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Andachten in der Corona-Zeit

Die Pfarrerinnen und Pfarrer der Bad Nauheimer Kirchengemeinden erstellen seit Beginn der Corona-Pandemie Andachten für die Homepage. Hier ist das Archiv.

′Vollkasko′ am 21.7.21 von Rainer Böhm

Vor etlichen Jahren hatte ich einen Hagelschaden an meinem Auto. Mir fiel das ehrlich gesagt gar nicht auf, aber dann wies meine Frau mich darauf hin. Zuerst ärgerte ich mich total über sie, obwohl sie ja nichts dafürkonnte – weil ich es bis dahin nicht zu bemerken brauchte. Dabei waren die unzähligen Dellen echt unübersehbar. Dann lernte ich, dass die Versicherung den Schaden übernimmt. Genau wie denjenigen, den ein Unbekannter auf einem Parkplatz meinem Auto beigebracht hatte. Die Prämie war dann höher, aber immerhin.

Wir leben in einer Vollkaskogesellschaft. Wir können uns versichern. Wir haben einen Anspruch auf Schadensausgleich. Ein anderer zahlt die Rechnung.  Im besten Fall. So waren wir es jedenfalls bisher gewohnt. Das alles ging mir jetzt irgendwann durch den Kopf, als ich die Bilder aus der Eifel im Fernsehen sah. Es gibt sogar eine Elementarschadenversicherung. Wohl dem der sie abgeschlossen hat, dachte ich, aber ob sie auch diesen Schaden abdeckt?

Ganz so einfach ist es also nicht. Nicht alle Schäden werden ausgeglichen. Vielleicht kommt es auch darauf an, wer laut oder geschickt genug den eigenen Anspruch anmeldet und das eigene Recht einklagt. Dann bleiben die auf der Strecke, die leiser sind, ihre Ellbogen weniger forsch einsetzen. Und diese immensen Schäden und seelischen Beschädigungen, mit denen wir jetzt konfrontiert sind als Gemeinschaft – die kann keine Versicherung abdecken.

Es begann mit der Pandemie: Masken tragen nicht nur für mich, sondern auch, um andere zu schützen. Jemand, der beim Fest zu seinem 70. keine Geschenke wünschte, sondern Spenden für die Corona-Hilfe unserer nordindischen Partnerdiözese. Und jetzt diese große Hilfsbereitschaft für die Not in der Eifel, Menschen, die dort anpacken und den Flutopfern zeigen, ihr seid nicht allein. Und so ähnlich ist es auch mit dem Klimawandel: auch selbst zu handeln hilft. Ärmel hochkrempeln.

Beispiele dafür, dass es eigentlich nur miteinander geht. Nur gemeinsam packen wir eine Flut, eine Pandemie, das Gegensteuern zum Klimawandel. Es bedeutet vielleicht immer wieder, auf den eigenen Vorteil zu verzichten. So könnte es gehen:  die Nächsten und Übernächsten zu sehen, die von der Pandemie Gefährdeten, die Benachteiligten in Indien, die Menschen in der Eifel so wie auch die, denen wir einmal unsere Erde überlassen werden. Vollkasko ist out.

Pfr. Rainer Böhm

′Haben Sie einen Segen für mich?′ am 14.7.21 von Susanne Pieper

So wurde ich in den letzten Monaten öfter einmal gefragt. Mit dem Segen ist es eine ganz eigene Sache. „Segnen“, das hat seinen Ursprung im griechischen „eu – logein“ oder im lateinischen „bene-dicere“. Beides bedeutet „gut sagen“, „etwas gut sein lassen“. Ich denke, ein Segen ist mehr als ein Wunsch, es ist, als würden wir die helfende und stärkende Kraft Gottes zu uns bitten, sie in uns wirken lassen und sie weitergeben.

Der Segen ist eine wichtige Brücke zwischen dem Gottesdienst und dem weiteren Feiertag, zwischen dem Sonntag und dem Alltag überhaupt. Einen Gottesdienst ohne die wohltuenden Worte „Der Herr segne dich und behüte dich.  Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.  Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden“ am Ende kann man sich gar nicht vorstellen.  Da würde etwas ganz Entscheidendes fehlen. Martin Luther hat einst die Kraft und die Schönheit dieses Segenswortes in seiner Zeit wiederentdeckt und hat diesen sogenannten aaronitischen Segen wieder an den Schluss des evangelischen Gottesdienstes gestellt.

Segnen aber kann nicht nur die Pfarrerin oder der Pfarrer. Jeder Mensch darf segnen. Menschen können einander einen Segen zusprechen. „Ich brauche deinen Segen für diesen großen Schritt!“, sagt zum Beispiel eine Tochter zu ihrer Mutter, bevor sie an einen Ort zieht, der weit weg liegt. Womit sie auch meint:  ich brauche dein Einverständnis, deine guten Wünsche, deine Gelassenheit und dein Vertrauen in mich und meinen ganz eigenen Weg. Ich brauche auch dein Vertrauen in Gott, dass er mit mir geht. All das bedeutet Segen.

Gesegnet haben früher Eltern ihre Kinder, wenn sie morgens in die Schule gingen. Einen Segen können sie auch ihren Kindern mitgeben, wenn sie aus dem Elternhaus und aus seiner Geborgenheit ausziehen, um nun für sich ein neues Zuhause zu finden. Einen Segen gibt es zum bestandenen Führerschein ebenso wie für die Kollegin, die in den Ruhestand geht. Denn ein Segen wird ja gerade dann nötig und wichtig, wenn es um einen Übergang geht, um einen Abschied oder eine Trennung. Dann ist es gut und hilfreich, zugesagt zu bekommen, dass Gott mitgeht, dass er das Kontinuum ist in allem Wechsel, der zum Leben gehört. Gemeinsam können wir uns auf ihn beziehen, finden in ihm unsere Mitte.

An einen besonderen Segen, ein gutes Gottes–Wort, denke ich in diesen Sommertagen, zum Beginn der Ferien. Er spricht davon, dass wir auch Gott segnen können. Ich habe ihn in dem schönen Buch von Brigitte Enzner–Probst gefunden „Aus der Fülle leben – Segensbitten für den Alltag“, im Claudius - Verlag.

Gesegnet das Herz von allem
Gesegnet die Stille
Gesegnet das Nicht – Reden
das einfache Sein
Das so schwer ist
Gesegnet das Bei – sich – sein
und was noch schwerer ist
das Bei – mir – sein
Gesegnet das Ausatmen
das Nichts – Wollen
das Da - Sein
Gesegnet die Mitte des Seins
das Herz von allem
Gesegnet bist du
Gott

Pfarrerin Susanne Pieper, pieper@ev-kirche-bn.de

′Wasser des Lebens′ am 7.7.21 von Meike Naumann

Die letzten Sommer sind heiß gewesen und trocken. Da haben wir gemerkt, wie wichtig das Wasser für uns. Für uns Menschen und auch für die Tiere und Pflanzen. Besonders unsere Wälder sind durch die Trockenheit stark geschädigt. Die ganze Schöpfung ist auf das Wasser angewiesen, das vergessen wir im Alltag schnell, denn aus dem Wasserhahn sprudelt bei uns immer frisches Trinkwasser.

In der Kirche gibt es auch Wasser. Bei der Taufe wird dem Täufling dreimal Wasser über den Kopf gegossen und dazu kommen die Worte: Ich taufe dich auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Ein Sprichwort sagt: „Du bist mit allen Wassern gewaschen!“ Dieses Sprichwort kommt aus der Seefahrt. Wenn ein Seemann viele Meere bereist hatte, dann wurde er dafür bewundert. Denn er hatte viele Stürme und Gefahren überstanden und viel erlebt.

Wenn heute eine zum anderen sagt: „Du bist mit allen Wassern gewaschen!“, dann meint das: „Du bist stark und hast ein gutes Selbstbewusstsein. Du weißt, wie du durchs Leben kommst. Du findest immer einen Weg!“

Jesus hat sich von Johannes im Jordan taufen lassen und er hat seinen Jünger*innen den Auftrag gegeben zu taufen. Mit der Taufe gehört ein Mensch für immer zu Gott. Nun ist er mit allen „Wassern gewaschen“. An Gottes Seite ist er oder sie stark für die Lebensreise über alle Meere und durch alle Stürme und Gefahren hindurch. Denn Gott verspricht in der Taufe, dass er immer da sein wird.

Gott ist überall um uns herum. Seine Engel berühren uns manchmal. Und so können wir unseren Weg gehen und haben immer vom Wasser des Lebens, das in uns quillt und das Jesus uns gibt. (Joh 4,14)

Pfarrerin Meike Naumann, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

′Dankbarkeit′ am 30.6.21 von Ingmar Bartsch

Im Supermarkt stehe ich mit meinem vollen Wagen an der Kasse. Die Frau hinter mir hat nur drei Artikel in der Hand. Ich lasse sie vor. Sie strahlt und bedankt sich. Wenig fahre ich an eine enge Kreuzung. Das Auto aus der Seitenstraße steht fast mittig. Obwohl ich Vorfahrt habe, lasse ich es raus. Der Autofahrer schaut grimmig. ‚Ein wenig Dankbarkeit würde ihm gut zu Gesicht stehen,‘ denke ich. Aber man kann Dankbarkeit nicht erwarten. Sie kommt einfach.

Was ist das eigentlich: Dankbarkeit? In meinem dicken Wörterbuch steht unter Dank: „Freude über etwas, Vergeltung für eine erwiesene Wohltat.“ Dankbar ist jemand, der von Dank erfüllt und stets zu Dank bereit ist. Das klingt etwas übertrieben. Wer ist schon stets zu Dank bereit?

Zuerst fällt aber auf: Dankbarkeit ist eine Haltung. Jeder Mensch hat die Wahl, dankbar zu sein, oder nicht. Und eine zweite Sache scheint wichtig: Für Dankbarkeit braucht es oft ein Gegenüber. Jemanden, dem man den Dank ausdrücken kann. In einer Konfistunde haben wir darüber nachgedacht, wie das mit dem Dank ist. Grundlage dafür war der Bibelvers aus 1.Chronik 16,34: „Danket dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich.“

Die Konfirmandinnnen und Konfirmanden haben schnell Beispiele gefunden, wofür sie dankbar sind: Für die Familie, die gute medizinische Versorgung und dass bei uns keiner hungern muss. Auch dass man immer jemanden zum Reden hat, macht die Konfis dankbar. Und sie sind dankbar, dass es Gott gibt. Das ist eine tolle Grundhaltung. Die Überlegungen der Konfis und die Bibelstelle regen mich an, darüber nachzudenken, wofür ich im Alltag dankbar bin.

Vikar Ingmar Bartsch, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

′Ich freue mich!′ am 23.6.21 von Siegfried Nickel

„Ich freue mich!“ Endlich kann ich mit meiner Frau einmal wieder in ein Restaurant essen gehen.
„Ich freue mich!“ Ich konnte ein paar Tage in den Urlaub fahren. Endlich einmal wieder rauskommen und endlich einmal wieder die Berge sehen.
„Ich freue mich!“ Ab nächste Woche brauche ich im Religionsunterricht keine Maske mehr zu tragen.
„Ich freue mich!“ …

Ich freue mich, dass so vieles nach so langer Zeit wieder möglich ist.
Ich freue mich über Dinge, die früher auch schön, aber irgendwie auch selbstverständlich waren.
Vielleicht ist das so, dass wir Menschen an Dingen, umso selbstverständlicher sie uns sind, umso weniger Freude entwickeln.
Vielleicht freuen wir Christen, die wir schon seit vielen Jahren an Jesus Christus glauben, uns deshalb auch so wenig an unserem Glauben, weil er uns so selbstverständlich ist.
Es ist uns so selbstverständlich, dass wir kein Produkt des Zufalls, sondern von Gott geliebte und gewollte Menschen sind.
Es ist uns so selbstverständlich, dass wir umkehren können und unser Gott uns Schuld vergibt und wir jeden Tag neu anfangen können.
Es ist uns so selbstverständlich, dass uns Jesus Christus in Freud und Leid zur Seite steht und wir in keiner Situation des Lebens alleine sind.
Es ist uns so selbstverständlich, dass unsere Gebete immer wieder erhört werden.
Es ist uns so selbstverständlich, dass uns der Heilige Geist immer wieder zu guten Entscheidungen verhilft.
Es ist uns so selbstverständlich, dass wir eine Perspektive über dieses Leben hinaus haben, die uns die Freiheit schenkt im Hier und Jetzt zu handeln.
Es ist uns so selbstverständlich, dass…

Wir Christen haben so viel Grund zur Freude. Doch sind uns diese Gründe anscheinend so selbstverständlich geworden, dass uns die Freude darüber nur noch selten erfasst. Schade eigentlich, oder?

Doch bevor bei Ihnen und mir jetzt der große Frust darüber ausbricht, dass wir uns so wenig freuen und die Freude dadurch noch weniger wird: Dieses Problem ist anscheinend nicht nur ein Problem unserer Generation. Schon im 19. Jahrhundert warf der Philosoph und Pfarrerssohn Friedrich Nietzsche den Christen vor, „sie müssten erlöster aussehen.“ Ja schon der Apostel Paulus sieht sich offensichtlich bemüßigt, die Christen in Philippi aufzufordern, sich mehr zu freuen: „Freut euch in dem Herrn alle Wege, und abermals sage ich: Freuet euch!“
Also alles völlig normal, dass das mit der Freude nicht so heraussticht, oder nehme ich die Herausforderung Nietzsches oder den Rippenstoß des Paulus an und auf und freue mich immer wieder neu meines Glaubens?

Eigentlich haben wir Christen doch allen Grund zur Freude. Unnachahmlich in Worte gefasst hat das für mich der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch mit folgenden Worten: „Ich bin vergnügt, erlöst, befreit. Gott nahm in seine Hände meine Zeit, mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen, mein Triumphieren und Verzagen, das Elend und die Zärtlichkeit. Was macht, dass ich so fröhlich bin in meinem kleinen Reich. Ich sing und tanze her und hin vom Kindbett bis zur Leich. Was macht, dass ich so furchtlos bin an vielen dunklen Tagen. Es kommt ein Geist in meinen Sinn, will mich durchs Leben tragen. Was macht, dass ich so unbeschwert und mich kein Trübsinn hält, weil mich mein Gott das Lachen lehrt wohl über alle Welt.“1
 
Amen.

„Ich freu mich in dem Herren aus meines Herzens Grund, bin fröhlich Gott zu Ehren jetzt und zu aller Stund, mit Freuden will ich singen zu Lob dem Namen sein, ganz lieblich soll erklíngen ein neues Liedelein.“
(EG 349, 1)

Pfarrer Siegfried Nickel, Steinfurth
06032/81667     s.nickel@ev-kirche-sw.de

1„Was macht, dass ich so fröhlich bin“ aus der CD: Hanns Dieter Hüsch liest Psalmen. Ich stehe unter Gottes Schutz, Track 26, s.o

′Wir dürfen Schwächen haben′ am 16.6.21 von Anne Wirth

Wir dürfen Schwächen haben

Wenn ich die Stellenanzeigen in der Zeitung lese, frage ich mich manchmal: Hätte ich irgendeine Chance, wenn ich mich jetzt bewerben würde?

Angenommen ich hätte die fachlichen Voraussetzungen, träfe außerdem auch all das auf mich zu, was da so verlangt wird?„Flexibel, teamorientiert, kontaktfreudig, verhandlungssicher, zielorientiert, eigenmotiviert, begeisterungsfähig.“ Mal ganz abgesehen von den perfekten Computerkenntnisssen.

Würde ich mich an den Maßstäben messen, die auf dem Stellenmarkt anscheinend angelegt werden, müsste ich verzweifeln. Ich könnte das nicht erfüllen. Vielleicht könnte ich mir eine Zeitlang den Anstrich von Perfektion geben, aber das hielte ich nicht lange durch.

Ich muss erfreulicher Weise auch nicht so sein, denn wer mit Gott lebt und sich Gottes Maßstäbe zu eigen macht, hat einen großen Vorteil: Er muss nicht alles können.

Er muss nicht perfekt sein. Vielleicht hätte der Chef es gerne so, aber nie im Leben Gott.
Die Stärken und die Schwächen, beide sind Gott wichtig. Die Stärken, damit wir sie einsetzen, und die Schwächen, damit wir in diesem Bereich dankbar bleiben für die Fähigkeiten anderer. So werden wir nicht überheblich.

Meine Tante hat einmal zu mir gesagt: Wenn wir alle singen könnten, dann gäbe es niemanden mehr, der dem Gesang applaudiert.

Der Apostel Paulus sagt es mit anderen Worten. Er vergleicht die verschiedenen Begabungen der Menschen mit den Körperteilen, die zusammen ein Ganzes bilden. In der Bibel heißt es „Wie könnte ein Mensch hören, wenn er nur aus Augen bestünde? Wie könnte er riechen, wenn er nur aus Ohren bestünde?“

Unsere Lebensaufgabe bei Gott ist nicht, herumzuwirbeln und möglichst perfekt Kopf, Ohren, Hände, Nase gleichzeitig sein zu wollen.

Unsere Aufgabe ist nicht, alle Ansprüche zu erfüllen, die andere an uns herantragen. Sie besteht vielmehr darin, herauszufinden, was wir sind, und dann unsere Möglichkeiten so weit auszuschöpfen, wie es uns eben möglich ist. Die Hände brauchen nicht hören zu können, dafür gibt es die Ohren. Aber sie können zupacken.

Und vor allen Dingen ist es schön zu wissen, dass ich mich in mancher Hinsicht auch einmal schwach zeigen darf, weil ich weiß, dass andere dann für mich stark sind.

Pfarrerin Anne Wirth, Schwalheim-Rödgen

′Ermuntert einander′ am 9.6.21 von Rainer Böhm

Ermuntert einander mit Psalmen und Lobgesängen und geistlichen Liedern. Eph 5, 19

Zu den angenehmen Überraschungen, als ich in die Wetterau kam, gehörten für mich die Kollegen ringsherum. Mit Jürgen Rump aus Ober-Mörlen fand ich mich ein paar Monate nach unserer Ankunft hier auf dem Hamburger Kirchentag wieder. Nach einem Pfarrkonvent habe ich Horst Rockels Mini übersehen und eine Schramme reingefahren. Er kam aus seiner Steinfurther Pfarrscheune, legte mir die Hand auf die Schulter und meinte: „Wenns weiter nichts ist …!“ Zuletzt waren es die unterschiedlichen Gaben und Personen in unserem regionalen Pfarrteam, über die ich mich freute.

Zu meinen Überraschungen gehörte die Marienkapelle im Usatal, die versteckt im Wald liegt. Und dass es hier nicht nur die Ilbenstädter Klosterkirche gibt, sondern auch die gleichalte romanische Komturkirche in Nieder-Weisel, ein versteckt liegendes Kleinod erster Güte mit einem darüber liegenden Hospital. Und später ein Gottesdienst in der Dankeskirche mit über 30 Rittern und der Erkenntnis, dass auch die JUH in der Tradition des evang. Johanniterordens steht.

Eine Landschaft miteinander lesen: Die religiöse, die kirchliche Tradition rund um den Johannisberg. Die Vielfalt verstehen und schätzen lernen, die eine Region in sich birgt. Die unsere Gemeinden haben. Sich miteinander daran freuen. So wie bei den Grillabenden der regionalen Kirchenvorstände bisher – im Pfarrgarten in Steinfurth, beim Gemeindehaus in Schwalheim oder in unserem Garten auf dem Johannisberg.

„Ermuntert einander“: Nicht unbedingt mit Pfarrdienstordnungen, Kooperationsvereinbarungen, Gottesdienstplänen, Verwaltungsabfragen oder Konfirmandenunterrichtskonzeptionen (die sind auch wichtig) - sondern mit gemeinsamer Spiritualität, mit Liedern, mit freundlich gemeinten Worten und gegenseitiger Hilfe. Das war der Ausgangspunkt vor 2000 Jahren, und da stehen wir auch heute. Und nur so entsteht eine Basis für alles Weitere. Aus dieser Haltung heraus.

„Ermuntert einander“ – das steht vorne, in diesem Brief vor 2000 Jahren: weil es auf den Umgang und die Atmosphäre miteinander ankommt. Man könnte auch sagen: auf den Geist. Auf dieser Grundlage kann die Kirche Jesu Christi wachsen und gedeihen.

Pfarrer Rainer Böhm, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

′Seifenblasen′ am 2.6.21 von Meike Naumann

Seifenblasen

Wann haben Sie das letzte Mal Seifenblasen gepustet? Als Kind? Oder einfach mal so, weil es so schön ist? Ich mag Seifenblasen. Sie schillern so schön bunt in allen Farben. Ganz leicht und anmutig schweben sie durch die Luft. Wenn ihnen zu sehe, wird mir leicht ums Herz. Die Welt um mich herum scheint sich zu verändern. Sie wird bunter, fröhlicher, vielleicht auch ein bisschen geheimnisvoll. Als Kind habe ich mir gewünscht mit einer Seifenblase davon zu schweben.

Seifenblasen sind das Gegenteil zu dem, was ich oft im Alltag erlebe. Immer der gleiche Tagesablauf, immer die gleichen Arbeitsabläufe, immer die gleichen Diskussionen um eigentlich unwichtige Dinge. Aber ist das wirklich so? Verstecken sich nicht auch im Alltag viele kleine „Seifenblasen – Momente“? Der Gesang der Vögel am frühen Morgen. Ein Sonnenstrahl, der durch die Wolken genau in mein Gesicht blitzt. Ein nettes Gespräch mit der Nachbarin am Gartenzaun. Ein unverhoffter Anruf. Alles das sind Seifenblasen-Momente, die meinen Alltag in bunten Farben schillern lassen und in denen mein Herz leichter wird.

Auch in Zeiten, in denen es schwer ist, gibt es solche kleinen Seifenblasen-Momente. Ein aufmunterndes Wort, ein lieber Mensch, der meine Sorgen und Ängste versteht, zeigen mir, dass ich nicht allein bin. In anderen Momenten spüre ich Gottes Nähe – ganz zart und schillernd wie eine Seifenblase. Spüre, wie Gott mich freundlich und liebevoll anblickt.

„Nun ist mein Herz fröhlich und ich will ihm danken mit meinem Lied!“ – so heißt es in Psalm 28. Der Beter oder die Beterin weiß darum, dass es nicht immer so ist- leicht und hell und unkompliziert. Aber da ist die Erfahrung, dass Gott auch in den schweren Stunden da ist. Und dann ist er da, so ein Seifenblasen-Moment, hell und schillernd. Die Welt um mich herum verändert sich. Nun ist mein Herz fröhlich.

Pfarrerin Meike Naumann, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

′Ehre deinen Arzt′ am 26.5.21 von Susanne Pieper

Ehre deinen Arzt, so wie es ihm zukommt, seinen Diensten gemäß, denn auch ihn hat Gott erschaffen. Auch er betet ja zum Herrn, dass er ihm die Erleichterung gelingen lasse und die Heilung zur Erhaltung des Lebens.  Jesus Sirach 38,1.14

Es ist wirklich interessant, wie hoch schon das Weisheitsbuch Jesus Sirach aus dem 2.  Jahrhundert vor Christus das medizinische Wissen einschätzt. Und ich merke: in der aktuellen Situation bekommen diese alten Worte plötzlich wieder ein ganz ungeahntes Gewicht. Das Impfprogramm schreitet gerade gut voran. Auch wenn es an manchen Stellen  holpert und stolpert. Aber für gute Erfahrungen können wir einfach auch einmal dankbar sein.

Erste Impfung
Du, mein Gott, Barmherziger, leih mir dein Ohr!
Ich war beim Arzt. Vor kurzem.
Ich habe eine kleine Spritze bekommen.
Da ist etwas mit mir passiert.
Ich stieg danach die Treppen hinab.
Und ging ganz anders herunter als ich hinaufgegangen war.
Alles war plötzlich viel leichter.
Als wäre eine schwere Last von meinen Schultern gefallen.
Als würde ich über dem Boden schweben.
Als könnte ich wieder den Himmel sehen.
Etwas in mir richtete sich auf.
Jubelte, schlug Räder und lief auf den Händen.
Ich durfte für einen Moment die Maske von meiner Seele nehmen.
Wohin soll ich mit meinem Dank?
Ich danke dir für die Intelligenz der Forschenden.
Ich danke dir für die Zuwendung aller Pflegenden und Ärzte.
Ich danke dir für Zuversicht, für Hoffnung und für jeden tiefen Atemzug.
Ich bitte dich um unsere Fähigkeit zur Solidarität.
Ich bitte dich um Impfstoff für jeden Menschen auf dieser Erde.
Amen.

Pfarrerin Susanne Pieper pieper@ev-kirche-bn.de 06032/ 340 771

′Petrus der Fels′ am 19.5.21 von Anne Wirth

Petrus der Fels

Petrus. Von ihm wird es später heißen, er sei der Fels, auf dem Christus selbst die Kirche aufbaue. Petrus ist von Anfang an ein glühender Verehrer Jesu, auch, wenn er ihn und sein Handeln oft nicht verstehen kann. Da spricht Jesus mit den Kindern, hier betet er mit einer ausländischen Frau. Das passt nicht in Petrus Weltbild, aber trotzdem liebt er Jesus, folgt ihm nach und würde alles für diesen Mann tun. Und ich glaube ihm auch, dass er es aus tiefstem Herzen so meint, wenn er sagt:

 „Wenn ich mit dir sterben müsste, ich will dich nicht verleugnen“,

Als es dann aber tatsächlich eng wird, packt ihn die Angst. Jesus ist gefangengenommen, er wird verurteilt werden, und da wird natürlich nach den Mitläufern gefragt, nach den Sympathisanten. Jetzt wäre der Zeitpunkt für das große flammende Bekenntnis. Jetzt wäre der Zeitpunkt, zu dem zu stehen, was er gesagt hatte. Stattdessen hören wir Folgendes von ihm:

„Da fing er an, sich zu verfluchen und zu schwören: Ich kenne den Menschen nicht. Und alsbald krähte der Hahn. Da dachte Petrus an das Wort, das Jesus zu ihm gesagt hatte: Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er ging hinaus und weinte bitterlich“.

Ja, Petrus versagt in dem Augenblick, in dem es eigentlich gilt, Standhaftigkeit zu zeigen. Er versagt, weil sein anfänglicher Mut plötzlich großer Angst weicht. Er löst damit eine Mischung aus Mitleid, Verständnis, aber auch Verachtung aus. Er, der den Mund so voll genommen hat, der so groß getönt hat, knickt als Erster ein.

Ja, wenn Menschen Angst haben, knicken sie schnell ein. Da brauchen wir nur an uns selbst zu denken, an die Kompromisse, die wir machen, wenn wir unsere Träume von einer besseren und gerechteren Welt träumen, aber doch froh sind, wenn das Gehalt auf unserem Konto ist. Ach, der Petrus ist uns in vielen Situationen doch sehr nahe.

Ich denke wir sollten uns freuen, dass ein eher fehlbarer Mensch, wie du und ich, derjenige sein wird, der dann doch die Botschaft weiterträgt. Petrus versagt und weint darüber. Das macht ihn mir sehr sympathisch. Dass Petrus kein Übermensch ist, sondern ein Normalmensch, so wie du und ich, dass er eben zum Fußvolk gehört, das wir alle in der Kirche sind, das macht doch Hoffnung.

Was mich aber noch mehr freut, ist die Tatsache, dass Gott ihm dann die Kraft schenkt seine Angst zu überwinden, und konsequent seinen Weg weiterzugehen. Einen überzeugenden Weg, wie ich finde.

Pfarrerin Anne Wirth, Schwalheim-Rödgen

′Wohin mit den Sorgen?′ am 12.5.21 von Konfirmand_inn_en

Wohin mit den Sorgen?

Ein Leben ohne Sorgen. Das wäre traumhaft. Aber es wird ein Traum bleiben. Denn Sorgen sind Teil des Lebens. Sie begegnen den meisten Menschen täglich: Wie wird die Klassenarbeit morgen laufen? Habe ich genug gelernt? Wie bringe ich meiner Familie bei, dass es mal wieder nicht so geklappt hat, wie ich mir das vorgestellt habe? Gerade jetzt drücken in Deutschland immer mehr Menschen Existenzsorgen und die Angst vor der Zukunft.

„Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch,“ steht im neuen Testament im 1. Petrusbrief im 5. Kapitel in Vers 7. Ein Vers mit einer klaren Botschaft: Sorgen muss man loswerden. Man muss sie regelrecht „entsorgen“.

Also raus damit. Im Gebet bei Gott. In der Familie. Beim Abendessen oder im Auto auf einer längeren Fahrt. Denn es hilft, Sorgen offen zu besprechen. Und es ist wichtig für Familien. Denn die können im Umgang mit Sorgen Vorbilder sein: Wer seinen Kindern zeigt, dass man Sorgen nur gemeinsam und konstruktiv begegnen kann, der macht seine Kinder fit für die Zukunft.

Diese Andacht wurde von den Konfirmandinnen und Konfirmanden im Rahmen einer Einheit zur Bibel erarbeitet.

′Wie lieblich ist der Maien′ am 5.5.21 von Meike Naumann

1. Wie lieblich ist der Maien
aus lauter Gottesgüt,
des sich die Menschen freuen,
weil alles grünt und blüht!
Die Tier sieht man jetzt springen
mit Lust auf grüner Weid,
die Vöglein hört man singen,
die loben Gott mit Freud.

2. Herr, dir sei Lob und Ehre
für solche Gaben Dein.
Die Blüt zur Frucht vermehre,
lass sie ersprießlich sein.
Es steht in Deinen Händen,
Dein Macht und Güt ist groß,
drum wollst Du von uns wenden
Mehltau, Frost, Reif und Schloss.

Endlich ist es Mai!! In diesem Jahr habe ich den Frühling mit seinen wärmenden Sonnenstrahlen, den länger werdenden Tagen, dem frischen Grün und der Blütenpracht besonders herbeigesehnt. Ich freue mich jedes Jahr auf den Frühling, aber nach einem Jahr Leben mit und unter Corona ist es mir viel schwerer gefallen, das Dunkel und Grau des Winters auszuhalten. Vielleicht ging es Ihnen auch so. Wie lieblich ist der Maien - dieses alte Lied aus unserem Gesangbuch bringt die Blütenpracht und den Sonnenschein, die Lebensfreude und den Gesang der Vögel wunderbar zum Ausdruck. Die Melodie sprudelt förmlich aus dem Gesangbuch heraus und mit ihr neue Energie und Lebenslust. Da möchte ich mir die Reste des Winters einfach von der Seele singen. Leider geht das nicht immer so einfach. An manchen Tagen passt der Text und die fröhliche Melodie einfach nicht zu dem, was ich erlebe. Da mag sich trotz all des summenden und brummenden Lebens um mich herum, keine Maiwonne in mir einstellen, weil ich einfach zu gestresst bin, die Anforderungen des Alltags zu groß sind oder ich einfach viel zu müde bin.

Martin Behm, der den Text dieses Liedes 1604 zu einer weltlichen Melodie gedichtet hat, war kein Naivling. Er kannte sehr wohl die Situation, dass die Maisonne das eigene Herz nicht erwärmen konnte. Deshalb geht sein Text tiefer und nimmt die bittere Erfahrung auf, wie ist traurig zu sein, wenn um einen herum alles fröhlich ist. Er weiß um die Sehnsucht, mit anderen in frohen Gesang einstimmen zu wollen, es aber einfach nicht zu schaffen.

Herr, lass die Sonne blicken ins finstre Herze mein,
damit sich’s möge schicken, fröhlich im Geist zu sein,
die größte Lust zu haben allein an deinem Wort
das mich im Kreuz kann laben und weist des Himmels Pfort.

Leider kann die Frühlingssonne nicht einfach alle Sorgen aus meinem Herzen vertreiben. Aber ich kann sie zu mir einladen und versuchen, ihr Raum zu geben indem ich nach draußen gehe und mich anstecken lasse von dem Leben, das um mich herum gerade in allen Farben zu explodieren scheint. Dem Dichter Martin Behm hat das geholfen und zusätzlich haben ihm die Geschichten in der Bibel geholfen, die auf ganz unterschiedliche Weise erzählen, wie Menschen ein Licht im Herzen aufgegangen ist. Wie Gott sie aus der Dunkelheit ins Licht geführt hat. Darum bittet Martin Behm Gott: dass es auch in seinem Herzen mit Gottes Hilfe wieder hell wird.

Ich schließe mich dieser Bitte gern an und stimme ein in die wunderbare Melodie. Und beim Singen spüre ich: Es tut gut!

Pfarrerin Meike Naumann, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

′Warten auf den Tee′ am 28.4.21 von Ingmar Bartsch

Warten auf den Tee

Ich stehe vor meinem Wasserkocher und starre ihn an. Der scheint davon völlig unbeeindruckt. Er tut das, was Wasserkocher wohl am besten können: er kocht Wasser. Aber heute ist er irgendwie besonders langsam. Ich habe den Eindruck, dass er mich doch irgendwie im Blick hat. Meine Sitzung geht gleich weiter, und ich säße gern pünktlich mit Tee am Schreibtisch. Quälend langsam gurgelt es ganz unten im Gerät. Irgendwann kommen kleine Bläschen nach oben. Ich beobachte das durch die Füllstandsanzeige. Warum braucht der so lange? Jetzt sind die Bläschen richtig groß. Was macht der da noch? Klick.

Warten ist nicht mein Ding. Dabei beweist uns die Natur gerade eindrucksvoll, dass alles seine Zeit braucht. Monatelang war alles kahl. Aber unter der Oberfläche brodelte es. Da kam die Kraft der Sonne und die Stärke aus der Erde in die Pflanzen. Kaum sichtbar für uns. Und in den letzten Tagen machte es plötzlich: Klick.

Zack, waren die Blumen da, die Blätter. Das Warten hat sich gelohnt. Es ist ein wundervolles Schauspiel. Und als Teil der Natur sollten wir Menschen das Warten eigentlich gelernt haben. Nicht immer ist das Ergebnis erwartbar grandios. So wie der Frühling. Und Warten kann auch in Phlegma umschlagen. Diese Gefahr ist mir bewusst. Aber oft entdecke ich schon im Prozess des Wartens eine völlig neue Perspektive. Und manchmal ist auch das ersehnte Ergebnis grandios. Oder es bereichert einfach nur meinen Alltag. So wie der dampfende Tee auf meinem Schreibtisch.

