge und Alte um und nennen das Frieden. Und auch wo nicht Soldaten sind, herrschen Streit und Gewalt, fliegen Fäuste und böse Worte zwischen den Menschen und regiert die Bitterkeit gegen Andersdenkende. Es ist nicht wahr, daß auf Erden Friede unter den Menschen ist, und ich singe nicht gegen meine Überzeugung! Ich merke doch den Unterschied zwischen dem, was wir singen, und dem, was auf Erden ist. Er ist für mein Empfinden zu groß, und ich halte diese Spannung nicht länger aus."

Der große Engel schaute ihn lange schweigend an. Er sah wie abwesend aus. Es war, als ob er auf eine höhere Weisung lauschen würde.

Dann nickte er und begann zu reden: "Gut. Du leidest am Zwiespalt zwischen Himmel und Erde, zwischen der Höhe und der Tiefe. So wisse denn, daß in dieser Nacht eben dieser Zwiespalt überbrückt wurde. Dieses Kind, das geboren wurde und um dessen Zukunft du dir Sorgen machst, soll unseren Frieden in die Welt bringen. Gott gibt in dieser Nacht seinen Frieden allen und will auch den Streit der Menschen gegen ihn beenden. Deshalb singen wir, auch wenn die Menschen dieses Geheimnis mit all seinen Auswirkungen noch nicht hören und verstehen. Wir übertönen mit unserem Gesang nicht den Zwiespalt, wie du meinst. Wir singen das neue Lied." ///

Lied: Mary …

Weihnachtsgeschichte II

15Und da die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen gen Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. 16Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen. 17Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. 18Und alle, vor die es kam, wunderten sich über die Rede, die ihnen die Hirten gesagt hatten. 19Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. 20Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.

Der kleine Engel rief: "Wenn es so ist, singe ich gerne weiter."
Der Große schüttelte den Kopf und sprach: "Du wirst nicht mitsingen. Du wirst einen anderen Dienst übernehmen. Du wirst nicht mit uns in die Höhe zurückkehren. Du wirst von heute an den Frieden Gottes und dieses Kindes zu den Menschen tragen. Tag und Nacht wirst du unterwegs sein. Du sollst an ihre Häuser pochen und ihnen die Sehnsucht nach ihm in die Herzen legen. Du musst bei ihren trotzigen und langwierigen Verhandlungen dabei sein und mitten ins Gewirr der Meinungen und Drohungen deinen Gedanken fallen lassen. Du musst ihre heuchlerischen Worte aufdecken und die anderen gegen die falschen Töne mißtrauisch machen. Sie werden dir die Türe weisen, aber du wirst auf den Schwellen sitzen bleiben und hartnäckig warten. Du musst die Unschuldigen unter deine Flügel nehmen und ihr Geschrei an uns weiterleiten. Du wirst nichts zu singen haben, du wirst viel zu weinen und zu klagen haben. Du hast es so gewollt. Du liebst die Wahrheit mehr als das Gotteslob. Dieses Merkmal deines Wesens wird nun zu deinem Auftrag. Und nun geh. Unser Gesang wird dich begleiten, damit du nie vergisst, daß der Friede in dieser Nacht zur Welt gekommen ist."

Der kleine Engel war unter diesen Worten zuerst noch kleiner, dann aber größer und größer geworden, ohne dass er es selber merkte. Er setzte seinen Fuß auf die Felder von Betlehem. Er wanderte mit den Hirten zu dem Kind in der Krippe und öffnete ihnen die Herzen, daß sie verstanden, was sie sahen. Dann ging er in die weite Welt und begann zu wirken.

Angefochten und immer neu verwundet, tut er seither seinen Dienst und sorgt dafür, dass die Sehnsucht nach dem Frieden nie mehr verschwindet, sondern wächst, Menschen beunruhigt und dazu antreibt, Frieden zu suchen und zu schaffen. Wer sich ihm öffnet und ihm hilft, hört plötzlich wie von ferne einen Gesang, der ihn ermutigt, das Werk des Friedens unter den Menschen weiterzuführen.

Lied:  O du fröhliche

Fürbitte

Freundlicher Gott,
du Gott des Friedens
bist bei uns eingekehrt als Kind in der Krippe.
Nichts ist zu klein oder zu unwichtig,
als dass du dich nicht seiner annehmen würdest.

Du kennst unsere Zweifel
am Zwiespalt zwischen Himmel und Erde.
Wir erleben, wie Existenzangst und Widerspruch,
Krankheit und Tod
allgegenwärtig sind in dieser Zeit
und sehnen uns zugleich
nach Harmonie und Frieden.

Du fragst uns nach unserem Mitgefühl
Mit den Menschen, die Leid tragen
Wo schauen wir weg? Was lassen wir zu?
Hilf uns die richtigen Worte zu finden,
Trost zu spenden,
das Unabänderliche auszuhalten,
und das Nötige zu tun
für eine Zukunft mit menschlicher Nähe und Wärme.

Freundlicher Gott,
du Gott des Friedens
dein Licht der Weihnacht leuchtet in der Krippe von Bethlehem
das Licht, das Grenzen überwindet.

Du kennst unsere Zweifel
am Zwiespalt zwischen Himmel und Erde.
Wir erleben, wie Krieg und Zerstörung,
Flucht und Vertreibung,
allgegenwärtig sind
und sehnen uns zugleich
nach Harmonie und Frieden.

Du fragst uns nach unserem Mitgefühl
mit den Geflüchteten
Wo helfen wir? Wie nehmen wir sie an?
Wir bitten dich für alle, die ihre Heimat aufgegeben mussten
und für alle, die ihnen beistehen,
in den Lagern auf Lesbos und anderswo,
die Engel der Menschlichkeit.
 
Freundlicher Gott,
du Gott des Friedens,
das Licht der Weihnacht leuchtet in uns.
All unsere Weihnachtswünsche bringen wir vor dich.
So groß unser Versagen, so weit unsere Sehnsucht -  So tief reicht deine Liebe zu uns.

Vater unser

Segen
Gott, der Herr segne und behüte uns.
Er lasse sein Licht für uns leuchten, damit wir uns nicht fürchten.
Er schenke uns Freude aneinander,
damit wir selbst Freude verschenken.
Er gebe uns seinen Frieden, damit wir ihn hinaustragen in alle Welt. Amen

Schlusslied

Musik

Beteiligte:

Sunhild Breckner
Pfr. Rainer Böhm
Antje Kreutz-Lorenz
Ursel Leichtweiß
Anna Lorenz  (Gesang)
Sigrid Torff-Behrens

Vikar Ingmar Bartsch (Aufnahmen, Ton, Schnitt)
Kantor Frank Scheffler et al (Orgel, Leitung musikal Aufnahmen)

Gottesdienst zum 4. Advent von Pfarrerin Susanne Pieper

Begrüßung
„Ihr, die ihr in der Gemeinschaft Christi seid, freut euch allezeit, und wiederum sage ich: Freut euch! Lasst eure Güte allen Menschen zuteil werden. Der Herr ist nahe!“ Nicht verzagen, sich nicht fürchten müssen, sondern sich freuen können und dürfen. Das ist die Botschaft des Philipperbriefes, die uns heute im Wochenspruch entgegenkommt. Diese Freude hat einen Grund, ein Ziel und einen Namen: Gott kommt uns Menschen nahe. Das ist sein Versprechen an uns. Dieser Freude in Gottes Gegenwart lasst uns in diesem Gottesdienst nachgehen. Wir feiern ihn im Namen Gottes, im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Psalm 126
Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird,
 so werden wir sein wie die Träumenden.
Dann wird unser Mund voll Lachens
 und unsere Zunge voll Rühmens sein.
 Dann wird man sagen unter den Heiden:
 Der Herr hat Großes an ihnen getan!
Der Herr hat Großes an uns getan,
dessen sind wir fröhlich.
Herr, bringe zurück unsere Gefangenen,
wie du die Bäche wiederbringst im Südland.
Die mit Tränen säen,
werden mit Freuden ernten.
Sie gehen hin und weinen
und streuen ihre Saat
und kommen mit Freuden
und bringen ihre Garben.
Ehr sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war am Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Lied EG 19,1.2 O komm, o komm, du Morgenstern

Gebet
Du, Ewiger Gott. Du Anfang und Ziel der Welt. Du kommst auf uns zu. Begibst Dich mitten in unsere Vergänglichkeit. Wir sehnen uns und warten auf Zeichen Deiner Nähe. Lass uns in dieser Zeit der Erwartung offen werden für das Gute, für die Ankunft Deines Sohnes. Dort, in der Armut des Stalls können wir Deiner Nähe und Zärtlichkeit begegnen. Erfülle uns mit Deiner Gegenwart, mit der Kraft Deines Geistes, mit der Hoffnung, die aus Deinem Wort zu uns spricht. Lass uns frei werden von aller Angst.
Das bitten wir durch den, in dem du kommst: Jesus Christus, der mit Dir und dem Heiligen Geist lebt und wirkt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Lesung aus dem 1. Buch Mose 18,1-15
Und der Herr erschien Abraham bei den Bäumen von Mamre, während er an der Tür seines Zeltes saß, als der Tag am heißesten war. Und als Abraham seine Augen hob und aufschaute, siehe, da standen drei Gestalten vor ihm. Als er sie sah, lief er ihnen vom Zelteingang entgegen und neigte sich bis zur Erde. Und er sprach: Herr, habe ich Gnade vor deinen Augen gefunden, so geh nicht an deinem Knecht vorüber. Man soll euch ein wenig Wasser bringen, um eure Füße zu waschen, und dann lasst euch unter dem Baum nieder. Und ich will euch einen Bissen Brot bringen, dass ihr euer Herz labt; danach mögt ihr weiterziehen. Denn darum seid ihr ja bei eurem Knecht vorübergekommen. Sie sagten: Tu, was du gesagt hast.
Abraham eilte in das Zelt zu Sara und sprach: Beeile dich, menge drei Krüge feinstes Mehl, knete es und backe Fladenbrot. Er selbst aber lief zu den Rindern und holte ein zartes gutes Kalb und gab es dem Knecht; der beeilte sich und bereitete es zu.

Und er trug Sauermilch und Milch auf und nahm Fleisch von dem Kalb, das er zubereitet hatte, und setzte es ihnen vor und blieb vor ihnen unter dem Baum stehen, und sie aßen.

Dann sprachen sie zu ihm: Wo ist Sara, deine Frau? Er antwortete ihnen: Drinnen im Zelt. Da hörte Abraham die Worte: Ich will übers Jahr wieder zu dir kommen; siehe, dann soll Sara, deine Frau, einen Sohn haben. Das hörte Sara hinter ihm, hinter dem Vorhang des Zeltes. Abraham und Sara waren schon alt und hochbetagt, und Sara konnte gar keine Kinder mehr bekommen. Da lachte Sara innerlich und dachte: Ich bin alt und verbraucht, und meinem Mann geht es genauso. Und nun soll ich noch der Liebe pflegen? Da sprach der Herr zu Abraham: Warum lacht Sara denn und spricht: Sollte ich wirklich noch gebären? Wo ich doch so alt bin? Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein? Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen im nächsten Jahr; dann soll Sara einen Sohn haben. Aber Sara stritt es ab und sagte: Ich habe nicht gelacht. Denn sie hatte es mit der Angst bekommen. Er aber sprach: Doch, du hast gelacht.

Ansprache
Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn und Bruders Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen

Liebe Gemeinde,
kennen Sie die Skulptur „Die lachende Alte“ von dem Künstler Ernst Barlach? Es ist eine Bronzefigur, die er im Jahre 1937 gestaltet hat. Eine alte Frau kniet auf dem Boden. Sie hat die Arme im Schoß nach vorne gestreckt; die Hände ruhen auf ihren Knien und der Kopf ist weit zurückgelegt. Mit offenem Gesicht schaut sie nach oben. Ihr Gesicht leuchtet. Sie lacht mit offenem Mund. Ihr ganzer Körper ist ein einziges Lachen - ein heiter wirkendes, ein frohes, ein ansteckendes Lachen.

Sie erinnert mich an Sara. Abrahams Frau. Auch Sara lacht. Sie steht hinter dem Vorhang ihres Zeltes, das sie sich mit ihrem Ehemann teilt. Gerade hat sie gehört, dass ihr und ihrem Mann noch ein Kind verheißen worden ist. In dem hohen Alter? Nachdem ihre Zeit der Fruchtbarkeit doch längst vorbei ist? Nachdem sie beide so viele Jahre lang vergeblich darauf gehofft hatten, dass Gott seine Verheißung ihrer Nachkommenschaft wahrmachen würde? Sara kichert in sich hinein. Sie juchzt ganz leise. Erstaunt. Vergnügt. Tief verwundert. Auch ungläubig? Sie kann sich schlicht nicht vorstellen, wie das gehen soll. Und ist das nicht auch eine skurrile, lustige Vorstellung, wenn eine Frau im Urgroßmutteralter plötzlich schwanger wird? Auch von Abraham wird das übrigens erzählt, ein Kapitel vorher, als er das göttliche Versprechen hört, dass Sara ein Kind bekommen wird: „Da fiel er auf sein Angesicht und lachte und sprach in seinem Herzen: soll mir mit hundert Jahren ein Kind geboren werden?“ Doch ihm bleibt es erspart, von Gott für seine Zweifel hinterfragt zu werden.

Ich möchte das Lachen von Sara als Freude verstehen; als erstaunte Freude darüber, dass ihr lebenslanger, langersehnter Wunsch doch noch in Erfüllung gehen könnte. Sara sieht ja bei ihren Freundinnen und Verwandten, wie viele frohmachende Momente es mit kleinen Kindern gibt. Wenn ich in meine eigene Biografie schaue, dann erinnere ich mich gut daran, dass mein Mann und ich, nachdem unsere Kinder geboren worden waren, viel mehr in der Familie gelacht haben als vorher. Da gab es so viele heitere und unbeschwerte Momente, so viel Situationskomik, so viele überraschende Wortschöpfungen, so viele unerwartete Fragen, die unsere Fantasie herausforderten. Als ihr Sohn geboren wird, nennen Sara und Abraham ihn „Izchak“, das heißt „Er lacht“. Ein lachendes, fröhliches Kerlchen, das seinen Eltern noch in ihrem Alter viel Freude macht und Leichtigkeit in ihr Leben bringt.

Sollte Gott etwas unmöglich sein? Diese Frage leuchtet aus dieser Väter - und Müttergeschichte heraus. Traust du Gott noch etwas zu? Kannst du dir vorstellen, dass etwas Ungewöhnliches in deine kleine Welt einbricht? Dass etwas eintrifft, das du dir ersehnt hast, wofür du gebetet hast? Das du dir sehnlichst gewünscht hast?

Bei Abraham und Sara fängt alles mit ihrer Gastfreundschaft an. Aus unserer eigenen Erfahrung wissen wir, was Gastfreundschaft bewirken kann. Denken wir einen Moment lang an die besseren Tage, die wir auch in diesem Jahr oder in früheren Jahren erleben konnten. Wenn wir Gäste eingeladen haben, dann haben wir die schöne Erfahrung machen können, dass das gemeinsame Essen wirklich Gemeinschaft schafft. Gastfreundschaft erweitert den Horizont. Man erfährt Neues, vom Gastgeber, von den Gästen und von der Welt. Da werden neue Fenster aufgemacht. Da setzt sich die Welt neu zusammen, so als würden Puzzleteile zusammengesetzt. Da wird auch mal auf etwas zusammen angestoßen. Lachen und Freude und Gespräche erfüllen den Raum. Gastfreundschaft ist Leben. Ist Lebendigkeit.

In der Wüste ist Gastfreundschaft ein eigenes Gebot, ein ungeschriebenes Gesetz. Jedes Beduinenkind lernt das von klein auf: wenn du jemanden Unbekanntes in der Wüste triffst, dann ist es deine Pflicht, ihn mit in deine Familie zu bringen. Drei Tage Gastrecht stehen jedem Fremden zu. Niemand soll in der Wüste allein und unversorgt sein. Er soll alles bekommen, was er braucht.

Vor vielen Jahren habe ich diese Haltung der Fürsorge erlebt, als wir mit unserer Studentengruppe den Sinai erkundet haben. In zwei Kleingruppen waren wir mit unseren Autos unterwegs, und damit die zweite Gruppe wusste, in welche Richtung sie bei einer Weggabelung weiterfahren sollte, wurden zwei Mitglieder der ersten Gruppe an dieser Gabelung abgesetzt, die den Ankömmlingen die Richtung anzeigen und dann auch mitgenommen werden sollten. Mehrere Stunden warteten die Beiden an dieser Stelle. Mitten in der Stille der felsigen, warmen, sonnigen Umgebung. Nichts passierte. Schließlich aber kamen zwei Beduinen mit ihrer Karawane von Kamelen vorbei. Gemächlich bewegten sie sich auf die beiden Studenten zu. „Ist bei euch alles in Ordnung? Was macht ihr hier? Braucht ihr etwas? Ist wirklich alles okay?“ Immer wieder stellten sie auf englisch diese Fragen, bis sie irgendwann – noch immer etwas skeptisch - ihrer Wege weiterzogen. Gastfreundschaft ist ein Gebot der Wüste.

„Gastfrei zu sein vergesst nicht,“ heißt es im Hebräerbrief des Neuen Testaments, “denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt“ (Hebr. 13,2). Ja, wer die Tür seines Zeltes oder seines Hauses offen hält für Überraschungsgäste, kann gelegentlich ein Wunder erleben. Es könnte sein, dass Gott selbst oder ein Bote von ihm an unserem Tisch Platz nimmt und etwas mitbringt.

Das erleben Abraham und Sara. Und sie werden beschenkt mit einer guten Nachricht. Sie unterbricht ihren tristen Alltag. Sie richtet sie auf und sie verändert ihr Leben.

Was hat diese Geschichte der Erzeltern von einst mit uns heute zu tun? Mit uns, die wir gerade in unseren Wohnungen oder Häusern sitzen, im Lockdown ausharren, versuchen, uns bestmöglichst zu schützen und auf bessere Zeiten hoffen?

Ich möchte die Geschichte von Sara und Abraham auf dieser Folie noch einmal erzählen:
Gott kommt hinein in die Wüste, mitten hinein in ein unwirtliches Leben. Er kommt, wenn die Zeit am heißesten ist. Wenn niemand mit Besuch rechnet. Weil alle sich am liebsten verkriechen, in den Schatten, ins Zelt oder ins Haus. Und mitten in dieser heißen Zeit, in der alle verkrümmt sind in sich selbst, da wird ihr Blick aufgerichtet. Und sie sehen auf wie Abraham und Sara und hören auf neue Worte. Gott und seine Boten kommen nicht zufällig vorbei. Sie haben eine Mission, sie bringen eine Botschaft mit: „In einem Jahr sieht alles ganz anders aus! In einem Jahr werdet ihr euch wieder freuen können.“ Und ich denke an den berühmten Satz von Friedrich Hölderlin aus seinem Gedicht „Patmos“, wo es heißt: „Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“ Und mir fällt zum Rettenden der Impfstoff ein, der auf dem Weg zu uns ist. Und die Menschen, die ihn verabreichen werden, sie werden wie Engel für uns sein. Und ich freue mich über ein biblisches Wort aus dem Jeremiabuch 31,17, das als Losungswort für den 17. Dezember ausgewählt worden war: „Es gibt eine Hoffnung für deine Zukunft.“

Mitten in dieser schweren, unwirtlichen Zeit warten auch wir auf ein Kind - auf das Kind von Bethlehem, das Gott hineinschickt in unsere tristen und bedeckten Tage. Und so wie Izchak seinen Eltern Freude geschenkt hat, so schenkt uns dieses Kind in der Krippe Licht und Freude und Liebe. Wie gut, dass es gerade in diesen Tagen unsere Seele aufatmen lässt.

Und nach dem Fest, da dürfen schon einmal unsere ersten Alten und Hochbetagten jubeln und juchzen und sich freuen – denn der Impfstoff wird für sie da sein. So wie vor wenigen Tagen jener alte Herr in England, der lachte und vor Freude strahlte und vor Begeisterung seine Arme in die Luft warf, nachdem er die Spritze bekommen hatte.

In einem Jahr wird es ganz anders sein.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Lied EG 8,1-4 Es kommt ein Schiff geladen

Fürbitten
Du, unser Gott, bist der, der war und der ist und der, der kommt.
In diesem Vertrauen bringen wir unsere Bitten für uns und für unsere Welt zu Dir.

Wir bitten für alle Pflegekräfte, für alle Ärztinnen und Ärzte in diesen Tagen. Gib ihnen Weisheit, Geduld, innere und äußere Stärke. Lass sie Kraft schöpfen aus der Liebe, mit der Du uns im Kind von Bethlehem begegnest.

Wir bitten Dich für alle, die sich vor dem kommenden Fest fürchten, weil sie Einsamkeit, Krankheit oder Sterben aushalten müssen. Lass das Licht von Bethlehem ihre Traurigkeit erhellen und die Klarheit des Herrn sie umleuchten, damit ihre Furcht und ihre Tränen weichen.

Wir bitten Dich für alle, deren Erwartungen an das Weihnachtsfest enttäuscht worden sind, die sich in diesen Tagen völlig neu orientieren müssen. Lass sie erfahren, dass Du da bist. Du besuchst sie im Kind von Bethlehem.

Lass das Licht von Bethlehem in unseren Fenstern und Herzen leuchten. Lass uns spüren, dass Neues entstehen und geboren werden kann, wo wir es gar nicht erwarten. Du gibst uns Zukunft und Hoffnung. Dein Licht vertreibt unsere Dunkelheit. Du bist der, der war, der ist und der zu uns kommt.

In diesem Vertrauen beten wir zu Dir mit den Worten des Vaterunsers:

Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Segen
Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.
Amen.

Gottesdienst mit Video zum 3. Advent von Vikar Ingmar Bartsch

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar: youtube.com/watch?v=tQgtu6Ng2L8

Begrüßung
Herzlich Willkommen zum Gottesdienst am dritten Advent hier in der Dankeskirche. Nicht einmal mehr zwei Wochen sind es bis Weihnachten. Wir feiern, dass Gott in Jesus in diese Welt gekommen ist. „Bereitet dem Herrn den Weg, denn siehe, der Herr kommt gewaltig.“ Das ist der Wochenspruch für die kommende Woche und damit auch eine Art Überschrift über diesem Sonntag. Aber können wir das immer so bejahen? Und wer ist Jesus für uns? Johannes der Täufer stellt sich diese Frage auch: „Bist Du der angekündigte Messias oder sollen wir warten, bis ein anderer kommt?“ Wer bist Du, Jesus? Dieser Frage wollen wir heute in diesem Gottesdienst nachspüren.

Votum
Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

Psalm 85,2.7-12
HERR, der du bist vormals gnädig gewesen deinem Lande und hast erlöst die Gefangenen Jakobs; 7 Willst du uns denn nicht wieder erquicken, dass dein Volk sich über dich freuen kann? 8 HERR, zeige uns deine Gnade und gib uns dein Heil! 9 Könnte ich doch hören, was Gott der HERR redet, dass er Frieden zusagte seinem Volk und seinen Heiligen, auf dass sie nicht in Torheit geraten. 10 Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten, dass in unserm Lande Ehre wohne; 11 dass Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen; 12 dass Treue auf der Erde wachse und Gerechtigkeit vom Himmel schaue. Amen.

Gebet
Jesus Christus, unser Heiland und Erlöser. Wenn wir zweifeln und wenig von Dir wahrnehmen, dann festige unseren Glauben und mach uns geduldig. Komme Du uns in diesem Gottesdienst entgegen, dass wir von Dir lernen und erfahren, wer Du bist, der Du mit dem Vater und dem Heiligen Geist lebst und regierst von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Schriftlesung Jesaja 40, 1-10
Advent bedeutet Ankunft. Wir feiern das Kommen Jesu in unserer Welt. Als Christen stehen wir in der biblischen Tradition vom Kommen Jesu als dem Messias, das durch Johannes den Täufer angekündigt wurde. Johannes war davon überzeugt, dass die alten Prophezeiungen der jüdischen Schriften in seiner Zeit eintreffen werden. Und so hören wir von Jesaja, wie er es sich vorgestellt hat, wenn Gott selbst in die Welt kommt:
1 Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott. 2 Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist; denn sie hat die volle Strafe empfangen von der Hand des HERRN für alle ihre Sünden. 3 Es ruft eine Stimme: In der Wüste bereitet dem HERRN den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott! 4 Alle Täler sollen erhöht werden, und alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was uneben ist, soll gerade, und was hügelig ist, soll eben werden; 5 denn die Herrlichkeit des HERRN soll offenbart werden, und alles Fleisch miteinander wird es sehen; denn des HERRN Mund hat's geredet. 6 Es spricht eine Stimme: Predige!, und ich sprach: Was soll ich predigen? Alles Fleisch ist Gras, und alle seine Güte ist wie eine Blume auf dem Felde. 7 Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt; denn des HERRN Odem bläst darein. Ja, Gras ist das Volk! 8 Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich. 9 Zion, du Freudenbotin, steig auf einen hohen Berg; Jerusalem, du Freudenbotin, erhebe deine Stimme mit Macht; erhebe sie und fürchte dich nicht! Sage den Städten Judas: Siehe, da ist euer Gott; 10 siehe, da ist Gott der HERR! Er kommt gewaltig, und sein Arm wird herrschen. Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her.

Lied EG 536

Predigt
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

Ich stecke meinen Einkaufszettel in die linke Hosentasche, nehme meinen Schlüssel und das Portemonaie und ziehe die Wohnungstür hinter mir zu. Auf dem Weg zum Supermarkt gehe ich die Liste in Gedanken nochmal durch. Mein Auftrag ist klar, er steht da schwarz auf weiß. Im Supermarkt starte ich mit Obst und Gemüse und arbeite die Liste nach und nach ab. Tomaten, Bananen, Äpfel, ein paar Beeren. Weiter geht es. Kekse. Was für Kekse? Die, die wir zuletzt hatten? Oder die Lieblingskekse meiner Schwiegereltern, die uns am Wochenende besuchen werden? Ein leiser Zweifel schiebt sich in meinen gewissen Auftrag. So ist das oft, wenn ein Plan oder meine Erwartungen auf die Wirklichkeit treffen. Ganz banal, an der Käsetheke. Dort, wo ich mich frage, wie „ausreichend Käse für zwei Mal Abendbrot“ auf meinem Zettel wohl zu interpretieren ist.

Zweifel schleichen sich im Alltag schnell ein. Das betrifft auch wichtigere Dinge, als Kekse. Werde ich diese Prüfung bestehen und wenn ja, mit welcher Note? Wird es mit meiner Gesundheit jemals besser? Kann ich meinem Partner, meiner Partnerin wieder vertrauen? Wird zu Weihnachten die Familie zusammenfinden? Solche Fragen verschwinden nicht einfach. Die geistern mal mehr, mal weniger stark im Kopf herum.

Und solche Fragen gibt es auch in unserem Glaubensleben: Wie kann ich an einem Gott festhalten, der Leid zulässt? Wie ist das mit Jesus: Ist er ein besonders vorbildlicher Mensch gewesen? Ist er der auferstandene Christus, der Leid und Tod überwunden hat? Wer ist dieser Jesus? Diese Frage hat sich auch Johannes der Täufer gestellt. Ich lese aus dem Matthäus-evangelium im 11. Kapitel die Verse 2-6:

2 Johannes (der Täufer) war im Gefängnis und hörte, was der Christus vollbracht hatte. Deshalb schickte er seine Jünger zu Jesus, 3 Und ließ sie fragen: Bist Du der angekündigte Messias oder sollen wir warten, bis ein anderer kommt? 4 Und Jesus antwortete ihnen, indem er sagte: „Geht zu Johannes und berichtet ihm, was Ihr seht und hört. 5 Blinde sehen wieder und Lahme gehen spazieren. Aussätzige werden rein und Taube können hören. Tote werden auferweckt und den Armen wird die gute Nachricht, das Evangelium verkündet. 6 Und gesegnet ist der Mensch, der sich nicht über mich ärgert und vom Glauben abfällt.

Die gute Nachricht ist: Ich bin nicht allein mit meinen zweifelnden Fragen. Auch andere zweifeln. Selbst Johannes der Täufer zweifelt. Er, von dem Jesus sagt, dass er ein außergewöhnlicher Prophet sei. Ein Mann Gottes. Die Zweifel von Johannes kommen vermutlich aus den Erwartungen, die er und die Menschen zu seiner Zeit an Jesus hatten. Sie hofften auf einen politischen Retter, den Messias, der das Volk befreit. Der den Römern Paroli bietet und die politische Landschaft umpflügt. Und vielleicht hoffte Johannes auch darauf, dass er aus dem Gefängnis befreit wird, wenn der Messias kommt. Und dann trafen die Erwartungen, die Hoffnungen und Wünsche auf die Realität. Denn Jesus hat sie nicht so erfüllt, wie die Menschen sich das vorgestellt haben. Der Messias ist irgendwie anders gekommen, als erwartet. Da sind Zweifel eine normale Folge.

Hängen meine Glaubenszweifel auch mit den Erwartungen zusammen, die ich an Gott habe? Weil meine Erwartungen auf die Realität prallen? Und wenn ja, welche Erwartungen habe ich an Gott? Eine Welt ohne Leid? Wohlstand für alle? Gelingendes Leben? Immer gute Laune und ein Leben in Gesundheit bis zum Tod im hohen Alter? Sind das meine Erwartungen an Gott? Und was passiert mit meinem Glauben, wenn sie nicht eintreffen?

Wie gesagt: Es ist normal, an Gott zu zweifeln. Das sagt Jesus selbst: gesegnet ist der Mensch, der sich nicht über mich ärgert und vom Glauben abfällt. Was aber kann ich tun, wenn sich diese Zweifel Bahn brechen? Wenn ich in meinen Erwartungen enttäuscht wurde? Johannes tut etwas Bemerkenswertes. Er wendet sich mit seinen Zweifeln direkt an Jesus. Er geht letztendlich mit seinen Zweifeln zu Gott. An der konkreten Situation des Johannes im Gefängnis ändert das übrigens erstmal gar nichts. Jesus hat auf die Zweifel des Johannes und damit auch auf unsere Zweifel eine Antwort: Verlasst Euch auf das, was Ihr seht und hört. Jesus sagt, dass die Zeichen seines Wirkens wahrnehmbar sind, wenn man sich darauf einlässt. Wenn man hinsieht. Wenn man hinhört.

Vielleicht muss ich dazu auch jenseits meiner Erwartungen hinsehen und hinhören. Da, wo Gott mir anders begegnet, als ich es denke. Für mich persönlich sind die Zeichen von Gottes Wirken in meinem Leben an verschiedenen Stellen zu erkennen. Wenn eine Prüfung vorbei ist und ich irgendwie das Gefühl hatte, ich war nicht allein. Selbst, wenn ich nicht bestanden haben sollte. Wenn ich nach einer Krankheit wieder an die frische Luft kann, und die Natur wahrnehme, auch wenn ich mich noch schwach fühle. Wenn Menschen den Dialog suchen und zusammenfinden, weil sie einander vergeben können. Auch wenn die Verletzungen tief sind. Wenn mir jemand in einem Nebensatz etwas sagt, was plötzlich ungeahnte Kraft in meinem Leben entfaltet. Wenn ich in den Adventsgottesdiensten spüre, dass da mehr ist, als ich selbst machen kann. Wenn ich merke: Gott ist da. Wenn mir die Nachbarin mitten in einer heftigen Arbeitsphase plötzlich Kuchen vorbeibringt, ohne zu wissen, dass ich gerade am Schreibtisch versauere.

Ich würde mir wünschen, dass wir hier in der Gemeinde noch mehr ins Gespräch kommen, über die Zeichen Gottes, die wir in unserem Leben erkennen können. Ich würde mir wünschen, dass wir uns gegenseitig stärken und ermutigen, weil wir uns von Gott erzählen. Und ich würde mir wünschen, dass wir auch über Zweifel sprechen.

Ist Jesus nun also der Messias? Oder mit Johannes gefragt: „Bist Du der angekündigte Messias oder sollen wir warten, bis ein anderer kommt?“ Jesus selbst sagt letztendlich: Meine Spuren sind gelegt. Du kannst sie entdecken. Aber sie zu suchen und mit Deinen Fragen und Zweifeln zu mir zu kommen, das ist Deine Entscheidung. Ob ich der Messias bin muss jede Generation, muss jeder Mensch für sich durchdenken, erkennen und glauben.

Gerade die Adventszeit ist eine Zeit der Zusagen. Gott bahnt sich seinen Weg zu uns Menschen. Gott kommt uns entgegen. Die Zeichen sind gelegt. Und vielleicht wirft Gott in der Advents- und Weihnachtszeit auch ein neues Licht auf die anderen drängenden Fragen unseres Lebens, wenn wir nach seinen Spuren suchen.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als unser menschliches Begreifen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Lied EG+ 112

Fürbitten und Vaterunser
Gott, Wir schauen auf Weihnachten. In Jesus Christus, dem versprochenen Erlöser, kommst Du zu uns. Schenke uns, dass wir Dich in unserem Leben erfahren können. Wir bitten Dich: Nimm uns die Zweifel an Dir. Mache uns zu Menschen, die nicht an ihren Erwartungen festmachen, wie Du sein sollst, damit wir erkennen können, wo Du uns beschenkst.

Gott, wir bitten für uns und unsere Gesellschaft in Zeiten der Pandemie. Zu sehr zermürben die Kontaktbeschränkungen. Und sie sollen noch verschärft werden. Viele Menschen geraten in Not, viele sind einsam. Wir hatten gehofft, dass die Infektionszahlen im November sinken. Wir hatten gehofft, dass wir uns eine Weile einschränken und dann ist die Lage wieder unter Kontrolle. Doch es ist anders gekommen und es ist schwer, damit umzugehen. Begleite uns in dieser Zeit. Mach uns trotz Unsicherheit geduldig und schenke uns Kraft für die kommenden Wochen. Wir bitten Dich um Weisheit für alle, die weitreichende Entscheidungen treffen müssen. Wir bitten Dich, dass wir selbst weise reagieren und unseren Teil zur Bewältigung der Pandemie beitragen.

Gott, wir bitten für unsere Gemeinde. Wir haben uns viele Gedanken gemacht, wie wir Weihnachten in diesem Jahr anders feiern. Wir bitten Dich, dass wir die Menschen in Bad Nauheim mit Deiner Botschaft des Friedens erreichen können. Wir bitten Dich um Deinen Segen für die Krippenwege und die Gottesdienste in den Kirchen und zu Hause. Wirke durch unsere Gemeinde in diese Welt hinein. Schenke, dass es Weihnachten wird in den Herzen der Menschen.

Und alles, was uns noch bewegt, bringen wir vor Dich mit den Worten des Vaterunsers.
Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Gemeinde: Amen.

 

Segen
Und so geht unter dem Segen Gottes in die kommende Woche:
Der Herr segne Dich und behüte Dich.
Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über Dir und sei Dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf Dich und schenke Dir Frieden.

Gottesdienst mit Video zum 1. Advent 2020 von Pfarrerin Susanne Pieper

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar: https://youtu.be/9GEjoyrdtHU

Orgel

Die erste Kerze brennt!  Ein herzliches Willkommen heute zum Gottesdienst. An diesem ersten Adventssonntag. Hier in der Dankeskirche.

Grund zur Freude bietet die Zeit des Advents! Vorfreude auf das Weihnachtsfest. Vorfreude auf die Geburt Jesu.  Auf die Ankunft des Friedenskönigs. Den Ausblick auf die Freude können wir gerade in diesen Tagen gut gebrauchen.

Worte aus dem  Buch des Profeten Sacharja begleiten uns in diese neue Woche:
„Sieh,  dein König kommt zu dir.  Ein Gerechter und ein Helfer.“

Wir feiern den Gottesdienst im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes! Amen.

Meditation zu Psalm 24

Macht die Tore weit und alle Türen in der Welt auf,
damit Gott wie ein König einziehe.

Warum sollen wir die Türen öffnen,
damit Gott zu uns kommt wie ein König?
Gehört ihm nicht schon die Erde?  
Sind nicht alle Geschöpfe das Werk seiner Hände?

Macht die Tore weit und alle Türen in der Welt auf,
damit Gott wie ein König einziehe.

Wer kann die Gegenwart Gottes ertragen,
wenn er zu uns kommt, um bei uns zu wohnen?
Der, der für Gerechtigkeit eintritt
und nach Frieden trachtet, der, der sich vergeben lässt,
wo er schuldig geworden ist.

Macht die Tore weit und alle Türen in der Welt auf,
damit Gott wie ein König einziehe.

Wer Gott die Tore öffnet
und für ihn die Tür seines Herzens weit aufmacht,
der wird Segen empfangen und seine Gebete
werden den Weg zu Gott finden.

Darum macht die Tore weit auf
und alle Türen in der Welt auf,
damit Gott wie ein König einziehe. Amen.

EG 1,1-3 Macht hoch die Tür

Gebet
Du, sehnlich erwarteter Gott,
unerwartet kommst du und manchmal so anders, als wir meinen. Doch du kommst! Darauf kommt es an und darauf können wir uns verlassen. Und eben darum bitten wir dich: Erhalte uns diese Zuversicht auch in schweren Zeiten und in einer für uns unberechenbaren Welt. Hilf uns, damit wir Tritt und Halt finden auf guten Wegen. Dies bitten wir im Namen deines Sohnes, unseres Bruders und Herrn. Amen.

Schriftlesung Sacharja 9,9-10
„Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, juble laut! Sieh, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer. Er ist arm und reitet auf einem Esel, auf dem Fohlen einer Eselin.  Ich werde die Streitwagen aus Ephraim beseitigen und die Schlachtrosse aus Jerusalem, und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden. Denn er wird den Völkern den Frieden gebieten, und seine Macht wird von einem Meer zum anderen reichen, vom Tigrisstrom bis zu den Enden der Erde.“

Ansprache
Gottes Liebe, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen!  Amen.

Liebe Gemeinde,
ein neues Jahr ist da! Ein neues Kirchenjahr. Heute, am 1.  Advent, zünden wir die 1.  Kerze an. Und übermorgen öffnen wir die erste Tür unserer Adventskalender – ob sie nun analog sind oder in dieser Zeit zusehends digital. Viele wundern sich, wo dieses letzte Jahr geblieben ist. Wie schnell ist es vergangen, auch wenn - oder gerade weil -  Vieles so ganz anders war als gewohnt. Ja, es ist schon so eine Sache mit der Zeit.

Wir leben und wir denken in Kategorien der Zeit: Stunden.  Tage. Wochen. Monate.  Das bietet uns Orientierung. Welcher Tag ist heute? Wo befinde ich mich gerade in meinem Terminkalender? Es ist wichtig, das zu wissen.  Damit das Richtige zur rechten Zeit getan wird.

Zugleich aber merken wir auch, dass Zeiten sich ändern. Gerade wenn wir die letzten Jahre miteinander vergleichen. Zeit – Ansagen werden gemacht. Täglich können wir das in den Medien verfolgen. Was gilt jetzt, im Moment? Was hat die Stunde geschlagen? Welche Regeln haben wir heute, morgen und in den nächsten Wochen zu befolgen? Was geben die Regierenden vor, die, die jetzt eine besondere Verantwortung tragen? Das alles verlangt viel Wachheit von uns, Aufmerksamkeit und ein flexibles Handeln. Und wir müssen jeweils neu für uns durchbuchstabieren und abwägen, was im Moment gerade ein verantwortungsvolles Verhalten ist. Gerade gegenüber unseren verwundbaren Nächsten.

Inmitten dieser Zeitansage möchten manche auch den Zeitgeist bestimmen. Sie wollen zeigen, wo es langgehen soll in unserer Welt. Da spricht einer einfach so von „alternativen Fakten“.  Da benutzt einer Twitter, als wäre es eine eigene, 4. Gewalt im Staate, mit der sich an demokratischen Strukturen vorbei Politik machen lässt. Menschen wollen den Zeitgeist bestimmen. Da radikalisieren und spalten sich ganze Gesellschaften innerhalb der westlichen Welt.  Da wird in unserem Land die Geschichte relativiert, und ein dumpfer Antisemitismus kommt wieder hervorgekrochen. Sie behaupten, sie allein wüssten, was wahr ist. Das alles sind Zeichen eines Zeitgeistes, die vielmehr Schreckgespenster sind. Diese Bewegungen sind Geister, Gespenster, die uns nur vorgaukeln, dass sie die Wahrheit vertreten. Sie nehmen unsere kostbare Zeit in Anspruch.  Sie wollen unsere Aufmerksamkeit. Sie erheben den Anspruch darauf, unser Denken, unser Fühlen und Handeln zu bestimmen.  Aber sie sind alle nur menschengemacht.

