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26.01.2014

Gottesdienste

Einige Predigten der letzten Zeit zum Nachlesen, Ansehen und Anhören:

Gottesdienst am 28.06.2020 mit Video von Vikar Ingmar Bartsch

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar: https://youtu.be/DbrFC4STC-A

 

Votum
Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

 

Eingangsspsalm: 34 1-7
1 Von David, als er sich wahnsinnig stellte vor Abimelech und dieser ihn vertrieb und er wegging. 2 Ich will den HERRN loben allezeit; sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein. 3 Meine Seele soll sich rühmen des HERRN, dass es die Elenden hören und sich freuen. 4 Preiset mit mir den HERRN und lasst uns miteinander seinen Namen erhöhen! 5 Da ich den HERRN suchte, antwortete er mir und errettete mich aus aller meiner Furcht. 6 Die auf ihn sehen, werden strahlen vor Freude, und ihr Angesicht soll nicht schamrot werden. 7 Als einer im Elend rief, hörte der HERR und half ihm aus allen seinen Nöten.

 

Gebet:
Gott, wir wollen das Leben spüren. Manchmal fehlt uns die Lebendigkeit. Dann verfallen wir in Aktionismus, versuchen alles, um ein erfülltes Leben zu haben. Aber das lässt sich nicht erzwingen. Gott, zu oft vergessen wir, dass es bei Dir Leben in Fülle gibt. Denn in Psalm 36 betet König David: Bei dir, Gott, ist die Quelle des Lebens, und in deinem Lichte sehen wir das Licht. Lass uns in diesem Gottesdienst durch Dein Wort dieser Lebensquelle näher kommen. Das bitten wir Dich durch Jesus Christus, Deinen Sohn, der mit Dir und dem Heiligen Geist lebt und Leben schenkt in Ewigkeit. Amen

 

Schriftlesung: (Psalm 23) nach der Basisbibel:
1 Der HERR ist mein Hirte. Mir fehlt es an nichts. 2 Die Weiden sind saftig grün. Hier lässt er mich ruhig lagern. Er leitet mich zu kühlen Wasserstellen. 3 Dort erfrischt er meine Seele. Er führt mich gerecht durchs Leben. Dafür steht er mit seinem Namen ein. 4 Und muss ich durch ein finsteres Tal, fürchte ich keine Gefahr. Denn du bist an meiner Seite! Dein Stock und dein Stab schützen und trösten mich. 5 Du deckst für mich einen Tisch vor den Augen meiner Feinde. Du salbst mein Haar mit duftendem Öl und füllst mir den Becher bis zum Rand.
6 Nichts als Liebe und Güte begleiten mich alle Tage meines Lebens. Mein Platz ist im Haus des HERRN. Dorthin werde ich zurückkehren – mein ganzes Leben lang!

 

Glaubensbekenntnis
Verbunden mit allen Christen weltweit bekennen wir unseren Glauben.
Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde.
Und an Jesus Christus,
seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,
empfangen durch den Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage auferstanden von den Toten,
aufgefahren in den Himmel,
er sitzt zur Rechten Gottes,
des allmächtigen Vaters, von dort wird er kommen,
zu richten die Lebenden und die Toten.
Ich glaube an den Heiligen Geist,
die heilige christliche Kirche,
Gemeinschaft der Heiligen,
Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten
und das ewige Leben. Amen.

 

Lied EG+ 145
1) Gott, du bist die Hoffnung, wo Leben verdorrt. Auf steinigem Grund, wachse in mir. Sei keimender Same, sei sicherer Ort. Treib Knospen und blühe in mir. Und ein neuer Morgen bricht auf dieser Erde an, in einem neuen Tag blühe in mir. Halte mich geborgen, fest in deiner starken Hand und segne mich. Segne mich und deine Erde.

2) Gott, du bist die Güte, wo Liebe zerbricht, in kalter Zeit atme in mir, sei zündender Funke, sei wärmendes Licht, sei Flamme und brenne in mir. Und ein neuer Morgen bricht auf dieser Erde an, in einem neuen Tag brenne in mir. Halte mich geborgen, fest in deiner starken Hand und segne mich. Segne mich und deine Erde.

3) Gott, du bist die Freude, wo Lachen erstickt, in dunkler Welt lebe in mir, sei froher Gedanke, sei tröstender Blick, sei Stimme und singe in mir. Und ein neuer Morgen bricht auf dieser Erde an, in einem neuen Tag singe in mir. Halte mich geborgen, fest in deiner starken Hand und segne mich. Segne mich und deine Erde.
 

Predigt
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

Seit Sonnenaufgang liegt der junge Mann gut versteckt im Gras. Schon gestern hatte er hier gelegen. Und vorgestern. Ist heute der Tag, der über sein Schicksal entscheiden würde? Würde er heute endlich erfahren, ob er endgültig die Flucht ergreifen muss? Oder kann er einfach in sein altes Leben zurückkehren? Zurück zur Normalität, so als sei nichts gewesen?

Was war da eigentlich mit ihm passiert? So richtig erklären konnte er das nicht. Er hatte seinem König gedient. Er hatte Erfolg gehabt, er war beim Volk beliebt. Zahlreiche Schlachten hatte er geschlagen und immer war er siegreich. Er hatte sich immer für den König eingesetzt. An seiner Loyalität konnte also kein Zweifel bestehen.

Doch der König hatte sich immer seltsamer verhalten. Er hatte unkontrollierte Wutausbrüche – und das konnte jeden treffen. Dann schleuderte der König seinen Spieß ohne Vorwarnung auf Menschen. Auch ihn hätte es beinahe getroffen. Mehrfach. Aber er konnte immer ausweichen. Und dann hatten Freunde angefangen, ihn zu warnen. „Der König will Dich umbringen“ haben sie ihm zugeraunt. Das war mehr, als jenes diffuse Gefühl. Aber es war auch noch keine greifbare Gefahr. Und Intrigen gab es am Hof ja mehr als genug.

So hängt der junge Mann, sein Name ist David, an diesem Morgen seinen Gedanken nach. Die Welt um ihn herum erwacht. Die Vögel beginnen zu singen. Fern im Dorf hört man einen Hahn krähen. David nimmt das alles mit wachen Sinnen auf. Das kennt er, als Soldat lag er oft da und beobachtete Feinde. Und doch ist alles anders. Seine Zukunft steht auf dem Spiel. Das Herz schlägt laut, er zwingt sich zur Ruhe. Er spürt: Ich lebe! Ich bin lebendig. Vielleicht nicht mehr lange. Wer weiß das schon. Leben ist kostbar. Und es kann sich von heute auf morgen verändern. Eben noch der Chef der Leibwache des Königs und jetzt vom Tod bedroht.

Plötzlich taucht ein Mann mit einem Jungen auf. Er macht Schießübungen. Es ist das verabredete Zeichen. David drückt sich ganz auf den Boden. Und nach wenigen Minuten hat er Gewissheit: König Saul will ihn töten.

Er hat ein Leben verloren, in dem er sich ganz gut eingerichtet hatte. Jetzt beginnt eine Zeit der Unsicherheit, ein Leben auf der Flucht. Das Leben in Höhlen und in dunklen Gassen. Ein Leben, in dem Menschen, die ihm helfen, einfach umgebracht werden. Und das alles wegen einer nicht greifbaren Bedrohung. In diesem Fall der Eifersucht König Sauls, der fürchtete, dass David ihm den Königsthron abnehmen würde.

„Das Leben spüren“. Das ist das Motto, welches uns im Rahmen einer außergewöhnlichen Thomasmesse seit einigen Wochen begleitet. Und es hat viele Facetten. Ich bin mir sicher, dass David an diesem Morgen und später auf der Flucht das Leben besonders gespürt hat. In seiner Fragilität, in all der Unsicherheit, die das Leben mit sich bringen kann. Es ist ein Aspekt des Lebens, dass es aus Höhen und Tiefen besteht. Und dass wir die Höhen besonders zu schätzen wissen, wenn wir Tiefen erlebt haben. Und ich denke, dass es bei David auch so ist. In der Bibel wird seine Lebensgeschichte als Auf und Ab berichtet. Eben noch der bejubelte General, jetzt auf der Flucht und später der König von Israel. Wenn das nicht ein Paradebeispiel von „Das Leben spüren“ ist.

An der Geschichte von König David im alten Testament beeindruckt mich immer wieder sein unerschütterliches Gottvertrauen. Die meisten der Psalmen, die wir kennen, werden König David zugeschrieben. Und sie sprechen von Verzweiflung und Angst, aber auch von großer Hoffnung. Sie sprechen vom Leben in all seinen Facetten. Und in diesem Auf und Ab des Lebens, verliert David Gott nicht aus dem Blick. Egal, was ihn gerade bewegt, er sucht die Begegnung mit dem ewigen Gott. Denn sich auf Gott einzulassen bedeutet, sich auf das Leben einzulassen. Und wir lassen uns dort auf Gott ein, wo wir die Begegnung mit ihm suchen. Wie hier im Gottesdienst. Wir lassen uns dort auf Gott ein, wo wir darauf vertrauen, dass er uns trägt und begleitet.

Wir hatten als Thomasmessenteam darum gebeten, uns Beiträge zukommen zu lassen, wo Sie das Leben besonders spüren. Und auch wir haben uns Gedanken gemacht. Einen Teil davon haben wir Ihnen schon präsentiert, auf dem Youtubekanal der Gemeinde finden Sie noch mehr kurze Clips zum Thema. Die meisten von uns spüren das Leben besonders in der Natur. Beim Wandern, beim Radfahren. Im Sonnenschein oder im Regen. Und auch das sind Gottesbegegnungen. Begegnungen mit dem Unverfügbaren, mit dem, was über uns hinaus weist.

In Zeiten der Kontaktbeschränkungen ist das Leben aber auch dort zu spüren, wo wir kontaktlose Lebenszeichen finden. In den Bildern von Regenbögen in den Fenstern oder in den bunt bemalten Steinen vor Kindergärten und Kirchen. Entstanden ist das Motto „Das Leben spüren“ schon im April, als die Einschränkungen durch Corona besonders spürbar waren. Als wir merkten, wie vermeintlich normale Dinge uns plötzlich fehlten. Freunde treffen, Essen gehen, normal zur Arbeit dürfen, in die Schule gehen und so vieles mehr. Und doch zeigten die Beispiele, dass das Leben nach wie vor spürbar ist, dass wir auch bei eingeschränkten Lebensumständen Leben spüren können.

Das Beispiel von König David macht Mut, sich auch weiterhin auf die Suche zu machen nach den Kraftquellen des Lebens. Nach den Orten, Momenten und Begegnungen, in denen das Leben besonders zu spüren ist. David hat immer wieder die Nähe Gottes gesucht, mit ihm geredet, geklagt und gelobt. Deshalb plädiere ich dafür, dass wir bei ihm das Leben suchen.

In den Psalmen haben wir einen reichen, lebendigen Schatz. Vielleicht nehmen Sie sich im Sommer die Bibel zur Hand und lesen ein paar von den Psalmen. Oder das erste und zweite Buch Samuel mit der Geschichte von Saul und David. Ich bin mir sicher, Sie werden auch in diesen Texten das Leben spüren. Und Gott begegnen.

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle menschliche Vernunft, der bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

 

Lied Gesangbuch 170, 1-3
1) Komm, Herr, segne uns, daß wir uns nicht trennen, sondern überall uns zu dir bekennen. Nie sind wir allein, stets sind wir die Deinen. Lachen oder Weinen wird gesegnet sein.

2) Keiner kann allein Segen sich bewahren. Weil du reichlich gibst, müssen wir nicht sparen. Segen kann gedeihn, wo wir alles teilen, schlimmen Schaden heilen, lieben und verzeihn.

3) Frieden gabst du schon, Frieden muss noch werden, wie du ihn versprichst uns zum Wohl auf Erden. Hilf, dass wir ihn tun, wo wir ihn erspähen -, die mit Tränen säen, werden in ihm ruhn.

 

Fürbitten
Gott, Du hast uns das Leben geschenkt. Wir sehnen uns nach Lebendigkeit, aber manchmal fühlen wir uns ausgelaugt und leer. Dann wollen wir das Leben besonders spüren. Schenke uns die kleinen und großen Orte und Begegnungen mit Dir und unseren Mitmenschen im Alltag, in denen wir erfülltes Leben spüren können.

Gott, wir bitten Dich für diejenigen, die sich besonders danach sehnen, das Leben zu spüren. Wir bitten Dich für die Kranken und die Einsamen. Für die Menschen, die zur Risikogruppe gehören und Angst haben müssen, anderen zu begegnen. Wir bitten Dich für die Überforderten. Wir bitten Dich für die Trauernden. Schenke ihnen Hoffnung und Zuversicht und ein festes Vertrauen auf Dich.

Gott, wir bitten Dich für unsere Gesellschaft. Wir machen uns Sorgen, weil Menschen unmenschlich miteinander umgehen. Wir bitten Dich für die Opfer von Rassismus, für die Ausgegrenzten und Benachteiligten. Wir bitten Dich für die Wütenden und Gewalttätigen. Wir bitten Dich für diejenigen, die Verantwortung tragen. Schenke Menschen, die besonnen sind und den Dialog suchen und schenke uns, dass wir unseren Teil dazu beitragen können.

 

Vaterunser
Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

 

Segen
Mögest Du die kleinen Wegweiser des Tages nie übersehen:
Den Tau auf den Grasspitzen,
den Sonnenschein auf Deiner Tür,
das Wiederkäuen der Kuh,
das Lachen aus Kinderkehlen
der Mensch auf der Straße, der Dir ein Lächeln schenkt.
Möge Dein Tag gesegnet sein mit vielen kleinen, wundervollen Dingen.
So segne Dich der dreieinige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.

 

Rückmeldungen zu diesem Gottesdienst: bartsch@ev-kirche-bn.de oder 06033 79 60 527

Gottesdienst am 21.06.2020 mit Video von Pfarrerin Meike Naumann

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar: https://youtu.be/GY1cuqyXdag

Musik

Begrüßung mit Votum

Liebe Gemeinde,
ein ganz herzliches Willkommen zu unserem Gottesdienst am 2. Sonntag nach Trinitatis.
Christus spricht: Kommt her zu mir,
alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. (Mt 11,28 LUTHER 2017)

Jesus lädt uns ein. Kommt alle. Wir dürfen kommen. Wir sind willkommen. Auch wenn wir oft mit unseren Sorgen und Lasten so beladen sind, dass wir kaum an Gott denken. Auch wenn wir oft die falschen Fragen stellen. Wir alle sind eingeladen. Eingeladen auszuruhen und zu Kräften zu kommen. Einfach da zu sein so wie wir sind. Und so feiern wir unseren Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Psalm 36 EG 719
6 Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist,
und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.
7 Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes / und dein Recht wie die große Tiefe.
Herr, du hilfst Menschen und Tieren.
8 Wie köstlich ist deine Güte, Gott,
dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben!
9 Sie werden satt von den reichen Gütern deines Hauses,
und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom.
10 Denn bei dir ist die Quelle des Lebens,
und in deinem Lichte sehen wir das Licht.

Gebet
Christus spricht: kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. (Mt 11,28)
Jesus Christus, du unser Heiland und Erlöser.
In deine Nähe sehnen wir uns,
wenn das Leben uns zur Last wird,
wenn wir den täglichen Druck
nicht mehr ertragen können,
wenn wir am Ende sind
mit unserer Kraft.
Gemeinsam mit vielen
Bitten wir dich:
Erquicke unsere Seele.
Stärke unsere müden Hände
Und mache unsere wankenden Knie fest. Amen.

Schriftlesung Jes 55,1-5
551 Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch!
2 Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und euren sauren Verdienst für das, was nicht satt macht? Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben.
3 Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir! Höret, so werdet ihr leben! Ich will mit euch einen ewigen Bund schließen, euch die beständigen Gnaden Davids zu geben.
4 Siehe, ich habe ihn den Völkern zum Zeugen bestellt, zum Fürsten für sie und zum Gebieter.
5 Siehe, du wirst Völker rufen, die du nicht kennst, und Völker, die dich nicht kennen, werden zu dir laufen um des Herrn willen, deines Gottes, und des Heiligen Israels, der dich herrlich gemacht hat. Halleluja

Glaubensbekenntnis

Musik eg+ 52 Du bist heilig

Predigt

Die Gnade und die Liebe Gottes sei mit euch allen.
Liebe Gemeinde!

An Tagen wie diesen.
Wünscht man sich, dass alles bald vorbei ist. Dass die Zeit schnell vergeht.
An diesen Tagen geht einem alles auf die Nerven. Da kommt nichts richtig an.
Ich habe alles getan. Ich habe alles gesagt. Und dann haben sie doch nichts verstanden!

An einem solchen Tag „Es war zu dieser Zeit“ (Mt 11,25 BIGS 2011), da hat Jesus wirklich alles genervt.
Wieso verstehen die Leute nichts, obwohl er doch alles ganz genau erklärt hat?
Warum hören sie nicht Gottes Wort, obwohl er’s ihnen doch auslegt?
Warum haben seine Heilungen und Wunder so geringe Wirkung?
Wieso fragt sein Vetter Johannes, der ihn doch kennt, ob er wirklich der Richtige ist?
„Bist du es, der kommen soll? Oder müssen wir auf jemand anderen warten?“ (Mt 11,3 BIGS 2011)

Blöde Frage.

Hat er vielleicht gedacht, sagt es aber nicht.
Jesus versteht: Der da fragt, Johannes der Täufer, sitzt im Gefängnis. Er ist vom Leben abgeschnitten und kann mit seinem Tod rechnen. Jesus versteht die Frage von Johannes, der seine Lebensbilanz zieht: Habe ich alles richtig gemacht? Gibt es meinen angekündigten Nachfolger?
„Bist du es, der kommen soll? Oder müssen wir auf jemand anderen warten?“ (Mt 11,3 BIGS 2011)

„Ja, bin ich, Vetter Johannes.“
„Geht und erzählt Johannes, was ihr hört und seht: Blinde sehen, Gelähmte gehen umher, Leprakranke werden rein und taube Menschen können hören. Tote werden aufgeweckt und die Armen bringen die Freudenbotschaft. Glücklich ist, wer nicht meinetwegen Gott untreu wird.“ (Mt 11,4-6 BIGS 2011)

Jesus ärgert sich. Über die, die sich über ihn ärgern.
Manchmal kann das, was man sagt und tut, so sinnlos sein. Denn alle können es zwar sehen, aber die meisten verstehen es nicht.

Wenn er genau nachdenkt: Johannes, den sie Täufer nennen, ist es auch so gegangen. Der hat sich abgerackert, nur für Gott gelebt, auf allen Komfort verzichtet und ist ein wirklicher Prophet. Der sitzt aus königlicher Willkür im Gefängnis. Wird das vielleicht nicht überleben. Über den sagen die anderen: „Er ist von einem Dämon besessen.“ (Mt 11,18 BIGS 2011)
Und über Jesus selbst, der doch ebenfalls Gottes Willen tut, der genießt, was Gott schenkt: „Siehe, dieser Mensch ist ein Fresser und Weinsäufer, ein Freund der Zöllner und Sünder!
(Mt 11,19 LUTHER 2017)

Warum sagen die einen so und die anderen so
und das eigene Glaubensleben und –tun überzeugt nicht und es geht nicht weiter?

Jesus steigert sich richtig in seinen Ärger herein. So beschreibt es das Matthäusevangelium im 11. Kapitel. Jesus beschimpft die Menschen und die Städte, in denen er tätig war. Auch da ist trotz aller Wunder und Heilungen nichts passiert. Mit solchen Leuten möchte er am liebsten gar nichts mehr zu tun haben. Manchmal findet man einfach keine Anerkennung.

Und dann...

Er weiß doch wie sie sind. Warum ärgert er sich eigentlich und verschwendet seine Kraft? Ja, seine Kraft. Die kommt von Gott. Und plötzlich richtet er sich an Gott. Gibt Antwort auf ein ungehörtes Wort.
Und beginnt zu singen. Ein Loblied. Zu dieser Zeit. An Tagen wie diesen.

Predigttext: Mt 11,25-30
25 Zu der Zeit betete Jesus: »Mein Vater, Herr über Himmel und Erde! Ich preise dich, dass du die Wahrheit über dein Reich vor den Klugen und Gebildeten verborgen und sie den Unwissenden enthüllt hast. 26 Ja, Vater, das war dein Wille, so hat es dir gefallen. 27 Mein Vater hat mir alle Macht gegeben. Nur der Vater kennt den Sohn. Und nur der Sohn kennt den Vater und jeder, dem der Sohn ihn offenbaren will. 28 Kommt alle her zu mir, die ihr euch abmüht und unter eurer Last leidet! Ich werde euch Ruhe geben. 29 Vertraut euch meiner Leitung an und lernt von mir, denn ich gehe behutsam mit euch um und sehe auf niemanden herab.[4] Wenn ihr das tut, dann findet ihr Ruhe für euer Leben. 30 Das Joch, das ich euch auflege, ist leicht, und was ich von euch verlange, ist nicht schwer zu erfüllen.«

Was ist das jetzt? Eben noch genervt und jetzt singt Jesus Loblieder?
So lässt sich das Leben besser aushalten. Im Singen und im Loben.
Und wer weiß, ob die anderen das nicht besser und lieber hören.
Ob sie Singen und Loben nicht sogar besser verstehen!
Das tröstet Jesus selbst, wenn er singen kann:

25 Zu der Zeit betete Jesus: »Mein Vater, Herr über Himmel und Erde! Ich preise dich, dass du die Wahrheit über dein Reich vor den Klugen und Gebildeten verborgen und sie den Unwissenden enthüllt hast. 26 Ja, Vater, das war dein Wille, so hat es dir gefallen. 27 Mein Vater hat mir alle Macht gegeben. Nur der Vater kennt den Sohn. Und nur der Sohn kennt den Vater und jeder, dem der Sohn ihn offenbaren will.

Das tröstet auch die anderen, oder?
Und jetzt wendet er sich ihnen freundlich und einladend zu:

28 Kommt alle her zu mir, die ihr euch abmüht und unter eurer Last leidet! Ich werde euch Ruhe geben.
Kommt alle zu mir. Ich frage nicht danach, wer ihr seid, was ihr geleistet habt.
Ihr Mühseligen und Beladenen und Belasteten: Lasst euch erfrischen. Ruht aus.
Wendet euer Denken weg von euren Sorgen und Mühen.
Ruht bei mir aus. Am frischen Wasser. In den grünen Auen.

An Tagen wie diesen. „Zu dieser Zeit.“ (Mt 11,25 BIGS 2011)

Ausruhen. Erfrischen. Das wäre schön.
Wer das kann, lässt die Sorgen, das Mühen, die Last los.
Wendet sich von sich selbst, seiner eigenen Mühe und Beladenheit ab. Ist frei!
Kann sich Jesus und Gott zuwenden. Wird wieder beweglich.
Kann auf andere sehen, statt nur auf sich selbst.
Kann auf Gott sehen und in seinem Sinne für andere da sein.

Aber dann kommt die Einschränkung: „Nehmt meine Last auf euch und lernt von mir.“ (Mt 11,29 BIGS 2011) 29 Vertraut euch meiner Leitung an und lernt von mir,

Doch eine neue Last? Eine andere: „Ich brauche keine Gewalt, und mein Herz ist nicht auf Herrschaft aus. So werdet ihr für euer Leben Ruhe finden. Denn meine Weisungen unterdrücken nicht, und meine Last ist leicht.“ (Mt 11,29-30 BIGS 2011) denn ich gehe behutsam mit euch um und sehe auf niemanden herab.[4] Wenn ihr das tut, dann findet ihr Ruhe für euer Leben. 30 Das Joch, das ich euch auflege, ist leicht, und was ich von euch verlange, ist nicht schwer zu erfüllen.«

Es ist ganz einfach. Ruhe finden für’s Leben. Könnte ganz einfach sein. Das einzige, was wir brauchen, ist Gottvertrauen. Wer Gott vertraut, wird in ihm Ruhe und Erfrischung finden.

In der Realität sieht das anders aus. Das Mühen und Beladen- und Belastetsein kommt von ganz allein. Oder?
Es kommt von außen mit Ansprüchen und Erwartungen. Mit anderen Menschen.
Beruf, Leben, Klimawandel, Corona-Pandemie, die große und kleine Politik, die Familie, die Freunde.

Es kommt von uns selbst mit Ansprüchen und Erwartungen.
Ich muss doch.
Ich muss doch mein Leben planen:
Termine setzen und einhalten, zuverlässig sein, vorbereitet sein.
Ich muss doch organisieren, durchhalten, aushalten, tragen und ertragen.

Denn ich lebe nicht allein auf der Welt, und das ist gut so.
Ich lebe mit anderen und das bedeutet, dass ich mein Leben mit dem der anderen verknüpfen muss. Das macht es leichter und schwerer.

Ich bin eine, die entscheidet, handelt und ich muss verantwortlich leben.
Und mit meiner und der Lebensplanung anderer kommen die Sorgen,
die kleinen und die großen:
Werden wir rechtzeitig zum Arzttermin da sein, obwohl der Bus Verspätung hat?
Wird die Rente reichen? Werde ich von meiner schweren Erkrankung geheilt?
Werden die Kinder noch für uns da sein, wenn sie weiter wegziehen?
Wer wird mir beim Einkaufen helfen, wenn ich nicht mehr kann?
Tue ich wirklich alles, was ich kann?
Was geschieht mit der Welt, wenn sich das Klima wandelt?
Werden die Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft für die Menschen da sein?

Sorgen und Mühen und Lasten treiben uns um und halten uns fest. Sie lenken den Blick in eine Richtung, schränken das Gesichts- und Handlungsfeld ein, fesseln und lähmen.

So wird oft genug, auch von mir selbst, beklagt, dass ich das Eigentliche aus den Augen verliere. Das, was mich ausmacht, was Gott mir schenkt. Und auch der Mensch neben mir ist oft nicht mehr in meinem Blickfeld. Und Gott... Der ist da... Aber ich denke nicht an ihn.

„Zu dieser Zeit.“ (Mt 11, 25 BIGS 2011) An Tagen wir diesen höre ich das Wort: „So kommt doch alle zu mir, die ihr euch abmüht und belastet seid: Ich will euch ausruhen lassen.“ (Mt 11,18 BIGS 2011)

Es gibt Menschen, die leben so.
Die sind fröhlich und spontan. Genießen das Leben. Denen geht alles leicht von der Hand.
Die verlassen sich auf das, was kommt, auf Gott. Und sind trotzdem ganz sicher.
Die legen ihr Leben in Gottes Hand.
Sie lassen es sich nicht von äußeren Gegebenheiten,
von anderen Menschen und sogenannten Sachzwängen aus der Hand nehmen.
Die wissen, was sie wollen, haben feste Vorstellungen von dem, was sie tun und erleben wollen.

„So kommt doch alle zu mir, die ihr euch abmüht und belastet seid: Ich will euch ausruhen lassen.“ (Mt 11,18 BIGS 2011)

Vielleicht geht das ja doch.
Ich darf das auch. Wir dürfen das.
Uns einladen lassen und ausruhen. Die Lasten ablegen und frei werden.

„Zu dieser Zeit“ (Mt 11,25 BIGS 2011), an Tagen wie diesen, wird es dann doch gut.
Und das Herz wird weit und singt Gott ein Loblied. Amen

Musik

Fürbitte
Du lädst uns ein, (...) Gott.
Bei dir haben wir das Leben in Fülle.
Bei dir enden die Sorgen.
Bei dir ist die Angst vorbei.
Du gibst und alle Welt atmet auf.
Wir bitten dich:
Höre unser Gebet.

Du lädst die Durstigen ein.
Du lädst die Hungrigen ein.
Bei dir haben sie Hoffnung
auf Wasser, Brot, Milch und Honig.
Bei dir haben sie Hoffnung auf Gerechtigkeit.
Gib ihrer Hoffnung Kraft
und erfülle sie,
damit die Hungrigen und Durstigen satt werden,
damit es gerecht in der Welt zugeht.
Wir bitten dich:
Höre unser Gebet.

Du lädst die Fragenden ein.
Du lädst die Suchenden ein.
Bei dir finden sie Antworten.
Bei dir finden sie ihren Weg.
Antworte ihrem Fragen und Suchen,
damit dein Wille sichtbar wird,
damit die Mächtigen umkehren,
damit die Klugen umkehren,
damit wir alle zu dir umkehren.
Wir bitten dich:
Höre unser Gebet.

Du lädst die Liebenden ein.
DU bist das Glück. Segne die Liebe.
Du lädst die Traurigen ein.
Wir bitten dich heute besonders für die MEnschen, die in der vergangenen Woche unter deiner Zusage beerdigt wurde, dass du niemanden verlorengehen lässt. Nicht im Leben und nicht im Tod. Wir zünden eine Kerze für sie an. Wir vertrauen dir unsere Verstorbenen an und bitten dich für ihre Familien: Tröste sie. Lindere ihren Schmerz. Stelle ihnen Menschen an die Seite, die für sie da sind und ihnen neue Wege ins Leben gehen.
Du lädst alle Welt ein.
Du lädst deine Kirche ein.
Du gibst Frieden.
Du gibst Einheit.
Schütze die Verfolgten,
rette die Ertrinkenden,
verteidige ihre Retter.
Ermutige unsere Kinder,
damit ihr Protest gehört wird.
Mache uns zu Boten des Friedens.
Wir bitten dich:
Höre unser Gebet.

Vaterunser
Abkündigungen
Segen
Musik

Gottesdienst am 14.6.2020 mit Video von Pfarrerin Susanne Pieper

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar: https://www.youtube.com/watch?v=_6T9HfskGno

Begrüßung

Ein herzliches Willkommen zum Gottesdienst, den wir hier in der Dankeskirche digital mit Ihnen und mit Euch feiern! Kritiker sagen, es sei manchmal zu behaglich in den Gottesdiensten der Kirchen. Oder es gehe nur darum, sich wohl zu fühlen.

Heute hören wir, dass die Nachfolge Jesu bedeutet, sich auch hinterfragen zu lassen, von alten Selbstverständlichkeiten Abschied zu nehmen und neue Prioritäten im Leben zu setzen. Der Wochenspruch aus dem 10. Kapitel des Lukasevangeliums passt dazu. In ihm sagt Jesus zu seinen Jüngern und Jüngerinnen: „Wer euch hört, der hört mich. Und wer euch verachtet, der verachtet mich und den, der mich gesandt hat.“

Lasst uns nun den Gottesdienst feiern im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes! Amen.

Psalm 133 Ein Wallfahrtslied von David

Seht, wie gut und wie schön ist es, wenn Schwestern und Brüder im Frieden zusammenleben!

Das ist so wohltuend wie das duftende Öl, mit dem Aaron, der Priester, gesalbt wurde, und das von seinem Kopf herunterrann in seinen Bart, bis hin zum Halssaum seines Gewandes.

Das ist so wohltuend wie frischer Tau, der vom Hermon niederfällt auf die Berge Zions.

Ja, dort schenkt der Ewige seinen Segen: Leben bis in Ewigkeit.

Gebet

Du, mein Gott, ich habe mich aufgemacht an diesem Morgen. Hier bin ich nun: mit meinem Glauben, mit meinen Fragen, mit meinen Zweifeln, mit meiner Unsicherheit, aber auch mit meiner Freude. Ich vertraue darauf, dass du mich hörst! Zeige mir, Gott, was gut ist und was wichtig ist für mein Leben. Amen.

EG 449,1.4 Die güldne Sonne

Ansprache

Gottes Liebe, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Liebe Gemeinde, im Fernsehen gab es eine Dokumentation, die begann so: wir sehen eine Frau, die mit einer zweiten Frau im Schlafzimmer vor dem Kleiderschrank steht. Die beiden nehmen Kleider und Blusen samt den Kleiderbügeln aus dem Schrank und legen sie aufs Bett. Dabei fragt die eine Frau die andere, wie oft sie die Sachen getragen hat und ob sie noch passen – und wir verstehen langsam, dass es sich hier um eine Kleiderschrank – Beratung handelt. Am Ende dieser Aktion ist der Schrank deutlich leerer, aber auch übersichtlicher als am Anfang. Die Beraterin erzählt, dass es viele Menschen gibt, die nicht mehr wissen, was sie mit der Fülle ihrer Kleidung oder ihrer Bücher oder ihres sonstigen Krams machen sollen und daran zu ersticken drohen. Jedenfalls beschäftigt das Problem überfüllter Wohnungen inzwischen eine ganze Berufsgruppe von professionellen Beratern. Und hinter dem großen Wunsch, den Schrank und die Wohnung aufzuräumen, steht mit Sicherheit das Bedürfnis, das Leben selbst aufzuräumen. Nicht mehr von all dem Überflüssigen gefangen zu sein.

Das Maßlose, der totale Überfluss ist ein Problem unserer heutigen Zeit. Und wir zahlen dafür einen hohen Preis – dies zeigt sich an all dem Plastikschrott und an den Müllbergen, die in unseren Tagen produziert werden.

Wie ist das eigentlich mit alledem, was wir besitzen? Wie wichtig soll uns das eigentlich sein? Und wieviel Zeit und Aufmerksamkeit wollen wir all dem geben? Ich glaube, wir ahnen es, dass unser Besitz uns regelrecht in Besitz nehmen kann. Wir ahnen, dass er für uns zu einem Götzen werden kann, der uns fest im Griff hat. Und dass es wichtig ist, acht zu geben und etwas dafür zu tun, dass das nicht geschieht.

Auch die ersten Christinnen und Christen stellten sich schon vor 2000 Jahren diese eine Frage: was ist im Leben wirklich wichtig? Wofür will ich leben? Und was sind meine Prioritäten? Folgendes wird uns dazu aus dem 4. Kapitel der Apostelgeschichte berichtet:

Die Menge der Menschen, die zum Glauben gekommen waren, war ein Herz und eine Seele. Niemand sagte von seinen Gütern, dass es Privateigentum sei, sondern sie teilten alles, was sie hatten.

Mit großer Kraft legten die Apostel Zeugnis ab von der Auferstehung Jesu, des Herrn. Und alle erlebten Gottes große Güte. Es litt auch niemand Mangel unter ihnen. Alle nämlich, die Grundstücke oder Häuser besaßen, verkauften sie, brachten die Verkaufserlöse herbei und legten sie den Aposteln zu Füßen. Es wurde einzeln zugeteilt.

Auch Josef, ein Levit aus Zypern, gehörte zu ihnen. Die Apostel nannten ihn Barnabas, das heißt übersetzt „der andere tröstet“. Er verkaufte seinen Acker und überreichte das Geld den Aposteln.

Den „Liebeskommunismus der Urgemeinde“ hat man das genannt, was hier beschrieben wird. Eine „ideale Gemeinschaft“, sogar ein „Vorgriff auf das Reich Gottes hier auf Erden“.  Aber vielleicht ist es wichtig, genauer hinzuschauen. Die Christen der ersten Gemeinde wurden zusammengeschlossen und verbunden durch ihren gemeinsamen Glauben. Sie hatten den Sinn ihres Lebens gefunden: sie vertrauten darauf, dass Jesus Christus ihrem Leben die richtige Richtung gab. Dass er lebte und bei ihnen war, ihnen die nötige Kraft für ihren Alltag gab und sie durch seine Liebe zu einer Gemeinschaft machte. Sie hatten das Zentrum ihres Lebens entdeckt!

Und von diesem neuen Blickwinkel her konnten sie nun klar unterscheiden, was wirklich wichtig war – und was nicht. Besitz, so stellten sie fest, liegt irgendwo dazwischen, zwischen wichtig und unwichtig. Besitz ist nicht unwichtig. Keineswegs. Wer das Nötigste nicht hat, der muss die ganze Zeit nur darüber nachdenken, wie er sich den Lebensunterhalt sichern kann. So kann man nicht leben. So diesseits der Armutsgrenze.

Auf der anderen Seite tut ein Zuviel von allem auch nicht gut. Wer zu viel besitzt, braucht immer größere und extravagantere Dinge, um ein Glücksgefühl zu empfinden und um sich noch freuen zu können. Nicht umsonst nennt man die Kaufsucht schließlich eine Sucht.

Die frühen Christen wussten, dass der Besitz zwei Seiten hat; dass er einerseits nötig ist und andererseits die Seelen besetzen kann, auch die soziale Gemeinschaft zerstören kann. Sie wussten, dass Besitz zum „Mammon“ werden kann. Deshalb versuchten sie, so zu leben, dass diese Gefahr ihre Gemeinschaft, ihr Zusammenleben nicht beherrschen konnte. Im Predigttext wird von einem Mann erzählt, der einen Acker verkaufte: „Josef, den sie Barnabas nannten, verkaufte seinen Acker und überreichte das Geld den Aposteln.“ Josef tat hier etwas, was öfter von den Christen der Urgemeinde erzählt wird: er verkaufte das Land, das Grundstück, das er anscheinend nicht brauchte. Häuser dagegen wurden weniger verkauft, denn sie wurden benötigt: zum Wohnen und zum Leben. Und sie waren Treffpunkte der Gemeinde! Da fand man zusammen – zum Beten, um das Abendmahl zu feiern und um gemeinsam zu essen. Häuser waren wichtige Orte, um sich zu treffen. Daran kann man erkennen, wie die Urgemeinde mit dem Besitz umging: das, was zum Leben gebraucht wird und das, was der Gemeinschaft dient, das wird behalten. Der Besitz hat den Sinn, die Grundbedürfnisse zu sichern und vor allem auch, um gastfreundlich zu sein. Was darüber hinaus überflüssig ist, wird der Gemeinschaft gespendet. So leben die Christen der Urgemeinde elementare Solidarität.

Mit diesem Verhalten des urchristlichen Teilens wurde durch die Kirchengeschichte hindurch oft ein moralischer Druck ausgeübt: so musst du es auch machen! Sonst bist du kein guter Christ!

Aber mit einer guten Portion Nüchternheit und Distanz können wir sehen, dass es freiwillige Gaben waren, die den Aposteln gebracht wurden. Niemand wurde zu etwas gezwungen. Es war ja damals eine Gesellschaft, die weder eine Sozial- noch eine Rentenversicherung kannte, die nichts von einer Grundsicherung wusste. Und da erbarmten sich die wohlhabenderen Mitglieder der Armen und Bedürftigen. Mit dem Ziel, dass niemand Mangel leiden sollte. Alle sollten auf diesem Wege die Möglichkeit haben, Gottes große Güte zu erfahren.

Ich glaube, trotz aller historischen Distanz zur Situation damals geben uns die ersten Christen für unsere Zeit heute etwas Wichtiges zum Nachdenken auf. Und das heißt: Mach dir bewusst, was du für dein Leben brauchst. Du und deine Kinder. Und darüber hinaus sieh dein Eigentum auch als etwas an, womit du anderen helfen kannst. Unser Grundgesetz spricht hier von der Sozialverpflichtung des Eigentums. Ganz bestimmt ist zwischen uns und den Superreichen dieser Welt eine unendliche Distanz. Aber würden alle Menschen in unserer Welt sich an der Haltung der Urchristen orientieren, dann würden nicht einige Wenige genauso viel besitzen wie die Hälfte der Menschheit.

In dieser Zeit werden die wirtschaftlichen Folgen der Coronapandemie erst langsam deutlich. Und wir ahnen, wie entscheidend es sein wird, dass wir in unserer Gesellschaft eine soziale und solidarische Haltung bewahren: gegenüber denen, auf deren Schildern steht „Nudeln und Ketchup kosten auch Geld“, gegenüber den Studenten, den Soloselbständigen, den Geflüchteten und denen, die am Rande stehen. Und wir benötigen einen Kraftakt der internationalen Solidarität mit den Menschen z.B. in Indien und in Afrika, die drohen, eher am Hunger zugrunde zu gehen als am Virus. Es ist gut und ich bin in diesem Zusammenhang froh, dass unser Dekanat hier in der Wetterau konkret die Lebensmittelversorgung für die Daliths in unserer Partnerdiözese Amritsar unterstützt und dafür Spenden sammelt.

Solidarität, Mitgefühl und Hoffnung solle künftig das Zusammenleben bestimmen, so hat die Bestsellerautorin Isabel Allende es kürzlich gesagt und es sich gewünscht. Dies seien die wichtigen Lehren aus der Pandemie. Ob uns das gelingt? Die Chancen dazu sind da.

So wie die frühen Christinnen und Christen, so können auch wir unser Vertrauen auf Gott setzen und von daher fragen, was wir benötigen, was für unsere Seele gut ist, und was wir weitergeben können, so dass es Anderen gut tut.

Und Gottes Friede, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne im Messias Jesus. Amen.

EG 632,1.3.4 Wenn das Brot, das wir teilen

Fürbitten

Du, unser Gott, bist die Schöpferkraft. Unaufhörlich bringst du Leben hervor. In dir, Gott, liegt die Fülle des Lebens. Hilf uns, diese Fülle auch in unserem Leben zu entdecken. Wir alle sind beschenkte Menschen. Wir haben Grund genug, dir zu danken. Lass uns nicht verzweifeln an dem, was wir nicht haben oder nicht können. Lenke unsere Aufmerksamkeit auf das, was uns möglich ist. Und lenke unsere Aufmerksamkeit auf das, was wirklich wichtig ist in unserem Leben.

Wir bitten dich heute für alle, die nicht satt werden, obwohl sie genug haben: öffne ihre Augen für den Reichtum, den du ihnen schenkst.

Wir bitten dich für alle, die wirklich nicht satt werden, weil das ungerechte Weltwirtschaftssystem sie gnadenlos benachteiligt. Stärke du ihnen den Rücken und schaffe ihnen Gerechtigkeit.

Wir bitten dich für alle, die Diskriminierung und Rassismus am eigenen Leib erfahren. Schaffe ihnen Recht und verändere die Herzen derer, unter denen sie leiden.

Wir bitten dich für alle, die Zeit und Ruhe brauchen, um wieder zu sich selbst zu finden. Für die Frauen und Männer, die durch zu viele Pflichten belastet sind, für die, die an ihrem Arbeitsplatz überfordert sind und für alle, die mit ihren Kräften am Ende sind. Schenke ihnen Zeiten, um still zu werden und um aufzuatmen.

Wir bitten dich für unsere Gemeinde: lass uns nicht auf das starren, was wir in dieser Ausnahmezeit nicht leisten können. Sei du selbst unser Reichtum und zeige uns neue Wege. Lass uns Gemeinschaft erfahren, so verschieden wir auch sind.

Und wir bitten dich von Herzen für die Menschen, die krank sind: sei du ihnen nahe und schenke ihnen Heilung, wo immer es möglich ist.

Und in der Stille sagen wir Dir, was uns noch wichtig ist:…..

Vaterunser

Segen

Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Amen.

Gottesdienst am 7.6.2020 mit Video von Pfarrer Rainer Böhm

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar: https://youtu.be/galZRsuSWmM

Auf dem GD Blatt sehen Sie ein überraschendes Fresko. Es befindet sich in der St.-Jakobus-Kirche im oberbayerischen Ort Urschalling am Chiemsee. Nebenan liegt ein uralter Gasthof mit Biergarten. Das Fresko ist Teil einer figurenreichen Wand- und Deckenbemalung aus dem 14. Jahrhundert , zu der ua auch ein Trommler gehört.
Dargestellt ist die heilige Dreifaltigkeit – nach christlicher Lehre der eine Gott in drei Personen. Die Dreiheit zeigt sich in drei Gesichtern und drei Oberkörpern. Nach unten zu, wo sich die Gewölberippen treffen, verschmelzen jedoch die drei Körper zu einem einzigen; die beiden Obergewänder und die drei Untergewänder der Gestalten vereinen sich zu einem einzigen Gewand. Die Gesamtgruppe hat nur zwei Arme. Die drei Heiligenscheine, die die Köpfe umgeben, sind nicht gegeneinander abgegrenzt und werden durch die drei Balken eines einzigen Kreuznimbus verklammert.
Umstritten ist die Deutung der mittleren Gestalt. Zwischen dem weißbärtigen Greis zur Rechten (also  Gott der Vater) und dem braunbärtigen Mann zur Linken (Gott der Sohn), die sich jeweils zur Mitte wenden, ist als  Heiliger Geistes ein rundes und bartloses Gesicht mit langem hellbraunem Haar zu sehen. Es schaut uns direkt an. Das weiße Obergewand bedeckt diese Gestalt nicht. Das dunklere Untergewand, ist unterhalb der Brust in Falten gerafft.
Umstritten ist, ob es sich bei dieser Gestalt um eine Frau handelt oder, um einen sehr jungen Mann. Die neuere kunstgeschichtliche Forschung neigt zur letzteren Deutung. Sie spricht vom klassischen Greis-Mann-Jüngling-Schema.
Ich bin schon lange fasziniert von den weiblichen Zügen dieser Gestalt. Ich sehe darin einen Hinweis auf die weibliche Seite Gottes und auf die alttestamentliche Rede vom Gottesgeist (hebr. ruach ist  Feminin). Auch an Maria wird gedacht. Andere Deuter sind zumindest überzeugt, dass eine uralte, auch christliche, Glaubens-Einsicht in dem Bild enthalten ist: die göttliche Liebe in Person.

Natürlich hat Gott keinen Sohn, wie wir uns Nachkommenschaft vorstellen, und auch keinen Geist, der mit unserem Geist vergleichbar ist. Gott „der Vater“ – das meint: Ich weiß, dass ich mein Leben nicht mir selbst verdanke. Gott „der Sohn“ – das meint: im Blick auf das Leben und Sterben und die lebendige Gegenwart Jesu aus Nazareth kann ich zuversichtlich sein. Der „heilige Geist“: Ich weiß, dass mein Geist und meine Energie nicht ausreichen, sondern dass ich auf eine Kraft angewiesen bin, die mich inspiriert und voranbringt.
Unsere christliche Vorstellung vom Gott in drei Personen ist ein sehr dynamisches Konzept. Die Trinitätslehre ist ein irdisches, theologisches Produkt. Aber sie birgt eine Botschaft, ein Angebot. Glaubende können „Gott den Vater, den Sohn und den heiligen Geist“ erfassen im Symbol der Dreieinheit: als ein unvorstellbares, Zeit und Raum überschreitendes Aggregat von Energien, die miteinander in Austausch stehen, in liebevoller Kommunikation einander ergänzen und gerade damit ihre Einheit vollziehen. Als ein Kommunikationsgeschehen, in das Gott die von ihm geschaffene Welt, uns Menschen alle, hineinziehen will.

Und dieser dynamische Gott ist ein Gott des Lebens. Ein Leben schaffender Gott, das wissen wir nicht erst seit Ostern; das empfinden wir ganz besonders jetzt im frühen Sommer. Und das brauchen wir ganz besonders jetzt, in den unsicheren Zeiten von Corona. Das Leben spüren.
Das taten schon die Menschen der Bibel: wenn sie vom Überschwang ihrer Gefühle überwältigt wurden: im Hohelied oder bei David im Palast; im Zorn mancher Propheten und der Lebenslust auf der Hochzeit zu Kana; in der Angst des Petrus und der Freude am Miteinander. Das ist nicht irgendwie verboten, sondern es ist erwünscht – so wie Gott sich nach der Vorstellung der Bibel am siebten Tag seiner Schöpfung erfreute.
Jetzt, wo der Sommer beginnt, wo wir uns so sehr nach dem Leben sehnen – da möchten wir Sie dazu einladen, sich auch selbst auf die Suche zu machen: was sind meine Lebensquellen, wann und wo fühle ich mich lebendig; wo kann ich das Leben spüren. Wir haben uns dazu Gedanken gemacht und möchten Sie Ihnen gleich vorstellen …

Begrüßung
Herzlich willkommen zu unserem ersten Gottesdienst im Sommermonat Juni, am Sonntag Trinitatis. Es ist der Sonntag der Dreieinigkeit Gottes – unser Gott ist drei in eins. Das feiern wir heute besonders, auch wenn wir ja in jedem Gottesdienst gleich zu Beginn daran denken.
Dieser lebendige und dynamische Gott segnet unser Leben.
„Das Leben spüren“ – das ist das Thema, mit dem wir uns im ThomasMesseTeam beschäftigt haben. Teile unserer Ideen wollen wir Ihnen heute vorstellen und uns in 14 Tagen und dann noch einmal nach den Sommerferien wieder damit beschäftigen.

Votum

Aus Psalm 145 EG W 756
Ich will dich erheben, mein Gott, du König,
und deinen Namen loben immer und ewiglich.
Der Herr ist groß und sehr zu loben,
und seine Größe ist unausforschlich.
Kindeskinder werden deine Werke preisen
und deine gewaltigen Taten verkündigen.
Gnädig und barmherzig ist der Herr,
geduldig und von großer Güte.
Dein Reich ist ein ewiges Reich,
und deine Herrschaft währet für und für.
Der Herr ist getreu in all seinen Worten
und gnädig in allen seinen Werken.
Der Herr hält alle, die da fallen,
und richtet alle auf, die niedergeschlagen sind.
Aller Augen warten auf dich,
und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit.
Du tust deine Hand auf
und sättigst alles, was lebt, nach deinem Wohlgefallen.
Der Herr ist nahe allen, die ihn anrufen,
allen, die ihn ernstlich anrufen.
Er tut, was die Gottesfürchtigen begehren,
und hört ihr Schreien und hilft ihnen.
 
Gebet
Gott, wenn wir einen Wunsch frei hätten,
was wäre es dann heute?
Welche Sehnsucht treibt uns um, wonach strecken wir uns aus.
Gesundheit und Freude. Lebenslust und Glück. Liebe und Geborgenheit.
So vieles wünschen wir uns noch für unser Leben Herr. Erfüllte Zeit.
Für unsere Nächsten und für unsere Welt.
Wenn ich nur einen Wunsch haben dürfte
Dann wünsche ich mir deinen Segen.
Dein leuchtendes Angesicht auf unserem Leben – wie das einer liebevollen Mutter und eines stolzen Vaters – der mich leben lässt und sich an meinem Leben freut.
Durch JX unseren Herrn. Amen

Fürbitte
Gott, du bist die Quelle des Lebens.
Wir bitten dich für die bedrohte Welt.
Wir danken dir für alle, die sich für die Natur einsetzen.
Vergib uns, wo wir auf Kosten anderer leben.
Oft wissen wir es noch nicht einmal.
Bewahre und behüte deine gute Schöpfung.

Jesus, du bist das Licht der Welt,
wir bitten dich für Menschen,
die in dunklen Zeiten deine Nähe suchen.
Wir danken dir für alle, die für Gerechtigkeit kämpfen.
Sei Hilfe und Kraft, die Frieden schafft.
Sei in uns, uns zu erlösen.

Heiliger Geist, Atem des Lebens,
Wir bitten dích für die Ängstlichen und Traurigen
Und die in ihrer Seele müde gewordenen.
Wir danken dir für Lebenskraft und Lebensmut,
für Impulse und Bauchgefühle, für Fantasie und Schaffenskraft.
Sei mit uns auf unseren Wegen,
sei um uns mit deinem Segen.

Gottesdienst Pfingstmontag 2020 mit Video von Pfarrerin Meike Naumann

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar: https://youtu.be/xiX4Am-om0I

Musik zum Eingang

Begrüßung

Liebe Gemeinde,

wir feiern Pfingsten. Das Fest des Heiligen Geistes. Wie können wir das verstehen? Welche Bedeutung kann das für uns haben? Die Jünger waren gerade noch mutlos gewesen. Fühlten sich wie ein Baum, der umgehauen, von seinen Wurzeln abgeschlagen worden ist. Da überkommt sie eine große Kraft. Wie ein Sturmwind. Bewegt vom Heiligen Geist könne sie ihre Wurzeln wieder spüren und etwas Neues wächst in ihnen. Pfingsten lädt dazu ein darüber nachzudenken: Wo sind meine Wurzeln? Wo kann ich Kraft schöpfen? Wo kann Neues wachsen?

Votum

Wir feiern Pfingsten. wir feiern das Leben, wir feiern den Heiligen Geist gegen Atemlosigkeit, gegen Hilflosigkeit, gegen Sprachlosigkeit. Wir feiern den Geist Gottes als Durchbruch zum Leben. Wir feiern im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Worte nach Psalm 1

Wer falsche Ratgeber durchschaut, wer sich von schlechten Vorbildern nicht verleiten lässt, der ist gut dran.

Wer sich nicht zu denen hält. Die gedankenlos über Gott reden und spöttisch über die Menschen, die glauben, der ist gut dran.

Wer zu begreifen sucht, was er glaubt, wer über Gottes Wort nachdenkt Tag für Tag, der ist gut dran.

Der ist wie ein gesunder Baum, gepflanzt an Wasserbächen. Seine Wurzeln reichen tief in die Erde. Jahr für Jahr trägt er Frucht. Sein Laub bleibt grün und frisch.

Eingangsgebet

Guter Gott, häufig fühlen wir uns nicht als gute Bäume. Wir denken zu wenig über dich und dein Wort nach und dafür zu viel an uns selbst. Wir haben zu wenig Standfestigkeit, wenn es darum geht, das Richtige zu tun. Wir wehen mit dem Wind und lassen uns leicht umpusten. Aber du gibst uns nicht auf. Du brichst den geknickte Ast nicht ab. Du verleihst unseren Wurzeln Standfestigkeit. Du gibst Du gibst uns immer wieder eine neue Chance zu wachsen. Dafür danken wir dir und wir bitten dich: Sei du mit deinem Heiligen Geist mitten unter uns, rühre uns an, bewege uns und begeistere uns. Amen.

Schriftlesung Jesaja 11,1-2

1 Was von Davids[1] Königshaus noch übrig bleibt, gleicht einem abgehauenen Baumstumpf. Doch er wird zu neuem Leben erwachen: Ein junger Trieb sprießt aus seinen Wurzeln hervor. 2 Der Geist des HERRN wird auf ihm ruhen, der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Geist des Rates und der Kraft, der Geist der Erkenntnis und der Ehrfurcht vor dem HERRN.

EG 134,1.2

Predigt

Kennen Sie das auch? Den Wunsch oder Verpflichtung ganz hoch hinaus zu müssen? Erfolgreicher und besser zu sein als alle anderen? Wachstum um jeden Preis? Das gibt es im Großen, in der Wirtschaft und in der Politik. Das gibt es aber auch im Kleinen. Im Beruf, im Bekanntenkreis, in der Schule, in der Kirchengemeinde. Und wenn wir ganz ehrlich sind, dann gibt es das manchmal auch bei uns selbst. Da sind diese Stimmen. Sie kommen von außen, von Menschen, die wir kennen und aus den Medien. Und diese Stimmen kommen auch von innen.

Diese Stimmen sagen uns:

Du musst klüger sein als alle anderen. Lerne viel, informiere dich, damit du den anderen immer einen Schritt voraus bist. – Xylophon

Du musst gerissener sein, damit sich immer alles zu deinem Vorteil entwickelt. – Xylophon

Du musst schöner sein, bloß kein Gramm zu viel. Mache Sport, mach Diäten. Nur die Gutaussehenden und fitten sind erfolgreich. – Xylophon

Du musst stärker sein. Bloß keine Schwäche zeigen. Du musst dich durchsetzen können. – Xylophon

Du musst reicher sein, mehr haben. Daran misst man Erfolg. – Xylophon

Du musst mächtiger sein, du musst bestimmen, wo es lang geht und die anderen ausbooten. – Xylophon

Wachse! Schneller! Besser! Höher! Weiter! Wachse!

Und dann bricht alles zusammen – Xylophon

Stille

Das kann passieren. Wir haben das schon erlebt. Menschen können unter diesem Druck zusammenbrechen. Ganze Volkswirtschaften können zusammenbrechen. Das ist wie bei einem Baum, der ganz schnell in die Höhe wächst, aber dadurch zu dünn ist und dessen Wurzeln nicht tief genug reichen. Er kann durch den kleinsten Sturm zusammenbrechen und man hat ihn leicht gefällt. Von so einem Baum, sogar von einem ganzen Wald haben wir eben gehört. Der Prophet Jesaja spricht von solch einem Bau. Der Baum wird umgehauen. Der Baum wird umgehauen. Aber ist er damit auch tot? Es sieht auf den ersten Blick so aus. Aber es ist nicht so. Denn seine Wurzeln sind noch da.

Wenn alles zusammenbricht und scheinbar nichts mehr geht, dann kann es passieren, dass man zur Ruhe kommt und sich auf seine Wurzeln besinnt. Ich möchte Sie einladen, dem einmal nachzuspüren. Stellen Sie Ihre Füße schulterbreit auf den Boden, als wären sie dort festgewachsen. Wenn Ihnen das im Stehen leichter fällt, sind Sie eingeladen, dazu aufzustehen. Spüren Sie den Boden unter sich. Stellen Sie sich vor, dass unter Ihren Füßen Wurzeln wachsen. Spüren Sie den Wurzeln nach. Was trägt Sie? Viele Wurzeln führen in die Vergangenheit. Wo sind Sie verwurzelt? In Ihrer Familie? Welche Werte sind Ihnen wichtig? Sind Sie im Glauben verwurzelt? In einer kurzen Stille sind Sie eingeladen, dem nachzuspüren.

Da, wo alles am Boden liegt, aber die Wurzeln noch da sind, kann Neues wachsen. Der Prophet Jesaja hat es so formuliert: „Es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen.“ Obwohl Jesaja viele Jahre vor Jesus gelebt hat, könnte man denken, dass er hier schon auf ihn hinweist. Jesus selbst ist so eine Pflanze, die aus Wurzeln des Volkes Israel geboren ist. Auf ihm ruht der Heilige Geist – die lebensspendende Geistkraft Gottes, die schon von Anbeginn der Zeiten da war. Und durch ihn wird die Geistkraft Gottes weitergegeben. Jesus selbst hat das seinen Freunden versprochen. „Ihr werdet die Geistkraft Gottes geschenkt bekommen“, hat er gesagt, „auch wenn ich körperlich nicht mehr da bin, die Geistkraft Gottes kommt zu euch. Sie ist wie ein frischer Wind, sie richtet euch auf, wenn ihr am Boden liegt. Sie schenkt euch die ganze Fülle des Lebens.“ Diese Zusage von Jesus gilt nicht nur seinen Freunden vor 2000 Jahren. Sie gilt für immer, auch für uns. Gerade, wenn nach einem großen Zusammenbruch etwas Neues wächst, gilt die Zusage von Jesus. Jesaja hat aufgeschrieben, was die Geistkraft Gottes alles schenkt:

Wenn zaghaft Neuen in uns wächst, schenkt sie uns Weisheit. Wir dürfen uns rückbesinnen auf das, was schon unsere Eltern und Großeltern gewusst haben. Wir dürfen uns darauf verlassen, was wir gelernt haben.

Wenn zaghaft etwas Neues in uns wächst, Schenkt sie uns Einsicht und Verstand. Wir müssen nicht alles so hinnehmen wie es ist. Wort dürfen klug handeln, kritisch hinterfragen, weiterdenken, Neues entwickeln und zulassen.

Wenn zaghaft Neues in uns wächst, schenkt sie Rat. Wenn wir nicht weiter wissen, dürfen wir uns im Gebet an Gott wenden. Wir dürfen darauf hoffen, dass uns weitergeholfen wird und manchmal passiert es, dass Probleme eine ganz unerwartete Wendung bekommen, dass ein völlig anderer neuer Weg sich auftut. Das ist dann wie ein Wunder.

Wenn zaghaft etwas Neues in uns wächst, schenkt uns die Geistkraft Gottes Stärke und Kraft. Wir dürfen die Herausforderungen des Alltags annehmen in der Gewissheit, dass Gott uns so viel Kraft gibt, wie wir brauchen. Wir können mutig sein und zu uns selbst und zu unserem Glauben stehen. Wir brauchen keine Angst zu haben.

Wenn zaghaft etwas Neues in uns wächst, schenkt uns die Geistkraft Gottes uns Wissen und Erkenntnis. Wir dürfen forschen und entdecken, wie Gottes gute Schöpfung funktioniert. Wir dürfen zweifeln und verwerfen und neu entdecken, denn glauben bedeutet nicht, Wissen und naturwissenschaftliche Erkenntnisse infrage zu stellen. Glauben bedeutet, Im Vertrauen auf den Gott zu leben, der uns seine Schöpfung anvertraut hat, um sie zu bewahren.

Wenn zaghaft Neues in uns wächst, schenkt uns die Geistkraft Gottes Ehrfurcht vor Gott – die wichtigste aller Gaben. Sie bewahrt dich vor dem egoistischen Missbrauch der anderen Gaben. Denn wo Weisheit, Verstand, Stärke und Wissen nur für einen selbst benutzt werden können sie leicht zu Machtmissbrauch, Ungerechtigkeit, Leid und letztlich zum Zusammenbruch führen. Andererseits zeigt uns die Ehrfurcht vor Gott, dass all die Geistgaben Geschenke sind. Sie müssen nicht aus uns selbst kommen. Wir bekommen sie geschenkt. Was für eine Befreiung! Die Ehrfurcht ist unsere Rückbindung an Gott. Sie stärkt unsere Wurzeln und verleiht gleichzeitig Flügel.

EG+ 96

Fürbitten

Guter Gott,

es gibt so viel Traurigkeit und Niedergeschlagenheit in der Welt. Schenke uns deinen Geist der Freude, der uns immer wieder neu aufrichtet.

Es gibt so viel Angst in der Welt. Manchmal trauen wir uns vor lauter Angst nicht, das Richtige zu tun. Schenke uns deinen Geist des Mutes und der Kraft.

Es gibt so viel Hilflosigkeit in der Welt. Schenke uns deinen Geist des Rates und des Beistands.

Es gibt so viel Zwang in der Welt – Zwang, der von anderen ausgeübt wird. Und auch Druck, unter den wir uns selbst. Schenke uns deinen Geist der Freiheit.

Es gibt so viel Gerissenheit auf der Welt. Eine Klugheit, die nur den eigenen Vorteil und die Gewinnmaximierung sucht. Schenke uns deinen Geist der Weisheit und des Verstands.

Es gibt so viel Krieg und Gewalt auf der Welt. Not und Elend durch Naturkatastrophen. Schenke uns deinen Geist des Friedens und der Fürsorge.

Es gibt so viel Selbstverherrlichung auf der Welt. Schenke uns deinen Geist der Ehrfurcht und der Demut.

Es gibt so viel Trauer auf der Welt. Wir denken heute besonders an die Menschen, die wir in dieser Woche beerdigen mussten. Wir zünden eine Kerze für sie an. Schenke ihnen deinen Frieden und Ruhe in deiner Ewigkeit und schenke den Angehörigen deinen Trost.

Vaterunser
Segen
Musik

Gottesdienst Pfingstsonntag 2020 mit Video von Vikar Ingmar Bartsch

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar: https://youtu.be/SNUEgcpWEII

Votum
Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Psalm 118:
24 Dies ist der Tag, den der Herr macht; lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein. 25 O Herr, hilf! O Herr, lass wohlgelingen! 26 Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn! Wir segnen euch vom Haus des Herrn. 27 Der Herr ist Gott, der uns erleuchtet. Schmückt das Fest mit Maien bis an die Hörner des Altars! 28 Du bist mein Gott, und ich danke dir; mein Gott, ich will dich preisen. 29 Danket dem Herrn; denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewiglich.

Gebet:
Gott, wir feiern den Geburtstag der Kirche. Manchmal möchten wir so überzeugt sein, wie es uns von den ersten Christen geschildert wird. Unerschrocken, fest im Glauben, mit Dir verbunden, ohne Furcht um Leib und Leben. Doch wir ringen mit uns und unseren Zweifeln. Bitte weise uns den richtigen Weg und erbarme Dich.
Gott, Du hast uns Deinen Heiligen Geist gegeben. Er schenkt eine Kraft, die mehr vermag, als wir uns vorstellen können. Denn Du, Gott, sagst uns zu: Es soll nicht durch Heer oder Kraft geschehen, sondern durch meinen Geist.
Wunderbarer Gott, Du entzündest in uns das Feuer Deiner göttlichen Liebe. Dies ist der Tag, an dem wir gerufen werden, Deine Kirche zu sein. Schenke uns Deinen Geist, dass er Glauben in uns wecke und all unser Denken und Tun durchdringe. Das bitten wir Dich durch Jesus Christus, unseren Herrn, der mit Dir und dem Heiligen Geist lebt und Leben schenkt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.


Schriftlesung (Apostelgeschichte 2, 1-13)
1 Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beieinander an einem Ort. 2 Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. 3 Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen, 4 und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab. 5 Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. 6 Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde verstört, denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. 7 Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer? 8 Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache? 9 Parther und Meder und Elamiter und die da wohnen in Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia, 10 Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Römer, die bei uns wohnen, 11 Juden und Proselyten, Kreter und Araber: Wir hören sie in unsern Sprachen die großen Taten Gottes verkünden. 12 Sie entsetzten sich aber alle und waren ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? 13 Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll süßen Weins.

Glaubensbekenntnis
Verbunden mit allen Christen weltweit bekennen wir unseren Glauben.
Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde.
Und an Jesus Christus,
seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,
empfangen durch den Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage auferstanden von den Toten,
aufgefahren in den Himmel,
er sitzt zur Rechten Gottes,
des allmächtigen Vaters, von dort wird er kommen,
zu richten die Lebenden und die Toten.
Ich glaube an den Heiligen Geist,
die heilige christliche Kirche,
Gemeinschaft der Heiligen,
Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten
und das ewige Leben. Amen.

Lied Gesangbuch 130, 1-2
1) O Heilger Geist, kehr bei uns ein
und laß uns deine Wohnung sein, o komm du Herzens Sonne. Du Himmelslicht, laß deinen Schein
bei uns und in uns kräftig sein zu steter Freud und Wonne.
Sonne, Wonne, himmlisch Leben willst du geben,
wenn wir beten zu dir kommen wir getreten.

2) Du Quell, draus alle Weisheit fließt,
die sich in fromme Seelen gießt, laß deinen Trost uns hören, daß wir in Glaubenseinigkeit
auch können alle Christenheit dein wahres Zeugnis lehren.
Höre, lehre, daß wir können Herz und Sinnen dir ergeben,
dir zum Lob und uns zum Leben.

Predigt
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde,

eine Gruppe von Leuten sitzt in Jerusalem und wartet. Sie sind eine Schicksalsgemeinschaft. Harte Wochen und Monate liegen hinter ihnen. Ein Auf und Ab der Gefühle. Heilungen und Wunder haben sie gesehen. Ihr Meister wurde verhaftet, gefoltert und gekreuzigt. Er war tot und plötzlich war er wieder lebendig. Ein paar Tage war es fast wieder wie früher. Und doch ganz anders. Dann kam Himmelfahrt und er war weg. Sie sollten auf den Heiligen Geist warten, hatte Jesus unmissverständlich gesagt. Sie waren Jüngerinnen und Jünger im Wartestand.
Wie haben sie sich wohl die Zeit vertrieben? In der Apostelgeschichte gibt es einige Hinweise. Es wird explizit erwähnt, dass sie alle an einem Ort waren. Sie haben also viel Zeit miteinander verbracht. Sie beteten. Sicher haben sie sich gegenseitig von ihren Erlebnissen mit Jesus erzählt und sich damit Mut zugesprochen.

Und dann geschah über ihnen ein Brausen. Plötzlich kamen zerteilte Zungen auf sie herab und sie begannen – zu predigen. Und zwar polyglott. Also in Sprachen, die sie vorher nicht kannten. Die herbeigeeilte Menge bemerkte das sofort. Hier stimmt was nicht. Und sie interpretierten das auf zwei Arten: Die einen sind vorsichtig neugierig und die anderen spotten. Mit dem Beginn der weltweiten Kirche begann also auch gleich der Spott und die Ablehnung der Botschaft von Jesus Christus.

Und das ist bis heute so: Es ist normal, dass Menschen unsere Botschaft belächeln. Und es ist normal, Zweifel zu haben. Selbst die frommen, gottesfürchtigen Leute haben Zweifel. Und daneben steht das Wunder. Hier wird berichtet, wie Menschen durch die Kraft des Heiligen Geistes über sich selbst hinauswachsen. Durch ihn können  sie mehr zu tun, als sie für möglich halten. Wie er das tut, ist nicht klar. Der Geist weht, wo er will, heißt es so schön im Johannesevangelium.

Ich erlebe den Geist Gottes oft als eine kreative Kraft. Als das, was ich im Gespräch, in der Seelsorge, in der Predigt und im Alltag nicht selbst machen kann. Es ist das Unverfügbare und zugleich begeisternde. Es ist das, wofür das ich trotz aller guten Vorbereitung nichts tun kann. Weil es einfach geschieht.

Übrigens heißt das nicht, dass man sich auf die faule Haut legen kann. Denn die Jünger haben durchaus etwas getan: Sie haben sich zur Verfügung gestellt. Durch Beten, durch Gemeinschaft und durch hoffnungsvolles Warten. Und das können wir auch. Wir können den Geist nicht erzwingen, aber wir können ihm Raum geben. In unserem Leben und in unserer Gemeinde.

Ich vermute übrigens, dass nicht alle Jüngerinnen und Jünger laut Hurra! geschrien haben, als der Geist auf sie kam. Und ich denke, dass Nüchternheit und Skepsis durchaus Gaben sein können, durch die und in denen sich der Heilige Geist entfalten kann.
Und noch eine weitere Anmerkung: das hebräische Wort „ruach“ übersetzen wir im Deutschen mit „der Geist“. Im Hebräischen ist es aber weiblich und kann auch mit „die Geisteskraft“ übersetzt werden.

Eine weitere Sache fasziniert mich an diesem Pfingstwunder aus der Apostelgeschichte. Pfingsten ist ein Fest, an dem Grenzen überwunden werden. An diesem Tag überwinden die Jünger Sprachbarrieren. Verständigungsprobleme trennen Menschen seit jeher. Wer nicht miteinander reden kann, gerät schnell in einen Konflikt. Biblisch gesehen ist das Pfingstfest ein umgekehrter Turmbau zu Babel. Während Gott in Babel die Menschen durch die Sprachverwirrung zerstreut hat, werden sie hier durch das Sprachwunder wieder zusammengeführt. Barrieren werden abgebaut, der Geist verbindet, was getrennt ist. Pfingsten ist also ein zutiefst integratives und interkulturelles Fest. Und auch deshalb dürfen wir mehr Geist wagen.

Ein Drittes: Pfingsten macht Hoffnung
Für die Jünger begann etwas Neues. Etwas Umwälzendes. Und das begann in einer Zeit der Unsicherheit. Etwas Neues kann jeden Tag beginnen. Es muss nicht so gigantisch sein, wie die Gründung einer weltweiten Kirche. Denn wir dürfen uns auch im Alltag auf die Kraft Gottes einlassen. Wenn Sie nachher die Kirche verlassen und draußen den Mundnasenschutz absetzen, dann nehmen Sie mal einen tiefen Zug frischer Luft. Vielleicht hat es sich für die Jünger so angefühlt, als sie endlich starten konnten. Als die Zeit des Wartens vorbei war. Sie hatten lange drin gesessen. Und – das konnten sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen – sie würden auch wieder drin sitzen: gefangen, verfolgt, ängstlich. Aber an diesem Pfingsttag bekamen sie Kraft für das was kommen sollte.

So ist das auch heute: Der Geist inspiriert uns. Wir erfahren seine Kraft, Kreativität und Befreiung. Nicht als dauerhaft schwebendes Lebensgefühl, das wäre zu viel des Guten. Wir sind ja mitten im Leben und im Alltag verwurzelt.

Aber wir leben mit dem Blick auf den Himmel, gestärkt durch den Geist Gottes. Wie auch immer der sich in unserem Leben zeigt. Wir können in der Natur, draußen, einen tiefen Atemzug nehmen. Das erinnert uns an die belebende Kraft Gottes. An den Neuanfang der ersten Christen. Und an unsere eigene Hoffnung, dass es im Leben mehr gibt, als wir selbst machen können und als wir selbst machen müssen. Darauf will ich vertrauen. Ich will vertrauen auf den, der größer ist, als ich selbst. Denn der Friede Gottes, der höher ist, als alles menschliche Begreifen, der bewahrt unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Lied Gesangbuch 135, 1-3
1) Schmückt das Fest mit Maien, lasset Blumen streuen,
zündet Opfer an; denn der Geist der Gnaden
hat sich eingeladen, machet ihm die Bahn.
Nehmt ihn ein, so wird sein Schein
euch mit Licht und Heil erfüllen und den Kummer stillen.

2) Tröster der Betrübten, Siegel der Geliebten,
Geist voll Rat und Tat, starker Gottesfinger,
Friedensüberbringer, Licht auf unserm Pfad:
gib uns Kraft und Lebenssaft,
lass uns deine teuren Gaben zur Genüge laben.

3) Lass die Zungen brennen, wenn wir Jesus nennen,
führ den Geist empor; gib uns Kraft zu beten
und vor Gott zu treten, sprich du selbst uns vor.
Gib uns Mut, du höchstes Gut,
tröst uns kräftiglich von oben bei der Feinde Toben.

Fürbitten
Gott, seit dem Pfingstwunder in Jerusalem ist die Kirche weltweit gewachsen. Wir bitten Dich, erhalte sie und lass sie einen Ort der Geborgenheit, der Liebe und des Vertrauens sein. Schenke der weltweiten Christenheit und jedem einzelnen von uns Glaubensmut, Begeisterung, stärkende Gemeinschaft und ein Leben in der Nachfolge Christi.

Gott, wir sorgen uns um die Menschen in unserem Land. Das soziale Leben hat sich durch die Coronakrise verändert. Wir bitten Dich, dass dieses Virus zurückgedrängt wird und die lang ersehnten Lockerungen nicht zu neuen, unkontrollierten Krankheitsausbrüchen führen. Wir wünschen uns, dass es schnell einen Impfstoff gegen das Virus gibt. Wir bitten Dich für das gesellschaftliche Klima: Schenke uns allen Geduld und Liebe füreinander, dass wir uns nicht gegenseitig verletzen. Lass uns Friedensstifter sein.

Wir bitten dich für diejenigen in Kirche, Gesellschaft, Wirtschaft und Politik, die Verantwortung tragen. Lass sie weise handeln und gut umgehen mit den ihnen anvertrauten Menschen und Ressourcen. Schenke ihnen Deinen Heiligen Geist und lass uns erkennen, wo wir sie unterstützen können und wo wir Missstände anprangern müssen.

Gott, wenn ein Leben zu Ende geht, so hinterlässt das eine schmerzliche Lücke. In dieser Woche haben wir Abschied nehmen müssen von Menschen aus unserer Gemeinde. Sei Du ihnen ein gnädiger Richter am Tag der Rechenschaft, nimm sie auf in Dein Reich und lass sie schauen, was sie geglaubt haben.
Wir beten für die Familien, Angehörigen und Freunde der Verstorbenen. Du siehst ihre Trauer und Du kennst ihre Gefühle. Lass sie spüren, dass Du ihnen nahe bist. Schenke ihnen Menschen an die Seite, die sie begleiten und ihnen Trost schenken in schwerer Zeit.

Vaterunser
Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.  

Segen
Der Herr segne dich und behüte dich,
der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig,
der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

Gottesdienst am 24.05.2020 mit Video von Pfarrerin Meike Naumann

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar: https://youtu.be/Ei4NI5L4_Ws

Wochenspruch:
    
"Christus spricht: Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen." | Joh 12,32

Liebe Gemeinde,
ein herzliches Willkommen zu unserem Gottesdienst am Sonntag Exaudi. Auch wenn Ostern schon weit entfernt scheint, befinden wir uns kirchenjahreszeitlich in der Osterzeit. Der Zeit, die geprägt ist von der Freude und dem Jubel über die Auferstehung Jesu. An Himmelfahrt mussten die Jünger ein weiteres Mal Abschied nehmen von Jesus. Er ist nun nicht mehr sichtbar bei ihnen. Es liegen harte Tage vor ihnen. Doch Jesus lässt sie nicht allein. Auf andere Art wird er ihnen nahe sein: in ihren Herzen, als nie versiegende Quelle der Kraft. In einem neuen Geist werden sie Jesus erkennen. Das ist kein Ersatz für Jesu Anwesenheit, aber es ist ein Trost. Noch heute lebt dieser Geist unter uns. Wo wir in Liebe nach Gottes Willen handeln, da wird der Geist Gottes spürbar. Aber auch in unserer Not, in dieser Zeit voller Unruhe und Unsicherheit, da ist Gottes Geist uns nahe und tröstet uns.

Votum
Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes. Amen.

Psalm 27

Der Herr ist mein Licht und mein Heil;
vor wem sollte ich mich fürchten? Der Herr ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen?
4 Eines bitte ich vom Herrn, das hätte ich gerne:
dass ich im Hause des Herrn bleiben könne mein Leben lang, zu schauen die schönen Gottesdienste des Herrn und seinen Tempel zu betrachten.
5 Denn er deckt mich in seiner Hütte zur bösen Zeit, / er birgt mich im Schutz seines Zeltes
und erhöht mich auf einen Felsen.
7 Herr, höre meine Stimme, wenn ich rufe;
sei mir gnädig und antworte mir!
8 Mein Herz hält dir vor dein Wort: / »Ihr sollt mein Antlitz suchen.«
Darum suche ich auch, Herr, dein Antlitz.
9 Verbirg dein Antlitz nicht vor mir,
verstoße nicht im Zorn deinen Knecht! Denn du bist meine Hilfe; verlass mich nicht und tu die Hand nicht von mir ab, du Gott meines Heils!
13 Ich glaube aber doch, dass ich sehen werde
die Güte des Herrn im Lande der Lebendigen.
14 Harre des Herrn!
Sei getrost und unverzagt und harre des Herrn!

Gebet
Jetzt sind wir hier, Gott, in deinem Haus.
Du kennst uns und siehst unser Herz,
die unterschiedlichen Gedanken und Gefühle, die wir in uns tragen,
die Freude und die Traurigkeit, die Unsicherheit und Unruhe, die wir mitbringen.
Jetzt sind wir hier, Gott, und unser Herz kann zur Ruhe kommen,
wir können aufatmen und durchatmen.
Erfülle uns durch deine Geistkraft in Jesus,
der mit dir lebt und Leben schenkt, heute und allezeit und in Ewigkeit.
Amen.

Schriftlesung Römer 8
35 Was also könnte uns von Christus und seiner Liebe trennen? Leiden und Angst vielleicht? Verfolgung? Hunger? Armut? Gefahr oder gewaltsamer Tod?
38 Denn ich bin ganz sicher: Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Dämonen[7], weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges noch irgendwelche Gewalten, 39 weder Hohes noch Tiefes oder sonst irgendetwas auf der Welt können uns von der Liebe Gottes trennen, die er uns in Jesus Christus, unserem Herrn, schenkt.

Glaubensbekenntnis

PREDIGT
Liebe Gemeinde,
sammeln Sie Treuepunkte? Beim Bäcker? Im Getränkemarkt? Sind Sie eine treue Kundin?
Ich komme beim Sammeln dieser Punkte immer durcheinander. Das Kärtchen verschwindet auf einmal im Geldbeutel oder die Aktion ist abgelaufen bevor ich die Punkte einlösen konnte. Ich bin eine recht treue Kundin, aber ohne Treuepunkte.
 
Treue ist wichtig – dieser Meinung sind die meisten Menschen.  Die Hochzeitspaare versprechen sich Treue in der Ehe. Freundschaft ist ohne Treue nicht möglich. Wir haben aber auch alle die Erfahrung gemacht, dass Treue verloren gehen oder sogar hintergangen werden kann. Untreue ist Gift für jede Beziehung. Auch für die Beziehung zu Gott?
Wir hören den Predigttext: Jer 31,31-34 Hoffnung für alle

Der neue Bund 31 »So spricht der HERR: Es kommt die Zeit, in der ich mit dem Volk Israel und dem Volk von Juda einen neuen Bund schließe. 32 Er ist nicht mit dem zu vergleichen, den ich damals mit ihren Vorfahren schloss, als ich sie bei der Hand nahm und aus Ägypten befreite. Diesen Bund haben sie gebrochen, obwohl ich doch ihr Herr war! 33 Der neue Bund, den ich dann mit dem Volk Israel schließe, wird ganz anders aussehen: Ich schreibe mein Gesetz in ihr Herz, es soll ihr ganzes Denken und Handeln bestimmen. Ich werde ihr Gott sein, und sie werden mein Volk sein. 34 Niemand muss dann den anderen noch belehren, keiner braucht seinem Bruder mehr zu sagen: ›Erkenne doch den HERRN!‹ Denn alle – vom Kleinsten bis zum Größten – werden erkennen, wer ich bin. Ich vergebe ihnen ihre Schuld und denke nicht mehr an ihre Sünden. Mein Wort gilt!

Liebe Gemeinde,
Treue und Untreue sind auch für Gott ein Thema. Im Himmel schwebt Gott nicht fernab unserer Wirklichkeit als der in sich ruhende, erste und ewige Beweger. Nein, Gott ist auf Beziehung ausgerichtet, Gott ist gesellig, könnte man sagen. Gott hat gerne ein Gegenüber schon von Anfang an. Mit seinem Gegenüber, mit den Menschen hat er sogar einen Bund geschlossen. Davon erzählen die fünf Bücher Mose.
Ein Bund ist ein Versprechen, eine feste Zusage: „Ich bin bei dir, ich bleibe dir treu. Du kannst dich immer auf mich verlassen.“ So einen Bund der Treue hatte Gott mit seinem Volk Israel geschlossen, der sollte halten und gut sein für beide Seiten. Aber der alte Bund ist an der Untreue der Menschen zerbrochen. Da geht es Gott nicht besser als uns Menschen. Und ich kann mir Gott auch ganz menschlich vorstellen in seiner Reaktion auf den Bruch des Bundes. Die Bibel erzählt: Gott ist verletzt und gekränkt, ja sogar wütend. Er hat sein Volk Israel an der Hand genommen und aus Ägypten geführt. Lange und laut hatten sie Gott um Hilfe gebeten. Als Sklavinnen und Arbeiter lebten sie im fremden Land. Die Lage war unerträglich und so riefen die Menschen zu Gott um Hilfe. Gott half ihnen aus der Unterdrückung in die Freiheit.
Auf dem Weg durch die Wüste blieb Gott treu an ihrer Seite. Sie fanden Wasser zum Trinken und Manna, Himmelsbrot, zum Essen. Schließlich führte Gott sein Volk in ein neues Land, ein Land der Freiheit. Auf dem Berg Sinai schloss er den Treuebund mit ihnen und gab Mose die zehn Gebote. Gott legte sich fest in seiner Liebe und Treue zu Israel, dem kleinen, erwählten Volk. Und die Menschen legten sich auch fest in ihrer Liebe und Treue zu Gott, der groß ist und der sie befreit hatte.
Die Tafeln mit den zehn Geboten führten die Männer und Frauen des Volkes Israel in einer kostbaren, goldenen Lade wie einen Schatz mit sich. Bundeslade nannte sie ihr Heiligtum in Erinnerung an den Bund zwischen Gott und ihnen.
Gott und Mensch waren gut miteinander unterwegs. Doch die Jahre gingen ins Land, das Leben hinterließ seine Spuren, Veränderungen stellten sich ein, Traditionen gingen verloren. Irgendwann war es nicht mehr so wie am Anfang. Die Jüngeren fragten kritisch: „Was sollen wir mit den alten Geschichten anfangen? Das ist doch völlig überholt. Wir sind diesem alten Bund nicht mehr verpflichtet. Er hat keine Bedeutung für uns. Wir steigen aus und kündigen.“
Und so verließen die Menschen den Bund und stiegen aus. Ihre Fragen und Zweifel wurden immer größer. Ihr Glaube und Vertrauen wurde immer kleiner. Gott hatte keine Bedeutung mehr für ihr Leben, anderes war wichtiger. Der Bund war hinfällig geworden.
Und Gott?
Beleidigt und gekränkt hätte Gott sich zurückziehen können. „Ich habe die Nase voll von euch Menschen. Macht doch, was ihr wollt, aber ohne mich!“ Verständlich wäre das gewesen und nachvollziehbar.
Doch Gott entscheidet sich für einen anderen Weg. Er gibt seine Liebe einfach nicht auf. Er bleibt seinem Volk treu. Gott rechnet nicht auf, Gott rechnet nicht vor, Gott verlangt keine Wiedergutmachung. Gott entscheidet sich klar und eindeutig für einen anderen Weg. Er will seinen Menschen weiter nahe sein und sie begleiten, denn er liebt sie doch, so wie sie sind, fehlerhaft und treulos, gleichgültig und selbstherrlich. Es steht viel Trennendes zwischen Gott und Mensch, keine Frage, damals und heute. Aber die Liebe ist größer.
Die Liebe ist der Weg Gottes zu den Menschen, kein lautes Donnerwetter, keine Zwangsmaßnahmen, keine Erpressung. Gottes Weg zu uns Menschen, das ist der Weg der Liebe, damals und heute. Und deswegen ist der neue Bund eine Herzensangelegenheit für Gott und für die Menschen. Der neue Bund ist ein Bund des Herzens. Gott will das Herz der Menschen berühren, ihr Innerstes, ihr Denken und Handeln.

Liebe Gemeinde,
ganz schön riskant, könnte man sagen. Es ist riskant und auch ein bisschen naiv, nur auf das Herz zu setzen. Im Innersten, in unserem Herz ist so viel los. Gefühle und Gedanken gehen oft durcheinander. Heute so und morgen schon wieder ganz anders. Allein in den letzten Wochen gab es eine Berg- und Talfahrt an Gefühlen. Angst vor der Ansteckung mit Covid 19, Momente der Einsamkeit, Freude am Aufblühen der Natur um uns herum, Aggressionen gegen die scheinbar zu langsamen Lockerungen, der Drang nach draußen zurück in den vermeintlich normalen Alltag. Das nur als kleines Beispiel dafür, wie schnell Gefühle und Gedanken sich ändern können.
Aus Liebe kann Gleichgültigkeit oder sogar Hass werden. Aus Vertrauen kann Misstrauen werden. Das Herz ist ein wackeliger Kandidat in Sachen Liebe und Treue. Es kann im Sturm erobert werden. Aber genauso schnell wie es sich für etwas erwärmt, kann es auch wieder erkalten. Und dann zerbrechen Freundschaften. Auch Überzeugungen und Wertvorstellungen können sich im Lauf des Lebens mehrfach verändern, manchmal geht das ganz schnell und manchmal unwiederbringlich.
Trotz alledem entscheidet Gott sich für die Liebe. Irgendwie gibt es für ihn keine Alternative. Gott setzt auf die Liebe. Mit ihr will Gott das Herz der Menschen gewinnen. Der neue Bund wird im Herzen geschlossen. Es ist ein Bund der Liebe zwischen Gott und Mensch. Dafür setzt Gott sein Herzallerliebstes, seinen Sohn Jesus, ein.
Jesus berührt die Herzen der Menschen durch seine Worte und Taten. In seiner Gegenwart können Menschen aufatmen und neu anfangen. Die gekrümmte Frau richtet Jesus wieder auf. Der korrupte Zöllner Zachäus kann neu anfangen. Jesus berührt das Herz der Menschen. Er kommt ihnen nah, hört ihnen aufmerksam zu und spricht wohltuende, helfende Worte. So ist es möglich, dass Menschen ihr Herz öffnen können und sie werden beschenkt mit Glaube, Liebe und Hoffnung. Dann wird Wirklichkeit, was verheißen ist: Menschen erkennen Gott- Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Eigentlich würden wir heute Konfirmation feiern. Ein Jahr lang haben die Jugendlichen sich auf die Spur Gottes begeben, haben nachgefragt, Erfahrungen und Erlebnisse gesammelt, haben diskutiert und sich mit unserem christlichen Glauben auseinandergesetzt. Und sie sind für sich zu dem Ergebnis gekommen, dass sie dabei bleiben wollen. Dass sie ihren Lebensweg mit Gott gehen wollen, unter Gottes Segen. Dass sie ihr Leben unter und in der Nähe Gottes leben möchten.
Aber wie geht das?
Eine kleine Geschichte erzählt es so:
Ein Junge lässt am Strand bei herrlichem Wetter und gutem Wind seinen bunten Drachen steigen. Als seine Schnur völlig abgerollt ist, sieht man den Drachen gar nicht mehr, so hoch ist er in die Wolken hineingeschwebt. Eine ältere Frau kommt zu dem Jungen und fragt ihn, was er da mache.
Der Junge antwortet ihr, dass er seinen schönen bunten Drachen in den Himmel steigen lasse. Die Frau entgegnet ihm, wo er denn sei, sie könne gar keinen Drachen sehen. Da entgegnet der Junge, dass er ihn auch nicht sehen könne, so weit weg sei er. Aber dennoch wüsste er, dass er da ist. Er fühle, wie er an der Leine zieht.
(Nach einer Geschichte von Axel Kühner)

Liebe Gemeinde,
vielleicht ist es ja mit uns und Gott auch manchmal so. Wir können Gott nicht sehen, aber wir können ihn spüren. Es gibt eine unsichtbare Schnur zwischen Gott und uns. Wir können Gottes Kraft in uns spüren, auch hinter den dunklen Wolken in unserem Leben. Wenn wir nicht klarsehen, wenn wir traurig sind und uns ganz hilflos fühlen, wenn wir Angst haben und uns große Sorgen machen, wenn das Herz weh tut, weil wir verletzt oder verlassen worden sind.
Gott ist dennoch da und er zieht uns mit seiner Liebe, seiner Kraft und seinem Trost zu sich. Der neue Bund ist eine Herzenssache. Gott ist eindeutig. Er setzt auf die Liebe und wir müssen keine Treuepunkte sammeln.
Amen.

Musik

Fürbitten
Gott, du bist uns nahe, du kennst unser Herz und weißt, was uns bewegt.
Hilf uns, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden.
Hilf uns, auf dich zu hören im Vielerlei unseres Alltages.
Lass uns deine Nähe spüren, schenke uns Kraft und Zuversicht für unseren Weg.

Gott, wir bringen vor dich, was unser Herz schwer macht:
Trauer um Verlorenes, Enttäuschungen und Verletzungen, Sorgen und Ängste, ausgelöste durch die Corona-Epidemie, die in diesen Tagen unser Leben bestimmt. Tröste uns, Gott, und stärke uns, damit unser unruhiges Herz bei dir zur Ruhe kommt.
Gott, wir kommen du dir mit unserer Fürbitte für andere Menschen,
die in schwierigen Beziehungen leben,
die keine Liebe erfahren,
die nicht glauben und hoffen können.
Sei du ihnen nahe und lass sie Menschen treffen, die gut zu ihnen sind.
Zeige uns, was wir tun können, damit das Miteinander gelingt.
Gib uns Weisheit und Geduld.

Gott, wir bringen vor dich, was unser Herz bewegt,
wenn wir an unsere fernen und nahen Nächsten denken.
Wir bitten dich für die, deren Leben bedroht ist durch Unruhen und Kriege.
Wir bitten dich für die, die auf der Flucht sind.
Wir bitten dich, Gott, für alle, die Abschied nehmen müssen und die nicht neu anfangen könne.
Wir bitten dich für die Angehörigen der Menschen, aus unserer Gemeinde, die wir in dieser Woche unter deinem Wort beerdigt haben.
Wir zünden eine Kerze für sie an.
Ihnen und uns gilt deine Zusage, dass du keinen verlorengehen lässt. Lass uns auf diese Zusage vertrauen und sei du bei den Angehörigen mit deinem Trost und deiner Liebe.

Vaterunser

Abkündigungen

Segen

Musik

Gottesdienst an Himmelfahrt 2020 mit Video von Pfarrerin Susanne Pieper

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar: https://www.youtube.com/watch?v=XoStKCf4TNU

Orgelvorspiel: W. A. Mozart, 1. Satz aus der Sonate C- Dur (Sonata facile)

Begrüßung und Votum

Der Himmel erzählt viele Geschichten. Von unendlicher Weite, von Gottes Reich, von Treue und von Freiheit. Wie schön, dass wir diesen Gottesdienst heute draußen im Freien feiern können! Wie gut, dass wir nun wieder als Gemeinde zusammen sind. Auch wenn wir noch nicht gemeinsam singen dürfen und die Liedtexte nur mitlesen können. Auch wenn unser Zusammensein kürzer ist als gewohnt.

Ein herzliches Willkommen zum Gottesdienst hier am Himmelfahrtstag! Wir strecken uns heute zum Himmel aus und vertrauen darauf, dass Jesus Christus mit uns verbunden ist. Im Wochenspruch aus Joh. 12 Vers 32 steht geschrieben: „Jesus Christus spricht: ‚Und wenn ich erhöht sein werde, so werde ich alle zu mir bringen.‘“
Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.  Amen.