Vikar Ingmar Bartsch, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

Mail: bartsch@ev-kirche-bn.de
Tel: 06033 79 60 527

′Querdenker – Querhandler′ am 21.4.21 von Siegfried Nickel

Querdenker – Querhandler

Obwohl Gerichte die "Querdenken"-Demos in Stuttgart und Dresden untersagt hatten, widersetzten sich am Wochenende viele Corona-Leugner diesem Verbot. Seit einem Jahr sind die „Querdenker“ immer wieder in allen Nachrichten-Kanälen ein Thema. Ihr offizielles Ziel ist die uneingeschränkte Wiederherstellung der momentan teilweise eingeschränkten Grundrechte. Das ist wichtig und ehrenwert, auch wenn man in Frage stellen muss, ob man die Gefahren der Corona-Pandemie so hintenanstellen kann, wie viele der Teilnehmenden es tun. Problematisch sind aber auf jeden Fall die dabei von einigen von ihnen verwendeten Mittel und Verhaltensweisen: wenn etwa bei Demonstrationen Politiker und Virologen in Sträflingskleidung gezeigt werden und damit propagiert wird, sie gehörten wegen ihres Handelns ins Gefängnis. Die Querdenker-Bewegung ist sehr heterogen, so ist zu lesen, „das Spektrum reicht von Impfgegnern über Esoteriker, generellen Staatsskeptikern und Verschwörungstheoretikern bis hin zu Rechtsextremisten sowie Reichsbürgern.“ Gegründet wurde sie letztes Frühjahr in Stuttgart. Insgesamt zeichnet die Teilnehmer nach soziologischen Untersuchungen eine starke Entfremdung von Institutionen, Parteien und Medien aus.

Doch eigentlich möchte ich mich hier nicht mit diesem politischen Phänomen beschäftigen. Viel spannender finde ich die Begriffe „Querdenken“ und „Querdenker“, die mir bis vor einem Jahr unbekannt waren. Auch wenn sich bei Google natürlich auch einen Wikipedia-Artikel zu diesem Stichwort findet, wo – allerdings nur stichwortartig – von einer Zeitschrift und einem Brettspiel bzw. einer kreativen Denkmethode gleichen Namens berichtet wird. Außerdem spuckt meine Suchmaschine noch einen Zusammenschluss von Menschen aus, die unter gleichem Namen die Welt und die Menschheit voranbringen wollen, indem sie nicht in den allgemeingültigen Bahnen denken, sondern quer und kreativ zu ihnen.

Wenn etwas quer steht, dann nervt uns das zumeist, denn es stört den Fluss. Deswegen werden immer mehr Ampeln durch Kreisel ersetzt und Bahnlinien untertunnelt, damit es zügiger vorangeht. Dinge, die quer liegen, bremsen die Geschwindigkeit, so wie jener Baum, der neulich in der Wetter lag. Der bremste die Fließgeschwindigkeit des Flusses. Allerdings war das Wasser danach wesentlich sauberer, denn an dem Baumstamm blieb allerhand Müll hängen. Ich hoffe, jemand hatte die Möglichkeit, all das herauszufischen. Das wäre ein gutes Werk gewesen.

Wenn ich so über das „Querdenken“ nachdenke, kommt mir als Theologe ein anderer ganz besonderer „Querdenker“ in den Sinn. Gott ist für mich der große Querdenker und Querhandler. Immer wieder handelt und agiert er anders, als wir Menschen es tun. Oftmals steht sein Tun auch quer zu unseren Vorstellungen: Aus Sklaven sucht er sich sein Volk zusammen und macht es, obwohl es das „kleinste“ unter allen Völkern ist, zu seinem Volk. Der jüngste, eher schmächtige Sohn wird als König auserwählt und nicht einer der großen und starken Brüder wird gesalbt. Gott bleibt nicht jenseits von Gut und Böse, sondern kommt mitten hinein in diese Welt, aber nicht als Königskind, wie selbst die Weisen aus dem Morgenland dachten, sondern als kleines Baby in einem ärmlichen Stall. Als Messias wirft er nicht die Römer aus dem Land, sondern stirbt den schmählichen Tod am Kreuz. Statt uns in unseren Schuld stecken zu lassen, nimmt er sie auf sich. Und schließlich bleibt sein Sohn im Gegensatz zu all unseren Erfahrungen und Überzeugungen nicht tot, sondern er erweckt ihn von den Toten und bricht somit die Macht des Todes.

Gott stellt sich gerne quer zu unseren Denkmustern. Das ist herausfordernd. Er wusste schon, warum er im zweiten Gebot sagte, „Du sollst Dir kein Bild von mir machen“. Manchmal nervt er auch mit seinem Querdenken; bis heute etwa, wenn er für sich beschließt, am siebten Tag einfach von seiner Arbeit auszuruhen. Da ist heute noch mancher Unternehmer auf ihn sauer, weil das dem Gewinnstreben eine Grenze setzt. An diesem Beispiel zeigt sich aber auch ganz, dass Gottes Querdenken dem Wohl von uns Menschen dient, indem er uns Grenzen setzt, indem er uns Regeln für das Miteinander an die Hand gibt, indem er uns neue Horizonte aufreißt.

Ich bin froh, dass es Gott den großen Querdenker und Querhandler gibt, auch wenn er mich manchmal nervt, auch wenn er mich manchmal herausfordert. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass sein Querdenken und Querhandeln mich/uns weiterbringt und aus Liebe zu mir / zu uns geschieht.
Amen.

Guter, großer Gott, du bist anders als wir Menschen. Du denkst anders als wir. Du handelst anders als wir. Lass mich offen sein für dein Anderssein, damit mein Leben reich wird durch dein Querdenken und Querhandeln. Amen.

Pfarrer Siegfried Nickel, Steinfurth
06032/81667     s.nickel@ev-kirche-sw.de

′Abendmahl zuhause′ am 14.4.21 von Susanne Pieper

„Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ 
Jesus Christus in Matthäus 18,20

Es ist eine andere Zeit gerade. Als wäre die Welt auf den Kopf gestellt. Kein Wunder, wenn einer da manchmal schwindelig wird und man nicht mehr weiß, was eigentlich falsch und was richtig ist.

Ich vermisse die Gottesdienste, die Begegnung mit den realen Gemeindemitgliedern! Das gemeinsame Singen! Wenngleich ich natürlich weiß, dass es aus Vernunft – und Verantwortungsgründen gerade nicht geht, dass wir am Sonntagmorgen zusammen in der Kirche feiern. Ich vermisse genauso auch schon seit langem das Feiern des Abendmahls in großer Runde!

In dieser Zeit sind wir gezwungen, unseren Glauben anders zu leben. Die Ausdrucksmöglichkeiten des religiösen Lebens müssen ins Private verlegt werden. Am letzten Gründonnerstag haben mein Mann und ich uns an unserem Esstisch gegenseitig das Abendmahl ausgeteilt. Wir haben den Bibeltext über das letzte Mahl Jesu mit seiner Jüngerschar gelesen und haben gemeinsam das Vaterunser gebetet. Das hat uns beiden gutgetan. Es war eine intensive Erfahrung, und es war eine immense Stärkung mitten in diesen Tagen der Unsicherheit und der vielen Fragen. Jesus, der Sohn Gottes, ist bei uns. Davon haben wir etwas gespürt.

Warum also nicht das Abendmahl zuhause feiern?  Brot und Wein oder Brot und Traubensaft teilen und gemeinsam alles vor Gott bringen, was uns belastet und was uns freut, worüber wir klagen müssen und wofür wir danken können? Das Abendmahl ist ein Stück Himmel auf Erden. Menschen haben es in Extremsituationen der Geschichte immer wieder miteinander geteilt. Im Eingeschlossensein, in Straflagern, in der Kriegsgefangenschaft, ja auch in den KZ’s. Manchmal hatten sie nur eine Scheibe Brot zur Verfügung und eine eingeschmuggelte Rosine. Der tschechische Priester Tomas Halik beschreibt das anschaulich in seinem neuen Buch „Die Zeit der leeren Kirchen“.

Kirchenrechtliche Fragen dürfen in dieser Situation getrost ganz, ganz am Ende stehen. Aber dass wir unseren Faden zu Gott nicht abreißen lassen, dass wir unseren Glauben stärken, uns Vergebung zusprechen lassen, aus der Kraftquelle der Bibel schöpfen und im persönlichen Gebet unseren eigenen Kontakt zu Gott halten, das ist in der Tat entscheidend dafür, dass unsere Seele heil bleibt. Diese Zeit trägt die Herausforderung und die Möglichkeit in sich, den Himmel neu in unser Zuhause einzuladen.              

Pfarrerin Susanne Pieper           
pieper@ev-kirche-bn.de

′Fake News und die Auferstehung′ am 7.4.21 von Ingmar Bartsch

Fake News und die Auferstehung

Die Lage ist unübersichtlich. Richtig chaotisch ist es in diesen Tagen nach Ostern. Jesus war tot und jetzt ist er wieder lebendig. Oder doch nicht? Die Bibel beruft sich auf eine große Zahl von Menschen, die Jesus begegnet sind. Die Frauen am Grab. Jesus erschien seinen Jüngern. Obwohl sie die Türen fest verschlossen hatten, tauchte er in ihrer Mitte auf. Für Thomas kam er sogar noch einmal wieder. Und Jesus grillte mit seinen Jüngern am See Tiberias. Paulus listet im 1. Korintherbrief im 15. Kapitel die Zeugen der Auferstehung minutiös auf.

So viele Zeugen und doch ist die Auferstehung eine Sache des Glaubens. Ich finde sie im wahrsten Sinne glaub-würdig. Und das liegt nicht nur an den vielen Zeugen. Mich fasziniert immer wieder, wie viel Kraft die Botschaft des Evangeliums in den letzten 2000 Jahren im Leben von Menschen entfaltet hat. Auch bei mir.

Wo sich eine Leben verändernde Botschaft Bahn bricht, da sind Gegner nicht weit. Im Matthäusevangelium 28,11-15 wird berichtet, dass die Wachsoldaten zu den Hohenpriestern gehen und von Jesu Auferstehung erzählen. Und die Hohenpriester geben ihnen Geld, damit die Soldaten Fake News verbreiten. Sie sollen herumerzählen, dass die Jünger den Leichnam gestohlen haben, während sie geschlafen haben. Die Ironie dieser Fake News ist augenscheinlich: Eigentlich sollten die Soldaten den Diebstahl verhindern und die Jünger mit Waffengewalt abschrecken. Sie sind Wachprofis. Wer nimmt ihnen ab, dass sie kollektiv geschlafen haben? Es hat wohl am Geld gelegen, dass die Soldaten sich auf so eine Verletzung ihrer Berufsehre eingelassen haben.

Macht diese Geschichte die Auferstehung noch glaubwürdiger? Das muss jeder selbst entscheiden. Es ist ja doch kein Wissen, sondern Glaube. In Hebräer 11,1 heißt es: „Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“ Die biblischen Geschichten rund um Jesu Auferstehung helfen mir bei diesem Nichtzweifeln.

Vikar Ingmar Bartsch, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim
Mail: bartsch@ev-kirche-bn.de
Tel: 06033 79 60 527

PS: Eric-Emmanuel Schmitt hat die Ereignisse rund um die Auferstehung, die Zweifel und die Zerrissenheit in seinem Roman „Das Evangelium nach Pilatus“ auf wundervolle Weise in Romanform gebracht.

′Josef aus Arimatea′ am 31.3.21 von Rainer Böhm

Josef aus Arimatea

Irgendwann im Jahr 32 ist es wohl fertig geworden – das Grab des Josef aus Arimatea. Eine Höhle in Stein gehauen. Ein Realist muss er gewesen sein, wohlwissend, dass auch er einmal sterben muss. Wenn wir schon nicht wissen, was kommt, so beruhigt es doch, wenigstens zu wissen, wohin man kommt.

Wenige Monate später liegt in seinem Grab ein anderer, auf jener steinernen Bank, die er für sich ausersehen hatte. Er selbst hat seinen Freund dorthin gebracht, mit offizieller Erlaubnis von Pilatus. Für Josef muss es gewesen sein, als ob Jesus an seiner Stelle gestorben sei, so als bräuchte er nun selbst nicht mehr zu sterben.

„Gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes.“ Josef aus Arimatea ahnt noch nicht, für welches Ereignis er seine Höhle zur Verfügung gestellt hat. Der Tod als ein Gast auf Zeit, das ist bis dahin unbekannt.

Am dritten Tag bekommt Josef sein Grab zurück: fast neu, aber völlig anders. Jesus hat ihm wieder Platz gemacht, so berichtet es die Bibel. Und sie erzählt auch vom Staunen, der Hoffnung, der Bewegung, die dieser Erfahrung und dieser Glaube ausgelöst hat und die uns bis heute trägt.

Josef ist dadurch nicht unsterblich geworden. Aber für uns alle hat er diese Erfahrung gemacht: das Grab ist nur ein vorübergehender Aufenthaltsort. Es ist keine Endstation. ER mag vor Ostern ein reicher, pragmatischer Mensch gewesen sein. Nun ist er auch noch reich an Hoffnung: Mit einem Blick nicht nur in sein Grab hinein, sondern auch aus seinem Grab heraus.

Pfr. Rainer Böhm, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

′Neue Perspektiven finden.′ am 24.3.21 von Siegfried Nickel

Neue Perspektiven finden.

Grau in grau ist der Himmel, wenn ich aus dem Fenster blicke.
Grau in grau ist auch meine Stimmung.
Meine Geduld ist am Ende. Erneut steigen die Infektionszahlen. Neue Einschränkungen. Wellenbrecher-Shut-Down an Ostern. Keine Gottesdienste gemeinsam feiern. Immerhin wir haben vorgesorgt und digitale Formate vorbereitet. Besser als nichts. Aber auch Ostern wieder ohne Urlaub. Endlich mal wieder rauskommen wäre so schön und wichtig gewesen.

Grau in grau ist der Himmel.
Grau in grau ist auch meine Stimmung.
Wo ist eine Perspektive? Was macht Hoffnung?
BioNTech-Gründer Ugur Sahin prognostiziert: Es könnte Herbst werden, bis der Lockdown zu Ende geht. Nein, das ist mir zu lange hin!

Ich schaue mich um: Da ist das grüne Ampelmännchen auf meinem Fensterbrett, das freundlich lächelnd voranschreitet, und daneben das schöne Familienfoto von vor anderthalb Jahren. Mein Blick fällt nun noch einmal anders aus dem Fenster. Ist da nicht ein Gelb zu sehen? Sind dort nicht frische hellbraune Triebe?

Ich will mich nicht weiter runterziehen lassen. Vielleicht ist draußen in unserem Garten noch mehr zu sehen und so gehe ich hinaus. Und tatsächlich, da sind nicht nur die gelben Blütenansätze der Forsythien und die hellbraunen der Buche, sondern auch die grünen Austriebe des Flieders und wenn man ganz genau hinsieht die roten Triebe der Rosen, das zarte Blau der Veilchen und ja wirklich, sogar das erste Gänseblümchen ist schon da. Dazu singt ein Kohlmeischen mir ausdauernd sein Lied. Selbst der eine der beiden Johannisbeerbüsche, die ich letztes Jahr gepflanzt habe, treibt grün und ich dachte, sie seien mir bei der Hitzewelle letzten Sommer während unseres Urlaubs vertrocknet. Ob der andere auch noch austreibt?
Wie schön! Wie viele schöne Zeichen der Hoffnung! Als ich wieder ins Haus gehe, blitzt an einer Stelle sogar etwas Licht durch die graue Wolkendecke.

Hoffnung, Perspektive in grauen Zeiten? Vielleicht muss ich mich einfach aktiv auf die Suche danach machen, denke ich so.
So wie die Frauen am Ostermorgen, die anders als die Jünger nicht in ihrer Angst und ihrem Schrecken in ihrem Haus hocken geblieben sind, sondern sich auf dem Weg gemacht haben. Zugegeben, nicht um eine neue Hoffnung zu suchen, sondern lediglich, um etwas Sinnvolles zu tun und ihrem Meister die letzte Ehre zu erweisen, machen sie sich auf den Weg. Doch dabei entdecken sie aus ihrer Niedergeschlagenheit und Trauer heraus das größte Hoffnungszeichen der Weltgeschichte: Jesus ist von den Toten auferstanden. Ostern.

Aufstehen und Losgehen. Das schafft neue Perspektiven und schenkt Hoffnung.
Manchmal braucht es dazu gar nicht den großen Schritt. Manchmal reicht schon der kleine Gang in den Garten, der einen erste Anzeichen von Farbe und Buntheit des Lebens entdecken lässt.

Amen.

Gebet:
Gott im Himmel und auf Erden,
bei uns geht es gerade von einem Lockdown in den nächsten. Ganz leicht erfasst uns da Mut- und Perspektivlosigkeit. Hilf Du uns, den Mut nicht sinken zu lassen, die Hoffnung nicht zu verlieren.
Zeige uns Wege, die uns ermutigen.
Amen.

Pfarrer Siegfried Nickel, Steinfurth
06032/81667     s.nickel@ev-kirche-sw.de

′Das unsichtbare Fundament′ am 17.3.21 von Susanne Pieper

Das unsichtbare Fundament

Am 5. März haben Frauen und Männer rund um den Erdball den sogenannten „Weltgebetstag“ gefeiert. Dabei suchen sich in jedem Jahr Frauen aus einem anderen Land der Erde das Motto und einen Bibeltext dazu aus. In diesem Jahr stammte das Thema aus Vanuatu, einem kleinen Inselstaat im südpazifischen Ozean.

„Worauf bauen wir?“ lautete es, und dazu standen Worte Jesu aus Matthäus 7,24 und 25 im Mittelpunkt: „Wer meine Worte hört und danach handelt, der baut sein Haus auf einen Felsen, und die Stürme werden es nicht fortreißen.“

Mich faszinieren diese Sätze. Ich möchte ihnen gern im wahrsten Sinne auf den Grund gehen. Jesus redet hier ja in einem Bild: von einem Haus sehen wir immer nur das Dach, die Mauern, die Fenster und die Türen. Das Fundament aber, das, worauf das Haus steht, das ist für uns unsichtbar. Und doch ermöglicht gerade das unsichtbare Fundament dem Haus, auch starken Winden, Stürmen und Orkanen standzuhalten.

Damit sagt Jesus: „Bei mir ist der beste Grund, den du für dein Leben finden kannst. Wenn du mir nachfolgst und vertraust, dann hast du eine standfeste und unverrückbare Grundlage. Ein Fundament für dein Leben, einen festen Boden unter deinen Füßen.“

Das macht mir Mut. Es gibt jemanden, an den ich mich wenden kann, wenn ich unsicher bin oder ängstlich, wenn ich verzagt bin, mir nichts zutraue oder manchmal verzweifeln und alles hinwerfen möchte. Er ist mein Fels in der Brandung.

Jesus sagt dies am Ende seiner Bergpredigt in Matthäus 5-7, jener großartigen Magna Charta des christlichen Glaubens. „Wer meine Worte hört und danach handelt“… Und schon ertappe ich mich dabei, wie ich anfange, all diese Worte wieder von vorne zu lesen und mich von ihnen anrühren zu lassen.

Alleine dies: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch!“ oder „Ihr seid das Salz der Erde!“ oder „Sorgt euch nicht!“

Und ich merke: man braucht bestimmt ein ganzes Leben, um die Tiefe dieser wunderbaren Gedanken auszuloten.

Pfarrerin Susanne Pieper, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

Tel. 06032/ 340 771    pieper@ev-kirche-bn.de

′Frucht kann man nicht beschleunigen′ am 10.3.21 von Ingmar Bartsch

Frucht kann man nicht beschleunigen

Schon jetzt, Anfang März, freue ich mich wie verrückt auf die Erdbeerzeit. Es dauert noch viel zu lange, bis die saftigen, roten Früchte in meinem Joghurt landen. Wenn ich an den Erdbeerfeldern zwischen Butzbach und Bad Nauheim vorbeikomme, dann wünschte ich, es wäre schon soweit. Doch ich muss noch warten, denn ich kann das Wachstum der Früchte leider nicht beschleunigen.

Natürlich kann man was für Früchte tun. Erdbeeren werden kultiviert. Sie werden gehegt und gepflegt. Bei Trockenheit werdend sie vorsichtig gegossen und wenn es im Frühjahr nochmal kalt wird, werden sie sorgfältig abgedeckt. Aber wachsen müssen sie schon von alleine.

Das mag ärgerlich sein. Aber wenn es dann wieder Erdbeerzeit ist, genieße ich sie um so mehr. Im Predigttext vom vergangenen Sonntag in Epheser 5, 8-9 heißt es „8 Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Wandelt als Kinder des Lichts; 9 die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.“

Und hier bekommt das langsame Wachstum der Frucht für mich plötzlich eine positive Bedeutung. Gott sagt mir zu, dass ich sein Kind bin. Ein Kind des Lichts. Aber manchmal fehlen in meinem Leben Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit. Wenn diese Dinge aber Früchte sind, dann kann ich sie nicht „machen“ oder beschleunigen. Sie werden entstehen. Vielleicht nicht sofort. Aber zu ihrer Zeit. Christ sein bedeutet auch Wachstum. Ein Kind des Lichts zu sein heißt auch, sich entwickeln zu dürfen. Klar kann man die Früchte kultivieren. „Wandelt als Kinder des Lichts,“ heißt es im Epheserbrief. Und dann tragen wir Früchte. Ohne sie beschleunigen zu müssen. Zu ihrer Zeit. Mit Gottes Hilfe.

Vikar Ingmar Bartsch, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

Mail: bartsch@ev-kirche-bn.de
Tel: 06033 79 60 527

PS: Dazu finden Sie den Gottesdienst auf unserem YouTubekanal oder als Text hier auf der Internetseite.

am 3.3.2021 von Meike Naumann

Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. (Matthäus 11,28)

Wir kennen sie alle: die Slogans der Werbeindustrie, die uns immer das günstigste, aber beste aller Produkte anpreisen. Egal, welche Branche – die Botschaft ist immer die gleiche: Kommt alle zu mir! Und wir alle wissen, dass dieser Ruf nicht ohne Hintergedanken ist.

„Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ – Jesus ruft nicht die Zahlungskräftigen unter uns. Jesus ruft die Müden, die Kaputten und die Erschöpften. „Ich will euch erquicken - ich will euch Ruhe geben!“

Diese Worte ziehen mich immer wieder in ihren Bann. Warum? Vielleicht weil sie mich so sehen wie ich bin, wie ich es meiner Umwelt aber gerade nicht zeige: müde und erschöpft in dieser langen Zeit der Pandemie, mit so mancher Last beladen. So wie wir eigentlich alle sind und es nicht gern zugeben. Denn es gilt doch immer, sich gut zu verkaufen, zu zeigen, dass ich alles im Griff habe, dass ich allein zurechtkomme.

Jesus ruft uns etwas anderes zu. Er lädt mich so ein, wie ich bin. Ich muss nichts verbergen, keine Maske tragen. Darin besteht für mich die Anziehungskraft dieser Worte. Da ist einer, der mir zuhört und mich so akzeptiert wie ich bin, der nicht alles gutheißt, aber mich dennoch nicht verurteilt, nicht verachtet.
Jeus sagt: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch Ruhe geben“. Ruhe – nicht erst nach dem Tod, nicht erst im Ruhestand, sondern Ruhe, die Kraft gibt zum Leben – und Frieden mit mir selbst und mit Gott und mit den Menschen um mich herum.

Pfarrerin Meike Naumann, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

′Lebenskunst′ am 24.2.21 von Vikarin Jutta Jarasch

Lebenskunst

Der Espresso steht dampfend auf dem Wohnzimmertisch. Noch bevor sich der Löffel Zucker darin aufgelöst hat, schlummert mein Mann selig auf dem Sofa. „Dem Seinen gibt´s der Herr im Schlaf“ kommt mir spontan in den Sinn. Beneidenswert! Powernapping – das gelingt mir leider nie. Irgendwie unfair. Schlafentzug macht mich aggressiv und auf Dauer mürbe.

Ich nippe also alleine an meinem Espresso und denke nach. Stirnrunzelnd, fast panisch, schaue ich auf den vollen Terminkalender. Der Berg wächst und der Gipfel ist von hier aus nicht zu erkennen. Das Gedankenkarussell läuft auf Hochtouren. Was, wenn das Chaos nicht beseitigt ist bevor der Besuch kommt? Oder wenn ich die deadline des Projekts nicht einhalten kann? Sicherlich auch eine Methode, sich immer den schlimmsten Fall vorzustellen. Für manche ist Angst ein Motivator, endlich loszulaufen. Für andere hingegen: ein Lauf im Hamsterrad.

Im Psalm 127 heißt es: „Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und euch erst spät wieder hinsetzt und euer Brot mit Sorgen esst. Dem Seinen gibt er es im Schlaf.“

Also einfach faul sein, abwarten und Kaffee – äh Tee – trinken?
Ganz so einfach ist es sicher nicht. Doch ich spüre ein tiefes Gottvertrauen in diesen Worten. Nicht alles liegt in meiner Hand!

Die Tasse ist längst leer, da reckt und streckt sich mein Mann wieder und fragt verschlafen:  „Hab ich was verpasst?“ „Nein, nein“, sage ich mit einem Lächeln, „hab mir nur wieder unnötige Sorgen gemacht.“

Das Hamsterrad steht still. Ich kann aufatmen – Gott sei Dank!

Jutta Jarasch, Vikarin in Vohburg

′Belastung kann gut sein′ am 17.2.21 von Rainer Böhm

Belastung kann gut sein

Neulich habe ich einen Vortrag über das Rosental-Viadukt in Friedberg gehört. Das ist eine 1850 fertiggestellte Eisenbahnbrücke in Friedberg, die leider schon lange durch andere Brückenbauwerke verdeckt ist. Ein beeindruckendes Denkmal der Industriegeschichte. Die Brücke ist aus Sandstein errichtet worden. Die Friedberger nennen sie die „24 Hallen“, nach der Zahl der Bögen, die sie bildet.

Das Bauwerk wird schon lange nicht mehr gepflegt, seit es 1982 außer Betrieb gestellt und durch eine Betonbrücke ersetzt worden ist. Sicher würde dem Mauerwerk inzwischen eine Sanierung guttun. Eindringendes Wasser ist nicht das Problem, die Drainage der Brücke funktioniert anscheinend nach wie vor.  Aber die Brücke wurde einfach verkauft. Ein weiteres Problem ist ihre fehlende Belastung.

Dadurch lockern sich die Verbindungen im Mauerwerk. Der Zusammenhalt der Konstruktion lässt nach, wenn sie nicht immer wieder belastet wird. Dadurch staucht sich bei dieser Konstruktionsart das Mauerwerk ineinander, die Brücke bleibt gewissermaßen in Form oder im Training, wie ich es verstanden habe.  Andernfalls lässt die Tragfähigkeit allmählich nach, das Gefüge der Mauern lockert sich.

Im Christentum ist die Brücke ein religiöses Symbol. Wir kennen die sog. „Brückenheiligen“, in meinem Heimatort steht ein Nepomuk auf der Brücke über den Liederbach. Wir kennen den Papst als Pontifex, als Brückenbauer zwischen den Welten und dem Diesseits und Jenseits. Die Brücke ist Symbol einer Verbindung, einer Beziehung von zwei getrennten, sonst für sich existierenden Bereichen.

Gleichgültigkeit und Leere sind der Tod einer Beziehung. Auseinandersetzungen zeigen gewissermaßen auch ihre Lebendigkeit und Energie Sie stärken das ehrliche und offene Miteinander, so wie die regelmäßige Belastung ein in die Jahre gekommenes Viadukt zu Stabilität verhelfen kann. Zu schwer ist sicher nicht gut. Aber zu leicht und zu wenig eben auch nicht. Das habe ich neulich gelernt.

Pfarrer Rainer Böhm, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

′Kleine Wunder′ am 10.2.2021 von Sophie-Lotte Immanuel

Kleine Wunder

Da sprach Gott zu Elija: „Komm heraus! Stell dich auf den Berg vor den HERRN!“
Und wirklich, der HERR ging vorüber: Zuerst kam ein gewaltiger Sturm, der Berge sprengte und Felsen zerbrach. Der zog vor dem HERRN her, aber der HERR war nicht im Sturm.
Nach dem Erdbeben kam ein Feuer. Aber der Herr war nicht im Feuer.
Nach dem Feuer kam ein sanftes, feines Flüstern. Als Elija das hörte, bedeckte er das Gesicht mit seinem Mantel. Dann trat er aus der Höhle heraus und stellte sich an ihren Eingang.
1.Könige 19, 11-13a

Nicht müde werden
Sondern dem Wunder
Leise
Wie einem Vogel
Die Hand hinhalten.
Hilde Domin


Was kann ich sagen - noch so eine Lieblingsgeschichte! Und eine, die einem dieser Tage doch sehr nahe ist. Vor der Bibelstelle, die Sie oben lesen können, passiert nämlich folgendes: Elija, der Prophet, hat keine Lust mehr. Er ist müde. Er hat alles getan, was Gott von ihm verlangt hat: und jetzt ist deswegen auch noch sein Leben bedroht. Es reicht ihm! Er setzt sich unter einen Ginsterstrauch und sagt zu Gott: Lass mich doch jetzt gleich sterben, durch deine Hand und nicht durch die, die mich verfolgen.

Und er legt sich hin und schläft ein. Gott lässt ihn nicht sterben. Er schickt ihm im Traum einen Engel, der ihm etwas zum Essen und zum Trinken dalässt. Elija isst und trinkt zwei Mal von der göttlichen Wegzehrung und steht auf und läuft weiter, zum Berg Horeb. Sein Lebensmut ist wieder da. Und dann begegnet er Gott. Ganz anders als gedacht, kommt Gott als ein sanftes, feines Flüstern zu ihm.

Und am Ende bewahrt Er ihn vor seinen Verfolgern.

Pfarrerin Sophie-Lotte Immanuel, Evangelische Albert-Schweitzer-Kirchengemeinde Ober-Mörlen

Gott, ich bitte dich: komm in mein Leben. Nein, ich brauche kein Erdbeben und keinen Feuersturm, ich brauche dein feines, sanftes Flüstern. Heilsam, wie eine Mutter ihr Kind auf dem Schoß hält und es tröstet. Manchmal ist meine Kraft aufgebraucht, und meine Erschöpfung groß. Dann schick mir einen Engel mit Wegzehrung. Ich hoffe auf dich, mein Gott. Amen

am 3.2.2021 von Meike Naumann

Lass dir an meiner Gnade genügen,
denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig (2. Korinther 12,9)

Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. – so schreibt Paulus an die Menschen in Korinth. Ich lese diese Worte und spüre spontan den Impuls zu sagen: Ach Paulus, das ist sicher gut gemeint, aber kannst du das auch einfacher sagen? Und ich stelle mir vor, dass Paulus mir dann antwortet:

Aber gern. Lass mich kurz überlegen… Damit du den Satz besser einordnen kannst:
Jesus hat das einmal zu mir gesagt, als ich wirklich richtig Angst hatte. Ich wusste nicht mehr ein noch aus und hatte schon dreimal zu Jesus gebetet, er möge doch für mich sorgen. Da hat er mir diesen Satz gesagt und heute würde er das wohl ungefähr so sagen: “Lieber Paulus, bleib ganz ruhig. Ich kümmere mich um dich! Du stehst unter meinem Schutz, also in meiner Gnade. Und das ist schon genug. Mehr braucht es nicht. Denn das gibt dir Kraft. Und so ist meine Kraft in dir stark. Wenn du dich auf mich verlässt, dann bist du stark.“ 

Das hat mir sehr geholfen. Denn mir ist klar geworden, dass ich es aus meiner eigenen kleinen Kraft gar nicht schaffen kann. Dass ich natürlich immer Angst haben werde, wenn ich merke, dass ich mit etwas nicht klarkomme. Aber wenn ich mich auf Jesus verlasse und auf die Kraft, die er mir schenkt, dann kann ich es schaffen. Dann bin ich nämlich nicht allein. Jesus macht mich so stark, wie ich es alleine gar nicht sein kann. Und genau das möchte ich dir, möchte ich allen Menschen sagen: Egal was passiert, vertraut auf Jesu Kraft in euch!

Pfarrerin Meike Naumann, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

′Ein Jahr - und nun?′ am 27.1.2021 von Siegfried Nickel

Ein Jahr – und nun?

Ein Jahr ist es nun her, dass das Corona-Virus erstmals in Deutschland festgestellt wurde. Ein Mitarbeiter von Webasto hatte sich bei einer Kollegin, die aus China zu einer Schulung zum Firmensitz nach Starnberg gereist war, angesteckt. Firmenleitung und Gesundheitsbehörden reagierten konsequent und so kam es nur zu wenigen weiteren Infizierten, die aber rasch isoliert werden konnten.

Wir waren beruhigt und staunten derweil weiterhin über das Geschehen und die Maßnahmen in Wuhan bis hin zur kompletten Abriegelung der Stadt.

Und dann geschah das, was keiner geglaubt hatte: Ende Februar verbreitete sich das Corona-Virus rasant in Europa und innerhalb kürzester Zeit erlebten auch wir erstmals einen Lockdown. Bald schon liefen wir dann auch mit Masken vor dem Gesicht herum, die zumindest ich in den Jahren zuvor eher irritiert und leicht spöttisch bei asiatischen Touristen in Deutschland und auf Bildern aus Fernost wahrgenommen hatte.

Was sich wohl keiner von uns hatte vorstellen können:
Ein kleines Virus hat unser Leben völlig durcheinandergewirbelt und hat es bis jetzt fest im Griff. Vieles, was bisher völlig selbstverständlich für uns war geht seitdem nicht mehr: sich frei bewegen, anderen Menschen ohne Sorge begegnen, Reisen und, und, und…

Ein Ende der Pandemie ist nicht abzusehen und so stellt sich auch noch einmal mit höherer Intensität die Frage: „Lasse ich mich impfen oder nicht?“ – Und natürlich auch: „Wird es irgendwann wieder Normalität geben bzw. das, was wir vor einem Jahr noch als Normalität bezeichnet haben?“

Immer mehr wächst bei uns inzwischen die Sehnsucht nach Unbefangenheit, Nähe, Tapetenwechsel. Viele fragen: „Wer wird uns Gutes sehen lassen?“

Ist es der Gesundheitsminister, der genügend Impfstoff organisieren kann? Sind es Kanzlerin und Ministerpräsidenten/innen, die endlich eine langfristige wirkungsvolle Strategie entwerfen? Oder Forscher, die ein wirksames Medikament entwickeln?

„Wer wird uns Gutes sehen lassen?“ Auf einmal ist uns diese alte Frage aus dem 4. Psalm ganz nahe, viel näher und drängender als es uns lieb ist. Wer stillt unsere Sehnsucht?

Der Schreiber und Beter des Psalms bietet leider keine einfache Antwort, die wir doch so gerne hätten. Stattdessen verweist er uns auf das Bitten.

Seine Antwort auf die Frage seiner Zeitgenossen ist die Bitte: „Herr, lass leuchten über uns das Licht deines Antlitzes!“ Damit versucht er, den Blick von der unmittelbaren und sichtbaren Not auf den unsichtbaren Helfer zu lenken. Er selbst hat schon die Erfahrung von Gottes Hilfe gemacht. „Der du mich tröstest in Angst“ (Vers 2). Daher kommen seine Zuversicht und sein Vertrauen, dass Gott uns Menschen in der Not zur Seite steht. Vielleicht haben Sie ja auch bereits diese Erfahrung gemacht, dass Gott hilft. Mich erinnert er mit seinen Worten daran und reist mich damit aus dem Sumpf der depressiven Gedanken, die mich manchmal gefangen nehmen wollen.

Sie greifen auch vertraute Worte auf, denn sie erinnern an den zweiten Wunsch aus dem aaronitischen Segen, der uns am Ende eines jeden Gottesdienstes zugesprochen wird. „Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.“ Wo Gott sein Angesicht über einem Menschen leuchten lässt, fühlt dieser sich geborgen, denn Gottes Leuchten ist stärker als jede Dunkelheit.