Da ist es gut, dass die Zeiten auch wechseln können. Dass etwas Anderes kommen kann. Der Lauf der Welt verändert sich auch! Er entlarvt viele Akteure, die den Zeitgeist bestimmen wollen. Und plötzlich fällt einem das Kind aus dem Märchen ein, das laut ruft: „Guckt mal, der Kaiser hat ja gar keine Kleider an!“

Hinter vielen Zeitgeistern steckt gar keine Substanz. Nichts Beständiges. Potemkimsche Dörfer. Reine Fassade.

Der biblische Text dieses Tages aber erzählt von einem wahren Geist. Der beständig ist. Und in Ewigkeit derselbe ist. Der wahr ist und sich treu ist. Der vor allem den Menschen treu ist. Und der die Menschen anspricht. Durch die Zeiten hindurch. Gottes Geist. Er geht uns unvermittelt an. Egal, in welcher Zeit wir leben. Wir hören ihn heute in den Worten Sacharjas, des Profeten: „Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, juble laut! Sieh, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer. Arm, und reitet auf einem Esel. Und er wird den Völkern Frieden gebieten, und seine Herrschaft wird von einem Meer zum anderen sein, bis an die Enden der Erde.“

Ein Profet sagt, was er von Gott weiß. Und er sagt, was jetzt gerade dran ist. Was die Stunde geschlagen hat. „Freut euch und jubelt!“ Er weckt seine Leute auf, er rüttelt sie wach. Er weiß, dass Vieles im Argen liegt zwischen den Menschen seiner Zeit. In der Gesellschaft seiner Zeit brodelt es: Gewalt ist auf den Straßen, Gewalt ist in den Häusern. Unfrieden, Streit und Auseinandersetzungen sind in vielen Beziehungen zu finden. Witwer und Witwen werden ausgegrenzt. Waisenkinder sind nicht versorgt. Arme hungern. Kranke leiden. Gastfreundschaft ist ein Fremdwort. Worüber sollten die Menschen sich da freuen?!

Sacharja, der Profet aber sieht tiefer. Er öffnet seinen Zeitgenossen den Blick dafür, dass es ja auch anders gehen könnte. Er malt ihnen eine ganz atemberaubende Vision vor Augen. Und er spricht von dem, der der „König ihrer Herzen“ werden möchte: der hilft, der gerecht ist, dem es wichtig ist, Unrecht zu überwinden und Frieden aufzurichten. Der demütig ist und sich selbst nicht zu hoch einschätzt. Damit öffnet der Profet seine Leute für die Perspektive, dass es durchaus anders zugehen könnte zwischen den Menschen. Und welch ein Gegenbild ist das zu den gängigen, üblichen Herrschern der Geschichte, die sich darin überbieten und überboten, reich zu sein, selbstsüchtig, korrupt und doppelzüngig. Menschen, die auf äußere Pracht aus sind und die keine Skrupel haben, über Leichen zu gehen. „Dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer. Der reitet auf einem Esel.“ Auf einem Esel?! Der taugt also gerade gar nicht  für eine aggressive Kriegsführung.

Sacharja spricht sein profetisches Wort hinein in einen der blutigsten Abschnitte der Weltgeschichte. Es ist die Zeit der sog. Diadochen, der Nachfolger Alexanders des Großen. Wo ein Herrscher den anderen zu Tode bringt – durch Intrigen, durch Dolch und Gift. Und dennoch halten sie alle sich für göttliche Wesen. Nennen sich „Heilsbringer“ (Euergetes), „auf Erden erscheinender Gott“ (Epiphanes) oder „Heiland“ (Soter). Dagegen nun erhebt ein Profet im kleinen Jerusalem seine Stimme und sagt: „Nein! Dein König kommt zu dir, um ein wirkliches Friedensreich zu errichten.  Ohne prachtvollen Glanz.“

Wen meint der Profet damit? Gott selbst? Einen einfachen Mann aus seinem Volk? Den Messias, der sehnsüchtig erwartet wird? Die jüdische und die christliche Tradition haben dies als messianische Voraussage verstanden. Aber im Text selbst bleibt es offen.

Ich denke, seine entscheidende Botschaft ist: „Merke auf! Auch wenn deine Gegenwart gerade dunkel ist -  das ist nicht das Ende aller Tage, nicht das Ende der Geschichtsschreibung. Es kann anders werden.  Gib nicht auf! Es gibt Licht am Horizont. Richte dich auf! Du darfst dem Dunkeln Licht entgegensetzen. Du siehst es vielleicht jetzt noch nicht, aber dein König kommt zu dir. Deine Erleichterung, deine Rettung.“

Die Menschen, die zur Zeit Jesu leben, erkennen die Worte des Profeten in ihm wieder, in dem Mann aus Nazareth. Er, der Friedenskönig, der arm ist und auf einem Esel nach Jerusalem hineinreitet. Begleitet von fröhlichen, glücklichen Menschen, die ihn als Messias, als den Sohn Davids, den lang erwarteten Retter feiern und preisen. Er ist es, der die Ausgestoßenen sieht und die Ausgegrenzten wieder in die Gemeinschaft hineinholt. Durch seine Kraft werden gebeugte Menschen aufgerichtet, erfahren Kranke Hilfe. Seine Liebe macht die Herzen der Menschen warm. Seine Liebe schließt Menschen füreinander auf und lässt sie neu entdecken, was Nächstenliebe bedeutet. Er verkündet die Sanftmut als einen entscheidenden Wert des Lebens. Und er zeigt mit seinem Handeln, wie Barmherzigkeit einem Menschen guttut. „Sieh, dein König kommt zu dir.“

Auch uns tut es gut, uns an ihm auszurichten, gerade in dieser Zeit. Wir sind dem Dunklen nicht ausgeliefert. Wir können das Licht der Welt in uns hineinlassen. Es hell werden lassen in uns.

Und auch wir können in den Spuren Jesu gehen. Lichter der Fürsorge und der Mitmenschlichkeit können wir anzünden. Fragen, wie es den Nachbarn, der Nachbarin geht und bedürftige Menschen sehen. Wir können kranken Menschen Gutes tun und den Trauernden unser Ohr leihen.

Wir können Arme unterstützen.  Daran werden wir gerade heute erinnert, wo wieder die „Aktion Brot für die Welt“ eröffnet wird.

So leuchten Lichter der Hoffnung und des Glaubens auf. Lauter kleine Lichter, die in der Dunkelheit unserer Welt aufstrahlen. Sie zeigen, dass das Licht der Welt unterwegs ist, der König des Friedens und der Liebe mit seinem so ganz anderen Reich.

„Sieh, dein König kommt. Zu dir.“ Es ist Advent.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, er bewahre unsere Herzen und Sinne in dem Messias Jesus. Amen.

EG 11,1-3 Wie soll ich dich empfangen

Fürbitten
Du, unser Gott, wir sind auf dem Weg durch das Leben. Auf diesem Weg kommt gerade Vieles auf uns zu. Wir danken dir für das Gute der letzten Zeit: dafür, dass sich ein neues Verhältnis zu den USA anbahnt und nun für manche globalen Probleme wieder gemeinsam nach Lösungen gesucht werden kann. Wir sind zutiefst dankbar für die Aussicht auf einen baldigen Impfstoff, der uns schützen und das Leben wieder leichter machen kann. Wir klagen dir aber auch, was uns belastet:  die Pandemie, die uns in allen Bereichen unseres Landes und unserer Welt in Atem hält. Du weißt um unsere Dünnhäutigkeit, wachsende Aggressionen und Verschwörungstheorien. Um Existenzangst und Niedergeschlagenheit, um die Trauer um geliebte Menschen. Das Wort deines Profeten und Dieners begleitet uns:  Komm uns zu Hilfe! Lass uns das Recht wahren und richte den Frieden unter uns auf.
Du, unser Gott, wir sind auf dem Weg durch das Leben. Auf diesem Weg kommen Manche auf uns zu: Menschen, die in Armut leben. Denen es nicht gut geht.  Die erschöpft sind und nach einer Perspektive für sich fragen. Menschen, die einsam sind. Doch das Wort und die Liebe deines Sohnes begleitet uns. Wir wollen zusammenhalten. Wollen einander wahrnehmen und unterstützen. Komm zu uns, Gott! Wir sind auf dem Weg. Komm zu uns in diesem so besonderen und ganz anderen Advent. Wir öffnen uns für dich.
Und alle unsere Bitten, die wir noch auf dem Herzen haben, nehmen wir mit hinein in das Gebet Jesu, das er uns geschenkt hat:

Vaterunser

Segen
Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Amen.

Adventsandacht am 28.11.2020 von Pfarrerin Meike Naumann

Musik zum Eingang

Begrüßung
„Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer."  Mit dem Wochenspruch aus dem Buch des Propheten Sacharja (9,9a) begrüße ich Sie ganz herzlich zu unserer Andacht am Vorabend des 1.Advent.
Mit dem 1. Advent beginnt das neue Kirchenjahr. Advent, das heißt Ankunft: die Adventszeit ist eine Zeit der Vorbereitung auf die Ankunft Jesu in dieser Welt, eine Zeit der Vorfreude und der gespannten Erwartung: „Macht hoch, die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit!“ so haben wir es von der Orgel gehört.
In diesem Jahr liegen den Adventsandachten die Bilder der Künstlerin Margot Brüning zu Grunde. „Hoffnungshorizonte“- so hat Margot Brüning diesen Bilderzyklus überschrieben. Die Kraft der christlichen Hoffnung kann uns helfen, die Herausforderungen unserer Zeit mutig anzunehmen. Hoffnung auf  Leben und Heilung. So feiern wir unsere Andacht im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Psalm24: EG
Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch,
dass der König der Ehre einziehe!
8Wer ist der König der Ehre?
Es ist der Herr, stark und mächtig, der Herr, mächtig im Streit.
9Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch,
dass der König der Ehre einziehe!
10Wer ist der König der Ehre?
Es ist der Herr Zebaoth; er ist der König der Ehre. SELA.

Gebet
Lebendiger Gott,
wir kommen zusammen, um Gottesdienst zu feiern.
Wir zünden die erste Kerze an, hören die vertrauten Lieder des Advents.
Wir bereiten uns vor auf das Weihnachtsfest.

Wir bitten dich:
Komme uns nahe mit deiner Gerechtigkeit!
Lass uns erfahren, dass deine Gerechtigkeit die Welt verändert,
und schenke uns immer wieder Möglichkeiten, Teil deiner Gerechtigkeit zu werden!
Amen!

Musik: O Heiland reiß die Himmel auf

Ansprache

Liebe Gemeinde, da zwängt sich etwas aus dem Dunkel heraus. Die tiefblauen Flächen scheinen sich unweigerlich öffnen zu müssen. Da ist eine Kraft, die zum Licht drängt. Etwas, was lange im Dunkel wohnte, will jetzt frei gegeben werden. In Verbindung mit dem Licht beginnt alles zu grünen.

Es erinnert mich an Knospen die aufspringen. Und damit kommt die Erinnerung an eine alte Nachbarin aus meinem Elternhaus, die schon lange nicht mehr lebt. Aber gute 30 Jahre sind wir in Butzbach Nachbarn gewesen. Und am Zaun zwischen unseren Grundstücken da standen auf ihrer Seite Spalierobst. Äpfel und Birnen. Und auf dieser davor ein wunderbarer alter Apfelbaum. Die Knospen auf der Karte erinnern mich an die Knospen dieses Apfelbaums von denen mir meine Nachbarin einmal erzählte:

„Ich wollte ihn schon immer mal wieder abholzen lassen, den alten Apfelbaum, weil er beim Rasenmähen so im Weg steht. Dann habe ich mir aber gedacht: Nein, der treibt noch mal. Und siehe da, einige Wochen später wachsen Knospen heran. Sie werden dicker und weicher. Das erste grüne Laub spitzt durch, die ersten weißen Blätter. Und dann blüht er ganz auf, auch in diesem Jahr.“ Und meine alte Nachbarin sprach weiter: „Es gibt nichts Schöneres als Apfelblüten im Frühjahr. Das Summer der Bienen. Diese weiße Pracht. Wenn ich dann aus dem Küchenfenster schaute, atme ich auf. Wieder einmal setzt sich das Leben durch und ich freue mich so darüber.“

Diese Nachbarin, liebe Gemeinde, ist für mich ein durch und durch adventlicher Mensch. Im Winter wenn die Bäume kahl sind, das Gras vergilbt ist und die Blüten abgestorben, wenn die Kälte die Insekten vertreibt und die frühe Dunkelheit das Leben verlangsamt – zumindest in der Natur – und in diesem Jahr durch den Lockdown auch bei uns Menschen – da sehnt sie sich nach den bunten Farben des Frühlings. Da glaubt sie an die Kraft ihres Baumes. Da schaut sie gespannt auf die Knospen du vertraut darauf, dass sie blühen werden.
Am 4. Dezember stecken manche jedes Jahr Kirschzweige in eine Vase. Frisches Wasser braucht es dazu, Winterlicht und vier Wochen Warten. Mehr nicht. Irgendwann springen die Knospen auf. Der Zweig beginnt zu blühen und steht an Weihnachten in seiner kleinen Pracht. Rosa Blüten am kahlen Zweig – Frühlingsboten neben dem Adventskranz oder dem Weihnachtsbaum. Dieser Brauch erinnert an einen anderen adventlichen Menschen. An eine junge Frau. Barbara war ihr Name. Sie war Christin geworden in einer Zeit, in der man für dieses Bekenntnis sein Leben aufs Spiel setzte. Wie grausam. Es war ihr eigener Vater, der über sie das Todesurteil fällte. Auf dem Weg zum Gefängnis – so die Legende – verheddert sich ein Zweig in ihrem Kleid. Sie steckt ihn in einen Becher mit Wasser. Als der Tag der Hinrichtung kommt, blüht der Zweig. Rosa Blüten – hauchdünn. „So wie du jetzt aufblühst“, soll Barbara gesagt haben, „werde ich aufblühen in einem neuen Leben“.

Zwei Frauen – eine alt und im Alter immer mal wieder einsam. die andere vom eigenen Vater verurteilt und den Tod vor Augen. Dazwischen liegen hunderte von Jahren. Was sie eint, ist der Hoffnungshorizont, in dem sie leben: Leben setzt sich durch. Knospen springen auf – fangen an zu blühen – jedes Jahr neu und einmal auch für immer.

Adventliche Menschen sind hoffnungsvolle Menschen. Sie erwarten Gutes von der Zukunft. Sie erwarten Gutes von Gott. Sie glauben an die Kraft des Lebens. Aus den kleinsten Zeichen schöpfen sie Hoffnung und atmen auf. Wer könnte atmen ohne Hoffnung?

„Hoffnungshorizonte“ heißt die Reihe der diesjährigen Adventsandachten. Es ist erstaunlich. Eine Herleitung des deutschen Wortes „hoffen“ trägt die Vorstellung des Horizontes schon in sich. Sie kommt aus dem Indogermanischen und bedeutet sich bücken. Sie lässt sich mit dem Griechischen „sich nach vorn beugen“ vergleichen. Indem man sich nach vorne beugt, versucht man weit über das, was ganz nahe ist, über den eigenen Tellerrand hinauszusehen. Wer nach vorne schaut, schaut von sich weg auf den Horizont. Dorthin „Wo die Schnittstelle ist zwischen Himmel und Erde“ – so beschreibt es die Malerin unseres Adventsmotivs. Wer nach vorne schaut, hebt den Kopf, der Brustkorb weitet sich. Atem kann fließen.
Ich nehme noch einmal die Karte in die Hand. Im ersten Augenblick wirkt sie düster auf mich, kalt und lebensfeindlich. Aber dort am Horizont wird es schon hell. Noch ist das Licht kalt und winterweiß. Aber an einer Stelle färbt es das Blau schon in Grün. Ich stelle mir vor, wie das Licht von Weihnachten das weiße Licht in warmes, gelbes Licht verwandelt. Ich höre die Stimme des Propheten Jesaja. „das Volk, das im Finstern wandelt sieht ein großes Licht und über denen, die im finsteren Tal leben, scheint es hell.“ JEs 9,1
Die schwarzen Striche, die Knospen an dem dunkel angedeuteten Zweig beginnen sich zu regen. Sie verändern sich, werden dick und weich und springen auf. Helles Blattgrün wird frei. Die Triebe entfalten sich und ich höre den Propheten Jesaja sagen: „Aus dem Baumstumpf Isais wächst ein grüner Reis, ein junger Trieb aus seiner Wurzel bringt Frucht“ (Jes 11,1). Es ist ein Ros entsprungen, aus einer Wurzel zart…. Das Blümelein so kleine, das duftet uns so süß. Mit seinem hellen Scheine vertreibts die Finsternis. Wahr Mensch und wahrer Gott, hilft uns aus allem Leide. Rettet vor Sünd und Tod.  – Dieses Lied durchdringt die Landschaft meiner Adventskarte.

Gott selbst taucht da am Horizont auf. In einem kleinen Kind kommt er zur Welt Mit ihm setzt sich Leben durch. Menschen werden heil. Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, den Armen wird das Evangelium verkündet und Tote haben das ewige Leben. Und einst wird die Welt verwandelt in einen blühenden, friedlichen Ort.

Adventliche Menschen sehen Gott im Hier und Jetzt als einen ,der schon da ist. Sie wissen sehr wohl, wie zerbrechlich und endlich das Leben ist und wie mühsam es manchmal sein kann leben zu müssen. Und sie sehen Gott am Horizont als einen der noch kommt, der Leben mit sich bringt wieder einmal – immer wieder – und einmal für immer. Adventliche Menschen schauen dem entgegen und atmen auf. Jedes Jahr neu: Dann kann ihnen ein Virus die Weihnachtsfreude nicht verderben. Dann lassen sie sich verzaubern von Wirkung liebevoller Zuwendung oder tatkräftiger Unterstützung. Dann hoffen sie darauf, dass ein Liebeswort die Angst überwindet , dass Apfelblüten einsame Menschen trösten und der blühende Barbara daran erinnert, dass neues Leben und neue Wege möglich sind.

Das ist der Hoffnungshorizont, der vor uns ausgebreitet wird in den nächsten Wochen. Beugen wir uns nach vorn, schauen wir ihm entgegen und werden selbst adventliche Menschen.

Und der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes. (Röm 15,13) Amen.

Musik

Gebet
Du Gott des Neubeginns,
du sehnst dich danach,
dass wir wahrhaft adventliche Menschen werden.
Segne unsere Hoffnung
und unser Vertrauen in deine Verheißung,
damit wir mit wachsen Herzen
unsere Sehnsucht nach dir lebendig halten,
mit wachem Gespür
die Zeichen der Zeit zu deuten wissen.
Segne unsere Hoffnung
Und unser Vertrauen in deine Wiederkunft,
damit wir mit wachem Blick
Ausschau halten, wo du uns entgegenkommst,
in freudiger Erwartung
bereit sind für die Begegnung mit dir.
Segne unsere Hoffnung
Und unser Vertrauen in deine Gegenwart,
damit wir hellwach
ausgerichtet bleiben auf dich,
offen und empfänglich für dein Wort,
das uns jeden Tag neu ins Leben ruft. Amen.

Vaterunser

Segen

Geh deinen Weg durch den Advent
Und lass das Licht in dich ein –
Dass es dich berühre,
in dir leuchte
und die Gesichter der Menschen froh mache,
die mit dir sind.
Amen

Musik

Gottesdienst am 15.11.2020 von Pfarrerin Meike Naumann

Musik

Begrüßung

Der heutige Sonntag, Volkstrauertag führt uns hinein ins Nachdenken über den Sinn des Gedenkens. „Muss das denn immer sein?“ – so ertappe ich mich manches Mal bei der Vorbereitung dieses Sonntages. „Ist nicht diese Novemberzeit, in der das Leben kahl wird und uns der Ewigkeitssonntag vor der Tür steht, schon schwer genug? Und gerade dieser November ist durch Corona und den erneuten Lockdown noch schwerer als sonst.“ Die Botschaft des Volkstrauertags lautet ganz kurz zusammengefasst: Nie wieder Krieg! Es ist gerade in dieser Zeit besonders wichtig diese Botschaft für uns, unser Land und die Welt wachzuhalten. Deswegen finde ich den Volktrauertag doch gut. Und gerade weil wir in diesem Jahr keinen Kranz am Denkmal ablegen können, ist es wichtig, dass wir hier in diesem Gottesdienst gedenken und für den Frieden beten. Wir tun das im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Lassen Sie uns unsere Stimmen erheben. Das Dunkle benennen, in dem wir stehen, Schuld und Not, die in unserem Land durch Verbrechen an der Menschlichkeit entstanden sind. Lassen Sie uns unsere Stimmen erheben und unsere Sehnsucht nach Heil Raum gewinnen lassen. Wir beten mit guten, alten Worten, die vor uns schon so viele getröstet haben und sprechen gemeinsam... (Ps 51 Nr. 727)

HN 727 Psalm 51
Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz
Gott, sei mir gnädig nach deiner Güte,
und tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit.
Wasche mich rein von meiner Missetat,
und reinige mich von meiner Sünde;
denn ich erkenne meine Missetat,
und meine Sünde ist immer vor mir.
An dir allein habe ich gesündigt
und übel vor dir getan,
auf dass du recht behaltest in deinen Worten
und rein dastehst, wenn du richtest.
Siehe, dir gefällt Wahrheit, die im Verborgenen liegt,
und im Geheimen tust du mir Weisheit kund.
Lass mich hören Freude und Wonne,
dass die Gebeine fröhlich werden, die du zerschlagen hast.
Verbirg dein Antlitz vor meinen Sünden,
und tilge alle meine Missetat.
Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz,
und gib mir einen neuen, beständigen Geist.
Verwirf mich nicht von deinem Angesicht,
und nimm deinen Heiligen Geist nicht von mir.
Erfreue mich wieder mit deiner Hilfe,
und mit einem willigen Geist rüste mich aus.
Ps 51,3-6.8.10-14

Tagesgebet
Gott des Lebens!
Du weckst in uns die Sehnsucht nach Erneuerung unserer Welt.
Lass uns erkennen, wo dein Reich heute schon unter uns ist.
Gib uns die Kraft und den Mut zu tun, was dem Frieden dient,
und dein Heil zu erwarten.
Durch Christus Jesus, unseren Herrn.
Amen.

Schriftlesung 25,31-46
31Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sich setzen auf den Thron seiner Herrlichkeit, 32und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, 33und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken.34Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt! 35
Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. 36Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.37Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben? Oder durstig und haben dir zu trinken gegeben? 38Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen? Oder nackt und haben dich gekleidet? 39Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? 40Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.41Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln! 42Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben. 43Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht.44Dann werden auch sie antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig gesehen oder als Fremden oder nackt oder krank oder im Gefängnis und haben dir nicht gedient? 45Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan. 46Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben.

Glaubensbekenntnis

Musik

Predigt

Friede sei mit Euch von dem, der da ist und der da war und der da kommt!

Liebe Gemeinde! Volkstrauertag.

Lange schon ist unser Leben in Deutschland wieder vom Frieden geprägt, von Wohlstand und Sicherheit. Auch Möglichkeiten des Bildungszugang für viele, Möglichkeiten von Meinungsfreiheit und demokratischer Mitgestaltung, auch Dichten und Denken und die Kunst des schönen Lebens sind im Frieden gewachsen und stehen uns offen.

Blicken wir heute zurück und schauen wir etwas genauer hin, sind die Folgen und Wirkungen von zwei Weltkriegen an Menschen und Völkern immer noch zu sehen und zu spüren. Von Deutschland aus ist im Nationalsozialismus viel Unmenschlichkeit, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, in die Welt gekommen. Viel Tod und Leid hat Menschenleben mit schweren Schatten des Todes, mit Schuld und vielerlei unermesslichem Leid und Not versehen. Geprägt sind Leben, ist die Welt davon. Manches geht als Erbe durch unsere Familien, durch unsere Biographien, prägt mein Leben noch nach Jahrzehnten.

Wir hören heute eine ungewöhnliche Geschichte, die für mich schwer zu fassen ist. Erst langsam weicht mein Widerstand und ich kann mich anstiften lassen, einen ungewöhnlichen Weg in dieser Geschichte zu erkennen. Diesen Weg vielleicht sympathisch zu finden. Hören Sie selbst:

Lukas 16,1ff Vom ungerechten Verwalter
161Er sprach aber auch zu den Jüngern: Es war ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter; der wurde bei ihm beschuldigt, er verschleudere ihm seinen Besitz. 2Und er ließ ihn rufen und sprach zu ihm: Was höre ich da von dir? Gib Rechenschaft über deine Verwaltung; denn du kannst hinfort nicht Verwalter sein. 3Da sprach der Verwalter bei sich selbst: Was soll ich tun? Mein Herr nimmt mir das Amt; graben kann ich nicht, auch schäme ich mich zu betteln. 4Ich weiß, was ich tun will, damit sie mich in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich von dem Amt abgesetzt werde. 5Und er rief zu sich die Schuldner seines Herrn, einen jeden für sich, und sprach zu dem ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig? 6Der sprach: Hundert Fass Öl. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich hin und schreib flugs fünfzig. 7Danach sprach er zu dem zweiten: Du aber, wie viel bist du schuldig? Der sprach: Hundert Sack Weizen. Er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig.8Und der Herr lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte. Denn die
Kinder dieser Welt sind unter ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts

Liebe Gemeinde, wenn es ums Verwalten von Gottes Gaben und Gütern geht, dann ist mir einleuchtend, dass es an anderer Stelle in der Bibel heißt, wir sollen Haushalter*innen der guten Gaben Gottes sein. Was soll ich nun heute mit diesem ungerechten Verwalter anfangen, frage ich mich. So ein Opportunist, der die Fahne in den Wind hält? Das provoziert mich. Vielleicht fällt mir das deshalb so auf, weil ich mich selbst oft gefragt habe, wie ich mich wohl verhalten hätte, wenn ich im Nationalsozialismus hätte leben müssen. Wäre ich eine Sophie Scholl gewesen? Oder hätte ich eine Täter*innen-Biographie? Hätte ich mich in so einem System in Schuld verstricken lassen und in Unmenschlichkeit? Oder hätte ich mir Auswege gewünscht, sie gesucht und gefunden?

Wahrscheinlich denken die Leute zur Zeit Jesu beim ungerechten Verwalter an Land in Galiläa, an Land, das nach Kriegen, all der Fremdherrschaft und Unterdrückung, nicht mehr den Bauern vor Ort gehört, sondern reichen Leuten im Ausland. Die hatten Leute aus der Gegend angestellt, die alles in ihrem Sinne verwalten sollten. Unsere Hauptperson steht also im Dienst solch eines Systems. Das ist uns in der deutschen Geschichte nicht fremd. Das Menschen einfach gemacht haben, was sie machen sollten oder mussten, aller Unmenschlichkeit zum Trotz weitergemacht haben, was bei ihnen eben auf dem Schreibtisch lag.

Als unser Verwalter denunziert wird, sieht er zwei Wege. Beide will er nicht einschlagen. Sie scheinen ihm ohne Hoffnung zu sein. Das imponiert mir. Nach all dem Leben im Dienst der Unmenschlichkeit hat er jetzt Hoffnung und will einen neuen Weg für sich, in dem Menschlichkeit und Geborgenheit in guten Beziehungen möglich ist. Er hat wohl irgendwie in sich ein Wissen davon, dass er es wert ist – und dass die anderen Menschen es auch wert sind.

Ob er wirklich schuldig war – das denke ich – oder ob er vielleicht unschuldig denunziert wurde, das erfahren wir gar nicht. Aber wir erfahren, dass dieser Mensch abwägt.
Der Verwalter will nicht Anschuldigungen aushalten, beschuldigt werden. Dieser Mensch will nicht beschämt werden. Das finde ich beeindruckend. Das ist vielleicht auch gesund. Beschämung ist furchtbar. Meist lebensfeindlich. Schwer ist es, von da wieder in die Liebe zu kommen, in die Selbstliebe, in die Nächstenliebe oder in die Gottesliebe.

Unser Mensch sieht einen zweiten Weg: Sich bestrafen lassen. Das würde heißen eine Arbeit tun, die seinen Gaben gar nicht entspricht. Das möchte er nicht. Er möchte seinen Gaben entsprechend leben. Deswegen sucht er nach einem dritten Weg.

Ich sehe in diesem Beispiel viel Liebe, viel Wissen darum, was wir brauchen, damit wir Liebe spüren können, uns selbst lieben können, für uns selbst sorgen können.

Viele Menschen, die in einem System waren, das andere Menschen unmenschlich behandelt hat, sind davon traumatisiert. Oder sie haben gesehen, wie Menschen durch das System, in dem sie selbst mitmachen, traumatisiert worden sind. Bei ihnen selbst bleibt ein starker Eindruck davon zurück. Auch der Krieg in Deutschland hat viele Menschen traumatisiert. Wenn ich vom Holocaust rede, werden sich bei Ihnen vermutlich sofort Bilder dazu einstellen. Unermessliches Leid ist entstanden, Entmenschlichung. Auch viele andere Menschen, die die Gewalt des Krieges als Kinder erlebt haben, wissen von Traumatisierungen und reden inzwischen davon. Angehörige von Menschen mit Traumata können selbst auch davon beeinflusst werden, Sekundärtraumatisierungen sagt man dazu. Das ist ein weites Feld. Ich weise nur darauf hin, weil ich glaube, dass der Mensch in unserer Geschichte eine wirklich gute Idee hat, als er sich danach sehnt, dass es einen Weg geben muss jenseits von Beschämung und Bestrafung. Ich finde es ganz beeindruckend, dass er von der Kraft der Selbstliebe weiß. In Kontexten, die traumatisierend waren oder sind, ist es unbedingt hilfreich und notwendig, dass Menschen eine gute Selbstfürsorge entwickeln. Das lebt uns die Beispielgeschichte vor. Sicherheit soll der neue Weg bringen. Geborgenheit. Hoffnung auf gutes Leben leitet unsere Hauptperson und der Wunsch nach Beziehungen, die tragen mögen und können. Unser Mensch gibt nach all der Unmenschlichkeit, nach all dem Verstricktsein in Schuldkontexte, die auch bleiben, die Hoffnung nicht auf, dass es eine gute Gemeinschaft in Menschlichkeit und echter Zugewandtheit geben kann, wieder geben kann, auch für ihn. Er ist es sich wert.

Das Lukasevangelium, das Evangelium der Armen und der Frauen, ist übrigens das einzige Evangelium, das diese Art der Hoffnungsgeschichte erzählt. Ich vermute, dass es auch daran liegt, dass arme Leute diese Art der Geldumverteilung sicher mit einem anderen Ohr hören als Reiche, die sich spontan eher mit dem Arbeitgeber des Verwalters identifizieren könnten.

Die Geschichte fordert mich auf, einen anderen Weg zu suchen. Was rät mir die Selbstfürsorge, wonach sehnt sich meine Selbst- und Nächstenliebe? Welche Bilder der Hoffnung lässt Gottes Liebe in mir aufsteigen?

Andere machen es vor: Im Kontext großer Unmenschlichkeit die Hoffnung auf Menschlichkeit behalten. Es mir wert sein. Hoffnung in die Welt halten. Auf Beziehungen, die tragen, hoffen und Geborgenheit für möglich halten. Der Liebe etwas zutrauen und Menschlichkeit suchen. Andere machen es vor: Viele Gefühle durchschreiten und in schwierigen Kontexten einen Weg finden, jenseits von Strafe und Scham. Ich denke, ich hoffe, das können wir auch.

Und der Friede Gottes, der alles, was wir zur Sache des Friedens zu denken wagen, übersteigt, halte unseren Verstand wach, unsere Hoffnung groß und mache unsere Liebe stark. In Christus Jesus.
Amen.

Musik

Fürbitten
Ewiger Gott, Du sagst, wir sollen nicht richten:
Nicht über die anderen und auch nicht über uns.
Wir sind aber sehr geübt darin, Beschuldigungen auszusprechen; überall Täter und Opfer auszumachen.
Hilf uns umzudenken und die anderen und uns selbst als Menschen sehen,
wie du uns geschaffen hast: Begabt zum Guten.

Ewiger Gott,
Unser Land ist noch immer verletzt von den beiden großen Kriegen. Das klagen wir dir heute!
Es zieht sich durch unsere Familien seit Generationen.
Nur langsam heilen die Wunden.
All die Toten! All die erlittene und verursachte Gewalt!
All die Schuld und die Not, die sich mit beiden Weltkriegen und dem Holocaust
in die Geschichte unseres Landes eingeschrieben hat!
Oh, hilf uns Gott, Frieden zu halten. Die Heilung zu fördern.

Ewiger Gott,
Hilf uns, Gott, die Spannungen auszuhalten zwischen den so weit auseinander gehenden Entwürfen,
was Menschlichkeit in unserer Gesellschaft fordert.
Lass uns dem wachsenden Rechtsextremismus mutig entgegenstehen.
Die Folgen der Corona-Pandemie lassen den Ton zwischen den verschiedenen Gruppierungen schärfer werden.
Schenk uns Geduld und langen Atem in dieser Zeit respektvoll miteinander umzugehen!

Ewiger Gott,
Wir klagen heute über die Opfer von Krieg und auch von Terroranschlägen in Frankreich und in vielen anderen Teilen unserer Welt.
Die Attentäter werden von blindem Hass gegen anders Denkende oder anders Glaubende getrieben.
Wir klagen dir den Hass, die Angst, die Verunsicherung.
Wir klagen über jedes Opfer und ihre Familien.
Wir klagen dir den Missbrauch von Religion, die dazu benutzt wird, das eigene Machtstreben zu tarnen.
Wir klagen dir, dass wir so hilflos sind.

Ewiger Gott,
wir bitten dich für alle Völker der Welt um Gerechtigkeit und Frieden,
wo Krieg und Gewalt und Macht das Wort führen.
Ewiger Gott,
In deiner Kraft sind wir gut aufgehoben.
Stärke unsere Hoffnung, dass sich das Gute als stärker erweist als das Böse
und das Leben mächtiger ist, als der Tod.
Ewiger Gott,
wir denken an die Menschen, die wir in dieser Woche bestattet haben und zünden eine Kerze für sie an: (...) Nimm du sie auf in deinen ewigen Frieden, heile alle Wunden und wische ab alle Tränen. Sei bei ihren Angehörigen mit deinem Trost.
Noch mehr haben wir auf dem Herzen, Gott.
Als Gemeinde und als Einzelpersonen ganz privat.
Alles legen wir dir ans Herz und wissen es eingeschlossen, in das Gebet, das Jesus uns gegeben hat.

Vater unser

Abkündigungen

Segen

Musik

Gottesdienst am 8.11.2020 von Pfarrerin Susanne Pieper

Musik

Begrüßung
„Selig sind, die Frieden stiften, denn sie werden Gottes Kinder genannt werden.“ Mit diesem Wort Jesu Christi aus seiner Bergpredigt in Matthäus 5,9 begrüße ich Sie herzlich zum Gottesdienst an diesem neuen Morgen.  Den Frieden finden – den Frieden im eigenen Herzen, den Frieden zwischen Menschen, den Frieden innerhalb einer Nation und den zwischen Völkern – in diesen Tagen erleben wir es auch im Blick auf die amerikanischen Nachbarn, wie schwer es ist, Frieden zu stiften und zu halten. Dieser Gottesdienst möchte uns darin mit seinen Gebeten, Liedern und Texten eine Hilfe sein.

Wir feiern den Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Psalm 85,9-14
Ich will hören, was Gott, der Herr, zu sagen hat:
Er verkündet Frieden seinem Volk,
denen die ihm die Treue halten;
doch sollen sie nicht in ihre alte Unvernunft zurückfallen.
Ganz sicher wird er allen helfen, die ihm mit Ehrfurcht begegnen.
Seine Herrlichkeit wird wieder in unserem Lande wohnen.  
Dann begegnen sich Güte und Treue, dann küssen sich Gerechtigkeit und Frieden.
Treue wird aus der Erde sprießen und Gerechtigkeit vom Himmel blicken.
Der Herr selbst wird uns mit Gutem beschenken, und unsere Felder werden reiche Ernten bringen.
Gerechtigkeit wird dem Herrn vorausgehen, ja, sie wird ihm den Weg bahnen.

Gebet
Hier sind wir, Du, barmherziger, hoffnungsspendender Gott. Wir danken Dir, dass Du da bist und auf uns wartest. Manchmal fällt es uns schwer, Deine Gegenwart zu spüren, und dann wieder ist sie einfach da. Hilf uns, dass unser Vertrauen auf Dich da bleibt, in guten wie in schwierigen Zeiten. Sende deinen Frieden hinein, wo Unfrieden das Leben vergiftet. Und stärke unsere Hoffnung auf Dein Kommen in unsere Welt.  Das bitten wir im Namen Jesu Christi, unseres Bruders und unseres Herrn.  Amen.

Lied EG 409,1.2.4.6-8 Gott liebt diese Welt

Schriftlesung aus 1.  Thessalonischer 5
„Der Herr wird herabkommen vom Himmel.  Wann das alles sein wird, zu welcher Zeit und Stunde, brauchen wir euch, liebe Schwestern und Brüder, nicht zu schreiben. Ihr selbst wisst ganz genau, dass der Tag, an dem der Herr kommt, so unerwartete eintreffen wird wie ein Dieb in der Nacht. Doch ihr lebt ja nicht in der Finsternis. Also kann euch der Tag, an dem er kommt, auch nicht wie ein Dieb in der Nacht überraschen. Ihr alle lebt im Licht; ihr gehört zum hellen Tag und nicht zur Nacht mit ihrer Dunkelheit. Darum lasst uns nicht schlafen wie die anderen! Wir wollen hellwach und nüchtern bleiben! Wir sind Kinder des Tages. Lasst uns besonnen sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil.“

Ansprache
Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn und Bruders Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Liebe Gemeinde, dieser Zweig hier in der Vase - er steht für den Herbst, den wir gerade von seiner sonnigen Seite erleben. Im Laufe der Predigt will ich einige Blumen in diese Vase hinzustellen.  Und damit möchte ich etwas von dem Licht veranschaulichen, das uns der Text dieses Morgens heute nahebringen möchte.

Jetzt im Herbst spüren wir besonders, wie die Zeit verrinnt. Die Tage werden immer kürzer und auch das Kirchenjahr geht seinem Ende entgegen. Unsere Lebenszeit läuft unaufhörlich weiter. Und nichts kann die Zeit anhalten. Allerdings sind es ja ganz besondere Ereignisse und Tage, die sich davon absetzen. Sie setzen Wegmarken hinein und unterbrechen diese Zeit, die unaufhaltsam vergeht.

Was waren die besonders herausragenden Tage Ihres Lebens? Wenn wir darüber nachdenken, dann kann dabei ein bunter Strauß von ganz besonderen und einmaligen Tagen zusammenkommen.

Es könnte die Geburt eines Kindes gewesen sein oder mehrerer Kinder (zwei Blumen), oder auch der Tag der Hochzeit (eine Bl.). Ich denke auch an eine Frau, die den großen Schritt in die Selbständigkeit gewagt hatte und für die es einen Schritt in einen ganz neuen Lebensabschnitt bedeutete (eine Bl.). Vielleicht denken Sie auch an einen besonderen runden Geburtstag zurück oder an einen schönen Moment während eines Urlaubs (zwei Bl.). Es mag sein, dass Ihr innerer Blick nun auch schon nach vorne gegangen ist und Sie sich fragen: was könnte für mich zu einem ganz besonderen Tag werden? Wenn das erwachsen gewordene Kind seine erste Arbeitsstelle antritt?  Oder wenn das erwartete Enkelkind da ist? Oder wenn die ersehnte Nachricht da, dass es einen Impfstoff gibt? (3 Bl).

Einmalige, ganz besondere Tage; sie leuchten in unserem Leben hervor aus dem Einerlei der verrinnenden Zeit.

