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Andachten in der Corona-Zeit

Die Pfarrerinnen und Pfarrer der Bad Nauheimer Kirchengemeinden erstellen seit Beginn der Corona-Pandemie Andachten für die Homepage. Hier ist das Archiv.

′Gewalt′ am 16.9.2020 von Rainer Böhm

Gewalt

Es war wohl ein Jahr nach der großen Rede Martin Luther Kings. Ich war etwa 8 Jahre alt. Da kam ein Junge in unsere Klasse, der Kaltofen hieß, seinen Vornamen habe ich nicht behalten. Der rannte aus der Klasse weg, bespuckte uns, roch schlecht. Und eines Tages begann er, auch noch nachmittags, auf der Wiese vor der Wohnung meiner Großeltern, meine Kreise zu stören. Erst ärgerte er mich am Sandkasten, wo ich spielte, dann nahm er mir meine Spielsachen weg. Irgendwann begann er, auf mich einzuschlagen. Ich weinte und er machte sich lustig über meine Angst und mein Gehampel.

Dann kam meine Oma mit ins Spiel. Wie ein Erzengel stand sie auf dem Balkon ihrer Parterrewohnung, sie schimpfte und rief – aber nicht ewa, um diesen Kaltofen zu vertreiben. „Wenn Du Dich nicht wehrst und dem eine runterhaust, dann sollst Du mal sehen! Dann bekommst Du sie hinterher auch noch von mir!“

Meine Großmutter war für mich immer wie eine gute Mutter. Nur dieses eine Mal war sie hart und streng und unerbittlich. Ich habe Kaltofen aus Angst vor ihr dermaßen vermöbelt, dass er sich nie wieder auf meine Wiese und in die Nähe meines Sandkastens traute. Ich sehe ihn noch, wie er davon humpelte vor 55 Jahren – und ich muss gestehen:  Ich habe ein gutes Gefühl dabei. Aber ich weiß – diese Situation lässt sich nicht verallgemeinern.

Ohne Nachdruck und Gewalt wären die Händler noch im Tempel und die Nazis in Berlin. Und ich sehe daraus: Wir alle sind irgendwie in Gewaltverhältnisse verstrickt. Gewalt hat viele Ausdrucksformen. Es kann der falsche Nachdruck sein, mit dem wir unseren Kindern begegnet sind. Unsere nicht kontrollierten sadistischen Wesenszüge und die Lust, schwächere zu unterdrücken und zu maßregeln. Es ist aber auch die Notwendigkeit, in Schule oder Kindergarten klare Verhältnisse zu schaffen oder den Schwächeren gegen die Stärkeren beizustehen. Und es sind die Lebensverhältnisse in kleinen Wohnungen ohne Grünflächen, ohne ausreichende Versorgung, Bildung, ein eigenes Zimmer. Man nennt es strukturelle Gewalt. Frieden zu stiften – das hat viele Aspekte.

Pfarrer Rainer Böhm Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim
Mail: Boehm@ev-kirche-bn.de
Tel: 06032 – 2908

′Salz′ vom 2.9.2020 von Ingmar Bartsch

Die Würze im Leben

Vor einigen Wochen habe ich mir eine Packung Himalayasalz gekauft. Auf der Rückseite stand unten in winziger Schrift: Mindestens haltbar bis Dezember 2023. So ein Glück, dachte ich mir: Millionen Jahre lag das Salz in der Erde. Und jetzt, kurz bevor es verfällt, wurde es noch schnell abgebaut.

Nun liegt das Salz zu Hause in meinem Salzstreuer. Millionen Jahre alt, abgebaut in den höchsten Bergen der Erde. Eine majestätische Vorstellung. Ich begeistere mich für dieses Detail in meiner Küche. Plötzlich strahlt das Himalayasalz eine meditative Ruhe aus. Mein Salzstreuer wird zu einem Schatzkästchen. Das Salz erinnert mich daran, dass Dinge Zeit brauchen. Dass sie Ruhe brauchen. So wie ich und meine Mitmenschen im stressigen Alltag.

Doch das Salz wird nicht lange im Salzstreuer bleiben. Es wird gebraucht. Für mein Frühstücksei am Sonntag, wenn es goldgelb auf den duftenden Brötchen zerläuft. Es wird gebraucht für die Spaghetti, die wir am Samstag nach der Radtour schnell zubereiten. Für den bunten Salat unter der Woche. Denn ohne Salz schmeckt alles fad.

Auch in Bezug auf das Leben sprechen wir manchmal von der Würze. Gemeint sind die spannenden Phasen, voller Aktivität. Und ein aktives, spannendes Leben, das wünschen wir uns. Das volle Leben eben. Das volle Leben, das kann also etwas mehr Action sein, wenn der Alltag fad ist. Das Salz im Leben. Das volle Leben kann aber auch die Ruhe sein, die mir beim Gedanken an Millionen Jahre altes Salz vor Augen ist. Das volle Leben ist wohl vor allem die gute Mischung aus beidem.

Vikar Ingmar Bartsch, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

Mail: bartsch@ev-kirche-bn.de
Tel: 06033 79 60 527

′Wunderbar geschaffen′ am 26.8.2020 von Susanne Pieper

Die Zahlen steigen wieder.

Das ist eine Nachricht, auf die ich in diesen Tagen allzu gern verzichtet hätte. Und entgegen aller Querdenkerei halte ich fest: Fahrlässig ist, wer diese Nachricht ignoriert. Verantwortungslos ist, wer das verharmlost. Egoistisch ist, wer das nicht wahrhaben will.

Es war schon so schön, die Lockerungen genießen zu können, und ich möchte sie auf keinen Fall aufs Spiel setzen! Allein schon um der wichtigen Begegnungen willen, die von Angesicht zu Angesicht wieder möglich sind.

Maske tragen ist blöd. Und auch etwas anstrengend. Ja. Aber mit den Langzeitfolgen leben zu müssen, ist ungleich blöder und würde die Lebensqualität massiv einschränken.

Ist Ihnen in der letzten Zeit übrigens auch aufgefallen, wie viele wertvolle Informationen wir in diesen Wochen über unseren Körper bekommen, wenn wir die Zeitung lesen oder die Nachrichten sehen? Über seine inneren Zusammenhänge, über unser Immunsystem, über die Lungen, das Herz und das Gehirn, über Geschmacks- und Geruchsnerven?

Das ist wie ein unerwarteter, überraschender Biologieunterricht, gratis und wie nebenbei auf dem Wege angeboten. Unser Körper - das ist eine unglaubliche Kostbarkeit, in der wir zuhause sein dürfen. Wir lernen neu, wie wenig selbstverständlich es ist, dass er Tag für Tag so fantastisch funktioniert. Dass wir atmen können, ohne es zu steuern, dass unser Herz von allein schlägt, dass wir wieder aufwachen und jeden neuen Morgen begrüßen können.

Manchmal geschieht es dann ganz überraschend, dass das eigene Erstaunen darüber sich in einen Dank verwandelt. In einen Dank dem gegenüber, der die unsichtbare Quelle allen Lebens ist, der uns und diese Welt ins Dasein gerufen hat.

David, der antike Liederdichter des Volkes Israel, hat dafür zutiefst berührende Worte gefunden. Sie finden sich im 139. Psalm in Vers 14, und sie sind zum Leitspruch dieses Monats August ausgewählt worden:

„Ich danke dir, dass ich wunderbar geschaffen bin. Wunderbar sind deine Taten. Das erkennt meine Seele sehr.“

Pfarrerin Susanne Pieper, Ev. Kirchengemeinde Bad Nauheim, 06032 / 340 771

pieper@ev-kirche-bn.de

′Heute ist ein besonderer Tag′ am 19.8.2020 von Ingmar Bartsch

Heute ist ein besonderer Tag

Mein Vater hat einen Kalender mit Fest-, Feier- und Gedenktagen. Manchmal schreibt er uns morgens eine Nachricht wie: „Herzlichen Glückwunsch zum internationalen Tag der Hängematte!“ Und jedes Jahr am 23. Juli gratuliert er uns zum Weltpilgertag.

Es gibt viele solcher Gedenktage. Manche sind sinnvoll, manche sind eher zum Schmunzeln. Am 26. August ist der Tag des Toilettenpapiers. Letztes Jahr hätte ich das mit einem amüsierten Lächeln quittiert – in diesem Jahr werde ich ihn wohl mit Ehrfurcht begehen. Diese Andacht erscheint am 19. August, dem Weltfototag und dem Tag der Haarschleife. Am 24. August ist der Welttag der schrägen Musik und am 25. August ist der Tag der Konservendose.

Wenn ich morgens aufwache, dann habe ich nicht immer Lust auf den Tag. Vor allem, wenn er ausrechenbar alltäglich werden könnte. Und dann wünsche ich mir, dass etwas Besonderes meinen Tag bereichert. Und diese menschliche Sehnsucht drückt sich in den Jahrestagen aus.

Gott sagt uns zu, dass jeder Tag etwas Besonderes ist. Denn jeder Tag ist von ihm und wir dürfen jeden Tag neu aus seiner Hand nehmen. Deshalb heißt es in Psalm 118, 24: „Dies ist der Tag, den der Herr macht; lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein.“ So ist jeden Tag der Welttag Gottes. Ein besonderer Tag. Ein Grund zur Freude.

Vikar Ingmar Bartsch, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim
Mail: bartsch@ev-kirche-bn.de
Tel: 06033 79 60 527

Auratische Orte am 12.8.2020 von Rainer Böhm

Auratische Orte

Point du Van ist einer der westlichsten Zipfel des europäischen Festlandes. Davor liegen im Meer nur noch vereinzelte Klippen, Leuchttürme, welche die Untiefen sichern, und die Ile du Sein. Vom Festland aus sieht man auf ihr viele Häuser. Diese früher keltische Insel ist flach, sie wirkt ungeschützt da draußen. Aus der Neuzeit ist bekannt, dass sich alle ihre männlichen Einwohner, 144 an der Zahl, 1940 dem französischen Widerstand in London angeschlossen haben. Als Fischer und Seeleute sind sie dazu einfach eines nachts in ihre Boote gestiegen. Ich weiß nicht, wie viele zurückgekehrt sind.

Über den hohen Klippen steht eine alte Kapelle.  Eine Ortschaft gab es in dieser Einöde wohl nie, man hat sich in dem Kirchlein aber schon immer zum Gottesdienst getroffen. Vor der Kapelle schweift der Blick an der Felsküste entlang, im Dunst sind Klippen und die Insel zu erkennen, die Schreie der Möwen und die Brandung wie vor 500 oder 5000 Jahren. So hat das Christentum, wie an vielen anderen Plätzen, auf unserem Johannisberg etwa, auratische Orte besetzt und selbst geschaffen.

Wir fühlen den besonderen Ort. Seine Geschichte, die uns mit anderen Zeiten verbindet und mit der Gemeinschaft der Menschen vor uns. Der Ort scheint die Zeit zu überbrücken, mehr zu zeigen, als zu sehen ist.

Es mag nur ein Gespür sein, ein Gefühl – es ist ein religiöses Gefühl. Es führt uns dahin, zu erfahren, dass das Leben mehr ist, als wir sehen können – so, wie wir uns in Kirchen oder auf Friedhöfen den Toten besonders verbunden fühlen, den vergangenen Zeiten, den Menschen, die den Ort, die Welt einmal belebt haben. Es können aber auch ganz andere Orte sein, jeder hat da seine eigenen zu einer bestimmten Zeit: der Platz im Garten, der Gegenstand, der uns mit etwas verbindet, der Vollmond über unserer Stadt.

Glaube wird diese Empfindung erst, wenn wir beten. Zu dem Gott, der diese Welt so wunderbar gemacht hat. Die Schöpfung selbst ist sein Wohnraum. Zu dem Gott, der in Jesus Christus alle Zeiten miteinander verbindet: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Christus ist uns im Glauben nahe, im Evangelium, im Abendmahl und in der Gemeinschaft der Brüder und Schwestern. In seiner liebenden Gegenwart sind uns auch die Toten nahe, denen wir verbunden sind. Sie sind nahe bei uns, wo uns der Geist des Lebens ergreift und glücklich macht.

Pfarrer Rainer Böhm, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim
Mail: Boehm@ev-kirche-bn.de

′Blick in den Sternenhimmel′ am 5.8.2020 von Anne Wirth

Blick in den Sternenhimmel

Während unseres Urlaubs in diesem Jahr sahen wir oft abends in den Sternenhimmel. Unter anderem auch, weil der Komet Neowise zu der Zeit dicht an der Erde vorbeiflog und ich ihn mit den Kindern gerne sehen wollte.

Dabei habe stellte ich wieder einmal fest, dass so ein Blick in den Sternenhimmel eine Wohltat für die Seele ist. Zunächst hat es ja den Anschein, als werfe man einen Blick in Gottes unveränderliche Ordnung des Alls, die unsere Vorstellung so unendlich übersteigt und an der wir doch Anteil haben. Wir sind ein Teil dieser Schönheit!
Aber gleichzeitig wissen wir auch, dass wir es eben nicht mit einer ewigen unabänderlichen Ordnung zu tun haben, sondern mit einem ständigen Prozess gigantischer Veränderungen.

Sterne kommen und gehen. Das, was wir sehen, ist nicht einmal das, was da ist.
Viele Sterne sind so weit entfernt, dass sie Millionen Jahre brauchen, bis ihr Licht zu uns durchdringt. Selbst, wenn sie aufgehört haben, zu existieren, ist ihr Licht noch lange, lange sichtbar. Von den Sternen, die wir sehen, können wir also nicht mit Sicherheit sagen, ob es sie überhaupt noch gibt.

Unser Blick in den Raum ist zugleich ein Blick in die Zeit: nämlich in die Vergangenheit dieses unermesslichen Universums. Das, was wir sehen, ist nicht das, was ist.
Wir sehen immer nur was vor Augen ist. Ob das die Wirklichkeit ist, ist eine ganz andere Frage.

Pfarrerin Anne Wirth, Ev. Kirchengemeinde Schwalheim-Rödgen

′StrandSegen′ am 29.7.2020 von Susanne Pieper

Meer. Himmel. Weite.

Tief sog ich die frische Brise in mich ein.

Und lief am Strand entlang. Vorbei an dem Wagen der DLRG–Station. Weiter in Richtung Hafen. Da fiel mein Blick auf einen besonderen Wagen, der da mitten auf dem Sand aufgebockt war, mit einer großen Achse, mit altertümlichen Holzrädern und einem weithin sichtbaren Kreuz auf dem abgerundeten Dach. Neugierig kam ich näher und las die Aufschrift „Schäferwagenkirche“. In akribischer Kleinarbeit hatte eine norddeutsche Schäferwagenmanufaktur sie vor zwei Jahren gebaut, damit dort Gottesdienste, Taufen und Trauungen gefeiert werden können, so erzählte es mir die Tourismuspastorin. Und einen besonderen Preis von Chrismon hatte sie auch bekommen. Aufgestellt war die kleine Kirche auf dem Sandstrand in einer Ostseebucht, ein Hingucker der Tourismuskirche Eckernförde, nördlich von Kiel.

Und dann war ich dabei, an einem Freitagabend, beim ersten öffentlichen Konzert der Band „Farvenspeel“ nach dem Lockdown. Draußen, im Windschatten dieser kleinen, besonderen Kirche. Drei Menschen, die die Zuhörer und Zuhörerinnen mit ihrer „Himmelwärts - Tour“ mitnahmen auf eine berührende musikalische Reise.

„Setzt euch ruhig in einen der bunten Hoolahoop–Reifen, die hier im 1,50m–Abstand auf dem Sand liegen. Und wischt den nassen Sand an der Oberfläche einfach weg.  Darunter ist ja alles trocken“, sagte der Bandleader gut gelaunt. Und so genossen ungefähr 60 Leute endlich wieder Livemusik.  Da war es unwichtig, dass es immer mal wieder leicht regnete.  Norddeutschland eben. War doch nicht der Rede wert. Dann lief man eben barfuß.

„StrandSegen“ war das Ganze überschrieben. Ich werde diesen Abend an der Ostsee nicht mehr vergessen. Da kam so viel Schönes zusammen. Und das habe ich mitgenommen:

  • Die Kirche ist genau da, wo die Menschen sind
  • Reale Gemeinschaft miteinander zu erleben, mitten in unserer dreidimensionalen Welt, in der wir zuhause sind, das ist nicht zu überbieten. Auch nicht durch noch so viele Cybergottesdienste und digitale Angebote, so wichtig die seit der Coronazeit sind und bleiben werden.
  • Selbst wieder singen können, mit Hingabe und aus voller Kehle und einfach drauf los, das ist eine tolle und großartige Erfahrung. Egal, ob es das „Broken Hallelujah“ von Leonhard Cohen ist oder der Gospel „Holy, Holy, Holy“. Gott loben und ihm die Ehre geben, das befreit das Herz, das macht die Seele wieder weit.
  • Wie schön wird das sein, wenn auch wir in unseren Gottesdiensten und Konzerten wieder singen können.

Pfarrerin Susanne Pieper, Ev. Kirchengemeinde Bad Nauheim,  pieper@ev-kirche-bn.de,
06032 / 340 771

′Klein gegen Groß′ am 22.7.2020 von Ingmar Bartsch

„Klein“ gegen „Groß“

Wenn die „Kleinen“ gegen die „Großen“ kämpfen, schlagen wir uns eher auf ihre Seite. Im Fußball, in der Wirtschaft, im gesellschaftlichen Leben: Underdogs sind uns oft noch ein Quäntchen sympathischer, als Etablierte.

Deshalb mögen wir auch biblische Geschichten, in denen die Verhältnisse auf den Kopf gestellt werden. Daniel in der Löwengrube beeindruckt durch seine besondere Treue zu Gott gegen alle Verlockungen und Gefahren der Macht. Und wenn David mit einer einfachen Steinschleuder gegen Goliath gewinnt, dann hüpft das Herz höher. Und irgendwie war Goliath selbst Schuld. Er überschätzte sich. Er war taktisch nicht anpassungsfähig und vertraute zu sehr darauf, dass ihm im Kampf schon nichts passieren würde.

Und als David einige Jahre später König war, erlag er selbst der Vorstellung, unangreifbar zu sein. Und so leiden wir plötzlich mit Uria, dem Soldaten, der im Kampf verheizt wurde, weil König David scharf auf Urias Frau war.

Das Beispiel von David zeigt, dass vor den Verlockungen der Macht niemand sicher ist. Niemand ist gegen Selbstüberschätzung immun. Das gehört zum Menschsein dazu. Die Frage ist, wie man damit umgeht. Eine Möglichkeit ist es, sich nicht zu wichtig zu nehmen, sich nicht für unfehlbar zu halten. Einen Tipp dazu gibt Jesus, indem er einfach die Unterscheidung in die „Großen“ und die „Kleinen“ umkehrt: „Der Größte unter euch soll euer Diener sein.“ (Mt. 23,11)

Vikar Ingmar Bartsch, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

Mail: bartsch@ev-kirche-bn.de
Tel: 06033 79 60 527

′Glaube′ am 15.7.2020 von Siegfried Nickel

Ist das Ihnen auch schon einmal passiert? Da hat man einen Satz 100x gelesen oder gehört und hat sich dabei stets eher gleichgültig gedacht:
„Ja, die Aussage stimmt. So ist das eben.“
Doch dann begegnet der Satz Ihnen zum 101. Mal und auf einmal bekommt er eine ganz andere Qualität.

So ging es mir neulich mit folgendem Vers aus der Bibel. „Es ist der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“
Auf einmal dachte ich: Aber hallo, hier gibt es ja eine ganz prägnante Definition des Begriffs Glauben aus christlicher Sicht.

Für Glauben gibt es ja viele Definitionen. An dieser Definition des Glaubens aus dem Hebräerbrief (11,1) im Neuen Testament finde ich das Verhältnis zur Hoffnung und das klare Bekenntnis zum Nicht-Sehen spannend.
Gerne wird uns Gläubigen ja gesagt: „Glauben heißt nicht wissen.“ Damit verbindet sich dann in der Regel der Gedanke, Glaube sei im Gegensatz zum Wissen etwas Defizitäres. Das ist allerdings falsch.
Glaube und Wissen beziehen sich einfach auf unterschiedliche Wirklichkeiten. Glaube geht davon aus, dass sich unsere Wirklichkeit nicht im Sichtbaren erschöpft. Glaube bezieht sich auf das Unsichtbare. Es ist ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. Wissen hingegen bezieht sich auf das Sichtbare und ist damit ebenfalls begrenzt.
So ist etwa die Wirklichkeit des unsichtbaren Gottes den menschlichen Sinnen nicht zugänglich. Sie kann nur geglaubt werden.