Psalm 47

Freut euch und klatscht in die Hände, alle Völker! Lobt Gott mit fröhlichem Rufen!
Denn der Herr ist der Höchste, ein König über die ganze Welt.
Gott, der Herr, ist auf seinen Thron gestiegen, begleitet von Jubelrufen und dem Klang von Hörnern.
Singt zu Gottes Ehre, singt! Singt zur Ehre unseres Königs! Ja, singt und musiziert!
Denn Gott ist König über die ganze Welt, singt ihm ein neues Lied!
Ja, Gott ist König über alle Völker, er sitzt auf seinem heiligen Thron.
Die Mächtigen der Erde versammeln sich mit dem Volk,
das sich zum Gott Abrahams bekennt.
Gott gehören alle Könige der Welt, er allein ist hoch erhaben! Amen.

Kollektengebet
Wir beten:
Jesus Christus, Du bist in den Himmel aufgefahren, in die große Dimension Gottes, die alles übersteigt, was wir uns denken und vorstellen können. Wir danken Dir dafür. Denn Du bist nicht weg, sondern Du bist da.
Bist bei Gott, der wie ein Vater und wie eine Mutter für uns ist.
Und Du bist bei allen, die an Dich glauben. Überall können wir zu Dir beten.
Du hast uns den Himmel aufgeschlossen. Nun haben wir einen Heimathafen für unsere Lebensfahrt. Amen.

+155,1.2.6 Erfreue dich, Himmel, erfreue dich, Erde

Die Lesung für diesen Gottesdienst findet sich im 17. Kapitel des Johannesevangeliums,  in den Versen 20-26:
Jesus aber betete:
Vater, ich bitte dich nicht allein für meine Jünger, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben werden. Sie alle sollen eins sein, so wie du, Gott, in mir bist und ich in dir. Sie sollen in uns sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.

Und ich habe ihnen den Glanz gegeben, den du mir gegeben hast, damit sie eins sind, so wie wir eins sind. Ich bin in ihnen und du bist in mir, so dass sie zu einer Einheit vollendet werden. Die Welt soll so erkennen, dass du mich gesandt hast und dass du sie liebst, wie du mich liebst.

Vater, ich will, dass die, die du mir gegeben hast, auch dort bei mir sind, wo ich bin. Sie sollen meinen Glanz sehen, den du mir gegeben hast. Denn du hast mich schon geliebt, bevor die Welt gegründet wurde.

Gerechter Gott, die Welt hat dich nicht erkannt, ich aber habe dich erkannt, und diese haben erkannt, dass du mich gesandt hast. Und ich habe ihnen deinen Namen mitgeteilt und werde ihn mitteilen, damit die Liebe, mit der du mich liebst, in ihnen ist und ich in ihnen bin.

Ansprache

Die Liebe Gottes, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Liebe Gemeinde am Himmelfahrtsfest,

Himmelfahrt, das ist in der Bibel ein Fest des Übergangs. Zunächst für Jesus, der gekreuzigt und auferweckt worden ist. Und der nun Abschied nimmt von dieser Erde und hinübergehen wird in die ganz andere, unsichtbare Dimension Gottes, aus der er einst gekommen ist. Der zurückkehren wird in Gottes unsichtbares Reich, das wir Himmel nennen.

Himmelfahrt ist aber genauso auch ein Fest des Übergangs für seine Jünger und seine Jüngerinnen.  Ihre Hoffnung, dass Gottes Reich nun mit dem auferstandenen Jesus sichtbar auf dieser Erde anbrechen würde, erfüllt sich noch nicht. Jesus geht von ihnen. Damit werden sie in eine ganz neue, unbekannte Selbständigkeit entlassen, und damit müssen sie erst einmal zurechtkommen. Sie sind im Übergang; sie sind dabei, als Kinder Gottes, Nachfolger und Nachfolgerinnen Jesu Christi erwachsen zu werden und ihren eigenen Weg als Kirche in dieser Welt zu suchen und zu finden. Dabei ist es eine unschätzbar große Hilfe für sie, dass sie mit dem Kommen des Geistes Gottes rechnen dürfen.

Unmittelbar vor dieser Zeit des Übergangs hält Jesus eine große Abschiedsrede an seine Nachfolger. Er weiß um die Unsicherheit, die in ihnen ist. Er weiß, wie wenig sie sich ihre Zukunft vorstellen können, wie sehr sie im Dunkeln tappen. Er weiß, wie verletzbar sie sich fühlen. Und darum geht seine Abschiedsrede an sie über in ein großes Gebet. Er richtet das an Gott, seinen Vater. Er bittet für die, die er liebt; mit denen er mehrere Jahre seines Lebens geteilt hat und deren Schicksal ihm am Herzen liegt.

Auch für uns, liebe Gemeinde, ist Himmelfahrt in diesem Jahr in besonderer Weise ein Übergang. Wir begehen dieses Fest mitten in einer Zeit, in der wir uns zwischen dem Lockdown und einer langsamen Lockerung befinden. Wir wissen in diesen Tagen noch nicht, ob die Erleichterungen so bleiben können, ob sie weiter fortgesetzt werden und ob und wann wir wieder dort anknüpfen können, wo wir vor dem Shutdown waren. Unsicherheit und Verletzbarkeit sind auch unsere Begleiter. „Es ist ganz normal, dass Sie sich in diesen Zeiten gestresst fühlen“, so habe ich kürzlich bei facebook gelesen. Das zu lesen, war gerade erst mal etwas entlastend, weil ich merkte, ich bin mit diesem Eindruck nicht allein. Auch wir können nicht absehen, wie die Zukunft in unserer Kirche und unserer Gesellschaft aussehen wird.

In dieser Zeit müssen wir gleichwohl Entscheidungen fällen. Ob wir wollen oder nicht. Ich meine dabei z.B. Entscheidungen im persönlichen Bereich. Wir erleben in diesen Wochen, dass es einen starken Rückzug ins Private gibt, ja geben muss.  Aber dann ist die Frage: bedeutet die Reduktion von Begegnungen auch, dass unsere Herzlichkeit reduziert wird? Dass wir nun viel weniger aneinander Anteil nehmen? Dass wir uns deutlich weniger austauschen und deshalb nun viel weniger voneinander wissen? Wenn wir aber weniger miteinander reden, ahnen wir, dass das Misstrauen wächst, dass Missverständnisse zunehmen. Es ist wichtig, dass uns dies bewusst ist. Oder geben wir in dieser Zeit, wo wir uns weniger begegnen, den Gesprächen am Telefon, am Smartphone oder auf der Straße umso mehr eine besondere Qualität? Nehmen wir uns mehr Zeit dafür?  Bieten wir eine andere Form der Nähe an? Des Zuhörens und des Mitdenkens? Auch das ist ja möglich. Es ist eine Zeit der Entscheidungen in dieser Phase des Übergangs.

Genauso müssen wir aber auch Entscheidungen im öffentlichen, gesellschaftlichen Bereich fällen. Schenken wir den Politikerinnen und den Politikern, den Verantwortungsträgern in der Forschung und den Virologen genau in dieser Zeit das Vertrauen, das Schiff unseres Landes durch die schwere See zu steuern, in der es sich befindet, oder macht sich ein untergründiges Misstrauen selbständig, geben wir obskuren Verschwörungstheorien Raum, die im Internet kolportiert werden, die keine nachprüfbaren Beweise haben, die sich gar mit antisemitischen Lügen garnieren und eine unverantwortliche, gefährliche Mischung abgeben? Diese Zeit des Übergangs ist eine Zeit der besonderen Herausforderungen und Entscheidungen. Und wir brauchen alle einen klaren Kopf, wir brauchen Wachheit und Nüchternheit, um Gutes von Gefährlichem zu unterscheiden. Und dabei fahren wir alle immer nur auf Sicht.

In dieser Situation, in dieser Zeit spricht mich ein Gedanke aus dem heutigen Predigttext des Johannes ganz besonders an: Da hat schon einmal jemand für uns gebetet. Das war nicht irgendjemand.  Es war Jesus Christus, der Sohn Gottes, der uns schon im Blick hatte:  

„Vater, ich bitte dich nicht allein für meine Jünger, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben werden.“ Alle, die durch ihr Wort an mich glauben werden – dazu gehören wir ja auch. Auch zu uns ist die gute Botschaft von Jesus Christus gekommen, durch unsere Väter und Mütter im Glauben, durch unsere Ahnen und Urahnen, durch alle Glaubensgenossen und -genossinnen, durch all unsere Brüder und Schwestern in den vergangenen Jahrhunderten.  Wir gehören dazu.  Wir gehören mit all denen zusammen, die Gottes große Liebe erkannt haben, die in seinem Sohn zu sehen ist. Wir heute bilden mit all denen ein großes, starkes Netz, die zur Gemeinde Jesu Christi, zu seiner Nachfolgerschaft, zu seiner Kirche gehören.  Durch die Jahrhunderte hindurch. „Vater, ich bitte dich nicht allein für meine Jünger, sondern auch für alle, die durch ihr Wort an mich glauben werden.“  Da sind wir mitgemeint. Auch wir heute hier in Bad Nauheim, in der Wetterau. Der Auferstandene hat uns heute im Blick. Wir sind nicht allein.  Wir sind nicht verloren.

Worum aber bittet Jesus in seinem großen Gebet, das auch das „Hohepriesterliche Gebet“ genannt wird, weil es ein so stellvertretendes Gebet für so Viele ist?

Er bittet darum, dass „alle seine Jüngerinnen und Jünger eins sein sollen“. Für mich bedeutet das: wir dürfen auf die Gemeinschaft vertrauen, die zwischen uns da ist und die uns miteinander verbindet. Auch wenn wir z.T. noch in diesem lockdown drin sind. Es gibt ein starkes Glaubensnetz, ein starkes Hoffnungsnetz, das zwischen uns geknüpft ist, und das nicht zerreissen wird, solange wir uns gemeinsam auf Gott besinnen. Ein Beispiel dafür ist der Umgang mit dem Gebet, den ich in dieser besonderen Zeit erlebe:
Da führe ich ein langes Telefongespräch mit einer hochbetagten Dame und am Ende sagt sie mir zu: „Ich bete für Sie! Sie sind ja noch so jung!“ (Und ich muss bei dem „so jung“ auch etwas schmunzeln, aber aus ihrer Perspektive stimmt es ja.) Da bittet mich jemand, der in einer ganz besonders hohen Verantwortung für seinen Arbeitsbereich steht: „Beten Sie für mich, dass wir alle gut durch diese Zeit kommen!“ Da kann ich selbst einem Menschen, der in einer Trauersituation ist, zusichern: „Sie sind mit in meinen Fürbitten!“ Gebete füreinander gehen hin und her in dieser Zeit; Menschen sprechen viel freier und ungehemmter darüber; sie trauen sich viel eher, dieses Wort über die Lippen zu bringen als früher.  Wir sind eine Gemeinschaft, wir gehören zusammen und können füreinander einstehen. Dies erlebe ich, wenn ich Menschen aus der Gemeinde draussen treffe; dies habe ich besonders in dem ersten Gottesdienst am letzten Sonntag gespürt, den wir endlich wieder analog zusammen in der Dankeskirche feiern konnten.  Wenn auch mit Maske und Desinfektionsmittel und Abstand halten. Egal. Wir haben uns wieder gesehen, haben uns miteinander vergewissert:  ja, die anderen sind ja auch noch da!  Wie schön! „Sie alle sollen eins sein, damit die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast“, bittet Jesus.

Jesus sagt zu seinem Vater in seinem Abschiedsgebet noch ein Zweites, bevor er zu ihm zurückkehrt. „Ich habe ihnen den Glanz gegeben, den du mir gegeben hast. So soll die Welt erkennen, dass du sie liebst, wie du mich liebst.“ Das, wovon Jesus hier spricht, ist etwas Geheimnisvolles. Martin Luther übersetzt hier „Herrlichkeit“, im griechischen heißt es „doxa“, in der Bibel Für Gerechte Sprache nun „Glanz“. Das ist für mich am schönsten; damit kann ich am meisten anfangen. Jede und jeder von uns ist von einem besonderen Glanz umgeben, oder trägt einen besonderen Glanz in sich. Seit dem Tag der Taufe, so stelle ich es mir vor. Als uns gesagt wurde: „Du bist Gottes Kind. Du bist von Gott unendlich geliebt. Als ein einmaliger Mensch auf dieser Welt. Vorweg bist du schon geliebt. Niemand kann dir das in deinem Leben nehmen. Geh aufrecht. Es ist ein Geschenk, das du nur in deine Hände und in dein Herz nehmen brauchst. Diese Liebe Gottes zu dir bleibt für immer und für alle Zeit.“  Ich glaube, wenn wir uns diese Zusage zusprechen lassen, wenn wir sie in uns hineinfallen lassen, sie (tief inhalieren und) in uns wirken lassen, dann kann es passieren, dass etwas in unseren Augen zu glänzen beginnt. Dass uns Glück erfüllt und wir einen tiefen Frieden erfahren.

Das Abschiedsgebet Jesu für seine Jüngerinnen und Jünger ist voller Liebe. Da ist kein Wort mehr von Enttäuschung über ihr Versagen, kein Wort mehr über ihre Angst oder über Mangel an Vertrauen ihm gegenüber. „Die Liebe, mit der du mich liebst, soll in ihnen sein,“ bittet der Sohn Gottes seinen himmlischen Vater.  Und ich denke mir:

Vielleicht ist das in unserer Zeit gerade genug: dieses „Liebe empfangen“. Vielleicht benötigen wir gerade nur dieses Eine, uns sagen zu lassen, dass der Sohn Gottes für uns betet, damit wir das Geschenk der Liebe Gottes sehen. So könnten wir wieder den Weg finden von der Angst zum Vertrauen, von der Unsicherheit zum Frieden. Durch unsere Tage und durch unsere Nächte hindurch.

In Ihrem Liedblatt finden Sie ein kleines Stück Glanzpapier.  Nehmen Sie es einfach mit.  Es möchte Sie daran erinnern, dass Gottes Glanz bei Ihnen ist, dass der Glanz der Liebe Gottes mit Ihnen weitergeht.

Und sein Friede, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.  Amen.

+84,1.2.4  We are one in the spirit

Fürbitten

SP Unser Gott, wir danken dir für den Glanz deiner Liebe, mit dem du bei uns bist und uns umgibst. Wir dürfen am Leben sein bis zum heutigen Tag. Du hast uns durch manche gefährlichen Zeiten geführt und warst so oft schon unsichtbar an unserer Seite. Dafür loben wir dich!

MS Wir bitten dich für alle, die wir lieben und die zu uns gehören. Schütze sie. Für alle, die an Leib und Seele erkrankt sind, bitten wir: sei du an ihrer Seite. Schenke ihnen Erleichterung und Hilfe.

SP Wir bitten für alle Pflegekräfte, Ärzte und Forscher, dass sie mit Stärke, Geduld und Liebe ihren Dienst tun können.  Wir danken für ihren unschätzbaren Dienst.

MS Wir bitten dich für unsere Gesellschaft, dass der Friede in ihr erhalten bleibt. Dass wir mit Geduld aufeinander hören und uns gegenseitig unterstützen. Dass alle Anteil behalten an den Ressourcen, die wir für unser Leben benötigen.

SP Wir bitten dich für unsere Erde, dass du ihre gute Ordnung bewahrst. Halte unsere Augen und Hände offen, damit wir deine Schöpfung lieben und auf sie achtgeben, soweit es in unseren Kräften steht. Und gemeinsam…

Vaterunser

Abkündigungen

Segen

Orgelnachspiel: W. A. Mozart, Rondo alla turca
 

 

Gottesdienst am 17.05.2020 mit Video von Pfarrer Rainer Böhm

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar: https://youtu.be/VWpVWv1LDLo

J. S. Bach: Präludium C-Dur

Begrüßung
Eigentlich hätten wir jetzt eine volle Dankeskirche. Denn eigentlich wäre heute unser erster Konfirmationsgottesdienst in diesem Jahr. 25 Konfis, 25 Familien, Menschen von nah und fern, junge und alte.
Aber nun ist alle anders und wir sind froh, wenigstens so wieder Gottesdienst feiern zu können. Als Video im Netz, und analog für wenige Besucher hier bei uns in der Kirche. Schön dass Sie gekommen sind, dass Sie uns eingeschaltet haben.
Rogate heißt der heutige Sonntag, dh beten. Es geht um das Vater Unser.

Eingangspsalm: Psalm 95
Ruf zu Anbetung und Gehorsam 1 Kommt herzu, lasst uns dem HERRN frohlocken und jauchzen dem Hort unsres Heils! 2 Lasst uns mit Danken vor sein Angesicht kommen und mit Psalmen ihm jauchzen! 3 Denn der HERR ist ein großer Gott und ein großer König über alle Götter. 4 Denn in seiner Hand sind die Tiefen der Erde, und die Höhen der Berge sind auch sein. 5 Denn sein ist das Meer, und er hat's gemacht, und seine Hände haben das Trockene bereitet. 6 Kommt, lasst uns anbeten und knien und niederfallen vor dem HERRN, der uns gemacht hat. 7 Denn er ist unser Gott und wir das Volk seiner Weide und Schafe seiner Hand.

Eingangsgebet
Zum ersten Mal seit Monaten wieder in unserer Kirche, Herr.
Wie schön das ist, und wie anders zugleich. Da müssen wir uns noch dran gewöhnen.
Keine Konfirmation heute.  Und wir halten Abstand voneinander.
Vater unser im Himmel.
Wir reden viel und wir sagen wenig.
In der Menge unserer Worte verlieren wir den Kontakt zueinander.
Und so beten wir auch manchmal, gedankenlos, und verlieren den Kontakt zu dir.
Dabei brauchen wir nur ruhig zu werden, auf eine Kerze zu schauen, ein Bild, ein inneres Bild, die Augen zu schließen, und schon beginnt das Gespräch, das Beten.
Vater unser im Himmel,
du weißt was wir brauchen, bevor wir es sagen.
Vergib uns unsere Schuld und lass uns neu beginnen –
Durch Jesus Christus, deinen Sohn. Amen

Lesung = Predigttext                  Mt 6, 5 – 15
Vom Beten. Das Vaterunser 5 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, um sich vor den Leuten zu zeigen. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. 6 Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten. 7 Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. 8 Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. 9 Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. 10 Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. 11 Unser tägliches Brot gib uns heute. 12 Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. 13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. [Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.]

Kurze Variationen über 501 Wie lieblich ist der Maien

Liebe Gemeinde,
früher hatte man als Konfirmand vieles auswendig zu lernen: Luthers Kleinen Katechismus, das Glaubensbekenntnis, Kirchenlieder mit sämtlichen Strophen und natürlich das Vaterunser. Das hat sich etwas geändert, aber das Glaubensbekenntnis, die 10 Gebote, Psalm 23 und das Vaterunser lernen immer noch alle. Auch wenn wir es nicht prüfen. Wir fragen es ab. Nur in diesem Jahr ist natürlich manches anders.

Und viele von uns spüren jetzt, wie wichtig es ist und wie heilsam, beten zu können, zur Ruhe zu kommen, Besinnung zu finden. Deshalb sind wir froh, ab Mittwoch, wieder die Dankeskirche zum Gebet öffnen zu können. Die Not lehrt beten, heißt ein Sprichwort. Ich habe das vor ein paar Monaten am eigenen Leib erlebt – und tun wir es gemeinsam. Es ist gut Gebete zu haben wie einen Vorrat, die man wie eine Litanei sprechen kann.

Mich hat es in den vergangenen Wochen sehr ergriffen, wenn wir in unseren Videokonferenzen miteinander das Vater Unser gebetet haben: getrennt und doch verbunden, in einer berührenden Sprachcollage, in der mal die eine, mal die andere Stimme hervortritt, die einzelnen Worte eine Form bekommen. Ich bin an drei Aspekten des Vater Unsers ‚hängen‘ geblieben.:

Die Anrede „Vater unser im Himmel“

Zu Gott als einem Vater kommen: was für eine schöne Vorstellung. Zu diesem gütigen und verständnisvollen Vater, der sein Kind in die Arme schließt, wenn es sich verlaufen hatte; der offen ist für ein Gespräch und sich erkundigt; der verständnisvoll ist, der auf die eigene Freiheit vorbereitet und sie respektiert; der vergibt, noch bevor man sich ganz klein machen musste. So ist Gott, wie wir von Jesus wissen. Wir Menschen erleben das leider oft anders. Gut, dass es diesen Vater im Himmel gibt.

Gott ist dieser freundliche Vater, dieses Eltern-Ideal, das jeder sich wünscht und dem zugleich niemand gerecht zu werden vermag. Dieser Gott schaut in unser Herz, er kennt unsere Wahrheit. Er holt uns zu sich und nimmt uns am Ende freundlich in seine Arme.

Das Vater Unser als ein jüdisches Gebet

Das Vaterunser gilt als das christliche Gebet. Es verbindet Christinnen und Christen aller Kirchen miteinander: ob in der Orthodoxie, im Katholizismus, den Kirchen der Reformation und auch jüngeren Kirchen, überall spielt es eine zentrale Rolle. Es wird in jedem Gottesdienst gebetet. Auch bei jeder Taufe, Trauung und Beerdigung. Und  ist nicht auf den Gottesdienst beschränkt.

Dabei haben wir  zu verstehen, dass Jesus das Vater Unser als Jude betet. Es ist also ein Kaddisch, seine Wurzel ist das Gebet in der Synagoge, auch wenn es sich davon unterscheidet. Seine Inhalte sind Teil der jüdischen Tradition. Für die Gottesrede, die Kürze des Gebets und seinen vermeintlich eschatologischen Charakter gibt es zahlreiche Parallelen im Judentum Jesu.

Lesen wir es so , dann bekommt es neue Akzente. ZB die aktive Beteiligung der Betenden. Das Kommen des Reiches Gottes ist im Judentum nicht etwas, auf dass es still zu warten gilt, sondern das der menschlichen Mitwirkung bedarf. Der Mensch als Partner und Partnerin Gottes kommt viel stärker in den Blick. Vor dem Hintergrund einer Tradition, die eher das Handeln Gottes als das des Menschen akzentuiert, ist es wichtig, diese Unterschiede  der jüdischen Tradition wahrzunehmen. Sie eröffnen einen neuen Zugang zu einem oft gehörten und gesprochen Text.

Die Formulierung: Führe uns nicht in Versuchung

Führt Gott in Versuchung? Oder muss das Vaterunser geändert werden?
Die Versuchung war immer groß, den Text zu glätten und die Widersprüche aufzulösen.
Der Vers "Und führe uns nicht in Versuchung" sei "keine gute Übersetzung", sagte Papst Franziskus. Besser wäre: "Lass mich nicht in Versuchung geraten." Denn ein Vater mache so etwas nicht. Der Versucher sei ein anderer. Viele Theologen fühlen sich nun herausgefordert, die sechste Bitte des Vaterunsers zu überdenken.

Der Theologe Rupert Lay liest den Vers so: "Und führe uns auch in der Versuchung!" Die "Bibel in gerechter Sprache" übersetzt: "Führe uns nicht zum Verrat an dir!" Und die "Gute-Nachricht-Bibel" schließlich formuliert: "Und lass uns nicht in die Gefahr kommen, dir untreu zu werden."

Ich finde das sind alles Interpretationen, die in die richtige Richtung führen. Gott will uns nicht versuchen, Das sind wir selbst. Aber er will uns führen – auch durch die größten Anfechtungen unseres Glaubens und durch die größten Zweifel und tiefsten Fragen. So wie jetzt, wo alles anders ist. ER möchte uns helfen, auf dem Weg zu bleiben.
Gott – er bleibt der Rätselhafte, der ganz Andere. Unser Vater im Himmel.
Amen.

Kurze Variationen über 188 Vater unser, Vater im Himmel

Fürbitte
Vater im Himmel
Sei bei uns, wenn wir zu viele Worte machen
Und erinnere uns daran, deinen Namen zu heiligen.
Sei bei allen, die jetzt Sorgen haben, seelische, gesundheitliche, wirtschaftliche Sorgen, überall auf dieser Welt:
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Sei bei allen, die mit sich selbst hadern und unzufrieden sind, über die Situation, über sich selbst, über andere. Und es Kinder und Familie spüren lassen. Die nachtragend sind und nicht loslassen können:
Vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und wenn wir an dir zweifeln und an deiner Schöpfung und uns fragen, woher diese Pandemie kommt und warum
Dann führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn du bist unser Vater im Himmel. Wir danken ir für deine Nähe. Auf dich vertrauen wir:
Denn dein ist das Reich, und die Kraft, und die herrlichkeit, in Ewigkeit. Amen

Vater Unser

Segen

Orgelnachspiel        Robert Schumann: Kanon in E-Dur

Gottesdienst am 10.05.2020 mit Video von Dekan Volkhard Guth

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar: https://youtu.be/od6Eyl5kLNQ

Eingangsmusik
Begrüßung (Kantate)

Wochenspruch:
Herzlich willkommen zum Gottesdienst aus der Dankeskirche Bad Nauheim am Sonntag Kantate.
„Singet dem HERRN ein neues Lied, denn ER tut Wunder.“ Ps.98,1
Der ausgelassene Tanz, das Lied, das Trauernde berührt, das Pfeifen im Garten oder die Kantate, die tief ins Herz dringt, – Musik lässt niemanden unbewegt.

Musik eröffnet Resonanzräume. -
Dort, wo Gottes Name besungen wird, dort ist Gott ganz nah.
Je mehr unser Leben zum Gesang wird, desto stärker wird uns diese Resonanz verändern.
Auch wenn wir jetzt nicht im selben Raum singen werden, ich wünsche ich uns, dass dieser Gottesdienst uns ein Resonanzraum wird, in dem wir Gott und seiner Herrlichkeit begegnen.

Und das kann passieren! Denn wir feiern diesen Gottesdienst – wir hier, und Sie bei sich zuhause -

Votum
im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Gem.: Amen

Eingangspsalm 98, 1-6 [EG 739]

1 Singet dem Herrn ein neues Lied,
denn er tut Wunder. Er schafft Heil mit seiner Rechten und mit seinem heiligen Arm.
2 Der Herr lässt sein Heil verkündigen;
vor den Völkern macht er seine Gerechtigkeit offenbar.
3 Er gedenkt an seine Gnade und Treue für das Haus Israel,
aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes.
4 Jauchzet dem Herrn, alle Welt,
singet, rühmet und lobet!
5 Lobet den Herrn mit Harfen,
mit Harfen und mit Saitenspiel!
6 Mit Trompeten und Posaunen
Jauchzet vor dem Herrn, dem König!

Kommt lasst uns anbeten!

Gesang: Ehr sei dem Vater und dem Sohn

Eingangsgebet
Herr, wie gerne würden wir dir heute ein neues Lied singen.
Aber es geht nicht. Wir können nicht gemeinsam singen.

Herr, wie gerne sähen wir jetzt und in diesen Tagen ein Wunder. Dass da jemand etwas entdeckt, das uns vor dem Virus schützt.

Schenk uns die Kraft, wenigstens die alten Lieder zu singen.
Dass wir uns von ihnen und deinem Wort erinnern lassen an deine früheren Wunder.

Es gibt sie ja. Und wir haben sie ja immer auch schon erlebt. Die Zeichen deiner Herrlichkeit.

Von denen wir leben, auf die wir trauen und von denen wir erzählen könnten.

Hilf uns, dir ein neues Lied zu singen. Heute mit diesem Gottesdienst und in unserem Leben. Denn du bist´s, der Wunder tut.
Amen

Gesang: Amen

Schriftlesung (LK.19, 37-40)
37 Und als er schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten,
38 und sprachen: Gelobt sei, der da kommt, der König, in dem Namen des Herrn! Friede sei im Himmel und Ehre in der Höhe!
39 Und einige von den Pharisäern in der Menge sprachen zu ihm: Meister, weise doch deine Jünger zurecht!
40 Er antwortete und sprach: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.
Selig sind, die Gottes Wort hören, bewahrten und danach leben.

Gesang.: Halleluja

Lied vor der Predigt: Ich singe dir mit Herz und Mund (EG 324, 1-3.17.17)

Predigt (2.Chr.5, 2-5.10.12-14)
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und unserem Herrn Jesus Christus. Amen

2 Da versammelte Salomo alle Ältesten Israels, alle Häupter der Stämme und die Fürsten der Sippen Israels in Jerusalem, damit sie die Lade des Bundes des Herrn hinaufbrächten aus der Stadt Davids, das ist Zion.
3 Und es versammelten sich beim König alle Männer Israels zum Fest, das im siebenten Monat ist.
4 Und es kamen alle Ältesten Israels, und die Leviten hoben die Lade auf
5 und brachten sie hinauf samt der Stiftshütte und allem heiligen Gerät, das in der Stiftshütte war; es brachten sie hinauf die Priester und Leviten.
10 Und es war nichts in der Lade außer den zwei Tafeln, die Mose am Horeb hineingelegt hatte, die Tafeln des Bundes, den der Herr mit Israel geschlossen hatte, als sie aus Ägypten zogen.
12 und alle Leviten, die Sänger waren, nämlich Asaf, Heman und Jedutun und ihre Söhne und Brüder, angetan mit feiner Leinwand, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen.
13 Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem Herrn. Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den Herrn lobte: »Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig«, da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke, als das Haus des Herrn,
14 sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das Haus Gottes.

Sie haben sie erkannt?! Die Geschichte der Einweihung des salomonischen Tempels. Ein großes Fest!

Und der zentrale Akt: die Überführung der Bundeslade mit den beiden Gesetzestafeln aus der alten Stiftshütte, die Israel bei der Wüstenwanderung und der Landnahme begleitet hat, hinein in den neu erbauten Tempel auf dem Zionsberg.

Und die zentrale Botschaft: Gott ist an diesem Ort anwesend. Hier kann Israel seinem Gott begegnen.
Es ist so etwas wie die Einwohnung der Herrlichkeit Gottes.
Und damit ist der lange Weg vom Sinai zum Zion abgeschlossen.

Diese Tempelweihe, sie wird uns im Buch der Chroniken als ein Klangereignis geschildert.
Es ist dem Text wichtig zu erzählen: Indem alle Instrumente, der Gesang und auch jedes artikulierte Wort zu einer Einheit werden, zu einem Klang verschmelzen, werden alle diese Elemente zum wahren Gotteslob. Das ist die Aussage.

Der Predigttext von heute stellt also eine enge Verbindung zwischen der Musik und der Herrlichkeit Gottes her.

Wir können heute nicht miteinander singen. - Und auch wenn wir in den nächsten Wochen beginnen, wieder öffentliche Gottesdienste in unseren Kirchen zu feiern, werden wir nicht gemeinsam singen dürfen.

Vielleicht gerade deshalb aber kann unser Text uns heute, am Sonntag Kantate, zu der Frage führen, was unsere Gottesdienste eigentlich und grundlegend ausmacht!?

Ich möchte dazu gerne den Begriff der „Resonanz“ bemühen. Der Soziologe Hartmut Rosa hat ihn in den letzten Jahren in der soziologischen Debatte neu aufgegriffen.
Resonanz als Antwortbeziehung. Resonanz als Beziehungsmodus.

Was meine ich damit?
Der Predigttext von heute macht deutlich: das göttliche Handeln, die Begegnung mit der Herrlichkeit Gottes kann nicht ohne Resonanz bleiben.
Die Einwohnung Gottes im neuen Tempel führt zum unmittelbaren Lob seiner Herrlichkeit.
Mehr noch: all die Pauken, Zimbeln und Schofarhörner, der Gesang – all das wird zu einem Klang und damit offenbar zu einem einzigartigen Klangereignis.

Unser Text mag uns also daran erinnern, was das Ziel jeder unserer gemeinsamen Feiern ist: gemeinsames Gotteslob in der Erwartung seiner Gegenwart.
Und Musik spielt dabei eine Rolle.

Also nicht jene weitschweifigen, wortlastigen Veranstaltungen mit ihren Belehrungstendenzen, in denen bisweilen sogar Einleitungen, Begrüßungen und Gebete zu immer neuen Predigten werden, sondern Räume, in denen es zu Resonanzen kommen kann, zu Begegnung und zur Beziehung mit dem, dessen Lob wir singen sollen.

Dann könnte Gott vielleicht sogar unsere sonst so aufwändig inszenierten Religionsfeiern mit seiner Gegenwart heilsam unterbrechen.

Bei allem sehnlichen Warten darauf, dass wir wieder physisch miteinander Gottesdienste feiern können, lässt mich die gegenwärtige Zeit und die Erfahrung dieser Tage neu fragen, was Gottesdienst ist und wie er zu feiern sein müsste?!

Marin Luther hat in seiner Einweihungspredigt der Schlosskirche in Torgau 1544 jene oft zitierte Formel geprägt: der Gottesdienst ist nichts anders, „denn dass unser lieber Herr selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort und wir wiederum mit ihm reden durchs Gebet und Lobgesang“.
Das ist Resonanz, wovon Luther spricht. – Der Gottesdienst als Antwortbeziehung. Gott und Mensch im Beziehungsmodus.

Das, was niemand von uns machen kann, was Mose am brennenden Dornbusch erfahren hat, was eine Maria und die Hirten auf dem Felde erlebt haben, was in der Offenbarung des Johannes von „der großen Stimme“ berichtet wird, das soll geschehen in jeder unserer Versammlungen. Gott spricht sein Wort – und der einzelne Mensch, getroffen von diesem Wort, soll antworten. Und die Antwort heißt: Gott loben.
Und in der gemeinsamen Feier wird dieses Lob zu einem großen Lobgesang wie ein Klang.

Resonanz. Darum geht es im Gottesdienst. Der Gottesdienst als Antwortbeziehung. Der gesungene Lobpreis der Herrlichkeit unseres Gottes als Beziehungsmodus zwischen uns und Gott.

Ein zweiter Gedanken: Es hat ja etwas kultkritisches, wenn unser Predigttext beinahe schon lapidar feststellt, dass die Lade nichts anderes ist, als ein Kasten aus Holz. Und dass in ihr nicht mehr drin ist, als zwei Tafeln.
Auch das mag uns helfen, die Pointe des evangelischen Gottesdienstes nochmal neu zu entdecken.
So wie jede Tempelfeier an den Bundesschluss am Horeb erinnert hat und an den Inhalt dieses Bundes, so erinnern auch wir uns des Bundes, den Gott in Jesus Christus mit uns geschlossen hat – am Kreuz, in unserer Taufe.
Und indem wir das feiern, entsteht wie schon im alten Israel, eine Art zweiter Resonanz: Vergangenes wird gegenwärtig. Und es erhält genau darin seine Bedeutung für die Zukunft.

Ich freue mich darauf, wenn wir es irgendwann einmal, wenn wirklich alles überstanden ist, einfach wieder gemeinsam tun können: Singen. Aus voller Kehle. Ohne Mundschutz und Abstandsregeln.
Und dann werden wir für unsere Gottesdienste aus den letzten Wochen mitgenommen haben, dass vielleicht gar nicht allzu lange über einen Text wie den aus 2.Chr. gepredigt werden muss.
Sondern dass wir mit einem Text wie diesem in ein erwartungsvoll offenes Lob der Gemeinde geführt werden. Mit ganz viel Gesang und Musik, wie ein Klang.
Denn die Antwort auf die Begegnung mit der Herrlichkeit Gottes ist das Singen. Für Gott, für die Welt und füreinander.

Bis dahin wünsche ich uns – Ihnen und mir -, dass uns die Herrlichkeit Gottes wie in einer Wolke immer neu berührt: zuhause, beim Lesen seines Wortes, im Gebet, draußen, beim Hören einer Predigt, beim Betrachten eines Fernsehgottesdienstes, unter Freunden, in der Familie.
Und dass sie in uns Resonanz wirkt. Dass wir ins Loben kommen – weit über den Sonntag Kantate hinaus.  

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere menschliche Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen

Lied nach der Predigt: Lob Gott getrost mit Singen (EG 243, 1.4.5)

Fürbittgebet
Singt dem Herrn ein neues Lied, denn ER tut Wunder.
Dich Gott loben wir, denn du tust Wunder.
Darum bitten wir dich
für die Menschen, die in dieser Nacht mit Schmerzen wachten,
für die Verletzten, die Kranken, die Gedemütigten.
Du hörst ihr Weinen.

Wir bitten wir dich
für die Menschen, die heute mit Sorgen erwacht sind,
für die Traurigen und die Trauernden.
Du kennst sie und hörst ihre Klage.
Das Virus bestimmt ihr und unser Leben in diesen Tagen und Nächten.
Für sie und für uns rufen wir zu dir:
Herr, erbarme dich.
Singt dem Herrn ein neues Lied, denn ER tut Wunder.
Dich loben wir, denn du tust Wunder.
So bitten wir dich
für die, die oben stehen,
für die, denen alles leicht fällt,
und denen alles zu glücken scheint.
Du kennst sie und das, was sie gefährdet.

Wir bitten wir dich
für die, denen man zuhört,
die Einfluss und Macht über
das Leben der anderen haben.
Die Politikerinnen und Politiker unseres Landes,
die in der Wirtschaft das Sagen haben
Du kennst ihre Interessen und
kannst ihre Herzen weit machen.
Für sie rufen wir zu dir:
Herr, erbarme dich.
Singt dem Herrn ein neues Lied, denn ER tut Wunder.
Dich loben wir, denn du tust Wunder.
Darum bitten wir dich
für alle Menschen, die dir vertrauen,
und für alle, die sich nach Frieden in dieser Welt ausstrecken,
für die Brückenbauer und Freiwilligen in den Hilfsorganisationen.
75 Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs ist der Frieden in vielen Ländern gefährdeter denn je, auch angesichts der Auswirkungen der Pandemie.
Für sie und uns alle rufen wir zu dir:
Herr, erbarme dich.
Singt dem Herrn ein neues Lied, denn ER tut Wunder.
Wir loben wir dich, denn du tust Wunder.
Und so bitten wir dich
für deine weltweite Kirche,
für unsere Gemeinden und alle,
mit denen wir im Glauben an Jesus Christus verbunden sind.
Besonders denken wir an unsere Geschwister in unserer Partnerdiözese Amritsar in Nordindien.

Wir bitten dich für uns
und für alle, für die wir Verantwortung haben.
Du kennst unsere Grenzen und unser Wollen.
Du hörst unsere Gebete.
Im Namen Jesus Christi bitten wir dich.
Dein Heiliger Geist lässt uns singen.
Singt dem Herrn ein neues Lied, denn ER tut Wunder.

Vater unser
Amen.

Musik
Segen
Amen

Musik zum Ausgang

 

Gottesdienst am 03.05.2020 mit Video von Vikar Ingmar Bartsch

Dieser Gottesdienst ist auch als Video verfügbar: https://youtu.be/_tBIVp7fKeY und als PDF.

Für diesen Gottesdienst gibt es zwei Liedvorschläge. Vor der Predigt das Lied 501 „Wie lieblich ist der  Maien“, die Strophen 1,2 und 4. Nach der Predigt könnte man das Lied „Du bist der Weg und die Wahrheit und das Leben“ von Christoph Zehendner und Johannes Nitsch singen. Dessen Text können wir aus urheberrechtlichen Gründen nicht veröffentlichen, aber wer den Titel und die Namen in die Internetsuche eingibt, wird sicher fündig.

Votum
Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

Schuldbekenntnis
Gott, wir leben im Ausnahmezustand und fühlen uns hilflos, unsicher und eingeschränkt. Wir wüssten gerne, was richtig ist und was falsch. Wir wüssten gerne, wie lange wir noch auf ein normales Leben verzichten müssen. Wir versuchen, uns zu arrangieren und doch merken wir, dass diese Krise  schwer auszuhalten ist. Wir beklagen die Menschen, die in Existenznöte geraten sind. Wir beklagen die Kranken und Verstorbenen. Wir bitten Dich: Herr, erbarme Dich!

Gott, manchmal stehen wir uns selbst im Weg. Wir sind stolz und uneinsichtig. Wir brechen Brücken zu unseren Mitmenschen ab, manchmal durch ein vorschnelles Wort oder durch Unachtsamkeit. Wir schenken der Beziehung zu Dir wenig Beachtung.
Wir scheitern an unseren selbst gesteckten Zielen. Wir überspielen unsere Fehler. All das bringen wir vor Dich und bitten: Herr, erbarme Dich!

Gnadenzusage
Hört das Wort der Gnade, denn Jesus Christus spricht:  „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht“ Ehre sei Gott in der Höhe!

Schriftlesung aus 1. Mose 1, 1-5; 26-27 und 2,1-3.
1 Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. 2 Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser. 3 Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. 4 Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis 5 und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.  26 Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über die ganze Erde und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht. 27 Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.

Glaubensbekenntnis
Verbunden mit allen Christen weltweit bekennen wir unseren Glauben.
Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde.
Und an Jesus Christus,
seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,
empfangen durch den Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage auferstanden von den Toten,
aufgefahren in den Himmel,
er sitzt zur Rechten Gottes,
des allmächtigen Vaters, von dort wird er kommen,
zu richten die Lebenden und die Toten.
Ich glaube an den Heiligen Geist,
die heilige christliche Kirche,
Gemeinschaft der Heiligen,
Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten
und das ewige Leben. Amen.

Predigt
In dieser Predigt war ein Teller mit Weintrauben zu sehen, von denen einige etwas zermatscht oder verschrumpelt waren.

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde,

wenn ich Weintrauben kaufe, liegen am Boden der Verpackung oft ein paar  verschrumpelte Exemplare. Vermutlich sind sie beim Transport abgefallen und dann werden sie unansehnlich und matschig. Bei der Weinrebe selbst wundere ich mich manchmal, dass die Trauben oft noch so frisch sind. Sie sind ja schon ein paar Tage vom Weinstock abgeschnitten.
Vielleicht fragen Sie sich jetzt, woher ich diese Trauben habe. Auf natürliche Weise wachsen sie im Mai in Deutschland nicht. So wie Erdbeeren im Dezember. Diese Trauben kommen aus Spanien. Ich kann nur vermuten, wie groß ihr ökologischer Fußabdruck ist. Größe 45 wird wohl nicht reichen. Und im Supermarkt, aus dem ich die Trauben habe, gab es auch welche aus Indien. Die sind um die halbe Welt gereist. Witzigerweise dürfen die trotz Corona raus aus Indien. Zu mir auf den Tisch. So wie Granatäpfel, Avocado, Papaya und anderes bei uns nicht heimisches Superfood. Manche Früchte sind sogar mit dem Flugzeug angereist. Ob das für unsere Schöpfung gut ist? Vermutlich nicht.


Ich treffe täglich – in diesem Falle beim Einkaufen –  Entscheidungen, die Auswirkungen haben. Jetzt müsste ich fünf Euro ins Phrasenschwein werfen. Denn genau genommen hat jede Entscheidung Auswirkungen. Das ist quasi das Wesensmerkmal von Entscheidungen. Sie haben Konsequenzen: Es hat Konsequenzen, wenn ich über meine Nachbarn tratsche. Wie nachhaltig meine Klamotten sind. Ob ich das Auto oder das Rad nehme. Ob ich jemanden für etwas Nebensächliches kritisiere oder lieber ein Lob ausspreche. Es ist schier zum Verzweifeln: Egal, was ich mache, es hat Konsequenzen. Und nicht immer gute.
Wir haben vorhin einen Teil der Schöpfungsgeschichte gehört. Gott hat die Welt gut gemacht und er war wirklich zufrieden. Und dann kam der Mensch. Und wenn man sich das Ergebnis anschaut…


Naja. Reden wir nicht drüber. Wir scheitern regelmäßig an eigenen und fremden Maßgaben, an Geboten und Verboten. An den Imperativen, die wir befolgen müssen. Uns Christen sehen viele Menschen wahlweise als Spießer oder als Versager mit großen Ansprüchen und noch größerem Hang zum Moralisieren. Schuldgeplagt und an der Masse der Gebote scheiternd gehen wir durch diese Welt, immer die Strafe unseres Gottes fürchtend.


Und jetzt kommt es noch dicker! Denn der heutige Predigttext aus dem Johannesevangelium schlägt heftig in die gleiche Kerbe.
Ich lese aus dem Johannesevangelium im 15 Kapitel, die Verse 1 bis 8. Jesus Christus spricht: 1 Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. 2 Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. 3 Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. 4 Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. 5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. 6 Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. 7 Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. 8 Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.


Halten wir fest: Jesus ist der Weinstock und ich bin eine Rebe. Und wenn ich so verschrumpelt und entkräftet daherkomme und keine gute Frucht bringe, dann werde ich abgeschnitten und ins Feuer geworfen. Ich kann schon verstehen, dass die Botschaft der Bibel manchmal sehr seltsam wirkt. Aber irgendwie passt das zu unserer Gesellschaft, wie die Faust aufs Auge. Wer Leistung bringt, aus dem kann was werden. Spare, lerne, leiste was dann haste, kannste, biste was! Und wer nichts  leisten kann, der fällt durchs Raster. Bei uns in Deutschland zum Glück nicht so tief, wie anderswo. Hier muss zumindest niemand verhungern.


Nun stehe ich also etwas entmutigt, frustriert und widerwillig vor diesem Text und werde daran erinnert, dass ich am Anspruch der Bibel und an meinen eigenen Anspruch scheitere. Aber ist das wirklich der Kern dieser Rede Jesu? Nein! Denn in diesen Worten steckt viel mehr Ermutigung und Zuspruch.


Erstens: Nicht wir Menschen entscheiden, wer gute Frucht bringt. Das entscheidet Gott. Denn er ist der Weingärtner. Jede einzelne Rebe, also jeder einzelne Mensch, ist ihm so wichtig, dass er sie hegt und pflegt. Gott wendet sich mir persönlich zu.
Zweitens: Deshalb geht es hier um eine Beziehung. Um die Verbindung zwischen Jesus und mir. Für die Bibel ist völlig klar, dass ein Mensch nicht ohne Gott auskommen will und muss. Das stellt sie gar nicht infrage. Deshalb geht es ganz grundlegend um eine organische Verbindung zwischen Jesus und uns Menschen. Ich bin in Jesus verwurzelt, wie eine Rebe in einem Weinstock. Das ist seine Zusage bei der Taufe, das ist seine Zusage an uns Menschen.
Drittens: Die Kraft muss nicht aus mir selbst kommen. Die Kraft wird mir von Jesus bereitgestellt. Ich kann also nur das geben, was mir vorher geschenkt wurde.
Viertens: Mein Scheitern ist nicht das Ende. Das ist die Osterbotschaft, die über dieser Geschichte steht. Denn Jesus hat mein Scheitern bereits getragen. Nicht im Sinne eines Weglächelns. Denn meine Entscheidungen haben immer noch Konsequenzen. Der Weingärtner reinigt die Trauben. Das kann schon mal weh tun. Das ist nicht der einfache Weg. Denn unser Glaube ist tatsächlich nicht einfach ein Kuschelglaube, bei dem alles irgendwie in Ordnung ist, was wir machen. Aber in der Verbindung mit Jesus sind wir auf der sicheren Seite. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu Euch geredet habe.


Aus diesen Jesusworten wird die krasse Mischung sichtbar, die mich am Christsein immer wieder herausfordert, aber auch so begeistert. Es ist Zuspruch und Vergebung auf der einen Seite und Anspruch und Verantwortung auf der anderen. Jesus sagt hier: Wenn Ihr in Beziehung mit mir lebt, wenn ich Eure Kraftquelle bin, dann könnt Ihr gute Frucht bringen.

 

Manchmal fühle ich mich wie so eine Weintraube. Vertrocknet oder zermatscht. Kraftlos, ausgesaugt. Mutlos. Dann hilft mir ein Gespräch mit einem lieben Menschen, ein Telefonat. Ein Gebet. Die Beschäftigung mit einem Bibeltext. Das erfrischt in vertrockneten Zeiten. Es ist die Erinnerung, dass bei Jesus eine große Kraftquelle liegt. Wie lässt sich diese Beziehung konkret gestalten und die Kraftquelle anzapfen? Jesus selbst macht dazu Vorschläge. Und auch die sind meist Zuspruch und/oder Anspruch. Werdet wie die Kinder. Also bewertet Situationen auf eine Weise neu, als würdet Ihr sie noch gar nicht kennen. Selig sind die Friedfertigen. Liebe Gott und Deinen Nächsten. Verkaufe alles und gib es den Armen. Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Folge mir nach. Dein Glaube hat Dir geholfen. Ich bin der gute Hirte. Ich bin die Auferstehung und das Leben.


Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.

Amen.

Fürbitten
Gott, Du hast uns die Schöpfung anvertraut. Wir danken Dir für den Frühling, in dem wir besonders sehen können, wie wunderbar die Natur ist. Hilf uns, dass wir verantwortungsvoll mit der Erde umgehen.
Gott, wir bitten Dich für die Menschen in unserer Gemeinde und darüber hinaus, die um einen geliebten Menschen trauern. Danke, dass Du den Tod überwunden hast. Für die Trauernden bitten wir Dich, dass Du sie tröstest, stärkst und aufrichtest. Schenke ihnen Menschen, die mit ihnen gehen durch schwere Zeiten.
Kerze anzünden
Gott, wir bitten Dich für unsere Gemeinde. Danke für Möglichkeiten der digitalen Begegnung. Wir vermissen es, einander real treffen zu können. Wir vermissen das gemeinsame Lachen, Singen, Beten, Feiern, das Diskutieren, Planen und Träumen. Wir bitten Dich, lass uns bald wieder zusammenkommen können. Stärke unsere Gemeinschaft in der aktuellen Situation.
Gott, zurzeit sind viele Krisen auf der Welt nicht mehr im Fokus der Öffentlichkeit. Wir danken Dir, dass es trotzdem Menschen gibt, die sich zum Teil bis zur totalen Erschöpfung für die Vergessenen einsetzen. Wir bitten Dich für die Menschen im Lager Moria auf Lesbos, die unter schlimmen Bedingungen leben. Wir bitten Dich für die Opfer von Krieg und Gewalt, besonders in Syrien. Wir bitten Dich für die Menschen in unserer Partnerdiözese Amritsar. Steh Du ihnen bei und schenke, ihnen Frieden und ein menschenwürdiges Leben.

Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.  
Gehen Sie unter dem Segen Gottes in die kommende Woche:

Segen
Der Herr segne dich und behüte dich,
der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig,
der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

 

Rückmeldungen zu diesem Gottesdienst: bartsch@ev-kirche-bn.de oder 06033 79 60 527

Gottesdienst am 26.4.2020 mit Video von Pfarrerin Meike Naumann

Dieser Gottesdienst steht auch online: https://youtu.be/q804S6GozSw

Musik zum Eingang

Begrüßung
"Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben." | Joh 10,11a.27–28a

Psalm 23
Der gute Hirte
1 Ein Psalm Davids.
Der Herr ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln.
2 Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.
3 Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
4 Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,
fürchte ich kein Unglück; denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.
5 Du bereitest vor mir einen Tisch
im Angesicht meiner Feinde. Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.
6 Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.

Gnadenzusage
Zu unserem Leben gehört es, dass wir in die Irre gehen.
Und wenn wir den Weg nicht allein zurückfinden, können wir darauf vertrauen:
Gott geht mit uns.
Denn so spricht Gott, dein Erlöser:
Ich bin dein Gott, der dich lehrt, was dir hilft und dich leitet auf dem Weg, den du gehst.
(Jes 48,17 LUTHER 2017)

Kollektengebet
Gott, du beschützt uns, du bist für uns da,
wann immer wir dich brauchen.
Im dunklen Tal, im hellen Licht, im Angesicht derer, die uns übel wollen.
Darum bitten wir dich:
Lass uns aufeinander achten und füreinander eintreten.
Durch Jesus Christus, der eins ist mit dir,
der uns birgt und bewahrt wie Eltern,
die schützen und stärken, die uns kennen und lieben.
Amen.

Lied: 445, 1.2.5

Predigt
Ich lese aus dem 1. Petrusbrief im zweiten Kapitel die Verse 21-25: (Einheitsübersetzung 1. Petrus 2,21b – 25)

Ihr wisst doch:
Christus hat für euch gelitten
und euch ein Beispiel gegeben,
damit ihr seinen Spuren folgt.
22 Ihr wisst: »Er hat kein Unrecht getan;
nie ist ein unwahres Wort aus seinem Mund gekommen.«
23 Wenn er beleidigt wurde,
gab er es nicht zurück.
Wenn er leiden musste,
drohte er nicht mit Vergeltung,
sondern überließ es Gott,
ihm zum Recht zu verhelfen.
24 Unsere Sünden hat er ans Kreuz hinaufgetragen,
mit seinem eigenen Leib.
Damit sind wir für die Sünden tot
und können nun für das Gute leben.
Durch seine Wunden seid ihr geheilt worden!
25 Ihr wart wie Schafe, die sich verlaufen haben;
jetzt aber seid ihr auf den rechten Weg zurückgekehrt
und folgt dem Hirten, der euch leitet und schützt.

Liebe Gemeinde,

es ist ein Text, der herausfordert: Christus hat für euch gelitten und euch ein Beispiel gegeben,
damit ihr seinen Spuren folgt. (vgl. 1. Petr 2,21)

Ich soll also Christus als Vorbild predigen? Den Leidenden zum guten Beispiel machen? Dem Gekreuzigten nacheifern? Und aufrufen soll ich: „Folgt seinen Spuren! Auf, ihm nach! Werdet wie er!“ Der leidende, geschundene, sterbende Mann am Kreuz – als Vorbild? Da entstehen vor meinen Augen Bilder von Christinnen und Christen, die sich für ihren Glauben geißeln und aus Buße Pilgerwege auf den Knien zurücklegen. Mir fallen Menschen ein, die sich selbst nicht vergeben können und ihr Leben von Schuld gebeugt und innerlich zerfressen verbringen. Ich denke an Menschen, die das Leid, das sie getroffen hat, klaglos als Gottes Strafe für ihre Sünden annehmen. Leiden als Strafe Gottes verstehen und klaglos aushalten - ist das gemeint, wenn der leidende Christus uns ein Vorbild werden soll???

Da suche ich mir lieber andere Vorbilder: Mir fallen strahlende Idole ein: Ich könnte über Elvis reden, den gefeierten Popsänger, über seine Hits, seine Filme, seine größten Erfolge, seine Millionen, seine Zeit hier in Bad Nauheim. So möchte doch jede und jeder von uns sein: Umjubelt wie er, im Mittelpunkt des Interesses, beliebt bei Alt und Jung. Mir fallen Youtuber ein, die eine Meinungsmacht haben mit Millionen Followern und die Meinung besonders von jungen Menschen maßgeblich bestimmen. Tagtäglich senden sie ihre Filme, Bilder und Posts in die Welt, werden dafür geliebt oder auch angefeindet. Sogar von dem Filmwandheld James Bond, dem Agenten seiner Majestät, könnte ich reden, der in jeder Situation einen kühlen Kopf behält. Klug, stark, charmant meistert er das Leben und jedes Abenteuer. So möchte man doch sein: Gut aussehend, intelligent, durchtrainiert, dann ist das Leben ein Kinderspiel. Aber ich soll über einen Ohnmächtigen reden, einen Misshandelten, einen Gequälten, einen, den sie als Verbrecher ans Kreuz genagelt haben. Und das in einer Gesellschaft, die Leid und Tod an den Rand drängt, wo jede und jeder schön und gesund, erfolgreich und mächtig sein soll. Ich soll über einen Ohnmächtigen predigen - und das in einer Zeit in der wir alle so unglaublich ohnmächtig sind. Seit ich denken kann sind Leid und Tod in den Medien nicht so präsent gewesen wie in diesen Wochen der Corona-Krise.

Da schaue ich mir lieber noch ein wenig meine Idole, die Stars, die Meinungsmacher, die Filmhelden an. Um mich abzulenken. So möchte man sein. So möchte ich sein. Gewiss, ich weiß ja: Das sind Träume, Illusionen – die Wirklichkeit sieht anders aus: Das scheinbar wunderbare Leben von Elvis endete mit einem frühen Herztod des Künstlers, der seinen Körper mit Süßigkeiten, Alkohol und andere Drogen schädigte, um seine innere Leere zu füllen. Und die Machtfülle eines Youtube-Stars kann auch eine furchtbare Belastung sein. Der Zwang täglich im Netz präsent zu sein, kann einem den Schlaf und die Lebensqualität rauben. Und der Filmwandheld ist ohne die Tricks, Schnitte und Stunts, also in der Realität, auch nur ein normaler Mensch. Von dem charmanten und überlegenen Helden bleibt nur ein Schauspieler, der eine Rolle einstudiert, ein Drehbuch umsetzt. Alles nur Illusion. So scheitern meine Träume, Wunschbilder, Illusionen an der Wirklichkeit. Wenn ich hinter die Fassade schaue, wenn ich die Vorbilder privat sehe, wenn ich hinter die Reklametafeln mit den perfekten Menschen schaue, dann zerplatzen die falschen Hoffnungen auf ein umjubeltes, mächtiges, freies Leben wie Seifenblasen - schillernd und doch zerbrechlich.

Jesus dagegen ist ein Vorbild ohne Täuschung, ohne Enttäuschung, ohne Illusion: Dieser Mann am Kreuz zeigt uns die Welt, wie sie ist – voller Leidenschaft und Begeisterung, aber auch ungerecht und voller Leid. Jesu Leben bietet uns einen Blick auf die Realität: in Armut geboren, auf der Flucht vor einem despotischen Herrscher, Freund der Armen und Rechtlosen, Tischgenosse der Menschen, die niemand beachtete, ein Mann auf Wanderschaft ohne Behausung, ohne Habe, ohne einflussreiches Amt. Ein Mann, der begeistert gefeiert wurde und seine Zeit mit seinen Freunden verbrachte. Der viel Schönes und viel Leid erlebte. Es ist ein ehrliches Leben, was uns Jesus bietet – ohne Verschönerungen, ohne Illusion.

Ich merke: Dieser Jesus am Kreuz, der passt zu all den anderen Bildern, die ich in meinem Kopf habe, die mich nicht loslassen, die mich Tag für Tag aufs Neue bestürmen. Da ist nichts mehr vorbildlich und schön. Da ist Angst und  Verunsicherung. Da ist Einsamkeit und Unsicherheit wie es denn weitergehen soll. Und da ist das alltägliche Elend, das durch die Corona-Krise an den Rand gedrängt wird: Menschen in überfüllten Flüchtlingslagern, Obdachlose…
Keine Vorbilder, aber Bilder! Eben welche, die nicht täuschen oder mir etwas vormachen, was nicht so ist. Der Gekreuzigte passt da hinein, in diese Bilder, in diese Welt, in unseren Alltag.

Doch unter uns, bei dieser Flut der Bilder und der Menge des Elends, des Leidens, der Schrecken, die uns täglich medial in den Zeitungen und Nachrichten vor Augen geführt wird, bei dieser Menge von Bildern, die sich in meinem Kopf festsetzen und deren Elend mir zu Herzen geht: Ist es da ein Wunder, dass ich träumen möchte? Ist es da nicht völlig verständlich, dass ich mich in eine Scheinwelt der Illusion flüchte, um den Alltag auszublenden? Um dem Leiden der Welt zu entfliehen, ist es doch schön, Vor-Bilder zu haben, denen das scheinbar gelingt, oder? Doch ich bin, wir Christenmenschen sind mit dem Vorbild konfrontiert, das uns keine Flucht, keine Illusion, keinen Traum ermöglicht: In dem Leidenden, dem Ohnmächtigen, dem Gekreuzigten muss ich mich der Welt und ihren Bildern stellen. Und nicht nur das: Ich muss es zulassen, dass diese Bilder mich berühren, mich betroffen und traurig machen. Denn so ist das Leben: Neben all dem Schönen und Freudigen gibt es die Seite des Lebens, die hässlich, traurig und furchtbar ist.

Trotzdem ist dieses Vor-Bild vom Gekreuzigten nicht ohne Hoffnung, nicht ohne Träume von einer besseren Welt: Denn dieser Mann am Kreuz gibt uns nicht nur mit seinem Leben, sondern auch mit seinem Sterben Grund und Hoffnung zum Träumen: Denn Jesus starb für uns. Ein Satz, der schwierig zu hören ist. Er starb für uns – zu unserer Erlösung, damit wir ein freies Leben führen können, unbelastet von den Sünden der Vergangenheit. Der Briefschreiber formuliert es so: „Durch Jesu Striemen werden wir geheilt.“ Unsere Sünden hat er ans Kreuz hinaufgetragen, mit seinem eigenen Leib.

Damit sind wir für die Sünden tot (1. Petr 2,24 BIGS 2011), durch seine Wunden werden wir heil. Durch Jesu Tod am Kreuz schenkt uns Jesus, schenkt uns Gott, Leben, das immer wieder neu beginnt. Keine Aufrechnung dessen, was wir getan haben, kein Auflisten der großen und kleinen Sünden. Durch diesen Tod am Kreuz für uns, schenkt Jesus uns Heil. Und er schenkt uns den Traum von einem freien Leben, frei von der Last, der Schuld der Vergangenheit. Jesus schenkt uns immer wieder einen neuen Anfang und Freiheit von den Belastungen der Vergangenheit.

Noch etwas ist mir an dem Vorbild des Leidenden wichtig: Jesus bleibt nicht im Leid. Das Leiden wird nicht zu einem Selbstzweck. Das Leid ist nicht der Schlusspunkt. Aus dem Leid, dem Tod und der Trauer entsteht neues Leben und neue Hoffnung. Jesus bleibt nicht im Tod gefangen. Er ist auferstanden. Auf Karfreitag folgt immer wieder der Ostermorgen. Hier wird deutlich: Leiden gehört zum Leben. Und in allem, dem Leiden und dem Schweren ist Gott an unserer Seite. Gott behütet uns wie ein Schäfer seine Herde. Leiden gehört zum Leben. Aber es ist nicht Sinn und Ziel des Lebens. Gott möchte ein gutes, frohes Leben voller Heil für uns. Nur leider funktioniert das nicht immer. Das wissen Sie und ich. Leiden gehört zum Leben – und es ist trotzdem nicht gottgewollt. Gott möchte, dass wir nicht im Leiden bleiben, sondern es überwinden, neue Hoffnung bekommen und neu auferstehen – immer wieder. Jeden Tag neu auf(er)stehen. Der Traum von einem guten Leben kann uns immer wieder Kraft geben, das Schlimme und das Leid auszuhalten, zu überstehen, wissend, dass Gott an unserer Seite ist und wir von ihm begleitet sind. Wie ein Schäfer seine Herde beschützt, so ist Gott für uns da an jedem Tag unseres Lebens.

Diese Träume von einem unbelasteten und guten Leben sind keine schillernden Seifenblasen, die zerplatzen, sobald sie mit dem harten Boden der Realität konfrontiert werden. Sondern diese Träume sind tragende Hoffnungen, gegründet in dieser Welt, basierend auf einem, der das Leben kannte und mit seinem Tod den Beweis brachte: Gott will für uns kein Leben durch Schuld belastet. Gott will für uns kein Leben im Leid. Das zeigt uns jemand, der das Leben kennt: Jesus, der für uns am Kreuz für unsere Sünden starb und wieder auferstand. Durch Jesus werden Träume wahr, sie werden lebendig und Realität.

Denn mit Jesus verändert sich unser Blick auf die Wirklichkeit. Wir sehen diese Welt, ihre Ungerechtigkeit, die Fehlerhaftigkeit, die Probleme und Mängel, und wollen sie zu einem besseren Ort machen. Wir stellen uns gegen Ungerechtigkeit – im Großen oder im Kleinen. Wir setzen uns für den Schutz der Umwelt ein, damit unsere Kinder und Kindeskinder noch eine Zukunft auf dieser Erde haben. Wir verleihen Unterdrückten eine Stimme. Wir stellen uns gegen Hass und Gewalt und gehen in unserem Alltag friedlich und rücksichtsvoll mit unseren Mitmenschen um. So hat es Jesus uns gezeigt, so können wir Tag für Tag seinen Fußstapfen folgen. Und diese Welt zu einem besseren und gerechteren Ort machen. Diese Träume zerplatzen nicht an der Wirklichkeit, wenn die Illusion der Realität weicht. Diese Träume bestehen auch vor den Bildern der Nachrichten, des wahren Lebens. Bei einem solchen Vorbild brauchen wir uns nicht in Illusionen zu flüchten. Denn Gott begleitet uns durch das Auf und Ab des Lebens, kontinuierlich und sicher wie ein Schäfer seine Herde. Jesus als Vorbild - ein besseres Vorbild könnten wir nicht haben. Denn es hält die Realität aus und bietet uns Raum zum Träumen.

Amen.

Lied: EG 209 Ich möchte‘, dass einer mit mir geht

Fürbitten
Gott, du bist mein Hirte, du weißt, was ich nötig habe.
Wir bitten für Menschen, denen die Liebe in ihrem Leben fehlt,
die sich einsam fühlen, denen die Kraft zum Leben fehlt.
Erquicke du ihre Seele,
führe sie zur Quelle, die Leben schenkt

Und ob ich schon wanderte im finsteren Tal. (Ps 23, 4a BIGS 2011)
Wir bitten für Menschen,
die keinen Sinn in der Welt und in ihrem Leben entdecken,
die es nicht ertragen von ihren Familien und Freunden getrennt zu sein,
die krank sind und
Sei du bei ihnen, so dass sie kein Unglück fürchten müssen.
Gib du ihnen den Trost, den sie benötigen.

Dein Stecken und Stab trösten mich. (Ps 23, 4c BIGS 2011)
Wir bitten für alle, die einen Menschen verloren haben und deswegen trauern.
Besonders denken wir an die Angehörigen unserer Gemeindeglieder, die/der in dieser Woche kirchlich bestattet wurde.
Sei du bei ihnen auf dem Weg durch die Trauer und gib ihnen Hoffnung und Vertrauen, dass du uns alle umfängst.
Wir bitten dich für alle, die in der Pflege und Betreuung der Menschen arbeiten, die nicht allein leben können, für die Pflegekräfte und Ärzte im Krankenhaus und bei den Rettungsdiensten, gib ihnen weiterhin Kraft und Freude für ihre Arbeit unter diesen erschwerten Bedingungen.

Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. (Ps 23, 5 BIGS 2011)
Wir bitten für Menschen, die hungern, die dürsten, die in Armut leben,
die nicht wissen, wovon sie morgen leben.
Für die, die nicht wissen, ob ihre Firma die wirtschaftliche Krise überlebt, die durch den Corona-Virus ausgelöst wird, ob ihr Arbeitsplatz in wenigen Wochen noch bestehen wird.  
Gib ihnen das tägliche Brot und die Hoffnung, dass du ihnen voll einschenkst.
Denn wir vertrauen auf deine Barmherzigkeit und Güte,
die wir einst erfahren werden.

Vaterunser

Segen
Gott segne dich und behüte dich. Gott lasse sein Angesicht über dir leuchten und sei dir gnädig. Gott erhebe sein Angesicht auf dich und schenke dir seinen Frieden. Amen.

Musik zum Ausgang

Gottesdienst am 19.4.2020 mit Video von Pfarrer Rainer Böhm

Dieser Gottesdienst steht auch online: https://youtu.be/Qw-2i7zvWEQ

Orgel
Begrüßung
„Quasimodogeniti“ = „gleichsam wie Neugeborene“ – so stellte man sich in der frühen christlichen Kirche die Täuflinge vor, wenn sie bei ihrer Taufe im Wasser untergetaucht waren und wiederauftauchten. Ein eindrückliches, zeichenhaftes Geschehen und zugleich eine sichtbare Erklärung für die Auferstehung Jesu: gestorben und wieder auferstanden, neu geboren!
Damals kamen alle in der Osternacht getauften Christen in ihren weißen Taufgewändern am Sonntag nach Ostern zum ersten Gottesdienst als neu getaufte Mit-Christen. Deshalb nennt man bis heute diesen Sonntag den „Weißen Sonntag“. Unsere christliche Taufe ist also eng mit der Auferstehung Jesu verbunden.
Dieses österliche Geschehen übersteigt unsere Vernunft und Vorstellungskraft. Es ist ein ermunterndes Zeugnis zum Aufbruch aus Trübsinn und Resignation – gerade in dieser eigenartigen „Corona-Zeit“, in der wir nur „gemeinsam getrennt“ Gottesdienste feiern können.

Votum
Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Amen

Psalmgebet

Aus Psalm 116 EG 746
 
Der Herr tut dir Gutes
 
Sei nun wieder zufrieden, meine Seele;
denn der Herr tut dir Gutes.
 
Denn du hast meine Seele vom Tode errettet,
mein Auge von den Tränen, meinen Fuß vom Gleiten.
 
Ich werde wandeln vor dem Herrn
im Lande der Lebendigen.
 
Wie soll ich dem Herrn vergelten
all seine Wohltat, die er an mir tut?
 
Ich will den Kelch des Heils nehmen
und des Herrn Namen anrufen.
 
Dir will ich Dank opfern
und des Herrn Namen anrufen.
 
Ich will meine Gelübde dem Herrn erfüllen
vor all seinem Volk
 
in den Vorhöfen am Hause des Herrn,
in dir, Jerusalem. Halleluja!

Eingangsgebet
Gott,
wir kommen mit unseren Fragen, mit unseren Sorgen.
Wir kommen zu dir mit Ängsten und mit Zweifeln.
Schenke uns Augen, die sehen.
Schenke uns Hände, die begreifen.
Gib uns ein Herz, das dir vertraut.
Das bitten wir dich durch Jesus Christus, deinen Sohn.
Amen

Lesung Johannes 20, 19+24 – 29
19 Am Abend aber dieses ersten Tages der Woche, da die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch!
24 Thomas aber, einer der Zwölf, der Zwilling genannt wird, war nicht bei ihnen, als Jesus kam. 25 Da sagten die andern Jünger zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ich nicht in seinen Händen die Nägelmale sehe und lege meinen Finger in die Nägelmale und lege meine Hand in seine Seite, kann ich's nicht glauben. 26 Und nach acht Tagen waren seine Jünger abermals drinnen, und Thomas war bei ihnen. Kommt Jesus, als die Türen verschlossen waren, und tritt mitten unter sie und spricht: Friede sei mit euch! 27 Danach spricht er zu Thomas: Reiche deinen Finger her und sieh meine Hände, und reiche deine Hand her und lege sie in meine Seite, und sei nicht ungläubig, sondern gläubig! 28 Thomas antwortete und sprach zu ihm: Mein Herr und mein Gott! 29 Spricht Jesus zu ihm: Weil du mich gesehen hast, darum glaubst du? Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!

Lied: 184 Wir glauben Gott im höchsten Thron

Predigt

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

Liebe Gemeinde nah und fern,

ich möchte eine Brücke schlagen über 2500 Jahre. Von uns heute zu einem Predigttext, der in Babylon entstand, wo die jüdische Oberschicht gefangen war. Weit weg von der Heimat hat Gott ihnen einen Propheten geschickt, der sie trösten und aufmuntern sollte. Ich glaube, das können wir auch gut gebrauchen. Jesaja sagt also ihnen und uns:
26 Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat all dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt. 27 Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: „Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht an meinem Gott vorüber“?  28 Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich.  29 Er gibt dem Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden.  30 Jünglinge werden müde und matt, und Männer straucheln und fallen;  31 aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden. Jesaja 40, 26-31

Sie haben jahrelang zu ihrem Gott gebetet; sie haben von ihm erzählt und sich an ihn gehalten; sie sind nicht von ihm abgefallen und haben sich nicht den vielen Göttern Babylons zugewandt; sie haben der Botschaft von dem einen, barmherzigen Gott vertraut. Aber sie haben nichts von ihm gespürt; er hat sie nicht befreit; er hat sie nicht in ihre Heimat zurückgebracht. Sie haben wie vor eine Wand gebetet und vergeblich geglaubt. Deshalb haben sie schließlich die Götter der Babylonier angebetet; denn ihr Gott hatte sie vergessen.

Auch wir beten – und nichts ändert sich. Was ist, wenn das Coronavirus das persönliche Leben und das der ganzen Gesellschaft völlig umkrempelt? Was ist, wenn wir unter unseren eigenen Fehlentscheidungen leiden und den Sinn des Lebens und das Vertrauen in Menschen verlieren? Wo ist dann Gott? Kümmert er sich nicht um uns hier? Hat er immer andere im Blick?  Unsere Kirchengemeinde wird kleiner; es ist schwer, engagierte Menschen in den Kirchenvorstand zu bekommen; die Zahl der nicht getauften Menschen wird größer.
„Geht der Glaube zur Tür hinaus, kommt der Aberglaube durch´s Fenster. Verlässt Gott das Haus, kommen die Gespenster.“ So heißt ein altes Sprichwort.         

„Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der Herr, der die Enden geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich!“
Hast du nicht gehört, was damals nach der Kreuzigung Jesu an Ostern geschehen ist? Sie waren wirklich verzweifelt, als ihr Meister und ihr Idol gefangen genommen und gekreuzigt wurde. Sie waren völlig enttäuscht; denn ihre Lebenshoffnung war dahin! Aus Angst vor der eigenen Gefangennahme und Kreuzigung waren sie geflohen. Sie waren Angsthasen geworden.
Und dann wurden sie Zeugen der Schöpfungsmacht Gottes; sie erlebten die Begegnung mit dem auferstandenen Jesus. Sie bekamen plötzlich neue Kraft, „dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.“

Menschen: sie sind auf einmal nicht mehr dieselben. Sie sind andere geworden. Wo sind auf einmal die Feiglinge, die flüchten? Die Angsthasen, die ihn verleugnen? Die Zweifler, wie Thomas, von dem wir eben hörten? Die Angst macht nichts besser. Im Gegenteil. Sie macht das Leben in schwierigen Zeiten noch schwerer. Vorsicht ist gut, Wachsamkeit. Aber Angst ist wie gefangen zu sein. Aus ihnen werden andere. Sie haben ihre Angst verloren. Sie wissen, es geht weiter. Der Himmel steht uns allen offen.

Von dem Pfarrer und Dichter Kurt Marti stammen die Zeilen:
„Ihr fragt, wie ist die Auferstehung der Toten? – Ich weiß es nicht.
Ihr fragt, wann ist die Auferstehung der Toten? – Ich weiß es nicht.
Ihr fragt, gibt´s keine Auferstehung der Toten? – ich weiß es nicht.
Ich weiß nur, wonach ihr  n i c h t  fragt: Die Auferstehung derer, die leben. Ich weiß nur, wozu er uns ruft: Zur Auferstehung heute und jetzt.“

Auferstehung als ermutigender Schritt nach vorne. Ich erlebe es als  ein aktuelles Geschehen, als Ruf aus meiner Angst. Wir – das sind die, die „auf den Herrn harren“. „Harren heißt Hoffen, weil der Schöpfergott viel mehr vermag als ich, sein Geschöpf. Er kann den Tod besiegen; er kann die Angst wegnehmen; er schenkt neue Kraft. Und er kann dies nicht nur; er hat es getan!  „Weißt du nicht? Hast du nicht gehört?“
 
Die Osterbotschaft ist Schöpfungshandeln Gottes Es übersteigt unseren Verstand! Es reißt uns bis heute heraus aus dem Jammern und Klagen über die Abwesenheit des Gottes, über seinen Tod und die Frage, wie er so etwas zulassen kann wie das, was uns in diesen Monaten geschieht. Und das hat seine Auswirkung auf unser Verhalten:

Ich erlebe, wie unsere Gemeinde zusammenhält. Wie wir uns im Internet zum gemeinsamen Gebet versammeln können und zur Beratung. Wie unsere Gemeindebrief_Redaktion vor Ostern in wenigen Tagen eine Sondernummer zusammengestellt hat, die wir in Altenheime,  gebracht, und an tausend Emailadressen verschickt haben. Gottesdienst auch so zu feiern – hier in der Kirche und bei Ihnen daheim. Oder die Osternacht in der Dankeskirche als Youtube-Video erleben zu können.

Unserem schwachen Glauben werden Flügel geschenkt, wie Adler sie haben. Auferstehung heißt aufstehen und aufbrechen wie die Menschen, die gerade getauft sind. So sind wir! Gottes Schöpfung ist noch lange nicht zu Ende.
Amen

Der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserm Herrn. Amen

Lied: 103, 1 – 5 Gelobt sei Gott im höchsten Thron

Fürbitte
„Ostern, Aufstand des Lebens gegen den Tod.
Noch ist unser Leben vom Tod gezeichnet.
Ostern, Aufstand der Freude gegen das Leid.
Noch ist unser Leben vom Leid gezeichnet.
Nur ahnend erfassen wir das Neue.
Doch wir trauen dir, Gott, zu, dass du alles verwandelst
und dein Osterlicht heute durch uns leuchten lässt.“

Gott, wir stehen an der Seite unserer Geschwister, die leiden. Und wir wissen, dass sie durch deine Wunden geheilt sind von Schwäche und Krankheit.
Wir bitten darum, dass wir gemeinsam als deine Kinder auf der ganzen Erde diese schweren Zeitengemeinsam bestehen.
Wir bitten um Schutz für diejenigen, die ganz vorne stehen im Kampf gegen das Coronavirus, als Pflger, als Ärzte, als Forscher.
Wir bitten um Ruhe, um Trost und um Vernunft in bedrängender Panik und wachsender Angst.
Wir bitten um Verbundenheit und Solidarität in unserer weltweiten Menschenfamilie in dieser schwierigen Situation.
Lass deinen Frieden sich ausbreiten in uns.
Das bitten wir in Jesu Namen. Amen.

Vaterunser

Lied: 99 Christ ist erstanden

Segen
Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. (Jesaja 9,1)
Gottes heilende Hand ruhe auf dir.
Gottes lebenspendende Kraft fließe in dich und in jede Zelle deines Körpers und in die Tiefen deiner Seele.
Sie soll dich reinigen und erfüllen und aufbauen zu Ganzheit und Stärke im Frieden Gottes.
Amen

Orgel

Gottesdienst am Ostermontag 2020 mit Video von Pfarrerin Meike Naumann

Der hier abgedruckte Gottesdienst ist auch online zu finden: https://youtu.be/8plFR0AKdTE

Liebe Kinder, liebe Eltern,

bevor es losgeht mit unserem ganz anderen Ostergottesdienst ein paar Worte vorweg. Natürlich wird der Gottesdienst, den wir gleich feiern, ganz anders sein als der Familiengottesdienst, den wir sonst immer feiern. Wir haben den Gottesdienst in der Dankeskirche aufgenommen, nicht in der Wilhelmskirche. Ihr seid zu Hause am PC oder am Tablet und guckt euch den Gottesdienst an. Wir können uns nicht wie sonst direkt begrüßen, miteinander singen, uns anschauen. Der Gottesdienst ist viel ruhiger als er es sonst ist. Ohne Anspiel oder Aktionen für euch zum Mitmachen. Und die Aufzeichnung ist vor allem viel ruhiger als die Sendungen, die ihr sonst so schaut. Aber ich freue mich trotzdem, dass wir das alles so hinbekommen haben und wünsche uns einen gesegneten Gottesdienst.

Musik zum Eingang

Liebe Kinder, liebe Eltern,

leider können wir dieses Jahr unseren Osterfamiliengottesdienst nicht gemeinsam feiern. Aber Ostern fällt nicht aus!

Und so grüße ich Euch und Sie alle aus der fast leeren Dankeskirche. Ich freue mich, dass ich nicht ganz allein hier bin. Frank Scheffler ist an der Orgel und hat uns bereits mit dem Jubelruf begrüßt:

„Christus ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden!“

Diese Botschaft haben die Frauen den Jüngern überbracht. Wir wollen gemeinsam feiern, dass Jesus nicht im Tod geblieben ist. Jesus lebt! Wir wollen gemeinsam feiern, denn Jesus hat uns versprochen: Wer sein Leben in meinem Namen lebt, der wird ein erfülltes Leben haben.
Wir sind zusammen im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und heilige Geistes. Amen.

Wir freuen uns und singen gemeinsam das erste Lied.

Lied: EG+ 17  Große Leute, kleine Leute

Und wir beten zu Gott mit Worten aus Psalm 118

Heute ist der Tag, den Gott gemacht hat.
Lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein.
Gott, ich will für dich ein Lied singen.
Ich darf leben und erzählen, wie gut du zu uns bist.

Gott, wenn ich Angst habe, dann bist du da.
Du hörst mich, wenn ich rufe.
Was können mir Menschen tun?
Du bist da, um mir zu helfen.

Auf dich zu vertrauen ist besser, als sich nur auf Menschen
zu verlassen.
Auf dich zu vertrauen ist besser, als auf irgendeinen Supermann
zu warten.

Der Stein, den die Bauleute achtlos weggeworfen haben,
ist zum Grundstein für alles geworden.
Und das hat Gott gemacht.
Heute ist der Tag, den Gott gemacht hat.
Lasst uns freuen und fröhlich an ihm sein.

Die Ostergeschichte nach dem Evangelium des Lukas Kapitel 24,12

Jesus lebt!

Am Sonntagmorgen gingen die Frauen in aller Frühe zum Grab.

Sie hatten duftende Salben und Öle dabei, mit denen sie Jesus einreiben wollten. So war es damals bei Begräbnissen üblich. Als sie beim Grab ankamen, sahen sie, dass der große Stein nicht mehr vor dem Eingang lag. Jemand musste ihn weggerollt haben!

Die Frauen gingen in die Grabkammer hinein und erschraken: Das Grab war leer! Jesus war nicht mehr da! Was war mit ihm geschehen?

Ratlos standen die Frauen da. Plötzlich kamen zwei Männer auf sie zu. Ihr Kleider waren so weiß, dass sie leuchteten wie die Sonne. Furchtsam blickten die Frauen auf den Boden und wagten nicht, die Männer anzusehen.

»Ihr sucht Jesus?«, sprach einer der Männer sie an. »Warum sucht ihr ihn hier bei den Toten? Er ist nicht hier. Denn er lebt! Gott hat ihn vom Tod auferweckt.« Da erinnerten sich die Frauen, dass Jesus ihnen schon vor seinem Tod gesagt hatte: »Ich werde am Kreuz sterben. Aber am dritten Tag werde ich auferstehen.« Jetzt hatten sich seine Worte erfüllt. Gott hatte Jesus nicht dem Tod überlassen!

Voller Freude liefen sie in die Stadt zurück. Diese wunderbare Nachricht mussten sie so schnell wie möglich den anderen Jüngern bringen: Jesus war vom Tod auferstanden! Doch als die Frauen den Jüngern erzählten, was sie erlebt hatten, wollten die ihnen nicht glauben. »Was sagt ihr denn da?«, riefen sie. »Das ist völlig unmöglich! Wir haben doch gesehen, wie Jesus am Kreuz gestorben ist!« Nur Petrus sagte nichts. Er stand auf, lief zum Grab und schaute hinein. Nur das weiße Leintuch lag dort. Jesus war fort – genau wie die Frauen es gesagt hatten. Ob sie doch Recht hatten? Nachdenklich ging Petrus wieder zu den anderen zurück.

Lied: EG 116 Er ist erstanden

Gebet

Gott, wir feiern Ostern.
Wir feiern, denn du hast den Tod besiegt.
Wir freuen uns, dass du stärker bist als alles, was uns Angst macht.
Du versprichst uns neues Leben.
Wie Jesus bei dir lebt, so werden auch wir bei dir leben.
Auf dich hoffen wir.
Wir bitten dich für alle Menschen,
die sich heute nicht freuen können,
die traurig sind,
die Angst haben,
die ohne Hoffnung sind.
Lass es auch für sie Ostern werden.
Verwandle ihre Trauer in Freude.
Verwandle ihre Angst in Mut.
Verwandle ihre Hoffnungslosigkeit in Vertrauen auf dich.

Vater unser

Lied: 170 Komm, Herr, segne uns

Segen

Musik zum Ausgang

Gottesdienst am Ostersonntag 2020 mit Video von Pfarrer Rainer Böhm

Der hier abgedruckte Gottesdienst ist auch online zu finden: https://youtu.be/t8cDXpbi_MQ

Eingangsmusik

BEGRÜSSUNG
Er ist auferstanden – er ist wahrhaftig auferstanden!
Ostersonntag ist der Tag, an dem es trotzdem weitergeht. Es geht weiter. Anders. Alles ist anders. Du hattest es anders geplant, gewünscht, gehofft, Du warst es anders gewohnt. Anders ist schwer. Es ist auch nicht auf einmal alles gut. Es ist immer noch schrecklich. Aber das ist nicht das Ende. Es geht weiter. Du gehst weiter. Und Du merkst, dass Du nicht alleine gehst. Jesus ist noch da. Irgendwo weiter vorne und manchmal neben dir. Auf dem Weg durch Leben und Tod. Auf dem Weg in eine bessere Zukunft. Gott hat sie uns versprochen. Deshalb: Frohe Ostern!

VOTUM
Wir feiern diesen Ostergottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

EINGANGSPSALM

Leben, das ist etwas Erschütterbares.
Es ist in uns. Es ist um uns.
Und es ist uns voraus.
So wie Christus selbst:
Er ist in uns. Er ist um uns.
Und er ist uns voraus.
Unsere Hoffnung trägt seinen Namen.
Sein Name trägt unsere Hoffnung.
Oster – Hoffnung,
die das Leben wandelt
und jeden Tag neu auf uns wartet:
„Mir ist ein Stein vom Herzen genommen:
meine Hoffnung,
die ich begrub,
ist auferstanden.“
Er ist in uns. Er ist um uns.
Und er ist uns voraus.
Lasst uns miteinander Gott anbeten ...

Kyrie
Kyrie eleison – Herr, erbarme dich!
„Wir wollen alle fröhlich sein“ –
aber es gibt so vieles, was unsere Freude bedrängt:
Krankheit, Gefahr, Tod, Verunsicherung.
Wir wissen in diesem Jahr gar nicht, wie wir Ostern feiern sollen.

Christe eleison – Christe erbarme dich!
„Wir wollen alle fröhlich sein“ –
aber die Freude und Fröhlichkeit ist uns gerade vergangen,
haben wir verlernt und ausgetrieben.
Können und dürfen wir sie neu lernen?

Kyrie eleison – Herr, erbarme dich!
„Wir wollen alle fröhlich sein“ –
aber es sind viele, die sich nicht mitfreuen können:
unwillkommen in unserem reichen Land,
verfolgt und unterdrückt in anderen Ländern der Erde,
verstümmelt von Minen der neuesten Technologie.
Triumphiert nicht überall der Tod über das Leben?
Wir bitten gemeinsam: Herr, erbarme dich ...

Gloria
Die der Geist Gottes treibt,
die sind Gottes Kinder.
Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben,
nämlich Gottes Erben und Miterben Christi,
wenn anders wir mit ihm leiden
auf dass wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden.
Lobsinget Gott,
erhebet seinen heiligen Namen ...

Der Herr sei mit euch ...

GEBET
Gott, Quelle des Lebens,
vom Tod weg wende unsere Sinne zum Leben,
von der Trauer weg zur Freude am Miteinander,
von der Ängstlichkeit zum Mut der Befreiten.

Gott, Quelle des Lebens,
unsere Gefühle erwachen zur Hoffnung,
unsere Worte bezeugen deine Wunder,
unsere Taten preisen deine Liebe.

Gott, Quelle des Lebens,
wir sind in deinen Tod getauft,
wir werden neu zu deinem Leben erweckt,
wir werden in dir sein, wie du in uns –
durch Jesus Christus, deinen Sohn

LESUNG
Mk 16, 1 - 8
Die Botschaft von Jesu Auferstehung
1 Und als der Sabbat vergangen war, kauften Maria Magdalena und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben. 2 Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging.
3 Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?
4 Und sie sahen hin und wurden gewahr, dass der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß. 5 Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich.
6 Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten. 7 Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, dass er vor euch hingeht nach Galiläa; da werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.
8 Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemand etwas; denn sie fürchteten sich.

EG 805 Nicänisches Glaubensbekenntnis
Wir glauben an den einen Gott,
den Vater,
den Allmächtigen,
der alles geschaffen hat,
Himmel und Erde,
die sichtbare und die unsichtbare Welt.
Und an den einen Herrn Jesus Christus,
Gottes eingeborenen Sohn,
aus dem Vater geboren vor aller Zeit:
Gott von Gott,
Licht vom Licht,
wahrer Gott vom wahren Gott,
gezeugt, nicht geschaffen,
eines Wesens mit dem Vater;
durch ihn ist alles geschaffen.
Für uns Menschen und zu unserm Heil ist er vom Himmel gekommen,
hat Fleisch angenommen durch den Heiligen Geist
von der Jungfrau Maria und ist Mensch geworden.
Er wurde für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus,
hat gelitten und ist begraben worden,
ist am dritten Tage auferstanden nach der Schrift
und aufgefahren in den Himmel.
Er sitzt zur Rechten des Vaters
und wird wiederkommen in Herrlichkeit,
zu richten die Lebenden und die Toten;
seiner Herrschaft wird kein Ende sein.
Wir glauben an den Heiligen Geist,
der Herr ist und lebendig macht,
der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht,
der mit dem Vater und dem Sohn angebetet und verherrlicht wird,
der gesprochen hat durch die Propheten,
und die eine, heilige, christliche und apostolische Kirche.
Wir bekennen die eine Taufe zur Vergebung der Sünden.
Wir erwarten die Auferstehung der Toten
und das Leben der kommenden Welt.
Amen.
Anmerkung:
Das "und vom Sohn" (filioque) wurde später in das Glaubensbekenntnis eingefügt und in karolingischer Zeit im ganzen Frankenreich gebräuchlich. Es entspricht westlicher, nicht ostkirchlicher Tradition.

LIED 100, 1+2   Wir wollen alle fröhlich sein

Predigt

Liebe Ostergemeinde,

zunächst werden sie vom Entsetzen gepackt.
Wie im Traum ist es, als die Frauen in das Grab hineingehen. Ein Traum ist nicht die Realität. Er spricht eine andere Wahrheit aus der Tiefe der Seele. So können wir die Ostergeschichte hören – und vergleichen mit unseren Träumen, wenn in ihnen die ganze Sehnsucht nach Leben aufwacht:
Du schläfst – um aufzuwachen. Du stirbst – um zu leben: So heißt ein alter Weisheitsspruch.
Wie im Traum gehen sie ins Grab, und sie finden den Leichnam Jesu nicht, aber sehen einen Jüngling im weißen Gewand. Im Schock sind die Frauen wie versteinert, wie erstarrt. Es ist wie der zweite Verlust eines Toten. Eine Kälte, die nach dem Herzen greift. Er ist weg.

„Entsetzt euch!“, das sagt uns jetzt jede Zeitung, jede neue Meldung, das sagt uns unser ganz normaler Verstand in diesen Wochen.  Fürchtet euch vor diesem Virus. Fürchtet euch vor Ansteckung und Krankheit. Vor dem Tod! Fürchtet euch!
„Fürchtet euch!“ das dachten sie auch damals. Jesus weg. Die Hoffnung verloren. Der Glaube: umsonst. Die Liebe: vergeblich. Das sind Erfahrungen, die jeden versteinern. Hart machen. Wir treiben auch auf den Tod zu, und mit ihm verlieren wir alles. Er beherrscht unser Leben. Und deshalb klammern wir uns an alles, an Besitz und Pläne, an Bedürfnisse und Ordnungen. Und so schleicht sich der Tod auch in unser Leben.

„Entsetzt euch nicht!“, sagt der Engel. Und die drei Frauen erfahren:  Der Himmel ist offen. Und sie ahnen es ist Gott, auf den wir zugehen. Der unseren Tod in Leben verwandelt. Mehr wissen sie nicht. Aber sie bekommen den Auftrag, es den Jüngern zu sagen; und dass er vor ihnen hergehen wird nach Galiläa; dass er ihnen also voraus sein wird.
Sie fliehen vom Grab. Maria erzählt es in der Stadt den Jüngern, und die glauben ihr nicht. So schwer ist es mit der Auferstehung, dass man es nicht glauben kann. Und wem es von uns so geht, der ist in bester Gesellschaft. Bevor an Aufstehen zu denken ist, bevor das Leben neu zu begreifen ist, muss alles durch eine tiefe Erschütterung hindurch.

Das ist auch bei uns jetzt so: dass wir erschüttert werden und dann bewegt werden zu Neuem. Durch schlimme Tiefen hindurch. Erschüttert von dieser gemeinsamen Ohnmacht. Woher kann Hilfe kommen? Was wird aus uns? Erschüttert auch durch frühere Brüche. Durch Scheitern. Durch Abschiede. Aber auch in uns kann eine tiefe Sehnsucht wachsen, die uns anrührt und bewegt. Zum Leben bewegt werden und einander zum Leben bewegen. Das Leben lebendig machen und einander zum Leben erwecken – Das ist auch Ostern. So haben wir Anteil an der Auferstehung, so nehmen wir teil an der Auferstehung Jesu Christi.
Sie will uns beleben. Uns, die wir oft ganz mutlos sind; in Ängsten gefangen. Dieses Ostern heißt es: In Ängsten, aber siehe: wir leben!
Wir lernen alle viel in diesen Wochen. Darauf zu achten, was der Gemeinschaft dient. Abstand zu halten aus Verantwortung für den anderen. Wieder mehr zu telefonieren. Wir lernen, Videokonferenzen zu nutzen oder Gottesdienste und Andachten in der Kirche aufzunehmen. Wir lernen die wertzuschätzen, auf die wir vorher kaum geachtet haben: all die Fahrer und das ganze Transportwesen; Kassiererinnen und Regalauffüller, Pflegekräfte in den Krankenhäusern und Heimen, die ganze medizinische Infrastruktur unseres Landes. Ging es nicht vor kurzem noch um weitere Klinikschließungen und Einsparungen?  Eine Hoffnung wächst: vieles wird sich ändern, so wie wir uns gerade ändern.