Für den Apostel Paulus gibt es einen Tag, der nicht nur für einen Einzelnen, sondern für alle Menschen ein entscheidender und einmaliger Tag sein wird. Die große Hoffnung auf diesen Tag erfüllt ihn. Sie gibt ihm die Kraft, um sich für die große Mission einzusetzen, die ihm aufgetragen ist. Auch gegen alle Widerstände und gegen alle Anfeindungen, die er erfährt. „Der Herr wird herabkommen vom Himmel,“ schreibt er an seine Gemeinde. Der Tag Gottes.  Die große Erwartung. Dafür steht diese ganz besondere Blume. Paulus erinnert die Empfängerinnen und Empfänger seines Briefes an diese Erwartung. Er schreibt seinen Brief im Jahr 50 oder 51 n. Chr., also etwa 20 Jahre nach dem Tod und der Auferstehung Jesu. Die ersten Christen, zu denen auch die aus der Stadt Thessaloniki gehören, glauben, dass die neue Zeit angebrochen ist, dass sie nicht mehr sterben werden, bis Jesus wiederkommt und sein neues Reich aufbauen wird. Doch nun war schon einige Zeit vergangen.  Und manche aus der Gemeinde waren bereits gestorben.  Die Zeit verrann weiter. Kam der Tag des Herrn nun doch nicht mehr? Oder konnte man ihn an bestimmten, besonderen Vorzeichen erkennen? Worauf sollte man sich denn nun einstellen?

Die Frage nach der Wiederkunft Jesu Christi, liebe Gemeinde, hat die Menschen durch die Geschichte hindurch immer wieder beschäftigt. In manchen religiösen Gemeinschaften und Kirchen wurde sie minutiös berechnet.  Und dann im Nachhinein immer wieder korrigiert, wenn der berechnete und verkündete Termin ereignislos verstrichen war. Auch das Judentum kennt religiöse Strömungen, in denen die Ankunft des Messias ganz konkret erwartet wurde. Das ging zum Teil so weit, dass Menschen ihr Hab und Gut verkauften, weil sie sicher waren, dass sie das alles nicht mehr benötigen würden.

Paulus aber schreibt hier ganz grundsätzlich und sehr nüchtern: Wir wissen nicht, wann der Tag Gottes kommt. Damit lehnt er es ab, Gott auf ein bestimmtes Datum festlegen zu wollen. Es gibt im Glauben kein Ultimatum, bis zu dem Gott dieses oder jenes erledigt haben müsste. Er ist frei in seinem Handeln. Und es ist ganz allein seine Entscheidung, wann die neue Welt, wann sein Reich des weltumspannenden Friedens und seiner Gerechtigkeit anbrechen wird.

Entscheidend aber ist für Paulus, dass die Christinnen und Christen ihre Hoffnung auf den Tag Gottes nicht aufgeben. Die Erwartung, dass es ein Leben ganz im Lichte Gottes geben wird. Ein Leben ohne all das persönliche Leid, das wir und die Menschen um uns herum immer wieder durchleiden müssen. Auch ohne die Schrecknisse, die Gräueltaten, die Kriege und Katastrophen, die das Leben auf dieser Erde im Laufe der Jahrhunderte immer wieder erschüttert haben. Allein morgen, am 9. November, erinnern wir uns wieder an die Gewalttaten, die vor 81 Jahren an den Menschen jüdischer Herkunft in unserem Land begangen wurden und zur mörderischen, zutiefst bösartigen Vernichtung so vieler Unschuldiger führten. Es ist nicht leicht, sich dem allem zu stellen. Und um im Bild des Schlafens und Wachens zu bleiben: Angesichts all dessen möchte man schon manchmal innerlich die Decke über den Kopf ziehen und versuchen, so ganz ohne Erwartungen und Visionen durch das Leben zu kommen.

Doch genau an dieser Stelle kommen uns die Worte des Paulus entgegen. Mit ganz viel Energie und Optimismus ruft er uns zu: „Ihr seid Kinder des Tages! Ihr alle lebt im Licht! Lasst euch genau daran erinnern!“ Das ist seine gute Botschaft.  Das ist sein Evangelium, auch für uns. „Über das Wie und Wann der Wiederkehr Jesu macht euch mal keine Gedanken. Viel entscheidender ist, wie ihr inzwischen euer Leben gestaltet, wie ihr lebt. Mit welcher Haltung und Einstellung. Seid euch zuerst dessen bewusst, das ihr Kinder des Lichtes seid!“

Schnell kommen wir dazu, uns klein zu fühlen und unbedeutend. Bei uns selbst zu denken: „Ach, ich bin doch nur ein kleines Licht.  Was kann ich mit meiner kleinen Kraft schon erreichen? Was kann ich schon?“  Aber ich denke, das ist der falsche Ansatz.  Das ist eine zu kleinmütige Perspektive. Wir sind nicht Kinder des Lichtes, weil wir so besondere, herausragende Menschen sind. Oder weil wir so viel Besonderes leisten. Wir sind Kinder des Lichtes, weil wir uns von Gottes Licht bescheinen lassen können. Von Gottes Licht bescheinen lassen, das hat erst einmal ganz viel mit Stille zu tun. Ich habe das Bild vor mir, in Ruhe auf einer Parkbank zu sitzen und die Herbstsonne in mein Gesicht scheinen zu lassen. Die gute Luft einzuatmen und einen ausgiebigen Spaziergang zu unternehmen. Oder für mich ein Lied zu singen.  Oder in den Schein einer Kerze zu sehen.  Ich lasse mich von dem Licht bescheinen, das schon da ist. Ich darf mir etwas Gutes tun lassen. Ich darf etwas an mir geschehen lassen. Ich darf mir sagen lassen, dass ich ein Kind des Lichtes bin.

Wir sind auch Kinder des Lichtes, weil wir zu dem Einen gehören, der von sich gesagt hat: „Ich bin das Licht der Welt.“ Wir gehören zu ihm.  Ganz ohne eigenen Verdienst, ganz ohne eigene Vorleistung. Jesus Christus erhellt unsere Nacht. Darum können wir dem Dunkel standhalten, das in unserer Zeit seine eigenen Namen hat -  ob es nun Ratlosigkeit heißt oder Furcht, Resignation oder Pandemie. Wir gehören zu dem Einen, der uns das Licht gebracht hat, und der unseren Lebensweg erhellt und erhellen will.  Jesus Christus hat uns das Licht des Lebens und der unerschöpflichen Hoffnung gebracht. Und wir wissen, dass in der Mitte der Nacht der neue Tag mit ihm beginnt.

Aus diesem Wissen, aus dieser Haltung heraus können wir auch unser Leben als Kinder des Lichtes gestalten. Hellwach und nüchtern sein und mit Hoffnung im Herzen. Bis zum Tag Gottes bewusst und aufmerksam sein. Als Christinnen und als Christen haben wir den lichtvollen, hellen Tag Gottes im Kopf und im Herzen. Damit blicken wir weiter. Damit haben wir einen weiteren Horizont.  Damit haben wir eine größere Hoffnung. Damit sehen wir das Leben noch einmal aus einer anderen Perspektive an!  Wir haben damit eine andere, eine weitere Zeitrechnung. Aber wir springen damit keineswegs aus unserer Zeit heraus. Im Gegenteil – mit dem Glauben, mit der Liebe und der Hoffnung, die uns geschenkt wird, geben wir uns ein in unsere Welt, in diese Jetztzeit. „Tröstet einander und baut euch gegenseitig auf“, fordert der Apostel seine Leserinnen und Leser auf. Seid einfach füreinander da und nehmt wahr, wer ein offenes Ohr braucht, euer Mitdenken und eure Unterstützung.

So können wir als Kinder des Lichtes in dieser Zeit unser Licht leuchten lassen. Und das Licht unseres Glaubens wird leuchten -  auf seine Weise. Dafür wird unser Gott Sorge tragen.

Und sein Friede, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Lied EG 153,1-5 Der Himmel, der ist

Fürbitten

Unser Gott, wir sind Kinder des Lichts und des Tages. Du bist da und bescheinst uns mit deinem Licht der Liebe. Lass uns das an jedem Tag neu spüren und erfahren.

Wir bitten dich, hilf uns, uns nach dem Licht auszustrecken, wenn es dunkel um uns ist.

Wir bitten dich für die Menschen, die Angst haben in diesen unübersichtlichen Zeiten. Sei du ihnen nahe und schenke ihrem Inneren deinen Frieden.

Wir bitten dich für alle, die in diesen Tagen Verantwortung tragen für große Entscheidungen in unserem Land. Hilf ihnen mit klugen Gedanken und klaren Worten.

Wir bitten dich in diesen Tagen für die Menschen in den USA. Dass neue Begegnungen möglich werden und Brücken gebaut werden können über alle Zerrissenheiten hinweg.

Danke, dass du da bist und unsere Welt bescheinen willst mit dem Licht deiner Liebe. In der Stille sagen wir dir, was uns noch wichtig ist:

Vaterunser
Segen
Musik

Gottesdienst am 1.11.2020 von Pfarrerin Susanne Pieper

Musik

Begrüßung
Seien Sie alle herzlich gegrüßt an diesem neuen Morgen. Ein herzliches Willkommen euch, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden. Ich bin dankbar, dass wir selbst in diesen schwierigen Tagen den Gottesdienst miteinander feiern können. Viele Gedanken gehen uns jetzt durch den Kopf. Noch mehr als sonst suchen wir Vergewisserung, Hoffnung und einen festen Grund in der Überlieferung unseres Glaubens. So sind wir hier und hören heute noch einmal ganz anders und ganz neu die Worte des Paulus, die als Wochenspruch ausgewählt worden sind. In Römer 12,21 heißt es: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“

Wir feiern den Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Psalm 19
Die Himmel spiegeln die Ehre Gottes und die Erde verkündet das Werk seiner Hände. Jeder Tag spricht zum andern und jede Nacht singt der andern von den Wundern seiner Schöpfung. Ihr Loblied erklingt unhörbar und breitet sich doch aus in allen Ländern bis an die Enden der Welt. Gott hat den Himmel wie ein Zelt gemacht. Die Sonne läuft ihre Bahn mit Freude wie ein starker Held. Sie erscheint in der Frühe im Osten und läuft bis in den Westen, wo sie untergeht in feuriger Glut. Nichts bleibt ihr verborgen auf ihrem Weg zu den Enden der Erde. Sie sieht, wie Gottes Gebot voller Weisheit ist und der Seele guttut. Die Weisungen Gottes sind voller Wahrheit. Sie machen das Herz rein und erleuchten die Augen.

Lied 365,1-3 Von Gott will ich nicht lassen

Gebet
Unser Gott, Barmherziger, da sind wir. In deinem Haus.  Es tut uns gut, hier zu sein. Wir bringen so Vieles mit: unseren Dank und unsere Fragen, unsere Sorgen und unsere Zweifel, unsere Mutlosigkeit und unsere Ängste. Du kannst uns stärken. Deine Liebe nimmt uns in den Arm. Und während wir dich noch suchen, hast du uns schon längst gefunden. Dir sei Ehre und Dank.  Amen.

Schriftlesung aus Jeremia 29
Der Profet Jeremia schickte aus Jerusalem einen Brief an die Familienoberhäupter, die Priester, Profeten und alle anderen,  die den Angriff der Babylonier überlebt hatten und von Nebukadnezar nach Babylonien verschleppt worden waren. Jeremia schrieb:

„So spricht der Herr, der Gott Israels, zu allen Verbannten: ‚Baut euch Häuser und wohnt darin! Legt Gärten an und esst ihre Früchte! Heiratet und zeugt Kinder! Wählt für eure Söhne Frauen aus, und lasst eure Töchter heiraten, damit auch sie Kinder zur Welt bringen. Euer Volk soll wachsen und nicht kleiner werden. Sucht das Beste für die Stadt, in die ich euch verbannt habe, und betet für sie. Denn wenn es ihr gut geht, dann wird es auch euch gut gehen.

Ich sage euch: die Babylonier werden siebzig Jahre lang herrschen, und erst wenn diese Zeit um ist, lasse ich meine Verheißungen in Erfüllung gehen und bringe euch wieder in euer Land zurück. Denn ich weiß sehr wohl, welche Gedanken ich über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides.  Ich gebe euch Zukunft und Hoffnung. Wenn ihr zu mir ruft und betet, will ich euch erhören. Wenn ihr mich sucht, werdet ihr mich finden. Ja, wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, will ich mich von euch finden lassen. Ich werde euer Schicksal zum Guten wenden: aus allen Ländern, in die ich euch zerstreut habe, will ich euch wieder sammeln und in dieses Land zurückbringen.  So spricht der Herr.‘“

Ansprache
Gottes Liebe, die Gnade unseres Herrn und Bruders Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Liebe Gemeinde,
seit einiger Zeit gehe ich wieder öfter zur Post. Briefmarken kaufen.  Tatsächlich.  Um Briefe zu schreiben und zu verschicken.  „Schneckenpost“ sagen einige dazu, weil sie länger dauert als kurz mal schnell eine e - mail loszuschicken. Macht aber nichts. Denn ein persönlich geschriebener Brief macht noch mal mehr Freude.  Das weiß ich. Und ich selbst bekomme genauso gern Briefe, so richtig mit Absender und Empfänger. Für die man einen Brieföffner braucht.  Briefe, die man auch später noch einmal in die Hand nehmen kann, sich erinnern kann und sich daran freuen kann, dass da jemand an einen gedacht hat. Das sind Zeichen von Zuwendung und Nähe, die auch Jahrzehnte später noch zu spüren sind.

Auch der Text für den heutigen Sonntag ist ein Brief. Ein Brief, der vor mehr als 2.500 Jahren aus Jerusalem losgeschickt wurde – nach Babylon. Absender ist der Profet Jeremia. Er schreibt an die Verantwortungsträger unter denen aus seinem Volk, die aus der Heimat Juda deportiert worden sind. Was war da geschehen?  Ein Blick in die Geschichte zeigt uns: die Großmacht Ägypten hatte nicht mehr die Vorherrschaft über Palästina. Sie war gebrochen worden mit dem Sieg der Armee des Königs von Babylon. So wurde der König von Juda für die andere Weltmacht aus dem Osten tributpflichtig, dem Herrscher aus dem Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris.  In der Folge wandte sich der judäische König noch einmal der ägyptischen Seite zu und bat um Hilfe. Aber das war ein Fehler – denn bald kamen die Soldaten aus Babylon und besetzten den gesamten östlichen Mittelmeerraum. Und dann passierte das, was immer in der Besetzungspolitik Babylons passierte: machtpolitisches Kalkül. Die Regierenden, von der Familie des Königs an über die militärische Leitung und die Verwaltung, die oberen Geistlichen, kluge Architekten und leitende Handwerker wurden in die Hauptstadt Babylons verschleppt. So konnte sich der Widerstand in der Heimat schlechter organisieren. Und so profitierte die Hauptstadt der Eroberer, denn die besten Köpfe und Handwerker waren in ihrer Mitte angesiedelt und mussten nun für sie arbeiten. In diese Situation hinein also schreibt der Profet Jeremia seine Nachricht an die sogenannten oberen Zehntausend aus dem ehemaligen Königreich Juda. Im Namen seines Gottes.

„Baut euch Häuser und legt euch Gärten an. Lasst eure Kinder dort heiraten, wo ihr seid. Sucht das Beste für die Stadt, in der ihr nun wohnt. Und betet für sie.“

Zu Recht fragt man sich nun: was hat dieser Brief mit uns heute zu tun? Worin liegt seine Relevanz für uns, in unserer Situation? Dieser Brief wäre doch belanglos, wenn er nur ein historisches Geschehen aus uralter Zeit beschreiben würde.

Wir leben gerade in der Zeit der Pandemie. Unvorstellbar noch wäre das vor einem Jahr gewesen. Drastische Einschränkungen gehören jetzt schon wieder zum Alltag. Verunsicherung. Ständig neue Verordnungen, die wir zu beachten haben und die all unsere Pläne zunichtemachen.

Z.B. auch unsere Pläne und fantasievollen Ideen, die wir hier in der Kirchengemeinde uns für das kommende Weihnachtsfest ausgedacht hatten. Unser großer Plan B, in den wir uns schon verliebt hatten! Das ist wie Leben im Exil. Fremdbestimmt. Keine Kontrolle mehr über das eigene Leben haben, jedenfalls nicht so, wie wir es bisher gewohnt waren und woher wir auch unsere innere Sicherheit und unseren Lebensrhythmus genommen haben.

Vielleicht hilft uns dieses Bild des Exils tatsächlich, unsere derzeitige Situation zu verstehen. Das ist ja die Suchbewegung in dieser Zeit bei allen, die jetzt am Glauben festhalten wollen, die ein Geländer für sich suchen, einen Haltegriff, an dem sie sich festhalten können. Um nicht aus der Balance zu geraten, um nicht aus der inneren Mitte zu fliegen. Um besonnen bleiben zu können im besten Sinne. Um auch geistlich, spirituell durch diese Zeit zu kommen. In den relevanten theologischen Zeitschriften der Gegenwart, ob es im Pfarrerblatt ist, in den „zeitzeichen“ oder in der „Jungen Kirche“ aus der Woltersburger Mühle – überall ist dieselbe Grundfrage zu lesen: Welche Geschichten helfen uns, durch diese Zeit zu kommen? Welche biblischen Gedanken sind wichtig für gerade diese Zeit? Was hilft uns, unseren Weg zu finden und zu gehen?

Christof Vetter, ein Kollege aus dem Weserbergland, schreibt in der September- Ausgabe von „zeitzeichen“: „Das Bild des Exils verfestigt sich für mich, wenn ich diese Wochen theologisch denken will. Ins Exil werden Menschen gezwungen, durch die Entscheidung anderer, weil sie den Krieg verloren haben oder weil der eigene Widerstand gebrochen wurde – oder nun eben durch das Virus.“ Ja, dieses Virus lässt uns fremdbestimmt sein. Es nimmt uns erst einmal gewohnte, freie Handlungsmöglichkeiten aus der Hand. Wir erkennen, wie abhängig wir sind. Und wie verletzbar.

Zum Exil gehört auch, dass Menschen klagen und dass sie traurig sind. Im großen biblischen Psalm, der das Exil in Babylon beschreibt, in Psalm 126, lesen wir: „Herr, bringe zurück unsere Gefangenen. Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.  Sie gehen hin und weinen und streuen ihre Saat, und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.“  Wir wissen nicht, wie lange es geht. Aber wir warten sehnsüchtig auf das Ende und auf die Erleichterung. Ich denke, es ist wichtig, dass wir auch unserer Trauer eine Zeit und einen Raum geben. Wir trauern um die, die von uns gegangen sind in dieser Pandemie. Und es wird in naher Zukunft wichtig sein, dass wir den Vorschlag unseres Bundespräsidenten umsetzen, einen Trauertag für die Corona – Opfer festzulegen. Damit wir uns an sie erinnern, damit wir sie wertschätzen und damit weiter danach fragen, was wir aus dieser Zeit zu lernen haben. Zum Beispiel, was den nötigen Abstand zwischen dem Reich der Wildtiere und dem Reich der Menschen betrifft, der künftig unbedingt eingehalten werden muss. Trauer braucht einen Ort. Trauer braucht ihre eigene Zeit.

Zum Exil aber gehört noch viel mehr! Zum Exil gehört auch die Hoffnung; die Hoffnung, dass es einmal ein Ende haben wird mit dem Leben unter der Fremdherrschaft: „Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll Lachens sein und unsere Zunge voll Rühmens.“ So haben sie damals gesungen. Und das könnte auch unser Lied sein. Hoffnungsvoll verfolgen wir die Schlagzeilen zur Forschung und zur Weiterentwicklung von Medikamenten. Inständig hoffen wir auf einen Impfstoff. Und welche Freude wird es sein, wenn mithilfe der Klugheit der Wissenschaftler und mit der Hilfe des Geistes Gottes ein Impfstoff da sein wird, der uns schützt und uns das Leben wieder leichter macht.  Dann werden wir sein wie die Träumenden! (Auch wenn wir dann noch mit der Verteilungsgerechtigkeit werden zurechtkommen müssen, aber das wird schon möglich sein.)

Zum Exil gehört schließlich auch, dass man die neue Gegenwart akzeptieren muss. Dass man lernen muss, mit den neuen Voraussetzungen zu leben. Es nützt nichts, nur zurückzublicken, nur nach hinten zu schauen und sich darin zu verlieren. Vieles ist im Exil anders als zuvor. Entscheidend ist nun, für die Gemeinschaft Sorge zu tragen, in der man jetzt gerade ist: „Sucht das Beste für die Stadt und betet für sie“, so Jeremia. „Denn wenn es ihr gut geht, dann wird es auch euch gut gehen.“

Was ist das Beste für die Gemeinschaft, in der wir jetzt sind?  Es ist mehr als Abstand halten, Maske tragen und sich die Hände desinfizieren. Es ist besonnen sein. Fragen: was ist denn jetzt trotzdem alles möglich unter diesen Voraussetzungen? Oder anders möglich? Was kann ich der „Pandemie der Einsamkeit“ entgegensetzen? Was kann ich tun, um gerade jetzt Menschen zu unterstützen, sie zu stärken und ihnen beizustehen? Aber auch das Andere, das so Notwendige:   wie kann ich gut für mich selbst sorgen, damit mein Inneres gesund bleibt? Gerade jetzt ist es wichtig, acht zu geben auf die eigene Seele und liebevoll mit sich selbst zu sein.

„Auch im Exil könnt ihr beten“, versichert Jeremia seinen Leuten. Für mich gehört das zu den schönsten Worten, die er schreibt. Wo immer wir sind, unter welchen Beschränkungen, in welchen Begrenzungen wir auch gerade zu leben haben – Gott ist da. Seine Liebe zu uns ist größer als alles andere.  Größer als alle Mächte und Gewalten, als Gegenwärtiges und Zukünftiges, als Hohes und Tiefes, größer als irgendeine Kreatur. Nichts kann uns von Gottes Liebe trennen. Das bleibt und das gilt. Und so hören wir zum Schluss, wie der Brief des Jeremia an die im Exil heute klingen könnte:

„So spricht der Herr, der Gott Israels und der Vater unseres Bruders Jesus Christus, zu allen in diesen Tagen:

Ihr lebt in einer sehr schwierigen Zeit. Ich verstehe, dass ihr so bald wie möglich aus dieser Ausnahmesituation herauskommen möchtet. Doch so schnell geht es nicht. Ihr werdet euch auf eine längere Zeitspanne einstellen müssen. Ihr braucht jetzt einen besonders langen Atem. Es wird dauern. Stellt euch auf diese neue Lebenssituation ein. Lebt in der Jetztzeit.
Doch gebt euch nicht auf! Sucht nach dem, wovon ihr nun leben könnt. Und achtet auf eure Seele!  Setzt Bäume. Kümmert euch um eure Pflanzen, eure Blumen und Tiere, um eure Gärten.

Singt - und wenn es für euch alleine ist.  Greift zu euren Instrumenten. Fangt an zu malen. Spielt miteinander. Schreibt Gedichte. Oder führt euer Tagebuch.Lest. Schreibt Liebesbriefe! Schickt liebevolle Päckchen ab!

Lasst euch nicht hängen und achtet darauf, dass ihr nicht weniger werdet. Ihr braucht jetzt einen langen Atem.

Nehmt auch ab und zu den Abholdienst der Restaurants in Anspruch, die in eurer Nähe sind, und unterstützt sie auf diese Weise.  Seid solidarisch mit denen, die weniger haben als ihr.
Vor allem aber seid gewiss: Ihr seid nicht allein! Ich bin da und ich werde da sein. Auch wenn ihr manchmal meint, ich sei unendlich weit entfernt oder ihr würdet nichts von mir wahrnehmen.

Ich verspreche euch: wenn ihr mich sucht, dann werdet ihr mich finden. Ihr werdet mich finden in der Liebe der Menschen zueinander. Wenn ihr nach mir fragt, dann bin ich da. Wenn ihr meine Kraft braucht, werdet ihr sie bekommen.

Ich behüte eure Seele, dass euch die Hoffnung nicht ausgeht. Ich schenke euch neue Aussichten. Ich gebe euch eine Zukunft.“

Lied + 102 Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott

Fürbitten
Gott, Du Schöpfer und Erhalter dieser Welt, wir bitten Dich um Hoffnung und um Deine Kraft, damit wir durch diese Zeiten finden. Wir bitten Dich um Liebe für die Menschen, die uns jetzt ganz besonders benötigen. Wir bitten Dich um Besonnenheit und um innere Ruhe, damit wir das Wichtige vom Unwichtigen unterscheiden können. Dir vertrauen wir unsere Ängste und alles an. Herr, erbarme Dich.
Wir bitten Dich für die Menschen, die jetzt in besonderer Verantwortung stehen, in der Politik, in den Kirchen, in der Wirtschaft und im Gesundheitswesen. Lass sie die richtigen Entscheidungen treffen, die unserem Gemeinwohl dienen. Schenke denen, deren Planungen durchkreuzt werden, Zeichen der Solidarität, Zuversicht und neue Perspektiven. Herr, erbarme Dich.
Lass Deinen Frieden groß in uns sein. Unsere Zeit steht in Deinen Händen. Amen

Vaterunser

Segen
Der Herr segne Dich und behüte Dich. Der Herr lasse leuchten Sein Angesicht über Dir und sei Dir gnädig. Der Herr erhebe Sein Angesicht auf Dich und gebe Dir Frieden.
Amen.

Musik

Gottesdienst zum Reformationsfest mit Video am 31.10.2020 von Vikar Ingmar Bartsch

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar: https://youtu.be/zJ5erRSNm5Y

 

Begrüßung:
Wann hat zuletzt jemand zu Ihnen gesagt: „Du bist geliebt. Ohne Bedingungen.“? Das zu hören tut gut. Doch oft denken wir, wir müssten etwas tun, damit uns Freunde annehmen. Oder der Partner uns liebt. Schnell gerät in Vergessenheit, dass andere uns einfach nur schätzen und lieben, weil wir einzigartige Menschen sind. Ebenso schnell vergessen wir, dass Gott uns liebt. Wir feiern heute Reformationsfest. Martin Luther lebte in einer Zeit, in der die Menschen überwiegend vergessen haben, dass sie sich Gottes Liebe nicht erarbeiten können. Luthers Botschaft war nicht neu. Aber in seiner Zeit war sie revolutionär. Befreiend. Auch für jeden von uns heute ist diese Botschaft nicht neu. Aber vielleicht ist die Zusagen, dass Du geliebt bist, in Vergessenheit geraten. Auch deshalb feiern wir Reformationstag. Damit wir nicht vergessen: Du bist geliebt. Ohne Bedingungen.

Votum:
Und so feiern wir diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

Eingangsspsalm: Psalm 46, 2-12
Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. 3 Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken, 4 wenngleich das Meer wütete und wallte und von seinem Ungestüm die Berge einfielen. 5 Dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben mit ihren Brünnlein, da die heiligen Wohnungen des Höchsten sind. 6 Gott ist bei ihr drinnen, darum wird sie fest bleiben; Gott hilft ihr früh am Morgen. 7 Die Völker müssen verzagen und die Königreiche fallen, das Erdreich muss vergehen, wenn er sich hören lässt. 8 Der HERR Zebaoth ist mit uns, der Gott Jakobs ist unser Schutz. 9 Kommt her und schauet die Werke des HERRN, der auf Erden solch ein Zerstören anrichtet, 10 der den Kriegen ein Ende macht in aller Welt, der Bogen zerbricht, Spieße zerschlägt und Wagen mit Feuer verbrennt. 11 Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin! Ich will mich erheben unter den Völkern, ich will mich erheben auf Erden. 12 Der HERR Zebaoth ist mit uns, der Gott Jakobs ist unser Schutz. Amen.

Gebet:
Großer Gott, befreie uns von dem Irrtum, dass wir uns Deine Zuwendung erarbeiten können. Denn Du hast uns bedingungslos angenommen. Großer Gott, befreie uns von dem Irrtum, dass es Dir egal ist, wie wir unser Leben leben. Denn Du hast uns Verantwortung für uns selbst und für unseren Nächsten gegeben. Lass uns im Glauben an Dich wachsen. Das bitten wir Dich durch Jesus Christus, unseren Herrn, der mit Dir und dem Heiligen Geist lebt und Leben schenkt in Ewigkeit. Amen.

Lesung und Predigttext: Mt 10, 26b-33.
26b Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. 27 Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern. 28 Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet viel mehr den, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle. 29 Verkauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. 30 Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Haupt alle gezählt. 31 Darum fürchtet euch nicht; ihr seid kostbarer als viele Sperlinge. 32 Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel. 33 Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel. Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg. Halleluja

Lied: EG 573 1+3

 

Predigt:
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.
Es ist ein wunderschöner Herbsttag. Die Sonne scheint, es weht ein frischer Wind. Ideal für einen Spaziergang mit Freunden. Die Kinder unserer Freunde tollen über den Weg. Sie sammeln Blätter und Kastanien auf. Plötzlich ruft die Tochter: „Papa, Papa, fang mich auf!“ Schon rennt sie auf unseren Freund zu, der blitzschnell die Arme öffnet, sie auffängt und durch die Luft wirbelt. Beide lachen ausgelassen. Was für ein kindliches Urvertrauen, denke ich. Denn unser Freund hatte nicht viel Zeit zum Reagieren. Und doch weiß das Mädchen ganz genau, dass ihr Papa sie auffangen wird. Weil sie sich angenommen weiß. Weil sie geliebt ist.
Es ist wundervoll, grundlegend geliebt und angenommen zu sein. Wir feiern heute Reformationsfest. Martin Luther hat sich jahrelang nicht wirklich angenommen gefühlt. Das hatte sicher auch mit seinem Vater zu tun. Der schickte ihn zum Jurastudium, damit etwas aus ihm wird. Das schien aber nicht so recht zu ihm zu passen und so hatte er 1505 eine Lebenskrise. Auf dem Weg von seiner Heimatstadt Mansfeld nach Erfurt gerät er im Juli 1505 in ein Gewitter.
Voller Angst – so berichtet er es selbst – verspricht er, dass er in ein Kloster eintritt, wenn er mit dem Leben davonkommt. Er verhandelt also mit Gott. Und tatsächlich: Er wird gerettet. Nun muss Luther liefern. Er geht ins Kloster. Dort will er Gott durch besondere Frömmigkeit und Treue gnädig stimmen. Doch das gelingt ihm nicht. Obwohl er sich mehr anstrengt, als alle anderen, wird er das Gefühl nicht los, dass er Gott nicht gerecht werden kann. Dass Gott so streng zu sein scheint und dass aus eigener Kraft niemand vor ihm bestehen kann, das setzt Luther unheimlich zu. Ungefähr 10 Jahre hat er das ausgehalten.

Und dann veränderte sich Luthers Sicht auf Gott. Er entdeckte, dass wir Menschen von Gott angenommen sind, ohne etwas leisten zu müssen. Das war ein Durchbruch. Ich vermute, dass seine Einsicht ein Prozess gewesen ist. Meines Erachtens hatte es mit seinem intensiven Bibelstudium zu tun. Er selbst beschreibt es als eine Art Bekehrung. An seinem Schreibtisch habe er plötzlich die Gerechtigkeit aus Gnade entdeckt. Luther ist also klar geworden, dass er sich Gottes Zuwendung nicht erarbeiten kann, egal, wie sehr er sich anstrengt. Vielmehr ist es umgekehrt: Gott nimmt uns Menschen zuerst grundlegend an. Von dieser Beobachtung beseelt, geht er in Widerspruch zum Ablasshandel seiner Kirche. Seine Entdeckung begeistert ihn so sehr, dass er für seine Glaubensüberzeugung einsteht. Auch wenn es sein Leben bedroht.

Luthers Furcht vor dem strafenden Gott war mit der Entdeckung der Gnade nicht ganz aus Luthers Leben verschwunden. Auch später hat er davon gesprochen, dass man den alten Adam täglich ersäufen müsse. Für ihn war es sonnenklar, dass wir Menschen trotz Gottes großartiger Liebe zu uns täglich an uns selbst scheitern. Für ihn war klar, dass wir täglich an Gott und anderen Menschen schuldig werden.
Auch für mich ist es eine Herausforderung, den liebenden Gott und den strafenden Gott überein zu bringen. Da fallen mir meine Freunde wieder ein und ich erinnere mich, dass Liebe nicht Gleichgültigkeit ist. Ihre Tochter weiß sich von ihren Eltern angenommen. Das macht sie mutig. So kann sie ihre Welt entdecken. Und das musste sie sich nicht erarbeiten. Ihre Eltern haben sie von Anfang an bedingungslos angenommen. Und doch setzen sie ihr Grenzen. Die sind für eine gute Entwicklung wichtig. Und auch Gott setzt Grenzen.

Der heutige Predigttext drückt das Dilemma des gnädigen und es strafenden Gottes sehr gut aus. Der Text fordert mich heraus, weil er mit drastischen Maßnahmen droht. Und es ist natürlich sinnvoll, mein Gottesbild von Jesus selbst immer wieder in Frage stellen zu lassen. Zuerst höre ich aus diesem Text aber die bedingungslose Zusage Jesu: Du bist kostbar. Du bist geliebt. Du bist angenommen. Wenn Gott die Haare auf unserem Kopf zählt, dann macht er sich echt Mühe. Selbst bei meiner Frisur hat der da noch ganz schön zu tun. Das heißt, er hat uns im Blick. Wir sind ihm wertvoll. Und wir sind angenommen. Das hat Luther mit der Rechtfertigung aus Gnade beschrieben.
Weil wir Gott besonders wertvoll sind, nimmt er uns die Menschenfurcht. Und wenn wir uns nicht vor Menschen fürchten müssen, dann können wir auch mutig bekennen. Wie gesagt: Luther selbst hat in Kauf genommen, für seinen Glauben getötet zu werden. Also könnten auch wir heutigen Christen bekennen und für das einstehen, was wir glauben und für richtig halten. Und da schleichen sich die Zweifel ein. Ich möchte eigentlich nicht wegen meines Bekenntnisses mein Leben verlieren. Ich hänge ja schon sehr an meinen gesicherten Lebensstandard. Und noch eine weitere Sache geht mir nahe: Der strafende, unbarmherzige Gott ist in diesen Versen eindeutig auszumachen. Jesus sagt: fürchtet vielmehr den, der auch Eure Seele töten kann. Und Jesus sagt weiter: Wer mich nicht bekennt, den werde ich auch nicht vor meinem Vater bekennen. Will Gott vielleicht, dass wir auch wie der junge Luther vor Angst schlottern? Gott ist gnädig und er nimmt jeden Menschen an. Daran glauben ich fest. Aber es ist ihm auch nicht gleichgültig, wie wir leben. Weil sich Liebe nicht mit Gleichgültigkeit verträgt.

Ich finde es spannend, dass wir in der Bibel beides finden. Den gnädigen Gott, der seine Geschöpfe bedingungslos annimmt. Und den strafenden Gott, der Menschen verwirft. Das lässt sich auch nicht einfach in die eine oder die andere Richtung auflösen. Wäre das möglich, hätten das berühmte Theologen in der Geschichte längst getan. Meines Erachtens stehen wir vor der Herausforderung, uns Gott immer wieder zu nähern. Luther hat das durch intensives Bibelstudium getan und ich finde, dass auch wir wieder mehr Bibel lesen könnten. Vor allem als evangelische Christen.
Und der Friede Gottes, der höher ist, als menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Lied: EG 197

Fürbitten:
Gott, wir danken Dir für Deine Gnade in Jesus Christus. Wir danken Dir, dass wir nicht ständig darüber nachdenken müssen, wie wir Dich gnädig stimmen können. Wir danken Dir für die Freiheit, die daraus erwächst. Lass uns diese Freiheit verantwortlich nutzen. Vor Dir und unserem Nächsten gegenüber.

Gott, wir danken Dir, dass wir nicht ohne Orientierung durch die Welt gehen müssen. Du hast uns in der Bibel gute Weisungen gegeben, die ein sinnvolles Zusammenleben ermöglichen. Hilf uns, dass wir Dir folgen. Schenke uns, dass wir ein Leben leben, wie Du es Dir gedacht hast, als Du uns geschaffen hast.

Gott, wir möchten immer mehr erkennen, wie Du bist. Schenke uns Begegnungen mit Dir und Deinem Wort. Lass uns im Glauben wachsen und Dich vor den Menschen bekennen.

Gott, wir bitten Dich für die Menschen, die Not leiden, die einsam sind, die krank sind, die um ihre Existenz bangen. Wir bitten für die Menschen, die keinen Ausweg aus ihrer aktuellen Situation finden. Stellvertretend bitten wir für die Menschen im neuen Lager Moria auf Lesbos. Die Zustände dort sind noch schlimmer, als im alten Lager und die Geflüchteten dort werden immer verzweifelter. Manche von ihnen sind zunehmend aggressiv. Wir bitten Dich: Herr erbarme Dich und schenke Lösungen für die Menschen, die in unmenschlichen Zuständen auf unbestimmte Zeit ausharren müssen.

Gott, uns wir machen uns Sorgen. Das Attentat in einer Kirche in Nizza hat uns sprachlos gemacht. Weshalb haben Menschen solch einen Hass aufeinander? Wie sollen die Verantwortlichen reagieren? Wir klagen Dir das Leid, welches die Angehörigen der Opfer durchleben müssen. Wir klagen Dir unsere Hilflosigkeit im Angesicht einer solchen Tat.

Gott, wir machen uns Sorgen. Übermorgen beginnt einer neuer Lockdown. Die Medien nennen ihn Lockdown „light“, aber viele Menschen trifft er mit voller Härte. Doch was sind die Alternativen? Wo gibt es definitive Lösungen? Wir klagen Dir das Leid, das durch diese Pandemie ausgelöst wurde. Wir klagen Dir unsere Hilflosigkeit.

Und alles, was uns noch bewegt, bringen wir vor Dich mit den Worten des Vaterunsers.
Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Segen:
Der Herr segne Dich und behüte Dich.
Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über Dir und sei Dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf Dich und schenke Dir Frieden. Amen.
Gottesdienst am 25.10.2020 von Pfarrer Rainer Böhm

Orgelvorspiel: D. Buxtehude: Toccata F-Dur

Begrüßung
Herzlich willkommen zum Gottesdienst heute Morgen in der Dankeskirche.

Wir erleben seit einiger Zeit, wie wichtig Regeln sind. Wir alle haben gelernt, was die AHA – Regel bedeutet und wie wichtig sie jetzt für den eigenen Schutz ist und für den anderer.

An diesem Sonntag geht es um Gebote.  „Der Sabbat ist für den Menschen da und nicht der Mensch für den Sabbat.“ So sagt es Jesus. Maßstab ist der Mensch: sowohl was den Hunger anbelangt, als auch was die Gesundheit betrifft. Das kann einmal die Freiheit einschränken – was unsere AHA – Regeln anbelangt; oder es kann die Freiheit vergrößern, was das Ährenraufen am Sabbat betrifft.

Das Kriterium, der Maßstab ist die Liebe. Der Prophet Micha schreibt: Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: Nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.“

Votum

Eingangspsalm 119 EG W 748
Erhalte mich, Herr, durch dein Wort, dass ich lebe
Wohl denen, die ohne Tadel leben,
die im Gesetz des Herrn wandeln!
Wohl denen, die sich an seine Mahnungen halten,
die ihn von ganzem Herzen suchen,
die auf seinen Wegen wandeln
und kein Unrecht tun.
Wenn ich schaue allein auf deine Gebote,
so werde ich nicht zuschanden.
Ich danke dir mit aufrichtigem Herzen,
dass du mich lehrst die Ordnungen deiner Gerechtigkeit.
Deine Gebote will ich halten;
verlass mich nimmermehr!
Öffne mir die Augen,
dass ich sehe die Wunder an deinem Gesetz.
Zeige mir, Herr, den Weg deiner Gebote,
dass ich sie bewahre bis ans Ende.
Meine Seele verlangt nach deinem Heil;
ich hoffe auf dein Wort.
Meine Augen sehnen sich nach deinem Wort
und sagen: Wann tröstest du mich?
Wenn dein Gesetz nicht mein Trost gewesen wäre,
so wäre ich vergangen in meinem Elend.
Dein Wort ist meines Fußes Leuchte
und ein Licht auf meinem Wege.
Erhalte mich durch dein Wort, dass ich lebe,
und lass mich nicht zuschanden werden in meiner Hoffnung.
Stärke mich, dass ich gerettet werde,
so will ich stets Freude haben an deinen Geboten.