Das schließt ein Zweifeln nicht aus. Glaube kennt auch Zweifel. Sie stellen den Glauben in Frage. Aber Glaube an sich zweifelt zunächst einmal nicht, sondern glaubt einfach.

Dabei ist Glaube eindeutig mehr als Hoffen. Christlicher Glaube ist eine feste Zuversicht dessen, was man hofft. So strahlt es ja auch eine wesentlich höhere Zuversicht aus, wenn ein Sportler vor einem Wettkampf sagt „Ich glaube an eine Medaille“, als wenn er lediglich davon spricht: „Ich hoffe, eine Medaille zu gewinnen.“ Gerne wird dann auch in der Sportwelt auf biblisches Gedankengut zurückgegriffen, wenn bei einem so nicht unbedingt erwarteten Erfolg davon die Rede ist, dass Glaube Berge zu versetzen mag.

Das griechische Wort, das Martin Luther hier mit „feste Zuversicht“ wiedergibt, ließe sich übrigens auch mit „Garantie“ übersetzen. Dann wäre der Glaube eine Garantie auf das, was man hofft. Also eine Garantie der Wirklichkeit Gottes; eine Garantie, dass in dieser sichtbaren Welt nicht alles aufgehen muss; eine Garantie der Hoffnung auf die Auferstehung von den Toten; eine Garantie auf ein Leben in Gottes unsichtbarer Wirklichkeit über dieses irdische Leben hinaus.

Eine Garantie braucht einen Garanten, einen, der dafür einsteht. Gott garantiert, dass unser Glauben einen festen Grund hat. So ist Glaube auch stets ein Geschenk, ein Glück, denn er erschließt uns eine Wirklichkeit der Welt über das Sichtbare hinaus.
Amen.

Danke, Gott, dass Du uns den Glauben schenkst, der uns und unsere Wirklichkeit nicht auf das Sichtbare begrenzt, sondern uns einen weiteren Horizont eröffnet. Mehre diesen Glauben in mir. Amen.

Siegfried Nickel, Pfarrer in Steinfurth und Wisselsheim
Telefon: 0 60 32 / 81 66 7
E-Mail: s.nickel@ev-kirche-sw.de

am 8.7.2020 von Meike Naumann

Er gebe uns ein fröhliches Herz und verleihe immerdar Frieden zu unserer Zeit. Sirach 50,25

Lach mal wieder!

Lachen ist gesund! Das wissen Sie sicher. Jedesmal, wenn wir lachen, werden allein 17 Muskeln in unserem Gesicht bewegt. Ganz abgesehen von unseren Bauchmuskeln. Das reinste Workout also. Lachen entspannt, Lachen bremst Aggressionen, Lachen bringt den Glücks-Kick. Und Lachen regt die Verdauung an! Lachen macht fit, vertreibt Stress und Lachen ist gut gegen Schmerzen. Wer häufig lacht, wird weniger krank. All das hat die Wissenschaft herausgefunden und dafür einen klugen Namen gefunden: Gelotologie, die Lehre vom Lachen. Es gibt sogar Lachseminare, in denen Menschen lernen wieder zu lachen – die das Lachen tatsächlich verlernt haben.

Selbst in traurigen oder schmerzlichen Zeiten den Humor nicht zu verlieren, ist ein Geschenk Gottes! Und es kann helfen, Lösungen zu finden und darauf zu vertrauen, solche Zeiten unbeschadet zu überstehen. In einem richtigen Streit, in dem keiner nachgeben will, wo alles festgefahren scheint, macht ein bisschen Humor ganz neue Wege möglich. Vielleicht probieren Sie es einfach mal aus.

Pfarrerin Meike Naumann, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

am 3.7.2020 von Meike Naumann

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. 2. Tim 1,7

Es gab eine Zeit in meiner Kindheit, ich glaube es war in den ersten Grundschuljahren, da habe ich jedes Mal vor dem Schlafengehen unter mein Bett geschaut. Ich wollte ganz sichergehen, dass da kein Geist unter dem Bett lauert. Und die Vorstellung, dass dieser Geist in der Nacht unter dem Bett herauskommen würde, lies mich wirklich schlecht einschlafen. Zum Glück lag unser Rauhhaardackel am Fußende meines Bettes. Heute denke ich schmunzelnd an diese Zeit zurück, weiß ich doch, dass es keine Geister oder Gespenster wie Hui Buh gibt.

Sportler glauben an einen ganz besonderen Geist: den Teamgeist. Dieser Teamgeist soll ihnen die Kraft geben, als Mannschaft zusammenzuhalten und dagegenzuhalten, auch wenn der Gegner noch so stark sein mag.

Wir Christinnen und Christen glauben auch an einen ganz besonderen Geist: den Heiligen Geist. Das ist kein Geist, der uns das Fürchten lehren will und uns zur Geisterstunde in Angst und Schrecken versetzt. Der Heilige Geist ist so eine Art Motor. Er treibt uns an. Er macht uns stark und selbstbewusst, also besonnen. Er verbindet uns mit Gott. Er ist unser heißer Draht zu Gott.

Gott selbst hat den Heiligen Geist in unser Herz gesandt, um uns mutig zu machen und um uns zu sagen: Ich liebe dich und bei dir! Ich begleite dich auf dich auf allen deinen Wegen. So können wir gut in den Tag gehen! Mutig und besonnen!

Pfarrerin Meike Naumann, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

 

′Kaffee, Vergebung und Neuanfang′ am 1.7.2020 von Ingmar Bartsch

Kaffee, Vergebung und Neuanfang

Neulich ist mir etwas Dummes passiert: Ich hatte meinen Thermobecher mit Kaffee nicht richtig zugemacht und in den Rucksack gestellt. Der ist dann in einem unbeobachteten Moment auf dem Schreibtisch umgekippt. Als ich wieder ins Zimmer kam, tropfte die Brühe schon auf den Boden.

Total ärgerlich, aber was sollte ich machen? Nach einer Weile war die Sauerei aufgewischt und der Rucksack in der Waschmaschine. Schon wenig später war nichts mehr zu sehen.  Der Laptop hatte nichts abbekommen, dafür war ich echt dankbar.  

Ob mit oder ohne Absicht: Wir Menschen bauen manchmal richtigen Mist. In Beziehungen, im Alltag. Und deshalb ist Vergebung so eine wichtige Komponente unseres Lebens. Die Bibel spricht viel von Vergebung und es gehört zu den wichtigen Eigenschaften Gottes, dass er uns unsere Schuld nicht ewig vorhält.

Gottes Vergebung stelle ich mir ein wenig wie die Geschichte mit meinem Thermobecher vor. Was auch immer vorgefallen ist: Nachdem eine Sache vergeben ist, ist sie auch vom Tisch. Keiner kann mehr erkennen, dass da Kaffee ausgelaufen ist. Der Rucksack, der Thermobecher und der Laptop sind wieder absolut gebrauchsfähig, so wie vorher auch. Es gibt also keine sichtbaren Spuren und es ist ein echter Neuanfang. Aber man selbst kann sich erinnern. Und so bietet der Neuanfang auch die Chance, es das nächste Mal besser zu machen.

Vikar Ingmar Bartsch, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

Mail: bartsch@ev-kirche-bn.de
Tel: 06033 79 60 527

′Gedanken ums Herz′ am 26.6.2020 von Susanne Pieper

Gedanken ums Herz

„Du allein kennst das Herz aller Menschenkinder“ – so lautet ein Bibelvers aus dem 1. Buch der Könige 8,39, der nun zugleich der Monatsspruch für den Juni dieses Jahres ist. Es ist ein Zitat des weisen Königs Salomo, das seinem Gebet anlässlich der Einweihung des ersten Tempels entstammt. Dieses Wort allerdings spricht schon allein für sich.

Wenn ich es meditiere, denke ich: es ist gut zu wissen, dass einer mein Herz kennt und weiß, wie es mir tief innen geht. Mein Herz mit seinen guten Erinnerungen und mit seiner tiefen Dankbarkeit, aber auch mit seinen schlechten und schmerzhaften Erinnerungen. Mit all seinen Ambivalenzen und widerstreitenden Gefühlen, mit seinen erfüllten und mit seinen unerfüllten Sehnsüchten. Mit seinem erfahrenen Glück, aber auch mit seinen Fragen, mit seinen Unklarheiten angesichts von unverschuldetem Leid. Und mit seinem Zorn über Ungerechtigkeiten, die Menschen zugefügt werden.

Einer blickt mich dennoch mit liebevollen Augen an.  Bei ihm darf ich mich verstanden und aufgehoben und geborgen wissen -  auch mit dem, was ich nicht verstehe. Ich muss mich mit nichts verstecken. Und ich bin nicht allein auf dieser Welt.

Das Herz ist ein wunderbares und ein wundersames Organ. Tina Willms hat ihm in ihrem Buch „Im Glauben: Zweifel    Im Zweifel: Glauben“ (2019, S. 75, Neukirchener Verlagsgesellschaft) eine große Widmung geschrieben:

Himmlische Grüße

Mein Herz.
Du bist bei mir seit Anbeginn. Du wirst bei mir sein bis zuletzt.
Den Takt meines Lebens gibst du an. Sekündlich pochst du in mir:
Milliarden Schläge tust du im Laufe meines Lebens.
Du versorgst meinen Körper mit dem, was er nötig hat.
Zuverlässig hältst du meinen Kreislauf in Gang.

Mein Herz.
Mein Innerstes. Mein Wesen.
Du teilst meine Gefühle mit mir. Du hüpfst vor Freude und hämmerst vor Wut.
Wenn ich aufgeregt bin, stolperst du manchmal,
wenn ich verletzt werde, schmerzt du.
Du treibst mich an und lässt mich spüren, wie lebendig ich bin.

Mein Herz.
Du verbindest mich mit allem, was lebt.
Meine Erinnerung bist du an den, der mich ins Dasein ruft.
Spüre ich dich, so ist es, als erhalte ich himmlische Grüße von ihm.
Er sagt mir mit jedem Herzschlag, sagt es wieder und wieder,
milliardenfach: Du bist erwünscht und geliebt.

Pfarrerin Susanne Pieper, pieper@ev-kirche-bn.de; 06032/ 340771

′Wenn Jesus Urlaub machen würde′ am 24.6.2020 von Anne Wirth

Wenn Jesus Urlaub machen würde.......

Urlaube zu Hause. Menschen machen das Jahr für Jahr. Weil sie aus gesundheitlichen Gründen nicht verreisen können, weil ihnen das Geld fehlt, weil sie aus ökologischen Gründen darauf verzichten oder weil sie nicht gerne reisen.
Urlaub zu Hause. In diesem Jahr kann das zur Regel werden: Weil beliebte Reiseziele vielleicht noch gesperrt sind, weil Reisen zu gefährlich ist, weil manche Länder ihre Grenzen noch nicht geöffnet haben. Was tun?

Im Markusevangelium können wir lesen, wie Jesus seinen Jünger, die gerade Missionsreise zurückgekommen waren, empfiehlt, Urlaub zu machen.

Und die Apostel kamen bei Jesus zusammen und verkündeten ihm alles, was sie getan hatten. Und er sprach zu ihnen: Geht ihr allein an eine einsame Stätte und ruht ein wenig. Denn es waren viele, die kamen und gingen, und sie hatten nicht Zeit genug zum Essen. Und sie fuhren in einem Boot an eine einsame Stätte für sich allein.

Jesus empfiehlt seinen Jüngern nicht nur mal auszuspannen, sondern liefert auch das  Rezept für einen gelungen Urlaub gleich mit.
Die „Urlaubstheologie“ Jesu rät zu einem Urlaub mit wenigen Menschen und an einem einsamen Ort. Weg von den großen Urlaubsorten, nicht dorthin gehen, wo alle sind.
Der zweite Ratschlag: Urlaub um auszuruhen. Nicht drei Länder in vier Tagen sehen, sondern Ruhe, um Körper und Geist Zeit zu geben, sich zu erholen.
Zeit für Gemeinschaft, Zeit für sich selbst, vor allen Dingen aber Zeit für Gott.
Um Zeit für mich und Gott zu finden, muss ich also gar nicht weit verreisen.
Ein Ausflug in die Natur, eine Bank an der Flusspromenade laden ein, über Gott, sich selbst und die Welt nachzudenken. Amen

Pfarrerin Anne Wirth, Evangelische Kirchengemeinde Schwalheim-Rödgen

′Seid alle fröhlich′ am 19.06.20 von Meike Naumann

Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen.

1. Thessalonischer 5,16 -18

FRÖHLICH SEIN – BETEN – DANKBAR SEIN

Multitasking in der Bibel? Geht das denn alles zusammen? Und muss das alles gleichzeitig sein? Viele Gedanken gehen mir da durch den Kopf.

Wann bin ich fröhlich?

Wenn ich etwas besonders Schönes erlebt habe.

Wenn ich erfahren habe, dass jemand mich gern hat.

Wenn mir etwas so richtig gut gelungen ist.

Wenn…

Wann bete ich?

Wenn ich die Glocken der Dankeskirche höre.

Wenn ich abends im Bett liege.

Wenn ich Angst habe.….

Wann bin ich dankbar?

Wenn ich etwas geschenkt bekommen habe.

Wenn ich ganz früh am Morgen die Vögel zwitschern höre.

Wenn ich lieben Menschen begegne.

Wenn….

Es ist gut zu wissen, dass das Leben so bunt und vielfältig ist.
Weil ich meinen Weg durch dieses Leben allein gehen muss, kann ich dankbar sein. Auch wenn kein lieber Mensch in der Nähe ist, bin ich nicht allein. Dann kann ich zu Gott beten.
So gesehen: Fröhlich sein – beten dankbar sein – klar, das passt zusammen. Ohne stressig zu werden.

Pfarrerin Meike Naumann, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

′Wünsche′ am 17.6.2020 von Siegfried Nickel

Wünsche

Eine schon etwas in die Jahre gekommene Geschichte erzählt wie Enkel Ihre Großmutter beim Betrachten eines großen Bogens Packpapier überraschen. Auf dem Papier sind ganz viele kleine Zeichnungen zu sehen: Schlittschuhe, eine Puppe, Kuchen und vieles mehr. Es ist „das Bild der 1000 Wünsche“, das Großmutter als kleines Mädchen kurz nach dem Krieg gemalt hat, als sie mit ihrer Mutter und dem Bruder als Flüchtlinge in einer Notunterkunft untergebracht waren.
Ganz am Rand des Bildes ist groß ein Mann mit Brille und in Uniform zu sehen. Das ist der allergrößte Wunsch: Der Vater, von dem sie schon lange nichts mehr gehört haben.

Was ist mein allergrößter Wunsch?
Gesundheit, ein eigenes Haus, unbeschwerter Urlaub.
Für das Mädchen nach dem Krieg ist es die Heimkehr des Vaters, auf die sie hofft.
In der fortlaufenden Bibellese, die gerade durch die Königsbücher im Alten Testament führt, ist es Gott höchstpersönlich der den jungen König Salomo im Traum nach seinem größten Wunsch fragt.
Was Salomo wohl antwortet? Schließlich ist solch eine Frage von Gott gestellt mehr wert als ein Sechser im Lotto. Ansehen, Macht oder vielleicht doch Reichtum?
Salomo trifft eine überraschende Entscheidung. Er bittet Gott um Weisheit.

Wie sich das auswirkt? In der deutschen Sprache sprechen wir von einem „Salomonischen Urteil“. Der Ursprung dieses geflügelten Wortes geht auf einen aussichtlosen Streitfall zurück den König Salomo gerecht lösen kann: Zwei Huren, die allein in einem Haus leben, haben innerhalb kurzer Zeit jeweils einen Sohn geboren. Eines Nachts stirbt das eine Kind. Nun behauptet jede der Frauen, die Mutter des lebenden Kindes zu sein. Zeugen gibt es keine. Aussage steht gegen Aussage.
Ein schlichtes Bild von dieser Begebenheit hängt in unserer Steinfurther Kirche. Salomo wird in diesem privaten Rechtsstreit um sein Urteil gebeten. Nach menschlichem Ermessen lässt er sich nicht lösen.
Die Weisheit Salomos zeigt sich darin, als Richter durch eine bestimmte Verhörstrategie die Wahrheit ans Licht zu bringen. Er macht quasi einen Mutterschaftstest. Salomo ordnet an, ein Schwert zu bringen, das lebende Kind zu teilen und jeder der Frauen eine Hälfte des Kindes zu geben. Die drohende Gefahr zwingt beide Frauen zu einer Stellungnahme, mit der sie sich selbst entblößen, und bringt die Wahrheit ans Licht. Die Frau, die das Leben des Kindes um jeden Preis erhalten will, ist die wahre Mutter.
Weisheit – wahrlich kein schlechter Wunsch für Salomo.
Weisheit – sicher auch ein guter Wunsch für mich, wird mir zunehmend klar. Denn das ist doch die Frage, die mehr und mehr Menschen umtreibt: Woran kann ich mich halten? Auf was und wen kann ich mich verlassen in Zeiten, in denen immer mehr Fake-News und Verschwörungstheorien um sich greifen und vielen nur noch das eigene Wohlergehen als ethischer Maßstab zu dienen scheint?
Weisheit ist da von Nöten.

Ein gewisses Maß an natürlicher Weisheit ist uns ja schon ohne Weiteres gegeben:
Man kann sich fragen, welche Nachricht dient wem? Oder welche Auswirkungen hat diese oder jene Aussage? Führt sie die Gesellschaft zusammen oder zersetzt sie? Bedient sie diffuse Ängste oder erschließt die sinnvolle Zukunft für alle? Dient sie dem Frieden und der Gerechtigkeit oder lediglich dem Vorteil bestimmter Personen. Mit solchen Fragen kann man sicherlich mancher Internetblase entgehen.
Doch unsere Welt wird immer unübersichtlicher und die Themen- und Informationsflut führt dazu das wir nicht allen Fragestellungen auf den Grund gehen können. So kommt man letztlich nicht darum herum, immer wieder Entscheidungen zu treffen, die wir nicht bis ins letzte durchschauen können und sein Vertrauen auf die einem persönlich am verlässlichsten erscheinenden Informationen zu setzen. Dazu bedarf es Weisheit. Am besten Weisheit von Gott.

Weisheit – heutzutage vielleicht nötiger als je. Mir wird klar: Weisheit sollte sehr weit oben auf meiner persönlichen Wunschliste stehen. Darum bitte ich Gott darum:

Guter Gott, worauf soll ich mich verlassen? Wem soll ich trauen? Unsere Welt wird zunehmend unübersichtlicher. Bewahre mich vor Verzagtheit und Resignation. Mach diejenigen mundtot, die Zwietracht und Mistrauen sehen und nur den eigenen Interessen dienen. Schenke mir und vielen, vielen anderen Weisheit zu rechtem Handeln und Lassen, Reden und Schweigen.  
Amen.

Siegfried Nickel, Pfarrer in Steinfurth und Wisselsheim
Telefon: 0 60 32 / 81 66 7
E-Mail: s.nickel@ev-kirche-sw.de

′Bill Wahpepah′ am 12.6.2020 von Rainer Böhm

Bill Wahpepah

Die USA sind ein tolles Land. Ich mag ihre Einwohner, deren Optimismus und Pragmatismus, die Literatur, Kultur, die grandiosen Landschaften, die sozialen Bewegungen. Daran dachte ich, als die Proteste gegen den Rassismus und Polizeigewalt im Anschluss an die Ermordung George Floyds kein Ende nehmen wollten, allen Einschüchterungsversuchen zum Trotz. Und ich dachte an Bill Wahpepah.
Bill hatte in Oakland ein Haus für bedürftige eingeborene Amerikaner aufgebaut, eine Tagespflege und eine Schule für Jugendliche und Erwachsene.  Als Führer im A.I.M. (American Indian Movement) war er international bekannt  durch Auftritte vor der UN und weltweite Vortragsreisen.  Er war klein und von einigem Umfang, Elan, Humor und Charisma.

Ich war Mitglied in einem Team, das er leitete und das eine Konferenz der Ureinwohner Nordamerikas vorbereitete.  Es ging um Organisation, Gäste, Inhalte und Ablauf, und nie sah ich, dass Bill sich Notizen machte. Er schrieb einfach nicht mit, sondern hatte alles im Kopf – oder es war nicht wichtig.  

Er nahm mich mit zu einer Sweatlodge-Zeremonie und lud mich Anfang November zum Unthanksgiving Day auf Alcatraz Island ein. Amerikanische Ureinwohner, buddhistische Mönche, Juden und Christen beteten zusammen für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Ein spiritueller Führer der Ureinwohner leitete die traditionelle Pfeifenzeremonie. Die vier Himmelsrichtungen, Mutter Erde, der große Geist und Schöpfer. Es war ein Gottesdienst an diesem frühen Morgen voller Respekt und gegenseitiger Achtung, in einem interreligiösen humanen Geist.