Die Frauen berichten vom leeren Grab. Für viele damals und heute: ein anstößiger Glaube. Eine Fantasie, nicht zu beweisen. Paulus berichtet 25 Jahre später im Korintherbrief darüber, alle Evangelien deuten das Leben Jesu von diesem Ausgangspunkt aus: der Auferstehung. Ihr stärkster Beleg ist für mich aber ein anderer: Zuerst die Frauen am Grab, dann alle Jünger, Paulus und immer mehr andere Menschen: sie sind auf einmal nicht mehr dieselben. Sie sind nicht mehr wieder zu erkennen. Wo sind auf einmal die Feiglinge, die flüchten, als ihr Meister abgeholt wird? Die Angsthasen, die ihn verleugnen, bis der Hahn kräht? Die Zweifler, die sich verstecken, bis er am Kreuz erstickt?
Aus ihnen werden Apostel. Boten und Botinnen des Evangeliums. Bereit, sich für diesen Jesus zu opfern. Sie halten nicht mehr still. Sie sind einfach durch nichts und niemanden mehr zu stoppen. Ihnen ist etwas Ungeheuerliches widerfahren. Und jetzt tragen sie dieses Erlebnis übers Land. Da ist einer vergeblich hingerichtet worden. Der Himmel steht uns allen offen.

Auferstehung, Auferweckung. Wir wachen auf. Wir wachen auf zum Leben. Wir werden wach für das Leben. Für unser Leben. Auch angesichts von Grenzen, Belastungen und Ängsten:  Wir erkennen es in seiner Einmaligkeit, seiner Schönheit, und auch in seiner Gefährdung.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Lied 100, 3 – 5 Wir wollen alle fröhlich sein

Karsamstagslegende
von Bertolt  Brecht

Seine Dornenkrone
Nahmen sie ihm ab
Legten ihn ohne
Die Würde ins Grab.

Als sie gehetzt und müde
Andern Tags wieder zum Grabe kamen
Siehe, da blühte
Aus dem Hügel jenes Dornes Samen.

Und in den Blüten, abendgrau verhüllt
Sang wunderleise
Eine Drossel süß und mild
Eine helle Weise.

Da fühlten sie kaum
Mehr den Tod am Ort
Sahen über Zeit und Raum
Lächelten im hellen Traum
Und gingen träumend fort.

Fürbitte

Gott,
du unserer Hoffnung Hoffnung,
 worauf sollen wir bauen,
 wenn nicht auf den Grund,
 den du legst
 in Jesus Christus.

Wir danken dir,
dass unsere Hoffnung
 immer wieder neu Nahrung erhält
 durch das Miteinander in der Gemeinde,
 durch erste gute Nachrichten,
 durch die Genesung schon vieler vormals Infizierter,
 durch in den Medien übertragene FeierN
 und durch eigene Stille,
 durch Liebe und Dienst,
 durch neue Ideen und gereifte Erfahrung,
 durch Gebet und Hingabe.

So reicht unsere Hoffnung
weit über den Glauben des Einzelnen hinaus.
So kennt unsere Hoffnung
keine Grenzen und Mauern.
So wird einer zur Stütze des anderen.

Gott,
du unserer Hoffnung Hoffnung,
stärke unsere Gemeinschaft.

Vater Unser

Lied 99 Christ ist erstanden

Segen

Musikalisches Nachspiel

Ostermorgen in der Dankeskirche - Video mit Vikar Ingmar Bartsch

Vom Dunkel ins Licht. Die ersten Sonnenstrahlen des Tages erhellen die Dankeskirche. An diesem Ostermorgen sind Sie dabei: Im Zeitraffer, mit dem Osterevangelium und dem Osterchoral „Wir wollen alle fröhlich sein“ von Kantor Uwe Krause.

Klicken Sie hier: https://youtu.be/nW_BZ04-EhA

Gottesdienst an Karfreitag 2020 mit Video von Pfarrerin Susanne Pieper

Der hier abgedruckte Gottesdienst ist auch online zu finden: https://www.youtube.com/channel/UCavtdQ1pU2H4Sd7TBtGgl9A/featured

Begrüßung

Ich grüße Sie heute herzlich über das Internet. Wir können in diesem Jahr den Karfreitag nicht gemeinsam begehen. Wir sind in einer Ausnahmesituation. Können nicht zusammen singen, beten, nachdenken und das Abendmahl feiern. Aber wir können uns durch Gottes Wort stärken lassen! Wir sind gleichwohl miteinander verbunden durch den Geist Gottes, der bei uns allen ist – egal, wo wir uns gerade befinden. Er gibt uns die Hoffnung, dass wir diese Zeit der Bewährung bestehen werden. Ich lade Sie ein, den Gottesdienst nun als Lesende miteinander zu feiern!

Votum

Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes! Amen.

Lasst uns beten

Jesus Christus, unser Bruder und Herr. Du bist den Weg des Leidens gegangen. Du warst einsam und ohne alle Sicherheiten. Du hast den Tod durchschritten. Wir kommen zu dir an diesem Tag. Mit unserer Not. Mit unseren Ängsten. Mit unserer Unsicherheit und Traurigkeit, mit dem, was uns bedrückt.
Sei du bei uns in dieser Zeit. Mach unsere Herzen weit, damit wir verstehen, dass dein Sterben für uns geschah. Damit wir aus deinem Leiden Trost und Kraft schöpfen für unseren Weg. Herr, erbarme dich!

Gnadenzusage

Jesus Christus spricht: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen (Offenbarung 1,17.18)

Lesung aus Matthäus 27,35-52a.54

Als sie ihn aber gekreuzigt hatten, verteilten sie seine Kleider und warfen das Los darum. Und sie saßen da und bewachten ihn. Und oben über sein Haupt setzten sie eine Aufschrift mit der Ursache seines Todes: Dies ist Jesus, der König der Juden. Und es wurden zwei Räuber mit ihm gekreuzigt, einer zur Rechten und einer zur Linken. Die aber vorübergingen, lästerten ihn und schüttelten ihre Köpfe und sprachen: Der du den Tempel abbrichst und baust ihn auf in drei Tagen, hilf dir selbst, wenn du Gottes Sohn bist, und steig herab vom Kreuz! Ebenso spotteten auch die Hohenpriester mit den Schriftgelehrten und Ältesten und sprachen: Andern hat er geholfen und kann sich selbst nicht helfen. Ist er der König von Israel, so steige er nun vom Kreuz herab. Dann wollen wir an ihn glauben. Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, wenn er Gefallen an ihm hat; denn er hat gesagt: Ich bin Gottes Sohn. Desgleichen schmähten ihn auch die Räuber, die mit ihm gekreuzigt waren.

Und von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Einige aber, die da standen, als sie das hörten, sprachen sie: Der ruft nach Elia. Und sogleich lief einer von ihnen, nahm einen Schwamm und füllte ihn mit Essig und steckte ihn auf ein Rohr und gab ihm zu trinken. Die anderen aber sprachen: Halt, lass sehen, ob Elia komme und ihm helfe!

Aber Jesus schrie noch einmal laut und verschied. Und siehe, der Vorhang im Tempel zerriss in zwei Stücke von oben an bis unten aus. Und die Erde erbebte und die Felsen zerrissen. Als aber der Hauptmann und die mit ihm Jesus bewachten das Erdbeben sahen und was da geschah, erschraken sie sehr und sprachen: Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen!

Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg.

Lasst uns mit den Worten unserer Mütter und Väter unseren christlichen Glauben bekennen

Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde.

Und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unseren Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel, er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.

Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen.

Lied 97,1.2.6 Holz auf Jesu Schulter

Ansprache

Gottes Liebe, die Gnade Jesus Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!

Liebe Gemeinde,

um ehrlich zu sein, bin ich zurückhaltend darin, ein Kreuz zu tragen. Solch ein Kreuz an einer Halskette, solch einen schönen, glänzenden Schmuck. Das Kreuz ist zwiespältig. Zu schnell verbinde ich damit Gewalt und Unterdrückung. Zu sehr erinnert es mich an das schlimme Marterinstrument der Antike, an die römische Besatzungsmacht damals.  Dann aber gab es einen Trauerfall in der Familie. Und ich habe mir doch ein kleines Kreuz gekauft. Schwer zu beschreiben, warum. Ich sehnte mich nach Schutz in bedrohter Zeit. Ich brauchte Hilfe für mein verwundetes Inneres. Ich wollte ein Zeichen haben, dass ich nicht allein bin. Dass da jemand bei mir ist. Ganz nahe.

Irgendwann hatte das Kreuz dann wieder seinen Platz in seiner Schatulle. Doch jetzt trage ich es wieder.

Fast alles ist anders geworden in den letzten Wochen. Als wäre die Wirklichkeit dieser Welt in zwei Teile zerfallen. „Es gibt kein Drehbuch dafür“, sagen die Experten. „Es gibt keine Blaupause dafür“, sagen die Politiker. Grenzen werden geschlossen. Menschen dürfen sich nicht besuchen. Viele bangen um ihre berufliche Existenz. Ärzte und Pflegekräfte kämpfen. Und unvorstellbar viele Menschen sind schon gestorben. Niemand weiß, wie viele Angehörige um sie trauern. Ein heiliger Zorn ergreift mich im Blick auf das Virus. Und manchmal möchte ich am liebsten einfach auch nur schweigen.  Auf dem Boden sitzen, sieben Tage lang, so wie die Freunde von Hiob. Mein Herz klagt und trauert um die unfassbar Vielen. (Blick auf die Kerze und die Rose auf dem Altar. Kurze Stille)

Und dann diese Fragen: Wie soll ich das mit meinem Glauben zusammenbringen? Mit Gott? Wo ist er? In einem Kirchenlied heißt es: “Gott will im Dunkeln wohnen und hat es doch erhellt.“ Mit diesen Worten von Jochen Klepper singen wir uns eine mögliche Antwort zu. Und hoffen, dass Gott doch auch da ist. Auch im Leid.   Vor einer Woche schrieb mir eine Freundin in einer sms: „Es fühlt sich an derzeit an wie Karfreitag.“  Ja, das stimmt, dachte ich. Stille Straßen. Verhaltene, ernste Stimmung. Stumme Menschen. Jeder Tag wie Karfreitag. Und dann ist da die Frage, was es denn für uns austrägt, mitten in diesen Zeiten den Karfreitag auch noch zu begehen. Und inwiefern uns das jetzt helfen kann.

Ich glaube, es gibt einen Schlüssel. Einen kurzen, prägnanten Satz von Paulus: „Gott war in Christus,“ sagt er. „Wenn du etwas von Gott verstehen willst in dieser Welt, dann schau auf Jesus Christus. Sieh auf seinen Weg.“  Er hält sich nicht nur auf der Sonnenseite des Lebens auf. Er geht auch auf die Schatten- seite: wie ein guter Arzt kümmert er sich um die Kranken, die seine Hilfe brauchen. Nimmt sie wahr. Ist für sie da. Und heilt viele von ihnen. Er sieht die, die einsam sind, spricht mit ihnen und schenkt ihnen seine Zeit.  Überschwänglich und selbstlos verschenkt er Gottes Liebe an diese Welt.  Jesus geht aber auch den Weg in das Leid. Wird verleugnet, verraten.  Verspottet und geschmäht. Ausgeliefert.  Wird einsam inmitten seiner Gegner. Um das Kreuz herum ist es dunkel. “Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Das ist der Ruf aus dem tiefsten Leid, das ein Mensch im Leben je erfahren kann. Diesem Schmerz stellt Jesus sich. Er trägt diese Gottverlassenheit. Er hält sie durch.

Genau damit aber ist er unser Gefährte geworden. Der, der uns auch ohne Worte versteht. Unsere Angst und unsere Situation kennt. Uns begleitet.

„Gott war in Christus.“ Gott ging in seinem Sohn Jesus in den Tod, damit niemand, kein einzelner Mensch mehr im Tod allein ist. Damit keine Not und selbst der Tod kein Ort mehr ist, an dem wir von Gott verlassen sind. An der Hand von Jesus Christus kommen wir hindurch. Das ist Gottes tiefste Solidarität mit dem Menschen.

Der Klageruf Jesu in seiner letzten Stunde findet sich auch im 22. Psalm der Bibel. Mit diesem Ruf hält Jesus sich an der Tradition seines Volkes fest wie an einem Rettungsring. Und das alte Gebet geht weiter mit den Worten: “Du hast mich erhört! Als der Elende zu Gott schrie, da hörte er es!“ Diese Aussicht betet Jesus im Stillen mit. Darauf hofft er.

Jesus hat sich durch die Gottverlassenheit hindurchgebetet. Und sein Vater hat ihn nicht im Tod gelassen. Er hat seinen Ruf erhört. Hat ihm die Hand gereicht. Hat ihm ein neues Leben geschenkt. Hat ihn aus dem Tod auferweckt.

Auf den Karfreitag folgt Ostern. Das ist unsere Hoffnung! Das ist der Fels, auf dem unsere Füße stehen können. Das ist der Grund, auf dem wir Halt finden. Es wird Befreiung geben. Gott wird auch uns das Leben schenken und die Auferstehung dazu. Wir gehen im Leben immer auf Ostern zu.

Mit dieser Aussicht werden wir auch diese Krise durchstehen.

Ich trage jetzt mein Silberkreuz an jedem Tag. Es erinnert mich daran, dass ich nicht allein bin in dieser Zeit. Einer ist da, der ist immer ganz nahe. Einer wird immer bei mir sein.

Und Gottes Friede, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne im Messias Jesus. Amen.

Lied 209,1-4 Ich möcht, dass einer mit mir geht

Fürbitten und stilles Gebet

Unser Gott, wir danken dir für deinen Sohn. Er hat uns gezeigt, dass es möglich ist, durch das Dunkel zu gehen und trotzdem an dir festzuhalten, dir zu vertrauen. Er hat uns die Tür geöffnet für das Leben in deinem Licht. Er hat die Liebe bis zuletzt durchgehalten. Lass uns in seinen Spuren gehen.

Wir danken dir für alle Menschen, die schon genesen und immun geworden sind. Wir danken dir für alle Zeichen der Solidarität, die wir in unseren Tagen erleben.

Wir bitten dich für alle, die leiden müssen, dass du sie tröstest und bei ihnen bist.

Wir bitten dich für die Familien, die einen geliebten Menschen verloren haben und nicht mehr weiterwissen. Dass du ihnen durch die Trauer hindurch hilfst und sie aufrichtest.

Wir bitten dich für die Menschen, die schmerzlich ihre Einsamkeit spüren. Lass sie ein offenes Ohr für ihre Gedanken und Sorgen finden.

Wir bitten dich für alle Menschen, die um ihre berufliche Zukunft bangen. Schütze ihre Seele. Lass sie darauf vertrauen, dass es eine Lösung geben wird, auch wenn sie sie jetzt noch nicht sehen.

Wir bitten dich für alle Pflegekräfte, Ärztinnen und Ärzte. Stärke sie, gib ihnen Zuversicht, bewahre sie vor Verzweiflung und schenke ihnen auch schöne Momente.

Wir bitten dich für die Menschen, die jetzt Verantwortung tragen in der Politik, Wirtschaft und Forschung. Lass sie Lösungen finden und Entscheidungen treffen, die uns schützen und uns helfen, solidarisch miteinander zu sein.

Wir bitten dich für die Familien, die in ihrem Zuhause unter besonderer Anspannung stehen. Gib ihnen Kraft, Gelassenheit und Fantasie für ihr Zusammenleben. Schütze die Kinder und die Schwachen.
Bleibe du bei uns allen mit deinem guten Geist, damit wir mutig durch diese Zeiten kommen. In der Stille sagen wir dir, was uns noch bewegt.

Vaterunser

Vaterunser im Himmel. Geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Segen

Nun geht in die kommende Zeit mit dem guten Segen unseres Gottes:
Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden. Amen.

Tischabendmahl an Gründonnerstag 2020 mit Video von Vikar Ingmar Bartsch

Hinweis: In diesem Gottesdienst – der Titel sagt es ja schon – wird Abendmahl gefeiert. Das Abendmahl ist ein Zeichen der Gemeinschaft. Und deshalb können Sie es zu Hause mitfeiern, indem Sie sich Brot und Wein oder Traubensaft oder einen anderen Saft zurechtstellen. So wird Ihr Tisch zu Hause zum Tisch der Gemeinschaft innerhalb der Gemeinde.

Der hier abgedruckte Gottesdienst ist auch online zu finden: https://www.youtube.com/channel/UCavtdQ1pU2H4Sd7TBtGgl9A/featured


Wir feiern dieses Tischabendmahl im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen

Lassen Sie uns beten:
Gott, wir halten Abstand, und bleiben zu Hause. Unsere Kontakte sind auf ein Minimum beschränkt. Viele Menschen vereinsamen in dieser Zeit. Das klagen wir Dir Gott und bitten Dich: Herr, erbarme Dich!
Gott, wir halten Abstand und bleiben zu Hause und verlieren dabei Menschen aus den Augen, die uns wichtig sind. Das klagen wir Dir Gott und bitten Dich: Herr, erbarme Dich!
Gott, wir halten Abstand und bleiben zu Hause. Doch zu Hause ist nicht für alle ein Ort der Geborgenheit. Das klagen wir Dir Gott und bitten Dich: Herr, erbarme Dich!
Gott, wir halten Abstand und bleiben zu Hause. Manchmal werden wir ungehalten und zornig. Wir werden ungerecht gegenüber unseren Mitmenschen. Das klagen wir Dir Gott und bitten Dich: Herr, erbarme Dich!

Jesus Christus spricht: Ich bin bei Euch alle Tage, bis ans Ende der Welt. Ehre sei Gott in der Höhe!

Lesung Nach Exodus 12, 1-14
1 Der HERR aber sprach zu Mose und Aaron in Ägyptenland: 2 Dieser Monat soll bei euch der erste Monat sein, und von ihm an sollt ihr die Monate des Jahres zählen. 3 Sagt der ganzen Gemeinde Israel: Am zehnten Tage dieses Monats nehme jeder Hausvater ein Lamm und schlachte es. 7 Und sie sollen von seinem Blut nehmen und beide Pfosten an der Tür und den Türsturz damit bestreichen an den Häusern, in denen sie's essen, 8 und sollen das Fleisch essen in derselben Nacht, am Feuer gebraten, und ungesäuertes Brot dazu und sollen es mit bitteren Kräutern essen. 10 Und ihr sollt nichts davon übrig lassen bis zum Morgen; wenn aber etwas übrig bleibt bis zum Morgen, sollt ihr's mit Feuer verbrennen. 11 So sollt ihr's aber essen: Um eure Lenden sollt ihr gegürtet sein und eure Schuhe an euren Füßen haben und den Stab in der Hand und sollt es in Eile essen; es ist des HERRN Passa. 14 Ihr sollt diesen Tag als Gedenktag haben und sollt ihn feiern als ein Fest für den HERRN, ihr und alle eure Nachkommen, als ewige Ordnung.

Predigt Teil 1:
Diese Nacht war eine besondere Nacht. Es war die Nacht vor dem Auszug aus Ägypten. Wie werden sich die Menschen damals gefühlt haben? Euphorisch? Ängstlich? Voller Tatendrang oder zögernd? Sie waren in einer Situation zwischen Bangen und Hoffen. Die Nacht vor dem Aufbruch ins Ungewisse. Und gerade da lässt Gott das Volk feiern. Sie sollen sich stärken und auf das vorbereiten, was kommt.

Nein, es war kein Vergnügen, was die Israeliten am nächsten Tag und in den folgenden 40 Jahren erwartete. Es war ein langer Weg, eine Wüstenwanderung im wahrsten Sinne des Wortes. Sie rangen mit sich und mit Gott. Sie waren himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt. Der Weg in das gelobte Land ihrer Vorfahren war anstrengend. An manchen Tagen wünschten sie sich sogar die Sklaverei zurück. An diesem Abend aber saßen sie zusammen und stärkten sich. Jede Familie in ihrem Haus. Doch das gemeinsame Essen verband sie untereinander.  

Und damit dieser Abend und die Befreiung aus Ägypten nie in Vergessenheit gerät, machte Gott selbst aus diesem ersten Passahmahl eine jährliche Erinnerungsfeier. Jedes Jahr sollen sich die Israeliten erinnern, dass sie Sklaven waren und dass Gott sie befreit hat. Und Gott verbindet diese Erinnerung mit Essen. Das finde ich tief sympathisch. Die ungesäuerten Brote, die so genannten Mazzen erinnern daran, dass das Volk bereit zum Auszug war. Die bitteren Kräuter erinnern an die schlimme Zeit in der Sklaverei in Ägypten. Später ist das Salzwasser hinzugekommen. Es steht für die Tränen, welche die unterdrückten Menschen vergossen haben.  Ebenfalls später kamen frische, grüne Kräuter hinzu, als Symbol für den Aufbruch und die Hoffnung auf eine bessere Zeit. Und für diese Hoffnung und die Befreiung stehen auch die Kelche mit dem Wein.

Lied 221: „Das sollt ihr, Jesu Jünger, nie vergessen“


Lesung
Unser Abendmahl hat seine Wurzeln auch im jüdischen Passahfest und in der Sederfeier. Denn am Abend vor seinem Tod am Kreuz feierte Jesus mit seinen Jüngern, also seinen engsten Freunden, das Passahmahl. Es war eine letzte Gemeinschaft miteinander, aber es lag ein Schleier auf diesem Fest. Die Freunde haben zusammen gegessen, sie haben gefeiert. Und doch war es anders, als sonst.
Wir hören Worte aus dem Markusevangelium im 14. Kapitel:
12 Und am ersten Tage der Ungesäuerten Brote, da man das Passalamm opferte, sprachen seine Jünger zu ihm: Wo willst du, dass wir hingehen und das Passalamm bereiten, damit du es essen kannst? 13 Und er sandte zwei seiner Jünger und sprach zu ihnen: Geht hin in die Stadt, und es wird euch ein Mensch begegnen, der trägt einen Krug mit Wasser; folgt ihm, 14 und wo er hineingeht, da sprecht zu dem Hausherrn: Der Meister lässt dir sagen: Wo ist die Herberge für mich, in der ich das Passalamm essen kann mit meinen Jüngern? 15 Und er wird euch einen großen Saal zeigen, der schön ausgelegt und vorbereitet ist; und dort richtet für uns zu. 16 Und die Jünger gingen hin und kamen in die Stadt und fanden's, wie er ihnen gesagt hatte, und bereiteten das Passalamm. 17 Und am Abend kam er mit den Zwölfen. 18 Und als sie bei Tisch waren und aßen, sprach Jesus: Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch, der mit mir isst, wird mich verraten. 19 Da wurden sie traurig und sagten zu ihm, einer nach dem andern: Bin ich's? 20 Er aber sprach zu ihnen: Einer von den Zwölfen, der mit mir seinen Bissen in die Schüssel taucht. 21 Der Menschensohn geht zwar hin, wie von ihm geschrieben steht; weh aber dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird! Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre. 22 Und als sie aßen, nahm er das Brot, dankte und brach's und gab's ihnen und sprach: Nehmet; das ist mein Leib. 23 Und er nahm den Kelch, dankte und gab ihnen den; und sie tranken alle daraus. 24 Und er sprach zu ihnen: Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird. 25 Wahrlich, ich sage euch, dass ich nicht mehr trinken werde vom Gewächs des Weinstocks bis an den Tag, an dem ich aufs Neue davon trinke im Reich Gottes. 26 Und als sie den Lobgesang gesungen hatten, gingen sie hinaus an den Ölberg.

Predigt Teil 2
Zur Zeit Jesu herrschten die Römer in Israel. Die Menschen sehnten sich nach einem Befreier, der die Macht der Römer beendet. In dieser Situation feiert Jesus das Passahfest mit seinen Freunden in Erinnerung an den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten. Und so sitzen sie zusammen.  An diesem Abend, vor der Kreuzigung. Jesus hatte das angedeutet, aber die Jünger haben es nicht verstanden. Wie werden sie sich wohl gefühlt haben? Vermutlich auch zwischen Bangen und Hoffen. Verunsichert ob der Worte Jesu.

Nein, es ist keine leichte Zeit, in die die Jünger gehen. Ihr Meister wird qualvoll am Kreuz sterben. Sie werden Angst haben, Jesus verraten, sie werden sich einschließen. Die Botschaft von der Auferstehung wird sie zuerst tief verunsichern. Und dann wird sie ihnen Hoffnung geben, auch wenn die ersten Christen später verfolgt werden.

Doch an diesem Abend feiern sie. Mit seltsamen Andeutungen von Verrat und Tod. Aber sie haben Gemeinschaft, die stärkt. Untereinander. Mit Jesus. Die Kraft, die von diesem letzten Abendmahl ausgeht, trägt uns Christen bis heute.

Wir feiern heute Tischabendmahl. Am Gründonnerstag. Online. Zu Hause. Zwischen Bangen und Hoffen.

Nein, es sind keine leichten Zeiten, durch die wir gehen. Wie lange dauern die Einschränkungen? Was wird die Zukunft bringen?  Wie wird es mit unserer Gesellschaft weitergehen? Wann werden wir uns wieder normal treffen können? Viele Fragen gehen uns durch den Kopf.

Aber heute feiern wir. Gedämpft zwar und räumlich getrennt, aber wir wissen, dass wir nicht allein sind. Wir nehmen Anteil aneinander. Wir feiern Abendmahl und sind so untereinander und mit Jesus Christus verbunden. Vielleicht klingt das etwas trotzig. Aber es gibt Halt. Das Abendmahl feiern Menschen seit Jahrtausenden und es ist ein Zeichen der Hoffnung. Der Hoffnung, dass wieder bessere Tage kommen. Und dass Jesus das Leid der Welt kennt und getragen hat. Das Abendmahl ist ein Fest des Lebens.

Lassen Sie uns beten.
Wir loben Dich, heiliger und allmächtiger Gott, dass Du durch Deinen Sohn Jesus Christus einen neuen Bund aufgerichtet hast. Deshalb preisen wir Dich gemeinsam mit der sichtbaren und der unsichtbaren Welt und singen Dir zum Lob.

Lied 185.3: „Heilig, Heilig, Heilig“

Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.  

Unser Herr Jesus Christus, in der Nacht, da er verraten wurde, nahm er das Brot, dankte und brach es und gab es seinen Jüngern und sprach: Nehmet hin und esset. Dies ist mein Leib, der für Euch gegeben wird. Solches tut zu meinem Gedächtnis.

Ebenso nach er auch den Kelch nach dem Abendmahl, dankte und gab ihnen den uns sprach: Nehmet hin und trinket alle daraus. Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für Euch vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Solches tut, so oft ihrs trinket zu meinem Gedächtnis.

Lied 190.2: „Christe, du Lamm Gottes“
 
Austeilung
Christi Leib, für Dich gegeben. Das stärke und bewahre Dich im Glauben zum ewigen Leben.
Christi Blut, für Dich gegeben. Das stärke und bewahre Dich im Glauben zum ewigen Leben.

Wir danken Dir, allmächtiger Gott, dass wir im Abendmahl Gemeinschaft haben durften in dieser Zeit zwischen Bangen und Hoffen. Wir danken Dir, dass Du uns stärkst und bitten Dich, dass wir stark werden im Vertrauen auf Dich und in der Liebe untereinander. Das bitten wir durch Jesus Christus, Deinen Sohn, der mit Dir und dem Heiligen Geist lebt und Leben schenkt von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Lied 229: „Kommt mit Gaben und Lobgesang“

Fürbitten
Die Fürbitte soll einen Raum bieten für eigene Gedanken und Gebete. Legen Sie in die Stille nach den Impulssätzen hinein, was Ihnen durch den Kopf geht und was Sie Gott sagen möchten.

Gott, wir gehen durch eine verunsichernde Zeit.

Gott, bereite uns vor, auf das was noch kommt.

Gott, wecke in uns die Hoffnung auf andere Zeiten.

Gott, stärke unsere Gemeinschaft.

Gott, wir bitten Dich für uns, unsere Familien, Freunde, für unsere Gesellschaft und alle, die Verantwortung tragen. Sei Du bei uns und lass uns Deine Nähe spüren. Amen.

Segen
Und nun gehen Sie in die kommenden Tage unter dem Segen Gottes.
Der Herr segne dich und behüte dich,
der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig,
der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

 

Rückmeldungen zu diesem Gottesdienst: bartsch@ev-kirche-bn.de oder 06033 79 60 527

Gottesdienst am 5.4.2020 vollständig von Pfarrerin Meike Naumann

Musik zum Eingang

Begrüßung

Heute bejubelt, morgen fallen gelassen: der Einzug Jesu in Jerusalem am Palmsonntag steht am Anfang der Karwoche. Wenig später schlagen sie ihn ans Kreuz. Durch die Tiefe führt Gottes Weg zur Verherrlichung.

Es gibt Momente, in denen ist nichts, wie es scheint. Ein fröhliches Gesicht versteckt tiefe Trauer, wer Härte zeigt, kann auch barmherzig sein und hinter einer scheinbar so düsteren Zukunft verbirgt sich eine neue Chance.

Grenzmomente sind das, unsicher und vage. Erst im Nachhinein deute ich die Zeichen richtig. Der Palmsonntag führt in eine solche Grenzzeit hinein: Die Hände, die eben noch Palmzweige schwingen, sind schon zu Fäusten geballt. Das „Hosianna“ wird zum gellenden „Kreuzige“-Ruf, fröhliche Gesichter erstarren zu Fratzen. Und doch ist es Jesu Tod am Kreuz, der den Menschen Leben bringt. Sein Weg ins Dunkel war ein Weg ins Licht, heute bekennen wir das. Im Geschlagenen, im Verachteten war Gott ganz nah. Nur wenige erkannten das – wie die Frau, die den Todgeweihten wie einen König salbte.

Lied: 314 Jesus zieht in Jerusalem ein

Psalm 69 : EG 731

Kyrie
Du, Sohn Davids,
unser Befreier,
manchmal wünschten wir,
du würdest in sichtbarer Hoheit daher kommen
und würdest auf einen Schlag alles Elend, alle Gewalt beenden.
Aber du kommst auf einem Esel geritten.
In der Gestalt eines machtlosen Menschen.
Und dein Weg führt
In Leiden und Sterben.
Du enttäuschst uns,
wenn wir von dir
göttlichen Zauber erwarten.
Aber du tröstest alle,
die auf eine neue Welt hoffen,
denn die Macht deiner Liebe
verschafft dir den Sieg über alles Böse.
Mach uns von falschen Erwartungen frei und
Lehre uns dir mit Demut zu folgen.
Und so bitten wir dich, erbarme dich unser.

Gloria
Wir haben es schon so oft gehört, uns doch fällt es uns immer wieder schwer es zu glauben. So wie schon die Jünger die Ankündigung Jesu nicht hören wollten. Doch die Zusage gilt:
Der Menschensohn muss erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. Joh 3,14b-15

Gebet

Gott, unser Vater,
du bist in deinem Sohn Jesus Christus zu uns gekommen,
du bist eingekehrt in unsere Welt.
Du hast uns nicht allein gelassen mit unseren Sorgen und Ängsten.
Wie gern möchten wir dich aufnehmen in unsere Familien und
Häuser,
wie sehnen wir uns nach deiner Nähe.
Und doch fällt es uns immer wieder schwer,
dir zu folgen, wohin du uns gerufen hast.
Wir sind zurückgewichen, wo du deine
Hand nach uns ausgestreckt hast.
Auch wir haben dich allein gelassen,
als du uns brauchtest.
So bitten wir dich für diese Stunde,
dass du trotz allem in unsere Herzen einziehst
und uns bereit machst für dein Kommen
zu einem jeden von uns.
Amen.

Schriftlesung: Joh 12,12-19 Einzug Jesu in Jerusalem

Glaubensbekenntnis

Lied: 314 Jesus zieht in Jerusalem ein

PREDIGT
(Text in vier Teilen nach Luther 2017 in der Predigt)

Liebe Gemeinde,

ich weiß noch als ich mir mein erstes Parfüm gekauft habe, zum ersten Mal im Leben, richtig teuer, unmöglich! Eigentlich geht das gar nicht, aber ich habe es getan. Das konnte gewiss nur im Urlaub passieren, mit Zeit zum Schnuppern und Ausprobieren. Dennoch: Warum tue ich sowas, was in meinem Leben sonst eigentlich keinen Platz hat? Ja, das habe ich mich schon gefragt und dann auch eine Antwort gewusst: Verliebt habe ich mich in einen Geruch, in einen Duft. Warum darf ich dafür nicht Geld ausgeben? Ein leckeres Essen im Lokal kostet auch seinen Preis, fügt die Vernunft noch schnell hinzu, um den Handel abzuschließen. Warum aber muss ich vernünftig sein und alles begründen? Warum soll alles plausibel sein und erklärbar? Es ist für einen Duft, für etwas Köstliches, schon mehr geopfert worden als eine Geldsumme. Das Besondere zu erwerben kann alles kosten. Im biblischen Gleichnis für das Himmelreich werden diejenigen herausgestellt, die das Besondere und Kostbarste erkennen und sich dafür einsetzen (Mt 13,44-46). Wo ist die Grenze zwischen Luxus und Verschwendung? Wo wird der Wunsch nach etwas Schönem, Besonderen, was der Seele guttut, unmäßig? Und wer entscheidet das? Darf ich für mich selbst auf diese Weise sorgen? Oder nur für andere? Hören wir den ersten Teil unseres heutigen Predigtabschnitts:

Lesung, Mk 14,3 Öl auf sein Haupt
Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt.

Eine Schilderung aus dem Leben Jesu. Auf den ersten Blick eine durchaus übliche Szene: Jesus ist Gast und sitzt zu Tisch. Es gibt weitere Gäste, Freunde. Es wird gegessen. Die Tischrunde wird allerdings unter sich sein: Freunde von Jesus, Freunde des Gastgebers. Denn Simon, der Hausherr, ist krank, aussätzig. Religiös Führende sind hier nicht zu erwarten. Dies Haus ist Tabu für fromme jüdische Menschen. Und so hätte uns kein Mensch davon erzählt, wenn nicht etwas ganz Besonderes geschehen wäre, etwas Unerhörtes und ganz Anderes.

Eine Frau betritt dieses Haus mit Männerrunde. Das geht sowas von gar nicht. In dieser Zeit an diesem Ort ist aber das, was jene ungenannte Frau tut, mehr als eine Tabuverletzung. Und doch ist das ja noch nichts dagegen, was anschließend passiert, was sie sich dann leistet. Buchstäblich leistet, nämlich kostbarstes Öl, teuer, wertvoll, wird hier nicht nur zum Salben eingesetzt, sondern ausgegossen, über den Kopf in reicher Menge, ja bis auf den letzten Tropfen, denn die Frau zerbricht das Gefäß.

Sie will keinen Rest wieder mitnehmen. Es geht ums Ganze. Das kostbare Gefäß ist ihr nichts wert, das teure Öl spielt keine Rolle. Denn sie hat nur ein Ziel: Sie will zu Jesus und genau dies tun, ihm etwas - ja Gutes tun, ihrer Zuneigung Ausdruck geben, ihre Verehrung und Liebe zeigen!

Unverfälscht ist das Öl. Also gab es auch anderes, günstigeres, gestrecktes, eben verfälscht, verlängert und längst nicht so kostbar – das will hier betont sein: So etwas Minderwertiges ist hier nicht im Spiel.  Das ist kein Sonderangebot, hier wird nicht gespart in dem Sinne von: Das teilen wir auf. Das teilen wir ein. Das können wir noch brauchen. Pass mal auf, das muss noch halten… Nichts davon: Zerbrachs und gabs, gab alles… ganz und gar.

Und die Reaktion? Was erwarten wir? Was erwarten wir von den Freunden Jesu, von den Gästen des Simons, die doch alle ein Tabu verletzen, indem sie mit dem Aussätzigen essen, bei ihm sind. Die sich auskennen mit ihrem Jesus und seinem weiten Herzen. Es sind Freunde, die sich bewusst entschieden haben, der guten Nachricht zu trauen, und manches dafür aufzugeben.

Lesen des 2. Teils, Mk 14,4-5 bis: „fuhren sie an“.
Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an.

Hätte, hätte... Was soll das jetzt noch, vergossene Milch kann ich nicht aufheben und vergossenes Öl noch weniger. Es ist weg. Lamentieren nützt gar nix. Und wenn sie noch so recht haben, diese Leute mit der klaren Meinung, 300 Silberlinge sind weg, ein Jahresverdienst, vergossen, für nichts??? Ich versuche mich einzufühlen in die beiden, die sich die Meckerei besonders anhören müssen. Nach dieser unglaublichen Handlung: Eine Frau dringt in eine Männerrunde und salbt einen Gast mit kostbarstem Öl, indem sie ein teures Gefäß zerbrochen hat und alles über ihn ausgießt, und da ist ein Mann, der von einer Frau mit kostbarem Öl übergossen wird. Alles ist in Duft gehüllt, benommen, überwältigt, noch nicht verstanden, was hier überhaupt los ist, und da wissen einige genau Bescheid und rufen: „Unmöglich! Verschwendung! Vergeudung! Was du gemacht hast, ist falsch! Was du gerade genossen hast, das war nicht richtig! Das bist du nicht wert. Sie hätte das nicht dürfen. Du darfst das nicht gut finden.“

Wie redet die Vernunft? Redet sie so? Muss der Verstand das Erleben bewerten und einordnen und in kleine Einheiten ummünzen: Mehr als 300 Silberlinge, was hätte man dafür alles kaufen können? Aber die Zuschauer und Kritiker, wollen ja nichts für sich, nein, sie schalten ihren Verstand gleich zweimal ein. „Wir hätten es doch verkaufen und den Erlös den Armen geben können.“ Wie edel! „Wir wollen ja nix für uns, aber das, was diese Frau hier macht, also: Vergießen, verschütten, verschwenderisch salben, das ist doch nicht in Ordnung, oder?“

Wie geht es Ihnen damit? Wohin neigen Sie euch? Wen verstehen sie besser? Ist das hier der Gegensatz von Verstand und Gefühl? Was geschieht hier? Warum macht sie das? Weil sie eine Frau ist? Weil sie verliebt ist? Ist das ein Abschiedsgeschenk? Vielleicht ahnt sie etwas vom nahen Tod, spürt mehr als die anderen?

Oder neigen wir zu der vernünftigen Seite, die ja auch plausibel ist: Warum so viel, so unmäßig, als Zeichen und für den Wohlgeruch reicht doch auch eine kleine Menge. Während ich das denke, spüre ich: Ja, ich finde das auch zu viel. Ich verstehe die Frau nicht. Mir gefällt zwar nicht die Meckerei der anderen. Aber ich muss mir auf die Zunge beißen, um nicht zu rufen: „Halt! Warum so viel? Sie hätte noch viele mit dieser Narde erfreuen oder salben können. Warum alles auf einmal? Es wäre auch mit wenig sehr gut gewesen und duftend und ein wertvolles Zeichen der Liebe. Und die teure Flasche aus Alabaster, einem Marmor. Sicher ist sie wiederverschließbar!“ Es geht mir nicht anders als den Kritikern. Ich verstehe nicht, nicht wirklich mit dem Herzen. Ich ahne vielleicht, dass mir etwas fehlt. Das schon. Dennoch bin ich nicht weit weg von denen, die ihre Vernunft einschalten und ihre Meinung heraus posaunen und mal wieder alles besser wissen, die das kostbare Geschenk verkleinern wollen, alles kaputt machen - machen könnten, das Geschenk, die Freude am Schenken, den Genuss, eben alles –  wenn nicht Jesus…

3. Teil, Mk 14,6-8 lesen bis: „Begräbnis“.
Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis

Ich mag seine Fürsorge: „Macht doch diese Frau nicht traurig! Tut ihr nicht weh!“ Wie er die Menge an Öl und Wohlgeruch empfunden hat, das erfahren wir nicht. Er fühlt sich in die Spenderin ein. Er erlebt die verschwenderische Fülle körperlich. Alles ist Duft, öffnet andere, neue Welten, spricht Sinne an, die vorher ruhten. „Bekümmert sie doch nicht! Macht doch nichts kaputt. Seht doch, was sie wollte. Sie hat es gut gemeint und gut gemacht. Sie hat das Beste getan, was sie konnte.“ Ja, sie hat etwas getan, was die anderen nicht konnten. (Sie hat Jesus aus der Welt des Materials, der Materie herausgelöst.)

Haben die anderen eine Deutung parat: „Puh, Verschwendung! Vergeudung!“, so wendet Jesus mit seiner Deutung alles zum Guten: „Die Armen laufen euch nicht weg. Diese Frau hat etwas neu gesehen und danach gehandelt.“ Schließlich, und da denke ich an so manche Trauerfeier, sehe vor mir, was alles investiert werden kann in Sarg und Ausstattung und Blumen, schließlich hat diese Frau seinen Leib im Voraus gesalbt, hat das getan, was viele erst nach dem Tod für ihre Angehörigen tun. Jesus wendet sich dem Leben und der liebenden Hand zu. Er weiß sich und seine Botschaft durch sie verstanden, spürt und erfährt die Zuneigung dieser Frau körperlich, bedeutsam. Beide stehen im Glanz und im Licht.

Schlusslesung, Mk 14,9
Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.

Eine Frau ohne Namen geht in die Geschichte ein. Sie bekommt mit ihrer Herzensangelegenheit Recht. Nein es ist nicht vernünftig. Aber wer hat denn behauptet, dass die Vernunft die richtige Entscheidung trifft?

Können wir lernen? Eher nicht, lernen kann der Verstand und der hat hier heute keinen Zutritt. Auf das eigene Herz zu hören. Sich von der Liebe den Weg zeigen lassen –  Vielleicht das? Vielleicht auch: Sich mit der eigenen Meinung zurückzuhalten. Sie nicht gleich hinauszuposaunen. Erst denken, dann fühlen, dann überlegen ob überhaupt etwas gesagt werden muss. Dann kann ich meine Sehnsucht wahrnehmen, nach solcher Hinwendung: so liebend sich verschenken, ohne irgendwelche Angst mir etwas zu vergeben, mich gar aufzugeben, Sehnsucht, mir solche Liebesgabe gefallen zu lassen, zu genießen, zu spüren, zu riechen: Der kostbare Duft der Narde ist noch in der Luft und entzieht sich allen Berechnungen. Mit allen Sinnen erfahren, dass ich es wert bin, wertvoll, einzigartig…

Amen.

Lied: EG 545 Wir gehen hinauf  nach Jerusalem

Fürbitte
Gott, Urgrund des Lebens!
Ein Gegenüber brauche ich unbedingt, damit ich nicht um mich kreise. Das merke ich besonders in diesen Tagen, in denen das Alleinsein, das Fürsichbleiben schon so lange dauert.
Sei du da, Kraft, Weisheit, Liebe, die größer ist als alle Vernunft.

Ich bitte dich für alle, die mir nah sind,
mit denen ich lebe und arbeite,
wohne und Zeit verbringe,
für die, die mir lieb sind und die,
denen ich lieber aus dem Weg ginge.
Öffne mir die Augen für ihre Schönheit und Eigenart!
Zeige mir ihre Empfindsamkeit und Trauer!

Ich bitte dich für diejenigen, die etwas zu sagen haben,
dass ich ihre Botschaft höre, dass ich Weisheit erkenne
und sie ihre Stimme erheben zum Heilwerden des Ganzen.
Dass sie sich nicht einschüchtern lassen, sondern mutig bleiben.

Gott, ich bitte dich für diejenigen, die Macht haben
durch Stellung und Geld, dass sie dies auch erkennen und dazu stehen,
dass sie ihre Möglichkeiten einsetzen für die Bewahrung der Menschen und unserer Erde.

Gott, für die Schwachen bitten wir, dass sie den Mut haben zu rufen.
Und dass wir sie hören und hinsehen und tun, was wir können.
Dass wir uns nicht für zu klein halten, dass wir unsere Kräfte
nutzen und einbringen zum Wohle der Vielen!

Gott, ich bitte dich für alle die in der Alten- und Krankenpflege arbeiten, für Ärztinnen und Arzte, Rettungsdienste und Einsatzkräfte,
schenke ihnen Geduld, Kraft und Durchhaltevermögen und Gesundheit.

Gott, ich bitte dich für unsere Verstorbenen, die wir in der vergangenen Woche bestattet haben. Komme du ihnen entgegen und nimm sie auf in deine ewige Liebe. Umhülle die Angehörigen, die unter so schwierigen Bedingungen Abschied nehmen mussten, mit dem Mantel deines Trostes.
Alles, was uns in unserem Herzen bewegt, bringen wir vor dich Gott, wenn wir beten:

Vater unser

Lied: 421 Verleih uns Frieden

Segen
Gott segne dich und behüte dich!
Gott lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig!
Gott erhebe sein Angesicht auf dich und schenke dir Frieden.
Amen.

Musik zum Ausgang

Passionsandacht am 4.4.2020 von Pfarrerin Meike Naumann

zu Bildern von Sieger Köder „Schaulustig – Jesus wird ans Kreuz genagelt“

Musik zum Eingang
Begrüßung mit Votum

Lied: eg +11

Lesung Jes 53,2b-5

Gebet
Wir kommen heute zu dir,
du treuer und barmherziger Gott,
wir kommen, wie wir sind,
mit unseren Ecken und Kanten,
mit unseren Stärken und Schwächen,
mit unserer Freude und Trauer.,
mit all der Unsicherheit und Angst, die diese Tage mit sich bringen
Wir bitten dich, dass du uns  stärkst
an Leib und Seele.
Wir bitten dich, dass du uns annimmst,
trotz allem, was wir getan oder unterlassen haben.
Und wir bitten dich, dass du unser Gebet vernimmst
und unser Rufen erhörst.
Amen.

Lied: EG 85,1-2

Ansprache
Das Bild von Sieger Köder, das wir heute miteinander betrachten, trägt den Titel „Jesus wird ans Kreuz genagelt“. Doch Jesus ist darauf nicht zu sehen. Stattdessen zeigt uns der Maler, was Jesus sieht, am Boden und im wahrsten Sinne des Wortes aufs Kreuz gelegt. Wir schauen in die Gesichter der Zuschauer oder wie wir vielleicht sagen würden, der Gaffer und Schaulustigen, die bei der Kreuzigung Jesu zusehen. Ein dicht gedrängter Kreis von Menschen (und einem Tier) schaut herab auf den, der in ihrer Mitte liegt. Zwischen ihren Köpfen ist ein Ausschnitt des Himmels zu sehen mit einer schwarzen Sonne, wie bei einer Sonnenfinsternis.

Im Vordergrund hebt ein Soldat mit blauer Rüstung den Arm und holt zum nächsten Hammerschlag aus. Einer hebt den Daumen „Gut so! Geschieht ihm recht!“ Und alle schauen zu. Die einen interessiert oder hämisch, traurig und voller Entsetzen die anderen.

Gewaltsame und schreckliche Ereignisse üben eine eigentümliche Faszination auf Menschen aus. Das erfahren wir gerade ganz aktuell am eigenen Leib. Warum ist das so? Was macht schlimme Geschehnisse so anziehend, dass man hinschauen will, ja muss? Bei Verkehrsunfällen zum Beispiel sammeln sich einer Untersuchung zufolge durchschnittlich zwischen 16 und 26 Zuschauer. Dabei werden Bilder gemacht mit dem Smartphone und direkt ins Internet gestellt. Die Rettungsgasse wird blockiert, so dass die Helfer nicht zu den Opfern gelangen. Woher diese offenbar schier unwiderstehliche Schaulust? Ist der Mensch einfach von Grund auf böse, roh und sadistisch? Oder wird er mitleidlos und gleichgültig, so lange nicht er selbst oder ein Angehöriger betroffen ist?

Bereits den römischen Dichter und Philosophen Lukrez, der knapp 100 Jahre vor Christus geboren wurde, hat diese Frage beschäftigt. In einem seiner Lehrgedichte schreibt er:
Wonnevoll ist’s bei wogender See, wenn der Sturm die Gewässer aufwühlt, ruhig vom Lande zu sehn, wie ein andrer sich abmüht. Nicht als ob es uns freute, wenn jemand Leiden erduldet, sondern aus Wonnegfühl, dass man selber vom Leiden befreit ist.

Lukrez mein also, es gehe bei unserer Schaulust gar nicht in erster Linie darum, dass wir es schön finden, wenn andere leiden. Die Lust, die wir beim Zuschauen empfinden, rühre vielmehr daher, dass wir spüren und uns bewusst werden, wie sicher, gesund und unverletzt wir selbst sind. Eine Deutung, die übrigens auch heutige Forscher durchaus teilen.

Es gibt aber auch noch andere Gründe. Eine weitere Vermutung ist beispielsweise, dass der Drang zum Zusehen bei schlimmen Ereignissen dem Lernen dient. Die Beobachter sehen Gefahren und lernen sie zu vermeiden. Die vielen Sondersendungen auf allen TV-Kanälen haben sicher auch diese Funktion. Aufklärung, Information, damit die Bevölkerung sich jetzt, wo es darauf ankommt richtig verhält.
Zugleich wird aber beim Blick auf etwas Schreckliches, vor dem man sich zutiefst fürchtet, auch der Umgang mit der Katastrophe eingeübt.

Bei all dem ist die Gruppe wichtig. Das Gemeinschaftserlebnis, sagen einige Forscher, ist bei der Schaulust unerlässlich. In der Gruppe finde ich Schutz und gewinne ich Distanz zu dem eigentlich unerträglichen Geschehen und kann es deshalb anschauen.

Mit der Gruppe deute und kommentiere ich das Ereignis („Schrecklich, nicht wahr“) und ordne es ein.
Insofern kann, zugespitzt formuliert, das Betrachten der Leiden anderer hilfreich sein.
Vieles von dem Gesagten kann man bei den Menschen auf unserem Bild beobachten. Im sicheren Schutz der Gruppe verfolgen sie ein an und für sich absolut unerträgliches Geschehen. Sie schauen dabei zu, wie einem Menschen Nägel durch Hände und Füße getrieben werden. Und sie versuchen das, was sie da sehen, einzuordnen, indem sie es kommentieren und deuten. Eher hinter vorgehaltener Hand die einen. Andere wirken, als würden sie schreien. Dabei fallen vielleicht Sätze wie: „Er hat es verdient!“ „Das hat er jetzt davon, der Möchtegern-Messias!“ oder „Er ist unschuldig!“. „Das ist Unrecht!“

Alles ganz normal, glaubt man den Forschern und irgendwann ist es vorbei und alle gehen nach Hause.
Anders als normal ist aber die Betrachtung des Leidens Jesu mit seinem Tod nicht vorbei. Im Gegenteil. Schon früh gab es Darstellungen des Gekreuzigten. In Kirchen stoßen wir auf Bilder und Skulpturen des gegeißelten Heilands. Seit vielen Jahrhunderten gibt es die Kreuzwege, die mit ihren verschiedenen Stationen das Leiden Jesu detailliert darstellen. Und auch wir schauen uns ja in dieser Andachtsreihe Bilder vom Kreuzweg Jesu an.

Müssen wir Christen uns also den Vorwurf gefallen lassen, Gaffer und Schaulustige zu sein?

In dem Kirchenlied „O Welt ich muss dich lassen“, heißt es in einer Strophe vom Leiden Christi „Ich will’s mir vor Augen setzen, mich stets daran ergötzen, ich sei auch, wo ich sei…“ Für heutige Ohren klingt das zumindest befremdlich.

Die fromme „Schaulust“, die hier anklingt, speist sich jedoch noch aus einer anderen Quelle, als dem, was wir so alles an Forschungshypothesen gehört haben. Der Dreh- und Angelpunkt ist Ostern. Die Sonnenfinsternis, von der der Evangelist Matthäus erzählt, und die wir mitten auf unserem Bild sehen, sie ist vorbei. Die Ostersonne wirft ein völlig neues Licht auf das grausame Geschehen von Leiden und Tod. Jesu Auferstehung gibt uns, wenn wir gemeinsam das eigentlich Unerträgliche seines Kreuzestodes betrachten, ganz andere, völlig neue Deutungsmöglichkeiten: „Er hat es für uns getan.“
„Gott ist da, auch mitten im Leid.“ Er kennt unsere Angst und unsere Not.“ „Er wird auferweckt zum ewigen Leben.“ Und: im Betrachten des Leidens Jesu üben auch wir Christen uns ein in den Umgang mit der Katastrophe. In den Umgang mit dem Schrecken und der Bedrängnis des eigenen Todes, der jedem und jeder von uns bevorsteht. Aber es ist ein Einüben in Hoffnung. Im Betrachten und Singen üben wir uns ein in die Hoffnung, dass auch unser Sterben einmal nicht gottverlassen sein wird. Wir üben uns ein in die Hoffnung, dass der Gekreuzigte und Auferstandene uns dann nahe sein wird und uns mitnehmen wird in das neue Leben.

In seinem Lied „O Haupt voll Blut und Wunden“ dichtete Paul Gerhard:
Wenn ich einmal soll scheiden, so scheide nicht von mir. Wenn ich den Tod soll leiden, so tritt du dann herfür, wenn mir am allerbängsten, wird um das Herze sein, so reiß mich aus den Ängsten, kraft deiner Angst und Pein.

Erscheine mir zum Schilde, zum Trost in meinem Tod. Und lass mich sehn dein Bilde, in deiner Kreuzesnot. Da will ich nach dir blicken, da will ich glaubensvoll dich fest an mein Herz drücken. Wer so stirbt, der stirbt wohl.
Amen.

Lied EG 85,9-10

Gebet
Unser Gott,
du hast uns dein Reich verheißen,
ein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit.
Wir bitten dich, dass dein Reich komme,
auch zu uns.
Wir bitten dich darum,
dass du uns nicht nach dem beurteilst,
was wir an Falschem getan
und an Gutem unterlassen haben.
Wir bitten dich darum,
dass du uns annimmst, wie wir sind,
dass du uns vergibst, wo wir gefehlt haben,
Wir bitten dich darum,
dass auch wir vergeben können, wie du uns vergibst,
dass auch wir die Menschen nicht nur nach dem beurteilen,
was sie leisten, dass wir sie nicht einteilen
in Erfolgreiche und Erfolglose, in Gewinner und Verlierer.
Wir bitten dich darum,
dass wir andere sehen lernen mit deinen Augen,
mit den Augen der Liebe und des Verständnisses.
Wir bitten dich, dass wir uns öffnen und offen bleiben
für die Menschen, die zu uns kommen
und dass wir ihnen geben, was sie brauchen.
Wir bitten dich darum,
dass wir anderen in Liebe begegnen
und ihnen Anerkennung schenken.
Unser Gott,
du hast uns dein Reich verheißen,
ein Reich des Friedens und der Gerechtigkeit.
Wir bitten dich, dass dein Reich komme,
auch zu uns.
Amen.

Vaterunser

Segen

Musik zum Ausgang

Gottesdienst am 29.03.2020 mit Video von Vikar Ingmar Bartsch

Der hier abgedruckte Gottesdienst ist auch online zu finden: https://www.youtube.com/channel/UCavtdQ1pU2H4Sd7TBtGgl9A/featured

Da im Onlinegottesdienst keine Lieder gesungen werden, sind hier im Gottesdienstverlauf auch keine Lieder abgedruckt. Wenn Sie gerne Lieder singen möchten, können Sie aus dem Gesangbuch die Nummer 97 „Holz auf Jesu Schulter“ oder die Nummer 93 „Nun gehören unsre Herzen“ singen.

Votum
Wir feiern diesen Gottesdienst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Gemeinde: Amen

Schuldbekenntnis
Gott, zu oft denken wir in Kategorien. Wir stecken Menschen in Schubladen. Wir haben schnell eine feste Meinung. Wir sind schnell im Reden, aber langsam im Hören. Wir teilen unsere soziale Welt in drinnen und draußen.
Gott, wir gehen durch schwere Zeiten. Unsere Fundamente wanken. Wir sind verunsichert. Wir fühlen uns schwach und hilflos. Trotzdem fällt es uns schwer, die Mauern in unseren Köpfen abzureißen, uns auf die Nöte unserer Mitmenschen einzustellen. Wir bitten Dich in dieser Zeit, in der sich unser Leben und das Leben anderer radikal verändert: Herr, erbarme Dich!
Gemeinde: Herr, erbarme Dich.

Gnadenzusage
So spricht Gott, Dein Erbarmer: Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfällig werden. Ehre sei Gott in der Höhe!
Gemeinde: Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen.

Lesung
Herbäer 13: 12 Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. 13 So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. 14 Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.
Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Weg. Amen.

Glaubensbekenntnis
Verbunden mit allen Christen weltweit bekennen wir unseren Glauben.
Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen,
den Schöpfer des Himmels und der Erde.
Und an Jesus Christus,
seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,
empfangen durch den Heiligen Geist,
geboren von der Jungfrau Maria,
gelitten unter Pontius Pilatus,
gekreuzigt, gestorben und begraben,
hinabgestiegen in das Reich des Todes,
am dritten Tage auferstanden von den Toten,
aufgefahren in den Himmel,
er sitzt zur Rechten Gottes,
des allmächtigen Vaters, von dort wird er kommen,
zu richten die Lebenden und die Toten.
Ich glaube an den Heiligen Geist,
die heilige christliche Kirche,
Gemeinschaft der Heiligen,
Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten
und das ewige Leben. Amen.

Predigt
Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde

Ich habe einen Freund, den ich schon jahrzehntelang kenne und sehr schätze. Manchmal sitzen wir abends stundenlang zusammen und philosophieren. Dabei sind unsere Meinungen manchmal sehr unterschiedlich. So kann es passieren, dass mein Freund mitten im Gespräch einen Satz raushaut, bei dem ich erst mal schlucken muss. Das sind Sätze, die mir so richtig gegen den Strich gehen. Sie machen wütend. Oder hilflos. Oder angriffslustig. Vielleicht kennen das: So ein Satz wirkt wie ein massiver Pflock, der in die Erde gerammt wird. Das Zeichen ist klar: Hier stehe ich! Das ist meine Meinung!

Sicher geht es meinem Freund genau so. Auch ich ramme verbal den ein oder anderen Pflock in die Erde. Manchmal ohne es zu ahnen. Der Clou an unserer Freundschaft ist aber, dass wir uns immer herzlich zugeneigt sind. Ich weiß, dass diese Pflöcke nicht aus Bösartigkeit in den Boden gerammt werden. Und weil das so ist, kann ich mit diesen Pflöcken auch besser umgehen. Daraus entspinnen sich weitere spannende Gespräche. Weil die Beziehung zwischen uns geklärt ist. Das ist ein bereichernder Teil unserer Freundschaft.

Solche Pflöcke gibt es für mich auch in der Bibel. Der Hebräerbrief gehört dazu. Verfasser des Briefes ist vermutlich ein Paulusschüler. Und der haut ganz schön steile Sätze raus. Wir haben den Text eben in der Lesung gehört. Darin geht es um Einsamkeit. Um Leiden. Um Schmach. Um Ausgeschlossensein. Beim Lesen habe ich einen Klos im Hals, weil es sich sehr nach Anspruch anhört. Wir sollen die Schmach, die Beschimpfungen und die Vorwürfe von Jesus ertragen. Ein echter Pflock, der da im Raum steht.

Ich lese die Verse aus dem Hebräerbrief noch einmal: 12 Darum hat auch Jesus, damit er das Volk heilige durch sein eigenes Blut, gelitten draußen vor dem Tor. 13 So lasst uns nun zu ihm hinausgehen vor das Lager und seine Schmach tragen. 14 Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.

Auffällig an diesem Text sind auch die Ortsangaben. Außerhalb des Stadttores. Draußen vor dem Lager. Es geht um die Stadt, die nicht bleibt und um die zukünftige Stadt. An diesen Orten bin ich hängen geblieben. Wir vollziehen in der Passionszeit einen Weg nach. Den Weg Jesu ans Kreuz. Und der Schreiber des Briefes wirft ein Schlaglicht auf den Ort, an dem Jesus gekreuzigt wurde. Die Kreuzigung fand nicht innerhalb Jerusalems statt. Jesus wurde draußen gekreuzigt. Bei den Verbrechern. So war es damals üblich. Und so war die Kreuzigung ein deutliches Zeichen: Jesus gehört wie die Verbrecher, mit denen er gekreuzigt wurde, nicht mehr zur Gemeinschaft. Ist es nicht paradox: Die zentrale Rettungstat Gottes für uns Menschen passiert dort, wo der Abschaum ist. Schon sein Leben lang war Jesus bei den Armen und Schwachen. Und nun werden wir aufgerufen, ihm dort hin zu folgen.

Für mich ist das erstmal ein Pflock. Ich will nicht dort sein, wo der Abschaum ist. Mir ist nicht nach Einsamkeit, nach Leid. Nach Beschimpfungen und Schmähung. Ich bin lieber drinnen. In der Stadt. In Sicherheit. Innerhalb der Gemeinschaft. Dieses drinnen und draußen ist aber meines Erachtens nur auf den ersten Blick streng getrennt in die sichere Stadt und das unsichere draußen. Auf den zweiten Blick kommt das nämlich ins Wanken. Wenn Jesus und damit Gott da draußen ist, dann ist dieses draußen nicht mehr ein einsamer, unwirtlicher Ort. Denn Jesus ist schon da. Jesus ist da, wo das Leid ist und hilft uns, es mitzutragen. Dieses draußen ist also der Ort der Jesunachfolge und damit ist die Grenze zwischen drinnen und draußen aufgelöst. Jesus löst feste Grenzen auf. Wenn wir ihm darin nachfolgen, dann ist das nicht immer bequem. Denn um Jesus nachzufolgen müssen wir manchmal Mauern einreißen. Zum Beispiel in unseren Köpfen. Aber dank Jesus können wir Grenzen überwinden. Er bricht das draußen und das drinnen auf. Und zwar auf eine Weise, die sich kein Mensch hätte ausdenken können.

Für uns gilt zurzeit auch ein striktes draußen und drinnen. In unserer aktuellen Situation schützen wir andere Menschen, indem wir soziale Kontakte minimieren. Aber wir können die Grenze zwischen draußen und drinnen auch überwinden, ohne auf die Straße zu gehen. Sie könnten zum Beispiel nach diesem Gottesdienst zum Hörer greifen und jemand anrufen, den Sie sonst beim Kirchencafé treffen würden. Ich bin übrigens sehr angetan von den vielen Ideen, die bereits umgesetzt werden. Der Zusammenhalt und unserer Gesellschaft und in unserer Gemeinde ist beeindruckend. Einige engagieren sich bei der Einkaufshilfe und der Besuchsdienst schreibt zum Geburtstag jetzt Briefe, da Besuche im Moment nicht möglich sind.

Kommen wir zurück zu meinem lieben Freund und den Pflöcken. Ich hatte gesagt, dass wir gut mit unseren Pflöcken umgehen können, weil wir uns herzlich zugeneigt sind. Ich halte das für eine wesentliche Grundlage. Viel zu schnell werden aus Pflöcken feste Zäune, hinter denen man sich verschanzt. Und dann wachsen Mauern. Deshalb rate ich natürlich eher zur Vorsicht mit Pflöcken, die man vor anderen in die Erde rammt. Da ist auch Sensibilität gefragt. Gerade in Zeiten, in denen wir dünnhäutiger sind, als sonst.

Auch der Bibel bin ich herzlich zugeneigt. Sie hat mein Leben schon oft bereichert. Deshalb finde ich es wichtig, dass ich mit den Pflöcken der Bibel konstruktiv umgehe. Und der Hebräerbrief wirkt nicht nur ungemütlich, er soll es wohl auch sein. Er sollte Menschen wachrütteln und sie auf Jesus hinweisen. Aber dank ihm hinterfrage ich, wie ich das mit dem drinnen und draußen handhabe. Grenze ich aus? Habe ich mein Drinnen zu sehr im Blick? Wie kann ich sensibler werden für andere? Welchen Anteil habe ich als Christ daran, dass das drinnen und das draußen in den Köpfen abgebaut wird?

Und der Friede Gottes, der höher ist, als alle menschliche Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Fürbitten
Wir haben Abschied nehmen müssen von Rosemarie (xx), die am 15. März im Alter von xx Jahren verstorben ist und von Paul (xx), der am 24. März im Alter von xx Jahren aus diesem Leben abgerufen wurde.
Wir zünden für sie eine Kerze an und nehmen sie auf in unser Gebet.

Lassen Sie uns beten.

Herr, großer Gott, wenn der Weg eines geliebten Menschen hier auf der Erde zu Ende geht, hinterlässt das eine schmerzhafte Lücke. Wir fühlen uns hilflos und verlassen. Wir bitten Dich für die Verstorbenen. Nimm sie gnädig auf in Dein Reich und lass sie schauen, was sie geglaubt haben. Für ihre Familien und Freunde bitten wir Dich, dass Du sie in ihrer Trauer und ihrem Schmerz tröstest, stärkst und aufrichtest. Gib ihnen Menschen zur Seite, die sie mittragen in schwerer Zeit. Schenke ihnen die Gewissheit, dass Du den Tod überwunden hast und bei Dir ewiges Leben ist.

Gott, durch den Tod Deines Sohnes Jesus Christus ermöglichst Du Versöhnung. Versöhnung mit Dir. Versöhnung untereinander. Wir bitten Dich: mache uns zu Menschen, die einander vergeben können. Schenke uns die Kraft Deines Geistes, damit wir uns gegenseitig annehmen können und keine Mauern aufbauen zwischen uns und unseren Mitmenschen. Hilf uns, dass wir respektvoll miteinander umgehen und unterschiedliche Meinungen stehen lassen können.

Gott, wir bitten Dich für uns alle. Wir gehen sehr unterschiedlich mit den derzeitigen gesellschaftlichen Einschränkungen um. Manche von uns haben Angst. Andere stürzen sich in die Arbeit. Einige entspannen, andere wissen nicht, wie sie Kinderbetreuung und Homeoffice unter einen Hut bringen sollen. Manche würden den Kontakt zu anderen Menschen aus Sorge vor Ansteckung lieber einschränken, dürfen das aber nicht. Andere spüren schmerzlich die Einsamkeit. Wir bitten Dich, schenke uns, dass wir mit der aktuellen Situation weise umgehen. Stärke unsere Beziehungen auch ohne direkten Kontakt. Stehe uns bei in unseren Ängsten, Sorgen und Nöten, in der Langeweile und Überforderung, in Vereinsamung und Streit und schenke uns, dass wir gemeinsam gestärkt aus der Krise herausgehen.

Gott, wir bitten Dich für unsere Gemeinde. Wir können uns nicht treffen, obwohl Gemeinschaft unsere Basis ist. Lass uns Wege finden, miteinander in Kontakt zu bleiben. Schenke uns, dass wir anderen beistehen können, wenn sie Hilfe brauchen.

Gott, wir bitten Dich für die Menschen, die Verantwortung tragen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Sie müssen derzeit Beschlüsse treffen, deren Wirkung kaum abzuschätzen ist. Schenke ihnen Weisheit und lass ihre Entscheidungen am Wohl der Gemeinschaft orientiert sein. Schenke ihnen Menschen an die Seite, die ihnen gute Worte sagen, die sie stärken und begleiten.

In der Stille bringen wir vor Dich, was uns noch bewegt.

Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme. Dein Wille geschehe,
wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Segen
Gehen Sie unter dem Segen Gottes in die kommende Woche mit all ihren Herausforderungen:

Der Herr segne dich und behüte dich,
der Herr lasse leuchten sein Angesicht über dir und sei dir gnädig,
der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

Passionsandacht am 28.3.2020 von Pfarrerin Susanne Pieper

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen.

Jesus sprach: „Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was durch die Profeten von dem Menschensohn geschrieben ist.“ (Lukas 18,31)

Der Weg nach Jerusalem führt Jesus ins Leiden und ans Kreuz. Der Maler Sieger Köder hat von diesem Kreuzweg viele Bilder geschaffen. Eines davon betrachten wir gemeinsam in dieser Andacht.

Lied EG 97,1: Holz auf Jesu Schulter, von der Welt verflucht, ward zum Baum des Lebens und bringt gute Frucht. Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehn. Ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn.

Ansprache

Nichts geht mehr. Mehr kann ein Mensch nicht verkraften. Erdrückt liegt der Patient auf der Intensivstation. Er ringt mit seinem Leben. Erdrückt läuft die Krankenschwester durch die Gänge der Klinik. Sie arbeitet nun schon in der dritten Schicht nacheinander. Ohne Pause.

„Ich bin hingeschüttet wie Wasser. Alle meine Knochen haben sich voneinander gelöst. Mein Herz ist in meinem Leib wie zerschmolzenes Wachs. Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe und meine Zunge klebt mir am Gaumen. Du legst mich in den Staub des Todes.“ (Psalm 22,15f)

Erdrückt sind die Angehörigen. Sie dürfen nicht zu ihrer schwerkranken Verwandten, um ihr die Hand zu halten und ihr nahe zu sein. Erdrückt ist der spanische Arzt. Er steht vor der fruchtbaren Frage, wem er die Sauerstoffmaske gibt und wem nicht mehr.

„Ich bin hingeschüttet wie Wasser. Mein Herz ist in meinem Leib wie zerschmolzenes Wachs. Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe und meine Zunge klebt mir am Gaumen.“

Menschen an der Grenze. Es ist schwer, davon zu hören, davon zu lesen. Die uralten Worte aus dem Psalm 22 bringen all diese menschlichen Erfahrungen auf den Punkt. Das Unerträgliche. Die Schwere der Lebenslast und des Schicksals erdrückt uns fast. Es ist zu viel. „Du legst mich in den Staub des Todes.“

Diesen Moment an der Grenze hat der Maler Sieger Köder festgehalten und bietet ihn uns zur Betrachtung in der Passionszeit an. Als eine Station auf dem Leidensweg Jesu hinauf nach Golgatha. Eine Station zwischen Himmel und Erde. Noch am Leben, aber doch dem Tod schon nahe. Auf dem Bild sehen wir Jesus. Im Staub des Todes. Zusammengebrochen, ohnmächtig, schwach. Niedergedrückt zur Erde unter dem schweren Balken. Die ganze Welt scheint auf ihm zu lasten. Einsam. Niemand ist da. Seht, welch ein Mensch!

Im Antlitz Jesu spiegeln sich die Gesichter vieler Menschen bis heute. So viele Schicksale, die im Grauen der Gewalt und Ohnmacht gestrandet sind. Am Ende. Sprachlos. Wie war das mit der Idee Gottes vom Menschen? Psalm 8 besingt sie mit den Worten:

„Wenn ich die Himmel sehe, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.“ (Psalm 8,4-6).

In diesem Psalm leuchtet die großartige Würde des Menschen auf; aufrecht geht er, gekrönt, Gottes Ebenbild und wenig niedriger als er.

Und dieses Bild? Es zeigt das Gegenteil. Der Mensch ist zu Boden geworfen. Der ganze Horizont besteht nur aus einem schweren Balken, der den Menschen zu Boden drückt. Dieses Geschehen füllt den ganzen unteren Bildraum. Darüber erhebt sich hoch ein graublauer Himmel mit einer fahl scheinenden Sonne. Weit weg ist diese Lichtquelle. Dies scheint das Gefühl der Einsamkeit noch zu verstärken.

Und doch, bei genauer Betrachtung, scheint es eine Verbindung von diesem fernen Licht hinunter zur Erde, zu diesem Geschehen zu geben. Durch alle grauen Himmel hindurch fällt Licht auf das dunkle Holz und breitet sich auf wundersame Weise auch auf dem Gesicht des Geschundenen aus.

Die Worte des Psalms gehen weiter: „Aber du, Herr, sei nicht fern; meine Stärke, eile mir zu helfen! Errette meine Seele. Hilf mir aus dem Rachen des Löwen! Du hast mich erhört!  Er hat nicht verachtet das Elend des Armen und sein Angesicht vor ihm nicht verborgen. Und als er zu ihm schrie, da hörte er es.“ (Psalm 22,20-25)

Ich bin überzeugt, dass die Psalmen auf ihre Weise Lebensretter sind. Sie kennen Freude und Dank, abgrundtiefe Lebensangst und Verzweiflung. Aber eines tun sie nicht: sie verstummen nicht. Sie sprechen das ganze Leben aus. Sie benennen, was ist und bringen es zur Sprache. Und sie bringen alles direkt vor Gott. Hartnäckig halten sie an diesem Lebensgespräch mit dem Schöpfer aller Dinge fest. Sie lassen nicht locker. Sie beschönigen nichts. Sie klagen und ringen.

So geben sie uns Worte gegen das Verstummen. Geben uns eine Sprache, wenn wir sprachlos geworden sind. Geben uns eine Fassung, wenn wir fassungslos sind. Sie bauen uns Wortbrücken gegen das Elend und gegen die Angst. Bis sie schließlich bezeugen:

Gott hört. Er hört mein tiefes Seufzen und meinen stummen Schrei.

Gott sieht. Er sieht meine Not und meine Verzweiflung.

Vielleicht deutet das der Lichtstrahl auf dem Bild an? Der Mensch am Boden ist im Blick Gottes. Seht: In Jesus unter dem Kreuz, da liegt Gott selbst am Boden. So nahe kommt er seinen geliebten Geschöpfen in ihrer Not. Er kennt, was Menschen durchleiden, wenn sie ganz unten sind. Auch im Sterben und Hinübergehen ist er da.

Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes gute Hände. Er fängt dich auf. Vertraue darauf: auch im Dunkel ist er da. Auch wenn du ihn nicht sehen oder spüren kannst. An dem Weg Jesu durch den Tod, aber umso mehr an seiner Auferweckung durch seinen Vater erkennen wir die Botschaft, die unsere Hoffnung und unser Innerstes rettet: Gottes Lebenskraft bleibt stärker als der Tod. Ein für alle Mal. Und Jesus Christus sagt: „Ich lebe und ihr sollt auch leben“. An dieser Zusage können wir uns festhalten. Gerade in dieser bedrückenden Zeit. In diese Zusage können wir durch das ganze Leben hindurch unser Vertrauen setzen.

Amen.

Gebet

Gott, wir klagen. Die Not ist groß in unserer Welt. Auf allen Kontinenten. Wir verstehen das nicht. Wir können es nicht fassen. Aber wir halten daran fest, dass du siehst, wenn Menschen leiden. Dass du hörst, wenn jemand weint. Dass du weißt, wie groß Angst sein kann.

Dein Sohn Jesus hat selber gelitten. Er ist am Kreuz gestorben. Aber du hast ihn auferweckt.

Das ist unsere Hoffnung. Du bist größer als die Angst und stärker als der Tod. Hilf uns, diese Hoffnung zu bewahren und sie in unserem Herzen zu tragen. An jedem Tag. Sei du bei allen Menschen, die heute leiden. Gib allen die nötige Kraft, die sich für die Kranken und ihre Angehörigen einsetzen. Erbarme dich unser.

Amen.

Gottesdienst am 22.3.2020 vollständig von Pfarrerin Meike Naumann

Wochenspruch
Wenn das Weizenkorn, das in die Erde fällt, nicht stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, trägt es viel Frucht.
(Johannesevangelium 12,24 BIGS 2011)

Lied: EG 398  In dir ist Freude

Psalm 84

Freude am Hause Gottes
1 Ein Psalm der Korachiter, vorzusingen, auf der Gittit.
2 Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr Zebaoth!
3 Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen des Herrn; mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott.
4 Der Vogel hat ein Haus gefunden
und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen – deine Altäre, Herr Zebaoth, mein König und mein Gott.
5 Wohl denen, die in deinem Hause wohnen;
die loben dich immerdar. SELA.
6 Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke halten
und von Herzen dir nachwandeln!
7 Wenn sie durchs dürre Tal ziehen, / wird es ihnen zum Quellgrund,
und Frühregen hüllt es in Segen.
8 Sie gehen von einer Kraft zur andern
und schauen den wahren Gott in Zion.
9 Herr, Gott Zebaoth, höre mein Gebet;
vernimm es, Gott Jakobs! SELA.
10 Gott, unser Schild, schaue doch;
sieh an das Antlitz deines Gesalbten!
11 Denn ein Tag in deinen Vorhöfen
ist besser als sonst tausend. Ich will lieber die Tür hüten in meines Gottes Hause als wohnen in den Zelten der Frevler.
12 Denn Gott der Herr ist Sonne und Schild; / der Herr gibt Gnade und Ehre.
Er wird kein Gutes mangeln lassen den Frommen.
13 Herr Zebaoth, wohl dem Menschen,
der sich auf dich verlässt!

Gebet
Gott, mitten in dieser schwierigen Zeit feiern wir Deine Gegenwart.
Mitten in der Passionszeit Deine Nähe.
Hier vor Dir können wir abladen, was uns bewegt –
was uns belastet und bedrückt.
Du hörst uns – mit und ohne Worte:
(Stille)
Gott, danke für Dein offenes Ohr.
Hab Dank für Dein liebendes Herz.
Wir haben allen Grund,
in Dir zu bleiben,
denn Du hältst und trägst uns
in Leid und Freude,
unser Leben lang.
Amen

Schriftlesung: Joh 6,47-51
47 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer glaubt, der hat das ewige Leben.
48 Ich bin das Brot des Lebens.
49 Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben.
50 Dies ist das Brot, das vom Himmel kommt, damit, wer davon isst, nicht sterbe.
51 Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot isst, der wird leben in Ewigkeit. Und das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch – für das Leben der Welt.

Glaubensbekenntnis

Lied: EG 98 Korn das in die Erde

Predigt zu Jesaja 66,10ff
10 Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid.
11 Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust.
12 Denn so spricht der Herr: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen.
13 Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.

Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet – so steht es beim Propheten Jesaja.

Eine Mutter tröstet – vielleicht mit einem Lied wie diesem: „Heile, heile Segen. Es wird schon wieder gut, gibt’s mal drei Tage regen, es wird schon wieder gut. Kommt auch wieder Sonnen schein, alles wird vergessen sein!“  Vielleicht hat auch Ihre Mutter und Oma sie ab und an mit diesem alten Kinderlied getröstet? Vielleicht haben Sie noch die beruhigende Stimme im Ohr.  Vielleicht haben Sie dieses Lied selbst Ihren Kindern vorgesungen. Behütet und getröstet werden – das tut gut. Da ist jemand, der mich auf den Arm nimmt, auf dem Schoß wiegt, mich tröstet.

Dem kleinen Kind, das wir einmal waren hat das geholfen. Jetzt tut das weh, aber das wird vorbeigehen. Die Zeit heilt Wunden. Das aufgeschürfte Knie war nach ein paar Tagen wieder heile. „Heile, heile Segen! Sieben Tage Regen, sieben Tage Sonnenschein, wird alles wieder heile sein.“

Nicht alles lässt sich so einfach trösten. Nicht alles heilt so schnell. Manches braucht mehr als zwei Mal sieben Tage, manches braucht sehr lange Zeit, um zu heilen. Niemand weiß, wie sich die Situation bei uns in den nächsten Tagen und Wochen zuspitzen wird. Wie viele Menschen erkranken werden. Wie groß die Belastung für das Pflegepersonal und die Ärzte, die Rettungsdienste werden wird. Manches braucht sehr lange Zeit um zu heilen. Und manches wird nie mehr heile. Jedenfalls nicht auf Erden.

Ist da überhaupt Trost möglich?

„Ich glaube, ich bin eine schlechte Trösterin“ – wer von uns hat das nicht schon gedacht? Was soll man auch sagen, wenn einer nie mehr gesund wird? Was soll man sagen, wenn eine aus dem Leben gerissen wird. Bleibt da nicht nur Schweigen?

Zuhören wie Hiobs Freunde, die mit ihm sieben Tage und sieben Nächte auf der Erde saßen und nichts mit ihm redeten.

„Denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war“

Doch – das ist schon Trost, dass man nicht allein gelassen wird, dass jemand da ist, der das aushält, der mir wortlos einen Raum gibt für die Klage, die Wut, das Seufzen, die Tränen.

Als christliche Gemeinde können wir einen solchen Raum bilden. Einen Raum, der schützt vor allem falschen Trost der Welt, die sich einfach so weiter dreht als ob nichts geschehen wäre. Einen Raum in dem wir gemeinsam aushalten, was kaum zu fassen ist. Einen Raum indem wir auf Gottes Trost hören. Denn Gott tröstet mich, auch wenn ich jetzt keine innere Festigkeit habe, wenn ich untröstlich bin.

„Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet“, spricht Gott. Mitten in diese bedrückende Situation hinein.

Wenn ich meine Runde um die Waldteiche gehe, sehe ich Bäume, groß und alt. Sie strahlen für mich Ruhe und Trost aus und verweisen mit ihren hohen Kronen auf den Himmel. So werden sie für mich zu Symbolen der Ewigkeit und der Treue Gottes. Sie erinnern mich an die tröstende und treue Gegenwart Gottes. Trost und Treue – beide Worte haben sprachlich gesehen den gleichen Stamm. Trost und Treue – das gehört auch bei Gott zusammen. Gott ist treu, der sein Volk Israel nicht seinem Schicksal in der Fremde überlassen hat, sondern es tröstet und aus dem Exil wieder in die Heimat nach Jerusalem führt. Gott ist treu, der uns nicht unserer Angst überlässt, sondern uns tröstet und uns mit Christus aus dem Tod ins Leben ruft, zu einem neuen Tag.  Das feiern wir an diesem Sonntag Lätare, der auch das kleine Osterfest genannt wird. Ostern ist nun nicht mehr weit. Das Licht der Auferstehung leuchtet schon zu uns herüber.

Gott ist treu, dessen Wort die Kraft hat zu trösten und Neues zu schaffen.
„Gott spricht: Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“

Lied: EG 632 Wenn das Brot, das wir teilen

Fürbitte
Gott, unsere Sehnsucht nach einem gelingenden Leben ist groß.
Gerade in dieser Zeit, in der wir an das Leiden Jesu denken
und in ihm das Leid vieler Menschen in dieser Welt entdecken,
da sehnen wir uns nach einem Leben, das sich zu leben lohnt.
Hilf, dass wir tun, was dem Leben dient.
Mach uns Mut, der Gewalt die Stirn zu bieten.

Gott, unsere Sehnsucht nach einem Leben in Frieden nicht nur bei uns,
sondern überall auf der Welt, ist groß.
Tagtäglich sehen und hören wir,
wie Unfrieden und Gewalt Leben vieler Menschen und Deiner Schöpfung zerstört.
Hilf, dass wir den Frieden halten, wo wir leben.
Mach uns Mut, der Zerstörung zu widerstehen.

Gott, unsere Sehnsucht nach Glück und Zufriedenheit ist groß.
Dennoch machen wir einander oft das Leben schwer.
Wir sehen vor allem das, was nicht gut ist bei uns und anderen.
Hilf, dass wir einander annehmen können, so wie wir sind.
Mach uns Mut, zu den eigenen Fehlern zu stehen
Und gnädig mit uns selbst umzugehen.

Gott, unsere Sehnsucht nach einem Leben ohne Krankheit,
ohne Leid und Sorgen ist groß.
Oft fragen wir, wo Du bist, wenn etwas schief läuft in unserem Leben
oder im Leben derer, die uns nahe sind.
Wir suchen und zweifeln und fragen: Warum?
Hilf, dass wir Deine Nähe auch im Schweren entdecken.
Mach uns Mut, zu Dir zu stehen, auch wenn Zweifel stärker scheinen.

Gott, unsere Sehnsucht nach einem Glauben ohne Wenn und Aber ist groß.
Oft erleben wir, dass andere uns belächeln.
Wir erleben, wie unser Glaube in Frage steht.
Spüren Gegenwind, auch unserer Kirche gegenüber.
Hilf uns, dass wir dennoch glauben.
Mach uns Mut, dem Brot des Lebens zu vertrauen,
dass es uns stärkt und satt macht und lebendig.

Lass uns leben, Gott, in Deiner Liebe und unter Deinen Segen.  
Vater unser…

Lied: 613 Freunde, dass der Mandelzweig

Segen
Buch Josua 1, 9:
Ja, ich sage es noch einmal:
Sei mutig und entschlossen!
Lass dich nicht einschüchtern und hab keine Angst!
Denn ich, der Herr, dein Gott, bin bei dir, wohin du auch gehst.

Passionsandacht am 21.3.2020 von Pfarrer Rainer Böhm

zum Bild von Sieger Köder: Jesus begegnet seiner Mutter

Gott ist Mensch gewesen. Er litt unser Leid; er starb unseren Tod. Und es gibt daran nichts zu beschönigen, weil er sich tatsächlich ganz darauf eingelassen hat.

Aus politischen Gründen, zur Abschreckung, haben die Römer aus der Kreuzigung ein öffentliches Schauspiel gemacht. Der zum Tod Verurteilte musste sein eigenes Kreuz tragen, auf sich nehmen. Eigentlich so wie jeder von uns. Er musste damit mitten durch die Stadt gehen, umringt von Schaulustigen, so wie wenn bei uns die Rettungskräfte kommen, an eine Unfallstelle, in ein Haus, um einen Kranken oder Verletzten abzuholen. Oder wenn ein alter Mensch lernen muss, mit dem Rollator für alle sichtbar einkaufen zu gehen. Es fehlte dann nur noch, dass andere ihre Handys zücken, um zu fotografieren, wie ein anderer sein ganz persönliches Unglück erleidet, eine Strafe wie Jesus, einen Unfall oder eine Krankheit wie bei uns, ein Gebrechen, für das wir uns schämen.

Das Leiden Jesu findet nicht im Verborgenen statt. Es wird öffentlich gemacht. Da gibt es keine Schamwand. Wir schauen dabei zu: andächtig, erschüttert, abgestoßen oder mitfühlend. Darf man das Leiden eines Menschen so zur Schau stellen? Werden hier nicht die Grenzen des Anstands überschritten?

Auf dem Bild von Sieger Köder, das wir heute betrachten, ist Jesus für einen kurzen Moment den Blicken entzogen. Das Bild trägt den Titel „Jesus begegnet seiner Mutter“.

Der alte Simeon hat es einst im Tempel, als er das Jesuskind in die Arme nehmen darf, der Mutter prophezeit: die Mutter, die ihren Sohn heranwachsen sieht, muss ihn loslassen und mitansehen, wie er leidet und stirbt.

Mitten durch das Bild geht der Balken des Kreuzes. Er trennt Mutter und Sohn und verbindet sie zugleich. Die Evangelien berichten immer wieder von schwierigen Begegnungen zwischen Maria und Jesus. Oft ist er schroff, ja zurückweisend zu seiner Mutter. „Was geht es dich an, was ich tue!“. „Ich habe eine neue Familie!“ .. Es scheint so, als habe dieser Kreuzesbalken schon lange zwischen den beiden gestanden. Rechts davon im grünen Gewand Maria, die ihren Sohn im Leben behalten möchte. Links davon in einem blutroten Gewand ein Sohn, der einen selbstbestimmten Weg gehen muss. Eine tragische Familiengeschichte.

Jesus hat den Balken fest im Griff. Aber da ist auch noch eine andere Hand, die sich sanft auf seine Rechte legt, die Hand seiner Mutter. Es wirkt so, als wäre der Leidensweg für einen Augenblick unterbrochen. Keine öffentliche Zurschaustellung, sondern Trost und Hoffnung. Die Farben der Gewänder sind natürlich bewusst gewählt: Rot ist nicht nur die Farbe des Blutes, sondern auch der Liebe, das satte irdische Grün ist die Farbe der Hoffnung.

Was gesagt wird, können wir nicht hören. Wir spüren den Schmerz dieser Mutter um ihr Kind, das sie gehen lassen muss.  Und wir sehen zwei Hände, die sich berühren. Mehr braucht es in diesem Augenblick auch nicht – als da zu sein für einen anderen und mit ihm auszuhalten, ihm nahe zu sein, ihn zu berühren in seinem Leid. Maria kann ihrem Sohn das Kreuz nicht abnehmen, aber sie kann Anteil nehmen an seinem Schmerz.

Gott teilt unser Leid. Und so geschieht es auch jetzt überall auf dieser Welt. Und so auch bei uns: Da wird Leiden geteilt, da setzen sich Menschen für andere ein, professionell als Ärzte, Pflegerinnen oder auch als Wissenschaftler, Apothekerinnen, die Frauen an der Kasse im Supermarkt. Ohne große Aufmerksamkeit, ohne großes Aufsehen, oft für einen geringen Lohn. Aber stetig und verbindlich. Wie sähe unsere Welt nur ohne sie aus, ohne die vielen Marias, die jetzt diesen Dienst tun – manchmal auch nur mit einer kleinen Geste und verborgen hinter dem Kreuz.

Amen

′Corona-′ Gottesdienst am 15.3.2020 vollständig von Pfarrer Rainer Böhm

In der Liturgie, in den Gebeten folgen wir einem Gottesdienst, der zu uns aus Asien in englischer Sprache gekommen ist und den ich übersetzt habe.
Die Predigt folgt unserer Ordnung.

In dieser Zeit der Verwundbarkeit kommen wir zu dir Gott.
Wir stehen vor einem unvorhergesehenen Schrecken.
Es geht dabei nicht nur um unser Wohlergehen, sondern um unser Leben.
So beten wir in diesem Gottesdienst mit unseren Schwestern und Brüdern in Asien und mit ihren Worten und fühlen uns mit ihnen verbunden.
So stärke Gott unseren Glauben.
Wir beten mit Jakobus: „Das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten.“ (Jak 5,15)

Psalm 41: Gebet in Krankheit
1 Ein Psalm Davids, vorzusingen. 2 Wohl dem, der sich des Schwachen annimmt! Den wird der HERR erretten zur bösen Zeit. 3 Der HERR wird ihn bewahren und beim Leben erhalten / und es ihm lassen wohlgehen auf Erden und ihn nicht preisgeben dem Willen seiner Feinde. 4 Der HERR wird ihn erquicken auf seinem Lager; du hilfst ihm auf von aller seiner Krankheit. 5 Ich sprach: HERR, sei mir gnädig!

Kyrie
Im Glauben kommen wir zu dir und bitten dich um Gnade und Vergebung für unsere Sünden gegen dich und deine Schöpfung.
In dieser Zeit der Angst bringen wir die Schrecken der Pandemie vor dich, die uns weltweit erfasst haben.
In der Zeit der Schwachheit, Furcht und des Todes rufen wir zu dir:
Heile die Kranken; festige die Schwankenden; beschütze diejenigen, die im Gesundheitssystem für uns sorgen.
Wir vertrauen auf deine Gnade, Gott.
Kyrie eleison …

Gott, höre auf den Schrei unserer Körper. In deiner Gnade heilst du, die an Körper, Geist und Seele krank sind. Wir bitten dich für alle, die vom Virus infiziert worden sind. Heile die Kranken und helfe auf denen, die gebrochenen Herzens sind und die um Verstorbene trauern.
Kyrie eleison …

Gott, wir sind schwach und verletzbar. Wenn du mit uns gehst, verbreitest du deine heilende Kraft und Zuversicht. In deine Hand legen wir die Menschen, die bereits erkrankt sind und die, die noch daran erkranken werden. Von den Feldern der Angst rufen wir zu dir: Stärke uns in Glaube, Hoffnung und Liebe.
Kyrie eleison

Gnadenwort
„Siehe, ich will sie heilen und gesundmachen und will ihnen dauernden Frieden gewähren.  Denn ich will das Geschick Judas und das Geschick Israels wenden und will sie bauen wie im Anfang.“ (Jeremia 33, 6+7)

Lesung Altes Testament/Hebräische Bibel

37 Wenn eine Hungersnot oder Pest oder Dürre oder Getreidebrand oder Heuschrecken oder Raupen im Lande sein werden oder sein Feind im Lande seine Städte belagert oder irgendeine Plage oder Krankheit da ist – 38 wer dann bittet und fleht, es sei jeder Mensch oder dein ganzes Volk Israel, die da ihre Plage spüren, jeder in seinem Herzen, und breiten ihre Hände aus zu diesem Hause, 39 so wollest du hören im Himmel, an dem Ort, wo du wohnst, und gnädig sein und schaffen, dass du jedem gibst, wie er gewandelt ist, wie du sein Herz erkennst – denn du allein kennst das Herz aller Menschenkinder. (1. Könige 8)

Lesung Neues Testament

29 Und alsbald gingen sie aus der Synagoge und kamen in das Haus des Simon und Andreas mit Jakobus und Johannes. 30 Die Schwiegermutter Simons aber lag darnieder und hatte das Fieber; und alsbald sagten sie ihm von ihr. 31 Und er trat zu ihr, ergriff sie bei der Hand und richtete sie auf; und das Fieber verließ sie, und sie diente ihnen. 32 Am Abend aber, da die Sonne untergegangen war, brachten sie zu ihm alle Kranken und Besessenen. 33 Und die ganze Stadt war versammelt vor der Tür. 34 Und er heilte viele, die an mancherlei Krankheiten litten, und trieb viele Dämonen aus und ließ die Dämonen nicht reden; denn sie kannten ihn. ( Markus 1)

Glaubensbekenntnis

Predigt                        Okuli

Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.
Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Er aber sprach zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!
Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind. Jesus aber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes. Lk 9,57-62

Liebe Gemeinde,
das sind jetzt aufregende Zeiten.
Das Coronavirus hat gezeigt, wie verwundbar wir sind. Wir gehen einer neuen Zeit entgegen. Die meisten Menschen, die eine schwere Krankheit durchgemacht haben, sind nun dankbarer für das Leben als vor ihrer Krankheit. Wenn das Coronavirus einmal verschwunden ist, wird die ganze Bevölkerung hoffentlich den ganz gewöhnlichen Alltag mehr schätzen als vorher. Und vielleicht werden wir auch mehr Mitgefühl mit unseren Kranken und Alten empfinden. Sie sind zurzeit am meisten durch das Virus bedroht. Wir fürchten, dass wir sie verlieren können. Und diese Furcht ist ja ein gutes Gefühl. Sie sagt etwas über unsere Liebe. Wenn wir jemanden mögen, dann haben wir Sorge um ihn oder sie.