„Herr, lass leuchten über uns das Licht deines Antlitzes!“ Eine gute Bitte, die allein schon dadurch, dass ich sie bewusst ausspreche, Hoffnung und Zuversicht in mir keimen lässt.
Amen.

Gebet:
Viele Sorgen und Ängste treiben mich um angesichts der Corona-Pandemie und ihrer Folgen. Du bist der Gott, der mir in Liebe zugewandt ist. Deshalb bitte ich Dich für mich und uns alle: „Herr, lass leuchten über uns das Licht deines Antlitzes!“
Amen.

Pfarrer Siegfried Nickel, Evangelische Kirchengemeinde Steinfurth-Wisselsheim
06032/81667     
s.nickel@ev-kirche-sw.de

′Gräberlaufzeiten′ am 20.1.2021 von Rainer Böhm

Gräberlaufzeiten

Ich habe das lange nicht verstanden: Grabstätten werden in Deutschland nicht gekauft, sie werden gepachtet. Deshalb verfallen sie nach Ablauf der Pachtzeit. Eigentlich ist das ja vielleicht auch gut so: denn ich hätte mich jetzt nicht nur um das Grab meiner Eltern zu kümmern (in Wahrheit macht das meine Schwester), sondern auch um die Gräber der Großeltern und der Urgroßeltern – von Lorsbach bis Teplitz und Asiago.

Wenn man es also nüchtern betrachtet, ist es gut so, dass es Gräberlaufzeiten gibt. Und auch, dass wir nicht ewig leben. In dem einen Fall würden die Friedhöfe riesig – im anderen Fall der Raum für die Lebenden immer kleiner. Dennoch erschrecke ich darüber, dass anscheinend nichts bleibt: Die Wohnung wird jetzt entrümpelt, das Haus wird verkauft und irgendwann wird auch das Grab aufgelöst (dann ist meine Schwester, die in der Nähe lebt, 80 oder 85 Jahre alt).

Ich glaube daran, dass keine Geste der Liebe, kein freundliches Wort verloren geht, auch nicht unter den widrigsten Bedingungen. Nichts davon ist vergeblich, bei uns nicht und schon gar nicht bei Gott. Unser Leben ist endlich, unsere Zeit begrenzt. Wir können und müssen gar nicht alles schaffen, abarbeiten, vollenden. Denn unser Leben, unsere Zeit liegt in Gottes Händen. Er bewahrt, was hier aufgelöst wird, verloren geht, vorbei ist. Bei ihm ist alles aufgehoben. Er vollendet, was hier unvollendet bleibt, er schafft Gerechtigkeit, die hier Menschen anderen Menschen versagt und genommen haben.

„Er weiß, was für ein Gebilde wir sind; er gedenkt daran, dass wir Staub sind. Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde; wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennet sie nicht mehr. Die Gnade aber des HERRN währt von Ewigkeit zu Ewigkeit“ (Psalm 103, 14 – 17a).

Pfarrer Rainer Böhm, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

′Hoffnung′ am 13.1.2021 von Susanne Pieper

Hoffnung

Im letzten Dezember hat der Gärtner in unserem Pfarrgarten drei „Rosen der Hoffnung“ gepflanzt. Ihre Blüten tragen eine wunderschöne, strahlendgelbe Farbe, und dazu gibt diese Rose einen leichten und lieblichen Duft ab. Schon jetzt freue ich mich auf die Zeit, wenn unsere Rosen blühen werden.

Es ist nicht zufällig, dass wir uns gerade sie ausgesucht haben. HOFFNUNG – das ist ein Wort, das oft in dieser Zeit zu hören ist. Hoffnung auf den Impfstoff. Hoffnung, dass wir bald einen Termin bekommen. Hoffnung, dass es in diesem Quartal oder im kommenden Halbjahr oder jedenfalls im Laufe dieses Jahres endlich wieder aufwärts geht, wir neu durchstarten können, in den Kitas, in den Schulen, bei der Arbeit, in der Wirtschaft. Hoffnung, dass wir von der Infektion verschont bleiben oder wenn sie uns trifft, wir einigermaßen davonkommen.

Ohne Hoffnung können wir nicht leben. Hoffnung ist eine tiefe innere Kraft. Wir brauchen sie wie Essen und Trinken, wie die Luft zum Atmen. Es kann sein, dass unser Hoffnungstank manchmal zur Neige geht. Es kann sein, dass uns manchmal die Hoffnung ausgeht. Dann ist es gut, wenn wir uns daran erinnern, dass die Hoffnung ein Geschenk ist. Ein Geschenk, das Gott für uns bereithält.

Wenn in uns keine Hoffnung ist, dann können wir Gott bitten, sie uns neu in unsere Herzen und Hände zu legen, uns von neuem mit ihr zu erfüllen.

Hoffnung ist gemäß der Bibel ein Charisma, eine Gabe des Heiligen Geistes. Neben der Liebe und neben dem Glauben gehört sie zu den größten Geschenken. Sie werden bis zuletzt da sein: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei“, schreibt Paulus im Hohenlied der Liebe, im 1. Korintherbrief 13,13.

Die Hoffnung reicht sogar weit über die Grenze unseres Lebens hinaus. Wir dürfen auf ein neues Leben in Gottes Reich hoffen, in seiner liebevollen Gegenwart, in seinem Frieden. Da wartet noch ganz viel auf uns. Wunderschönes.

Und Paulus beschreibt Gott selbst als einen „Gott der Hoffnung“. Er lässt uns aufblicken. Er stärkt uns. Er richtet uns immer wieder auf, selbst dort, wo wir meinten, keine Aussicht mehr zu haben.

Der tiefgründige Segen, den Paulus damals seiner Gemeinde in Rom zugesprochen hat, der gilt auch uns an diesem Tag:

„Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.“ (Römer 15,13)

Pfarrerin Susanne Pieper, pieper@ev-kirche-bn.de 06032/ 340 771

′An der Schwelle′ am 6.1.2021 von Anne Wirth

An der Schwelle
 
Eine Geschichte von Greta-Marie
 
Greta-Marie wachte am Silvestertag etwa gegen 15.00 Uhr vom Mittagsschlaf auf und meldete sich mit Gekakel und etwas Geweine aus dem Nebenzimmer. Um 12.30 Uhr hatte ich sie ins Bett gelegt.
Greta-Marie war 1½ Jahre alt und unser Enkelkind. Als ich sie zum Mittagsschlaf legte, hatten nur ich und meine Frau am Tisch gesessen. Inzwischen aber waren alle angekommen, die mit uns Silvester feiern wollten, unser Sohn, der Vater des Kindes, meine Tochter, die Tante des Kindes und die Mutter meiner Frau, also die Urgroßmutter von Greta-Marie, die mit uns im Haus wohnte.

Am gleichen Tisch, an dem zu Mittag nur meine Frau, ich und unser Enkelkind gegessen hatten, saßen jetzt alle, die gekommen waren, tranken Tee, aßen Stollen und redeten viel und laut. Als Greta-Marie sich nun gemeldet hatte, ging unser Sohn zu seiner Tochter, zog sie an, stellte sie auf ihre eigenen Beine und sagte, wie er es immer tut: „Komm zu uns, ich gehe schon vor.“ Er kam durch die Tür vom Kinderzimmer zum Esszimmer und setzte sich wieder an den Tisch.

Greta-Marie lief ihm hinterher. Wir sahen sie kommen. Alle schauten zu ihr hin und Greta-Marie blieb mit einem Mal stehen – und zwar genau vor der Schwelle der Tür. Schweigend stand sie da und schaute mit unbewegtem Gesicht. Aber die Augen gingen hin und her, von einem zum anderen.
„Was sind das für Leute? Kenne ich die? Habe ich mit denen Erfahrungen? Sind das gute Erfahrungen gewesen? Werden die mich ernst nehmen? Soll ich über die Schwelle gehen? Oder bleibe ich lieber in diesem Zimmer stehen? Was ist, wenn ich stolpere? Fängt mich einer von denen auf?“
Solche Gedanken habe ich in ihr Schauen und Zögern hineingedacht.

Sie stand da, schaute, prüfte und schwieg. Dann, mit einem Mal, nachdem sie die Lage vollkommen untersucht hatte, wagte sie einen kleinen zögernden Schritt auf die Schwelle. Wieder ein kurzes Verharren. Wieder der prüfende, jetzt auch suchende Blick. Dann sah sie ihren Vater. Jetzt kam Bewegung in sie. Der nächste Schritt über die Schwelle kam entschlossener. Sie war durch. Im neuen Zimmer. Lächelte. Und rannte jetzt zu ihrem Kinderstuhl, neben dem ihr Vater saß. Der hob sie hoch und setzte sie hinein. Sie lachte. Jetzt gehörte sie dazu. Geborgen.
 
„Wir haben jetzt die Schwelle zum neuen Jahr überschritten“, sagte einige Stunden später eine Stimme im Radio, als der letzte Uhrenschlag des Jahres verklungen war. Schwelle zum neuen Jahr: Symbol für den Wechsel von einem Zeitenraum in den nächsten.

An der Schwelle kommen Fragen nach Orientierung, kommt aber auch Sehnsucht nach Geborgenheit, nach Ermutigung, Fröhlichkeit, Zärtlichkeit und nach Wärme.

Es kommt auch die Frage nach dem richtigen Maßstab für mein Handeln.  „Seid barmherzig wie auch euer Vater barmherzig ist“, so beantwortet die Jahreslosung die Frage danach, was eine der Grundhaltungen unseres Handelns sein sollte.

An der Schwelle und beim Übergang gibt es aber auch Angst.

Unsere Jahre sind nicht irgendwelche Zahlen. Wir zählen „2021 nach Christus“. Soll sagen: Meine Lebenszeit ist in Beziehung gesetzt – von Christus her, auf Christus hin. Er ist die Mitte der Zeit, das Ziel meiner Suche, die Antwort auf die Frage, die mein Leben ist. Ihn zu entdecken gibt meinem Schritt neue Festigkeit. Denn in den Geschichten über seine Worte und Taten entdeckt sich mir Gott.

Ein Bibelwort drückt es aus: „Und muss ich auch durchs finstere Tal - ich fürchte kein Unheil. Du, Herr, bist ja bei mir.“ Das gibt Ermutigung, die Schwelle der Zeit gelassen zu überschreiten, voller Vertrauen, dass Gott da sein wird, wohin ich gehe, so wie er da ist, wo ich bin, und da war, woher ich komme.

Greta-Maries Verhalten, ihr Verharren, ihr Suchen, ihr Finden, ihr Weitergehen und schließlich ihr Lachen haben mir davon viel erzählt.

Pfarrerin Anne Wirth, Evangelische Kirchengemeinde Schwalheim-Rödgen

′Ein anderer Advent′ am 16.12.2020 von Rainer Böhm

Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer (Sach 9 9).

Für dieses Jahr hatte ich es mir fest vorgenommen: zum Hanauer Adventsmarkt zu fahren. Ich finde den Marktplatz schön dort und habe die Stadt lange unterschätzt. Ihr wurde im Krieg übel mitgespielt. Nicht dass Sie denken, ich sei Adventsmarktspezialist. Aber so ein wenig schlendern, Kartoffelpfannkuchen mit Abbelbrei – da kommt bei mir Adventsstimmung auf.

Nun wird es nichts. Und wir leiden alle darunter. Wir sorgen uns um uns und um andere, um das, was nicht getan werden darf und was uns immer lieb war, müssen wirtschaftliche Einbußen in Kauf nehmen und uns damit trösten, dass es gute Aussichten auf Impfstoffe gibt.  Trotzdem freue ich mich auf den 1. Advent: Es ist wie ein Perspektivenwechsel. Gerade erst haben wir Kerzen für unsere Verstorbenen angezündet.  Jetzt die erste auf dem Adventskranz. „Siehe, dein König kommt“, heißt es zum 1. Advent. Die ganze Adventszeit ist so ein Siehe! Die Lichter. Die Zweige. Mache das Radio aus, halte inne, besinne Dich. Etwas ändert sich. Gott kommt, „ein Gerechter und Helfer“. Schau hin.

„Siehe“: Ganz früher war der Advent eine Fastenzeit, die nach dem Martinsfest begann. Ich möchte nichts schönreden, und mir ist bewusst, wie viele Menschen in Wirtschaft, Geschäftswelt und Kulturbereich um ihre Existenz bangen müssen. Aber immerhin sehen wir im Verzicht, was uns wirklich wichtig ist. Es ist weniger als das, was uns zur Verfügung stand und uns überschwemmte. Siehe, das wird nun ein anderer Advent.

„Siehe“: Das ewige ‚immer mehr‘ tut niemandem gut. Die niemals leere To-do-Liste ist nie abzuarbeiten und hat anscheinend immer Vorrang. Sogar am Wochenende soll noch Dringliches erledigt werden. Das eigentlich Wichtige – gemeinsam verbrachte Zeit und Muße – wurde aufgrund von dringlichen Anforderungen vertagt und schließlich ‚vergessen‘. Das tut uns und unseren Beziehungen nicht gut.  Aber zweckfreie Zeit, ohne den Druck, noch dieses und jenes erledigen zu müssen: Vielleicht können wir das in diesem ganz anderen Advent erfahren.

Pfarrer Rainer Böhm, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

′Resilienz′ am 9.12.2020 von Susanne Pieper

So heißt die geheimnisvolle Kraft, die Menschen mitgegeben ist, oft schon von klein auf. Es bedeutet die psychische Widerstandskraft, die hilft, nicht aufzugeben, trotz äußerer Schwierigkeiten.  Eine Lebenseinstellung, mit der Menschen ihren Blick zuversichtlich nach vorne lenken, auch wenn ihre Lebensumstände sehr hart oder bitter sind. Ich bin davon überzeugt, dass wir in der jetzigen Situation ganz viel von dieser inneren Kraft zum Widerstehen benötigen.

„Mitten im Winter habe ich erfahren, dass es in mir einen unbesiegbaren Sommer gibt.“ In diese wunderbaren Worte hat Albert Camus einmal diese geheimnisvolle Energie der Resilienz gekleidet.

Kann man das lernen, resilienter, widerstandsfähiger zu werden? In ihrem Buch „Resilienz – was uns stark macht gegen Stress, Depression und Burn – out“ nennt die Wissenschaftsjournalistin Christina Berndt zehn Wege, die zu mehr seelischer Widerstandskraft verhelfen können. Einige davon finde ich gerade ganz besonders wichtig:

  • In sozialen Kontakten sein: gute Beziehungen zur engeren Familie, zu Freundinnen und Freunden helfen, Unterstützung zu bekommen und Unterstützung zu geben.
  • Krisen nicht als unlösbare Probleme sehen. Manchmal können wir nichts daran ändern, dass sehr unangenehme Dinge geschehen; manches geschieht einfach und wir müssen damit zurechtkommen. Aber wir können entscheiden, wie wir sie interpretieren und darauf reagieren. In uns kann ein Bild entstehen, wie es uns in Zukunft besser gehen wird. Eine Krise ist eine Herausforderung.  Sie sucht nach unserer Antwort und wir können eine Antwort auf sie geben. Wir können an schwierigen Situationen wachsen.  Im Rückblick werden wir sehen können, dass wir stärker geworden sind. Und wir werden das Leben viel mehr wertschätzen.
  • Die Zukunft im Auge behalten: Christina Berndt betont, wie wichtig es ist, auch in schwieriger Zeit eine Langzeitperspektive zu bewahren und das Beste zu erwarten anstatt das Schlimmste. Uns vorzustellen, was wir möchten, anstatt darüber nachzudenken, wovor wir Angst haben, das stärkt uns.
  • Werden Sie spirituell! Auch dazu macht sie Mut. Unsere seelische Widerstandskraft wird ganz entscheidend dadurch gekräftigt, dass wir das Vertrauen auf eine göttliche Energie richten. Das belegen nicht nur zahlreiche Studien. Davon berichten auch Generationen von Menschen.
    Die Bibel ist von der ersten bis zur letzten Seite ein überreiches Zeugnis der Resilienz. Zwei Beispiele sprechen dabei schon für sich.
    Das trotzige, gegen alle Zweifel gesagte „Dennoch bleibe ich stets an Dir. Denn Du hältst mich bei meiner rechten Hand“ aus Psalm, 73,23. Und das kühne, mutige und widerständige Bekenntnis aus Psalm 23,1: „Gott ist mein Licht und mein Heil. Vor wem sollte ich mich fürchten?“

Lichtquellen der Widerstandskraft leuchten in unsere Zeit hinein. Sie meditieren, sie nachsprechen und sie im eigenen Herzen tragen – das kann uns helfen.

Pfarrerin Susanne Pieper, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim
pieper@ev-kirche-bn.de, Tel: 06032/340771

′Erstaunliche Pflanzen′ am 2.12.2020 von Anne Wirth

Erstaunliche Pflanzen

In diesen Tagen gibt es in den Blumenläden wieder Christrosen zu kaufen. Ich bewundere diese kleine unscheinbare Pflanze, die es schafft, mitten im Winter Blüten zu treiben. Erstaunlich, wie sie sich gegen das Dunkel und die Kälte durchsetzt und Blätter, Stängel und Blüten treibt.

Sie ist für mich ein Zeichen der Hoffnung. Der Winter wird irgendwann wieder ein Ende haben. Schnee und Eis werden sich zurückziehen. Die Sonne, die wochenlang verhangen war, wird wieder durchkommen und Leben in unsere Gesichter zeichnen, und irgendwann werden wir wieder ohne Einschränkungen beisammen sein können.

In der Kälte unserer Welt brauchen wir Zeichen der Hoffnung. Täglich erfahren wir, wie Menschen sich gegenseitig bekämpfen. Wie Kinder unter Kriegen leiden. Wie das Virus unseren Alltag bestimmt. Täglich sind wir selbst der Kälte unserer Welt ausgesetzt, wenn wir am Arbeitsplatz und in der Schule ausgegrenzt werden, wenn nur die Leistung zählt, wenn Menschen sich von uns abwenden, wenn kein Raum für Liebe bleibt.

Manchmal wünsche ich mir, dass gegen die Kälte unserer Welt ein Kraut gewachsen wäre. Eine Pflanze, die uns zeigt, dass diese Kälte nicht ewig anhält. Eine Pflanze, die uns auf den Weg zum Frieden und zur Freiheit führt.

Vielleicht ist sie aber auch schon längst gewachsen? Das Lied „Es ist ein Ros entsprungen“ erzählt davon: „Das Blümelein so kleine, das duftet uns so süß; mit seinem hellen Scheine vertreibt‘s die Finsternis. Wahr‘ Mensch und wahrer Gott, hilft uns aus allem Leide, rettet von Sünd’ und Tod.“

Ich wünsche Ihnen eine hoffnungsvolle Adventszeit. Amen

Pfarrerin Anne Wirth, Evangelische Kirchengemeinde Schwalheim-Rödgen

′Lilien auf dem Feld′ am 25.11.2020 von Ingmar Bartsch

Jesus und die Sitzungen

Gefühlt bin ich ständig in Sitzungen. Da werden natürlich wichtige Dinge besprochen und Gemeindearbeit ist ohne Sitzungen kaum denkbar. Trotzdem ist es manchmal frustrierend. Neulich haben wir in so einer Runde wieder gegrübelt und beraten, Konsens gesucht und uns abgestimmt. Da ist mein Gehirn einen Moment lang in den Leerlauf gegangen. Und plötzlich habe ich mich gefragt: Hat Jesus das auch gemacht? Würde Jesus zu Sitzungen gehen?

In der Bibel sind sogar ein paar „Sitzungen“ von Jesus überliefert. Zumindest wurden Interessenskonflikte ausgehandelt. Den Rangstreit der Jünger hat Jesus kommentiert. Im Markusevangelium im neunten Kapitel beruft er unterwegs eine Besprechung ein, um zu klären, was die Leute über ihn denken. Es gab eine ausführliche Sitzung, wer den 5000 hungrigen Menschen etwas zu Essen geben soll – inklusive Budgetberatungen.

Aber hat Jesus nicht auch gesagt, dass wir es uns viel leichter machen sollen? „Seht die Vögel an. Sie säen nicht, sie ernten nicht. Und sie sind doch versorgt. Seht die Lilien auf dem Feld. Die arbeiten auch nicht. Aber sie sehen viel cooler aus, als Salomo.“ So sagt Jesus es sinngemäß im Matthäusevangelium im neunten Kapitel.

Ich male mir aus, wie ich einfach in der Hängematte liege. Mit einem guten Buch. Nicht säen, nicht arbeiten, keine Sitzungen. Wundervoll. Aber kann man einfach „nichts“ tun? Die Vögel tun ja etwas: Sie fliegen und picken. Und die Blumen betreiben Photosynthese.

Jesus scheint uns also weder vom Arbeiten noch von Sitzungen abzuraten. Aber vielleicht sollte man dabei nicht zu verbissen sein. Als wollte Jesus uns sagen: „Chill mal, auch wenn Du ganz wichtige Dinge tust.“ Vielleicht geht man mit dieser Einstellung auch entspannter in lange Sitzungen.

Vikar Ingmar Bartsch, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

Mail: bartsch@ev-kirche-bn.de
Tel: 06033 79 60 527

′Der Rechenschieber′ am 18.11.2020 von Rainer Böhm

Der Rechenschieber

Im Schreibtisch meines verstorbenen Vaters liegt noch sein Rechenschieber. Er hat ihn seit seinem Chemiestudium benutzt. Für mich blieb er immer ein Rätsel. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er den Rechenschieber hochhält, wie einen Zauberstab, die Zahlen prüft – und ich bewundere ihn.

Er nahm mich mit in die Frankfurter Unibibliothek, wenn er dort recherchierte. Mit in Kinofilme der frühen 60er Jahre, „Die glorreichen Sieben“, als ob es damals keine Altersbeschränkung gegeben hätte. Mit auf einen Klettersteig durch den Wilden Kaiser, der in Teilstücken fußbreit in den Felsen gehauen worden war. Meine Großeltern schüttelten darüber nur den Kopf. Wie kannst du nur. Ich war stolz.

Bei unserer letzten Begegnung gab er mir einen Talisman mit auf den Weg, einen Antonius. Er hatte ihn von seinem Vater, der ihn mitgenommen hatte auf die Vertreibung. Eine Operation stand mir bevor, aber kurz nach meiner OP ist er gestorben. Wir haben uns danach weder gesehen noch gesprochen. Ich konnte nicht einmal zu seiner Trauerfeier fahren.

Ich denke jetzt oft an ihn, in diesem Trauermonat November. Nicht verherrlichend, als Zauberer mit dem Rechenschieber. Und doch hat er, als ich Kind war, und sogar noch in unserer letzten Begegnung es geschafft, meinen Mut, mein Vertrauen, meine Hoffnung zu stärken. Kein Übermensch, sondern ein Mensch mit Ecken und Kanten, mit seinen eigenen Beschädigungen, wie bei allen anderen auch. Ich denke an seine Lebenslust, seinen Lebenshunger, seinen Humor und seine wissenschaftliche Neugier, seine Unternehmungslust.

Unsere Verstorbenen sind Menschen gewesen. Als Menschen bleiben sie uns nahe in unseren Erinnerungen. Wir brauchen sie nicht größer oder kleiner zu machen. Ideal, wie wir uns Eltern wünschen und wie wir selbst als Eltern es kaum sind – das ist alleine Gott. Bei ihm sind unsere Verstorbenen. Und wo wir ihm nahe sind, da sind wir es auch ihnen.

Pfarrer Rainer Böhm, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

am 11.11.2020 von Meike Naumann

Wir alle kennen die Geschichte von Sankt Martin, der mitten im kalten Winter seinen warmen Mantel mit einem Bettler teilt. Hilfsbereit und voll Nächstenliebe hat Martin bis zu seinem Tod gelebt. Sein Licht leuchtet bis heute hell. Dafür zünden wir die Laternen an. Martin konnte etwas, was uns Menschen bis heute schwerfällt: er konnte teilen. Er hat offene Augen und offene Ohren für seine Mitmenschen gehabt. Und vor allem hatte er ein offenes Herz.

Teilen, das fällt nicht nur Kindern oft schwer. Jesus hat einmal gesagt: „Wer einem anderen Menschen etwas zum Anziehen gibt, der gibt mir etwas. Und wer einem Hungrigen etwas zu essen gibt, der hat mir etwas gegeben.“ In der Legende ist Jesus dem Martin im Traum erschienen. Jesus hatte den halben Mantel umgelegt und hat zu den Engeln gesagt: „Martin hat mich mit diesem Mantel bekleidet.“ Jesus begegnet uns, wenn wir mit anderen Menschen teilen, was wir haben.

Wir selbst wissen auch, wie das ist, wenn wir die Hand ausstrecken, so wie der Bettler in der Legende: dann tut es gut, wenn unsere Hand gefüllt wird. Manchmal sind wir allein und bitten jemanden, bei uns zu sein. Manchmal sind wir traurig und bitten jemanden uns zu trösten. Dann ist es gut, wenn jemand da ist, der bei uns bleibt und uns die Hand oder das Herz füllt. Das tut gut! Wenn wir uns daran erinnern, dann ist es auch einfacher, selber jemanden etwas zu geben oder zu teilen, was wir haben. Wir leben dadurch, dass wir etwas von anderen empfangen, und auch dadurch, dass wir etwas mit anderen teilen. Geben und Nehmen wechselt sich ab. Und nur wer weiß, wie gut es tut, etwas zu bekommen, der gibt auch gern.

Sankt Martin, Sankt Martin,
Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind,
sein Ross, das trug ihn fort geschwind.
Sankt Martin ritt mit leichtem Mut,
sein Mantel deckt ihn warm und gut.

Sankt Martin, Sankt Martin,
Sankt Martin zog die Zügel an,
sein Ross stand still beim armen Mann.
Sankt Martin mit dem Schwerte teilt
Den warmen Mantel unverweilt.

Pfarrerin Meike Naumann, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

′Hand in Hand′ am 4.11.2020 von Meike Naumann

Hand in Hand (Jesaja 49,15-16)

Sicher kennen Sie das auch: wie schön es ist, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen, Situationen selbst zu gestalten. Im Beruf wie in der Freizeit, in der Familie. Manchmal möchten wir die Zeit anhalten oder zurückdrehen, wir wünschen uns ein anderes Schicksal und wehren uns innerlich und äußerlich gegen das, was uns widerfährt.

Mit unseren Händen gestalten wir die Welt und an unseren Händen lässt sich ein Teil unserer Lebensgeschichte ablesen. Es ist ein Abwechseln von Tun und Lassen. Es gibt aber auch Situationen, wo wir etwas aus der Hand legen müssen, loslassen müssen, verzichten müssen. So wie es durch die Corona Pandemie in diesen Tagen wieder von uns gefordert wird.

Wir spüren wie uns diese Situation zu schaffen macht, wie Unsicherheit und Angst sich breitmacht. Manche verfallen in Resignation, andere lehnen sich mit aller Kraft dagegen auf. Immer wieder erlebt die Menschheit solche Krisenzeiten, erleben wir, dass unser Einfluss zu klein ist, die Kraft unserer Hände nicht ausreicht. Da ist es gut sich daran zu erinnern, dass da einer ist, dessen Macht größer ist und der uns in seiner Hand hält. Die Bibel spricht an vielen Stellen von Gottes Händen. Eine davon steht beim Propheten Jesaja 41,10:

So spricht Gott: Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit.  

Gottes Hand hält und stützt uns. Ich sehe das Bild eines Erwachsenen vor mir, der ein Kind an der Hand hält, das auf einem Baumstamm balanciert. Gott stärkt uns. An Gottes Hand sind wir stärker als ohne ihn. An Gottes Hand schaffen wir mehr als gedacht, trauen wir uns auch schwierige Passagen zu. Wir fühlen uns gehalten und geborgen. Und wir dürfen darauf vertrauen, dass Gottes Hand uns nicht loslassen wird.

Pfarrerin Meike Naumann, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

′Du bist mein!′ am 28.10.2020 von Ingmar Bartsch

Du bist mein!

Manchmal sage ich, dass etwas „mein“ ist, aber es gehört mir gar nicht. Meine Frau. Meine Freunde. Meine Gemeinde. Mein Verein. Das alles ist mir besonders wertvoll und kostbar. Ich identifiziere mich damit. In diese Kategorie fallen übrigens vor allem Menschen. Es gibt Dinge, die gehören mir ganz. Mein Fahrrad. Mein Computer. Mein Schreibtisch. Meine Idee. Mein selbst gebautes Regal oder mein selbst genähtes Kleid habe ich sogar hergestellt, quasi geschaffen.

Mein Opa – man beachte das Possessivpronomen! – hat mir im Leben viel beigebracht.
Eine seiner Weisheiten war: Behandle Dinge, die Dir nicht gehören, mindestens so gut, als wären sie Dein. Wie behandle ich also die Menschen, die mir nahe stehen? Spüren sie, dass sie mir besonders wertvoll sind? Behandle ich sie so, als wären sie mein Besitz oder gebe ich ihnen Freiheit zur Entfaltung?

In der Bibel finden wir im Jesajabuch 43,1 eine Aussage aus dem Munde Gottes, die sich zuerst an sein Volk Israel richtet. Sie gilt aber auch für uns persönlich: „Und nun spricht der HERR, der dich geschaffen hat, Jakob, und dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein! “ Auch wenn der Schöpfergott von seinen Geschöpfen mit Fug und Recht behaupten könnte, dass sie ihm gehören, will er hier gerade keinen Besitz markieren. Ich denke, dass dieses „Du bist mein!“ eher in die erste Kategorie gehört, die ich oben beschrieben habe.  Denn es ist eine Zusage Gottes ist, weil wir Menschen ihm wichtig sind. Er sagt damit: „Ich möchte, dass Du Dich entfaltest. Ich begleite Dein Leben mit besonderer Liebe und Fürsorge. Du bist kostbar und wertvoll.“

Vikar Ingmar Bartsch, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

Mail: bartsch@ev-kirche-bn.de
Tel: 06033 79 60 527

′Angst essen Seele auf′ am 21.10.2020 von Siegfried Nickel

„Angst essen Seele auf.“

Dieser Titel eines Films vom Anfang der 70er Jahre kam mir in den Sinn, als in den letzten Wochen die Corona-Zahlen immer mehr zu steigen begannen. Und beschäftigt mich auch weiterhin. Corona greift um sich in unseren Orten. Da kommt Angst auf. Ist es nicht nur eine Frage der Zeit, bis es Menschen in meinem näheren Umfeld erfasst? Wann kommt es in meiner Familie an? Haben wir dann das Glück eines milden Verlaufs oder trifft es uns mit größerer Härte? Was ist mit den Eltern? Werden Oma und Opa das heil überstehen? Diese Fragen drohen mich zu lähmen. „Angst essen Seele auf.“

Der Titel des Films von Rainer-Werner Fassbinder ist zum geflügelten Wort geworden. In dem Film heiratet Ali, ein Gastarbeiter aus Marokko, eine wesentlich ältere deutsche Frau. Doch all die Zumutungen, die er dadurch erfährt, führen bei Ali schließlich zu einem schweren unheilbaren Magengeschwür. Angst macht krank, nicht nur körperlich. Der Film endet mit der Verzweiflung, die diese Diagnose bei seiner Frau hervorruft. „Angst essen Seele auf.“

Enden auch wir in der Verzweiflung? Müssen wir in der lähmenden Angst vor Covid 19 verharren?
Gibt es nichts, was darüber hinausführt?
Was kann schützen, vielleicht nicht vor Covid 19, aber vor der Angst?

Ich glaube, hilfreich sind positive Erfahrungen, die in beängstigenden Situationen gemacht wurden. So wie sie der Beter des 32. Psalms gemacht hat und in Vers 7 in folgende Worte fasst: „Du bist mein Schirm, du wirst mich vor Angst behüten, dass ich errettet gar fröhlich rühmen kann.“ Im Vers 6 beschreibt er seine Ängste mit dem Bild von „großen Wasserfluten“, die ihn bedrohen. Doch diese Fluten können ihm nichts anhaben, denn der HERR ist sein Schirm. Gottes Gegenwart umgibt ihn wie einen Schutzwall. Das hat dieser Mensch in seinem Leben erfahren und auf Grund dieser Erfahrung von Rettung braucht ihm nicht mehr bange zu sein. Nein, er kann Gott sogar fröhlich rühmen.

Wie komme ich, wie kommen wir zu ähnlichen Erfahrungen? Ein erster Schritt könnte vielleicht das Zehn-Finger-Gebet sein, das ich meinen Konfirmanden beibringe. Am Ende des Tages wende ich mich im Gebet an Gott und nehme dabei meine zehn Finger zur Hilfe. Die Finger der einen Hand beziehen sich auf Bitten oder Fürbitten. Die Finger der anderen Hand sind für die Dankbarkeit reserviert. Ersteres, die Bitte, ist für mich in der Regel kein Problem. Das Zweite, der Dank, fällt schon schwerer, vor allem, wenn ich mich nicht mit Allgemeinplätzen begnügen will. Genau darin aber erfahre ich die Zuwendung Gottes in meinem Leben und kann mir hier auch Erfahrungen der Überwindung von Angst bewusstmachen.

Dies sind Erfahrungen, die mir helfen können, die Worte des Psalmbeters zu meinen eigenen zu machen und so Wege aus der Angst zu finden.
„Du bist mein Schirm, du wirst mich vor Angst behüten,
dass ich errettet gar fröhlich rühmen kann.“
Amen.

Gebet:
„Guter Gott, danke, dass Du da bist. Du schirmst mich vor den Fluten der Angst. Lass mich diese Erfahrung immer wieder machen, so dass ich Dich dann fröhlich rühmen kann. Amen.“

Pfarrer Siegfried Nickel, Evangelische Kirchengemeinden Steinfurth und Wisselsheim

′Himbeeren′ am 14.10.2020 von Jakobine Eisenach-Du

Himbeeren brauchen Zeit zum Reifen

Manchmal fühle ich mich wie ein Strauch mit unreifen Himbeeren. Die Potentiale sind da. Sie hängen dort, sichtbar für mich und für andere. So viel, was ich beitragen könnte, für die Familie, im Beruf, für die Gesellschaft. Von allen Seiten spüre ich die Erwartungen – wie ungeduldige Kinderaugen, die nach süßen, saftigen Himbeeren suchen. Die Himbeeren, die sie gestern schon von mir bekommen haben, sind schon fast wieder vergessen. Sie wollen mehr. Aber meine neuen Himbeeren sind noch recht hart und eher orange als rot. Sie würden einen sauren Geschmack auf der Zunge hinterlassen. Ich möchte sie gerne verstecken, denn sie würden nur enttäuschen.

Zum Glück hoffe ich auf einen Gott mit grenzenloser Geduld. Er hält zwar Ausschau nach meinen Früchten, aber er verlangt mir nichts ab, wozu ich noch nicht bereit bin. Er weiß genau, wann die Zeit für etwas reif ist. Geduldig gießt er mich jeden Tag. Selbst wenn meine Himbeere schon eine angemessene Farbe bekommen hat, reisst er sie nicht einfach von mir. Er nimmt sie behutsam zwischen die Finger und erprobt ganz sachte, wie fest sie noch hängt. Vielleicht kann er sie mir schon entlocken, aber er zieht nicht zu fest. Denn er weiß, dass sie am besten schmeckt, wenn sie sich schon wie von selbst löst. Und dann freuen wir uns gemeinsam über die süße Ernte.