Im Januar las ich die kleine Meldung in der New York Times: Bill Wahpepah sei in einem Krankenhaus in Oakland während der Behandlung  verstorben. Von Bekannten erfuhr ich, dass Bill einen Magendurchbruch erlitten habe, der äußerst schmerzhaft war.  Das erste Krankenhaus habe ihn einfach abgelehnt und weiter geschickt. Und als sie endlich ein zweites gefunden hatten, wurde er auf den Flur gelegt und nicht behandelt.  

Deshalb muss ich bei George Floyd an Bill Wahpepah denken, an Rassismus und strukturelle Gewalt. Daran, dass wie in unserer Kolonialgeschichte  die Ungleichheit der Menschen mit der Bibel in der Hand gepredigt und gelehrt worden ist. Die Entwürdigung richtete sich in den USA zuerst gegen die sog. Indianer, ohne deren Freundlichkeit die ersten Siedler nicht überlebt hätten, später gegen die schwarzafrikanischen Sklaven, die Latinos, die Asiaten.

Bill hat mir damals etwas beigebracht über die Gleichheit und Würde aller Menschen. Dass wir vor Gott nebeneinander stehen und nicht hintereinander, weder als Menschen noch als Religionen. Dass Spiritualität und Engagement zusammengehören. Zu beten: “Dein Wille geschehe” ist keine Aufforderung zu Schicksalsergebenheit und Duldung als gottgegeben, sondern Aufforderung zum Handeln für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung!

Pfarrer Rainer Böhm, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim
Mail: Boehm@ev-kirche-bn.de
Tel: 06032 – 2908

′Der Wind und der Geist′ am 10.6.2020 von Susanne Pieper

Der Wind und der Geist

Gut eine Woche nach Pfingsten erinnere ich mich daran: hinaus ins Grüne, einen schönen Ausflug machen und die Freiheit in der aufblühenden Natur genießen – das alles gehört für mich seit meinen Kindertagen zum Pfingstfest. In diesen Zeiten liebe ich es, das frische Grün auf mich wirken zu lassen und zu beobachten, was über mir passiert: mal ist es ein säuselnder Wind, der die Blätter an den Bäumen leise hin – und herschwingen lässt. Mal ist es eine kräftige Böe, die in die Äste fegt und die Bäume zum Rauschen bringt. Mal ist es gar ein Sturm, der seine Spuren auf der Erde hinterlässt.

Alles ist in Bewegung.  Am Pfingstfest erinnern sich Christinnen und Christen daran, dass der Geist Gottes zu den Menschen gekommen ist. Und Jesus erzählt vom Geist Gottes, indem er ihn mit einem Moment der Natur vergleicht, mit dem Wind. Im Gespräch mit dem Schriftgelehrten Nikodemus, der mitten in der Nacht zu ihm kommt, sagt er (Johannes 3,8):

„Der Wind weht, wo er will. Du hörst sein Sausen wohl, aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht. So geheimnisvoll ist es auch, wenn ein Mensch vom Geist geboren wird.“  Ein wirklich kryptisches Wort, das neugierig macht! In der griechischen Sprache bedeutet das Wort „pneuma“ sowohl Wind als auch Geist. So also wie der Wind weht - überraschend und nicht vorherzusagen – so wirkt auch Gottes Geist in den Menschen, die sich für ihn öffnen. Ja, vielmehr noch: so wie der Wind nicht zu planen und zu berechnen ist, so ist es auch mit dem Menschen, der mit Gott in Verbindung steht. Er ist frei, und er kann immer wieder etwas Überraschendes tun, mit dem vielleicht niemand gerechnet hat.

„Wo der Geist Gottes ist, da ist Freiheit“, sagt der Apostel Paulus im 2.  Korintherbrief 3,17. Das heißt für mich:  mein Glaube und mein Handeln hat ganz viel mit Freiheit zu tun. Ich werde angestoßen, Neues zu denken, auch mal quer zu denken, unabhängig zu sein und ungewöhnliche Ideen zu wagen. Ich brauche mich nicht vor einen fremden Karren spannen zu lassen. Ich kann alles kritisch bedenken und kann zu meiner ganz eigenen Meinung stehen. Ich kann agieren und muss nicht nur reagieren. Ich kann auch meiner Kreativität freien Lauf lassen, kann auch mal etwas Unerwartetes oder etwas Ver-rücktes ausprobieren. Kann eben einfach in Bewegung bleiben. So wie die Blätter im Wind. Solange es der göttliche Geist der Liebe ist, der mich anschubst.

Pfarrerin Susanne Pieper, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim
pieper@ev-kirche-bn.de; 06032/ 340 771

′Der Pilgermantel des Höchsten′ am 5.6.2020 von Ingmar Bartsch

Der Pilgermantel des Höchsten

Ein Freund von mir begeistert sich für mittelalterliches Pilgern. Deshalb hat er einen langen, weiten Mantel und einen großen Wanderstab. An den kann er die Kapuze des Mantels binden und mit Stricken die Enden festmachen. So hat er eine Art Notzelt. Es ist nicht riesig, aber es schützt ihn vor Wind und Wetter. Gerade wenn es regnet oder bei einer Rast die Sonne brennt.

Wer schon einmal von einem Unwetter überrascht worden ist, der weiß, wie schön so ein trockenes Fleckchen ist. Zu Beginn des 91. Psalms heißt es: „Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem HERRN: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.“

Ich stelle mir den Schirm des Höchsten wie den Mantel meines Freundes vor: Er bietet gerade so viel Platz, dass man sicher und geschützt ist. Geborgenheit braucht nicht viel Raum. Er bietet eine Zuflucht, wenn die Stürme toben und ist ein sicherer Ort. Sozusagen Gottes offene Arme. Liebevoll, sicher und unaufdringlich. Der Schirm des Höchsten engt auch nicht ein. Er lässt die Freiheit, die Gegend außerhalb zu erkunden.

Vor den Stürmen des Lebens geschützt zu sein, heißt übrigens nicht, dass es diese Stürme nicht gibt. Aber unter dem Schirm des Höchsten kann man ihnen gelassener entgegensehen.

Vikar Ingmar Bartsch, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

Mail: bartsch@ev-kirche-bn.de
Tel: 06033 79 60 527

Videolink: https://youtu.be/xbiHEiN35tU

′In der Ruhe liegt die Kraft′ am 03.06.2020 von Anne Wirth

In der Ruhe liegt die Kraft

Es ist inzwischen etwas länger her, da hatte ich ein paar Freunde zum Essen eingeladen.  Ich freute mich sehr auf dieses Essen. Und wie es dann so ist, während die ersten Gäste kamen habe ich noch schnell die Küche aufgeräumt. Dann habe ich die Vorspeise serviert und sobald alle damit fertig waren, habe ich die Teller rausgetragen und die letzten Handgriffe erledigt, die noch fehlten um die Hauptspeise fertig zu machen. Nach dem Essen habe ich abgedeckt und mich um den Kaffee gekümmert. Und plötzlich war der Abend vorbei und ich habe mich danach, als ich ziemlich fertig auf dem Sofa saß gefragt, ob es wirklich ein gemeinsames Essen war. Die Geschwindigkeit der Abläufe oder sagen wir die Geschwindigkeit, mit der ich die Abläufe gestaltet habe, nahmen mir die Möglichkeit mich ganz in Ruhe auf meine Freunde einzulassen. Ich habe mir nicht Zeit genommen das Zusammensein zu genießen. Das ist nur eins von vielen Beispielen, die ich nennen könnte, an denen ich für mich feststelle, dass die Hektik des Alltags inzwischen in meinem ganzen Leben Fuß gefasst hat. Es ist nun keine neue Erkenntnis, dass unsere Lebenswelt zunehmend hektischer bzw. schneller wird. Das Lebenstempo hat sich erhöht. Einen Grund spielen dabei sicherlich auch die modernen Medien, die schnellere Erreichbarkeit und damit verbunden auch eine erhöhte Erwartungshaltung was das Arbeitstempo angeht.

E-Mails sollten binnen eines, maximal zweier Tage beantwortet sein und wehe man tut es nicht. Dann macht man seine Arbeit nicht anständig oder ist nie! erreichbar. Ähnlich ist es mit WhatsApp Nachrichten.

Hohe Erwartungen können einen sicherlich anspornen, aber sie können auch fertig machen. Dazu kommt, dass Menschen oft ausschließlich über ihre Leistung definiert werden. Ohne Fleiß keinen Preis. Kein Schmerz, kein Gewinn. Nur wer von morgens bis abends arbeitet, richtig ackert, ist ein Macher und hat Respekt verdient. Auch in Kirchenkreisen ist das eine häufig zu findende Haltung.

Pausen würde man am liebsten abschaffen. Vielleicht noch Turbopausen zulassen.
In einer WhatsApp Gruppe habe ich neulich folgendes gelesen. Da schrieb jemand: „Ich hatte so eine harte Woche, ich fahre am Wochenende an die See.“ Antwort eines Freundes: „Tolle Idee, hast du dir verdient“. Ruhe, Pausen muss man sich anscheinend inzwischen verdienen.

Mein Eindruck ist, dass in diesem ganzen Tempo Gott verloren geht. Wann denken wir über unser Verhältnis zu Gott nach oder anders gesagt wann nehmen wir uns im Alltag die Zeit einmal in Ruhe über unser Verhältnis zu Gott nachzudenken?
Wann ruhen wir uns überhaupt einmal aus? Ich würde sagen: Wenn ein freier Tag zum Luxus wird, dann läuft etwas verkehrt.

Wenn ich mir die Schöpfungsgeschichte anschaue und versuche mir einfach mal bildlich vorzustellen, wie es abgelaufen sein könnte. Dann war es so, dass Gott am sechsten Tag den Menschen schuf. Dann machte er mit den Menschen einen Rundgang durch das Paradies, stellte seine Spielregeln auf und sagte: “Morgen früh, wenn ihr wach werdet ist hier übrigens Feiertag.“ Das sagt er zwei Wesen, die bis dahin noch keinen Finger gerührt hatten. Sie waren ja gerade erst angekommen und das Erste, was sie tun sollten ist ruhen. Ruhe ist Teil der Schöpfung. Beim Lesen der Schöpfungsgeschichte stellt man fest, dass es so eine Art Schöpfungsrhythmus gibt. Immer wieder heißt es: „Da ward aus Abend und Morgen der zweite….. Tag“. In diesem Rhythmus wurde die Welt geboren. Der Höhepunkt der Schöpfung am siebten Tag ist die Ruhe. Können wir daraus etwas für unseren Lebensrhythmus lernen?

Ruhen hat auch immer etwas mit Erholung zu tun. Das alte Wort für Erholung ist Rekreation. Neuschöpfung. Ruhe ist also Offenwerden für neue Anfänge, neue Prozesse. Das hat nichts mit faul sein zu tun. Die Neuschöpfung geschieht z.B, was unseren Körper angeht, im Schlaf. Kinder wachsen während sie schlafen. Vielleicht erinnern sie sich, dass sie als Kind nachts Gelenkschmerzen hatten. Wachstumsschmerzen. Im Sport ist es so, dass die Muskulatur nicht während der Belastungsphase, sondern während der Erholungsphasen wächst. Deshalb ist für Sportler die richtige Regeneration so wichtig. Auf Aktion folgt Regeneration. Und richtig gesetzte Regeneration bringt Leistungssteigerung. Schauen wir in die Natur. Pflanzen halten Winterruhe. In dieser Zeit findet ein Festigungsprozess statt. Abreifen nennt der Gärtner das. Pause im Reifungsprozess, damit in ihren Zellwänden Lignin gebildet werden kann, ein Stoff, der eine Verholzung der Zelle bewirkt und die Pflanze stabil macht. Eine Schutzmaßnahe. Auch hier könnte ich noch viele weitere Beispiele aufzählen.

Der Satz: „ich muss noch einmal darüber schlafen“, ist also in diesem Sinne genau richtig. In Psalm 127, 2 heißt es: „Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und hernach lange sitzt und esset euer Brot mit Sorgen, denn seinen Freunden gibt es der Herr im Schlaf.“ Wenn ich also ruhe, gebe ich die Schöpfung bildlich gesprochen in die Hände Gottes zurück, indem ich nichts tue oder selbst darauf verzichte, etwas zu schaffen.

Jesus benutzt in seinen Gleichnissen immer Bilder aus der Landwirtschaft oder der Natur. Er spricht unter anderem vom Samen, der gestreut wird, den Gott dann zum Wachsen bringt. Der Same selbst muss gar nichts tun. Er darf sich in Ruhe wachsen lassen. Auch hier finden sich noch weitere Beispiele.

Eines haben aber alle gemeinsam: Ruhe heißt auch, zu Gott zu finden und auf Gott zu vertrauen. Darauf, dass er es schon richtig machen wird. In der Ruhe können sich so auch in unserem Leben neue Wege eröffnen. In der Ruhe finden wir zu Gott.

Die Kunst ist es, diese Art der Ruhe in den eigenen Lebensrhythmus zu integrieren, gegen den Druck der Gesellschaft, immer auf Abruf sein zu müssen, funktionieren zu müssen, alles selber machen oder kontrollieren zu müssen. Gegen den Druck ständiger Aktionen und fortwährender Teilnahme an neuen Aktionen. Ruhe ist das Ziel des Glaubens und der Weg dahin. Ich glaube, wir haben nicht nur als Christen, sondern auch als Kirche vergessen, was Ruhe alles schaffen kann. Und vielleicht sollten wir unser Augenmerk innerhalb der Organisation, aber auch für uns selbst und unser Leben wieder verstärkt auf das Zur- Ruhe -Kommen richten, denn in der Ruhe liegt bekanntlich die Kraft. Amen

Pfarrerin Anne Wirth, Evangelische Kirchengemeinde Schwalheim-Rödgen

′Muttertag′ am 29.05.2020 von Rainer Böhm

Muttertag

Neulich war wieder Muttertag.  Ein seltsames Gefühl, wenn man keine Mutter mehr hat. Ich habe immer noch diesen Impuls, sie anzurufen – aber sie ist ja nicht mehr da. Vor zwei Jahren rief ich sie an, meine Eltern waren viele Jahre vorher im Alter nach Norddeutschland gezogen. Wir sprachen miteinander und sie sagte: „Du weißt ja, ich habe da  n i e  ein großes Aufheben drum gemacht, ob Du Dich meldest oder nicht. So war ich nie!“ Eine mich verstörende Aussage – ich hatte das ganz anders in Erinnerung.

Häufig hatte ich an Muttertag einen Konfirmations-Gottesdienst zu halten. Nach dem langen Vormittag kam ich geschafft nach Hause. Am Ende eines wunderbaren Mittagsschlafes klingelte unser Telefon: „Mein lieber Sohn, wenn  D u  es nicht für nötig erachtest, Dich bei Deiner Mutter zu melden, dann muss sie  D i c h  anrufen!“ Ich versuchte, freundlich zu bleiben, fühlte mich im Recht, aber jegliche Entschuldigung schien aussichtslos. Wahrheit ist ein subjektives Konstrukt.

Vor einigen Tagen stand ich an ihrem Grab. Es ist liebevoll und etwas alternativ gestaltet. Ein heller runder Ostseestein, den ein Bauer uns geschenkt hat und der auf nachgebildeten Blättern die Namen und Lebensdaten unserer Eltern trägt. Ein kleiner Weg aus Steinen, die meine Mutter sammelte, eine Vogeltränke, die meinem Vater wichtig war. Ein laminiertes Gedicht von Mascha Kaléko. Aber zwischen den Gräsern und Blümchen war viel Unkraut gewachsen. Was würde meine Mutter davon halten?

Es stieg kein Groll aus dem Grab, da war kein offener und gelebter Konflikt mehr, nur das abgeschlossene Leben meiner Eltern. Der Abstand eröffnet neue Perspektiven und lässt andere Wahrheiten zu. Vielleicht hatte Altersmilde bei meiner Mutter zu einem anderen Blick auf ihr eigenes Leben geführt, und die alten Familienrituale des Muttertages spielten für sie am Ende tatsächlich keine Rolle mehr. Und in meinem Abstand zu ihr kann ich sie nun auch anders wahrnehmen und bin nicht mehr in meiner Rolle gefangen. Mir schien jedenfalls, dass sie mit Grab und Kindern ganz zufrieden war.

So entwickeln und ändern sich unsere Lebens – Wahrheiten, so vorläufig sind sie auch oft. Nur bei Gott ist das anders. In der Bibel heißt es dazu: „Es ist nicht so, wie ein Mensch es sieht: Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an“ (1. Sam 16,7).

Pfr. Rainer Böhm, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim
06032 – 2908
Boehm@ev-kirche-bn.de

zu Psalm 8,2 am 28.05.20 von Meike Naumann

Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen!  Psalm 8,2

In manchen Indianergeschichten haben die Menschen immer so ungewohnte Namen: „Schneller Hirsch“ oder „Schlauer Fuchs“ oder „Die bis zum Abendrot gelangt ist“. Solche Namen haben mich als Kind sehr beeindruckt und wir haben uns im Spie oft selbst solche Namen gegeben. Solche Namen sind praktisch, weil man gleich zu Beginn der Geschichte weiß, wie dieser Indianer so ist.

Gott dagegen nennen wir oft nur Gott. Eigentlich schade!  Und die Bibel selbst hat viele Namen für Gott. Fels oder Burg, Schutz und Schirm. Der Dichter, von dem der Psalmvers oben stammt, hat auch einen besonders schönen Namen für Gott gefunden. Er bezeichnet Gott als „Herr, unser Herrscher“. Er findet, das ist ein herrlicher Name mit einem herrlichen Klang.

Mir fallen viele herrliche Namen für Gott ein: „der die Bäume wieder grün macht“ oder „Der so viele verschiedene Blumen blühen lässt“ oder „Der uns mit der Sonne warm die Haut streichelt“. Ich glaube, einer meiner Lieblingsnamen ist: “Der mich behütet wie seinen Augapfel“. Was ist Ihr Lieblingsname für Gott?

Pfarrerin Meike Naumann, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

′Schublade auf!′ am 27.05.2020 von Siegfried Nickel

Schublade auf!

Eine Schublade ist eine praktische Sache.
Da habe ich eine für Besteck und eine für Kochgeschirr, eine für Schreibutensilien und eine für Werkzeug. Da packe ich Dinge hinein, die ich gerade nicht brauche, und alle ist gut aufgeräumt. Wenn ich dann eine Schublade öffne, weiß ich, was mich erwartet, und habe gleich einen guten Überblick.

Wie mit Dingen des Alltags gehen wir auch gerne mit Menschen um.
Schnell bilden wir uns ein Urteil und schwuppdiwupp wird das Gegenüber in eine Schublade gesteckt: Macher, Faulenzer, Neunmalkluger, Dummchen usw.
Einmal in der Schublade drin, ist derjenige in meiner Sortierung gut untergebracht und ich weiß, was mich zu erwarten hat, wenn ich die Schublade mal aufmache – sprich, diesem Menschen begegne. In der Regel hat er oder sie keine Chance mehr darauf, auch anders zu sein.

Am Sonntag ist Pfingsten, der Geburtstag der Kirche. Die erste Predigt überhaupt hält – logisch – Petrus, der Wortführer und Fels unter den Jüngern. (Apg. 2) Wobei, so logisch ist das gar nicht: War Petrus nicht der, der Jesus in der Nacht auf Karfreitag vor dem ersten Hahnenschrei gleich dreimal verleugnete? (Luk. 22)

Oh ja, so ein Feigling und Versager. Dabei war er sogar von Jesus vorgewarnt worden. Hat alles nichts genutzt. Als es darauf ankam, da hat Petrus gekniffen.
Also unzuverlässig! Schublade auf – Schublade zu!
Wenn Jesus so reagieren würde, könnte das jeder von uns nachvollziehen.
Das macht Jesus aber nicht. Stattdessen befördert Jesus Petrus nach seiner Auferstehung in einer Art Crash-Kurs zum Oberhirten der christlichen Gemeinde (Joh. 21).
Jesus öffnet die Schublade, nicht, um sich über den Versager lustig zu machen. Nein, Jesus gibt Petrus eine echte neue Chance und Petrus kann so der Wortführer und Fels werden, den die Gemeinde braucht.
Schublade auf! So macht Jesus damals bei Petrus neues Leben möglich.
Ich glaube, das ist kein Einzelfall. Ich glaube, das ist typisch Jesus, und er macht es nicht nur einmal, sondern immer wieder. Jesus gibt immer wieder neue Chancen: damals Petrus und heute mir und Dir.
Schublade auf!
Amen.