Es sind aufregende Zeiten, und es ist für mich ist das heute auch ein aufwühlender Text:
Nur ganz wenige Abschnitte in den Evangelien geben die Stimme Jesu, seine eigenen Worte, wieder. Hier haben wir sozusagen den ganz seltenen O-Ton des Jesus von Nazareth. Wann und in welchem Zusammenhang Jesus die jeweilige Aussage gemacht hat, ist uns nicht überliefert. Der Evangelist Lukas hat sie wie Puzzlesteine genommen und ihnen in seinem Evangelium einen Platz gegeben. Ich denke, dass er sehr bewusst diese doch höchst verschiedenen Szenen zusammen komponiert hat. Er bewahrt uns damit vor Irrwegen und Abwegen beim Verstehen.

Was also haben diese Bilder gemeinsam?
Immer geht es um einen Neuanfang. Immer geht es um den ersten Schritt hinein in ein Leben, das vom Reich Gottes durchdrungen und getragen ist. Schauen wir uns die einzelnen Szenen an:
Und als sie auf dem Wege waren, sprach einer zu ihm: Ich will dir folgen, wohin du gehst. Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben Gruben und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlege.
Anders als viele andere, verspricht Jesus denen, die ihm nachfolgen wollen, nicht den Himmel auf Erden. Anders als viele andere, verspricht er nicht ein Leben, in dem es nur noch Friede, Freude, Erfolg, Glück und Wohlstand gibt. Der Glaube an Gott, ein Leben in der Nachfolge Jesu ist kein Wellnessurlaub. Schwere Zeiten, Not, Traurigkeit, ja sogar Katastrophen sind nicht ausgeschlossen. Ein Leben in der Nachfolge Jesu verläuft zuerst einmal nicht anders als jedes andere Leben auch.

Nachdem das geklärt ist, geht es weiter: Und er sprach zu einem andern: Folge mir nach! Der sprach aber: Herr, erlaube mir, dass ich zuvor hingehe und meinen Vater begrabe. Er aber sprach zu ihm; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!
Hart klingt das.  Weil ich erkrankt war, konnte ich vor drei Monaten nicht zur Trauerfeier für meinen Vater fahren. Zum Glück hatte ich ihn vor meiner OP noch einmal besucht. Aber dieses Lass die Toten ihre Toten begraben, das klingt bitter und hart. Jetzt überlegen wir, wie Beerdigungen und Trauerfeiern funktionieren in Zeiten von Corona.
Ich denke, es geht um die Zeit danach.
So geht es für mich in so einer schweren Zeit darum, meine geliebten Verstorbenen Gott täglich neu anzuvertrauen. Und mich und mein neues Leben ohne sie auch. Jede und jede hier, die nach so einer Zeit wieder ins Leben zurückgekehrt ist, verkündigt das Reich Gottes ganz ohne Worte. Denn andere, die grad mitten drin stecken in so einer schweren Zeit, können sehen: Gott begleitet durch diese Zeit und gibt die Kraft, die ich brauche.

Und ein andrer sprach: Herr, ich will dir nachfolgen; aber erlaube mir zuvor, dass ich Abschied nehme von denen, die in meinem Hause sind. Jesus aber sprach zu ihm: Wer die Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.
Wer Jesus tatsächlich und ernsthaft nachfolgen möchte, ändert sein Leben grundlegend. Er trifft eine existentielle Entscheidung. ER sagt „Ja“. Und wenn sich einer aufmacht und sein Leben so dramatisch ändert, dann ist mit ziemlicher Sicherheit seine Welt nicht mehr dieselbe. Denn die Freunde, von denen er sich verabschieden möchte, die bleiben ja zu Hause. Sie haben nun kaum mehr etwas gemeinsam.
Jesus nachfolgen kann auch dazu führen, dass alte Verbindungen, lieb gewordene Gewohnheiten, eingefahrene Muster nicht mehr passen. Es kann dazu führen, dass ich tatsächlich meine Ansichten und Einsichten ändere. Was mir früher gefallen hat, interessiert mich nicht mehr. Was ich abgelehnt habe, tue ich jetzt selbst.

Reich Gottes, was ist das nun eigentlich? Und was hat das mit unserer Situation heute zu tun?
Ich verstehe das nicht als einen Ort wie Deutschland, wo man hinein gehen und herausgehen kann. Das Reich Gottes ist für mich eher ein Lebensgefühl. Eine Erfahrung: So wie man Auferstehung auch nach der Entlassung aus dem Krankenhaus erfahren kann, nach der Genesung oder an einem schönen Frühlingstag im April. Oder wie Nachfolge eine existentielle Entscheidung ist. Ein Ereignis. wo ich bemerke: So ist es gut. So ist es recht. Was hier geschieht, ist total stimmig.
Ich habe das letztes Jahr bei einer Aussegnung auf der Palliativstation im Krankenhaus erlebt, an einem strahlenden Sommertag. Die Kinder der Verstobenen, die Geschwister, die Mutter waren ums Bett waren ums Bett versammelt. Auf dem Bett laen Blumen, ganz nahe bei ihr. Ihre Hände waren gefaltet, ihr Gesicht ganz entspannt. Eine schöne halbe Stunde. Ich trau mich zu sagen: für uns alle.

Meine älteste Tochter lebt in Wien. Wenn ich ab und zu dort sein kann, fühle ich mich in den öffentlichen Verkehrsmitteln immer wieder an das Reich Gottes erinnert. Jedes Mal bisher war ich aufs Neue überrascht und erfreut über die engelsgleich, sanfte Stimme, die man dort hören kann und die sagt: „Bitte seien Sie achtsam. Andere brauchen den Sitzplatz vielleicht notwendiger!“ Und dann nimmt jemand aus der bequemen Sitzposition wahr, hier ist ein Mensch, der sich schwer tut beim Stehen. Und steht auf mit einem Nicken und einer Handbewegung und überlässt den Sitzplatz. Und die andere Person dankt und lässt sich erleichtert nieder. Als mir einmal eine junge Studentin ihren Platz anbot merkte ich: ich bin nun in einem gewissen Alter.
Aber Achtung: Wir Menschen machen das Reich Gottes nicht, indem wir anderen unseren Sitzplatz überlassen. Wir erfahren in solchen Momenten, wie Gott diese Welt gemeint hat. Als ein Ort, wo man auf einander schaut und achtsam ist. Wir spüren bei solchen Gelegenheiten, wie unser Schöpfer uns von Anfang an begabt hat mit der Fähigkeit, dieser Welt ein freundliches Gesicht zu geben. Unsere Verantwortung und Nächstenliebe ist jetzt ganz praktisch gefragt.

Das Coronavirus zeigt, dass es schön ist, wenn nichts passiert. Still und ruhig verläuft der Gottesdienst von Anfang bis Ende. Viele meinen, es müsste etwas mehr los sein. Wieso eigentlich? Wir tun im Großen und Ganzen jeden Tag dasselbe. Diagnoselose Zeiten sind gute Zeiten. Gar nicht so schlecht, wenn das spannendste Ereignis war, dass vier statt drei Krähen auf unserem Rasen landeten. Was ist das für eine phantastische Zeit, wenn wir uns damit begnügen können, die Zeitung aufzuschlagen und zu lesen, was im Fernsehen los war und dass die Bundeskanzlerin eine Rede gehalten hat.
Zurzeit haben wir das Coronavirus – medizinisch geschieht gerade allzu viel in der Welt. Wenn doch nichts passieren würde! Nichts passiert mehr, nichts geht mehr in unseren Schulen, Kindergärten, Theatern – und auch in unserer Kirchengemeinde. Wir treffen uns jetzt gewissermaßen hier, im Internet, wenigstens dies ist möglich.
Seitens der Kirche folgen wir dem Rat der Gesundheitsbehörden. Nächstenliebe bedeutet für uns jetzt, Verantwortung zu übernehmen und Ansteckung in unserem Bereich möglichst zu verhindern. Achtsamkeit zu leben. Aber wir sollen auch Gott darum bitten, dass die Epidemie gestoppt werden kann. Als Christen wissen wir: Es liegt nicht nur in unserer Hand: es liegt bei Gott. Amen


Fürbitten

Liebender und fürsorgender Gott,
Du begleitest die Kranken und bist bei denen, die verwundet sind,. Du teilst das Leiden. So bitten wir dich für alle, die am Coronavirus leiden. Befreie sie von ihrem Gebrechen und Leid.

Du bist der einzige der uns beschenkt und bereichert mit deinem tiefen Ozean von Mitleid und Trost.
Wir flehen dich an dein Volk zu befreien von der Last und dieser Krankheit.
Gnädiger Gott, wir glauben daran, dass du die Quelle des Lebens bist und der Heilung.

Zeige uns die heiligen Ströme deiner Gnade und heile alle, die beklagenswert krank geworden sind. Höre auf unser Flehen und befreie uns von allen unseren Bedrängnissen.
Wir glauben daran, dass der einzige sichere Amker bist den wir haben und unser einziger Schutz.
Wir kommen zu dir mit unsrem tiefempfundenen Glauben und bitten dich um Gnade und Erbarmen.

Gnädiger Gott, Herr der Herrscharen, du bist der Arzt, der Erlöser, der Helfer aller in Schmerz und Krankheit. Deine Diener suchen jetzt dein unbeschreibliches großes Erbarmen.
So bitten wir dich leidenschaftlich und tief.

Gott, wir stehen an der Seite unserer Geschwister, die leiden. Und wir wissen, dass sie durch deine Wunden geheilt sind von Schwäche und Krankheit.
Wir bitten darum, dass wir gemeinsam als deine Kinder auf der ganzen Erde diese schweren Zeitengemeinsam bestehen.
Wir bitten um Schutz für diejenigen, die ganz vorne stehen im Kampf gegen das Coronavirus, als Pflger, als Ärzte, als Forscher.
Wir bitten um Ruhe, um Trost und um Vernunft in bedrängender Panik und wachsender Angst.
Wir bitten um Verbundenheit und Solidarität in unserer weltweiten Menschenfamilie indieser schwierigen Situation.
Lass deinen Frieden sich ausbreiten in uns.
Das bitten wir in Jesu Namen. Amen.

Segen

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. (Jesaja 9,1)

Gottes heilende Hand ruhe auf dir.
Gottes lebenspendende Kraft fließe in dich und in jede Zelle deines Körpers und in die Tiefen deiner Seele.
Sie soll dich reinigen und erfüllen und aufbauen zu Ganzheit und Stärke im Frieden Gottes.
Amen

 

Passionsandacht am 14.3.2020 von Pfarrerin Meike Naumann

Nehmt auf euch mein Joch – mit Bildern von Sieger Köder

Musik zum Eingang

Begrüßung mit Votum

Herzlich willkommen zu unserer ersten Andacht in dieser Passionszeit. Wir feiern diese Andacht unter Bedingungen wie wir sie alle sicher nie erwartet hätten. Die durch den Corona-Virus ausgelöste Pandemie stellt uns alle vor eine große Herausforderung. Es gilt, Rücksicht zu nehmen.

Jesus nahm aber zu sich die Zwölf und sprach zu ihnen: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.

Jesu Weg ins Leid, Jesu Weg ans Kreuz. Darauf richten wir in der diesen Tagen unseren Blick. Betend, singend, nachdenkend gehen wir sozusagen Jesu Leidensweg mit.

In diesem Jahr schauen wir dabei auf die Bilder, die der Pfarrer und Künstler Siger Köder gemalt hat.

Heute ist es das Bild „Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen.

Was in einer fernen Zeit geschah, holen wir uns so vor Augen und in unsere Gegenwart.

Und so sind wir hier zusammen im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Lied: EG 545

Gebet

Wir wenden uns zu Gott und bitten ihn um sein Erbarmen.
Menschen leiden.
Überall.
Wohin wir sehen.
Weit weg.
Unter Hunger und Elend.
Unter Gewalt und Terror,
unter Kriegen und Katastrophen

Vor unserer Haustür.
Unter Armut und Not.
Unter Missachtung und Diskriminierung.
Unter Neid und Hass.
In unseren Familien.
Unter Krankheit und Trauer,
unter Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung,
unter Ängsten und Zweifeln.

Menschen leiden.
Und Gott leidet mit.
Unsere Schmerzen sind seine Schmerzen.
Unsere Nöte sind seine Nöte.
Unser Leid ist sein Leid.
Deswegen können wir zu ihm gehen
Mit allem, was uns das Leben schwer macht.
Er wird uns helfen.

Lied: 369,1-3 Wer nur den lieben Gott lässt walten.

Lesung: Mk 15,20b-22
Und sie führten ihn hinaus, dass sie ihn kreuzigten.
21 Und zwangen einen, der vorüberging, Simon von Cyrene, der vom Feld kam, den Vater des Alexander und des Rufus, dass er ihm das Kreuz trage.
22 Und sie brachten ihn zu der Stätte Golgatha, das heißt übersetzt: Schädelstätte.

Predigt

„Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen“ – so heißt dieses Bild. Zwei Männer stehe oder gehen eng umschlungen. Ihre Gesichter und Körper berühren sich. Sie ähneln einander. Allein die Farben ihrer Kleidung und ihrer Haut unterscheiden sich. Man muss schon genauer hinschauen, um zu erkennen, wer Simon ist und wer Jesus:

Im Gesicht des Rechten sieht man ein paar Blutstropfen, Kratzer von der Dornenkrone, die die Soldaten Jesus auf den Kopf gesetzt hatten. Todesbleich ist sein Gesicht und das rote Gewand erinnert an Blut. Symbol für den gewalttätigen Tod.

Vier Hände sind auf allen vier Ecken des Bildes verteilt. Man braucht ein wenig, um sie den beiden zuzuordnen: Je eine Hand umfasst den Balken, die andere umfasst den Gefährten an der Hüfte. Die Arme überkreuzen sich hinter ihren Rücken. Die beiden halten sich aneinander. Einer trägt die Last für den anderen mit. Ihr Blick geht in die gleiche Richtung, auf den Weg vor ihnen, auf das, was jetzt kommt.

Anders als es die Bibel erzählt, trägt Simon das Kreuz nicht allein. Der Künstler stellt die beiden Männer ganz eng zueinander. Sie tragen das Kreuz zusammen. Dabei war es kein Mitleid, keine Nächstenliebe, kein demonstrativer Protest von Simon. Er ist dazu gezwungen worden.

„Ich kam doch nur zufällig vorbei. Ich war auf dem Heimweg von der Arbeit, vom Feld, als sie mir entgegenkamen: Die Soldaten, die Jesus antrieben und die vielen Menschen die ihnen folgten. Stau vor dem Stadttor. So blieb ich stehen. Es war einfach Zufall, dass sie ausgerechnet mich gepackt haben. „He, du, komm her!“ Dann haben sie mich gezwungen, das Kreuz zu tragen. Ich kannte ihn eigentlich nicht. Mein Sohn Rufus schon, der war einer von den Anhängern Jesu. Aber das konnten die Soldaten doch nicht wissen. Ich glaube, es war einfach Zufall, mein Schicksal eben.“

Zufall oder Schicksal ist es, das Menschen in solche Situationen bringt:

Da wird der Partner krank oder dement oder braucht Pflege. Für die Frau   oder den Mann bedeutet das dann, diesen Weg mitzugehen, zu stützen, mitzutragen. Nähe und Wärme zu schenken – und auf vieles zu verzichten: Zeit für sich und die eigenen Wünsche. Das Schicksal fragt nicht: „Willst du das?“. Es zwingt einen, so wie Simon gezwungen wurde, das Kreuz mit zu tragen.

Simon von Cyrenes Sohn, Rufus, wird in der Bibel an anderer Stelle erwähnt. Er zählt zum größeren Jüngerkreis. Was er über das Schicksal seines Vaters sagen würde?

„Ja, so könnte es gewesen sein. Mein Vater hat nicht viel Worte gemacht. Er war eher ein Mann der Tat, kräftig und stark von der Arbeit auf dem Feld. Vielleicht haben sie ihn deshalb ausgesucht. Er war halt zufällig der Kräftigste von allen, die gerade da waren. Manche meinen aber auch, es war Fügung. Er war der Richtige für diese Aufgabe. Ein so warmherziger Mensch. Hat manchmal einfach seine Arm um dich gelegt und dann wusstest du: du bist nicht allein.“

Es ist die Nähe eines Menschen, die uns ohne Worte sagen kann: du bist nicht allein auf diesem letzten Weg. Dabei wirkt Simon auf diesem Bild nicht stärker als Jesus. Beide tragen eine gleich schwere Last. Aber durch die Last rücken sie enger aneinander. Manchmal erzählen Menschen davon, dass sie durch das Leiden, das gemeinsame Bewältigen schwieriger Zeiten, enger aneinandergerückt sind. Eheleute oder Kinder und Eltern. Freunde. Manchmal erzählen sie auch davon, dass sie nicht gedacht hätten, dass sie das können. Es aushalten können. Aber dann seien ihnen doch Kräfte zugewachsen.

Der Künstler hat die Hände besonders groß gemalt. Sie wirken wie ein Rahmen für das abgebildete Geschehen. Hände können anpacken, tragen, aber auch stützen und trösten und einfach halten. Und dass es nicht einfach ist, zu sehen, wem welche Hand gehört, das passt. So ist das manchmal, wenn ein Leid, ein schwerer Weg Menschen zusammenspannt. Es ist nicht immer klar, wer dann wen trägt und hält.

„Es waren ihre Hände, die ich in den letzten Sekunden gehalten habe. Manchmal hat sie mit einem leichten Druck reagiert. Dann habe ich sie ganz sanft gestreichelt. Als sie dann ihre letzten Atemzüge getan hatte, habe ich ihre Hände noch ein wenig gehalten und dann über ihrer Decke zusammengelegt. So als würde sie beten. Jetzt hält sie ein anderer, habe ich gedacht, als wir aus dem Zimmer gegangen sind. Es war gut, dass ich bei ihr war.“

Nicht nur Hände hat Simon auf diesem Bild. Er hat auch ein großes Ohr.
„Dass ich höre, wie ein Jünger hört“. Heißt es an anderer Stelle in der Bibel. Jünger haben große Ohren. Sie hören auf Gottes Wort. Doch was hört dieser Jünger wider Willen?

Mir fällt das Wort Jesu ein:
Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.
29 Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.
30 Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

Ein Joch – das ist ein Querholz, mit dem man früher Ochsen als Zugtiere zusammen vor einen Wagen spannte.

Wie unter einem solchen Joch sind Jesus und Simon hier zusammengespannt. Das Kreuz, der Kreuzbalken bringt die beiden zusammen, hält sie beieinander, lässt sie in die gleiche Richtung blicken. Das Leid schweißt manchmal Menschen zusammen, lässt sie einen schweren Weg gemeinsam gehen.
Simon geht den Weg Jesu mit. Für uns, die wir das Geschehen von außen betrachten – sieht daran nichts leicht aus. Das Joch wirkt hart und die Last schwer. Und doch schwebt die Verheißung Jesu über diesem Bild: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.
29 Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.
30 Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

Manchmal erzählen Menschen davon: dass das, was für Außenstehende so hart und schwer zu tragen aussah, dann doch leicht war, leichter als gedacht oder befürchtet.

Wenn Menschen zusammengespannt werden unter ein Schicksal, wenn sie die Last des anderen mittragen, dann höre ich immer auch die Verheißung mit, die darübersteht.

So wie bei der schweren Aufgabe, zuzuhören, wenn andere von erlittener Gewalt und Ängsten erzählen. „Du kannst mir anvertrauen, was auf dir lastet“, das ist die Einladung zu einem Gespräch zwischen einer jungen und alten Frauen. Das Gespräch findet statt auf einer Bank. Einer sogenannten Freundschaftsbank in Simbabwe. Wir haben davon auch beim Weltgebetstag gehört. Ältere Frauen, Großmütter werden als Laientherapeutinnen ausgebildet. In einem armen Land, in dem Psychische Krankheiten ein Tabu sind und es kaum Therapieplätze gibt, da sind die Freundschaftsbänke erfunden worden. Großmütter haben Zeit und hören zu. Sie hören Geschichten von Armut und Angst und Einsamkeit. Von Gewalt und Verzweiflung. Die Last, die hier ausgesprochen wird, geht durch Zuhören allein nicht weg und wird auch nicht sofort leichter. Aber was ausgesprochen wir, wird behandelbar. Es ist sicher schwer für die Großmütter, für diese weisen Frauen, all diese Geschichten und Schicksale zu hören und die Traurigkeit auszuhalten. Aber sie haben das als ihre Aufgabe angenommen, weil es sonst niemanden gibt, der das tut.

Simon von Cyrene hat die Last eines anderen mitgetragen. Die Aufgabe ist ihm zugewiesen worden. Er konnte sich nicht dagegen wehren.

Man weiß nicht, ob er ein Jünger Jesu war oder später zur ersten christlichen Gemeinde gehörte. Es ist nur ein Vers in der Bibel, der von ihm erzählt. Es bleibt offen, ob es Zufall war oder Fügung, dass er derjenige war, der Jesus nahe war auf seinem letzten Weg.

Zufall, Schicksal? Simon könnte klagen, sich wütend beschweren oder Antwort verlangen auf die Frage: „Warum ich?“ Er könnte mit seinem Schicksal hadern. Davon erfahren wir nichts. So wie die Dinge standen, hätte das auch nichts geändert.

Es gibt Situationen im Leben, in denen nichts mehr anders wird. Erlittenes Unrecht kann trotz aller Rechtssprechung nicht mehr ungeschehen gemacht werden. Die Toten holt niemand mehr zurück. Manche Krankheit kann nur gelindert werden.

Aber ich glaube, dass über allen Lasten die wir zu tragen haben, die wir mittragen oder miteinander tragen müssen, diese Verheißung steht:

Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.
29 Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.
30 Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.
AMEN.

Lied: EG 361,1-2

Fürbitten
Jesus Christus,
Simon von Cyrene ist ein Stück deines Weges mit dir gegangen.
Auch wir stehen in deiner Nachfolge.
Nimm du uns mit auf deinen Weg,
dass wir Liebe lernen und Frieden finden.
Nimm uns mit auf deine Weg,
dass wir lernen, zugewandt und einfühlsam zu sein,
und einander zu achten mit all unseren Unterschiedlichkeiten.
Nimm uns mit auf deinen Weg,
dass wir unserer Arbeit verantwortungsvoll nachgehen,
dass wir mit unserer Kraft dem Frieden dienen
und für Gerechtigkeit eintreten.
Nimm uns mit auf deinen Weg,
dass wir uns nicht blenden lassen
durch äußere Macht, durch Geld und Besitz.
Nimm uns mit auf deinen Weg,
den du für uns gegangen bist,
durch den Tod hin durch ins Leben.
Amen

Vater unser

Lied: Verleih uns Frieden EG +142

Segen
Musik zum Ausgang

 

am 1.3.2020 von Oberkirchenrätin Dr. Melanie Beiner, Darmstadt

Der Predigttext für den Sonntag heute ist eine der bekanntesten Erzählungen der Bibel. Adam und Eva. Die Erzählung vom Sündenfall. Eigentlich kennen wir sie noch irgendwie, jedenfalls in den groben Zügen. Sie ist lang und ich habe bei der Vorbereitung überlegt, ob es gut ist, sie ganz zu lesen. Und habe gedacht: sie ist zwar bekannt, aber literarisch ist sie so kunstvoll und dann hat man sie vielleicht doch in allen Teilen nicht mehr so präsent, dass ich mich entschlossen habe: ich lese sie ganz vor, auch wenn sie so lang ist.

Und die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde, die Gott der Herr gemacht hatte, und sprach zu der Frau: Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?
Da sprach die Frau zu der Schlange: Wir essen von den Früchten der Bäume im Garten; aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet!
Da sprach die Schlange zur Frau: Ihr werdet keineswegs des Todes sterben, sondern Gott weiß: an dem Tage, da ihr davon esst, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.

Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und dass er eine Lust für die Augen wäre und verlockend, weil er klug machte. Und sie nahm von seiner Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß.
Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schurze.

Und sie hörten Gott den Herrn, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war. Und Adam versteckte sich mit seiner Frau vor dem Angesicht Gottes des Herrn zwischen den Bäumen im Garten.
Und Gott der Herr rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du?
Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt, darum versteckte ich mich.
Und er sprach: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot, du solltest nicht davon essen?
Da sprach Adam: Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß.
Da sprach Gott der Herr zur Frau: Warum hast du das getan? Die Frau sprach: Die Schlange betrog mich, sodass ich aß.

Da sprach Gott der Herr zu der Schlange: Weil du das getan hast, seist du verflucht vor allem Vieh und allen Tieren auf dem Felde. Auf deinem Bauche sollst du kriechen und Staub fressen dein Leben lang.
Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau und zwischen deinem Samen und ihrem Samen; er wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.
Und zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst; unter Mühen sollst du Kinder gebären. Und dein Verlangen soll nach deinem Mann sein, aber er soll dein Herr sein.
Und zum Mann sprach er: Weil du gehorcht hast der Stimme deiner Frau und gegessen von dem Baum, von dem ich dir gebot und sprach: Du sollst nicht davon essen –, verflucht sei der Acker um deinetwillen! Mit Mühsal sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang.
Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen.
Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst, davon du genommen bist. Denn Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.

Und Adam nannte seine Frau Eva; denn sie wurde die Mutter aller, die da leben.
Und Gott der Herr machte Adam und seiner Frau Röcke von Fellen und zog sie ihnen an.
Und Gott der Herr sprach: Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Nun aber, dass er nur nicht ausstrecke seine Hand und nehme auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich!
Da wies ihn Gott der Herr aus dem Garten Eden, dass er die Erde bebaute, von der er genommen war.
Und er trieb den Menschen hinaus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens.

„Und die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde.“ – Erster Satz. Ein Satz – und man weiß Bescheid. Einen besseren Beginn für das, was folgt, gibt es nicht. „Und die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde.“ Literarisch ist der Satz fast nicht zu toppen. Denn mit dem ersten Satz ahnt man, weiß man eigentlich – diese Geschichte kann nicht wirklich gut ausgehen.
„Und sprach zu der Frau…“ – so geht es direkt weiter. Alles in einem Atemzug.
„Sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allen Bäumen im Garten?“

Ein kurzer Dialog. Die Frau wird verführt, überzeugt, überredet – in der Geschichte hat man vieles geschrieben. „Ihr werdet sein wie Gott und wissen, was gut und böse ist.“ – Das ist das Verlockende.

Wissen, was gut und böse ist, das heißt ja eigentlich moralisch handeln können. Ein ethisches Subjekt werden. Das ist das Verlockende.

„Und die Frau sah, dass von dem Baum gut zu essen wäre und verlockend, weil er klug machte.“
Es hat lange gedauert, bis ich diesen Satz in Gänze wahrgenommen habe. Verlockend zu essen – soweit ist es im kulturellen Gedächtnis verankert. Und passt zu uralten Klischees über Frauen: emotional, leiblich, verführbar.
Verlockend, weil er klug macht – das hat die Tradition nicht so differenziert ausgebreitet.
Es ist die Frau, die gerne klug sein möchte.
Es ist die Frau, die es erstrebenswert findet, eine ethisch handelnde Person zu sein und Urteilskraft zu gewinnen. Zwischen gut und böse zu unterscheiden.

Ich kann mich nicht erinnern, dass es in meinem Studium eine Auslegung gegeben hat, die das einmal als Unterscheidungskriterium für Mann und Frau angeführt hat. Die Frau ist die, die klug werden will.

Was hat man auf Frauen alles projiziert und diese Erzählung jahrhundertelang für Rechtfertigung der Unterordnung der Frau herangeholt. Hat irgendjemand mal gesehen, dass es die Frau ist, die – im Unterschied zum Mann – hier an Erkenntnis interessiert ist. Ich wäre – wie Eva – interessiert das zu wissen.

„Und sie nahm von seiner Frucht und aß und gab ihrem Mann, der bei ihr war, auch davon und er aß. Da wurden ihnen beiden die Augen aufgetan und sie wurden gewahr, dass sie nackt waren, und flochten Feigenblätter zusammen und machten sich Schürze.“

Wir sind jetzt bei Vers 7. Die ganze Erzählung hat 24 Verse. Nach noch nicht mal einem Drittel der Erzählung ist es passiert.
„Und die Schlange war listiger als alle Tiere auf dem Felde.“ Jetzt schon zeitigt ihr Handeln Folgen. Sie wurden gewahr, dass sie nackt waren. Sie werden sich in ihrer Blöße gewahr. Wieso ist das eigentlich eine Folge, wenn man gut und böse erkennt?

Weil man sich dazu selbst reflektieren und damit selbst ansehen können muss. Erkenntnis gibt es nicht ohne Selbsterkenntnis. Nicht ohne, dass man sich selbst in ein Verhältnis setzen kann zu dem, was man tut oder nicht tut, tun soll oder nicht tun soll. Die Alternative ist der Instinkt. Da tut man auch was, aber ohne sich quasi selbst auch von außen ansehen zu können.
Und sobald man das kann – sobald man sich von außen ansieht – kann man auch sehen, dass man nackt ist, wenn man nackt ist.
„Und flochten Feigenblätter und machten sich Schürze.“

Dann kommt, was immer kommt, wenn man etwas angestellt hat. Ein langer Weg der Auseinandersetzung und schließlich die Konsequenzen.
Literarisch wird neu eingesetzt. „Und sie hörten Gott den Herrn, wie er im Garten ging, als der Tag kühl geworden war.“ Gott geht spazieren. Adam versteckt sich und Gott ruft:
„Adam, wo bist du?“
Auch das, muss ich zugestehen, habe ich so noch nicht bewusst gelesen. Vielleicht ist das meine Genderbrille. Adam wird ja gerufen. Nicht Eva.

„Adam, wo bist du?“ Die nächste erzählerische Genialität. Nicht: Adam, was hast du gemacht? Sondern: Wo bist du? Gott ist noch ahnungslos oder tut so. Adam nicht.
Ich finde, dass diese Frage die Erinnerung an genau die Situationen wachruft, in denen man wusste, dass man in Kürze der Instanz gegenüber stehen würde, der man irgendwie rechenschaftspflichtig war, seien es Eltern, Geschwister, Vorgesetzte oder wer auch immer.
Und dann verrät sich Adam. Er beichtet ja nicht, sondern verrät sich durch seine Scham sich nackt zu zeigen.

Und dann kommen die Schuldzuweisungen an andere, eigentlich eine ziemlich freche, die Adam hier nennt: „Die Frau, die du mir zugesellt hast, gab mir von dem Baum und ich aß.“
Mit anderen Worten: Du bist selbst schuld, Gott.
Und Gott fragt dann wie ein – ja, wie wer? Ein Vater, der sich erstmal alles erzählen lässt, bevor er dann ganz sicher ist, dass die Konsequenzen auch wirklich berechtigt sind?

Und dann kommen 6 Verse Konsequenzen. Die kennen wir, die leben wir ja heute noch. Die Schlange im Staub, die Frau liegt in Geburtswehen, der Mann arbeitet im Schweiße seines Angesichts.
Und schließlich: Adam nannte seine Frau Eva, denn sie wurde zur Mutter alles Lebendigen. Und Gott bekleidet die beiden und dann marschieren sie raus aus dem Paradies und es bleibt der Cherub mit dem Feuerschwert vor dem Eingang. – Willkommen im Diesseits.

Literarisch ist die Erzählung einer ganz bestimmten Gattung zuzuordnen. Ätiologie nennt man sie. Das sind Erzählungen, die märchen- oder mythenhaft erklären, warum etwas geworden ist, wie es ist. Oft sind es auch Legenden, die sich um besonders auffällige oder ungewöhnliche Naturformationen ranken. Vielleicht reicht die Erzählung vom Weihnachtswunder in Bad Nauheim, bei dem auf einmal die Sole aus dem Boden schäumte, auch daran heran.

Die Erzählung vom Sündenfall ist jedenfalls so eine Ätiologie. Sie will erklären, warum Frauen Geburtswehen haben und Männer arbeiten und Schlangen im Sand kriechen. Also warum das so ist, obwohl die Menschen einst von Gott geschaffen wurden und warum dann, obwohl Gott es gut meint, das Leben so mühsam ist.
Eine Antwort wird eben in Form dieser Geschichte gegeben.

Aber die Erzählung betrachten wir als Christinnen und Christen ja nicht nur literarisch. Wir fragen ja auch nach dem, was sie für unseren Glauben bereithält.

Die gängige Auslegung ist: Wir sollen nicht so sein wie Gott. Aber wir wollen es sein. Wir maßen uns zuviel an. Das ist Sünde. Das wird dann sehr moralisch verstanden. Und wir lesen die Geschichte immer als Geschichte vom Sündenfall – das Wort Sünde kommt aber gar nicht vor. Das gab es damals gar nicht.

Worum geht es dann? Für mich erzählt die Geschichte von einer heilsamen Begrenzung.

Wir leben im hier und jetzt. Wir können erkennen, aber eben nur eine bestimmte Zeit in einem bestimmten Raum, aus einer bestimmten Sicht.
Für uns erscheint das wie eine Begrenzung, die wir gerne aufheben möchten. Aber würden wir immer, überall und ewig leben, dann gäbe es keine Orientierung, wir wären keine Ichs, denn die entsteht durch Begrenzungen und Unterscheidung – gegenüber anderen und gegenüber Gott.

Adam, wo bist du? Das ist ja nicht nur eine mahnende Frage. Das ist auch eine Anrede. Der Mensch wird Gott zu einem Gegenüber, das angeredet werden kann und angeredet wird.
Erst wenn wir bestimmte Menschen zu bestimmten Zeiten mit bestimmten Namen, Erinnerungen, Erfahrungen, Einstellung sind, dann werden wir ein Gegenüber, ein Gesicht, einen den oder eine, der man verbunden ist, den man rufen kann und ein Ich, das sich angesprochen fühlt.

Interessanterweise gibt ja auch Adam Eva erst nachdem sie von dem Baum gegessen haben, einen Namen. Auch Adam und Eva erkennen sich in ihrem Unterschied erst, nachdem sie ethisch Handelnde geworden sind, erst da können sie sich ansprechen, sich begegnen, sich als Gegenüber wahrnehmen.

Ich verstehe es so: Gott lässt sich auf den Menschen ein, der nach der Erkenntnis strebt. Wir haben das jetzt nicht gehört, aber im Kapitel vorher sagt Gott noch: wenn du vom Baum der Erkenntnis isst, dann musst du des Todes sterben.

Davon ist hier keine Rede mehr. Gott lässt sich in gewisser Weise auch von dem Erkenntnisinteresse des Menschen überzeugen, davon, dass er ein moralisches Subjekt sein möchte. Und dass es gut ist, dass er gut und böse erkennt. „Wie unsereiner geworden.“
Und reagiert darauf, indem er ihn, indem er uns verantwortlich macht.

Ich rufe dich. Mensch, du bist gefragt. Da muss man sich nicht nur ertappt fühlen. Da kann man sich auch ernst genommen fühlen.

Das zweite, was für mich in diese Richtung deutet: Als sich selbst erkennender Mensch, kann man nicht mehr im Paradies bleiben. Weil wir automatisch hineingestellt sind in die Ambivalenzen, in das Für und Wider der Welt. Es gibt in kaum einer Situation einfach nur eine Seite, nur eine Sicht, schon gar nicht, wenn es um ethische Entscheidungen geht. Und deshalb kann es für uns, die wir handelnde Menschen sind, das Paradies, den Ort des Einverständnisses mit allem und allen nicht dauerhaft geben. Daraus wachsen Fragen, Herausforderungen, oft genug Konflikte, daraus wachsen aber auch Verständigung, sich wahrnehmen, begegnen, hören, daraus begegnet Vielfalt und Unterschiedliches. Das Diesseits ist das Gegenteil von Eintönigkeit.

Allerdings gilt auch da: Gott lässt den Menschen im Diesseits nicht bloß. Er kleidet ihn, bevor er in die Welt zieht. Legt ein Fell wie eine Schutzhaut um ihn. Will, dass er lebt.

Und schließlich:
Adam nannte die Frau Eva, denn sie wurde die Mutter alles Lebendigen.
Das finde ich eigentlich den schönsten Satz. Aus Eva geht alles hervor, was lebt. Das Lebendige ist eingebunden in Zeit und Raum, hat Grenzen, hat einen Anfang und ein Ende, Geburt und Tod, aber es bleibt lebendig, in Bewegung, lachend, weinen, wachsend, reifend, blühend und sich wieder zur Erde neigend.

Fruchtbar und sinnlich, leiblich und kräftig, und dann älter werdend, kleiner, stiller, langsamer. Irgendwann verlassen wir unser Ich dann wieder, das Sich-selbst-Erkennen verlassen wir und werden Teil dieser Erde. „Von Erde bist du genommen zur Erde wirst du werden.“

Für mich zeigt die Erzählung in seiner ganzen literarischen Schönheit und inhaltlichen Empfindsamkeit, dass es eben nicht nur schwarz und weiß gibt, nicht nur Gebote halten oder Gebote übertreten, nicht nur eindeutig gut und eindeutig böse, erwählt oder verworfen.
Was Gott hier tut, das zeigt gerade: Wir leben weiter und immer aus der Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen, aus dem, der Leben geschaffen hat und Leben will.
Und wenn wir uns von Gott entfernen, dann sucht er den Weg, uns lebendig und in seiner Nähe zu halten; es bleibt sein Sinn, den er in uns legt, seine Güte, die wir weitergeben; mit Anfang und Ende, mit Schmerzen und Schweiß und Staub, aber auch da unter seiner Obhut, in seiner Fürsorge, als sein Geschöpf.

Keine noch so listige Schlange kann das verhindern.
Wir sind längst nicht mehr im Paradies, aber immer mit Gott unterwegs. Mitten drin im Diesseits, mittendrin im Abenteuer, das wir Leben nennen. Und genau genommen ist Gott ja mit ausgezogen aus dem Paradies, hat sich uns beigesellt, ist Mensch geworden und ist unseren Weg einfach mitgegangen, auch den, auf dem es so schwierig wird und wir leiden.
Zusammen mit Gott auf einer spannenden Reise durch das Leben – so gesehen kann das Paradies auch noch ein Weilchen warten. Wir werden früh genug dahin zurückkommen.
Bis dahin dürfen wir weiter klug werden und leben unter seinem Schutz.

Amen

am 23.02.2020 von Vikar Ingmar Bartsch

Mit einer Schale Wein in der Hand sitzen Johannes und Thomas an diesem Abend zusammen. Wie so oft diskutieren sie über die Ereignisse des Tages. So langsam wird es kühl hier im Hof der kleinen Herberge in der Nähe von Jericho. Wie an jedem Abend hat sich die Menschenmenge aufgelöst, die sie seit Wochen begleitet. Morgen früh werden die Leute garantiert wieder auftauchen, die Zöllner, Sünder, die Pharisäer, die Sympathisanten und Kritiker, die Aussätzigen und die reichen Typen, die freundlichen und die griesgrämigen, die Frauen, Männer und Kinder. Einige von ihnen haben ein Dach über dem Kopf für die Nacht gefunden, andere schlafen draußen. Um die Ecke gab es noch vorhin eine Auseinandersetzung um das letzte freie Zimmer. Jetzt ist alles friedlich. Jesus schläft schon seit einer halben Stunde in einer Ecke des großen Raumes der Herberge. Er ist Frühaufsteher und betet oft vor Sonnenaufgang. Unmöglich für Johannes und Thomas. Sie verarbeiten die Ereignisse eines Tages am Abend und kommen morgens nur schwer in die Gänge.

„Ich bin total gerne mit Jesus unterwegs. Niemand erlebt so viel wie wir. Und doch komme ich mir manchmal so dumm vor.“ Nachdenklich lehnt sich Johannes an die Wand. Sie schweigen lange.

„Ich kapiere es auch nicht.“ Thomas schüttelt den Kopf. „Seit Wochen spricht er davon, dass wir nach Jerusalem gehen und dass da irgendetwas passieren wird. Und heute hatte er wieder solche Anwandlungen.“

„Wenigstens hat er sich nicht wieder über unsere Dummheit aufgeregt.“ gibt Johannes zu bedenken.

„Das stimmt.“ Ein kurzes Schmunzeln huscht über Thomas Gesicht. „Du weißt doch, wie er ist. Manchmal kapiert man einfach nicht, was er sagt. Und manchmal zweifle ich richtiggehend an ihm.“

Mit einem Ruck lehnt sich Johannes nach vorn. „Thomas, er hat gesagt, dass man ihn umbringt. Er wird höllische Schmerzen leiden. Er hat uns dafür extra zur Seite genommen. Das macht mir Angst.“

„Mir auch.“ Thomas überlegt einen Augenblick. „Aber denkst Du, er meint das ernst? Er redet doch ständig in Rätseln. Bestimmt ist das wieder so ein Gleichnis. Eins von denen, die er nicht extra erklärt.“

Johannes seufzt. „Ich hoffe, Du hast Recht. Wir werden wohl nie ganz verstehen, was er meint.“

 

Ich lese den ersten Teil des heutigen Predigttextes aus dem Lukasevangelium, Kapitel 18 ab Vers 31.

31 Er nahm aber zu sich die Zwölf und sprach zu ihnen: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn. 32 Denn er wird überantwortet werden den Heiden, und er wird verspottet und misshandelt und angespien werden, 33 und sie werden ihn geißeln und töten; und am dritten Tage wird er auferstehen. 34 Sie aber verstanden nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie begriffen nicht, was damit gesagt war.

Jesus ist mit vielen Menschen unterwegs. Sie bedrängen ihn. Er soll sie lehren, mit ihnen diskutieren, er soll einzelne wahrnehmen und heilen. Ich vermute, dass Jesu sehr gefordert war. Und doch ruft er mitten im Trubel des Tages seine 12 treuesten Gefährten zu einem kurzen Infoblock zusammen. Jesus erklärt ihnen, dass er misshandelt und getötet wird. Und dass er auferstehen wird. Das sagt er ihnen nicht zum ersten Mal, es ist schon die dritte Leidensankündigung im Lukasevangelium. Und trotzdem bleiben die Jünger ratlos. „Sie aber verstanden nichts davon, und der Sinn der Rede war ihnen verborgen, und sie begriffen nicht, was damit gesagt war.“ so überliefert der Evangelist Lukas die Reaktion der Jünger.

Wir lesen in den Evangelien häufiger, dass die Jünger die Worte und Taten Jesu einfach nicht verstehen konnten. Aber dieser Satz ist besonders, denn es handelt sich hier um drei Arten des Unverständnisses.

1. Sie aber verstanden nichts davon,

2. der Sinn der Rede war ihnen verborgen,

3. sie begriffen nicht, was damit gesagt war.

Bemerkenswert. Diese drei Teile zielen auf verschiedene Aspekte des Verstehens. Der erste Teil des Satzes beschreibt meines Erachtens ein schlichtes Kommunikationsproblem zwischen Jesus und seinen Jüngern. Eine Art alltägliches Missverständnis. Jesus sagt etwas und die Jünger verstehen nicht, was gemeint ist. Man könnte vermuten, dass sie sich in der konkreten Situation nicht getraut haben, nachzufragen. Deshalb heißt es: Sie aber verstanden nichts.

Aber damit nicht genug. Die Worte Jesu waren ihnen – zweitens – wohl auch schlicht und ergreifend zu hoch. Es war eine Botschaft, die ihre kognitiven Fähigkeiten überstieg. Etwas, wovon sie überfordert waren und dessen Sinn sich ihnen deshalb gar nicht erschließen konnte. Der Sinn der Rede war vor ihnen verborgen.

Drittens konnten diese Worte auch nicht in ihren Herzen ankommen. Dort keimte eigentlich die Hoffnung, dass der Messias die Römer aus dem Land vertreiben und eine neue Königsherrschaft installieren würde. Und deshalb war es für die Jünger vollkommen unmöglich, dass Jesus sterben sollte. Von der Vorstellung einer Auferstehung ganz zu schweigen. Sie begriffen einfach nicht, was damit gesagt war.

Man möchte meinen, dass wir heute im Vorteil sind. Wir können in der Bibel nachlesen, was an Ostern passiert ist. Aber mal ehrlich: Auch wir verstehen das nicht bis ins letzte. Selbst nach Jahren des Theologiestudiums muss ich zugeben: ich kann das nicht abschließend und schlüssig erklären, was da an Ostern warum passiert ist. Zu groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich die Worte Jesu einfach missverstehe. Und es übersteigt oft meinen Intellekt und meine Vorstellungskraft. Und auch wenn ich es versuche, mit dem Herz zu begreifen, so bleibt das Passions- und Ostergeschehen doch immer ein Geheimnis des Glaubens.

Und das ist gut so. Denn auf diese Weise können wir uns immer wieder wundern. Wir können stutzig werden. Wir können nachdenken über das Leiden, Sterben und die Auferstehung Jesu. Wir können diese Botschaft neu für uns entdecken, unseren Glauben stärken und Zweifel zulassen. Und das auch, weil diejenigen, die am nächsten dran waren, es ebenfalls nicht bis ins Letzte verstanden haben. Diejenigen, die eigentlich deutlich an der Quelle saßen, die mit Jesus unterwegs waren, die eigentlich die Sehenden sein sollten, die waren oft blind für seine Botschaft.

 

Und das führt zum zweiten Teil des heutigen Predigttextes. Ich lese aus Lukas 18,35 bis 43.

35 Es geschah aber, als er in die Nähe von Jericho kam, da saß ein Blinder am Wege und bettelte. 36 Als er aber die Menge hörte, die vorbeiging, forschte er, was das wäre. 37 Da verkündeten sie ihm, Jesus von Nazareth gehe vorüber. 38 Und er rief: Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! 39 Die aber vornean gingen, fuhren ihn an, er sollte schweigen. Er aber schrie noch viel mehr: Du Sohn Davids, erbarme dich meiner! 40 Jesus aber blieb stehen und befahl, ihn zu sich zu führen. Als er aber näher kam, fragte er ihn: 41 Was willst du, dass ich für dich tun soll? Er sprach: Herr, dass ich sehen kann. 42 Und Jesus sprach zu ihm: Sei sehend! Dein Glaube hat dir geholfen. 43 Und sogleich wurde er sehend und folgte ihm nach und pries Gott. Und alles Volk, das es sah, lobte Gott.

Als ich den heutigen Predigttext vor einigen Tagen las, fragte ich mich, wie die Leidensankündigung und die Heilung des Blinden zusammenhängen könnten. Für mich lag das nicht gleich auf der Hand. Aber es gibt ein Motiv, das beide Teile verbindet: Das Sehen. Die Jünger sind – wie eben angedeutet – eigentlich Sehende, die nicht sehen. Sie sind jahrelang mit Jesus unterwegs, aber sie sehen oft nicht, wer er ist und welchen Plan Gott mit ihm hat. Und dann ist da ein Blinder, der durch Jesus sehend wird. Und der durch die Anrede „Sohn Davids“ schon von vornherein erkennt, dass es sich hier um den verheißenen Messias handeln muss.

An dieser Begebenheit bei Jericho finde ich bemerkenswert, dass sich der Blinde nicht mundtot machen lässt. Als er hört, dass da Jesus an ihm vorbeigeht, ruft er laut nach ihm. Er lässt sich auch nicht von denen abbringen, die ihn zum Schweigen bringen wollen. Ganz im Gegenteil. Auf die Verbote hin ruft er noch lauter. Und es verwundert mich, dass genau die Leute, die mit Jesus unterwegs sind, die seine Wunder gesehen und seine Worte gehört haben, einem Blinden verbieten, nach Jesus zu rufen.

Ich finde, dass auch wir uns nicht davon abbringen lassen sollten, nach Jesus zu rufen. Wenn uns etwas bewegt. Wenn uns etwas ängstigt. Wenn wir Zweifel haben. Wenn wir die Welt weder mit dem Kopf noch mit dem Herzen verstehen. Wenn wir uns über unsere Blindheit ärgern. Dann kann es helfen, dass wir uns an Jesus wenden und von ihm lernen. Denn – und das ist auch auffällig an dieser Blindenheilung: Jesus ist genau da, wo Zweifel sind. Ist Ihnen aufgefallen, dass an der Spitze der Menschenmenge offensichtlich nicht Jesus, sondern die Rechthaber laufen?

Die Menge um Jesus geht durch den Ort und der Blinde wird von den Leuten an der Spitze des Zuges zusammengestaucht. Jesus aber ist mittendrin in der Menge. Er ist bei denen, die ihn brauchen. Und er wendet sich dem Blinden direkt zu. Als der Blinde dann vor Jesus steht, gibt es nicht ein schnelles Heilungswunder. Er spricht mit dem Blinden. Das ist hier der dritte überraschende Punkt. Er fragt ihn, was er will. Ist das nicht klar? Ist Jesus auch begriffsstutzig? Denkt er, der Blinde wünscht sich Geld oder ein neues Auto? Was willst Du, dass ich für Dich tun soll? Jesus interessiert sich für den Menschen. Er will, dass er ausdrückt, was ihm fehlt. Es geht um die Beziehung. Und dann wird aus dem Blinden ein Sehender. Lukas überliefert es so: Und Jesus sprach: sei sehend! Dein Glaube hat Dir geholfen. Und sogleich wurde er sehend.

Das ist eine frohe Botschaft, die durch den Blinden auch für uns klarer wird. Er schreit in seiner Blindheit nach Jesus. Er lässt sich nicht davon abbringen, dass er von Jesus sehend gemacht werden will. Und das gilt auch uns: Jesus kann sehend machen. Er kann uns dabei helfen, immer mehr zu verstehen, was es mit der Passionszeit, in die wir in der anbrechenden Woche starten, auf sich hat. Er kann uns dabei helfen, immer mehr zu verstehen, was sein Tod am Kreuz und seine Auferstehung bedeuten. Und wir können uns als Gemeinde zusammen auf Entdeckungsreise begeben: In den Gottesdiensten, den Passionsandachten, der Fastengruppe und vielen anderen Gemeindekreisen. Vielleicht sind die kommenden Wochen eine Möglichkeit, Jesus neu zu begegnen und etwas mehr Sehkraft zu gewinnen.

am 16.02.2020 von Pfarrer Rainer Böhm

Die Sendung Ezechiels
Und er sprach zu mir: Du Mensch, stelle dich auf deine Füsse, und ich will zu dir sprechen!  2 Und sobald er zu mir sprach, kam Geist in mich und stellte mich auf meine Füsse, und ich hörte den, der zu mir sprach.
3 Und er sprach zu mir: Mensch, ich sende dich zu den Israeliten, zu Nationen, die sich auflehnen, die sich aufgelehnt haben gegen mich. Sie und ihre Vorfahren haben mit mir gebrochen, so ist es bis auf diesen heutigen Tag.  4 Und zu den Nachkommen mit verhärteten Gesichtern und hartem Herzen, zu ihnen sende ich dich, und du wirst ihnen sagen: So spricht Gott der HERR!  5 Und sie - mögen sie hören oder es lassen, denn sie sind ein Haus der Widerspenstigkeit! -, sie sollen wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist.
6 Und du, Mensch, fürchte dich nicht vor ihnen und vor ihren Worten. Fürchte dich nicht, auch wenn sie dir widersprechen und Dornen für dich sind und du auf Skorpionen sitzt. Vor ihren Worten fürchte dich nicht, und vor ihren Gesichtern hab keine Angst! Sie sind ein Haus der Widerspenstigkeit!  7 Und du wirst ihnen meine Worte sagen, mögen sie hören oder es lassen! Sie sind ein Haus der Widerspenstigkeit!
8 Du aber, Mensch, höre, was ich zu dir rede. Sei nicht widerspenstig wie das Haus der Widerspenstigkeit, öffne deinen Mund, und iss, was ich dir gebe.
9 Und ich sah, und sieh: Zu mir hin war eine Hand ausgestreckt, und sieh, in ihr war eine Schriftrolle.  10 Und er breitete sie vor mir aus, und sie war auf der Vorderseite und auf der Rückseite beschrieben, und auf ihr aufgeschrieben waren Klagen und Seufzer und Wehrufe.
31 Und er sprach zu mir: Du Mensch, iss, was du vorfindest, iss diese Schriftrolle, und geh, sprich zum Haus Israel!  2 Und ich öffnete meinen Mund, und er lies mich jene Rolle essen.
3 Und er sprach zu mir: Mensch, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe! Da aß ich sie, und in meinem Mund wurde sie wie Honig, süß.

Liebe Gemeinde,

Prophet wird man nicht von sich aus. Man wird von Gott auserwählt und berufen. Meist haben die Berufenen einen Einwand: Jeremia wendet ein, er sei doch dafür zu jung; Mose meint, er habe Sprachprobleme. Und Jona läuft schnell in die entgegengesetzte Richtung. Aber das hilft ihm auch nicht. Dem Wort und Auftrag Gottes kanner auch dort nicht entkommen.
Ich kann diese Einwände gut verstehen, denn eine solche Berufung verändert alles, sie stellt das alte Leben auf den Kopf. Nichts ist mehr, wie es vorher war, nachdem Gott in dein Leben eingegriffen hat. Nur Elia und Ezechiel haben keine Einwände gegen ihre Berufung.
Ezechiel war der Sohn eines Priesters  und gehörte zur ersten Gruppe der um 600 v Chr nach Babylon verschleppten Israeliten. Er war Zeitgenosse des Propheten Jeremia. Er erhielt seinen Wohnsitz in Mesopotamien am Fluss Kebar bei Babylon, wo er als Prophet auftrat. Dort begann er im Alter von 30 Jahren sein prophetisches Wirken.

Ezechiel wird in ein schweres Amt berufen. So schön auch die Vorstellung ist, dass Gott mitgeht ins fremde Land, und nicht im Tempel in Jerusalem wohnt, so ernüchternd sind seine Worte. Er kommt nicht als der liebende und tröstende Gott, sondern als derjenige, der ihnen die «Leviten liest». Als Sprachrohr Gottes soll Ezechiel ihnen aufzeigen, wo sie nicht nach Gottes Willen gelebt haben.
Ezechiel bekommt eine Schriftrolle, die beidseitig beschrieben ist. Eine Anklageschrift mit so vielen Punkten, mit so viel «Klage, Ach und Weh», dass kein unbeschriebener Fleck auf der Rolle übrig ist.
Ob Ezechiel den Auftrag lieber abgelehnt hätte, wissen wir nicht. Er wird nämlich einer besonderen Prozedur unterzogen.
«Du Menschenkind, nimm und iss, was du vor dir hast!», wird ihm gesagt, «Du musst diese Schriftrolle in dich hinein essen und deinen Leib damit füllen». Ezechiel isst die Rolle und verinnerlicht dadurch mit jeder Zelle seines Körpers Botschaft und Auftrag. Er kaut die Botschaft durch, bevor er sie verkündet. So kann Ezechiel nun Ankläger im Namen Gottes werden..

Öffne deinen Mund und iss! „Ich weiß, was gut für dich ist.“
Das klingt für mich nach Gewalt, nach Übergriff
Diese Worte lösen in mir bittere Erinnerungen aus.  Ich war ein Kind, das nicht essen wollte. Und ich hatte ziemlich junge Eltern, die damit nicht zurechtgekommen sind. Ich wusste nicht mehr, wie man schluckt. Ich wollte nicht alles schlucken. Schon gar nicht gefüllte Paprika. Bis heute esse ich das nicht. Und so saß ich vor diesem Teller, bis es dunkel wurde. Es war eine kindliche Gewalterfahrung, die in ihrem Zynismus darin gipfelte, dass ich ein paar Jahre später auch noch auf eine dieser sechswöchigen Kinderkuren geschickt worden bin. Es ist wirklich schwierig, ein Kind zu füttern, das nicht essen will. Ein Dilemma, aus dem sich meine Eltern damals nicht anders zu retten wussten.
Heute weiß man, dass es nicht Bosheit der Kinder ist, die es zu überwinden gilt. Das Standardwerk der Kindererziehung war damals „Die Mutter und ihr erstes Kind“, ein Buch voller autoritärer Nazi-Pädagogik. (Dr. Johanna Haarer) Es hieß in der Nazizeit „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ und wurde auch nach 1945, unter leicht verändertem Titel, hunderttausendfach verkauft.  Ein Kassenschlager autoritärer Erziehung.
Heute wissen wir: Schreiende Kinder sind keine Gefahr, renitent, müssen nicht in ihre Schranken verwiesen werden. Schreiende Kinder brauchen etwas. Und es ist noch kein kleines Kind freiwíllig verhungert. Das Buch des  Kinderarztes Dr. Benjamin Spock, USA „Säuglings- und Kinderpflege“ gilt als Meilenstein einer grundlegenden Revision der bis dahin praktizierten Pflege und Erziehung von Säuglingen und Kleinkindern. Spock lehrte, vom Ende des Zweiten Weltkrieges an, dass Eltern ihr Kind im Gegenteil mit Liebe und Wärme aufziehen und sich auf ihre Intuition verlassen sollten.

«Du Menschenkind, nimm und iss, was du vor dir hast!»
Im polytheistischen Babylon bekräftigte Ezechiel  den Monotheismus der JHWH-Religion und übt schärfste Kritik an den Götzen, denen die Israeliten dort verfallen waren. Er prägte die Vorstellung von der Heiligkeit des Gottesnamens und gilt als Vater der priesterlichen Theologie. Die Gebote der Mitmenschlichkeit sind bei Ezechiel: Schonung von Frauen, Elenden und Armen; dem Hungrigen Brot geben; die Nackten bekleiden; Verzicht auf Zins und Zuschlag; Fairness im Handel, d. h. Nutzung fairer und anerkannter Maßeinheit. Handlungen in seiner Vorstellung von Jahwe sind häufig von Gewaltphantasien und -handlungen geprägt.  Aber sonderbarer Weise schmeckt ja die Botschaft nicht bitter, sondern süss wie Honig.
 
Die Israeliten damals haben die Anklage Gottes nicht gern gehört. Auch uns heute, als Kinder der Reformation, ist es viel angenehmer zu hören: «Wir sind von Gott geliebt und angenommen». Kritik hört niemand gerne, schon gar nicht aus Gottes Mund. Dennoch war es für die Israeliten damals wichtig, und ebenso wichtig ist es für uns heute, zu erkennen, dass Gott nicht nur ein liebender, sondern auch ein fordernder Gott ist. Unser Glaube wäre ein billiger und harmloser Glaube, wenn Gott nur der Liebende wäre, der all unsere Wünsche zu erfüllen hätte. Es ist Bestandteil der Liebe, ja Ausdruck der Liebe, Distanz zu nehmen zu Dingen, die man nicht mag und Kritik zu üben. Liebe und Kritik sind wie zwei Seiten einer Münze. Der Wahre Gegensatz zur Liebe ist die Gleichgültigkeit.
Bei Gott werden durch Kritik und Gericht Beziehungen geheilt. Es geht Gott nicht um die Bestrafung für Einzeltaten. Es geht um Veränderung. Indem er den Israeliten die Wahrheit über ihr Leben und auch ihren Glauben aufzeigt, sollen sie verändert werden. Die Gerichtsrede des Ezechiel ist sozusagen ein therapeutischer Prozess. Gott hat sich nicht zu ihnen auf den Weg gemacht, um sie fertig zu machen, sondern um sie zu verändern und um die Beziehung zwischen ihm und seinem Volk zu heilen. «Ich will ihnen ein anderes Herz geben und einen neuen Geist in sie geben und will das steinerne Herz wegnehmen aus ihrem Leibe und ihnen ein fleischernes Herz geben.» sagt Gott. Weil das Ziel die Heilung der Beziehung ist kann die Gerichtsrolle, die Ezechiel isst,  süß wie Honig schmecken.

Wir sind heute froh, dass es Antibiotika gibt, auch wenn sie nicht süß schmecken. Froh über das eine oder andere Medikament, auch wenn die großen Kapseln gelegentlichen Brechreiz auslösen. Wir hoffen mit den Menschen in China, dass es bald wirksame Therapien gegen das Virus geben wird. Auch wenn die jetzt ergriffenen Maßnahmen die Bewegungsfreiheit der Menschen drastisch einschränkt – das müssen die Betroffenen wohl schlucken, wenn sie überleben wollen. Und wir ja auch.
Als Kinder Gottes in dieser Welt haben wir eine Aufgabe. Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung – dafür haben wir uns  einzusetzen. Gott will durch uns in dieser Welt wirken. Er meint es gut mit der Welt und ihren Menschen, aber er will unsere Mitwirkung.

am 26.1.2020 von Oberkirchenrätin Dr. Melanie Beiner, Darmstadt

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus.

Liebe Gemeinde,

erstmal muss ich Ihnen ein Geständnis machen. Ich bin heute das erste Mal in meinem Leben in Bad Nauheim. Ich war heute morgen allerdings schon früh da und habe ein paar Schritte im schönen Kurpark gemacht, auch wenn es ja heute morgen sehr trüb und nebelig ist. Eine Weile stand ich dann auch vor dem Holocaust-Mahnmal. Im Internet habe ich es schon gesehen, und da hat es mich schon beeindruckt. Und nochmal mehr, als ich eben davorstand und die Namen lesen konnte, die auf der Gedenktafel stehen. Das Denkmal bewegt mich sehr. Die Bank mit dem zurückgelassenen Mantel lässt bei mir den Eindruck entstehen: Hier haben Menschen gelebt, die jetzt fehlen – und es scheint so, als wären sie gerade eben noch hier gewesen. Die Bank mit dem Mantel erinnert, indem das Dasein und Fehlen vergegenwärtigt wird. Einige Namen und Familiengeschichten habe ich auf der Homepage lesen können. Ich bin froh, dass ich das sehen und lesen konnte. Es wird mein Gedenken heute und morgen, am 27. Januar, am Gedenktag der Opfer des Nationalsozialismus begleiten.

Auch das Evangelium heute aus dem Matthäusevangelium kann uns bei der Erinnerung und Vergegenwärtigung helfen; und bei der Frage nach einer grenzüberschreitenden Verbindung zwischen Menschen unterschiedlicher Religion.

Als er nach Kafarnaum kam, trat ein Hauptmann an ihn heran und bat ihn (Mt 8, 5-13):
6 Herr, mein Diener liegt gelähmt zu Hause und hat große Schmerzen.
7 Jesus sagte zu ihm: Ich will kommen und ihn heilen.
8 Und der Hauptmann antwortete: Herr, ich bin es nicht wert, dass du unter mein Dach einkehrst; aber sprich nur ein Wort, dann wird mein Diener gesund!
9 Denn auch ich muss Befehlen gehorchen und ich habe selbst Soldaten unter mir; sage ich nun zu einem: Geh!, so geht er, und zu einem andern: Komm!, so kommt er, und zu meinem Diener: Tu das!, so tut er es.
10 Jesus war erstaunt, als er das hörte, und sagte zu denen, die ihm nachfolgten: Amen, ich sage euch: Einen solchen Glauben habe ich in Israel noch bei niemandem gefunden.
11 Ich sage euch: Viele werden von Osten und Westen kommen und mit Abraham, Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen;
12 aber die Söhne des Reiches werden hinausgeworfen in die äußerste Finsternis; dort wird Heulen und Zähneknirschen sein.
13 Und zum Hauptmann sagte Jesus: Geh! Es soll dir geschehen, wie du geglaubt hast. Und in derselben Stunde wurde sein Diener gesund.

Der Hauptmann von Kapernaum – eine Heilungsgeschichte. Allerdings, wie ich finde, eine besondere. Besonders ist zunächst, dass der Hauptmann, der, der um Hilfe bittet, viel von sich erzählt. Das kommt sonst nicht so häufig vor. Die ganze Szenerie gehört heute nicht mehr unmittelbar zu unserem Alltagerleben, damals aber schon. Ein Mann vom römischen Militär kommt zu Jesus. Das ist ungewöhnlich. Eigentlich waren die Römer die Besatzungsmacht. Sie haben zwar wohl die jüdische Bevölkerung und ihre Religion weitgehend in Ruhe gelassen, aber die Machtverhältnisse waren eindeutig und die Bedeutung politischer und militärischer Stärke war groß.

Der Hauptmann hat einen kranken Diener, für den er Jesus um Heilung bittet. Das ist das zweite Ungewöhnliche. Offenbar lassen sich übliche Zuschreibungen, die man von einem militärischen Befehlshaber aus dieser Zeit hatte, hier nicht anwenden. Er wird jedenfalls als ein Mensch gezeigt, der sich für seinen Untergebenen sehr einsetzt. Und dafür eigene Würden vernachlässigt. Jesus will zu ihm kommen, aber der Hauptmann weiß: eigentlich darf ein Jude kein nichtjüdisches Haus betreten. Also verlangt er es auch nicht von Jesus. Er respektiert die religiösen Vorschriften einer anderen Religion. Und dennoch aber bittet er Jesus um Heilung. Dennoch traut er ihm etwas zu.

Zur Erklärung zieht er seine eigene Lebenswelt heran. „Ich habe Macht und wenn ich ein Wort spreche, dann wird danach gehandelt.“ Eine solche Macht, allein durch ein Wort zu wirken, spricht er Jesus zu. Ganz unprätentiös, auch selbstbewusst. Es geht nicht um ein Gefälle. Das finde ich sehr wichtig. Es geht nicht um die bekannte Verteilung von Macht und Ohnmacht: hier der Hilfsbedürftige, da der Heiler. Man könnte auch sagen, der Hauptmann ist der, der hilft, und Jesus ist der, dem er Macht zuspricht und zuerkennt, aber den er dafür in gewisser Weise auch in Dienst nimmt.

Ich stelle mir das vor: Hier der dekorierte, uniformierte und anerkannte Berufssoldat; da der unkonventionelle, unstete Rabbi. Hier der, der in seinem sozialen Umfeld Ansehen genießt, da der, der immer wieder Unruhe reinbringt, weiterzieht, nur ein paar Leute mit sich nimmt und an jedem Ort von vorne anfängt.

Auf mich wirkt dieser Hauptmann souverän. Er macht einfach, was „dran“ ist. Einer im Haus ist krank – er kümmert sich um Hilfe. Der Helfende darf nicht in sein Haus – er bietet von sich aus an: „Sprich nur ein Wort…“.

Wie selbstverständlich geht er auf die Bedürfnisse anderer ein, obwohl sie nicht seine eigenen sind und obwohl es nach seinem sozialen und politischen Stand möglich wäre, sie gar nicht zu beachten.

Ich frage mich: Warum bekommen wir das nicht so hin? Warum tun wir uns so unglaublich schwer damit, wenn Menschen anders leben, anders denken, anders glauben?

Es ist erschreckend, wie sehr die Zugehörigkeit zu einer anderen Religion als das Christentum wieder zu Ausgrenzung und Diffamierung führt. Und das, obwohl wir ja als Gesellschaft immer weniger religiös werden. Seit vielen Jahren stand und steht der Islam im Fokus der Kritik. Jetzt erschrecken wir darüber, wie sehr der Antisemitismus sich wieder verbreitet. Und wie er es tut. Nicht nur allein in rechten Parolen, sondern als kleine Bildchen bei Twitter, im Alltag, einfach so, auf dem Schulhof, im Internet eben, und dann auch mit tödlichem Ausgang vor der Synagoge. Im Durchschnitt sind es fünf Attacken täglich, die als antisemitisch gelten, die in der Statistik des Bundeskriminalamtes vor zwei Jahren erfasst worden sind.

Die Politologin und Autorin Hannah Arendt hat Anfang der sechziger Jahre im Zuge der Berichterstattung über den Eichmann-Prozess von der „Banalität des Bösen“ gesprochen. Damals hat sie viel Kritik dafür bekommen. Bis heute ist umstritten, ob dieser Ausdruck das Böse nicht verharmlost.

Ich finde nachvollziehbar: Das Böse ist nicht banal; aber es kann im Gewand der Banalität, im Gewand der Normalität daherkommen. Vielleicht ist das gerade das Schlimme: es kann gewöhnlich und Gewohnheit werden. Wenn sich nur genug einig sind, dann funktionieren die Mechanismen von Stigmatisierung und Ausgrenzung aufgrund von Religion oder Herkunft. Je öfter es geteilt wird, desto normaler erscheint es. Und es scheint so, als könne es jederzeit wiederkommen.

Vielen erschien es bis vor einiger Zeit undenkbar, dass sich eine solche Ausgrenzung wieder vollzieht. Wir pflegen seit Jahrzehnten eine Gedenkkultur, wir erinnern uns, wir unterrichten, Austauschprogramme sollen das Verständnis untereinander ermöglichen.

Gleichzeitig müssen wir auch immer wieder selbstkritisch darauf schauen, dass auch das Christentum sich abgegrenzt hat und seine eigene Identität versucht hat zu bestimmen, indem es sich vom Judentum distanzierte und es nicht selten diffamierte.

Unsere eigenen Glaubensgrundlagen waren und sind nicht davor gefeit, dass man sie ausgrenzend und menschenfeindlich interpretiert. Auch das Matthäusevangelium war ein Text, der dazu missbraucht wurde, die Abgrenzung Jesu von den Juden zu behaupten.

Ich vermute, nur wenn wir ehrlich eingestehen, dass niemand per se vor Ausgrenzung und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit gefeit ist, nur dann bleiben wir wach und offen genug, um beidem im richtigen Moment entgegenzutreten.

Was gehört noch dazu?

Der Hauptmann von Kapernaum erkennt seine eigenen Grenzen an. Er ist zwar selber einer der Mächtigen, eigentlich eine Führungskraft; aber was die Heilung seines Knechtes angeht, da spricht er Jesus Macht zu. „Sprich nur ein Wort, so wird mein Knecht gesund.“

Für mich bedeutet das: Ich muss meine eigenen Grenzen erkennen, und das heißt auch, ich muss möglicherweise auch an meine eigenen Grenzen stoßen. Merken, wo es bei mir nicht weiter geht; merken, wo ich an den Rand komme. Erkennen, dass auch ich meistens nur eine Perspektive auf etwas habe, und ein anderer eine andere. Nur bestimmte Dinge kann und andere nicht. Immer nur Teile sehe, nie das Ganze. Das ist meistens unangenehm. Das ist vielleicht auch kränkend oder schwer zu ertragen; aber nur, wenn ich an meine Grenzen stoße, dann merke ich auch, wie und wo ich anders werden kann und soll. Eigentlich ist jeder Bildungsprozess eine Grenzüberschreitung – ich entwickle mich. Ich lerne etwas, das mir einen neuen Horizont eröffnet; aber ich muss gleichzeitig eingestehen, dass ich es vorher eben nicht gesehen, nicht gewusst, nicht verstanden habe.

Was ich bemerkenswert finde: Auch Jesus lernt in der Erzählung etwas vom Hauptmann von Kapernaum. „Als Jesus das hörte, war er erstaunt.“ Interessant ist, dass es ein paar wenige Erzählungen gibt, in denen Jesus lernt, sein Vorhaben ändert, sich auf etwas anderes einlässt als er vorhatte.  Das Interessante daran ist: es sind vor allem Erzählungen, in denen Andersgläubige ihn um Hilfe bitten.

Das Fremde, der Andere – er kann mich immer infrage stellen; mir zeigen, dass man auch ganz anders leben und ganz anders glauben kann. Möglicherweise ist das der Kern dessen, was Angst macht; denn dadurch wird mein eigenes Leben vielleicht relativiert. Ich merke, ich bin nur ein kleiner Teil einer großen Welt. Wenn mir jemand begegnet, der anders ist als ich, dann ist das immer auch eine Selbstbegegnung, weil sie mich in einem anderen Licht erscheinen lässt, mir widerspiegelt, wie ich in den Augen eines anderen erscheine.

Der Hauptmann scheint davor keine Angst zu haben; obwohl er viel Macht hat und seine Autorität bewahren muss. Er überschreitet seine eigenen Grenzen, indem er Jesus um Hilfe bittet.

„Ich bin nicht wert, dass du in mein Haus kommst, aber sprich nur ein Wort, dann wird mein Knecht gesund.“ Und dabei geht er nicht nur auf Jesus zu. Dieser Satz ist ja Ausdruck eines großen Vertrauens: „Sprich nur ein Wort….du kannst das“ – die eigenen Grenzen erkennen und dem anderen zutrauen, dass er schafft, was ich nicht kann.

Und Jesus? Sagt: „Dir geschehe, wie du geglaubt hast.“ Und heilt. Jesus heilt und lässt sich von dem Hauptmann verändern. Das scheint mir das Zweite zu sein. Wenn ich anderen begegne, die mir fremd sind, dann kann es sein, dass sie mich verändern, dass mein Leben sich verändert. Dass es nicht bleibt wie es war. Es kann tatsächlich sein, dass ich eine andere werde durch eine Begegnung, durch etwas, das mich bewegt, berührt. Auf einmal wird mir etwas wichtig; auf einmal werde ich verändert und muss mein Leben neu ausrichten.

Einer, der seine Grenze sieht und einer, der sich verändern lässt – das ist der Stoff, aus dem hier der Frieden gemacht wird. Zwei, die sich begegnen, ihre Grenzen erkennen können, und dem anderen vertrauen, dass er heilsam damit umgeht. Der Knecht wurde gesund – daraus also entsteht Leben.
Mir erscheint das verheißungsvoll. Und es passt in eine Zeit, in der wir als Gesellschaft ja global offen werden können und sollen. Das gilt auch für die Religion und unseren christlichen Glauben. Wir können ihn nicht durch Abgrenzung und Abschottung bewahren, sondern indem wir ihn mutig und  vertrauensvoll leben. Wir können nicht verhindern, dass Religion missbraucht wird; aber wir können einen anderen Umgang mit unserem Glauben dagegensetzen, nämlich indem wir ihn durchlässig machen und befragen lassen können von denen, die anders glauben und leben. Wir können ihn bekennen, ohne andere auszugrenzen und uns in dem Vertrauen getragen wissen, wohin auch immer sich unser Leben ausrichtet, Gott lässt Leben daraus entstehen.

So durchlässig für andere zu sein und gleichzeitig so vertrauensvoll an Gott zu glauben – das mag nicht einfach sein. Aber es gibt die, die das schaffen, auch oder obwohl das eigene Leben bedroht ist. Frauen aus dem Konzentrationslager Ravensbrück haben ein Gebet und eine Friedensbitte aufgeschrieben. Es ist für mich Ausdruck eines unglaublichen Gottvertrauens und eines selbstbewussten und friedlichen Umgangs mit anderen – auch in der größten Not.

Ich spreche das Gebet für uns erinnernd und vergegenwärtigend und als Vorbild im Glauben:

Friede den Menschen, die bösen Willens sind,
und ein Ende aller Rache
und allen Reden über Strafe und Züchtigung.
Die Grausamkeiten spotten allem je Dagewesenen,
sie überschreiten die Grenzen menschlichen Begreifens,
und zahlreich sind die Märtyrer.
Daher, o Gott,
wäge nicht ihre Leiden auf den Schalen
Deiner Gerechtigkeit,
fordre nicht grausame Abrechnung,
sondern schlage sie anders zu Buche:
Laß sie zugute kommen allen Henkern,
Verrätern und Spionen
Und allen schlechten Menschen,
und vergib ihnen
um des Mutes und der Seelenkraft der andern willen.
All das Gute sollte zählen, nicht das Böse.
Und in der Erinnerung unserer Feinde
sollten wir nicht als ihre Opfer weiterleben,
nicht als ihr Alptraum und grässliche Gespenster,
vielmehr ihnen zu Hilfe kommen,
damit sie abstehen mögen von ihrem Wahn.
Nur dies allein wird ihnen abgefordert,
und daß wir, wenn alles vorbei sein wird,
leben dürfen als Menschen unter Menschen,
und daß wieder Friede sein möge auf dieser armen Erde
den Menschen, die guten Willens sind,
und daß dieser Friede auch zu den andern komme.

Amen.

 

zur Verabschiedung von Pfarrerin Barbara Wilhelmi am 29.12.2019

Liebe Gemeinde,

„viele werden verstehen, wenn auf diesen Gottesdienst meine Gedanken schon lange gerichtet waren“ - mit diesen Worten fing mein Vater 1972 seine Predigt an, mit der er sich von seinen letzten Gemeinden verabschiedete. Ich las dort auch den handschriftlichen Zusatz, dass seine fast 42 Amtsjahre in eine wechselvolle, leidevolle Geschichte für Kirche und Welt gefallen waren. Dagegen waren meine fast 40 Jahre seit dem 1. Examen vergleichsweise ruhig – trotz Tschernobyl und Wiedervereinigung. In seiner Predigt damals legte mein Vater seiner letzten Gemeinde ans Herz, dem Wirken des Heiligen Geistes zu vertrauen und ermunterte sie, in sich die Tür aufzumachen und selbst anderen christliche Werte – vor allem den Kindern - vorzuleben – sich von der Geist-Kraft Gottes leiten zu lassen.

An diesem Punkt begegnen sich meine Predigt für diesen Tag mit der meines Vaters, denn von der Geisteskraft Gottes erzählte das Lukasevangelium in der Geschichte von Simeon, der auf etwas wartete und im Alter seinen Lebenshöhepunkt erlebt. Es ist eine Geschichte von einem alten Menschen, aber er hoffte darauf, dass da noch etwas Entscheidendes kommen wird. Simeon erwartete etwas von Gott – und so ist diese Altersgeschichte mitnichten eine Erzählung vom körperlichen Leistungsabfall! Simeon hat zwar körperliche Einbußen zu machen, er sieht nicht mehr gut ABER er definiert sein Leben nicht dadurch. Er muss nicht fit sein, um das Entscheidende noch zu erleben. Er wartet auf den Trost Israels (so übersetzt es Luther), andere schreiben, er wartet auf Zuspruch + Hoffnung. Und bevor er dem Tod begegnen wird, so der göttliche Geist, wird er diesen Trost und Zuspruch erfahren... Seine Gottesvorstellung war nicht geprägt davon, dass Gott etwas von ihm erwartet – etwa die Gebote halten - Nein, er erwartet etwas von Gott... und daraus wird eine lichtvolle Begegnung mit dem kleinen Christuskind, das sein Leben krönt.... und das ewige Leben für ihn schon jetzt angstfrei spürbar macht durch das Kind (den H e i l a n d). Ihn nimmt Simeon in seine Hände und segnet ihn.

Danach geht die Geschichte folgendermaßen weiter: L e s u n g Lk 2,36 – 38:
Und es war eine Prophetin, Hanna, eine Tochter Phanuëls, aus dem Stamm Asser. Sie war hochbetagt... Sie hatte sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt und war nun eine Witwe von vierundachtzig Jahren; die wich nicht vom Tempel und diente Gott mit Fasten und Beten Tag und Nacht. Sie trat auch hinzu zu derselben Stunde und pries Gott und predigte/redete von ihm zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten. Als sie alles vollendet hatten nach dem Gesetz Gottes, kehrten sie wieder zurück nach Galiläa in ihre Stadt Nazareth. Das Kind aber wuchs und wurde stark, voller Weisheit, und Gottes Gnade lag auf ihm.

Diese Geschichte ist in einem Fresko in der Abtei von Pomposa in Italien – zwischen Venedig und Ravenna an der Adria – aufgenommen.

In der Mitte sehen Sie die Hände Simeons, die sich von rechts dem Jesuskind entgegenstrecken, das noch auf dem Arm von Maria sitzt, Maria in einem tiefblauen Gewand. Rechts neben Simeon sehen wir die Prophetin Hanna im grünen Gewand. Das ganze Bild zeigt vier Personen sehr paritätisch angeordnet: Josef hinter Maria – in der Mitte Christus – und rechts Simeon und Hanna. Josef hält 2 Tauben in den Händen, Simeon will das Kind anfassen und Hanna hält die Schriftrolle in ihrer linken Hand, die sie anscheinend liest und vorliest, denn im Hebräischen wird von rechts nach links gelesen und genauso hält sie diese Rolle auch. Auf diesem Bild soll erkannt werden: Diese Hanna hat wirklich gelesen, sie war weise und als Prophetin hat sie geweissagt.

Die Darstellung zeigt keine Rollenstereotypen: Aber diese Deutung des Freskos aus der Kirche von Pomposa ist nicht ungewöhnlich, denn es stammt aus der frühmittelalterlichen Zeit, in der Frauen noch mehr Raum gewährt wurde - in Kirchen und an Höfen. Wir erinnern uns dabei auch an Hildegard von Bingen in unserer Nähe aus der Zeit 1098-1179 und an die frühmittelalterlichen Schriftstellerinnen, die wesentlich zur heutigen deutschen Sprache beigetragen haben. Leider wurde ihr Wirken ab dem 13. Jahrhundert verboten und jäh beendet. Fortan hatten es Frauen innerhalb und außerhalb der Kirche schwerer und es brauchte viele Jahrhunderte, um daran etwas zu ändern. Deshalb hatte ich mich gefreut, als ich nachschaute, welche Texte für den heutigen Tag zur Lesung vorgeschlagen waren, als ich dort Hannah entdeckte, die im Lukasevangelium mit Namen und Herkunft aus dem Stamme Asser, was Glück und Segen bedeuten kann, und vor allem mit ihrem Beruf ganz genau benannt ist.

Bei meiner Ordinationspredigt über 1. Mose 12, 1 – 3 – auch hier in der Dankeskirche vor 30 Jahren – war das nicht so. In jener Passage ist ja nur von Abraham die Rede, der von Gott weggeschickt wurde in ein anderes Land... Von Sarah steht dort nichts, obwohl sie natürlich auch dabei war. Sie sollte sich anscheinend mitgemeint fühlen – wie das vor 30 Jahren noch oft von uns Frauen verlangt wurde. Damals hatte ich deshalb ganz bewusst lange über Sarah gepredigt, mehr als von Abraham. Ich wollte den künftigen Gemeindegliedern zeigen, worauf ich ein Augenmerk legen will: Etwas zur Sprache zu bringen in der Seelsorge und Leben sichtbar zu machen – von Frauen und Männern.

Mittlerweile hat sich einiges geändert: Das Kapitel 8 im Lukasevangelium wurde zwar schon 1984 überschrieben mit: Die Jüngerinnen Jesu – aber diesen Begriff konnte ich 1988 nicht so ohne weiteres in der Gemeinde voraussetzen. In den vergangenen Jahrzehnten wurde daran weiter gearbeitet und nicht zuletzt versucht seit dem letzten Jahr die neuen Perikopenordnung für die gottesdienstlichen Texte einen neuen Akzent zu setzen, sodass die ganze Breite der biblischen Frauen und Männer aus der Bibel im Gottesdienst vorkommt.

Andere Felder in meinem Berufsleben waren nicht nur positiv – natürlich habe ich auch Enttäuschungen erlebt, Erfahrungen von verschlossenen Türen, Missverständnisse. Ich zähle das jetzt nicht einzeln auf, sondern lasse Sie lieber teilhaben, wie ich oft gerade deshalb auf einen besseren Weg geführt wurde, als ich selbst es vorher beabsichtigt hatte – und ich sage dazu auch, vom Geist Gottes geführt. Wegen der Verhinderung ursprünglicher Pläne, habe ich neue Arbeitsfelder entdeckte. Z.B. gab es da die Veränderung durch die Gesundheitsreform – das Wegfallen von Räumen – es brachte mich zur Konzentration auf die PatientInnen in den Kliniken und meiner expliziten Fragestellung: Was kann ich bewirken, wenn Menschen es erleben, zwischen Leben und Tod zu sein? Was ist Seelsorge? Der Begriff: Seele – der in meiner Ausbildung keine große Rolle spielte - rückte nun mehr und mehr in den Mittelpunkt. Die zentrale Frage meiner Berufstätigkeit war: Wie kann Seelsorge praktiziert werden – wenn ich den Heilungsauftrag Jesu ernst nehme, der ja nicht nur unmittelbar den damaligen Jüngerinnen und Jünger galt – sondern auch für mich. Ich suchte nach Methoden – ich blickte in andere Kulturen auf Traditionen und altes Wissen bei Menschen, die möglicherweise das Bibelwissen für Heilung noch bewahren konnten....

Die mögliche Kraft der Heilung benennt auch Simeon in unserem Text: „Nun haben meine Augen deine Heilungskraft gesehen, Gott, deinen Heiland“ (Luther) anstatt „deinen Retter“ (Sotärion sou). Etwas sehen – erkennen wollen - sagt Simeon und er ist nah an den Patientenerfahrungen: Zunächst können viele der kranken Menschen gar nicht nicht aussprechen, was mit ihnen in oder nach einer traumatischen Erfahrung ist... wer sie jetzt sind... Sie wissen auch nicht, ob da noch Rettung ist, haben kaum Hoffnung. In einer Seelsorge, die sich auf das Gespräch beschränkt, kommt man oft an diesem Punkt nicht weiter – wenn noch keine Worte da sind. In unserer Geschichte wird gezeigt, dass Simon Jesus anfasst und so begreift... Deshalb setzte ich auch unterschiedlichen Methoden in der Seelsorge ein: Malen – Musik – Bibliodrama: Da ging es auch um das Erleben, fühlen, sehen, malen, singen, meditieren – und erst so konnten sich danach die eigenen persönlichen – richtigen Worte formiere, Erkenntnisse reifen.

Viele Menschen haben mich bei dieser Arbeit unterstützt und ihnen möchte ich heute danken – allen, die praktisch mitgeholfen und organisiert haben – mitgedacht haben: Den Ärztinnen und Ärzten, Mitarbeitenden in den Kliniken, den KollegInnen in der Gemeinde und in der Klinikseelsorge im Dekanat von 1988 bis heute... Ich danke aber auch allen hier aus der Kirchengemeinde und meiner Familie, den Freundinnen und Freunden, allen, die mir ein Gegenüber waren, mir Mut gemacht – teilgenommen haben in den Veranstaltungen der Kurseelsorge früher – z.B. im Bibliodrama und ab 1994 der Frauenkreis, der mir so viel bedeutet hat über all die Jahre...

Meine Hoffnung ist, dass ich wie Simeon nach vorne schaue und lebe – die Hände ausstrecke nach dem Trost – dem Heilenden... und dass ich wie Hannah im Tempel Gottes bleibe – was nicht wortwörtlich zu verstehen ist, denn die Schlüssel von den Kirchen und Gemeindeamt muss ich ja leider abgeben! - aber innerlich kann ich doch bleiben - mehr und mehr spirituell wachsen – vielleicht auch hier und da etwas weissagen....
 
Ich wünsche Ihnen allen, dass Sie auch von Gott in Ihrem Leben etwas erwarten - und die Hände danach ausstrecken – nach dem Heilenden...

Möge die göttliche Geistes Kraft uns führen und das Licht Gottes uns alle erhellen.
AMEN

zur Christvesper am Heiligen Abend 2019 von Vikar Ingmar Bartsch

Liebe Gemeinde,

Gnade sei mit Euch und Frieden von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.

Wir erleben gerade die längste Friedensperiode unserer Geschichte. Ein Blick über Europa hinaus zeigt aber deutlich: Frieden kann niemand garantieren. Frieden ist fragil und oft genug ist er mit Kompromissen verbunden. Bei Jesaja haben wir heute gelesen, dass Gott Frieden für sein Volk ankündigt. Und wir haben von den Engeln gehört, die den Frieden Gottes auf Erden verkünden.

Die Sehnsucht nach Frieden ist so alt, wie die Menschheit selbst. In zahllosen Liedern wird er besungen. „Lass mich in Frieden!“ sagen manche Menschen, die ihre Ruhe haben wollen. „Der ungerechteste Frieden ist besser, als der gerechteste Krieg,“ sagte einst Cicero und man stutzt bei diesen Worten ein wenig. Humorvoller hat es ein unbekannter Künstler ausgedrückt: „Der einzige Ort, an dem man stets Frieden, Gesundheit, Reichtum und Glück findet, ist das Lexikon.“ Es gibt übrigens den so genannten Weihnachtsfrieden. In dieser Zeit um Weihnachten verschicken Ämter keine Knöllchen oder andere Bescheide, die den Empfänger belasten. Manche von Ihnen kennen den Begriff Weihnachtsfrieden auch aus einem anderen Zusammenhang. Im ersten Weltkrieg schwiegen zu Weihnachten 1914 die Waffen und britische und deutsche Soldaten feierten gemeinsam.

Eine weitere Spielart des Friedens ist der Burgfrieden. Vielleicht haben Sie schon einmal etwas davon gehört. Der Burgfrieden ist eine mittelalterliche Erfindung. Er war notwendig, wenn die Besitzer einer Burg untereinander zerstritten waren. Diese stellten ihre Konflikte zurück, und gingen vereint gegen Feinde vor. Gelöst waren die internen Konflikte davon natürlich nicht. Aber Cicero wäre sicher zufrieden gewesen. Zumal der Burgfriede ja ein echter Friede ist. Und manchmal ist er in den eigenen vier Wänden auch heute noch nützlich. Denn Frieden ist so ein wertvolles und zerbrechliches Gut.

Ob die Hirten bei Bethlehem auch eine Art Burgfrieden hatten? Lukas verrät uns wenig über die Hirten. Ich würde da ehrlich gesagt mehr erfahren wollen: Wie lebten sie? Waren sie Außenseiter oder übten sie einen normalen Beruf aus? War es normal, dass sie mitten in der Nacht draußen waren? Wir können nur vermuten. Lukas belässt es bei dem lapidaren „Und es waren Hirten in der selben Nacht auf dem Felde, die hüteten des Nachts ihre Herde.“ Vor welchen Bedrohungen sie ihre Schafe wohl beschützt haben? Vor wilden Tieren? Vor dreisten Viehdieben? Vielleicht waren die Hirten untereinander fürchterlich zerstritten. Aber um ihre Arbeit tun zu können, haben sie das in den Hintergrund gestellt. Vielleicht fiel es ihnen schwer, einander auszuhalten. Vielleicht gingen sie sich schon lange gegenseitig auf den Keks. So wie manchem die entfernte Tante, die jedes Jahr bei der Familienfeier dabei ist. Für das höhere Ziel, die Herde, haben sie ihre eigene Unzulänglichkeit und ihre gegenseitige Abneigung ignoriert. Sich etwas besser benommen. Etwas geduldiger auf andere reagiert.

Was wir definitiv von Lukas erfahren: Die Hirten hörten als erste die weihnachtliche Friedensbotschaft. An diesem Abend, dem ersten Weihnachtsfest, waren die Hirten draußen. Und plötzlich wurden sie aus ihrem Alltag gerissen. Das kam so unvermittelt und es muss so beeindruckend gewesen sein, dass sie große Angst hatten. Schon dieser eine Engel, der zuerst erschien, muss die Hirten völlig aus der Bahn geworfen haben. Und Engel tauchen immer da auf, wo Gott etwas Wichtiges zu verkünden hat.

Das erste Weihnachten war ein überwältigender Einbruch von Gottes Herrlichkeit in den Alltag der Menschen. Auch wenn es etwas simpel klingt: Ich persönlich kann das nachvollziehen. Es ist fast schon amüsant, aber mit präziser Regelmäßigkeit kommt Weihnachten plötzlich und unerwartet. Man wacht morgens auf und der Heilige Abend ist da. Ich habe Adventskalender. Ich weiß also, dass das Datum über Nacht vom 23. auf den 24. wechselt. Aber es kommt immer unvermittelt. Es gäbe noch genügend zu tun. So vieles ist noch nicht vorbereitet. Dieses wunderbare Fest kommt immer plötzlich und unerwartet mitten in meinen Alltag. Mitten in meine unfertige Weihnachtswelt. Vielleicht geht Ihnen das auch so. Eben noch die letzten Handgriffe an den Weihnachtsvorbereitungen getan und schon sitzen Sie hier in der Christvesper.