Eingangsgebet
Lebendiger Gott
Wir kommen zu dir an diesem Tag. Es ist Sonntag. Heilig, würdig und recht ist es, jetzt Pause zu machen und Ruhe zu finden. So kommen wir zu dir, Gott, um dir für alles zu danken, was war, und um alles gestalten zu können, was kommen wird. Wir kommen auch zu dir und legen ab, was uns den Tag schwermacht. Auch die Streitereien, die wir hören oder an denen wir selbst beteiligt sind. Sei bei uns in diesem Gottesdienst mit deinem Geist, damit wir deine Kraft spüren und empfangen. Du zeigst uns den Weg ins Leben – durch Jesus Christus, deinen Sohn. Amen

Lesung = Predigttext                  Mk 2, 23 – 28
Das Ährenraufen am Sabbat 23 Und es begab sich, dass er am Sabbat durch die Kornfelder ging, und seine Jünger fingen an, während sie gingen, Ähren auszuraufen. 24 Und die Pharisäer sprachen zu ihm: Sieh doch! Warum tun deine Jünger am Sabbat was nicht erlaubt ist? 25 Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, da er Mangel hatte und ihn hungerte, ihn und die bei ihm waren: 26 wie er ging in das Haus Gottes zur Zeit des Hohenpriesters Abjatar und aß die Schaubrote, die niemand essen darf als die Priester, und gab sie auch denen, die bei ihm waren? 27 Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen. 28 So ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.

Variation zu EG 165:  Gott ist gegenwärtig

Predigt
Liebe Gemeinde,
Was für eine schöne Geschichte: Ein Spaziergang durch die Kornfelder, der wachsende Hunger, keine Vorsorge für Nahrung – und dann die Frage: Was essen wir. Wir „raufen einfach Ähren aus, ist die Antwort derer, die ganz genau wissen, dass dies verboten ist am Sabbat. Wohl nicht zufällig, sondern als Beobachter, sind einige Pharisäer in der Nähe.

Rasen betreten verboten – warum eigentlich, haben sich die Studenten vor 50 Jahren gefragt – was ist der Sinn dieses Verbotes, wo man doch da im Sommer so schön sitzen kann. Und es war auch sehr lange die Frage der Bad Nauheimer Kinder und Jugendlichen, als der Park noch Eintritt kostete und es Parkwächter gab.

Manchmal ist es zum Haare und nicht nur zum Ähren raufen. Die Pharisäer sehen, wie Jesu Jünger das Gebot übertreten und fragen ernst, warum der Jude jesus das gestattet. Er tut es, weil er der Sohn Gottes ist – und also der Herr über die Gebote. Deshalb setzt der Übertritt sie ja nicht außer Kraft. Aber essen ist lebensnotwendig für Hungernde; also darf einmal ein Gebot außer Kraft gesetzt werden. Es wird ja nicht schlecht, nur weil es übertreten wird. Im Gegenteil: es leuchtet umso heller.

Das 1. Buch Samuel erzählt vom Priester Abimelech. Am Sabbath hatte er eine besondere Aufgabe: Er musste aus feinem Mehl zwölf Brote backen. Schaubrote nannte man sie. Sie wurden auf den Altar gelegt.  Wenn die Woche um war, durften Abimelech und die anderen Priester die Brote essen, die dann durch neue ersetzt wurden. So war es von den Vorvätern überliefert. Und so wurde es gemacht. Woche für Woche, Sabbat für Sabbat.

Dann kam plötzlich David. Er war auf der Flucht. Und hatte Hunger. Er bat Abimelech: „Hast du nun etwas bei der Hand, etwa fünf Brote oder was sonst vorhanden ist, das gib mir in meine Hand.“ (1. Sam 21,4). Nichts Anderes hatte Abimelech anzubieten als die heiligen Brote vom Altartisch Gottes. Nach kurzer Überlegung entschied sich Abimelech, David davon zu geben, obwohl er kein Priester war. Gesetz und Tradition waren damit überschritten. Nicht außer Kraft gesetzt, aber überschritten. In diesem besonderen Fall. Um des Menschen David willen.

Jesus und Abimelech lassen zu, dass Regeln gebrochen werden. Für beide gilt jedoch, damit werden die Gebote nicht ausser Kraft gesetzt. Sie gelten immer noch, auch wenn sie um der Menschen willen übertreten worden sind. Essen ist lebensnotwendig. Regeln sind nie kritiklos angenommen oder respektiert worden. Das, worauf Jesus hinweist, ist aber das Entscheidende: Dienen Regeln dem menschlichen Leben oder nicht?

Wie ist das mit der Maskenpflicht und den Corona Einschränkungen? Es wird darüber gestritten ob sie uns dienen oder uns einschränken. Und immer wieder wird an die Eigenverantwortlichkeit appelliert. Aber das greift zu kurz: Es geht um die Verantwortung für andere.

Das gilt für Senioren, die die Regeln nicht einhalten und sagen: «Lieber lebe ich jetzt noch so wie es mir gefällt. Wenn ich ins Krankenhaus komme und sterbe – naja.“ Im Krankenhaus arbeiten aber Mütter und Väter, die durch lange Schichten oft fern von ihrer Familie dem Risiko ausgesetzt sind.

Das gilt ebenso für Junge, die gern noch Partys feiern in dem Wissen, dass sie wahrscheinlich nicht so stark erkranken, sollten sie sich infizieren. Dass sie das Virus aber auch an Menschen mit Vorerkrankung weitergeben können, die dann sehr schwer erkranken, ist nicht im Blick.

Eigenverantwortung und Fremdverantwortung gehören zusammen, wie die zwei Seiten einer Münze. Mein Wohlergehen muss den Andern in Blick haben, der durch mich nicht zu Schaden kommen soll. Deshalb sind Regeln nötig in dieser Pandemiezeit. Regeln die für alle gelten und alle im Blick haben. Die sind die Bedingungen unserer Freiheit.

Regeln machen es einem nicht nur leichter, sie können auch freimachen. Die Sonntagsregel zum Beispiel. «Du sollst den Feiertag heiligen», das dritte Gebot. Ich versuche mich bewusst daran zu halten. Nehme mir vor, am Sonntag nicht zu arbeiten – außer ich habe einen Gottesdienst zu halten, was ich aber gerne tue. Kochen, lesen, chillen, telefonieren - Lauter Dinge, die für mich den Sonntag zu einem besonderen Tag machen, wo man nichts muss, sondern tun kann, was man möchte.

Wir wissen, dass Herbst und Winter lang und auch mühsam sein werden. Es hilft hilft, uns daran zu erinnern, wenn uns die Motivation zum Durchhalten fehlt: Regeln dienen dem Leben, unserem und dem der anderen.

«Gott, gib mir die Gelassenheit,
Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.
Einen Tag nach dem anderen zu leben,
einen Moment nach dem anderen zu genießen.
Entbehrung als einen Weg zum Frieden zu akzeptieren.
Diese sündige Welt anzunehmen, wie Jesus es tat,
und nicht so, wie ich sie gerne hätte.
Zu vertrauen, dass du alles richtigmachen wirst,
wenn ich mich deinem Willen hingebe,
sodass ich in diesem Leben ziemlich glücklich sein möge
und im nächsten für immer überglücklich». Amen.
(Reinhold Niebuhr)

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

Variation zu EG 295: Wohl denen, die da wandeln

Fürbittgebet
Es ist zum Haareraufen, gnädiger Gott – was wir sehen und hören müssen in dieser Welt. Wir legen vor dir ab, was uns beschwert: die Pandemie, die keine Ruhe gibt und um sich greift – wo wir vergessen, aufeinander Rücksicht zu nehmen, uns in Sicherheit wiegen. Wir legen unsere Angst um uns und um andere ab und rufen zu dir:
Herr erbarme dich
Es ist zum Haareraufen, barmherziger Gott – immer wieder passiert es, dass wir als Gemeinde an Dingen festhalten, die wir längst loslassen sollten. Lass uns Wege finden, deinem lebendigen Evangelium mehr zu vertrauen. Bei dir ist so vieles möglich. Wir rufen zu dir:
Herr erbarme dich
Es ist zum Haareraufen – wenn Familien im Streit liegen, wenn Schdeiungen zum Rosenkrieg werden, wenn Kinder leiden. Es ist schlimm, wenn Menschen halsstarrig auf ihrem recht behaaren, unversöhnlich sind oder alles besser zu wissen behaupten. Wir brauchen Versöhnung, Vergebung, Gelassenheit. Hilf uns dazu beizutragen. Wir bitten dich:
Herr erbarme dich
Lebendiger Gott, wir gehen am Feldrand unseres Lebens entlang. Wir streichen mit der hand über die Ähren. Es sind die Früchte unseres Lebens. Sie wachsen nicht um ihrer selbst willen, sie sollen anderen dienen, dir zur Ehre. Gib uns die Kraft, unsere Ähren zu raufen, Gott, damit andere davon satt werden können.

Vater Unser

Segen

Orgelnachspiel:  J.S. Bach, Choralbearbeitung über `In dir ist Freude´

Gottesdienst am 18.10.2020 von Pfarrer Friedhelm Pieper

Vorspiel

Begrüßung und Votum
Herzlich willkommen, hier in der Dankeskirche! Herzlich willkommen zu diesem Gottesdienst an diesem herbstlichen Sonntagmorgen. - Für die, die mich nicht kennen: Ich bin Pfr. Friedhelm Pieper und arbeite am Zentrum Oekumene in Frankfurt. Ich wohne aber hier in Bad Nauheim, weil ich als Ehemann von Pfarrerin Susanne Pieper in deren Pfarrhaus mitwohnen darf. Das finde ich sehr schön, vor allem, dass mein Frau mich im Pfarrhaus mitwohnen lässt – aber ich wohne auch sehr gerne hier in dieser wunderbaren Stadt.

Wir feiern diesen Gottesdienst heute am 19. Sonntag nach Trinitatis!  Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen d Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen – Wir hören auf die Worte des Wochenspruchs für die kommende Woche aus Jeremia 17:

Heile Du mich, Herr, so werde ich heil; hilf Du mir, so ist mir geholfen.

Heilung: Im Mittelpunkt dieses Gd steht die Geschichte von der Heilung am Teich Bethesda, oder auch auf Hebräisch: der Teich von Beit Sata. Es gibt wohl kaum eine Geschichte in der Bibel, mit der Bad Nauheim so eng verbunden ist wie diese. Auf Ihrem Gd Blatt sehen Sie vorne das Bild von dieser Heilungsgeschichte. Das ist das große Fenster hier an der Südempore, gestiftet vor über hundert Jahren vom Ehepaar Sprengel. Das Bild verbindet die Heilung am Teich Bethesda aus dem Neuen Testament mit dem Sprudelwunder in Bad Nauheim im Jahre 1846, als da, wo heute der Sprudelhof steht, bei Tiefenbohrungen auf einmal ein mächtiger Solestrom emporschoss. So wurde der Ruf unserer Stadt als Gesundheits-stadt begründet: Die Besonderheit lag dabei anfangs in der Entdeckung und Anwendung der heilsamen Wirkung der natürlich vorkommenden Kohlensäure in der Thermalsole: Gutes, heilendes Wasser. - Und so können wir noch heute auf dem großen Sprudelbecken im Sprudelhof lesen: "Auf Gottes Geheiß aus der Tiefe geboren. Der Lebenden Leiden zu lindern erkoren." – Darum geht es heute in der Predigt über die Geschichte vom Teich Bethesda: Um Leiden, um Linderung, um Krankheit, um Heilung, um gesund werden.

Ich wünsche Ihnen, ich wünsche uns allen einen gesegneten Gottesdienst.

Psalm 146
1 Halleluja! Lobe den HERRN, meine Seele!
2 Ich will den HERRN loben, solange ich lebe, und meinem Gott lobsingen, solange ich bin.
3 Verlasset euch nicht auf Fürsten; sie sind Menschen, die können ja nicht helfen.
4 Denn des Menschen Geist muss davon, und er muss wieder zu Erde werden; dann sind verloren alle seine Pläne.
5 Wohl dem, dessen Hilfe der Gott Jakobs ist, der seine Hoffnung setzt auf den HERRN, seinen Gott,
6 der Himmel und Erde gemacht hat, das Meer und alles, was darinnen ist; der Treue hält ewiglich,
7 der Recht schafft denen, die Gewalt leiden, der die Hungrigen speiset. Der HERR macht die Gefangenen frei.
8 Der HERR macht die Blinden sehend. Der HERR richtet auf, die niedergeschlagen sind. Der HERR liebt die Gerechten.
9 Der HERR behütet die Fremdlinge und erhält Waisen und Witwen; aber die Gottlosen führt er in die Irre.
10 Der HERR ist König ewiglich, dein Gott, Zion, für und für. Halleluja!

Gebet
Guter und barmherziger Gott. Wir können nicht so tun, als sei alles schon in Ordnung. Wir sehen um uns herum, wie viel Bedrückung und Krankheit den Menschen zu schaffen machen. Wieviel auf Heilung wartet - in uns und um uns herum. Wir bitten dich: Erneuere uns durch Deine Nähe, durch Dein heilendes Wort. Wandle uns um. Du bist größer als unser ängstliches Herz. Du bist der Schöpfer des Lebens. Du bist der Schöpfer neuer Zukunft. Du bist der Gott der Liebe bis in Ewigkeit. Lass unsere Kraft erstarken, schenke uns Mut und Einsicht zum rechten Tun.

Wir bitten dies Durch Jesus Christus, deinen Sohn,  der mit dir in der Gemeinschaft des Heiligen Geistes lebt und regiert jetzt uns alle Zeit. Amen.

Lied: „Fürchte dich nicht“ (Fritz Baltruweit)
1. Fürchte dich nicht, gefangen in deiner Angst, mit der du lebst. Fürchte dich nicht, gefangen in deiner Angst. Mit ihr lebst du.
2. Fürchte dich nicht, getragen von seinem Wort, von dem du lebst. Fürchte dich nicht, getragen von seinem Wort. Von ihm lebst du.
3. Fürchte dich nicht, gesandt in den neuen Tag, für den du lebst. Fürchte dich nicht, gesandt in den neuen Tag. Für ihn lebst du.

Lesung: Jakobus 5, 13-16
13 Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen. 14 Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn. 15 Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden getan hat, wird ihm vergeben werden. 16 Bekennt also einander eure Sünden und betet füreinander, dass ihr gesund werdet. Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist.

Predigt zu Johannes 5, 1 – 16

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde, hier also die Geschichte von der Heilung am Teich Bethesda, am Teich Beit Sata, im JohEv, Kap. 5:

1 Danach war ein Fest der Juden, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem. 2 Es ist aber in Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der heißt Bethesda, auf Hebräisch Bei Sata. Dort sind fünf Hallen; in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte. 5 Es war aber dort ein Mensch, der war seit achtunddreißig Jahren krank. 6 Als Jesus ihn liegen sah und vernahm, dass er schon so lange krank war, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden? 7 Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein. 8 Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin! 9 Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin. Es war aber Schabbat an diesem Tag.

Liebe Gemeinde,

Ich muss heute mit dem Schluss anfangen: „Es war aber Schabbat an diesem Tag“. Die Geschichte vom Teich Bethesda endet im Johannesevangelium in einem Konflikt zwischen Jesus und anderen Juden über das Einhalten des Feiertags, des Schabbats. Wer mich kennt, weiß, dass ich seit Jahrzehnten im christlich-jüdischen Dialog engagiert bin. Ich kann also diesen Konflikt in der Geschichte nicht verdrängen. Aber, es würde diese Predigt um so vieles verlängern, wenn ich mich jetzt dazu einlassen würde. Deshalb habe ich entschieden: ich gebe Ihnen einen kleinen Kommentar zu dem Thema „Das Johannesevangelium und ‚die‘ Juden“ mit. Sie finden es in Ihrem Gottesdienstblatt. Wenn es Sie interessiert, können Sie dies Thema dann zuhause lesen – und wenn Sie Fragen haben, finden Sie da auch meine Kontaktdaten.

Siehe "Anhang zum Gottesdienst am 18.10.2020 von Pfarrer Friedhelm Pieper" als separater Textabschnitt.

So – und dann können wir uns dann jetzt auch ganz auf die Anfangsgeschichte konzentrieren: die Heilung am Teich Bet Sata, am Teich Bethesda.

Und da lesen wir: Jesus zieht an einem der jüdischen Feste hinauf nach Jerusalem. – Eben so war er es gewohnt. Schon mit seinen Eltern ist er regelmäßig an den großen jüdischen Festen nach Jerusalem gezogen, um dort im Tempel mit der großen jüdischen Feiergemeinde aus dem Land Israel und aus den umliegenden Ländern zu beten, zu singen und zu feiern. In der Regel zieht Jesus von Osten her über den Ölberg nach Jerusalem hinein. Zu seiner Zeit befanden sich an der Nordostseite des Tempelberges das Schafstor und ein ausgebauter Hallenbereich um den Teich Bethesda herum. Ruinen dieser Anlage kann man noch heute in Jerusalem besichtigen. - Vom Wasser dieses Teiches sagte man: gutes, heilendes Wasser. Und so liegen dort viele Kranke und ausgezehrte Menschen. Sie hoffen, irgendwie, auf Heilung. So liegen sie da.

Jesus kommt in den Hallenbereich hinein. Und es wird ihm ein Mann gezeigt: Dieser hier, der liegt schon 38 Jahre da. 38 Jahre! Unvorstellbar! Was für ein Leidensweg! - Und was macht Jesus? Er wendet sich dem Kranken zu und fragt: Willst du gesund werden? Wie bitte? Da liegt ein Mensch seit 38 Jahren und hofft auf Heilung – und dann diese Frage: Willst du gesund werden? Was soll diese Frage? Kann man das nicht einfach voraussetzen, dass der Kranke natürlich nur eines will, eben gesund werden. Aber nein, Jesus stellt diese Frage: Willst du gesund werden? - Denkt man darüber nach, dann kommen einem Krankheitsgeschichten in den Sinn, eigene Krankheitsgeschichten oder die von anderen. Und da fällt einem schon dies ein: Ja, es stimmt, von allein wird man nicht gesund. Es kommt auch auf einen selber an. Man muss schon an dem eigenen Gesundwerden mitwirken. Man muss mitdenken und mittun. Beim Patienten fließen alle Informationen zusammen, jedenfalls, wenn man mithört und mitdenkt. Manchmal muss man den nachfolgenden Arzt über aktuelle Befunde und Verläufe informieren. Auf jeden Fall aber benötigt es die eigene Motivation, um die Genesung voranzubringen. Wenn man sich gehen lässt, gewinnt man nichts. Es gibt Menschen, denen es ein starke Hilfe ist, wenn sie in ihrem Krankheitsverlauf beten können. Wenn sie durch das Gebet die Kraft und das Durchhaltevermögen aufbauen können, um ihren Weg zu gehen - bis hin Heilung – soweit wie möglich. – Meine Frau hat neulich mit der „Lucia-Gruppe“ hier einen bewegenden Gottesdienst gestaltet. Die Lucia-Gruppe, das sind Frauen, die mit der Diagnose Krebs und all den Folgen sich auseinzusetzen hatten. Eine von ihnen sagt: „Die Diagnose war ein Schock für mich und die ganze Familie.“ – Und dann sich auf die Behandlung einlassen. – „Während der ganzen Zeit habe ich nicht aufgegeben sondern an die Chance der Genesung geglaubt. - Meine Erfahrung ist, es lohnt sich zu kämpfen, schlechten Tagen mit positiven Gedanken zu begegnen und sich nicht hängen zu lassen. Ich habe noch so viel Leben zu leben.“ Was für eine bewegenden Geschichte, sie wollte gesund werden und sie fand zurück ins Leben!

Und was macht der Kranke am Teich Bethesda? Er gibt Jesus zu verstehen, dass der ihn mit seiner Frage überhaupt gar nicht erreicht. Er hat ein ganz anderes Problem: Herr ich habe keinen Menschen, der mir hilft. Das ist die andere Seite von Krankheiten, die auch nicht verdrängt werden darf. Es gibt Momente, da reicht der Wille zum Gesundwerden eben nicht. Es gibt die Erfahrung von Grenzen, die sich nicht einfach mehr überwinden lassen. Es gibt Grenzen, die man annehmen muss. Grenzen, über die kein Mensch, kein Arzt einfach so hinweghelfen kann. Da erfahren wir die Begrenztheit und die Verletzlichkeit unseres Lebens. Es gibt Dinge, die muss man annehmen und lernen, zu tragen. - So wie wir jetzt nicht einfach aus der Corona-Pandemie herausspringen können. Wir müssen uns jetzt geduldig durch die neue Infektions-Welle hindurcharbeiten, mit all dem, was das an Einschränkungen mit sich bringt, mit all dem Auf-sich-selbst-zurückgeworfen werden. Manchmal muss man warten bis der helfende Mensch eintrifft oder die rettenden Medizin, der schützende Impfstoff. Manchmal muss man tragen, was nicht sofort überwunden werden kann.

Und nun, in unserer Geschichte, hören wir dann plötzlich das heilende Wort Jesu: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin! Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin. -- Ach – ja, geradezu märchenhaft hier dieser wunderbare Schluss. Nach 38 Jahren, nun auf einmal geheilt – in einem Nu. Ach - ja, so würden wir es uns manchmal wünschen. Aber, man kann es so nun eben einfach nicht herstellen. Man kann es nicht erzwingen. Und was kann uns denn diese wundersame Heilung heute sagen?

Zunächst: für die Menschen, die die Jesusgeschichten vor fast zweitausend Jahren niedergeschrieben haben, war dies gar nicht so wundersam wie für uns. Es gehörte zu ihrem Weltbild. Dass da vom Himmel heilende Kräfte in das Leben auf dieser Erde hineinwirkten, das war Teil ihrer Weltwahrnehmung, Teil ihrer Weltanschauung. Für uns Menschen in der Moderne mit unserem naturwissenschaftlichen Weltbild besteht da ein größeres Problem. Unser Weltbild ist nach Immanuel Kant in der Regel auf bloße Vernunft aufgebaut. Was können uns da die Wundergeschichten aus der Bibel sagen? Ich höre da zwei Botschaften aus diesen Geschichten heraus:

1.: Wir sollten unser Weltbild nicht völlig verabsolutieren! Auch unsere Weltwahrnehmung ist geschichtlich gewachsen und wird vielleicht eines Tages von einer besseren und umfassenderen Weltdeutung überholt werden. Tatsächlich leben wir ja als Menschen, als Lebewesen inmitten eines ungeheuer großen Geheimnisses: und dieses Geheimnis nennt sich LEBEN! Es gibt offenbar eine Quelle des Lebens, die nach wie vor sprudelt und die bei uns und um uns herum ständig neu Leben und großer Vielfalt und Pracht hervorkommen lässt. Albert Schweizer hat es so formuliert: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das auch leben will“. Wir sind eingebettet in einen großartigen Lebenszusammenhang, wir dürfen ein Teil dieses Lebens sein. „Ich habe noch so viel Leben zu leben!“, hörten wir von der Frau aus der Lucia-Gruppe.

Und 2.: Die Wundergeschichten halten uns offen für gute Ausgänge! Es kann ja geschehen! Es ist möglich, dass wir gesund werden! Warum sollten wir die Hoffnung aufgeben? Es ist möglich, dass Menschen nach einer Krebsoperation wieder zu einem guten und erfüllten Leben finden. Es ist möglich, dass wir in ganz unterschiedlichen Krankheitssituationen wieder zur Heilung gelangen. Es ist möglich, dass selbst nach 38jähriger Krankheit eine Chance zum Heilwerden eintritt! – Die Menschen in Israel haben den katastrophalen Berg der großen Infektionszahlen der zweiten Corona-Welle nach 4 Monaten hinter sich gebracht. Da ist was möglich! Es ist möglich, dass wir in einem Jahr wieder unbeschwert miteinander Gottesdienst feiern können, wieder miteinander singen können, weil wir den Impfstoff haben, der das Corona-Virus kontrolliert. Ja, es ist möglich!

Es ist gut, wenn wir Geschichten haben, die unsere Hoffnung stärken. Es ist gut, wenn wir Geschichten haben, die uns dran halten an der Ausschau nach einem guten Ausgang. Es ist gut, wenn wir Geschichten haben, die uns helfen, gerade da, wo wir aufgeben wollen, grade da, wo wir kurz davor sind, uns hängen zu lassen. Wir brauchen Geschichten, die uns fragen: Willst du gesund werden? Wir brauchen Geschichten, die uns sagen: Heilung ist möglich! – Ja, es stimmt: Wir haben noch so viel Leben zu leben!

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

Orgel

Text „If you wanna be well”
Einen amerikanischen Gospel ins Deutsche zu übersetzen ist fast unmöglich. Im Deutschen klingen die Texte häufig etwas banal, mit einer naiven Frömmigkeit versehen, mit amerikanischen Aktionismus und auf Erfolg getrimmt, scheinbar über alle Probleme des Lebens einfach hinweg stürmend. ABER: Nun gibt es diesen wunderschönen Gospel über die Heilung am Teich Bethesda und er passt so gut zu diesem Gottesdienst. Sie werden es hören: er betont nur die eine Seite der Geschichte, das gesund werden wollen! Aber wir haben in der Predigt auch gehört, dass dies eben auch eine wichtige Seite von Heilung ist. Hören wir jetzt zunächst den Text und dann schauen wir uns das Musikvideo in Englisch an.

Willst du gesund werden - Gaither Vocal Band
Dort wartend, 38 Jahre lang / Solange geweint, dass keine Träne mehr rann.
Völlig ausgemergelt, der Mann / Ausschau haltend nach heilender Hand

Dann eines Tags, seine Chance: Er traf ein, / Ein rettender Mann, der konnte ihn heil`n, / Und er blickte ihn an / Doch seine Frage überraschte ihn dann.

Willst Du gesund werden, wirklich gesund? / Deine Matte hochnehmen, dir selbst helfen, tu‘s kund. / Möchtest du frei werden, dich wirklich befrei‘n?
Geheilt und ganz werden, dann musst du es wollen: ganz rein.

Hast je versucht, dich zurecht zu bringen? / Standest auf, es wollt‘ nicht gelingen, / und du bliebst liegen darin, / sankst verzweifelt weiter dahin.

Hast dich gewöhnt an die Ketten, ach-jeh? / Bist ganz beschlagnahmt von diesem Weh, / Vor neuem Aufbruch ängstlich erstarrt, / Frag den Mann, nach neuem Herz, ganz neuem Start.

Willst Du gesund werden, wirklich gesund? / Deine Matte aufnehmen, dir selbst helfen, tu‘s kund…  - Do you wanna be well

Musikvideo
https://www.google.com/search?q=do+you+wanna+be+well+gaither+vocal+band&rlz=1C1CHBF_deDE893DE893&oq=If+you+wanna+be+well&aqs=chrome.4.69i57j0l5.9001j0j15&sourceid=chrome&ie=UTF-8

Fürbitten + Vaterunser
Als Gemeinde teilen wir Freude und Leid.

Aus unserer Gemeinde ist verstorben und wurde bestattet Herr ..., verstorben am 28.09. im Alter von 90 Jahren und Herr ..., verstorben am 02.10. im Alter von 59 Jahren. Lasst uns beten: Barmherziger Gott, wir denken an die, die einen vertrauten Menschen verloren haben. Hilf Du zu dankbarer Erinnerung an all das Schöne und Lebendige, was sie durch die Verstorbenen erfahren konnten. Und nimm unsere Toten auf in Dein Reich, in Deinen großen und tiefen Frieden. Du willst bei uns sein, auch in den dunkelsten Stunden. Du schenkst uns Dein Licht. Dafür danken wir Dir.

Am 10.10. durften wir die Taufe feiern von ..., Tochter von ..., Lasst uns beten: Gütiger Gott, wir danken Dir für das Leben von ... Lass sie werden und wachsen nach Deinem Willen und halte sie in guter Hand. Lass sie einen guten Weg in ihr Leben finden. Wir bitten Dich für Eltern und Paten, dass sie ihr gut beistehen können auf all ihren Wegen. --

Und für uns alle bitten wir:
1.    Gott, du bist ein Freund des Lebens und das Leben ist deine Gabe. Du überlässt uns nicht den Mächten der Krankheit, der Verzweiflung und der Niedergeschlagenheit. Wir sollen uns am Leben freuen können. Von dir berufen, deinem Willen zu folgen und das Leben in seinen Möglichkeiten zu bewahren, rufen wir dich an:
2.    Wir bitten um deine belebende Kraft, der Bedrohung des Lebens zu widerstehen. Segne unsere Anstrengungen, Leben zerstörenden Tendenzen zu wehren, Ehrfurcht vor dem Leben zu wecken und zum Leben - trotz aller Mühsal - zu ermutigen.
3.    Tritt auf für die besondere Würde jedes menschlichen Lebens. Mach uns empfindsam für seine Unverfügbarkeit. Alles bedrohte Leben nimm in deinen Schutz und lass es uns achten und selber schützen. Wehre allen Versuchen, Menschen zurückzusetzen oder auszugrenzen, weil ihr Leben durch Krankheit, Behinderung und nahenden Tod gezeichnet ist.
1.    Öffne uns dafür, im Leben anderer deinen Segen zu erfahren. Du hast uns einander gegeben zur Bereicherung und Fülle. Mach uns bereit, Belastungen zu ertragen. Gib uns ein Gespür, was wir in der Gemeinschaft einander zumuten können. Hilf, uns auch in unvorhersehbaren Situationen einzulassen auf dein Erbarmen.
2.    Sei mit deiner Gnade in all unserer Schwachheit mächtig. Du kannst Lasten in Segen wandeln. Du hast verheißen, dass denen, die dich lieben, alle Dinge zum Besten dienen. Das ist unsere Hoffnung, dass deine ganze Schöpfung befreit werden soll aus ihrer Vergänglichkeit  hin zur der Freiheit, die du bereit kannst.
3.    Begegne uns in der Gebrochenheit dieses Lebens schon jetzt mit den Zeichen deines Heils. Stärke uns Mut und Kraft, mit unserem Verhalten diese Hoffnung zu bezeugen. Darum bitten wir im Vertrauen auf Christus, deinen Sohn, unsern Bruder und Herrn.

Vaterunser

Abkündigungen

Segen

Nachspiel

 

Anhang zum Gottesdienst am 18.10.2020 von Pfarrer Friedhelm Pieper

Das Johannesevangelium und „die“ Juden.                                                

Die Lektüre des Johannesevangeliums (Joh) lässt Leserinnen und Leser in Bezug auf die Darstellung des Judentums irritiert zurück: Auf der einen Seite lesen wir das Jesus-Wort: „Das Heil kommt von den Juden“ (4, 22) und auf der anderen Seite: „Ihr habt den Teufel zum Vater“ (8,44). Wie soll man das verstehen und wie damit umgehen?

Ein hilfreicher Zugang ergibt sich m.E. aus dem Joh Schluss in Kap. 21: „24 Dies ist der Jünger, der das bezeugt und aufgeschrieben hat, und wir wissen, dass sein Zeugnis wahr ist. 25 Es sind noch viele andere Dinge, die Jesus getan hat. Wenn aber eins nach dem andern aufgeschrieben werden sollte, so würde, meine ich, die Welt die Bücher nicht fassen, die zu schreiben wären.“ - Wir lesen von einem Jünger, der von Jesus mündliche und schriftliche Berichte gab. Dann erscheint eine „wir“-Gruppe, die die Wahrheit dieser Berichte verteidigte. Am Ende erscheint ein „ich“, offenbar der Endredaktor des Joh, der hier dann auch das letzte Wort hat. Offenbar ist das Joh-Evangelium in mindestens drei Traditionsstufen entstanden.

Wie umfangreich mögliche erste Berichte aus dem Jüngerkreis für die Grundlegung des Evangeliums waren, ist schwierig zu sagen. Die dichte und hochtheologische Sprache des Joh verweist für die entscheidenden Niederschriften jedenfalls in eine spätere Zeit. Die „wir“-Gruppe ist damit beschäftigt, die Wahrheit der Texte zu bezeugen. Da in vielen Kapiteln des Joh Auseinandersetzungen darüber stattfinden, ob von Jesus wirklich behauptet werden kann, er sei der „Messias“ (Christus) und der „Sohn Gottes“, kommen wohl aus dieser Gruppe die im ganzen Evangelium immer wieder anzutreffenden Verteidigungsargumente. Diese „wir“-Gruppe wird in der exegetischen Forschung auch „Johannes-Gruppe“ oder „Johannes-Schule“ genannt.

Nach gängiger Meinung wird das Joh auf etwa zwischen 100 und 130 n. Chr datiert. Als Adressaten treten nichtjüdische Kirchengemeinden des frühen 2. Jh. in den Blick, da sämtliche hebräische Begriffe im Joh extra ins Griechische übersetzt werden. Es ist eine Zeit, in der in den christlichen Gemeinden im Mittelmeerraum vermehrt nichtjüdische Personen Leitung und theologische Lehre übernehmen oder bereits übernommen haben. Nach meiner Meinung ist daher auch für die Endredaktion des Joh und dessen Veröffentlichung für nichtjüdische Leserschaft eher ein nichtjüdischer Redaktor anzunehmen, der sich dann hinter dem „ich“ in 21,25 verbirgt.

Vor diesem Hintergrund wird zunächst die pauschale Redeweise „die Juden“ etwas verständlicher. Soll das Joh in nichtjüdischen Gemeinden gelesen werden, dann können denen gegenüber als Gesprächs- und Streitpartner Jesu verallgemeinernd „die Juden“ benannt werden. Während bei den anderen Evangelien noch genauer von Pharisäern, Sadduzäern, Priestern, Leviten und Mitgliedern des herodianischen Königshofes die Rede ist, wird nun gegenüber den nichtjüdischen Lesern pauschal von „den Juden“ gesprochen, die mit Jesus debattieren und streiten.

Woher aber kommt die abwertende Schärfe, die zugleich auch mit der pauschalisierenden Rede von „den Juden“ im Joh einhergeht? In der Zeit der Abfassung des Joh haben sich Konflikte zwischen Synagogengemeinden und den christlichen Gruppen bereits erheblich intensiviert. Die Zeit ist insgesamt höchst konfliktträchtig. Die Eroberung Jerusalems und die Zerstörung des Tempels durch die Römer (70 n. Chr.) hat das religiöse Zentrum der jüdischen Gemeinschaft vernichtet. Nicht wenige Juden sinnen auf einen weiteren Aufstand gegen die Römer. Andere lehnen dies angesichts Machtverhältnisse völlig ab und plädieren für Verhandlungen oder gar Unterwerfung. Der Streit darüber wird mit großer Schärfe geführt. Die Christen lehnen durchgängig eine Beteiligung an Aufständen gegen Rom ab und werden auch deswegen von anderen jüdischen Gruppen schwer bekämpft, wie auch andere jüdische Personen und Gruppen, die sich gegen einen Aufstand wenden.

Die Botschaft der Christen, dass Jesus der in der Heiligen Schrift verheißene Messias sei, dass er als Sohn Gottes aus dem Tod auferweckt und zur Rechten Gottes gesetzt wurde, wird von der Mehrheit des Judentums nicht geteilt, ja, sie erscheint vielen Juden als eine religiöse Anmaßung, die bekämpft werden müsse. Bis zur Abfassung des Joh haben zugleich nichtjüdische christliche Theologen die Perspektive entwickelt, dass nur der christliche Glaube der wahre Glaube sei und das Judentum falsch liege. Damit einher geht ein Anspruch, das jüdische Erbe in den christlichen Gemeinde zu verdrängen: „Es ist ungeheuerlich, von Jesus Christus zu reden und Judaismus zu praktizieren“ (Briefe des Ignatius von Antiochien, Abfassung ca. 107 – 110 n. Chr.). Bald darauf wird Justin der Märtyrer verkünden, dass die Christen „das wahre Israel“ seien und dass die Juden die Heiligen Schriften völlig falsch interpretieren (in: Dialog mit dem Juden Tryphon, ca. 155 – 160 n. Chr.).

Das Joh entsteht also in einer Zeit des teilweise Auseinanderbrechens der Wege des Judentums und des Christentums. Diese Konfliktlage bildet den Hintergrund dafür, dass die pauschale Rede von „den Juden“ in der Endredaktion durch einen wahrscheinlich nichtjüdischen Endredaktor in Form einer scharfen Abwertung des Judentums artikuliert wird.

Wir hätten also mindestens drei Entwicklungsstufen des Joh:
1.    Berichte aus dem Jüngerkreis Jesu: Hier dürften folgende Aspekte des Joh enthalten sein: Jesus wird als Jude geschildert; er wirkt als Wanderprediger und nimmt an jüdischen Festen und an den Gebeten im Tempel teil. Dabei gibt es genaue Schilderungen von jüdischen Riten und präzise Ortsbeschreibungen im Land Israel.
2.    Die „wir“-Gruppe (Johannes-Gruppe): Diese ist offenbar mit der Verteidigung des christlichen Glaubens an Jesus beschäftig. Von ihr könnte die Umgestaltung der Überlieferung in viele argumentative und verteidigende Textpassagen stammen.
3.    Die Endredaktion: bestimmt für nichtjüdische Gemeinden wird auf dieser Ebene die endgültige Textversion in Richtung pauschaler Rede von „den Juden“ entstanden sein - und in Hinblick auf die konfliktträchtige Auseinandersetzung zwischen Christen und jüdischen Gemeinden auch die Schärfe in der Abwertung des Judentums, was dann alles in den vorliegenden Endtext eingeflossen ist.

Die pauschale abwertende Rede von „den Juden“ hatte eine katastrophale Wirkungsgeschichte. Sie lieferte Formulierungen für den Jahrhunderte anhaltenden kirchlichen Antijudaismus, der auch den Boden für den rassistischen Antisemitismus der Nazis mit bereitet. Mit diesem christlichen Antijudaismus werden die Kirchen mitschuldig an den Verbrechen gegen die Juden im Holocaust.

Wir haben daher sehr verantwortlich mit den Texten des Joh umzugehen. Ein besonderes Gewicht gewinnen dabei jene Passagen, in denen die Verwurzelung Jesu im Judentum deutlich wird und bei denen die besondere Rolle des jüdischen Volkes als göttlich erwähltes Volk anklingt: „das Heil kommt von den Juden“ (4,22). Die abwertenden Formulierungen über „die Juden“ sind im historischen Kontext des frühen jüdisch-christlichen Streites zu verstehen und zu deuten.

Wir sind heute 75 Jahre nach dem Holocaust über die erstaunliche Erneuerung der Beziehungen zwischen Juden und Christen zutiefst dankbar! Diese Entwicklung ist zu pflegen und zu vertiefen. Dabei ist das unerträgliche neue Aufflammen von Judenfeindschaft und Antisemitismus in unserem Land entschieden zu bekämpfen und zu überwinden!
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10.10.2020 -- Pfarrer Friedhelm Pieper, Referent für interreligiösen Dialog, Judentum und Naher Osten, Zentrum Oekumene der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau und der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, Praunheimer Landstr. 206, 60488 Frankfurt am Main, Tel. +49 (0)69 976518-22, Mail: pieper@zentrum-oekumene.de, www.zentrum-oekumene.de

Gottesdienst am 11.10.2020 von Pfarrerin Susanne Pieper

Begrüßung
Ein herzliches Willkommen Ihnen allen, Euch allen an diesem neuen Morgen! Heute bedenken wir ganz besonders, was es auf sich hat mit dem Wort Gottes. Was immer wir aufgeben oder aufgeben müssen – Gottes Wort bleibt. Das Wort von der Liebe Gottes zur Welt, das Wort von der Liebe Gottes zu den Menschen, das Wort von der Liebe der Menschen zueinander. Öfter ist das Wort Gottes nahe bei uns – als Taufspruch, als Konfirmationswort, als Trauspruch, als Wort zum Begräbnis. Und als ein Satz, der das biblische Motto der neuen Woche ist, und der klarer nicht sein kann: „Dieses Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass er auch seine Schwester und seinen Bruder liebe.“

Wir feiern den Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Psalm 1
Glücklich ist, wer nicht dem Rat gottloser Menschen folgt, wer nicht mit Sündern auf einer Seite steht, wer nicht mit solchen Leuten zusammensitzt, die über alles Heilige herziehen, sondern wer Freude hat am Gesetz des Herrn und darüber nachdenkt – Tag und Nacht.

Er ist wie ein Baum, er nah am Wasser gepflanzt ist, der Frucht trägt Jahr für Jahr und dessen Blätter nie verwelken. Was er sich vornimmt, das gelingt.

Ganz anders ergeht es allen, denen Gott gleichgültig ist: Sie sind wie Spreu, die der Wund verweht. Vor Gottes Gericht können sie nicht bestehen.

Der Herr wacht über den weg aller Menschen, die nach seinem Wort leben. Doch wer sich verschließt, der verläuft sich im Nichts.

Gebet
Du, unser Gott, hier sind wir. Wir tragen die Erlebnisse der letzten Zeit in uns. Du weißt, welche glücklichen Momente uns bewegen. Du weißt, was uns belastet, uns ängstet und uns traurig gemacht hat. Und was uns gut getan hat in den vergangenen Tagen.

Mit all dem sind wir heute hier, in deinem Haus. Öffne unser Herz für dein Wort, damit es uns berührt, in uns leuchtet und wir danach leben.  Amen.