Siegfried Nickel, Pfarrer in Steinfurth und Wisselsheim
Telefon: 0 60 32 / 81 66 7
E-Mail: s.nickel@ev-kirche-sw.de

zu Psalm 14,2 am 26.05.20 von Dekan Volkhard Guth

Der HERR schaut vom Himmel auf die Menschenkinder, dass er sehe, ob jemand klug sei und nach Gott frage. (Psalm 14,2)

Nach Gott zu fragen, soll ein Kennzeichen von Klugheit sein. - Für klug hält man heute Menschen, die über ausreichend Emotionale Intelligenz verfügen, weil dies als Voraussetzung für Erfolg im Beruf und im Leben allgemein gilt. Als klug gilt, wer viele Kompetenzen erworben hat und auch in der Lage ist, sie entsprechend anzuwenden.
Und nicht zuletzt gilt als klug, wer es versteht, seine Vorteile zu nutzen und das Beste für sich herauszuholen. Tatsächlich ist klug mehr, als intelligent, gebildet oder gewitzt!

„Der Herr schaut vom Himmel auf die Menschenkinder, dass er sehe, ob jemand klug sei und nach Gott frage.“
Der Beter des Psalms hat Menschen vor Augen, die sagen: „Es ist kein Gott.“ Sie negieren damit nicht einmal das Dasein Gottes grundsätzlich; aber sie sind sich sicher, dass dieser Gott mit ihrem Leben nichts zu tun hat und nichts zu tun haben soll. Gott, so meinen sie, hat keinen Anspruch auf unser Leben, er kann von uns nichts erwarten und erst recht nichts fordern. Sie entziehen sich seinem Wirken. Sie lassen den lieben Gott lieber einen sprichwörtlich „guten Mann sein“.

Dieses Verhalten von Menschen hat es zu allen Zeiten gegeben. Es ist uns auch heute nicht unbekannt. Kann ja sein, dass es so etwas wie einen Gott gibt, eine höhere Kraft oder universelle Macht, wie man es auch nennen will, aber mit mir hat das nichts zu tun. Das sagen heute nicht wenige Menschen und leben auch so. Und wir müssen zugeben: äußerlich leben einige von ihnen nicht mal schlecht.

Der Beter unseres Psalmworts hat mit Gott offenbar Erfahrungen gemacht. Für ihn ist dieser Gott nicht der große Unbekannte, oder die unpersönliche Macht, sondern ein persönlicher Gott, der sich um die Menschen auf seiner Erde Sorgen macht. Deshalb schaut er vom Himmel auf die Erde, um zu sehen, ob er bei seinen Menschen noch vorkommt, ob sie ihn vergessen haben oder sogar vergessen haben, dass sie ihn vergessen haben. Wenn das der Fall ist, so stellt Gott fest, dann verhalten sich die Menschen nicht klug. Warum? Weil es nicht sonderlich klug sein kann, den aus meinem Leben zu verbannen, der mir das Leben geschenkt hat, der den Überblick hat über mein Leben und der Gutes mit seinen Menschen im Sinn hat.

Offenbar hat aber der Blick Gottes aus dem Himmel auf die Menschen nicht wirklich geholfen. Sie sind nicht klug geworden – bis heute nicht.
Deshalb hat er seinen Beobachtungsposten aufgegeben, ist er vom Himmel herabgestiegen und hat sich angreifbar gemacht - angreifbar im doppelten Sinn. Als Kind in der Krippe und als Mann am Kreuz hat er uns seine Liebe vor Augen gestellt. Damit wir klug werden. Zu erkennen, dass Gott ist und etwas mit meinem Leben zu tun hat, stellt die Dinge ins rechte Licht und ordnet sie in der richtigen Reihenfolge. Nach Gott zu fragen, stellt mich in eine Beziehung und macht demütig und im guten Sinne gelassen. Denn er hat uns das Leben nicht nur gegeben, er will es auch erhalten und an sein Ziel führen.

Dekan Volkhard Guth, Evangelisches Dekanat Wetterau

′Wohlfühlort′ am 25.05.2020 von Ingmar Bartsch

Jesus der Frühaufsteher und das abgeliebte Sofa

 

Das Sofa in meinem Arbeitszimmer ist mein Wohlfühlort. Vor 20 Jahren hat meine Frau es gekauft und es ist ziemlich abgenutzt. Trotzdem liege ich sehr gerne dort. Es war eines der ersten Möbelstücke, in unserer Butzbacher Wohnung. Und als die Helfer am ersten Umzugstag gegangen waren, habe ich darauf ein Nickerchen gemacht. Es war eine Oase der Ruhe und ich war richtig glücklich über die neue Wohnung, das Arbeitszimmer und das bequeme, abegliebte Sofa. Und dieses Gefühl überkommt mich heute noch, wenn ich auf diesem Sofa liege. Hier kann ich dem Alltag entfliehen. Hier kann ich die Seele baumeln lassen. Hier denke ich über Andachten wie diese nach, hier bin ich mit Gott im Gespräch.

Von Jesus wird berichtet, dass er oft vor Sonnenaufgang aufgestanden ist, um zu beten. Ich vermute, das war sein Wohlfühlort – oder besser: sein Wohlfühlritual, seine Kraftquelle. Im Gespräch mit Gott tankte er innerlich auf.

Wer einen solchen Wohlfühlort oder ein solches Ritual hat, der hat es gut. Dort erlebt man besondere, von Gott geschenkte Momente. Sie stärken und geben Halt. Und wenn man einen solchen Ort hat, dann sollte man ihn immer mal wieder aufsuchen. Zum Wohlfühlen. Zum Gespräch mit Gott. Als Kraftquelle.

 

Vikar Ingmar Bartsch, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

Mail: bartsch@ev-kirche-bn.de
Tel: 06033 79 60 527

′Himmelfahrt′ am 22.05.2020 von Susanne Pieper

Himmelfahrt – was bedeutet das eigentlich?

Unsortierte Gedanken

„Während er sie noch segnete, entschwand er ihnen und wurde in den Himmel emporgehoben. Und sie kehrten mit großer Freude nach Jerusalem zurück.“ Lukas 24,52 f

Er geht von ihnen, wird von ihnen genommen. Das ist ein Abschied – von gemeinsam erlebter Geschichte, auch von der Hoffnung, er würde schon jetzt sichtbar und hier für Alle Gottes Reich aufbauen.

Er geht zurück in die unendlich große, freie, unsichtbare Dimension Gottes.  Damit weitet er auch unseren Blick:  es gibt unendlich viel mehr als nur dieses große, manchmal auch elende Erdengetümmel!

Die Jünger müssen erwachsen werden, ob sie wollen oder nicht. Das mutet er ihnen zu. Sie werden selbst ihren Weg finden, immer hörend und fragend danach, was denn wohl Gottes Wille in dieser oder jener Situation sein könnte. Und sie werden immer wieder das Vertrauen lernen – auf den Geist Gottes, der ihnen versprochen ist und der bei ihnen ist.

„Da er auf Erden war, war er uns zu fern, jetzt ist er uns nah“, sagte Martin Luther zur Himmelfahrt. Wir haben also nun einen Ansprechpartner, mit dem wir überall und jederzeit reden, zu dem wir beten können.

Er hat uns den Himmel aufgeschlossen. Das Tor ist geöffnet. Wir haben durch ihn den Zugang zu Gottes Dimension bekommen. Er ist unser Stellvertreter geworden, er vertritt uns vor Gott.  Nichts kann uns nun mehr von Gottes Liebe trennen.

Wir wissen nun, dass wir einen Heimathafen für unsere Lebensfahrt haben.

Er wird wiederkommen.

Dann wird Recht gesprochen. Dann wird die letzte Gerechtigkeit für alle aufgerichtet werden, die hier Unrecht erlitten haben.

Dann wird Friede sein.

Pfarrerin Susanne Pieper, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

′Alle eure Sorgen werft auf ihn′ am 20.05.2020 von Anne Wirth

Alle eure Sorgen werft auf ihn; denn er sorgt für euch. (1. Petrus 5,7)

In seinem Theaterstück „Faust“ beschreibt Goethe die Sorge so: „Sie deckt sich stets mit neuen Masken zu, sie mag als Haus und Hof, als Weib und Kind erscheinen, als Feuer, Wasser, Dolch und Gift. Du bebst vor allem, was nicht trifft, und was du nie verlierst, das musst du stets beweinen.“

Bringen wir diese sechs Zeilen auf einen Nenner, dann lautet er: Sorgen haben vielfältige Gründe, aber sie sind zwecklos! Natürlich beben wir manchmal vor etwas, das uns treffen will und uns dann auch tatsächlich trifft. Doch Sorgen können es nicht verhindern.

Also alles, was Sorge heißt, verdrängen, nicht nach oben kommen lassen? Das wäre zu viel verlangt und auch unmöglich. Sorgen sind so etwas wie Fragen an die Zukunft, auf die wir zunächst keine Antwort erhalten. Wir möchten das, was kommt, in den Griff bekommen. Aber wir wissen, dass uns das oft nicht gelingt. Deshalb werden uns Sorgen begleiten, solange wir leben. Auch wer glaubt, kann sich nicht vor ihnen befreien.

Was aber hilft? Was der Schriftsteller Peter Bamm einmal formulierte, ist sicher nur als Ironie zu deuten: „Kleine Sorgen wird man am besten los, indem man ein paar große bekommt.“ Das hieße, vom Regen in die Traufe zu geraten. Doch wie gesagt: Wir können das, was uns Sorge macht, nicht einfach abschütteln.

Aber eines können wir, und der über dieser Andacht stehende Vers aus dem 1. Petrusbrief ruft uns dazu auf. Wir können unsere Sorgen übertragen – in der Gewissheit, dass ein anderer sie mittragen, uns tragen will. Dieser andere ist Gott, von dessen „gewaltiger Hand“ in der Umgebung unseres Verses die Rede ist. Menschlich gesprochen macht er sich auch Sorgen um uns, dass wir mit unserem Glauben nicht Schiffbruch erleiden. Zugleich kümmert er sich um uns, damit wir durchhalten können. Das bedeutet nicht, dass er alle Hindernisse aus dem Weg räumt und keine Sorge mehr an uns herankommen lässt. Die Einzelheiten unseres Weges in die Zukunft bleiben uns verborgen. Wir dürfen allerdings darauf vertrauen, dass Gott uns in der Zukunft erwartet und begleitet. Und dann werden einmal alle Sorgen gegenstandslos sein. Amen

Pfarrerin Anne Wirth, Evangelische Kirchengemeinde Schwalheim-Rödgen

′Der Himmel freue sich′ am 19.05.20 von Meike Naumann

Der Himmel freue sich, und die Erde sei fröhlich, das Meer brause und was darinnen ist. Das Feld sei fröhlich und alles, was darauf ist; es sollen jauchzen alle Bäume im Walde. (Psalm 96,11+12)

Haben Sie schon einmal ein lachendes Feld gesehen? Oder einen Himmel, der sich freut? König David anscheinend schon, denn er hat wohl diesen Psalm geschrieben. Und ich kann mir vorstellen, was er meint! Nicht nur wir Menschen sollen Gott loben, auch die Natur gehört ja zu Gottes Schöpfung. Jedes Blatt, das an einem Baum wächst, sagt: „Schau, Gott hat mich gemacht!“ Wenn am Abend die Sonne untergeht, dann wird der Himmel in leuchtenden Farben bemalt, so lobt der Himmel seinen Schöpfer. Wenn der Wind durch die Blätter der Bäume rauscht, dann singt er von Gott. Mal laut und mal leise. Die Natur kann gar nicht anders, sie muss Gott einfach loben. Es ist „in ihr drin“. Für die Natur sind die letzten Wochen wie ein großes Aufatmen. Selten ist der Himmel über uns so leer gewesen, so unberührt, so ganz ohne die Kondensstreifen der Flugzeuge. Die Luft ist spürbar klarer. Und es ist stiller um uns. Plötzlich können wir den Gesang der Vögel und das Summen und Brummen der Insekten hören.

Sicher ist unsere Welt keine heile Welt. Das erfahren wir gerade jetzt. Es gibt so vieles, was nicht in ein Loblied passen mag. Sorgen um das Jetzt, aber auch um die nahe Zukunft belasten uns. Und auch der Natur ist nur eine kurze Atempause vergönnt. Wie wird es weitergehen mit dem Klimaschutz?

Trotz allem: Halten wir unsere Augen offen! Schauen wir nach den vielen schönen Dingen, die auf Gott hinweisen. Eine schöne Blume, ein Schmetterling, der Wind auf unserer Haut, ein netter Gruß, ein freundliches Lächeln. All das erzählt uns von Gott.

Pfarrerin Meike Naumann, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

′Die Mund-Nasen-Maske ein Symbol der Nächstenliebe′ am 18.05.2020 von Siegfried Nickel

Die Mund-Nasen-Maske ein Symbol der Nächstenliebe

Duftbaum, Rosenkranz und Plüschtier waren früher, heute ist die Corona-Maske das Accessoire an den Auto-Rückspiegeln der Republik.

Ein praktischer Ort, denn hier vergisst man sie nicht so leicht. Schließlich war das, was heute auch unseren Alltag prägt, bis vor wenigen Monaten für uns nur die ziemlich befremdliche Ausstattung asiatischer Touristen.

Doch inzwischen müssen wir die Mund-Nasen-Maske auch tragen: beim Friseur, beim Einkaufen oder im Bus.

Das ist oft nervig, denn sie rutscht, sie juckt und bei den selbstgenähten Alltagsmasken bekommt man auf Dauer auch noch schlecht Luft.

Keiner mag sie, diese Dinger – ich auch nicht.

Trotzdem trage ich sie – wenn irgend möglich – sobald ich weiß, dass ich mit anderen Menschen in näheren Kontakt komme oder der einzuhaltende Mindestabstand leicht unterschritten werden könnte. Was bei all den Nachteilen, Ungereimtheiten und Klagen über die Mund-Nasen-Maske nämlich oft aus dem Blick gerät, ist ihre Funktion:

Wer Maske trägt, schützt nicht sich selbst, sondern er schützt den anderen.

Deshalb ist das Tragen der Maske eigentlich nicht nur eine Frage der eigenen Befindlichkeit, sondern auch oder sogar in erster Linie eine Frage, was mir mein Mitmensch und seine Gesundheit wert sind.

Insofern ist die Mund-Nasen-Maske für mich ein Symbol der Nächstenliebe geworden.

„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen…und deinen Nächsten wie dich selbst.“

Diese Vorgabe ist eine der Grundherausforderungen des christlichen Glaubens seit 2000 Jahren. Seitdem bemühen sich Christen darum, dieses Dreieck der Liebe in das rechte Gleichmaß zu bringen.

Ganz aktuell und neu bewährt sich unser Umgang mit dem Nächsten in unserem Alltag, wo es räumlich eng wird, im Tragen der Mund-Nasen-Maske. Ziehe ich sie auf, trage ich viel zum Schutz meines Nächsten vor dem Virus bei, lasse ich sie weg, habe ich es bequemer. Es stellt sich also die Frage: Wo liegen meine Prioritäten?

P.S.: Der spannende Clou bei der Masken-Frage ist übrigens: Orientieren sich alle, denen ich begegne, an der Nächstenliebe, bin ich auch selbst geschützt.

Siegfried Nickel, Pfarrer in Steinfurth und Wisselsheim
Telefon: 0 60 32 / 81 66 7
E-Mail: s.nickel@ev-kirche-sw.de

′Wie lieblich ist der Maien′ am 15.05.2020 von Rainer Böhm

Wie lieblich ist der Maien

Einer meiner Vorgänger im Pfarrhaus Uhlandstraße war Dekan Paul Gerhard Schäfer, ein Freund Niemöllers. Mit dem Gesang hatte er es nicht so sehr. Deshalb spielte ihm seine Frau vor jedem Gottesdienst, den er in der Dankeskirche hielt, auf dem Klavier die ersten Noten vor – damit er das Votum unfallfrei anstimmen konnte. Einige SpötterInnen nannten den kurzen Weg vom Pfarrhaus zur Dankeskirche damals den Paul-Gerhard-Weg. Wenn unsere Liturgie in Hessen noch, wie in anderen Landeskirchen, vom Liturgen gesungen werden müsste – wäre ich vermutlich kein Pfarrer geworden.

Die Kirchenlieder waren für mich eine Entdeckung. Das begann gleich nach dem Studium.  Als Student war ich anderen Musikrichtungen zugeneigt. Mit meinem Lehrpfarrer und dem hauptamtlichen Kantor, den es in meiner Vikariatsgemeinde gab, gingen wir die Gesangbücher durch. Und so lernte ich sie kennen: die fröhlichen Weihnachtslieder, die Ostergesänge, die eigentlich als Tanzlieder gespielt und gesungen werden können. Das war für mich wie eine neue Welt.

Ich erinnere mich an einen Gottesdienst im Sommer, als Eingangslied „Du meine Seele singe“, im Wechsel von Orgel und Posaunenchor – vor lauter Tränen konnte ich kaum singen. Ich bin da eher einfach gestrickt. Immer wieder halten unsere Gesangbücher solche wunderbaren Überraschungen für mich bereit, auf die unsere Kantoren Frank oder Uschi und andere mich hinweisen. Etwa aus dem neuen Gesangbuch auf „Meine Zeit steht in deinen Händen“ oder „Peace of the Earth“ von der Kommunität Iona.

Erst vergangenes Jahr habe ich gelernt, dass „Narzissus und die Tulipan“ gemeinsam blühen. Der Gemeindegesang fehlt mir jetzt sehr. Er wirkt als Therapeutikum. Zum Glück darf die Orgel ja noch spielen. Und es geht auch reduziert. Zu den innigsten Momenten meines Lebens gehört ein gemeinsamer Gesang von Liedern mit meiner Frau in einer leeren Kirche, ganz spontan, Gesangbücher lagen aus. In diesen Wochen geht mir „Wie lieblich ist der Maien“ nicht aus dem Sinn. Das habe ich erst vor ein paar Jahren ‚entdeckt‘. Ich singe es jetzt manchmal allein. Nächsten Mai hoffentlich wieder zusammen.

 

Pfr. Rainer Böhm, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim
06032 – 2908
Boehm@ev-kirche-bn.de

′Von Messern und Konflikten′ am 14.05.2020 von Ingmar Bartsch

Von Messern und Konflikten

In unserer Küche liegt in einer Schublade ein Wetzstahl. Vielleicht sind unsere Ansprüche an die Schärfe unserer Messer zu gering, denn wir benutzen das Ding eigentlich nie. Als ich es neulich in der Schublade wiederfand, erinnerte es mich an einen Bibelvers:

„Wie Eisen durch Eisen geschärft wird, so schärft ein Mensch den anderen.“ (Spr. 27,17)

Soll ein Messer – anders, als die in unserer Küche – scharf bleiben, dann muss es ab und zu an den Wetzstahl. Auch für uns Menschen ist es wichtig, nicht nur die eigene Meinung zu bestätigen. Wir brauchen die Auseinandersetzung mit anderen, damit wir nicht stumpf – oder gar stumpfsinnig – werden.

Richtig scharf wird ein Messer nur, wenn es im Winkel von 15 bis 20 Grad geschliffen wird. Andernfalls ruiniert man Messer und Wetzstahl. Ohne Respekt  geführte Diskussionen und Konflikte rufen die immer gleichen Verletzungen hervor. Man schlägt quasi immer in die gleiche Kerbe.

Eisen an Eisen zu schleifen, ist übrigens ein wichtiger Hinweis: Diskussionen und Konflikte prägen unseren Charakter und schärfen unser Denken. Wichtig aber ist: Wir sind aus dem gleichen Material. Wir sind Menschen.

Vikar Ingmar Bartsch, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

Mail: bartsch@ev-kirche-bn.de
Tel: 06033 79 60 527

′In der Nacht ist sein Lied bei mir (Psalm 42,9)′ am 13.05.2020 von Susanne Pieper

In der Nacht ist sein Lied bei mir (Psalm 42,9)

Da sitzt die junge Frau, mit ihrer Harfe zwischen den Knien, in sich versunken auf der Bank in der Fußgängerzone. Und spielt. Die meisten Menschen hetzen an ihr vorbei.  Nur Wenige bleiben stehen, um ihr zuzuhören. Sie nehmen sich die Zeit. Sie halten inne. Lauschen. Lassen sich mitnehmen von den zarten Klängen und beginnen, leise mit zu summen. Es ist, als würde die Zeit still stehen. In diesem Moment erleben sie, was für ein großartiges Geschenk die Musik ist.

Musik spricht ohne Worte zu uns. Sie findet den direkten Weg zu unserer Seele. Und sie bringt etwas in uns zum Schwingen, das gerade in dieser Zeit oft wie verschüttet ist: die Leichtigkeit, die Freude und das Vertrauen.