Für die Hirten war dieser Einbruch in den Alltag natürlich drastischer: Ihnen wurde eine unglaubliche Botschaft verkündet. Der, auf den alle Welt gewartet hat, der Friedensbringer, der göttliche Hoffnungsträger, er ist da. Geboren in einem Stall in Bethlehem. Gott selbst ist auf die Erde gekommen. Es wird nicht berichtet, dass die Hirten lange diskutiert haben. Sie zögern keinen Augenblick und laufen sofort los. „Lasst uns nun gehen nach Bethlehem!“ Und dort finden sie das, was die Engel ihnen angekündigt haben. Sie sehen das Kind.

Mit dem Entschluss, nach Bethlehem zu gehen, verlassen die Hirten den Alltag und tauchen ein in das Weihnachtsgeschehen. So ist unser Erleben heute mit den Erfahrungen der Hirten verwoben. Sie gehen los, lassen sich auf diese Botschaft ein, sehen das Wunder der Menschwerdung Gottes. Erleben Gottes ganze Zuwendung. Erfahren einen besonderen Frieden. Die Begegnung mit dem Kind muss so beeindruckend gewesen sein, dass sie jedem davon erzählten. Und egal, ob die Hirten ganz normale Menschen waren – wie Du und ich – oder Säufer und Raufbolde, sie haben erlebt: Gott hat sie nicht vergessen. Auch wenn ihr Alltag manchmal anders ausgesehen hat. Sie haben Frieden gefunden.

Und diesen Frieden konnten sie offensichtlich nicht selbst machen. Sie haben sich sicher angestrengt. Sie haben einander ertragen. Und das hat vermutlich ganz gut funktioniert. Sie konnten den äußeren Frieden wahren. Aber den inneren Frieden, den hat ihnen Jesus gebracht. Hier hat eine Veränderung stattgefunden. Das erfahren wir vor allem dadurch, dass sie nach dieser Begegnung Gott loben und ehren. Und dann kehrten sie in ihren Alltag zurück. Weihnachten ist auch heute noch das Eintauchen in das Besondere. Davon werden wir auch heute noch verändert. Wie die Hirten. Und wir können ebenfalls verändert in den Alltag zurückkehren.

Wie kann das geschehen? Vielleicht können wir auch im Alltag ab und zu weihnachtliche Begegnungen mit der Friedensbotschaft Gottes schaffen. In der Stille. Im Gebet. Im Lesen der Bibel. In der Begegnung mit Menschen. Vielleicht werden wir gnädiger zu anderen, weicher. Denn Gott kam ja als Neugeborenes. Vielleicht werden wir gnädiger zu uns selbst. Wir dürfen Schwächen haben. Wir dürfen Fehler machen. Wir müssen nicht vollkommen sein. Wenn selbst Gott ein Kind wird, dann müssen wir keine Helden sein.

Vielleicht gerät dann einiges durcheinander: Das Misstrauen, in dem man sich eingerichtet hat. Die Urteile und Vorurteile, mit denen man lebt. Die Stumpfheit, die einen vor Verletzungen schützt, aber auch das Glück und die Freude domestiziert. Und die Rücksichtslosigkeit den Ärmeren und der ganzen bedrohten Schöpfung gegenüber. Da gehen einem die Ohren auf und die Augen und das Herz. „Friede auf Erden“, heißt es jetzt. „Und den Menschen ein Wohlgefallen!“

Mag sein, dass das alles ein bisschen dauert und nicht von heute auf morgen geschieht. Die Hirten sind ziemlich schnell angekommen. Die Weisen aus dem Morgenland haben bis zum 6. Januar gebraucht. Und es ist keine Schande, länger unterwegs zu sein. Weihnachten ist ja nur ein Anfang, damit der Friede Gottes, der alle menschliche Vernunft bei Weitem übersteigt, unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus bewahrt.

am 8.12.2019 von Vikar Ingmar Bartsch

Liebe Gemeinde,

ich stecke den Schlüssel ins Zündschloss drehe ihn herum. Kurz hört man den Anlasser und schon springt der Motor an. Manche von Ihnen drücken einfach nur einen Knopf und hauchen dem Wagen damit Leben ein. Das ist der Normalfall, fast eine Art Gesetzmäßigkeit. Natürlich gibt es Tage, an denen das Fahrzeug nicht anspringt. Aber das ist eher selten. Mir ist das in 20 Jahren nur zwei Mal passiert. In der Regel starten wir das Auto und können losfahren.

Es gibt viele Wenn-Dann-Gesetzmäßigkeiten in unserem Leben. Wenn eine bestimmte Melodie in der ARD ertönt, dann beginnt der Tatort. Wenn die Klingel erschallt, dann beginnt die Pause. Wenn ich ein paar Minuten Film bei Youtube anschaue, dann kommt die Werbung. Wenn ich den Wasserhahn aufmache, dann kommt Wasser raus. Zumindest meistens. Und wenn die Glocken läuten, dann beginnt der Gottesdienst.

Im Lukasevangelium gebraucht Jesus eine solche Konstruktion. Er sagt im 21. Kapitel: „Seht den Feigenbaum und alle Bäume an: wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, dann wisst ihr selber, dass der Sommer schon nahe ist.“ Das kennen wir auch. Wenn bei uns die Bäume anfangen zu blühen, dann wissen wir, es ist nicht mehr lange bis zum Sommer. Das ist so, Jahr für Jahr. Ich mag es sehr, dass Jesus oft bekannte Bilder wählt. Bilder aus dem Alltag, die wir gut nachvollziehen können. Wenn die Bäume blühen, ist der Sommer nicht mehr weit. Was aber will Jesus mit dieser Aussage bezwecken?

Und da wird es spannend. Er bezieht Dieses Wenn-Dann auf das Kommen der Herrschaft Gottes. Und seine Worte klingen endzeitlich. Sie klingen nach Apokalypse und nach dem Ende der Welt, wie wir sie kennen. Ich lese Lukas 21, die Verse 25 bis 33:

25 Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres, 26 und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. 27 Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. 28 Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.

Vom Feigenbaum

29 Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht den Feigenbaum und alle Bäume an: 30 wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wisst ihr selber, dass der Sommer schon nahe ist. 31 So auch ihr: Wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist. 32 Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis es alles geschieht. 33 Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen.

Es sind dunkle Bilder, die Jesus hier gebraucht. Die Kräfte des Himmels werden ins Wanken geraten. Menschen werden Angst haben und vergehen vor Furcht. Sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres. So wird es – sagt Jesus – sein, wenn Gottes neues Reich anbricht und er wiederkommen wird. So wird es sein, wenn die Welt, die wir kennen, zu Ende sein wird. Und das kann einem schon Angst machen. Wie schrecklich muss es sein, wenn die Welt in sich zusammenbricht.

Ich habe das Gefühl, dass uns solche Beschreibungen gar nicht so unbekannt sind. Denn es muss ja nicht das Ende der Erde sein, das uns aus der Bahn wirft. Es gibt im Leben einschneidende Ereignisse. Ereignisse, nach denen wir das Gefühl haben, dass es nicht weitergeht. In denen wir nicht mehr aus noch ein wissen, der Boden unter unseren Füßen wankt und wir nicht wissen, wo wir Halt und Hilfe finden sollen. Es sind Ereignisse, die unsere Welt eigene zusammenbrechen lassen.

In den letzten Jahren erleben wir verstärkt, dass die Natur aus den Fugen gerät. Weil wir gedacht haben, dass wir sie ohne Rücksicht ausbeuten können. Dass sie sich von allein regeneriert. Wir haben die Schöpfung nur halbherzig bewahrt und nun merken wir, dass die Natur bedroht ist. Und diese Bedrohung wirkt auf viele Menschen ebenfalls wie ein Weltuntergang. Das macht diesen Text übrigens wieder hochaktuell. Jahrelang haben wir gedacht, dass wir alles im Griff haben.

Und heute müssen wir sehen, dass unsere Handlungen gegenüber der Natur Konsequenzen haben. Und natürlich haben Handlungen Konsequenzen. Plötzlich wird also die Gefahr eines Weltuntergangs für viele Menschen wieder real. Es wird denkbar, dass sich das Meer erhebt und die Kräfte der Natur ins Wanken kommen.

Die Bilder aus diesem endzeitlichen Text sind uns also nicht fremd. Wir kennen es, wenn uns bange wird vor der Zukunft. Wir kennen es, wenn wir uns fürchten. Um unsere Gesundheit, um unsere Existenz, um liebe Menschen. Um den Frieden und unsere Gesellschaft. Um unsere Welt. Doch Jesus geht es hier nicht darum, Angst zu machen. Im Gegenteil.

Denn in all dem Chaos, von dem hier die Rede ist, ist Jesus der Bezugspunkt. Denn, so sagt er: „Der Menschensohn wird kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit.“ Und: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.“ Wenn alles zusammenbricht, wenn die Welt und der Himmel aus den Fugen geraten, dann kommt der Menschensohn von dort, wo das Chaos am größten ist. Nämlich auf einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. Und wenn nichts mehr Bestand hat, dann werden seine Worte nicht vergehen. Wir haben in ihm also einen Bezugspunkt. Und deshalb sind wir nicht orientierungslos.

Jesus will mit seinen Worten unseren Fokus neu ausrichten. Sie kennen das Sprichwort vom Kaninchen vor der Schlange. Ängstlich erstarrt das Kaninchen, weil es keinen Fluchtweg mehr findet. Wir nutzen dieses Sprichwort, wenn jemand auf die Probleme fixiert ist und nicht nach einer Lösung sucht. Und das will Jesus verhindern, indem er uns einen Blickwechsel anbietet. Vor dem Chaos, unseren Ängsten, Nöten, Sorgen und Problemen müssen wir nicht kapitulieren. Wir können mit dem Blick auf Jesus hindurchgehen.

Deshalb spricht er zu uns: Wenn all dies geschieht, dann seht auf und erhebt Eure Häupter. Und zwar in die Richtung, aus der Eure Erlösung kommt. Dann seht zu mir, bringt Eure Sorgen und Eure Ängste zu mir und vertraut mir. Vielleicht ist es unerwartet, aber manchmal kommt mitten aus der Unruhe, aus der Katastrophe die Hilfe. Diese Hilfe kann durch Gottvertrauen kommen. Sie kann durch ein Gebet kommen. Oder durch Menschen, die für uns zum Christus werden, die Jesu Liebe und Erlösung in unserem Leben erlebbar machen.

Durch die Nachbarn, die uns in schwerer Krankheit etwas zu Essen kochen und uns unterstützen. Durch Menschen aus der Gemeinde, die uns zusagen, für uns zu beten. Manchmal kommt die Hilfe, indem wir beim Lesen in der Bibel neue Hoffnung schöpfen. So lenkt Jesus unseren Blick weg von den Zeichen des Untergangs hin zu Gott.

Jesus sagt übrigens nicht, dass alles gut wird. Er sagt nicht, dass wir keine Angst mehr haben werden, wenn wir auf ihn sehen. Und er sagt auch nicht, dass es keine Katastrophen geben wird. Oder dass wir nur fest genug glauben müssen, damit uns nichts passiert und alles gelingt.

Aber er sagt, dass wir darauf vertrauen dürfen, dass wir nicht allein sind. Er sagt, dass wir zu ihm sehen dürfen, wenn alles aus den Fugen gerät. Dann seht auf und erhebt Eure Häupter, weil sich Eure Erlösung naht. Dann erinnert Euch daran, dass Himmel und Erde vergehen, meine Worte aber bestehen bleiben. Das heißt: Erlösung wird kommen. Das sagt der Text deutlich. Die Katastrophe ist nicht das Ende. Denn am Ende steht die Befreiung von der Katastrophe.

Wir befinden uns gerade mitten im Advent. Früher war das eine Fastenzeit. Damit hat man das Warten auf Weihnachten deutlich gemacht. Wir warten auch heute auf Weihnachten. Alles läuft auf diese zweieinhalb Tage vom 24. bis 26.12. zu. Und da passt die Aussage des heutigen Textes sehr gut. Denn die gesamte Adventszeit ist auf die Ankunft des Jesuskindes ausgerichtet. Und an den Adventssonntagen werden wir daran erinnert, dass Jesus kommt. Als Kind in der Krippe. Als Erlöser zu jedem von uns.

Was ist nun mit der Wenn-Dann-Gesetzmäßigkeit vom Anfang? Der Blick nach oben verändert – wie eben gesagt – nicht sofort unser Leben. Probleme sind nicht sofort verschwunden. Die Wenn-Dann Gesetzmäßigkeit ist also nicht: Wenn die Welt aus den Fugen gerät, macht Gott sofort alles besser. Der Blick nach oben verändert aber unsere Perspektive. Und das kann uns helfen, wenn wir ratlos sind oder gar nicht mehr weiterwissen. Und diesen Blickwechsel dürfen wir für uns gerne zu einem Wenn-Dann-Gesetz werden lassen. Wenn die Welt aus den Fugen gerät, dann seht nicht auf die Probleme. Seht nach oben, zu Gott, zu Jesus.

Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.

zum Ewigkeitssonntag am 24.11.2019 von Pfarrerin Susanne Pieper

Gottes Liebe, die Gnade unseres Herrn und Bruders Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen!

Liebe Gemeinde,

es war auf dem Gleis 7 auf dem Hamburger Hauptbahnhof. Vor mir ging eine kleine Gruppe von Reisenden auf zwei Bahnbeamte zu und fragte hektisch: „Wo fährt der Regionalzug nach Kiel ab?“ „Immer den roten Lichtern nach“, antwortete einer der beiden – so, als hätte er diese Antwort schon oft gegeben. Und schon eilte die Gruppe weiter, und ich hinterher; mit der inneren Unruhe, die mich auf Bahnhöfen immer erfasst, und der Frage, ob ich den Zug wohl noch bekomme, ob ich nicht zu spät dran bin. Doch da stand er ja noch, und alles war in Ordnung.

Die Angst, zu spät zu kommen. Vielleicht kennt jeder Mensch sie. Die Angst, zu spät zu kommen, hat auch die ersten Christinnen und Christen beschäftigt. Sie warteten darauf, dass der auferstandene Christus wiederkommt. Sie lebten in dieser Hoffnung, auch wenn sie nicht wussten, wie und wann das geschehen würde.

Folgendes Gleichnis aus dem Matthäusevangelium spiegelt etwas davon wider: „Dann wird das Himmelreich mit der Geschichte über zehn Mädchen verglichen werden. Sie nahmen ihre Fackeln und gingen hinaus, um dem Bräutigam zu begegnen. Fünf von ihnen waren naiv und fünf schlau. Denn die Naiven nahmen ihre Fackeln, aber sie nahmen kein Öl mit sich. Die schlauen jedoch nahmen Öl in den Gefäßen zusammen mit ihren Fackeln mit. Als der Bräutigam auf sich warten ließ, wurden sie alle müde und schliefen ein.

Mitten in der Nacht aber ertönte ein lautes Rufen: ‚Der Bräutigam ist da! Geht hinaus, ihm entgegen.‘ Da wachten die jungen Frauen alle auf und machten ihre Fackeln zurecht. Die Naiven aber sagten zu den Schlauen. ‚Gebt uns von eurem Öl, denn unsere Fackeln verlöschen.‘ Die Schlauen antworteten jedoch: ‚Dann wird es bestimmt nicht für uns und für euch reichen. Geht lieber zu den Händlern und kauft euch welches.‘ Während sie weggingen, um einzukaufen, kam der Bräutigam. Und die, die fertig vorbereitet waren, gingen mit ihm zur Hochzeitsfeier, und die Tür wurde geschlossen. Später kamen die übrigen jungen Frauen und sagten: ‚Herr, öffne uns!‘ Er aber sagte: ‚Ich kenne euch nicht.‘ So seid wach, denn ihr kennt weder Tag noch Stunde!“

Ich gebe zu, liebe Gemeinde: ich habe mich über eine lange Zeit mit dieser Geschichte von den zehn jungen Frauen schwer getan. Denn ich habe sie moralisch verstanden: du darfst nicht naiv sein; du musst dich immer klug verhalten. Du musst auch im religiösen Sinne alles richtig machen, um bestehen zu können, um zuletzt dazu zu gehören. Doch darum geht es nicht in dieser Geschichte von der Ankunft des Bräutigams. Es geht in der Bibel nicht um Leistungen, die wir Menschen erbringen müssen, um vor Gott bestehen zu können. Und dann war da noch die Frage: Warum geben die Klugen den Naiven nichts ab? Warum teilen sie nicht? Dann hätten doch alle etwas davon. Aber offensichtlich geht es darum nicht.

Ich möchte diese Geschichte darum heute vielmehr auf die Symbole hin befragen, die in ihr verborgen sind. Und was sie uns heute, an diesem besonderen Tag des Gedenkens sagen können.

„Seid wach, denn ihr kennt weder Tag noch Stunde“ - diese Worte Jesu sind und bleiben im Ohr. Es geht um das wachsame Warten, und das tun ja anfangs alle zehn jungen Frauen in dieser Geschichte.

Warten – vielleicht erinnern auch Sie sich konkret an Zeiten oder an Momente, in denen Sie warten mussten. Auf einen Termin, auf einen Anruf, auf „bessere Zeiten“, auf Genesung und Besserung – oder schließlich auch darauf, dass ein Mensch nach langer Krankheit, in der es keine Aussicht mehr gab, doch auch gehen konnte, loslassen konnte, sterben konnte. Die Zeit des Wartens ist eine anstrengende Zeit. Weil sich in ihr alle unsere Kräfte konzentrieren, unsere Sehnsüchte, unsere Ängste und unsere Aufmerksamkeit. Und wie oft ist diese Zeit eine Zeit des stillen Gebetes und des Flehens zu Gott!

„Gebt uns von eurem Öl!“ sagt die eine Gruppe der jungen Frauen zu der anderen Gruppe. Doch die antwortet: „Dann wird es bestimmt nicht für uns und euch reichen. Geht lieber zu den Händlern und kauft euch euer eigenes.“ Jeder Mensch muss seinen eigenen Weg gehen. Jede und jeder muss auch sein oder ihr eigenes Leben leben. Und weiterleben. Wir können uns da nichts von jemand Anderem leihen. Es ist der ureigenste Weg; der ganz eigene, der meine Antworten auf die neue Situation erfordert. Wenn ich in Trauer bin oder wenn ich es gewesen bin, so weiß ich, dass niemand mir diese Trauer abnehmen kann. Ich muss selbst meine eigenen Schritte hindurchgehen. Diese Suche nach neuen Wegen kann anstrengend sein, und das Warten auf andere Zeiten kann sehr schmerzen. Aber vielleicht bitten mich später andere Menschen selbst um Öl für ihre Lampen. Vielleicht fragen sie: „Wie hast du das geschafft? Wie bist du da hindurch gekommen? Sagst du mir, wie das geht?“

Die Logotherapeutin Elisabeth Lukas hat einen wichtigen Satz gesagt. Der heißt: „In der Trauer lebt die Liebe weiter.“ Ja, wir tragen die Liebe für den geliebten Menschen weiter in uns. Sie bleibt uns. Die Liebe begleitet uns. Und durch die Erinnerung wird sie noch teurer, noch kostbarer und noch wertvoller. Und es ist schön, wenn wir stolz und dankbar dafür werden, dass wir sie im Leben erleben und erfahren durften!

In der Geschichte von den jungen Frauen geht es um das Öl. Öl ist das Symbol für eine Energiequelle. „Habe ich genug Öl in meiner Lampe, in meinem Gefäß?“ Ich verstehe das so: achte ich in dieser Zeit auch auf mich selbst? Dass ich noch Ressourcen habe? Gehe ich gut mit mir selbst um? Tue ich mir selbst Gutes, gerade auch in der anstrengenden Trauerzeit? Gehe ich spazieren, gönne ich mir eine wohltuende Massage, suche ich den Kontakt zu Menschen, die mir gut tun? Im Hier und Jetzt meines Lebens?

Klug ist es, sagt unsere Geschichte, auch gelassen zu sein und getrost schlafen zu können, Gott alles in die Hände zu legen. Schlafen und ausruhen und nichts tun. Auch das darf dazugehören. Auch die zehn jungen Frauen haben sich ihre Schlafzeit genommen. Die Trauerzeit ist eine kräftezehrende Zeit. Da brauchen wir besonders viele Ruhezeiten, unser Körper und unsere Seele braucht sie, damit wir zu neuen Energien finden.

Das Öl in der Geschichte steht für eine Energiequelle. Eine Kollegin schrieb: „Es steht für Glaube, Liebe und Hoffnung.“ Ich finde, das ist ein schöner Gedanke! Wir brauchen genug „Öl“, um durch den dunklen Weg der Trauer hindurch zu kommen. Mein „Öl“, meine Kraftquelle, das kann der Glaube sein, das Vertrauen, dass ich trotzdem getragen bin. Dass da jemand ist, der mich bei der Hand hält und der auch dann einen Weg für mich weiß, wenn ich ihn noch nicht sehen kann.

Mein „Öl“, meine Energiequelle, das kann die Liebe sein, die Erinnerung an all die Liebeszeichen, die ich von dem Menschen bekommen habe, der von mir gegangen ist. Sie werden immer bei mir bleiben, und sie werden sich in Dank verwandeln. Und mein „Öl“, das kann meine Liebe sein, mit der ich den geliebten Menschen den guten Händen Gottes und seiner umfassenden Güte anvertraut habe. Jesus sagt: „Bleibt in meiner Liebe!“ und „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid - ich will euch erquicken, ich will euch aufatmen lassen.“ Zu ihm sind wir eingeladen. Mit seiner Auferstehung hat er uns die großartige, die umstürzende Hoffnung auf ein neues Leben bei Gott gebracht.

Ja, das Gleichnis von den zehn jungen Frauen schenkt eine große Aussicht. Es sagt: Dein „Öl“, deine Energiequelle, kann die Hoffnung sein. Es ist klug, damit zu rechnen, dass der Bräutigam wirklich kommt; dass es ein Fest geben wird und dass wir wirklich dazu eingeladen sind. Es ist klug, damit zu rechnen, dass Gottes Versprechen wahr werden: dass er die Tränen abwischen wird von unseren Augen und der Tod einmal nicht mehr sein wird. Es ist klug, weiter zu blicken als unsere Augen eigentlich sehen können. Gott wird verbinden, was hier getrennt ist. Da werden das Warten und die Sehnsucht zu Ende sein. Da wird Wärme und Liebe sein. Freude und Wiedersehensfreude. So wie es Ernesto Cardenal, der Priester aus Nicaragua gedichtet hat:

Wir sind noch nicht im Festsaal angelangt,

aber wir sind eingeladen.

Wir sehen schon die Lichter

Und hören schon die Musik.

Und Gottes Friede, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

am 1.9.2019 von Pfarrer Rainer Böhm

Hiob 23, 1-17
Hiob antwortete und sprach:
2 Auch heute lehnt sich meine Klage auf; seine Hand drückt schwer, dass ich seufzen muss. 3 Ach dass ich wüsste, wie ich ihn finden und zu seiner Stätte kommen könnte! 4 So würde ich ihm das Recht darlegen und meinen Mund mit Beweisen füllen 5 und erfahren die Reden, die er mir antworten, und vernehmen, was er mir sagen würde. 6 Würde er mit großer Macht mit mir rechten? Nein, er selbst würde achthaben auf mich. 7 Dort würde ein Redlicher mit ihm rechten, und für immer würde ich entrinnen meinem Richter!
8 Aber gehe ich nach Osten, so ist er nicht da; gehe ich nach Westen, so spüre ich ihn nicht. 9 Wirkt er im Norden, so schaue ich ihn nicht; verbirgt er sich im Süden, so sehe ich ihn nicht. 10 Er aber kennt meinen Weg gut. Er prüfe mich, so will ich befunden werden wie das Gold. 11 Denn ich hielt meinen Fuß auf seiner Bahn und bewahrte seinen Weg und wich nicht ab 12 und übertrat nicht das Gebot seiner Lippen und bewahrte die Reden seines Mundes bei mir.
13 Doch er hat's beschlossen, wer will ihm wehren? Und er macht's, wie er will. 14 Ja, er wird vollenden, was mir bestimmt ist, und hat noch mehr derart im Sinn. 15 Darum erschrecke ich vor seinem Angesicht, und wenn ich darüber nachdenke, so fürchte ich mich vor ihm. 16 Gott ist's, der mein Herz mutlos gemacht, und der Allmächtige, der mich erschreckt hat; 17 denn nicht der Finsternis wegen muss ich schweigen, und nicht, weil Dunkel mein Angesicht deckt.


„Würden Sie lieber mehr lieben und dafür mehr leiden oder lieber weniger lieben und weniger leiden? Das glaube ich ist am Ende die einzig wahre Frage.“
Mit dieser Frage beginnt der neue Roman des britischen Schriftsteller Julian Barnes, „Die einzige Geschichte“.

„Würdest du lieber mehr glauben und dafür mehr leiden oder lieber weniger glauben und weniger leiden?“ – Was Hiob da wohl antworten würde, wenn einer seiner Freunde ihm eine solche Frage stellen würde … Gerade sitzen sie zusammen. Aber sie reden nicht einfach über Gott und die Welt. Sie führen kein zwangloses und vielleicht gerade deshalb tiefsinniges Kneipengespräch.

Hiobs Freunde haben beste Absichten. Sie möchten helfen, trösten, selbst verstehen, den Sinn suchen. Nach Erklärungen, nach dem Sinn seines Leidens, nach Antworten sucht ja auch Hiob. Die große Frage nach dem Warum steht im Raum. Hiob geht sie gewissermaßen in einer absoluten Haltung an: Er versteht nicht nur die Welt nicht mehr, sondern auch Gott. Immer hat er ihm vertraut, immer hat er seine Weisungen beachtet. Er war „fromm, rechtschaffen, gottesfürchtig und mied das Böse“, so heißt es über ihn in der Bibel.

Man braucht nicht nach dem Sinn zu fragen, wenn es einem gut geht. Nach Katastrophen sind die Kirchen voll: Hiob ging es lange Zeit richtig gut. Er war reich, erfreute sich bester Gesundheit. Bei allen, die ihn kannten, war er beliebt. ER hatte was aus seinem Leben gemacht. Neben dem beruflichen Erfolg fand er Rückhalt und Ausgleich in seiner großen Familie. Und überheblich oder eingebildet war er auch nicht, sondern sozial und solidarisch und dankte Gott für sein Glück.
Aber dann trifft ihn ein Schicksalsschlag nach dem anderen. Er verliert fast seinen ganzen Besitz. Seine Kindersterben. Er wird krank. Manche seiner Freunde wenden sich von ihm ab. Aber diese drei halten weiter zu ihm.

Sie versuchen, das Leiden irgendwie zu erklären und einzuordnen – so wie wir es vielleicht auch tun würden. Was wir einordnen können, damit können wir besser umgehen, es leichter akzeptieren. Verantwortung und Schuld spielen eine Rolle in jedem Leben, auch in unserem.

Menschen lieben zu viel oder zu wenig. Machen sich schuldig auch gerade an denen, die ihnen besonders nahe sind. Es ist schwer, alles richtig zu machen und allen gerecht zu werden. Schuld gehört zu unserem Leben.

Aber lässt sich mit Schuld alles erklären?  Kommt das Leiden aus unserer Schuld? Es fällt schwer, im Leiden überhaupt einen Sinn zu sehen. Höchstens wenn es überstanden ist und man es im Nachhinein als eine Prüfung verstehen kann. Es sich von anderen mitten im Leid sagen zu lassen, das erscheint gnadenlos. „Alles wird gut hört sich dann ebenso erlogen an wie „Du bist selber schuld“ die höchste Form von Teilnahmslosigkeit darstellt.

Wer am Bett eines Kranken selbst ohnmächtig dem Leiden begegnet, im Wohnzimmer einer Familie, die jemanden verloren hat, der weiß, dass es keine einfachen Antworten gibt. Dass Erklärungen überhaupt nicht helfen, sondern alles noch schlimmer machen können. Der kennt diese Gemengelage an Gefühlen aus Hilflosigkeit, Zweifeln und Wut.

So geht es auch Hiob. Er hat so viele Fragen im Kopf. Diese eine Frage: nach dem Warum? Lässt ihn nicht mehr los. Warum trifft mich dieses Unglück, warum jetzt, warum keinen anderen? Hiob war ein leidenschaftlicher Anhänger Gottes. Jetzt wird er zum leidenschaftlichen Zweifler.

Hiob wird kein Atheist oder Agnostiker. Er tritt gewissermaßen nicht aus der Kirche aus. Aber er kann nicht mehr an Gottes Güte und Freundlichkeit glauben. Er erlebt keine Freundlichkeit mehr. Wir erleben das Unglück immer als Einzelne in unserem Leben. Plötzlich ragt es hinein, auch wenn es ein allgemeines Unglück ist oder war: Da sterben die nächsten Angehörigen, da verliert man seine Heimat, da wird man selbst in den Strudel gezogen: So wie Millionen Menschen in Mittel und Osteuropa, zwischen Stalin und Hitler im vergangenen Jahrhundert, in KZs, in Hungerkatastrophen, auf Schlachtfeldern und Todesmärschen, in Lagern … in endloser, den Menschen angetaner Gewalt. Die Brutalität des Krieges, von Menschen gemacht, erweist sich im Leben der Einzelnen. Und da ist weit und breit kein Gott. Oder?

Im frühen 18. Jhd gab es ein verheerendes Erdbeben in Lissabon. Bis die Nachricht damals Mitteleuropa erreichte – dauerte es Tage oder gar Wochen, die Menschen waren entsetzt – so wie wir vor einigen Jahren nach dem verheerenden Tsunami vor Indonesien und Thailand zu Weihnachten.  Es war auch eine große Verunsicherung des europäischen Gottesbildes. Ist denn Gott nicht allmächtig?  Oder ist er etwa zynisch? Wie kommt das Böse in die Welt?

Der Philosoph Leibniz hat sich mit allen möglichen verschiedenen Übeln auseinandergesetzt. Geduldig sucht er Antworten auf die Existenz des Übels. In unerschütterlichem vertrauen auf die Liebe Gottes kommt er immer wieder zu dem logischen Schluss, dass Gott die beste aller möglichen Welten geschaffen hat. Und selbst aus dem Bösesten wird Gott Gutes entstehen lassen.

Eine andere Lösung, die mir sehr einleuchtet, das ist der Glaube an den mitleidenden Gott.  Das ist der Gott, der uns in Jesus Christus begegnet. Gott hat sich gar nicht abgewendet: er begleitet uns durch das Dunkel hindurch, er ist bei uns in unserer Not und weicht uns nicht von der Seite. Das sagt uns das Kreuz Christi.

„Würdest du lieber mehr glauben und dafür mehr leiden oder lieber weniger glauben und weniger leiden?“ – Hiob zieht Gott zur Rechenschaft, klagt ihn an, schreit ihn an, ringt und schimpft mit ihm. ER brüllt und lässt seinen Gefühlen freien Lauf. Der Gott soll es ruhig wissen, was er da anstellt. Hiob rennt nicht weg und schmeißt nicht hin. ER kommt von Gott nicht los, von der Frage nach Gott auch nicht.

Sein Unglück findet Worte und wird zur Klage. Vielleicht liegt darin ein erster Schritt zur Besserung. Denn es ist gut, wenn wir Worte für unsere Klage finden, wenn wir den Schmerz fühlen und zulassen und ausdrücken können.

Erst ganz am Ende antwortet Gott diesem zornigen und aufgewühlten und verzweifelten Beter. Nicht so, wie Hiob es gerne hätte. Das Leid kann nicht weggewischt werden; das Warum bleibt im Raum. Aber Gott wendet sich nicht ab. ER bleibt auch nicht stumm. ER hört Hiobs Klagen und Hiob kann ihn wieder hören. Über Ihn schreibt die Bibel am Ende seines Buches: „Und Hiob starb alt und lebenssatt.“
Amen

am 11.8.2019 von Pfarrerin Susanne Pieper

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn und Bruders Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen

Liebe Gemeinde,

ich möchte Sie heute morgen dazu einladen, mit mir ein wenig zu träumen. Zu träumen von einer Welt, in der jeder Mensch genug von allem hat. Zu träumen von einer Welt, in der es keinen Krieg gibt und keine Gewalt. Und in der Menschen, die aus ganz verschiedenen Nationen kommen, sich friedlich und auf Augenhöhe begegnen. Solche Träume von einer anderen, einer besseren Welt haben ihre Wurzeln in alten Verheißungen. Verheißungen, die manche Menschen schon lange vor uns in sich getragen haben. Eine von ihnen ist die Friedensverheißung des Jesaja. Ich lese sie aus dem 2. Kapitel seines Buches; es ist der Predigttext dieses Tages.

„In einer Vision empfing Jesaja, der Sohn des Amoz, diese Botschaft für Juda und Jerusalem: Am Ende der Zeit wird der Berg, auf dem der Tempel Gottes steht, alle anderen Berge und Hügel weit überragen. Menschen aus allen Nationen strömen dann herbei. Viele Völker ziehen los und rufen einander zu: ‚Kommt, lasst uns auf den Berg des Herrn steigen, zum Tempel des Gottes Israels! Dort wird er uns seinen Weg zeigen, und wir werden lernen, so zu leben, wie er es will.‘ Denn vom Berg Zion aus wird Gott seine Weisungen ausgeben, und sein Wort von Jerusalem aus verkünden.

Und Gott selbst wird den Streit zwischen den Völkern schlichten und das Recht zwischen den Nationen sprechen. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Speere zu Winzermessern. Kein Volk wird mehr das andere angreifen; und sie werden nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Kommt nun, ihr Nachkommen von Jakob, lasst uns schon jetzt im Lichte Gottes leben!“

Jesaja, der Profet, zeichnet hier ein großartiges Bild der Hoffnung, die sog. Zionswallfahrt der Völker: viele Nationen kommen aus freien Stücken nach Jerusalem, um gute Weisung für ihr Zusammenleben zu erhalten. Sie kommen zu Gott, weil sie von ihm ein gerechtes Urteil erwarten. Und mit seinem Urteil fühlen sich die Streitparteien offenbar so tief verstanden, dass nicht einer als Sieger und der andere als Verlierer da steht, sondern dass sie echten Frieden schließen! So wird Gott zum Vermittler zwischen Völkern. Alle kommen zu ihrem Recht, sie müssen nicht mehr gegeneinander kämpfen. Friede wird möglich, ja sie verlernen sogar das Kriegshandwerk. Tötungsinstrumente werden zu landwirtschaftlichen Geräten umgebaut. Statt Aufrüstung also Abrüstung. Statt Zerstören der Erde Bebauen der Erde. Angriffsszenarien und Verteidigungspläne sind nicht mehr nötig. Der Friede ist für immer da.

Welch ein Gegenbild zu unserer Welt! Täglich erreichen uns Nachrichten von Kriegen und Konflikten. Zwar wurden in den 90er Jahren internationale Abkommen zur Rüstungskontrolle geschlossen. Trotzdem aber tobt zur Zeit in Syrien einer der schrecklichsten Kriege. Im Stellvertreterkrieg im Jemen, in Afghanistan oder im Sudan leiden unzählige Menschen unter Krieg, Gewalt, Hunger und Seuchen. Ich denke aber auch an die eskalierte Situation am Golf, an den Handels- und Währungskrieg zwischen den USA und China, an die drohende atomare Aufrüstung, nachdem der INF-Vertrag 2018 von den USA aufgekündigt wurde.

Angesichts all dessen klingt die Vision eines Friedensreiches, so wie der Profet Jesaja sie schaut, doch sehr weltfern. Sehr utopisch. Ist es die Beschreibung eines St. Nimmerleintages? Oder ist es die Vision vom Ende aller Tage?

Sicher ist: es ist keine Beschreibung der Welt, so wie sie jetzt ist. Vielmehr betrachtet der Profet seine Wirklichkeit von der Zukunft her – von jener Zukunft Gottes, die ihm schon jetzt vor Augen steht.

Jesajas Zeit damals war ganz sicher genauso wenig friedlich wie unsere heutige Zeit. Das kleine Land Juda war umgeben von konkurrierenden Mächten. Der judäische König hatte sich schon der Großmacht Assyrien unterworfen, versuchte aber trotzdem noch zusammen mit anderen Kleinstaaten den Aufstand. So wurden Juda und Jerusalem durch das assyrische Heer bedrängt. Und schließlich auch besiegt und mit hohen Tributzahlungen belegt. Doch schon bevor es soweit gekommen war, mitten hinein in diese unruhige Zeit, rief Jesaja dazu auf, nach Gottes Weisung zu fragen und sich nicht allein auf zerbrechliche politische Bündnisse zu verlassen.

Er zeichnet ein Gegenbild zur üblichen Machtpolitik. Entwirft das Bild eines Friedensreiches, wie Gott es verheißt. Es ist ein fulminantes Friedenswort, das mitten hineinspricht in eine zutiefst unfriedliche Welt:

„Und Gott wird Recht sprechen zwischen den Nationen. Dann wird kein Volk mehr das andere angreifen, und niemand wird mehr lernen, Krieg zu führen.“ Das klingt zu schön, um wahr zu sein. Und doch: wie verlockend ist dieser Gedanke! Wenn ich mit Menschen spreche, die fast 90 Jahre alt sind, dann höre ich diesen großen Wunsch. Dann erzählen sie von Krieg und Vertreibung. Und ich spüre fast am eigenen Leib, wie nahe für sie dieses Thema noch immer ist. „Wir wissen, wie das war“, sagen sie. „Wir haben das alles gesehen. Kriege bringen Kinder um ihre Kindheit. Kriege zerstören die Liebe. Sie zerstören Familien. Kriege bringen nur Leid. Ich will, dass Menschen das nie wieder erleben müssen.“ Gerade aus den Erfahrungen des letzten Krieges erwächst die unendlich große Sehnsucht danach, den Frieden zu halten und ihn zu bewahren.

Jesaja schaut aus der Zukunft Gottes auf seine Gegenwart. Damit tröstet er sein Volk. Sagt damit: „Es werden andere Zeiten kommen. Gott wird größer sein. Auch Assyrien wird gerichtet werden und seine Macht abgeben müssen.“ So hilft er seinem Volk, nicht zu verzweifeln. Militärische Macht wird ihre Kraft verlieren. Schwerter zu Pflugscharen.

Schwerter zu Pflugscharen!? Das war doch das Motto der kirchlichen Friedensbewegung vor über 30 Jahren. Gruppen in Ost- und Westdeutschland haben damals gegen die atomare Aufrüstung demonstriert. Auch ich war damals dabei, als blutjunge Studentin gegen die Mittelstreckenraketen in Mutlangen. Viele Jugendliche trugen Aufnäher mit diesem Satz auf ihren Parkas, obwohl sie das in der DDR ihre berufliche Zukunft kosten konnte. Sie wollten sich von der Staatsmacht einfach nicht mehr einschüchtern lassen. Viele Einzelaktionen trugen damals dazu bei, dass Menschen ihre Angst verloren und massive Veränderungen forderten. Wir hier im Westen haben das damals z.T. atemlos beobachtet. Friedrich Schorlemmer feierte 1983 mit 600 Menschen eine „Schmiedeliturgie“ im Innenhof des Lutherhauses in Wittenberg. So wurde das Motto „Schwerter zu Pflugscharen“ zum Aufruf der friedlichen Revolution in der DDR.

Was war da passiert? Eine biblische Vision pflanzte sich ein in die Köpfe und Herzen der Menschen. Sie machte sie mutig und half ihnen, auch bei den Montagsdemonstrationen und -gebeten friedlich zu bleiben, nicht zu provozieren, und so dazu beizutragen, dass die Mauer fiel. „Mit allem haben wir gerechnet, nur nicht mit Kerzen und Gebeten“, sagten die Machthaber später.

Schwerter zu Pflugscharen. Ein Bild kann Macht entfalten. Das lernen wir aus der jüngeren Geschichte Deutschlands. Ein Bild kann Hoffnung geben. Es bestärkt uns, nicht immer nur den Bedenken Raum zu geben, sondern auch der Hoffnung. Es könnte doch vielleicht möglich sein. Es könnte doch sein, dass Friedenskräfte wieder stärker werden. Hoffen ist Einüben in etwas, was noch nicht da ist. Das ist Jesajas Botschaft auch für uns: „Hofft auf Frieden und gebt nicht auf!“

Er schaut aus der Zukunft Gottes auf seine Gegenwart, und dabei geht es um einen Perspektivwechsel: wenn alle Beteiligten einfach so weitermachen wie bisher, dann wird sich die Spirale von Gewalt, Unterwerfung und Gegengewalt immer weiter drehen, bis in Ewigkeit. Aus Gottes Zukunft her betrachtet, zeigt sich aber: Frieden ist möglich! Nur Gottes Geist bringt Menschen auf diese Idee.

Für mich, liebe Gemeinde, ist das ein atemberaubender Gedanke. Ich möchte ihn glauben, allen meinen Zweifeln zum Trotz. Und manchen Ohnmachtsgefühlen zum Trotz, die mich manchmal beschleichen wollen. Und ich merke, wie sehr ich diese Vision vom Frieden brauche.

„Die Herren dieser Welt gehen. Aber unser Herr kommt!“ Dieser Satz von Gustav Heinemann gilt auch heute noch. Gott behält das letzte Wort. Ich will mit Jesaja an diesen Gott glauben, der den Frieden liebt und nicht den Krieg. Wo Kinder nicht mehr lernen müssen, andere zu hassen. Wo sie Kinder sein dürfen, spielen und lernen dürfen. Wo Erwachsene pfleglich mit der Erde umgehen, anstatt sie zu zerstören. Und ich bin froh, dass er ein Gott ist, der zwischen den Völkern schlichtet, das Recht zwischen den Nationen spricht. Weil dies bedeutet, dass Gott alle Nationen dieser Erde im Blick hat. Nicht nur die wenigen Großen, Reichen, Machtbesessenen, die meinen, an der ersten Stelle zu stehen. Er will auch für die Kleinen Gerechtigkeit. Alle kommen zu Wort. Es geht ihm also um den Ausgleich der verschiedenen Interessen, d.h. auch um das Wahrnehmen der Schwachen. Das ist auch für uns jetzt schon ein wichtiger Kompass, um die Konflikte in unserer Welt zu beurteilen.

An diesen Gott will ich glauben. Mit diesem Gott will ich durch meine Lebenszeit gehen.

Hochinteressant ist, wie die Friedensvision des Jesaja aufhört: „Kommt nun“, sagt er, „lasst uns schon jetzt im Lichte Gottes leben!“ Schon jetzt also ist es dran, nach Gottes Weisungen zu leben. Auch wenn sich die umfassende Friedensperspektive erst am Ende der Zeit durchsetzen wird. Schon jetzt im Lichte Gottes leben: Schritte zur Abrüstung suchen anstatt zur Aufrüstung, gerade auch der atomaren Aufrüstung. Streit schlichten, Brücken bauen, immer wieder das Gespräch zwischen den Nationen suchen. Nur so gehen wir in den Spuren Jesu, unseres Meisters. Auch die anderen, die auf der gegnerischen Seite, sind Mitmenschen, sind Gottes Geschöpfe; auch sie lieben ihre Kinder. Gottes Liebe kann die Spirale von Gewalt und Gegengewalt durchbrechen.

„Kommt, lasst uns schon jetzt im Lichte Gottes leben.“ Gottes Licht scheint schon jetzt in unsere Gegenwart hinein. Das dürfen wir hoffen. Und damit können wir leben.

Und Gottes Friede, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

am 21.7.2019 von Pfarrer Rainer Böhm

Mt 9, 35 – 10,10

35 Und Jesus zog umher in alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen.

36 Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren geängstet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben.

37 Da sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter. Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende.

1 Und er rief seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen Macht über die unreinen Geister, dass sie die austrieben und heilten alle Krankheiten und alle Gebrechen.

2 Die Namen aber der zwölf Apostel sind diese: zuerst Simon, genannt Petrus, und Andreas, sein Bruder; Jakobus, der Sohn des Zebedäus, und Johannes, sein Bruder; 3 Philippus und Bartholomäus; Thomas und Matthäus, der Zöllner; Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Thaddäus; 4 Simon Kananäus und Judas Iskariot, der ihn verriet.

5 Diese Zwölf sandte Jesus aus, gebot ihnen und sprach: Geht nicht den Weg zu den Heiden und zieht nicht in eine Stadt der Samariter,

6 sondern geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel.

7 Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. 8 Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus. Umsonst habt ihr's empfangen, umsonst gebt es auch. 9 Ihr sollt weder Gold noch Silber noch Kupfer in euren Gürteln haben, 10 auch keine Tasche für den Weg, auch nicht zwei Hemden, keine Schuhe, auch keinen Stecken. Denn ein Arbeiter ist seiner Speise wert.

 

Liebe Gemeinde,

schon vor den Ferien haben wir Urlaub auf Kreta gemacht, wandern und schwimmen. Eigentlich braucht man dafür nicht viel Gepäck. Bade- und Wanderzeug. Sie glauben nicht, was ich alles zu viel dabei hatte! Schuhe, viel zu viele Hemden, Hosen, Wanderstöcke. Die Hälfte hätte genügt. Nun gut, es war ja auch kein Pilgerweg. Dort ist wenig Gepäck angezeigt, das habe ich neulich in einem Gespräch gelernt. Da kommt es auf jedes Kilo an.

Der ‚Geist der ersten Zeugen‘.

Aber hätte Jesus nicht fähigere Leute für seine Sache finden können als diese zwölf? Simon Petrus, impulsiv, vorlaut, schwankend in seinem Mut. Er hätte es wohl kaum bei uns ins Vikariat geschafft. Jakobus und Johannes, die „Donnersöhne“, sind ehrgeizig, mit der Neigung zum Jähzorn. Matthäus, der Zöllner mit dem schlechten Leumund. Thomas, der notorische Skeptiker. Simon Kananäus, der Zelot, ein Aktivist gegen die Römer. Und schließlich ja auch noch Judas Iskariot, der Kassenwart, der für eine Handvoll Silbergroschen zum Verräter wird. Was für eine Gurkentruppe. Wo war da der Personalberater? Hätte Jesus nicht geeignetere Leute finden können?

Vielleicht. Aber er hat sich genau diese zwölf ausgesucht. Oder genommen, die da waren und bereit. Wie seltsam, und  – wie tröstlich! Wenn Jesus solche Leute brauchen konnte, dann kann er wohl auch uns brauchen, dich und mich. Für Jesus ist niemand zu schwach und zu unvollkommen, als dass er nicht gebraucht würde für das Reich Gottes  – von der Mitarbeit im Kirchenvorstand über das Tellerspülen nach dem Osterfrühstück bis zum Austragen des Gemeindebriefes.

Jesus entsendet seine Jünger. In verstörender Weise werden die Jünger ermahnt, wie ihr Herr zu handeln: ‚Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt böse Geister aus…‘ Wir werden auf einmal auf den Leib gewiesen, auf seine Krankheiten, seine Entstellung, seine Erschöpfung, sein Ausgeliefertsein an böse Mächte. Auch das ginge uns etwas an? Ein fremdes, ein faszinierendes Bild von Kirche. Heilung, uns ja nicht fremd in der Kurstadt.

Als sei das noch nicht genug, legt Jesus noch eins nach. Muss man für diesen Auftrag nicht gründlich vorbereitet und ausgerüstet sein? Reiserücktritt, Auslandskrankenversicherung? Nichts! ‚Ihr sollt weder Gold noch Silber noch Kupfer in euren Gürteln haben; auch keine Reisetasche, auch nicht zwei Hemden, keine Schuhe, auch keinen Stecken. Denn ein Arbeiter ist seiner Speise wert‘.

Arm und mittellos, nicht einmal einen Kupferpfennig in der Tasche, ohne belastendes Gepäck, sogar ohne einen Stock, mit dem er sich gegen Räuber und wilde Tiere verteidigen kann, soll der ‚Wanderer‘ im Namen Christi unterwegs sein. Kirche mit den und für die Armen. Nur der Wehrlose, der Angewiesene lebt wirklich mit dem anderen und ist glaubwürdiger Zeuge und Täter des kommenden Gottesreiches.

‚Wanderradikalismus‘ (G. Theißen) hat man diese Bewegung im Urchristentum genannt und bestaunt. Männer und Frauen, die von Ort zu Ort zogen, predigten, heilten und so zur Wurzel, zum Anfang der Kirche wurden. Wie die iroschottischen Mönche bei uns 700 Jahre später. Ging dieser Anfang verloren?

Meine Dienstwohnungen sind im Laufe von 35 Dienstjahren immer größer geworden. Papst Franziskus versuchte den Traum einer ‚Kirche für die Armen‘ zu erneuern. Einer Kirche ‚die zwar verbeult ist wie ein kleiner alter Fiat, doch auf die Straße geht. Er, der statt im Papstpalast im vatikanischen Pilgerhotel wohnt, sprang gleichsam zurück zu den ‚Wanderern‘ des Anfangs und machte sich mit ihnen gleichzeitig.

Dieses ‚Kurzschließen‘ der Zeiten hat viele Christen angesprochen, aber was bedeutet es konkret? Was ändert sich, wenn wir ihm folgen? Muss diese Kirche arm werden, mit den Betroffenen leben, statt von oben herab‘ zu betreuen oder zu versorgen? Das haben wir uns zb auch gefragt, bevor unser KV die große Spendenaktion für unsere Orgel gestartet hat. Es ist die größte Geldsammlung unserer Gemeinde seit über 100 Jahren, als die Dankeskirche vor allem aus Spenden gebaut worden ist.

Wir haben uns gesagt: das gehört zu unserer Mission hier, weil die Orgel und die Kirchenmusik in unserer Kurstadt eine große Rolle spielen. Sie wie die Musik tiefere Schichten unserer Seele erreicht, trösten und erbauen kann, uns einen Sinn für die Tiefendimension des Lebens zu geben vermag. Also halten wir daran fest: und wollen aber auch nicht vergessen, dass es vielen Menschen in unserem Land, geflüchteten zumal, Brüdern und Schwestern auf der ganzen Welt viel schlechter geht als uns. Und dass sie nicht nur unseres Gebets, sondern unserer materielle Hilfe bedürfen.

Je mehr man fragt, umso verlegener werden wir in der sog. ‚Mittelstands-Kirche‘, die nicht so richtig weiß, wo es hingeht, und dabei sorgenvoll über ihrem Geld und ihren Fortbestand grübelt. Mit Grund: Schließlich leben viele Menschen davon, dass sie in ihr arbeiten und ihren Lebensunterhalt verdienen. Erzieherinnen, Pflegedienste inklusive. Unsere Gemeinde sammelt für die Diakonie und für ‚Brot für die Welt‘, wir haben Kindergärten. Und wir haben auch eine Partnerschaft mit der Kirche von Nordindien. Wir haben Experten und Werke, die professionell und abrechnungsfähig ihren Klienten, den Kranken, den Obdachlosen, den Isolierten und Verarmten beistehen. Das ist Realität. Aber ist es das, was in Jesu Rede an die Jünger gemeint war? Etwas hakt.

Schauen wir wie Jesus noch einmal genau hin: Wir sind nicht Herr der Ernte, aber Erntehelfer will ich nach wie vor gerne sein. Wenn ich die Erntehelfer hier auf den Feldern in der Wetterau sehe, dann ahne ich, wie erledigt die am Abend sind. Das ist richtig anstrengende Arbeit. Und da stehen vermutlich keine Leute um sie herum, die ihnen auf die Schultern klopfen und sagen: “Das machst du aber toll!“

Zu meinem Glauben zu stehen, ihn zu leben: Das kann richtig anstrengend sein. Aber Erntehelfer sind wir als Christen nicht, weil wir immer Lust dazu haben oder damit andere sehen, wie toll wir sind und deshalb in der Kirche bleiben. Wir sind Erntehelfer, weil Gott uns dazu beauftragt. Weil wir daran glauben.

Und dabei haben wir nicht diesen Auftrag der ersten Zeugen, der zwölf von damals. Sie wurden ausschließlich zu ihrem jüdischen Volk gesandt. Wir haben den Auftrag des auferstandenen Jesus, am Ende des Mt.-Evangeliums, der bei jeder Taufe vorgelesen wird: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende“ (Mt 28).

Christ bin ich nicht nur für mich. Eine Gemeinde ist nicht nur für sich selbst da. Kirche ist Kirche für andere. Wenn wir uns nur um uns selbst drehen, dann läuft etwas ziemlich schief. Geht hin: das schreibt er uns ins Stammbuch. Fangt vor eurer Haustüre an, glaubwürdig und wertschätzend miteinander zu leben. Übt es, Menschen barmherzig anzuschauen. Lernt Menschen liebevoll anzusehen als Menschen vor Gott, wie Du einer bist. Lasst Gnade vor Recht walten. So nehmt ihr euren Auftrag als Erntehelfer ernst:

Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende. Amen

zur Konfirmation am 2.6.2019 von Pfarrer Rainer Böhm

Liebe Gemeinde, liebe Eltern und Familien, liebe Patinnen und Paten, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,

ich habe ein paar Steine mitgebracht.

Ich glaube das kennt jeder: Steine sammeln. Bei einer Freizeit mit Jugendlichen in der Toskana, an einem ziemlich steinigen Strand: da hab ich diesen Stein gefunden und war wie vom Donner gerührt. Das Kreuz in einem Stein. Seit wann ist es christliches Symbol? Und wie lange schon ist es in diesem Stein? Und warum? Bin ich gemeint? Ist das so etwas wie ein natürlicher Gottesbeweis? Das kann doch kein Zufall sein!

Ich habe dann angefangen, solche Steine zu sammeln, in Italien aber auch woanders. Heute habe ich ein ganzes Fensterbrett voll davon in meinem Gesprächszimmer im Pfarrhaus. Keiner war so schön wie der erste, aber es gibt sie immer wieder und natürlich sind sie nur ein Spiel der Natur, Gottes Natur allerdings.

Kurios, wie die sogenannten Hühnergötter, die man an der Ostsee findet, aber auch in Kalifornien oder sonst wo. Früher wurden sie als Amulette getragen und sollten zB die Hühner vor bösen Geistern (oder bösen Füchsen) bewahren. Dazu band man sie um die Hühnerhälse. 1960 fand sich der Begriff übrigens zum erstem mal im Duden der DDR; nach der Wiedervereinigung wurde er 1990 wieder gestrichen. Auch eine seltsame Geschichte.

Jedenfalls habe ich nicht mehr aufhören können, Steine zu sammeln. Manchmal hatte ich Angst, ich hätte beim Rückflug zu viel Gewicht im Koffer. Und zu Hause verlieren sie doch relativ schnell ihre Attraktivität – oder ich verliere den Überblick.

Einer meiner Freunde ist als Jugendlicher mit seinem Vater oft in die Eifel gefahren. Sie haben fachmännisch Steine gesammelt und geklopft, Fossilien gefunden, geologische Gesteinsschichten bestimmt. Im Keller in Lübeck gab es einen Raum mit Glasschränken, wie ein Museumsarchiv. Zu solcher Ordnung habe ich es nie gebracht. Und dieses Steine-Archiv gibt es auch nicht mehr.

Einmal hab ich mit meinem Sohn etwas Ähnliches gemacht: Wir sind vor ein paar Jahren zusammen nach Schottland gefahren und haben eine Rundreise unternommen. Ich habe die Route festgelegt, er hat zB für die musikalische Untermalung im Auto gesorgt. Zuletzt kamen wir dorthin, wohin ich vor allem wollte: Auf die alte Klosterinsel Iona. Eine winzige Insel der Inner Hebrides, noch vor der Isle of Mull, man braucht also zwei Fähren, sie liegt ganz außen zum Atlantik hin.

Mit dem römischen Reich hatte sich das Christentum in ganz Europas ausgebreitet. Aber es war nur in den Städten vertreten. Regensburg, Worms, Trier, Köln. Mit dem Untergang des römischen Reiches wurde es in Westeuropa quasi ausgerottet – aber es hat an seinen äußersten Rändern überlebt: Auf Inseln vor Irland und Schottland. Im Jahre 563 kam Columban mit zwölf Männern von Irland auf diese kleine Insel und gründete dort das Kloster Iona Abbey. Von Iona verbreitete sich das Christentum in Schottland und Nordengland und weiter: zurück nach Europa. Meist zogen sie zu 12. los, total mutig ins Unbekannte, gründeten Klöster, kultivierten das Land, unterrichteten die Kinder der Adligen, brachten Bücher mit, denn die alten Schriften hatten dort am Rand der Welt überlebt. Die Spuren dieser Mönche und Nonnen finden sich auch in unserer Gegend. ZB in den Namen Schotten oder Lioba.

Die Wikinger haben schließlich dieses Kloster zerstört – aber 1000 Jahre später wurde es wieder aufgebaut von einer ökumenischen Gemeinschaft, der es um Mission und soziale Arbeit geht. Ziel ihrer Arbeit ist es, „neue Wege zu finden, die Herzen aller zu erreichen“. Sie tun dies vor allem durch Jugendarbeit, neue Lieder, Gottesdienste sowie Einsatz für Gerechtigkeit und Frieden. „Peace of the Earth“, eines Eurer Lieblingslieder, kommt von dort…

Und von dort habe ich diesen Stein. Zu Hause war ich überrascht: Iona ist aus den ältesten Gesteinen der Erdoberfläche aufgebaut. Man findet dort bis zu 3 Mrd alte Gesteinsformationen aus Granitgneis und Granulit, mehrfach geformten Iona-Marmor.

Aber weshalb um Himmels Willen erzähle ich Euch das alles?! Wegen eines Liedes, das wir nicht einmal singen? Damit ihr Steine sammelt? Oder besser gar nicht erst damit anfangt?

Zum einen will ich Euch sagen, dass man überall und jederzeit anfangen kann zu graben und zu fragen: wie bei den Steinen. Warum ist das so? Es lohnt sich genau hin zu schauen. Wer nicht fragt bleibt dumm. Die Welt steckt voller Wunder. Ein Leben reicht dafür nicht.

Zweitens: so viele Steine es auch auf der Welt gibt – alle sind anders. Jeder hat seine Geschichte, seine Eigenarten, jeder kann ein Lieblingsstein sein oder es werden für andere. So viele Menschen es auf der Welt auch gibt – jeder ist ein Original. Es gibt keine einzige Kopie. Noch nicht, jedenfalls. Und genauso haben wir Euch in diesem Jahr erlebt: als ganz eigene Menschen, als ganz besondere, jede und jeder unverwechselbar.

Auch in der Kirche spielen Steine eine Rolle, Taufsteine zB. Hier haben wir sogar zwei davon: der eine hier vorne (aus weißem Carrara-Marmor) erzählt eine Geschichte aus der Bibel: das man sich nämlich die Kinder zum Vorbild nehmen soll. Und das Kind, das in jedem von uns steckt, das wir mal waren und immer noch sind, am besten nie vergisst. Denn es möchte auch zu seinem recht kommen. Sonst geht es uns selbst nämlich schlecht. Der andere Taufstein dort drüben ist mindestens 1000 Jahre als und aus einem Stück gearbeitet worden, aus dem Basalt des Vogelsberges. Er stand einmal oben in der Kirche auf dem Johannesberg, der ersten christlichen Kirche in der ganzen Gegend hier.

Schon bei der Taufe hat Gott Euch zugesagt: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du gehörst zu mir.“ Er kennt jede und jeden. Und er findet Euch gut, genau so wie ihr seid – und kein bisschen anders.

Bei der Taufe haben Dich vielleicht die Eltern oder die Paten getragen. Heute nimmst du den Glauben in deine eigenen Hände. Konfirmare heißt: bestärken, Darin will Gott Euch also bestärken: ein eigenes Leben zu führen, eigene Glaubenserfahrungen zu machen – so verschieden, wie wir Euch kennen gelernt haben.

Und schließlich gibt es auch in der Bibel Steine. Das Bild der Kirche, deren Grundstein Jesus ist – und wir alle bilden ein Haus aus lauter verschiedenen lebendigen Steinen. Oder der Stein, der nicht mehr vor und auf dem Grab gelegen hat – weil Jesus gar nicht mehr tot drin liegt, sondern lebt.

Deshalb also heute diese Steinrede zu Eurer Konfirmation. Und weil wir Euch gleich noch einen Stein mitgeben möchten. Eine Art Denkmal. Ein Denkmal zum mitnehmen. Ein Denkmal für unterwegs.

Auf dem Stein steht in Goldschrift der Anfang von Psalm 23: „Der Herr ist mein Hirte.“ Vor Euch liegt das gelobte Land Eures Lebens. So wie Ihr es auf unserer Konfifahrt gemalt habt, Euer Leben in 20 Jahren oder so. Erinnert Ihr Euch? Wer losgeht, kann sich verlaufen, wer anpackt, kann auch mal daneben greifen, und wieder neu anfangen. Aber wer nicht losgeht, der kommt auch nie ans Ziel.

Gott ist mit denen, die sich auf den Weg machen ins Land der Zukunft. Dazu konfirmieren wir Euch gleich, dafür gibt er Euch seinen Segen. So wie er es bei den Menschen der Bibel tat, die sich auf den Weg gemacht haben. Und dafür geben wir Euch Kieselsteine mit, als Stärkung und Erinnerung für den Weg: Gott wird mit dir gehen, dein ganzes Leben lang.

Amen

zur Konfirmation am 26.5.2019 von Pfarrerin Susanne Pieper

Gottes Liebe, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen!

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde,

heute, an diesem Festtag, da steht ihr so richtig im Mittelpunkt. Und ihr seht einfach alle super aus! Viele Menschen sind heute einfach nur froh, mit euch zusammen zu sein. Und bestimmt sind sie stolz darauf, zu sehen, was aus euch schon alles geworden ist!

Ihr geht jetzt mehr und mehr eure eigenen Wege. Ihr trefft mehr und mehr eure eigenen Entscheidungen. Das gehört ja dazu, wenn man und frau erwachsen wird: Entscheidungen für das eigenen Leben zu treffen, und dann auch für die Konsequenzen gerade zu stehen. Jede und jeder für sich - auf dem eigenen Weg.

Ein Stück dieses Weges haben wir zusammen zurückgelegt. Ein Konfijahr liegt hinter uns. Und da haben wir so Vieles miteinander erlebt. Die Zeit war ja vergleichsweise kurz, aber zugleich auch so intensiv!

Da waren die Projekte: ihr habt syrisch gekocht und seid geklettert. Seid im Rollstuhl durch unsere Straßen gefahren und habt Kindern beim Basteln geholfen. Ihr habt mit euren Anspielen in Gottesdiensten euer schauspielerisches Talent unter Beweis gestellt. Und wie viele Kerzen habt ihr hier am Altar angezündet!

Da war die Konfifreizeit: wir haben gelacht und gespielt, gesungen und gemalt, gedichtet und Worte in viele verschiedene Formen gegossen. Und dann euer Vorstellungsgottesdienst: ihr habt uns, das Team, und eure Familien überrascht. Ihr habt uns nämlich so Vieles von euren Gaben gezeigt, die in euch versteckt liegen, und habt uns teilhaben lassen an der Fülle eurer Gedanken!

Ihr wart zusammen auf dem Weg – auch ganz wörtlich: in kleinen Gruppen habt ihr Spenden gesammelt für kranke und bedürftige Menschen, die in unserer Stadt leben. Und damit seid ihr direkt in den Spuren von Jesus gelaufen. In seiner Nachfolge. Denn er hat so oft seinen Blick gerade auf die Menschen gerichtet, die im Schatten der Gesellschaft leben und nicht im strahlenden Scheinwerferlicht. Ihr habt als gesamter Konfijahrgang 1.450 Euro und 49 Cent gesammelt - eine grandiose Summe! Und im Namen des Diakonischen Werkes Wetterau danke ich euch heute ganz herzlich dafür!

Und dann waren im letzten Jahr da die Konfistunden: wir haben gelesen und diskutiert. Manchmal haben wir uns auch gegenseitig genervt. Aber es lag ja auch schon ein langer Schultag hinter euch, und wir wollten von euch eine ganze Menge. Wollten euch mit eurer ganzen Person ansprechen, auch mit euren Ecken und Kanten, Fragen, Zweifeln und Überzeugungen. Und mit eurer Power! Pfarrerin Naumann hat mir erzählt, wie schön sie es einfach fand, auf welche ihrer Ideen ihr euch eingelassen habt und wie kreativ ihr z. B. in den gemeinsamen Rollenspielen wart. Und ich war glücklich, wenn ich erlebt habe, welche Fragen ihr gestellt habt und auch, welche Einwendungen ihr hattet. Ihr wolltet es wissen, was es mit dem Glauben auf sich hat. Und ihr wart wach und vital dabei! Dass dann im letzten Jahr ab und zu auch der eine oder andere Konfipass Beine bekommen hat, sich für immer auf wundersame Weise aufgemacht hat in unsere große weite Welt oder sich zeitweise im Süßigkeitenfach versteckt hat - okay, das haben wir in Kauf genommenJ

Nun beginnt ein neuer Lebensabschnitt für euch. Ihr werdet etwas Neues ausprobieren und neue Interessen entwickeln. Einige von euch werden dies auch in unserer Kirchengemeinde tun und sich z.B. im tollen Kreis der Mitarbeitenden engagieren. Darüber freuen wir uns sehr! Wohin auch immer aber euer Weg euch führt: wir haben euch heute als Symbol für euren Neubeginn diesen Rucksack mitgebracht.

Ein Rucksack steht ja dafür, dass jemand unterwegs ist. Dass jemand Lust auf Abenteuer hat. Wer seinen Rucksack packt, will aufbrechen.

Wir wollen euch etwas mitgeben für euren weiteren Lebensweg. Und darum haben wir in diesen Rucksack Einiges für euren Weg gepackt, für den Weg, den wir ja alle noch gar nicht kennen.

Zuerst das HERZ: das große Symbol für die Liebe. Es sagt dir: Du bist geliebt. Einfach so. Weil Du da bist. Gott sagt sein großes JA zu Dir. Du bist geliebt. Vergiss das niemals in Deinem Leben. An keinem einzigen Tag. Das bedeutet: Niemals wird

Dein Wert durch die Noten bestimmt, die Du nachhause bringst. Niemals durch das, was Du leistest, was Du lieferst oder wie deine Figur gerade ist. Du bist geliebt. Vorneweg schon. Ohne jegliche Vorbedingungen. Von Deiner Familie und von Gott. Darum atme auf. Atme durch. Und geh Deinen Weg immer aufrecht. Du trägst ein leichtes Gepäck.

Und dann ist da ein ZOLLSTOCK in unserem Rucksack: In nicht allzu ferner Zukunft werdet ihr ihn brauchen, wenn ihr euer erstes Zimmer z.B. in einer WG beziehen werdet - irgendwo, vielleicht in 5 oder 6 Jahren. Aber bis dahin ist ja noch Zeit. Nehmt daher den Zollstock erstmal als Symbol. Als Maßstab, an dem man sich orientieren kann. Als Symbol für die 10 Gebote, die Gott uns Menschen gegeben hat. Sie helfen uns, zu unterscheiden zwischen Mein und Dein. Zwischen dem Bewahren und dem Zerstören von Natur und Leben. Zwischen Lüge und Wahrheit. Diese Gebote helfen euch, unsere Wirklichkeit, unsere Welt, zu beurteilen. Unrecht zu erkennen und zu benennen. Sich von Niemandem aufs Glatteis führen zu lassen. Z.B. Du sollst nicht lügen. Die Gebote helfen euch dabei, wachsam zu sein. Fake news von Wahrheit zu unterscheiden oder zu erkennen, wo Menschen in der Gefahr stehen, sich selbst zu einem Gott zu machen. Als Christinnen und als Christen sind wir immer zugleich Bürgerinnen und Bürger mitten in unserer Gesellschaft. Im kleinen wie im großen Bereich tragen wir Verantwortung. Darum bitte ich auch Sie, liebe Festfamilien, gleichwohl heute von Ihrem Wahlrecht Gebrauch zu machen und zur Europawahl zu gehen. Vielleicht gibt es dazu beim Spaziergang zwischen dem Mittagessen und dem Kaffeetrinken den besten Slot. Oder zwischen 17.00 und 18.00 Uhr J Die 10 Gebote führen uns flugs und geradewegs mitten hinein in unsere Gesellschaft.

Wir möchten euch auch ein Kreuz mitgeben: weil es an Jesus erinnert, an den Sohn Gottes, der als Mensch auf dieser Welt gelebt und auch gelitten hat. Er hat das Dunkel und die Täler des Lebens geteilt. Und Gott hat ihm darin Recht gegeben. Er hat ihn nicht im Tod gelassen, sondern hat ihn auferweckt zu einem neuen und wunderbaren Leben. Darum nehmt das Kreuz mit auf euren Weg. Es ist Gottes großes Pluszeichen, Sein großes Hoffnungszeichen, mit dem wir alle von ihm gesegnet sind.

Zu guter Letzt nehmt auch noch einen Schirm mit in euren Lebensrucksack: als Zeichen dafür, dass Gott wie ein Schirm für euch ist. Damit nicht alles an euch herankommt. Mit Gott an eurer Seite müsst ihr nicht alles an euch heranlassen. Ihr habt nämlich ein Recht auf euer Glück. Auf eure Gegenwart und auf eure überschäumende Lebensfreude! Manches darf deshalb getrost an diesem Schirm abprallen. So wie es ein Psalmwort sagt: „Gott ist eure Zuflucht, er ist Schutz und Schirm“. Wir aber, die Erwachsenen, haben die Aufgabe, für euch und dann auch mit euch an einer weiterhin lebenswerten Zukunft zu bauen.

Jesus Christus sagt zu euch und zu uns allen: „Fürchtet euch nicht! Seht, ich bin bei euch an jedem Tag und bis an das Ende der Welt“. Was immer ihr tut, wo immer ihr seid. Das ist ein großartiges Versprechen. Dieses Versprechen liegt in dem Segen verborgen, den ihr heute bekommt. Gottes Segen geht über euch auf und bleibt bei euch. Amen.

an Ostersonntag 2019 von Pfarrer Rainer Böhm

Maria Magdalena     (Joh 20, 11 – 18)

Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, beugte sie sich in das Grab hinein und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu den Füßen, wo der Leichnam Jesu gelegen hatte.  Und die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben. 

Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist. Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? - Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir: Wo hast du ihn hingelegt? Dann will ich ihn holen. 

Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni!, das heißt: Meister! 

Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott. 

Maria Magdalena geht und verkündigt den Jüngern: »Ich habe den Herrn gesehen«, und was er zu ihr gesagt habe.

Liebe Ostergemeinde,

„Maria!“ – „Rabbuni!“ – Die Seligkeit liegt in diesem Zwei-Wort-Gespräch. Im Zwischenraum, im Zueinander des Dialogs. Kürzer geht es nicht, und inniger auch kaum. Wir werden zu Zeugen eines der ganz großen, stillen Momente. Zum Berührendsten, was ein Mensch mit Gott erleben darf. Dass er dich findet, und du dich in ihm.

„Maria!“ – „Rabbuni!“ – Maria aus Magdala – das ist nicht die Mutter Jesu. Es ist eine – oder die? – Freundin Jesu, wenn man das so sagen möchte. Ursprünglich war diese Maria eine Prostituierte. Ausgerechnet sie ist nun die erste Botschafterin der Auferstehung. Was Johannes uns wohl damit sagen will: Einer bigotten, von schein-heiliger Moral geprägten, von Männern dominierten Welt… „Maria!“ – „Rabbuni!“

Aus dem Ersten Testament weht der Hauch des Hoheliedes herüber. Die erotische Stimmung, der Garten, die Verwirrung und Verzweiflung, das Suchen und Finden. Am Sabbat des Passahfestes lesen sie das Lied der Lieder in den Synagogen. Sie verstehen es als Liebeslied zwischen Gott und seinem Volk. Da kann es nicht verwundern, dass Verse aus dem Hohenlied wie ein Hintergrund erscheinen zu Marias Suche am Ostermorgen: „Des Nachts auf meinem Lager suchte ich, den meine Seele liebt. Ich suchte, aber ich fand ihn nicht. Ich will aufstehen und in der Stadt umhergehen auf den Gassen und Straßen und suchen, den meine Seele liebt. Ich suchte, aber ich fand ihn nicht. Es fanden mich die Wächter, die in der Stadt umhergehen: »Habt ihr nicht gesehen, den meine Seele liebt?«  Als ich ein wenig an ihnen vorüber war, da fand ich, den meine Seele liebt. Ich hielt ihn und ließ ihn nicht los, bis ich ihn brachte in meiner Mutter Haus, in die Kammer derer, die mich geboren hat“ (3, 1 – 4).

„Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte.“ Die Männer, Petrus und Johannes, sind verwundert wieder heimgegangen. Nach ihrem Wettlauf zum Grab haben sie statt des Leichnams nur die Leintücher im Grab liegen sehen. Sie verstehen das noch nicht.

Maria von Magdala aber bleibt. Die Liebe hält sie hier. Sie braucht noch etwas. Sie sucht, den ihre Seele liebt. Vielleicht dachte sie,  sie könnte Jesu Tod akzeptieren, wenn sie von dem Toten noch einmal Abschied nehmen könnte, ihn noch einmal berühren. Und als sie ihn nicht findet denkt sie: „Sie haben ihn mir weggenommen!“

Weggenommen …  Das fühlt sich scheußlich an. Das wissen alle, denen etwas weggenommen wurde. Die Heimat, das Haus, das Erbe, die Gesundheit, die Würde. Weggenommen. Und du stehst da und kannst es nicht fassen.

„Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte.“ Durch die Tränen sieht sie zwei Engel im Grab.  Die fragen behutsam: „Frau, was weinst du?“ Gewiss sind es auch Engel, die dich nach deinem Kummer fragen; dir ihr Mitgefühl zeigen; deine Verzweiflung mit aushalten und du kannst reden. Wie Maria sagen durfte: „Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben.“

Nun beginnt die Wandlung. Maria dreht sich um. Kurz darauf nochmals. Oder wird sie umgedreht? Ich habe versucht, nachzuvollziehen, wie sich Johannes diese Wendungen vorstellt. Es ist mir nicht gelungen.

Die erste Wendung geht noch klar: Vom Hineinschauen ins Grab wendet sie sich zur Gestalt Jesu, die offenbar vor dem Grab steht, nicht weit von ihr. Aber weshalb sollte sie sich dann noch einmal umwenden?

Heute glaube ich: Diese Wendungen markieren ihre innere, seelische Wendung, einen Wandlungsprozess. Maria wird um- und umgedreht. Suchbewegung einer liebenden und trauernden Seele.  Sie wendet  ihren Blick vom offenen Grab zu Jesus vor dem Grab. Aber sie erkennt ihn nicht. Sie ist noch gefangen in der Angst des „Weggenommen“. Gebannt vom Alten. Sie verwechselt ihn: „Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir, wo du ihn hingelegt hast; dann will ich ihn holen.“ Sie ist so fixiert auf den Toten, dass sie den Lebendigen nicht erkennt. Erst als er sie beim Namen ruft. „Maria!“ .. „Da ist die Stimme meines Freundes!“ heißt es im Hohenlied. Da ist seine Stimme,  die ihr zu Herzen geht, die ihr Innerstes erreicht. Er ruft sie beim Namen. Er hat sie gefunden.

„Da wandte sie sich um und spricht zu ihm: Rabbuni!, das heißt: mein Meister!“ Mit dieser Antwort kommt ihre suchende Seele zur Ruhe. „Mein Freund ist mein und ich bin sein,“ heißt es im Hohenlied. Und die Liebe ist stärker als der Tod. „Maria!“ – „Rabbuni.“ .. Jetzt ist es Ostern geworden.

Und so wird es auch Ostern für Uns: Wenn wir spüren: Er ist uns nahe – und wir sind ihm nahe. Wo wir spüren, er meint mich selbst. Und ich meine ihn. „Wer in der Liebe bleibt der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ (1. Joh)

„Ich hielt ihn und ließ ihn nicht los,“ so das Hohelied der Liebe. Maria wollte Jesus umarmen. Oder wenigstens seine Füße umfassen, wie die Frauen bei Matthäus. „Rühre mich nicht an!“, sagt er aber zu Ihr. Oder freundlicher: „Halte mich nicht fest!“

Maria muss also lernen: es ist nun anders als vorher. Es ist dieselbe Liebe, aber sie soll anders gelebt werden.

Auferstehung bedeutet nicht, dass Jesus so wieder da ist wie vor seinem Tod. Er hat ihn jetzt hinter sich, Maria hat den Tod noch vor sich. Aber „stark wie der Tod ist die Liebe“. Maria muss loslassen, um neu zu empfangen. Die Auferstehung will sie befreien vom krampfhaften Klammern. Und sie erlebt: die seelische Berührung steht der körperlichen kaum nach. Sie spielt sich in ihrem Herzen ab: Maria! – Rabbuni.

Von Martin Schongauer, dem spät-ma Maler, gibt es eine Darstellung dieser Szene Man kann sie  im schönen Unterlinden-Museum in Colmar sehen: Schongauer hat genau diesen Moment festgehalten – das „Halte mich nicht fest!“ oder Noli me tangere. Ganz zart. In einem umzäunten Garten, mit Rosen, Vögeln, Granatäpfeln. Da streckt Maria in großer Sehnsucht und Anmut ihre Hände nach Jesu Hand aus. – Und er zieht sie nicht etwa abweisend zurück. Er blickt ihr in die Augen und lässt ihr seine Hand – fast! Da ist noch ein Hauch von einem Zwischenraum. Es ist beinah eine Berührung, beinahe. Eine zärtliche Distanz. Man glaubt, die Spannung zu spüren zwischen den beiden Händen. Die Energie. Ein schöpferischer, liebevoller Zwischenraum. Ein Raum der Sehnsucht und der Hoffnung.

Spielraum, Raum des Glaubens – der Bereich, in dem das Leben neu wird.  … Ostern.

an Karfreitag 2019 von Pfarrer Rainer Böhm

Jesu Kreuzigung und Tod              Johannes 19, 16 – 30

Da überantwortete er ihnen Jesus, dass er gekreuzigt würde. Sie nahmen ihn aber, und er trug selber das Kreuz und ging hinaus zur Stätte, die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch Golgatha. 

Dort kreuzigten sie ihn und mit ihm zwei andere zu beiden Seiten, Jesus aber in der Mitte. 

Pilatus aber schrieb eine Aufschrift und setzte sie auf das Kreuz; und es war geschrieben: Jesus von Nazareth, der Juden König. 

Diese Aufschrift lasen viele Juden, denn die Stätte, wo Jesus gekreuzigt wurde, war nahe bei der Stadt. Und es war geschrieben in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache.

Da sprachen die Hohenpriester der Juden zu Pilatus: Schreibe nicht: Der Juden König, sondern dass er gesagt hat: Ich bin der Juden König. Pilatus antwortete: Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben. 

Die Soldaten aber, da sie Jesus gekreuzigt hatten, nahmen seine Kleider und machten vier Teile, für jeden Soldaten einen Teil, dazu auch den Rock. Der aber war ungenäht, von oben an gewebt in einem Stück. Da sprachen sie untereinander: Lasst uns den nicht zerteilen, sondern darum losen, wem er gehören soll. So sollte die Schrift erfüllt werden, die sagt (Psalm 22,19): »Sie haben meine Kleider unter sich geteilt und haben über mein Gewand das Los geworfen.« Das taten die Soldaten. 

Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und seiner Mutter Schwester, Maria, die Frau des Klopas, und Maria Magdalena. Als nun Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er lieb hatte, spricht er zu seiner Mutter: Frau, siehe, das ist dein Sohn! Danach spricht er zu dem Jünger: Siehe, das ist deine Mutter! Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu sich. 

Danach, als Jesus wusste, dass schon alles vollbracht war, spricht er, damit die Schrift erfüllt würde: Mich dürstet. Da stand ein Gefäß voll Essig. Sie aber füllten einen Schwamm mit Essig und legten ihn um einen Ysop und hielten ihm den an den Mund. 

Da nun Jesus den Essig genommen hatte, sprach er: Es ist vollbracht. Und neigte das Haupt und verschied.

Liebe Gemeinde,

was zu tun war, ist getan; was zu sagen war, ist gesagt. Jetzt ist alles vollbracht. Das erkennt Jesus. Dann kann er sterben: es ist vollbracht. Vorher ist mir diese Abfolge nie aufgefallen. So viele Karfreitage in ihrer eigenartigen Ruhe. Und nie ist mir dieser Zwischenraum aufgefallen. Jesus sieht, bevor er stirbt, dass alles vollbracht ist. Das schildert Johannes in seinem Evangelium. Erst mit einem kleinen Abstand kommt dann der Tod. Ein Zwischenraum tut sich auf.

Bisher war dieses Wort Jesu, im Fenster dargestellt, für mich der Stempel unter seinen Tod. Aber so schildert es der Evangelist ja gar nicht: Wir stehen mit Johannes beim Kreuz und hören schon vor Jesu Tod: Alles ist getan. Jesus hat alles zu Ende gebracht bevor er stirbt. Dadurch entsteht eine kleine Zwischenzeit, ein Zeitfenster. Diese Lücke ist Teil der frohen Botschaft am Karfreitag.

Wir ziehen normalerweise die Summe der Passionsgesichte aus allen vier Evangelien. Deshalb sprechen wir zum Beispiel von den sieben letzten Worten Jesu am Kreuz. Von Johannes hören wir aber nur drei. Jeder Evangelist setzt seine eigenen Akzente. Die Bachkenner unter uns wissen: Die Matthäuspassion klingt ganz anders als die Johannespassion. Wenn wir mit Johannes am Kreuz stehen, erleben wir manches mit ganz eigenem Charakter. Jesu Sterben ist friedvoller, stiller.

Keine dramatischen Naturgewalten, die das Geschehen kommentieren. Wo der Himmel sich verfinstert, wo der Vorhang im Tempel zerreißt, wo das Gebet eines Gottverlassenen unser Herz anrührt. Und die Tafel „König der Juden“ ist keine Gemeinheit gegenüber Jesus, sondern eine Art Respekt von Pilatus. Und wenn Jesus Essig zu trinken bekommt, ist das keine Bösartigkeit der Folterer, um ihn noch mehr zu quälen, sondern sie reichen ihm ihr Soldatengetränk, das den Durst nachhaltig stillt. - Es ist die andere Geschichte vom Kreuz.

Es ist vollbracht. Ein bedeutungsschwerer Karfreitagssatz. Da schwingen mit die alten Choräle, von denen uns einige eher fremd anmuten. Die Erklärungen, die wir gelernt haben. Die Deutungen, die wir uns selbst zurecht legen. Das eine ist uns heute näher, das andere irritiert uns eher: Jesus leidet mit allen Leidenden. Er steht an ihrer Seite. ER stirbt den Opfertod, um uns mit Gott zu versöhnen. Gott selbst stirbt am Kreuz. – Wer vor dem Kreuz steht, bringt Fragen mit oder Erklärungen; steht da stirnrunzelnd, kopfschüttelnd, mit Mitleid oder mit Unverständnis. Und kann nicht gut zuhören.

Ich selbst habe „vollbracht“ immer mit dem Tod Jesu zusammengebracht. Aber so weit sind wir noch  nicht. Wir stehen noch beim Kreuz, in seiner Gegenwart, und hören von ihm: es ist alles vollbracht. Nun kommt bald der Tod. Könnte dieser Zwischenraum unser Standort sein, der offene Spalt?

Der erste Karfreitag war kein Feiertag, wie hier in Deutschland. Und Jesus hat nicht in gehobenem Deutsch am Kreuz gesprochen, sondern in seiner aramäischen Muttersprache. Was also Johannes in Griechisch wiedergibt, bedeutet in unserer Umgangssprache einfach: es ist erledigt. Ich erschrecke fast ein wenig, wenn ich das aufschreibe: Darf man dieses Wort, das über die Jahre Patina angesetzt hat, so alltäglich ausdrücken: Es ist erledigt? So jedenfalls ist es gemeint: Die Sache ist abgeschlossen. Es ist alles zu Ende gebracht. Die ToDoListe ist abgearbeitet. Jesus sagt nicht: ICH habe es vollbracht, schaut auf MICH. Er lenkt die Aufmerksamkeit auf seine Lebensaufgabe, sein Werk.

Hospizleute, die viele Sterbende begleiten, verwenden den Begriff des „unfinished business“. Dinge in der Familie, die man bei Lebzeiten nicht geregelt hat, belasten den Abschied. Worte, die unausgesprochen bleiben, machen das Sterben zusätzlich schwer. Wenn aber am Sterbebett zwei Parteien wieder zueinander finden oder wenn endlich ausgesprochen wird, worauf man jahrelang gewartet hat – dann wird zuletzt etwas vollbracht, was das Sterben erleichtert.

Es ist alles gesagt: auch das letzte: „Ich habe Durst“. Es ist alles getan: auch das letzte: Für die Nahestehenden, die Nächsten, ist gesorgt. Also kein unfinished business. Im Gegenteil: Bevor Jesus stirbt ist alles gesagt und getan. Und das stellt er fest. Und dann kann er loslassen.

Was zu tun war, hat er vor seinem Tod erledigt. ER hat gelebt. Wir blicken zurück, wie wir es auch bei Angehörigen tun, wenn wir Abschied nehmen. Es geht beim Tod um das Leben…

Jesus erledigt die Aufgabe, die Gott ihm auf seinen Weg in die Welt mitgibt. Er führt den Arbeitsauftrag Gottes aus, mit allem, was er sagt und tut. Davon zehrt Jesus, das gibt ihm Kraft bis in seine letzten Minuten. Das ist seine Wegzehrung bis zuletzt. Sein Sinn. Er lebt und stirbt, um die Schrift zu erfüllen, Jesu Bibel, unser Altes Testament. Die Bibel ist Jesu Auftragsbuch, das Buch mit den Arbeitsanweisungen Gottes für ihn.

Sein Leben ist ein Zeichen für Gottes Liebe. Gott zeigt der Welt seine Liebe, indem er seinen Sohn für sie hergibt. So betont es Johannes in seinem Evangelium. Jesus setzt mit seinem Leben Zeichen dafür. Seine Worte und Wunder sind Zeichen dafür, dass Gott in unserer Welt ist. – Da wird aus Wasser Wein bei einer Hochzeitsgesellschaft. Da werden aus Toten wieder Lebendige, wie das Lazarus erfährt. Sein Licht scheint in der Finsternis. ER ist das Lamm, das hinweg nimmt die Sünden der Welt. ER beseitigt, was uns von Gott trennt.

Wenn Schuld tötet: schauen wir auf Zeichen und Wunder. Der Tote lebt. Beziehungen, die tot waren, leben wieder auf. Lazarus kehrt zurück zu seiner Familie. – Wenn Schuld das Leben bedrückt und verdunkelt: schauen wir auf Zeichen und Wunder. Eine Hochzeitsgesellschaft feiert. Wir können das Leben genießen. „Bei mir bekommt ihr Leben in Fülle“, sagt Jesus.

Der Weg neigt sich dem Ende zu. Die Zeichen sind gesetzt. Es ist alles vollbracht. Aber noch lebt Jesus. Und wir leben als Christen in diesem Zwischenraum, in dieser Spannung. In dieser Lücke spielt sich alles ab. Es ist alles vollbracht. Jesus am Kreuz sagt es, und das nehme ich mit auf meinem Weg in den Alltag. Ich vertraue darauf, dass alles getan ist, damit Gott diese Welt wirklich liebt.

Aber wo sehe und spüre ich es? Immerhin VERSTEHE ich jetzt, was mir die ganze Sache mit Gott und dem Glauben so beschwerlich macht: denn was hat sich nach dem Tod Jesu am Kreuz wirklich verändert? Ich sehe auch nicht eine Winzigkeit, die sich in der Weltgeschichte verändert hat. Weiterhin steht das Kreuz, und die Welt dreht sich unverändert weiter.  Sünde, Leid, Tod wohin wir schauen. Sollten wir nicht dauerhaft die schwarze Kirchenfarbe verwenden und ohne Orgel feiern? Hat der Karfreitag keine Spuren hinterlassen, außer in der Musik, in der Kunst, in Frömmigkeit und Theologie?

Diese Zwischenzeit gehört also dazu, zum Leben, zur Welt. Sie ist nicht etwas Fremdes, so wie der Karfreitag bleibend dazu gehört. Wir machen weiter, dankbar, vertrauend darauf, dass alles geschafft ist. Alles war zu vollbringen und ist durchgeführt und auch vollendet. So weit, so gut. Aber nun stirbt Jesus noch, und so wird es uns auch gehen.

Ich lebe mit diesem letzten Wort. Und ich vertraue darauf, dass wir in unserer Welt Gottes Liebe sehen und begreifen. Auf Zeichen und Wunder warte ich. Dass die Toten leben werden. Dass Schuld ausgelöscht wird. Dass wir in Fülle leben werden, mit Freude und Wein, mit Lust und Saft, mit Glück und Genuss. Noch diese Zwischenzeit lang warte ich. Jesus hat alles vollbracht, und doch steht sein Tod noch bevor. Der Tod muss noch gestorben werden. Das ist unsere Gegenwart, bei Jesus am Kreuz. Diese Zwischenzeit, der offene Spalt. Es ist vollbracht. Der Tod steht noch bevor. Da muss noch etwas kommen. Noch ganz viel, gnädiger Gott.

Amen

am 7.4.2019 von Pfarrer Rainer Böhm

Joh 18, 28 – 19,5

Jesu Verhör vor Pilatus

28 Da führten sie Jesus von Kaiphas vor das Prätorium; es war aber früh am Morgen. Und sie gingen nicht hinein in das Prätorium, damit sie nicht unrein würden, sondern das Passamahl essen könnten. 

29 Da kam Pilatus zu ihnen heraus und sprach: Was für eine Klage bringt ihr vor gegen diesen Menschen? 30 Sie antworteten und sprachen zu ihm: Wäre dieser nicht ein Übeltäter, wir hätten dir ihn nicht überantwortet. 31 Da sprach Pilatus zu ihnen: So nehmt ihr ihn und richtet ihn nach eurem Gesetz. Da sprachen die Juden zu ihm: Es ist uns nicht erlaubt, jemanden zu töten. 32 So sollte das Wort Jesu erfüllt werden, das er gesagt hatte, um anzuzeigen, welchen Todes er sterben würde. 

33 Da ging Pilatus wieder hinein ins Prätorium und rief Jesus und sprach zu ihm: Bist du der Juden König? 34 Jesus antwortete: Sagst du das von dir aus, oder haben dir's andere über mich gesagt? 35 Pilatus antwortete: Bin ich ein Jude? Dein Volk und die Hohenpriester haben dich mir überantwortet. Was hast du getan? 36 Jesus antwortete: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen, dass ich den Juden nicht überantwortet würde; aber nun ist mein Reich nicht von hier. 37 Da sprach Pilatus zu ihm: So bist du dennoch ein König? Jesus antwortete: Du sagst es: Ich bin ein König. Ich bin dazu geboren und in die Welt gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme.  38 Spricht Pilatus zu ihm: Was ist Wahrheit? Und als er das gesagt hatte, ging er wieder hinaus zu den Juden und spricht zu ihnen: Ich finde keine Schuld an ihm. 

39 Ihr habt aber die Gewohnheit, dass ich euch einen zum Passafest losgebe; wollt ihr nun, dass ich euch den König der Juden losgebe?  40 Da schrien sie wiederum: Nicht diesen, sondern Barabbas! Barabbas aber war ein Räuber.

1Da nahm Pilatus Jesus und ließ ihn geißeln. 2 Und die Soldaten flochten eine Krone aus Dornen und setzten sie auf sein Haupt und legten ihm ein Purpurgewand an  3 und traten zu ihm und sprachen: Sei gegrüßt, König der Juden!, und schlugen ihm ins Gesicht. 4 Und Pilatus ging wieder hinaus und sprach zu ihnen: Seht, ich führe ihn heraus zu euch, damit ihr erkennt, dass ich keine Schuld an ihm finde. 

5 Da kam Jesus heraus und trug die Dornenkrone und das Purpurgewand. Und Pilatus spricht zu ihnen: Sehet, welch ein Mensch!

 

Liebe Gemeinde!

„Schaffe mir Recht, Gott!“ So fleht der Psalmsänger. Seine Worte geben dem heutigen Passionssonntag den Namen: Judika.

Schaffe mir Recht, so rufen Menschen auf der ganzen Welt, weil ihnen Unrecht geschieht, weil Mächtige und Verhältnisse das Recht mit Füßen treten. Schaffe mir Recht, so rufen die zu Unrecht verfolgten und die zu Unrecht Abgelehnten. Schaffe mir Recht rufen Menschen, denen andere mit ihrer übertriebenen Gesetzlichkeit das Leben schwermachen.

Um Recht und Unrecht geht es auch bei dem Prozess Jesu. Im Johannesevangelium findet der Prozess am Tag vor dem Passahfest statt. Es ist der Tag, an dem die Lämmer für das Fest geschlachtet werden. Voraus gingen Jesu Gefangennahme und das Verhör vor der religiösen Obrigkeit in Jerusalem, dem Hohen Rat.

