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Geistliches Wort

Rainer Böhm, KernstadtRainer Böhm, Kernstadt

Unsere Pfarrerinnen und Pfarrer kommen hier im Wechsel zu Wort. Somit können Sie sich als Leser aus unterschiedlichen Perspektiven der Kirchengemeinden in unserer Stadt und deren Ortsteilen anregen lassen.

„Meine Hilfe kommt von dem HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat. Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen; und der dich behütet schläft nicht“ (Ps 121, 2).

Die Mondfinsternis in den Sommerferien werde ich so bald nicht vergessen. Eigentlich waren wir nahezu unvorbereitet. Aber meine Frau saß versehentlich schon einen Abend vorher auf dem Balkon und wunderte sich, dass nichts geschah – daher traf sie uns dann am folgenden Tag nicht mehr so überraschend. Nachbarn liefen wie zu Silvester auf den Johannisberg, andere fuhren zum Glauberg, um dann dort im Stau zu stehen. Wir gingen nur vor zu den Salinen, mit Blick auf Friedberg. Und da war er, der rote Vollmond im Kernschatten der Erde. 

Mir war die fast andächtige Stimmung aufgefallen. Auf der Wiese saßen Jugendliche, überall waren Menschen unterwegs – aber ruhig, sodass man sie in der Dunkelheit erst im letzten Moment sah. Das Naturereignis selbst war ja auch still. Später saßen wir mit kühlem Wein auf dem Balkon, als die Sonne  wieder Teile des Mondes beschien. Er schien genau in unsere Straße. Erst 2123 wird das wieder so ausgeprägt zu sehen sein.

Ich dachte an die ‚Zeit‘: Wo wir jetzt über etwas Erklärbares staunen, löste ein solches Ereignis in früheren Zeiten Angst und Schrecken aus und wurde religiös verstanden. Der Mondgott war einmal der Gott der Zeiteinteilung. Der babylonische Gott Sin wurde mit dem Zahlzeichen 30 geschrieben. In ihren Attributen verweisen die alten Mondgottheiten auf die drei Mondphasen, die auch für das Wachstum des Fötus stehen  in der alten Mythologie, auf die Beziehung zu Wasser und Gezeiten, auf diejenige zwischen Mondzyklus und weiblichem Zyklus, auf das Werden und Vergehen. 

Der biblische Gott hat Himmel und Erde geschaffen. Er löst die Einzelgottheiten Ägyptens und Babyloniens ab. Mit der Vorstellung des Schöpfergottes entsteht im Judentum der Monotheismus der abrahamitischen Religionen, der den alten Polytheismus ersetzt. Aber in manchen Elementen des Christentums scheint die alte Mythologie noch auf: Wenn sich z.B. in der Todesstunde Jesu Sonne und Mond verfinstern, dann zeigt es, dass Gott über die Gestirne gebietet. Und die katholische Tradition kennt die Darstellung Marias auf der Mondsichel stehend – die Mondsichelmadonna, die zurückgeht auf einen Vers in der Offenbarung des Johannes (Off. 12, 1).

Die nächste vergleichbar lange Mondfinsternis gibt es  erst in 105 Jahren. Wir  werden sie nicht mehr erleben. Die Kinder unserer Kinder vielleicht, und sicherlich deren. Die Häuser in unserer Straße werden hoffentlich noch stehen. Es werden ganz andere Menschen hier wohnen. Ich habe in meiner Lebensspanne ja schon erlebt, wie sich das  Bild einer Straße  verändert und selbst Familienhäuser immer wieder nur ein befristetes  Lebenskonstrukt sind.

Schon lange ist Gott kein Lückenbüßer mehr für uns, die Naturwissenschaft hat die Welt entzaubert und erklärt – auch wenn viele Fragen offen bleiben. Religion hat es heute mit mündigen Menschen zu tun und es gilt, Wissenschaft und Glaube unter einen Hut zu bringen. Gott  will uns mitten in unserem Leben begegnen, nicht erst in Krankheit und Tod – er hält an uns fest und begleitet uns durch unsere Zeit, wenn wir bereit sind mit ihm zu rechnen und ihn so für uns annehmen können, so wie er uns in Jesus begegnet. 

Die reine Wissenschaftsgläubigkeit ist für mich die falsche Alternative. Denn es gibt doch das Unerklärbare, das, wofür es keine Worte und Formeln gibt. „Die Geheimnislosigkeit des modernen Lebens ist unser Verfall und unsere Armut. Geheimnislos leben heißt, die entscheidenden Vorgänge des Lebens gar nicht sehen.“ (Dietrich Bonhoeffer). 

Daran hat mich die Mondfinsternis erinnert, an die Zeitdimension unseres Lebens, seine Geheimnisse und meinen Wunsch, mich aufgehoben zu fühlen zu dürfen bei dem Gott, der in Jesus unser endliches Leben überwunden hat.

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