Der Sonntag, der hinter uns liegt, trägt den Namen „Kantate“, das heißt „Singt“. Und dabei denke ich: das Singen ist tatsächlich die einfachste Form, Musik zu machen. „Singt!“ – das fordert uns in diesen Tagen heraus, in denen uns oft gar nicht zum Singen zumute ist. Aber es könnte sein, dass uns das Singen gerade jetzt hilft; dass es uns innerlich stärkt und aufbaut, wenn wir die Lieder anstimmen, die uns schon in früheren Zeiten aufgerichtet und froh gemacht haben.

Lieder sind wie Brücken.  Sie führen uns zurück und erinnern uns an Zeiten der fröhlichen, wohltuenden Gemeinschaft -  ob am Lagerfeuer, beim Wandern, in der Chorprobe oder im Gottesdienst. Und sie führen uns nach vorne.  Sie lassen uns auf die Zeiten hoffen, in denen all das wieder möglich ist!

Ich möchte Ihnen heute einen Zuspruch weiter schenken, den ich gefunden habe:

„So will es Gott, dass du wieder singen kannst:
‚Gott ist das Lied auf meinen Lippen,  Gott ist die Macht in meiner Verzweiflung. Gott heilt meine Seele. Deshalb werde ich leben und davon erzählen, was Gott an mir tut. Seine Güte und Barmherzigkeit erfüllt mein Herz.‘ Amen.“

Pfarrerin Susanne Pieper, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

′Als streichle mich Gott′ am 12.05.2020 von Anne Wirth

Als streichle mich Gott

Es sind nur ein paar Meter, aber innerhalb derer spielt sich Vieles ab. Im Park sind an der Rotunde vier Personen im Sicherheitsabstand beisammen, alle in Aktion:

Eine Mutter, die telefoniert und einen Kinderwagen mit ihren Zwillingen abstellen will.

Eine alte Dame, die mit dem Rollator hin und her rollt und einen Sitzplatz auf einer der vier Bänke sucht. Ein jüngerer Mann, der auch telefoniert, einen Rucksack an der Schulter hängen hat und eine Tasche in der Hand – zwischen den Knien eingeklemmt hält er noch eine Getränkedose. Schließlich noch ein Mann mit seinem Hund an der Leine, der eiligen Schrittes über den Platz läuft.

Alle wirken wenig entspannt und irgendwie leicht überfordert.

Vielleicht liegt es daran, dass wir Menschen einfach zu viel wollen oft sogar alles gleichzeitig. Telefonieren, Einkaufen, dabei den Kinderwagen oder Rollator schieben, den Rucksack oder die Wasserflasche handhaben, um den nächsten Termin nicht zu verpassen und zugleich mit unseren Gedanken schon bei Kochen sind. Wir wollen alles schaffen und behaupten auch, dass wir es können. In Wahrheit aber gelingt es selten. Irgendetwas geht meist schief.

Gerade in der aktuellen Situation, in der viele Eltern mit Ihren Kindern seit Wochen im Homeoffice zu Hause sitzen und versuchen, alles unter einen Hut zu bringen, wird es besonders deutlich spürbar. Wir leiden an einem Zuviel.

Unsere Seele leidet zuerst. Wenn zu viel zugleich gemacht oder gedacht werden soll, wehrt sie sich, lässt uns müde werden, macht uns Kopfschmerzen oder lässt uns aus Erschöpfung Tränen vergießen.

Meist genügt dann eine Kleinigkeit, dass wir endgültig die Fassung verlieren.

Die Seele lässt sich nie zwingen. Sie braucht nicht vielerlei, sondern alles nach und nach!

Ein Schritt nach dem anderen, auch wenn es manchmal schwerfällt.

Die Seele braucht auch Pflege. Sie braucht Zeit zum Aufatmen. Vielleicht pflegt man sie am besten, wenn man ihr mehr Ruhe gönnt, einfach in sich hineinhorcht an den Sonntagen. Dann blüht die Seele auf, sozusagen. Als streichle mich Gott.

Pfarrerin Anne Wirth, Evangelische Kirchengemeinde Schwalheim-Rödgen

′Nun danket alle Gott′ am 11.05.20 von Meike Naumann

Nun danket alle Gott, der große Dinge tut an allen Enden, der uns von Mutterleibe an lebendig erhält und uns alles Gute tut. Sirach 50,24

Kennen Sie das? Manche Menschen merken erst, dass sie zwei gesunden Arme haben, mit denen sie unglaublich tolle Sachen machen können, wenn sie sich einen Arm gebrochen haben. Mit einer Schiene oder einem Gips geht dann oft gar nichts mehr. Unser Körper – wir selbst – sind ein Wunderwerk Gottes. In dieser Minute schlägt das Herz von uns allen bis zu hundertmal – ohne das wir irgendetwas dazu tun müssen. Atmen, schlucken, sehen, riechen, schmecken, fühlen, hören – all das sind Dinge, die wir einfach tun ohne groß darüber nachzudenken. Dabei ist es doch gar nicht selbstverständlich, wenn wir all das tun können.

In den letzten Wochen ist Vieles ins Wanken gekommen. Unser Alltag hat sich verändert. Es ist ein bisschen so als ob wir mit einem gebrochenen Arm unser Leben neu organisieren müssen. Im Großen wie im Kleinen. Vieles, was immer ganz selbstverständlich gewesen ist, geht auf einmal nicht mehr oder nur unter erschwerten Bedingungen. Auf einmal fällt uns auf, was wir alles immer als selbstverständlich hingenommen haben ohne es noch wertzuschätzen. Diese Einschränkungen auszuhalten ist nicht einfach. Aber es steckt auch eine Chance darin. Nämlich die Chance ganz bewusst um uns herum wahrzunehmen, was alles da ist, was alles noch geht. Und auch worauf wir uns wieder freuen können, wenn sich in kleinen und behutsamen Schritten das Leben wieder öffnet.

Unser Leben mit all seinen Freiheiten, mit all dem was wir tun und lassen können, mit unserer Gesundheit, unseren Freunden, unserer Freude – es ist ein Geschenk. Ein Geschenk Gottes, dem Liebhaber des Lebens. So wie wir sind hat Gott uns geschaffen, so liebt er uns und begleitet uns auf unseren Wegen. Wenn das kein Grund zum Danken ist.

Da ich noch nicht geboren war,

da bist du mir geboren

und hast mich dir zu eigen gar,

eh ich dich kannt erkoren.

Eh ich durch deine Hand gemacht,

da hast du schon bei dir bedacht,

wie du mein wolltest werden.

(Text: Paul Gerhardt, EG 37)

Pfarrerin Meike Naumann, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

′Stürmische Zeiten′ am 08.05.2020 von Siegfried Nickel

Stürmische Zeiten

Stürmische Zeiten sind das. Durch die Corona-Pandemie ist nichts mehr, wie es war.

Am Mittwoch haben Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten neue Öffnungen beschlossen.

Viele sagen „endlich!“, die anderen „viel zu schnell!“.

Wer hat Recht?

Die Antwort kann uns nur die Zukunft weisen und aller Wahrscheinlichkeit nach wird diese Antwort von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich ausfallen.

Da werden die einen sein, die sich zuletzt durch die Situation sehr eingeschränkt, ja bedrängt erlebt haben und nun wieder Freiheit und sogar wirtschaftliche Grundlage finden. Und da werden die anderen sein, die selbst oder ihnen wichtige Menschen nun doch vom Corona-Virus erfasst werden und schwerwiegend erkranken oder gar sterben.

Wie verhalte ich mich?

Woran orientiere ich mich?

Manchmal, wenn Sorge oder gar Angst mich erfassen, komme ich mir vor wie in einer kleinen Nussschale mitten auf dem Meer, hin- und hergeworfen von stürmischen Wellen. So wie die Jünger auf dem Galiläischen Meer. Als sie selber nicht mehr weiterwissen, wenden sie sich an Jesus, der seelenruhig hinten im Boot schläft.

Der sorgt für Ruhe und die Jünger fragen sich: „Was ist das für ein Mensch?“ Erst später wird Ihnen klar: „Typisch Gottes Sohn“

Wo ich so daran denke, fällt mir ein: „Das habe ich auch schon so erlebt!“ Wenn ich Jesus mit ins Boot geholt habe, ist Ruhe eingekehrt, nicht unbedingt sofort äußerlich, aber eigentlich immer innerlich, bei mir.

Wie gut, dass mir diese Erinnerung gekommen ist.

Schon merke ich, wie sich Ruhe und Gelassenheit bei mir ausbreiten.

Amen.

Siegfried Nickel, Pfarrer in Steinfurth und Wisselsheim
Telefon: 0 60 32 / 81 66 7
E-Mail: s.nickel@ev-kirche-sw.de

′Über das Verhältnis zu Autoritäten′ am 07.05.2020 von Rainer Böhm

Über das Verhältnis zu Autoritäten

 

Immer wieder geht es in diesen Wochen, die zu Monaten geworden sind, um Autoritäten und Vorbilder, an denen wir uns orientieren können und die uns durch diese Krise führen. Dazu ist mir ein Text von Mark Twain eingefallen, der mich auch aus einem anderen Grund berührt. Er hat nämlich das Verhältnis zu seinem Vater ungefähr so beschrieben:

Als Fünfjähriger war mein Vater für mich ein allmächtiger Riese. Als Zehnjähriger dachte ich, mein Papa weiß fast alles. Als Vierzehnjähriger: Ok, der weiß noch längst nicht alles. Als Achtzehnjähriger: Mein Alter hat keine Ahnung. Als Vierzigjähriger: Da sollte ich doch vielleicht mal Papa um Rat fragen. Und nun, als über Sechzigjähriger denke ich: Wenn Papa nur noch leben würde – ich wüsste gerne, was er dazu sagen würde!

Eine Lebensgeschichte im Zeitraffer, die auch meine eigene sein könnte.  Mark Twain beschreibt jedenfalls auch mein Verhältnis zu Autorität und zu anderen Menschen. Ich denke über sie nach, beurteile sie und bin leicht geneigt, sie zu verurteilen. Dabei mache ich selbst die einfachsten Fehler und vergesse so Einiges.

Urteilt nicht, damit ihr nicht verurteilt werdet; richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet, sagt der Mann aus Nazareth. Wie oft habe ich in den vergangenen Jahren erlebt, dass ein Team viel klügere Gedanken entwickelt als ein Einzelner.  Manchmal ist das ja sogar in der Familie so. Also lese ich die Andacht unserem Sohn vor. „Das ist doch Quatsch“, sagt er. Er ist zwanzig.

Pfr. Rainer Böhm, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim
06032 – 2908
Boehm@ev-kirche-bn.de

′Umkehr′ am 05.05.2020 von Ingmar Bartsch

Umkehr

Vor ein paar Tagen waren meine Frau und ich wandern. Anfangs schien die Sonne, laut Wetterbericht sollte es leichte Schauer geben. Gegen Mittag packten wir auf einer Bank unser Essen aus. Plötzlich begann es zu regnen und zu stürmen, wenig später hagelte es. Hastig stellten wir uns unter einen Baum, der aber nur wenig Schutz bot. Vor uns lagen noch zwölf Kilometer, hinter uns nur vier. Und so kehrten wir um.

Nach wenigen Minuten beruhigte sich das Wetter. Zweifel schlichen sich ein. Eigentlich wollten wir diesen schönen Weg ja zu Ende gehen. Aber was, wenn es wieder hagelt? Meine Frau beschloss: „Komm, wir gehen den Weg zu Ende!“ Ich war skeptisch, aber wir gingen wieder los und die Wanderung war wundervoll. Denn bald schien die Sonne wieder und begleitete uns fast bis zum Ende des Rundweges.

An diesem Tag ist mir etwas neu klar geworden: Wenn ich merke, dass ich eine Entscheidung falsch getroffen habe, dann ist umkehren nicht schlimm. Das ist sogar ein christliches Wesensmerkmal. Wenn ich mich verrannt oder gar versagt habe, dann ist das nicht das Ende. Wenn eine Entscheidung oder eine Handlung falsch war, dann kann ich das aussprechen und ich finde Vergebung. Denn dank Ostern, dank Jesu Tod und Auferstehung ist Umkehr immer möglich.

Vikar Ingmar Bartsch, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

Mail: bartsch@ev-kirche-bn.de
Tel: 06033 79 60 527

′Die Grünkraft′ am 04.05.2020 von Susanne Pieper

Die Grünkraft

 

Heute sind wir durch den Wald gewandert. Rausgehen aus den bekannten, gerade allzu bekannten Räumen und die Weite erleben, das war gut.

Die Vögel zwitscherten um die Wette, die Sonne schien durch das hohe Blätterdach der Bäume hindurch und das frische Grün zog immer wieder meine Blicke auf sich.

Wie wohltuend ist der Wald in diesen Tagen!

„Meine Damen, gehen Sie in die Natur. Das Grün ist gut für die Seele!“ Noch immer habe ich diese Aufforderung meiner Klassenlehrerin von damals im Ohr. Und wenn ich auch mit Vielem von ihr nicht einverstanden war, muss ich an diesem Punkt gestehen: damit hatte sie recht.

Hildegard von Bingen, die große Mystikerin, Meditationslehrerin, Heilkundige und Nonne des frühen Mittelalters, hat den Begriff der Grünkraft geprägt. Die Grünkraft ist für sie in allem, was die Schöpfung hervorbringt: in den Pflanzen, in den Speisen, aber genauso auch in einer positiven Lebenseinstellung. Es ist die Lebensenergie, die dem Menschen von Gott geschenkt ist. Aus Gott selbst quillt die grünende Lebenskraft.

Mir gefällt dieser Gedanke, und ich danke Hildegard im Stillen für diese Inspiration, die sie der Welt geschenkt hat. Auf meiner Waldwanderung habe ich mit allen Sinnen erlebt, das die Schöpfung mir mit ihrer Grünkraft manchmal auch einfach nur gut tun kann. Ich bin ein Teil der Natur. Ich bin Leben inmitten von Leben, das leben will.

 

Pfarrerin Susanne Pieper, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

 

′Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen′ am 30.04.20 von Meike Naumann

David spricht: Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.  (2. Samuel 22,30)

Benno ist in einem kleinen Dorf aufgewachsen. Dort ist er in den Kindergarten gegangen und hat in der Nachbarschaft viele Freunde gehabt. Oma und Opa haben auch dort gewohnt und er konnte sie jeden Tag besuchen. Letzten Sommer ist Benno in die erste Klasse gekommen. Aber nicht zusammen mit seinen Freunden aus dem Dorf. Denn er ist umgezogen in die Stadt, weil sein Papa eine neue Arbeit gefunden hat.

Jetzt wohnt Benno in einer schönen großen Wohnung. An die neue Umgebung hat er sich gewöhnt. Er kann seinen Schulweg alleine gehen und auch zum Brötchenkaufen am Samstag. Neue Kinder hat er auch kennengelernt und seine Klassenlehrerin mag er sehr. Trotzdem vermisst er seine Freunde und den Kirschbaum im Garten, in dem er immer geklettert ist. Und er vermisst Oma und Opa, obwohl sie ihn ganz oft besuchen kommen.

Hier in der Stadt gibt es so viele Häuser, auch ganz hohe Häuser. Immer wieder versperren Mauern den Blick. Und in den letzten Wochen ist es noch enger geworden. Unsichtbare Mauern sind überall aus dem Boden gewachsen. Wegen der Corona-Krise ist die Schule geschlossen. Erst findet Benno das richtig gut. Aber schon nach einigen Tagen vermisst er die anderen Kinder zum Spielen. Und auch das Lernen zu Hause macht nicht so viel Spaß wie in der Schule. Irgendwie kriegt Mama das nicht so hin mit dem Erklären. Auf den Spielplatz darf er auch nicht mehr. Da ist er froh, dass er mit seinem Hund und seinen Eltern viel im Wald unterwegs sein kann, wo er nicht dauernd aufpassen muss, dass er auch genug Abstand zu den älteren Menschen hält, die ihm auf der Straße entgegenkommen.

Zu dem alten Heimweh nach seinem Dorf und seinen Freunden, mischt sich jetzt ganz oft eine neue Traurigkeit. Er vermisst seine Großeltern ganz schrecklich. Jeden Abend telefoniert er mit seinem Opa und erzählt ihm, von seinem Tag. Und einmal als Benno wieder ganz traurig ist, da erzählt ihm sein Opa: „Weißt du, was mich tröstet, wenn mir wieder einmal ganz hohe Mauern im Weg stehen? Es ist ein Vers aus der Bibel: Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen. – das hilft mir, dass ich nicht alleine bin.“

Am nächsten Tag bekommt Benno Post. Einen richtigen Brief mit Briefmarke. In dem Brief ist eine Karte. Auf diese Karte hat Opa in Schönschrift den Bibelvers geschrieben. „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ 2. Samuel 22,30

Benno hängt sich die Karte über sein Bett. Beim Einschlafen und beim Aufwachen liest er Opas Mutmachkarte. Und er weiß, dass er nicht alleine ist und dass er so manche Mauer überspringen wird.

Pfarrerin Meike Naumann, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

′Feder′ am 29.04.2020 von Siegfried Nickel

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

neulich habe ich sie entdeckt - auf einmal schwebte sie vor meinem Fenster: eine Feder. Gesehen hatte ich sie schon vorher, da lag sie noch auf einem Busch, aber ich hatte das flauschige Weich nicht so ganz deuten können. Nun zog sie himmelwärts, nicht wie ein aufsteigender Vogel zügig und zielgerichtet oder gar wie ein Pfeil schnurrgerade, nein eher zögerlich, schwankend und eher stufenartig. Dann entschwand sie meinen Blicken und ich trat vor die Tür, denn ihr Anblick faszinierte mich und ich folgte ihrem aufsteigenden Schweben, bis sie im Himmelblau verschwand.

Ein Gleichnis auf mein Leben, auf meinen Glauben, auf mein Gebet?

Unsere Gesellschaft hat es sich angewöhnt, dass alles zielgerichtet und schnell erledigt werden muss, nach dem Motto „Zeit ist Geld“. Immer mehr hat sich das auch auf unser ganzes Leben übertragen, zielgerichtet und effizient muss es sein, am besten wie ein Pfeil, zur Not auch wie der Flug eines Vogels.

Allem anderen – z.B. Ruhe, Gelassenheit, Schritt-für-Schritt – wird nur noch geringer Wert beigemessen.

Warum eigentlich?

Wohl weil das nicht zu unserer neo-liberalen Wirtschaftsordnung passt, die unserem Leben weitgehend die Wertmaßstäbe diktiert.

Gerade diese Zeiten machen neu klar, wie wichtig die Werte sind, an denen wir uns orientieren, denn der Umgang mit dem Corona-Virus wird von Wertentscheidungen geleitet. Was ist wichtiger? Leben oder funktionierende Wirtschaft? Im Supermarkt fassen alle möglichen Menschen alles an, aber die Gesangbücher und die Oberflächen in den Kirchen müssen für den Gottesdienst desinfiziert werden. Werteentscheidungen.

Gott ruhte am siebenten Tag von den Werken seiner Schöpfung. Ob das effizient war?

Paulus schreibt von der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes (Römer 8,21), davon, dass uns Christus zu dieser Freiheit befreit hat, und von der Gefahr, sich wieder neu das Joch der Knechtschaft auflegen zu lassen (Galater 5,1).

Gott hat anscheinend andere Wertmaßstäbe. Nicht unbedingt die von Effektivität und Effizienz. Er hat Wertmaßstäbe, die nicht knechten, sondern uns zur Freiheit führen.

Wir dürfen uns darauf einlassen. Das muss nicht zielgerichtet und zügig sein. Nein es darf auch schwankend und zögerlich sein.

Wir können uns vom Heiligen Geist zu dieser Freiheit hintragen lassen, so wie diese Feder, die voller Leichtigkeit himmelwärts stieg.

Dann nimmt auch unser Leben etwas von der Leichtigkeit dieser Feder an.

Amen.

Siegfried Nickel, Pfarrer in Steinfurth und Wisselsheim
Telefon: 0 60 32 / 81 66 7
E-Mail: s.nickel@ev-kirche-sw.de

 

′Paul Gerhardt′ am 28.04.2020 von Ingmar Bartsch

Im Gesangbuch gibt es 26 Lieder von Paul Gerhardt. Damit liegt er nur knapp hinter Martin Luther. Als junger Mann erlebte Gerhardt den 30jährigen Krieg. Er hat viel Leid erfahren. Und doch gehört er zu den Liederdichtern, deren hoffnungsvolle Lieder mich immer wieder beeindrucken. 1647, der Krieg wütete schon 29 Jahre und das Ende war noch nicht absehbar, da schrieb Gerhardt das Abendlied „Nun ruhen alle Wälder“. In der letzten Strophe heißt es:

„Auch euch, ihr meine Lieben,
soll heute nicht betrüben
kein Unfall noch Gefahr.
Gott laß euch selig schlafen,
stell euch die güldnen Waffen
ums Bett und seiner Engel Schar.“

Aus diesem Lied spricht ein festes Vertrauen auf Gott. Paul Gerhardt wusste, wie fragil das Leben ist. Und offensichtlich kannte er keine andere Hoffnung, als Gott. „Wie ist das möglich?“ frage ich mich, wenn ich selbst schwere Zeiten durchlebe. Vermutlich hatte auch er Zweifel. Aber auch diese scheinen ihn nicht von Gott abgebracht zu haben.