EG  452,1-3.5 Er weckt mich alle Morgen, er weckt mir selbst das Ohr

Schriftlesung 5. Mose 30,11-14
Ja, das Gebot, das ich dir heute auftrage, ist nicht zu schwer verständlich für dich und nicht abwegig. Es ist nicht im Himmel, sodass es heißen müsste: „Wer steigt für uns in den Himmel, holt es für uns herunter und bringt es uns nahe, damit wir uns danach richten?“ es ist nicht jenseits des Meeres, sodass es heißen müsste:“ Wer überquert das Meer, holt es für uns und bringt es uns nahe, damit wir uns danach richten?“ Nein, dieses Wort ist dir sehr nahe. Es ist in deinem Mund, in deinem Herzen und deinem Verstand, sodass du dich danach richten kannst.

Gottes Liebe, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen!

Liebe Gemeinde,
wir hören heute von der letzten großen Aufgabe, die Mose, der Anführer des Volkes Israel, zu erfüllen hat. Ein Übergangsritus, ein „rite de passage“ ist es, den er hier vollzieht. 40 Jahre lang ist Mose mit dem Volk durch die Wüste gezogen, dem gelobten Land entgegen. Sie kamen aus der Unfreiheit der Sklaverei, aber jetzt ist die Freiheit zum Greifen nah. Nur noch kurze Zeit, und sie werden das verheißene Land betreten. Doch was wird die Zukunft bringen? Wird ihr Leben dort gelingen? Das fragt sich nicht nur Mose. Er weiß, dass er das Land nicht mehr betreten wird. Zu alt ist er geworden. Sein Nachfolger, Josua, wird den Jordan zusammen mit dem Volk überqueren. Deshalb hält Mose nun seine Abschiedsrede. Sie steht im 5. Buch Mose, wie wir sagen.  Dieses Buch heißt in der jüdischen Tradition „Devarim“ – das heißt „Worte“.

Und ich halte inne. Und denke darüber nach, wie das mit Worten eigentlich ist:

Ja, Worte können viel. Sie können aufbauen und glücklich machen. Sie können das Herz erwärmen und trösten. Worte können versöhnen und heilen. Worte können im Gegenteil aber auch traurig machen. Das Herz erkalten lassen und einen stumm machen. Sie können in den Streit führen und Beziehungen zerstören.

Worte haben eine große Macht. Es ist wichtig, achtsam und gut mit ihnen umzugehen.

Mose erinnert sein Volk an die besonderen Worte Gottes. Es sind gute Worte.  Hilfreiche Worte. Vor allem die Zehn Gebote hält er ihnen vor Augen. Wenn sie sich daran halten, so wird ihr Leben gelingen, sagt er. Dann wird die Gemeinschaft mit Gott dem Volk Frieden und Zusammenhalt bringen.  Aber sind die Worte vom Berg Sinai nicht übermächtig? Sind sie nicht zu schwer? Sind sie wirklich zu bewältigen? Mose versichert seinen Leuten, dass die Anforderungen nicht zu hoch sind. Deshalb sagt er diese wunderbaren, entlastenden Worte: „Das Gebot, das ich dir heute auftrage, ist nicht zu schwer verständlich und es ist nicht abwegig. Nicht zu hoch und nicht zu fern. Nein, dieses Wort ist dir sehr nahe.  Es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, sodass du dich danach richten kannst.“  

Dass Gottes Wort nahe bei den Menschen ist, das ist etwas ganz Besonderes für das Volk Israel. Bei den anderen Völkern rundherum war das Wort der Götter weit weg. Es war Himmelswissen. Es war ein göttliches Rätsel. Und es wurde nur sehr wenigen Eingeweihten offenbart, Priestern z.B. oder Königen. Es war auch nicht öffentlich zugänglich. Es wurde in Tempeln verborgen, in Festungen oder auf besonderen Bergen. Anders aber in Israel. Der Gott Israels kommt zu seinem Volk und geht ihm voran in der Wüste. Und er lässt sich hören in seinen Worten, die von Mund zu Mund gehen und von Herz zu Herz. Seine Worte sind verständlich und nah.  Unmittelbar. Nichts, was man erst von weit herholen muss, vom Himmel oder von weit hinter dem Meer. Es ist ganz in der Nähe; und was es allein braucht, ist ein offenes Herz, in das es fallen kann und ein Gewissen, das bereit ist, zwischen Richtig und Falsch zu unterscheiden.

Liebe Gemeinde, im Vorfeld der Predigt, in meiner Vorbereitung, da habe ich mich gefragt: Wie kann ich reden von der Wirkung des Wortes Gottes? Wie kann ich sie anschaulich machen?

Ich habe mich entschlossen, Ihnen drei Bilder vor Augen zu malen.  Drei Bilder von vielen, die ich in mir trage. Das ist dann also eine sehr persönliche Predigt.  Aber das Risiko nehme ich auf mich.

Als erstes möchte ich Ihnen erzählen, wie es aussehen kann, wenn Menschen die Freude über das Wort Gottes in sich tragen:

Als ich mit einer Gruppe von 17 Theologiestudenten in Jerusalem studierte, gehörte zu unserem Jahresprogramm eine einwöchige Tour durch die Wüste Sinai.  Das ging damals noch. Eine Woche Wanderungen durch Wadis und Übernachtungen in den Oasen. Mit nur mit ganz wenig Wasser zum Waschen. Aber eine großartige Erfahrung. Nach einer Woche kamen wir schmutzig, verschwitzt mit staubigem Zeug und Wüstensand in den Haaren wieder in Jerusalem an.  Wir wollten nur noch duschen und dann schlafen. Aber unser Gruppenleiter sagte bei der Ankunft: „Heute abend ist doch Simchat Thora.  Das Fest der Freude über die Thora, die Weisung Gottes. Dass ihr euch das nicht entgehen lasst! Fahrt nach Hause, macht euch frisch und dann ab in eine der Synagogen. Das müsst ihr erleben, was da los ist!“

Wir rafften uns tatsächlich auf. Und wurden wahrhaftig nicht enttäuscht: ein übervolles Gotteshaus; Große und Kleine tanzten im Kreis herum, ihre Begeisterung und Freude war überall zu spüren.  Sie klatschten, sagen und tanzten. Und einer hielt die Thorarolle so wie ein Baby im Arm. Zärtlich, vorsichtig und voller Liebe. Ganz nah an seinem Körper. Als wollte er sie nie wieder in seinem Leben loslassen. Auch so kann man sich einfach freuen darüber, dass es Gottes Worte gibt!

Heute ist übrigens Simchat Tora.  Heute feiern die jüdischen Gemeinden überall auf der Welt ihr Thorafreudenfest.:)

Melodie: „Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht“

Ein zweites Bild trage ich in mir:

Es war im Bibelmuseum in Frankfurt. Ich stand vor einer Vitrine mit einem kostbaren Ausstellungsstück. Eine Kette war da zu sehen, ihr Anhänger bestand aus einer kupfernen Kapsel, sie war wie ein kleines geschlossenes Rohr, ungefähr vier Zentimeter lang. Sie lag da, geöffnet. Und in ihr verborgen war ein Stück Pergament, auf dem ein einziger Bibelvers aus dem NT geschrieben war. Diese Halskette stammte aus dem 2. Jahrhundert nach Christus.  Und sie war im Sand der Wüste Negev gefunden worden. Was auf dem Stück Pergament stand, das weiß ich nicht mehr. Aber ich erinnere mich daran, dass ich mich, vor dieser Vitrine stehend, fragte: Welcher Mensch hat wohl diese Halskette einst getragen? War es ein Mann oder eine Frau? Welche Geschichte hatte er? Wohin war er auf dem Weg? Und was ist aus ihm geworden? Und wenn ich damals als Christin gelebt hätte, welchen Bibelvers hätte ich bei mir getragen, welchen hätte ich ausgewählt, dass er mich tröstet, mich stärkt, mich an Gott erinnert und mir ein Licht ist auf meinem Weg? Wäre es das Wort Jesu aus dem Johannesevangelium: „Ich bin das Licht der Welt.  Und wer mir nachfolgt, der wird nicht im Finstern gehen, sondern wird das Licht des Lebens haben“?  Oder wäre es Psalm 27,1: „Der Herr ist mein Licht und mein Heil. Vor wem sollte ich mich fürchten?“ Oder wäre es das wunderbare Wort des Auferstandenen: „Ich lebe und ihr sollt auch leben“? Welches biblische Wort hätten Sie, liebe Gemeinde, in einer kupfernen Kapsel getragen, wenn Sie im 2. Jahrhundert gelebt hätten? Welches Wort trägt Sie durch die blühenden Landschaften ebenso wie durch die Wüsten des Lebens?

Melodie: „Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht“

„Dieses Wort ist dir sehr nahe. Es ist in deinem Mund und in deinem Herzen.“

Ein drittes Bild trage ich in mir:

Es war im Krankenhaus. Ich lag auf einem dieser Klinikbetten und war auf dem Weg in den OP. Ich war aufgeregt, auch ein wenig ängstlich. Nur schemenhaft sah ich die Schwestern und Pfleger um mich herum. Würde alles gutgehen? Würden die Ärzte ihre Arbeit gut machen? Da fiel mir ein Wort aus den Psalmen ein. Zuerst sagte ich es nur im Kopf für mich hin, dann traute ich mich auch, es halblaut vor mir herzusagen: „Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück. Denn du bist bei mir.“ Immer wieder sagte ich das, bis ich endlich ruhiger wurde. Was die anderen dachten, war mir in dem Moment völlig egal.

„Dieses Wort ist dir sehr nahe. Es ist in deinem Mund und in deinem Herzen.“ Manchmal ist ein Wort der Schrift mehr wert als der kostbarste Edelstein, mehr als der größte Barren Gold. Gottes Kraft ist dann in ihm zu spüren. Und es ist gut, es wie ein Mantra immer wieder vor sich her zu sagen. Trauen wir uns, biblische Worte auswendig zu lernen. Machen wir uns diese köstliche Mühe. Gott allein weiß, wofür es uns noch einmal von Nutzen sein kann. Wie gut, dass wir sie haben.

Und Gottes Friede, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

EG + 127,1-4 Schenk uns Weisheit, schenk uns Mut

Fürbitten
Barmherziger, ewiger Gott, Du gibst uns Dein Wort. Wir sind frei, es anzunehmen und in unserem Herzen zu tragen. Deine Worte geben unserer Seele Tiefgang. Sie erfüllen unser Leben mit Sinn. Danke für den großen Schatz Deiner Worte. Sie sind uns Richtschnur und Leitstern. Hilfe in Entscheidungen. Mahnung in Gleichgültigkeit. Stärkung in Not. Quelle von Glück und Freude.

Danke, dass unser Glaube wachsen kann. Du machst uns Mut, neue Erfahrungen mit Dir zu wagen: lass uns Schuld vergeben, wo es nötig ist. Lass uns auf neue Anfänge vertrauen.

Gib uns Mut, in Deinem Namen aufzustehen gegen Hass und Gewalt. Hilf uns, ausgleichend zu wirken. Lass Dein Wort in unseren Kirchen mächtig sein, damit sie Orte der Geborgenheit und Zuflucht sind.

Vaterunser

Segen
Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.  Amen

Erntedank-Gottesdienst mit Video am 4.10.2020 von Pfarrerin Meike Naumann

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar: https://youtu.be/lcPekSDj5gU

Musik zum Eingang

Begrüßung mit Votum

Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn! Am Erntedankfest ist die Kirche festlich geschmückt mit Obst und Gemüse, mit Kornähren und Sonnenblumen. Traditionell steht der Dank für die Ernte im Mittelpunkt – und dazu Dank für alles, was gelungen ist. Das Erntedankfest erinnert daran: Was wirklich wichtig ist im Leben, können wir nur empfangen.

"Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit." | Ps 145,15

Psalm 104 EG 743

Gebet
Gott,
hier bin ich.
Mit allem, was mein Leben ausmacht.
Hilf mir, das Gute in meinem Leben zu erkennen und dir dafür zu danken.
Mach mich frei von dem, was mir nicht gut tut.
Zeige mir, wie ich zu einem guten Leben für alle beitragen kann.
Stärke mich mit Mut und Kreativität für diesen Weg.

Schriftlesung 5. Mose 8,7-18

Denn der HERR, dein Gott, führt dich in ein gutes Land, ein Land, darin Bäche und Quellen sind und Wasser in der Tiefe, die aus den Bergen und in den Auen fließen, 8ein Land, darin Weizen, Gerste, Weinstöcke, Feigenbäume und Granatäpfel wachsen, ein Land, darin es Ölbäume und Honig gibt, ein Land, wo du Brot genug zu essen hast, wo dir nichts mangelt, ein Land, in dessen Steinen Eisen ist, wo du Kupfererz aus den Bergen haust. Und wenn du gegessen hast und satt bist, sollst du den HERRN, deinen Gott, loben für das gute Land, das er dir gegeben hat.So hüte dich nun davor, den HERRN, deinen Gott, zu vergessen, sodass du seine Gebote und seine Gesetze und Rechte, die ich dir heute gebiete, nicht hältst. Wenn du nun gegessen hast und satt bist und schöne Häuser erbaust und darin wohnst und deine Rinder und Schafe und Silber und Gold und alles, was du hast, sich mehrt, dann hüte dich, dass dein Herz sich nicht überhebt und du den HERRN, deinen Gott, vergisst, der dich aus Ägyptenland geführt hat, aus der Knechtschaft, und dich geleitet hat durch die große und furchtbare Wüste, wo feurige Schlangen und Skorpione und lauter Dürre und kein Wasser war, und ließ dir Wasser aus dem harten Felsen hervorgehen und speiste dich mit Manna in der Wüste, von dem deine Väter nichts gewusst haben, auf dass er dich demütigte und versuchte, damit er dir hernach wohltäte. Du könntest sonst sagen in deinem Herzen: Meine Kräfte und meiner Hände Stärke haben mir diesen Reichtum gewonnen. Sondern gedenke an den HERRN, deinen Gott; denn er ist’s, der dir Kräfte gibt, Reichtum zu gewinnen, auf dass er hielte seinen Bund, den er deinen Vätern geschworen hat, so wie es heute ist.

Glaubensbekenntnis

Musik

Predigt

Ein buntes Erntebild breitet sich vor uns im Altarraum aus. Die Ernte war gut. Die Natur hat wahrhaft großzügig ihre Schätze freigegeben, damit wir davon leben können. Die Landwirte sind froh und dankbar – die Mühe und Arbeit des vergangenen Jahres hat sich gelohnt und reiche Frucht getragen. Der wenige Regen der kam, kam hier genau zur richtigen Zeit und in der richtigen Menge.

Und auch wir dürfen dankbar sein – dafür, dass es immer noch Menschen gibt, die die Felder bestellen. Trotz der modernen Maschinen ist das nach wie vor harte Arbeit, nicht nur dem Wetter unterworfen, sondern auch wirtschaftlichen Zwängen, die oft genug Krisen produzieren. Schweinepest, Gammelfleisch, Das sind nur einige Stichworte zu immer wiederkehrenden Skandalen, die die Preise purzeln lassen und manchen Landwirt an den Rand seiner Existenz bringen.

Aber die Arbeit und Mühe der Landwirte macht es nicht allein. Wir pflügen und wir streuen zwar den Samen auf das Land. Aber Wachsen und Gedeihen liegt in Gottes Hand, wie wir eben gesungen haben. Dass alles wächst, das können wir nur bedingt machen. Eine reiche Ernte, sie ist auch immer ein Gottesgeschenk.

So wollen wir auch Gott danken, dass wir in diesem Winter genug haben. Viele von uns werden manches aus dem eigenen Garten, vom eigenen Feld in ihren Kellern und Scheunen gelagert haben und den Winter über zufrieden davon zehren können. Das ist Anlass genug zu Freude und Dank.

Zufrieden schauen wir auf die Ernte. Wir wissen, die Arbeit war nicht umsonst. Wir fühlen uns beschenkt. Auf der anderen Seite wissen wir ganz genau, dass wir in unserem Land selbst dann keine Sorge haben müssten, wenn die Ernte diesmal nicht ganz so gut ausgefallen wäre. Ja, selbst wenn ein ganzer Teil davon durch ein Unwetter vernichtet worden wäre, müssten wir keine Not leiden. Unser Mehl zum Brotbacken, unser Gemüse, unser Obst bekämen wir dann nur in verstärkterem Maße, als es sowieso geschieht, von anderen – aus Ländern, in denen die Ernte besser war: aus Italien, aus Israel, aus holländischen Gewächshäusern, vielleicht aus Russland und Amerika. Manches würde teurer sein, aber das könnten wir verkraften. Nein, wir müssen anders als die Menschen früher keine Angst haben, Not zu leiden. Wir haben genug.
 
Genug? Wenn wir ehrlich sind, müssten wir sagen, wir haben nicht nur genug, wir haben mehr als genug zu essen – so viel, dass immer wieder Lebensmittel in der Mülltonne landen. Wir haben mehr als genug zum Anziehen. Manche macht jede Mode mit und dafür wandert anderes kaum getragen in den Kleidersack. Wir haben genug Möbel, genug Autos, genug Spielsachen, genug von allem. Wir haben nicht nur genug, wir haben zu viel. Und wir registrieren es oft nicht einmal. Wir haben uns daran gewöhnt. Ja, es ist uns zur Selbstverständlichkeit geworden.

Diese Gewöhnung, diese Selbstverständlichkeit aber hat eine gefährliche Dynamik. Es scheint mir fast wie ein Naturgesetz zu sein, dass wer etwas hat, immer mehr haben will. Wir Menschen sind selten zufrieden, wenn wir genug haben. Wir streben danach, noch mehr zu erlangen, zu besitzen. Dieser Drang, den eigenen Besitz über das Maß hinaus zu vermehren, scheint tief in uns zu stecken. Ich kenne kaum einen Menschen, der dieser Versuchung nicht immer wieder erliegt – ich eingeschlossen. Eine gefährliche Versuchung. Wenn wir ihr erliegen, dann passiert es, dass wir maßlos werden, dass wir nur uns sehen. Dann kommen wir schnell an den Punkt, wo wir unseren Besitz um jeden Preis vermehren wollen, auch dadurch, dass wir anderen etwas vorenthalten oder wegnehmen. Denn die Ressourcen unserer Erde sind begrenzt. Das wissen wir alle. Wir haben nicht endlos Nahrung und Rohstoffe zur Verfügung. Und wenn einer immer mehr braucht, bekommt eine andere weniger davon. Viel Ungerechtigkeit in der Welt geschieht, weil mancher Konzern auch in unserem Land seine Gewinne mit solcher Ausbeutung erwirtschaftet.

„Was hat das mit dem Erntedankfest zu tun?“ mag nun mancher fragen. Muss uns das heute interessieren? Dürfen wir uns heute nicht einmal unbeschwert darüber freuen, dass die Ernte gut war? Müssen wir uns gleich wieder anhören: „Ihr habt gut lachen, aber anderswo fehlt es an vielem“, und schuldbewusst den Kopf einziehen?

Darum geht es nicht! Natürlich sollen wir uns freuen und dankbar sein und feiern. Wir sollen nicht schuldbewusst den Kopf einziehen. Aber wir sollen unsere Freude nicht für uns behalten, sondern sie mit anderen teilen.

Unsere Freude kann gar nicht groß genug sein. Sie soll so groß sein, dass wir gar nicht anders können, als alle Welt daran teilhaben lassen zu wollen. Weil wir so viel geschenkt bekommen haben, deshalb sollen wir mit vollen Händen voll Dankbarkeit weiterschenken. Wo wir das tun, da werden wir ein Wunder erleben.

So wie in der Erzählung des heutigen Predigttextes, die in der Bibel steht, weil sie vom Wunder des Teilens erzählt, an das die Jünger und Jüngerinnen nicht glaubten, das ihnen Jesus aber eindringlich vor Augen führt.

Verlesen des Predigttextes
Als sich in jenen Tagen wiederum viel Volk eingefunden hatte und sie nichts zu essen hatten, rief er die Jüngerinnen und Jünger zu sich und sagte ihnen: „Ich werde durch das Volk angerührt, denn sie bleiben schon seit drei Tagen bei mir und haben nichts zu essen. Wenn ich sie ohne Essen nach Hause gehen lasse, werden sie unterwegs entkräftet zusammenbrechen; einige von ihnen sind von weit her gekommen.“ Da antworteten ihm seine Jüngerinnen und Jünger: „Wie könnte hier in der Einöde irgendeine Person diese große Menschenmenge mit Broten sättigen?“ Er fragte sie: „Wie viele Brote habt ihr bei euch?“ Sie sagten: „Sieben“. Da gebot er dem Volk, sich wie zum Essen auf die Erde niederzulegen. Und er nahm die sieben Brote, sprach den Brotsegen, brach sie und gab sie seinen Jüngerinnen und Jüngern, damit sie die Speise austeilten. Sie teilten sie an das Volk aus. Außerdem hatten sie einige kleine Fische. Er sprach das Segensgebet und gebot, auch diese auszuteilen. Und sie aßen und wurden satt. Sie hoben auf, was an Resten übrig blieb: sieben Körbe. Sie waren aber ungefähr 4.000 Menschen. Und er schickte sie fort.
(Markusevangelium 8,1-9 BIGS 2011)

Eine große Menge Menschen ist Jesus gefolgt. Seit drei Tagen sind sie mit ihm unterwegs. Nun haben sie Hunger. Jesus möchte, dass die Jüngerinnen und Jünger ihnen etwas zu essen geben. Aber die sind ratlos: Es sind so viele! Wie sollen wir die alle satt bekommen? Resignation und Mutlosigkeit klingen aus diesen Worten. Die Freundinnen und Freunde Jesu sind völlig überfordert.

Ich kann das gut nachvollziehen. Wenn ich höre, wie vielen Menschen auf der Welt das Nötigste zum Leben fehlt, dann denke ich auch schnell: Was soll ich tun? Auch wenn ich noch so viel spende, es wird nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein.

Aber: Viele Tropfen ergeben ein Meer. „Fangt doch erst mal an!“, sagt Jesus. „Wie viele Brote habt ihr bei euch?“ (Mk 8,5 BIGS 2011) Sieben sind es und dazu einige kleine Fische. Jesus lädt die Menschen ein, sich niederzusetzen. Er dankt Gott und dann fordert er auf, auszuteilen. Und siehe, alle wurden satt. Am Ende blieben noch sieben Körbe über.

Das hatten sie niemals erwartet, dass es für alle reichen würde. Deshalb hatten sie gar nicht erst mit dem Teilen beginnen wollen. Jesus aber macht ihnen deutlich: „Fangt doch erst einmal an! Es reicht weiter als ihr denkt. Nur wenn ihr beginnt, könnt ihr das Wunder des Teilens erleben!“

Wir alle kennen das Sprichwort: Geteilte Freude ist doppelte Freude. Aber nicht nur Freude können wir teilen. Auch ein Stück Brot, auch eine Tafel Schokolade, eine Stunde Zeit.
Teilen kann auch bedeuten: Weggeben, was ich selber nicht mehr brauche. Das Kleid, das schon seit Jahren ungetragen im Schrank hängt; das Buch, das im Regal verstaubt; ein altes Spielzeug. Jemand anders wird sich darüber freuen.

Teilen können wir natürlich auch unser Geld. Indem wir spenden oder indem wir Produkte mit einem Siegel für fairen Handel kaufen. Es gibt Kaffee, Tee, Saft und Obst, für die die produzierenden Bauern dann soviel Geld bekommen, dass sie davon auch leben können. Den wenigsten von uns tut es weh, zwei bis drei Euro mehr für das Pfund Kaffee zu bezahlen. Für eine Familie in Guatemala aber bedeutet es menschenwürdig zu leben.

Wo wir so teilen, wird unser Brot nicht mehr Brot wie in der Erzählung vom Speisungswunder. Das können wir nicht tun. Wo wir ein Brot teilen, da bleibt es ein Brot. Wo wir es aber nicht für uns behalten, da ist am Ende trotzdem mehr: mehr Freude, vielleicht mehr Freunde. Nicht nur eine, sondern drei oder vier oder fünf sind satt geworden und haben Gemeinschaft gehabt.

Wo wir so teilen, da wachsen Freude, Menschlichkeit und Gerechtigkeit. In einer Welt, wo einer so für den anderen sorgt, hat Hass keinen Platz. Gerade angesichts der erneuten Aufrüstung und der Kriegstreiberei haben viele Menschen Sehnsucht nach einer Welt, wo alle leben können.

Die Erzählung von der Speisung der Vielen will uns ermutigen, dem Wunder des Teilens nachzuspüren. Brot und Fisch stehen für alles, was lebensnotwendig ist. Menschen, die es wagen, die mit anderen teilen, die bekommen ein neues Verhältnis zu ihrem Besitz. Denn der Besitz wird dann nicht nur weniger werden, sondern auch weniger wichtig. Aber die Zuneigung zu unseren Mitmenschen und die Erfahrung von Gerechtigkeit wachsen.

Jede und jeder kann teilen – im Kleinen und im Großen.

Erntedank soll uns dazu befreien – unsere Freude soll weiterwirken, nicht nur heute, sondern jeden Tag. Damit irgendwann einmal alle genug haben und als Schwestern und Brüder beieinander leben.
Amen.

Musik

Fürbitten
Gott, du ermutigst uns immer wieder,
deinem Wort zu vertrauen und deine Liebe in diese Welt zu tragen.

Wir bitten dich,
leite unsere Füße auf den Weg des Friedens!
Führe unsere Hände, dass sie erhalten und aufbauen,
was dem Mitmenschen und der Schöpfung dient!
Öffne unseren Mund für Worte, die trösten und stärken!

Lehre uns Geduld mit uns und anderen
und stärke das Vertrauen in unsere Fähigkeiten und Gaben!
Lass uns nicht verzagen,
wenn unsere Bemühungen ins Leere laufen!
Schenke uns die Kraft,
immer neu dafür einzutreten,
dass dein Reich auf dieser Erde wachse!

Wo wir an Grenzen geraten,
da hilf uns am Gebet festzuhalten!
Dein Wort verbindet über Grenzen
hinweg und schlägt Brücken
zu Menschen in der ganzen Welt.

Befreie uns zum Teilen,
mach uns bereit, loszulassen und abzugeben,
damit nicht nur wenige viel, sondern alle genug haben,
dass Gerechtigkeit auf der Erde wachse
und alle Menschen leben können!

Gemeinsam beten wir: Vater unser

Abkündigungen

Segen

Gottesdienst am 27.09.2020 von Pfarrerin Meike Naumann

Musik zum Eingang

Begrüßung mit Votum

"Christus Jesus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium." | 2. Tim 1,10b

Wir mögen hier und jetzt den Tod erleiden – durch Christus verliert der Tod seine Macht. Das geschah schon zu Jesu Lebzeiten, als er Menschen dem Tod abrang. Durch Jesu Sterben und Auferstehen ist der Tod endgültig besiegt. Was die Psalmen besangen wird in Jesus für Christen Wirklichkeit: „Du wirst meine Seele nicht dem Tode lassen!“ Aus dieser Hoffnung erwächst ein „Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“, der alle Furcht vertreiben will. Gottes Güte ist mächtiger als der Tod – sich daran zu halten und darauf zu vertrauen, dazu ermutigt dieser Sonntag.

Psalm
Der Sieg Gottes
Ein Psalmlied Davids, vorzusingen.
Die Gerechten aber freuen sich /
und sind fröhlich vor Gott
und freuen sich von Herzen.
Singet Gott, lobsinget seinem Namen! /
Macht Bahn dem, der auf den Wolken einherfährt;
er heißt HERR. Freuet euch vor ihm!
Ein Vater der Waisen und ein Helfer der Witwen
ist Gott in seiner heiligen Wohnung,
ein Gott, der die Einsamen nach Hause bringt, /
der die Gefangenen herausführt, dass es ihnen wohlgehe;
Gelobt sei der Herr täglich.
Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch.
Wir haben einen Gott, der da hilft,
und den HERRN, einen Herrn, der vom Tode errettet.

Gebet
Heute Morgen sind wir da, Gott.
Wir suchen deine Nähe.
Gegen alle Einsamkeiten unseres Lebens lass uns wissen:
Du bist um uns und in uns wie die Luft zum Atmen.
Du kannst uns trösten und unsere Leiden heilen.
Du willst unser Leben teilen.
Bleibe bei und. Heute und alle Zeit. Amen.

Schriftlesung
Die Auferweckung des Lazarus
Es lag aber einer krank, Lazarus aus Betanien, dem Dorf Marias und ihrer Schwester Marta. Da sandten die Schwestern zu Jesus und ließen ihm sagen: Herr, siehe, der, den du lieb hast, liegt krank. Da kam Jesus und fand Lazarus schon vier Tage im Grabe liegen. Betanien aber war nahe bei Jerusalem, etwa fünfzehn Stadien entfernt. Viele Juden aber waren zu Marta und Maria gekommen, sie zu trösten wegen ihres Bruders. Als Marta nun hörte, dass Jesus kommt, ging sie ihm entgegen; Maria aber blieb im Haus sitzen. Da sprach Marta zu Jesus: Herr, wärst du hier gewesen, mein Bruder wäre nicht gestorben. Aber auch jetzt weiß ich: Was du bittest von Gott, das wird dir Gott geben. Jesus spricht zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen. Marta spricht zu ihm: Ich weiß, dass er auferstehen wird bei der
Auferstehung am Jüngsten Tage. Jesus spricht zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe; und wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben. Glaubst du das? Sie spricht zu ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommt.

Glaubensbekenntnis

Musik

Predigt

Gott gebe uns ein Wort für unser Herz und ein Herz für Gottes Wort.

Liebe Gemeinde!
I
„Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit!“ (2.Tim. 1,7 LUTHER 2017)
Zwei Frauen möchte ich Ihnen vorstellen. Zwei Frauen, deren Mut, Kraft und Liebe mich beeindrucken. Es kann gut sein, dass Sie eine oder vielleicht beide Frauen kennen.

Irma Duce war eine brasilianische Ordensschwester. Schon ganz jung trat sie in ihren Orden ein. Ihr Augenmerk galt denen, die von den anderen nicht gesehen wurden. Sie kümmerte sich um Obdachlose, brach leerstehende Häuser auf, um für sie ein Dach über dem Kopf zu finden. Im Hühnerstall ihres Klosters begann sie mit der Betreuung von Kranken. Daraus entstand ein kleines Krankenhaus, das wuchs und bald über 1000 Betten hatte. Mit 78 Jahren starb sie an einer schweren Lungenkrankheit. Sie hat sich um die Ärmsten gekümmert, um die, die durchs Raster fielen. Hat dafür gesorgt, dass sie gesehen wurden und dass andere ihnen gerecht werden, dass sich um sie gekümmert wird.

Cato Bontjes van Beek kam aus Fischerhude. Sie war die Nichte des Künstlers Otto Modersohn. Mit 23 Jahre wurde sie in Berlin Plötzensee hingerichtet. Schon früh erkennt sie das Leid und das Unrecht, dass die nationalsozialistische Ideologie hervorbringt. Sie engagiert sich im Widerstand, druckt Flugblätter und Schriften, die zum Kampf und zum Widerstand gegen die Nationalsozialisten aufrufen. Mit ihrem Vater wird sie verhaftet und ermordet.

In solchen Menschengeschichten entdecke ich Gottes Geist. Davon bin ich immer wieder fasziniert. Wie Frauen und Männer eine innere Richtschnur haben, die sie begleitet. Nicht ohne Umwege. Nicht ohne innere Kämpfe. Aber so, dass sie eine Fährte legen, auf die ich aufmerksam werde.

Gottes Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit – und vor allem nicht der Furcht!

Irma Duce sah, wo Not war, sah mit mitleidenden liebevollen Augen und wurde aktiv. Lies sich nicht einschüchtern von Gesetzen und Umständen, die ihr den Weg versperrten.
Cato Bontjes van Beek mochte nicht tatenlos zusehen, wie sich der Geist der Furcht ausbreitete, wie Menschen Würde und Leben genommen wurde. Sie vertraute auf Gottes Liebe zu allen Menschen und wollte nicht Ausgrenzung, Mord und Hass Raum geben. Selbst auf die Gefahr hin, selber ihr Leben zu verlieren, wurde sie aktiv.

Es sind Lebensgeschichten wie die dieser beiden Frauen, die mich darüber nachdenken lassen, wie ich diesen Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit und nicht der Furcht spüre und lebe.

Ich bin keine Heldin. Mein Leben aufs Spiel setzen?
Gott sei Dank leben wir im Moment in Zeiten, wo die Notwendigkeit dafür nicht gegeben ist. Aber den Geist der Furcht, den spüre ich trotzdem. Die Stimmung in unserer Gesellschaft ist angespannt, verändert sich.

Ich spüre den Geist der Furcht, wenn ich mich dabei ertappe, wie ich mich in schwierigen Situationen winde, um niemandem weh zu tun – auch aus Sorge, selber Schaden zu nehmen.

Wenn ich anderen begegne, die Sorge um das, haben, was sie sich aufgebaut haben. „Jetzt kommen so viele Fremde, das schaffen wir doch gar nicht!“
Wenn ich bei Facebook manche Auseinandersetzung verfolge und sehe, mit welcher Wortgewalt dort ausgeteilt und über andere geurteilt wird.

Wenn ich Schlagzeilen lese wie „Erschreckend, wie viele nicht mehr ihre Meinung sagen!“, mit denen suggeriert wird, dass die Meinungsfreiheit bei uns in Gefahr sei.

Da ist er, der Geist der Furcht, von dem die Bibel sagt: der ist nicht von Gott!

II
„Wie willst du das denn wissen?“ – Ich höre sie genau, diese Frage. Manche stellen sie laut. Sie finden, dass Gott zu viel von den falschen Leuten unterstellt wird. Sie sagen: „Vielleicht ist Gott ja genau in dieser Furcht spürbar? Vielleicht ist die Furcht ein Zeichen dafür, das was nicht stimmt!“

Furcht, das sehe ich auch so, ist ein Zeichen dafür, dass etwas nicht in Ordnung ist. Furcht macht klein und eng, verschließt mir den Blick für das, was mich umgibt.

Damit ist dann für mich aber auch klar, dass dieser Geist nicht von Gott kommt.

Denn die Bibel erzählt davon, wie Gottes Handeln Horizonte weit gemacht und Leben verwandelt hat.

Wie Menschen, die in sich ganz verkrümmt waren, auf einmal aufsahen und aufrecht gehen lernten.

Wie sie das, was sie im alten Leben festhielt, loslassen und sich neu entdecken konnten.

Wie ihnen gemeinsam mit anderen neue Wege eröffnet wurden, die sie sich selber nie hätten vorstellen können.

Mit Gottes Geist wird das Leben nicht klein und eng, sondern weit und offen. Dabei verschwindet die Furcht nicht – es gibt ja auch genug, vor dem wir uns fürchten könnten – am allermeisten wohl vor dem, zu dem wir Menschen untereinander fähig sind.
Aber der Furcht wird etwas entgegengesetzt, etwas, das anders, das stärker ist als sie.

Irma Duce wollte vor dem Leid um sie herum nicht die Augen verschließen. Sie vertraute Gott, der Kraft des Lebens, die keinen Menschen verloren gab
Cato Bontjes van Beeck wollte nicht tatenlos zusehen, als Menschen für wertlos erklärt wurden: „Ich will nicht nur reden, ich will etwas tun!“ Sie entdeckte in ihrem Glauben eine Quelle, die sie stärkte.

Beide vertrauten auf Gottes Liebe, die allen Menschen galt – egal wer sie waren und woher sie kamen.

III
Der Furcht etwas entgegensetzen, etwas, das stärker ist als sie.
Etwas, das ich nicht selber mache, sondern das in mir wächst und wirkt.
Etwas, das ich nicht selber mache, aber das meine Aufmerksamkeit braucht: der Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Und der ganz konkret wirken kann.

Wenn ich mich nicht in die Enge treiben lasse von Aussagen wie: „Hier darf ja keine mehr ihre Meinung sagen!“, sondern besonnen nachfrage: „Natürlich gibt es Meinungsfreiheit. Geht es dir vielleicht eher darum, dass du die Zustimmung für deine Meinung vermisst?“

Wenn ich die Kraft sammle, um Dinge anzusprechen, die mir schwerfallen, aber notwendig sind und mir und andere weiter helfen.

Wenn ich mich daran erinnere, dass ich daran glaube, dass ich von Gott geliebt bin, genau wie der Mann, wie die Frau, die ihre Heimat verlassen haben und hier Fuß fassen wollen, und diese Erinnerung stärker ist als die Sorge, etwas abgeben zu müssen.
Wenn ich mit vielen anderen an einer Kundgebung gegen Hass, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit teilnehme und so ein sichtbares Zeichen setze.

IV
Kraft, Liebe und Besonnenheit – Gottes Geist ist wie ein wunderbarer kluger Dreiklang.

Kraft allein wird schnell Kraftmeierei. Die Liebe führt häufig zum Überschwang und die Besonnenheit zur Behäbigkeit.

Alle drei zusammen aber geben sich gegenseitig Raum und Stütze.

In diesen wunderbaren Dreiklang stellt Gott mich und hofft, dass ich diesem Dreiklang in mir Platz schaffe und nicht weghöre, wenn die Furcht zu laut wird.

Menschen wie Irma Duce und Cato Bontjes van Beeck und all die anderen, die mir Spuren zeigen von Gottes Geist begleiten mich dabei, erinnern mich daran, dass der Geist der Furcht nicht der Geist Gottes ist, sondern der Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.
Amen.

Musik

Fürbitten
Himmlischer Vater,
du hast uns unser Leben geschenkt
und damit viele Möglichkeiten vor uns ausgebreitet.
Dafür danken wir dir.

Wir bitten dich für die Völker und Nationen
in den Krisengebieten dieser Welt,
die unter Krieg und Terror leiden,
dass endlich Friede einkehre.

Wir bitten dich für die Trauernden
in der Nähe und in der Ferne, die darunter leiden,
dass du der Lebenszeit Grenzen gesetzt hast,
dass du sie tröstest mit deiner grenzenlosen Liebe.

Wir bitten dich für die Männer und Frauen,
die durch eine Krankheit eingeschränkt sind,
die nicht sehen, sprechen oder hören können,
dass sie sich trotz ihrer Begrenzung entfalten.

Wir bitten dich für die Menschen,
die verbittert sind über die Begrenztheit des Lebens,
die sich in jeder Krankheit und jedem Leid und in jedem Sterben
erneut zeigt,
dass sie nicht bitter bleiben, sondern auf dich hoffen.

Wir bitten dich für diejenigen unter uns,
die mehr auf die Grenzen schauen,
die du ihnen gesetzt hast, als auf die Freiheit,
zu der du uns berufst,
dass du ihre Augen auftust
für die Möglichkeiten, die vor ihnen liegen.

Wir bitten für uns alle um die Gelassenheit,
Grenzen hinzunehmen, die wir nicht ändern können.
Wir bitten dich aber um den Mut,
gegen Grenzen zu rebellieren,
wo wir sie verändern und überwinden können.
Und wir bitten um die Weisheit,
zwischen diesen Grenzen und jenen zu unterscheiden.
Amen.

Vater Unser

Abkündigungen

Segen

Musik zum Ausgang

Gottesdienst am 20.09.2020 von Pfarrerin Susanne Pieper

Ich begrüße Sie und euch alle herzlich zu diesem Gottesdienst. Der Sommer neigt sich seinem Ende zu. Übermorgen beginnt der Herbst. Schon länger spüren wir ja, dass die Tage kürzer werden. Nun ist es gut, die Bilder und die Kraft der Sonne in uns zu speichern für die Herbsttage, die kommen.

Heute werden wir mit den Liedern und den Texten daran erinnert, dass wir nicht aus uns selbst leben, sondern aus Gottes guter Hand. Er ist für uns da. Er lässt sich ansprechen. Daran erinnern uns die Worte des Wochenspruchs aus dem 1. Petrusbrief Kap. 5: „Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch.“

Wir feiern den Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Psalm 104 i.A.

Lobe den Herrn, meine Seele! Mein Gott, du bist so groß!
Du bist schön und prächtig geschmückt. Licht ist dein Kleid, das du anhast.
Du breitest den Himmel aus wie einen Teppich.
Du lässt Gras wachsen für das Vieh und Saat zum Nutzen der Menschen,
um Brot aus der Erde hervorzubringen.
Du bringst Wein hervor, der das menschliche Herz erfreut,
Öl, damit das Angesicht schön werde
Und Brot, das das Herz des Menschen stärkt.
Wie groß und wie zahlreich sind deine Werke, Herr!
Du hast sie alle weise geordnet.
Ich will dem Herrn singen mein Leben lang
und meinen Gott loben, solange ich da bin.