Jakobine Eisenach-Du, Vikarin in der Evangelischen Thomasgemeinde Darmstadt

′Binde deinen Karren an einen Stern′ am 7.10.2020 von Susanne Pieper

Binde deinen Karren an einen Stern

Vor etlichen Jahren schlenderte ich einmal mit freier Zeit auf dem Gartenhof zu Löw in Steinfurth herum. Da habe ich diesen Satz hinter einem Glasfenster gelesen. Er stammt von dem Universalgenie Italiens, von Leonardo da Vinci. Diese Worte haben mich nicht mehr losgelassen; immer wieder kommen sie mir einmal in den Sinn, und ich bleibe neugierig, was sie wohl bedeuten mögen.

Früher hat man doch normalerweise einen Karren an einen Esel gebunden, an einen Ochsen oder an ein Pferd. Damit er gezogen werden konnte, manchmal auch aus dem Dreck. Was also meint es, ihn an einen Stern zu binden? Ist das nicht schlichtweg Unsinn!?

Vielleicht hilft es, diesen Ausspruch symbolisch zu verstehen.  Dann steht der Karren für den Bodenkontakt, für die Herausforderungen und Lasten, für das Schwere und Vollgepackte des Lebens, mit dem ich unterwegs bin. Für das, was ich manchmal nur mühselig hinter mir herziehe. Der Stern dagegen steht für die Sehnsucht nach der Weite, nach Leichtigkeit, nach Hoffnung und nach dem Himmel. Wer also seinen Karren an einen Stern bindet, der vertraut auf die Kräfte des Himmels.

Und dann würde das Wort sagen:
„Guck nicht nur auf das, was dein Leben gerade schwer macht, auf das Belastende und das Dunkle. Richte dich auf! Schau weiter! Lass deinen Blick weiten! Suche nach Visionen für dein Leben: Was ist dir wichtig? Was willst du selbst erreichen? Du kannst etwas tun und gestalten. Fasse für dich ein Ziel ins Auge.“

Und: „Lass dir nicht nur von außen Schweres auferlegen, sodass dein Karren sich kaum noch bewegen lässt. Werde aktiv und suche nach dem, was dein Leben leichter machen kann: genug Schlaf, Bewegung, schöne Musik, ein Hobby, Menschen, die dir gut tun.“

Ja, und last but not least: „Wende deinen Lebens-Blick immer wieder zum Horizont und darüber hinaus. Zu dem, der diesen Kosmos geschaffen hat, in dessen Mitte du leben darfst. Richte deine Augen auf den Gott, der den Weitblick hat und den Überblick. Und gib dein Vertrauen nicht auf.“

Pfarrerin Susanne Pieper, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim
pieper@ev-kirche-bn.de; 06032/ 340 771

′Hochmut kommt vor dem Fall′ am 30.9.2020 von Anne Wirth

Hochmut kommt vor dem Fall!

Es gingen zwei Menschen hinauf in den Tempel, um zu beten, der eine ein Pharisäer, der andere ein Zöllner. Der Pharisäer stand für sich und betete so: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner. Ich faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was ich einnehme. Der Zöllner aber stand ferne, wollte auch die Augen nicht aufheben zum Himmel, sondern schlug an seine Brust und sprach: Gott, sei mir Sünder gnädig! Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus, nicht jener. Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden. (Lk 18,9 -14)

Diese biblische Erzählung vom Pharisäer und Zöllner im Tempel macht deutlich, worum es beim Hochmut und der Demut geht: Um den eingeschränkten oder den offenen Blick.

Der Hochmütige sieht bei sich nur seine Vorzüge, seine Talente und Fähigkeiten. Beim anderen fallen ihm nur dessen Schwächen und Fehler auf.

Im Prinzip fehlen ihm Einsicht und Mut, die den Demütigen auszeichnen, nämlich sich ganz zu sehen, mit allen Fehlern und Schwächen, und auch mit der auf sich geladenen Schuld.
Gott ermutigt uns, ehrlich mit uns selbst zu sein. Er befreit uns von dem täglichen Druck, besser sein zu müssen, als wir wirklich sind.

Das Leben vor Gott ist keine Casting-Show, wo es gilt, die eigenen Vorzüge bestmöglich ins Rampenlicht zu stellen. Die manchmal quälende Frage, was andere von mir denken könnten, gehört nicht zu Gottes Fragenkatalog.

Die Geschichte vom Pharisäer und Zöllner erteilt diesem sehr beliebten „Spiel“ unserer Zeit, das mehr quält, als dass es Freude macht, eine klare Absage: dem Vergleichen mit anderen. „Was kann der besser oder wovon hat der andere mehr“, sind Fragen, die keinen Schritt weiterhelfen, sondern nur hemmen.

Wie wohltuend ist da das Wissen darum, dass wir vor Gott schwach sein dürfen und dabei erfahren, dass wir von ihm geliebt werden, trotz unserer Schwächen und Fehler. Amen

Pfarrerin Anne Wirth
Evangelische Kirchengemeinde Schwalheim-Rödgen

′Geschenk′ am 23.9.2020 von Meike Naumann

»Das Leben wie ein Geschenk Gottes auspacken!«

Das ist ein schönes Bild. Kinder lieben es ein Geschenk auszupacken und auch ich packe gern Geschenke aus. Wenn es besonders schön verpackt ist, dann ist die Spannung noch größer, weil die Verpackung nicht kaputtgehen soll. Was ist wohl in dem Geschenk drin? Womit möchte der andere mir eine Freude machen?

»Das Leben wie ein Geschenk Gottes auspacken!«

Ich kann mich entscheiden, welche Haltung ich einnehmen möchte. Es ist ein großer Unterschied, ob ich aus der Dankbarkeit heraus lebe oder alles als selbstverständlich hinnehme.

Was macht da den Unterschied? Dankbarkeit macht mein Herz weit und ohne Dankbarkeit verkümmert meine Seele. „Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“

Wenn ich aus der Dankbarkeit heraus lebe, weiß ich, dass ich alles Gott im Himmel zu verdanken habe. Es ist nicht selbstverständlich, dass ich gesund bin und die Kraft habe, zu arbeiten. Es ist nicht selbstverständlich, dass ich gute Freunde habe, die immer für mich da sind. Es ist nicht selbstverständlich, dass ich mich mit meinen Eltern gut verstehe. Aus der Dankbarkeit leben heißt, das Leben als Geschenk nehmen, es jeden Tag wie ein Geschenk nehmen, es jeden Tag wie ein Geschenk auspacken. Jeden Tag im Glauben als Geschenk feiern, als wäre jeder Tag ein Fest, an dem ich beschenkt werde.

Gewiss, Geschenke können auch eine Herausforderung sein: Der Partner, den mir Gott schenkt und zur Seite stellt, hat seinen eigenen Kopf, den er ebenso durchsetzen will wie ich. Beziehungen gibt es nie ohne Auseinandersetzung, ohne Diskussion. Man muss Kompromisse suchen, um das Zusammenleben zu gestalten. Als meine Kinder noch ganz klein waren, sagten die erfahrenen Mütter: »Genießen Sie die Zeit, solange sie klein sind!« Im Stillen dachte ich: »Wenn die wüssten, wie oft ich heute Nacht wieder aufgestanden bin!« Oder die Leute sagten: »Kleine Kinder – kleine Sorgen! Große Kinder –große Sorgen!« Heute verstehe ich, was sie meinten. Mit dem Alter der Kinder wandeln sich die Probleme. So sehr ich dankbar bin für meine Kinder: Jedes für sich ist eine neue Herausforderung. Und jede Phase fordert auf eine ganz neue Weise. Und trotzdem bin ich immer wieder dankbar. Die Dankbarkeit hilft mir und macht mein Herz weit. Mit einem weiten Herzen lassen sich die Probleme eher lösen als mit einem Herzen, das meint, alles sich selbst zu verdanken. Darum wollen wir jeden Tag wie ein Geschenk aus Gottes Hand nehmen.

Pfarrerin Meike Naumann
Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

′Mutmach-Worte′ am 16.9.2020 von Siegfried Nickel

Mutmach-Worte

Heute Morgen war es mal wieder so weit.
Aufgaben über Aufgaben türmten sich vor mir und ich hatte keine Ahnung, wie ich das alles bewältigen sollte: Redaktionssitzung für unseren Gemeindebrief, Vorbereitung der Diakonie-Sammlung und der Einführung der Konfirmanden sowie des nächsten Konfi-Tages, der Belegungsplan für die Pfarrscheune, Synode, Taufe und Gottesdienste, Religionsunterricht, E-Mails beantworten, Termine klären und, und, und. Der Schlaf hatte schon teilweise gelitten.

Und dann schoss mir heute Morgen dieser Gedanke durch den Kopf: Du hast so viel zu tun, eigentlich gar keine Zeit, aber bevor du irgendetwas anderes machst und du dich in deiner Arbeit verlierst, brauchst du Orientierung und Ausrichtung. Schlag zumindest mal in der Losung nach, was darin steht, wenn das in-Ruhe-in-der-Bibel-Lesen schon wieder ausfällt.

„Du wirst fröhlich sein über den Herrn und wirst dich rühmen des Heiligen Israels“ (Jesaja 41,16), las ich da und auf einmal hatte ich wieder Zuversicht. Klar, diese Worte Jesajas wurden vor 2.500 Jahren an die Juden im Babylonischen Exil gerichtet und sollten ihnen Mut machen, aber in diesem Moment sprachen sie mitten in mein Leben, in meine Situation hinein. „Du wirst fröhlich sein über den Herrn und wirst dich rühmen des Heiligen Israels.“ Diese Worte waren jetzt gerade eine Verheißung für mich: „Ja, du hast total viel zu tun, aber du bist nicht allein. Gott der Herr ist bei dir. Du wirst in deiner Arbeit nicht untergehen. Der Herr steht dir zur Seite.“

Nicht, dass jetzt die Arbeit weniger wäre, aber vielleicht geht sie mir leichter von der Hand als ich dachte, vielleicht erhalte ich unerwartete Hilfe, vielleicht verschiebt sich auch etwas. Mal schauen, was sich ergibt. Auf jeden Fall kann ich am Ende fröhlich sein. Mit Gottes Hilfe schaffe ich das.

Ein Satz, den Martin Luther gesagt haben soll, fiel mir ein: „Wenn ich viel arbeiten muss, muss ich eine Stunde länger beten.“ Wenn ich viel zu tun habe, kommt das bei mir schon mal zu kurz. Vor lauter Arbeit denke ich nicht daran, meine eigene Spiritualität zu pflegen und in der Bibel zu lesen und zu beten. Dabei habe ich, in meinem Leben doch auch immer wieder die Erfahrung gemacht, dass Luther recht hat. Also heißt es beten, Gott die Aufgaben vorlegen und ihm etwas zutrauen.

Wie gut, dass mir heute Morgen dieser Gedanke gekommen ist.
Amen.

„Guter Gott, danke, dass du immer wieder Mut-mach-Worte für mich bereits hältst. Amen“

Siegfried Nickel, Pfarrer in Steinfurth und Wisselsheim
Telefon: 0 60 32 / 81 66 7
E-Mail: s.nickel@ev-kirche-sw.de

′Gewalt′ am 9.9.2020 von Rainer Böhm

Gewalt

Es war wohl ein Jahr nach der großen Rede Martin Luther Kings. Ich war etwa 8 Jahre alt. Da kam ein Junge in unsere Klasse, der Kaltofen hieß, seinen Vornamen habe ich nicht behalten. Der rannte aus der Klasse weg, bespuckte uns, roch schlecht. Und eines Tages begann er, auch noch nachmittags, auf der Wiese vor der Wohnung meiner Großeltern, meine Kreise zu stören. Erst ärgerte er mich am Sandkasten, wo ich spielte, dann nahm er mir meine Spielsachen weg. Irgendwann begann er, auf mich einzuschlagen. Ich weinte und er machte sich lustig über meine Angst und mein Gehampel.

Dann kam meine Oma mit ins Spiel. Wie ein Erzengel stand sie auf dem Balkon ihrer Parterrewohnung, sie schimpfte und rief – aber nicht ewa, um diesen Kaltofen zu vertreiben. „Wenn Du Dich nicht wehrst und dem eine runterhaust, dann sollst Du mal sehen! Dann bekommst Du sie hinterher auch noch von mir!“

Meine Großmutter war für mich immer wie eine gute Mutter. Nur dieses eine Mal war sie hart und streng und unerbittlich. Ich habe Kaltofen aus Angst vor ihr dermaßen vermöbelt, dass er sich nie wieder auf meine Wiese und in die Nähe meines Sandkastens traute. Ich sehe ihn noch, wie er davon humpelte vor 55 Jahren – und ich muss gestehen:  Ich habe ein gutes Gefühl dabei. Aber ich weiß – diese Situation lässt sich nicht verallgemeinern.

Ohne Nachdruck und Gewalt wären die Händler noch im Tempel und die Nazis in Berlin. Und ich sehe daraus: Wir alle sind irgendwie in Gewaltverhältnisse verstrickt. Gewalt hat viele Ausdrucksformen. Es kann der falsche Nachdruck sein, mit dem wir unseren Kindern begegnet sind. Unsere nicht kontrollierten sadistischen Wesenszüge und die Lust, schwächere zu unterdrücken und zu maßregeln. Es ist aber auch die Notwendigkeit, in Schule oder Kindergarten klare Verhältnisse zu schaffen oder den Schwächeren gegen die Stärkeren beizustehen. Und es sind die Lebensverhältnisse in kleinen Wohnungen ohne Grünflächen, ohne ausreichende Versorgung, Bildung, ein eigenes Zimmer. Man nennt es strukturelle Gewalt. Frieden zu stiften – das hat viele Aspekte.

Pfarrer Rainer Böhm Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim
Mail: Boehm@ev-kirche-bn.de
Tel: 06032 – 2908

′Salz′ vom 2.9.2020 von Ingmar Bartsch

Die Würze im Leben

Vor einigen Wochen habe ich mir eine Packung Himalayasalz gekauft. Auf der Rückseite stand unten in winziger Schrift: Mindestens haltbar bis Dezember 2023. So ein Glück, dachte ich mir: Millionen Jahre lag das Salz in der Erde. Und jetzt, kurz bevor es verfällt, wurde es noch schnell abgebaut.

Nun liegt das Salz zu Hause in meinem Salzstreuer. Millionen Jahre alt, abgebaut in den höchsten Bergen der Erde. Eine majestätische Vorstellung. Ich begeistere mich für dieses Detail in meiner Küche. Plötzlich strahlt das Himalayasalz eine meditative Ruhe aus. Mein Salzstreuer wird zu einem Schatzkästchen. Das Salz erinnert mich daran, dass Dinge Zeit brauchen. Dass sie Ruhe brauchen. So wie ich und meine Mitmenschen im stressigen Alltag.

Doch das Salz wird nicht lange im Salzstreuer bleiben. Es wird gebraucht. Für mein Frühstücksei am Sonntag, wenn es goldgelb auf den duftenden Brötchen zerläuft. Es wird gebraucht für die Spaghetti, die wir am Samstag nach der Radtour schnell zubereiten. Für den bunten Salat unter der Woche. Denn ohne Salz schmeckt alles fad.

Auch in Bezug auf das Leben sprechen wir manchmal von der Würze. Gemeint sind die spannenden Phasen, voller Aktivität. Und ein aktives, spannendes Leben, das wünschen wir uns. Das volle Leben eben. Das volle Leben, das kann also etwas mehr Action sein, wenn der Alltag fad ist. Das Salz im Leben. Das volle Leben kann aber auch die Ruhe sein, die mir beim Gedanken an Millionen Jahre altes Salz vor Augen ist. Das volle Leben ist wohl vor allem die gute Mischung aus beidem.

Vikar Ingmar Bartsch, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

Mail: bartsch@ev-kirche-bn.de
Tel: 06033 79 60 527

′Wunderbar geschaffen′ am 26.8.2020 von Susanne Pieper

Die Zahlen steigen wieder.

Das ist eine Nachricht, auf die ich in diesen Tagen allzu gern verzichtet hätte. Und entgegen aller Querdenkerei halte ich fest: Fahrlässig ist, wer diese Nachricht ignoriert. Verantwortungslos ist, wer das verharmlost. Egoistisch ist, wer das nicht wahrhaben will.

Es war schon so schön, die Lockerungen genießen zu können, und ich möchte sie auf keinen Fall aufs Spiel setzen! Allein schon um der wichtigen Begegnungen willen, die von Angesicht zu Angesicht wieder möglich sind.

Maske tragen ist blöd. Und auch etwas anstrengend. Ja. Aber mit den Langzeitfolgen leben zu müssen, ist ungleich blöder und würde die Lebensqualität massiv einschränken.

Ist Ihnen in der letzten Zeit übrigens auch aufgefallen, wie viele wertvolle Informationen wir in diesen Wochen über unseren Körper bekommen, wenn wir die Zeitung lesen oder die Nachrichten sehen? Über seine inneren Zusammenhänge, über unser Immunsystem, über die Lungen, das Herz und das Gehirn, über Geschmacks- und Geruchsnerven?

Das ist wie ein unerwarteter, überraschender Biologieunterricht, gratis und wie nebenbei auf dem Wege angeboten. Unser Körper - das ist eine unglaubliche Kostbarkeit, in der wir zuhause sein dürfen. Wir lernen neu, wie wenig selbstverständlich es ist, dass er Tag für Tag so fantastisch funktioniert. Dass wir atmen können, ohne es zu steuern, dass unser Herz von allein schlägt, dass wir wieder aufwachen und jeden neuen Morgen begrüßen können.

Manchmal geschieht es dann ganz überraschend, dass das eigene Erstaunen darüber sich in einen Dank verwandelt. In einen Dank dem gegenüber, der die unsichtbare Quelle allen Lebens ist, der uns und diese Welt ins Dasein gerufen hat.

David, der antike Liederdichter des Volkes Israel, hat dafür zutiefst berührende Worte gefunden. Sie finden sich im 139. Psalm in Vers 14, und sie sind zum Leitspruch dieses Monats August ausgewählt worden:

„Ich danke dir, dass ich wunderbar geschaffen bin. Wunderbar sind deine Taten. Das erkennt meine Seele sehr.“

Pfarrerin Susanne Pieper, Ev. Kirchengemeinde Bad Nauheim, 06032 / 340 771

pieper@ev-kirche-bn.de

′Heute ist ein besonderer Tag′ am 19.8.2020 von Ingmar Bartsch

Heute ist ein besonderer Tag

Mein Vater hat einen Kalender mit Fest-, Feier- und Gedenktagen. Manchmal schreibt er uns morgens eine Nachricht wie: „Herzlichen Glückwunsch zum internationalen Tag der Hängematte!“ Und jedes Jahr am 23. Juli gratuliert er uns zum Weltpilgertag.

Es gibt viele solcher Gedenktage. Manche sind sinnvoll, manche sind eher zum Schmunzeln. Am 26. August ist der Tag des Toilettenpapiers. Letztes Jahr hätte ich das mit einem amüsierten Lächeln quittiert – in diesem Jahr werde ich ihn wohl mit Ehrfurcht begehen. Diese Andacht erscheint am 19. August, dem Weltfototag und dem Tag der Haarschleife. Am 24. August ist der Welttag der schrägen Musik und am 25. August ist der Tag der Konservendose.

Wenn ich morgens aufwache, dann habe ich nicht immer Lust auf den Tag. Vor allem, wenn er ausrechenbar alltäglich werden könnte. Und dann wünsche ich mir, dass etwas Besonderes meinen Tag bereichert. Und diese menschliche Sehnsucht drückt sich in den Jahrestagen aus.

Gott sagt uns zu, dass jeder Tag etwas Besonderes ist. Denn jeder Tag ist von ihm und wir dürfen jeden Tag neu aus seiner Hand nehmen. Deshalb heißt es in Psalm 118, 24: „Dies ist der Tag, den der Herr macht; lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein.“ So ist jeden Tag der Welttag Gottes. Ein besonderer Tag. Ein Grund zur Freude.

Vikar Ingmar Bartsch, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim
Mail: bartsch@ev-kirche-bn.de
Tel: 06033 79 60 527

Auratische Orte am 12.8.2020 von Rainer Böhm

Auratische Orte

Point du Van ist einer der westlichsten Zipfel des europäischen Festlandes. Davor liegen im Meer nur noch vereinzelte Klippen, Leuchttürme, welche die Untiefen sichern, und die Ile du Sein. Vom Festland aus sieht man auf ihr viele Häuser. Diese früher keltische Insel ist flach, sie wirkt ungeschützt da draußen. Aus der Neuzeit ist bekannt, dass sich alle ihre männlichen Einwohner, 144 an der Zahl, 1940 dem französischen Widerstand in London angeschlossen haben. Als Fischer und Seeleute sind sie dazu einfach eines nachts in ihre Boote gestiegen. Ich weiß nicht, wie viele zurückgekehrt sind.

Über den hohen Klippen steht eine alte Kapelle.  Eine Ortschaft gab es in dieser Einöde wohl nie, man hat sich in dem Kirchlein aber schon immer zum Gottesdienst getroffen. Vor der Kapelle schweift der Blick an der Felsküste entlang, im Dunst sind Klippen und die Insel zu erkennen, die Schreie der Möwen und die Brandung wie vor 500 oder 5000 Jahren. So hat das Christentum, wie an vielen anderen Plätzen, auf unserem Johannisberg etwa, auratische Orte besetzt und selbst geschaffen.

Wir fühlen den besonderen Ort. Seine Geschichte, die uns mit anderen Zeiten verbindet und mit der Gemeinschaft der Menschen vor uns. Der Ort scheint die Zeit zu überbrücken, mehr zu zeigen, als zu sehen ist.

Es mag nur ein Gespür sein, ein Gefühl – es ist ein religiöses Gefühl. Es führt uns dahin, zu erfahren, dass das Leben mehr ist, als wir sehen können – so, wie wir uns in Kirchen oder auf Friedhöfen den Toten besonders verbunden fühlen, den vergangenen Zeiten, den Menschen, die den Ort, die Welt einmal belebt haben. Es können aber auch ganz andere Orte sein, jeder hat da seine eigenen zu einer bestimmten Zeit: der Platz im Garten, der Gegenstand, der uns mit etwas verbindet, der Vollmond über unserer Stadt.

Glaube wird diese Empfindung erst, wenn wir beten. Zu dem Gott, der diese Welt so wunderbar gemacht hat. Die Schöpfung selbst ist sein Wohnraum. Zu dem Gott, der in Jesus Christus alle Zeiten miteinander verbindet: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Christus ist uns im Glauben nahe, im Evangelium, im Abendmahl und in der Gemeinschaft der Brüder und Schwestern. In seiner liebenden Gegenwart sind uns auch die Toten nahe, denen wir verbunden sind. Sie sind nahe bei uns, wo uns der Geist des Lebens ergreift und glücklich macht.

Pfarrer Rainer Böhm, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim
Mail: Boehm@ev-kirche-bn.de

′Blick in den Sternenhimmel′ am 5.8.2020 von Anne Wirth

Blick in den Sternenhimmel

Während unseres Urlaubs in diesem Jahr sahen wir oft abends in den Sternenhimmel. Unter anderem auch, weil der Komet Neowise zu der Zeit dicht an der Erde vorbeiflog und ich ihn mit den Kindern gerne sehen wollte.

Dabei habe stellte ich wieder einmal fest, dass so ein Blick in den Sternenhimmel eine Wohltat für die Seele ist. Zunächst hat es ja den Anschein, als werfe man einen Blick in Gottes unveränderliche Ordnung des Alls, die unsere Vorstellung so unendlich übersteigt und an der wir doch Anteil haben. Wir sind ein Teil dieser Schönheit!
Aber gleichzeitig wissen wir auch, dass wir es eben nicht mit einer ewigen unabänderlichen Ordnung zu tun haben, sondern mit einem ständigen Prozess gigantischer Veränderungen.

Sterne kommen und gehen. Das, was wir sehen, ist nicht einmal das, was da ist.
Viele Sterne sind so weit entfernt, dass sie Millionen Jahre brauchen, bis ihr Licht zu uns durchdringt. Selbst, wenn sie aufgehört haben, zu existieren, ist ihr Licht noch lange, lange sichtbar. Von den Sternen, die wir sehen, können wir also nicht mit Sicherheit sagen, ob es sie überhaupt noch gibt.

Unser Blick in den Raum ist zugleich ein Blick in die Zeit: nämlich in die Vergangenheit dieses unermesslichen Universums. Das, was wir sehen, ist nicht das, was ist.
Wir sehen immer nur was vor Augen ist. Ob das die Wirklichkeit ist, ist eine ganz andere Frage.

Pfarrerin Anne Wirth, Ev. Kirchengemeinde Schwalheim-Rödgen

′StrandSegen′ am 29.7.2020 von Susanne Pieper

Meer. Himmel. Weite.

Tief sog ich die frische Brise in mich ein.

Und lief am Strand entlang. Vorbei an dem Wagen der DLRG–Station. Weiter in Richtung Hafen. Da fiel mein Blick auf einen besonderen Wagen, der da mitten auf dem Sand aufgebockt war, mit einer großen Achse, mit altertümlichen Holzrädern und einem weithin sichtbaren Kreuz auf dem abgerundeten Dach. Neugierig kam ich näher und las die Aufschrift „Schäferwagenkirche“. In akribischer Kleinarbeit hatte eine norddeutsche Schäferwagenmanufaktur sie vor zwei Jahren gebaut, damit dort Gottesdienste, Taufen und Trauungen gefeiert werden können, so erzählte es mir die Tourismuspastorin. Und einen besonderen Preis von Chrismon hatte sie auch bekommen. Aufgestellt war die kleine Kirche auf dem Sandstrand in einer Ostseebucht, ein Hingucker der Tourismuskirche Eckernförde, nördlich von Kiel.

Und dann war ich dabei, an einem Freitagabend, beim ersten öffentlichen Konzert der Band „Farvenspeel“ nach dem Lockdown. Draußen, im Windschatten dieser kleinen, besonderen Kirche. Drei Menschen, die die Zuhörer und Zuhörerinnen mit ihrer „Himmelwärts - Tour“ mitnahmen auf eine berührende musikalische Reise.

„Setzt euch ruhig in einen der bunten Hoolahoop–Reifen, die hier im 1,50m–Abstand auf dem Sand liegen. Und wischt den nassen Sand an der Oberfläche einfach weg.  Darunter ist ja alles trocken“, sagte der Bandleader gut gelaunt. Und so genossen ungefähr 60 Leute endlich wieder Livemusik.  Da war es unwichtig, dass es immer mal wieder leicht regnete.  Norddeutschland eben. War doch nicht der Rede wert. Dann lief man eben barfuß.

„StrandSegen“ war das Ganze überschrieben. Ich werde diesen Abend an der Ostsee nicht mehr vergessen. Da kam so viel Schönes zusammen. Und das habe ich mitgenommen:

  • Die Kirche ist genau da, wo die Menschen sind
  • Reale Gemeinschaft miteinander zu erleben, mitten in unserer dreidimensionalen Welt, in der wir zuhause sind, das ist nicht zu überbieten. Auch nicht durch noch so viele Cybergottesdienste und digitale Angebote, so wichtig die seit der Coronazeit sind und bleiben werden.
  • Selbst wieder singen können, mit Hingabe und aus voller Kehle und einfach drauf los, das ist eine tolle und großartige Erfahrung. Egal, ob es das „Broken Hallelujah“ von Leonhard Cohen ist oder der Gospel „Holy, Holy, Holy“. Gott loben und ihm die Ehre geben, das befreit das Herz, das macht die Seele wieder weit.
  • Wie schön wird das sein, wenn auch wir in unseren Gottesdiensten und Konzerten wieder singen können.

Pfarrerin Susanne Pieper, Ev. Kirchengemeinde Bad Nauheim,  pieper@ev-kirche-bn.de,
06032 / 340 771

′Klein gegen Groß′ am 22.7.2020 von Ingmar Bartsch

„Klein“ gegen „Groß“

Wenn die „Kleinen“ gegen die „Großen“ kämpfen, schlagen wir uns eher auf ihre Seite. Im Fußball, in der Wirtschaft, im gesellschaftlichen Leben: Underdogs sind uns oft noch ein Quäntchen sympathischer, als Etablierte.

Deshalb mögen wir auch biblische Geschichten, in denen die Verhältnisse auf den Kopf gestellt werden. Daniel in der Löwengrube beeindruckt durch seine besondere Treue zu Gott gegen alle Verlockungen und Gefahren der Macht. Und wenn David mit einer einfachen Steinschleuder gegen Goliath gewinnt, dann hüpft das Herz höher. Und irgendwie war Goliath selbst Schuld. Er überschätzte sich. Er war taktisch nicht anpassungsfähig und vertraute zu sehr darauf, dass ihm im Kampf schon nichts passieren würde.

Und als David einige Jahre später König war, erlag er selbst der Vorstellung, unangreifbar zu sein. Und so leiden wir plötzlich mit Uria, dem Soldaten, der im Kampf verheizt wurde, weil König David scharf auf Urias Frau war.

Das Beispiel von David zeigt, dass vor den Verlockungen der Macht niemand sicher ist. Niemand ist gegen Selbstüberschätzung immun. Das gehört zum Menschsein dazu. Die Frage ist, wie man damit umgeht. Eine Möglichkeit ist es, sich nicht zu wichtig zu nehmen, sich nicht für unfehlbar zu halten. Einen Tipp dazu gibt Jesus, indem er einfach die Unterscheidung in die „Großen“ und die „Kleinen“ umkehrt: „Der Größte unter euch soll euer Diener sein.“ (Mt. 23,11)

Vikar Ingmar Bartsch, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

Mail: bartsch@ev-kirche-bn.de
Tel: 06033 79 60 527

′Glaube′ am 15.7.2020 von Siegfried Nickel

Ist das Ihnen auch schon einmal passiert? Da hat man einen Satz 100x gelesen oder gehört und hat sich dabei stets eher gleichgültig gedacht:
„Ja, die Aussage stimmt. So ist das eben.“
Doch dann begegnet der Satz Ihnen zum 101. Mal und auf einmal bekommt er eine ganz andere Qualität.

So ging es mir neulich mit folgendem Vers aus der Bibel. „Es ist der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“
Auf einmal dachte ich: Aber hallo, hier gibt es ja eine ganz prägnante Definition des Begriffs Glauben aus christlicher Sicht.

Für Glauben gibt es ja viele Definitionen. An dieser Definition des Glaubens aus dem Hebräerbrief (11,1) im Neuen Testament finde ich das Verhältnis zur Hoffnung und das klare Bekenntnis zum Nicht-Sehen spannend.
Gerne wird uns Gläubigen ja gesagt: „Glauben heißt nicht wissen.“ Damit verbindet sich dann in der Regel der Gedanke, Glaube sei im Gegensatz zum Wissen etwas Defizitäres. Das ist allerdings falsch.
Glaube und Wissen beziehen sich einfach auf unterschiedliche Wirklichkeiten. Glaube geht davon aus, dass sich unsere Wirklichkeit nicht im Sichtbaren erschöpft. Glaube bezieht sich auf das Unsichtbare. Es ist ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. Wissen hingegen bezieht sich auf das Sichtbare und ist damit ebenfalls begrenzt.
So ist etwa die Wirklichkeit des unsichtbaren Gottes den menschlichen Sinnen nicht zugänglich. Sie kann nur geglaubt werden.

Das schließt ein Zweifeln nicht aus. Glaube kennt auch Zweifel. Sie stellen den Glauben in Frage. Aber Glaube an sich zweifelt zunächst einmal nicht, sondern glaubt einfach.

Dabei ist Glaube eindeutig mehr als Hoffen. Christlicher Glaube ist eine feste Zuversicht dessen, was man hofft. So strahlt es ja auch eine wesentlich höhere Zuversicht aus, wenn ein Sportler vor einem Wettkampf sagt „Ich glaube an eine Medaille“, als wenn er lediglich davon spricht: „Ich hoffe, eine Medaille zu gewinnen.“ Gerne wird dann auch in der Sportwelt auf biblisches Gedankengut zurückgegriffen, wenn bei einem so nicht unbedingt erwarteten Erfolg davon die Rede ist, dass Glaube Berge zu versetzen mag.

Das griechische Wort, das Martin Luther hier mit „feste Zuversicht“ wiedergibt, ließe sich übrigens auch mit „Garantie“ übersetzen. Dann wäre der Glaube eine Garantie auf das, was man hofft. Also eine Garantie der Wirklichkeit Gottes; eine Garantie, dass in dieser sichtbaren Welt nicht alles aufgehen muss; eine Garantie der Hoffnung auf die Auferstehung von den Toten; eine Garantie auf ein Leben in Gottes unsichtbarer Wirklichkeit über dieses irdische Leben hinaus.

Eine Garantie braucht einen Garanten, einen, der dafür einsteht. Gott garantiert, dass unser Glauben einen festen Grund hat. So ist Glaube auch stets ein Geschenk, ein Glück, denn er erschließt uns eine Wirklichkeit der Welt über das Sichtbare hinaus.
Amen.

Danke, Gott, dass Du uns den Glauben schenkst, der uns und unsere Wirklichkeit nicht auf das Sichtbare begrenzt, sondern uns einen weiteren Horizont eröffnet. Mehre diesen Glauben in mir. Amen.

Siegfried Nickel, Pfarrer in Steinfurth und Wisselsheim
Telefon: 0 60 32 / 81 66 7
E-Mail: s.nickel@ev-kirche-sw.de

am 8.7.2020 von Meike Naumann

Er gebe uns ein fröhliches Herz und verleihe immerdar Frieden zu unserer Zeit. Sirach 50,25

Lach mal wieder!

Lachen ist gesund! Das wissen Sie sicher. Jedesmal, wenn wir lachen, werden allein 17 Muskeln in unserem Gesicht bewegt. Ganz abgesehen von unseren Bauchmuskeln. Das reinste Workout also. Lachen entspannt, Lachen bremst Aggressionen, Lachen bringt den Glücks-Kick. Und Lachen regt die Verdauung an! Lachen macht fit, vertreibt Stress und Lachen ist gut gegen Schmerzen. Wer häufig lacht, wird weniger krank. All das hat die Wissenschaft herausgefunden und dafür einen klugen Namen gefunden: Gelotologie, die Lehre vom Lachen. Es gibt sogar Lachseminare, in denen Menschen lernen wieder zu lachen – die das Lachen tatsächlich verlernt haben.

Selbst in traurigen oder schmerzlichen Zeiten den Humor nicht zu verlieren, ist ein Geschenk Gottes! Und es kann helfen, Lösungen zu finden und darauf zu vertrauen, solche Zeiten unbeschadet zu überstehen. In einem richtigen Streit, in dem keiner nachgeben will, wo alles festgefahren scheint, macht ein bisschen Humor ganz neue Wege möglich. Vielleicht probieren Sie es einfach mal aus.