Das merkt man an den Liedern, die er nach Kriegsende geschrieben hat. Gerhardt stand da schon in er Mitte des Lebens und er kannte von seinem elften Lebensjahr an nichts anderes, als die Kriegszeit. Das Ende des Krieges muss ihm wie eine Befreiung vorgekommen sein. Und er macht dieser Freude Luft, indem er Lieder schreibt, die vor Hoffnung und Dankbarkeit nur so strotzen. Eines der Bekanntesten ist das Lied „Geh aus mein Herz und suche Freud“ von 1653. Dort heißt es in der 8. Strophe:

„Ich selber kann und mag nicht ruhn,
des großen Gottes großes Tun
erweckt mir alle Sinnen;
ich singe mit, wenn alles singt,
und lasse, was dem Höchsten klingt,
aus meinem Herzen rinnen,
aus meinem Herzen rinnen.“

Ich möchte mich von Gerhardts Freude anstecken lassen. Er hat schwere Zeiten durchgemacht, schwerere, als ich sie bis jetzt kenne. Dabei hat er an Gott festgehalten. Vielleicht auch gegen allen Anschein. Von ihm dürfen wir uns auch heute noch fröhliche Worte und Melodien leihen, wenn wir in schwierigen Situationen stecken.

Vikar Ingmar Bartsch, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

Mail: bartsch@ev-kirche-bn.de
Tel: 06033 79 60 527

′Der Blitzer und der Sündenfall′ am 27.04.2020 von Ingmar Bartsch

Vor einigen Jahren rauschte ich über eine rote Ampel. Die Ampel war grün. Wegen eines anderen Autos war ich kurz abgelenkt. Ich schaue nach vorn und sehe im Augenwinkel die Ampel auf rot springen. Zu spät zum Bremsen. Zack. Was habe ich mich geärgert! Mich traf ja keine Schuld! Schuld war vielmehr die Situation, das andere Auto und überhaupt hatte die blöde Ampel eine viel zu kurze Gelbphase.

Ob mit voller Absicht oder versehentlich: Niemand will bei etwas Verbotenen erwischt werden. Und wenn doch, werden wir Menschen gerne kreativ. Der Prototyp aller originellen Ausreden steht in der Story vom Sündenfall im 1. Buch Mose 3. Die Menschen essen von der Frucht der Erkenntnis. Gott merkt natürlich, dass etwas faul ist und spricht Adam darauf an. Dieser antwortet in Vers 12 folgendermaßen: „Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß.“

Das ist ja mal eine echt geniale Ausrede! Adam macht sich hier nicht nur zum willenlosen Opfer ohne eigene Entscheidungskompetenz. Er suggeriert auch noch, dass eigentlich Gott an der Misere Schuld ist. Im Handstreich schiebt Adam die Schuld auf andere.

Mich begeistert, wie scharfsinnig, humorvoll und präzise die Bibel menschliche Eigenschaften beschreibt. Ich erkenne mich wieder und muss mir halb zerknirscht und halb amüsiert eingestehen: Ja, sowas habe ich auch drauf. Diese Ampel hat einfach eine viel zu kurze Gelbphase. Deshalb kann ich keinesfalls schuld daran sein, dass ich geblitzt wurde.

Vikar Ingmar Bartsch, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

Mail: bartsch@ev-kirche-bn.de
Tel: 06033 79 60 527

′Powerriegel für den Tag′ am 24.04.2020 von Susanne Pieper

Powerriegel für den Tag

 

Seit einigen Wochen ist mein üblicher Tagesrhythmus ziemlich aus dem Takt geraten. Es gibt kaum noch feste Termine, kaum noch analoge Treffen und Begegnungen von Angesicht zu Angesicht. Nun ist es nötig, für mich eine neue Struktur zu finden, die mir durch den Tag hilft. Dabei habe ich gemerkt, dass feste Rituale, die sich möglichst immer wiederholen, wirklich hilfreich für mich sind. Dazu gehört neben manch anderem auch eine längere Meditationszeit, die ich versuche, mir am Morgen zu nehmen.

Sich Zeit für das Beten zu nehmen, ist dabei alles andere als langweilig. Es ist höchste geistige und seelische Aktivität. Ich kann damit einen ersten, bewussten Schritt in den Tag gehen. Und ich bekomme einen großen Energieschub, um mein Tagewerk zu tun.

Ich habe gemerkt, dass Beten wirklich viele Seiten hat:

Beten ist schweigen - die Gedanken spazieren gehen lassen und dann loslassen. Innerlich zur Ruhe kommen, zur Insel in mir selbst finden.

Beten ist aber auch danken - für alles, was mir gegeben und geschenkt ist. Was ich oft als so selbstverständlich ansehe: für mein Leben, meine Gesundheit, meine Familie und meine Freunde, für mein Auskommen.

Beten ist klagen – über das, was mir wehtut und was ich nicht verstehe. Es bedeutet auch, lautlos meine Wut und meinen Zorn hinaus zu schreien über ein Leid oder ein Unrecht, über das ich manchmal verzweifeln möchte.

Zu beten, das hilft mir, meine Fassung wieder zu finden, wenn ich fassungslos geworden bin, mich innerlich wie an einem Rahmen oder einem Geländer festzuhalten.

Beten ist auch bitten – für mich selbst darf ich bitten, dass ich nicht resigniere sondern hoffnungsvoll und zuversichtlich bleibe. Dass ich Energie für mein tägliches Denken und Handeln habe. Und für so viele andere, von deren Situation ich weiß, die seelische oder materielle Unterstützung benötigen und Kraft für ihr Leben.

Ich denke, die Bischöfin der Ev. Kirche von Kurhessen – Waldeck hat recht, wenn sie sagt: „Ich erlebe, dass Beten das Herz erleichtert, weil all das, was schwer ist, zur Sprache kommen kann. Und wenn alles ausgesprochen ist, dann ist auch wieder Raum für die Hoffnung… und für das Vertrauen, dass Gott da ist und uns begleitet.“

Beten ist wie ein Powerriegel für den Tag. Gott bietet uns an, im Kontakt mit ihm zu sein. Zu jeder Tages – und Nachtzeit haben wir in ihm einen Ansprechpartner. Und er spricht zu uns durch sein Wort; das können auch die Losungen des Tages sein.

Vielleicht ahnen wir auf diesem spirituellen Weg, welcher Schatz sich hinter dem biblischen Wort aus dem 2. Buch Mose 33,11 verbirgt. Das lautet: „Und Gott redete mit Mose so wie ein Mann mit seinem Freund redet.“

 

Pfarrerin Susanne Pieper, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

 

′Asterix und Idefix ′ am 23.04.2020 von Anne Wirth

Liebe Gemeinde,

wie gehen wir mit den unliebsamen Herausforderungen unseres Lebens um?

Ich muss bei dieser Frage manchmal an die Asterix und Obelix Comics denken, die mich schon als Jugendliche begeisterten.

Asterix, ein kleiner, gewitzter Mann, der immer eine gute Idee hat, wenn es darum geht, die römischen Besatzer zu besiegen, die gerne auch dieses letzte gallische Dorf noch erobern würden. Und wenn er mit seiner List nicht weiterkommt, dann nimmt er einen Schluck  von dem Zaubertrank des Druiden Miraculix und entwickelt Superkräfte. Anschließend haut er ein paar mal kräftig zu und schlägt die Römer in die Flucht.

Wäre das nicht schön, wenn wir so sein könnten wie Asterix?

So wie er schlagen wir uns doch alle ständig mit Römern herum, die jedoch nicht mir Schwertern oder Rüstungen gewappnet, aber auch lästige Besatzer in unserem Leben sind: Probleme, Sorgen, Ängste, die nicht verschwinden wollen, egal, wie viel wir an ihnen arbeiten, Menschen mit denen wir nicht zurecht kommen, egal wie viel Mühe wir uns geben.

Der eine hat so einen Römer am Arbeitsplatz, dem er es nie recht machen kann. Für andere ist der Besatzer eine Wunde aus der Kindheit, die immer wieder aufbricht. Für manche ist der Römer die Angst um das Wohlergehen der Familie oder das Gefühl der Hilflosigkeit, wenn man feststellt, dass man eben nicht alles in der Hand hat.

Diese Besatzer unseres Lebens machen uns müde und mürbe, weil das ganze Leben eine Auseinandersetzung mit ihnen zu sein scheint.

Wäre es nicht wunderbar, wenn wir mit ihnen so einfach fertig werden könnten wie Asterix, mit eigener Kraft, dank eines Zaubertranks?

Und so beten wir zu Jesus: „Bitte, mach mich stark, damit ich die Römer aus meinem Leben vertreiben kann.“

Aber Jesus antwortet ganz anders, als wir uns das vorstellen. Seine Antwort auf die Bitte des Apostel Paulus um mehr Kraft, die Paulus sich wünschte, um seine Römer zu vertreiben, lautete: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“

Wahrscheinlich nicht ganz die Antwort, die Paulus sich zunächst erhofft hatte, denn sie ist Zusage und Herausforderung zugleich.

Die Zusage ist: Meine Kraft ist mächtig. Gott ist stärker als alle Römer, die uns das Leben schwer machen.

Die Herausforderung ist: Nimm deine Schwäche an und verzichte darauf, deine Römer selbst besiegen zu wollen. Sei wie Idefix, der kleine Hund, der so gerne in die große Hand von Obelix krabbelt und sich voll Vertrauen auf die Kraft seines Herrn hinein kuschelt.

Mit seiner Zusage, für uns mächtig zu sein, lädt Jesus uns ein, uns von unseren Besatzern zu befreien und das Richtige zu tun: Ihm unser Leben anzuvertrauen. Das Wagnis einzugehen, schwach zu sein, damit er sich als stark erweisen kann. Nur so werden wir die lästigen Besatzer unseres Lebens los.

Also lassen Sie uns doch lernen, mehr wie Idefix zu sein, im Vertrauen darauf, dass Gott uns von unseren Besatzern befreien will. Amen

Pfarrerin Anne Wirth, Evangelische Kirchengemeinde Schwalheim-Rödgen

′Verwandlung′ am 21.04.2020 von Siegfried Nickel

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

die Welt hat sich verwandelt.

Alles dreht sich nur noch um Corona oder zumindest unser Alltag ist massiv davon beeinflusst und verändert worden. Wie gut, dass es jetzt erste Schritte der Öffnung gibt. Ich freue mich schon darauf, irgendwann in den nächsten Tagen wieder zur Eisdiele meines Vertrauens zu gehen und ein Eis schlecken zu können, wenn auch nur aus dem Becher, wo es mir aus der Waffel doch viel besser schmeckt – aber immerhin.

Gleichzeitig treibt mich Sorge um: Ich höre und sehe viele, die offensichtlich nicht genau hingehört haben und jetzt das Kontaktverbot nicht mehr ernst nehmen. Hoffentlich führt das nicht zu einem neuen Anstieg der Zahl der Erkrankten und Toten und infolgedessen wieder zur Verschärfung der Maßnahmen. Das fände ich schlimm, denn ich möchte doch gerne wieder Gottesdienst feiern, mit Menschen aus der Gemeinde zusammenkommen, Glauben teilen - so wie es vorher war oder noch schöner.

Die Welt hat sich verwandelt.

Dieser Satz gilt auch für die Natur. Die Hainbuche, auf deren Zweige ich von meinem Schreibtisch aus schaue, glänzt in frischem Grün. Der Frühling schreitet voran.

Die Welt hat sich verwandelt.

Das gilt auch seit Ostern, seit der Auferstehung Jesu von den Toten. Der Tod hat nicht mehr das letzte Wort. Das ist mir ganz wichtig – gerade auch in Corona-Zeiten.

Wie und wann das sein wird?

Paulus hat dazu sehr spannende Äußerungen im 15. Kapitel seines 1. Korintherbriefes getätigt. Man könnte sie zusammenfassen mit den Worten:

Die Menschen werden sich verwandeln.

Anders kann es auch gar nicht sein. Einfach weiter so wird nicht gehen. Paulus schreibt: „Das Verwesliche wird nicht erben das Unverwesliche.“ Irgendwie ist das logisch. Mein vergänglicher Leib passt in der jetzigen Form nicht zur Ewigkeit bzw. Unvergänglichkeit Gottes. Als ich das las, habe ich mir meine Hand angeschaut und gedacht: „Ja, das ist wahr. Irgendwann wird diese Hand so nicht mehr sein, denn sie ist vergänglich. Aber wenn Paulus Recht hat, muss ich darüber nicht traurig sein, sondern meine Hand, mein Körper, mein Ich werden ersetzt werden durch etwas Besseres, Unverwesliches. – Eigentlich gar nicht schlecht.“

Ich werde verwandelt werden.

Wann das sein wird? Vermutlich nach meinem Tod. Vielleicht erklingt aber auch noch zu meinen Lebzeiten der Klang der „letzten Posaune“. Ich habe keine Ahnung. Aber ich beziehe einfach einmal einen Satz eines viel klügeren Theologen als ich es bin auch auf mich. Dietrich Bonhoeffer schrieb einmal: „Christus ist nicht in die Welt gekommen, dass wir ihn begriffen, sondern dass wir uns an ihn klammern, dass wir uns einfach von ihm hinreißen lassen in das ungeheure Geschehen der Auferstehung.“

Die Welt verwandelt sich. Ich verwandle mich.

Das ist ein permanentes Geschehen. In Corona-Zeiten hat es ungeheuer an Fahrt aufgenommen. Danach wird es nicht mehr so sein wie vorher. Manches wird in der Form nicht mehr zurückkommen - manch Schönes, aber auch manch Schlechtes. Übergänge sind oft schwierig. Aber auch jetzt ist viel Schönes zu entdecken und es wird wieder Schönes kommen.

Das Allerschönste kommt noch auf uns zu:

Wir werden verwandelt werden.

Das ist unsere Auferstehung.

Das ist Ostern.

Amen.

Herr,

mach Du meine Hoffnung stärker als den Zweifel,

meinen Mut größer als die Angst.

Dir will ich vertrauen, denn Du bist die Auferstehung und das Leben.

Amen.

Siegfried Nickel, Pfarrer in Steinfurth und Wisselsheim
Telefon: 0 60 32 / 81 66 7
E-Mail: s.nickel@ev-kirche-sw.de

′Hahnenfuß′ am 20.04.2020 von Rainer Böhm

Ich habe jetzt mal wieder was im Garten gemacht. Eigentlich halte ich mich da meistens vornehm zurück. (Meine Frau meinte eben: das ist wieder typisch. kaum machst Du mal ein bisschen was im Garten, musst Du schon eine Andacht darüber halten.) Beim Graben und Hacken habe ich gestern jedenfalls gemerkt:  Löwenzahn und Hahnenfuß kommen durch. Auf die ist Verlass. Die Erde in unserem Kräuterbeet ist bretthart geworden. Seit der Krise regnet es ja irgendwie nicht mehr. Aber dem Hahnenfuß ist das egal. Seine Wurzeln sind wirklich tief. Zuerst dachte ich, es sei Petersilie, mit Pflanzen kenne ich mich nicht aus. Aber meine Frau meint, raus damit!

Ich habe nachgesehen und gelernt, auch wenn ich mir das bestimmt wieder nicht merken kann:  Hahnenfuß heißt so wegen seiner Blätter, die sehen wirklich so aus! Und er heißt auch Ranunkel, das finde ich viel schöner. Und außerdem, so habe ich ihn wahrscheinlich immer genannt, schon damals, als ich als Kind noch Blumensträuße für meine Mutter oder meine Oma gepflückt habe: Butterblume.

Die Butterblume kommt also immer durch. Etwas überlebt auch die größte Trockenheit. Und hässlich ist sie ja auch nicht gerade. Ich könnte einfach nur sagen, Unkraut vergeht nicht. Und es mir bequem machen. Aber nein, ich möchte ja, dass Petersilie und Dill und Schnittlauch wachsen. Das finde ich viel besser. Also muss ich was dafür tun, muss raus in den Garten, hegen und pflegen.  Ohne Fürsorge geht es nicht. Ohne meine Arbeit wachsen keine Küchenkräuter im Beet.

 

Pfr. Rainer Böhm, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim
06032 – 2908
Boehm@ev-kirche-bn.de

′Josef′ am 17.04.2020 von Ingmar Bartsch

Zwei Seiten einer Eigenschaft

In der Küche trifft sich die Familie zum Essen. Oder um Kaffee zu holen. Oder einfach so. Man redet kurz, diskutiert, streitet. Über banale Dinge. Oder über grundsätzliche. Das ist schon immer so. Die Feuerstelle ist der zentrale Ort der Kommunikation.

Die Josefsgeschichte der Bibel ist eine klassische Familiengeschichte über Neid und Streit, Existenzangst und Selbstüberschätzung. Der Vater bevorzugte Josef und das kam bei seinen Geschwistern nicht so super an. Es gab also Konflikte an der Feuerstelle. Eben eine ganz normale Familie.

Und dann träumt Josef eines Nachts, seine Brüder und seine Eltern würden sich vor ihm verneigen. Und statt die Klappe zu halten, erzählt er das auch noch stolz herum. Das brachte das Fass zum Überlaufen. Die Brüder rasteten aus und wollten ihn heimlich töten. Der älteste Bruder setzte sich für ihn ein, und so wurde er „nur“ als Sklave an eine Karawane verkauft. Auf den ersten Blick keine gute Perspektive. Aber Gott hatte noch etwas mit Josef vor.

Er kam in der Sklaverei in Ägypten nämlich zu einer verantwortungsvollen Position. Und witzigerweise spielte seine Gabe zu Träumen eine entscheidende Rolle. Was also in der Familie echter Zündstoff war, hat sein Arbeitsleben essentiell beflügelt.

Wenn Familien aufeinander geworfen sind, brechen Konflikte schneller aus. Aber vielleicht ist ein unliebsamer Charakterzug eines Familienmitgliedes in einem anderen Kontext auch eine echte Gabe und positive Eigenschaft.

Vikar Ingmar Bartsch, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

Mail: bartsch@ev-kirche-bn.de
Tel: 06033 79 60 527

′Der Geduldsfaden′ am 16.04.2020 von Susanne Pieper

Ich werde langsam ungeduldig. Ich scharre mit den Hufen.  Ich möchte wieder einmal zum Friseur gehen, meine Lieben in den Arm nehmen, Menschen besuchen. Ich möchte, dass alles wieder so wird wie vor der Krise. Und weiß doch, dass das nicht geht. Mitten in meiner Unruhe fällt mir immer wieder mal eine Liedstrophe von Xavier Naedoo ein, der mit den „Söhnen Mannheims“ in dem Lied „Was wir alleine nicht schaffen“ gesungen hat: „ Nur wir müssen geduldig sein, dann dauert es nicht mehr lang.“

Ich habe oft darüber nachgedacht, was der Sänger mit diesem Satz wohl meint. Inzwischen denke ich, er will den Fokus nicht so sehr auf das Ziel legen, das wir erreichen wollen, sondern bewusst auf die Haltung, mit der wir einen Weg gehen. Geduld heißt im Griechischen „Hypomone“; das bedeutet drunter bleiben, standfest bleiben, etwas aktiv aushalten und durchhalten. Paulus sagt in Römer 5,4: „Geduld schafft Bewährung.“ Und in einer Bewährungszeit, die wir aktiv aushalten und gestalten müssen, befinden wir uns gerade allemal.

Der Geduld ganz bewusst Raum geben, das ist nicht leicht. Dafür brauchen wir innere Stärke. Manchmal denke ich: ich muss mir Geduld schenken lassen. Sie wohnt nicht einfach in mir drin. Sie muss von außen kommen.  Oder von oben. Oder von Gott. Ja, ich glaube, es hilft, öfter ein Stoßgebet zu Gott zu schicken und zu sagen: „Hilf mir, dass mir der Geduldsfaden nicht reißt! Du weißt, wie dünn er ist!“

Dann kann ich einen Moment lang wirklich durchatmen.  Innerlich neben mich treten und mich selbst barmherzig anschauen. Und dann bin ich froh, dass Geduld wirklich ein Geschenk ist. Ich kann immer wieder darum bitten. Paulus ist übrigens einfach klug gewesen, als er einst an die Gemeinde in Galatien schrieb: „Lebt im Geist Gottes! Denn die Frucht seines Geistes ist Geduld, Freundlichkeit und Güte.“ (Galater 5,22). Amen.