Gebet

Du, mein Gott, ich bitte dich heute: komm zu mir und rühre mich an. Hilf mir, mit Körper, Geist und Seele jetzt ganz hier zu sein. Mich einzulassen auf diesen Gottesdienst. Inmitten deiner Gemeinde.
Schenke mir neue Gedanken, die mein Leben bereichern, die ich auch mitnehmen kann in meinen Alltag morgen.
Dies bitte ich dich im Namen Jesu Christi. Amen.

Lied EG 302,1-3 Du, meine Seele, singe

Schriftlesung 1. Mose 2,4-9.15
Es war zu der Zeit, als Gott die Erde und den Himmel erschuf. Und alle Sträucher auf dem Feld waren noch nicht auf der Erde, und all das Kraut auf dem Feld war noch nicht gewachsen. Denn Gott der Herr hatte es noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute. Aber ein Nebel stieg von der Erde auf und befeuchtete alles Land. Da machte Gott der Herr den Menschen aus Erde von Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so wurde der Mensch ein lebendiges Wesen. Und Gott der Herr pflanzte einen Garten in Eden gen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er geschaffen hatte. Und Gott der Herr ließ aus der Erde allerlei Bäume aufwachsen, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten in den Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Und Gott nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, damit er ihn bebaute und behütete.

Ansprache

Gottes Liebe, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Liebe Gemeinde,

es war im Sommer, in Finnland. Mit 70 anderen Jugendlichen war ich auf eine Freizeit gefahren, die unsere Kirchengemeinde angeboten hatte. Wir unterhielten uns über alles damals, auch darüber, was es bedeutete, mit der Bibel zu leben, als Christ in unserer Welt unterwegs zu sein. Unser Pastor war damals auch dabei, und wir waren stolz darauf, dass wir ihn alle duzen durften. Irgendwann in den tagen nahm ich mir ein Herz und fragte ihn: „Hans – Peter, hast du mal einen Moment Zeit? Ich habe da eine Frage.“ er hatte Zeit. Und so setzten wir uns an das Ufer jenes schönen finnischen Sees, und ich konnte mein Problem zur Sprache bringen: „Wie soll ich das zusammenbringen – den Schöpfungsbericht der Bibel und das, was ich im Biologieunterricht lerne: die Evolutionstheorie, die davon ausgeht, dass die Welt in Jahrmillionen entstanden ist und nicht in sieben Tagen? Entweder stimmt doch das eine oder das andere. Beides zugleich geht nicht. Und wenn das so weitergeht, werde ich noch die ganze Bibel über Bord werfen.“ Große Fragen einer 16Jährigen, an denen Vieles für sie hing. Mein Pastor überlegte. Dann sagte er: „Susanne, nimm die Bibel nicht wie ein biologisches Lehrbuch, nimm sie nicht wie ein geologisches Fachbuch. Das will sie nicht sein. Sie will etwas Anderes sagen; sie will sagen, dass Gott hinter allem steht, was wir sehen. Es ist sein Wille, dass es diese Erde gibt, dieses Universum und uns Menschen. Er ist der Schöpfer, und es liegt ein Sinn darin, dass es dich gibt und mich und jeden Menschen. Darauf kommt es an. Denk anders. Denk weiter. Denk größer!“

Mit diesen Worten und mit diesem Gespräch hat Hans-Peter Hellmanzik, mein Pastor, der mich konfirmiert und uns später getraut hat, entscheidend dazu beigetragen, dass ich hier heute stehe, dass ich mich für das Studium der Theologie entschieden habe. Er hat mich gelehrt, die Bibel anders zu sehen als nur im fundamentalistischen Sinne. Dafür bin ich ihm überaus dankbar.

„Es war zu der Zeit, als Gott die Erde und den Himmel erschuf.“ Gott wollte, dass es das alles hier gibt.

Die zweite Schöpfungserzählung am Anfang der Bibel beschreibt die Entstehung des Paradieses. Es ist eine Erzählung. Niemand war dabei. Gott pflanzt diesen wunderbaren Garten Eden, in dem noch alles gut war. Er lässt allerlei Bäume wachsen, verlockend und anziehend anzusehen. Mit Früchten zum Essen. In diesem Garten gibt es später auch Wasser die Fülle, das den Garten bewässert. Dann erschafft Gott aus Erde den Menschen und setzt ihn in den Garten, damit er ihn bearbeitet und beschützt. Auch die Tiere werden aus Erde geschaffen. Und als es kühl wird am Abend, spaziert Gott selbst durch den Garten. Was für ein schönes Bild!

Ein Garten, liebe Gemeinde, ist ein traumhafter Ort. Kein Wunder, dass fast jeder Mensch sich ein Häuschen mit Garten wünscht. Für viele Menschen in unserer Stadt ist ihr Garten, egal ob direkt am Haus gelegen oder als Schrebergarten ein bisschen weiter weg, ihr zweites Wohnzimmer, ihr zweites Zuhause. Und ich weiß es von Etlichen, die mir gesagt haben, gerade in der Coronazeit hätten sie plötzlich angefangen zu gärtnern. Im Garten, da gehen die Uhren anders. Da kann man schon einmal die Zeit vergessen. Der Garten ist Ort der Ruhe, der Erholung, des Durchatmens. Ob es die wunderschönen, offenen Rosengärten in Steinfurth sind, unser Gemeindegarten am Höhenweg oder die privaten Gärten, die man am „Tag des offenen Gartentors“ betreten und besichtigen darf – sie alle sind kleine Paradiese der Gegenwart. Allesamt Abbilder jenes biblischen Gartens Eden. Die englische Dichterin Dorothy Frances Gurney sagt dazu: „Man ist dem Herzen Gottes nirgendwo näher als in einem Garten.“ Hier spüren, riechen, schmecken, hören und sehen wir die Natur. Hier erkennen wir, dass die Natur mehr ist als Natur. Wir erkennen, dass sie Schöpfung ist. Dass eine großartige, kreative Kraftquelle sie gewollt hat und sie ins Leben gesetzt hat.

Woran freuen Sie sich besonders, wenn Sie an einen Garten denken? Ist es der Lavendel, der Rittersporn oder der Schmetterlingsflieder? Ist es die Rose, die Sonnenblume oder die Geranie auf dem Balkon? Ist es der Apfelbaum, voll mit reifen Früchten? Für jede und für jeden ist es sicher etwas Anderes. „Gott nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden.“

Wenn ich unseren Garten in seinem Jahresverlauf beobachte, vom Frühling bis zum Winter, so sehe ich vieles wieder, das sich auch im Lebensverlauf eines Menschen abzeichnet. Auch wir als Menschen sind mit hineingenommen in diesen uralten Kreislauf von Werden und Vergehen. Wir gehören zur Erde. In uns tanzen und schweben und bewegen sich dieselben Moleküle und Atome wie in der Natur, die uns umgibt. Wir sind nur anders zusammengesetzt. „Wir sind Leben inmitten von Leben, das leben will,“ hat Albert Schweizer einmal gesagt. Die hebräische Bibel spielt genau mit diesem Gedanken. Sie erzählt, dass der Mensch, der Adam, aus Erde vom Acker gemacht ist, aus der Adamah. Der Adam aus der Adamah. Der „Erdling aus der Erde.“ Wir sind Erdlinge – Teil dieser Erde. Ganz elementar. Wir sind Erde von Erde. Das kann uns einfach auch einmal sehr demütig werden lassen. Das bedeutet, dass wir mit beiden Füßen fest auf der Erde zu stehen haben. Erdverbunden, realistisch, nicht abgehoben. Und doch sind wir ja viel mehr; wir sind mit dem Geist Gottes begabt. “Und Gott machte den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in die Nase.“ Wir können atmen, denken, unsere Gedanken spielen lassen, phantasievoll sein, Sachen erfinden, bauen und gestalten, kreativ sein. Wir sind Erdlinge und doch zugleich mit Gott und mit seiner großen geistigen Welt verbunden. Wir sind eingespannt zwischen Himmel und Erde. Können immer wieder Neues denken und tun. Nach Gottes Willen fragen und handeln.

Das ist ein großes Glück. Das ist ein großer Schatz.

Nach dem Willen Gottes – so erzählt es der Schöpfungsbericht – soll der Mensch den Garten Eden bebauen und behüten. Bebauen heißt ja bearbeiten. Gartenarbeit ist Arbeit, manchmal schweißtreibend und anstrengend. Ein Stück Land umgraben, das geht in den Rücken und in die Arme. Wurzeln herausholen, Stubben roden, Erde begradigen, Steine lesen, das fordert Disziplin, Kraft und Selbstüberwindung. In seinem schönen Buch „Pinnegars Garten“ lässt der englische Autor Reginald Arkell den alten Gärtner sagen: “ Gärtnern ist ein Ganztagsjob, wenn einem das Unkraut droht, über den Kopf zu wachsen. Und Gärtnern ist eine Tätigkeit, die einen zur Verzweiflung treiben kann. Aber was sie fordert, das gibt sie auch zurück.“ Anstrengung und Disziplin gehören zu unserem Leben und Arbeiten dazu. Ohne das geht es nicht. Der Garten Eden ist nicht als Schlaraffenland konzipiert.

Wenn wir über unsere eigenen Gärten hinausschauen in die gegenwärtige Wirklichkeit unserer Erde, so sehen wir an vielen Orten ein Gegenbild zum Paradies der Bibel: Bäume werden nicht gepflanzt, sie sterben, sie verbrennen oder werden abgeholzt. Die Westküste Amerikas brennt. Urwälder werden zu Wüstenregionen. Anhaltende Trockenheit macht Menschen und Tieren zu schaffen. Und viel zu viele Menschen hungern und haben gerade keinen Zugang zu den Früchten der Erde. Die Klimaveränderung ist mit Händen zu greifen. Auch wenn es immer noch Menschen gibt, die sie leugnen.

Kann uns in dieser Situation das Bild vom Garten Eden helfen? Können wir aus diesem Bild Kraft schöpfen für unsere Zeit? Und einen Weg finden?

„Gott setzte den Menschen in den Garten Eden, damit er ihn bebaute und behütete.“ Bebauen und behüten, dieser Auftrag bleibt entscheidend. Durch die Zeiten hindurch. Wir Erdlinge, wir brauchen Gottes Geist, um immer neu zu erkennen, wo wir klimafreundlicher handeln können - und das dann auch tun. Wir alle kennen die Stichworte vom ökologischen Fußabdruck bis zum Umstieg auf klimaneutrale Verkehrsmittel. Wir wissen das alles.

Wir brauchen eine Haltung, Gott neu als den Schöpfer zu erkennen, ihm die Ehre zu geben. Das hilft uns, respektvoll und im guten Sinne demütig zu sein. Und wir haben eine Hoffnung, über das Ende aller Tage hier hinaus. Sie findet sich im 2. Petrusbrief 3: „Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach Gottes Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.“ Bis dahin lasst uns tun, was wir tun können.

Und Gottes Friede, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsre Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Fürbitten

Du, Gott, bist der Glanz und das Licht unserer Herzen. Wir sehen Deine schöpferische Kraft: auf Deiner Erde, an allen Sternen und Planeten und im Universum. Wir danken Dir für alles, womit wir versorgt sind.
Du vertraust unseren Händen Deine Erde an. Das ist eine hohe Verantwortung  und wir wissen nicht, ob wir ihr gerecht werden können. Gib uns Demut, damit wir Wege zur Umkehr finden. Gib uns Respekt, Herr, damit wir sparsam mit den Ressourcen umgehen.
Mit dem Virus, Gott, wendet sich die die Natur gerade gegen uns. Wir verstehen Vieles nicht, müssen uns schützen und sind angewiesen auf die medizinische Forschung. Wir sind jenseits von Eden. Wir bitten um Geist und Fantasie für die Wissenschaftler, damit ein Impfstoff möglich wird.
Wir bitten für alle, die in diesen Tagen einsam sind: Menschen in ihren Wohnungen, die Geflüchteten auf den Inseln, die, die in Minsk, in Belarus festgenommen worden sind: sei Du bei ihnen, stärke sie und gib ihnen eine Aussicht!

Vaterunser

Segen
Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.
Amen.

Gottesdienst am 13.09.2020 von Vikar Ingmar Bartsch

Votum: Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

Eingangsspsalm: Psalm 146, 1-3, 5-8
1 Lobe den Herrn, meine Seele! 2 Ich will den Herrn loben, solange ich lebe, und meinem Gott lobsingen, solange ich bin. 3 Verlasset euch nicht auf Fürsten; sie sind Menschen, die können ja nicht helfen. 5 Wohl dem, dessen Hilfe der Gott Jakobs ist, der seine Hoffnung setzt auf den Herrn, seinen Gott, 6 der Himmel und Erde gemacht hat, das Meer und alles, was darinnen ist; der Treue hält ewiglich, / 7 der Recht schafft denen, die Gewalt leiden, der die Hungrigen speiset. Der Herr macht die Gefangenen frei. 8 Der Herr macht die Blinden sehend. Der Herr richtet auf, die niedergeschla-gen sind. Der Herr liebt die Gerechten. Amen

Gebet
Großer Gott, manchmal trauen wir Dir zu wenig zu. Wir hören von Menschen, in deren Leben Du Veränderung bewirkt hast. Es fällt uns schwer, zu glauben, dass Du auch uns verändern kannst. Schenke uns, dass wir in diesem Gottesdienst Deine Kraft in unserem Leben spüren und von Dir angerührt werden. Das bitten wir Dich durch Jesus Christus, unseren Herrn, der mit Dir und dem Heiligen Geist lebt und Leben schenkt in Ewigkeit. Amen

Lesung: 1.Mose 28,10-19
10 Aber Jakob zog aus von Beerscheba und machte sich auf den Weg nach Haran 11 und kam an eine Stätte, da blieb er über Nacht, denn die Sonne war untergegangen. Und er nahm einen Stein von der Stätte und legte ihn zu seinen Häupten und legte sich an der Stätte schlafen. 12 Und ihm träumte, und siehe, eine Leiter stand auf Erden, die rührte mit der Spitze an den Himmel, und siehe, die Engel Gottes stiegen daran auf und nieder. 13 Und der HERR stand oben darauf und sprach: Ich bin der HERR, der Gott deines Vaters Abraham, und Isaaks Gott; das Land, darauf du liegst, will ich dir und deinen Nachkommen geben. 14 Und dein Geschlecht soll werden wie der Staub auf Erden, und du sollst ausgebreitet werden gegen Westen und Osten, Norden und Süden, und durch dich und deine Nachkommen sollen alle Geschlechter auf Erden gesegnet werden. 15 Und siehe, ich bin mit dir und will dich behüten, wo du hinziehst, und will dich wieder herbringen in dies Land. Denn ich will dich nicht verlassen, bis ich alles tue, was ich dir zugesagt habe. 16 Als nun Jakob von seinem Schlaf aufwachte, sprach er: Fürwahr, der HERR ist an dieser Stätte, und ich wusste es nicht! 17 Und er fürchtete sich und sprach: Wie heilig ist diese Stätte! Hier ist nichts anderes als Gottes Haus, und hier ist die Pforte des Himmels. 18 Und Jakob stand früh am Morgen auf und nahm den Stein, den er zu seinen Häupten gelegt hatte, und richtete ihn auf zu einem Steinmal und goss Öl oben darauf 19 und nannte die Stätte Bethel.

Lied:  EG 629
1.)Liebe ist nicht nur ein Wort,
Liebe das sind Worte und Taten.
Als Zeichen der Liebe ist Jesus geboren
Als Zeichen der Liebe für diese Welt.

2.)Freiheit ist nicht nur ein Wort,
Freiheit das sind Worte und Taten.
Als Zeichen der Freiheit ist Jesus gestorben
Als Zeichen der Freiheit für diese Welt.

3.)Hoffnung ist nicht nur ein Wort,
Hoffnung das sind Worte und Taten
Als Zeichen der Hoffnung ist Jesus lebendig,
Als Zeichen der Hoffnung für diese Welt.

Predigt zu Lukas 19,1-10
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus,

Hatten Sie schon mal eine Begegnung, die Ihr Leben verändert hat? Mit einer richtig beeindruckenden Person? Bei einem Vortrag, einer Buchlesung oder einem besonders inspirierendes Konzert? Beim Treffen mit einer berühmten Persönlichkeit oder dem tiefen Gespräch mit einer guten Freundin? Die berühmte Liebe auf den ersten Blick gehört definitiv in diese Kategorie. Begegnungen, die unser Leben verändern.
Der Wunsch nach Veränderung scheint uns Menschen inne zu wohnen. Bei einem der großen Händler im Internet findet man eine unüberschaubare Zahl an Ratgebern. „Verändere Dein Leben“, ist einer der Titel. Nicht super kreativ, aber man weiß gleich, worum es geht. „Der geile Scheiß vom Glücklichsein“ Das ist deutlich humorvoller. Oder „Wach auf, Dein Leben wartet!“ Und dann gibt es ja auch noch eine schier endlose Fülle an Fitnessratgebern.
Der Wunsch nach Veränderung ist kein Phänomen der heutigen Zeit. Das zeigt auch der Predigttext für den heutigen Sonntag. Es ist die bekannte Geschichte von Zachäus. Ich lese aus Lukas 19 nach der Übersetzung der BasisBibel:

1Jesus kam nach Jericho und zog durch die Stadt. 2 Und sieh doch: Dort lebte ein Mann,der Zachäus hieß. Er war der oberste Zolleinnehmer und sehr reich. 3 Er wollte unbedingt sehen, wer dieser Jesus war. Aber er konnte es nicht, denn er war klein und die Volksmenge versperrte ihm die Sicht. 4 Deshalb lief er voraus und kletterte auf einen Maulbeerfeigenbaum, um Jesus sehen zu können – denn dort musste er vorbeikommen. 5 Als Jesus an die Stelle kam, blickte er hoch und sagte zu ihm: »Zachäus, steig schnell herab. Ich muss heute in deinem Haus zu Gast sein.« 6 Der stieg sofort vom Baum herab. Voller Freude nahm er Jesus bei sich auf.
7 Als die Leute das sahen,ärgerten sie sich und sagten zueinander: »Er ist bei einem Mann eingekehrt, der voller Schuld ist!« 8 Aber Zachäus stand auf und sagte zum Herrn: »Herr, sieh doch: Die Hälfte von meinem Besitz werde ich den Armen geben. Und wem ich zu viel abgenommen habe, dem werde ich es vierfach zurückzahlen.« 9 Da sagte Jesus zu ihm: »Heute ist dieses Haus gerettet worden,denn auch er ist ein Sohn Abrahams! 10D er Menschensohn ist gekommen,um die Verlorenen zu suchen und zu retten.«

Als Zachäus von Jesus hört, packt ihn die Neugier. Er läuft los. An der Straße ist das Gedränge aber zu groß. Er kann nicht sehen, was da passiert. Deshalb flitzt er noch einmal los. Er schätzt den Weg ab, den Jesus nehmen könnte und klettert auf einen Baum. Da sitzt er nun, der Zachäus.
Als Oberster der Zolleinnehmer war er kein Sympathieträger. Zöllner wirtschaften Gelder in die eigene Tasche. Das war damals jedem klar. Zöllner nutzen ihre Macht schamlos aus. Ob Zachäus das auch so gemacht hat, wissen wir nicht. Was wir aber wissen: Er war sehr reich. Und Reichtum ist verdächtig. Auch da hat sich in 2000 Jahren nicht viel verändert. Ich ertappe mich selbst dabei, dass ich denke: „Na, wo wird er denn die Kohle her haben?“ Bei dem Beruf. Die anderen nennen ihn einen Sünder, als Jesus bei ihm einkehrt. Hätte es damals Social Media schon gegeben, hätte Jesus einen ordentlichen Shitstorm geerntet. Und vermutlich war die Entrüstung der Menschen in Jericho schon für damalige Verhältnisse schon ein ordentlicher Shitsorm. Wir erfahren übrigens auch, dass er nicht besonders groß war. Deshalb musste er ja auf den Baum klettern. Offensichtlich war seine Neugierde größer, als er selbst. Ist Zachäus also ein skrupelloser Mensch ohne Gewissen? Einer von der ganz schlimmen Sorte?

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr gerät dieses Bild ins Wanken. Der Mann war immerhin oberster Zöllner. Vielleicht war er durch die Familie in diese Position gekommen. Aber sie zu behaupten oder gar auszubauen, das setzt Durchsetzungskraft voraus. Und die schien er zu haben, obwohl er mit seinem Auftreten wahrscheinlich nicht überzeugen konnte. Und da sind ja noch die neidischen Reaktionen der anderen. Wie heißt es so schön? Mitleid bekommt man geschenkt. Neid muss man sich verdienen.
Und nun kommt Jesus an diesem Baum vorbei. Und hier passiert das erste Mal etwas Unerwartetes. Der Zachäus macht sich ja in gewisser Weise lächerlich, indem er auf den Baum klettert. Er exponiert sich und nimmt in Kauf, verspottet zu werden. Und genau in diesem verletzlichen Moment dreht sich die für Zachäus gewohnte Perspektive. Jesus, der große Wunderheiler, der Lehrer, der mit der großen Gefolgschaft – dieser Jesus schaut auf. Er schaut auf zum kleinen Zachäus. Auf dem Liedblatt finden Sie ein Bild von Kees de Kort, welches das besonders gut illustriert.
Und Jesus will bei Zachäus essen. Das erinnert an die Geschichte von der Himmelsleiter. Jakob begegnet plötzlich Gott. Gott bricht mit diesem Traum in das Leben von Jakob ein und verändert es. An diese Begegnung wird Jakob sicher sein ganzes Leben lang denken. Dass Jesus bei ihm essen will, muss für Zachäus ähnlich beeindruckend gewesen sein. Denn er steigt in Höchstgeschwindigkeit vom Baum und nimmt Jesus mit nach Hause. Und dort scheint sich bei Zachäus etwas zu entladen. Ohne Zwang und ohne Aufforderung macht er tabula Rasa. Er will die Hälfte seines Vermögens spenden. Das muss ihm erstmal jemand nachmachen. Und er will allen, die er betrogen hat, das Geld vierfach erstatten.
Jesus kommentiert diese Veränderung bei Zachäus mit einer Zusage: „Heute ist diesem Haus Heil widerfahren.“ Und er sagt, dass er da ist, um das Verlorene zu suchen. Vielleicht war Zachäus mit seinem Leben gar nicht so unzufrieden. Aber da nagte etwas an ihm. Da war etwas nicht heil in seinem Leben. Da ahnte er, dass es eine Veränderung braucht. Der Knackpunkt scheint sein Umgang mit seinem Beruf gewesen zu sein. Ob ihm das ganz klar war, kann man nicht sagen. Aber in der Begegnung mit Jesus, der sich ihm ganz zuwendet, geschieht plötzlich eine Veränderung.

Ich staune immer wieder, wie treffend die Bibel uns Menschen beschreibt. Zachäus hat Facetten, die mir wohl vertraut sind. Sein Leben ist an sich nicht schlecht. Es ging ihm gut. Nach außen hatte er keinen Grund, sich zu verändern. Aber innerlich hatte er diese Unzufriedenheit. Das kenne ich auch. Da ist vielleicht eine ungeklärte Schieflage in einer Beziehung. Eine problematische Verhaltensweise. Oder ich tue etwas, was eigentlich mit meinen Werten nicht zusammenpasst – so wie es bei Zachäus der Fall gewesen sein muss. Zachäus hat die Begegnung mit Jesus verändert. Die Begegnungen mit Gottes personifizierter Liebe. Ich denke, dass das auch heute und für uns noch möglich ist. Wo wir Jesus und damit Gottes Liebe begegnen, da können sich Dinge in unserem Leben ändern. Das heißt nicht, dass unser ganzes Leben schlecht ist. Aber Jesu schenkt uns die Möglichkeit, an der ein oder anderen Stelle neu anzufangen.
Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Lied: EG 401
1 Liebe, die du mich zum Bilde deiner Gottheit hast gemacht, Liebe, die du mich so milde nach dem Fall hast wiederbracht: Liebe, dir ergeb ich mich, dein zu bleiben ewiglich.

2 Liebe, die du mich erkoren, eh ich noch geschaffen war, Liebe, die du Mensch geboren und mir gleich wardst ganz und gar: Liebe, dir ergeb ich mich, dein zu bleiben ewiglich.

Fürbitten
Herr, großer Gott, wir danken Dir für Deine Leben verändernde Kraft. Wir bitten Dich, dass diese Kraft auch in unserem Leben wirksam wird und uns zum Guten verändert.
Herr, großer Gott, ratlos und wütend machen uns die vielen Krisen und Konflikte in unserer Welt. Ratlos und wütend macht uns der Brand in Moria und die Situation der Menschen auf der Insel Lesbos. Schenke Du gute Lösungen für diejenigen, die obdachlos sind und die unter den Folgen des Brandes zu leiden haben.
Herr, großer Gott, wir bitten Dich für unsere Gemeinde. Vieles ist anders in Coronazeiten. Manchmal brauchen wir eine Extraportion Geduld. Schenke uns, dass wir liebevoll miteinander umgehen und dass wir auch unter erschwerten Bedingungen Licht und Salz sein können in Bad Nauheim.

Und gemeinsam beten wir das Vaterunser.
Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Segen
Der Herr segne Dich und behüte Dich.
Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über Dir und sei Dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf Dich und schenke Dir Frieden.

Konfirmationsgottesdienst am 06.09.2020

Die Dialogpredigt dieses Gottesdienstes gibt es als Tonaufzeichnung: https://youtu.be/sJWlYaODMDw

 

Votum: Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Eingangspsalm: Psalm 23
Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser. Er erquicket meine Seele. Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen. Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich. Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.

Gebet:
Am Morgen dieses Sonntags kommen wir zu Dir, unser Gott, Du Quelle des Lebens. Wir kommen mit dem was uns freut und mit dem, was uns Angst macht. Mit unseren Sorgen, Nöten und mit unserem Dank. Sprich Du in diesem Konfirmationsgottes-dienst ins unsere Herzen. Schenke, dass unser Vertrauen in Dich wachse und hilf, dass wir unser Leben gestalten, wie Du es von uns willst. Das bitten wir Dich durch Jesus Christus, der mit Dir und dem Heiligen Geist lebt und Leben schenkt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Schriftlesung: Lukas 24, 13 – 35
Die Emmausjünger
13 Und siehe, zwei von ihnen gingen an demselben Tage in ein Dorf, das war von Jerusalem etwa sechzig Stadien entfernt; dessen Name ist Emmaus. 14 Und sie redeten miteinander von allen diesen Geschichten. 15 Und es geschah, als sie so redeten und einander fragten, da nahte sich Jesus selbst und ging mit ihnen. 16 Aber ihre Augen wurden gehalten, dass sie ihn nicht erkannten. 17 Er sprach aber zu ihnen: Was sind das für Dinge, die ihr miteinander verhandelt unterwegs? Da blieben sie traurig stehen. 18 Und der eine, mit Namen Kleopas, antwortete und sprach zu ihm: Bist du der Einzige unter den Fremden in Jerusalem, der nicht weiß, was in diesen Tagen dort geschehen ist? 19 Und er sprach zu ihnen: Was denn? Sie aber sprachen zu ihm: Das mit Jesus von Nazareth, der ein Prophet war, mächtig in Tat und Wort vor Gott und allem Volk; 20 wie ihn unsre Hohenpriester und Oberen zur Todesstrafe überantwortet und gekreuzigt haben. 21 Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde. Und über das alles ist heute der dritte Tag, dass dies geschehen ist. 22 Auch haben uns erschreckt einige Frauen aus unserer Mitte, die sind früh bei dem Grab gewesen, 23 haben seinen Leib nicht gefunden, kommen und sagen, sie haben eine Erscheinung von Engeln gesehen, die sagen, er lebe. 24 Und einige von denen, die mit uns waren, gingen hin zum Grab und fanden's so, wie die Frauen sagten; aber ihn sahen sie nicht. 25 Und er sprach zu ihnen: O ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben! 26 Musste nicht der Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen? 27 Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in allen Schriften von ihm gesagt war. 28 Und sie kamen nahe an das Dorf, wo sie hingingen. Und er stellte sich, als wollte er weitergehen. 29 Und sie nötigten ihn und sprachen: Bleibe bei uns; denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneigt. Und er ging hinein, bei ihnen zu bleiben. 30 Und es geschah, als er mit ihnen zu Tisch saß, nahm er das Brot, dankte, brach's und gab's ihnen. 31 Da wurden ihre Augen geöffnet, und sie erkannten ihn. Und er verschwand vor ihnen. 32 Und sie sprachen untereinander: Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete auf dem Wege und uns die Schrift öffnete? 33 Und sie standen auf zu derselben Stunde, kehrten zurück nach Jerusalem und fanden die Elf versammelt und die bei ihnen waren; 34 die sprachen: Der Herr ist wahrhaftig auferstanden und dem Simon erschienen. 35 Und sie erzählten ihnen, was auf dem Wege geschehen war und wie er von ihnen erkannt wurde, da er das Brot brach.

Predigt:
Vor einem Jahr haben wir uns auf den Weg gemacht. In verschiedenen Konfigruppen zwar, aber mit einem gemeinsamen Ziel. Wir wollten Gottes Spuren entdecken. In der Welt, in unserer Kirchengemeinde, in unserem Leben. Wir sind losgelaufen und haben viel gemeinsam erlebt. Die Konfistunden am Dienstag. Der Besuch in der Synagoge.
Ihr habt in Gemeindeprojekten mitgeholfen. Einige von Euch haben die Wilhemskirche geschmückt. Andere haben syrisch gekocht und manche sind mit „Bad Nauheim barrierefrei“ sogar in der Zeitung gelandet.
Auf dem Weg lagen auch Gottesdienste. Die – nennen wir es mal - „normalen“ und die besonderen aus dem zweiten Programm. Ihr habt das Glaubensbekenntnis, das Vaterunser und den Psalm 23 gelernt, wie Generationen von Konfis vor Euch. Und ein Höhepunkt unseres gemeinsamen Weges war die Konfifreizeit im Flensunger Hof.


Und im März endete dieser Weg ganz plötzlich. Quasi über das Wochenende. Schlagartig wart Ihr nicht mehr in der Schule, konntet keine Freunde mehr treffen. Ihr konntet Eure Großeltern nicht mehr sehen.  Vielleicht haben kleine oder große Geschwister genervt, weil sie den ganzen Tag zu Hause waren. Ihr hattet plötzlich digitalen Unterricht und Eure Eltern waren die Lehrer. Und eigentlich waren Eure Eltern ja im Homeoffice.
Der Konfiunterricht fand nicht mehr statt. Der Vorstellungsgottesdienst, auf den wir uns alle gefreut hatten, war abgesagt. Plötzlich war alles anders und auch die Konfirmation stand in Frage. Und dann wurde klar, dass die Konfirmation in diesem Jahr ganz anders werden würde, als in den letzten Jahrzehnten.
Und so feiern wir jetzt ganz anders, als geplant. Mit Abstand und mit Masken. Ihr könnt nur acht Gäste mit in die Kirche bringen. Die Gemeinde muss heute auf den Gottesdienst verzichten, weil wir nur 90 Personen in die Kirche lassen dürfen. Und es kann sich hier vermutlich niemand erinnern, in Bad Nauheim je einen Konfirmationsgottesdienst ohne Abendmahl erlebt zu haben.


Habt Ihr da eigentlich mal an die Konfifreizeit zurückgedacht? An die Emmausjünger? Wir haben die Geschichte vorhin gehört. Für die hatte sich quasi auch übers Wochenende alles verändert.
Sie hatten sich zusammen mit anderen auf den Weg gemacht. Und mit Jesus. Diesem Heiler, Lehrer und Geschichtenerzähler. Dem von Gott Gesandten. Und es waren wundervolle Jahre mit ihm. Aber plötzlich war alles anders. EInfach so. Übers Wochenende. Gründonnerstag, Karfreitag. Jesus war tot. Alles war anders. Sie mussten ihr Leben neu in den Griff kriegen.
Und als sie an diesem Abend von Jerusalem nach Emmaus gehen, da sind sie enttäuscht.
Verwirrt.
Traurig.
Ängstlich.
Verunsichert.
Deprimiert.
Trostlos.
Hoffnungslos.
Verzweifelt. 
Alleingelassen.
Total fertig mit sich und der Welt. Das sieht man auf dem Bild auf dem Gottesdienstblatt: Es ist ein Druck des Künstlers Karl Schmidt-Rottluff und zeigt die beiden Emmaus Jünger so depressiv, wie sie in ihrer Trauer um Jesus und um ihr früheres Leben sind. Aber sie sind immer noch auf dem Weg. Der Weg ihres Lebens war nicht plötzlich zu Ende.
Und so gingen sie nach Hause. Das bedeutet: Sie waren wenigstens in Bewegung. Haben nicht aufgegeben. Sie sind losgegangen.  Und deshalb war diese kurze Wanderung von Jerusalem nach Emmaus zugleich der Weg in ein neues Leben. Spannend ist, dass wir nur einen der beiden Namen erfahren. Kleopas heißt der, dem Jesus auf seine Frage antwortet.

Wer war der andere Jünger eigentlich? Vielleicht hieß er auch Silas oder Johannes. Vielleicht hieß sie auch Maria? Oder er oder sie trug einen anderen damals gebräuchlichen Namen? Vielleicht hieß sie oder er auch ganz anders?
Linus zum Beispiel.
Oder Leonard.
Louis
Max
Leandro
Justin
Leo
Fabian
Emilio
Maximilian
Oder auch Susanne.
Oder Meike
Vielleicht auch Rainer.
Oder Ingmar
Mir gefällt diese Geschichte auch, weil ich mich darin so gut wiederfinden kann. Denn auf dem Weg, den die beiden gehen, passiert etwas. Das ist der Clou an dieser Erzählung. So plötzlich, wie sich das Leben über das Wochenende verändert hat, so plötzlich tritt Jesus wieder in ihr Leben. Aber Anders, als gedacht.


Er begleitet sie. Unaufdringlich, nicht mit einem Paukenschlag. Er hilft ihnen, das Geschehene zu verarbeiten. Und er scheint eine besondere Wirkung auf sie zu haben. Er nimmt sich einfach Zeit für die beiden. Er geht mit ihnen., Er verwickelt sie in ein Gespräch, begleitet sie nach Hause. Und sie erzählen ihm alles. Das Reden hilft ihnen. Es ist fast wie eine Kur, es wirkt heilsam, sich die ganze Enttäuschung von der Seele zu reden. Da hebt sich ihr Blick. Da sehen sie, was trotz allem noch möglich ist. Es ist gar nicht alles zu Ende. Vieles geht weiter. Das meiste. Wenn wir dafür sorgen. Mit ihm. Denn er lebt. Mit uns und durch uns. „Brannte nicht unser Herz in uns, als er mit uns redete?“ - das sagen sie, als sie erkannten, dass es Jesus war, der mit ihnen gegangen ist.


Diese Erfahrung wünschen wir Euch auch. Auch wenn heute vieles anders ist, als gedacht. Auch wenn im Leben manches anders sein wird, als gehofft und gewünscht. Jesus geht mit. Auch wenn wenn wir es nicht immer merken.
Wir hoffen, dass Ihr im Rückblick auf die Konfizeit trotz aller Veränderungen sagen könnt: „Brannte nicht unser Herz in uns, als wir gemeinsam mit Gott auf dem Weg waren?“ Und wir wünschen Euch, dass Ihr das auch im Leben spürt. Gott begleitet Euch auf Eurem Lebensweg. Auch wenn wir es nicht immer merken. Aber im Nachhinein können wir hoffentlich sagen: „Brannte nicht unser Herz in uns, als wir gemeinsam mit Gott auf dem Weg waren?“

Lied: Ins Wasser fällt ein Stein, EG 621

Glaubensbekenntnis
Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde.
Und an Jesus Christus,
seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,
empfangen durch den Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage auferstanden von den Toten,
aufgefahren in den Himmel,
er sitzt zur Rechten Gottes,
des allmächtigen Vaters, von dort wird er kommen,
zu richten die Lebenden und die Toten.
Ich glaube an den Heiligen Geist,
die heilige christliche Kirche,
Gemeinschaft der Heiligen,
Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten
und das ewige Leben. Amen.

 

Einsegnung der Konfirmanden

 

Fürbitten:
Unser Gott, wir danken dir für eine erlebnisreiche Konfirmandenzeit. Wir danken dir für deinen Segen für jeden einzelnen Konfirmanden. Wir      bitten dich, gib allen die Kraft, im Glauben an dich zu leben, und auch im Alltag deine wunderbare und freundliche Begleitung nicht zu vergessen. Lass die Konfirmierten mutig und willensstark in dieses Leben gehen. Hilf ihnen, ihre eigenen Wege zu finden!
Wir bitten dich für die Familien der konfirmierten Jugendlichen. Begleite sie in besonderer Weise in dieser schwierigen Zeit mit ihren Herausforderungen. Lass sie heute alle fröhlich und im Guten miteinander feiern. Lass sie die Hauptperson dieses Festes in den Mittelpunkt stellen. Spannungen und Streit sollen heute keinen Platz haben. Dafür umso mehr Leichtigkeit und Zuversicht.
Wir bitten dich für alle Jugendlichen.  Lass sie in ihrem Leben immer wieder einen Halt finden, damit sie ihre Wege sicher gehen können. Lass sie nicht verzweifeln und aufgeben, sondern immer wieder für sich selbst und andere kämpfen. Lass sie spüren, dass du bei ihnen bist und sie unterstützen willst.
Wir bitten dich für uns alle in dieser Zeit, die in Manchem gerade so ganz anders ist. Zeige uns immer aufs Neue, dass du es gut mit uns meinst. Stärke unser Vertrauen. Schenke uns freundliche Menschen an unserer Seite, die uns liebevoll begleiten.
Lass uns niemals vergessen, dass du mit uns gehst über alle Höhen und durch die Tiefen unseres Lebens.

 

Vater Unser
Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Lied: Komm Herr, segne uns, EG 170

Segen:
Der Herr segne dich und behüte dich,
der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig,
der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

Gottesdienst mit Video am 30.08.2020 von Pfarrerin Meike Naumann

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar: https://youtu.be/IxrKcGFny9c

 

Musik zum Eingang

Begrüßung mit Votum

Wochenspruch
Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmemden Docht wird er nicht auslöschen. (Das Buch Jesaja 42,3 BIGS 2011)

Psalm 146 EG 757

Gebet
Du lässt Taube wieder hören
und öffnest den Mund der Stummen.
Dafür danken wir dir.
Schenke auch uns wache Augen,
damit wir deine Taten erkennen.
Gib uns offene Ohren,
dass wir auf deine Stimme hören.
Löse uns die Zunge,
dass wir deinen Namen preisen
und dich bekennen vor den Menschen.
Dies bitten wir durch unseren Herrn Jesus Christus,
deinen Sohn, der mit dir und dem Heiligen Geist
lebt und Leben schafft von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Schriftlesung Hebr 13,14-15
14 Denn auf der Erde gibt es keine Stadt, in der wir bleiben können. Wir sind unterwegs zu der Stadt, die kommen wird.
15 Durch Jesus wollen wir Gott jederzeit und in jeder Lebenslage Dankopfer darbringen; das heißt: Wir wollen uns mit unserem Beten und Singen zu ihm bekennen und ihn preisen.

Glaubensbekenntnis

Musik

Predigt
1.Korinther 3 Die Gemeinde als Bau und die Verantwortung der Bauleute
9 Wir sind also Gottes Mitarbeiter, ihr aber seid Gottes Ackerland. Oder mit einem anderen Bild: Ihr seid Gottes Bau.
10 Nach dem Auftrag, den Gott mir gegeben hat, habe ich wie ein umsichtiger Bauleiter das Fundament gelegt. Andere bauen nun darauf weiter. Aber jeder soll sehen, wie er weiterbaut!
11 Das Fundament ist gelegt: Jesus Christus. Niemand kann ein anderes legen.
12-13 Es wird auch nicht verborgen bleiben, was jemand darauf baut, ob Gold, Silber oder wertvolle Steine, ob Holz, Schilf oder Stroh. Am Tag des Gerichts wird sich erweisen, ob es Bestand hat. Dann wird die Feuerprobe gemacht: Das Werk eines jeden wird im Feuer auf seinen Wert geprüft.
14 Wenn das, was ein Mensch gebaut hat, die Probe besteht, wird er belohnt.
15 Wenn es verbrennt, wird er bestraft. Er selbst wird zwar gerettet, aber so, wie jemand gerade noch aus dem Feuer gerissen wird.
16 Wisst ihr nicht, dass ihr als Gemeinde der Tempel Gottes seid und dass der Geist* Gottes in euch wohnt?
17 Wer den Tempel Gottes zugrunde richtet, wird dafür von Gott zugrunde gerichtet. Denn der Tempel Gottes ist heilig, und dieser Tempel seid ihr.