Pfarrerin Meike Naumann, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

am 3.7.2020 von Meike Naumann

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. 2. Tim 1,7

Es gab eine Zeit in meiner Kindheit, ich glaube es war in den ersten Grundschuljahren, da habe ich jedes Mal vor dem Schlafengehen unter mein Bett geschaut. Ich wollte ganz sichergehen, dass da kein Geist unter dem Bett lauert. Und die Vorstellung, dass dieser Geist in der Nacht unter dem Bett herauskommen würde, lies mich wirklich schlecht einschlafen. Zum Glück lag unser Rauhhaardackel am Fußende meines Bettes. Heute denke ich schmunzelnd an diese Zeit zurück, weiß ich doch, dass es keine Geister oder Gespenster wie Hui Buh gibt.

Sportler glauben an einen ganz besonderen Geist: den Teamgeist. Dieser Teamgeist soll ihnen die Kraft geben, als Mannschaft zusammenzuhalten und dagegenzuhalten, auch wenn der Gegner noch so stark sein mag.

Wir Christinnen und Christen glauben auch an einen ganz besonderen Geist: den Heiligen Geist. Das ist kein Geist, der uns das Fürchten lehren will und uns zur Geisterstunde in Angst und Schrecken versetzt. Der Heilige Geist ist so eine Art Motor. Er treibt uns an. Er macht uns stark und selbstbewusst, also besonnen. Er verbindet uns mit Gott. Er ist unser heißer Draht zu Gott.

Gott selbst hat den Heiligen Geist in unser Herz gesandt, um uns mutig zu machen und um uns zu sagen: Ich liebe dich und bei dir! Ich begleite dich auf dich auf allen deinen Wegen. So können wir gut in den Tag gehen! Mutig und besonnen!

Pfarrerin Meike Naumann, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

 

′Kaffee, Vergebung und Neuanfang′ am 1.7.2020 von Ingmar Bartsch

Kaffee, Vergebung und Neuanfang

Neulich ist mir etwas Dummes passiert: Ich hatte meinen Thermobecher mit Kaffee nicht richtig zugemacht und in den Rucksack gestellt. Der ist dann in einem unbeobachteten Moment auf dem Schreibtisch umgekippt. Als ich wieder ins Zimmer kam, tropfte die Brühe schon auf den Boden.

Total ärgerlich, aber was sollte ich machen? Nach einer Weile war die Sauerei aufgewischt und der Rucksack in der Waschmaschine. Schon wenig später war nichts mehr zu sehen.  Der Laptop hatte nichts abbekommen, dafür war ich echt dankbar.  

Ob mit oder ohne Absicht: Wir Menschen bauen manchmal richtigen Mist. In Beziehungen, im Alltag. Und deshalb ist Vergebung so eine wichtige Komponente unseres Lebens. Die Bibel spricht viel von Vergebung und es gehört zu den wichtigen Eigenschaften Gottes, dass er uns unsere Schuld nicht ewig vorhält.

Gottes Vergebung stelle ich mir ein wenig wie die Geschichte mit meinem Thermobecher vor. Was auch immer vorgefallen ist: Nachdem eine Sache vergeben ist, ist sie auch vom Tisch. Keiner kann mehr erkennen, dass da Kaffee ausgelaufen ist. Der Rucksack, der Thermobecher und der Laptop sind wieder absolut gebrauchsfähig, so wie vorher auch. Es gibt also keine sichtbaren Spuren und es ist ein echter Neuanfang. Aber man selbst kann sich erinnern. Und so bietet der Neuanfang auch die Chance, es das nächste Mal besser zu machen.

Vikar Ingmar Bartsch, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

Mail: bartsch@ev-kirche-bn.de
Tel: 06033 79 60 527

′Gedanken ums Herz′ am 26.6.2020 von Susanne Pieper

Gedanken ums Herz

„Du allein kennst das Herz aller Menschenkinder“ – so lautet ein Bibelvers aus dem 1. Buch der Könige 8,39, der nun zugleich der Monatsspruch für den Juni dieses Jahres ist. Es ist ein Zitat des weisen Königs Salomo, das seinem Gebet anlässlich der Einweihung des ersten Tempels entstammt. Dieses Wort allerdings spricht schon allein für sich.

Wenn ich es meditiere, denke ich: es ist gut zu wissen, dass einer mein Herz kennt und weiß, wie es mir tief innen geht. Mein Herz mit seinen guten Erinnerungen und mit seiner tiefen Dankbarkeit, aber auch mit seinen schlechten und schmerzhaften Erinnerungen. Mit all seinen Ambivalenzen und widerstreitenden Gefühlen, mit seinen erfüllten und mit seinen unerfüllten Sehnsüchten. Mit seinem erfahrenen Glück, aber auch mit seinen Fragen, mit seinen Unklarheiten angesichts von unverschuldetem Leid. Und mit seinem Zorn über Ungerechtigkeiten, die Menschen zugefügt werden.

Einer blickt mich dennoch mit liebevollen Augen an.  Bei ihm darf ich mich verstanden und aufgehoben und geborgen wissen -  auch mit dem, was ich nicht verstehe. Ich muss mich mit nichts verstecken. Und ich bin nicht allein auf dieser Welt.

Das Herz ist ein wunderbares und ein wundersames Organ. Tina Willms hat ihm in ihrem Buch „Im Glauben: Zweifel    Im Zweifel: Glauben“ (2019, S. 75, Neukirchener Verlagsgesellschaft) eine große Widmung geschrieben:

Himmlische Grüße

Mein Herz.
Du bist bei mir seit Anbeginn. Du wirst bei mir sein bis zuletzt.
Den Takt meines Lebens gibst du an. Sekündlich pochst du in mir:
Milliarden Schläge tust du im Laufe meines Lebens.
Du versorgst meinen Körper mit dem, was er nötig hat.
Zuverlässig hältst du meinen Kreislauf in Gang.

Mein Herz.
Mein Innerstes. Mein Wesen.
Du teilst meine Gefühle mit mir. Du hüpfst vor Freude und hämmerst vor Wut.
Wenn ich aufgeregt bin, stolperst du manchmal,
wenn ich verletzt werde, schmerzt du.
Du treibst mich an und lässt mich spüren, wie lebendig ich bin.

Mein Herz.
Du verbindest mich mit allem, was lebt.
Meine Erinnerung bist du an den, der mich ins Dasein ruft.
Spüre ich dich, so ist es, als erhalte ich himmlische Grüße von ihm.
Er sagt mir mit jedem Herzschlag, sagt es wieder und wieder,
milliardenfach: Du bist erwünscht und geliebt.

Pfarrerin Susanne Pieper, pieper@ev-kirche-bn.de; 06032/ 340771

′Wenn Jesus Urlaub machen würde′ am 24.6.2020 von Anne Wirth

Wenn Jesus Urlaub machen würde.......

Urlaube zu Hause. Menschen machen das Jahr für Jahr. Weil sie aus gesundheitlichen Gründen nicht verreisen können, weil ihnen das Geld fehlt, weil sie aus ökologischen Gründen darauf verzichten oder weil sie nicht gerne reisen.
Urlaub zu Hause. In diesem Jahr kann das zur Regel werden: Weil beliebte Reiseziele vielleicht noch gesperrt sind, weil Reisen zu gefährlich ist, weil manche Länder ihre Grenzen noch nicht geöffnet haben. Was tun?

Im Markusevangelium können wir lesen, wie Jesus seinen Jünger, die gerade Missionsreise zurückgekommen waren, empfiehlt, Urlaub zu machen.

Und die Apostel kamen bei Jesus zusammen und verkündeten ihm alles, was sie getan hatten. Und er sprach zu ihnen: Geht ihr allein an eine einsame Stätte und ruht ein wenig. Denn es waren viele, die kamen und gingen, und sie hatten nicht Zeit genug zum Essen. Und sie fuhren in einem Boot an eine einsame Stätte für sich allein.

Jesus empfiehlt seinen Jüngern nicht nur mal auszuspannen, sondern liefert auch das  Rezept für einen gelungen Urlaub gleich mit.
Die „Urlaubstheologie“ Jesu rät zu einem Urlaub mit wenigen Menschen und an einem einsamen Ort. Weg von den großen Urlaubsorten, nicht dorthin gehen, wo alle sind.
Der zweite Ratschlag: Urlaub um auszuruhen. Nicht drei Länder in vier Tagen sehen, sondern Ruhe, um Körper und Geist Zeit zu geben, sich zu erholen.
Zeit für Gemeinschaft, Zeit für sich selbst, vor allen Dingen aber Zeit für Gott.
Um Zeit für mich und Gott zu finden, muss ich also gar nicht weit verreisen.
Ein Ausflug in die Natur, eine Bank an der Flusspromenade laden ein, über Gott, sich selbst und die Welt nachzudenken. Amen

Pfarrerin Anne Wirth, Evangelische Kirchengemeinde Schwalheim-Rödgen

′Seid alle fröhlich′ am 19.06.20 von Meike Naumann

Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen.

1. Thessalonischer 5,16 -18

FRÖHLICH SEIN – BETEN – DANKBAR SEIN

Multitasking in der Bibel? Geht das denn alles zusammen? Und muss das alles gleichzeitig sein? Viele Gedanken gehen mir da durch den Kopf.

Wann bin ich fröhlich?

Wenn ich etwas besonders Schönes erlebt habe.

Wenn ich erfahren habe, dass jemand mich gern hat.

Wenn mir etwas so richtig gut gelungen ist.

Wenn…

Wann bete ich?

Wenn ich die Glocken der Dankeskirche höre.

Wenn ich abends im Bett liege.

Wenn ich Angst habe.….

Wann bin ich dankbar?

Wenn ich etwas geschenkt bekommen habe.

Wenn ich ganz früh am Morgen die Vögel zwitschern höre.

Wenn ich lieben Menschen begegne.

Wenn….

Es ist gut zu wissen, dass das Leben so bunt und vielfältig ist.
Weil ich meinen Weg durch dieses Leben allein gehen muss, kann ich dankbar sein. Auch wenn kein lieber Mensch in der Nähe ist, bin ich nicht allein. Dann kann ich zu Gott beten.
So gesehen: Fröhlich sein – beten dankbar sein – klar, das passt zusammen. Ohne stressig zu werden.

Pfarrerin Meike Naumann, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

′Wünsche′ am 17.6.2020 von Siegfried Nickel

Wünsche

Eine schon etwas in die Jahre gekommene Geschichte erzählt wie Enkel Ihre Großmutter beim Betrachten eines großen Bogens Packpapier überraschen. Auf dem Papier sind ganz viele kleine Zeichnungen zu sehen: Schlittschuhe, eine Puppe, Kuchen und vieles mehr. Es ist „das Bild der 1000 Wünsche“, das Großmutter als kleines Mädchen kurz nach dem Krieg gemalt hat, als sie mit ihrer Mutter und dem Bruder als Flüchtlinge in einer Notunterkunft untergebracht waren.
Ganz am Rand des Bildes ist groß ein Mann mit Brille und in Uniform zu sehen. Das ist der allergrößte Wunsch: Der Vater, von dem sie schon lange nichts mehr gehört haben.

Was ist mein allergrößter Wunsch?
Gesundheit, ein eigenes Haus, unbeschwerter Urlaub.
Für das Mädchen nach dem Krieg ist es die Heimkehr des Vaters, auf die sie hofft.
In der fortlaufenden Bibellese, die gerade durch die Königsbücher im Alten Testament führt, ist es Gott höchstpersönlich der den jungen König Salomo im Traum nach seinem größten Wunsch fragt.
Was Salomo wohl antwortet? Schließlich ist solch eine Frage von Gott gestellt mehr wert als ein Sechser im Lotto. Ansehen, Macht oder vielleicht doch Reichtum?
Salomo trifft eine überraschende Entscheidung. Er bittet Gott um Weisheit.

Wie sich das auswirkt? In der deutschen Sprache sprechen wir von einem „Salomonischen Urteil“. Der Ursprung dieses geflügelten Wortes geht auf einen aussichtlosen Streitfall zurück den König Salomo gerecht lösen kann: Zwei Huren, die allein in einem Haus leben, haben innerhalb kurzer Zeit jeweils einen Sohn geboren. Eines Nachts stirbt das eine Kind. Nun behauptet jede der Frauen, die Mutter des lebenden Kindes zu sein. Zeugen gibt es keine. Aussage steht gegen Aussage.
Ein schlichtes Bild von dieser Begebenheit hängt in unserer Steinfurther Kirche. Salomo wird in diesem privaten Rechtsstreit um sein Urteil gebeten. Nach menschlichem Ermessen lässt er sich nicht lösen.
Die Weisheit Salomos zeigt sich darin, als Richter durch eine bestimmte Verhörstrategie die Wahrheit ans Licht zu bringen. Er macht quasi einen Mutterschaftstest. Salomo ordnet an, ein Schwert zu bringen, das lebende Kind zu teilen und jeder der Frauen eine Hälfte des Kindes zu geben. Die drohende Gefahr zwingt beide Frauen zu einer Stellungnahme, mit der sie sich selbst entblößen, und bringt die Wahrheit ans Licht. Die Frau, die das Leben des Kindes um jeden Preis erhalten will, ist die wahre Mutter.
Weisheit – wahrlich kein schlechter Wunsch für Salomo.
Weisheit – sicher auch ein guter Wunsch für mich, wird mir zunehmend klar. Denn das ist doch die Frage, die mehr und mehr Menschen umtreibt: Woran kann ich mich halten? Auf was und wen kann ich mich verlassen in Zeiten, in denen immer mehr Fake-News und Verschwörungstheorien um sich greifen und vielen nur noch das eigene Wohlergehen als ethischer Maßstab zu dienen scheint?
Weisheit ist da von Nöten.

Ein gewisses Maß an natürlicher Weisheit ist uns ja schon ohne Weiteres gegeben:
Man kann sich fragen, welche Nachricht dient wem? Oder welche Auswirkungen hat diese oder jene Aussage? Führt sie die Gesellschaft zusammen oder zersetzt sie? Bedient sie diffuse Ängste oder erschließt die sinnvolle Zukunft für alle? Dient sie dem Frieden und der Gerechtigkeit oder lediglich dem Vorteil bestimmter Personen. Mit solchen Fragen kann man sicherlich mancher Internetblase entgehen.
Doch unsere Welt wird immer unübersichtlicher und die Themen- und Informationsflut führt dazu das wir nicht allen Fragestellungen auf den Grund gehen können. So kommt man letztlich nicht darum herum, immer wieder Entscheidungen zu treffen, die wir nicht bis ins letzte durchschauen können und sein Vertrauen auf die einem persönlich am verlässlichsten erscheinenden Informationen zu setzen. Dazu bedarf es Weisheit. Am besten Weisheit von Gott.

Weisheit – heutzutage vielleicht nötiger als je. Mir wird klar: Weisheit sollte sehr weit oben auf meiner persönlichen Wunschliste stehen. Darum bitte ich Gott darum:

Guter Gott, worauf soll ich mich verlassen? Wem soll ich trauen? Unsere Welt wird zunehmend unübersichtlicher. Bewahre mich vor Verzagtheit und Resignation. Mach diejenigen mundtot, die Zwietracht und Mistrauen sehen und nur den eigenen Interessen dienen. Schenke mir und vielen, vielen anderen Weisheit zu rechtem Handeln und Lassen, Reden und Schweigen.  
Amen.

Siegfried Nickel, Pfarrer in Steinfurth und Wisselsheim
Telefon: 0 60 32 / 81 66 7
E-Mail: s.nickel@ev-kirche-sw.de

′Bill Wahpepah′ am 12.6.2020 von Rainer Böhm

Bill Wahpepah

Die USA sind ein tolles Land. Ich mag ihre Einwohner, deren Optimismus und Pragmatismus, die Literatur, Kultur, die grandiosen Landschaften, die sozialen Bewegungen. Daran dachte ich, als die Proteste gegen den Rassismus und Polizeigewalt im Anschluss an die Ermordung George Floyds kein Ende nehmen wollten, allen Einschüchterungsversuchen zum Trotz. Und ich dachte an Bill Wahpepah.
Bill hatte in Oakland ein Haus für bedürftige eingeborene Amerikaner aufgebaut, eine Tagespflege und eine Schule für Jugendliche und Erwachsene.  Als Führer im A.I.M. (American Indian Movement) war er international bekannt  durch Auftritte vor der UN und weltweite Vortragsreisen.  Er war klein und von einigem Umfang, Elan, Humor und Charisma.

Ich war Mitglied in einem Team, das er leitete und das eine Konferenz der Ureinwohner Nordamerikas vorbereitete.  Es ging um Organisation, Gäste, Inhalte und Ablauf, und nie sah ich, dass Bill sich Notizen machte. Er schrieb einfach nicht mit, sondern hatte alles im Kopf – oder es war nicht wichtig.  

Er nahm mich mit zu einer Sweatlodge-Zeremonie und lud mich Anfang November zum Unthanksgiving Day auf Alcatraz Island ein. Amerikanische Ureinwohner, buddhistische Mönche, Juden und Christen beteten zusammen für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Ein spiritueller Führer der Ureinwohner leitete die traditionelle Pfeifenzeremonie. Die vier Himmelsrichtungen, Mutter Erde, der große Geist und Schöpfer. Es war ein Gottesdienst an diesem frühen Morgen voller Respekt und gegenseitiger Achtung, in einem interreligiösen humanen Geist.

Im Januar las ich die kleine Meldung in der New York Times: Bill Wahpepah sei in einem Krankenhaus in Oakland während der Behandlung  verstorben. Von Bekannten erfuhr ich, dass Bill einen Magendurchbruch erlitten habe, der äußerst schmerzhaft war.  Das erste Krankenhaus habe ihn einfach abgelehnt und weiter geschickt. Und als sie endlich ein zweites gefunden hatten, wurde er auf den Flur gelegt und nicht behandelt.  

Deshalb muss ich bei George Floyd an Bill Wahpepah denken, an Rassismus und strukturelle Gewalt. Daran, dass wie in unserer Kolonialgeschichte  die Ungleichheit der Menschen mit der Bibel in der Hand gepredigt und gelehrt worden ist. Die Entwürdigung richtete sich in den USA zuerst gegen die sog. Indianer, ohne deren Freundlichkeit die ersten Siedler nicht überlebt hätten, später gegen die schwarzafrikanischen Sklaven, die Latinos, die Asiaten.

Bill hat mir damals etwas beigebracht über die Gleichheit und Würde aller Menschen. Dass wir vor Gott nebeneinander stehen und nicht hintereinander, weder als Menschen noch als Religionen. Dass Spiritualität und Engagement zusammengehören. Zu beten: “Dein Wille geschehe” ist keine Aufforderung zu Schicksalsergebenheit und Duldung als gottgegeben, sondern Aufforderung zum Handeln für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung!

Pfarrer Rainer Böhm, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim
Mail: Boehm@ev-kirche-bn.de
Tel: 06032 – 2908

′Der Wind und der Geist′ am 10.6.2020 von Susanne Pieper

Der Wind und der Geist

Gut eine Woche nach Pfingsten erinnere ich mich daran: hinaus ins Grüne, einen schönen Ausflug machen und die Freiheit in der aufblühenden Natur genießen – das alles gehört für mich seit meinen Kindertagen zum Pfingstfest. In diesen Zeiten liebe ich es, das frische Grün auf mich wirken zu lassen und zu beobachten, was über mir passiert: mal ist es ein säuselnder Wind, der die Blätter an den Bäumen leise hin – und herschwingen lässt. Mal ist es eine kräftige Böe, die in die Äste fegt und die Bäume zum Rauschen bringt. Mal ist es gar ein Sturm, der seine Spuren auf der Erde hinterlässt.

Alles ist in Bewegung.  Am Pfingstfest erinnern sich Christinnen und Christen daran, dass der Geist Gottes zu den Menschen gekommen ist. Und Jesus erzählt vom Geist Gottes, indem er ihn mit einem Moment der Natur vergleicht, mit dem Wind. Im Gespräch mit dem Schriftgelehrten Nikodemus, der mitten in der Nacht zu ihm kommt, sagt er (Johannes 3,8):

„Der Wind weht, wo er will. Du hörst sein Sausen wohl, aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht. So geheimnisvoll ist es auch, wenn ein Mensch vom Geist geboren wird.“  Ein wirklich kryptisches Wort, das neugierig macht! In der griechischen Sprache bedeutet das Wort „pneuma“ sowohl Wind als auch Geist. So also wie der Wind weht - überraschend und nicht vorherzusagen – so wirkt auch Gottes Geist in den Menschen, die sich für ihn öffnen. Ja, vielmehr noch: so wie der Wind nicht zu planen und zu berechnen ist, so ist es auch mit dem Menschen, der mit Gott in Verbindung steht. Er ist frei, und er kann immer wieder etwas Überraschendes tun, mit dem vielleicht niemand gerechnet hat.

„Wo der Geist Gottes ist, da ist Freiheit“, sagt der Apostel Paulus im 2.  Korintherbrief 3,17. Das heißt für mich:  mein Glaube und mein Handeln hat ganz viel mit Freiheit zu tun. Ich werde angestoßen, Neues zu denken, auch mal quer zu denken, unabhängig zu sein und ungewöhnliche Ideen zu wagen. Ich brauche mich nicht vor einen fremden Karren spannen zu lassen. Ich kann alles kritisch bedenken und kann zu meiner ganz eigenen Meinung stehen. Ich kann agieren und muss nicht nur reagieren. Ich kann auch meiner Kreativität freien Lauf lassen, kann auch mal etwas Unerwartetes oder etwas Ver-rücktes ausprobieren. Kann eben einfach in Bewegung bleiben. So wie die Blätter im Wind. Solange es der göttliche Geist der Liebe ist, der mich anschubst.

Pfarrerin Susanne Pieper, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim
pieper@ev-kirche-bn.de; 06032/ 340 771

′Der Pilgermantel des Höchsten′ am 5.6.2020 von Ingmar Bartsch

Der Pilgermantel des Höchsten

Ein Freund von mir begeistert sich für mittelalterliches Pilgern. Deshalb hat er einen langen, weiten Mantel und einen großen Wanderstab. An den kann er die Kapuze des Mantels binden und mit Stricken die Enden festmachen. So hat er eine Art Notzelt. Es ist nicht riesig, aber es schützt ihn vor Wind und Wetter. Gerade wenn es regnet oder bei einer Rast die Sonne brennt.

Wer schon einmal von einem Unwetter überrascht worden ist, der weiß, wie schön so ein trockenes Fleckchen ist. Zu Beginn des 91. Psalms heißt es: „Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt und unter dem Schatten des Allmächtigen bleibt, der spricht zu dem HERRN: Meine Zuversicht und meine Burg, mein Gott, auf den ich hoffe.“

Ich stelle mir den Schirm des Höchsten wie den Mantel meines Freundes vor: Er bietet gerade so viel Platz, dass man sicher und geschützt ist. Geborgenheit braucht nicht viel Raum. Er bietet eine Zuflucht, wenn die Stürme toben und ist ein sicherer Ort. Sozusagen Gottes offene Arme. Liebevoll, sicher und unaufdringlich. Der Schirm des Höchsten engt auch nicht ein. Er lässt die Freiheit, die Gegend außerhalb zu erkunden.

Vor den Stürmen des Lebens geschützt zu sein, heißt übrigens nicht, dass es diese Stürme nicht gibt. Aber unter dem Schirm des Höchsten kann man ihnen gelassener entgegensehen.

Vikar Ingmar Bartsch, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

Mail: bartsch@ev-kirche-bn.de
Tel: 06033 79 60 527

Videolink: https://youtu.be/xbiHEiN35tU

′In der Ruhe liegt die Kraft′ am 03.06.2020 von Anne Wirth

In der Ruhe liegt die Kraft

Es ist inzwischen etwas länger her, da hatte ich ein paar Freunde zum Essen eingeladen.  Ich freute mich sehr auf dieses Essen. Und wie es dann so ist, während die ersten Gäste kamen habe ich noch schnell die Küche aufgeräumt. Dann habe ich die Vorspeise serviert und sobald alle damit fertig waren, habe ich die Teller rausgetragen und die letzten Handgriffe erledigt, die noch fehlten um die Hauptspeise fertig zu machen. Nach dem Essen habe ich abgedeckt und mich um den Kaffee gekümmert. Und plötzlich war der Abend vorbei und ich habe mich danach, als ich ziemlich fertig auf dem Sofa saß gefragt, ob es wirklich ein gemeinsames Essen war. Die Geschwindigkeit der Abläufe oder sagen wir die Geschwindigkeit, mit der ich die Abläufe gestaltet habe, nahmen mir die Möglichkeit mich ganz in Ruhe auf meine Freunde einzulassen. Ich habe mir nicht Zeit genommen das Zusammensein zu genießen. Das ist nur eins von vielen Beispielen, die ich nennen könnte, an denen ich für mich feststelle, dass die Hektik des Alltags inzwischen in meinem ganzen Leben Fuß gefasst hat. Es ist nun keine neue Erkenntnis, dass unsere Lebenswelt zunehmend hektischer bzw. schneller wird. Das Lebenstempo hat sich erhöht. Einen Grund spielen dabei sicherlich auch die modernen Medien, die schnellere Erreichbarkeit und damit verbunden auch eine erhöhte Erwartungshaltung was das Arbeitstempo angeht.

E-Mails sollten binnen eines, maximal zweier Tage beantwortet sein und wehe man tut es nicht. Dann macht man seine Arbeit nicht anständig oder ist nie! erreichbar. Ähnlich ist es mit WhatsApp Nachrichten.

Hohe Erwartungen können einen sicherlich anspornen, aber sie können auch fertig machen. Dazu kommt, dass Menschen oft ausschließlich über ihre Leistung definiert werden. Ohne Fleiß keinen Preis. Kein Schmerz, kein Gewinn. Nur wer von morgens bis abends arbeitet, richtig ackert, ist ein Macher und hat Respekt verdient. Auch in Kirchenkreisen ist das eine häufig zu findende Haltung.

Pausen würde man am liebsten abschaffen. Vielleicht noch Turbopausen zulassen.
In einer WhatsApp Gruppe habe ich neulich folgendes gelesen. Da schrieb jemand: „Ich hatte so eine harte Woche, ich fahre am Wochenende an die See.“ Antwort eines Freundes: „Tolle Idee, hast du dir verdient“. Ruhe, Pausen muss man sich anscheinend inzwischen verdienen.

Mein Eindruck ist, dass in diesem ganzen Tempo Gott verloren geht. Wann denken wir über unser Verhältnis zu Gott nach oder anders gesagt wann nehmen wir uns im Alltag die Zeit einmal in Ruhe über unser Verhältnis zu Gott nachzudenken?
Wann ruhen wir uns überhaupt einmal aus? Ich würde sagen: Wenn ein freier Tag zum Luxus wird, dann läuft etwas verkehrt.

Wenn ich mir die Schöpfungsgeschichte anschaue und versuche mir einfach mal bildlich vorzustellen, wie es abgelaufen sein könnte. Dann war es so, dass Gott am sechsten Tag den Menschen schuf. Dann machte er mit den Menschen einen Rundgang durch das Paradies, stellte seine Spielregeln auf und sagte: “Morgen früh, wenn ihr wach werdet ist hier übrigens Feiertag.“ Das sagt er zwei Wesen, die bis dahin noch keinen Finger gerührt hatten. Sie waren ja gerade erst angekommen und das Erste, was sie tun sollten ist ruhen. Ruhe ist Teil der Schöpfung. Beim Lesen der Schöpfungsgeschichte stellt man fest, dass es so eine Art Schöpfungsrhythmus gibt. Immer wieder heißt es: „Da ward aus Abend und Morgen der zweite….. Tag“. In diesem Rhythmus wurde die Welt geboren. Der Höhepunkt der Schöpfung am siebten Tag ist die Ruhe. Können wir daraus etwas für unseren Lebensrhythmus lernen?

Ruhen hat auch immer etwas mit Erholung zu tun. Das alte Wort für Erholung ist Rekreation. Neuschöpfung. Ruhe ist also Offenwerden für neue Anfänge, neue Prozesse. Das hat nichts mit faul sein zu tun. Die Neuschöpfung geschieht z.B, was unseren Körper angeht, im Schlaf. Kinder wachsen während sie schlafen. Vielleicht erinnern sie sich, dass sie als Kind nachts Gelenkschmerzen hatten. Wachstumsschmerzen. Im Sport ist es so, dass die Muskulatur nicht während der Belastungsphase, sondern während der Erholungsphasen wächst. Deshalb ist für Sportler die richtige Regeneration so wichtig. Auf Aktion folgt Regeneration. Und richtig gesetzte Regeneration bringt Leistungssteigerung. Schauen wir in die Natur. Pflanzen halten Winterruhe. In dieser Zeit findet ein Festigungsprozess statt. Abreifen nennt der Gärtner das. Pause im Reifungsprozess, damit in ihren Zellwänden Lignin gebildet werden kann, ein Stoff, der eine Verholzung der Zelle bewirkt und die Pflanze stabil macht. Eine Schutzmaßnahe. Auch hier könnte ich noch viele weitere Beispiele aufzählen.

Der Satz: „ich muss noch einmal darüber schlafen“, ist also in diesem Sinne genau richtig. In Psalm 127, 2 heißt es: „Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und hernach lange sitzt und esset euer Brot mit Sorgen, denn seinen Freunden gibt es der Herr im Schlaf.“ Wenn ich also ruhe, gebe ich die Schöpfung bildlich gesprochen in die Hände Gottes zurück, indem ich nichts tue oder selbst darauf verzichte, etwas zu schaffen.

Jesus benutzt in seinen Gleichnissen immer Bilder aus der Landwirtschaft oder der Natur. Er spricht unter anderem vom Samen, der gestreut wird, den Gott dann zum Wachsen bringt. Der Same selbst muss gar nichts tun. Er darf sich in Ruhe wachsen lassen. Auch hier finden sich noch weitere Beispiele.

Eines haben aber alle gemeinsam: Ruhe heißt auch, zu Gott zu finden und auf Gott zu vertrauen. Darauf, dass er es schon richtig machen wird. In der Ruhe können sich so auch in unserem Leben neue Wege eröffnen. In der Ruhe finden wir zu Gott.

Die Kunst ist es, diese Art der Ruhe in den eigenen Lebensrhythmus zu integrieren, gegen den Druck der Gesellschaft, immer auf Abruf sein zu müssen, funktionieren zu müssen, alles selber machen oder kontrollieren zu müssen. Gegen den Druck ständiger Aktionen und fortwährender Teilnahme an neuen Aktionen. Ruhe ist das Ziel des Glaubens und der Weg dahin. Ich glaube, wir haben nicht nur als Christen, sondern auch als Kirche vergessen, was Ruhe alles schaffen kann. Und vielleicht sollten wir unser Augenmerk innerhalb der Organisation, aber auch für uns selbst und unser Leben wieder verstärkt auf das Zur- Ruhe -Kommen richten, denn in der Ruhe liegt bekanntlich die Kraft. Amen

Pfarrerin Anne Wirth, Evangelische Kirchengemeinde Schwalheim-Rödgen

′Muttertag′ am 29.05.2020 von Rainer Böhm

Muttertag

Neulich war wieder Muttertag.  Ein seltsames Gefühl, wenn man keine Mutter mehr hat. Ich habe immer noch diesen Impuls, sie anzurufen – aber sie ist ja nicht mehr da. Vor zwei Jahren rief ich sie an, meine Eltern waren viele Jahre vorher im Alter nach Norddeutschland gezogen. Wir sprachen miteinander und sie sagte: „Du weißt ja, ich habe da  n i e  ein großes Aufheben drum gemacht, ob Du Dich meldest oder nicht. So war ich nie!“ Eine mich verstörende Aussage – ich hatte das ganz anders in Erinnerung.

Häufig hatte ich an Muttertag einen Konfirmations-Gottesdienst zu halten. Nach dem langen Vormittag kam ich geschafft nach Hause. Am Ende eines wunderbaren Mittagsschlafes klingelte unser Telefon: „Mein lieber Sohn, wenn  D u  es nicht für nötig erachtest, Dich bei Deiner Mutter zu melden, dann muss sie  D i c h  anrufen!“ Ich versuchte, freundlich zu bleiben, fühlte mich im Recht, aber jegliche Entschuldigung schien aussichtslos. Wahrheit ist ein subjektives Konstrukt.

Vor einigen Tagen stand ich an ihrem Grab. Es ist liebevoll und etwas alternativ gestaltet. Ein heller runder Ostseestein, den ein Bauer uns geschenkt hat und der auf nachgebildeten Blättern die Namen und Lebensdaten unserer Eltern trägt. Ein kleiner Weg aus Steinen, die meine Mutter sammelte, eine Vogeltränke, die meinem Vater wichtig war. Ein laminiertes Gedicht von Mascha Kaléko. Aber zwischen den Gräsern und Blümchen war viel Unkraut gewachsen. Was würde meine Mutter davon halten?

Es stieg kein Groll aus dem Grab, da war kein offener und gelebter Konflikt mehr, nur das abgeschlossene Leben meiner Eltern. Der Abstand eröffnet neue Perspektiven und lässt andere Wahrheiten zu. Vielleicht hatte Altersmilde bei meiner Mutter zu einem anderen Blick auf ihr eigenes Leben geführt, und die alten Familienrituale des Muttertages spielten für sie am Ende tatsächlich keine Rolle mehr. Und in meinem Abstand zu ihr kann ich sie nun auch anders wahrnehmen und bin nicht mehr in meiner Rolle gefangen. Mir schien jedenfalls, dass sie mit Grab und Kindern ganz zufrieden war.

So entwickeln und ändern sich unsere Lebens – Wahrheiten, so vorläufig sind sie auch oft. Nur bei Gott ist das anders. In der Bibel heißt es dazu: „Es ist nicht so, wie ein Mensch es sieht: Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der HERR aber sieht das Herz an“ (1. Sam 16,7).

Pfr. Rainer Böhm, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim
06032 – 2908
Boehm@ev-kirche-bn.de

zu Psalm 8,2 am 28.05.20 von Meike Naumann

Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen!  Psalm 8,2

In manchen Indianergeschichten haben die Menschen immer so ungewohnte Namen: „Schneller Hirsch“ oder „Schlauer Fuchs“ oder „Die bis zum Abendrot gelangt ist“. Solche Namen haben mich als Kind sehr beeindruckt und wir haben uns im Spie oft selbst solche Namen gegeben. Solche Namen sind praktisch, weil man gleich zu Beginn der Geschichte weiß, wie dieser Indianer so ist.

Gott dagegen nennen wir oft nur Gott. Eigentlich schade!  Und die Bibel selbst hat viele Namen für Gott. Fels oder Burg, Schutz und Schirm. Der Dichter, von dem der Psalmvers oben stammt, hat auch einen besonders schönen Namen für Gott gefunden. Er bezeichnet Gott als „Herr, unser Herrscher“. Er findet, das ist ein herrlicher Name mit einem herrlichen Klang.

Mir fallen viele herrliche Namen für Gott ein: „der die Bäume wieder grün macht“ oder „Der so viele verschiedene Blumen blühen lässt“ oder „Der uns mit der Sonne warm die Haut streichelt“. Ich glaube, einer meiner Lieblingsnamen ist: “Der mich behütet wie seinen Augapfel“. Was ist Ihr Lieblingsname für Gott?

Pfarrerin Meike Naumann, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

′Schublade auf!′ am 27.05.2020 von Siegfried Nickel

Schublade auf!