Der Prozess wird einem Menschen gemacht, für den die Liebe das höchste Prinzip ist, der Geist, nicht der Buchstabe. Jesus kannte das mosaische Gesetz. Er lebte und prüfte es. Seine Auslegung unterschied sich von der herrschenden Meinung: sie sollte Recht schaffen, Unrecht verhindern und der Liebe Raum geben. Dabei überschritt er Grenzen, erregte Anstoß, zeigte, wie der Geist der Liebe zu leben sei: unabhängig von den Grenzen der Kultur, der Religion, der öffentlichen Meinung.

Am Jakobsbrunnen in der heidnischen Stadt Samaria trifft Jesus eine Frau und lässt sich von ihr in ein Gespräch verwickeln. Damit erweist er ihr Ehre, verstößt aber zugleich mehrfach gegen das Gesetz Mose, denn 1. Ist sie eine Frau. 2. Gehört sie zu einer anderen Religion. 3. Lebt sie in einer nichtehelichen Partnerschaft. Mit diesem Gespräch legt Jesus ein deutliches Statement für die Vernunft ab und gegen den Hass.

So auch, als ihn ein römischer Beamter für seinen kranken Sohn um Hilfe bittet. Jesus heilt das Kind und bringt den Vater zum Glauben an den Gott Israels.

Und schließlich die sog. Ehebrecherin: So hat die religiöse Führung sie zu ihm gebracht. Sie war wohl ihrem Mann untreu geworden und hatte also das Gesetz übertreten. Darauf stand die Steinigung. Die Ankläger benutzen sie, um Jesus eine Falle zu stellen.  Ihm aber geht es nicht um diese Männer, sondern um die Not der Frau. Er sieht sie und sieht: sie ist ein Mensch. Die Ankläger fordern die Einhaltung jedes Buchstabens des Gesetzes – und übersehen, dass auch sie selbst nur fehlbare und natürlich ebenfalls Menschen mit Trieben sind.

Drei Geschichten, in denen Jesus zum Gesetzesbrecher wird. Drei Geschichten, in denen er die Liebe höher bewertet als das Gesetz. Hat er also wirklich das Gesetz gebrochen oder es so ausgelegt, wie Gott es eigentlich gedacht hatte. Soll das Gesetz zu einem korrekten Leben führen, einer Art von unveränderlicher Vorschriftsdiktatur? Oder ist es eine Richtschnur und Orientierungshilfe auf dem Weg zu Menschlichkeit und Würde?

Zwei Auslegungen stehen sich hier unversöhnlich gegenüber. Zum einen sind da die religiösen Führer des Landes, die auf die Achtung der Tradition pochen und den Buchstaben des Gesetzes und gewissermaßen keine festen Bänke durch variable Stühle ersetzen wollen: Wo kommen wir denn hin, wenn wir nicht mehr die Deutungshoheit über unsere Tradition haben. Und zum anderen ist da dieser Galiläer, der wohin er auch kommt und was er auch tut immer wieder den Menschen, ob Mann oder Frau, Jung oder Alt, Einheimisch oder Fremd zum Maßstab des Gesetzes und seines Handelns macht.

Eines ist also klar: das Urteil steht fest! Es geht nur noch um seine eleganteste Vollstreckung. Und darum, es so zu begründen, dass es der römischen Besatzungsmacht plausibel erscheint. Denn seit Judäa dem römischen Kaiser unterstellt und römische Provinz geworden ist, dürfen jüdische Richter kein Todesurteil mehr fällen. Das ist das Recht der Besatzungsmacht. Also kann die Begründung für ein Urteil gegen Jesus nicht religiös sein, es muss politisch begründet werden, sonst wäre kein Todesurteil möglich.

Also wird Jesus zum Palast des römischen Statthalters gebracht. Es geht darum, Pilatus so von der Schuld zu überzeugen, dass er das Todesurteil fällt.

Dessen Haus betreten die Ankläger indes nicht: Sie warten, bis Pilatus zu ihnen heraus kommt. Denn nach dem Gesetz verunreinigt sich der gläubige Jude für sieben Tage, wenn er das Haus eines Heiden betritt. Aber jetzt steht ja das Passahfest vor der Tür. Und weil an dem Mahl nur teilnehmen darf, wer sich vorher nicht verunreinigt, also kultisch rein ist, wollen die frommen Ankläger den Palast des Pilatus nicht betreten.

Der muss sich als oberster Richter dieser Sache annehmen und stellt gleich eine politisch motivierte Frage: „Bist du der Juden König?“ Dann wäre die Sache einfach, aber so einfach liegt dieser Fall nicht, denn Jesu Reich ist nicht von dieser Welt. Er gehört nicht zu den Kämpfern gegen die Besatzungsmacht, die mit erhöhten Steuern das Land auspresst. Seine Freunde kämpfen nicht mit Waffen gegen die Staatsmacht. Und dennoch ist seine Wahrheit brisant und kann destabilisierend wirken.

Was ist Wahrheit? Sie ist eine Frage der Perspektive. Natürlich steht das Recht geschrieben. Aber ist es deshalb im Sinne der Menschen? Es gibt einen Unterschied zwischen legal und legitim, zwischen dem was streng gesetzlich ist und  dem ungeschriebenen sittlichen und moralischen Recht. Jede Religion vertritt ihre eigene Wahrheit – und besitzt doch für sich nur einen Teil davon: Denn die Wahrheit liegt alleine bei Gott. Gottes Willen gegenüber den Interessen der Welt zu sagen, seinen Willen in tätiger Nächstenliebe zu bezeugen – das bedeutet, in seiner Wahrheit zu leben.

Nach römischen Recht findet Pilatus keine Schuld an Jesus. Aber indirekt fällt er dennoch ein Todesurteil, indem er die vor der Tür stehenden an das Recht der Passah-Amnestie erinnert. Damit stellt er Jesus in den Raum des Todesurteils, den er nun nicht mehr verlassen kann. Denn die anderen erbitten die Freilassung eines politischen Widerstandskämpfers. Also kommt Pilatus gewissermaßen nicht mehr aus dieser Nummer heraus. Und selbst die Geißelung erwirkt bei den Anklägern kein Mitleid.

Es ist am Ende weder die religiöse Führung noch der römische Statthalter, die Verantwortung für die Kreuzigung tragen. Es sind die gesellschaftlichen Zusammenhänge, die verschiedenen Interessen und Strukturen, es ist die unbarmherzige und gottlose Welt, es sind die Menschen, von denen keiner aufsteht und sich etwas traut, das Wort ergreift. Es ist die Lust am Schauspiel und an der Not der anderen. Dabei hat niemand gegen das Gesetz verstoßen. Es war woanders, es geschah vor vielen Jahrhunderten -  aber wir heute sind gemeint!

Jesus zeigt, dass jedes Recht hinterfragt werden und nicht einfach durchgesetzt werden darf. Gott schafft Recht. Er schafft es auf dem Weg der Liebe, auch dann, wenn zunächst das Unrecht siegt. Gott schafft das Recht zu seiner Zeit. Zum Beispiel am Ostermorgen.

am 10.3.2019 (Thomas Messe) von Pfarrer Ernst Rohleder

Ein Gedicht von Mascha Kaléko
(aus: Mascha Kaléko: Die paar leuchtenden Jahre.2003 Deutscher Taschenbuch Verlag, München)

Die Zeit steht still.
Wir sind es, die vergehen.
Und doch, wenn wir im Zug vorüberwehen,
scheint Haus und Feld und Herden, die da grasen,
wie ein Phantom an uns vorbeizurasen.
Da winkt uns wer und schwindet wie im Traum,
mit Haus und Feld, Laternenpfahl und Baum.

So weht wohl auch die Landschaft unsres Lebens
an uns vorbei zu einem andern Stern
und ist im Nahekommen uns schon fern.
Sie anzuhalten suchen wir vergebens
und wissen wohl, dies alles ist nur Trug.

Die Landschaft bleibt, indessen unser Zug
zurücklegt die ihm zugemessnen Meilen.

Die Zeit steht still.
Wir sind es, die enteilen.

Liebe Gemeinde,

Die Zeit steht still.
Wir sind es, die enteilen.
So weht wohl auch die Landschaft unsres Lebens an uns vorbei.
Sie anzuhalten suchen wir vergebens.

Endlichkeit – das Thema zu dem ich etwas sagen soll und werde, natürlich habe ich täglich als Pfarrer für Altenseelsorge und Seelsorger in mehreren Seniorenheimen mit einer Vielzahl von älteren, alten und hochbetagten und langlebigen Frauen und Männern zu tun.

Und ja!, die allermeisten, nehmen bewusst war, dass die Lebenszeit, die sie haben begrenzt und endlich ist.

Und ja!, die Art und Weise wie jede und jeder auf seine und ihre Weise damit umgeht, davor habe ich hohen Respekt und große Achtung.

Und ja! Es gibt auch die, die mich fragen, wann darf ich endlich sterben, nach einem langen, langen Leben.

Aber so gut wie niemand denkt dabei unablässig an den Tod und das Sterben. „Ich bin ‚das immerzu ans Sterben denken“ so beschreibt eine andere Dichterin in einem ihrer Gedichte die Depression, das ist eine Krankheit zum Tode.

Und krank zu sein, ist etwas ganz anderes als endlich zu sein.

Endlich sein, das macht nicht krank! Jedenfalls nicht an sich.

Und das Anspiel, das wir eben gesehen und gehört haben, zeigt ja auch, beim Sterben und dem Tod geht es nicht nur um die schon alt gewordenen, es kann auch den Nachbarn in der Mitte des Lebens treffen. Und mich natürlich auch. Und wenn ich durch die Wetterau fahre, dann kenne ich einige Kreuze am Rande der Straße, die von Angehörigen und Freunden aufgestellt wurden, und erinnere mich an die, für die diese Kreuze stehen und die ich in meiner Zeit als Gemeindepfarrer nach einem Verkehrsunfall beerdigt habe. Hat das was mit Endlichkeit zu tun?

Oder hat das nicht auch etwas was mit Geschwindigkeit zu tun, mit einer fatalen Sekunde der Ablenkung oder manchmal einfach nur mit einem Scheiß Zufall? Mitten wir im Leben, sind vom Tod umgeben.

Ich möchte mich hier weigern mich, das Thema Endlichkeit auf das Thema: „wir alle müssen sterben“ zu reduzieren. Ja, das müssen wir, Sie und Ich.

Wir müssen aber alle auch das andere: wir müssen leben! Auch Sie und ich!

Jemand hat einmal gesagt: Die Endlichkeit mahnt uns endlich zu leben.

Leben, endlich leben!

Die Zeit steht still, wir sind es, die enteilen!

Und so vieles ist endlich und das ist gut so!

Das Anspiel eben endete mit dem bekannten Satz aus dem Prediger Salomo: Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben.

Denn ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes. Aber das ist ja nur der Schluss von einem Stück großer Weltliteratur:

Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde:

geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit; pflanzen hat seine Zeit, ausreißen, was gepflanzt ist, hat seine Zeit;

töten hat seine Zeit, heilen hat seine Zeit; abbrechen hat seine Zeit, bauen hat seine Zeit;

weinen hat seine Zeit, lachen hat seine Zeit; klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit;

suchen hat seine Zeit, verlieren hat seine Zeit; behalten hat seine Zeit, wegwerfen hat seine Zeit;

Der Text beschreibt die Endlichkeit von allem. VON ALLEM! Würde ich nicht gerne immer lachen, fröhlich sein? Don’t worry, be happy! Und gibt es nicht Zeiten, da gefriert mir das Lachen zur Maske? Da ist mir die Fröhlichkeit zuwider, weil das Leben eben nicht so ist. Das Leben ist auch voller Angst und Traurigkeit, Abschiednehmen müssen und, ja auch Sterben. Wie kann ich da eine lustige Mine aufsetzen: ist ja alles nicht so schlimm. Nein, verdammt, es ist schlimm. Und deshalb hat das Lachen seine Zeit! Weg mit Dir, ich muss auch trauern dürfen!

Aber, und jetzt kommt’s ja: auch das Weinen hat seine Zeit: Auch das Weinen ist endlich! Du musst kein schlechtes Gewissen haben, weil du in der Trauer auch mal lachst, wenn du ein neues Leben für dich suchst und vielleicht sogar findest! Es ist Gottes Wort, das dir sagt: Weinen hat seine Zeit.

Suchen hat seine Zeit – wie bin ich doch mein ganzes Leben auf der Suche nach mir selbst! Aber ich finde mich ja auch, manchmal, vor allem, - so würde ich sagen - weil Gott mich findet. Was für Zeiten sind das dann!

Aber ich verliere mich auch wieder – ich kann nicht ewig auf dem Gipfel der Erleuchtung bleiben. Es gibt auch noch die Welt und den Alltag und den Ärger und die Anderen.

Es ist gut, dass alles endlich ist und seine Zeit hat.

Es fordert heraus klug zu leben, wie der Psalmvers sagt, oder endlich zu leben, wie der Aphoristiker Glasl sagt.

Ich kann und brauche nicht alles so wichtig nehmen, als sei es in Stein gemeißelt. Aber dieser Stein wird bröckeln. Ich kann und darf gelassen sein, und vor allem mich selbst nicht so wichtig nehmen. Oder zu meinen, unentbehrlich zu sein.

So weht wohl auch die Landschaft unsres Lebens an uns vorbei. Sie anzuhalten suchen wir vergebens.

Die Endlichkeit gibt mir Raum liebevoll mit mir und dann auch mit anderen umzugehen, achtsam sagt man ja heutzutage gern.

Endlichkeit           macht         Sinn.

Und die Endlichkeit geht ja noch weiter. Mein Wissen ist endlich, Stückwerk sagte einmal Paulus. Meine Fähigkeiten sind endlich. Manchmal ist meine Geduld am Ende. Endlich ist auch die Gewalt der Gewaltigen, die Herrschaft der herrschsüchtigen. Ja auch dieser Kosmos, wie wir ihn kennen, wird einmal endlich sein, vielleicht in sich zusammenfallen, nachdem er sich unendlich ausgedehnt hat und selbst die Unendlichkeit einmal am Ende ist, in einem neuen BIGBANG und Urknall vielleicht von neuem beginnen und von Anfang an wieder endlich sein wird.

Leider wird auch scheinbar immer wieder vergessen, worin eigentlich Endlichkeit eingebettet ist. Denn so spricht der Prediger Salomo weiter:

Er hat alles schön gemacht zu seiner Zeit, auch hat er die Ewigkeit in ihr Herz gelegt; nur dass der Mensch nicht ergründen kann das Werk, das Gott tut, weder Anfang noch Ende.

Für mich ist Ewigkeit nicht die einfach in das Unendliche verlängerte Zeit, Ewigkeit ist die Qualität - nicht die Quantität, die der Endlichkeit entgegensteht. Ewigkeit qualifiziert die Endlichkeit, die ich erlebe. Ja, ich kann sogar in der Endlichkeit, Ewigkeit erleben,

Momente des Glücks, der Liebe, der Meditation, in denen ich spüre, hinter – oder mitten drin – in diesem Leben der Endlichkeit ist Ewigkeit.

Die Zeit steht still – so benennt es das Gedicht.

Die Ewigkeit.
In ihr Herz gelegt.
In das Herz des Menschen.

Wir spüren die Endlichkeit!
Spüren wir auch die Ewigkeit,
die in unser Herz gelegt ist!

Wir tragen die Ahnung, das Wissen, den Glauben, das Geheimnis der Ewigkeit in uns. ‚In ihr Herz gelegt‘, das Herz der Menschen. In ein Organ, aus Muskel und Blut, mit Rhythmus und Kraft und auch Versagen und schließlich Stillstand.

Aber es ist mein Herz –
Es ist meine Zeit,
meine Ewigkeit
und meine Endlichkeit.
Es ist Ihr Herz.
Ihre Zeit, Ihre Ewigkeit, und Ihre Endlichkeit.

Machen wir was draus, Endlichkeit: endlich leben!

Denn: Die Landschaft bleibt,
wir sind es, die enteilen!

am 17.2.2019 von Pfarrer Rainer Böhm

Die Liebe unseres Herrn Jesus Christus, die Gnade Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

Liebe Gemeinde,

„Halte Ordnung, liebe sie, Ordnung spart dir Zeit und Müh.“ Meine Mutter kannte viele dieser Lebensweisheiten. Trotzdem bin ich ein Papierstapler geworden. Um mich herum auf meinen beiden Schreibtischen, im Pfarrhaus und im Gemeindebüro sind sie: Rechts und links von der Arbeitsfläche wachsen immer wieder, ich weiß auch nicht wie das passiert, zwei, also vier Stapel. Vermutlich liegts an meinem mangelhaften Ablagesystem.

Ich wäre so gerne anders. Ratgeber wissen, wie es geht. Sie erzielen irrsinnige Umsätze, die Buchhandlungen sind voll davon. Ratgeber für alles: Gesundheit, gute Ehefrauen und Ehemänner, Ratgeber zum Glück, zur Ordnung, für mein inneres Ich oder mein inneres Kind. Ratgeber zur Erziehung, für die gute Geldanlage.

Auch ich habe einen solchen Ratgeber geschenkt bekommen, von meinen Kindern: Dinge geregelt kriegen – ohne einen Funken Selbstdisziplin (K.Passig/S. Lobo). Es ist ein Lehrbuch darüber, dass es auch anders geht, gehen kann, gehen darf.

Was steckt aber hinter dieser unbändigen Suche nach Ratgebern? Hinter all den klugen Ratschlägen und unnötigen Informationen von Leuten, die eine Menge Geld mit der Not der anderen verdienen?

Wir ergreifen jeden Zipfel, um noch etwas in der Hand zu behalten, bevor es uns entgleitet. Wir sind unsicher geworden, ich bin unsicher geworden in einer Welt, in der nichts sicher ist – außer dem Tod. Wie vorsorgen? Wie mein Leben gestalten? Wie einen Partner finden? Wie eine bezahlbare Wohnung?

Die neue Perikopenordnung beschert uns neue Predigttexte, auch solche, die bisher eher ein Schattendasein geführt haben. Bislang war das Buch des Predigers Salomo, Kohelet, nur einmal in sechs Jahren vertreten, mit dem berühmten Gesang über die Zeit. „Alles hat seine Zeit“. Das Buch Kohelet wird dem Sohn Davids zugeschrieben, Salomo, König in Jerusalem. Wahrscheinlich ist es an seinem Hof entstanden, aber wie die Psalmen nicht vom König selbst. Es gehört zur atl Weisheitsliteratur. Auch wenn uns also unsere Zeit als die Unsicherste erscheint – Menschen aller Zeiten suchten nach Sicherheit. Es gab schon immer Ratgeber, besonders am Hof eines Königs. Ich lese den Predigttext aus Pred. 7, 15 – 18:

Dies alles hab ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens: Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit. Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest. Sei nicht allzu gottlos und sei kein Tor, damit du nicht stirbst vor deiner Zeit. Es ist gut, wenn du dich an das eine hältst und auch jenes nicht aus der Hand lässt; denn wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen. 

Der Prediger des Salomo war ein Berater am Hof des Königs. Vor fast 3000 Jahren beobachtete er den Lauf der Dinge. Nicht wie ein Professor, der so etwas über dem Erdboden schwebt. In der hebräischen Bibel ist die Weisheit die Antwort des Menschen auf Erfahrungen, die er in der Welt macht – in einer Welt, in der uns überall auch das Handeln Gottes begegnet. Die Weisheit des Predigers ist seine Art des Glaubens.

Die lässt sich aus einem Dilemma heraus verstehen: Es gibt Gerechte, die gehen in (und vielleicht auch an) ihrer Gerechtigkeit zugrunde. Und es gibt Gottlose, die leben mit all ihrer Bosheit auf Kosten der anderen (und sie leben damit auch noch gut). Gutes Handeln bleibt oft folgenlos. Aus diesem Dilemma ergibt sich für den Prediger der Mittelweg: „Sei nicht zu gerecht und nicht zu gottlos.“ Der Mittelweg ist nicht unbedingt der Königsweg. Aber er ist immerhin lebenspraktisch, Der Prediger ist sparsam mit großen Worten.

Und die Erfahrung lehrt uns ja: Frechheit siegt. Je offensichtlicher sich jemand korrupt und gewalttätig gebärdet, desto weniger passiert ihm. Ganze Länder und Landstriche werden von einzelnen ausgebeutet, Minderheiten ermordet. Ehrlichkeit währt nicht immer am längsten, und auch die Strafe folgt nicht immer auf dem Fuß. Nein, stellt der Prediger fest, ein frommes Leben wird von Gott nicht belohnt, und ein gottloses Leben nicht bestraft. Ist Gott also ungerecht?

„Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“ – so hat es der Frankfurter Sozialphilosoph Theodor W. Adorno formuliert. Verstünde man den Satz wörtlich, dann wäre er zynisch gemeint und ein Freibrief dazu, sein Leben auf Kosten der anderen zu gestalten. Nach mir die Sintflut. Aber so ist der Satz Adornos nicht gemeint. Er geht aus von der Einsicht, dass unser Leben immer beschädigtes Leben ist. Wir arbeiten uns ab an unseren eigenen Widersprüchen und Unzulänglichkeiten. An den Kränkungen unseres Lebens. Verdrängen ist keine Lösung, es gilt die Widersprüche anzunehmen. Die strikte Prinzipienfestigkeit ist keine Lösung, und die zerstörerische Gleichgültigkeit auch nicht.

Der Prediger benennt genau diese Widersprüchlichkeit, die sich auch durch menschliche Weisheit nicht auflösen lässt. „Da ist ein Gerechter, der geht zugrunde in seiner Gerechtigkeit, und da ist ein Gottloser, der lebt lange in seiner Bosheit.“ Das muss gesehen, benannt und ausgesprochen werden. Denn nur dann geht die eigene Mitte nicht verloren. Leben ohne Widersprüche, ohne Fremdbestimmung und Verblendung, ohne Unzulänglichkeiten – ein im Ganzen richtiges Leben: das ist unmöglich, nicht zu bekommen, gibt es nicht.

Adorno hat das als Jude in Deutschland am eigenen Leib erfahren. „Dies alles hab ich gesehen in den Tagen meines eitlen Lebens.“ Deshalb überlegt er in immer neuen Ansätzen wie man sich in schwieriger Lage am besten verhält. Er untersucht die gesellschaftlichen Bedingungen von Entfremdung und Ungerechtigkeit und weist auf die zerstörerischen Tendenzen der Moderne hin. Leben ist beschädigtes Leben. Trotz allem hält Adorno fest am Traum des gelingenden Lebens, nur vom Unmöglichen her können wir unsere Möglichkeiten sehen. Er sieht diese Möglichkeiten gelingenden Lebens in der Kontemplation, in der unverfälschten Begegnung, im Miteinander und auch in der Begegnung mit der Kunst.

„Sei nicht allzu gerecht und nicht allzu weise, damit du dich nicht zugrunde richtest.“ Der Prediger vertritt weder faule Kompromisse noch abgestumpfte Gleichgültigkeit. Unser Leben bleibt uns undurchschaubar, eine bleibende Statt haben wir hier nicht, letzte Sicherheit gibt es auch nicht. Kluger Pragmatismus ist vonnöten. Es ist wie es ist, sagen die Kölner. Aus mir wird kein Vorbild an Ordnung mehr, und ehrlich gesagt komme ich auch so ganz gut zurecht. Aber gerade in unseren eigenen begrenzten Möglichkeiten dürfen wir mit dem Unmöglichen rechnen, in unserer Endlichkeit mit der Unendlichkeit, mit dem in Gott gegründeten Mehrwert des menschlichen Lebens.

„Wer Gott fürchtet, der entgeht dem allen“, sagt der Prediger am Ende. Ich verstehe Furcht im Sinne von Ehrfurcht oder Respekt. Mit Blick auf Gott sollen wir Christen unsere ethischen Zwickmühlen abwägen, unsere Vernunft bemühen, der eigenen Endlichkeit bewusst sein und dankbar und fröhlich leben. Denn es gibt nichts unter der Sonne, was außerhalb von Gottes Herrschaftsbereich geschieht.

Die Weisheit des Predigers ist seine Art zu glauben. Sie ist getragen von dem Glauben, dass die Schöpfung gut ist; dass jeder auf der Welt seinen Platz finden kann – und dorthin möchte er uns führen.

Du bist, so wie du bist, von Gott gewollt: in all deiner Unzulänglichkeit, mit den Schäden, die das Leben dir zugefügt hat. Du bist geschaffen, bist gewollt, ein Mensch mit Verstand und Gefühl gesegnet. Geschöpf Gottes. Du kannst wissen und fühlen, was er von dir will. Du sollst wissen, dass deine einzige Sicherheit Gott selbst ist. Unser Leben liegt in seiner Hand. Und er ist ein liebender Gott. „Die Furcht, der Respekt des Herrn ist der Anfang der Weisheit.“

Die Liebe Gottes, die höher ist als unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen

am 3.2.2019 von Pfarrer Rainer Böhm

Die Liebe unseres Herrn Jesus Christus, die Gnade Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen

Predigttext nach neuer Ordnung (1.Kor 1, 4-9)

Dank für reiche Gaben in Korinth

Ich danke meinem Gott allezeit euretwegen für die Gnade Gottes, die euch gegeben ist in Christus Jesus, dass ihr durch ihn in allen Stücken reich gemacht seid, in allem Wort und in aller Erkenntnis. Denn die Predigt von Christus ist unter euch kräftig geworden, sodass ihr keinen Mangel habt an irgendeiner Gabe und wartet nur auf die Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus. Der wird euch auch fest machen bis ans Ende, dass ihr untadelig seid am Tag unseres Herrn Jesus Christus. Denn Gott ist treu, durch den ihr berufen seid zur Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn.

Liebe Gemeinde,

die Gemeinde, an die Paulus Brief gerichtet ist, scheint bestens ausgestattet. Es fehlt ihr an nichts von dem, was zum Profil einer christlichen Gemeinde gehört. Sie hat sogar alles im Überfluss. Nicht unbedingt, was ihre Finanzen anbelangt. Auch nicht ihre Mitgliederzahlen. Beides ist nicht sonderlich hoch, nach allem, was wir wissen. Trotzdem zählt diese Gemeinde zu den Referenzgemeinden der Christenheit. Paulus stellt ihr ein Zertifikat aus. Kein Wunder, diese Gemeinde hat er schließlich selbst aufgebaut. Er hat anderthalb Jahre in Korinth gelebt, in dieser quirligen Hafenstadt zwischen Orient und Okzident. Er verdiente sein Geld als Handwerker, Zeltmacher war er.

Vergangenes Wochenende war unser Kirchenvorstand bei einer Klausurtagung. Zu den vielen Projekten unserer Gemeinde gehört die wachsende Zusammenarbeit mit den Nachbargemeinden in Bad Nauheim und im Usatal. Vieles läuft ganz gut bei uns. Aber überall ist auch noch Luft nach oben: Wenn es um die Spiritualität in unserer Gemeinde geht, den Gottesdienst-Besuch, die Neugestaltung unserer Kirche, das Orgelprojekt. Die Förderung der Ehrenamtlichen. Von einem Zertifikat sind wir wohl weit entfernt.

Paulus zeigt uns mit seinem Briefbeginn ein Stück antiker Lobkultur. Es gehörte zum guten Ton, einen Brief mit einem Kompliment zu beginnen. So wie eine Rede mit einem Witz oder einem persönlichen Erlebnis – so hat man die Zuhörer gleich auf seiner Seite. Das heißt nicht unbedingt, dass es wahrhaftig, ehrlich gemeint ist. Was ihr für eine tolle Gemeinde seid!! Dann nimmt man später auch die Kritik leichter an. Aber Paulus redet keinen Schmus. Er meint es wirklich so. In anderen Briefen kann er nämlich auch anders. Er ist dankbar für das, was er aus Korinth hört und deshalb blickt er getrost in die Zukunft.

In der modernen Gemeindearbeit nennt man das Lobkultur. Zunächst einmal zu beachten, was man an dem oder der anderen gut findet. Und vor allem: es auch sagen. Das schafft eine angenehme Atmosphäre, man fühlt sich geachtet und angenommen. Es muss natürlich auch passen. Meist sind wir mit dem Tadel schneller und freigiebiger als mit einem Lob, nicht nur in einer Kirchengemeinde, sondern auch in unseren anderen Beziehungen, in der Familie oder am Arbeitsplatz. Tadel macht klein. Lob ist kein schlechter Ausgangspunkt in einer Beziehung.

Paulus weiß, dass es in Korinth stürmisch zugeht. Die Gemeinde ist zerrissen. Das zeigt schon der nächste Vers nach unserem Predigttext. Es gibt Spaltungen. Die einen bleiben auf der Linie der früheren Leiterin. Der Diakon möchte neue Akzente setzen Die Kirchenmusik sieht sich nicht genug gewürdigt. Andere sagen: immer die! Manche beschweren sich über die schlechte Akustik. Dann pocht der Kirchenvorstand darauf, dass er schließlich die Gemeinde leitet und ihr Kopf ist. Andere sagen, was wären wir hier ohne den Küster? Wie würde dann unser Gottesdienst funktionieren, wie würden die Gebäude aussehen ohne die Menschen, die sich darum kümmern. Und überhaupt, was wären wir ohne die Kindergärten?

In Korinth war es vor allem der Streit zwischen den sog. Starken und den Schwachen. Die einen fühlten sich schon im Himmel. Sie sahen alles nicht so eng und wussten, es kommt weniger auf Regeln als auf den Glauben an. Die anderen überlegten ständig, was darf ich als Christ tun und was nicht. Was sagt das Gesetz? Paulus schreibt ihnen: Ihr habt alle unterschiedliche Gaben. Es kommt auf jeden an. Niemand ist weniger wichtig als ein anderer. Durch die Taufe seid ihr alle eins. Ein Oben und Unten gibt es bei uns nicht.

Bei uns gilt üblicherweise die Regel: Only bad news are good news. Skandale verkaufen sich besser. Über das zu berichten, was misslungen ist, erzeugt größere Aufmerksamkeit. Unfälle, Verbrechen, Katastrophen sind die wahren Aufregerthemen. Auch in der Kirche haben wir uns daran gewöhnt, im Krisenmodus zu reden. Schwindende Finanzen, kleiner werdenden Gemeinden, Kirchenaustritte und fehlender Nachwuchs. Und was sonst noch alles daneben geht oder liegen bleibt - eine Menge Negativthemen.

Paulus lässt sie ja auch nicht an der Seite liegen. Aber zuerst steht das Lob. Am Anfang nicht das halb leere, sondern das gefüllte Glas.

Wir können dankbar sein für das, was alles in unserer Gemeinde geschieht. Stolz sein auf ehrenamtliche Mitarbeit in der Gemeinde, auf überregional wirksame Kirchenmusik, auf die Arbeit der Erzieherinnen in den Kindergärten, auf Ideen und Kreativität in unseren Kinder- und Jugendgruppen, auf den großen Stamm, den die Pfadfinder bei uns bilden, auf unsere schöne Kirche, auf die Arbeit unserer hauptamtlichen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen.

Sicher, da ist immer noch Luft nach oben. Und all das unterscheidet uns noch nicht von Vereinen oder Vereinigungen. Auch sie haben gemeinsame Interessen. Auch sie fördern eine gute Sache. Auch sie verstehen sich gut oder haben mal Ärger miteinander. Wie wir... Manche Vereine laufen besser als eine Kirchengemeinde. Banken und Betriebe sind sicherlich besser organisiert. Deshalb lobt Paulus auch nicht die Kommunikation und Stringenz in der Gemeindeleitung. Das Engagement in der Nächstenliebe, den Ausschlag an Spiritualität. Das sind einzelne Faktoren.

Gemeinde macht nicht das aus, was wir alles veranstalten. Das hat sicher seinen Wert für die Menschen und ihre Begegnung mit Gott und der Kirche – Paulus denkt an die Gemeinde und lobt Gott, weil eines fest steht: Gott macht etwas aus uns. Gott hält uns. Gott macht die Gemeinde aus. Das Wort von seiner Liebe in Jesus Christus. Das macht den Unterschied. Darauf kommt es an.

Es gibt viele Gaben, aber es ist ein Geist, schreibt Paulus. Wer ist da Gebender und wer ist Nehmender. Es kommt auf jeden einzelnen an. Die Mitarbeiterinnen im Besuchsdienst erzählen manchmal davon, wie schwer es sein kann, schwerkranke oder alleine lebende Senioren zu besuchen. Sie tun es trotzdem und oft fragen sie sich danach: Wer hat nun eigentlich wen beschenkt? Sie wollten geben und kommen beschenkt zurück.

Luft nach oben ist immer. Aber Gott will unsere Zuversicht stärken und unseren Glauben festigen. Eine Gemeinde ist nie fertig, das Ziel wird sie kaum erreichen. Das geht bis zum Ende so weiter. Gott gibt uns Durchhaltevermögen. Er ist zuverlässig. Er ist treu und hält an uns fest.

Die Liebe Gottes, die höher ist als unsere menschliche Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen

am 9.12.2018 von Vikarin Anne Kampf zum Abschied

Der Predigttext für den zweiten Advent steht in Jesaja 35, die Verse 3-10.

Überschrift: Die Rückkehr der Geretteten.

3 Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie!
4 Sagt den verzagten Herzen: »Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt (…) und wird euch helfen. «
5 Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden.
6 Dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch, und die Zunge des Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande.
7 Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen.
8 Und es wird dort eine Bahn sein und ein Weg, der der heilige Weg heißen wird. Kein Unreiner darf ihn betreten; nur sie werden auf ihm gehen; auch die Toren dürfen nicht darauf umherirren.
9 (…) sondern die Erlösten werden dort gehen.
10 Die Erlösten des HERRN werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.

Liebe Gemeinde,

ich möchte Sie mitnehmen auf eine Reise. Eine Reise durch trockene, braune  Wüste und durch grüne Täler mit Brunnquellen. Eine Fahrt mit dem Fahrrad von Siegen nach Santiago de Compostela, die ich als Theologie-Studentin unternahm.

Ich hatte Fragen und suchte Antworten, wollte meinen Weg für die nächsten Jahre finden. Mit Fahrtwind um den Kopf wollte ich nachdenken, im Takt der Pedale beten. Ich suchte Wegweisung von Gott.  Zelt und Schlafsack auf dem Gepäckträger, ein Stempel meiner Kirchengemeinde auf dem Pilger-Ausweis, so fahre ich in Siegen los. Der Ausweis soll sich füllen mit Stempeln von deutschen, französischen und spanischen Kirchengemeinden, zuletzt mit dem Abzeichen der Pilger-Kathedrale von Santiago. Da will ich hin. Oder? Ist Santiago de Compostela das Ziel meiner Reise?

Die erste Etappe führt durch das Bergische Land, immer bergauf bis auch die höchsten Gipfel, warum führt die Pilgerroute eigentlich nicht bequem unten an der Sieg entlang?, da geht’s doch auch nach Köln, frage ich mich und trete weiter in die Pedale. Weiter bergauf. Am nächsten Morgen habe ich  Kopfschmerzen, Schwielen an den Fingern und Beine aus Gummi…  

3 Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie!
4 Sagt den verzagten Herzen: »Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt (…) und wird euch helfen. «

Den Ausruf des Propheten hörten einst Menschen im Exil –kurz vor ihrer Rückkehr nach Jerusalem. Die Freiheit stand ihnen vor Augen – und trotzdem waren sie offenbar ganz mutlos. Weil sie das Ziel nicht sehen konnten oder nicht daran glauben konnten? Was sie sahen, war Wüste, zerstörtes Land. Was sie fühlten, waren Erschöpfung und Unsicherheit, wankende Knie und verzagte Herzen. „Wohin gehen wir eigentlich? Gibt es überhaupt das Ziel, auf das wir hoffen: Zion, den Gottesberg, unsere Heimat? Wird Er dort sein und uns erwarten?“

Je weiter ich mich auf meiner Pilgertour von meiner Heimatstadt entferne, desto unsicherer werde ich. Ich erinnere mich an die schwierige Suche nach einem fahrradtauglichen Ausweg aus der Stadt Köln heraus, mit Autolärm in meinen Ohren… an eine  Irrfahrt  durch den finsteren Wald der Eifel auf der Suche nach einer Unterkunft… an den Nachmittag, an dem das Hinterrad über eine Reißzwecke fährt… an den heißen Tag, an dem mein Trinkwasser schon mittags zur Neige geht… Was für eine bescheuerte Idee, diese Pilgertour!, denke ich.

5 Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden.
6 Dann wird der Lahme springen wie ein Hirsch, und die Zunge des Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande.

Eines Tages dann: ein großes Frühstück im Hotel mit Brötchen zum Einpacken, ein wunderbarerer Sonnenaufgang hinter den Bergen, ein Radweg durch ein grünes Tal am Bach entlang, ein Freibad direkt neben dem Campingplatz…

7 Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen.

Es läuft. Ich fahre. Finde heraus, wo ich am besten meine Wasserflaschen füllen kann, genieße ein Dreigangmenü zu Mittag im ersten Restaurant hinter der deutsch-französischen Grenze. In Frankreich gibt es Campingplätze wie Sand am Meer und die Dörfer blühen miteinander um die Wette, villages fleuris, grün und rosa und gelb… . Ich treffe Mitpilger, unter ihnen ein Holländer mit mobiler Kaffeemaschine: „Hast du Tasse, kannst du Koffie haben“, sagt er und natürlich habe ich meine Blechtasse griffbereit hinten links. Was für eine schöne Pilgerfahrt!, denke ich.

In der Kathedrale von Vézelay in Frankreich entdecke ich eine Inschrift an der Wand: „Nous sommes tous pèlerins, en route vers la maison du Père.“  – „Wir alle sind Pilger, unterwegs zum Haus des Vaters.“  Schön klingt das. Ich mache ein Foto von der Inschrift.

Dann: Spanien. Hier hinter den Pyrenäen brennt die Sonne erbarmungslos vom Himmel. Kein Schatten weit und breit, bei 36 Grad strample ich durch die Wüste, und es kommt, wie es kommen musste: Ich verliere den Überblick, verirre mich, fahre zwischen braunverbrannten Getreidefeldern im Kreis. Irgendwas stimmt nicht mit meiner Karte… Der Reiseführer warnt uns Fahrradpilger: Hier gibt es nur die Nationalstraße, und die ist gefährlich, rasende Autos, rücksichtslose Lastwagen. Auch das noch! Ich finde die Zufahrt zur Nationalstraße – und bin überrascht: Alle fünf Minuten überholt mich gemütlich ein kleines Auto. Nach ein paar Kilometern sehe ich einen Wegweiser zur Autobahn. Autobahn? Ich schlage nochmal den Reiseführer auf: Keine Rede von einer Autobahn, auch auf der Karte nicht. Sie muss ganz neu sein. Prima: Die alte Nationalstraße gehört jetzt ganz den Fahrradpilgern.

8 Und es wird dort eine Bahn sein und ein Weg, der der heilige Weg heißen wird. Kein Unreiner darf ihn betreten; nur sie werden auf ihm gehen; auch die Toren dürfen nicht darauf umherirren.
9, sondern die Erlösten werden dort gehen.

Der Prophet spricht von einem Weg, der extra angelegt wurde für die Heimkehrenden, ja von einer richtigen Straße, aufgeschüttet im unwegsamen Gelände. Eine Straße für die Orientierungslosen mit den wankenden Knien und dem verzagten Herzen. Ein heiliger Weg oder auch: ein Weg zum Heiligtum, eine Straße, die mit Sicherheit zum Ziel führt, nach Jerusalem, zum Zionsberg. Ein Weg, den Gott selbst den Heimkehrenden bereitet hat.

Auf der langen Abfahrt nach Santiago de Compostela erfasst mich ein Hochgefühl. Wie im Traum schiebe ich mein Fahrrad durch die Altstadt zum Pilgerbüro, hole den letzten Stempel und meine Urkunde ab, gehe weiter zur Kathedrale. Dort scheint ununterbrochen Gottesdienst zu sein, es ist voll, es riecht nach Weihrauch, Gesang und Worte hallen durch den Raum. Pilger in Wanderschuhen oder Fahrradhosen kommen und gehen, manche bleiben für Stunden, singen und beten …

Bin ich angekommen?

Beim Spaziergang durch Santiago zwischen Souvenirläden und Imbissbuden wird mir klar: Hier ist nicht das Ziel. Ich bin fast 3000 Kilometer gefahren und nicht angekommen. Nun will ich‘s wissen, kaufe eine Busfahrkarte zum Kap Finisterre, zum Ende der Erde, setze mich dort auf einen Felsen und blicke aufs Meer. Da hinten am Horizont ist es hellblau. Keine Grenze auszumachen zwischen Wasser und Himmel. 

Ich hab mich getäuscht. Weder in Santiago de Compostela noch am Ende der Erde ist das Ziel. 

Im letzten Restaurant unter dem Leuchtturm am Kap Finisterre klicke ich meine Fotos durch. Da ist er, der Spruch aus der Kathedrale von Vézelay: „Nous sommes tous pèlerins, en route vers la maison du Père.“ – „Wir alle sind Pilger, unterwegs zum Haus des Vaters.“

Das ist es: en route. Unterwegs. Wir sind unterwegs – immer weiter unterwegs. Und auf unserem Weg ist Er uns längst entgegen gekommen. Er war schon da, als wir mit wankenden Knien und verzagtem Herzen aufbrachen. Er ist die ganze Zeit da, zwischen den braunverbrannten Feldern, unter der sengenden Sonne der Wüste. Unterwegs kommt er bei uns an, wir spüren seine Gegenwart in den grünen Tälern, am Ufer des Baches, im frischen Wasser.

Und wir reisen mit Ihm weiter, auf der breiten Straße, die im unwegsamen Gelände entspringt – extra für uns. Eine Straße, die kein Ziel auf Erden kennt. Die über das Ende der Welt hinausführt, zum Haus des Vaters, nach Hause.

10 Die Erlösten des HERRN werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.

am Ewigkeitssonntag 2018 von Vikarin Anne Kampf

Liebe Gemeinde,

heute bekommen wir Einblick in das Seelenleben des Apostels Paulus. Er sitzt in Ephesus im Gefängnis. Er hat Zeit zum Nachdenken – viel Zeit, aber gleichzeitig keine Ruhe. Wir sehen, wie Paulus sich quält. Er quält sich nicht nur mit der Ungewissheit, ob er wohl verurteilt oder freigesprochen wird. Er quält sich zusätzlich mit einer Gewissensentscheidung. In beiden Fragen geht es um Leben und Tod. Aus dem Gefängnis und aus seiner Unruhe heraus schreibt Paulus einen Brief an seine Gemeinde in Philippi. Er lässt seine Freundinnen und Freunde teilhaben an seiner gewichtigen und sehr persönlichen Frage. Ich lese aus dem ersten Kapitel des Philipperbriefes.

21 Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.

22 Wenn ich aber weiterleben soll im Fleisch, so dient mir das dazu, mehr Frucht zu schaffen; und so weiß ich nicht, was ich wählen soll.

23 Denn es setzt mir beides hart zu: Ich habe Lust, aus der Welt zu scheiden und bei Christus zu sein, was auch viel besser wäre;

24 aber es ist nötiger, im Fleisch zu bleiben um euretwillen.

25 Und in solcher Zuversicht weiß ich, dass ich bleiben und bei euch allen sein werde, euch zur Förderung und zur Freude im Glauben,

26 damit euer Rühmen in Christus Jesus größer werde durch mich, wenn ich wieder zu euch komme.

Paulus‘ Brief wird in der Gemeinde vorgelesen. Als der Vorleser endet, ist es still. Noch nie hat der Apostel, der Gründer dieser Gemeinde, den sie alle kennen, so etwas Persönliches geschrieben. Nach dem Gottesdienst diskutieren die Gemeindemitglieder über Paulus‘ Frage. Was ist besser: Sterben oder leben?

Nachdenklich gehen sie nach Hause. Die Gedanken tragen sie mit sich. Manche werden traurig, andere froh, einige dagegen spüren Wut – je nachdem, was sie selbst erlebt haben. Stellen wir uns vor, vier Gemeindemitglieder aus Philippi – oder vielleicht können wir uns den einen oder anderen sogar mit einem Absender aus Bad Nauheim vorstellen – vier Leute hätten sich am Nachmittag hingesetzt und Antwortbriefe geschrieben. An Paulus in Gefängnis in Ephesus.

Paulus,

ich muss dir antworten, und zwar sofort, sonst platze ich. Seit dein Brief heute Morgen in der Gemeindeversammlung vorgelesen wurde, rege ich mich nur noch auf. Wir haben heftig diskutiert nach dem Gottesdienst, vor allem über deine Formulierung am Anfang. Wie kannst du nur so etwas schreiben: „Sterben ist mein Gewinn“??? Was denkst du dir dabei? Weißt du denn nicht, wie das ist, wenn jemand stirbt??? Wie das wehtut und einschneidet, wie es das ganze Leben zerschneidet?

Erst drei  Monate ist es her, dass mein Mann starb. Seitdem vergeht kein Tag, an dem ich ihn nicht vermisse. Nachts ist es besonders schlimm, wenn niemand neben mir im Bett liegt, wenn der Platz einfach leer bleibt. Wo ist er? Wo ist er hingegangen? Ich weiß  es nicht.
Ist er im Grab? Ist er im Himmel? Ich suche ihn überall. Aber er ist nicht mehr da und er wird nicht zurückkommen. Diesen Gedanken kann ich nur langsam begreifen. Ich bin wie gelähmt. Warum trifft es mich so hart und so plötzlich? Wie soll ich weiterleben? Das sind meine Fragen, Paulus.

Und dann schreibst du, der kluge und gebildete Prediger, so einen Satz: „Sterben ist mein Gewinn“. Du hast ja keine Familie, deswegen hast du leicht reden. Du denkst nur an Dich. Ja, du denkst egoistisch, Paulus! Weil du gerne tot wärest, meinst du, einfach sagen zu können, das Sterben sei etwas Gutes.

Aber es ist nichts gut an diesem verdammten Tod, nichts. Er schlägt einfach nur erbarmungslos zu. Er ist einfach ungerecht! Er macht alles kaputt!

Wo ist denn dein Christus? Ich sehe ihn nicht. Ich spüre ihn nicht. Wie kann er mich retten jetzt und hier in meiner Trauer und in meiner Wut?

Viele Grüße, deine Lydia

Lieber Paulus,

heute Morgen wurde dein Brief aus dem Gefängnis vorgelesen. Ich danke dir für deine offenen Worte. Sie taten mir gut. Eine Formulierung hat mich besonders berührt: „Lust, aus der Welt zu scheiden“. Weißt du was, Paulus – also, das vertraue ich sonst niemandem an, nur Dir, denn ich glaube, du verstehst mich: Auch ich habe Lust, aus der Welt zu scheiden. „Lust“ ist ein richtig gutes Wort dafür; ich sage sonst immer: „Sehnsucht“. Ja, ich habe auch eine solche Sehnsucht, die Welt zu verlassen, und ich bin so froh, dass ich es auf deinen Brief hin einmal zugeben und niederschreiben kann. 

Weißt du, Paulus, ich bin so müde. Alles strengt mich über die Maßen an, schon die kleinsten Tätigkeiten des Alltags. Ich versuche einfach nur durchzuhalten, aber alles ist so schwer. Ich fühle mich überfordert und alleingelassen mit dem Leben, mit diesem Leben. Außerdem weiß ich einfach nicht, wofür es sich lohnen soll, wozu ich überhaupt auf der Welt bin …

Ich möchte endlich loslassen dürfen. Das Leben loslassen. An einem Ort sein, wo alles schön ist, wo ich getragen werde, wo ich mich leicht fühle. Du nennst es „bei Christus sein“ … darüber denke ich nach. Ja, ich glaube, ich teile deine Hoffnung, Paulus. Ich glaube, dass auf der anderen Seite Christus auf uns wartet. Wenn wir bei ihm sind, werden wir alles verstehen und es wird sich gut anfühlen. Ich möchte daran glauben und ich möchte endlich dort sein.

Liebe Grüße, dein Theo

Hallo Paulus,

ich melde mich auf deinen Brief hin, der in der Gemeinde vorgelesen wurde. Du weißt ja, ich bin ein nachdenklicher Mensch und ich nehme nicht alles einfach so hin. Ich muss es erst gründlich überdenken. So auch deine Formulierung „bei Christus zu sein, was auch viel besser wäre“.

Warum bist du dir eigentlich so sicher, dass du bei Christus sein wirst? Und dass es „besser wäre“?

Vielleicht weißt du, dass vor ein paar Wochen meine Mutter gestorben ist. Seitdem denke ich wirklich oft darüber nach – über das Sterben und was dann eigentlich mit dem Menschen passiert. Wie kannst du wissen, wo die Verstorbenen hingehen? Liegen sie nicht einfach nur auf dem Friedhof? Ich frage mich das, wenn ich am Grab meiner Mutter stehe. Liegt sie da unten, friedlich und in Ruhe? Oder ist sie längst ganz woanders? Wie stellst du dir das praktisch vor, Paulus? Ist meine Mutter quasi durchgegangen von Sterben direkt zu einem anderen Leben hin? Hat sie eine Stimme gehört, die sie hinüberrief? Vielleicht ein Licht gesehen oder eine Hand gespürt? Wie kannst du so sicher sein, Paulus, dass ein verstorbener Mensch direkt zu Christus geht?

Ich kann es mir ehrlichgesagt nur schwer vorstellen, ich habe da meine Fragen und Zweifel. Trotzdem finde ich es gut, dass du so freimütig bekennst, was du glaubst. Du scheinst dich richtig darauf zu freuen, eines Tages bei Christus zu sein… Ja, es hilft mir schon, solche Gewissheit und Freude herauszuhören aus deinem Brief. Ach, könnte ich doch auch so sicher sein. Könnte ich doch auch einfach vertrauen und mich freuen! Ich versuche es.

Deine Johanna

Lieber Bruder Paulus,

ich danke dir sehr für deinen wunderbaren Brief. Noch nie warst du so offen zu uns. Noch nie habe ich so persönliche Worte von dir gehört.  Viele in der Gemeinde waren sehr berührt heute Morgen in der Versammlung. Es war ganz still, nachdem man deinen Brief vorgelesen hatte.

Ob du den Tod oder das Leben vorziehen sollst – das ist wahrlich keine einfache Frage! Und sie geht ja uns alle an! Sterben oder Leben… Lass mich ganz offen sein, lieber Bruder: Ich bin froh und erleichtert über deine Entscheidung. Auch wenn du dich danach sehnst, bei Christus zu sein – was ich verstehe – , so wählst du ja letztendlich die andere Möglichkeit, das „Leben im Fleisch“, wie du es nennst.

Was mich besonders freut, ist: Du entscheidest dich so, um bei uns sein zu können. Oh, wie schön wäre das, dich wieder hier begrüßen zu können! Ich hoffe und bete, dass sie dich aus dem Gefängnis entlassen, denn wir brauchen dich. Unsere Gemeinde ist noch so jung und so unsicher. Wir müssen noch wachsen in unserem Glauben. Ich freue mich und spüre deine Wertschätzung, ja, deine Liebe zu uns, wenn du schreibst, dass du wiederkommen möchtest. Ich höre auch deine Freude zwischen den Zeilen, eine Freude darüber, weiterhin wirken zu können mit deinen Gaben. Wir werden deine Predigten hören und mit dir diskutieren, wir werden das Mahl halten und gemeinsam feiern…

Bitte, Paulus, bleib noch eine Weile am Leben!

Ganz herzliche Grüße, dein Thomas

am 4.11.2018 von Pfarrerin Susanne Pieper

Gottes Liebe, die Gnade unseres Herrn und Bruders Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

in freien Wahlen haben wir vor einer Woche einen neuen hessischen Landtag gewählt. Das ist ein großes Glück, dass wir heute in politischer Freiheit leben dürfen. Es ist ein unendlich kostbares Gut, dass wir eine Verfassung haben, die demokratisch ist. Ein Gut, das niemals verspielt werden darf. Dies gilt umso mehr im Angesicht dessen, dass wir in fünf Tagen das 80. Gedenken der Reichspogromnacht begehen werden.

Wir können heute in einer Demokratie leben. Volker Bouffier hat dazu kürzlich gesagt: „Der größte Feind der Demokratie ist die Gleichgültigkeit.“ Zur Demokratie gehört die Trennung von Legislative, Exekutive und Judikative. Die Freiheiten unseres Grundgesetzes sind hart erkämpft worden: die Pressefreiheit, die Meinungsfreiheit, die Versammlungs- und die Religionsfreiheit - all diese Freiheiten erst geben uns die Luft zum Atmen.

Auf diesem Hintergrund hören wir nun den Predigttext dieses Sonntages. Er steht im Brief des Paulus an die Römer geschrieben, im 13. Kapitel. Ich lese ihn nach der Übersetzung von Martin Luther:

„Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es gibt keine Obrigkeit außer von Gott; wo es aber Obrigkeit gibt, da ist sie von Gott angeordnet. Wer sich nun der Obrigkeit widersetzt, der widersetzt sich der Anordnung Gottes. Denn vor denen, die Gewalt haben, muss man sich nicht wegen guter Werke fürchten, sondern wegen böser Werke. Willst du dich aber nicht fürchten vor der Obrigkeit, so tue Gutes. So wirst du Lob von ihr erhalten. Denn sie ist Gottes Dienerin. Tust du aber Böses, so fürchte dich. Denn sie trägt das Schwert nicht umsonst. Darum ist es notwendig, sich unterzuordnen. So gebt nun auch jedem, was ihr schuldig seid: Steuer, dem die Steuer gebührt; Zoll, dem der Zoll gebührt; Furcht, dem die Furcht gebührt; Ehre, dem die Ehre gebührt.“

Liebe Gemeinde, „jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat.“ Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht - aber ich mache innerlich erst einmal einen Schritt zurück. Ich muss tief durchatmen. Diese gewaltigen Worte des Paulus drohen mich zu erschlagen. Es erschreckt mich, wie kompromisslos Paulus ist: „Wer sich der Obrigkeit widersetzt, der widersetzt sich der Anordnung Gottes:“ - „Wo Obrigkeit ist, ist sie von Gott angeordnet.“ Stimmt denn das?

Ich bin zutiefst befremdet. Lohnt es sich überhaupt, sich mit solchen Aussagen auseinanderzusetzen? Schauen wir doch in die Geschichte: diese Worte haben eine sehr unrühmliche Wirkung gehabt! Selten wurde ein Text so hemmungslos von Herrschern in Anspruch genommen wie Römer 13.

Könige haben ihr Gottesgnadentum darauf gegründet. Wer von Geburt an herrschte, tat das „von Gottes Gnaden“, gehörte zur gottgewollten Obrigkeit. Wehe denen, die dagegen aufbegehrten. Staatliche Ordnung wurde mit diesen Worten religiös verbrämt. Und überhöht. Dieser Text wurde auch als ein religiöses Feigenblatt benutzt für einen unmenschlichen Machtmissbrauch. Damit hieß es, es sei eine Christenpflicht, sich unterzuordnen und gehorsam zu sein; damit wurde das Recht zum Widerstand bestritten, ja selbst die Todesstrafe gerechtfertigt. Von oben wurde der Text benutzt. Und von unten musste das geglaubt werden. (Ob es nun im Feudalismus war, zur Zeit des Totalitarismus oder in den demokratiefeindlichen Regimen Lateinamerikas.) Es ist gruselig, wenn man darauf zurückblickt. Viele mutige Christinnen und Christen aber, die sich für Minderheiten eingesetzt haben, z.B. für verfolgte Juden, oder die zum Widerstand gegen Diktaturen aufgerufen haben, wie z.B. Elisabeth Käsemann, die haben sich an diesen Worten des Paulus abgearbeitet.

Da steht viel auf dem Spiel. So schlicht, wie es hier steht, kann die Wirklichkeit nicht sein. Paulusworte sind kein ewiges Gesetz des Glaubens. Auch Paulus ist ein Mensch seiner Zeit; auch er argumentiert in den Gedankenmustern seiner Zeit. Die Frage aber ist: was treibt ihn zu diesen steilen Aussagen? In der Theologie gibt es viele verschiedene Erklärungen. Mich hat diese eine überzeugt:

Paulus und die Gemeinde von Rom kennen sich nicht persönlich. Der Apostel aber hat vor, nach Rom zu reisen und von dort aus aufzubrechen und das Evangelium weiter bis nach Spanien zu tragen. Damit nun die Gemeinde Vertrauen gewinnt, schreibt er diesen Brief; und er schreibt seine theologischen Grundpositionen in den ersten 12 Kapiteln nieder. Die letzten drei Kapitel dagegen haben einen anderen Charakter. Sie sind Ermahnungen an die Gemeindeglieder, damit sie ihren Lebensalltag christlich gestalten. So entfaltet Paulus also in Römer 13 keine eigene Theorie des Staates. Vielmehr reagiert er konkret auf die Gemeindesituation, von der er gehört hat. Forscher gehen davon aus, dass es eine Gruppe von Schwärmern in Rom gab; Christinnen und Christen, gerade Frauen und Sklaven, die begeistert waren und berauscht von der neuen christlichen Freiheit. Sie hofften inständig auf das Reich Gottes. Sie erwarteten in nächster Zeit das Ende dieser Welt und die Wiederkunft Jesu. Sie wollten den römischen Staat darum nicht mehr akzeptieren und behandelten die Staatsvertreter abschätzig. Paulus befürchtete, dass diese Haltung in der Gemeinde zu anarchischen Zuständen führen könnte, dass die Gemeinde in Verruf gebracht werden könnte, in Gefahr geraten könnte.

Aus diesem Grund betont Paulus, dass Gott auch durch die weltliche Ordnung regiert und Christen aufgefordert sind, diese Ordnung zu akzeptieren. Auch die Glieder der römischen Gemeinde bleiben Bürger des römischen Reiches mit allen Rechten und Pflichten. Sie sollen ihre Abgaben zahlen, Zoll und Steuern, und mit den Staatsbediensteten freundlich und zuvorkommend umgehen. Sie sollen sich einordnen in die Strukturen. Drunterbleiben. Soweit also zu Paulus und seinen Briefpartnern in Rom.

Was aber heißt das alles nun für uns? Wir leben ja – Gott sei Dank – in einer Demokratie, einer Staatsform, die Paulus so überhaupt nicht kannte. Was bedeuten also die Ausführungen aus Römer 13 noch für unsere Zeit?

Unser Verhältnis zum Staat und zur Obrigkeit hat sich sehr verändert. Wir leben nicht mehr unter römischer Kaiserherrschaft, wir leben nach der Reformation, nach der Aufklärung. Wir konnten uns endlich – nach der Barbarei der NS-Zeit im 20. Jahrhundert – abkehren von hierarchischen Regierungsformen, nun hin zur Individualität, zur Selbstbestimmung, zur persönlichen Freiheit, zu freien Wahlen. Welch ein Glück ist das! Welch eine enorme Errungenschaft! Und unsere parlamentarische Demokratie muss nicht göttlich legitimiert werden. Sie lebt sogar vom Ausgleich zwischen verschiedenen Meinungen, von Regierung und Opposition. Unser Grundgesetz verbürgt uns in Artikel 20 sogar das „Recht auf Widerstand“, wenn die demokratische Staatsordnung angegriffen wird.

Zwei Gedanken aber bleiben wichtig aus dem alten Paulustext:

Auch als Christinnen und Christen bleiben wir Bürger unseres Staates. Wir haben Rechte und Pflichten: Steuer, wem Steuer gebührt; Respekt, wem Respekt gebührt; Ehre, wem Ehre gebührt. Dazu gehört, den Nächsten zu sehen, sich für ihn einzusetzen. Schon damals war es ein Thema mit der Abgabe der Steuern. Für uns heute heißt das z.B.: ich kann nicht die Steuererklärung frisieren, ich kann nicht den Handwerker ohne Rechnung beschäftigen und mich dann über die reichen Steuersünder empören. Wir haben Rechte und Pflichten.

Respekt, wem Respekt gebührt. Wie respektvoll gehe ich um mit Menschen, die anders glauben als ich, anders beten als ich, eine andere Meinung haben als ich?

Ehre, wem Ehre gebührt. Wie rede ich über Menschen, die ein politisches Amt wahrnehmen? Kann ich es wertschätzen, dass sie sich einsetzen für das Wohl der Allgemeinheit, der Bürger in unserer Stadt und in unserem Land? Erkenne ich es an, wie viel sie arbeiten? Wie viel Wertschätzung und Anerkennung gibt es überhaupt noch im – auch politischen – Alltag unserer Gesellschaft? Gott will keine Welt, in der die einen den anderen Ehre und Respekt verweigern. Gott will eine Welt, in der die Unterschiede von Meinungen und Einstellungen ohne Gewalt ausgetragen werden und Menschen sich mit Achtung begegnen.

Ein letzter Gedanke des Paulus bleibt für mich heute wichtig: eine Regierung, eine Obrigkeit ist selbst eine Dienerin Gottes. Das bedeutet: nicht sie ist anzubeten, nur Gott allein. Jede Regierung hat sich an diesen Maßstab zu halten und muss sich daraufhin prüfen lassen, ob ihre Gesetze dem Grundgedanken der Zehn Gebote entsprechen, ob sie die Menschenwürde unangetastet lässt und die persönliche Freiheit des Menschen genügend schützt.

Gottes Autorität, Gottes Macht, Gottes Souveränität steht höher als die jeder Regierung. Darum heißt es im Konfliktfall: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ Oder in Psalm 24: „Die Erde gehört Gott und was darinnen ist, der Erdkreis und die, die darauf wohnen.“ Jede Regierung ist und bleibt Dienerin Gottes. Das hält jeden Gedanken der eigenen Vergöttlichung von ihr fern, das bewahrt sie auch vor einer unmenschlichen Maßlosigkeit. Sie darf einfach menschlich bleiben, Fehler machen und begrenzt bleiben. Die Väter der Barmer Erklärung aus dem Jahr 1934 haben dies wunderbar und treffend in ihrer 5. These auf den Punkt gebracht, wenn sie schreiben: „Die Schrift sagt uns, dass der Staat die Aufgabe hat, für Recht und Frieden zu sorgen. Die Kirche erkennt in Dank und Ehrfurcht gegen Gott die Wohltat dieser Anordnung an. Die Kirche erinnert dabei an Gottes Reich, an Gottes Gebot und Gerechtigkeit und damit an die Verantwortung der Regierenden und Regierten.“

Staat und Regierung sind und bleiben immer nur das Vorletzte. Inmitten von ihnen haben wir uns als Christinnen und Christen zu bewegen und zu bewähren, zuzustimmen und zu widersprechen. Unser Ziel kann dabei nur sein, Gottes Liebe weiterzutragen und sie wachsen zu lassen. So wie Paulus es in Römer 13 zusammenfasst: „Seid niemandem etwas schuldig. Nur dieses: dass ihr einander liebt, denn wer immer andere liebt, hat schon das Gesetz erfüllt.“

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserem Herrn. Amen.

zum Diakoniesonntag am 2.9.2018 von Pfarrer Dr. Ulrich Becke

Liebe Gemeinde

(Im Hintergrund Lärm hektischer Betriebsamkeit: Geschirr klirrt, halblaute Zurufe. Eine Frau tritt nach vorne, wischt sich den Schweiß mit einer etwas übertriebenen Geste von der Stirn und beginnt dann leicht kurzatmig.)

Was Sie über mich nachlesen werden, stimmt mit den Tatsachen so nicht ganz überein.

Ich stehe heute vor Ihnen, um mich endlich mal verteidigen zu können, um zu erzählen, wie es wirklich war damals, wie sich die Geschichte wahrhaftig abgespielt hat.

Manche Dinge fangen schon in unserer frühesten Kindheit an und begleiten uns dann ein ganzes Leben als Leitmotiv, auch als Erblast, je nachdem.

Wer von Ihnen Geschwister hat, kennt das ja: lass die Finger davon, das kannst Du nicht. Setz Dich lieber hin und hör zu, was die anderen sagen. Konzentration ist ja Deine große Stärke. Du bist so ein nettes ruhiges Kind. Alle mögen Dich, Du wirst es einmal leichter haben im Leben. Sei froh, dass Du so bist, wie Du bist, Mariechen.

Was ich dagegen zu hören kriegte: los. Pack an. Du bist zur Arbeit geschaffen, das ist Dein Ding. Dazu bist Du zu gebrauchen (unausgesprochen, nur gedacht im Hintergrund, aber von mir immer wieder ganz deutlich fast mit Ohren gehört: sonst bist Du ja zu nichts zu gebrauchen, Du fleißiges Ding. Letzteres weniger als Kompliment gedacht als mit milder Herablassung gesagt von oben nach unten).

Dagegen mein liebes Schwesterchen! Später hieß es denn: die hat den Verstand eines Mannes. Die könnte mitreden im Gespräch der Männer. Was die alles so versteht, was für Gedanken die sich macht. Schade, dass sie nur eine Frau ist.

Ihre Schwester hat so gar nichts gemeinsam mit ihr. Ist halt so eine Schafferin, Ist auch was wert, okay, vor allem wenn große Aufgaben anstehen. Besuch im Haus, Familienfeiern.

Sollte ich es mal wagen zu sagen: Schwesterchen, würdest Du bitte mal die große Freundlichkeit besitzen, hier beim Brotbacken zu helfen, wir kriegen Besuch. Brotbacken, Sie können hier auch einsetzen: Aufräumen, Tisch decken, Stühle herbeiholen, am Feuer stehen und umrühren, damit nichts anbrennt.

Sollte ich es also mal wagen, eine solche Zumutung an sie zu richten, dann kommt mit spitzem Unterton jeweils die immer gleiche Antwort: das ist Dein Ding. Jeder und jede, was er oder sie kann, was ihm oder ihr liegt.

Und jetzt also: ganz großer Besuch. Der Wanderprediger kommt. Gelernt hat er zwar Schreiner, aber was schaffen tut er eigentlich nicht. Nur schöne Worte findet er, und was er dringend braucht, sind Zuhörer. Und natürlich Zuhörerinnen. Die vielleicht sogar noch mehr.

Na, das ist genau was für meine Schwester. Sich gepflegt schon in die erste Reihe setzen, bevor der Besuch überhaupt ins Haus kommt. Ein aufmerksames Gesicht zurechtlegen, noch bevor das erste Wort gesprochen worden ist. Immer wieder nachhaltig nicken beim Zuhören.

Okay. Wenn das der Wahrheitsfindung dient. Soll sie doch. Aber wer stellt die Weinbecher auf den Tisch? Wer brät den Fisch, wer backt das Brot? Wer hat vorher die Stube gründlich ausgekehrt? Na, Sie wissen schon, Ihnen braucht man das nicht zu erklären.

Und wer kriegt im Hintergrund, quasi im Bereitschaftsdienst nichts mit von den schönen Worten des hohen Gastes aus Nazareth? Sie wissen schon: ich, Martha. Wie immer.

Und dann kriegen Sie die Geschichte so überliefert:

Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihnen zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester lässt allein dienen? Sage ihr doch, dass sie mir helfen soll!

Der Herr aber antwortete und sprach zu ihr: Marta, Marta, du hast viel Sorge und Mühe.

Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.

Wäre das so gewesen, ich schwöre, mir wäre die Hutschnur geplatzt vor all den Leuten. Dem Wanderprediger hätte ich ins Gesicht gesagt: so, und geschmeckt hat Dir das Essen trotzdem? Und die nette Atmosphäre hier im Haus, die Ordnung und Sauberkeit, wie ich den Raum hier geschmückt habe? Das war nichts, gar nichts? Gerackert und geschwitzt hab ich – für Dich, den hohen Gast.

Und dann solche Töne von Dir:

Eins aber ist not. Maria hat das gute Teil erwählt; das soll nicht von ihr genommen werden.

Soll ich Ihnen heute Morgen mal sagen, wie es wirklich war? Wollen Sie das mal hören?

Glauben Sie den Männern nicht, die später die Augenzeugenberichte von allem im stillen Kämmerlein gesammelt, umgearbeitet und aufgeschrieben haben. Für die waren Frauen, die sanft und still herumsitzen und einfach nur zuhören, natürlich das beste Vorbild für alle Frauen schlechthin. Hingegen Frauen, die anpacken, was leisten, was bewirken, die kommen so nicht ins Evangelium. Wäre ja noch schöner, sagten sich die Evangelisten.

Also: wie war die Szene wirklich?

Als Maria nach der etwas zu langen Predigt des ehemaligen Zimmermanns begann frenetisch zu applaudieren, sich dann mit einer Geste der Peinlichkeit die Hände vor den Mund schlug und wieder ganz, ganz demütig guckte, blickte Jesus mit kritischem Blick zu ihr hin.

Gut zugehört hast Du ja, wie war dein Name noch mal? Ach ja, Maria. Schöner Name übrigens. Meine Mutter heißt genauso.

Aber wer hat eigentlich die ganze Arbeit im Hintergrund hier gemacht? Muss ja eine ganze Zeit gedauert haben. Und hinterher wieder klar Schiff machen, auch das hat seine Zeit, wie die Bibel schon richtig sagt.

Und Du hast keinen Handstreich gerührt dabei? Und er wiegte mit kritischem Blick den Kopf.

Weißt Du, Maria, Du hast Dir Mühe gegeben, gut zuzuhören, Dir meine Worte zu merken. Aber Martha hat das gute Teil erwählt. Sie hat zugepackt und was getan aus Liebe zu ihrer Aufgabe, aus Liebe zu den Menschen, aus Liebe zum Gast.

Wo Gemeinden sich nach meinem Namen nennen werden, christliche Gemeinden, da wird man ihrer gedenken. Da wird man sagen: so sieht diakonisches Handeln aus. Dasein, wo man gebraucht wird. Zupacken, den Menschen dienen, meiner Sache dienen. Ich predige hier ja nicht einfach so rum zur Volksbelustigung.

Handeln sollt Ihr in meinem Namen – so wie Martha.

Und wenn Ihr heute auch hier in Bad Nauheim in der Dankeskirche - so heißt Eure Kirche doch, oder? -  wenn Ihr hier den Sonntag der Diakonie feiert und begeht, dann seid auch dankbar. Dankbar, dass es da schon ganz früh in dieser Gemeinde starke Frauen gab, die zupackten und handelten, anstatt nur stumm herumzusitzen.

Ein Hoch auf Frauen wie Martha, schloss der Wanderprediger seine Rede. Ich war dabei. Maria, meiner Schwester, gefällt natürlich viel, viel besser, was die sogenannten Evangelisten später aus dieser Szene gemacht haben. Aber ich Martha, war dabei und bezeuge: so war es wirklich!

Und nun geht hin und tut desgleichen.

AMEN

am 5.8.2018 von Pfarrerin Barbara Wilhelmi

Liebe Gemeinde,

traditionell wird am 10. Sonntag nach Trinitatis das Verhältnis von Christen +Juden, das Verhältnis vom christlichem zum jüdischem Glauben reflektiert. Da gibt es verschiedene Themen: Die leidvolle jüdische Vergangenheit, aber auch die Gemeinsamkeit des Alten Testamentes als Hebräische Bibel. Jedoch gibt es unterschiedliche Meinungen, wie der erste Teil der Bibel zu verstehen sei: Erfüllt sich das AT im NT? Lesen wir es im Lichte Christi? Oder wäre das nicht doch ein Vorstufendenken, welches das 1.Testament abwertet? So als ob wir mit dem Zweiten besser sähen - als ob wir es besser wüssten und die anderen belehren könnten? Ein Abschnitt aus dem Buch Jeremias nimmt diese Fragestellung auf - gibt uns eine Antwort, wie wir uns nicht gegenseitig belehren müssen oder sich die eine Fraktion über die andere setzt. Deshalb nehme ich heute noch einmal diese Frage auf, auch, weil uns die Worte aus dem Buch Jeremia uns persönlich etwas an die Hand geben , was wir in unserem Leben umsetzen können.

TEXTLESUNG:  Jeremia 31,31-35

31 Siehe, es kommen Tage – spricht Gott – da werde ich mit dem Hause Israel und dem Hause Juda einen neuen Bund schließen. 32 Nicht wie der Bund, den ich mit ihren Vätern geschlossen habe, damals, als ich sie bei der Hand nahm und aus dem Lande Ägyptens heraufführte. Diesen Bund – meinen Bund – sie haben ihn gebrochen, obwohl ich ihr Herr war, spricht Gott. 33 Sondern das ist der Bund, den ich mit dem Hause Israel nach jenen Tagen schließen werde, spricht Gott. Ich werde mein Gesetz in ihr Inneres legen und ihnen in ihr Herz hinein schreiben, und ich werde ihr Gott sein und sie werden mein Volk sein. 34 Dann brauchen sie sich nicht mehr gegenseitig zu belehren und einer zum anderen sagen: „Erkennet so Gott!“ Sondern sie alle werden mich erkennen, klein und groß, spricht Gott. Denn ich vergebe ihre Schuld und denke nicht mehr an ihr Fehlverhalten. 35 So spricht Gott, der die Sonne zur Leuchte für den Tag gemacht und den Mond und die Sterne als Leuchten der Nacht eingesetzt hat, der das Meer aufwühlt, so dass seine Wogen brauchen. Gott (Jahwe) Zebaoth ist sein Name.

Im Buch Jeremia erinnert Gott an den Bund mit den Menschen Israels. An der Hand habe er die Menschen an der Hand aus Ägypten geführt. Auf dem Berg wurden an die Menschen die Tafeln mit den Gesetzen übergeben. Das Gesetz in vielen Geboten und Verboten.. Vorschriften bis ins Detail - später aufgefächert – über 600, eine Fülle... Dagegen hatten sie verstoßen und wahrscheinlich war es dem Propheten Jeremia klar, dass man gegen so viele Verordnungen verstoßen muss...

Diese Art von Bund, der das richtige Verhalten der Menschen in Vorschriften zu regeln versucht, ging schief. Was erst so einfach erschien, es entweder so  machen müssen oder andererseits nicht so machen zu dürfen, entpuppte sich als nicht machbar. Im Endeffekt sind es alles Menschen und die konnten und können das nicht einhalten. Das kann man nur verfehlen und als Ergebnis steht dann der Verstoß, die Strafe, das Versagen – und eine Vorstellung von Gott als eine strenge Strafinstanz, die sie bis in die siebte Generation hinein noch strafen könnte.

Jeremia scheint das nicht zu gefallen. Er weiß, dass Gott nicht so bleibt, sondern sich barmherzig zeigt.. Jer.31,34: Denn ich vergebe ihre Schuld und denke nicht mehr an ihr Fehlverhalten..

Gott lässt Menschen nicht in ihrem Fehlverhalten sitzen: Ein neuer Bund zwischen Gott und Mensch wird kommen auf einer anderen, neuen Grundlage: Das Gesetz nicht mehr auf steinerne Tafeln eingeritzt, auf unbeweglicher Materie. Das Gesetz wird nun ins Innere eines jeden Menschen eingepflanzt - ins Herz geschrieben. Eine neue Religionsgemeinschaft (mit Gott), in der keiner den anderen belehrt: „(Nur) so ist es richtig“.. „So musst Du Gott erkennen... sondern es geht um die ethische Grundhaltung in sich selbst. Die Überzeugung, ins Herz und ins Innere geschrieben, kommt anders aus den einzelnen Menschen heraus, als durch Lehrsätzen und Verordnungen: Das Gesetz - gefühlt, wird zum Mitgefühl, es weiß um die eigenen Ängste, um die Gefahr des Versagens –  und wird so zur Menschlichkeit. Das Ziel des Gesetzes: Friede und Gerechtigkeit unter den Menschen – bekommt durch jeden einzelnen einen ganz persönlichen Anstrich.

Es ist eine Utopie, von der Jeremia schreibt. Das gab es damals noch nicht. Mehr noch:

Es ist eine Verheißung in die Zukunft und sie geht auch weiter als bis zu Jesus Christus.

Sie bleibt messianisch, denn Jesus sprach ja auch vom zukünftigen Reich Gottes, von dem die ersten Christen glaubten, dass es in der Zukunft auf sie zukommt, in einer umgedrehten Zeit bei der Wiederkunft Christi. „Keiner wird den anderen lehren“ – wir erinnern uns an unsere Ausgangsfrage nach dem Alten und Neuen Testament...

Eingepflanzt ins Herz – ins Innnere (Luther übersetzt: „in den Sinn“), was  Gottes Wille ist.

Die meisten ethischen Grundregeln spüren wir ja auch schon in unserem Inneren.. Sie müssen nicht gelehrt werden. Aber, obwohl  schon auf dem richtigen Weg, sind wir noch nicht da angekommen, dass die Werte Gottes in der Welt so richtig spürbar sind: Der Shalom im Frieden, in der Gerechtigkeit. Wir nehmen es eher umgedreht aktuell wahr.

Gottes Schöpfungskraft – ist in uns eingepflanzt, sodass wir selbst Verantwortung tragen und schöpferische Wege finden. Da ist uns also kein Vorschriftenwerk mehr die Sicherheit und die Gebotebrecher stehen als nicht als Hauptpersonen in der Aufmerksamkeit.

„Denn ich vergebe ihre Schuld und denke nicht mehr an ihr Fehlverhalten“ , lässt Jeremia Gott sagen: Ich gebe es dir in deinen Verantwortungsbereich, das Leben der Menschen miteinander, das Leben mit den Pflanzen und Tieren... Ihr werdet aus dem Gesetz in eurem Herzen aus eurem Inneren handeln.

Wenn wir nachdenken, sind wir eigentlich schon nahe dran, denn wir spüren in unserem Gewissen oft, was richtig und falsch ist. Aber wir halten uns gerne gerade an die Gesetze oder fehlende Verordnungen, die so vieles noch erlauben, weil sie in unserer Gesellschaft auf andere Ziele  ausgerichtet sind: z.B. auf ständiges Wachstum oder auf die renditegewährende Ausbeutung der Schwachen. Im Persönlichen sieht das dann so aus: Wir kaufen das billige Fleisch und wissen im Inneren, dass es aus Massentierhaltung kommt... Es ist ja nicht verboten!  Oder wir kaufen die Marken, von denen wir in unserem Inneren wissen, dass die Waren auf Kosten von Menschen in Bangladesh produziert werden....  Aber bei diesen Beispielen wäre die Veränderung noch verhältnismäßig leicht, die in unserem Inneren gespürte Eigenverantwortung umzusetzen.

Aber es gäbe da ja noch mehr... Wie ist das umzusetzen, was mein Inneres – mein Herz weiß? Wie kann mein Herz mich lenken? Auf jeden Fall ist es nicht so leicht, wie es der kleine Prinz aus dem Buch von Antoine d´Excupery ausspricht: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Nein, so einfach ist es nicht. Die meisten Patienten aus der Rehaklinik für Herzkrankheiten berichten erst einmal von einem Schrecken, den sie bekommen haben, wenn sich das Herz meldet.

Sie erschrecken nach einem Herzinfarkt und nach einer Herz-OP über die Plötzlichkeit, mit der das Leben aus sein kann – und sie erschrecken auch über die jähe Erkenntnis ihrer falschen Prioritäten, die sie vorher im Leben gesetzt hatten, über die fehlende Aufmerksamkeit gegenüber dem eigenen Inneren, gegenüber der Sprache des Herzens... Sie erschrecken über die Hetze in ihrem Leben, über das besinnungslose Einerlei des Alltags.

Was will denn mein Herz? Das ist gar nicht so leicht hervorzubringen.  Kann ich eigentlich mein Leben so verantworten, wenn es jetzt plötzlich aus gewesen wäre? Was ist die Mitte des Lebens?  - das sind die neuen Fragen plötzlich.  Auf jeden Fall sieht man die Dinge anders, wenn das Herz im Mittelpunkt stehen darf. Und das Innere gespürt wird und entscheiden darf: Sollten wir das wagen – mit Gottes Hilfe? 

Lassen wir noch einmal die Patienten der Reha-Klinik zu Wort kommen, die sich nicht haben entmutigen lassen vom Schrecken, was Ihr Inneres nun sagt: Da fragt sich dann ein 60 Jähriger:

Was will ich nun mit meinem Leben anders machen? Ab heute sage ich „Nein“, meint eine andere.

Sie schaut schon auf die Zeit nach der Reha und beschließt: Meine Zeit ist die Zukunft, denn Dreiviertel meines Lebens gehört ja schon der Vergangenheit.   

Man möchte dieser Frau zurufen: Ja, es geht um die Zukunft, denn so fingen die Worte Jeremias auch an: „Siehe, es kommen Tage – spricht Gott“,

dann, wenn das Innere zu Wort kommen darf in jedem Menschen, kann etwas Neues geschehen..

Diese Verheißung möge uns alle bewegen.

„Ich werde mein Gesetz in ihr Inneres legen und ihnen in ihr Herz hinein schreiben, und ich werde ihr Gott sein und sie werden mein Volk sein... Denn ich vergebe und denke nicht mehr an ihr Fehlverhalten,... 35 So spricht Gott, der die Sonne zur Leuchte für den Tag gemacht und den Mond und die Sterne als Leuchten der Nacht eingesetzt hat, der das Meer aufwühlt, so dass seine Wogen brauchen. Gott, Jahwe Zebaoth, ist sein Name. 

AMEN

am 22.7.2018 von Pfarrer Rainer Böhm

Liebe Gemeinde,

vor einigen Jahren war ich mit meinen Kindern über ein langes Wochenende in München. Im englischen Garten, sonntags sahen wir dort zum ersten Mal vollverschleierte muslimische Frauen. Es war eine kleine Gruppe, die an uns vorbei ging, während wir im Biergarten saßen. Sie trugen alle eine Burka, wie ich später lernte. Sie wirkten auf mich wie Außerirdische. Sehr befremdlich damals. Nicht weit entfernt lagen völlig nackte Menschen auf einer Wiese in der Sonne.

Der Journalist Yahya Al-Aous ist ein Flüchtling aus Syrien. Er schreibt jetzt für deutsche Zeitungen. Zum Beispiel die Süddeutsche und das Handelsblatt. Er berichtet über alltägliche Begegnungen wie diese:

Al-Aous, seine Frau und die neunjährige Tochter stehen an einer Bushaltestelle in Berlin. Da sehen sie gegenüber ein junges Liebespaar. Die beiden sind eng umschlungen und tauschen heiße Küsse aus – als seien sie allein auf der weiten Welt. Zum ersten Mal sehen die Eltern und ihr Kind so etwas in der Öffentlichkeit. Die anderen Menschen an der Bushaltestelle scheinen sich nicht im Mindesten daran zu stören. Keiner schaut hin. Nur die kleine Tochter. Automatisch legt sich die Hand des Vaters über ihre Augen. Es ist schwer für die Eltern, dem Kind derartige Situationen zu erklären. In Syrien sind sie einfach nicht vorstellbar. In Berlin wird die Tochter des Journalisten auf dem Schulweg noch andere küssende Paare beobachten; Frauen in kurzen Röcken; Verliebte Männer, Hand in Hand.

So ähnlich ist es Paulus gegangen. In der antiken Hafenstadt Korinth, an der Meerenge zum Peloponnes, war alles etwas anders als in seinen anderen Gemeinden. Ein Schmelztiegel verschiedenster Kulturen und Ideen, von Menschen aus aller Welt. Möglicherweise gab´s in der Hafenstadt Prostitution. Das war dort moralisch unproblematisch – so wie in Hamburg auf der Reeperbahn. Allerdings auch nur für die Männer. Wenn Paulus also von Moral schreibt, dann beschreibt er dabei Männer, die andere körperlich ausnutzen oder abhängig machen oder sich selbst in solche Abhängigkeiten begeben.

Auch in diesem Korinth finden sich Menschen zu einer Gemeinde zusammen. Es ist ja auch eine große Neuigkeit, die mit dem Christentum kommt: Gleichheit zwischen Herr und Sklave, Kind und Frau, weil alle Menschen sind und Kinder Gottes.- Aber diese Botschaft fällt in Korinth auf einen schlechteren Boden als in den anderen Gemeinden, die Paulus gegründet hat. Hier leben Menschen, Männer genauer gesagt, die davon ausgehen, dass Freiheit überhaupt keine Grenzen hat. Ihnen schreibt er:

„9 Wisst ihr nicht, dass die Ungerechten das Reich Gottes nicht ererben werden? Täuscht euch nicht! Weder Unzüchtige noch Götzendiener noch Ehebrecher noch Lustknaben noch Knabenschänder

10 noch Diebe noch Habgierige noch Trunkenbolde noch Lästerer noch Räuber werden das Reich Gottes ererben.

11 Und solche sind einige von euch gewesen. Aber ihr seid reingewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes.

12 Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber nichts soll Macht haben über mich.

19 Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch ist und den ihr von Gott habt, und dass ihr nicht euch selbst gehört?

20 Denn ihr seid teuer erkauft; darum preist Gott mit eurem Leibe.“

Freiheit hängt also nicht nur mit dem Kopf und dem Geist, sondern auch mit der Seele und dem Körper zusammen, sie ist nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch.

Maßstab einer Partnerschaft ist vor Gott nicht das Geschlecht, sondern die Liebe zueinander. Es hat ein bisschen gedauert, bis wir in der Kirche das verstanden haben. Aber heute fragen wir uns, warum uneheliche Kinder jemals ein Problem waren und warum Frauen in kurzen Röcken in Deutschland bespuckt worden sind. Wir fragen uns, wie es geschehen konnte, dass Frauen in unserer Kirche so lange keine Leitungsämter haben durften. Und wie konnte es geschehen, dass unsere Kirche keinen Segen hatte für gleichgeschlechtlich liebende Paare? Wir haben viel gelernt.

In unsrer Geschichte haben etliche Freiheit gepredigt und eine Bauchlandung erlitten. Luther zum Beispiel. Durch die wachsende Bevölkerungszahl und gleich hohe Abgaben wurden die Bauern damals immer ärmer. Ihnen kam Luther mit der Freiheit eines Christenmenschen gerade Recht. Die Bauern ziehen los, begehren auf, berufen sich dabei auf Luther.

Eigentlich haben sie ja Recht, denkt Luther – aber so hat er es doch auch nicht gemeint. Er sieht die Missstände – aber die Bauern sollen sich unterordnen. Er hat Freiheit gepredigt, aber nicht Gewalt. Dass Ungerechtigkeit und Unterdrückung strukturelle Gewalt bedeuten – das kann Luther nicht sehen. Er hilft, die alte Ordnung wiederherzustellen.

Paulus und Luther, zwei Denker der Freiheit. Aber was, wenn die Menschen ihre Freiheit nutzen, um anderen und sich selbst zu schaden? So wie Kinder, die ständig das Weite suchen, auf der Flucht sind, sobald sie nur krabbeln können. So dass man alles vor ihnen sichern und abschließen muss. Wie erziehe ich mein Kind zwischen Freiheit und Grenzen? Soll ich ihm die Hand vor dir Augen schieben, wenn es ungebührliches sehen könnte? So wie es der syrische Journalist gemacht hat?

Das ist die neue Realität: eine Zwickmühle. Auf der einen Seite Freiheit, auf der anderen Ordnung, Grenzen und Verantwortung. Der syrische Journalist entscheidet sich für die westliche Lebensform. Das ist ein langer Lernprozess für diese Familie. Und er schließt uns als Einheimische mit ein, wie ich es im Englischen Garten gemerkt habe, konfrontiert mit den Burka tragenden Frauen und später mit den Unbekleideten dort in München.

Yahya Al-Aous möchte seine Tochter frei aufwachsen sehen und zugleich als Vater beschützen. Beides passt nicht immer zusammen – diese Spannung müssen Eltern aushalten. Er würde seine Frau niemals an einer Bushaltestelle öffentlich küssen. Er wird sich auch nicht die Haut tätowieren oder sich Ringe ins Gesicht nieten lassen. Aber andere tun es und sollen es tun dürfen. Das gehört zur Universalität der Menschenrechte.

Wer den neuen Film über Papst Franziskus gesehen hat (Ein Mann seines Wortes, Regie Wim Wenders) der findet darin eine wunderschöne Erläuterung: Wie schon Martin Luther geht auch Papst Franziskus der Frage nach: „wie kann ich gleichzeitig frei sein und Gottes Willen tun? Seine Antwort ist die Liebe:

„Ehrliche Liebe kann ich nur geben, wenn ich mich dazu frei entscheide.“ sagt er. „Das allerdings beinhaltet auch, dass Fehler passieren. Dass auch Böses geschieht. Weil Menschen sich in ihrer Freiheit eben auch falsch und egoistisch verhalten.“

Alles ist mir erlaubt. Ich kann mich entscheiden, wenn das Maß, mit dem ich mich meine Entscheidung treffe, die Liebe ist. Also der Blick auf den Anderen. Denn mit diesem Maßstab wird klar: Es ist nicht alles gut, auch wenn es erlaubt ist.

Wie hätten die Korinther entschieden mit diesem Maßstab? Die Korinther, die am Hafen ihr Geld durchbrachten und ihre Familie daheim sitzen ließen? Die Korinther, die die anderen angeschwärzt haben?

Paulus hat entschieden mit dem Maßstab der Liebe:

„Ihr seid alle Gottes Kinder, von ihm geliebt und befreit. Und deshalb seid Ihr mir alle lieb und wert. Mit allem, was zu Euch gehört. Als ganze Menschen. Ihr seid teuer erkauft, darum preist Gott mit Eurem ganzen Leben, auch mit Eurem Leib. Lasst Gottes guten Geist in Euch wohnen und Euch von ihm in Bewegung bringen. Und wer gesündigt hat, der findet bei Gott immer wieder einen neuen Anfang. So wie auch ich.“ Amen.

Fürbitte

Gott, du hast Tag und Nacht gemacht, die Ordnung der Zeit, damit wir uns zurechtfinden. Wir bitten dich für die, die nur das Licht sehen und sich vor der Nacht fürchten. Und für die, die im Dunkeln zu leben glauben und sich vor dem Licht der Realität fürchten. Du bist die Liebe, dir wenden wir uns zu.

Gott, die Welt hat viele Wörter – und auch dein Wort. Dein Wort im Menschenwort, deine Liebe in der menschlichen Liebe. Wir bitten dich für die, die sich aus der Welt zurückziehen mit frommen Gedanken, die Realität nicht sehen wollen. Und für die, die nur noch auf Menschenwort hören und taub sind für dich. Du bist die Liebe, dir wenden wir uns zu.

Gott, du befreist Kleine wie Große. Es liegt Macht in unseren Händen über andere, mehr oder weniger. Wir bitten dich für die, die ihre Macht auszunutzen und menschliche Grenzen nicht achten. Und für di Ängstlichen, die sich nur in ihren eigenen engen Grenzen frei fühlen können. Du bist die Liebe, dir wenden wir uns zu.

Gott, viele von uns haben Verantwortung, als Eltern und Paten, im Beruf, im Ehrenamt. Wir bitten dich für die, die Für und Wider abwägen, Maßstab gegen Maßstab, aber die Liebe nicht sehen. Und für die, die blind sind für jedes Aber. Du bist die Liebe, dir wenden wir uns zu.

Gott, du hast Tag und Nacht gemacht, die Ordnung der Zeit, damit wir uns zurechtfinden. Dennoch sind viele entwurzelt, suchen Schutz und eine neue Heimat. Wir bitten dich für die, die bei uns heimisch werden und unser Leben verstehen wollen. Und für die, die Hilfe erwarten. Du bist die Liebe, dich beten wir an.

zum Examensgottesdienst am 24.6.2018 von Vikarin Anne Kampf

Liebe Gemeinde,

haben Sie schonmal versucht, das Licht zu fotografieren? Das geht schlecht. Ich habe es gemerkt, als ich hier in die Johanneskirche kam, um ein Foto von dem großen Fenster zu machen. Das geht deswegen schlecht, weil an einer Stelle ganz viel Licht durchleuchtet – jedenfalls, wenn die Sonne scheint. Das meiste Licht leuchtet durch die Mitte, wo Jesus abgebildet ist, halb untergetaucht, weil er gerade im Jordan getauft wird. Auf dem Foto scheint Jesus so hell, dass das Licht überläuft. Ich vermute, das hat der Künstler, Bruno Müller-Linow, extra gemacht: Jesus leuchtet hell: Da muss noch was in ihm oder hinter ihm sein. Etwas mit viel Energie. Etwas Rätselhaftes, das man nicht greifen kann. Dem kommen wir heute auf die Spur, wenn wir über die Taufe nachdenken.

Im Predigttext ist von zwei verschiedenen Taufen die Rede. Ich lese aus der Apostelgeschichte Kapitel 19, die Verse 1-7.

Es geschah aber, als Apollos in Korinth war, dass Paulus durch das Hochland zog und nach Ephesus kam und einige Jünger fand.
Zu denen sprach er: Habt ihr den Heiligen Geist empfangen, als ihr gläubig wurdet? Sie sprachen zu ihm: Wir haben noch nie gehört, dass es einen Heiligen Geist gibt.
Und er fragte sie: Worauf seid ihr denn getauft? Sie antworteten: Auf die Taufe des Johannes.
Paulus aber sprach: Johannes hat getauft mit der Taufe der Buße und dem Volk gesagt, sie sollten an den glauben, der nach ihm kommen werde, nämlich an Jesus.
Als sie das hörten, ließen sie sich taufen auf den Namen des Herrn Jesus.
Und als Paulus ihnen die Hände auflegte, kam der Heilige Geist auf sie und sie redeten in Zungen und weissagten.