Liebe Gemeinde,
der Predigttext hat mich an einen Zeichentrickfilm erinnert, den ich als Kind einmal gesehen habe. Vielleicht kennen Sie ihn. Die Geschichte von den drei kleinen Schweinchen von Walt Disney. Die drei Schweinchen bauen jeweils ein Haus für sich, um darin zu wohnen und um sich vor dem bösen Wolf zu schützen. Aber zwei davon sind nur locker mit Stroh und Holz gebaut, so dass sie den Angriffen des Wolfes nicht standhalten. Zum Glück hat das dritte Schweinchen kräftig investiert und sein Haus aus Stein gebaut. Die anderen beiden können dorthin flüchten und sind so gerettet. Die Moral von der Geschichte war, dass es sich lohnt in einen stabilen Bau zu investieren.

Von Walt Disney und seiner Moral: „Ein stabiler Bau lohnt sich“, möchte ich unsere Aufmerksamkeit auf den heutigen Abschnitt aus dem Ersten Brief an die Gemeinde in Korinth lenken und angeregt durch Paulus folgende Fragen stellen: Wie bauen wir mit an der Gemeinde Jesu Christi, an Kirche, am Reich Gottes? Stabil, einladend, oder so, dass er kleinste Windhauch es umbläst, oder die kleinste Erschütterung es einstürzen lässt?
Christentum, das bedeutet auch 2000 Jahre bauen und manchmal auch niederreißen, wiederaufbauen und manchmal verfallen lassen. Unterschiedliche Methoden, Ideen, Stile, Konzepte. Manchmal die Frage: Bauen wir wirklich am selben Haus? Bauen wir miteinander oder gegeneinander? Lohnt es sich überhaupt noch weiterzubauen? Wer interessiert sich noch dafür?

2000 Jahre Gemeindearbeit und kein Patentrezept dafür. Es ist mühsam, spannend, bereichernd, erschöpfend, segensreich…

In der Lesung aus dem Brief an die hebräischen Gemeinden haben wir gehört, dass wir hier keine bleibende Stadt haben. Der Kirchenvater Augustin, spricht vom „wandernden Gottesvolk“.

Das sind Bilder der Mobilität, aber auch der Unbehaustheit: „Wir haben hier keine bleibende Stadt.“ Ein Zuruf, der uns aufmerksam macht, dass nichts hier für die Ewigkeit ist. Alles ist Bewegung, ist Veränderung.

Im Brief an die Gemeinde in Korinth wird ein ganz anderes Bild vor uns gezeichnet. Aufbauen, weiterbauen, gute Materialen dafür wählen. Daraus spricht Kontinuität und Verlässlichkeit, vielleicht auch so etwas wie Heimat?

Bauen und keine Stadt haben, Heimat und Wanderschaft, das sind zwei sehr verschiedene Pole. Was gilt heute mehr: Das Entdecken, die Wanderschaft, die Überraschungen? Oder das Bauen und Heimat bieten? Ich denke, es ist eine Ty Sache.
Die landeskirchliche Realität ist wohl eher das Bauen und Heimat bieten. Das zeigt sich schon alleine dadurch, dass wir zu der Kirche gehören, die geographisch in unserer Nähe ist, und dass die Bauangelegenheiten und Renovierungen jede Pfarrgemeinde, die ich kennen gelernt habe, beschäftigen. Dazu gehört auch die Klage über die nicht vorhandene Weitsicht der Vorfahren, die zu klein, oder zu groß, zu teuer, oder zu billig oder am ganz falschen Platz gebaut haben.

Der Vorteil vom Wandern scheint, dass man immer weiterziehen kann, wenn es nicht mehr gefällt, die Situation sich verändert hat, der Wind sich dreht. Beim sesshaften Leben muss man das aushalten. Gebäude müssen renoviert und angepasst werden an die aktuellen Bedürfnisse. Wir können nicht einfach aufbrechen, weil uns zu viel festhält, von den Gräbern der Vorfahren, bis zum Kredit.

Den einen erscheint die Institution Kirche zu starr, zu alt, zu kalt, zu statisch. Am liebsten würden sie die Kirche niederreißen und neu, oder gar nicht mehr aufbauen. Die anderen sind der Meinung, dass die Veränderung, der Kirche nicht guttut. Alles soll so bleiben wie es war.  Es fällt schwer, den von der Kirchenleitung geforderten Prozess der Regionalisierung mitzugehen. Was bleibt dann noch in der Gemeinde vor Ort? Was wird ihr „weggenommen“?

Manchmal passiert es, dass wir das Fundament, die Grundlage unserer Existenz als Kirche, als Christen und Christinnen aus den Augen verlieren, weil wir so im Alltagsgeschäft verhaftet sind. Warum sind wir hier versammelt, egal ob als Baumeisterin, oder Pilger? Was ist unser Auftrag? Wie erfüllen wir ihn am besten? Wie können wir als Kirche, als Gemeinde, als Gläubige, zur befreienden Botschaft Jesu einladen.

In letzter Zeit lese ich von vielen Verabschiedungen von Pfarrpersonen. Die Babyboomer gehen in Pension. Das gibt viele Gelegenheiten die unterschiedlichen Zugänge zum Pfarrberuf zu entdecken. Aber das was ich hier herauslese, scheint mir übertragbar auf viele andere, Ehrenamtliche und Hauptamtliche, die in Gemeinde aktiv sind und auch auf die unterschiedlichen Selbstverständnisse von Gemeinden.
In der letzten Zeit habe ich drei Abschiedsartikel von Kolleg*innen gelesen. Diese drei unterschiedlichen Typen mag ich heute kurz skizzieren und dabei auch immer die zwei Pole: „wanderndes Volk“ und „Bauen am Tempel Gottes“ im Blick behalten.

Zuerst der Seelsorger.
Er war auf unterschiedlichen Sonderpfarrstellen vom Jugend-, über Studierenden- bis zur Krankenhausseelsorger. Hat etliche Zusatzausbildungen absolviert. Sein Verabschiedungstext, den er selbst geschrieben hat, teilt sich in ganz viele kleine Häppchen, die alle eine eigene Überschrift haben.
Wagnis – Freude pur – Abenteuer – mit Anderen – Niederlagen – Entscheidung – Miteinander - Verirrungen – Aufgabe – Korrektur – Glaube – Mühe – Zweifel – Beschwerung -Angst oder Befreiung – der letzte Schritt.
Der Text endet mit: „Ein großer Schritt für dich,“ sagt Gott, „du bist herzlich willkommen!“
Ohne dass ich jetzt ins Detail gehe, was für kurze Überlegungen unter diesen Überschriften zu lesen waren, so ist doch die Bewegung zu merken, die Gefühle, das auf und ab, das nie Ankommen, außer letztlich bei Gott.

Als zweites der Landpfarrer.
Er war sein ganzes Arbeitsleben an einer Pfarrstelle, hat den Ort und die Pfarrgemeinde geprägt. In seinem Text, der ein Interview ist, werden die Highlights der Gemeindeentwicklung der letzten 43 Jahre knapp wiedergegeben. Kirchenbauten, Renovierungen und Großereignisse. Er bleibt auch in der Pension am Pfarrgebiet wohnen. Sein Text endet mit: „Ich wünsche der Pfarrgemeinde Gottes reichen Segen. Und ich hoffe, dass sie einen Pfarrer bekommt, dem die Gemeindearbeit ist.“

Als letztes die Pfarrerin.
Sie beschreibt in ihrem Text, wie es war, in vielen Dinge die Erste zu sein, wie es war, noch nicht ausgeschrittene Pfade zu gehen, sondern diese Wege erst zu erkämpfen. Sie beschreibt die Aufbruchsstimmung, den Wunsch in der Jugend Kirche zu verändern, sie für Frauen und Männer besser zu machen. Sie berichtet von Vorurteilen und den Möglichkeiten sie zu widerlegen. Als einzige, obwohl alle drei verheiratet sind und Kinder haben, widmet sie dem Thema Arbeitsteilung und Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein paar Gedanken. Ihr Text endet mit: „Wir sind als Gemeinde Teil der Welt, stehen ihr nicht gegenüber. Wir geben Raum und ergreifen Partei, begleiten und hören zu, feiern und ermahnen einander. Schließlich haben wir den Auftrag, Salz zu sein und Licht für die Welt.“

Für mich zeigt sich im Text der Kollegin eine Möglichkeit die beiden Pole zu verbinden. Der Typ „wanderndes Gottesvolk“ wird für mich hier vom „Seelsorger“ eingenommen. Er ist ganz nach an den Menschen und bei sich und seinen Gefühlen. Er braucht die Institution nicht wirklich. Manchmal erleichtert sie die Arbeit, aber verbunden sieht er sich mit den Menschen, wo auch immer sie sind, und mit Gott, den er als Gewissheit bei sich hat, ganz dynamisch. Die Liebe Gottes, die er vermittelt, braucht keine fixen Orte, sie braucht das Gespräch, die Begegnung. Er war auch der erste, der die damals noch ganz neuen Medien, E-Mail, Homepage, nutze, um mit Menschen in Kontakt zu kommen.

Der Typ „Baumeister“ wird für mich vom „Landpfarrer“ vertreten. Er ist sehr verbunden mit dem Ort, den Gebäuden, natürlich auch den Menschen und der Botschaft Jesu. Er kennt alle Leute in seiner Pfarrgemeinde, ist das Gesicht der Kirche und die Menschen wissen, wo sie in finden, wenn sie ihn brauchen. Er misst den Erfolg des eigenen Wirkens an Zahlen. Egal ob es die Gottesdienstbesucherzahlen, die Kirchengebäude oder der Kirchenbeitrag ist. Bewahren und weiterbauen, der nächsten Generation etwas hinterlassen, woran sie wieder weiterbauen kann, das war sein Bestreben.

Die Brückenbauerin zwischen diesen beiden Polen ist für mich die Pfarrerin. Schon als junge Frau hat sie diese Kirche geliebt aber auch gemerkt, da muss sich etwas verändern. Das Gebäude ist noch nicht gut genug für Gott und für die Fülle der Menschen. Da muss noch Neues dazu gebaut werden, damit Männer und Frauen und andere, die vorher nicht mitgedacht wurden, Platz finden können. Und zwar nicht nur, weil sie es für sich so haben wollte, sondern um glaubwürdig Salz und Licht der Welt zu sein. Auch Gebäude können verändert werden, sind nicht nur statisch. Sie hat sich angesprochen gefühlt von der Botschaft Jesu, die einschließt und nicht abwehrt, und hat ihr Amt so verstanden immer mehr hineinzulassen. Manchmal auch, bevor das Kirchenrecht sich geweitet hat. Sie hat verstanden, dass es die Institution braucht, aber dass die Institution, nur das Mittel zum Zweck ist, die Liebe Gottes zu allen Menschen zu verbreiten.

Drei ganz unterschiedliche Wege und Herangehensweisen an den Glauben und die eigene Arbeit in der Kirche. Ich würde sagen, alle haben ihre Berechtigung.

Aber ein wenig verunsichert mich das Ende unsere Predigtstelle. Vielleicht meint Paulus, doch, dass es nur eine richtige Form gibt? Immerhin heißt es dort:
„Der Beitrag aller Einzelnen wird zum Vorschein kommen. Der Tag des Gottesgerichtes wird ihn sichtbar machen. Denn im Feuer wird es offenbar. Die Qualität der Arbeit aller wird das Feuer prüfen. Für das Stück, das ihr weitergebaut habt, werdet ihr Lohn empfangen, wenn es bestehen bleibt.“ (1. Kor 3,13-14 BIGS 2011)
Auch, wenn Paulus nicht auf das Fegefeuer hinweist, so kommen diese Bilder doch in den Sinn.

Wie können wir wissen als Getaufte, ob wir richtig bauen, mit den richtigen Materialien, damit sie der Feuerprüfung widerstehen? Kann ich es wissen und anderen sagen: „Achtung, du bist auf dem falschen Weg“? Sollte ich anderen glauben, wenn sie mir sagen, dass ich auf dem falschen Weg bin?
Eine Garantie, ob wir auf dem richtigen Weg sind gibt es nicht. Aber die Rückfrage: Warum mache ich/ machen wir das so oder so? Geht es nur um uns, unser Ego, unser Wohlbefinden, unseren Ehrgeiz? Oder geht es darum, Jesu Weg in der heutigen Welt weiterzugehen? Licht und Salz für die Welt zu sein? Wenn wir uns da rückversichern, dann sind wir auf einem guten Weg. Und auch für unsere Irrwege gilt: „Für das Stück, das verbrennt, werdet ihr die Konsequenzen tragen, aber ihr werdet trotzdem gerettet werden, wie aus einem brennenden Haus.“ (1. Kor 3,15 BIGS 2011)
Amen.

Musik

Fürbitten
Gott,
wir alle sind deine Kinder.
Wir begegnen dir unterschiedlich,
doch du schaust uns liebevoll an.

Wir bitten dich,
hilf uns dabei großzügig auf das zu schauen, was wir in unserem Leben leisten,
und dass was andere leisten, genauso zu achten.

Wir bitten für die, die die politische Macht haben,
dass sie für das Wohl aller Menschen und der Umwelt arbeiten.

Wir bitten dich für die, die sich auf ihrem Lebensweg verirrt haben,
die nicht wissen, wie es weitergehen kann.
Lass sie deine Liebe spüren, auch durch uns.

Wir bitten für die,
die von Krieg und Naturkatastrophen betroffen sind,
die bei uns Schutz suchen.
Lass unsere Herzen nicht erkalten für ihre Not.

Wir bitten dich für uns, die wir versuchen deine Botschaft weiterzutragen,
gib uns das richtige Maß an Beständigkeit und Veränderung.

Wir denken an die Menschen, die uns nahestehen.
In der Stille bringen wir die persönlichen Bitten vor dich
….

Vaterunser

Segen

Musik zum Ausgang

Gottesdienst am 23.08.2020 von Pfarrerin Susanne Pieper

Begrüßung
Ein herzliches Willkommen Ihnen und Euch allen an diesem Morgen! Ein biblischer Leitspruch aus dem 1. Petrusbrief 5,5 begleitet uns in diese neue Woche. Dort heißt es: „Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er seine Gnade.“

Hochmut kommt vor dem Fall. Das wissen wir. Aber ist das alles immer so klar, so eindeutig? Die Texte dieses Sonntags helfen uns, die Maßstäbe zu verstehen, die vor Gott gelten, und die oft so ganz befreiend anders sind als unsere.

Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Psalm 32 i.A.
Wohl allen, denen Gott ihr Unrecht vergeben und ihre Schuld zugedeckt hat! Wohl dem Menschen, dem der Herr seine Sünden nicht anrechnet und der mit Gott kein falsches Spiel treibt!
Erst wollte ich meine Schuld verheimlichen, doch davon wurde ich schwach und elend.
Meine Lebenskraft vertrocknete wie Wasser in der Sommerhitze.
Da endlich gestand ich dir meine Sünde.
Und wirklich: Du hast mir meine ganze Schuld vergeben!
Darum sollen die, die dir treu sind, beten zur Zeit der Angst.
Du bist mein Schirm, du wirst mich vor der Angst behüten,
dass ich errettet werde und dich fröhlich loben kann.

Gebet
Mein Gott, ich trete ein in deine Nähe, und du siehst mich so, wie ich bin. Du kennst mich besser als ich mich selbst. Du weißt um alles, was ich geschafft habe bis zum heutigen Tag. Was mir gelungen ist. Du weißt auch um meine blinden Flecken. Du weißt, wie ich mich gerne sehen möchte und vor anderen erscheinen will. Du weißt auch um all das, woran ich mich nicht erinnern kann. Oder mich nicht erinnern will: meine Verletzungen. Meine Schuld. Meine Hoffnungslosigkeit. Den schlimmen Zweifel. Mein Versagen. Meine Schwächen. Gott, du siehst mich so, wie ich bin. Hülle mich ein in deine Gnade! Danke, dass Du mich liebhast.

EG 299,1-3 Aus tiefer Not schrei ich zu dir

Schriftlesung: Lukas 18,9-14
Dann sprach er aber auch zu Leuten, die von sich selber überzeugt waren, gerecht zu sein, und die anderen verachteten, mit diesem Gleichnis: Zwei Menschen gingen zum Tempel hinauf, um zu beten: der eine ein Pharisäer, der andere ein Zolleinnehmer. Der Pharisäer stand da für sich und betete: Gott, ich danke dir, dass ich nicht so bin wie die übrigen Menschen, die rauben, Unrecht tun, Ehen brechen – oder auch wie dieser Zolleinnehmer. Ich faste zweimal in der Woche, ich gebe von allen meinen Einkünften den zehnten Teil an dich. Der Zolleinnehmer stand am Rande und wollte nicht einmal die Augen zum Himmel erheben.  Er schlug sich an die Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig. Ich sage euch, dieser Mensch ging gerechtfertigt hinunter nach Hause und jener nicht. Denn alle, die sich selbst erhöhen, werden erniedrigt werden, und die, die andere nicht zu beherrschen suchen, werden erhöht werden.

Ansprache
Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn und Bruders Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Liebe Gemeinde,
das, was Jesus hier erzählt, ist ein Gleichnis. Und seien wir ehrlich: manche Gleichnisse von ihm wirken ein wenig grob. Holzschnittartig. Sie beleuchten etwas, aber sie wirken dabei oft etwas grell. Das Einzige, was solch ein Übertreiben rechtfertigt, das ist die Lehre, die da hinter steht. Und die soll ankommen. Die Situation im Tempel, mit dem Pharisäer und Zöllner, die hat es nicht wirklich so gegeben; Jesus erzählt sie nur. Sie ist eine Karikatur, eine ironische Darstellung. Weil er damit etwas veranschaulichen will. Und darum geht es. Um seine Lehre.  Um das, was er damit sagen will. Dem auf die Spur zu kommen, das lohnt sich.

Man kann bei der Geschichte vom Pharisäer und Zöllner schnell in eine Falle tappen. Und die heißt: „Wie gut, dass ich nicht so bin wie dieser arrogante, selbstgefällige, selbstherrliche und heuchlerische Pharisäer! Das ist ja furchtbar!“ Die christliche Auslegungstradition hat sich lange pauschal so gegenüber der Gruppe der Pharisäer aufgespielt.  Und schon der Dichter Eugen Roth bringt diese Haltung, dieses „in die Falle tappen“ wunderbar auf den Punkt, wenn er in einem Vers sagt:

„Ein Mensch betrachtete einst näher
die Fabel von dem Pharisäer,
der Gott gedankt voll Heuchelei
dafür, dass er kein Zöllner sei.
„Gottlob“, rief er im eitlen Sinn,
„dass ich kein Pharisäer bin!“

So sind auch wir - mir nichts dir nichts – schnell der Versuchung erlegen, von der Jesus hier erzählt.

Worum geht es also? Ich denke, es geht um die grundsätzliche und absolut aktuelle Frage: Wie stehe ich vor Gott? Was ist richtiges Beten?

Mit dem Gleichnis Jesu wird deutlich: Mit Gott macht man keine Geschäfte. Vor ihm verweist man nicht auf dies oder das, was man angeblich gut oder sehr gut gemacht hat. Es gibt keine Augenhöhe mit Gott. Dies wäre eine fatale Selbstüberschätzung. Gott ist im Himmel und wir sind auf Erden.  Und da gibt es einen großen Unterschied. Wir sind und bleiben immer Angewiesene auf ihn. Darum ist Demut im besten Sinne und Dankbarkeit angesagt. Wir brauchen auch unsere eigenen Leistungen und Guttaten vor ihm nicht benennen.  Er sieht sie und er kennt sie ja sowieso. Und bestimmt freut er sich sehr über sie. Aber er führt keinen Punktekatalog, und wir können uns bei ihm nicht einkaufen.

Und dann wird mit dem Gleichnis Jesu auch etwas Zweites sehr deutlich: Im Gebet, im Gespräch mit Gott geht es nur um Gott und um mich. Nicht um die anderen. Das ist etwas sehr Privates. Jede und jeder steht im Gespräch mit Gott allein vor Ihm. Das ist zugleich auch ein großes Privileg. Denn Gott allein weiß ja um mich. Wer ich bin. Was ich tue. Was ich getan habe. Er weiß um meine Gedanken, und er weiß, aus welcher Motivation heraus ich das tue, was ich tue. Er weiß auch, wo ich gescheitert bin, und wo etwas ganz anders angekommen ist als wie ich es wollte und wie ich es beabsichtigt habe. Gott kennt mich durch und durch.  Er sieht alle meine Gedanken und meine Wege. „Du allein kennst das Herz aller Menschenkinder,“ bekannte schon der weise König Salomo in seinem großen Tempelgebet (1.  Könige 8, 39). Und „ein Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an“ (1.  Samuel 16,7). Und es ist ein gnädiger, ein barmherziger Blick, mit dem er mich ansieht. Gott sei Dank! Wie sollte ich sonst leben?!

Im Gespräch mit Gott geht es nur um Gott und um mich. Es geht überhaupt nicht um die anderen. Ich habe nicht nach links und rechts zu schielen, und ich muss es auch nicht. Es geht vor dem Angesicht Gottes nicht um irgendwelche Vergleiche mit anderen. Um‘s besser oder schlechter sein. „Ich danke dir dafür, dass ich nicht so bin wie der da“ - das ist kein Gebet. Das ist kein Dialog mit Gott.  Da bleibt einer ganz allein und nur bei sich selbst. Viermal nur das Wörtchen „ich“. Er ist damit überhaupt noch nicht im Gespräch mit Gott angekommen. Und er hat noch nicht verstanden, dass zum Gespräch mit Gott gehört, erst einmal wirklich zu schweigen. Sich zu sammeln und still vor ihm zu werden.

Im Gespräch mit Gott geht es nur um Gott und um mich. Entsprechend haben Überheblichkeit und Hochmut vor Gott auch keinen Platz. Und wir brauchen nicht andere Menschen in unseren Gedanken abwerten und sie verurteilen. Zugleich bedeutet es auch, einen ganz besonderen Schutzraum zu haben, wenn ich im Gespräch mit Gott bin. Denn Gott interessiert sich nur dafür, was ich über mich denke. Die anderen mögen über mich denken, was sie wollen. Ihr Urteil über mich ist ein äußeres. Sie wissen nicht wirklich viel über mich. Er aber sieht mein Inneres. Gott weiß, was ich meine.  Er vergibt mir auch meine Schuld und richtet mich wieder auf. Er lässt mich aufleben.“

So ist Gott: er möchte, dass das Leben aufblüht und Menschen zum Frieden finden.

Der Zolleinnehmer sprach: „Gott, sei mir Sünder gnädig.“ Und ich sage euch, dieser Mensch ging gerechtfertigt hinunter nach Hause.

Und Gottes Frieden, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.
Amen.

EG 355,1.4.5 Mir ist Erbarmung widerfahren

Fürbitten
Lasst uns still werden vor Gott. Jeweils nach den Worten „Wir bitten dich“ antworten wir gemeinsam „Fange bei mir an.“

Du, unser Gott, wir danken dir für jeden Tag, an dem wir da sein dürfen. Wir danken dir für deine Vergebung und dein Erbarmen. Wir bitten dich heute für alle, die leicht in der Gefahr stehen, zu schnelle Urteile über einen Menschen zu fällen oder ihr Selbstbewusstsein durch das Vergleichen mit anderen zu definieren. Lass sie ihren Wert zuerst in deiner Liebe finden. Wir bitten dich: „Fange bei mir an!“

Wir bitten dich für alle, die oft von der Angst getrieben sind, sie könnten alles falsch machen. Für alle, die sich schnell selbst verurteilen und voller Skrupel sind. Schenke ihnen Leichtigkeit. Wenn ihr Herz sie verurteilt, lass sie erleben, dass du größer bist als ihr Herz. Stärke ihnen den Rücken. Wir bitten dich: „Fange bei mir an!“

Lass das Leben aufblühen unter uns, dass wir ehrlich zu uns selbst sind und ehrlich zueinander. Dass wir uns auch Kritisches sagen können, ohne uns zu verletzen, dass wir einander vergeben können und neue Wege miteinander wagen. Wir bitten dich: „Fange bei mir an!“

Wir bitten dich für alle, die sich einsam fühlen, die stumm geworden sind und manchmal verbittert. Lass uns einen Weg zu ihnen finden. Wir bitten dich: „Fange bei mir an!“
Bitte für das Brautpaar

Vaterunser
Segen

Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.
Amen

Gottesdienst am 16.08.2020 von Pfarrerin Susanne Pieper

Ich heiße Sie und Euch alle herzlich zu diesem Gottesdienst willkommen! Heute feiern wir den 10. Sonntag n. Tr., den sogenannten Israelsonntag. Ein Tag, an dem wir in den Kirchengemeinden besonders an das Volk Israel denken, an den Tempel, sein spirituelles Zentrum über viele Jahrhunderte, und daran, dass Jesu selbst diesem Volk angehört.
Jesus hat innerhalb seines Volkes gewirkt, und er hat zugleich die Tür geöffnet, sodass nun Menschen aus allen Völkern zum Gottesvolk gehören.

In diesem Sinne grüße ich Sie und Euch mit dem biblischen Leitspruch für die neue Woche. Er steht in Psalm 33,12 und lautet: „Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist. Wohl dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat.“

Wir feiern unseren Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Psalm 122
Ein Wallfahrtslied. Von David.
Ich habe mich gefreut, als man zu mir sprach:
Wir pilgern zum Haus des Herrn!
Nun stehen unsere Füße in deinen Toren, Jerusalem!
Jerusalem, gebaut als eine Stadt, in der man zusammenkommen soll.
Dorthin pilgern die Stämme, die Stämme des Herrn!
Ein Gebot für Israel ist es, zu preisen dort den Namen des Herrn.
Erbittet Frieden für Jerusalem, im Frieden mögen sein, die dich lieben!
Friede wohne in deinen Mauern und Glück in deinen Palästen!
Um meiner Schwestern, Brüder und Freunde willen will ich dir Frieden wünschen.
Um des Hauses des Herrn willen, unseres Gottes, will ich dir Gutes erbitten.

Kollektengebet
Du, großer Gott, bist der Gott Israels von alters her. Bist der Gott Abrahams und Saras, Gott und Vater Jesu Christi und der Völker. Auch wir dürfen zu dir gehören.

Wir kommen zu dir als deine Gemeinde, als dein Volk im Glauben. Du hast uns angerührt. Unsere Sehnsucht nach dir ist erwacht.

So hilf uns heute, auf dich zu hören und nach deinem Willen zu leben. Das bitten wir dich durch Jesus Christus, deinen Sohn und unseren Bruder. Amen.

EG 573,1-3 Lobt den Herrn

Schriftlesung: Römer 9,1-5
Christus ist mein Zeuge und Gottes Geist bestätigt es mir in meinem Gewissen, wenn ich euch versichere: steter Schmerz wohnt in meinem Herzen. Ich wünschte nämlich, anstelle meiner Geschwister, meiner leiblichen Verwandten selbst gebannt und vom Messias getrennt zu sein. Sie sind Israelitinnen und Israeliten. Ihnen gehört die Gotteskindschaft, die göttliche Gegenwart, der Bund und das Geschenk der Thora, der Gottesdienst, die göttlichen Zusagen und Verheißungen.

Ihnen gehören die Väter und Mütter im Glauben an, und aus ihrer Mitte stammt Christus, der Messias. Gott aber, der lebendig ist über allem, gebührt Lob und Ehre bis in Ewigkeit. Amen.

Ansprache
Gottes Liebe, die Gnade Jesus Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen

Jerusalem, liebe Gemeinde, ist auch heute noch für viele Menschen das spirituelle Zentrum der Welt. Jerusalem und der Tempel - darum geht es an diesem Sonntag. Ich bitte Sie deshalb, einen Augenblick lang das Bild auf der ersten Seite des Gottesdienstblattes zu betrachten. Zuerst fällt da der Felsendom auf, mit seiner bestechenden, glänzenden Kuppel aus Gold. Und darunter sehen wie die hohe, lange Mauer, gebaut aus dem hellen Jerusalemstein. Sie ist der einzige noch erhaltene Rest des herodianischen Tempels, der zur Zeit Jesu in Jerusalem stand. 70 n. Chr. haben römische Truppen unter dem Kaiser Titus ihn zerstört. Heute stellt dieser Mauerrest die Klagemauer dar. Damals war es die westliche Umfassungsmauer der Tempelplattform; 470 m lang und 250 m breit war das gesamte Areal. Da ahnen wir, wie beeindruckend dieser Sakralbau für die Menschen damals gewesen sein muss!

Und so möchte ich Sie für einen Moment in jene Zeit entführen und in die Nähe jenes berühmten Ortes. Lassen Sie sich einfach ein auf die folgende kurze Szene:

Der 10jährige Shimon und seine 8jährige Schwester Rebekka sind mit ihren Eltern unterwegs. Zu Fuß. Schon seit 4 Tagen. Ihr Ziel ist die große Stadt, hoch auf den Hügeln Judäas. Und ihr Ziel ist der Tempel. Rechtzeitig zum Laubhüttenfest wollen sie dort sein. Den Kindern tun die Füße weh. Endlich macht die Familie eine Pause. Da fragt Shimon, was er schon immer wissen wollte: „Abba, Papa, hört mich Gott eigentlich nur, wenn ich im Tempel bete? Oder hört er mich auch hier, wo ich gerade bin?“ Der Vater überlegt. Dann sagt er: „Ich bin sicher, er hört dich auch hier. Er wohnt im unsichtbaren Himmel, und er ist so groß, dass kein Himmel ihn fassen kann. Wir ziehen nun zum Tempel, damit wir ihn dort zusammen mit all unseren Verwandten und Freunden loben und ihn ehren können, und ihm danken für alles was er uns gibt.“

Viele Jahre später: Rebekka und ihr Bruder Shimon sind längst erwachsen geworden. Sie haben nun selbst Kinder. Aber sie leben mit ihnen nicht mehr in Israel, sondern weit entfernt in der Stadt Alexandrien. Den Tempel, zu dem sie immer gepilgert sind, den gibt es nicht mehr. Durch den Herrscher Roms wurde er zerstört. Sie feiern jetzt ihren kleinen Gottesdienst draußen, unter dem Schatten der Bäume. In der Fremde. Nun ist es Rebekkas Tochter, die ihre Mutter fragt: „Imma, Mama, wenn der Tempel nicht mehr da ist, ist Gott dann auch nicht mehr da?“ Die Mutter überlegt. Schließlich antwortet sie: „Doch, mein Kind. Gott ist noch da. Sein Name wohnt nicht mehr in seinem Haus, aber sein Name und er selbst ist mit uns in die Fremde gezogen. Da kannst du sicher sein: er ist auch hier bei uns.“

Die Zerstörung des ersten und des zweiten Tempels ist eine der großen Katastrophen im kollektiven jüdischen Gedächtnis. Der große Historiker Simon Montefiore beschreibt dies sehr eindrücklich in seinem grandiosen Werk „Jerusalem – die Biografie“. Immer wieder wurde die Stadt, ihr Heiligtum und der Tempelschatz zum Ziel der Habgier mächtiger Könige, Provinzfürsten und Potentaten. Für die Bürger Jerusalems war es oft gerade kein Segen, am Fuße des Tempels zu wohnen. Sie erlitten durch die Geschichte hindurch unermessliches Leid.

Man kann sich vielleicht fragen, warum wir als Kirche uns überhaupt an diese Ereignisse erinnern sollen, und ob es uns nicht eigentlich egal sein könnte. Aber die Antwort ist, dass wir als Kirche untrennbar mit dem jüdischen Volk verbunden sind. Jesus selbst war im Tempel zuhause; er hat dort immer wieder gepredigt; auch die ersten Christen haben sich nach dem Tod und nach der Auferstehung Jesu im Tempel getroffen und dort zusammen gebetet. Der Name des Gottes, an den wir glauben, war also im Tempel zuhause.

Umso mehr stellt sich daher die Frage, wie der Tempel und die Gegenwart Gottes zusammenhängt. Ist seine Gegenwart auf den Tempel beschränkt, so wie es die Tochter von Rebekka gefragt hat? In der jüdischen Theologie gibt es dazu eine besondere Lehre; es ist die rabbinische Lehre von der Schechina Gottes. Die Schechina, das ist das Wohnen Gottes unter den Menschen. Seine Niederlassung. Die Rabbinen lehren, dass in Gott selbst eine Trennung vorgeht. Er scheidet sich von sich selbst. Er gibt sich weg an sein Volk. Er erlebt die Leiden seines Volkes mit, und er zieht mit ihnen ins Exil, in das Elend der Fremde. Gottes Geist- so könnte man sagen – ist bei seinen Menschen. Auch ohne Tempel, auch ohne feste Gebetsstätte. Ganz ähnlich sagt es Jesus ja auch im Gespräch mit der Samaritanerin am Brunnen, als sie ihn fragt, wo man denn nun Gott anbeten solle, auf dem Berg Garizim oder in Jerusalem. „Glaube mir,“ antwortet er, „es kommt die Zeit, dass ihr weder auf dem Berg Garizim noch in Jerusalem den Vater anbeten werdet. Schon jetzt ist die Zeit, in der die wahren Anbeter den Vater im Geist und in der Wahrheit anbeten.“

Gottes Geist ist nicht an Mauern und nicht an Steine gebunden. Er ist frei. Auch wir hier in Bad Nauheim können genauso gut im kleinen Park hinter der Dankeskirche Gottesdienst feiern wie auch hier in der Dankeskirche. Gott ist überall ansprechbar auf dieser Erde. Und er ist überall zu finden.

Und trotzdem brauchen wir Menschen ja auch feste Räume, klar definierte Gotteshäuser – Kirchen, Kapellen oder Synagogen – wo wir uns versammeln können, gemeinsam zu Gott beten und uns unseres Glaubens vergewissern können. Wo unsere Seele einen Schutzraum findet. Darum war es auch gut, das die jüdischen Gemeinden damals schon, während der Tempel noch stand, überall an ihren Wohnorten Synagogen hatten, in denen sie zusammenkommen konnten. (Universalität und Partikularität liegen immer ganz dicht beieinander.)

Wir brauchen geheiligte Orte. Geheiligt durch das Gebet und durch den gemeinsamen Glau- ben.

Die Zeit des Tempels in Jerusalem ist vorbei. Der Tempel ist Vergangenheit. Und damit auch seine Brandopfer und Schlachtopfer. Die Realität heute ist, dass drei große, monotheistische Religionen in Jerusalem zuhause sind. Bitte schauen Sie dazu nun das Bild auf der letzten Seite des Gottesdienstblattes an: da sieht man links die helle Kuppel der Hurva- Synagoge; rechts davon den Turm der evangelischen Erlöserkirche und die beiden Kuppeln der christlichen Grabeskirche. Und zwei muslimische Minarette. Die jeweiligen heiligen Stätten sind auf engstem Raum zusammengeballt. Und ihre wichtigste Aufgabe ist es, ihren religiösen Nachbarn Respekt zu erweisen und gemeinsam den Frieden zu bewahren. Alles andere würde Krieg bedeuten. Heute kann ein Ort nur dann als heilig gelten, wenn er für alle heilig sein darf. Das gilt z. B. auch für die Hagia Sophia in unseren Tagen.

Einen letzten Gedanken aber möchte ich mitnehmen aus der damaligen imposanten Anlage des Tempels: das ist die Erinnerung an das „Allerheiligste“. Das Allerheiligste – das war ein leerer Raum in der Mitte des großen Tempels, mit all seinen Säulengängen und einzelnen Hallen. Ein Raum - nur mit einem Altar in der Mitte und einem großen Leuchter. Ein Raum, der nur einmal im Jahr vom Hohenpriester betreten werden durfte. Ein Raum, der Gott allein vorbehalten war.

Das ist ein schönes Symbol, das bleiben kann: es ist gut, auch in uns selbst solch einen leeren Raum zu haben. Den wir für Gott freihalten. Und es ist gut, solch einen leeren Raum auch in unserer Gemeinschaft zu haben. In den wir Gott immer wieder einladen. In dem er bei uns zuhause ist.

Und sein Friede, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

EG 613

Fürbitten
Mitgehender Gott, wir danken Dir für das Erbe des Glaubens: für Dein Wort, für alle Erzählungen darüber, wie Du Dich den Menschen gezeigt hast. Wir sind reich gesegnet mit Deinem Erbe. An Dich zu glauben, das hilft uns täglich, zu leben.

Hilf uns, einen Raum in uns frei zu halten, in dem Du wirken kannst.

Wir bitten Dich für unsere jüdischen Glaubensgeschwister, dass sie behütet bleiben vor Hass und Antisemitismus.

Wir bitten Dich für Jerusalem, diese dreimal heilige Stadt. Hilf, dass die Menschen der verschiedenen Religionen sich trotz aller Differenzen begegnen wollen als Kinder des Einen Gottes.

Wir bitten um Frieden für Jerusalem - für alle, die politisch und religiös Verantwortung tragen. Frieden für Israelis und Palästinenser, für Einheimisch und Touristen, wir bitten um

Frieden in der Region des Nahen Ostens. Wir bitten um Trost für die Menschen in Beirut. Lass sie Ermutigung erfahren durch die Hilfe, die ihnen zuteil wird.

Lege Deinen Segen auf unsere Erde. Und alle unsere Bitten nehmen wir hinein in das Vaterunser, das wir gemeinsam sprechen:

Vaterunser

Segen
Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Amen.

Gottesdienst am 09.08.2020 von Pfarrer Rainer Böhm

Begrüßung
Herzlich willkommen zum Gottesdienst in der Dankeskirche. Heute hätten wir, nach vielen Sonntagen, endlich wieder draußen feiern können. Aber angesichts der tropischen Hitze sind wir drinen geblieben, weil es hier wenigstens etwas kühler ist.
Ermutigen tut gut. Ich weiß noch, wie ich als kleiner Junge mit meinem Vater eine riesenlange und gefährliche Bergtour gemacht habe. Hinterher schimpften alle auf ihn, mit so einem kleinen Kind – aber ich war stolz und er war es auch.
Auch Gott traut uns einiges zu. Viel mehr, als wir für möglich halten.  „Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern." Lk 12, 48

Psalm 63,2-9
Gott, du bist mein Gott, den ich suche.
Es dürstet meine Seele nach dir,
mein ganzer Mensch verlangt nach dir
aus trockenem, dürrem Land, wo kein Wasser ist.
So schaue ich aus nach dir in deinem Heiligtum,
wollte gerne sehen deine Macht und Herrlichkeit.
Denn deine Güte ist besser als Leben;
meine Lippen preisen dich.
So will ich dich loben mein Leben lang
und meine Hände in deinem Namen aufheben.
Das ist meines Herzens Freude und Wonne,
wenn ich dich mit fröhlichem Munde loben kann;
wenn ich mich zu Bette lege, so denke ich an dich,
wenn ich wach liege, sinne ich über dich nach.
Denn du bist mein Helfer,
und unter dem Schatten deiner Flügel frohlocke ich.Lass
Meine Seele hängt an dir;
deine rechte Hand hält mich.

Gebet
Herr des Lebens,
du berufst uns Menschen zum Werkzeug deines Handelns.
Wir bitten dich, Lass uns deinen Ruf hören.
Hilf uns, dass wir uns nicht wegducken und entschuldigen, wenn du uns brauchst.
Wie oft vertraust du uns Aufgaben an, die wir nicht sehen oder nicht verstehen.
Wie oft redest du zu uns, aber wir hören dich nicht.
Vergib uns, wo wir Verantwortung abgelehnt haben.
Sieh nicht auf unser Schweigen und unsere Trägheit.
Lass uns das Ziel vor Augen haben, das du uns gesetzt hast in Jesus Christus –
Menschen zu werden nach deinem Vorbild, füreinander einzustehen, die Schöpfung zu bewahren, Gerechtigkeit zu üben – durch JX, deinen Sohn. Amen.

Lesung = Predigttext: Jeremia 1, 4 – 10
4 Und des HERRN Wort geschah zu mir: 5 Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker. 6 Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. 7 Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. 8 Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR. 9 Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. 10 Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.