Eine Schublade ist eine praktische Sache.
Da habe ich eine für Besteck und eine für Kochgeschirr, eine für Schreibutensilien und eine für Werkzeug. Da packe ich Dinge hinein, die ich gerade nicht brauche, und alle ist gut aufgeräumt. Wenn ich dann eine Schublade öffne, weiß ich, was mich erwartet, und habe gleich einen guten Überblick.

Wie mit Dingen des Alltags gehen wir auch gerne mit Menschen um.
Schnell bilden wir uns ein Urteil und schwuppdiwupp wird das Gegenüber in eine Schublade gesteckt: Macher, Faulenzer, Neunmalkluger, Dummchen usw.
Einmal in der Schublade drin, ist derjenige in meiner Sortierung gut untergebracht und ich weiß, was mich zu erwarten hat, wenn ich die Schublade mal aufmache – sprich, diesem Menschen begegne. In der Regel hat er oder sie keine Chance mehr darauf, auch anders zu sein.

Am Sonntag ist Pfingsten, der Geburtstag der Kirche. Die erste Predigt überhaupt hält – logisch – Petrus, der Wortführer und Fels unter den Jüngern. (Apg. 2) Wobei, so logisch ist das gar nicht: War Petrus nicht der, der Jesus in der Nacht auf Karfreitag vor dem ersten Hahnenschrei gleich dreimal verleugnete? (Luk. 22)

Oh ja, so ein Feigling und Versager. Dabei war er sogar von Jesus vorgewarnt worden. Hat alles nichts genutzt. Als es darauf ankam, da hat Petrus gekniffen.
Also unzuverlässig! Schublade auf – Schublade zu!
Wenn Jesus so reagieren würde, könnte das jeder von uns nachvollziehen.
Das macht Jesus aber nicht. Stattdessen befördert Jesus Petrus nach seiner Auferstehung in einer Art Crash-Kurs zum Oberhirten der christlichen Gemeinde (Joh. 21).
Jesus öffnet die Schublade, nicht, um sich über den Versager lustig zu machen. Nein, Jesus gibt Petrus eine echte neue Chance und Petrus kann so der Wortführer und Fels werden, den die Gemeinde braucht.
Schublade auf! So macht Jesus damals bei Petrus neues Leben möglich.
Ich glaube, das ist kein Einzelfall. Ich glaube, das ist typisch Jesus, und er macht es nicht nur einmal, sondern immer wieder. Jesus gibt immer wieder neue Chancen: damals Petrus und heute mir und Dir.
Schublade auf!
Amen.

Siegfried Nickel, Pfarrer in Steinfurth und Wisselsheim
Telefon: 0 60 32 / 81 66 7
E-Mail: s.nickel@ev-kirche-sw.de

zu Psalm 14,2 am 26.05.20 von Dekan Volkhard Guth

Der HERR schaut vom Himmel auf die Menschenkinder, dass er sehe, ob jemand klug sei und nach Gott frage. (Psalm 14,2)

Nach Gott zu fragen, soll ein Kennzeichen von Klugheit sein. - Für klug hält man heute Menschen, die über ausreichend Emotionale Intelligenz verfügen, weil dies als Voraussetzung für Erfolg im Beruf und im Leben allgemein gilt. Als klug gilt, wer viele Kompetenzen erworben hat und auch in der Lage ist, sie entsprechend anzuwenden.
Und nicht zuletzt gilt als klug, wer es versteht, seine Vorteile zu nutzen und das Beste für sich herauszuholen. Tatsächlich ist klug mehr, als intelligent, gebildet oder gewitzt!

„Der Herr schaut vom Himmel auf die Menschenkinder, dass er sehe, ob jemand klug sei und nach Gott frage.“
Der Beter des Psalms hat Menschen vor Augen, die sagen: „Es ist kein Gott.“ Sie negieren damit nicht einmal das Dasein Gottes grundsätzlich; aber sie sind sich sicher, dass dieser Gott mit ihrem Leben nichts zu tun hat und nichts zu tun haben soll. Gott, so meinen sie, hat keinen Anspruch auf unser Leben, er kann von uns nichts erwarten und erst recht nichts fordern. Sie entziehen sich seinem Wirken. Sie lassen den lieben Gott lieber einen sprichwörtlich „guten Mann sein“.

Dieses Verhalten von Menschen hat es zu allen Zeiten gegeben. Es ist uns auch heute nicht unbekannt. Kann ja sein, dass es so etwas wie einen Gott gibt, eine höhere Kraft oder universelle Macht, wie man es auch nennen will, aber mit mir hat das nichts zu tun. Das sagen heute nicht wenige Menschen und leben auch so. Und wir müssen zugeben: äußerlich leben einige von ihnen nicht mal schlecht.

Der Beter unseres Psalmworts hat mit Gott offenbar Erfahrungen gemacht. Für ihn ist dieser Gott nicht der große Unbekannte, oder die unpersönliche Macht, sondern ein persönlicher Gott, der sich um die Menschen auf seiner Erde Sorgen macht. Deshalb schaut er vom Himmel auf die Erde, um zu sehen, ob er bei seinen Menschen noch vorkommt, ob sie ihn vergessen haben oder sogar vergessen haben, dass sie ihn vergessen haben. Wenn das der Fall ist, so stellt Gott fest, dann verhalten sich die Menschen nicht klug. Warum? Weil es nicht sonderlich klug sein kann, den aus meinem Leben zu verbannen, der mir das Leben geschenkt hat, der den Überblick hat über mein Leben und der Gutes mit seinen Menschen im Sinn hat.

Offenbar hat aber der Blick Gottes aus dem Himmel auf die Menschen nicht wirklich geholfen. Sie sind nicht klug geworden – bis heute nicht.
Deshalb hat er seinen Beobachtungsposten aufgegeben, ist er vom Himmel herabgestiegen und hat sich angreifbar gemacht - angreifbar im doppelten Sinn. Als Kind in der Krippe und als Mann am Kreuz hat er uns seine Liebe vor Augen gestellt. Damit wir klug werden. Zu erkennen, dass Gott ist und etwas mit meinem Leben zu tun hat, stellt die Dinge ins rechte Licht und ordnet sie in der richtigen Reihenfolge. Nach Gott zu fragen, stellt mich in eine Beziehung und macht demütig und im guten Sinne gelassen. Denn er hat uns das Leben nicht nur gegeben, er will es auch erhalten und an sein Ziel führen.

Dekan Volkhard Guth, Evangelisches Dekanat Wetterau

′Wohlfühlort′ am 25.05.2020 von Ingmar Bartsch

Jesus der Frühaufsteher und das abgeliebte Sofa

 

Das Sofa in meinem Arbeitszimmer ist mein Wohlfühlort. Vor 20 Jahren hat meine Frau es gekauft und es ist ziemlich abgenutzt. Trotzdem liege ich sehr gerne dort. Es war eines der ersten Möbelstücke, in unserer Butzbacher Wohnung. Und als die Helfer am ersten Umzugstag gegangen waren, habe ich darauf ein Nickerchen gemacht. Es war eine Oase der Ruhe und ich war richtig glücklich über die neue Wohnung, das Arbeitszimmer und das bequeme, abegliebte Sofa. Und dieses Gefühl überkommt mich heute noch, wenn ich auf diesem Sofa liege. Hier kann ich dem Alltag entfliehen. Hier kann ich die Seele baumeln lassen. Hier denke ich über Andachten wie diese nach, hier bin ich mit Gott im Gespräch.

Von Jesus wird berichtet, dass er oft vor Sonnenaufgang aufgestanden ist, um zu beten. Ich vermute, das war sein Wohlfühlort – oder besser: sein Wohlfühlritual, seine Kraftquelle. Im Gespräch mit Gott tankte er innerlich auf.

Wer einen solchen Wohlfühlort oder ein solches Ritual hat, der hat es gut. Dort erlebt man besondere, von Gott geschenkte Momente. Sie stärken und geben Halt. Und wenn man einen solchen Ort hat, dann sollte man ihn immer mal wieder aufsuchen. Zum Wohlfühlen. Zum Gespräch mit Gott. Als Kraftquelle.

 

Vikar Ingmar Bartsch, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

Mail: bartsch@ev-kirche-bn.de
Tel: 06033 79 60 527

′Himmelfahrt′ am 22.05.2020 von Susanne Pieper

Himmelfahrt – was bedeutet das eigentlich?

Unsortierte Gedanken

„Während er sie noch segnete, entschwand er ihnen und wurde in den Himmel emporgehoben. Und sie kehrten mit großer Freude nach Jerusalem zurück.“ Lukas 24,52 f

Er geht von ihnen, wird von ihnen genommen. Das ist ein Abschied – von gemeinsam erlebter Geschichte, auch von der Hoffnung, er würde schon jetzt sichtbar und hier für Alle Gottes Reich aufbauen.

Er geht zurück in die unendlich große, freie, unsichtbare Dimension Gottes.  Damit weitet er auch unseren Blick:  es gibt unendlich viel mehr als nur dieses große, manchmal auch elende Erdengetümmel!

Die Jünger müssen erwachsen werden, ob sie wollen oder nicht. Das mutet er ihnen zu. Sie werden selbst ihren Weg finden, immer hörend und fragend danach, was denn wohl Gottes Wille in dieser oder jener Situation sein könnte. Und sie werden immer wieder das Vertrauen lernen – auf den Geist Gottes, der ihnen versprochen ist und der bei ihnen ist.

„Da er auf Erden war, war er uns zu fern, jetzt ist er uns nah“, sagte Martin Luther zur Himmelfahrt. Wir haben also nun einen Ansprechpartner, mit dem wir überall und jederzeit reden, zu dem wir beten können.

Er hat uns den Himmel aufgeschlossen. Das Tor ist geöffnet. Wir haben durch ihn den Zugang zu Gottes Dimension bekommen. Er ist unser Stellvertreter geworden, er vertritt uns vor Gott.  Nichts kann uns nun mehr von Gottes Liebe trennen.

Wir wissen nun, dass wir einen Heimathafen für unsere Lebensfahrt haben.

Er wird wiederkommen.

Dann wird Recht gesprochen. Dann wird die letzte Gerechtigkeit für alle aufgerichtet werden, die hier Unrecht erlitten haben.

Dann wird Friede sein.

Pfarrerin Susanne Pieper, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

′Alle eure Sorgen werft auf ihn′ am 20.05.2020 von Anne Wirth

Alle eure Sorgen werft auf ihn; denn er sorgt für euch. (1. Petrus 5,7)

In seinem Theaterstück „Faust“ beschreibt Goethe die Sorge so: „Sie deckt sich stets mit neuen Masken zu, sie mag als Haus und Hof, als Weib und Kind erscheinen, als Feuer, Wasser, Dolch und Gift. Du bebst vor allem, was nicht trifft, und was du nie verlierst, das musst du stets beweinen.“

Bringen wir diese sechs Zeilen auf einen Nenner, dann lautet er: Sorgen haben vielfältige Gründe, aber sie sind zwecklos! Natürlich beben wir manchmal vor etwas, das uns treffen will und uns dann auch tatsächlich trifft. Doch Sorgen können es nicht verhindern.

Also alles, was Sorge heißt, verdrängen, nicht nach oben kommen lassen? Das wäre zu viel verlangt und auch unmöglich. Sorgen sind so etwas wie Fragen an die Zukunft, auf die wir zunächst keine Antwort erhalten. Wir möchten das, was kommt, in den Griff bekommen. Aber wir wissen, dass uns das oft nicht gelingt. Deshalb werden uns Sorgen begleiten, solange wir leben. Auch wer glaubt, kann sich nicht vor ihnen befreien.

Was aber hilft? Was der Schriftsteller Peter Bamm einmal formulierte, ist sicher nur als Ironie zu deuten: „Kleine Sorgen wird man am besten los, indem man ein paar große bekommt.“ Das hieße, vom Regen in die Traufe zu geraten. Doch wie gesagt: Wir können das, was uns Sorge macht, nicht einfach abschütteln.

Aber eines können wir, und der über dieser Andacht stehende Vers aus dem 1. Petrusbrief ruft uns dazu auf. Wir können unsere Sorgen übertragen – in der Gewissheit, dass ein anderer sie mittragen, uns tragen will. Dieser andere ist Gott, von dessen „gewaltiger Hand“ in der Umgebung unseres Verses die Rede ist. Menschlich gesprochen macht er sich auch Sorgen um uns, dass wir mit unserem Glauben nicht Schiffbruch erleiden. Zugleich kümmert er sich um uns, damit wir durchhalten können. Das bedeutet nicht, dass er alle Hindernisse aus dem Weg räumt und keine Sorge mehr an uns herankommen lässt. Die Einzelheiten unseres Weges in die Zukunft bleiben uns verborgen. Wir dürfen allerdings darauf vertrauen, dass Gott uns in der Zukunft erwartet und begleitet. Und dann werden einmal alle Sorgen gegenstandslos sein. Amen

Pfarrerin Anne Wirth, Evangelische Kirchengemeinde Schwalheim-Rödgen

′Der Himmel freue sich′ am 19.05.20 von Meike Naumann

Der Himmel freue sich, und die Erde sei fröhlich, das Meer brause und was darinnen ist. Das Feld sei fröhlich und alles, was darauf ist; es sollen jauchzen alle Bäume im Walde. (Psalm 96,11+12)

Haben Sie schon einmal ein lachendes Feld gesehen? Oder einen Himmel, der sich freut? König David anscheinend schon, denn er hat wohl diesen Psalm geschrieben. Und ich kann mir vorstellen, was er meint! Nicht nur wir Menschen sollen Gott loben, auch die Natur gehört ja zu Gottes Schöpfung. Jedes Blatt, das an einem Baum wächst, sagt: „Schau, Gott hat mich gemacht!“ Wenn am Abend die Sonne untergeht, dann wird der Himmel in leuchtenden Farben bemalt, so lobt der Himmel seinen Schöpfer. Wenn der Wind durch die Blätter der Bäume rauscht, dann singt er von Gott. Mal laut und mal leise. Die Natur kann gar nicht anders, sie muss Gott einfach loben. Es ist „in ihr drin“. Für die Natur sind die letzten Wochen wie ein großes Aufatmen. Selten ist der Himmel über uns so leer gewesen, so unberührt, so ganz ohne die Kondensstreifen der Flugzeuge. Die Luft ist spürbar klarer. Und es ist stiller um uns. Plötzlich können wir den Gesang der Vögel und das Summen und Brummen der Insekten hören.

Sicher ist unsere Welt keine heile Welt. Das erfahren wir gerade jetzt. Es gibt so vieles, was nicht in ein Loblied passen mag. Sorgen um das Jetzt, aber auch um die nahe Zukunft belasten uns. Und auch der Natur ist nur eine kurze Atempause vergönnt. Wie wird es weitergehen mit dem Klimaschutz?

Trotz allem: Halten wir unsere Augen offen! Schauen wir nach den vielen schönen Dingen, die auf Gott hinweisen. Eine schöne Blume, ein Schmetterling, der Wind auf unserer Haut, ein netter Gruß, ein freundliches Lächeln. All das erzählt uns von Gott.

Pfarrerin Meike Naumann, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

′Die Mund-Nasen-Maske ein Symbol der Nächstenliebe′ am 18.05.2020 von Siegfried Nickel

Die Mund-Nasen-Maske ein Symbol der Nächstenliebe

Duftbaum, Rosenkranz und Plüschtier waren früher, heute ist die Corona-Maske das Accessoire an den Auto-Rückspiegeln der Republik.

Ein praktischer Ort, denn hier vergisst man sie nicht so leicht. Schließlich war das, was heute auch unseren Alltag prägt, bis vor wenigen Monaten für uns nur die ziemlich befremdliche Ausstattung asiatischer Touristen.

Doch inzwischen müssen wir die Mund-Nasen-Maske auch tragen: beim Friseur, beim Einkaufen oder im Bus.

Das ist oft nervig, denn sie rutscht, sie juckt und bei den selbstgenähten Alltagsmasken bekommt man auf Dauer auch noch schlecht Luft.

Keiner mag sie, diese Dinger – ich auch nicht.

Trotzdem trage ich sie – wenn irgend möglich – sobald ich weiß, dass ich mit anderen Menschen in näheren Kontakt komme oder der einzuhaltende Mindestabstand leicht unterschritten werden könnte. Was bei all den Nachteilen, Ungereimtheiten und Klagen über die Mund-Nasen-Maske nämlich oft aus dem Blick gerät, ist ihre Funktion:

Wer Maske trägt, schützt nicht sich selbst, sondern er schützt den anderen.

Deshalb ist das Tragen der Maske eigentlich nicht nur eine Frage der eigenen Befindlichkeit, sondern auch oder sogar in erster Linie eine Frage, was mir mein Mitmensch und seine Gesundheit wert sind.

Insofern ist die Mund-Nasen-Maske für mich ein Symbol der Nächstenliebe geworden.

„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen…und deinen Nächsten wie dich selbst.“

Diese Vorgabe ist eine der Grundherausforderungen des christlichen Glaubens seit 2000 Jahren. Seitdem bemühen sich Christen darum, dieses Dreieck der Liebe in das rechte Gleichmaß zu bringen.

Ganz aktuell und neu bewährt sich unser Umgang mit dem Nächsten in unserem Alltag, wo es räumlich eng wird, im Tragen der Mund-Nasen-Maske. Ziehe ich sie auf, trage ich viel zum Schutz meines Nächsten vor dem Virus bei, lasse ich sie weg, habe ich es bequemer. Es stellt sich also die Frage: Wo liegen meine Prioritäten?

P.S.: Der spannende Clou bei der Masken-Frage ist übrigens: Orientieren sich alle, denen ich begegne, an der Nächstenliebe, bin ich auch selbst geschützt.

Siegfried Nickel, Pfarrer in Steinfurth und Wisselsheim
Telefon: 0 60 32 / 81 66 7
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′Wie lieblich ist der Maien′ am 15.05.2020 von Rainer Böhm

Wie lieblich ist der Maien

Einer meiner Vorgänger im Pfarrhaus Uhlandstraße war Dekan Paul Gerhard Schäfer, ein Freund Niemöllers. Mit dem Gesang hatte er es nicht so sehr. Deshalb spielte ihm seine Frau vor jedem Gottesdienst, den er in der Dankeskirche hielt, auf dem Klavier die ersten Noten vor – damit er das Votum unfallfrei anstimmen konnte. Einige SpötterInnen nannten den kurzen Weg vom Pfarrhaus zur Dankeskirche damals den Paul-Gerhard-Weg. Wenn unsere Liturgie in Hessen noch, wie in anderen Landeskirchen, vom Liturgen gesungen werden müsste – wäre ich vermutlich kein Pfarrer geworden.

Die Kirchenlieder waren für mich eine Entdeckung. Das begann gleich nach dem Studium.  Als Student war ich anderen Musikrichtungen zugeneigt. Mit meinem Lehrpfarrer und dem hauptamtlichen Kantor, den es in meiner Vikariatsgemeinde gab, gingen wir die Gesangbücher durch. Und so lernte ich sie kennen: die fröhlichen Weihnachtslieder, die Ostergesänge, die eigentlich als Tanzlieder gespielt und gesungen werden können. Das war für mich wie eine neue Welt.

Ich erinnere mich an einen Gottesdienst im Sommer, als Eingangslied „Du meine Seele singe“, im Wechsel von Orgel und Posaunenchor – vor lauter Tränen konnte ich kaum singen. Ich bin da eher einfach gestrickt. Immer wieder halten unsere Gesangbücher solche wunderbaren Überraschungen für mich bereit, auf die unsere Kantoren Frank oder Uschi und andere mich hinweisen. Etwa aus dem neuen Gesangbuch auf „Meine Zeit steht in deinen Händen“ oder „Peace of the Earth“ von der Kommunität Iona.

Erst vergangenes Jahr habe ich gelernt, dass „Narzissus und die Tulipan“ gemeinsam blühen. Der Gemeindegesang fehlt mir jetzt sehr. Er wirkt als Therapeutikum. Zum Glück darf die Orgel ja noch spielen. Und es geht auch reduziert. Zu den innigsten Momenten meines Lebens gehört ein gemeinsamer Gesang von Liedern mit meiner Frau in einer leeren Kirche, ganz spontan, Gesangbücher lagen aus. In diesen Wochen geht mir „Wie lieblich ist der Maien“ nicht aus dem Sinn. Das habe ich erst vor ein paar Jahren ‚entdeckt‘. Ich singe es jetzt manchmal allein. Nächsten Mai hoffentlich wieder zusammen.

 

Pfr. Rainer Böhm, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim
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Boehm@ev-kirche-bn.de

′Von Messern und Konflikten′ am 14.05.2020 von Ingmar Bartsch

Von Messern und Konflikten

In unserer Küche liegt in einer Schublade ein Wetzstahl. Vielleicht sind unsere Ansprüche an die Schärfe unserer Messer zu gering, denn wir benutzen das Ding eigentlich nie. Als ich es neulich in der Schublade wiederfand, erinnerte es mich an einen Bibelvers:

„Wie Eisen durch Eisen geschärft wird, so schärft ein Mensch den anderen.“ (Spr. 27,17)

Soll ein Messer – anders, als die in unserer Küche – scharf bleiben, dann muss es ab und zu an den Wetzstahl. Auch für uns Menschen ist es wichtig, nicht nur die eigene Meinung zu bestätigen. Wir brauchen die Auseinandersetzung mit anderen, damit wir nicht stumpf – oder gar stumpfsinnig – werden.

Richtig scharf wird ein Messer nur, wenn es im Winkel von 15 bis 20 Grad geschliffen wird. Andernfalls ruiniert man Messer und Wetzstahl. Ohne Respekt  geführte Diskussionen und Konflikte rufen die immer gleichen Verletzungen hervor. Man schlägt quasi immer in die gleiche Kerbe.

Eisen an Eisen zu schleifen, ist übrigens ein wichtiger Hinweis: Diskussionen und Konflikte prägen unseren Charakter und schärfen unser Denken. Wichtig aber ist: Wir sind aus dem gleichen Material. Wir sind Menschen.

Vikar Ingmar Bartsch, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

Mail: bartsch@ev-kirche-bn.de
Tel: 06033 79 60 527

′In der Nacht ist sein Lied bei mir (Psalm 42,9)′ am 13.05.2020 von Susanne Pieper

In der Nacht ist sein Lied bei mir (Psalm 42,9)

Da sitzt die junge Frau, mit ihrer Harfe zwischen den Knien, in sich versunken auf der Bank in der Fußgängerzone. Und spielt. Die meisten Menschen hetzen an ihr vorbei.  Nur Wenige bleiben stehen, um ihr zuzuhören. Sie nehmen sich die Zeit. Sie halten inne. Lauschen. Lassen sich mitnehmen von den zarten Klängen und beginnen, leise mit zu summen. Es ist, als würde die Zeit still stehen. In diesem Moment erleben sie, was für ein großartiges Geschenk die Musik ist.

Musik spricht ohne Worte zu uns. Sie findet den direkten Weg zu unserer Seele. Und sie bringt etwas in uns zum Schwingen, das gerade in dieser Zeit oft wie verschüttet ist: die Leichtigkeit, die Freude und das Vertrauen.

Der Sonntag, der hinter uns liegt, trägt den Namen „Kantate“, das heißt „Singt“. Und dabei denke ich: das Singen ist tatsächlich die einfachste Form, Musik zu machen. „Singt!“ – das fordert uns in diesen Tagen heraus, in denen uns oft gar nicht zum Singen zumute ist. Aber es könnte sein, dass uns das Singen gerade jetzt hilft; dass es uns innerlich stärkt und aufbaut, wenn wir die Lieder anstimmen, die uns schon in früheren Zeiten aufgerichtet und froh gemacht haben.

Lieder sind wie Brücken.  Sie führen uns zurück und erinnern uns an Zeiten der fröhlichen, wohltuenden Gemeinschaft -  ob am Lagerfeuer, beim Wandern, in der Chorprobe oder im Gottesdienst. Und sie führen uns nach vorne.  Sie lassen uns auf die Zeiten hoffen, in denen all das wieder möglich ist!

Ich möchte Ihnen heute einen Zuspruch weiter schenken, den ich gefunden habe:

„So will es Gott, dass du wieder singen kannst:
‚Gott ist das Lied auf meinen Lippen,  Gott ist die Macht in meiner Verzweiflung. Gott heilt meine Seele. Deshalb werde ich leben und davon erzählen, was Gott an mir tut. Seine Güte und Barmherzigkeit erfüllt mein Herz.‘ Amen.“

Pfarrerin Susanne Pieper, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

′Als streichle mich Gott′ am 12.05.2020 von Anne Wirth

Als streichle mich Gott

Es sind nur ein paar Meter, aber innerhalb derer spielt sich Vieles ab. Im Park sind an der Rotunde vier Personen im Sicherheitsabstand beisammen, alle in Aktion:

Eine Mutter, die telefoniert und einen Kinderwagen mit ihren Zwillingen abstellen will.

Eine alte Dame, die mit dem Rollator hin und her rollt und einen Sitzplatz auf einer der vier Bänke sucht. Ein jüngerer Mann, der auch telefoniert, einen Rucksack an der Schulter hängen hat und eine Tasche in der Hand – zwischen den Knien eingeklemmt hält er noch eine Getränkedose. Schließlich noch ein Mann mit seinem Hund an der Leine, der eiligen Schrittes über den Platz läuft.

Alle wirken wenig entspannt und irgendwie leicht überfordert.

Vielleicht liegt es daran, dass wir Menschen einfach zu viel wollen oft sogar alles gleichzeitig. Telefonieren, Einkaufen, dabei den Kinderwagen oder Rollator schieben, den Rucksack oder die Wasserflasche handhaben, um den nächsten Termin nicht zu verpassen und zugleich mit unseren Gedanken schon bei Kochen sind. Wir wollen alles schaffen und behaupten auch, dass wir es können. In Wahrheit aber gelingt es selten. Irgendetwas geht meist schief.

Gerade in der aktuellen Situation, in der viele Eltern mit Ihren Kindern seit Wochen im Homeoffice zu Hause sitzen und versuchen, alles unter einen Hut zu bringen, wird es besonders deutlich spürbar. Wir leiden an einem Zuviel.

Unsere Seele leidet zuerst. Wenn zu viel zugleich gemacht oder gedacht werden soll, wehrt sie sich, lässt uns müde werden, macht uns Kopfschmerzen oder lässt uns aus Erschöpfung Tränen vergießen.

Meist genügt dann eine Kleinigkeit, dass wir endgültig die Fassung verlieren.

Die Seele lässt sich nie zwingen. Sie braucht nicht vielerlei, sondern alles nach und nach!

Ein Schritt nach dem anderen, auch wenn es manchmal schwerfällt.

Die Seele braucht auch Pflege. Sie braucht Zeit zum Aufatmen. Vielleicht pflegt man sie am besten, wenn man ihr mehr Ruhe gönnt, einfach in sich hineinhorcht an den Sonntagen. Dann blüht die Seele auf, sozusagen. Als streichle mich Gott.

Pfarrerin Anne Wirth, Evangelische Kirchengemeinde Schwalheim-Rödgen

′Nun danket alle Gott′ am 11.05.20 von Meike Naumann

Nun danket alle Gott, der große Dinge tut an allen Enden, der uns von Mutterleibe an lebendig erhält und uns alles Gute tut. Sirach 50,24

Kennen Sie das? Manche Menschen merken erst, dass sie zwei gesunden Arme haben, mit denen sie unglaublich tolle Sachen machen können, wenn sie sich einen Arm gebrochen haben. Mit einer Schiene oder einem Gips geht dann oft gar nichts mehr. Unser Körper – wir selbst – sind ein Wunderwerk Gottes. In dieser Minute schlägt das Herz von uns allen bis zu hundertmal – ohne das wir irgendetwas dazu tun müssen. Atmen, schlucken, sehen, riechen, schmecken, fühlen, hören – all das sind Dinge, die wir einfach tun ohne groß darüber nachzudenken. Dabei ist es doch gar nicht selbstverständlich, wenn wir all das tun können.

In den letzten Wochen ist Vieles ins Wanken gekommen. Unser Alltag hat sich verändert. Es ist ein bisschen so als ob wir mit einem gebrochenen Arm unser Leben neu organisieren müssen. Im Großen wie im Kleinen. Vieles, was immer ganz selbstverständlich gewesen ist, geht auf einmal nicht mehr oder nur unter erschwerten Bedingungen. Auf einmal fällt uns auf, was wir alles immer als selbstverständlich hingenommen haben ohne es noch wertzuschätzen. Diese Einschränkungen auszuhalten ist nicht einfach. Aber es steckt auch eine Chance darin. Nämlich die Chance ganz bewusst um uns herum wahrzunehmen, was alles da ist, was alles noch geht. Und auch worauf wir uns wieder freuen können, wenn sich in kleinen und behutsamen Schritten das Leben wieder öffnet.

Unser Leben mit all seinen Freiheiten, mit all dem was wir tun und lassen können, mit unserer Gesundheit, unseren Freunden, unserer Freude – es ist ein Geschenk. Ein Geschenk Gottes, dem Liebhaber des Lebens. So wie wir sind hat Gott uns geschaffen, so liebt er uns und begleitet uns auf unseren Wegen. Wenn das kein Grund zum Danken ist.

Da ich noch nicht geboren war,

da bist du mir geboren

und hast mich dir zu eigen gar,

eh ich dich kannt erkoren.

Eh ich durch deine Hand gemacht,

da hast du schon bei dir bedacht,

wie du mein wolltest werden.

(Text: Paul Gerhardt, EG 37)

Pfarrerin Meike Naumann, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

′Stürmische Zeiten′ am 08.05.2020 von Siegfried Nickel

Stürmische Zeiten

Stürmische Zeiten sind das. Durch die Corona-Pandemie ist nichts mehr, wie es war.

Am Mittwoch haben Bundeskanzlerin und Ministerpräsidenten neue Öffnungen beschlossen.

Viele sagen „endlich!“, die anderen „viel zu schnell!“.

Wer hat Recht?

Die Antwort kann uns nur die Zukunft weisen und aller Wahrscheinlichkeit nach wird diese Antwort von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich ausfallen.

Da werden die einen sein, die sich zuletzt durch die Situation sehr eingeschränkt, ja bedrängt erlebt haben und nun wieder Freiheit und sogar wirtschaftliche Grundlage finden. Und da werden die anderen sein, die selbst oder ihnen wichtige Menschen nun doch vom Corona-Virus erfasst werden und schwerwiegend erkranken oder gar sterben.

Wie verhalte ich mich?

Woran orientiere ich mich?

Manchmal, wenn Sorge oder gar Angst mich erfassen, komme ich mir vor wie in einer kleinen Nussschale mitten auf dem Meer, hin- und hergeworfen von stürmischen Wellen. So wie die Jünger auf dem Galiläischen Meer. Als sie selber nicht mehr weiterwissen, wenden sie sich an Jesus, der seelenruhig hinten im Boot schläft.

Der sorgt für Ruhe und die Jünger fragen sich: „Was ist das für ein Mensch?“ Erst später wird Ihnen klar: „Typisch Gottes Sohn“

Wo ich so daran denke, fällt mir ein: „Das habe ich auch schon so erlebt!“ Wenn ich Jesus mit ins Boot geholt habe, ist Ruhe eingekehrt, nicht unbedingt sofort äußerlich, aber eigentlich immer innerlich, bei mir.

Wie gut, dass mir diese Erinnerung gekommen ist.

Schon merke ich, wie sich Ruhe und Gelassenheit bei mir ausbreiten.

Amen.

Siegfried Nickel, Pfarrer in Steinfurth und Wisselsheim
Telefon: 0 60 32 / 81 66 7
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′Über das Verhältnis zu Autoritäten′ am 07.05.2020 von Rainer Böhm

Über das Verhältnis zu Autoritäten

 

Immer wieder geht es in diesen Wochen, die zu Monaten geworden sind, um Autoritäten und Vorbilder, an denen wir uns orientieren können und die uns durch diese Krise führen. Dazu ist mir ein Text von Mark Twain eingefallen, der mich auch aus einem anderen Grund berührt. Er hat nämlich das Verhältnis zu seinem Vater ungefähr so beschrieben:

Als Fünfjähriger war mein Vater für mich ein allmächtiger Riese. Als Zehnjähriger dachte ich, mein Papa weiß fast alles. Als Vierzehnjähriger: Ok, der weiß noch längst nicht alles. Als Achtzehnjähriger: Mein Alter hat keine Ahnung. Als Vierzigjähriger: Da sollte ich doch vielleicht mal Papa um Rat fragen. Und nun, als über Sechzigjähriger denke ich: Wenn Papa nur noch leben würde – ich wüsste gerne, was er dazu sagen würde!

Eine Lebensgeschichte im Zeitraffer, die auch meine eigene sein könnte.  Mark Twain beschreibt jedenfalls auch mein Verhältnis zu Autorität und zu anderen Menschen. Ich denke über sie nach, beurteile sie und bin leicht geneigt, sie zu verurteilen. Dabei mache ich selbst die einfachsten Fehler und vergesse so Einiges.

Urteilt nicht, damit ihr nicht verurteilt werdet; richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet, sagt der Mann aus Nazareth. Wie oft habe ich in den vergangenen Jahren erlebt, dass ein Team viel klügere Gedanken entwickelt als ein Einzelner.  Manchmal ist das ja sogar in der Familie so. Also lese ich die Andacht unserem Sohn vor. „Das ist doch Quatsch“, sagt er. Er ist zwanzig.

Pfr. Rainer Böhm, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim
06032 – 2908
Boehm@ev-kirche-bn.de

′Umkehr′ am 05.05.2020 von Ingmar Bartsch

Umkehr

Vor ein paar Tagen waren meine Frau und ich wandern. Anfangs schien die Sonne, laut Wetterbericht sollte es leichte Schauer geben. Gegen Mittag packten wir auf einer Bank unser Essen aus. Plötzlich begann es zu regnen und zu stürmen, wenig später hagelte es. Hastig stellten wir uns unter einen Baum, der aber nur wenig Schutz bot. Vor uns lagen noch zwölf Kilometer, hinter uns nur vier. Und so kehrten wir um.

Nach wenigen Minuten beruhigte sich das Wetter. Zweifel schlichen sich ein. Eigentlich wollten wir diesen schönen Weg ja zu Ende gehen. Aber was, wenn es wieder hagelt? Meine Frau beschloss: „Komm, wir gehen den Weg zu Ende!“ Ich war skeptisch, aber wir gingen wieder los und die Wanderung war wundervoll. Denn bald schien die Sonne wieder und begleitete uns fast bis zum Ende des Rundweges.

An diesem Tag ist mir etwas neu klar geworden: Wenn ich merke, dass ich eine Entscheidung falsch getroffen habe, dann ist umkehren nicht schlimm. Das ist sogar ein christliches Wesensmerkmal. Wenn ich mich verrannt oder gar versagt habe, dann ist das nicht das Ende. Wenn eine Entscheidung oder eine Handlung falsch war, dann kann ich das aussprechen und ich finde Vergebung. Denn dank Ostern, dank Jesu Tod und Auferstehung ist Umkehr immer möglich.

