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Geistliches Wort

Susanne Pieper, KernstadtSusanne Pieper, Kernstadt

Unsere Pfarrerinnen und Pfarrer kommen hier im Wechsel zu Wort. Somit können Sie sich als Leser aus unterschiedlichen Perspektiven der Kirchengemeinden in unserer Stadt und deren Ortsteilen anregen lassen.

Ich werde da sein

Die momentane Krise hat das Leben von uns allen massiv verändert. Das öffentliche Leben ist nach wie vor weitgehend lahmgelegt. Kitas und Schulen haben für viele Kinder und Jugendliche geschlossen, und erst ganz langsam fährt die Wirtschaft wieder an. Diese Zeit ist „eine gewaltige Herausforderung für die Bürger und alle Ebenen des Landes, für die es keinerlei Vorgabe gibt“ (Angela Merkel). Wir befinden uns in einer Zeit des Übergangs, die wir uns vor wenigen Wochen noch nicht hätten vorstellenkönnen. „Die Welt wird danach eine andere sein“ (Frank-Walter Steinmeier), und wir wissen jetzt noch nicht genau, welche Veränderungen es geben wird. Auch wir selbst werden nicht mehr dieselben sein wie vorher. Frühere Generationen haben solche Zeiten „Wüstenzeiten“ genannt, Lebensphasen, die unwirtlich, herausfordernd und auch bedrohlich sind. Das sind Krisenzeiten, in denen es sich zeigt, was uns wirklich wichtig ist und in welche Richtung sich unsere Gesellschaft entwickeln wird.

In der biblischen Tradition ist die Wüste der Ort der Verwandlung und der Konzentration auf das Wesentliche. Der Prophet Elia, Johannes der Täufer und Jesus Christus entdecken in ihrer Wüstenzeit, was sie wirklich zum Leben brauchen, wie ihr Auftrag aussieht und was Gott von ihnen will.

Die Wüstenzeit unserer Gegenwart ist auch die Zeit der erzwungenen Pause. Es ist entscheidend, diese Zeit zu nutzen, um auf die Visionssuche zu gehen. Wie soll unsere Gesellschaft künftig aussehen? Welche Werte sind uns wichtig?

Da beugt sich eine alte Dame über den Rand ihres Balkons und unterhält sich angeregt mit ihrem Nachbarn, einem jungen Vater, der auf der Haustreppe sitzt und sein Kind sicher im Auge hat. Da gibt es auf der anderen Straßenseite einen ausführlichen Austausch über den Gartenzaun hinweg. Da lächeln sich fremde Menschen über den Rand ihrer Masken hinweg freundlich an. Da bedanken sich Angehörige mit einem Blumenstrauß für den Dienst der Pflegekraft. Da schenken Kunden der Kassiererin einen kleinen Obulus für ihre alltägliche Arbeit. Menschen überlegen, ihre Arbeit mit anderen zu teilen, um auch so der Arbeitslosigkeit entgegenzuwirken. Wir begreifen jetzt ganz neu, dass wir nicht von Geld allein leben, sondern ebenso von Wertschätzung, Teilhabe, Zeit, sozialen Begegnungen, Dankbarkeit und Demut.

Wüstenzeit ist Zeit der notwendigen Suche nach ethischer Orientierung. In der Wüste, am Berg Sinai, werden dem Volk Israel die Zehn Gebote gegeben, damit es sein Zusammenleben inmitten aller Konflikte friedvoll und in Ehrfurcht vor Gott gestalten kann. „Ehre deinen Vater und deine Mutter“ – dieses 4. Gebot aus dem Zweiten Buch Mose ist ursprünglich an erwachsene Menschen gerichtet, nicht an Kinder! In unseren Tagen, in denen gerade die Ältesten unserer Gesellschaft durch die Pandemie in ihrer Existenz bedroht sind, springt die Aktualität dieses Gebotes förmlich ins Auge. Die Menschlichkeit unserer Gesellschaft ist genau daran abzulesen, wie wir mit den verletzlichsten Gliedern unserer Gemeinschaft umgehen. Genau hier entscheidet es sich, ob uns im Zusammenleben Solidarität, Rücksichtnahme, Empathie und Nächstenliebe leiten oder ein gnadenloser Sozialdarwinismus. „Wie ist denn dein Name?“ fragt Mose, als Gott ihm den Auftrag gibt, sein Volkdurch die Wüste in ein neues Land zuführen. „Ich werde da sein. Das ist mein Name“, antwortet Gott ihm aus dem Dornenbusch. Und Mose zieht los mit seinem Volk. Gott wird auch heute und morgen da sein, wenn wir durch unsere Wüstenzeit gehen. Darauf dürfen wir unser tiefes Vertrauen setzen. Davondürfen wir uns leiten lassen. Das will uns mit Freude erfüllen. Und mit dieser Zusage können wir zuversichtlich einen jeden unserer Schritte gehen.

Ihre und eure Pfarrerin Susanne Pieper

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