Eine interessante Begegnung in Ephesus. Ich sage kurz was zum Ort des Geschehens, damit die Szene verständlicher wird. Ephesus war Hafenstadt und Handelsmetropole der antiken Welt. Viele verschiedene Menschen lebten dort, auch verschiedene Religionen. Der Apostel Paulus hat hier auf seiner zweiten Missionsreise eine christliche Gemeinde gegründet. Jetzt kommt er auf seiner dritten Reise nochmal vorbei.

Paulus trifft einige Männer, die Christen sein könnten. Aber er ist nicht sicher und fragt deshalb sehr direkt und unvermittelt: „Habt ihr den Heiligen Geist empfangen, als ihr gläubig wurdet?“ Damit ist klar: Das hier ist kein Small Talk. Hier geht es um existentielle Dinge. In der Frage steckt eine Aussage: Echte Christen sind die, die am Anfang ihres Glaubensweges den Heiligen Geist empfangen haben.

Tja – was nun? Hat irgendjemand von Ihnen den Heiligen Geist empfangen? „Wer ist denn überhaupt der Heilige Geist?!?“, fragte mich eine Verwandte, als ich ihr von dem Predigttext erzählte. „Gibt es den überhaupt?“ Sie fragte so ähnlich wie die Jünger in unserem Predigttext: „Wir haben noch nie gehört, dass es einen Heiligen Geist gibt.“

Paulus erklärt ihnen nicht, wer der Heilige Geist ist. Sondern er fragt weiter: „Worauf seid ihr denn getauft?“ Die Männer müssen sich vorkommen wie in einem Kreuzverhör, so wie Paulus hier seine Fragen abfeuert. „Auf die Taufe des Johannes“, antworten sie.

Aha, denkt sich wohl Paulus, die Leute hier sind offenbar nicht ganz up to date. Haben wohl nicht mitbekommen, dass es mittlerweile eine neue Taufe gibt. Ob der Prediger Apollos dahinter steckt? Der könnte sie hier in Ephesus getauft haben, und der ist auch nicht immer auf dem neuesten Stand. Diese Leute brauchen wohl ein paar Informationen. Paulus informiert die Jünger so: „Johannes hat getauft mit der Taufe der Buße und dem Volk gesagt, sie sollten an den glauben, der nach ihm kommen werde, nämlich an Jesus.“

Ziemlich knapp, die Infos von Paulus. Ich erlaube mir, zu ergänzen: Johannes der Täufer, dessen Tag wir heute feiern, war ein besonderer Mensch. Nicht nur, weil er in der Wüste lebte, einen groben Fellmantel trug und Heuschrecken aß. Ich stelle ihn mir mutig und zielstrebig vor. Ein Prophet, der genau wusste, was sein Auftrag war. Johannes predigte laut dem Lukasevangelium mit harten Worten: „Ihr Otterngezücht, wer hat gesagt, dass ihr dem Gericht Gottes entgehen werdet?“ (Lk 3,7b) – und hatte Erfolg mit seiner Predigt. „Was sollen wir tun?“ (Lk 3,10), fragten ihn die Leute, und Johannes ermahnte sie: „Teilt eure Kleidung und euer Essen mit den anderen und tut niemandem Gewalt an!“ (Lk 3,11.14). Die sich ändern wollten, die tauchte er im Jordan unter – als Zeichen. Einige Leute fragten ihn: „Bist du der Messias, auf den wir warten?“ – „Bin ich nicht“, antwortete Johannes. „Ich taufe euch mit Wasser; es kommt aber der, der stärker ist als ich; (…) der wird euch mit dem Heiligen Geist (…) taufen.“ (Lk 3,16)

„Wer ist denn überhaupt der Heilige Geist?!?“ Und wie kann man mit ihm taufen? Man kann ihn ja nicht in eine Flasche füllen und dann über einen Menschen ausgießen wie Wasser. Man kann ihn auch nicht im Bild festhalten oder erklären. (…) „Du kannst ihm vielleicht begegnen, wenn du dich auf ihn einlässt“, habe ich meiner Verwandten vorgeschlagen. „Wenn du einfach mal so tust, als wäre er da.“

So ähnlich machen es die Jünger in unserer Szene: Als sie das hörten, ließen sie sich taufen auf den Namen des Herrn Jesus. Und als Paulus ihnen die Hände auflegte, kam der Heilige Geist auf sie und sie redeten in Zungen und weissagten.

Ach, wie ist das schön und praktisch! Man könnte fast neidisch werden: Kaum sind sie getauft, ergießt sich der Geist über diese Männer. Jetzt wissen sie alles, was sie vorher nicht wussten, jetzt haben sie was zu erzählen. Die Worte sprudeln nur so aus ihnen heraus. Man hört und sieht, dass da was passiert ist.

War das bei Ihrer Taufe auch so? Die meisten sind vermutlich als Baby getauft worden. Wenn Sie dabei prophetisch geweissagt hätten, dann würde man das in Ihrer Familie sicher bis heute erzählen…

Als ich getauft wurde, war ich 14 und das Taufwasser tropfte auf meine Brille. Sonst ist da nichts passiert. Es ergoss sich kein Geist über mir, ich redete nicht in Zungen und fühlte mich nicht besonders erleuchtet. Alles, was ich hörte, waren die Worte des Pfarrers, alles, was ich sah, waren Wassertropfen, und alles, was ich empfand, war peinlich. Als ich wie ein begossener Pudel wieder in der Kirchenbank saß, hörte ich von rechts neben mir ein Flüstern: „Ich bin froh, dass ich jetzt getauft bin.“ Eva war das, eine Klassenkameradin und Mitkonfirmandin. In dem Moment fand ich es ganz komisch, was sie da sagte. Erst später habe ich verstanden: Ihr bedeutete dieser Moment wirklich etwas. Sie hat etwas gespürt bei ihrer Taufe – mehr als Wasser am Kopf.

Später, irgendwann in einer Gruppenstunde im CVJM, ging auch mir ein Licht auf und ich merkte, dass etwas anders geworden war in meinem Leben. Ich trage seitdem ein Kreuz um den Hals und bin irgendwie … stolz darauf. Ich bin so fest Teil der Gemeinschaft, dass ich nicht einfach wieder gehen könnte. Mein Einsatz wird gebraucht und wertgeschätzt. Ich spüre, dass eine besondere Kraft uns Getaufte zusammenhält.

Jedes Mal, wenn ich mit Wasser den Staub von meiner Brille abspüle, werde ich daran erinnert: Getauft zu sein auf den Namen des Herrn Jesus – das macht einen Unterschied!

Was genau ist der Unterschied? Der Apostel Paulus versucht es zu erklären und verwendet dafür drei Bilder. Das erste im Römerbrief klingt ziemlich krass: Wir sind „in seinen Tod getauft“, „mit ihm begraben“ (Römer 6,4-3). Bei der Taufe wird ein Mensch im Wasser untergetaucht, als ob er stürbe. Dann taucht er wieder auf – so, wie Christus auferstanden ist. Der Täufling geht den Weg Jesu symbolisch nach – bis in den Himmel.

Doch schon das irdische Leben wird neu und anders: „Ihr alle, die die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen“ (Gal 3,27) ist das zweite Bild von Paulus, aus dem Galaterbrief. „Angezogen“ wie ein neues schickes Hemd. Das macht selbstbewusst und zeigt nach außen hin: „Ich gehöre dazu! Ich bin ein Kind Gottes!“ Niemand kann übrigens einem getauften Menschen sein neues Hemd wegnehmen.

Da sind viele Leute mit neuen Hemden: Als Getaufte sind wir nicht allein! „Wir sind durch einen Geist alle zu einem Leib getauft“ (1Kor 12,13), so schreibt Paulus an die Gemeinde in Korinth. Ein Leib – nicht nur eine lockere Gemeinschaft, bei der man kommen und gehen kann, wann man will. Nein: ein Leib, bei dem Arme und Beine und Augen und Ohren zusammenhängen, bei dem jedes Teil gebraucht wird. Durch die Taufe sind wir Körperteile am Leib Christi geworden. Es ist der Heilige Geist, der diesen Christusleib erschaffen hat und zusammenhält.

Begonnen hat das alles  hier – mit dieser einen, besonderen Taufe, mit diesem einen besonderen Täufling, Jesus von Nazaret. Dieses eine Mal tauft Johannes nicht nur mit Wasser. Diese besondere Taufe ist der Moment, in dem der Heilige Geist kommt und sich an Jesus bindet. Seit diesem Moment hat die Taufe ihre neue Kraft.

Unser Johannesfenster leuchtet übrigens in zwei Richtungen: Tagsüber von außen hinein in die Kirche, quasi als eine Tauferinnerung: „Das ist mein lieber Sohn“ (Mt 3,17), sagt Gottes Stimme in dieser Szene. Wer auf den Namen Jesu getauft ist, dem gilt das ebenso: „Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind.“ (Röm 8,16)

Und am Abend, wenn es drinnen hell ist und draußen dunkel, dann leuchtet das Licht heraus aus unserer Kirche. Die Menschen sehen es und mögen sich fragen, was da wohl so leuchtet. So wie Johannes der Täufer geben wir Zeugnis von Jesus Christus: als Untergetauchte und Wiederauferstandene. Als Menschen, die „Christus angezogen“ haben. Als Gemeinde, die wir „durch einen Geist alle zu einem Leib getauft“ (1Kor 12,13) sind.

am 17.6.2018 von Pfarrer Rainer Böhm

Liebe Gemeinde,

der 1. Johannesbrief bietet uns Bilder an für Gott. Menschliche Vorschläge, Metaphern, die uns das Gottesverständnis dieser urchristlichen Gruppe und dieser Zeit näher bringen und die mir sehr gefallen.

Die Bibel steckt voller solcher Bildangebote an uns. Natürlich sind sie nicht verboten. „Du sollst dir kein Bildnis machen“ – das bedeutet, wir sollen uns keine Ersatzgötter basteln und sie anbeten wie die Israeliten das Goldene Kalb. Das wäre ein animistisches Gottesverständnis, das mit der jüdisch-christlichen Gottesvorstellung überwunden ist. Aber bildliche Vorstellungen braucht der Mensch.

„Gott ist die Liebe“, bietet der 1. Johannesbrief uns woanders als Deutung an. Und in unserem heutigen Predigttext: „Gott ist Licht“. Aber in diesem Briefabschnitt geht es auch um Wahrhaftigkeit, um Finsternis und Lügen und Sünde. Der biblische Text ist etwas düster, ich lese ihn vom Beginn des 1. Johannesbriefes:

Und das ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkündigen: Gott ist Licht, und in ihm ist keine Finsternis.

6 Wenn wir sagen, dass wir Gemeinschaft mit ihm haben, und wandeln doch in der Finsternis, so lügen wir und tun nicht die Wahrheit. 7 Wenn wir aber im Licht wandeln, wie er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft untereinander, und das Blut Jesu, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde.

8 Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. 9 Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit. 10 Wenn wir sagen, wir haben nicht gesündigt, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns.

Meine Kinder, dies schreibe ich euch, damit ihr nicht sündigt. Und wenn jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesus Christus, der gerecht ist. 2 Und er selbst ist die Versöhnung für unsre Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt. 3 Und daran merken wir, dass wir ihn erkannt haben, wenn wir seine Gebote halten. 4 Wer sagt: Ich habe ihn erkannt, und hält seine Gebote nicht, der ist ein Lügner, und in dem ist die Wahrheit nicht. 5 Wer aber sein Wort hält, in dem ist wahrlich die Liebe Gottes vollkommen. Daran erkennen wir, dass wir in ihm sind. 6 Wer sagt, dass er in ihm bleibt, der soll so leben, wie er gelebt hat.

Das war ziemlich viel und oft „Sünde. Was ist Sünde überhaupt? Bei uns kommt dieses Wort nur noch umgangssprachlich vor. Wir sprechen von Fehlern, die wir gemacht haben oder es ist einfach etwas schief gegangen.

Wir sündigen nicht bei einem Stück Torte zu viel, das ist in der Tat ein Fehler. Wir sündigen deshalb auch nicht bei einem guten Glas Wein oder der Freude am Feiern – das ist Ausdruck von Lebendigkeit. Selbst die Heilige Teresa von Avila sagte schon: Tue deinem Körper Gutes, damit deine Seele Lust hat, darin zu wohnen.“ Also was bleibt da noch als Sünde?

Das Wort Sünde kommt wahrscheinlich vom germanischen Wort Sund. Sund ist die Trennung zweier Landmassen durch eine Meerenge. Sünde ist also eine Trennungserfahrung. Sündigen bedeutet, sich zu trennen, in Trennung zu leben von der Gemeinschaft, zu der ich gehöre, von meinen Nächsten, von mir selbst und auch von Gott. Sünde ist Entfernung von Gott.

Gnade ist dagegen, wenn es passt: Ich passe zu mir selbst, zu meinen Nächsten und auch zu Gott. Es ist Gnade, wenn etwas übereinstimmt. Solche Harmonien, Übereinstimmungen, Balancen sind schön auch im ästhetischen Sinn. Deshalb gefällt mir das italienische Wort dafür so gut: Gracie, was nicht nur Gnade bedeutet, sondern auch Anmut und Dank.

„Licht ist dein Kleid das du an hast“. So haben wir eben im Psalm gebetet. Das ist für mich einer der schönsten Bibelverse. Die Bibel ist voller Lichtgeschichten und Bilder: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht.“ Die Weisen aus dem Morgenland folgen einem Stern. Jesus sagt: Ihr seid das Licht der Welt. Und von sich selbst sagt Jesus ja auch: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in Finsternis.“

So schön das Bild vom Licht ist: ist Gott nur so? Oder legen wir ihn damit fest? Machen wir ihn damit kleiner, als er in Wahrheit ist? Und ist in ihm nicht vielleicht beides: Licht und Finsternis? Ich denke an Menschen, die Gott auch als fern und unverständlich erleben, zB in einer Erkrankung oder nach dem Verlust eines Menschen. Sie weigern sich, alles Böse nur dem Menschen zuzuschreiben und Gott nur als strahlend zu begreifen.

Der Gott, den wir als Licht sehen, kann uns trösten und gibt uns Orientierung auf unserem Weg. Der Gott, in dem wir Licht und Finsternis erkennen bildet zugleich auch die schweren Seiten unseres Lebens ab und vereinigt sie in sich. Er entlastet uns Menschen auch ein stückweit davon, für alles auf der Welt verantwortlich zu sein. Gott ist anders. Der Gott, für den wir Bilder suchen, aber der sich in kein menschliches Bild einfügen lässt, nötigt uns dazu, Ungewissheiten auszuhalten und die Frage nach Gott offen zu halten. Wir sind nicht einfach fertig mit ihm, das Bild ist wohl etwas komplizierter, als es uns der Brief vor Augen stellt.

Ein König auf den Philippinen hatte zwei Söhne. Um zu entscheiden, wer sein Nachfolger werden sollte, stellte er ihnen eine Aufgabe: „Wer es schafft, die Halle bis zum Abend zu füllen, soll mein Nachfolger werden.“ Und er gab jedem eine Goldmünze. Da ging der erste los, sah die Bauern in der Maisernte, und kaufte ihnen das Stroh ab und ließ die Halle damit füllen bis zur Decke.

Der Vater betrachtete sich das Ergebnis, lobte den Sohn und lies alles wieder hinaus schaffen für sein zweites Kind. Das kam in die Halle und überreichte dem Vater das Goldstück. „Das habe ich nicht gebraucht.“ Dann stellte der Sohn in die Mitte der Halle eine kleine Kerze, und ihr Licht erfüllte den ganzen Raum – und natürlich wurde er der nächste König.

Das Licht der Welt – ich denke  eigentlich eher an ein kleines Licht, nicht gleich an die Sonne. Gottes Licht bescheint uns nicht gnadenlos. Gott lässt uns gleichsam im besten Licht erscheinen. In diesem milden Licht bekomme ich einen humorvollen, ironischen Abstand zu mir selbst. Als würde ich selbst zu mir sagen: „Das sieht dir mal wieder ähnlich.“ Da ist friedlicher und entspannter, als laufend gegen die eigenen Fehler und Sünden kämpfen zu wollen, gegen das Böse in uns selbst.

Bei der Sünde geht es um Wahrhaftigkeit. Um ehrliche Selbstreflexion: zu sehen, dass zwischen dem, wie Gott uns gemeint hat und dem, wie wir leben, ein Bruch ist. So erkennen wir, dass wir als freie Menschen uns immer wieder verstricken: in Situationen und Konflikte, uns verheddern im Miteinander, in unseren alltäglichen Beziehungen und Erwartungen.

Jedes Vater Unser bietet uns die Möglichkeit und enthält den Anspruch, das eigene Handeln zu überprüfen: wo liegt meine Schuld, wo habe ich zu vergeben; was sind meine wirklichen Versuchungen; wo liegt mein Anteil am Bösen in der Welt.

Manches haben wir mehr zu verantworten, manches weniger, aber immer leiden wir und die anderen darunter. Wenn wir uns das vor Augen führen und eingestehen, dann geht es weiter.  Dann gehen wir wieder in die Beziehung zu Gott, dann passt es wieder.

Das Licht der Welt: Ich brauche nicht hell zu scheinen, ein kleines Licht genügt. Ich bin auch nicht für jede Dunkelheit verantwortlich. Ich brauche mich nicht zu verstecken, und ich muss mich auch nicht überfordern. This little light of mine – ich lasse das kleine Licht scheinen aus mir. Und die Welt wird etwas heller, man sieht es.

zu den Jubelkonfirmationen 2018 von Pfarrer Rainer Böhm

Liebe Jubelkonfirmanden, liebe Gemeinde,

Gott hat eine Wohnung. Das ist eine uralte, menschliche Vorstellung! Gott hat ein Haus. Das ist sein Heiligtum. Dort begegnen wir ihm, dort finden wir seine Nähe und können zu ihm beten, eine Kerze anzünden, innere Ruhe finden. Hier in unserer Dankeskirche, die es all die Jahre gibt, die sich ein wenig geändert hat, umgestaltet, mit der Zeit gegangen wie wir selbst ja auch.

Das Lied, das wir eben gesungen haben, benutzt diese alten Bilder. Es gehört im Gesangbuch zu meinen Lieblingsliedern. Man singt davon, wie schön und sicher, heil und gut das Leben ist, wenn es nah bei Gott geschieht. Bei ihm zu wohnen, in seinem Haus zu sein, das ist einfach schön!

Diese Entdeckung, dass Gott versprochen hat, uns zu begleiten, ist der Anlass für das dankbare Zurückblicken auf eine Konfirmation. Damals, vor 60, 65, 70 und 80 Jahren Jahren wurden Sie hier und einige woanders konfirmiert. Nach dem Krieg waren die Geschenke noch nicht üppig: es gab Taschentücher, Geschirrtücher. Es gab noch kaum Kühlschränke, deshalb wurden die Kuchen im Keller gelagert. Sie waren froh, ordentliche Kleider und Schuhe zu haben - manches war auch ausgeliehen. Es war eine Zeit, als man sich über ein Carepaket aus den USA freute, als so mancher Vater oder ältere Bruder im Krieg geblieben war.

Sie haben damals „ja“ gesagt zu Ihrer Taufe und damit zu Gott. Im Vertrauen, dass Gott alle Wege begleitet, wo immer sie auch hinführen. Lange Wege mitunter, in entfernte Ecken unseres Landes, unseres Kontinentes, unserer Welt.

Der Zeitraum, den wir überblicken, ist in seiner Art unglaublich vielfältig gewesen.

Die Älteste unter Ihnen wurde noch vor dem Krieg konfirmiert. Zehn Jahre später standen Sie 1948 unter dem Eindruck des Krieges. Überstanden war er, mit furchtbaren Folgen. Zerbombte Städte, kaputte Kirchen, aber das Fest der Konfirmation wurde gefeiert. Welche Ängste, welche Not war damals in Ihnen? Gab es das Gefühl des Aufbruchs? Es gab wieder Ziele, es gab wieder die Möglichkeit, eine Zukunft zu haben. Bei den Diamantenen Konfirmanden 1958 hat das deutsche Wirtschaftswunder schon so langsam begonnen.

Wie haben Sie die Türen, die Pforten geöffnet, als Sie einzogen in Ihr Gotteshaus damals? Nach einer Prozession damals noch durch die Stadt, an der WiKi haben sich alle getroffen und sind hierher marschiert. Heute erinnern Sie sich daran. Vielleicht spüren Sie, dass Gott weite Wege mit Ihnen zurückgelegt hat. Sie haben viele Pforten, viele Türen aufgetan. Türen des Lebens waren es. Dazwischen sind es sicher hin und wieder die Pforten einer Kirche gewesen, durch die Sie gegangen sind.

Türen des Lebens.

EG 166,3.4

Leben ist Zeit. Leben, das sind Bilder, die ich erinnere. Momente, die ich bewahre, Räume, die ich betrete.

Menschen gehen von Raum zu Raum. Lebensraum, der erobert und dann wieder verlassen wird. Dazwischen sind Türen, die wir mehr oder weniger energisch auftun. Schon mit der Geburt.

Wenn der Mensch Glück hat, dann findet er draußen eine gute Stube vor. Ein kleines Zimmer, das allmählich zur Welt wird. Der Mensch erobert mit allen Sinnen diese Kinderzimmer-Welt. Riechen, schmecken, hören. Sehen, anfassen und begreifen. Ach, die Welt ist aufregend!

Bald entdeckt er, dass diese Welt Türen hat. Die Eltern versuchen, sie geschlossen zu halten, vor Gefahren zu schützen. Aber Neugierde ist menschliche Natur schlechthin. Die ersten Versuche, die Tür zu öffnen, scheitern. Der Mensch plumpst auf den Hintern, den gut gepolsterten.

Dann kommt der große Tag, an dem der Mensch die erste Tür selbstständig öffnen kann. Eine neue Welt liegt vor ihm. Es ist immer die Frage, ob wir es wagen können, diese neuen Welten zu erobern. Wagen wir den Schritt über die Schwelle? Noch gibt es Eltern, die aufpassen. Noch leben wir behütet.

Welche Türen gibt es noch in Ihrer Erinnerung?

Die Speisekammertür? Verboten, weil der Inhalt unglaublich kostbar war? Die Weihnachtszimmertür, hinter der geheimnisvolles Geschehen zu hören war. Gab es bei Ihnen auch eine Weihnachtsglocke, die ins Zimmer rief … das Christkind war da?

Das große Portal, das den Beginn der Schulzeit kennzeichnet, kann man nicht allein öffnen. Dazu muss die Zeit reif sein. Einschulung oben in der Stadtschule an der Wilhelmskirche, die heute so schön renoviert da steht und nur noch Grundschule ist. Neugierde? Angst? Räume, in denen das Wissen wohnt. Lange Gänge gibt es, merkwürdige Gerüche kennzeichnen die Schulen. Menschen, die unterrichten. Manche werden verehrt, manche werden gefürchtet. Schuljahre, in denen dieses Portal dann bald selbstverständlicher Durchgang geworden war.

Irgendwann verlässt man die Schule, und das Portal schließt sich. In dieser Zeit liegt auch der Gang zur Kirche, um den Konfirmationsunterricht zu besuchen. Neue Welten liegen vor den Menschen, unterschiedliche Wege. Es gab den strengen und den lieben Pfarrer.

Manch einer klopft an die Tür eines Meisters, um die Lehre zu beginnen. Oder das Lernen geht auf der Schulbank weiter, nur, dass es jetzt Studium heißt. Aber auch hier gibt es Türen, die aufgemacht werden müssen. Die Angst vor der Prüfung am Ende dieser Zeit, das wird wahrscheinlich in allen Jahren dasselbe geblieben sein.

Andere Türen sind wichtig geworden. Türen, hinter denen das Glück wohnt. Klopfende Herzen beim Klingeln. O je, der Vater öffnet! Ob ich die Tochter sprechen kann? Stotternde Worte machen deutlich, wie wichtig diese Begegnung ist. Hände berühren sich. Eine neue Tür wird aufgestoßen.

Wieder ist es wohl die Kirche gewesen, in die man eingezogen ist, die Dankeskirche vielleicht wieder, Jahre nach der Konfirmation hier. Feierlich, aufgeregt und geschmückt. Mann und Frau feiern ihr Glück. Manch eine wird über die Schwelle getragen, hinein in einen neuen Lebensraum. An die Tür, die nun gemeinsame, wird ein neues Namensschild geschraubt. Und das Leben geht weiter.

Neue Menschen werden geboren, getauft, Familien wachsen. Türen öffnen sich und schließen sich. Es gibt inzwischen Kinder, Enkel und bei vielen auch Urenkelkinder.

Es kommt die Zeit, in der ich darüber nachdenken kann, durch wie viele ich gegangen bin. Mit knapper Not durch manche noch schnell gerutscht. Bei anderen bin ich froh, wenn ich nicht daran erinnert werde! Sie bedeuten Abschied, Trennung und Schmerz. Andere konnte ich genießen!

Uns allen stehen noch so manche Türen bevor. Frohe und traurige Türen - aber durch alle, wirklich alle, können wir mutig und getröstet gehen, denn unser Gott geht mit. So, wie er uns getragen, geholfen und gestützt hat - ohne dass wir oft darüber nachgedacht haben.

Heute aber denken wir daran und wir sagen „danke“. Danke, Gott, für deine Hand, die uns hält und trägt, die uns stützt und tröstet.

„Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.“

EG 166,5.6

zur Goldenen Konfirmation 2018 von Pfarrer Dr. Ulrich Becke

Liebe wenige Goldjubilare und natürlich -jubilarinnen,

schön, dass Sie heute hier sind, dass Ihr hier seid, und herzlichen Dank dafür!

Konformiert vor 50 Jahren im so symbolträchtigen Jahr 1968, das wir alle nun freilich nicht in Berlin, Frankfurt oder Paris oder anderen im wahrsten Sinne Brenn-Punkten erlebt haben.

Ich versuche mich zu erinnern, 1968 in Oberhessen auf dem Lande.

Einer meiner Klassenkameraden fällt mir ein: Realschüler, der jeden Tag ganz ohne Bücher und Gepäck in schlampiger Kleidung und mit langen Haaren verspätet zum Zug zog, der ihn in die Schulstadt brachte, nach Alsfeld.

Die an Sprachlosigkeit grenzende und täglich neu gepflegte Verblüffung meiner Mutter: ja, wie kann denn der so was? Dass da seine Eltern nichts sagen?

Meine Cousine, die aus dem im Vergleich zum Hessendorf fast weltstädtischen Kassel-Wilhelmshöhe zu Besuch kam und von den Studentenunruhen in Paris erzählte.

Ein Referendar in Alsfeld, der – so völlig gegen den Trend des Kollegiums – ebenfalls langhaarig eines Tages mit einem kleinen Transparent über den Schulhof zog, auf dem stand „Radfahren auf dem Schulhof verboten“, eine Art Humor der inneren Emigration auf dem Lande. Mit seinem antiautoritären Unterrichtsstil ist er krachend bei den Schülern gescheitert, die darauf so gänzlich unvorbereitet waren. Er soll später eine ruhigere Laufbahn an der Uni in Kassel gefunden haben.

Und wenige Jahre später dann die rote Kaderschmiede Philipps-Universität, weniger in der Theologie, als in der Politikwissenschaft, wo der Streit über Marx- und Lenin-Zitaten über die recht wahre und einzige Lehre tobte.

Die Streiter von damals sind längst Schulleiter im Ruhestand – oder Schulamtsdirektorinnen.

Der Predigttext zum heutigen Pfingstmontag im Sendschreiben an die frühe Christengemeinde in Ephesus in der heutigen Türkei:

Und auch die versprochenen Gaben hat Gott ausgeteilt: Er hat die einen zu Aposteln gemacht, andere zu Propheten, andere zu Evangelisten, wieder andere zu Hirten und Lehrern der Gemeinde. Deren Aufgabe ist es, die Glaubenden zum Dienst bereitzumachen, damit die Gemeinde, der Leib von Christus, aufgebaut wird.

So soll es dahin kommen, dass wir alle die einende Kraft des einen Glaubens und der einen Erkenntnis des Sohnes Gottes an uns zur Wirkung kommen lassen und darin eins werden – dass wir alle zusammen den vollkommenen Menschen bilden, der Christus ist, und hineinwachsen in die ganze Fülle, die Christus in sich umfasst.

Wir sind dann nicht mehr wie unmündige Kinder, die kein festes Urteil haben und auf dem Meer der Meinungen umhergetrieben werden wie ein Schiff von den Winden. Wir fallen nicht auf das falsche Spiel herein, mit dem betrügerische Menschen andere zum Irrtum verführen. Vielmehr stehen wir fest zu der Wahrheit, die Gott uns bekannt gemacht hat, und halten in Liebe zusammen. So wachsen wir in allem zu Christus empor, der unser Haupt ist.

Er hat die einen zu Aposteln gemacht, andere zu Propheten, andere zu Evangelisten.

Was, liebe Goldenen Konfirmanden ist aus uns geworden in den letzten 50 Jahren? Hätten wir uns das damals gedacht, es ahnen können? Aus mir ist nun allerdings weder Apostel noch Prophet geworden noch Evangelist, gerade mal Pfarrer in der Wetterau…

Vieles haben wir alle lernen und erfahren können, ja auch lernen und erfahren müssen in dieser Zeit. Das hat uns, auch wo es weh tat, gewiss klüger und erfahrener gemacht, so wie Paulus damals schreibt:

Wir sind nicht mehr wie unmündige Kinder, die kein festes Urteil haben und auf dem Meer der Meinungen umhergetrieben werden wie ein Schiff von den Winden. Wir fallen nicht auf das falsche Spiel herein, mit dem betrügerische Menschen andere zum Irrtum verführen. 

Das können wir heute unterschreiben, jeder und jede von uns allen.

Doch was ist mit den anderen ziemlich vollmundigen Worten?

So soll es dahin kommen, dass wir alle die einende Kraft des einen Glaubens und der einen Erkenntnis des Sohnes Gottes an uns zur Wirkung kommen lassen und darin eins werden - dass wir alle zusammen den vollkommenen Menschen bilden, der Christus ist, und hineinwachsen in die ganze Fülle, die Christus in sich umfasst.

Wo bitte sind wir eins auch nur dieser Gemeinde hier? Wo gar eins mit den anderen, die das nicht glauben können oder wollen, was Christen zu bekennen versichern immer wieder?

Verbindet uns wenigstens so eine Art Minimalverbindlichkeit: die Enkel werden getauft (oder eben auch nicht…): Weihnachten gehört irgendwie die Kirche auch dazu, unter Umständen engagiert sich sogar der eine oder die andere im Kirchenchor, in der Pfadfinderei, ja gar im Kirchenvorstand. Aber das sind dann schon eher die seltenen Exoten

– dass wir alle zusammen den vollkommenen Menschen bilden, der Christus ist, und hineinwachsen in die ganze Fülle, die Christus in sich umfasst.

Oh, oh, das sind nun aber ganz große Worte und weit weg von uns allen heute Morgen!

Nein, nicht hier und heute, nein auch nicht übermorgen und in Nieder-Mörlen. Ganz am Ende eines sehr langen Weges, dessen Ende wir nicht mehr erleben werden, mag das stehen, so Gott will. So wie ja selbst die frühen Christen keinesfalls so gelebt haben, wie es in der Bibel steht:

Sie hielten in gegenseitiger Liebe zusammen, sie feierten das Mahl des Herrn, und sie beteten gemeinsam. Gott ließ durch die Apostel viele Staunen erregende Wunder geschehen.

Alle, die zum Glauben gekommen waren, bildeten eine enge Gemeinschaft und taten ihren ganzen Besitz zusammen.

Tag für Tag versammelten sie sich einmütig im Tempel, und in ihren Häusern hielten sie das Mahl des Herrn und aßen gemeinsam, mit jubelnder Freude und reinem Herzen.

Zu schön, um wahr zu sein, viel zu schön…. Keine Realität, sondern eine Utopie, ein Noch-Nicht, ein Noch-Lange-Nicht, das aber die Richtung vorgibt. Und auf diesem Weg dahin sind wir im Blick zurück ein gutes Stück vorangekommen

Mein Freund und Mitstreiter bei Jazz & Texte, Hermann Römer, hat das in unserem vorigen Programm so formuliert:

Die 68er haben Deutschland verändert wie später nur noch die Wiedervereinigung. Es ist ihnen gelungen, der erstarrten Wirtschaftswundergesellschaft den Mief der 50er Jahre auszutreiben, die Gesellschaft offener für Veränderung zu machen. Dazu gehörte nicht zuletzt auch die sexuelle Revolution, die der Bürgerschaft ihre Verklemmtheit nahm. Das kulturelle Leben wurde um ein Vielfaches bunter, die Frauenbewegung bekam neuen Schwung, Reformen im gesamten Bildungswesen wurden angestoßen, und die Forderung nach antiautoritärer Erziehung der Kinder führte wenigstens dazu, dass die Prügelstrafe an den Schulen abgeschafft wurde. Und es gab Langzeiterfolge:

Die Deutschen wurden toleranter, die Beseitigung des totalen Abtreibungsverbots, die Bestrafung von Homosexualität und vieles andere mehr wäre ohne die 68er nicht denkbar gewesen, und die tolerantere Grundhaltung führte zu einer Stärkung des demokratischen Bewusstseins.  Das „Miteinander“ wurde gefördert und das war schön.

Und, liebe Gemeinde und liebe Jubilare: ist das nichts? Ich wiederhole: ist das nichts?

Bewahren wir uns den langen Atem der Hoffnung, die Lichtfunken des Glaubens, bewahren wir uns die Träume, die Flügel der Phantasie! Gott helfe uns allen dabei!

AMEN

zur Konfirmation am 13.5.2018 von Vikarin Anne Kampf

Die Predigt bezieht sich auf das Lied „Jesus in my house“ von Judy Bailey, © 2000 Dyba Music, Essen; Nr 124 im Gesangbuch „EGplus“.

 

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Festgemeinde.

„Jesus in my house“, das Lied wolltet ihr als Konfi-Gruppe unbedingt singen. Auf unserer Freizeit in Mücke und in eurem Vorstellungsgottesdienst. Es ist „euer Lied“ geworden. Deswegen möchte ich heute mit euch darüber nachdenken, was das eigentlich bedeutet: „Jesus in my house“.

Ihr habt doch gar kein Haus, kein eigenes. Aber vielleicht hättet ihr manchmal gerne eins? Ein kleines Häuschen, wo du allein wohnst und machen kannst, was du willst. Es wäre dekoriert mit Bildern oder Postern, die du schön findest. Du würdest Musik hören, die dir gefällt - leise oder laut. Selbstverständlich gäbe es WLAN in allen Zimmern, und zwar immer, ohne Ausfälle. Vielleicht würdest du öfter mal Pizza bestellen und Freundinnen und Freunde einladen. Ab und zu würdest du lieber die Vorhänge zuziehen und die Tür abschließen. Ganz allein sein in deinem Haus.

Denk dir mal dein Haus als dein Lebens-Haus. Dein Leben.
Darin kannst du tun, was du willst und reinlassen, wen du willst.

Stell dir vor, eines Tages klopft es an deiner Haustür.

„Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.“ (Offenbarung 3,20)

Das sagt Jesus im Buch der Offenbarung.

 „Ich stehe vor der Tür und klopfe an.“ Quatsch, denkst du jetzt vielleicht, was soll das, Jesus ist doch längst drin in meinem Haus, der braucht nicht mehr von außen zu klopfen. Okay, prima, wenn das so ist, dann ist ja alles gut. Dann kann ich ja jetzt aufhören zu predigen. Aber ich glaube, ganz so einfach ist das nicht. Bei mir zum Beispiel war das so: Als ich zwölf Jahre alt war, hab ich das Klopfen an meiner Tür gehört. Richtig laut. Ich hab erstmal gezögert und nachgedacht – und schließlich die Tür geöffnet. Habe Jesus reingelassen in mein Haus. Aber irgendwie scheint er trotzdem manchmal nicht da zu sein. Ist er zwischendurch wieder gegangen? Und ich hab gar nicht gehört, wie die Tür zuschnappte? Dann hab ich ein schlechtes Gewissen. Ich hab mich wohl zu wenig um ihn gekümmert, war zu viel mit anderen Sachen beschäftigt. Geht euch das auch so? Nach meiner Erfahrung bleibt Jesus aber nicht weg. Er gibt immer wieder die „chance to start again“. Er kommt wieder und klopft wieder an. 

„Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.“

„… meine Stimme hören…“ In dem Bibelvers steht gar nicht, was Jesus sagt. Ob er ungeduldig ruft: „Sofort aufmachen! Sonst trete ich die Tür ein!“ oder leise und freundlich bittet: „Mach auf, ich möchte gern bei dir sein.“ Da steht nur: „Wenn jemand meine Stimme hören wird …“. Ich glaube, er sagt zu jedem Menschen was anderes. Nämlich das, was wir gerade am dringendsten brauchen. Ich glaube, Jesus weiß das: Ob du gerade schwerwiegende Fragen hast und einen brauchst, der mit dir diskutiert. Ob du gerade glücklich bist oder traurig und einen brauchst, der mit dir lacht oder weint. Ob du dich gerade ganz nutzlos fühlst und jemanden brauchst, der sagt: „Ich hab noch was mit dir vor!“ Ich glaube, wenn Jesus vor deiner Tür steht und anklopft, dann hörst du seine Stimme und verstehst auch, was er sagt.

„Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.“

„… die Tür auftun…“ Vielleicht willst du sie gar nicht aufmachen, deine Haustür. Weil du nämlich nicht aufgeräumt hast in deinem Haus. Überall liegt irgendwas herum. Lauter Sachen, die niemand sehen soll: Das schlechte Gewissen wegen des blöden Streits mit deiner Freundin, von dem du gar nicht weißt, wie er eigentlich angefangen hat. Das quälende Gefühl in deiner Klasse, in der du nicht so richtig weißt, wo da eigentlich dein Platz ist. Die Gedanken an Mathe und Deutsch und Französisch, wofür du dringend lernen musst, wozu du aber heute wirklich keine Lust hast. Diese ganzen unaufgeräumten Sachen würde Jesus ja sehen, wenn er jetzt reinkäme!

Angenommen, du würdest es trotzdem wagen und die Tür einen kleinen Spalt öffnen. Jesus würde den Kopf reinschieben und die Stirn runzeln und rufen: „Um Himmels Willen, wie sieht es denn bei dir aus! Das ist ja voll ungemütlich. Komm, lass uns aufräumen. Ich helfe dir.“ Und schon wäre er drin und würde eine To-Do-Liste machen: „Als erstes rufen wir deine Freundin an und klären diesen blöden Streit. Danach denken wir zusammen über deine Klasse nach, was da eigentlich läuft. Und dann hast du auch wieder den Kopf frei für Mathe und vielleicht dann morgen für Deutsch und Französisch. Das kriegen wir alles hin!“

„Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.“

Wenn ihr fertig aufgeräumt habt, Jesus und du, dann bekommt ihr so langsam Hunger. Aber bevor du in die Küche gehst und nachschaust, ob noch was im Kühlschrank ist, hörst du Jesus sagen: „Schon gut, ich hab alles dabei. Wir brauchen ja nur Brot und Traubensaft.“ Denn er ist es, der dich einlädt! Und zwar nicht zu einem normalen Abendessen, von dem du nur im Bauch satt wirst. Sondern zu einem Abendmahl, von dem du in der Seele satt wirst. So satt, dass du dich innerlich ganz ruhig und geborgen und sicher fühlst. Satt einfach davon, dass Jesus bei dir ist. Dann wirst du dir vielleicht wünschen, dass er bleibt. Als Mitbewohner in deinem Haus. Jesus in your house: All of your life and always will be.“

zur Konfirmation am 6.5.2018 von Pfarrerin Meike Naumann

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,
liebe Festgemeinde,

manchmal überfällt mich bei der Vorbereitung eines solchen Gottesdienstes die Wehmut und ich werde nachdenklich und frage mich dann, was von meiner Arbeit eigentlich zurück bleibt.

Klar, ich bin heute sehr glücklich, dass ihr alle konfirmiert werdet. Die vergangenen Monate mit euch, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, waren eine tolle Zeit. Wir haben uns kennengelernt und sind zu einer Gruppe zusammengewachsen. Wir hatten unsere Höhe und Tiefen und wir haben viel gelacht, aber auch ernsthaft gesprochen. Und ich denke schon, dass wir die wesentlichen Inhalte des christlichen Glaubens gemeinsam erarbeitet und sie auch mit dem Herzen und den Händen begriffen haben, nicht nur mit dem Kopf. Im Unterricht und in den Projekten, die ihr euch ausgewählt hattet. So dass ihr heute ganz bewusst euer „Ja“ zu diesem Glauben sprechen könnt.

Und dennoch frage ich mich: Was wird bleiben? Ist das nur mein frommer Wunsch als Pfarrerin, dass ihr heute sagt: „Ja, die Sache mit dem Glauben, die hat schon was, da will ich dran bleiben“ – und jetzt sage ich das mal etwas im Kirchendeutsch – „und mich auch weiterhin zur christlichen Gemeinde halten?“ oder sollte ich der harten Realität ins Auge sehen und mich mit der Hoffnung begnügen, dass wenigstens etwas von dem, was wir besprochen haben, bei euch, ja, in euch hängen geblieben ist.

Vielleicht ist diese Hoffnung auch völlig hinreichend, vielleicht braucht es auch nicht mehr als das. Diese Hoffnung, dass bei euch und in euch etwas hängen bleibt, etwas, das euch im Leben und im Sterben begleiten kann. Etwas, das euch mehr ist als Erinnerung an eine – hoffentlich- gute Zeit. Etwas, das euch Orientierung im Leben geben kann und das euch ein Hinweis auf etwas ist, das größer ist als alle Schrecken und Ängste des Lebens.

Und das mit dem Hängenbleiben, das meine ich ganz wörtlich, nicht nur im übertragenen Sinn. Es soll etwas an euch hängenbleiben – nämlich dieses Kreuz hier, mit dem eingravierten Fisch. Dieses Kreuz mit Fisch werdet ihr nachher bei eurer Segnung geschenkt bekommen.

Ein Kreuz mit Fisch? Warum ist da ein Fisch eingraviert? Hätte das Kreuz allein nicht gereicht? Ist denn nicht das Kreuz das eigentliche Erkennungszeichen von uns Christinnen und Christen? Ja, stimmt schon, das Kreuz steht im Zentrum unseres Glaubens. Aber das Kreuz als Symbol hat ein paar Jahre gebraucht, um sich in der Alten Kirche durchzusetzen. Es war ja ein Folter- und Tötungsinstrument des römischen Reiches. Vorher hatte man andere Symbole unter anderem eben auch den Fisch.

In einer Zeit, in der es lebensgefährlich sein konnte, sich zum christlichen Glauben öffentlich zu bekennen, konnte man einem anderen seine Glaubensüberzeugung mitteilen, indem man einen harmlosen Fisch in den Staub oder in den Sand malte. Für einen Nichtchristen blieb der Fisch ein Fisch und er mag sich allenfalls gewundert haben. Für eine Christin aber hatte der Fisch eine besondere Bedeutung und sie wusste, sobald die andere in positiver Weise darauf reagierte, dass sie eine Glaubensgenossin gefunden hatte.

Der in den Staub gemalte Fisch war eine versteckte Frage an den anderen: „Glaubst du, dass Jesus Christus, Gottes Sohn, unser Retter ist?“ Irgendein schlauer Christ aus dieser Zeit hat nämlich gemerkt, dass im Griechischen die Anfangsbuchstaben der Worte „Jesus“, Christus“, „Sohn“ und „Retter“ zusammengesetzt ein neues Wort ergeben, und zwar genau das griechische Wort für „Fisch“ – ICHTHYS

Wenn ihr also den Fisch tragt, ist das ein Glaubensbekenntnis in kürzester Form. Der christliche Glaube eingedampft und reduziert auf die fünf Worte: Jesus, Christus, Gottes Sohn, Retter. Klar, das wisst ihr jetzt, der christliche Glaube beinhaltet noch viel mehr als das. Aber solange ihr nur das wisst und in eurem Herzen behaltet, dann wisst ihr schon fast alles, was man überhaupt von christlichen Glauben wissen muss.

Wie ihr gemerkt habt, geht es in diesem kurzen Bekenntnis ausschließlich um die Person Jesu. Im Konfi-Unterricht haben wir uns auch immer wieder mit Jesus beschäftigt, mit dem, was er getan und dem, was er gesagt hat. Was Jesus gesagt hat, geht bis heute unter die Haut und ist meistens wohltuend und aufbauend. Manchmal aber auch richtig ärgerlich. Selbst diejenigen, die ihn nicht als Sohn Gottes verehren, können ihn wenigstens als „guten Menschen“ und als moralisches Vorbild anerkennen. Für uns Christinnen und Christen ist er aber vielmehr.

Sein Vorname, Jesus, den seine Eltern ihm ausgesucht haben, war ein ganz normaler Vorname in der damaligen Zeit. Wir alle haben unsere Namen von unseren Eltern. Meistens deshalb, weil der Name den Eltern gefallen hat, weil er schön klingt und gut zum Nachnamen passt. Manchmal werden Namen aber auch ganz bewusst gegeben, weil sie eine Bedeutung haben, zum Beispiel eine positive Charaktereigenschaft benennen, die dann die Trägerin des Namens hoffentlich auch annimmt. Dann ist der Name Programm – und das war auch bei Jesus der Fall. In seiner Namensnennung kommt das schon zum Ausdruck, was seine ihm von Gott zugedachte Lebensaufgabe sein sollte. Sein hebräischer Name lautet im Deutschen nämlich: Gott ist die Rettung.

Der Name „Jesus“ soll uns aber auch daran erinnern, dass wir es in unserem Glauben nicht mit irgendeiner frommen Idee oder eine Märchen zu tun haben, sondern mit einer Person, die vor 2000 Jahren tatsächlich gelebt hat. Wir bekennen uns damit zu einer Geschichte, die sich wirklich zugetragen hat.

„Jesus“ ist sein Vorname, sein Rufname. Das bedeutet aber nicht, dass „Christus“ sein Nachname, sein Familienname ist. Christus ist ein Titel, den andere ihm gegeben haben. „Christus“ ist die griechische Übersetzung des hebräischen „Messias“ und das bedeutet „der Gesalbte“. In diesem Titel sind alle Hoffnungen und Erwartungen des immer wieder verschleppten und gedemütigten und versklavten Volkes Israel konzentriert: Wann wird endlich der kommen, der uns erlöst, der uns aufhilft, der uns befreit? Wir Christen glauben, dass in Jesus dieser Christus gekommen ist.

Wir glauben aber nicht nur, dass Jesus ein bemerkenswerter Mensch war. Wir glauben an ihn als Gottes Sohn. So wichtig es für unseren Glauben ist, dass Jesus ein echter Mensch war, mit allen Sorgen, Ängsten und Schmerzen, mit aller Freude und Lebenslust – genau wie wir – so wichtig ist es für uns gleichzeitig, dass er nicht nur ein Mensch war, sondern , dass er Gottes Sohn ist. Das ist deshalb wichtig, weil es jemanden braucht, der von außerhalb kommt, der nicht vorgeprägt ist vom Denken unserer Welt. Denn nur so kann es zu einer echten Erneuerung kommen. Und weil er außerhalb von Raum und Zeit existiert, kann er uns auch heute noch nahe sein und uns helfen.

Das letzte Wort das in dem Begriff Ichthys / Fisch verschlüsselt ist, ist gewissermaßen Jesu Berufsbezeichnung: Retter! Das ist das, wozu er in die Welt gekommen ist. Seine Lebensaufgabe, sein Auftrag für diese Welt und für uns: Uns herauszuhelfen aus den schlimmen Verstrickungen unseres Lebens, uns zu befreien aus den selbstgemachten Gefängnissen, uns herauszuführen aus Bedrückung und Schuld in ein Leben in Freiheit vor Gott.

Wenn wir uns zu Christus halten und wir deshalb Christen genannt werden, dann soll auch für uns dieser Name Programm sein. Wer den Fisch trägt oder in diesem Fall das Kreuz mit dem eingravierten Fisch, der geht damit auch eine Verpflichtung ein. Der sagt: Ich will mein Leben nach den Maßstäben Jesu leben. Ich will mich jeden Tag dieser Herausforderung stellen. Mal wird es mir leicht fallen, an anderen Tagen schwerer.

Wer sich ehrlich bemüht, so zu leben, der lebt nicht einfach nach dem, was man so denkt, redet oder tut. Wer sich ehrlich bemüht so zu leben, der folgt der Stimme seines Gewissens und seines Herzens.

Wer sich ehrlich bemüht so zu leben, der führt ein ehrliches Leben, auch wenn es viele andere um euch herum mit der Wahrheit nicht so genau nehmen. Wenn Fake News zum normalen Tagesgeschäft gehören.

Wer sich ehrlich bemüht so zu leben, der verbreitet Hoffnung und gibt die Welt und unsere Gesellschaft nicht verloren, auch wenn viele andere Pessimismus verbreiten.

Wer sich ehrlich bemüht, so zu leben, der prüft Entscheidungen und fragt danach, was in den Augen Gottes in der einen oder anderen Situation das Richtige ist.

Wer sich ehrlich bemüht, so zu leben, der weiß sich zu Dank verpflichtet, der hat auch etwas zum Danken, weil er weiß, dass alles, was er ist und hat, ein Geschenk Gottes ist.

„Ich hatte Konfirmation“ – und alles, was ich bekommen habe war dieses Kreuz mit dem eingravierten Fisch.“ Soll das etwa alles gewesen sein, was euch von eurer Konfirmation bleibt? Nein, denn das wichtigste kommt erst noch: der Segen Gottes. Wir haben das vorher besprochen und auch mal ausprobiert, damit nichts schief geht, wenn ihr gleich hier vor dem Altar gesegnet werdet. Ich werde euch die Hände auflegen und euch segnen mit den Worten:

Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist schenke dir seine Gnade:

Schutz und Schirm vor allem Bösen,

Stärke und Hilfe zu allem Guten,

dass du bewahrt wirst im Glauben.

In diesen Segen mündet der Weg, der mit eurer Taufe begonnen hat und dann seid ihr vollberechtigte Mitglieder eurer Kirche, mit allen Rechten und Pflichten, die ein Christenmensch in dieser Welt hat. Wenn ihr dann aufsteht, dann seid ihr Gesegnete Gottes. Mit diesem Segen werdet ihr sozusagen in euer neues Leben hinein entlassen, werdet wie Fische ins Wasser geworfen. Und nun ist es an euch, zu schwimmen.

Das müsst ihr aber nicht allein. Gott hat versprochen, euch auf eurem Lebensweg zu begleiten. Daran soll euch euer Kreuz mit dem Fisch erinnern. Jesus, der Christus, der Sohn Gottes, ist euer Retter. Mit eurem JA, das ihr heute sprecht, vertraut ihr euch diesem Retter an – heute und alle Tage eures Lebens. Amen.

zu Karfreitag am 30.3.2018 von Vikarin Anne Kampf

Predigt zu Lukas 23,32-49

Liebe Gemeinde,

da stehen sie. Da stehen sie direkt unter dem Kreuz. Oder etwas weiter weg. Der Evangelist Lukas baut eine Szene auf wie in einem Schauspiel. Das Bühnenbild zeigt einen Hügel außerhalb der Stadt. Es ist Freitagmittag, einen Tag vor dem großen Fest. Das zentrale Motiv sind drei Kreuze. In der Mitte Jesus. Rechts und links von ihm zwei Verbrecher. Unter den drei Kreuzen stehen Ratsherren, römische Soldaten und ein Hauptmann. Drumherum das Volk. Etwas weiter weg seine Freunde und – extra erwähnt – die Frauen, die ihn begleitet hatten. Da stehen sie alle in diesem Szenenbild.

Ich lade Sie ein, sich in Gedanken dazuzustellen, Ihren Standpunkt zu suchen. Schauen Sie zur Mitte, zu dem Kreuz, an dem Jesus hängt. Warum?, mögen Sie zurückfragen, was hat die Szene denn mit mir zu tun? Ich weiß, der Anblick ist schrecklich. Der Tod steht uns vor Augen, ein langsames, grausames Sterben. Da schauen wir jetzt hin. Und nicht weg. Denn es hat etwas mit uns zu tun.

Wo ist unser Standpunkt? Zu wem wollen wir uns stellen?

Stellen wir uns zu dem Volk, das zur Schädelstätte gekommen ist, um mitzukriegen, was hier passiert? In einer Stimmung zwischen Neugier und Entsetzen…  Wirklich die Höchststrafe für ihn? Einige aus dem Volk hatten das so gefordert, hatten mitgerufen „Kreuzige ihn“. Das war die Szene vorher. In unserer Szene geht es nicht mehr darum, wer seinen Tod eigentlich gefordert hatte. Das Volk jedenfalls ist jetzt still, steht da und sieht zu, was passiert. Tut so, als ginge sie das alles nichts an. Aber so unbeteiligt werden wir nicht bleiben, wenn wir uns zum Volk stellen.

Oder gehören wir zu denen, die spotten: „Er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes, der Juden König.“ Nein, so spotten würden wir nicht. Aber hinter dem Spott stehen ja Fragen. Und die Fragen an sich sind doch berechtigt: Was ist das für ein seltsamer „Auserwählter Gottes“, der über Leben und Tod offenbar keine Macht hat? Der die grausamste Strafe erleidet, ohne das überhaupt zu kommentieren? Was ist das für ein Gott, der seinen Sohn sterben lässt? Warum sollen wir glauben, dass er der Christus ist? Ist er es wirklich? Wer ist dieser Mann?

Der zweite Verbrecher, der da neben ihm hängt, der hat schon eine Antwort gefunden, nein zwei Antworten, jedenfalls in der Szene von Lukas. Erste Antwort: „Ich hänge hier zu Recht - du aber zu Unrecht.“ Sind wir bei dem Verbrecher, der weiß, dass er schuldig geworden ist? Dem deutlich vor Augen steht, was er getan oder auch versäumt hat zu tun? Dem klar geworden ist, dass er sein Leben vermasselt hat? Er würde gern nochmal neu anfangen, aber dafür ist es jetzt zu spät. Ihm bleibt nur, seine eigene Gottverlassenheit zu benennen und auszuhalten. Sind Sie bei ihm?

Dann haben Sie allen anderen in dieser Szene was Entscheidendes voraus. Nicht nur die Erkenntnis über die eigene Schuld. Sondern auch die Erkenntnis über den, der da in der Mitte hängt: „Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen“, steht beim Propheten Jesaja über den leidenden Gerechten geschrieben. „Er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. (…) Durch seine Wunden sind wir geheilt.“ (Jes 53,4-5). Dass dieser Gerechte so stirbt, hat etwas mit mir, mit uns allen zu tun. Das weiß der Verbrecher in Lukas‘ Schauspiel schon. Und er weiß auch schon, was kommen wird: ein ewiges Friedensreich mit Jesus als König. Stellen Sie sich zu dem, der sich nach Vergebung und Annahme sehnt?

Dann ist da der Hauptmann, ein Centurio der römischen Besatzungsmacht, die die jüdische Religion tolerierte, aber natürlich nicht ihren Glauben teilte. Was der römische Hauptmann hier sieht und hört, das überwältigt ihn: In dem Moment, in dem Jesus sagt: „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!“, da erkennt der Hauptmann: Dieser Mann ist nicht der Verlierer in diesem grausamen Schauspiel. Er stirbt nicht, weil wir Römer das wollten. Sondern er hat die Größe, dem Tod entgegenzutreten und nicht auszuweichen, und das kann er, weil er ein Gerechter ist. Weil er in einer anderen, tieferen Beziehung zu Gott steht als wir alle. Der Hauptmann erkennt: Hier in diesem Moment geschieht etwas Großes. Hier ist Gott selbst am Werk. Stehen Sie bei dem Hauptmann, der von der Erkenntnis so überwältigt wird, dass er Gott preist? Den Gott, an den er bisher gar nicht geglaubt hat!

Lukas nimmt noch einmal das Volk in den Blick. Das Volk, das eben noch eine demonstrativ unbeteiligte Haltung eingenommen hatte. Das ändert sich jetzt. Nachdem Jesus gestorben ist, schlagen sie sich an die Brust - ein Zeichen der Reue und Buße. „Sie kehren um“ – das heißt wohl mehr als „sie gehen nach Hause“. Sie ändern ihre Haltung. Sie begreifen, dass es doch mit ihnen zu tun hat, was hier geschieht. Ob sie mitgerufen haben „Kreuzige ihn“ oder nicht - es hat mit ihnen zu tun. Stellen wir uns wieder zum Volk in dieser Szene? Dieser Mann am Kreuz hat etwas mit uns zu tun. Was genau, bleibt noch verschwommen. Ob wir es wirklich verstehen können oder nicht: Jedenfalls können wir hier nicht unbeteiligt stehen und nur zuschauen - unser Gewissen meldet sich.

Oder stehen Sie bei seinen Freundinnen und Freunden? Bei denen, die ihn seit Jahren kennen und viel mit ihm erlebt haben. Die all ihre Hoffnung in ihn gesetzt hatten. Sie stehen hier etwas entfernt und schauen zu als Zeugen. Sie schauen genau hin. Sie halten alles fest wie in einem Film. Sie versuchen zu verstehen.  

Verstehen. Jesu Sterben verstehen. Das ist schwer. Da sind so viele Fragen. Musste er für uns sterben? Warum ist dadurch unsere Schuld weg? Ging Versöhnung nicht auch anders, weniger grausam? Hat Gott das so gewollt? Seit 2000 Jahren zerbrechen sich die Menschen den Kopf darüber und versuchen – je nach den Denkmustern ihrer Zeit – Antworten zu finden auf diese Fragen. Ich habe in der vergangenen Woche mehrere Texte mit möglichen Deutungen gelesen. Nach der Lektüre schwirren mir lauter Begriffe durch den Kopf: Opfer, Sündenbock, Sühne. Hingabe, Stellvertretung, Versöhnung. Leben und Liebe. 

Wo stehen wir zwischen all den Begriffen und Fragen und möglichen Antworten? Wo stehen wir, wenn wir auf das Kreuz schauen? Jede Christin und jeder Christ muss für sich selber versuchen, einen Standpunkt vor dem Kreuz zu finden. Muss selber Fragen stellen und Antworten suchen.

Ich kann – mit aller Vorsicht und Ehrfurcht – sagen, wo ich gerade ungefähr stehe. Mein Standpunkt ist zwischen den Fragenden und dem Volk, zwischen dem römischen Hauptmann und dem Verbrecher. Ich stehe mittendrin und zugleich ganz weit weg – 2000 Jahre weit weg. Wie der Evangelist Lukas blicke ich von Ostern her auf die Szene.

Dass Jesus am Kreuz stirbt, ist Ausdruck seiner Liebe und Konsequenz seines Lebens. Natürlich hätte er ausweichen können, schon lange bevor es so weit kam. Aber er zieht das durch! Im Johannesevangelium heißt es: Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen Sohn gab. „Gab“ heißt nicht: In den Tod gab. Sondern: Der Welt, also uns, gab. Und Gott zieht seine Liebe nicht zurück, auch nicht in dem Moment, wo Menschen schreien „kreuzige ihn“. Gott zieht seine Liebe zu uns durch – mit aller Konsequenz. Und zwar obwohl wir alles vermasselt haben und ständig vor Gott weglaufen. Das verstehe ich unter Sünde: unser selbst verschuldetes Zerstören der Beziehung zu Gott. Eine Folge davon ist, dass wir ständig sinnlos um uns selbst kreisen. Jesus ist der einzige, der nicht um sich selbst kreist, sondern ganz für andere lebt, bis in den Tod. Tod bedeutet das Ende von Beziehung. Durch diese absolute Finsternis geht Jesus an unserer Stelle durch und stellt so unsere Beziehung zu Gott wieder her. Er ist nicht im Tod geblieben, sondern hat ihn überwunden. Er ist vorausgegangen und holt uns ab – von der anderen Seite her, wo es hell ist.

am 11.3.2018 von Pfarrerin Susanne Pieper

Musikalischer Gottesdienst mit der Aufführung der Kantate von Johann Sebastian Bach „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir“

Psalm 130 - in neuer Fassung (angelehnt an die hebräische Urfassung und an die Bibel in gerechter Sprache)

 Aus meinen Tiefen rufe ich dich, Ewiger,
Du, mächtig über uns, hör auf meine Stimme!
Offen seien deine Ohren für die Stimme meines Flehens!
 Wenn Du, ja Du beharrst auf den Sünden –
mächtig über uns: wer wird dann bestehen?
 Denn bei Dir gibt es Vergebung,
damit Dir mit Ehrfurcht begegnet werde.
 Ich hoffe so sehr auf den Ewigen,
mit Herz und Seele hoffe ich,
nach Seinem Wort strecke ich mich aus.
 Mit meiner Seele sehne ich mich nach Gott,
mehr noch als die Wächter nach dem Morgen,
die Wächter nach dem Morgen.
 Strecke dich aus, Israel, nach dem Ewigen!
Denn bei Ihm ist die Gnade und Vergebung in Fülle ist bei Ihm.
 Und Er, ja Er wird Israel lösen aus allen seinen Sünden.

Theologische Betrachtung I:

Liebe Gemeinde,

das ist nicht leicht, über das Thema „Sünde“ nachzudenken und zu sprechen. Es ist gemeinhin kein angenehmes Thema. Man tritt schnell in ein Fettnäpfchen, wenn man sich dazu äußert. Was ist eine Sünde? Wir bewerten sie unterschiedlich. Ist es wirklich eine „kleine Sünde“, in die wir tappen, wenn wir zur Schachtel mit den vier Pralinen greifen, die im Regal liegt? Für die einen ja, für die anderen nicht. Ist das gute Stück Sahnetorte, das so lecker schmeckt, aber natürlich auch ungesund ist, eine Sünde? Für die einen ja, für die anderen noch längst nicht. Wir gehen unterschiedlich mit diesem Begriff um.

Manchmal benutzen wir ihn aber auch, um andere Menschen zu klassifizieren, um sie zu beurteilen, zu verurteilen. Die Geschichte vom Pharisäer und Zöllner zeigt, wie schnell es gehen kann, dass jemand ganz genau die Sünden des anderen Menschen benennt, sich selbst damit aber zugleich in ein gutes Licht stellen will. „Ich danke dir, dass ich nicht so bin wie dieser Zöllner…“ In unserer Kirchengeschichte wurde diese Erzählung Jesu dann in demselben Muster weitergesponnen: „ich danke dir, dass ich nicht so bin wie dieser selbstgerechte Pharisäer…“. Und so kann die Kette unendlich weitergehen.

Von Jesus aber lernen wir: nur wer zu seiner eigenen Verfehlung steht, der ist vor Gott gerechtfertigt. Darum geht es. Und der 130. Psalm leitet uns genau dazu an. In klarer Sprache. Und zugleich in so liebevoller Weise. Dabei darf es getrost im Verborgenen bleiben, worin die eigenen Verfehlungen bestehen. Es ist genug, wenn Gott es weiß.

Wenn Sünde bedeutet, dass meine Beziehung zu Gott blockiert ist, dann können diese Blockaden sehr verschieden sein. Wir erleben individuelle Sünde, aber wir sind auch verstrickt in strukturelle Sünde, in soziale Sünde. Dort, wo wir selbst Teil von ungerechten Gegebenheiten und Strukturen sind. Entscheidend aber ist, dass Gottes Nein zur Sünde immer ein Ja zum Sünder ist. Gottes Liebe will es, dass der Mensch umkehrt. Dass er lebt.

Es ist gut und es ist wichtig, danach zu fragen, welches Verständnis von Gott in diesem Psalm verborgen liegt:

Gott ist ein Gegenüber des Menschen. Gott ist nicht einfach harmlos. Er ist kein Eiapopeia – Gott. Er ist nicht gleichgültig gegenüber den Taten des Menschen. Er ist auch nicht das große, schicksalhafte „Egal“, wie der Schriftsteller Axel Hacke es in seinem großartigen Buch „Die Tage, die ich mit Gott verbrachte“ vorgestellt hat. Gott ist anders. Er ist die Instanz, der der Mensch Rechenschaft zu geben hat. Mit seinen Gedanken, mit seinen Worten und mit seinen Werken hat er sich vor Gott zu verantworten. Vor Gottes Angesicht lebt der Mensch sein Leben. Darum gilt: wo Schuld ist, da wird sie auch Schuld genannt. Dies ist wichtig, damit auch die Opfer nicht vergessen werden. Damit auch sie geschützt und ins Recht gesetzt werden können. Wo Schuld ist, da wird sie auch Schuld genannt. Ich halte es für entscheidend, daran zu erinnern – in einer Zeit, in der Lügen in Wahrheit umgedreht werden, selbst von Regierungschefs mächtiger Staaten. In einer Zeit, in der getrickst und getäuscht wird. In der Menschenrechte mit Füßen getreten werden, und Unschuldige verhaftet und verfolgt werden. Gott fordert Rechenschaft. Er ist nicht harmlos. „So du willst, Mächtiger, Sünde zurechnen - wer wird dann bestehen?“

Doch zu IHM gehört auch die andere Seite. Sein Großmut. Seine Bereitschaft zur Vergebung. Er vergibt die Schuld, wo er um Vergebung gebeten wird. Gott will die Befreiung von der Last, von der Schuld. Er möchte, dass wir Menschen zur Umkehr finden. Zum großen Aufatmen. Zum neuen Anfangen.

Und genau diese Bereitschaft Gottes, zu vergeben, sie nötigt uns Menschen die Ehrfurcht ab. „Bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte.“ Ich bin sicher: die Furcht vor Gott, sie meint die Ehrfurcht vor Gott. Und diese Ehrfurcht, dieser Respekt vor Gott, er entsteht gerade aus der überaus zärtlichen Seite Gottes. Es ist gerade nicht der Zorn Gottes, der die Menschen das Fürchten lehren soll. Der Respekt entsteht vielmehr, wo wir Gottes liebevolles Entgegenkommen erleben. Seine Vergebung in Fülle, wie es im hebräischen Urtext heißt. Seine Gnade uns gegenüber, seine Ermutigung zum Neubeginn.

Der barmherzige, der liebevolle, der gnädige Gott, er ist der Gott des Alten und des Neuen Testaments. Es ist eben nicht so, wie es oft gesagt wurde: dass der Gott des Alten Testaments der Zornige sei und nur der Gott des Neuen Testamens der Liebevolle. Nein. Der Psalm 130 belehrt uns eines Besseren. Der liebende, gütige Gott offenbart sich genauso im Ersten Testament wie im zweiten Testament.

Und wir, als die Hinzugekommenen zum Bund Gottes mit seinem Volk Israel, wir aus den Heidenvölkern, wir Christinnen und Christen beziehen uns auf das Leiden Jesu Christi, seines Sohnes, das für uns geschehen ist. Sein Kreuz bedeutet die Vergebung unserer Schuld. Nun können auch wir frei und aufrecht vor Gottes Angesicht leben.

Wenn aber nun die Umkehr das Ziel ist - wie ist es dann bestellt mit der Kultur der Vergebung und der Umkehr in unserer Gesellschaft? Gestehen wir Menschen zu, dass sie ihre Fehler bereuen, dass sie wirklich umkehren und neu beginnen wollen? Oder werden sie bei dem behaftet, womit sie sich schuldig gemacht haben?

Das aber ist die Zusage der Gnade Gottes an diesem Tag; sie steht in den Klageliedern 3,22 geschrieben: „Die Güte Gottes aber ist es, dass wir noch nicht aus sind. Seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende; sie ist an jedem Morgen neu, und Seine Treue ist groß.“

Chor: Ich harre des Herrn, meine Seele harret, und ich hoffe auf sein Wort.

Theologische Betrachtung II:

„Musik ist der kürzeste, direkteste Weg zu Gott“ - so sagt es Pir - o – Murshid, ein indischer Musiktheoretiker. Auch die Psalmen sind Musik. Sind ja Lieder, die gesungen wurden. Und sie sind wie eine Schutzhütte, in der die Menschen und ihre Seelen Raum finden, sich bergen können.

Nelly Sachs, die große, unvergessene jüdische Dichterin des 20. Jahrhunderts, beschreibt es so: „David baut in seinen Liedern Nachtherbergen für die Wegwunden. Und er misst in seinen Psalmen in Verzweiflung die Entfernung zu Gott aus.“

Die Entfernung zu Gott ausmessen - das geschieht in diesem Psalm 130: „Ich harre des Herrn, meine Seele harret, und ich hoffe auf sein Wort.“

Harren. Wie Vieles liegt in diesem Wort! Ich warte auf Gott. Ich hoffe. Ich bin voller Spannung. Ich strecke mich aus nach ihm. Das ist mehr als auf das erlösende Wort der Vergebung warten. Darin steckt eine unbändige Sehnsucht. Eine Sehnsucht, so sehr, dass es weh tut. So wie die Sehnsucht nach dem Geliebten weh tut, wenn er nicht da ist, so wie die Sehnsucht nach der Geliebten schmerzt.

Ich sehne mich nach Gott. Ich strecke mich nach ihm aus, mit allen Fasern meines Daseins. Ich sehne mich mehr nach ihm als die Wächter auf den Mauern Jerusalems sich nach dem anbrechenden Licht des neuen Morgens sehnen.

Es ist eine Beziehung der tiefen Liebe zu Gott, die sich hier ausspricht. Ja, es ist fast eine mystische Beziehung. Noch lebt der Beter des Psalms in der Spannung. Noch ist er auf dem Weg. Aber er geht dem ersehnten Raum entgegen: dem Raum Gottes, wo er und seine Seele den Frieden finden wird. Wo er erkennt, was ihm alles geschenkt ist. Dort wird er von Freude erfüllt sein. Dort wird er endlich Antworten finden auf seine vielen Fragen. Dort wird er Trost finden und einverstanden sein mit Gott. Mit ihm im Einklang sein. Amen.

am 14.1.2018 von Pfarrer Rainer Böhm

Liebe Gemeinde,

was ist in den Krügen, wenn die Diener sie voll Wasser gefüllt haben? Ist es noch Wasser, oder ist es schon Wein? Kann es überhaupt Wein sein, da es doch eindeutig Wasser war, was man in die Krüge gefüllt hat? Könnte es sein, dass jemand davon kostet und sagt: Das ist Wasser und nichts anderes? Schmeckt es vielleicht nur für diejenigen nach Wein, die zuvor schon soviel Wein getrunken haben, dass sie jetzt alles für Wein halten, was man ihnen kredenzt?

Was ist mit Paulus, als er vor ein paar Leuten in Korinth zu reden beginnt? Der kann ja nicht einmal zusammenhängende Sätze bilden, sagen die einen. Seine Argumente sind schwach, er redet doch Unsinn. Andere glauben ihm, ohne ihn wirklich zu verstehen. Seine Unruhe, seine Sprunghaftigkeit hat etwas Begeisterndes. Da muss etwas dahinter stecken, sagen sie. Er hat mich angerührt, ich kann es nicht ändern. Eine Frau hat sich einen Satz gemerkt, der sich ihr wie ein Muster einprägt. Sie sagt ihn sich wieder und wieder vor, um ihn nicht zu verlieren. „Die Torheit Gottes ist weiser, als es die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen es sind.“

An diese ersten Begegnungen erinnert sich Paulus, als er ihnen später schreibt. Die, die dabei geblieben sind und seither immer wieder zusammenkommen, die wissen noch genau, wie es am Anfang war. Nämlich so, wie er es  in seinem Brief beschreibt:

1  Auch ich, meine Brüder und Schwestern, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten oder hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu predigen.   2 Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, ihn, den Gekreuzigten. 3 Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern; 4 und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten der Weisheit, sondern im Erweis des Geistes und der Kraft, 5 auf dass euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.

6 Von Weisheit reden wir aber unter den Vollkommenen; doch nicht von einer Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen. 7 Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist,die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit, 8 die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. 9 Sondern wir reden, wie geschrieben steht (Jesaja 64,3): »Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben.«  10 Uns aber hat es Gott offenbart durch den Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen Gottes.

1.Kor  2, 1 – 10

Sie lesen sich den Brief gegenseitig vor. Wie erstaunlich das klingt. „Uns aber“, schreibt Paulus. Dieses „aber“ weist auf einen Gegensatz. Nämlich zu der Weisheit dieser Welt. „Wir“ sind zwar nicht weise, aber es gibt etwas, das wissen wir besser als die, die weise sind. Und noch etwas: „Wir“ – das sind „die Vollkommenen“. Was für eine wunderbare verkehrte Welt. „Wir“ haben unser Ohr direkt am Mund Gottes und hören, das er die Gewaltigen vom Thron stößt und erhebt die Niedrigen. Und „wir“ erleben, dass es jetzt und hier geschieht. „Was töricht ist vor der Welt, das hat Gott erwählt, damit er die Weisen beschäme.“

Die Welt ist nicht so wie sie scheint. Sie ist doppelbödig. Die Welt hat eine sichtbare Seite und eine unsichtbare, die aber genauso wirklich ist. Das ist komisch. Und genau diesem Komischen hat der Soziologe Peter L. Berge eine Untersuchung gewidmet. „Das Komische beschwört eine eigene Welt heraus, die eignen Regeln folgt“, schreibt Berger. In der Welt des Komischen sind unsere Regeln aufgehoben. In diesem Komischen steckt das Versprechen von Erlösung. Glaube ist die Überzeugung, dass das Versprechen gehalten wird.“

Paulus, der Narr um Christi willen, wie er sich selbst bezeichnet, wird dem Soziologen zum Verbündeten. Das Komische gibt sich ihm zu erkennen als eine Form der Weisheit Gottes, die die Weisheit unserer Welt aufhebt, relativiert, widerlegt. Alles könnte auch ganz anders sein, als es ist, nicht Mann oder Frau, nicht Freier oder Sklave, nicht arm oder reich, und auch kein Tod mehr. Das, worauf wir hoffen, hat einen Anspruch auf Realität. Ein Gedankenspiel vielleicht nur, aber es kann praktische Bedeutung bekommen. Denn das Komische ist auch das Mittel, sich der Realität zu entziehen. Und für die, die nichts zu lachen haben, ist „das Gelächter der Hoffnung letzte Waffe“ wie es Berger formuliert.

Vielleicht kennen Sie auch den Film: „Ein schöner Tag“. Um seinen Sohn zu beschützen und ihn vor der  Realität zu bewahren, erzählt ihm Guido, der Aufenthalt im KZ sei ein kompliziertes Spiel, dessen Regeln sie genau einhalten müssten, um am Ende als Sieger einen echten Panzer zu gewinnen. Der Vater versucht alles Mögliche, um die Fassade der Täuschung aufrechtzuerhalten.

Als bei Kriegsende das Lager in Aufruhr gerät, verkleidet sich Guido als Frau, um so unerkannt in die Frauenabteilung zu gelangen und dort seine Frau Dora zu suchen. Doch er wird entdeckt und erschossen, während sich Giosuè, immer noch nichtsahnend und den Instruktionen des Vaters folgend, versteckt hält. Am nächsten Tag wird das Kind im verlassenen Lager von einem amerikanischen Panzerfahrer aufgelesen und mitgenommen, Es wähnt sich im Glauben, das Spiel tatsächlich gewonnen zu haben. Bald darauf findet Giosuè seine Mutter wieder. Der Film endet mit seinen Worten „Dies ist meine Geschichte, dies ist das Opfer, welches mein Vater erbracht hat, dies war sein Geschenk an mich. Wir haben das Spiel gewonnen.“

In der Epiphaniaszeit feiern wir das Erscheinen Gottes in der Welt. Sein Licht gibt unserer Welt einen neuen Schein – einen Vorschein auf das, was aussteht. Dieses Licht hat es schwer gegen die Weisheit der Welt: gegen zynische US-Präsidenten, die Rationalisierung von Produktionsabläufen, die Logik der Gewinnmaximierung. Für Narren und mystische Verwandlungen, für etwas, was nicht der allgemeinen Logik folgt, ist dies eine schlechte Zeit. Wir leben gewissermaßen von Wasser, das die Mühlen der Wirtschaft antreibt. Keiner darf an die Krüge, um das Wasser der Arbeit in den Wein des Lebens zu verwandeln.

Paulus sagt uns, dass etwas im Verborgenen geschieht. So wie auf dem Bild, das Sie am Eingang bekommen haben. Da wird Korn in eine Mühle geschüttet. Und unten wird das Mehl in einen Sack abgefüllt. Es ist ein 1000 Jahre altes Kapitell aus der Kirche in Vezelay in Burgund. Das Korn, das Mose in die Mühle füllt, verwandelt sich durch Christus in das Brot des Lebens – die mystische Mühle wird dieses schönste der 90 Kapitelle genannt.

Erfolg ist kein Name Gottes. Sein Geist erweist sich jedenfalls nicht allein in wirtschaftlicher Tüchtigkeit. Die Weisheit Gottes ist nicht in Gefahr, wo sich Schwachheit zeigt und Furcht – sondern dort, wo man sie zu verbergen versucht. Denn Gott ist gerade in den Schwachen mächtig. Er hält den Raum geöffnet für alle, die nicht erfolgreich sind, nicht angepasst an wachsende Anforderungen, von Ängsten bestimmt und im Schatten, wie die Dalits in Amritsar in Indien.

In Zeiten, in denen es so sehr um Erfolg geht, um Steigerungsraten, ist es wichtig, sich daran zu erinnern, dass die Wirklichkeit mehr ist als das, was wir sehen, zählen und beweisen können: Die Wirklichkeit, die Gott meint und schafft im Verborgenen. Ausgerechnet Bert Brecht hat immer wieder notiert, dass in dem, was wir sehen und hören, sich eine andere Wahrheit versteckt:

Traue nicht deinen Augen

Traue deinen Ohren nicht

Du siehst das Dunkel

Vielleicht ist es Licht.                                    Amen

zum Ewigkeitssonntag am 26.11.2017 von Vikarin Anne Kampf

Predigt zu Lukas 12, 40-48 (Psalm 126, Matthäus 25,1-13)

Liebe Gemeinde,

ich möchte Ihnen erzählen von einer klugen und treuen Verwalterin des Lebens. Sie heißt Alma.

Ein Schlüsselmoment in ihrem Leben ist dieser: Alma sitzt oben auf einem dicken, knorrigen Olivenbaum. Sie schmiegt sich an einen großen, starken Ast. Der uralte Baum steht in der schicken Eingangshalle einer Firma in Düsseldorf. Unten um den riesigen Blumentopf herum warten Reporter, Sicherheits-Leute und Almas Onkel gespannt, was passiert. Die Jugendliche sitzt da oben auf dem Olivenbaum, um ihn zu verteidigen. Um ihn zurückzuholen. Ihre Familie hatte alten Baum verkauft - an die Firma, die ihre Eingangshalle damit verzieren wollte. Alma will, dass er nach Hause zurückkehrt, der Baum. Nach Spanien, zu ihrem Großvater. Alma liebt ihren Großvater, und der liebt seine Olivenbäume. Seit der eine Baum abtransportiert wurde, ist der Großvater verstummt. Er trauert um seinen Baum. So erzählt der Film „El Olivo“ von Almas dramatischem und verrücktem Versuch, den Baum zu retten, um ihren Opa aus seiner Trauer zu erlösen.

Als Alma da oben in der Düsseldorfer Firmen-Eingangshalle auf dem Olivenbaum sitzt, sieht sie ihren Onkel. Er nimmt gerade das Handy vom Ohr weg, schaut Alma erschrocken an und bewegt den Mund. Alma begreift sofort: Der Großvater ist gestorben. Genau in dem Moment, in dem seine Enkelin den Baum zurückerobert hat. Die Kamera schaltet auf Zeitlupe, der Film geht ohne Ton weiter, man sieht Alma weinen. 

Das ist der Moment. Das ist der Tag und die Stunde.

An einen solchen Moment erinnern sich die meisten von uns sicher auch. An den Tag und die Stunde, als das Telefon klingelte. Als die Nachricht vom Tod unsere Familien überfiel. Wir wissen noch, wo wir da gerade waren, was wir gerade machten, in dem Moment, als eine Stimme sagte: Er ist tot. Oder: Sie ist gestorben. Nie werden wir den Tag und die Stunde vergessen. Und die Gedanken, die uns dann durch den Kopf gingen: Was waren seine letzten Worte? Was habe ich zuletzt von ihr wahrgenommen? Und was hätten wir alles noch füreinander tun und miteinander besprechen sollen … Jetzt ist es zu spät.

„Wachet! Denn ihr wisst weder Tag noch Stunde.“ (Mt 25,13) Eine deutliche Mahnung am Ende des Gleichnisses von den Jungfrauen mit ihren Öllampen. Und dann erzählt Jesus noch ein Gleichnis.

40 Seid auch ihr bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, da ihr's nicht meint.

41 Petrus aber sprach: Herr, sagst du dies Gleichnis zu uns oder auch zu allen?

42 Und der Herr sprach: Wer ist nun der treue und kluge Verwalter, den der Herr über sein Gesinde setzt, dass er ihnen zur rechten Zeit gebe, was ihnen an Getreide zusteht?

43 Selig ist der Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, solches tun sieht.

44 Wahrlich, ich sage euch: Er wird ihn über alle seine Güter setzen.

45 Wenn aber jener Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr lässt sich Zeit zu kommen, und fängt an, die Knechte und Mägde zu schlagen, auch zu essen und zu trinken und sich vollzusaufen,

46 dann wird der Herr dieses Knechts kommen an einem Tage, an dem er's nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt, und wird ihn in Stücke hauen lassen und wird ihm sein Teil geben bei den Ungläubigen.

47 Der Knecht aber, der den Willen seines Herrn kennt und hat nichts vorbereitet noch nach seinem Willen getan, der wird viel Schläge erleiden.

48 Wer ihn aber nicht kennt und getan hat, was Schläge verdient, wird wenig Schläge erleiden. Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern. (Lk 12,40-48)

„Viele Schläge erleiden“, „in Stücke hauen“. Wie brutal das klingt. Straft Gott unsere Versäumnisse und Fehltritte wirklich in dieser Weise? Solches Hauen und Schlagen passt nicht zu meinem Bild von einem liebenden und gnädigen Gott. Aber womöglich genügt es als Strafe, wenn wir selber Bilanz ziehen und auf das zurückschauen, was war. Wie wir gelebt haben. Was wir getan und was wir versäumt haben. Wen wir verletzt haben. Ich glaube, wenn wir das erkennen, wird das an sich schon ein harter Schlag sein. Und der Gedanke an unser egoistisches Handeln wird uns zerreißen. 

Versuchen wir deshalb, die Ermahnung zu erfassen, die in diesem Gleichnis steckt. Eine Ermahnung an uns, die wir wissen, wie schnell der Tod kommen kann – die wir aber noch leben und unseren Tag und unsere Stunde noch vor uns haben. Wir haben noch die Chance, unsere Sache so gut zu machen wie der treue und kluge Verwalter, der weiß, worauf es ankommt. Ihm sind Güter und Menschen anvertraut. Was ist uns, die wir leben, anvertraut? Was sollen wir treu und klug verwalten?

Das, was uns von Gott gegeben wurde.

Da ist als erstes unser Glaube. Das Vertrauen in Gott, dass er es gut mit uns meint, uns hilft und uns tröstet. Unser Glaube braucht guten Boden, Sonne und Wasser wie ein Olivenbaum, Brennstoff wie eine Lampe. Dafür sind wir verantwortlich: Unseren Glauben zu nähren durch Gottes Wort und anzufeuern durch die Gemeinschaft mit anderen Christen. Vielleicht spüren wir gerade heute in diesem Gottesdienst, wie tröstlich es ist, wenn viele Menschen gemeinsam hier in der Kirche Lichter brennen lassen.

Unsere Gefühle sind uns gegeben. Sie brauchen ihren Raum. Sie müssen rauskommen. Momentan ist bei vielen von uns wohl die Trauer das vorherrschende Gefühl. Die Traurigkeit über den Verlust, die Sehnsucht nach dem geliebten Menschen. Als Trauernde hören wir so aufmunternde Sprüche wie: „Das wird schon wieder“ oder „Du musst ihn, sie loslassen“. Aber loslassen wollen wir ja gerade nicht. Noch nicht. Und das ist gut so. Wer um einen Menschen trauert, ist treu. 

Andere Menschen sind uns anvertraut. Die Beziehungen, in denen wir leben. In der Familie, bei der Arbeit, in der Kirche, in den Vereinen. In dem Gleichnis nennt Jesus als gute Tat des treuen und klugen Verwalters, dass er den anderen ihr Essen austeilt. Ein Beispiel für umsichtige und gerechte Fürsorge. Wer an andere denkt und für sie sorgt, handelt klug. „Selig ist der Knecht, den sein Herr, wenn er kommt, solches tun sieht.“

Für den treuen und klugen Umgang mit dem, was Gott uns im Leben anvertraut hat, müssen wir uns verantworten. „Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.“

Alma aus dem Film „El Olivo“ trägt viel Verantwortung, weil ihr viel gegeben ist: die Liebe zu ihrem Großvater. Die Olivenbäume ihrer Familie. Mut und ein starker Wille. Alma ist eine treue und kluge Verwalterin, und eine wachsame noch dazu. Der Tag und die Stunde, als sie da oben in der Düsseldorfer Firmenzentrale auf dem starken Ast des Olivenbaumes sitzt und weint, das ist auch der Tag und die Stunde, in der sie besonnen handelt: Sie schneidet einen Zweig ab und nimmt ihn mit. Der Baum bleibt in Düsseldorf, aber Alma kehrt zurück nach Hause mit dem Zweig. Mit einer Handvoll neuen Lebens.

Es kommt der Tag und die Stunde, in der das Leben zu uns Trauernden zurückkehrt. Der Tröster, er kommt „zu einer Stunde, da ihr's nicht meint.“ Plötzlich und unerwartet spüren wir, dass es in uns wieder leicht und lebendig wird. Plötzlich ist die Welt um uns wieder farbig, die Luft klar, die Gesichter der Menschen freundlich. Er kommt, der Tag und die Stunde, in der „unser Mund voll Lachens und unsre Zunge voll Rühmens“ sein wird. Der Tag, an dem wir uns einfach nur freuen über alles, was Gott uns gegeben hat: dass wir glauben und vertrauen können, lieben und sorgen, in die Zukunft blicken und hoffen.   

So ein Olivenbaum wird fast eine Ewigkeit alt. Alma weiß das. Alma, die treue und kluge Verwalterin des Lebens, setzt einen neuen Anfang mit ihrem Zweig. Im Kreis ihrer Familie feiert sie ein Fest auf der sonnigen Olivenbaumplantage ihres Großvaters. Sie nimmt den Zweig des alten Baumes und pfropft ihn auf eine Wurzel. Sie begießt den Steckling, so dass er heranwachsen kann zu einem neuen, dicken Olivenbaum mit starken Ästen und guten Früchten.

Das ist der Tag und die Stunde, in der das Leben neu beginnt.

Amen.   

im ökumenischen Versöhnungsgottesdienst am Reformationstag 2017 von Pfarrerin Susanne Pieper

Die Liebe Gottes,
die Gnade Jesu Christi
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Liebe Gemeinde,

heute ist überall Reformation. An diesem so besonderen Tag, dem 500. Jahrestag der Thesenveröffentlichung durch Martin Luther, wird überall gefeiert: In Kinos und Kirchen, an Tafeln und in Theatern, mit Ausstellungen und Sternenmärschen. Um 15.17 Uhr heute Nachmittag (1517J) werden Posaunenchöre in ganz Deutschland zeitgleich Luthers „Ein feste Burg“ anstimmen.

500 Jahre Reformation - die evangelischen Kirchen haben dieses Jubiläum zehn Jahre lang als Reformationsdekade vorbereitet. Reformation als Bildungsbewegung, als Seelsorgebewegung gegen die Angst, Reformation als Musikbewegung für die Kirche, als Frömmigkeitsbewegung, als Emanzipationsbewegung ... es ist unmöglich, den Ertrag all dieses Engagements auf einen Nenner zu bringen. Eine der besonderen Seiten dieses Jahres aber ist die ökumenische Annäherung:

In Worms leuchtet in diesen Tagen eine Lichtbrücke zwischen dem katholischen Dom und der evangelischen Lutherkirche, als Zeichen ökumenischer Verbundenheit. Parallel zu unserem Gottesdienst hier findet ein großer ökumenischer Festgottesdienst in der Frankfurter Katharinenkirche statt. Und es gibt auch einen humoristischen Beitrag: am 22. September ließ der katholische Theologe, Psychiater und Kabarettist Manfred Lütz 9 + 5 katholische Thesen an die Wittenberger Stadtpfarrkirche anbringen. Darin forderte er die flächendeckende Einführung von Karneval in allen evangelischen Regionen, das Zwangszölibat für alle humorlosen evangelischen Pfarrer und die Einführung von protestantischen Wallfahrten. Dazu sollte eine prachtvolle protestantische Barockkirche mit angeschlossener Brauerei und guter Gastwirtschaft gesucht werden.

Dass es so kommen würde, war lange Zeit keineswegs vorauszusehen. „Können wir die Reformation überhaupt mitfeiern?“ so fragte die katholische Seite. Erst als der Name des „Christusfestes“ in die Diskussion eingebracht wurde, öffneten sich die Türen. Und eine neue, viel weitere Perspektive wurde aufgetan. Nun, am Ende dieses Reformationsjahres, hat eine Umfrage ergeben, dass Protestanten und Katholiken mit deutlicher Mehrheit mehr Ähnlichkeiten als Unterschiede zwischen beiden Konfessionen wahrnehmen. 78% der Protestanten sehen das so und immerhin 58 % der Katholiken. Und heute können wir, hier in Bad Nauheim, diesen Tag gemeinsam begehen. Gemeinsam feiern.

Das ist neu. Das ist aufregend. Wir betreten ein unbekanntes Terrain. Und Manche mögen fragen: „Dürfen wir Evangelischen das überhaupt? Ist dieser Tag nicht ein durch und durch protestantischer Feiertag? Geht es nicht gerade heute um die konfessionelle Selbstvergewisserung? Werden hier nicht Unterschiede verwischt?“ Und manche mögen fragen: „Dürfen wir Katholiken das überhaupt? Geben wir damit nicht auf, was uns so heilig ist?“

Nein, darum geht es nicht. Es geht darum, tiefer zu schauen. Zu erkennen: Wir können unsere eigene Identität nicht vor allem dadurch finden, dass wir uns von den Anderen abgrenzen. Denn dadurch verzerren wir schnell die andere Konfession. Dadurch stellen wir sie viel zu schnell falsch dar oder ungenügend. Und wir nehmen dann auch nicht wahr, was in den letzten Jahren doch an Annäherungen zwischen den Konfessionen geschehen ist. So zum Beispiel die „Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ aus dem Jahr 1999. In ihr wird gemeinsam festgehalten, dass wir Menschen uns die Rechtfertigung nur durch Christi Versöhnung schenken lassen können, dass wir sie uns niemals selbst durch gute Werke verdienen können. Und diese Überzeugung entspricht inhaltlich genau der berühmten These 62 von Martin Luther, in der es heißt: „Der wahre Schatz der Kirche ist das allerheiligste Evangelium der Herrlichkeit und Gnade Gottes.“

Wir wollen zu größerer Gemeinsamkeit im ökumenischen Leben finden. Dafür aber ist es wichtig, sich die Verletzungen zu vergegenwärtigen, die in der 500jährigen Geschichte geschehen sind. Christen haben aneinander viel Leid zugefügt. Im Namen Gottes geschahen Menschenrechtsverletzungen. Die Verfolgung Andersgläubiger. Die Ermordung der sog. Wiedertäufer. Die Unterdrückung und Vertreibung der Juden. Der Kampf gegen die Bauern. Die unerträgliche Tötung so vieler Frauen als sog. Hexen, die unerträgliche Tötung von Männern als sog. Hexenmeistern. Der lange, so unsägliche 30jährige Krieg. Es ist schmerzvoll, sich dieser Geschichte zu stellen. Es tut weh, diese Gewalt anzuschauen. Aber es ist heilsam, gemeinsam darüber zu sprechen, es zu beklagen, es zu betrauern. Und dann zu sagen: „All das sollte nach Gottes Willen nicht sein. Unsere Vorfahren sind damit in die Irre gegangen. Sie haben gegen Gott und gegen die Menschen gehandelt. Im Wissen um alle Verletzungen und alle Schuld wollen wir von diesem Weg der Gewalt umkehren.“

Wir wollen zu größerer Gemeinsamkeit im ökumenischen Leben finden. Deshalb blicken wir heute auch kritisch auf das Verhalten, das in unserer Region noch vor einigen Jahrzehnten Praxis war. Ich meine diese kleinen Boykottaktionen des Alltags gegeneinander. Als man nicht beim katholischen Metzger kaufte, weil man evangelisch war. Oder nicht zum evangelischen Bäcker ging, weil man katholisch war. Und heute können wir erleichtert sein, hoffentlich, dass die Zeit vorbei ist, wo ein Schwiegersohn oder eine Schwiegertochter nicht akzeptiert war, weil er oder sie der anderen Kirche angehörte. All diese Spitzen, die so ins Mark trafen. All dieses Herzeleid. All diese Verwundungen.