Vikar Ingmar Bartsch, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

Mail: bartsch@ev-kirche-bn.de
Tel: 06033 79 60 527

′Die Grünkraft′ am 04.05.2020 von Susanne Pieper

Die Grünkraft

 

Heute sind wir durch den Wald gewandert. Rausgehen aus den bekannten, gerade allzu bekannten Räumen und die Weite erleben, das war gut.

Die Vögel zwitscherten um die Wette, die Sonne schien durch das hohe Blätterdach der Bäume hindurch und das frische Grün zog immer wieder meine Blicke auf sich.

Wie wohltuend ist der Wald in diesen Tagen!

„Meine Damen, gehen Sie in die Natur. Das Grün ist gut für die Seele!“ Noch immer habe ich diese Aufforderung meiner Klassenlehrerin von damals im Ohr. Und wenn ich auch mit Vielem von ihr nicht einverstanden war, muss ich an diesem Punkt gestehen: damit hatte sie recht.

Hildegard von Bingen, die große Mystikerin, Meditationslehrerin, Heilkundige und Nonne des frühen Mittelalters, hat den Begriff der Grünkraft geprägt. Die Grünkraft ist für sie in allem, was die Schöpfung hervorbringt: in den Pflanzen, in den Speisen, aber genauso auch in einer positiven Lebenseinstellung. Es ist die Lebensenergie, die dem Menschen von Gott geschenkt ist. Aus Gott selbst quillt die grünende Lebenskraft.

Mir gefällt dieser Gedanke, und ich danke Hildegard im Stillen für diese Inspiration, die sie der Welt geschenkt hat. Auf meiner Waldwanderung habe ich mit allen Sinnen erlebt, das die Schöpfung mir mit ihrer Grünkraft manchmal auch einfach nur gut tun kann. Ich bin ein Teil der Natur. Ich bin Leben inmitten von Leben, das leben will.

 

Pfarrerin Susanne Pieper, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

 

′Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen′ am 30.04.20 von Meike Naumann

David spricht: Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.  (2. Samuel 22,30)

Benno ist in einem kleinen Dorf aufgewachsen. Dort ist er in den Kindergarten gegangen und hat in der Nachbarschaft viele Freunde gehabt. Oma und Opa haben auch dort gewohnt und er konnte sie jeden Tag besuchen. Letzten Sommer ist Benno in die erste Klasse gekommen. Aber nicht zusammen mit seinen Freunden aus dem Dorf. Denn er ist umgezogen in die Stadt, weil sein Papa eine neue Arbeit gefunden hat.

Jetzt wohnt Benno in einer schönen großen Wohnung. An die neue Umgebung hat er sich gewöhnt. Er kann seinen Schulweg alleine gehen und auch zum Brötchenkaufen am Samstag. Neue Kinder hat er auch kennengelernt und seine Klassenlehrerin mag er sehr. Trotzdem vermisst er seine Freunde und den Kirschbaum im Garten, in dem er immer geklettert ist. Und er vermisst Oma und Opa, obwohl sie ihn ganz oft besuchen kommen.

Hier in der Stadt gibt es so viele Häuser, auch ganz hohe Häuser. Immer wieder versperren Mauern den Blick. Und in den letzten Wochen ist es noch enger geworden. Unsichtbare Mauern sind überall aus dem Boden gewachsen. Wegen der Corona-Krise ist die Schule geschlossen. Erst findet Benno das richtig gut. Aber schon nach einigen Tagen vermisst er die anderen Kinder zum Spielen. Und auch das Lernen zu Hause macht nicht so viel Spaß wie in der Schule. Irgendwie kriegt Mama das nicht so hin mit dem Erklären. Auf den Spielplatz darf er auch nicht mehr. Da ist er froh, dass er mit seinem Hund und seinen Eltern viel im Wald unterwegs sein kann, wo er nicht dauernd aufpassen muss, dass er auch genug Abstand zu den älteren Menschen hält, die ihm auf der Straße entgegenkommen.

Zu dem alten Heimweh nach seinem Dorf und seinen Freunden, mischt sich jetzt ganz oft eine neue Traurigkeit. Er vermisst seine Großeltern ganz schrecklich. Jeden Abend telefoniert er mit seinem Opa und erzählt ihm, von seinem Tag. Und einmal als Benno wieder ganz traurig ist, da erzählt ihm sein Opa: „Weißt du, was mich tröstet, wenn mir wieder einmal ganz hohe Mauern im Weg stehen? Es ist ein Vers aus der Bibel: Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen. – das hilft mir, dass ich nicht alleine bin.“

Am nächsten Tag bekommt Benno Post. Einen richtigen Brief mit Briefmarke. In dem Brief ist eine Karte. Auf diese Karte hat Opa in Schönschrift den Bibelvers geschrieben. „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ 2. Samuel 22,30

Benno hängt sich die Karte über sein Bett. Beim Einschlafen und beim Aufwachen liest er Opas Mutmachkarte. Und er weiß, dass er nicht alleine ist und dass er so manche Mauer überspringen wird.

Pfarrerin Meike Naumann, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

′Feder′ am 29.04.2020 von Siegfried Nickel

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

neulich habe ich sie entdeckt - auf einmal schwebte sie vor meinem Fenster: eine Feder. Gesehen hatte ich sie schon vorher, da lag sie noch auf einem Busch, aber ich hatte das flauschige Weich nicht so ganz deuten können. Nun zog sie himmelwärts, nicht wie ein aufsteigender Vogel zügig und zielgerichtet oder gar wie ein Pfeil schnurrgerade, nein eher zögerlich, schwankend und eher stufenartig. Dann entschwand sie meinen Blicken und ich trat vor die Tür, denn ihr Anblick faszinierte mich und ich folgte ihrem aufsteigenden Schweben, bis sie im Himmelblau verschwand.

Ein Gleichnis auf mein Leben, auf meinen Glauben, auf mein Gebet?

Unsere Gesellschaft hat es sich angewöhnt, dass alles zielgerichtet und schnell erledigt werden muss, nach dem Motto „Zeit ist Geld“. Immer mehr hat sich das auch auf unser ganzes Leben übertragen, zielgerichtet und effizient muss es sein, am besten wie ein Pfeil, zur Not auch wie der Flug eines Vogels.

Allem anderen – z.B. Ruhe, Gelassenheit, Schritt-für-Schritt – wird nur noch geringer Wert beigemessen.

Warum eigentlich?

Wohl weil das nicht zu unserer neo-liberalen Wirtschaftsordnung passt, die unserem Leben weitgehend die Wertmaßstäbe diktiert.

Gerade diese Zeiten machen neu klar, wie wichtig die Werte sind, an denen wir uns orientieren, denn der Umgang mit dem Corona-Virus wird von Wertentscheidungen geleitet. Was ist wichtiger? Leben oder funktionierende Wirtschaft? Im Supermarkt fassen alle möglichen Menschen alles an, aber die Gesangbücher und die Oberflächen in den Kirchen müssen für den Gottesdienst desinfiziert werden. Werteentscheidungen.

Gott ruhte am siebenten Tag von den Werken seiner Schöpfung. Ob das effizient war?

Paulus schreibt von der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes (Römer 8,21), davon, dass uns Christus zu dieser Freiheit befreit hat, und von der Gefahr, sich wieder neu das Joch der Knechtschaft auflegen zu lassen (Galater 5,1).

Gott hat anscheinend andere Wertmaßstäbe. Nicht unbedingt die von Effektivität und Effizienz. Er hat Wertmaßstäbe, die nicht knechten, sondern uns zur Freiheit führen.

Wir dürfen uns darauf einlassen. Das muss nicht zielgerichtet und zügig sein. Nein es darf auch schwankend und zögerlich sein.

Wir können uns vom Heiligen Geist zu dieser Freiheit hintragen lassen, so wie diese Feder, die voller Leichtigkeit himmelwärts stieg.

Dann nimmt auch unser Leben etwas von der Leichtigkeit dieser Feder an.

Amen.

Siegfried Nickel, Pfarrer in Steinfurth und Wisselsheim
Telefon: 0 60 32 / 81 66 7
E-Mail: s.nickel@ev-kirche-sw.de

 

′Paul Gerhardt′ am 28.04.2020 von Ingmar Bartsch

Im Gesangbuch gibt es 26 Lieder von Paul Gerhardt. Damit liegt er nur knapp hinter Martin Luther. Als junger Mann erlebte Gerhardt den 30jährigen Krieg. Er hat viel Leid erfahren. Und doch gehört er zu den Liederdichtern, deren hoffnungsvolle Lieder mich immer wieder beeindrucken. 1647, der Krieg wütete schon 29 Jahre und das Ende war noch nicht absehbar, da schrieb Gerhardt das Abendlied „Nun ruhen alle Wälder“. In der letzten Strophe heißt es:

„Auch euch, ihr meine Lieben,
soll heute nicht betrüben
kein Unfall noch Gefahr.
Gott laß euch selig schlafen,
stell euch die güldnen Waffen
ums Bett und seiner Engel Schar.“

Aus diesem Lied spricht ein festes Vertrauen auf Gott. Paul Gerhardt wusste, wie fragil das Leben ist. Und offensichtlich kannte er keine andere Hoffnung, als Gott. „Wie ist das möglich?“ frage ich mich, wenn ich selbst schwere Zeiten durchlebe. Vermutlich hatte auch er Zweifel. Aber auch diese scheinen ihn nicht von Gott abgebracht zu haben.

Das merkt man an den Liedern, die er nach Kriegsende geschrieben hat. Gerhardt stand da schon in er Mitte des Lebens und er kannte von seinem elften Lebensjahr an nichts anderes, als die Kriegszeit. Das Ende des Krieges muss ihm wie eine Befreiung vorgekommen sein. Und er macht dieser Freude Luft, indem er Lieder schreibt, die vor Hoffnung und Dankbarkeit nur so strotzen. Eines der Bekanntesten ist das Lied „Geh aus mein Herz und suche Freud“ von 1653. Dort heißt es in der 8. Strophe:

„Ich selber kann und mag nicht ruhn,
des großen Gottes großes Tun
erweckt mir alle Sinnen;
ich singe mit, wenn alles singt,
und lasse, was dem Höchsten klingt,
aus meinem Herzen rinnen,
aus meinem Herzen rinnen.“

Ich möchte mich von Gerhardts Freude anstecken lassen. Er hat schwere Zeiten durchgemacht, schwerere, als ich sie bis jetzt kenne. Dabei hat er an Gott festgehalten. Vielleicht auch gegen allen Anschein. Von ihm dürfen wir uns auch heute noch fröhliche Worte und Melodien leihen, wenn wir in schwierigen Situationen stecken.

Vikar Ingmar Bartsch, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

Mail: bartsch@ev-kirche-bn.de
Tel: 06033 79 60 527

′Der Blitzer und der Sündenfall′ am 27.04.2020 von Ingmar Bartsch

Vor einigen Jahren rauschte ich über eine rote Ampel. Die Ampel war grün. Wegen eines anderen Autos war ich kurz abgelenkt. Ich schaue nach vorn und sehe im Augenwinkel die Ampel auf rot springen. Zu spät zum Bremsen. Zack. Was habe ich mich geärgert! Mich traf ja keine Schuld! Schuld war vielmehr die Situation, das andere Auto und überhaupt hatte die blöde Ampel eine viel zu kurze Gelbphase.

Ob mit voller Absicht oder versehentlich: Niemand will bei etwas Verbotenen erwischt werden. Und wenn doch, werden wir Menschen gerne kreativ. Der Prototyp aller originellen Ausreden steht in der Story vom Sündenfall im 1. Buch Mose 3. Die Menschen essen von der Frucht der Erkenntnis. Gott merkt natürlich, dass etwas faul ist und spricht Adam darauf an. Dieser antwortet in Vers 12 folgendermaßen: „Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß.“

Das ist ja mal eine echt geniale Ausrede! Adam macht sich hier nicht nur zum willenlosen Opfer ohne eigene Entscheidungskompetenz. Er suggeriert auch noch, dass eigentlich Gott an der Misere Schuld ist. Im Handstreich schiebt Adam die Schuld auf andere.

Mich begeistert, wie scharfsinnig, humorvoll und präzise die Bibel menschliche Eigenschaften beschreibt. Ich erkenne mich wieder und muss mir halb zerknirscht und halb amüsiert eingestehen: Ja, sowas habe ich auch drauf. Diese Ampel hat einfach eine viel zu kurze Gelbphase. Deshalb kann ich keinesfalls schuld daran sein, dass ich geblitzt wurde.

Vikar Ingmar Bartsch, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

Mail: bartsch@ev-kirche-bn.de
Tel: 06033 79 60 527

′Powerriegel für den Tag′ am 24.04.2020 von Susanne Pieper

Powerriegel für den Tag

 

Seit einigen Wochen ist mein üblicher Tagesrhythmus ziemlich aus dem Takt geraten. Es gibt kaum noch feste Termine, kaum noch analoge Treffen und Begegnungen von Angesicht zu Angesicht. Nun ist es nötig, für mich eine neue Struktur zu finden, die mir durch den Tag hilft. Dabei habe ich gemerkt, dass feste Rituale, die sich möglichst immer wiederholen, wirklich hilfreich für mich sind. Dazu gehört neben manch anderem auch eine längere Meditationszeit, die ich versuche, mir am Morgen zu nehmen.

Sich Zeit für das Beten zu nehmen, ist dabei alles andere als langweilig. Es ist höchste geistige und seelische Aktivität. Ich kann damit einen ersten, bewussten Schritt in den Tag gehen. Und ich bekomme einen großen Energieschub, um mein Tagewerk zu tun.

Ich habe gemerkt, dass Beten wirklich viele Seiten hat:

Beten ist schweigen - die Gedanken spazieren gehen lassen und dann loslassen. Innerlich zur Ruhe kommen, zur Insel in mir selbst finden.

Beten ist aber auch danken - für alles, was mir gegeben und geschenkt ist. Was ich oft als so selbstverständlich ansehe: für mein Leben, meine Gesundheit, meine Familie und meine Freunde, für mein Auskommen.

Beten ist klagen – über das, was mir wehtut und was ich nicht verstehe. Es bedeutet auch, lautlos meine Wut und meinen Zorn hinaus zu schreien über ein Leid oder ein Unrecht, über das ich manchmal verzweifeln möchte.

Zu beten, das hilft mir, meine Fassung wieder zu finden, wenn ich fassungslos geworden bin, mich innerlich wie an einem Rahmen oder einem Geländer festzuhalten.

Beten ist auch bitten – für mich selbst darf ich bitten, dass ich nicht resigniere sondern hoffnungsvoll und zuversichtlich bleibe. Dass ich Energie für mein tägliches Denken und Handeln habe. Und für so viele andere, von deren Situation ich weiß, die seelische oder materielle Unterstützung benötigen und Kraft für ihr Leben.

Ich denke, die Bischöfin der Ev. Kirche von Kurhessen – Waldeck hat recht, wenn sie sagt: „Ich erlebe, dass Beten das Herz erleichtert, weil all das, was schwer ist, zur Sprache kommen kann. Und wenn alles ausgesprochen ist, dann ist auch wieder Raum für die Hoffnung… und für das Vertrauen, dass Gott da ist und uns begleitet.“

Beten ist wie ein Powerriegel für den Tag. Gott bietet uns an, im Kontakt mit ihm zu sein. Zu jeder Tages – und Nachtzeit haben wir in ihm einen Ansprechpartner. Und er spricht zu uns durch sein Wort; das können auch die Losungen des Tages sein.

Vielleicht ahnen wir auf diesem spirituellen Weg, welcher Schatz sich hinter dem biblischen Wort aus dem 2. Buch Mose 33,11 verbirgt. Das lautet: „Und Gott redete mit Mose so wie ein Mann mit seinem Freund redet.“

 

Pfarrerin Susanne Pieper, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

 

′Asterix und Idefix ′ am 23.04.2020 von Anne Wirth

Liebe Gemeinde,

wie gehen wir mit den unliebsamen Herausforderungen unseres Lebens um?

Ich muss bei dieser Frage manchmal an die Asterix und Obelix Comics denken, die mich schon als Jugendliche begeisterten.

Asterix, ein kleiner, gewitzter Mann, der immer eine gute Idee hat, wenn es darum geht, die römischen Besatzer zu besiegen, die gerne auch dieses letzte gallische Dorf noch erobern würden. Und wenn er mit seiner List nicht weiterkommt, dann nimmt er einen Schluck  von dem Zaubertrank des Druiden Miraculix und entwickelt Superkräfte. Anschließend haut er ein paar mal kräftig zu und schlägt die Römer in die Flucht.

Wäre das nicht schön, wenn wir so sein könnten wie Asterix?

So wie er schlagen wir uns doch alle ständig mit Römern herum, die jedoch nicht mir Schwertern oder Rüstungen gewappnet, aber auch lästige Besatzer in unserem Leben sind: Probleme, Sorgen, Ängste, die nicht verschwinden wollen, egal, wie viel wir an ihnen arbeiten, Menschen mit denen wir nicht zurecht kommen, egal wie viel Mühe wir uns geben.

Der eine hat so einen Römer am Arbeitsplatz, dem er es nie recht machen kann. Für andere ist der Besatzer eine Wunde aus der Kindheit, die immer wieder aufbricht. Für manche ist der Römer die Angst um das Wohlergehen der Familie oder das Gefühl der Hilflosigkeit, wenn man feststellt, dass man eben nicht alles in der Hand hat.

Diese Besatzer unseres Lebens machen uns müde und mürbe, weil das ganze Leben eine Auseinandersetzung mit ihnen zu sein scheint.

Wäre es nicht wunderbar, wenn wir mit ihnen so einfach fertig werden könnten wie Asterix, mit eigener Kraft, dank eines Zaubertranks?

Und so beten wir zu Jesus: „Bitte, mach mich stark, damit ich die Römer aus meinem Leben vertreiben kann.“

Aber Jesus antwortet ganz anders, als wir uns das vorstellen. Seine Antwort auf die Bitte des Apostel Paulus um mehr Kraft, die Paulus sich wünschte, um seine Römer zu vertreiben, lautete: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig!“

Wahrscheinlich nicht ganz die Antwort, die Paulus sich zunächst erhofft hatte, denn sie ist Zusage und Herausforderung zugleich.

Die Zusage ist: Meine Kraft ist mächtig. Gott ist stärker als alle Römer, die uns das Leben schwer machen.

Die Herausforderung ist: Nimm deine Schwäche an und verzichte darauf, deine Römer selbst besiegen zu wollen. Sei wie Idefix, der kleine Hund, der so gerne in die große Hand von Obelix krabbelt und sich voll Vertrauen auf die Kraft seines Herrn hinein kuschelt.

Mit seiner Zusage, für uns mächtig zu sein, lädt Jesus uns ein, uns von unseren Besatzern zu befreien und das Richtige zu tun: Ihm unser Leben anzuvertrauen. Das Wagnis einzugehen, schwach zu sein, damit er sich als stark erweisen kann. Nur so werden wir die lästigen Besatzer unseres Lebens los.

Also lassen Sie uns doch lernen, mehr wie Idefix zu sein, im Vertrauen darauf, dass Gott uns von unseren Besatzern befreien will. Amen

Pfarrerin Anne Wirth, Evangelische Kirchengemeinde Schwalheim-Rödgen

′Verwandlung′ am 21.04.2020 von Siegfried Nickel

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

die Welt hat sich verwandelt.

Alles dreht sich nur noch um Corona oder zumindest unser Alltag ist massiv davon beeinflusst und verändert worden. Wie gut, dass es jetzt erste Schritte der Öffnung gibt. Ich freue mich schon darauf, irgendwann in den nächsten Tagen wieder zur Eisdiele meines Vertrauens zu gehen und ein Eis schlecken zu können, wenn auch nur aus dem Becher, wo es mir aus der Waffel doch viel besser schmeckt – aber immerhin.

Gleichzeitig treibt mich Sorge um: Ich höre und sehe viele, die offensichtlich nicht genau hingehört haben und jetzt das Kontaktverbot nicht mehr ernst nehmen. Hoffentlich führt das nicht zu einem neuen Anstieg der Zahl der Erkrankten und Toten und infolgedessen wieder zur Verschärfung der Maßnahmen. Das fände ich schlimm, denn ich möchte doch gerne wieder Gottesdienst feiern, mit Menschen aus der Gemeinde zusammenkommen, Glauben teilen - so wie es vorher war oder noch schöner.

Die Welt hat sich verwandelt.

Dieser Satz gilt auch für die Natur. Die Hainbuche, auf deren Zweige ich von meinem Schreibtisch aus schaue, glänzt in frischem Grün. Der Frühling schreitet voran.

Die Welt hat sich verwandelt.

Das gilt auch seit Ostern, seit der Auferstehung Jesu von den Toten. Der Tod hat nicht mehr das letzte Wort. Das ist mir ganz wichtig – gerade auch in Corona-Zeiten.

Wie und wann das sein wird?

Paulus hat dazu sehr spannende Äußerungen im 15. Kapitel seines 1. Korintherbriefes getätigt. Man könnte sie zusammenfassen mit den Worten:

Die Menschen werden sich verwandeln.

Anders kann es auch gar nicht sein. Einfach weiter so wird nicht gehen. Paulus schreibt: „Das Verwesliche wird nicht erben das Unverwesliche.“ Irgendwie ist das logisch. Mein vergänglicher Leib passt in der jetzigen Form nicht zur Ewigkeit bzw. Unvergänglichkeit Gottes. Als ich das las, habe ich mir meine Hand angeschaut und gedacht: „Ja, das ist wahr. Irgendwann wird diese Hand so nicht mehr sein, denn sie ist vergänglich. Aber wenn Paulus Recht hat, muss ich darüber nicht traurig sein, sondern meine Hand, mein Körper, mein Ich werden ersetzt werden durch etwas Besseres, Unverwesliches. – Eigentlich gar nicht schlecht.“

Ich werde verwandelt werden.

Wann das sein wird? Vermutlich nach meinem Tod. Vielleicht erklingt aber auch noch zu meinen Lebzeiten der Klang der „letzten Posaune“. Ich habe keine Ahnung. Aber ich beziehe einfach einmal einen Satz eines viel klügeren Theologen als ich es bin auch auf mich. Dietrich Bonhoeffer schrieb einmal: „Christus ist nicht in die Welt gekommen, dass wir ihn begriffen, sondern dass wir uns an ihn klammern, dass wir uns einfach von ihm hinreißen lassen in das ungeheure Geschehen der Auferstehung.“

Die Welt verwandelt sich. Ich verwandle mich.

Das ist ein permanentes Geschehen. In Corona-Zeiten hat es ungeheuer an Fahrt aufgenommen. Danach wird es nicht mehr so sein wie vorher. Manches wird in der Form nicht mehr zurückkommen - manch Schönes, aber auch manch Schlechtes. Übergänge sind oft schwierig. Aber auch jetzt ist viel Schönes zu entdecken und es wird wieder Schönes kommen.

Das Allerschönste kommt noch auf uns zu:

Wir werden verwandelt werden.

Das ist unsere Auferstehung.

Das ist Ostern.

Amen.

Herr,

mach Du meine Hoffnung stärker als den Zweifel,

meinen Mut größer als die Angst.

Dir will ich vertrauen, denn Du bist die Auferstehung und das Leben.

Amen.

Siegfried Nickel, Pfarrer in Steinfurth und Wisselsheim
Telefon: 0 60 32 / 81 66 7
E-Mail: s.nickel@ev-kirche-sw.de

′Hahnenfuß′ am 20.04.2020 von Rainer Böhm

Ich habe jetzt mal wieder was im Garten gemacht. Eigentlich halte ich mich da meistens vornehm zurück. (Meine Frau meinte eben: das ist wieder typisch. kaum machst Du mal ein bisschen was im Garten, musst Du schon eine Andacht darüber halten.) Beim Graben und Hacken habe ich gestern jedenfalls gemerkt:  Löwenzahn und Hahnenfuß kommen durch. Auf die ist Verlass. Die Erde in unserem Kräuterbeet ist bretthart geworden. Seit der Krise regnet es ja irgendwie nicht mehr. Aber dem Hahnenfuß ist das egal. Seine Wurzeln sind wirklich tief. Zuerst dachte ich, es sei Petersilie, mit Pflanzen kenne ich mich nicht aus. Aber meine Frau meint, raus damit!

Ich habe nachgesehen und gelernt, auch wenn ich mir das bestimmt wieder nicht merken kann:  Hahnenfuß heißt so wegen seiner Blätter, die sehen wirklich so aus! Und er heißt auch Ranunkel, das finde ich viel schöner. Und außerdem, so habe ich ihn wahrscheinlich immer genannt, schon damals, als ich als Kind noch Blumensträuße für meine Mutter oder meine Oma gepflückt habe: Butterblume.

Die Butterblume kommt also immer durch. Etwas überlebt auch die größte Trockenheit. Und hässlich ist sie ja auch nicht gerade. Ich könnte einfach nur sagen, Unkraut vergeht nicht. Und es mir bequem machen. Aber nein, ich möchte ja, dass Petersilie und Dill und Schnittlauch wachsen. Das finde ich viel besser. Also muss ich was dafür tun, muss raus in den Garten, hegen und pflegen.  Ohne Fürsorge geht es nicht. Ohne meine Arbeit wachsen keine Küchenkräuter im Beet.

 

Pfr. Rainer Böhm, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim
06032 – 2908
Boehm@ev-kirche-bn.de

′Josef′ am 17.04.2020 von Ingmar Bartsch

Zwei Seiten einer Eigenschaft

In der Küche trifft sich die Familie zum Essen. Oder um Kaffee zu holen. Oder einfach so. Man redet kurz, diskutiert, streitet. Über banale Dinge. Oder über grundsätzliche. Das ist schon immer so. Die Feuerstelle ist der zentrale Ort der Kommunikation.

Die Josefsgeschichte der Bibel ist eine klassische Familiengeschichte über Neid und Streit, Existenzangst und Selbstüberschätzung. Der Vater bevorzugte Josef und das kam bei seinen Geschwistern nicht so super an. Es gab also Konflikte an der Feuerstelle. Eben eine ganz normale Familie.

Und dann träumt Josef eines Nachts, seine Brüder und seine Eltern würden sich vor ihm verneigen. Und statt die Klappe zu halten, erzählt er das auch noch stolz herum. Das brachte das Fass zum Überlaufen. Die Brüder rasteten aus und wollten ihn heimlich töten. Der älteste Bruder setzte sich für ihn ein, und so wurde er „nur“ als Sklave an eine Karawane verkauft. Auf den ersten Blick keine gute Perspektive. Aber Gott hatte noch etwas mit Josef vor.

Er kam in der Sklaverei in Ägypten nämlich zu einer verantwortungsvollen Position. Und witzigerweise spielte seine Gabe zu Träumen eine entscheidende Rolle. Was also in der Familie echter Zündstoff war, hat sein Arbeitsleben essentiell beflügelt.

Wenn Familien aufeinander geworfen sind, brechen Konflikte schneller aus. Aber vielleicht ist ein unliebsamer Charakterzug eines Familienmitgliedes in einem anderen Kontext auch eine echte Gabe und positive Eigenschaft.

Vikar Ingmar Bartsch, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

Mail: bartsch@ev-kirche-bn.de
Tel: 06033 79 60 527

′Der Geduldsfaden′ am 16.04.2020 von Susanne Pieper

Ich werde langsam ungeduldig. Ich scharre mit den Hufen.  Ich möchte wieder einmal zum Friseur gehen, meine Lieben in den Arm nehmen, Menschen besuchen. Ich möchte, dass alles wieder so wird wie vor der Krise. Und weiß doch, dass das nicht geht. Mitten in meiner Unruhe fällt mir immer wieder mal eine Liedstrophe von Xavier Naedoo ein, der mit den „Söhnen Mannheims“ in dem Lied „Was wir alleine nicht schaffen“ gesungen hat: „ Nur wir müssen geduldig sein, dann dauert es nicht mehr lang.“

Ich habe oft darüber nachgedacht, was der Sänger mit diesem Satz wohl meint. Inzwischen denke ich, er will den Fokus nicht so sehr auf das Ziel legen, das wir erreichen wollen, sondern bewusst auf die Haltung, mit der wir einen Weg gehen. Geduld heißt im Griechischen „Hypomone“; das bedeutet drunter bleiben, standfest bleiben, etwas aktiv aushalten und durchhalten. Paulus sagt in Römer 5,4: „Geduld schafft Bewährung.“ Und in einer Bewährungszeit, die wir aktiv aushalten und gestalten müssen, befinden wir uns gerade allemal.

Der Geduld ganz bewusst Raum geben, das ist nicht leicht. Dafür brauchen wir innere Stärke. Manchmal denke ich: ich muss mir Geduld schenken lassen. Sie wohnt nicht einfach in mir drin. Sie muss von außen kommen.  Oder von oben. Oder von Gott. Ja, ich glaube, es hilft, öfter ein Stoßgebet zu Gott zu schicken und zu sagen: „Hilf mir, dass mir der Geduldsfaden nicht reißt! Du weißt, wie dünn er ist!“

Dann kann ich einen Moment lang wirklich durchatmen.  Innerlich neben mich treten und mich selbst barmherzig anschauen. Und dann bin ich froh, dass Geduld wirklich ein Geschenk ist. Ich kann immer wieder darum bitten. Paulus ist übrigens einfach klug gewesen, als er einst an die Gemeinde in Galatien schrieb: „Lebt im Geist Gottes! Denn die Frucht seines Geistes ist Geduld, Freundlichkeit und Güte.“ (Galater 5,22). Amen.

Pfarrerin Susanne Pieper, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

 

′Lebenskreuz′ am 15.04.2020 von Anne Wirth

Liebe Gemeindemitglieder,

„Macht Euch in der Karwoche auf in die Natur und baut euch ein Kreuz aus Naturmaterialien. Vielleicht taugt auch das ein- oder andere Stück aus Keller oder Speicher?

Stellt es ins Fenster oder in eure Vorgärten. 

Wenn unsere gewohnten Passions- und Ostergottesdienste ausfallen, wie schön ist es, wenn Menschen auf ihren Wegen an diesen Tagen dann doch die Kraft dieser Tage an den Fenstern oder in den Vorgärten erspüren können.“

So lautete sinngemäß die Einladung der Frauen des Evangelischen Dekanats vor Ostern.

Dieses sogenannte Lebenskreuz hat eine lange christlichen Tradition.

Die Spannung, die wir an Ostern erleben, beginnend mit dem Leid und Kummer an Karfreitag und endend in der frohen Botschaft von der Auferstehung Christi, findet hier bildlich seinen Ausdruck.

Wir sehen den gekreuzigten Jesus, angenagelt, tödlich verwundet, und gleichzeitig bricht von allen Seiten das Leben heraus. Grüne Blätter, blühende Äste, reifende Trauben umrahmen den Gekreuzigten.

Eine wunderbare Botschaft, die dieses Kreuz vermittelt. Das Todeswerkzeug verwandelt sich in einen Baum des Lebens. Das Kreuz wird zum Triumph für das Leben. Das Leben siegt über den Tod.

Das Lebenskreuz hat aber auch noch eine andere Botschaft, die für mein Leben essentiell wichtig ist. Sie lautet: Begib dich auf die Suche nach dem Schönen und Neuen, das dir in dieser Welt mit all ihrem Kummer und Leid auch begegnet. Sei aufmerksam für das, was dir Gott in diesem Leben schenkt.

Es kann natürlich sein, dass diese Suche manchmal enttäuschend ins Leere läuft. Aber es kann auch geschehen, dass sich bei allem aufmerksamen Suchen und Gefundenwerden dein persönliches Kreuz in einen Baum des Lebens verwandelt. Amen

Pfarrerin Anne Wirth, Evangelische Kirchengemeinde Schwalheim-Rödgen

′Hoffnung lässt nicht zuschanden werden′ am 14.04.20 von Meike Naumann

Hoffnung lässt nicht zuschanden werden. (Römer 5,5)

Maria von Magdala war dabei. Von Anfang an. Jesus hatte sie geheilt, hatte ihr Leben hell gemacht. Und sie war bei ihm geblieben und hatte ihr Leben mit ihm geteilt. Bis zum Schluss. Bis zum Tod am Kreuz. Drei Tage später wurde sie Zeugin von Jesu Auferstehung. Stellen wir uns vor, wir könnten sie direkt fragen, wie es ihr geht.

Maria, darf ich dich mal was fragen? Du hast erzählt, dass du früher sehr krank gewesen bist. Als du Jesus begegnet bist, bist du gesund geworden. Nun warst du glücklich. Aber dann wurde Jesus getötet. Du hast deinen besten Freund verloren. Wie geht es dir denn heute?

Maria: Ich vermisse Jesus immer noch schrecklich. Es hilft mir zu wissen, dass Jesus bei Gott ist und dass dort alles gut ist., Aber er fehlt mir sehr. Ich denke ganz oft an ihn. Das kennst du vielleicht, wenn auch bei dir jemand gestorben ist, den du lieb gehabt hast. Oder wenn du jemanden lange Zeit nicht sehen durftest. Aber eins möchte ich dir sagen. Das habe ich in meinem Leben gelernt: Schwere Zeiten, Zeiten, in denen ich traurig bin oder krank oder einsam, wo ich Angst habe und nicht mehr weiter weiß, sie gehören zu meinem Leben dazu. Zu jedem Leben gehören solche Zeiten. Auch zu deinem Leben. Doch ich weiß auch: Das alles bestimmt unser Leben nicht ganz und gar. Es gibt etwas, das stärker ist als alles: Gottes Liebe. Ich bin voll Hoffnung, weil ich Gott an meiner Seite weiß. Gott meint es gut mit mir. Und auch mit dir. Diese Hoffnung ist für mich an dunklen Tagen wie ein Licht.

Pfarrerin Meike Naumann, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

′Gründonnerstag′ am 09.04.2020 von Siegfried Nickel

Liebe Leserinnen und Leser,

heute ist Gründonnerstag.

Der Tag, an dem wir uns an den letzten Abend, die letzte Nacht des Jesus von Nazareth erinnern: An die Einsetzung des Abendmahls, an das Ringen Jesu mit Gott in Gethsemane, die Gefangennahme, das Verhör vor dem Hohen Rat und an die Verleugnung des Petrus. (nachzulesen z.B. im Markusevangelium, Kap. 14)

Gründonnerstag ein komischer Name. „Die Bezeichnung leitet sich vermutlich vom mittelhochdeutschen gronan = weinen ab, wie es als ‚greinen‘ heute noch lebendig ist. Sie ist wohl darauf zurückzuführen, dass an diesem Tag die öffentlichen Büßer (= Weinende) wieder in die volle kirchliche Gemeinschaft aufgenommen wurden.“ (K.H. Bieritz, Das Kirchenjahr, S. 118f) Der Duden erläutert „greinen“ mit klagen, weinen oder weinend klagen.

In diesem Jahr weinen an Gründonnerstag besonders viele Menschen. Fast 1,5 Millionen sind an dem Corona-Virus erkrankt. Es gibt aktuell an die 90.000 Tote.

In den biblischen Erzählungen ist es Petrus, der weint.

Er, der sich so viel zutraut, hat geleugnet, seinen Freund Jesus überhaupt zu kennen. Er weint über sich selbst und sein Versagen.