Pfarrerin Susanne Pieper, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

 

′Lebenskreuz′ am 15.04.2020 von Anne Wirth

Liebe Gemeindemitglieder,

„Macht Euch in der Karwoche auf in die Natur und baut euch ein Kreuz aus Naturmaterialien. Vielleicht taugt auch das ein- oder andere Stück aus Keller oder Speicher?

Stellt es ins Fenster oder in eure Vorgärten. 

Wenn unsere gewohnten Passions- und Ostergottesdienste ausfallen, wie schön ist es, wenn Menschen auf ihren Wegen an diesen Tagen dann doch die Kraft dieser Tage an den Fenstern oder in den Vorgärten erspüren können.“

So lautete sinngemäß die Einladung der Frauen des Evangelischen Dekanats vor Ostern.

Dieses sogenannte Lebenskreuz hat eine lange christlichen Tradition.

Die Spannung, die wir an Ostern erleben, beginnend mit dem Leid und Kummer an Karfreitag und endend in der frohen Botschaft von der Auferstehung Christi, findet hier bildlich seinen Ausdruck.

Wir sehen den gekreuzigten Jesus, angenagelt, tödlich verwundet, und gleichzeitig bricht von allen Seiten das Leben heraus. Grüne Blätter, blühende Äste, reifende Trauben umrahmen den Gekreuzigten.

Eine wunderbare Botschaft, die dieses Kreuz vermittelt. Das Todeswerkzeug verwandelt sich in einen Baum des Lebens. Das Kreuz wird zum Triumph für das Leben. Das Leben siegt über den Tod.

Das Lebenskreuz hat aber auch noch eine andere Botschaft, die für mein Leben essentiell wichtig ist. Sie lautet: Begib dich auf die Suche nach dem Schönen und Neuen, das dir in dieser Welt mit all ihrem Kummer und Leid auch begegnet. Sei aufmerksam für das, was dir Gott in diesem Leben schenkt.

Es kann natürlich sein, dass diese Suche manchmal enttäuschend ins Leere läuft. Aber es kann auch geschehen, dass sich bei allem aufmerksamen Suchen und Gefundenwerden dein persönliches Kreuz in einen Baum des Lebens verwandelt. Amen

Pfarrerin Anne Wirth, Evangelische Kirchengemeinde Schwalheim-Rödgen

′Hoffnung lässt nicht zuschanden werden′ am 14.04.20 von Meike Naumann

Hoffnung lässt nicht zuschanden werden. (Römer 5,5)

Maria von Magdala war dabei. Von Anfang an. Jesus hatte sie geheilt, hatte ihr Leben hell gemacht. Und sie war bei ihm geblieben und hatte ihr Leben mit ihm geteilt. Bis zum Schluss. Bis zum Tod am Kreuz. Drei Tage später wurde sie Zeugin von Jesu Auferstehung. Stellen wir uns vor, wir könnten sie direkt fragen, wie es ihr geht.

Maria, darf ich dich mal was fragen? Du hast erzählt, dass du früher sehr krank gewesen bist. Als du Jesus begegnet bist, bist du gesund geworden. Nun warst du glücklich. Aber dann wurde Jesus getötet. Du hast deinen besten Freund verloren. Wie geht es dir denn heute?

Maria: Ich vermisse Jesus immer noch schrecklich. Es hilft mir zu wissen, dass Jesus bei Gott ist und dass dort alles gut ist., Aber er fehlt mir sehr. Ich denke ganz oft an ihn. Das kennst du vielleicht, wenn auch bei dir jemand gestorben ist, den du lieb gehabt hast. Oder wenn du jemanden lange Zeit nicht sehen durftest. Aber eins möchte ich dir sagen. Das habe ich in meinem Leben gelernt: Schwere Zeiten, Zeiten, in denen ich traurig bin oder krank oder einsam, wo ich Angst habe und nicht mehr weiter weiß, sie gehören zu meinem Leben dazu. Zu jedem Leben gehören solche Zeiten. Auch zu deinem Leben. Doch ich weiß auch: Das alles bestimmt unser Leben nicht ganz und gar. Es gibt etwas, das stärker ist als alles: Gottes Liebe. Ich bin voll Hoffnung, weil ich Gott an meiner Seite weiß. Gott meint es gut mit mir. Und auch mit dir. Diese Hoffnung ist für mich an dunklen Tagen wie ein Licht.

Pfarrerin Meike Naumann, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

′Gründonnerstag′ am 09.04.2020 von Siegfried Nickel

Liebe Leserinnen und Leser,

heute ist Gründonnerstag.

Der Tag, an dem wir uns an den letzten Abend, die letzte Nacht des Jesus von Nazareth erinnern: An die Einsetzung des Abendmahls, an das Ringen Jesu mit Gott in Gethsemane, die Gefangennahme, das Verhör vor dem Hohen Rat und an die Verleugnung des Petrus. (nachzulesen z.B. im Markusevangelium, Kap. 14)

Gründonnerstag ein komischer Name. „Die Bezeichnung leitet sich vermutlich vom mittelhochdeutschen gronan = weinen ab, wie es als ‚greinen‘ heute noch lebendig ist. Sie ist wohl darauf zurückzuführen, dass an diesem Tag die öffentlichen Büßer (= Weinende) wieder in die volle kirchliche Gemeinschaft aufgenommen wurden.“ (K.H. Bieritz, Das Kirchenjahr, S. 118f) Der Duden erläutert „greinen“ mit klagen, weinen oder weinend klagen.

In diesem Jahr weinen an Gründonnerstag besonders viele Menschen. Fast 1,5 Millionen sind an dem Corona-Virus erkrankt. Es gibt aktuell an die 90.000 Tote.

In den biblischen Erzählungen ist es Petrus, der weint.

Er, der sich so viel zutraut, hat geleugnet, seinen Freund Jesus überhaupt zu kennen. Er weint über sich selbst und sein Versagen.

Die Corona-Zeiten werden ja weithin als solche beschrieben, wo wir auf neue und intensive andere Weise Freundschaften/Beziehungen pflegen können, weil plötzlich so viel Zeit zur Verfügung steht. Mir scheint das nur für einen Teil unserer Gesellschaft richtig. Andere sind viel stärker eingespannt, weil berufliche Dinge neu und zum Teil komplexer organisiert werden müssen oder weil Privates einer neuen Gestaltung bedarf, etwa die Kinderbetreuung.

Hinzu kommen Ängste um die berufliche Zukunft oder unmittelbar vor der Ansteckung mit dem Virus, die viele emotionale Kräfte absorbieren. Da kann es sein, dass wir – wie Petrus – auch in Situationen kommen,

wo unsere Ängste stärker sind als unser Mut.

Jesus weint in diesen Berichten erstaunlicher Weise nicht. Dabei hätte er allen Grund zum Weinen gehabt: aus Ärger, Wut, Enttäuschung oder Angst. Vielleicht hat er es auch getan, berichtet davon wird aber nichts.

Und doch glaube ich, dass er uns in unserem Weinen versteht, dass er bei uns ist in unseren Ängsten und Sorgen, dass er mit denen weint, die weinen.

Jesus hält sein Leiden aus, nachdem er sich in Gethsemane dazu durchgerungen hat, sich auf diesen Weg Gottes mit ihm einzulassen. Jesus weiß, was es heißt, als Mensch zu leiden.

So ist mein Gott einer, der weiß, was es heißt, schwach zu sein. Er ist nicht ein Gott der reinen Stärke, der in seiner göttlichen Abgeschiedenheit auch von mir vollkommene Stärke erwartet.

Wie gut ist das: Ich muss vor Gott nicht der permanent Starke sein. Ich kann klagen und weinen. Ich kann und darf greinen. Das lerne ich vom Gründonnerstag.

Amen.

Gott des Himmels und der Erde,

es gibt so viel Leid, Not und Elend auf dieser Welt,

gerade in diesen Zeiten der Corona-Pandemie erfahren das ganz viele Menschen.

Wie gut, dass wir vor Dir klagen, greinen können.

Vor Dich bringen wir all unsere Ängste und Sorgen

und bitten Dich: Tröste Du alle, die in dieser Zeit leiden,

und schenke Ihnen und uns Hoffnung.

Amen.

Siegfried Nickel, Pfarrer in Steinfurth und Wisselsheim
Telefon: 0 60 32 / 81 66 7
E-Mail: s.nickel@ev-kirche-sw.de

′Kerzenbaum′ am 08.04.2020 von Rainer Böhm

Am Kerzenbaum in unserer Dankeskirche sind etwa 40 kleine Plattformen in Gruppen an einzelnen Trägern angebracht auf die man Teelichte stellt. Vor vielen Jahren hatten wir uns miteinander für diese schöne Lösung entschieden. Wir fanden, dass es eine Möglichkeit geben soll, in der Kirche Kerzen anzuzünden. Und wir hatten jemanden, dem die Dankeskirche sehr am Herzen lag und der uns die Kerzen für unseren Kerzenbaum regelmäßig spendete. IN der Kirche wollten wir sie nicht verkaufen, sondern nur um eine Spende dafür bitten.

Einmal kam ich dazu, als wir eine riesige Palette ins Gemeindebüro angeliefert bekamen. Das waren zu meiner Überraschung die Teelichte für drei Jahre.  Jeden Tag vielleicht 25, 150 in der Woche, 600 im Monat. 7200 im Jahr, über 20.0000 in drei Jahren. Da kommt schon was zusammen. Und 25 am Tag, das ist sehr konservativ geschätzt. Denn eigentlich braucht man die Kirchentür nur aufzuschließen – und schon kommen Menschen herein.

Die Kerze ist ein Symbol. Hinter jeder Kerze steht im Christentum das Wort Jesu: “Ich bin das Licht der Welt!“ Das Licht leuchtet in der Finsternis. Es gibt uns Orientierung in der Dunkelheit. Das tut schon eine einzige Kerze in unserer riesigen Kirche oder auch bei Ihnen zu Hause.

Und jede einzelne Kerze ist wie ein Gebet: Ein Dank für Bewahrung in einer persönlichen Not oder in der Not eines Menschen, der uns sehr nahesteht. Eine Bitte für uns selbst oder für einen anderen.  Gott verkraftet davon jede Menge. Alleine 20.000 in unserer Kirche in drei Jahren. Und jede Kerze sagt uns, hier in der Kirche oder bei Ihnen zu Hause: Christus ist bei uns mit seinem Licht, auch wenn es dunkel ist.

 

Pfr. Rainer Böhm, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim
06032 – 2908
Boehm@ev-kirche-bn.de

′Störgeräusche ausschalten′ am 07.04.2020 von Ingmar Bartsch

„Herr Bartsch, schalten Sie doch bitte mal Ihr Mikrofon lautlos,“ Das sagte jemand mitten in einer digitalen Besprechung. Nach einem Redebeitrag hatte ich das einfach vergessen. Normalerweise ist das kein Problem, aber just an diesem Tag bekamen Nachbarn von uns eine neue Küche. Ich gönne ihnen das von Herzen und hatte mich fast schon an die Störgeräusche an diesem Tag gewöhnt.

Natürlich habe ich gleich auf lautlos geklickt. Man konnte sehen, wie sich die Mienen der anderen sofort entspannten. Ein fast schon lustiger Effekt.

Solche Störgeräusche gibt es auch im Alltag. Mal laut, mal nur als Grundrauschen. Die aktuelle Nachrichtenflut gehört dazu, auch wenn Information wichtig ist. Serien sind auch meine Störgeräusche, vor allem, wenn ich Folge um Folge hintereinander schaue.

Manchmal habe ich das Gefühl, wegen der Störgeräusche Gottes Stimme zu überhören. Nicht unbedingt als hörbare Stimme. Aber ich weiß, dass ich aus Andachten oder Bibellesen Kraft schöpfe und nicht dazu komme, wenn ich mich den Störgeräuschen widme. Viele tanken durch Meditation oder ein gutes Buch auf. Vielleicht braucht es da ab und zu jemanden, der zu mir sagt: „Herr Bartsch, schalten Sie doch bitte mal Ihre Störgeräusche lautlos.“

Vikar Ingmar Bartsch, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

Mail: bartsch@ev-kirche-bn.de
Tel: 06033 79 60 527

′Hoffnung′ am 06.04.2020 von Susanne Pieper

In meiner Küche liegen vier kleine Tüten.  In ihnen sind viele verschiedene Wildkräutersamen für Wild- und Honigbienen enthalten.  Ich habe diese Tütchen aus einem Gottesdienst mitgebracht, den wir gemeinsam mit dem Brot – für – die Welt – Team unserer Kirchengemeinde am 8. März dieses Jahres gefeiert haben.  Da ging es um das Thema „Nicht nur Honig - Gottes Schöpfung bewahren!“

Gefühlt ist das schon eine ganze Ewigkeit her. Denn fast seit vier Wochen beschäftigt uns auf allen Ebenen unserer Gesellschaft, ja unserer Welt ein ganz anderes Thema. Zahlen, Berichte und Analysen in den täglichen Nachrichten bedrücken mich oft. Ich brauche dann auch genügend Pausen, um sie für mich zu verarbeiten, um sie einzuordnen und um mein inneres Gleichgewicht wieder zu finden.

Aber heute habe ich die erste meiner vier Tüten geöffnet. Ich habe die Kräutersamen ausgesät. Und dabei hat mich eine ganz unerwartete, tiefe Freude ergriffen! Etwas aussäen -  darin drückt sich ja die Hoffnung aus, dass etwas Neues wachsen wird, dass wieder etwas zum Knospen und zum Blühen kommen wird. Dass das Leben weitergeht!

Wer die Saat auswirft, hat die Zukunft noch nicht aufgegeben. Säen heißt hoffen. Heißt darauf vertrauen, dass Gott uns und seine Erde noch nicht aufgegeben hat.

Die Hoffnung weitet unseren Horizont. Die Hoffnung lässt uns weitersehen, auch über den Tellerrand gegenwärtiger deprimierender Nachrichten hinaus. Die Hoffnung ist ein Lebenselixier. Sie ist eine der großen Gaben, die Gott uns schenken will. An jedem Tag von neuem. Das meint Paulus, wenn er im 1.Korinther 13,13 schreibt: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei.“ Es ist wichtig, die Hände und das Herz für sie zu öffnen und offen zu halten.

Wie gut, dass mich meine Wildkräutersamen in diesen Tagen genau daran erinnern!

 

Pfarrerin Susanne Pieper, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

 

′Andacht′ am 03.04.2020 von Anne Wirth

Andacht März 2020 für ältere Gemeindemitglieder Bezug Palmsonntag

Liebe Gemeinde,

Unsicherheit geht durch das Land und betrifft nicht nur die einen oder die anderen; die Betroffenheit ist fast überall zu spüren und in dieser Betroffenheit: das Sehnen, sich geborgen zu fühlen.

Ich höre Radio:

„Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit

in einer Welt, in der nichts sicher scheint.

Gib mir in dieser schweren Zeit irgendwas, das bleibt.“

So singt Silbermond, die Band aus Bautzen, in einem ihrer Lieder und trifft damit, obwohl das Lied schon älter ist, den Nerv unserer Zeit.

„Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit.“

Ich höre diese Worte und richte sie an Gott: „Gib mir irgendetwas, das bleibt.“

Diesen Sonntag feiern wir Palmsonntag. Jesus reitet auf einem jungen Esel und zieht in Jerusalem ein. Er reitet still in die Stadt, in der er in ein paar Tagen zum Tode verurteilt werden wird.

Nachdem er mit seinen Jüngern das letzte Mahl feiert, nachdem er im Garten Gethsemane betet, leidet er am Kreuz und wird dann ganz still.

Nach drei Tagen endet die Stille: Ostern – Jesus ist auferstanden. Jesus wird der Christus.

Mit ihm wandelt sich unsere Wirklichkeit. Jesus ist da und mit ihm „irgendwas, das bleibt.“

Was bleibt?

Bei ihm verhallen unsere Hilfeschreie nicht. Er kennt das Leiden. Bei ihm findet unser Sehnen ein Ziel, bei ihm finden wir Halt und Ruhe- bei ihm ist inmitten der Unsicherheit Hoffnung.

Was bleibt?

Gottes Wirklichkeit in unserer Wirklichkeit: wunderbar und hell, sanfter als der Schmerz und mächtiger als der Tod.

Jesus kommt, zu uns, der, der Hilfe bringt, der wohl gelingen lässt, weil er im Namen des Herrn kommt.

„Jesus schenkt mir ganz viel Sicherheit,

in einer Welt, in der nichts sicher scheint.

Er gibt mir in dieser schweren Zeit etwas, das bleibt.“

Pfarrerin Anne Wirth, Evangelische Kirchengemeinde Schwalheim-Rödgen

′Andacht′ am 02.04.20 von Meike Naumann

Der Frühling ist da. Eigentlich ist jetzt die Zeit in der man es öfters sehen kann: Liebespaare gehen Hand in Hand durch den Kurpark, um die Waldteiche oder bummeln durch Fußgängerzone. Sie berühren sich gerne und schauen einander immer wieder an. Diesen Frühling ist das anders. Und es fällt schwer zu akzeptieren, dass nur Abstand zeigt, wie wichtig uns unsere Mitmenschen sind.

Ich erzähle Ihnen eine Liebesgeschichte, die schön begann und viel zu früh endete.

Julie Hausmann, die 1825 als Lehrerstochter geboren wurde, lernt als junges Mädchen einen Theologiestudenten kennen, und beide verlieben sich sofort. Sie wollen heiraten. Er hat aber schon geplant für einige Zeit als Missionar nach Afrika zu gehen, um dort den Menschen von Jesus zu erzählen. Seine Papiere sind schon fertig. Julie Hausmann sagt: Ich folge dir! Wir verloben uns noch schnell und dann werde ich dir, sobald es geht, nachreisen. Dann heiraten wir eben in Afrika.

So machen sie es. Er reist voraus und sie bereitet ihre Reise vor. Schließlich macht sie sich selbst auf die Fahrt. Eine mutige junge Frau.

Als sie am Zielhafen ankommt, steht der Verlobte nicht wie verabredet am Kai. Sie nimmt sich einen Führer, der sie zur Mission begleitet. Dort erfährt sie, dass ihr Verlobter vor wenigen Tagen verstorben ist.

Noch am selben Abend setzt sich Julie Hausmann hin und dichtet das Lied, das bis heute in unseren Kirchen gesungen wird:“ So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich. Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt. Wo du wirst gehen und stehen, da nimm mich mit.“ Eigentlich wollte sie so mit ihrem Geliebten durchs Leben gehen: an seiner Seite, an seiner Hand. Nun muss sie allein durchs Leben gehen…. Aber nein, nicht wirklich allein. Sie erinnert sich, dass sie gemeinsam den Menschen von Gottes Liebe und Treue erzählen wollten. Und diese Liebe und Treue gilt ihr immer noch.

So entsteht das Lied von der Liebe, die auch dann noch trägt, wenn die Zeiten schwierig sind. Ein Lied von der Hoffnung auf Gottes großes Ziel, wenn wir den Weg nur verschwommen vor uns sehen.   

 

Pfarrerin Meike Naumann, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

′Gottes Liebe ist wie die Sonne′ am 01.04.2020 von Siegfried Nickel

Liebe Leserinnen und Leser,

zapfig kalt war es heute Morgen, als ich aus dem Haus trat und ich musste die Frontscheibe freikratzen, damit ich meine Tochter nach Bad Nauheim fahren konnte. Unterwegs habe ich mich geärgert, dass ich keine Handschuhe einstecken hatte, denn das Lenkrad war furchtbar kalt. Aber immerhin der Himmel war blau und die Sonne schien.

Am Mittag hat sie mich dann aus dem Haus gelockt und als ich aus der Tür trat, war es unter ihren Strahlen schon richtig schön warm. Das tat richtig gut!

Besonders, nachdem ich während des Vormittags für unsere Gemeindechronik die aktuellen Entwicklungen rund um die Corona-Krise aufgeschrieben hatte. Das kann einen schon entmutigen. Vor allem, wenn man die Prognosen, die damit einhergehen ernst nimmt. Oder um im Bild zu bleiben: Es kann einem kalt ums Herz werden. Wie gut, dass die Sonne da war. Sie hat es mir warm ums Herz gemacht.

