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Geistliches Wort

Dr. Ulrich Becke, KernstadtDr. Ulrich Becke, Kernstadt

Unsere Pfarrerinnen und Pfarrer kommen hier im Wechsel zu Wort. Somit können Sie sich als Leser aus unterschiedlichen Perspektiven der Kirchengemeinden in unserer Stadt und deren Ortsteilen anregen lassen.

Pfingsten

Meine Redaktionskollegin zog eine Augenbraue hoch. „Also Begeisterung sieht anders aus“, stellte sie trocken fest. „Oder sind Sie gerade geistig abwesend?“ Ich starrte sie einige Sekunden mit ratlosem Gesichtsausdruck etwas entgeistert an.

„Nein, überhaupt nicht, aber Ihr Vorschlag kam so überraschend. Ich meine, ich bin ja nun eigentlich Geistlicher und kein Journalist, dem so spontane kreative Anforderungen nicht gleich auf den Geist gehen. Aber lassen Sie mich trotzdem einmal darüber nachdenken.“ „Das klingt ja schon besser“, lenkte sie schon etwas freundlicher ein. „Ich weiß ja aus der Vergangenheit, dass Sie gelegentlich schon mal ganz geistvolle Artikel für unseren Gemeindebrief verfasst haben. Ich will ja kein Quälgeist sein, aber wir brauchen dringend noch was für unsere neue Aus-gabe. Am besten möglichst bald, heute Abend noch, bevor die Kirchturmuhr die Geisterstunde einläutet! Na sehen Sie, nun lächeln Sie ja schon wieder!“

Ein Dialog aus unserer Gemeindebriefredaktion, liebe Leserinnen und Leser, der so nie stattgefunden hat. Realer Kern: der Vorschlag einer Redaktionskollegin an mich, sich doch einmal mit dem Wort- und Sinnumfeld des Begriffs „Geist“ auseinanderzusetzen.

Da gäbe es ja auch noch den Weingeist, der in kirchlichen Arbeitskreisen eine eher untergeordnete Rolle spielt. Den Geist, der stets verneint, etwa in Kirchenvorständen schon öfters anzutreffen.

Ja, und jetzt fällt hoffentlich der Groschen bei Ihnen: Es gibt ja auch noch den Heiligen Geist, der im Zentrum der Pfingstbotschaft steht und dessen Ungreifbarkeit oder schwierige Visualisierung (Taube? Feuerzunge?) sicher ein Grund dafür ist, dass es (Gott sei Dank!) keine speziellen Pfingstsonderangebote oder Schaufenster- und Kaufhausdekorationen zu diesem Hochfest gibt.

Nun weht ja der Geist, wo er will, und manchmal eher zu selten in unseren Gemeinden und Dekanaten.

Die Kathedrale Notre Dame ist unlängst angesichts der Brandkatastrophe im Mittelpunkt des Interesses gewesen. Dort hatte ich vor vielen Jahren einmal ein ausgesprochenes Pfingsterlebnis. Da meine rudimentären Sprachkenntnisse allenfalls zum Entziffern von Speisekarten ausreichen, folgte ich dem Pfingstgottesdienst in Notre Dame damals am intensivsten in seinen musikalischen Passagen, bis mich eine Lesung ins Mark traf, wo vom „Saint Esprit“ die Rede war. Der Heilige Geist als Heiliger Esprit, für den der Duden als Alternativbegriffe nennt: Scharfsinn, Schlagfertigkeit, Witz. Ein Geist, der Heiterkeit versprüht und Lebenslust, der mitreißt und lächeln macht, der geistreich zündet.

Für mich ein Moment, den ich heute noch als befreiend empfinde und erinnere und der mein Verhältnis zum pfingstlichen Hochfest bis heute geprägt hat.

Ich wünsche Ihnen allen geistreiche und geistvolle Pfingsten. Möge Sie alle der Saint Esprit anrühren.

Pfr. Dr. Ulrich Becke

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