Die Corona-Zeiten werden ja weithin als solche beschrieben, wo wir auf neue und intensive andere Weise Freundschaften/Beziehungen pflegen können, weil plötzlich so viel Zeit zur Verfügung steht. Mir scheint das nur für einen Teil unserer Gesellschaft richtig. Andere sind viel stärker eingespannt, weil berufliche Dinge neu und zum Teil komplexer organisiert werden müssen oder weil Privates einer neuen Gestaltung bedarf, etwa die Kinderbetreuung.

Hinzu kommen Ängste um die berufliche Zukunft oder unmittelbar vor der Ansteckung mit dem Virus, die viele emotionale Kräfte absorbieren. Da kann es sein, dass wir – wie Petrus – auch in Situationen kommen,

wo unsere Ängste stärker sind als unser Mut.

Jesus weint in diesen Berichten erstaunlicher Weise nicht. Dabei hätte er allen Grund zum Weinen gehabt: aus Ärger, Wut, Enttäuschung oder Angst. Vielleicht hat er es auch getan, berichtet davon wird aber nichts.

Und doch glaube ich, dass er uns in unserem Weinen versteht, dass er bei uns ist in unseren Ängsten und Sorgen, dass er mit denen weint, die weinen.

Jesus hält sein Leiden aus, nachdem er sich in Gethsemane dazu durchgerungen hat, sich auf diesen Weg Gottes mit ihm einzulassen. Jesus weiß, was es heißt, als Mensch zu leiden.

So ist mein Gott einer, der weiß, was es heißt, schwach zu sein. Er ist nicht ein Gott der reinen Stärke, der in seiner göttlichen Abgeschiedenheit auch von mir vollkommene Stärke erwartet.

Wie gut ist das: Ich muss vor Gott nicht der permanent Starke sein. Ich kann klagen und weinen. Ich kann und darf greinen. Das lerne ich vom Gründonnerstag.

Amen.

Gott des Himmels und der Erde,

es gibt so viel Leid, Not und Elend auf dieser Welt,

gerade in diesen Zeiten der Corona-Pandemie erfahren das ganz viele Menschen.

Wie gut, dass wir vor Dir klagen, greinen können.

Vor Dich bringen wir all unsere Ängste und Sorgen

und bitten Dich: Tröste Du alle, die in dieser Zeit leiden,

und schenke Ihnen und uns Hoffnung.

Amen.

Siegfried Nickel, Pfarrer in Steinfurth und Wisselsheim
Telefon: 0 60 32 / 81 66 7
E-Mail: s.nickel@ev-kirche-sw.de

′Kerzenbaum′ am 08.04.2020 von Rainer Böhm

Am Kerzenbaum in unserer Dankeskirche sind etwa 40 kleine Plattformen in Gruppen an einzelnen Trägern angebracht auf die man Teelichte stellt. Vor vielen Jahren hatten wir uns miteinander für diese schöne Lösung entschieden. Wir fanden, dass es eine Möglichkeit geben soll, in der Kirche Kerzen anzuzünden. Und wir hatten jemanden, dem die Dankeskirche sehr am Herzen lag und der uns die Kerzen für unseren Kerzenbaum regelmäßig spendete. IN der Kirche wollten wir sie nicht verkaufen, sondern nur um eine Spende dafür bitten.

Einmal kam ich dazu, als wir eine riesige Palette ins Gemeindebüro angeliefert bekamen. Das waren zu meiner Überraschung die Teelichte für drei Jahre.  Jeden Tag vielleicht 25, 150 in der Woche, 600 im Monat. 7200 im Jahr, über 20.0000 in drei Jahren. Da kommt schon was zusammen. Und 25 am Tag, das ist sehr konservativ geschätzt. Denn eigentlich braucht man die Kirchentür nur aufzuschließen – und schon kommen Menschen herein.

Die Kerze ist ein Symbol. Hinter jeder Kerze steht im Christentum das Wort Jesu: “Ich bin das Licht der Welt!“ Das Licht leuchtet in der Finsternis. Es gibt uns Orientierung in der Dunkelheit. Das tut schon eine einzige Kerze in unserer riesigen Kirche oder auch bei Ihnen zu Hause.

Und jede einzelne Kerze ist wie ein Gebet: Ein Dank für Bewahrung in einer persönlichen Not oder in der Not eines Menschen, der uns sehr nahesteht. Eine Bitte für uns selbst oder für einen anderen.  Gott verkraftet davon jede Menge. Alleine 20.000 in unserer Kirche in drei Jahren. Und jede Kerze sagt uns, hier in der Kirche oder bei Ihnen zu Hause: Christus ist bei uns mit seinem Licht, auch wenn es dunkel ist.

 

Pfr. Rainer Böhm, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim
06032 – 2908
Boehm@ev-kirche-bn.de

′Störgeräusche ausschalten′ am 07.04.2020 von Ingmar Bartsch

„Herr Bartsch, schalten Sie doch bitte mal Ihr Mikrofon lautlos,“ Das sagte jemand mitten in einer digitalen Besprechung. Nach einem Redebeitrag hatte ich das einfach vergessen. Normalerweise ist das kein Problem, aber just an diesem Tag bekamen Nachbarn von uns eine neue Küche. Ich gönne ihnen das von Herzen und hatte mich fast schon an die Störgeräusche an diesem Tag gewöhnt.

Natürlich habe ich gleich auf lautlos geklickt. Man konnte sehen, wie sich die Mienen der anderen sofort entspannten. Ein fast schon lustiger Effekt.

Solche Störgeräusche gibt es auch im Alltag. Mal laut, mal nur als Grundrauschen. Die aktuelle Nachrichtenflut gehört dazu, auch wenn Information wichtig ist. Serien sind auch meine Störgeräusche, vor allem, wenn ich Folge um Folge hintereinander schaue.

Manchmal habe ich das Gefühl, wegen der Störgeräusche Gottes Stimme zu überhören. Nicht unbedingt als hörbare Stimme. Aber ich weiß, dass ich aus Andachten oder Bibellesen Kraft schöpfe und nicht dazu komme, wenn ich mich den Störgeräuschen widme. Viele tanken durch Meditation oder ein gutes Buch auf. Vielleicht braucht es da ab und zu jemanden, der zu mir sagt: „Herr Bartsch, schalten Sie doch bitte mal Ihre Störgeräusche lautlos.“

Vikar Ingmar Bartsch, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

Mail: bartsch@ev-kirche-bn.de
Tel: 06033 79 60 527

′Hoffnung′ am 06.04.2020 von Susanne Pieper

In meiner Küche liegen vier kleine Tüten.  In ihnen sind viele verschiedene Wildkräutersamen für Wild- und Honigbienen enthalten.  Ich habe diese Tütchen aus einem Gottesdienst mitgebracht, den wir gemeinsam mit dem Brot – für – die Welt – Team unserer Kirchengemeinde am 8. März dieses Jahres gefeiert haben.  Da ging es um das Thema „Nicht nur Honig - Gottes Schöpfung bewahren!“

Gefühlt ist das schon eine ganze Ewigkeit her. Denn fast seit vier Wochen beschäftigt uns auf allen Ebenen unserer Gesellschaft, ja unserer Welt ein ganz anderes Thema. Zahlen, Berichte und Analysen in den täglichen Nachrichten bedrücken mich oft. Ich brauche dann auch genügend Pausen, um sie für mich zu verarbeiten, um sie einzuordnen und um mein inneres Gleichgewicht wieder zu finden.

Aber heute habe ich die erste meiner vier Tüten geöffnet. Ich habe die Kräutersamen ausgesät. Und dabei hat mich eine ganz unerwartete, tiefe Freude ergriffen! Etwas aussäen -  darin drückt sich ja die Hoffnung aus, dass etwas Neues wachsen wird, dass wieder etwas zum Knospen und zum Blühen kommen wird. Dass das Leben weitergeht!

Wer die Saat auswirft, hat die Zukunft noch nicht aufgegeben. Säen heißt hoffen. Heißt darauf vertrauen, dass Gott uns und seine Erde noch nicht aufgegeben hat.

Die Hoffnung weitet unseren Horizont. Die Hoffnung lässt uns weitersehen, auch über den Tellerrand gegenwärtiger deprimierender Nachrichten hinaus. Die Hoffnung ist ein Lebenselixier. Sie ist eine der großen Gaben, die Gott uns schenken will. An jedem Tag von neuem. Das meint Paulus, wenn er im 1.Korinther 13,13 schreibt: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei.“ Es ist wichtig, die Hände und das Herz für sie zu öffnen und offen zu halten.

Wie gut, dass mich meine Wildkräutersamen in diesen Tagen genau daran erinnern!

 

Pfarrerin Susanne Pieper, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

 

′Andacht′ am 03.04.2020 von Anne Wirth

Andacht März 2020 für ältere Gemeindemitglieder Bezug Palmsonntag

Liebe Gemeinde,

Unsicherheit geht durch das Land und betrifft nicht nur die einen oder die anderen; die Betroffenheit ist fast überall zu spüren und in dieser Betroffenheit: das Sehnen, sich geborgen zu fühlen.

Ich höre Radio:

„Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit

in einer Welt, in der nichts sicher scheint.

Gib mir in dieser schweren Zeit irgendwas, das bleibt.“

So singt Silbermond, die Band aus Bautzen, in einem ihrer Lieder und trifft damit, obwohl das Lied schon älter ist, den Nerv unserer Zeit.

„Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit.“

Ich höre diese Worte und richte sie an Gott: „Gib mir irgendetwas, das bleibt.“

Diesen Sonntag feiern wir Palmsonntag. Jesus reitet auf einem jungen Esel und zieht in Jerusalem ein. Er reitet still in die Stadt, in der er in ein paar Tagen zum Tode verurteilt werden wird.

Nachdem er mit seinen Jüngern das letzte Mahl feiert, nachdem er im Garten Gethsemane betet, leidet er am Kreuz und wird dann ganz still.

Nach drei Tagen endet die Stille: Ostern – Jesus ist auferstanden. Jesus wird der Christus.

Mit ihm wandelt sich unsere Wirklichkeit. Jesus ist da und mit ihm „irgendwas, das bleibt.“

Was bleibt?

Bei ihm verhallen unsere Hilfeschreie nicht. Er kennt das Leiden. Bei ihm findet unser Sehnen ein Ziel, bei ihm finden wir Halt und Ruhe- bei ihm ist inmitten der Unsicherheit Hoffnung.

Was bleibt?

Gottes Wirklichkeit in unserer Wirklichkeit: wunderbar und hell, sanfter als der Schmerz und mächtiger als der Tod.

Jesus kommt, zu uns, der, der Hilfe bringt, der wohl gelingen lässt, weil er im Namen des Herrn kommt.

„Jesus schenkt mir ganz viel Sicherheit,

in einer Welt, in der nichts sicher scheint.

Er gibt mir in dieser schweren Zeit etwas, das bleibt.“

Pfarrerin Anne Wirth, Evangelische Kirchengemeinde Schwalheim-Rödgen

′Andacht′ am 02.04.20 von Meike Naumann

Der Frühling ist da. Eigentlich ist jetzt die Zeit in der man es öfters sehen kann: Liebespaare gehen Hand in Hand durch den Kurpark, um die Waldteiche oder bummeln durch Fußgängerzone. Sie berühren sich gerne und schauen einander immer wieder an. Diesen Frühling ist das anders. Und es fällt schwer zu akzeptieren, dass nur Abstand zeigt, wie wichtig uns unsere Mitmenschen sind.

Ich erzähle Ihnen eine Liebesgeschichte, die schön begann und viel zu früh endete.

Julie Hausmann, die 1825 als Lehrerstochter geboren wurde, lernt als junges Mädchen einen Theologiestudenten kennen, und beide verlieben sich sofort. Sie wollen heiraten. Er hat aber schon geplant für einige Zeit als Missionar nach Afrika zu gehen, um dort den Menschen von Jesus zu erzählen. Seine Papiere sind schon fertig. Julie Hausmann sagt: Ich folge dir! Wir verloben uns noch schnell und dann werde ich dir, sobald es geht, nachreisen. Dann heiraten wir eben in Afrika.

So machen sie es. Er reist voraus und sie bereitet ihre Reise vor. Schließlich macht sie sich selbst auf die Fahrt. Eine mutige junge Frau.

Als sie am Zielhafen ankommt, steht der Verlobte nicht wie verabredet am Kai. Sie nimmt sich einen Führer, der sie zur Mission begleitet. Dort erfährt sie, dass ihr Verlobter vor wenigen Tagen verstorben ist.

Noch am selben Abend setzt sich Julie Hausmann hin und dichtet das Lied, das bis heute in unseren Kirchen gesungen wird:“ So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich. Ich mag allein nicht gehen, nicht einen Schritt. Wo du wirst gehen und stehen, da nimm mich mit.“ Eigentlich wollte sie so mit ihrem Geliebten durchs Leben gehen: an seiner Seite, an seiner Hand. Nun muss sie allein durchs Leben gehen…. Aber nein, nicht wirklich allein. Sie erinnert sich, dass sie gemeinsam den Menschen von Gottes Liebe und Treue erzählen wollten. Und diese Liebe und Treue gilt ihr immer noch.

So entsteht das Lied von der Liebe, die auch dann noch trägt, wenn die Zeiten schwierig sind. Ein Lied von der Hoffnung auf Gottes großes Ziel, wenn wir den Weg nur verschwommen vor uns sehen.   

 

Pfarrerin Meike Naumann, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

′Gottes Liebe ist wie die Sonne′ am 01.04.2020 von Siegfried Nickel

Liebe Leserinnen und Leser,

zapfig kalt war es heute Morgen, als ich aus dem Haus trat und ich musste die Frontscheibe freikratzen, damit ich meine Tochter nach Bad Nauheim fahren konnte. Unterwegs habe ich mich geärgert, dass ich keine Handschuhe einstecken hatte, denn das Lenkrad war furchtbar kalt. Aber immerhin der Himmel war blau und die Sonne schien.

Am Mittag hat sie mich dann aus dem Haus gelockt und als ich aus der Tür trat, war es unter ihren Strahlen schon richtig schön warm. Das tat richtig gut!

Besonders, nachdem ich während des Vormittags für unsere Gemeindechronik die aktuellen Entwicklungen rund um die Corona-Krise aufgeschrieben hatte. Das kann einen schon entmutigen. Vor allem, wenn man die Prognosen, die damit einhergehen ernst nimmt. Oder um im Bild zu bleiben: Es kann einem kalt ums Herz werden. Wie gut, dass die Sonne da war. Sie hat es mir warm ums Herz gemacht.

Bei ihrem Anblick fiel mir unser Gesangbuchlied „Gottes Liebe ist wie die Sonne“ ein. Der Text geht weiter: „Sie ist immer und überall da.“ Ja das stimmt: Die Sonne ist immer und überall da. Selbst wenn Wolken davor sind oder es gar gewittert und stürmt. Sogar in der Nacht, wenn alles dunkel ist, ist die Sonne da, nur eben auf der anderen Seite unserer Erdkugel und sie taucht am nächsten Morgen wieder bei uns auf. So ist es auch mit Gottes Liebe. Sie ist immer und überall da. Sie ist auch da, wo ich sie nicht sehe. Sie ist auch da, wenn ich sie nicht spüre.

Sie wärmt mich. Sie wärmt mein Herz.

Vielleicht muss ich für diese Erfahrung aufstehen und vor die Tür treten – im wörtlichen oder im übertragenen Sinne – so wie ich heute Mittag. Manchmal braucht es sicher auch etwas Geduld. Die Zeit vom Morgen bis zum Mittag bis die Wärme durchdringt.

Auf jeden Fall habe ich mir vorgenommen:

Ich lasse mich in der nächsten Zeit immer wieder von Gottes Sonne anlocken, damit er bei mir mit der Sonne seiner Liebe all das vertreibt, was an Kälte nach mir greifen will.

Das Lied wird mir dabei eine gute Hilfe sein, vor allem an den Tagen, wo die Sonne nicht scheint.

Amen.

Siegfried Nickel, Pfarrer in Steinfurth und Wisselsheim
Telefon: 0 60 32 / 81 66 7
E-Mail: s.nickel@ev-kirche-sw.de

 

′Bibelworte′ am 31.03.2020 von Rainer Böhm

Manchmal halte ich mich an Bibelworten fest wie an einem Geländer. Das ist vielleicht etwas ganz Kindliches, aber ich brauche das oder das Kind, das in mir ist und das ich auch bin braucht es. Wie ein Mantra habe ich mir Psalmverse immer wieder aufgesagt, beharrlich und stur in einem gewissen Sinn. So habe ich neu zu beten gelernt. Die Worte und Bilder wurden für mich zu einer Art Rettungsanker. Wie bei einem Kind, das pfeift, wenn es im Keller etwas holen soll und in der Resonanz spürt, dass es nicht alleine ist. Sich selbst Mut machen kann.

Jetzt steht mir der letzte Vers im Matthäusevangelium vor Augen: „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“ (Mt 28). Das sagt Jesus seinen Jüngern und er sagt es auch uns, in unsere Verunsicherung hinein: Wie und wann gehe ich wieder einkaufen? Was können wir füreinander tun? Wie schütze ich mich und uns?

Dieses Wort Jesu, das uns bei der Taufe zugesagt wird, beruhigt mich. Daran halte ich mich fest. Denn Gott ist uns ganz nahe. Und ich bin ihm ganz nahe. Er begegnet uns in den Menschen, die um uns sind. In unseren Gedanken, wenn wir nach anderen fragen, die unsere Hilfe benötigen. In unseren Zweifeln und Nöten. In unserer Fürsorge und unserem Miteinander: auch wenn wir mit jemandem am Telefon sprechen, zuhören, uns erkundigen, wo persönliche Begegnung nicht möglich ist. Damit aus Angst Hoffnung wird. Die Hoffnung, dass unter uns und zwischen uns mehr geschieht als wir sehen und sich etwas entwickelt durch all die Schrecken hindurch, das uns weiterhilft, helfen wird.

Barmherziger Gott,

wir sind sehr verunsichert, denn alles wird auf einmal anders. Wir bitten Dich, mit Mut und auch mit Hoffnung durch diese schweren Zeiten gehen zu können, in dem Vertrauen, dass Deine Verheißung gilt und dass Du auch jetzt bei uns bist, ganz nah bei uns, wie du es versprochen hast, bis an das Ende der Welt.

Wir beten für alle Menschen, die krank und verunsichert sind. Für die, die in den Seniorenheimen jetzt nicht besucht werden können und denen dieser regelmäßige vertraute Besuch sehr fehlt, die das nicht verstehen können und die sich alleine fühlen müssen. Sei Du ganz nahe bei ihnen und tröste sie, wie eine Mutter tröstet.

Wir danken Dir für alle Menschen, die in den Krankenhäusern arbeiten und sich um Kranke kümmern. Wir danken für alle Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben das Corona -Virus zu erforschen, damit wir heilen und vorsorgen können. Wir danken Dir für alle Menschen, die das öffentliche Leben sicher machen: Polizistinnen und Polizisten, Frauen und Männer in den Feuerwehren und im Rettungsdienst.

Lass uns in jedem Menschen der uns in diesen Tagen begegnet ein Geschöpf sehen, dass dir wertvoll ist und dass du liebst. Lass auch in diesen Tagen ein Stück deiner Liebe, ein Stück deines Reiches unter uns sichtbar werden. Amen.

Pfr. Rainer Böhm, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim
06032 – 2908
Boehm@ev-kirche-bn.de

′Weiter Raum′ am 30.03.2020 von Ingmar Bartsch

Vor kurzem fiel mir ein Satz aus dem 31. Psalm ein: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“. Na toll, dachte ich. Das ist echt kein guter Spruch in diesen Zeiten. Wenn wir uns möglichst zu Hause aufhalten sollen, wo ist da weiter Raum? Trotzdem habe ich den Psalm aufgeschlagen und ich war überrascht: Der Psalmbeter scheint in einer aussichtslosen Situation zu stecken: „Gott, sei mir gnädig, denn mir ist angst!“ fleht er. Er sei eine Last seinen Nachbarn und ein Schrecken seinen Freunden. Hier geht es jemandem so richtig schlecht. Der Psalmbeter klagt an. Sein Leid ist real, er redet es nicht klein. Klagen hat seinen Platz in der Bibel. Und im Leben.

Und doch gibt es optimistische, fast überschwängliche Verse. „Gott, ich traue auf Dich!“ und „Du bist mein Fels und meine Burg“. Seinem Leid setzt der Psalmbeter also eine trotzige Hoffnung entgegen. „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ Daraus schöpfe ich Kraft. Und deshalb möchte ich beides tun. Ich möchte Gott klagen, dass mein Leben und das meiner Mitmenschen gerade eingeschränkt ist. Und wie der Psalmbeter will ich ein trotziges Hoffen dagegensetzen: Ich vertraue auf Gott. Ich hoffe darauf, dass meine Füße bald wieder auf weitem Raum stehen werden.

Vikar Ingmar Bartsch, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

Mail: bartsch@ev-kirche-bn.de
Tel: 06033 79 60 527

′Jetzt sind wir hier. Was jetzt geschieht, das geschieht uns′ am 27.03.2020 von Susanne Pieper

„Jetzt sind wir hier. Was jetzt geschieht, das geschieht uns.“

Diesen Satz aus dem Werk „Das siebte Kreuz“ von Anna Seghers kann ich nicht mehr vergessen, seitdem wir die Aufführung des Theaterstückes vor einiger Zeit in Frankfurt gesehen haben. Er hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt – wurde er doch vom Schauspielerensemble an jenem Abend auch immer wieder zitiert.

Radikal in der Gegenwart sein.  Oftmals radikal nur mit den eigenen vier Wänden konfrontiert sein. Müssen wir das nur erleiden? Oder können wir damit auch kreativ umgehen?

Eine ältere Dame sagte mir: „Ach, wissen Sie, ich bin ja gern zuhause.  Jetzt mache ich erstmal die Steuer.“ Viele beginnen jetzt mit einem intensiven Frühjahrsputz, räumen auf, dekorieren um oder entdecken ganz neue Ecken in ihrem Zuhause. Manche freuen sich auch ganz einfach darüber, dass sie überhaupt ein festes Dach über dem Kopf haben.

Nichts ist selbstverständlich von dem wir immer dachten, es wäre es.

Es wird eine Zeit nach Corona geben.  Mit diesem Vertrauen im Herzen möchte ich Ihnen heute einen Segen weitergeben, den die Theologin Brigitte Enzner –Probst geschrieben hat:

Segen dem eigenen Ort

Den eigenen Ort segnen

da wo ich gerade bin

Mich nicht fortwünschen

mich nicht fortdenken

mich nicht vergleichen

Sondern

den eigenen Ort pflegen ausbauen

als Ort meiner Kraft

Jeden Tag ihn betreten

auch wenn er mir dunkel erscheint

gerade dort

meine Schätze ausbreiten

Darauf vertrauen

dass ich gebraucht werde

gerade hier

dass Menschen kommen werden

denen ich viel zu geben habe

Bereit zu werden

sie bei mir zu empfangen

voller Liebe

Pfarrerin Susanne Pieper, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

pieper@ev-kirche-bn.de  06032/340771

′Andacht′ am 26.03.20 von Meike Naumann

Es gibt diese Tage, da stehe ich mit dem Gefühl auf: “Eigentlich habe ich gar keine Lust. Lasst mich doch einfach alle in Ruhe!“. Dann fällt jede Bewegung schwer und alles ist irgendwie anstrengend, besonders die Menschen um mich herum. An solchen Tagen würde ich mich am liebsten verkriechen. So eine Muschel wie der kleine Ping Pinguin aus der Augsburger Puppenkiste hat, in die er sich zum Schlafen legt und die er einfach zuklappen kann, so eine „Mupfel“ hätte ich dann gern. Von außen abweisend, so dass niemand sie anfasst, aber innen ganz hell und perlmuttglänzend. Am besten hilft dann ein geregelter Tagesablauf. Aber den gibt es in diesen Tagen nicht. Das hört sich erst einmal nach Urlaub an, aber so ohne die Perspektive, wann es denn wieder normal weitergeht, kommt keine Urlaubsstimmung auf. Da fühle ich mich gestresst, klein und schwach.

„Gott, sei mir gnädig, denn ich bin schwach.“

In Psalm 6 steht diese kleine Bitte, die mir in diesen Tagen nahe ist und die mir hilft. In dieses kleine Gebet kann ich mich flüchten. Denn ich kann darauf vertrauen, dass Gott mich versteht und mir meine Schwachheit nicht übelnimmt.

„Gott, sei mir gnädig, denn ich bin schwach.“

So darf ich getrost beten. Gottes Güte versteht, wie es mir geht. Gottes Liebe macht mir Mut und lässt meinen Blick auf die vielen kleinen Wunder lenken, die Gott im Alltag für mich bereithält.

 

Pfarrerin Meike Naumann, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

′Schöpfung als Prozess′ am 25.03.2020 von Susanne Pieper

Dieser Frühling zeigt sich uns in einer unglaublichen Vielfalt: Knospen springen auf und alles fängt an zu wachsen und zu blühen. Gleichzeitig aber erleben wir die Corona – Krise: so viele Menschen werden krank und viel zu viele sterben. Wir stehen in der Spannung zwischen atemberaubender Schönheit und erschreckender Zerstörung.

Wie sollen wir das verstehen? Ich denke, diese Zeit nötigt uns dazu, noch einmal genauer auf die Schöpfung zu sehen. Schöpfung bedeutet nicht einfach, dass sie perfekt und für immer gut ist. Paulus sagt im 8. Kapitel des Römerbriefes: „Die Schöpfung ist der Vergänglichkeit unterworfen; und wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet.“

Schöpfung bedeutet auch, dass andauernd das Chaos überwunden werden muss. Die Schöpfung, in der wir leben, steht in der Spannung zwischen den Ordnungskräften und den Chaoskräften. Sogar, wenn wir den ersten Schöpfungsbericht im 1. Buch des Mose lesen, sehen wir, dass die chaotische Finsternis nicht einfach verschwindet, sondern neben das Licht des Tages gestellt wird.

Dieses Virus zwingt uns von neuem zu der Erkenntnis, dass die Schöpfung sich immer in einem Prozess befindet. Einem Prozess, in dem die destruktiven Kräfte zurückgedrängt werden müssen. Wir können unendlich dankbar dafür sein, dass Gott mit seiner kreativen Macht unsere Erde und unseren Kosmos bis zum heutigen Tag so wunderbar erhalten hat und erhält. Aber er will uns auch als Mithelfer, als Mitakteure haben, um die Chaosmächte in unserem menschlichen Leben zurückzudrängen. Er hat uns dazu den Intellekt, die Kraft und die Entdeckerfreude gegeben. Darum sind unsere Forscher, Wissenschaftler und Ärzte in dieser Zeit so unendlich wichtig. Darum ist es so wichtig, dass wir in dieser Zeit den liebevollen Abstand zueinander halten. Darum ist es so entscheidend, dass wir uns um die Menschen kümmern, die geschwächt und krank sind.

Ich bin froh, dass wir dabei die Worte der Psalmen haben. Sie geben uns dann die Worte auf die Lippen, wenn wir selbst keine finden. So wie die Worte aus dem 90. Psalm:
„Gott du bist unsere Zuflucht für alle Zeit. Bevor die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist Du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Lass uns wieder Freude erleben, nachdem wir so lange Unglück leiden, und zeige Deine Güte Deinen Kindern.

Sei uns freundlich und fördere das Werk unserer Hände.“

 

Pfarrerin Susanne Pieper, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

 

′In Ängsten ... und siehe, wie leben!′ am 24.03.2020 von Rainer Böhm

„In Ängsten ... und siehe, wie leben!“  2. Korinther 6

Das war das Motto des ersten Kirchentages, den ich besucht habe, 1975 in Frankfurt. Ich bin, um mich bei der Kirche umzusehen, mit meinem R4 ein paarmal zum Messegelände gefahren. Das mit der Angst hatte mich angesprochen.

Zu unseren persönlichen Ängsten, wie sie mich damals umgetrieben haben, ist heute eine gemeinsame hinzugekommen. Wir teilen sie und wollen dennoch nüchtern bleiben. "In Ängsten … und siehe, wir leben!"  Angst, Sterbensangst, kann uns erfassen. Das war schon bei den ersten Christen so, denen Paulus scheibt. Wer sie verdrängt, läuft in die falsche Richtung. Ich will versuchen, in der Angst nicht aus dem Leben zu flüchten, sondern in die Arme Gottes. Bei ihm leben wir.

Damals auf dem Kirchentag habe ich das Glaubensbekenntnis Dietrich Bonhoeffers kennengelernt. Darin heißt es: "Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein".

Bonhoeffer sagt nicht: Im Glauben ist die Angst vor der Zukunft überwunden. Er ist viel vorsichtiger. „Müsste“, sagt er, und meint: Ich kann Gott nicht manipulieren. Gott schenkt Glauben. Indem Bonhoeffer einerseits tief überzeugt scheint, tastet er sich andererseits vorsichtig mit Worten an Gott heran. Ob das viel oder wenig ist, was uns bleibt in unserer Angst, das muss jeder selbst ausprobieren – und sich auf Worte einlassen. Ich habe erfahren: Das sind nicht einfach nur Worte, da ist Kraft. -

Wir gehen jetzt jeden Tag eine Runde durchs Feld. Die blühenden Bäume und Sträucher duften. Gestern flog ein Storchenpaar über uns, heute beobachtete uns ein Rudel von fünf Rehen. Am Weg steht eine Bank, von der aus man über das Tal blickt. Er hat die Erde so schön gemacht wie er konnte. Ängste und Krankheiten kann er nicht verhindern, aber er reicht uns darin die Hand.

Pfr. Rainer Böhm, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim
06032 – 2908
Boehm@ev-kirche-bn.de

′Alles hat seine Zeit′ am 23.03.2020 von Ingmar Bartsch

Alles hat seine Zeit?

Alles hat seine Zeit. So steht es im Prediger im 3. Kapitel. Lachen und weinen. Umarmen und aufhören zu umarmen. Schweigen und reden. Manche Beispiele werfen Fragen auf: Wann hat Töten seine Zeit? Und wann Streit? Die Worte Salomos provozieren. Und ich denke: Es gibt Zeiten, auf die könnte man gut und gerne verzichten.

Welche Zeiten würde ich gern aus meinem Leben streichen? Niederlagen, Enttäuschungen, Peinlichkeiten, Zerbrüche? Vielleicht die schwere Krankheit, die mich ein halbes Jahr außer Gefecht gesetzt hat? Damals war ich wütend. Und voller Angst, dass es nicht wieder so werden könnte, wie vorher. Ich hätte alles gegeben, dass die Situation von jetzt auf gleich vorbei ist.

Von der Krankheit ist fast nichts zurückgeblieben. Das ist nicht selbstverständlich. Umso dankbarer bin ich für meine Gesundheit. Aber ich habe mich verändert. In dieser Zeit spürte ich Gottes Nähe. Und ich bin Gott selbst näher gekommen. Auch durch Zweifel und die Wut auf meine Situation.

Alles hat seine Zeit. Das klingt ein wenig nach Gleichgültigkeit. Aber das ist es nicht. Denn es hat auch seine Zeit, in schweren Phasen zu hadern. Zu zweifeln. Ich wünsche mir und Ihnen, dass schwere Zeiten im Leben die Ausnahme bleiben. Garantieren kann das keiner. In einer Krise können die Worte Salomos verheißungsvoll klingen. Es gibt auch die anderen Zeiten. Bei aller Provokation lenken seine Worte den den Blick weg von der konkreten Situation hin zu einer langfristigen Hoffnung.

Vikar Ingmar Bartsch, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

Mail: bartsch@ev-kirche-bn.de
Tel: 06033 79 60 527

′Wann liest man in der Bibel′ am 20.03.2020 von Ingmar Bartsch

Wann liest man in der Bibel?

„Bei welchen Anlässen benutzt man die Bibel?“ Diesen Satz habe ich in einer vierten Klasse auf einem Blatt auf den Boden gelegt. Die Kinder haben sofort begeistert und voller Elan losgelegt. Die ersten Ideen sprudelten: im Gottesdienst, an Weihnachten, im Religionsunterricht. Je länger die Kinder schrieben, desto beeindruckter war ich von diesem Blatt voller toller Ideen: Man liest die Bibel, wenn man etwas über sie wissen will. Oder wenn man Lust hat. Oder wenn man Streit hat. Ein Kind schrieb: Wenn du verzweifelt bist.

Ich bin beschenkt nach Hause gegangen. Die Kinder haben daran erinnert, was die Bibel für ein Schatz ist.

Heute sitze ich an meinem Schreibtisch. Die Welt da draußen ist eine andere geworden. Ich bin nicht verzweifelt, aber mir ist dieses Blatt wieder in die Hände gefallen. Als Vikar nehme ich die Bibel oft in die Hand. Sie gehört zu meinem Handwerkszeug. Aber traue ich ihr auch zu, mein Leben in der aktuellen Situation zu bereichern? Trauen Sie der Bibel das zu? Ich nehme mir vor, auch für mich persönlich mehr in die Bibel hineinzuschauen. Schließlich ist sie voller Geschichten über Gottes Zuwendung zu uns Menschen. Ein Anfang wären die Bibelverse, die man selbst auf den Weg bekommen hat. Die Tauf-, Konfirmations- und Trausprüche. Der Psalm 23. Auch viele Andachten und Gottesdienste auf unserer Internetseite regen zum Nachlesen in der Bibel an. Einen Versuch ist es wert. Da hat die vierte Klasse absolut Recht.

Vikar Ingmar Bartsch, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

Mail: bartsch@ev-kirche-bn.de
Tel: 06033 79 60 527

′Andacht′ am 19.03.2020 von Susanne Pieper

Ich habe gerade alle dienstlichen Termine in meinem Kalender gestrichen. Das habe ich bisher nur einmal wegen einer längeren Erkrankung getan.

Was soll ich jetzt mit all der Zeit anfangen? Bestimmt ist es wichtig, dem Tag nun eine andere Struktur zu geben! Das will ich mir vornehmen: feste Zeiten für den Haushalt. Rausgehen, die Frühlingsluft genießen, die jetzt viel klarer und würziger ist als sonst, ohne die Treibhausgase. Jedenfalls so lange es noch geht… Menschen anrufen, zu denen ich schon länger keinen Kontakt mehr hatte. Oder anmailen. Mich vergewissern, dass sie da sind. Meine Arbeit am Schreibtisch machen.

Überlegen, wem ich helfen kann und das dann auch tun. Nur zwei Mal am Tag die neuesten Informationen zur Krise abrufen. Nicht öfter.

Mich nicht verrückt machen.

Und beten, in Gedanken mit Vielen verbunden, um 12.00 Uhr und um 19.00 Uhr, wenn ich die Glocken der Dankeskirche und der St. Bonifatiuskirche läuten höre. Um Kraft und Schutz und Segen bitten für die Kranken und die Einsamen, für alle Pflegekräfte, alle Ärztinnen und Ärzte, für alle Helfenden im Gesundheitswesen. Und nicht vergessen, Musik zu hören und zu machen.

„Die ganze Welt ist eine schmale Brücke, und die Hauptsache ist, sich nicht zu fürchten.“ (Rabbi Nachman von Brazlaw)

Aus Gottes Hand können wir nicht fallen.

 

Pfarrerin Susanne Pieper, Evangelische Kirchengemeinde Bad Nauheim

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