Lied EG 398 "In dir ist Freude"
1. In dir ist Freude in allem Leide,
o du süßer Jesu Christ!
Durch dich wir haben himmlische Gaben,
du der wahre Heiland bist;
hilfest von Schanden, rettest von Banden.
Wer dir vertrauet, hat wohl gebauet,
wird ewig bleiben. Halleluja.
Zu deiner Güte steht unser G’müte,
an dir wir kleben im Tod und Leben;
nichts kann uns scheiden. Halleluja.

2. Wenn wir dich haben, kann uns nicht schaden
Teufel, Welt, Sünd oder Tod;
du hast’s in Händen, kannst alles wenden,
wie nur heißen mag die Not.
Drum wir dich ehren, dein Lob vermehren
mit hellem Schalle, freuen uns alle
zu dieser Stunde. Halleluja.
Wir jubilieren und triumphieren,
lieben und loben dein Macht dort droben
mit Herz und Munde. Halleluja.
Text: Cyriakus Schneegaß 1598
Melodie und Satz: Giovanni Giacomo Gastoldi 1591; geistlich Erfurt 1598



Predigt
I. Letzten Mittwoch in der Dankeskirche. Ich weise ein Ehepaar darauf hin, dass wir nur die mit Nummern gekennzeichneten Plätze in der Kirche belegen, es aber weiter vorne noch freie Plätze gibt und die Platzanweiserin dann ihre Namen in eine Liste einträgt. „Haben Sie einen Polizeiausweis? Was soll das hier eigentlich?“ Ich habe Mühe, die Contenance zu bewahren.
Letzten Samstag in Berlin. Etwa 20.000 Menschen demonstrieren auf der Straße des 17. Juni. Impfgegner. Corona-Leugner. Selbst ernannte „Querdenker“. Aber auch Rechtsradikale. Reichsbürger. In ihren Augen sind die staatlichen Corona-Maßnahmen eine große Verschwörung.
Mitten unter ihnen die Journalistin Dunja Hayali. Sie dreht für’s ZDF. Interviewt die Demonstrierenden. Und trägt dabei eine Maske. Sie wird beschimpft und bedrängt. „Schämt euch!“ „Hau ab!“ Und immer wieder: „Lügenpresse, Lügenpresse!“ Die Filmende wird selbst gefilmt. Auf den Rat ihrer Security bricht sie schließlich den Dreh ab.
In diesen Zeiten liegen die Nerven blank. Schnell ist mit Feindseligkeit zu rechnen. Dabei bilden sich erstaunliche Allianzen.  Corona? Eine kleine Grippe! Klimawandel? Eine Erfindung der Medien! Rechtsradikalismus? Ein Märchen der Regierung – um davon abzulenken, dass das deutsche Volk gerade gegen Migranten ausgetauscht wird.

II. Die Krisen machen Angst. Klimawandel. Vermüllung. Artensterben. Überbevölkerung. Atomare Bedrohung. Globalisierter Kapitalismus. Soziale Spaltung. Armutsmigration. Vormarsch der Populisten. Und jetzt auch noch die Corona-Pandemie.
Irgendwie sind wir alle in der Angst verbunden: Linke wie Rechte. Verschiedene Themen, aber das gleiche Grundgefühl. Der Bedrohtheit unseres Lebens. Man kann es leugnen. Aber trotzdem nagt und bohrt es weiter.
In den letzten Monaten und Wochen habe ich manchmal das Gefühl gehabt, meine Kräfte werden über Gebühr beansprucht. Corona. Der Lockdown und die Zeit danach. So viel Unsicherheit. So viel Sorge, Angst und Verzicht. Wir werden im Leben nicht immer gefragt, ob wir haben wollen, was uns zufällt. Und manches ist zu viel. Das hat nicht nur mit Corona zu tun. Es gibt solche Zeiten immer wieder im Leben, in denen ich denke: Manchmal würde ich lieber ausweichen.

III. Auch er wäre gerne ausgewichen. Ein Mann aus einer ganz anderen Zeit. Einer, der über Gebühr beansprucht wurde. Ein Prophet wider Willen. Jeremia, ein Priestersohn im 7. Jahrhundert vor Christus. Gegen seinen Willen und über seine Kraft hinaus wird er von Gott berufen. Das Südreich Israels, Juda, in dem er lebt, ist eingekeilt zwischen den Großmächten seiner Zeit: Assyrer, Babylonier, Ägypter. Die Verantwortlichen verlieren den Kopf, schließen falsche Bündnisse und lassen ihr Vertrauen auf Gott fahren. Jeremia mahnt und wirbt: wendet euch zu Gott zurück. Vertraut auf ihn, und er wird euch helfen. Die Menschen hören nicht auf ihn.
So wird sein Leben selbst zum Zeichen. Jeremia bleibt unverheiratet und kinderlos, um auf den Niedergang des Volkes hinzuweisen. Er trägt ein Joch durch die Straßen, um zu zeigen, wie sich das Volk unter die Herrschaft der Babylonier erniedrigt. Die Menschen glauben ihm nicht. Sie schieben ihre Angst auf ihn und werfen ihn in eine Zisterne. Der Schlamm hält seine Füße fest, erst in letzter Minute wird er gerettet. Jeremia bleibt Gott treu.
 
III. Neulich habe ich verstanden, dass es auch vegane Schuhe gibt. Natürlich, ohne tierische Produkte. Mein Sohn lebt jetzt vegan, die eine Tochter ist Vegetarierin, die andere normal oder wie man es nennt. Mich beeindruckt, wie ernsthaft sich die jungen Leute mit den Krisen beschäftigen, wie radikal ihre lösungen sind. Und ehrlich gesagt finde ich selbst schon lange, dass wir auch in der Kirche das Thema Tierethik – unser menschliches Verhalten der Ausbeutung – viel zu lange vor uns hergeschoben haben.
Aber muss ich wirklich ständig mein Verhalten überprüfen? Was ich esse. Was ich konsumiere. Wie die Dinge hergestellt werden. Wie sie verpackt werden. Muss ich tatsächlich auf Fleisch verzichten? Auf mein Auto?  Muss ich mich auf jede Minderheit wertschätzend einlassen? Ich denke: Ich habe doch schon so viel verändert. Ist es denn nie genug? Müssen wir Christen überhaupt die Umwelt retten? Schließlich weiß das Neue Testament doch um die Endlichkeit dieser Welt!

IV. Jeremia ahnt vielleicht: Es ist schwer, sich für sein eigenes Leben zu entscheiden. Es tut weh und macht mitunter einsam. Du fällst auch immer wieder auf die Erwartungen der anderen zurück. Aber es ist dein Leben – und Gott wird dieses Leben begleiten und behüten. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten.
Welch eine Zusage. Ich bin bei dir, spricht dein Gott.
Wenn Du Deinen Weg durchs Leben gehst – ich bin bei Dir.
Wenn es Dir gut geht – ich bin bei Dir.
Wenn Dir Tränen den Blick verschleiern und Du vor Trauer nicht mehr weißt, wie Du den Tag durchstehen sollst – ich bin bei Dir.
Wenn Du glücklich einen Menschen in die Arme schließt, der Dir alles bedeutet – ich bin bei Dir.
Wenn Du traurig Abschied nehmen musst von einem Menschen, der Dir alles bedeutet hat – ich bin bei Dir.
Wenn Du vor dem Spiegel stehst und Dir selber nicht in die Augen schauen magst – ich bin bei Dir.
Wenn Du das Gefühl hast, von der Welt verlassen zu sein – ich bin bei Dir.

V. Jeremia hat Angst.  Auf vieles hat er verzichten müssen. Und doch steht über seinem Leben die Zusage: ich bin bei dir. Und er hat, als Prophet wider Willen, sein eigenes Leben geführt. In aller Widerständigkeit. Der Auftrag war groß. Vielleicht zu groß. Aber er hat ihn für sich selbst angenommen und sich begleitet erfahren. Ich glaube, das ist groß und viel, was man über ein Leben sagen kann. Und sein Buch, das Buch Jeremia in unserer Bibel, erzählt davon, wie er alles aus Gottes Hand genommen hat.
Dass ich in den Krisen dieser Tage verzweifle, ist nur natürlich. Wenn ich trotzdem Mut bekomme und Lust auf Veränderung zum Guten, dann ist ein anderer Geist am Werk. Und wenn wir dann auch noch gemeinsam anfangen, unseren Teil zu einer besseren Welt beizutragen, dann ist Gottes Kraft in uns wirksam. Denn er gibt nicht nur Jeremia, er gibt auch uns den Auftrag und die Kraft, zu bauen und zu pflanzen. Amen.

Lied: EG 625: Wir strecken uns nach dir
1. Wir strecken uns nach dir,
in dir wohnt die Lebendigkeit.
Wir trauen uns zu dir,
in dir wohnt die Barmherzigkeit.
Du bist, wie du bist:
Schön sind deine Namen.
Halleluja. Amen. Halleluja. Amen.


2. Wir öffnen uns vor dir,
in dir wohnt die Wahrhaftigkeit.
Wir freuen uns an dir,
in dir wohnt die Gerechtigkeit.
Du bist, wie du bist:
Schön sind deine Namen.
Halleluja. Amen. Halleluja. Amen.


3. Wir halten uns bei dir,
in dir wohnt die Beständigkeit.
Wir sehnen uns nach dir,
in dir wohnt die Vollkommenheit.
Du bist, wie du bist:
Schön sind deine Namen.
Halleluja. Amen. Halleluja. Amen.
Text: Friedrich Karl Barth 1985
Melodie: Peter Janssens 1985


Fürbitte
Herr unser Gott, wir wissen: du begleitest uns.
Du gehst alle unsere Wege mit.

Und frei uns gehorsam sind deine Propheten den Weg gegangen,
den du ihnen gewiesen hast.
Sei auch bei denen, die jedes Risiko scheuen. Und bei denen, die sich unsicher fühlen, schwach und getrieben.
Deine Propheten haben Ungewohntes und Unerwartetes getan und sich hinweggesetzt über das Übliche. Wir wissen, auch wir können so manches. Gib uns die Hoffnung und den Mut dazu.

Bewahre uns vor den falschen Propheten bei uns.
Wo ein amerikanischer Präsident seine Lügenmärchen verbreitet, die Millionen Menschen lesen und glauben.
Wo es immer mehr gibt, die abschaffen wollen, was uns wichtig ist: Geschwisterlichkeit, Toleranz, ein offenes und tolerantes Miteinander.
Wo manche immer alles besser wissen, und gleichzeitig das Miteinander vergiften, weil es ihnen nur darum geht, vor anderen zu glänzen, wichtig zu tun, andere zurückzustellen.

Die Propheten heute, gnädiger Gott, echte Propheten. Zehntausende, Hunderttausende. Sie heißen heute Amelie und Bernd, Martina, Henriette oder Leon. Oder Ahmed, Shirin und Nikita.

Hilf uns, das Unmögliche zu sagen, Träume wachzuhalten, der Sinnlosigkeit zu wiedersprechen, die Angst auszuhalten, aufzustehen gegen alle Kräfte, die Menschen klein und stummmachen.

Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Segen
Der Herr segne Dich und behüte Dich.
Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über Dir und sei Dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf Dich und schenke Dir Frieden. Amen.

Gottesdienst am 02.08.2020 mit Video von Vikar Ingmar Bartsch

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar: https://youtu.be/NvgMxQOnUgA

 

Votum: Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Eingangsspsalm: 22, 2-6, 12, 20
2 Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich schreie, aber meine Hilfe ist ferne. 3 Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe. 4 Aber du bist heilig, der du thronst über den Lobgesängen Israels. 5 Unsere Väter hofften auf dich; und da sie hofften, halfst du ihnen heraus. 6 Zu dir schrien sie und wurden errettet, sie hofften auf dich und wurden nicht zuschanden. 12 Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe; denn es ist hier kein Helfer. 20 Aber du, HERR, sei nicht ferne; meine Stärke, eile, mir zu helfen!

Gebet:
Jesus Christus, unser Bruder und Freund, Licht der Welt und Salz der Erde hast Du uns genannt. Sei unser Verbündeter. Dann können wir unserem Zweifel an Gott und der Dunkelheit in unserer Seele Dein Licht entgegenhalten und verzagen nicht. Du bist unsere Hoffnung, jetzt und in Ewigkeit. Amen.

Lesung: Johannes 9,1-7
1 Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. 2 Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? 3 Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. 4 Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. 5 Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. 6 Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden 7 und sprach zu ihm: Geh zu dem Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.

Lied: EG+ 102 „Da wohnt ein Sehnen“
Refrain: Da wohnt ein Sehnen tief in uns, o Gott, nach dir, dich zu sehn, dir nah zusein.Es ist ein Sehnen, ist ein Durst nach Glück, nach Liebe, wie nur du sie gibst.
1. Um Frieden, um Freiheit, um Hoffnung bitten wir. In Sorge, im Schmerz – sei da, sei uns nahe, Gott. Ref.
2. Um Einsicht, Beherztheit, um Beistand bitten wir. In Ohnmacht, in Furcht – sei da, sei uns nahe, Gott. Ref.
3. Um Heilung, um Ganzsein, um Zukunft bitten wir. In Krankheit, im Tod – sei da, sei uns nahe, Gott. Ref.
4. Dass du, Gott, das Sehnen, den Durst stillst, bitten wir. Wir hoffen auf dich – sei da, sei uns nahe, Gott. Ref.

 

Predigt:
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

„Die Gesundheitsstadt“ - dieser kurze, griffige Werbeslogan beschreibt Bad Nauheim sehr gut und er ist überall in der Stadt zu finden. In den Kuranlagen, Rehazentren und Kliniken ist das Thema Gesundheit allgegenwärtig. Auch in unserer Dankeskirche ist das Motiv zu finden. Das Sprudelfenster auf der Südempore, (auf Ihrer rechten Seite) stellt eine biblische Geschichte dar, in der das heilende Wasser dominierend ist. Es ist die Heilung eines Blinden und wir finden dieses Motiv in der Bibel an mehreren Stellen. Auch im Predigttext für den heutigen Sonntag, den wir eben gehört haben – mit ein paar kleinen Unterschieden.

Das Sprudelfenster zeigt eine Heilung am Teich Bethesda, die heutige Blindenheilung spielt in der Nähe des Teiches Siloah. Beide Orte liegen in Jerusalem. Und natürlich lässt sich nicht vom Sprudelfenster auf die realen Verhältnisse der damaligen Zeit schließen. Trotzdem können wir uns diese Szene gut vorstellen. In den Zeilen vorher erfahren wir von einem Wortgefecht. Jesus und die religiösen Führer hatten im Tempel so hart diskutiert, dass in ihnen der Plan reifte, Jesus zu töten.

Vielleicht waren die Jünger gedanklich noch dabei, die Geschehnisse im Tempel einzuordnen, als schon die nächste Herausforderung auf sie wartet. Johannes schreibt: „Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war.“ Jesus sieht sich also nicht besorgt nach seinen Feinden um. Er versucht nicht, die Stadt auf schnellstem Wege zu verlassen. Er wendet sich sofort wieder der Not anderer Menschen zu. Doch seine Jünger beschäftigt etwas anderes. Sie fragen als erstes:

„Wer hat Schuld am Schicksal dieses blind Geborenen?“

„Wer ist Schuld daran, dass dieser Mann blind geboren wurde?“ Er selbst? Oder haben gar seine Eltern Schuld auf sich geladen? Wir zucken bei dieser Interpretation unweigerlich zusammen. Aber damals war das eine normale Schlussfolgerung. Wie fromm ein Mensch ist, machte man an seinen Lebensumständen fest. Man nennt das Tun-Ergehen-Zusammenhang. Wer ein gottgefälliges Leben führt, dem geht es gut. Und im Umkehrschluss heißt das: Wem es nicht gut geht, bei dem stimmt etwas mit dem Glauben nicht. Ich bin froh, dass wir diese Interpretation heute hinter uns gelassen haben.

Die Frage nach der dem Ursprung des Leides hingegen ist heute noch aktuell. Das scheint zu uns Menschen dazu zu gehören. Wer ist schuld an den Dingen, die uns widerfahren? Warum müssen wir durch schwierige Zeiten gehen, warum gibt es sinnloses Leid in dieser Welt? Diese Fragen fordern mich immer mal wieder heraus und so geht das auch anderen Menschen. Ich habe erst neulich wieder eine Diskussion zu diesem Thema in den Kommentaren unter einem digitalen Zeitungsartikel verfolgt. Erstaunlich, wie viele Leute sich da zu Wort melden.

Die Bibel hat kein geschlossenes Konzept, wo das Leid herkommt und was dessen Sinn ist. Vielmehr zeigt sie eine Vielzahl von Möglichkeiten auf, die sich aber durchaus widersprechen. Die Wurzel allen Übels kann man bei Adam und Eva und der Vertreibung aus dem Paradies suchen. In manchen biblischen Geschichten sind es Menschen, die sich gegenseitig Leid antun. Schuld und Sünde spielen sowohl im alten als auch im neuen Testament eine wichtige Rolle. Leid kann im alten Testament auch eine Strafe Gottes sein, wenn sich das Volk gegen ihn und seine guten Weisungen richtet. Bei Hiob lässt Gott tatsächlich selbst das durch Satan verursachte Leid zu. Gleichzeitig wächst Hiobs Gottesbeziehung in dieser Leidenszeit. In den Psalmen finden wir Klage bis hin zur Anklage, die oft ganz plötzlich zum Gotteslob wird. Vor allem die Psalmbeter vertrauen darauf, dass Gott das Leid wenden kann. Leid ist auch das Kennzeichen der noch unvollendeten Schöpfung.

An der Frage nach dem Leid haben sich Generationen von Theologinnen und Theologen die Zähne ausgebissen. Eng damit verknüpft ist ja auch die Frage, wie das Leid in der Welt und Gottes Gerechtigkeit und Gottes Güte zusammenpassen, also die so genannte Theodizefrage. Und auch die Jünger, die ja mit Jesus unterwegs waren, konnten die Frage nach dem Ursprung des Leides ganz offensichtlich nicht beantworten.

Ich persönlich denke, dass die Welt nicht schlüssig erklärbar ist und sich viele Dinge meinem Verstand entziehen. Ich kann zum Beispiel auch nicht erklären, weshalb es Liebe gibt. Manche Dinge sind für mein menschliches Gehirn zu groß. Deshalb gefällt mir auch der so genannte Kanzelsegen, der am Ende der Predigt kommt und in dem es heißt, dass der Friede Gottes höher ist, als alles menschliche Begreifen. Dieser Erklärversuch ist wie viele Dinge in meinem Glaubensleben in Bewegung und nicht in Stein gemeißelt. Ein weiterer Ansatz ist im strengen Sinne keine Erklärung für das Leid. Es ist eher eine Lösung. Leid fordert mich dazu heraus, es lindern. Es ist einfach da und wo es mir möglich ist, sollte ich etwas dagegen tun.

Das ist in dieser Heilungsgeschichte übrigens auch der Ansatz von Jesus. Seine Antwort auf die Frage der Jünger lautet kurz und bündig: „Es hat weder dieser gesündigt, noch seine Eltern, sondern, es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.“ Und dann – nach einer kurzen Bemerkung, dass die Zeit zum Handeln begrenzt ist – heilt er den Blindgeborenen. Jesus lenkt den Blick vom Problem weg hin zu einer Lösung. Er hält sich nicht mit der Schuldfrage auf, er handelt und heilt. Er blickt nicht in die Vergangenheit, er wendet sich in der Gegenwart dem konkreten Menschen zu. Und er lenkt den Blick au f die Zukunft. Weg vom Leid hin zum Heil und zum Leben, zur Hoffnung. Ob Gott das Leid zulässt – das bleibt offen. Sicher ist aber, dass er das Leben liebt.

Damit qualifiziert er übrigens die Frage nicht ab. Ich denke, dass Gott genau weiß, dass uns Menschen diese Frage beschäftigt. Gott kennt unsere Fragen und er kennt unser Leid. Er kennt unsere Zweifel. Schließlich ist er selbst Mensch geworden. Er weiß, wie verletzlich wir sind und wie verzweifelt wir sein können. Deshalb finden wir auch so viele unterschiedliche Ansätze zur Frage nach dem Leid in der Bibel. Ich halte das für einen Schatz, denn wir können bei Gott andocken, wenn wir die Welt nicht erklären können. Wir können sicher sein, dass Gott mit uns ist und unsere Gedanken kennt und ernst nimmt. Und dass er unseren Blick auf die Zukunft, auf das Leben und die Hoffnung ausrichtet.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alles menschliche Begreifen, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Lied: EG 396 „Wer nur den lieben Gott lässt walten“
1. Wer nur den lieben Gott lässt walten
und hoffet auf ihn allezeit,
den wird er wunderbar erhalten
in aller Not und Traurigkeit.
Wer Gott, dem Allerhöchsten, traut,
der hat auf keinen Sand gebaut.

3. Man halte nur ein wenig stille
und sei doch in sich selbst vergnügt,
wie unser's Gottes Gnadenwille,
wie sein Allwissenheit es fügt;
Gott, der uns sich hat auserwählt,
der weiß auch sehr wohl, was uns fehlt.

7. Sing, bet und geh auf Gottes Wegen,
verricht das Deine nur getreu
und trau des Himmels reichem Segen,
so wird er bei dir werden neu;
denn welcher seine Zuversicht
auf Gott setzt, den verlässt er nicht.

Fürbitten:
Gott, wenn wir an unsere Grenzen kommen und uns die Welt nicht mehr erklären können, suchen wir nach einem Schuldigen. Wir wünschen uns einfache Erklärungen. Doch oft führen diese in die Irre. Deshalb bitten wir Dich: Öffne uns die Augen und weite unseren Horizont. Richte unseren Blick auf die Zukunft und unsere Mitmenschen aus. Hilf uns, dass wir Leid lindern, wo es uns möglich ist.

Gott, die Pandemie hat die Welt noch fest im Griff. Wir hatten gedacht, nach ein paar Wochen ist alles vorbei und es gab deutliche Zeichen der Hoffnung. Aber nun steigen auch bei uns die Zahlen wieder und wir wissen nicht, wie sich die Situation entwickeln wird.

Wir bitten Dich: Sei bei den Kranken, den Einsamen und Verbitterten. Sei bei den Menschen, die vor großen Herausforderungen stehen und um ihre Existenz fürchten müssen. Wir bitten Dich: Herr erbarme Dich!

Gott, wir sorgen uns um den sozialen Frieden in unserem Land. Lass nicht zu, dass Menschen auf der Suche nach Schuldigen selbst Schuld auf sich laden. Lass extreme Positionen und Gewaltbereitschaft nicht zur Entfaltung kommen. Schenke in einem Klima zunehmender Polarisierungen Menschen, die aufeinander zugehen und trotz unterschiedlicher Meinungen respektvoll mit einander reden. Schenke den Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft Weisheit und gute Entscheidungen. Wir bitten Dich, erbarme Dich über unser Land und unsere Gesellschaft.

Und gemeinsam beten wir das Vaterunser.

Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Segen
Der Herr segne Dich und behüte Dich.
Der Herr lasse leuchten sein Angesicht über Dir und sei Dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf Dich und schenke Dir Frieden.

Rückmeldungen zu diesem Gottesdienst: bartsch@ev-kirche-bn.de oder 06033 79 60 527

Gottesdienst am 26.7.2020 von Pfarrer Rainer Böhm

Begrüßung
Jeder Sonntag hat in unserer Kirche ein eigenes Thema. Das Thema dieses Sonntags ist die Gemeinschaft, wie sie sich im Teilen zeigt: Im Teilen von Brot und Wein; im Teilen von Anteilnahme und Verantwortung. .. Verantwortung für andere – das lernen wir wohl in dieser Krise. Die Begegnung mit Gott führt in die Liebe; die Liebe führt in die Gemeinschaft des Teiles über alle Grenzen hinweg.

Psalm 107, 1 – 9
Danklied der Erlösten 1 Danket dem HERRN; denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich. 2 So sollen sagen, die erlöst sind durch den HERRN, die er aus der Not erlöst hat, 3 die er aus den Ländern zusammengebracht hat von Osten und Westen, von Norden und Süden. 4 Die irregingen in der Wüste, auf ungebahntem Wege, und fanden keine Stadt, in der sie wohnen konnten, 5 die hungrig und durstig waren und deren Seele verschmachtete, 6 die dann zum HERRN riefen in ihrer Not und er errettete sie aus ihren Ängsten 7 und führte sie den richtigen Weg, dass sie kamen zur Stadt, in der sie wohnen konnten: 8 Die sollen dem HERRN danken für seine Güte / und für seine Wunder, die er an den Menschenkindern tut, 9 dass er sättigt die durstige Seele und die Hungrigen füllt mit Gutem.

Gebet
So ist das,
Denn wir lieber aus dem Weg gehen
Sind dein Weg.
Die wir lieber nicht bei uns sehen möchten
Sind in deinem Blick.
Die wir nicht einladen wollen
Rufst du an deinen Tisch.
Die wir lieber nicht anhören wollen
Sind die Stimme, durch die du zu uns sprichst.
So ist das.
Und so bist du, überraschender, wunderwirkender Gott.
Amen

Lesung = Predigttext                 Lukas 9, 10 – 17          
Die Rückkehr der Zwölf. Die Speisung der Fünftausend 10 Und die Apostel kamen zurück und erzählten Jesus, wie große Dinge sie getan hatten. Und er nahm sie zu sich und zog sich mit ihnen allein in eine Stadt zurück, die heißt Betsaida. 11 Als die Menge das merkte, zog sie ihm nach. Und er ließ sie zu sich und sprach zu ihnen vom Reich Gottes und machte gesund, die der Heilung bedurften. 12 Aber der Tag fing an, sich zu neigen. Da traten die Zwölf zu ihm und sprachen: Lass das Volk gehen, dass sie hingehen in die Dörfer und Höfe ringsum und Herberge und Essen finden; denn wir sind hier an einer einsamen Stätte. 13 Da sprach er zu ihnen: Gebt ihr ihnen zu essen. Sie aber sprachen: Wir haben nicht mehr als fünf Brote und zwei Fische, es sei denn, dass wir hingehen sollen und für dieses ganze Volk Essen kaufen. 14 Denn es waren etwa fünftausend Männer. Er sprach aber zu seinen Jüngern: Lasst sie sich lagern in Gruppen zu je fünfzig. 15 Und sie taten das und ließen alle sich lagern. 16 Da nahm er die fünf Brote und zwei Fische und sah auf zum Himmel und segnete sie, brach die Brote und gab sie den Jüngern, dass sie dem Volk austeilten. 17 Und sie aßen und wurden alle satt; und es wurde aufgesammelt, was ihnen an Brocken übrigblieb, zwölf Körbe voll.

Predigt

Liebe Gemeinde,

ich stelle mir vor, Sie und ich wären dabei gewesen. Aber wo wäre dann unser Platz gewesen? Vielleicht als einer von den 5000 Menschen, irgendwo in dieser Menge, die wir uns in diesen Zeiten kaum vorzustellen können. Oder wenn, dann nur als eine Art Risikofaktor. – Oder können wir es uns vorstellen, an der Stelle Jesu zu sein? Einen ganzen Tag lang zu predigen und dann auch noch 5000 Menschen satt zu machen? Das kann ich mir nicht vorstellen und ich denke, es wäre auch vermessen.

Dann bleiben ja eigentlich nur die Jünger. Ich stelle mir also vor, Sie und ich wären dabei gewesen, als Jünger. Die Geschichte hätte für uns einen ganz und gar unerfreulichen Beginn gehabt. Denn wir haben anstrengende Tage hinter uns. In seinem Auftrag waren wir durch die Dörfer gezogen, haben gepredigt und sogar geheilt. Sie werden müde gewesen sein – so wie wir nach einer anstrengenden Woche. Dann brauchen wir Ruhe und müssen mal abschalten. Dann bin auch ich mal für niemanden zu sprechen. Ein anderer Pfarrer vertritt mich dann.

Und dann kommen da diese 5000 Leute. Kann ich denn nicht einmal ausruhen? Bitte – muss das denn nun auch noch sein? Und dann hätten Sie und ich zum ersten Mal gestaunt: Wie der müde Jesus sein und unser Ruhebedürfnis zurückstellt. ER redet und heilt und teilt sich aus. Da ist kein „kommt morgen wieder“. Anstrengend ist das mit diesem Jesus, das dämmert uns jetzt.

Wir hätten beobachtet, wie die Sonne so langsam untergeht, es etwas kühler wird – und bald hätten wir nur noch mit einem halben Ohr zugehört. Ich kenne das: wenn der andere einfach kein Ende finden kann. Die Unruhe, die dann aufsteigt, das Gefühl, es reicht, man muss doch jetzt mal die Realitäten sehen. Und irgendwann hätten wir dann mit den anderen vor Jesus gestanden und gesagt: „Herr, lass gut sein. Bald kommt die Nacht, sie haben nichts zu essen dabei, lass sie nach Hause gehen.“ Denn im Sorgen für andere – da sind wir gut. Da wissen wir, was für sie gut ist. Und dann wären wir zum zweiten Mal überrascht gewesen. Denn Jesus denkt gar nicht daran, aufzuhören: „Lasst uns doch gemeinsam zu Abend essen. Gebt ihr ihnen zu essen!“

Wie bitte!! Wir mit diesen wildfremden Menschen, die uns unsere wohlverdiente Ruhe gestohlen haben! Sind wir denn hier für alles und alle verantwortlich? Und sowieso: wir haben gerade mal fünf Brote und zwei Fische – für uns! Selber bezahlt. Außerdem haben dann alle nicht genug und keinem ist geholfen.  Aber dann hätten wir es geschafft und unsere Überraschung versteckt und schnell ein Hilfsprogramm aufgestellt: wir gehen los und kaufen noch mehr. Viel Arbeit für 5000 Menschen, aber irgendwie zu schaffen, Spendenaktion starten!

Aber nein, wir sollen aus der Menge Gruppen machen, damit sich die Menschen sehen und kennenlernen, nicht immer nur nach vorne schauen. Also hört auf, von den Geflüchteten zu reden, von den im Mittelmeer ertrunkenen – sie alle haben Namen, haben Familien, haben eine Geschichte. 5000 Gemeindemitglieder sind viele und keine, wenn kaum einer den anderen kennt. Bildet Kleingruppen!

Und dann hätten wir gesehen, wie er unser Brot nimmt und für das bisschen auch noch dankt und es uns dann gibt, das, was uns zugestanden hätte und dazu sagt: „Gebt es weg! Behaltet nichts zurück! Vertraut auf Gott, der aus wenig viel machen kann. Vertraut auf die Menschen, die sehen ihr gebt alles und behaltet nur eure leeren Hände.“ Und dann hätten wir wieder über uns selbstgestaunt, wie wir alles weggegeben hätten ohne an uns selbst zu denken. Wie wir uns eingesetzt hätten für andere, ohne nach ihrem Alter und ihrer Herkunft zu fragen oder nach unserer Zeit. Dass alle eine Zukunft haben miteinander, dass alle Menschen eine Gemeinschaft sind, auch die die anderen, von denen wir denken, sie gehören nicht dazu, weil sie anders aussehen, eine andere Religion haben, eine andere Bildung, komisch sind.

Wie die Träumenden haben sie wohl damals gehandelt: ausgeteilt, was ihnen gehörte, und nichts zurückbehalten. Und haben so das Reich Gottes vorweggenommen. Und es wurden alle satt! Wurde das Brot mehr? Oder lassen sich 5000 anstecken von dem Vertrauen der Jünger? Holten aus den Jackentaschen und Beuteln ihre heimlichen Vorräte, ihren vorsorglichen Proviant und gaben selbst alles weiter und empfingen und gaben auch? Aber dann wäre das ja gar kein Wunder gewesen, meinen Sie? Sind Sie sich da sicher? Wäre es nicht auch ein Wunder, dazu verwandelt zu werden?

Zwölf Körbe blieben übrig, jeder von uns stand an einem Korb. Und ich brauche mir gar nicht mehr vorzustellen, wir wären dabei gewesen – wir sind dabei! Jeder von uns steht an einem solchen Korb. Darin ist das was wir brauchen und viel mehr: an Geld, Zeit, Kraft, Brot. Alles wurde uns von Gott hineingelegt. Und Gott glaubt auch an uns: dass wir verteilen, wie sie damals zu verteilen gelernt haben. An Menschen, die brauchen, was wir haben. Denen der Magen knurrt, die Seele hungert, die Zukunft und das ganze Leben verbaut ist.  Lernen, darauf zu schauen, Gerechtigkeit herzustellen zwischen Arm und Reich, Nord und Süd, den Rassen und Geschlechtern. Gott vertraut uns. Dass wir seine Schöpfung retten, dass wir alles tun, damit alle genug haben zu leben, für Körper und Seele.

Es ist nicht nur so, dass wir an Wunder glauben und auf Wunder hoffen: Auch Gott glaubt daran: dass wir ihm vertrauen und denen, die uns so brauchen wie die Hungernden das Brot.
Amen

Guter Gott,
wenn wir einen Glauben hätten, der sogar Berge versetzen kann –
was wäre das ohne die lebendige Liebe zu anderen und zu uns selbst.
Wir haben dir für vieles zu danken.
Wir können erzählen, wie schön die Welt ist;
Unser Leben wurde bis heute bewahrt;
Uns ist gelungen, was eigentlich so schwer erschien.
Wir danken dir für die guten Nachrichten und für deine gute Nachricht.
Wenn wir ausruhen dürfen,
wenn Gedanken uns weiter helfen.

Du hast uns so vieles geschenkt.
Wir wollen unsere Hände öffnen
Und denen helfen, die uns brauchen,
und abgeben, was andere nötig haben.
Gott, lass uns lernen zu teilen:
Unsere Zeit, unsere Kraft,
unsere Liebe, unsere Geduld,
auch unseren Glauben an dich lass uns teilen mit anderen.

Vater Unser

Segen

Gottesdienst am 19.7.2020 von Pfarrerin Susanne Pieper

Vorspiel

Ich begrüße Sie und Euch alle herzlich zu diesem Gottesdienst. An diesem 6. Sontag nach Trinitatis erinnern wir uns in besonderer Weise an die Taufe. Dazu passt der biblische Spruch der neuen Woche besonders gut. „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein!“

Gott auch uns bei unserem Namen gerufen. Mit unserer Taufe hat er eine Geschichte mit uns begonnen, mit jeder und jedem von uns.  Darin ist ein großer Segen verborgen.

Lasst uns den Gottesdienst feiern im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.  Amen.

Psalm 111

Halleluja!

Ich danke Gott von ganzem Herzen im Kreise der großen Gemeinde.

Groß sind die Werke des Herrn; wer sie erforscht, hat Freude daran.

Gnädig und voller Zuwendung ist Gott, ewig gedenkt er an seinen Bund.

Heilig ist sein Name.

Die Ehrfurcht vor dem Herrn ist der Anfang der Weisheit.

Klug ist, wer sein Leben nach Gottes Geboten ausrichtet.

Sein Lob bleibt für alle Zeit.

Gebet

Gütiger Gott, von allen Seiten umgibst du uns. Du hast uns im Leib unserer Mutter gebildet, du hast uns beim Namen gerufen, als wir dich noch nicht kannten. Durch die Taufe wissen wir, dass wir deine Kinder sind. Dafür loben wir dich!

Hilf uns, auch heute deine Stimme zu hören: als Wegweisung und Hilfe, als dein aufrichtendes Wort.

Herr, segne uns diesen Gottesdienst.

Amen.

EG 449,1.4 Die güldne Sonne

Schriftlesung aus dem 5. Buch Mose 7

„Ihr seid ein heiliges Volk, ihr gehört ganz eurem Gott. Er hat euch aus allen Völkern der Welt zu seinem Eigentum erwählt. Das hat er nicht getan, weil, ihr etwa größer wäret als die anderen Völker. Ich seid ja das kleinste von allen Völkern. Sondern weil er euch geliebt hat und weil er das Versprechen halten wollte, das er euren Vorfahren gegeben hat. Darum hat er euch aus der Sklaverei in Ägypten herausgeholt. So erkennt doch: Euer Gott ist allein Gott und er ist treu! Über tausende von Generationen steht er zu seinem Bund und erweist allen seine Barmherzigkeit, die ihn lieben und sich an seine Gebote halten. Darum lebt nach den Weisungen und Geboten, die ich euch heute gebe. So wird der Herr euch lieben und segnen.“

Ansprache

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn und Bruders Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Liebe Gemeinde, die Worte, die wir eben gehört haben, sind die Grundlage der Predigt heute, und Sie finden Sie zum Nachlesen auch auf unserem Gottesdienstblatt. Zu Beginn möchte ich Sie heute einladen zu einem kleinen Ausflug.  Einem Ausflug in die Zeit, als dieser Text entstanden ist.

Wir schreiben ungefähr die Jahre zwischen 700 und 650 vor Christus. Alles spielt sich auf dem Gebiet des heutigen Israel und Palästina ab. Zwei Reiche gab es dort einst: Das Nordreich mit seiner Hauptstadt Samaria und das Südreich, mit seiner Hauptstadt Jerusalem. Im Jahr 720 v.Chr.  gab es einen großen Angriff auf das Nordreich: das mächtige Volk der Assyrer kam und eroberte das Reich des Nordens. In der Folgezeit kam es zu einem Austausch, einem Austausch der Eliten. Die „oberen Zehntausend“ des Nordreiches Israel wurden nach Assyrien verschleppt, und im Gegenzug kam eine große assyrische Führungsschicht ins Gebiet des Nordreiches. Auf diesem Weg wurde die Struktur des Landes zerstört. Die zweite Folge war, dass auch die religiöse Identität des Volkes verloren zu gehen drohte. Gleichgültigkeit zog ein. Das Volk drohte, seinen Glauben, seine religiöse Verwurzelung zu verlieren. Das sah der König des Südreiches, Josia, sehr genau. Seine Berater machten ihn darauf aufmerksam, dass der Glaube Israels durch den Einfluss Assyriens bald eingeschmolzen sein könnte im großen Schmelztiegel der assyrischen Kultur. Und darum schrieben sie die alten Worte des Anführers Mose noch einmal neu auf für die Menschen ihrer Zeit. Das Volk Israel sollte sich wieder seines besonderen Wertes und seines Auftrags bewusstwerden. „Hört“, schrieben sie, „was Mose gesagt hat: ihr seid für Gott ein heiliges Volk. Er hat euch erwählt. Haltet seine Weisungen, seine Gebote. Dann werdet ihr leben!“

Eine Rede also, die das Volk vor seiner inneren Auflösung bewahren sollte. Die Israeliten werden daran erinnert, dass sie von einer großartigen Geschichte herkommen. Dass Gott sie befreit hat aus der ägyptischen Sklaverei. Und ihnen den Bund und die Gebote geschenkt hat.

Gerade diese Berufung Gottes aber liegt nicht nur in der Vergangenheit; sie gilt genauso für die Gegenwart und für die Zukunft; denn wenn die Menschen auf Gottes Gebote achten, dann bauen sie an einer größeren Gemeinschaft.  Einer Gemeinschaft, in der sich jeder einzelne geborgen weiß. Ohne sie wird das Volk nicht überleben. A n ganz zentraler Stelle heißt es hier: „Ihr seid ein heiliges Volk, Gott hat euch zu seinem Eigentum erwählt.“

Ich habe mich oft gefragt, was es eigentlich mit der Erwählung auf sich hat. Wie man sie verstehen soll.

-Klar ist auf jeden Fall, dass es kein menschliches Verdienst ist, erwählt zu werden. „Gott hat es nicht getan, weil ihr etwa größer wäret als die anderen Völker“, sagt Mose in dieser Rede. Oft scheint es vielmehr so, dass Gott gerade auf die Kleinsten oder Jüngsten blickt: David, der spätere König, ist der jüngste von sieben Brüdern. Mose, der Anführer, ist einer, der nicht einmal gut reden kann.

- Erwählung ist auch kein Freibrief, nun einfach tun und lassen zu können, was man will. Ein Egoshooter zu werden und über alle Stränge zu schlagen. Gott einfach einen guten Mann sein lassen. Das zeigen allein schon die mahnenden, kritischen Stimmen der Profeten in Israels Geschichte.

- Nein, Erwählung ist kein Privileg ohne Folgen. Es ist Beauftragung, Verpflichtung. Das Volk Israel empfängt die Thora, die Weisungen zum Leben. Und es soll ein Beispiel dafür geben, dass die Gebote dem Leben dienen. Das ist seine Aufgabe.  Ein Vorbild sein, ein Licht für die Völker.

Gott schreibt seine Geschichte mit den Menschen. Mit Abraham und Sara, mit Mose, Miriam und Aaron.  Mit seinem Volk. Menschen werden von ihm berufen und mit einer Aufgabe betraut.