Bei ihrem Anblick fiel mir unser Gesangbuchlied „Gottes Liebe ist wie die Sonne“ ein. Der Text geht weiter: „Sie ist immer und überall da.“ Ja das stimmt: Die Sonne ist immer und überall da. Selbst wenn Wolken davor sind oder es gar gewittert und stürmt. Sogar in der Nacht, wenn alles dunkel ist, ist die Sonne da, nur eben auf der anderen Seite unserer Erdkugel und sie taucht am nächsten Morgen wieder bei uns auf. So ist es auch mit Gottes Liebe. Sie ist immer und überall da. Sie ist auch da, wo ich sie nicht sehe. Sie ist auch da, wenn ich sie nicht spüre.

Sie wärmt mich. Sie wärmt mein Herz.

Vielleicht muss ich für diese Erfahrung aufstehen und vor die Tür treten – im wörtlichen oder im übertragenen Sinne – so wie ich heute Mittag. Manchmal braucht es sicher auch etwas Geduld. Die Zeit vom Morgen bis zum Mittag bis die Wärme durchdringt.

Auf jeden Fall habe ich mir vorgenommen:

Ich lasse mich in der nächsten Zeit immer wieder von Gottes Sonne anlocken, damit er bei mir mit der Sonne seiner Liebe all das vertreibt, was an Kälte nach mir greifen will.

Das Lied wird mir dabei eine gute Hilfe sein, vor allem an den Tagen, wo die Sonne nicht scheint.

Amen.

Siegfried Nickel, Pfarrer in Steinfurth und Wisselsheim
Telefon: 0 60 32 / 81 66 7
E-Mail: s.nickel@ev-kirche-sw.de

 

′Bibelworte′ am 31.03.2020 von Rainer Böhm

Manchmal halte ich mich an Bibelworten fest wie an einem Geländer. Das ist vielleicht etwas ganz Kindliches, aber ich brauche das oder das Kind, das in mir ist und das ich auch bin braucht es. Wie ein Mantra habe ich mir Psalmverse immer wieder aufgesagt, beharrlich und stur in einem gewissen Sinn. So habe ich neu zu beten gelernt. Die Worte und Bilder wurden für mich zu einer Art Rettungsanker. Wie bei einem Kind, das pfeift, wenn es im Keller etwas holen soll und in der Resonanz spürt, dass es nicht alleine ist. Sich selbst Mut machen kann.

Jetzt steht mir der letzte Vers im Matthäusevangelium vor Augen: „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“ (Mt 28). Das sagt Jesus seinen Jüngern und er sagt es auch uns, in unsere Verunsicherung hinein: Wie und wann gehe ich wieder einkaufen? Was können wir füreinander tun? Wie schütze ich mich und uns?

Dieses Wort Jesu, das uns bei der Taufe zugesagt wird, beruhigt mich. Daran halte ich mich fest. Denn Gott ist uns ganz nahe. Und ich bin ihm ganz nahe. Er begegnet uns in den Menschen, die um uns sind. In unseren Gedanken, wenn wir nach anderen fragen, die unsere Hilfe benötigen. In unseren Zweifeln und Nöten. In unserer Fürsorge und unserem Miteinander: auch wenn wir mit jemandem am Telefon sprechen, zuhören, uns erkundigen, wo persönliche Begegnung nicht möglich ist. Damit aus Angst Hoffnung wird. Die Hoffnung, dass unter uns und zwischen uns mehr geschieht als wir sehen und sich etwas entwickelt durch all die Schrecken hindurch, das uns weiterhilft, helfen wird.

Barmherziger Gott,

wir sind sehr verunsichert, denn alles wird auf einmal anders. Wir bitten Dich, mit Mut und auch mit Hoffnung durch diese schweren Zeiten gehen zu können, in dem Vertrauen, dass Deine Verheißung gilt und dass Du auch jetzt bei uns bist, ganz nah bei uns, wie du es versprochen hast, bis an das Ende der Welt.

Wir beten für alle Menschen, die krank und verunsichert sind. Für die, die in den Seniorenheimen jetzt nicht besucht werden können und denen dieser regelmäßige vertraute Besuch sehr fehlt, die das nicht verstehen können und die sich alleine fühlen müssen. Sei Du ganz nahe bei ihnen und tröste sie, wie eine Mutter tröstet.

Wir danken Dir für alle Menschen, die in den Krankenhäusern arbeiten und sich um Kranke kümmern. Wir danken für alle Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben das Corona -Virus zu erforschen, damit wir heilen und vorsorgen können. Wir danken Dir für alle Menschen, die das öffentliche Leben sicher machen: Polizistinnen und Polizisten, Frauen und Männer in den Feuerwehren und im Rettungsdienst.

Lass uns in jedem Menschen der uns in diesen Tagen begegnet ein Geschöpf sehen, dass dir wertvoll ist und dass du liebst. Lass auch in diesen Tagen ein Stück deiner Liebe, ein Stück deines Reiches unter uns sichtbar werden. Amen.

Pfr. Rainer Böhm, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim
06032 – 2908
Boehm@ev-kirche-bn.de

′Weiter Raum′ am 30.03.2020 von Ingmar Bartsch

Vor kurzem fiel mir ein Satz aus dem 31. Psalm ein: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“. Na toll, dachte ich. Das ist echt kein guter Spruch in diesen Zeiten. Wenn wir uns möglichst zu Hause aufhalten sollen, wo ist da weiter Raum? Trotzdem habe ich den Psalm aufgeschlagen und ich war überrascht: Der Psalmbeter scheint in einer aussichtslosen Situation zu stecken: „Gott, sei mir gnädig, denn mir ist angst!“ fleht er. Er sei eine Last seinen Nachbarn und ein Schrecken seinen Freunden. Hier geht es jemandem so richtig schlecht. Der Psalmbeter klagt an. Sein Leid ist real, er redet es nicht klein. Klagen hat seinen Platz in der Bibel. Und im Leben.

Und doch gibt es optimistische, fast überschwängliche Verse. „Gott, ich traue auf Dich!“ und „Du bist mein Fels und meine Burg“. Seinem Leid setzt der Psalmbeter also eine trotzige Hoffnung entgegen. „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ Daraus schöpfe ich Kraft. Und deshalb möchte ich beides tun. Ich möchte Gott klagen, dass mein Leben und das meiner Mitmenschen gerade eingeschränkt ist. Und wie der Psalmbeter will ich ein trotziges Hoffen dagegensetzen: Ich vertraue auf Gott. Ich hoffe darauf, dass meine Füße bald wieder auf weitem Raum stehen werden.

Vikar Ingmar Bartsch, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

Mail: bartsch@ev-kirche-bn.de
Tel: 06033 79 60 527

′Jetzt sind wir hier. Was jetzt geschieht, das geschieht uns′ am 27.03.2020 von Susanne Pieper

„Jetzt sind wir hier. Was jetzt geschieht, das geschieht uns.“

Diesen Satz aus dem Werk „Das siebte Kreuz“ von Anna Seghers kann ich nicht mehr vergessen, seitdem wir die Aufführung des Theaterstückes vor einiger Zeit in Frankfurt gesehen haben. Er hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt – wurde er doch vom Schauspielerensemble an jenem Abend auch immer wieder zitiert.

Radikal in der Gegenwart sein.  Oftmals radikal nur mit den eigenen vier Wänden konfrontiert sein. Müssen wir das nur erleiden? Oder können wir damit auch kreativ umgehen?

Eine ältere Dame sagte mir: „Ach, wissen Sie, ich bin ja gern zuhause.  Jetzt mache ich erstmal die Steuer.“ Viele beginnen jetzt mit einem intensiven Frühjahrsputz, räumen auf, dekorieren um oder entdecken ganz neue Ecken in ihrem Zuhause. Manche freuen sich auch ganz einfach darüber, dass sie überhaupt ein festes Dach über dem Kopf haben.

Nichts ist selbstverständlich von dem wir immer dachten, es wäre es.

Es wird eine Zeit nach Corona geben.  Mit diesem Vertrauen im Herzen möchte ich Ihnen heute einen Segen weitergeben, den die Theologin Brigitte Enzner –Probst geschrieben hat:

Segen dem eigenen Ort

Den eigenen Ort segnen

da wo ich gerade bin

Mich nicht fortwünschen

mich nicht fortdenken

mich nicht vergleichen

Sondern

den eigenen Ort pflegen ausbauen

als Ort meiner Kraft

Jeden Tag ihn betreten

auch wenn er mir dunkel erscheint

gerade dort

meine Schätze ausbreiten

Darauf vertrauen

dass ich gebraucht werde

gerade hier

dass Menschen kommen werden

denen ich viel zu geben habe

Bereit zu werden

sie bei mir zu empfangen

voller Liebe

Pfarrerin Susanne Pieper, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

pieper@ev-kirche-bn.de  06032/340771

′Andacht′ am 26.03.20 von Meike Naumann

Es gibt diese Tage, da stehe ich mit dem Gefühl auf: “Eigentlich habe ich gar keine Lust. Lasst mich doch einfach alle in Ruhe!“. Dann fällt jede Bewegung schwer und alles ist irgendwie anstrengend, besonders die Menschen um mich herum. An solchen Tagen würde ich mich am liebsten verkriechen. So eine Muschel wie der kleine Ping Pinguin aus der Augsburger Puppenkiste hat, in die er sich zum Schlafen legt und die er einfach zuklappen kann, so eine „Mupfel“ hätte ich dann gern. Von außen abweisend, so dass niemand sie anfasst, aber innen ganz hell und perlmuttglänzend. Am besten hilft dann ein geregelter Tagesablauf. Aber den gibt es in diesen Tagen nicht. Das hört sich erst einmal nach Urlaub an, aber so ohne die Perspektive, wann es denn wieder normal weitergeht, kommt keine Urlaubsstimmung auf. Da fühle ich mich gestresst, klein und schwach.

„Gott, sei mir gnädig, denn ich bin schwach.“

In Psalm 6 steht diese kleine Bitte, die mir in diesen Tagen nahe ist und die mir hilft. In dieses kleine Gebet kann ich mich flüchten. Denn ich kann darauf vertrauen, dass Gott mich versteht und mir meine Schwachheit nicht übelnimmt.

„Gott, sei mir gnädig, denn ich bin schwach.“

So darf ich getrost beten. Gottes Güte versteht, wie es mir geht. Gottes Liebe macht mir Mut und lässt meinen Blick auf die vielen kleinen Wunder lenken, die Gott im Alltag für mich bereithält.

 

Pfarrerin Meike Naumann, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

′Schöpfung als Prozess′ am 25.03.2020 von Susanne Pieper

Dieser Frühling zeigt sich uns in einer unglaublichen Vielfalt: Knospen springen auf und alles fängt an zu wachsen und zu blühen. Gleichzeitig aber erleben wir die Corona – Krise: so viele Menschen werden krank und viel zu viele sterben. Wir stehen in der Spannung zwischen atemberaubender Schönheit und erschreckender Zerstörung.

Wie sollen wir das verstehen? Ich denke, diese Zeit nötigt uns dazu, noch einmal genauer auf die Schöpfung zu sehen. Schöpfung bedeutet nicht einfach, dass sie perfekt und für immer gut ist. Paulus sagt im 8. Kapitel des Römerbriefes: „Die Schöpfung ist der Vergänglichkeit unterworfen; und wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet.“

Schöpfung bedeutet auch, dass andauernd das Chaos überwunden werden muss. Die Schöpfung, in der wir leben, steht in der Spannung zwischen den Ordnungskräften und den Chaoskräften. Sogar, wenn wir den ersten Schöpfungsbericht im 1. Buch des Mose lesen, sehen wir, dass die chaotische Finsternis nicht einfach verschwindet, sondern neben das Licht des Tages gestellt wird.

Dieses Virus zwingt uns von neuem zu der Erkenntnis, dass die Schöpfung sich immer in einem Prozess befindet. Einem Prozess, in dem die destruktiven Kräfte zurückgedrängt werden müssen. Wir können unendlich dankbar dafür sein, dass Gott mit seiner kreativen Macht unsere Erde und unseren Kosmos bis zum heutigen Tag so wunderbar erhalten hat und erhält. Aber er will uns auch als Mithelfer, als Mitakteure haben, um die Chaosmächte in unserem menschlichen Leben zurückzudrängen. Er hat uns dazu den Intellekt, die Kraft und die Entdeckerfreude gegeben. Darum sind unsere Forscher, Wissenschaftler und Ärzte in dieser Zeit so unendlich wichtig. Darum ist es so wichtig, dass wir in dieser Zeit den liebevollen Abstand zueinander halten. Darum ist es so entscheidend, dass wir uns um die Menschen kümmern, die geschwächt und krank sind.

Ich bin froh, dass wir dabei die Worte der Psalmen haben. Sie geben uns dann die Worte auf die Lippen, wenn wir selbst keine finden. So wie die Worte aus dem 90. Psalm:
„Gott du bist unsere Zuflucht für alle Zeit. Bevor die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist Du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Lass uns wieder Freude erleben, nachdem wir so lange Unglück leiden, und zeige Deine Güte Deinen Kindern.

Sei uns freundlich und fördere das Werk unserer Hände.“

 

Pfarrerin Susanne Pieper, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

 

′In Ängsten ... und siehe, wie leben!′ am 24.03.2020 von Rainer Böhm

„In Ängsten ... und siehe, wie leben!“  2. Korinther 6

Das war das Motto des ersten Kirchentages, den ich besucht habe, 1975 in Frankfurt. Ich bin, um mich bei der Kirche umzusehen, mit meinem R4 ein paarmal zum Messegelände gefahren. Das mit der Angst hatte mich angesprochen.

Zu unseren persönlichen Ängsten, wie sie mich damals umgetrieben haben, ist heute eine gemeinsame hinzugekommen. Wir teilen sie und wollen dennoch nüchtern bleiben. "In Ängsten … und siehe, wir leben!"  Angst, Sterbensangst, kann uns erfassen. Das war schon bei den ersten Christen so, denen Paulus scheibt. Wer sie verdrängt, läuft in die falsche Richtung. Ich will versuchen, in der Angst nicht aus dem Leben zu flüchten, sondern in die Arme Gottes. Bei ihm leben wir.

Damals auf dem Kirchentag habe ich das Glaubensbekenntnis Dietrich Bonhoeffers kennengelernt. Darin heißt es: "Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein".

Bonhoeffer sagt nicht: Im Glauben ist die Angst vor der Zukunft überwunden. Er ist viel vorsichtiger. „Müsste“, sagt er, und meint: Ich kann Gott nicht manipulieren. Gott schenkt Glauben. Indem Bonhoeffer einerseits tief überzeugt scheint, tastet er sich andererseits vorsichtig mit Worten an Gott heran. Ob das viel oder wenig ist, was uns bleibt in unserer Angst, das muss jeder selbst ausprobieren – und sich auf Worte einlassen. Ich habe erfahren: Das sind nicht einfach nur Worte, da ist Kraft. -

Wir gehen jetzt jeden Tag eine Runde durchs Feld. Die blühenden Bäume und Sträucher duften. Gestern flog ein Storchenpaar über uns, heute beobachtete uns ein Rudel von fünf Rehen. Am Weg steht eine Bank, von der aus man über das Tal blickt. Er hat die Erde so schön gemacht wie er konnte. Ängste und Krankheiten kann er nicht verhindern, aber er reicht uns darin die Hand.

Pfr. Rainer Böhm, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim
06032 – 2908
Boehm@ev-kirche-bn.de

′Alles hat seine Zeit′ am 23.03.2020 von Ingmar Bartsch

Alles hat seine Zeit?

Alles hat seine Zeit. So steht es im Prediger im 3. Kapitel. Lachen und weinen. Umarmen und aufhören zu umarmen. Schweigen und reden. Manche Beispiele werfen Fragen auf: Wann hat Töten seine Zeit? Und wann Streit? Die Worte Salomos provozieren. Und ich denke: Es gibt Zeiten, auf die könnte man gut und gerne verzichten.

Welche Zeiten würde ich gern aus meinem Leben streichen? Niederlagen, Enttäuschungen, Peinlichkeiten, Zerbrüche? Vielleicht die schwere Krankheit, die mich ein halbes Jahr außer Gefecht gesetzt hat? Damals war ich wütend. Und voller Angst, dass es nicht wieder so werden könnte, wie vorher. Ich hätte alles gegeben, dass die Situation von jetzt auf gleich vorbei ist.

Von der Krankheit ist fast nichts zurückgeblieben. Das ist nicht selbstverständlich. Umso dankbarer bin ich für meine Gesundheit. Aber ich habe mich verändert. In dieser Zeit spürte ich Gottes Nähe. Und ich bin Gott selbst näher gekommen. Auch durch Zweifel und die Wut auf meine Situation.

Alles hat seine Zeit. Das klingt ein wenig nach Gleichgültigkeit. Aber das ist es nicht. Denn es hat auch seine Zeit, in schweren Phasen zu hadern. Zu zweifeln. Ich wünsche mir und Ihnen, dass schwere Zeiten im Leben die Ausnahme bleiben. Garantieren kann das keiner. In einer Krise können die Worte Salomos verheißungsvoll klingen. Es gibt auch die anderen Zeiten. Bei aller Provokation lenken seine Worte den den Blick weg von der konkreten Situation hin zu einer langfristigen Hoffnung.

Vikar Ingmar Bartsch, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

Mail: bartsch@ev-kirche-bn.de
Tel: 06033 79 60 527

′Wann liest man in der Bibel′ am 20.03.2020 von Ingmar Bartsch

Wann liest man in der Bibel?

„Bei welchen Anlässen benutzt man die Bibel?“ Diesen Satz habe ich in einer vierten Klasse auf einem Blatt auf den Boden gelegt. Die Kinder haben sofort begeistert und voller Elan losgelegt. Die ersten Ideen sprudelten: im Gottesdienst, an Weihnachten, im Religionsunterricht. Je länger die Kinder schrieben, desto beeindruckter war ich von diesem Blatt voller toller Ideen: Man liest die Bibel, wenn man etwas über sie wissen will. Oder wenn man Lust hat. Oder wenn man Streit hat. Ein Kind schrieb: Wenn du verzweifelt bist.

Ich bin beschenkt nach Hause gegangen. Die Kinder haben daran erinnert, was die Bibel für ein Schatz ist.

Heute sitze ich an meinem Schreibtisch. Die Welt da draußen ist eine andere geworden. Ich bin nicht verzweifelt, aber mir ist dieses Blatt wieder in die Hände gefallen. Als Vikar nehme ich die Bibel oft in die Hand. Sie gehört zu meinem Handwerkszeug. Aber traue ich ihr auch zu, mein Leben in der aktuellen Situation zu bereichern? Trauen Sie der Bibel das zu? Ich nehme mir vor, auch für mich persönlich mehr in die Bibel hineinzuschauen. Schließlich ist sie voller Geschichten über Gottes Zuwendung zu uns Menschen. Ein Anfang wären die Bibelverse, die man selbst auf den Weg bekommen hat. Die Tauf-, Konfirmations- und Trausprüche. Der Psalm 23. Auch viele Andachten und Gottesdienste auf unserer Internetseite regen zum Nachlesen in der Bibel an. Einen Versuch ist es wert. Da hat die vierte Klasse absolut Recht.

Vikar Ingmar Bartsch, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

Mail: bartsch@ev-kirche-bn.de
Tel: 06033 79 60 527

′Andacht′ am 19.03.2020 von Susanne Pieper

Ich habe gerade alle dienstlichen Termine in meinem Kalender gestrichen. Das habe ich bisher nur einmal wegen einer längeren Erkrankung getan.

Was soll ich jetzt mit all der Zeit anfangen? Bestimmt ist es wichtig, dem Tag nun eine andere Struktur zu geben! Das will ich mir vornehmen: feste Zeiten für den Haushalt. Rausgehen, die Frühlingsluft genießen, die jetzt viel klarer und würziger ist als sonst, ohne die Treibhausgase. Jedenfalls so lange es noch geht… Menschen anrufen, zu denen ich schon länger keinen Kontakt mehr hatte. Oder anmailen. Mich vergewissern, dass sie da sind. Meine Arbeit am Schreibtisch machen.

Überlegen, wem ich helfen kann und das dann auch tun. Nur zwei Mal am Tag die neuesten Informationen zur Krise abrufen. Nicht öfter.

Mich nicht verrückt machen.

Und beten, in Gedanken mit Vielen verbunden, um 12.00 Uhr und um 19.00 Uhr, wenn ich die Glocken der Dankeskirche und der St. Bonifatiuskirche läuten höre. Um Kraft und Schutz und Segen bitten für die Kranken und die Einsamen, für alle Pflegekräfte, alle Ärztinnen und Ärzte, für alle Helfenden im Gesundheitswesen. Und nicht vergessen, Musik zu hören und zu machen.

„Die ganze Welt ist eine schmale Brücke, und die Hauptsache ist, sich nicht zu fürchten.“ (Rabbi Nachman von Brazlaw)

Aus Gottes Hand können wir nicht fallen.

 

Pfarrerin Susanne Pieper, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

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