Wir wollen es heute, in unserem kleinen Leben, in der kurzen Zeitspanne, die uns zur Verfügung steht, besser machen. Wir wollen aufeinander zugehen und die Chance ergreifen, damit auch die Kirchengeschichte neu zu schreiben.

Versöhnung ist nicht selbstverständlich. Sie ist und sie bleibt ein großes Geschenk. Aber wir können uns gemeinsam auf den Weg machen und Gott um dieses Geschenk bitten. „Gott hat uns durch Christus mit sich versöhnt und rechnet uns unsere Verfehlungen nicht an“, sagt Paulus. Unsere Verletzungen werden am Kreuz durch Christus aufgehoben und geheilt.

Wenn Schuld vergeben ist, können Wunden heilen. Auf Jesus Christus sind wir bezogen. Er ist unsere Mitte. Er ist unser Zentrum. Solus Christus. „Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist.“

Wir sind als Kirchen verschieden. Ja. Unser Verständnis von den Ämtern ist verschieden. Die Entscheidung, ob die Frauen ganz selbstverständlich die Sakramente verwalten können und ordiniert werden, ist verschieden. Die Frage, ob Geistliche heiraten dürfen oder nicht, wird verschieden beantwortet. Und das Verständnis des Abendmahls ist zwischen uns schmerzlich unterschiedlich.

Aber uns ist auch so Vieles gemeinsam: der Glaube an den dreieinigen Gott. Die Schrift mit ihren beiden Teilen. Das Glaubensbekenntnis und das Vaterunser. Das gemeinsame Gebet. Und wir haben uns die Taufe gegenseitig anerkannt. Wir sind verschieden. Aber lasst uns in versöhnter Verschiedenheit leben! Lasst uns nach dem fragen, was wir gemeinsam tun können. Wir sind ja schon längst auf dem Weg miteinander, hier in unserer Stadt. Ob in den ökumenischen Gottesdiensten, beim Weltgebetstag oder im Bibelgespräch, im ökumenischen Seniorenkreis oder im gemeinsamen Einsatz für mehr Gerechtigkeit in unserer Welt. Lasst uns gemeinsam Gottes Liebe feiern! Und sie weitergeben, von der wir alle ja leben: in Katechese und Unterricht, in den Schulen. In der Seelsorge, in den Seniorenheimen. Lasst uns auch gemeinsam eintreten für eine kritische Erinnerungskultur im Blick auf die deutsche Geschichte, in Zeiten, in denen Mahnmale als „Denkmäler der Schande“ bezeichnet werden. Lasst uns investieren in die Anziehungskraft unserer Gottesdienste. Lasst uns gemeinsam singen, beten und für diese Stadt und ihre Menschen da sein.

Christus ist größer. Machen wir unser Herz weit.

Sein Geist weht immer auch in der Konfession unserer Schwester und unseres Bruders. Sein Geist weht, wo er will.

Amen.

am 22.10.2017 von Vikarin Anne Kampf

„Hauptsache heil“

Predigt zu Markus 1, 32-39

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

„Hauptsache gesund!“ – Hat das schonmal jemand zu Ihnen gesagt?

Den Taufeltern vielleicht, zur Geburt Ihres Kindes?

Der Spruch ist sicher gut gemeint, aber ich finde: Gesund sein ist nicht die Hauptsache.

Machen wir eine kleine Umfrage:

Wer von Ihnen und euch allen heute Morgen hier ist denn vollkommen gesund? (Ganz wenige Leute melden sich) Das sind nicht viele. Die meisten von uns sind also nicht vollkommen gesund.

Vielleicht geht es Ihnen wie einer Bekannten von mir – nennen wir sie Jutta. Fast jeden Tag wacht sie mit Kopfschmerzen auf. Die Wirbel knirschen, der Nacken knackt… Doch den Orthopäden braucht sie nicht mehr zu fragen, der findet nichts. Jutta arbeitet Vollzeit – jedenfalls wenn sie es morgens schafft, sich hinzuschleppen. Oft ist ihr nämlich auch schlecht. Bringen Kolleginnen Kuchen mit, muss sie leider sagen: Nein, danke. Der Bauch rebelliert gegen süßes Zeug. Auch beim Mittagessen passt sie genau auf, was im Essen drin ist. Ihre Kraft ist schnell aufgebraucht, dann legt sie sich nach Feierabend aufs Sofa, völlig ermattet. Abends weggehen? Unmöglich!

In dem Predigttext für heute begegnen uns viele Menschen, denen es schlecht geht. Sie suchen Heilung bei Jesus. Ich lese Markus 1, 32-39

32 Am Abend aber, da die Sonne untergegangen war, brachten sie zu ihm alle Kranken und Besessenen.

33 Und die ganze Stadt war versammelt vor der Tür.

34 Und er heilte viele, die an mancherlei Krankheiten litten, und trieb viele Dämonen aus und ließ die Dämonen nicht reden; denn sie kannten ihn.

35 Und am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort.

36 Und Simon und die bei ihm waren, eilten ihm nach.

37 Und da sie ihn fanden, sprachen sie zu ihm: Jedermann sucht dich.

38 Und er sprach zu ihnen: Lasst uns anderswohin gehen, in die nächsten Orte, dass ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen.

39 Und er kam und predigte in ihren Synagogen in ganz Galiläa und trieb die Dämonen aus.


Was bedeutet „krank sein“? Und wer sind diese Dämonen?

Meine Frage am Anfang war eigentlich zu simpel. Denn dadurch haben wir uns in zwei Gruppen aufgeteilt: Die Kranken und die Gesunden. Ich glaube aber nicht, dass das so einfach ist. So viele Menschen müssen mit Schmerzen oder chronischen Krankheiten oder Einschränkungen oder Erschöpfung leben und trotzdem funktionieren, arbeiten. Sind irgendwo zwischen „krank“ und „gesund“. 

„Von Dämonen besessen“ würden wir heute nicht mehr so sagen. Aber ich glaube, das Phänomen gibt es trotzdem auch heute: Da ist etwas, das dich „besetzt“, das „Besitz von dir ergreift“. Das sich in deinem Denken und Fühlen eingenistet hat und dich nachts in Alpträumen quält. Stimmen, die dir einreden, an deiner Krankheit seist du selber schuld. Gedanken, die dir den Schlaf und den Mut und das Selbstvertrauen rauben. Die dich aus der Gemeinschaft entfernen, indem sie dir einreden: Du bist anders als die anderen. 

Na klar bist du anders. Oder anders gesagt: Jeder Mensch ist anders. Jeder Mensch kennt das, jedenfalls manchmal: Schmerzen zu haben, sich nicht gesund zu fühlen, von schlechten Gedanken „besetzt“ zu sein, nicht „normal“, nicht fit, nicht „funktionsfähig“ für diese Welt.

Nicht gesund sein – das ist der Normalzustand.

Wenn das auch damals so war, dann muss das Wartezimmer von Doktor Jesus, der spontan im Haus von Simon praktizierte an diesem Abend, gerappelt voll gewesen sein.

„Am Abend aber, da die Sonne untergegangen war, brachten sie zu ihm alle Kranken und Besessenen. Und die ganze Stadt war versammelt vor der Tür.“

 

Es gibt ein Problem mit diesem Arzt Jesus. Nicht nur, dass das Wartezimmer zu klein ist – nein: Es kommen nicht alle dran! „Sie brachten zu ihm alle“ – „und er heilte viele“ – also nicht alle. Manche bleiben krank oder besessen. Sie müssen damit weiterleben. Ihre Hoffnung, gesund zu werden, wird enttäuscht.

Was ist das für ein Typ, dieser Arzt, der viele heilt, aber nicht alle? Der dann auch noch wegläuft zum Beten und anschließend weiterzieht und die Patienten sitzenlässt? Was soll das? Warum entzieht sich Jesus?

Weil er nicht missverstanden werden will. Denn eigentlich ist er gar kein Arzt, sondern Prediger. Seine Botschaft muss erst noch verbreitet werden und die Menschen sollen erst verstehen, wer er ist. So erklärt sich auch dieser rätselhafte Satz: „Er ließ die Dämonen nicht reden; denn sie kannten ihn.“ Niemand soll irgendwelche Schlagworte und Begriffe von ihm in die Welt herausposaunen, bevor er sich nicht selbst den Menschen bekannt gemacht hat. Jesus sucht überzeugte Nachfolger, nicht leere Bekenntnisse. Er entzieht sich dieser Begeisterung, diesem Heilungs-Hype am Beginn seines Weges: „Lasst uns anderswohin gehen, in die nächsten Orte, dass ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen.“

Wie hilft das nun aber den Kranken und Besessenen – damals wie heute?

Ich glaube, dass es Wichtigeres gibt als topfit und gesund zu sein. Natürlich sind Sie als Eltern der beiden Täuflinge dankbar dafür, dass Ihre Kinder gesund sind – aber dieser Spruch „Hauptsache gesund“ – ich finde den unfair. Hätte denn ein Kind, das nicht gesund wäre, die Hauptsache verfehlt?

Was ist die Hauptsache?

Die kurze Geschichte von der Arztpraxis im Haus von Simon steht am Anfang des Markusevangeliums. Jesus hat gerade damit angefangen, eine neue Welt zu verkünden. Eine Welt, in der es keine Rolle spielt, ob jemand krank ist oder gesund, schwach oder kräftig, anders oder normal. Es kommt auf etwas anderes an in dieser neuen Welt. Nämlich darauf, dass Gott sich den Menschen zuwendet und den jedem Menschen eine unverlierbare Würde zuspricht. Einen Wert an sich, ohne dass irgendwas an dir funktionieren muss, ganz ohne Vorbedingung. Die Taufe ist ein Zeichen dafür: Du gehörst zu Gott, Gott sieht dich an und geht mit dir, von allen Seiten umgibt er dich, und niemals fällst du aus seiner Hand heraus, völlig egal, in welchem Zustand du bist. 

Gerade in Phasen der Krankheit fangen Menschen an, auf die Suche zu gehen – nach einem Glauben, der sie trägt. Fangen an, sich selbst ernst zu nehmen und zu verstehen.

So wie Jutta. Sie sagte neulich zu mir: „Ich habe alles versucht, außer Geduld mit mir zu haben.“ Genau das versucht sie jetzt. Akzeptiert die Schmerzen am Morgen und den empfindlichen Bauch am Mittag. Macht Gymnastik gegen das Knirschen und Knacken, geht früh ins Bett. Sie hat gelernt, dass sie Pausen braucht, fehlt manchmal auf der Arbeit. Sie hat akzeptiert, dass sie nicht mehr alles schafft – vor allem nicht allein.

Jutta ist so eine, die zwar nicht gesund, aber heil ist. In Übereinstimmung mit sich selbst und mit Gott, ihrem Schöpfer, der sie „gebildet hat im Mutterleibe“, wie der Psalmbeter es ausdrückt, gebildet zu seinem Bilde, und das heißt: Nicht allein. Sondern in Beziehung. Als allererstes in Beziehung zu Gott. Täglich redet sie mit ihm, klagt und schimpft manchmal, doch viel öfter dankt sie ihm.

„Hauptsache heil“ – das ist viel mehr als „Hauptsache gesund“.

In der „Zeit“ war ein Interview mit Nikolaus und Anne Schneider. Anne Schneider hatte Brustkrebs – und ist wieder gesund. Auf die Frage, ob Gott Menschen wunderhaft heilt und ob das Ziel des Gebetes sei, antwortet sie:

„Nein, das ist eine Wunschvorstellung. Die Nähe zu Gott bewirkt nicht unbedingt körperliche Gesundheit (…). Wer so denkt, wird nie Gottvertrauen entwickeln. Das Heil und die Heilung, die ich mir von Gott wünsche, bezieht sich auf meine Fähigkeit zu hoffen, zu glauben und zu lieben.“  

Amen

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
der bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus.

Erntedank am 1.10.2017 von Kirchenpräsident Dr. Volker Jung

Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich. Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt. Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: »Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne«. Jesaja 58,7-12

Liebe Gemeinde,

am vergangenen Sonntag wurde ein neuer Bundestag gewählt. In dieser Woche wurde viel über das Ergebnis diskutiert. Erstmals sind sechs Fraktionen im Deutschen Bundestag. Die Regierungsbildung ist nicht einfach. Erschreckt hat viele, dass eine Partei am rechten Rand so viele Stimmen bekommen hat. Immer wieder hieß es: Diese Partei haben viele Protestwähler gewählt - Menschen, die unzufrieden sind. Oft wird die Flüchtlingspolitik genannt. Aber auch manches andere: wirtschaftliche Entwicklungen, die Angst vor terroristischen Anschlägen, ein großes Gefühl der Unsicherheit, was die Zukunft bringen wird. Es gibt sicher auch etliche, die unzufrieden sind mit ihrer persönlichen wirtschaftlichen Situation. Wir wissen es – aus der Geschichte, aber auch aus anderen Ländern, dass in solchen Situationen verstärkt die gewählt werden, die am lautesten über die Unzufriedenheit und die Ängste reden. Und die oftmals einfache Lösungen versprechen. Auch wenn klar ist, dass es für viele Fragen keine einfachen Lösungen gibt.

Vielleicht denken Sie jetzt: Oh ha, das ist aber gleich ganz schön politisch. Muss das wirklich sein? Am Erntedanktag? Geht es da nicht erst einmal darum, dass wir dankbar sind. Dankbar für die guten Gaben Gottes. Ja, genau darum geht es. Aber das ist zugleich auch sehr politisch. Weil damit die Frage verbunden ist, wie wir mit diesen guten Gaben Gottes umgehen. Wie wir sie selbst nutzen. Wie wir sie verteilen. Aber auch: wie wir sie produzieren und wie wir wirtschaften.

Diese Fragen haben sich zu allen Zeiten gestellt. Und sie werden sich immer wieder stellen. Die alten Worte aus dem Buch des Propheten Jesaja, die der Predigttext für den heutigen Erntedanktag sind, führen uns jedenfalls direkt hinein.

Worum ging es damals? Viele Menschen waren unzufrieden. Sie hatten sich mehr erhofft. Die Israeliten waren aus der Gefangenschaft zurück. Sie konnten Jerusalem wieder aufbauen. Eine Zeit, der sie sich entgegengesehnt hatten. Aber vieles lief nicht so, wie es erträumt war. Für viele reichte das Geld, das sie erwirtschafteten, nicht zum täglichen Leben. Manche erdrückten die Schulden. Sie gerieten in Schuldsklaverei. Äcker, Häuser, Weinberge mussten verpfändet werden. Kinder wurden verkauft – in Sklaverei und sogar Prostitution. Es gab große soziale Unruhen. Und offensichtlich waren es die Bessergestellten, die fragten: Warum gibt es diese Unruhen? Und sie richteten die Fragen auch an Gott: Warum? Wir fasten doch regelmäßig. Wir halten uns an die religiösen Vorschriften. Zugespitzt fragten sie: Warum Gott sorgst du nicht dafür, dass es uns besser geht?

Auf diese Fragen antwortet der Prophet mit den eindrücklichen Worten: „Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut. … Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag.“

Die Antwort bedeutet. Das Fasten als fromme Übung nützt nichts, wenn ihr in eurem Alltag nicht gerecht miteinander lebt. Und gerecht miteinander leben, das heißt natürlich: sich um die Hungrigen und die Obdachlosen zu kümmern. Das ist mehr als Almosen zu geben und Not zu lindern. Auch das wird mit diesen Worten gesagt. Es geht darum, Menschen nicht zu unterjochen. Oder zu erniedrigen – das heißt mit den Fingern von oben herab verächtlich auf Menschen zeigen und sagen: Die sind selbst dran schuld. Was wollen die überhaupt. Die Worte mahnen an, sich um eine Gesellschaft zu mühen, in der Menschen als Menschen behandelt werden und nicht als Ware. Sie mahnen an, sich darum zu mühen, dass es gerecht zugeht. Dann ja, dann wird das Licht aufgehen in der Finsternis! Das sind große und eindrückliche Worte.

Was bedeutet dies für uns – heute an diesem Erntedanktag?

Wir haben vor uns einen wunderbaren Erntedankaltar. Der Erntedankaltar führt uns vor Augen, dass wir von Gott beschenkte Menschen sind. Frühere Generationen, die - viel mehr als die allermeisten von uns heute - in der Landwirtschaft arbeiteten, hatten ein gutes Gespür dafür: „Wir pflügen und wir streuen den Samen in das Land, doch Wachstum und Gedeihen liegt in des Himmels Hand.“ Es war klar: Wir setzen uns ein und arbeiten. Wir tun, was wir können. Aber das Entscheidende können wir nicht machen. Das Entscheidende ist: Dass wir leben und Gott uns am Leben erhält – durch alles hindurch, was wir tun. Dafür sind wir von Herzen dankbar. Am Erntedanktag machen wir uns besonders bewusst: Wir leben als Menschen nicht aus uns selbst – allein aus eigener Kraft. Das kann niemand von uns. Wir sind in diesem tiefsten Sinn von Gott beschenkte Menschen.

Wir feiern diesen Erntedankgottesdienst hier in Bad Nauheim in der Dankeskirche! Sie hat ihren Namen, weil die Menschen dankbar waren für die besonderen Quellen. Das zeigt ein großes Gespür dafür, dass es gut ist mit dem Dank auf alles zu schauen, was uns gegeben und damit auch anvertraut ist. Die Wärme der Sonne, die Luft, die uns umgibt, die wir atmen, das Wasser, das wir trinken, die Böden, die wir bearbeiten und bepflanzen und vieles, vieles mehr. Ja, und ganz besonders die Menschen, von deren Arbeit wir leben. Und die Menschen, die uns mit Liebe begleiten.

All das ist uns anvertraut. Ja und in all dem erfahren wir und erleben wir Gottes Nähe und seine Fürsorge. Und es ist uns aufgegeben, dies miteinander zu teilen, so dass alle Menschen leben können.

In diesem besonderen Jubiläumsjahr der Reformation soll auch in dieser Erntedankpredigt ein Hinweis auf Luther nicht fehlen. Nicht der Form halber, sondern weil er manchmal die Dinge so wunderbar auf den Punkt gebracht hat. In seinem berühmten Buch von der Freiheit eines Christenmenschen hat er folgendes geschrieben.

„Ei, so will ich solchem Vater, der mich mit seinen überschwänglichen Gütern so überschüttet hat, umgekehrt frei, fröhlich und umsonst tun, was ihm wohlgefällt, und gegen meinen Nächsten auch ein Christ werden, wie Christus es mir geworden ist, und nichts mehr tun, als was ich nur sehe, dass es ihm not, nützlich und selig sei, dieweil ich doch durch meinen Glauben alle Dinge in Christus genug habe. Siehe, so fließet aus dem Glauben die Liebe und Lust zu Gott und aus der Liebe ein freies williges, fröhliches Leben, dem Nächsten umsonst zu dienen. Denn gleichwie unser Nächster Not leidet und dessen, was wir übrig haben, bedarf, so haben wir vor Gott Not gelitten und seiner Gnade bedurft. Darum, wie uns Gott durch Christus umsonst geholfen hat, so sollen wir durch den Leib und seine Werke nichts anderes tun, als dem Nächsten zu helfen.“

Wir sind von Gott beschenkte Menschen. Und Glauben bedeutet: Das zu sehen und darauf auch all sein Vertrauen zu setzen. Gott, der dich mit deinem Leben beschenkt hat und es dir erhalten hat und erhält, ist für dich da – in diesem Leben und darüber hinaus. Und für Luther war klar: Wenn ich das glaube, dann verändert das meinen Blick auf andere Menschen. Dann sehe ich, dass diese wie ich von Gott beschenkte Menschen sind. Dann sorge ich mich auch um die anderen. Dann will ich, dass sie leben können, so wie ich auch lebe.

Und dann ist es unser aller Aufgabe, so zusammen zu leben, dass niemand in unserer Mitte unterdrückt wird. Dann ist es unsere Aufgabe, so miteinander zu wirtschaften, dass es einigermaßen gerecht zugeht. Gerade am Erntedanktag fragen viele Landwirte zu Recht: Werden wir gesehen? Wird unsere Arbeit gewürdigt? Und vor allem wird sie auch gut und gerecht bezahlt? Am Erntedanktag ist es richtig zu fragen: Können wir denn einfach gute Böden, die über Jahrhunderte so wertvoll geworden sind, hergeben? Am Erntedanktag ist es aber auch richtig zu fragen: Tuen wir genug dafür, dass wir nicht durch unsere Art zu leben, Menschen an anderen Orten dieser Welt das wegnehmen, was sie zum Leben brauchen. Mehr und mehr haben wir ja auch gelernt, dass die Fragen des guten Wirtschaftens und es gerechten Wirtschaftens globale Fragen sind. Es ist verhängnisvoll, wenn Menschen meinen, es sei der richtige Weg zu sagen: Wir zuerst. Unser Land, unsere Nation zuerst.

Zur Zeit des Propheten Jesaja waren Menschen unzufrieden, weil sie gefastet haben und es doch soziale Unruhen gibt. Ich habe den Eindruck: Heute sind manche Menschen aus anderen Gründen unzufrieden. Wir wirtschaften und konsumieren und manchmal sogar sehr erfolgreich. Und trotzdem fehlt etwas.

Ich finde, die Antworten unserer Bibelworte haben nichts von ihrer wegweisenden Kraft verloren:

„Wenn du in deiner Mitte niemand unterjochst und nicht mit Fingern zeigst und nicht übel redest, sondern den Hungrigen dein Herz finden lässt und den Elenden sättigst, dann wird dein Licht in der Finsternis aufgehen, und dein Dunkel wird sein wie der Mittag. Und der HERR wird dich immerdar führen und dich sättigen in der Dürre und dein Gebein stärken. Und du wirst sein wie ein bewässerter Garten und wie eine Wasserquelle, der es nie an Wasser fehlt.“

Und so bewahre der Frieden Gottes, der höher ist als alle Vernunft, unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen

Diakoniesonntag am 3.9.2017 von Anny Rahn-Walaschewski, stellvertr. Leiterin Diakonisches Werk Wetterau

Was willst du, dass ich dir tue?

Liebe Gemeinde,

nein, das geht nun wirklich nicht, dass man auf dem Weg zum Schafott einfach so von der Seite angesprochen und um Hilfe gebeten, ja geradezu genötigt wird! Da ist man doch mit sich selbst beschäftigt! Da hat man kein Auge mehr für andere! Da hört man nach innen, nicht nach außen!

Nein, das geht zu weit! Wir haben Verständnis für das Umfeld Jesu, das den Schreihals zur Ruhe bringen will! Wenn er wenigstens den Mund halten würde! Dann könnten wir ihn schlicht ignorieren, so tun, als ob wir ihn nicht sähen. Aber nun zetert er da rum, wie unangenehm! Nun muss ich mich verhalten!

Was nun?

Sie merken, ich habe die Szene auf dem Weg von Jericho nach Jerusalem klammheimlich in unseren Alltag transferiert. Ich habe sie zu einer Szene gemacht, wie wir sie beinahe täglich erleben: Da sitzt jemand mit einem Gebrechen in der Fußgängerzone und hält uns einen Becher hin, er schüttelt ihn, damit wir die paar armseligen Cents klingeln hören und an unser vergleichsweise Gut-betucht-Sein erinnert werden. Vielleicht meldet sich ja bei uns eine innere Stimme, vielleicht laut, während die des Bedürftigen stumm bleibt.

Spinnen wir die Geschichte noch ein wenig weiter.

Was geht uns nicht alles durch den Kopf, um dem unformulierten aber sichtbaren Anspruch nicht genügen zu müssen: Hier gehen so viele vorbei, die bestimmt mehr verdienen als ich, da z.B., die Frau mit dem sündhaft teuren Kostüm und dem Familienreichtum um den Hals; die könnte doch nun wirklich was geben, das fällt bei ihrem Wohlstand doch gar nicht ins Gewicht.

Oder da, der junge Mann im Armani-Anzug, den kenn ich, der arbeitet bei einem Großunternehmen, der verdient sich dumm und dämlich!

Oder anders: Man kennt das ja. Das sind doch gut organisierte Banden, die tagsüber betteln und abends dann von ihrem Bandenboss eingesammelt werden samt den paar Cents, die sie erbettelt haben.

Oder: so schlimm kann’s ja nicht sein mit dem, der da hockt und unverschämt zu mir aufblickt. Der raucht ja und hat zwei Hunde. Und … und … und …

Im Erfinden von Ausreden, die unser sich meldendes Gewissen beruhigen sollen, sind wir durchaus kreativ. Nur, den Ausreden fehlt die Kraft, die Stimme in uns zum Schweigen zu bringen. Weil wir ihnen ja selbst nicht glauben können. Weil sie ja nicht mal uns überzeugen, die doch so gerne so leicht überzeugt würden.

Nein, auch ein stummer Anruf ist ein Anruf, auch ein nicht explizit geäußerter Anspruch ist eine Aufforderung, dem Anspruch nachzukommen. Das wissen wir oder wir spüren es jedenfalls, sonst würden wir ja nicht mit gesenktem Blick an dem Bedürftigen vorbei gehen und angelegentlich die Auslagen im Schaufenster in den Fokus nehmen.

Kehren wir noch einmal zurück an die Straße von Jericho nach Jerusalem. Der Mann schreit noch immer! Was will der Mann? Warum schreit der so? Lapidar gesagt: Weil er ein Anliegen hat. Und weil er ahnt, da ist einer, der kann sich meines Anliegens annehmen und mir helfen. Die ganze Gegend weiß ja davon, dass er Unmögliches möglich machen kann. Das ist mein Mann! Der darf mir nicht entwischen! Also schreit er weiter!

Und es geschieht etwas Unerhörtes: Er wird beachtet, er wird erhört! Der Angerufene bleibt stehen. Wird er dem Unverschämten jetzt Gehör schenken? Wird er sich die Störung mit dem Hinweis, auf das, was ihn erwartet, verbitten? Wird er ihm ein paar nette mitfühlende Worte sagen und dann weiter seiner Wege gehen? Wird er ihm sagen, dass es nicht um Einzelschicksale gehen kann, wenn es um das Schicksal aller geht?

Nein, er lässt ihn tatsächlich zu sich rufen und stellt sich ihm. Was ist das nun wieder? Sieht er denn nicht, dass der Mann blind ist? Merkt er denn nicht, dass der Rufer sich nicht traut, sich nichts zutraut?

Nun, wir dürfen wohl annehmen, dass er das sieht. Wir dürfen davon ausgehen, dass er weiß, was er tut. Er vertraut. Er vertraut darauf, dass der andere ihm vertraut.

Ich muss gestehen, die nun folgende Szene amüsiert mich ein bisschen. Jesus fordert seine Begleiter auf, den Rufenden zu sich zu führen - so jedenfalls erzählt es Lukas. Und die, die vorher nichts Dringenderes zu tun hatten, als den Mann zum Schweigen bringen zu wollen, beeilen sich jetzt, ihn zu Wort kommen zu lassen vor Jesus.

Ich sehe sie förmlich zu dem Gebrechlichen hinwieseln, ihn zu holen. „Mensch, hast du ein Glück, er ruft dich. Nun aber mal ein bisschen fix. Brauchst keine Angst zu haben, komm, komm, steh auf! Wir bringen dich hin!“ So viel Beflissenheit nach früherer Abwehrhaltung lässt mich schmunzeln.

Nun steht er da, der Quälgeist, vor Jesus. Was wird jetzt geschehen? Wird er ihn zurechtstauchen? Wird er ihm ungefragt ein paar Lebensweisheiten um die Ohren hauen? Wird er ihm ein paar Cent in die Hand drücken, um Ruhe vor ihm zu haben und seinen Weg weitergehen zu können? Alles das könnten wir verstehen, weil es uns nicht fremd ist.

Aber Jesus tut das alles gerade nicht. Er entledigt sich nicht mit ein paar Floskeln und mehr oder weniger geheuchelter Teilnahme einer unangenehmen Aufgabe. Er vermutet nicht, was der andere will. Das ist ja eher unser Ding, dass wir immer besser wissen, was der andere nötig oder nicht nötig hat und ihm gut tut oder ihm schadet. Jesus entledigt sich nicht quasi im Vorübergehen einer eher lästigen oder belästigenden Aufgabe. Er fragt. Und diese Frage hat es in sich.

„Was willst du, dass ich dir tun soll?“ Nicht wahr, das kommt uns merkwürdig bekannt vor und gleichzeitig sperrig unbekannt. Wir kennen die Frage sozusagen in der alten Fielmann-Fassung: „Was kann ich für Sie tun, Lady?“

In unserer Welt, in unserer Zeit kommt diese in großer Häufung vor. Man kann ihr kaum entkommen.

Der Bäcker fragt so und der Tankwart. Die Friseuse wie die Empfangsdame. Die Sprechstundenhilfe wie der Physiotherapeut. Und da beschleicht mich manchmal der Verdacht, dass der, der fragt, was er tun kann, in Wirklichkeit darauf aus ist, etwas lassen zu können, das Zuhören beispielsweise oder das Reden mit dem Gegenüber.

In jedem Fall erheischt die so achtlos hingeworfene Frage eine schnelle Antwort nach dem Motto: „Komm zur Sache!“ Die sich so sozial gebende Frage ist oft eine bloße Floskel und zumeist höchst unsozial gemeint.

Wie anders war das in früheren Zeiten, bevor diese Frage zum sinnentleerten Ritual verkümmerte.

Vor dieser Zerfall durfte die Frage - wie in unserer Lukasgeschichte - anstandslos als Zeichen besonderer Zuvorkommenheit verstanden werden. Wer so fragte, verriet Wärme, Wohlwollen, ja Fürsorge für den Adressaten.

Können Sie sich diesen Inhalt in der Frage: „Was kann ich für sie tun, Lady?“ vorstellen. Ich kann es nicht. Und wie wenig diese Frage auf ein zukünftiges Bemühen gerichtet ist, belegt der spätere Schlusssatz des Werbespots: „Vergessen Sie’s!“

Deshalb liebe ich die lutherische Formulierung: „Was willst du, das ich dir tun soll?“ Sie hat so etwas Sperriges, gleichsam etwas widerhakenversehenes, dass sie als Floskel gar nicht zu gebrauchen ist.

Ich stelle mir gerade die Irritation vor, die die so formulierte Frage bei der Lady aus dem Zitat auslösen würde. Und umgekehrt die Antwort: „Vergessen Sie’s!“ bei dem blinden Bartimäus.

Was ist so anders an der Frage des Rabbuni: Sie zwingt zum Nachhören, zum Nachdenken und verbietet geradezu ein „schnelles Geschäft“.

Weil sie ein echtes Interesse signalisiert am Befinden des anderen. Weil sie den so Fragenden in den Dienst des anderen stellt. Das ist für mich der eigentliche Höhepunkt der Erzählung.

Mag man auch mit und für Bartimäus die Wiedererlangung der Sehkraft als ein Wunder ansehen und das heißt ja, für etwas Außerordentliches, etwas, das die Ordnung der Welt überschreitet oder durchbricht, mir ist die radikale Zuwendung zum anderen das eigentliche Wunder, das Außerordentliche, das die Ordnung unserer Selbstbezogenheit und der höchstens flüchtigen Kenntnisnahme der Ansprüche anderer, durchbricht.

Dass Bartimäus sehend wird ist ein Wunder, aber es ist nicht in erster Linie ein medizinisches Wunder, sondern eines des Vertrauens. Denn auch das gehört für mich zum bemerkens- und bedenkenswerten an der Zusage Jesu: Er spricht nicht davon, dass er - Jesus - dem Bartimäus geholfen habe. Könnte er ja machen. Oder zumindest mit innerem Stolz über seine Wohltat bedeutungs- und hoheitsvoll voll schweigen und die Propaganda anderen überlassen. Nein, nicht er hat geholfen, sondern der Glaube des Bartimäus.

Widerspricht das nicht der Fragestellung „Was willst du, dass ich dir tun soll?“

Ganz und gar nicht. Jesus hat etwas für Bartimäus getan, er hat ihm den Glauben vermittelt oder - wenn Ihnen das eher angemessen erscheint - geschenkt, dass Unmögliches möglich ist. Und Bartimäus geht darauf ein. Er lässt sich in diesen Glauben hineinziehen, die Augen öffnen, und er folgt Jesus nach.

Sprache kann verräterisch sein: „Was willst du, das ich dir tun soll?“ oder „Was kann ich für Sie tun?“ Beides scheint dasselbe zu meinen und offenbart doch eine je ganz andere Geisteshaltung und Einstellung zum Adressaten.

Wenn Sie nur das mitnehmen aus der Geschichte von Bartimäus, dass die Zuwendung zum anderen nicht oberflächlich, nicht flüchtig (im wahrsten Sinne des Wortes) sein darf, sondern radikal sein muss, wenn Sie das verstehen, dass Diakonie die Antwort auf einen Anruf ist, dann haben Sie - so meine ich - das Wesen der Diakonie erfasst.

AMEN.

Fürbittengebet

Wir beten:

Für alle, die Gott tastend suchen, dass sie ihn finden mögen.
Für die, die meinen, Gott zu besitzen, dass sie beginnen mögen, ihn zu suchen.
Für alle, die sich vor der Zukunft fürchten, dass sie Vertrauen wagen.
Für alle, die gescheitert sind, dass sie immer wieder eine neue Chance bekommen.
Für alle, die zweifeln, dass sie nicht verzweifeln.
Für alle, die sich verloren fühlen, dass sie ein neues Zuhause finden.
Für die Einsamen, dass sie einem Menschen begegnen.
Für alle, die –wo nach auch immer- hungern, dass sie gesättigt werden.
Für alle, die satt sind, dass sie erkennen mögen, was hungern heißt.
Für alle, die es gut haben, dass sie nicht hartherzig werden.
Für die Mächtigen, dass sie die Verletzlichkeit allen Lebens begreifen.
Für alle, die in dieser Welt leben, zwischen Hoffnung und Furcht.

Und für uns selber beten wir zu Gott mit den Worten, die uns sein Sohn gelehrt hat:

Vater unser im Himmel. Geheiligt werde Dein Name. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld. Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Unterstützung im Haus Wetterau in Bad Nauheim

Das Angebot des Wohnheims richtet sich an volljährige Menschen, die einen rechtlichen Anspruch auf Eingliederungshilfe haben und die aufgrund langer bzw. wiederkehrender psychischer Erkrankung für längere Zeit nicht zur selbstständigen Lebens-führung fähig sind. Das Wohnheim bietet Platz für 24 Menschen, die in Einzelzimmern wohnen und verteilt in 5 Wohngruppen ihren Alltag miteinander gestalten.

Die BewohnerInnen werden in folgenden Bereichen begleitet und praktisch unterstützt:

  • Einüben in lebenspraktischen Fertigkeiten (u.a. Haushaltsführung, Umgang mit Geld),
  • Umgang mit der Erkrankung und psychische Stabilisierung (u.a. Begleitung zu Arzt-besuchen, Umgang mit Medikamenten und Begleitung in Krisen),
  • Therapeutische und pädagogische Angebote (u.a. Gesprächsgruppen, Training sozialer Kompetenzen),
  • Förderung im handwerklichen, kreativen und arbeitstherapeutischen Bereich (u.a. lernen, verschiedene Aufgaben zu planen und konzentriert sowie ausdauernd umzusetzen),
  • Vorbereitung der beruflichen Wiedereingliederung (u.a. lernen, pünktlich zu sein, Absprachen zu treffen und Arbeitsprozesse zu strukturieren).

Für die Maßnahme wird ein individueller Hilfeplan gemeinsam erstellt. Eine fachärztliche Bescheinigung ist Voraussetzung für die Hilfegewährung. Die Kosten werden, sofern Einkommens- und Vermögensgrenzen nicht überschritten werden, in der Regel vom zuständigen Träger der Sozialhilfe übernommen.

Einführung des neuen Konfirmanden-Jahrgangs am 27.8.2017 von Vikarin Anne Kampf

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes
sei mit euch allen. Amen.

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,
liebe Eltern, liebe Gemeinde.

Aufräumen macht ja manchmal richtig Spaß.
Und es befreit.
Altes Zeug wegschmeißen, alles rauswerfen,
Platz schaffen für Neues.
Alte Apps vom Smartphone löschen und neue installieren.
Was Neues ausprobieren, gucken wie das läuft, ob das besser ist als der Kinderkram von vorher.

Gott tut das offenbar auch gerne: Aufräumen.
Neu machen.
Das sehen wir an der Schöpfung, am Kreislauf von Nacht und Tag, Winter und Sommer, Sterben und Leben.
Immer wieder erneuert sich alles.

Ihr Konfirmandinnen und Konfirmanden merkt an euch selbst, wie ihr neu werdet. Die Jugend ist ja eine ziemlich verrückte und spannende Zeit. Nicht nur der Körper verändert sich – auch im Gehirn ist eine Großbaustelle. Nervenbahnen ordnen sich neu. Alles wird umgebaut, neu sortiert. Man könnte sagen: Der Schöpfer installiert ein neues Programm. Und manchmal purzeln dabei Gedanken und Gefühle durcheinander.

Genau in diese spannende Lebensphase fällt die Konfi-Zeit. Man könnte fragen – und Eltern fragen auch gelegentlich so – : Muss das denn sein? Ihr seid gerade mit so vielem beschäftigt und manchmal ganz verwirrt – und ausgerechnet jetzt sollt ihr euch auch noch mit dem Glauben, mit der Kirche, mit Gott auseinandersetzen?

Das ist anstrengend, ja. Jeden Dienstag sollt ihr anderthalb Stunden Zeit investieren. Zeit, die für andere Dinge fehlt. Ab und zu sollt ihr sonntags zum Gottesdienst gehen, obwohl euch vielleicht gar nicht danach zumute ist.
Muss das sein?

Wenn ich an meine eigene Konfi-Zeit zurückdenke, fällt mir auf: Das war genau die richtige Zeit. Mein Kopf, in dem sich alles neu zu ordnen begann, wollte nämlich mit 13 Jahren alles wissen. Wollte es nochmal neu, besser und genauer wissen als ich es als Kind geglaubt hatte: Wer ist dieser Gott? Gibt es den überhaupt? Wo hält der sich denn auf? Und falls er irgendwo sein sollte: Was hat der eigentlich mit mir zu tun? Will der mich nerven oder meint der es gut mit mir? Will ich diesem rätselhaften Gott den Zugriff erlauben auf meine Gedanken und Gefühle?

Das Bild von der neuen App auf dem Smartphone passt ziemlich gut zur Jahreslosung für dieses Jahr: Ein Vers aus dem Buch des Propheten Hesekiel. Eine Botschaft von Gott an sein Volk. Gott sagt:

„Ich schenke euch ein neues Herz.“ 

Ein neues Herz. Was bedeutet das? Medizinisch gesehen ist das Herz ein Muskel, der Blut durch den Körper pumpt. Absolut lebenswichtig – ohne die Pumpe läuft nichts. In unserer Sprache reden wir außerdem vom Herzen, wenn wir Gefühle meinen: Wer sich verliebt, verliert sein Herz – und wenn nichts draus wird, hat man großen Herzschmerz…

In der Bibel allerdings steht das Herz nicht nur für die Gefühle, sondern auch für die Funktionen, die wir dem Gehirn zuordnen würden: Mit dem Herzen kann der Mensch verstehen. Er kann Fragen stellen, abwägen und beurteilen. Nach der Bibel fühlt und denkt der Mensch mit dem Herzen. Das Herz ist das Zentrum, die Mitte des Menschen.

Und da will Gott aufräumen. Genau in der Mitte.
Altes Zeug rauswerfen, neues installieren.

Wenn wir mal annehmen, dass dieser Zuspruch euch gilt, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden:

Gott schenkt euch ein neues Herz.

Wie fühlt sich der Gedanke für euch an? Die Vorstellung, dass Gott mitten in euch hineingreift und ein neues Herz einbauen will?

Ich finde, das kann auch Angst machen. Denn man denkt ja automatisch an eine Herztransplantation. Eine gefährliche Operation. Aber auch bildlich gesprochen: Wer weiß, ob dabei nichts kaputt oder verloren geht? Wer weiß, ob das neue Herz funktioniert? Ob es wirklich gut denken und verstehen kann? Ob das Leben damit einfacher wird? Ob sich Dinge ordnen, die bisher kompliziert waren?

Was will Gott eigentlich erreichen mit dem neuen Herzen, das er euch schenken will?

Der Bibelvers geht noch weiter:

„Ich nehme das Herz von Stein aus eurer Brust und gebe euch ein Herz von Fleisch.“

Ein Herz aus Stein – ich stelle mir vor, dass sich das ziemlich unangenehm anfühlt. Es tut weh  im Brustkorb. Es ist hart, es drückt, es zieht einen runter. Gott will es rausholen – das, was hart ist und weh tut. Die Verletzungen, die sich verhakt haben und dir das Leben schwer machen. Wie es in deinem Herzen wirklich aussieht, das weiß nur Gott. Er kennt dich genau und weiß, was bei dir läuft. Ob da irgendwelche Störprogramme aktiv sind oder lästiges Zeug, das sich wie Stein anfühlt.

Gott kann das löschen. Er kann ein Reinigungs-Tool laufen lassen und was Neues installieren. Eine neue Herz-App. Als Geschenk – ohne dass wir uns mit der Installation beschäftigen müssten. Gott kümmert sich darum. Gott schenkt das neue Herz. Natürlich gilt das nicht nur den Jugendlichen – auch als Erwachsene bekommen Sie so ein neues Herz, wenn Sie wollen. Auch mehrmals im Leben.

König Salomo fällt mir ein, der weise König, der sich etwas wünschen durfte. Er bat Gott: „Gib mir ein hörendes Herz!“ Ein Herz mit Ohren sozusagen. Ein Herz, das auf Empfang eingestellt ist. Gott fand das total gut und sagte zu Salomo: „Ich gebe dir ein weises und verständiges Herz.“ Ein Herz, das versteht. Besser und tiefer und mehr, als der Kopf verstehen kann.

Im Konfi-Unterricht lernen wir zwar auch mit dem Kopf, aber das ist nicht das Wichtigste. Wichtiger ist das Lernen mit dem Herzen.

Aus Fleisch soll es sein, das neue Herz, also weich und lebendig. Sensibel. Dadurch kann Gott selbst leichter zu Dir kommen und seine Liebe installieren. Darum geht es nämlich bei all dem, was wir in der Konfi-Zeit und überhaupt in der Kirche reden und tun: Um Dich und Gott. Um die Beziehung zwischen Dir und Gott. 

Und natürlich um die Beziehungen untereinander. Da sind noch viele andere Leute mit neuen Herzen, die alle mit Gott verbunden sind. Und weil sie das wissen, schlagen sie auch füreinander. Sind einander nicht egal. Es ist wichtig und schön, zusammen zu sein, gemeinsam zu feiern, zu lernen und Gott zu loben.

 „Ich schenke euch ein neues Herz“, sagt Gott.

In der Volxbibel wird es so ausgedrückt: „Ich werde euch neu machen, ein neues Programm wird in euren Gedanken aufgespielt werden.“ 

Nein, sie ist nicht gefährlich, diese Neuinstallation. Sie tut auch nicht weh. Sie ist nur zu deinem Vorteil und tut dir gut. 

Aber sie erfordert dein Einverständnis. Wenn du auf „OK“ klickst, kann es losgehen.

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus.

zu den ′Jubelkonfirmationen′ am 11.6.2017 von Pfarrer Rainer Böhm

Liebe Jubilarinnen, liebe Jubilare, liebe Gemeinde,

ich will Ihnen zuerst erzählen, was mir vor dem Predigtschreiben durch den Kopf gegangen ist:

  1. Ich selbst bin ja gar nicht konfirmiert worden. Ich ging als katholisches Kind vor über 50 Jahren zur Kommunion. Aber darf man nur über das reden, was man selbst erfahren hat? Ich finde nicht. Immerhin hatte ich inzwischen ein paar Hundert Konfirmanden.
  2. Ich musste an meinen Vater denken, der inzwischen 85 geworden ist. ER hatte eine riesige Diasammlung von allen seinen Reisen, privat und geschäftlich. Unzählige Stunden hat er uns mit ihnen erfreut und gequält. Es müssen tausende gewesen sein. Im vergangenen Jahr hat er sie alle aussortiert, mit meiner Mutter zusammen. Ein paar hundert sind übrig geblieben.
  3. Und drittens: Predigen Sie kurz und herzhaft hieß es bei unserem Vorbereitungstreffen.

In den vergangenen Tagen habe ich mir noch einmal die alten Konfirmationsbücher angeschaut. Und gesehen, wer Ihre Konfirmatoren damals waren: 1942, 1947, 1952 und 1957.

Pfarrer Knodt und Dekan Schäfer, Pfarrer Müller, Schnabel, Propst Trautwein. Manche davon habe ich noch selbst gekannt. Und ich sah die ganze Breite Ihrer Jahrgänge, Ihrer Mitkonfirmanden und Mitkonfirmandinnen und mich erinnert an so manche, so manchen, von denen wir haben Abschied nehmen müssen, die ich auch noch gut gekannt habe.

Sie haben mir erzählt von den Schuhen, die es auf Bescheinigung gab oder die Sie ausgeliehen hatten in der schlechten Zeit. Von der Kleiderordnung die es damals gab – dass nämlich jeder in Schwarz gekleidet sein sollte. Von der großen Fahrradtour nach der Konfirmation 1957 an die Ostsee haben Sie mir erzählt mit den Pfadfindern.

Psalm 23  haben Sie alle damals auswendig gelernt, so wie es die Konfirmanden heute auch noch lernen müssen. Ich denke, dieser Satz »Der Herr ist mein Hirte«, das kann man schon sagen, wenn man diesen Tag noch erleben kann, nach so langen Jahren. Ja, wenn man dann einen Tag wie diesen heute erleben kann, dann ist da sicher viel Dank, Dank für so viel an geschenkten Tagen, an geschenktem Leben.

Und wenn wir uns noch einmal auf diese Jahre besinnen, diese 75, 70, 65, 60 Jahre seit der Konfirmation: Es waren ja, wenn wir das Bild des Lebens im Ganzen sehen, gute, erfüllte, reiche Jahre. Wer hätte das gedacht, damals, 1942, noch im Krieg, mancher der Väter, der Brüder war ja noch im Krieg. Und dann: drei Jahre noch, und dann eine für damalige Zeit unvorstellbar lange Friedenszeit. Für frühere Generationen war der Krieg, alle paar Jahrzehnte, der Normalfall. Für uns heute nicht mehr denkbar.

Jahre, in denen es, ich denke, uns allen im Ganzen gut gegangen ist: Sie haben Ihre Berufe lernen können und ausüben. Ihre Familien gegründet. Ihre Häuser gebaut. Und irgendwie stimmt da ja gerade dieser Satz aus dem Psalm: »Mir wird nichts mangeln.« Ja, eigentlich ist immer alles dagewesen, was man gebraucht hat. Und das ist ja auch nicht selbstverständlich. Die Älteren erinnern sich sicher noch gut daran, wie arm viele Menschen auch im reichen Bad Nauheim  in früheren Zeiten waren: Zeiten, in denen der Mangel der Normalfall war, so, wie es in manchen Regionen der Welt noch heute ist. Dass wir haben, was wir brauchen, und immer gehabt haben: sicher ein Grund, dankbar zu sein und sich dankbar an so vieles, das in diesen Jahren war, zu erinnern.

Dankbar sich zu erinnern, auch an die Menschen, die das Leben in diesen Jahren begleitet haben: Ihre Eltern, damals noch, stolz auf die Tochter, den Sohn, nun schon so groß. An manche Ihrer Eltern kann ich mich auch noch erinnern.

Und all die andern: Ehepartner, die Familie, Freunde und Nachbarn, Bekannte und Kollegen: So viele, die das Leben begleitet haben und mit dazu beigetragen haben, dass das Leben immer wieder gelang.

Dank: Ja, da ist heute auch der Dank an Sie für das, was Sie für andere waren in dieser Zeit: an unserem Ort und anderswo, in manchen Vereinen, Freundschaften, und auch in manchen Kirchengemeinden: Dankbar sind wir dafür, dass wir Sie in diesen Jahren in unserer Mitte hatten und noch haben.

Und in und durch diesen Dank: Der Dank an Gott, den Herrn, dessen Wort vom Segen damals, hier, an dieser Stelle ausgesprochen, durch all diese Jahre mit ihrem Auf und Ab getragen hat.

Ja, sicher, da ist auch noch der andere Teil des 23. Psalms: nicht nur frisches Wasser, nicht nur grüne Auen, auch das tiefe Tal: Kein Leben ist so einfach, so glatt, so unangefochten, dass es nicht auch davon wüsste: ein tiefes Tal, und manchmal sind es Abgründe, an denen der Lebensweg vorüberführt.

Auch daran erinnern wir uns heute: Und sagen uns doch: Auch und gerade da hat sich erfahren lassen, was Bewahrung und was Segen bedeutet: neue Hoffnungen, Neuanfänge, neue Wege, die immer wieder da waren. So haben wir alle es erlebt

Und so glauben und vertrauen wir uns heute aufs Neue seinem Segen an. Wir bauen darauf, dass er bleibt und trägt, in allen Wechselfällen des Lebens, was da noch geschehen mag: »Ich werde bleiben im Hause des Herrn. Immerdar.« Bleiben? Wie lange? Wie lange noch? Die Antwort ist: Immerdar; denn du gehst nicht und niemals verloren. Immerdar – für mich eines der schönsten biblischen Worte.

Amen

am 21.5.2017 von Vikarin Anne Kampf

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

Liebe Gemeinde,

haben Sie gelernt, zu beten?

Meine beiden Schwestern und ich haben eine erste Einweisung durch unsere Oma gekommen. Sie ging zwar nicht in die Kirche, aber gebetet hat sie mit uns. Abends vor dem Einschlafen. „Ich bin klein, mein Herz ist rein, soll niemand drin wohnen als Jesus allein.“

Meine kleine Nichte hat zu ihrer Taufe einen Gebetswürfel geschenkt bekommen. Das ist ein faustgroßer Würfel aus Holz, auf dem sechs Gebete draufstehen. Zum Beispiel: „Wo ich gehe, wo ich stehe, bist du, guter Gott, bei mir.

Wenn ich dich auch niemals sehe, weiß ich sicher, du bist hier.“

Muss man denn das Beten lernen? Ich glaube schon. Am besten als Kind, damit man auch später noch beten kann wie ein Kind. Mit ganz einfachen Worten.

Die Jünger Jesu mussten das Beten als Erwachsene lernen. Oder: wollten es neu lernen. So wie Jesus wollten sie beten können, so vertraut mit Gott reden wie er. Einmal beobachteten sie Jesus beim Gebet und als er geendet hatte, baten sie ihn: „Herr, lehre uns beten!“ Jesus sagte ihnen daraufhin die Worte, die wir als das Vaterunser kennen.

Dann erzählte er ein Gleichnis.

Es steht im Lukasevangelium im 11. Kapitel.

5 Und er sprach zu ihnen: Wer unter euch hat einen Freund und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote;

6 denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann,

7 und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben.

8 Ich sage euch: Und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, so viel er bedarf.

Interessiert sich Gott überhaupt für unser Gebet? So haben Sie sich vielleicht auch schonmal gefragt. Hört er überhaupt zu? Macht er die Tür auf, wenn wir mitten in der Nacht anklopfen? „Stellt ihn euch vor wie einen Freund“, sagt Jesus in diesem Gleichnis. Na klar macht der Freund die Tür auf! Reicht drei Brote raus oder - so stelle ich es mir vor - lässt gleich alle Leute rein und kocht ein richtiges Essen. Wir gehen Gott nie auf die Nerven mit einem Bittgebet, und sei es noch so simpel und alltäglich wie die Bitte um drei Brote.

Müssen wir denn überhaupt Gott um das bitten, was wir sowieso bekommen? So etwas wie Brot? Gegenfrage: Ist es denn so selbstverständlich, dass wir das haben? Ist es nicht. Mit dem Wohlstand kann es ganz schnell vorbei sein. Die Geflüchteten unter uns wissen das, die Älteren auch. Wir sind auf Versorgung angewiesen und manchmal auch auf Hilfe. Niemand kann ganz autonom leben.

Sich das einzugestehen, fällt manchen schwer - weil sie lieber stark als schwach sein wollen, lieber alles alleine schaffen anstatt sich helfen zu lassen.

Die Bitte an Gott um Alltägliches ist deswegen auch ein Bekenntnis: Ich glaube, dass ich mein Leben Gott verdanke und es nicht selber erhalten kann.

Außerdem: Wenn wir genau hinschauen, sehen wir, dass die Bitte in dem Gleichnis eine Fürbitte ist. Der, der anklopft, braucht ja das Brot, um einen anderen zu bewirten, der auf der Durchreise ist und Hunger hat.

Wenn wir für andere beten, stehen wir damit für sie ein, stellen uns mit ihnen in eine Reihe. Wir zeigen, dass ihre Not uns nicht egal ist. Genauso gut könnten wir in ihrer Lage sein! Wir erklären uns solidarisch mit Menschen, die bedürftig sind und Hilfe brauchen.

Nach dem Gleichnis geht die Rede Jesu weiter mit einer Ermahnung zum Gebet.

9 Und ich sage euch auch: Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.

10 Denn wer da bittet, der empfängt; und wer da sucht, der findet; und wer da anklopft, dem wird aufgetan.

11 Wo bittet unter euch ein Sohn den Vater um einen Fisch, und der gibt ihm statt des Fisches eine Schlange?

12 Oder gibt ihm, wenn er um ein Ei bittet, einen Skorpion?

13 Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!

Das Bild vom Freund wird hier verstärkt durch das Bild vom fürsorglichen Vater. Der würde seinen Kindern nur Gutes und nie etwas Gefährliches geben. Noch mehr als ein Freund auf den andern angewiesen ist, ist ein Kind von den Eltern abhängig. Unerträglich der Gedanke, Eltern würden ihr Kind nicht mit dem Lebensnotwendigen versorgen!

Aber vermutlich widersprechen einige von Ihnen im Stillen und fragen: Ja, aber wie ist das denn mit den Gebeten, die wir an Gott gerichtet haben, und die er nicht erhört hat? Wir haben um Heilung gebeten und der Kranke wurde nicht gesund.

Wir haben darum gebeten, dass zwei Menschen sich vertragen, doch die Beziehung brach auseinander.

Wir haben darum gebeten, dass eine Jugendliche ihre Prüfung schafft, aber sie ist durchgefallen.

Wie sollen wir denn Vertrauen in Gott haben, wenn er unsere Gebete nicht erhört?

Eine einfache Antwort auf diese berechtigte und schwierige Frage kann ich Ihnen nicht anbieten. Aber es gibt in der Rede Jesu etwas zu entdecken, das die Frage vielleicht in eine andere Perspektive rückt.

Lassen Sie uns zwischen den Zeilen lesen und sehen, was da nicht steht:

Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.

Fällt Ihnen etwas auf? Diese Sätze sind unvollständig! Da fehlt jeweils das grammatische Objekt. Wen oder was gibt uns denn Gott, wenn wir bitten? Wen oder was finden wir denn, wenn wir suchen? Und an welche Tür klopfen wir überhaupt an, die uns aufgetan wird?

Das Objekt fehlt, weil es beim Beten nicht in erster Linie um unsere Wunsch-Objekte geht und weil Gott kein Wunsch-Erfüllungs-Automat ist. Weil es beim Beten um mehr geht als um drei Brote, ein Ei oder einen Fisch. Und um etwas anderes als Gesundwerden, Versöhnung oder eine Prüfung.

Die Rede Jesu endet mit:

… wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist geben denen, die ihn bitten!

Da haben wir ganz am Schluss ein grammatisches Objekt: Den Heiligen Geist - den wird Gott geben. Obwohl in den Beispielen, die Jesus nennt, niemand um ihn gebeten hat. Bittet, so wird euch Heiliger Geist gegeben - die Kraft von Gott, die euch tröstet, ermahnt, inspiriert, kräftigt, verändert. Suchet, so werdet ihr Heiligen Geist finden - der euch mit Gott verbindet. Klopft an, und ihr kommt hinein in Gottes Haus, in die Gemeinschaft der Christen untereinander und in die Gemeinschaft mit ihm.     

Durch Gebet werden zwar nicht alle Wünsche erfüllt. Aber es passiert etwas zwischen dem betenden Menschen und Gott. Eine Beziehung entsteht, die von Nähe und Verlässlichkeit geprägt ist. Wie zwischen einem kleinen Kind und seinen Eltern. Oder wie zwischen zwei Freundinnen.

Deswegen lohnt es sich, wie Jesu Jünger das Beten neu zu lernen: Weil eine Beziehung gepflegt werden muss, wenn sie Bestand haben soll. Was wir mit Gott reden, ist gar nicht so wichtig. Entscheidend ist, dass wir beten. Und zwar nicht nur ab und zu und nicht nur in der Kirche, sondern in unserem alltäglichen Leben - zu Hause, bei der Arbeit, in der Schule, und warum nicht auch in der Turnhalle, im Freibad, im Café oder im Park?

Die spanische Mystikerin Teresa von Avila hat einmal gesagt:

„Das Gebet ist meiner Ansicht nach nichts anderes als ein Gespräch mit einem Freund, mit dem wir oft und gern allein zusammenkommen, um mit ihm zu reden, weil er uns liebt.“

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus.

Amen.

am 14.5.2017 (Thomasmesse) von Vikarin Anne Kampf

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

Sie steht am Ufer des Jordan.

Hinter ihr das Land Moab. Die Felder ihrer Familie, die Häuser ihrer Geschwister, vertraute Heimat.

Vor ihr, auf der anderen Seite: Juda. Die Heimat ihres verstorbenen Mannes.

Hier steht sie am Jordan, an der Grenze zum Gelobten Land. Rut kennt dieses Land nicht.

Sie steht hier mit Orpa, ihrer Schwägerin, die in derselben Lage ist: Witwe und keine Kinder. Und mit Naomi, ihrer Schwiegermutter, die aus Bethlehem in Juda stammt und vor Jahren nach Moab ausgewandert war.

Jetzt will Naomi zurück. Und zwar allein. Sie schickt Orpa und Rut nach Hause: „Geht hin und kehrt um, eine jede ins Haus ihrer Mutter! (…) Der HERR gebe euch, dass ihr Ruhe findet, eine jede in ihres Mannes Hause!“ Das Beste für die beiden wäre, in Moab neu zu heiraten, findet Naomi. 

Orpa weint, umarmt und küsst Naomi, dreht sich um – und geht zurück.

Rut bleibt sehen. Es ist noch nichts entschieden… 

Wie fühlt sich das an, wenn du am Ufer stehst und dich fragst: Soll ich rübergehen? Ganz neu anfangen? Eine neue Arbeitsstelle, eine andere Stadt, lauter neue Gesichter… Traust du dich das wirklich? So eine Entscheidung ist schwer! Ob du das alles schaffst? Ob du dich zurechtfinden wirst? Ob du Leute kennenlernst, die es gut mit dir meinen… ?

Rut blickt auf das fließende Wasser und versucht, ihre Gedanken zu ordnen. Noch könnte sie Orpa einholen. Doch dann trifft Rut ihre Entscheidung.  Sie will rübergehen. Mit Naomi, ihrer Schwiegermutter. Zu ihr sagt Rut die folgenden Worte:   

Bedränge mich nicht, dass ich dich verlassen und von dir umkehren sollte.

Wo du hingehst, da will ich auch hingehen; wo du bleibst, da bleibe ich auch.

Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott.

Wo du stirbst, da sterbe ich auch, da will ich auch begraben werden.

Der HERR tue mir dies und das, nur der Tod wird mich und dich scheiden.

Was für ein Versprechen!

Klingt wie bei einer kirchlichen Trauung – daher kennen Sie vielleicht diese beiden Verse aus dem Buch Rut. Doch der Schwur ist stärker als ein Eheversprechen – so stark wie Gottes Bund mit seinem Volk: „Ihr sollt mein Volk sein, und ich will euer Gott sein“, heißt es beim Propheten Jeremia. Worte der göttlichen Bundesformel aus dem Munde einer Frau an ihre Schwiegermutter gerichtet… Das ist ungewöhnlich. Sehr mutig, fast schon überheblich….

Wie fühlt sich das an, wenn du die entscheidenden Worte aussprichst? In diesem Moment blendest du alles andere aus… Du weißt: Jetzt ist der Moment. Jetzt sag ich den anderen, dass ich gehe. Jetzt gebe ich die Kündigung ab. Jetzt unterschreibe ich den Vertrag. In diesem Moment wächst du über dich hinaus, hebst vielleicht ein bisschen ab. Der Mut verleiht dir Flügel.   

In diesem Moment schaut Rut nach vorne, nicht zurück. Vielleicht wird ihr bei der Ankunft drüben in Juda klar werden, dass sie mit dem Schritt über den Jordan alles Vertraute verlassen hat: Ihre Heimat, ihre Familie, ihr Volk, sogar ihre Religion. Alles.

Wie fühlt sich das an, ein ganzes Leben hinter dir zu lassen? 

Die vertrauten Straßen deines Heimatortes wirst du nicht mehr betreten. Die Kollegen werden sich nicht mehr melden. Die Gruppen und Kreise, zu denen du gehört hast, treffen sich ohne dich.

Beim Übergang verlierst du einen Moment lang den Boden unter den Füßen. Weißt nicht, was am andern Ufer passieren wird, kannst aber auch nicht zurück. Du schwimmst irgendwo zwischen den Welten.

Der Anfang ist schwer für die Ausländerin Rut in Bethlehem. Niemand redet mit ihr. Wie soll sie Anschluss finden? Doch Naomi kennt Leute und besitzt ein Stück Land. Geschickt sorgt sie dafür, dass Rut einen Mann kennenlernt, der das Recht hat, mit ihr – anstelle von Naomi  – die Schwagerehe einzugehen: Er heißt Boas und er hat Respekt vor dem Mut seiner zukünftigen Ehefrau:

„Man hat mir alles angesagt, was du getan hast an deiner Schwiegermutter nach deines Mannes Tod; dass du verlassen hast deinen Vater und deine Mutter und dein Vaterland und zu einem Volk gezogen bist, das du vorher nicht kanntest. Der HERR vergelte dir deine Tat, und dein Lohn möge vollkommen sein bei dem HERRN, dem Gott Israels, zu dem du gekommen bist, dass du unter seinen Flügeln Zuflucht hättest.“

Zuflucht. Ein neues Zuhause. Boas und Rut bekommen einen Sohn – Obed – und sie leben mit Naomi in einer Art Patchworkfamilie zusammen. Ein ungewöhnliches Modell, das aber von den Leuten in Bethlehem akzeptiert wird.

Rut hat alles auf eine Karte gesetzt – und gewonnen. Dieser Gott, an den Naomi glaubt… seine Wege sind manchmal ein bisschen verrückt… Aber es ist gut, ihm zu vertrauen.

Wie fühlt sich das wohl an, wenn du ein Jahr nach deiner Jordan-Überquerung Bilanz ziehen wirst? Vielleicht hast du dann schon  Leute kennengelernt, die dir helfen. Vielleicht hast du dann schon ein bisschen gespürt, dass du dazugehörst. Und dass deine neue Aufgabe sinnvoll ist. Vielleicht wirst du dann sagen können: Es ist besser als früher. 

Wir springen nochmal zurück an den Punkt, wo die Entscheidung fällt.

Ans Ufer des Jordan. Wenn du da noch stehst: Hab Mut, rüberzugehen!

Trau dich, was Neues zu machen!

Gott traut dir das zu.

Er segnet die, die Mut haben und zum Aufbruch bereit sind.       

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Jesus Christus. 

Amen.

zur Konfirmation am 14.5.2017 von Pfarrerin Meike Naumann

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,

liebe Festgemeinde,

ich habe hier ein Körbchen mit Glückskeksen, die habe ich für euch gebacken. Pfarrerin Pieper wird gleich jedem und jeder von euch einen Glückskeks geben. Ihr kennt die sicherlich alle vom Chinesen. Da stehen dann zukunftsweisende Sprüche drin wie… „Der Fluss des Lebens wir dich dorthin tragen, wo der Sinn deines Lebens dich braucht.“

Ich  öffne den Glückskekes noch beim Essen. Er schmeckt nicht wirklich, aber den Spruch will ich wissen – auch wenn ich ihn zu Hause meist schon wieder vergessen habe. Und spannend bzw lustig ist das Vergleichen mit den Sprüchen der anderen. Und zu gucken, ob der Spruch vielleicht doch irgendwie zu der Person passt. Das ist ein bisschen so wie Horoskope lesen.

Die meisten hier in der Kirche heute werden zwar beteuern, dass sie Horoskope nur beim Frisör oder beim Zahnarzt lesen, aber lustig ist es doch wenn da steht:

Steinbock, männlich: „Venus und Saturn bringen diesen Monat Ruhe in Dein Leben. Du kannst dich auf deine Freundin voll verlassen und ihre Nähe genießen.“

Auch wenn wir im Grunde alle wissen, dass das Quatsch ist – warum haben dann trotzdem Glückskekse und Horoskope so eine magische Anziehungskraft auf uns Menschen, egal wie alt wir sind?

Eine Vermutung: Die offene Zukunft macht uns etwas bange. Wir wollen uns gern auf das einstellen, was auf uns zu kommt.

Erinnern wir uns an die Konfifreizeit. Etliches stand da schon vorher fest und man konnte sich darauf einstellen. Für euch Konfis, aber auch für uns Hauptamtliche und die Teamer war das wichtig.

Klar war: Wann fahren wir los? Wann kommen wieder? Darf ich morgens ausschlafen? Nein! – Kann ich mir aussuchen mit wem ich in einem Zimmer bin? Im Prinzip JA! – Gibt es w-Lan? 

Das und noch etliches anderes ließ sich klären. Aber wie es wirklich wird, wie es dir geht weg von allem, was dir gewohnt ist, ob du eine Freundin haben wirst oder einen verlässlichen Kumpel, ob dich die anderen akzeptieren – das konnte dir vorher keiner sagen.

In der Schule gibt es das auch: auf eine angesetzte Klassenarbeit kann ich mich vorbereiten – theoretisch zumindest. Aber, ob ich morgen die Mathehausaufgaben an der Tafel vorrechnen muss, dass weiß ich nicht. Auf diese Frage bekomme ich keine Antwort. Ich würde mich ja schon gern darauf einstellen, sprich wissen, ob es sich lohnt die Hausaufgaben zu machen.

Wenn wir Menschen so gar nicht wissen, was kommt, macht uns das unsicher, weil wir uns eben auf nichts einstellen können. Wir versuchen, Wahrscheinlichkeiten zu errechnen, Prognosen einzuholen, irgendwie die Zukunft in den Griff zu bekommen.

Firmen lassen sich Prognosen errechnen. Ebenso die Politik. Aber wen Zukunftsberechnungen nicht befriedigen oder beruhigen können, der greift eben gern mal zum Horoskop. Um überweltliche Sicherheit zu bekommen.

Paul zum Beispiel kann sein Problem gar nicht berechnen. Er fragt sich nämlich: „Klappt das endlich mit dem Mädel, das ich jetzt schon seit drei Wochen beharrlich in jeder Pause anlächle?“

Dieses Mädel aber hat ganz andere Sorgen: „Schaffe ich die Schule gut? Komme ich zuhause klar? Werde ich Menschen finden, mit denen ich durch dick und dünn gehen kann, egal was kommt? Freunde, auf die ich mich verlassen kann? Damit ich eben nicht einsam und klein in der großen weiten Welt meinen Weg finden muss, sondern gemeinsam, verlässlich und deswegen gestärkt, mutig, neugierig in Angriff nehmen kann, was kommt.“

Genau deshalb sind es doch die Themen Freundschaft, Liebe und Beziehung, die in Horoskopen und Glückskeksen am meisten vorkommen, weil es da mit dem Berechnen so gar nicht klappt.

So! -  Aber was steht jetzt in euren Glückskeksen? Schaut doch jetzt einmal nach!

Was steht bei dir? Und bei dir?

„Jesus Christus spricht: Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende!“

Den Spruch haben wir eben bei der Lesung gehört und bei jedem Taufgottesdienst – nichts Neues also. Und dann auch noch für jeden derselbe – Ein bisschen enttäuscht?

Bei euren Konfisprüchen habt ihr euch euren ganz eigenen, persönlichen Vers ausgesucht, habt gewählt, was euch von Gott und für Gott besonders gut gefällt. Das ist wichtig. Das zeigt, dass ihr euch Gedanken gemacht habt, was Gott und Glauben für euch bedeuten. Und das ist bei jeder und jedem ein bisschen anders.

In unserem Glückskeks hier habt ihr alle denselben Spruch, weil genau dieses Versprechen für die Zukunft für euch und uns alle gleich gilt!

Jesus Christus spricht: Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Gott macht keine Unterschiede: ob hochbegabt, gewinnend, sympathisch, musikalisch oder  pubertär oder raunzig – Gott verlässt keinen, egal, was im Horoskop steht und was die Zukunft bringt. Darauf kannst du dich verlassen. 100%. Das ist eine gute Prognose für die Zukunft.

Dieses Glückszettelchen sagt dir nicht, was im Einzelnen sein wird – Schuljahr geschafft, Lottogewinn, Traummann gefunden und wieder verloren, Auto geschrottet, Ausbildungsplatz bekommen.

Dieses Zettelchen sagt dir, was schon längst vor dir galt, was genau für dich gilt und auch nach dir für andere  gelten wird.

Es sagt, dass du keinen Schritt tust, egal in welches Fettnäpfchen oder in welches unbekannte Seelenland, keinen Schritt, der nicht von Gott begleitet ist. Denn das gilt nicht nur für dein Leben mit allen Höhenflügen und Abgründen, sondern  „Bis an der Welt Ende!“

Bei deiner Taufe hat er das versprochen, jedem von uns gleich. Denn der Taufbefehl, aus dem der Spruch ja ist, wird ja bei jeder Taufe verlesen. Deswegen sind alle Glückskekse gleich.

Und nun: Glaubst du da dran? Treue, Verlässlichkeit, Sicherheit bedeuten dir doch viel. Aber es ist bloß ein Wort, auswendig gelernt, umhüllt von gerade mal 200 Kalorien – davon kann man doch nicht leben. Dann drehe den Spieß einfach mal um.

Sag nicht: Das möchte ich gerne glauben, aber es spricht so viel dagegen, und so richtig spüren tu ich es auch nicht.

Mache es andersrum: Gehe einfach mal davon aus: Gott glaubt an dich. Du bist ihm wertvoll, dir will er treu sein und verlässlich.

Beweisen kann man das nicht. Aber es zeigt sich etwas davon: Wenn wir als kleine Kinder getauft werden, werden wir Gott anvertraut. Von diesem Zeitpunkt an macht Gott beziehungsmäßig ernst.

Da kamen bei einigen dann Kinderkirche, Kinderfreizeit, Lutherfest, Adventsbasteln, Reli-Unterricht.

Ihr habt euch zu Konfiunterricht angemeldet und seid dabei geblieben, habt euch auf die Projekte eingelassen, habt etwas gehört und erlebt, was ihr nicht  gekannt habt. Manches war blöd und ist morgen abgehakt. Anderes wächst weiter.

Und jetzt sitzt ihr in eurer eigenen Konfirmation und wollt gleich „ja“ sagen. Da ist doch eine Geschichte zwischen Gott und dir. Kein Beweis, klar, aber eine Geschichte, eine Beziehungskiste: schon jetzt nicht die kürzeste. Er lässt dich wissen: Ich bin bei dir alle Tage, egal was kommt. Und er glaubt an dich über deinen Tod hinaus – und über die Vorboten des Todes hinaus auch, über Krankheit, Verlust, Kummer, alle Not. Er trägt dich rüber.

Und deswegen sag nachher einfach „ja“. Ja, ich will mit diesem Gott leben. Ich lebe ja schon längst mit ihm. Ja, mein Glaube verändert sich, weil ich mich verändere. Aber es bleibt Glaube, weil eben Gott verlässlich ist. Ja, ich will in seiner Gemeinde bleiben. Ich gehöre zu denen, denen Gott treu ist.

Amen.

zur Konfirmation am 7.5.2017 von Pfarrerin Susanne Pieper

Gottes Liebe, die Gnade unseres Herrn und Bruders Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Liebe Konfirmandinnen und liebe Konfirmanden, liebe Familien und liebe Gemeinde!

Nein, ich werde heute, an eurem großen Tag, nicht auf all das eingehen, was wir im vergangenen Jahr gelernt haben. Etwas anderes ist mir wichtig. Und das hat zu tun mit dem Rückblick auf unsere gemeinsame Zeit. „Was hat dir an der Konfirmandenzeit gefallen?“ so lautete eine der Fragen in der vorletzten Konfistunde. „Dass wir alle zusammen lachen konnten“, hat jemand von euch dazu geantwortet.

Ja, wir haben zusammen gelacht! Und das sollte niemand geringschätzen.

Da war Lachen und Freude in der Konfizeit: bei den gemeinsamen Spielen zu Beginn des Jahres; in den vielen Projekten; bei unserem sog. „Casino – Abend“ auf der Freizeit, allein schon bei den Montagsmalern… Beim Singen mit Herrn Scheffler und genauso auch beim Gestalten eurer Taufkerzen.

Ja, bei Kirchens darf gelacht werden! Und ihr habt, wie alle, ein Recht aufs Unbeschwertsein. Auf Glück und auf Leichtigkeit. Gerade in unserer Zeit. Nachher, im Wechselgespräch zwischen euch und dieser Gemeinde, werden wir es zusammen sagen: „Das Leben ist schön. Wir freuen uns, dass wir leben. / Lasst euch die Freude durch nichts und niemanden nehmen.“ Ja - und das meinen wir Erwachsenen nun wieder ziemlich ernst J. Ihr habt ein Recht darauf, glücklich zu sein.

Worüber werdet ihr euch wohl heute freuen? Ganz sicher darüber, dass heute eure Familie euretwegen zusammen gekommen ist und euch alles Gute wünscht. Sicher auch über die Geschenke, die ihr bekommen werdet. Über den Segen Gottes, den er euch schenkt, und darüber, dass ihr nun von den Erwachsenen anders angesehen und anerkannt werdet. Einige freuen sich darüber, dass die Konfizeit nun zu Ende ist - andere wieder bedauern das.

Vielleicht ist es für euch auch interessant zu erfahren, worüber ich mich heute freue: zuerst einmal freue ich mich, dass ihr alle hier heute in der Kirchenbank versammelt seid und konfirmiert werdet. Das war zwischenzeitlich nicht immer selbstverständlich. Manchesmal war ich wie eine Hirtin, die ihre Herde gut zusammenhalten musste. Aber nun seid ihr alle da, und ich bin froh!

Ich bin gern mit euch auf dem Weg gewesen – auch wenn es manchmal ziemlich laut war. Ich habe mich gefreut über eure wachen Fragen und Gedanken; z.B. auch über die eigenen Psalmen, die ihr auf der Konfifreizeit formuliert habt. Und die davon erzählen, wie viel ihr von Gott schon verstanden habt. Das zu lesen, das hat mich richtig glücklich gemacht. Wir haben zusammen nachgedacht, welche Bedeutung Jesus für uns hat, und wie wir zusammen leben können.

Manche Fragen haben wir auch nicht beantworten können miteinander. Z.B. diese: „Was hat Gott eigentlich gemacht, bevor er die Welt erschaffen hat?“ (Auf solch eine Frage muss ja auch erst mal kommen!) oder diese Frage: „Warum redet Gott heute nicht mehr so wie zur Zeit der Bibel?“ Ich bin sicher, er redet noch! Aber vielleicht müssen wir viel genauer hinhören, um seine Stimme zu verstehen. Jemand, Elie Wiesel, hat einmal gesagt: „Die Frage ist die Königin der Antwort!“ Also wichtiger. Wie langweilig wäre es, wenn wir schon alle Antworten wüssten! Aber wenn wir weiterhin Fragen haben, dann bleiben wir innerlich neugierig und lebendig, und das Leben bleibt spannend. Wer weiß, vielleicht finden wir die Antworten ja später.

Doch nun noch einmal zur Lebensfreude zurück: ihr bekommt heute von uns einen Martin Luther geschenkt. Einen Playmobil - Luther. Vielleicht stutzt ihr jetzt, lacht darüber und denkt: „Was soll das denn?“

Der kleine Luther soll euch an die Freude erinnern. Wir feiern ja in diesem Jahr das 500. Gedenken an die Reformation, die er ins Rollen gebracht hat. Luther hat vieles Neue erkannt und hat die Kirche umgekrempelt. Und ich behaupte: er hat den Menschen seiner Zeit die Freude zurückgebracht. „Ihr habt einen gnädigen Gott. Darum soll und muss ein Christ ein fröhlicher Mensch sein.“ Das sind seine Worte. Oder: „Liebe ist Freude. Freude ist Liebe. Und Freude ist Leben.“

Ja, Luther wusste, dass es ohne Freude kein Leben gibt, dass ohne Freude das Leben nicht lebenswert ist. Lachen und Freude sind ein Lebenselixier. Lachen ist heilsam für Körper und Seele. Es macht das Leben leichter. Darum sagte Luther: „Gott möchte uns fröhlich sehen. Wenn Gott wollte, dass wir traurig wären, würde er uns nicht Sonne, Mond und die Früchte der Erde schenken.“

Freude ist Leben. Freude macht unser Leben lebenswert. „Gott ist ein Geist der Freude,“ sagte Martin Luther. Das bedeutet: wir müssen keine Angst mehr haben. Luther hat den Menschen die Angst vor Gott genommen und hat ihnen die Freude an ihm wiedergegeben. So hat er lachende Gesichter in die Kirchen gezaubert. Und er hat die Bibel übersetzt. Nun gilt nicht mehr der unreflektierte Gehorsam gegenüber einem einzelnen Priester, sondern es gilt die Freiheit des eigenen Lesens und Denkens. Nun müssen wir nicht mehr in der Lebensangst oder gar in der Todesangst verharren, sondern können Gott ganz vertrauen.

Nun sind wir nicht mehr unmündig, sondern dürfen mündige, aufrechte Christinnen und Christen sein.

Luther hat für uns den Weg zur Freude wieder frei gemacht, auch den Weg zur Freude über Gott. Daran soll die kleine Lutherfigur euch erinnern. Nun können wir in guten wie in schwierigen Tagen sagen, so wie es in euren eigenen Psalmen steht: „Gott ist mein Fels in der Brandung. Er ist die Mauer, auf die ich mich stützen kann. Das Haus, das mir Zuflucht gibt. Ihm vertraue ich.“

Und ich, ich wünsche euch, dass ihr alle Gottes Nähe in eurem Leben weiter erfahrt und es erlebt, dass er bei euch ist. Ich wünsche euch, dass Gottes Licht mit euch ist. An vielen Tagen ist sein Licht wie die helle Sonne; an manchen Tagen ist es auch wie das Licht der Sterne am dunklen Nachthimmel, aber es ist immer da.

„Und euer Herz soll sich daran freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen.“

Amen.

am 26.3.2017 von Vikarin Anne Kampf

Liebe Gemeinde,

Worte sind oft schwer verdaulich. Auf manchen Worten, die wir zu hören bekommen,  müssen wir erstmal ordentlich herumkauen, bevor wir sie runterschlucken können. Mit dem Lesen ist es oft genauso. Dem englischen Philosophen Sir Francis Bacon wird ein Zitat zugeschrieben, das ich hier in Bad Nauheim vor der Stadtbücherei entdeckt habe: „Manche Bücher darf man nur kosten, andere muss man verschlingen und nur wenige kauen und verdauen.“ Welche Bücher sind wohl für Bacon die besseren? Diejenigen, die er nur kosten darf? Die, die er verschlingt? Oder die, die er kauen und verdauen muss?

Der Predigttext für den heutigen Sonntag gehört zur letzten Kategorie: schwer verdauliche Kost aus dem Johannesevangelium. Hören Sie doch mal hin, ob Ihnen diese Worte schmecken oder nicht.

Johannes 6, die Verse 55 bis 65:

Mein Fleisch ist die wahre Speise, und mein Blut ist der wahre Trank.
Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm.
Wie mich gesandt hat der lebendige Vater und ich lebe um des Vaters willen, so wird auch, wer mich isst, leben um meinetwillen.
Das sagte er in der Synagoge, als er in Kapernaum lehrte.
Viele nun seiner Jünger, die das hörten, sprachen: Das ist eine harte Rede; wer kann sie hören?
Da Jesus aber bei sich selbst merkte, dass seine Jünger darüber murrten, sprach er zu ihnen: Nehmt ihr daran Anstoß?
Der Geist ist's, der da lebendig macht; das Fleisch ist nichts nütze. Die Worte, die ich zu euch geredet habe, die sind Geist und sind Leben.
Aber es sind etliche unter euch, die glauben nicht.
Darum habe ich euch gesagt: Niemand kann zu mir kommen, es sei ihm denn vom Vater gegeben.

Kein Wunder, dass die Jünger sich ärgern. Ich stelle mir vor, dass sie richtig mit Jesus schimpfen. „Was sollen wir?!? Dein Fleisch essen und dein Blut trinken?!? Das ist ja eklig, was wir uns hier anhören müssen – und dann auch noch in der Synagoge!“ – Bei der Vorstellung von rohem Fleisch auf dem Teller und Blut im Becher kann es einem ja nur schlecht werden! Menschenfleisch essen – die frommen Juden, die Jesus in dieser Szene zuhören, kennen diese Vorstellung aus einem griechischen Kult, aber für sie selbst und ihre Religion ist das ein absolutes Tabu.

Es ist völlig klar: Die Rede Jesu kann nicht wörtlich gemeint sein. So schwer verdauliche Worte sind eine unerhörte Provokation. Eine krasse Überspitzung. Ein inszeniertes Missverständnis. Der Kontext hilft, das zu erkennen: Vor unserem Predigttext berichtet Johannes von der Speisung der 5000 und Jesus sagt: „Ich bin das Brot des Lebens“, was ja viel appetitlicher klingt. Direkt nach unserem Predigttext geht es darum, wer von den Jüngern bei Jesus bleibt und wer sich abwendet. Für die Leser heißt das: Nur wer das Bild vom Fleisch und Blut richtig versteht und sich hier nicht auf die falsche Fährte schicken lässt, bleibt in der Gemeinschaft.

Ich will versuchen, diese seltsame Rede zu erklären. Und dabei auch mit Ihnen darüber nachdenken, was das Ganze für uns heute als Christinnen und Christen bedeuten könnte.

Es geht ums Essen und Trinken, um die tägliche Nahrung, die uns am Leben erhält. Aber nicht um die Pausenbrote in der Schule oder das Festessen, auf das sich die Tauffamilie jetzt schon freut – nein, der Text spricht von der geistlichen Nahrung. Jesus löst es ja in Vers 63 selbst auf: „Der Geist ist's, der da lebendig macht; das Fleisch ist nichts nütze. Die Worte, die ich zu euch geredet habe, die sind Geist und sind Leben.“

Dieses Motiv ist den Adressaten des Johannesevangeliums durchaus bekannt, jedenfalls wenn sie bibelfest sind. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht“, heißt es im 5. Buch Mose. „Dein Wort ward meine Speise, sooft ich's empfing“, sagt der Prophet Jeremia, und sein Kollege Hesekiel muss eine Schriftrolle runterschlucken, die in seinem Munde „so süß wie Honig“ schmeckt. Gottes Wort als Speise.

Nun warten vielleicht einige von Ihnen vermutlich darauf, dass ich auf das Abendmahl zu sprechen komme. Darum geht es doch wohl scheinbar in diesem Text: um das Ritual, bei dem wir symbolisch Leib und Blut Christi verspeisen. Das wäre ja solche geistliche Nahrung: Wir stehen um den Altar, wir essen eine Hostie und trinken einen Schluck Saft, weil durch das Sakrament unser Glaube und unsere Gemeinschaft gestärkt werden.

Der Theologe Jan Heilmann hat vor ein paar Jahren Aufsehen erregt mit seiner Doktorarbeit über das Johannesevangelium. Heilmann sagt: Die Brotrede Jesu inklusive dieser Stelle mit dem Fleisch und Blut hat nichts, aber auch gar nichts mit dem Abendmahl zu tun. Sondern das ist eine Metapher. Heilmann sagt: Essen und Trinken stehen dafür, dass man Worte in sich aufnimmt. Fleisch von Menschen essen, das konnte in der Antike heißen, dass man ihre Bücher las. So ähnlich, wie wir heute auch sagen, dass wir „ein Buch verschlingen“. 

Mich überzeugt Heilmanns These. Sie passt zum Johannesevangelium: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort“, so beginnt es, und dann: „das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns.“ Der Begriff „Fleisch“, der steht in unserem Predigttext nicht, um uns anzuekeln, sondern weil der Evangelist Johannes damit etwas deutlich machen will: Nämlich dass es um den ganzen Jesus geht, sozusagen mit Haut und Haaren, mit Leib und Seele. Denn seine Worte und seine Person, sein Reden und Wirken sind nicht voneinander zu trennen. Wer zu ihm gehören und ihm nachfolgen will, kann nicht nur hier und da ein Stück abbeißen, sondern muss ihn sich – um im Bild zu bleiben – komplett einverleiben.

Was kann das das nun für uns bedeuten? Die wir als Christinnen und Christen in Bad Nauheim wohnen oder zur Reha hier sind, die wir unsere Kinder taufen lassen? Und was kann es speziell am Sonntag Laetare bedeuten, an dem schon die Vorfreude auf Ostern durchschimmert, obwohl noch Passionszeit ist?

„Wer mein Fleisch isst und trinkt mein Blut, der bleibt in mir und ich in ihm.“ Interessant ist das Verb, das hier im Griechischen steht. Es heißt nicht einfach nur „essen“, sondern: nagen und zerkauen, beißen und dabei richtig mit den Zähnen Krach machen, auf etwas herumkauen.

Ich tue das oft. Auf Texten der Bibel oder auch Glaubenssätzen unserer Kirche herumkauen. Weil sie kaum zu verstehen sind. Noch schwieriger finde ich manches, was Jesus von seinen Nachfolgerinnen und Nachfolgern erwartet. Daran beiße ich mir die Zähne aus. Vermutlich geht es Ihnen ähnlich.

Gerade die Sache mit dem Leiden und Sterben Jesu… Wie sollen wir das verstehen: „Für uns gestorben?“ Jemand hat mich vor kurzem gefragt: Glaubst du wirklich alles, was im Glaubensbekenntnis steht? „Hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden…“ – so, wie wir es jeden Sonntag hier in der Kirche bekennen. Die Antwort fiel mir schwer.

Aber heute, nach der Beschäftigung mit dieser Fleisch-und-Blut-Rede, kann ich sagen: Wenn „glauben“ bedeutet, darauf herumzukauen, zu fragen und zu zweifeln, mich aufzuregen wie die Jünger – dann ist meine Antwort: Ja. Ich kann glauben, weil mir klar geworden ist: Mein Glaube ist nicht fertig und wird niemals fertig werden im Sinne von: „Jetzt hab ich’s kapiert!“ – Sondern Jesus ist nun mal schwer verdaulich, ich muss auf ihm herumkauen! Das ist okay so! Gründliches Kauen hilft ja, die Nahrung besser zu verdauen.

Das Schöne an der ganzen Sache ist: Wir sind nicht allein mit unserem Fragen und Zweifeln und Kauen. Da sind andere – wie jetzt hier in der Dankeskirche oder im Hauskreis oder im theologischen Seminar … – da sind einige, die sich gemeinsam an ihm die Zähne ausbeißen. Und manchmal erleben wir, wie beim Herumkauen auf den Worten etwas durchschimmert. Etwas, das wir nicht produzieren können, sondern was sich von selbst einstellt: Eine Gewissheit, eine Ruhe, ja ein geistliches Sattwerden. Manchmal stellt sich beim gemeinsamen Nagen an seinen Worten wie von selbst eine tiefe Freude ein. Freude darüber, dass wir „in ihm bleiben und er in uns“. 

zur Christvesper 2016 von Pfarrer Rainer Böhm

Liebe Gemeinde an Weihnachten,

drei verschiedene Geschichten gingen in den letzten Tagen mit mir um, und das Gefühl, sie gehören zusammen.

Nach dem Adventssingen am 1. Advent kam eine Frau wieder zurück in die Dankeskirche. Sie fragte den Küster: „Ist das Ihr Christbaum, der da hinten im Park in einem Abfalleimer steht?“ Es war tatsächlich unser Baum, den wie jedes Jahr der städtische Bauhof hier an der Kirche abgelegt hatte. Hinein nehmen können wir ihn nicht, sonst nadelt er zu schnell. Zu dritt haben sie ihn dann zurück gebracht und wieder draußen abgelegt. Manches Risiko muss man einfach eingehen. Wer klaut der Kirche schon den Weihnachtsbaum? Verfall christlicher Werte oder ein Streich dummer Jungs? Seine Spitze war nicht mehr so ganz in Ordnung. Aber das fällt niemandem auf, meinte Herr Horstmann, unser Küster.

Was verbinden die Deutschen mit Weihnachten? Platz drei hält die Zeit mit der Familie. Auf Platz zwei landen die Geschenke. Und auf Platz eins der Christbaum – was ich gut nachvollziehen kann. Oh Tannenbaum, sage ich nur. Er ist wohl Teil unserer Leitkultur. Und ich stelle mir die vielen Flüchtlinge vor, die zum ersten Mal Adventskränze und Weihnachtsbäume gesehen haben. Seltsam der Gedanke, dass in den meisten Ländern Weihnachten auch ganz ohne ihn funktioniert. Welche Bedeutung er bei uns hat, kann man ablesen an den häuslichen Diskussionen: Schlicht oder bunt; Lametta oder Strohsterne; rote, goldene oder sonst welche Kugeln; Nordmann oder Fichte; echte Kerzen oder elektrische.

Den Schmuck an diesem Baum hat unser Küster selbst gemacht. Der Baum nicht ganz so hoch, damit er sich in der Kirche leichter schmücken lässt. Aber was bitte hat er mit Weihnachten zu tun?

Soweit war ich mit meiner Predigt gekommen, als der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin geschah. Ein Bild der Idylle gegen das Grauen dort. Ein niederträchtiges Attentat auf völlig unschuldige Menschen. Wie lässt sich da noch vom Weihnachtsbaum und über Lametta sprechen? Ich schrieb sofort eine Nachricht an meine jüngere Tochter, die in Berlin studiert. Am Tag vorher hatten wir noch über die Adventsmärkte dort gesprochen. Ich machte mir Sorgen. Sie hat überraschenderweise innerhalb einer Minute geantwortet und ich war beruhigt. Unzählige Menschen haben in den Stunden nach dem Anschlag nach Freunden und Verwandten in Berlin gefragt, wie ich am nächsten Tag im Radio hörte. Aus Sorge, Verbundenheit, Verantwortung. Viele kleine Zeichen einer solidarischen Gemeinschaft im Alltag.

Ein offener Staat lässt sich so leicht ausspielen, wie sich unser Christbaum entwenden lässt. Wir wollen den Baum nicht anketten. Wir wollen weiter schöne Weihnachtsmärkte haben.

Und schließlich die Weihnachtsgeschichte: Gott wird Mensch, erzählt sie uns. Und in vielen Farben malt sie die Lächerlichkeit Gottes aus, der nicht an seiner Macht und Überlegenheit festhält. Er geht in die Knie, er lebt unser Leben, er spricht die Sprache unseres Stammelns.

Er geht in die Knie wie ein Vater sich klein macht unter dem Baum, wo die Geschenke liegen. Er macht sich klein, um bei dem Kind zu sein, etwas aufzubauen. Das geht nicht von ganz dort oben.

Der Sohn Gottes, der kleine König, hat keinen Ort, wo er mit Anstand geboren werden kann. Ein zugiger Stall ist gut genug für ihn. Es huldigen ihm ein paar zerlumpte Hirten. Der kleine König wird versteckt und heimlich außer Landes gebracht, denn die Macht trachtet nach seinem Leben. Er ist nicht der erste Flüchtling und wird nicht der letzte sein.

Unsere Welt wird nicht gerettet durch die Macht der Mächtigen, sondern durch die Teilnahme Gottes an unserer Ohnmacht und unserem Leid. Gott geht in die Knie in Jesus, wie wir in die Knie gehen, wenn das Leben uns schlägt. Er hat gelernt, was Hunger und Durst sind, Einsamkeit, Angst und Gewalt. Ob Menschen Brot haben oder nicht, ob sie geschlagen werden oder in Ruhe leben können, ob sie bombardiert werden oder nicht – das alles ist eine spirituelle Angelegenheit geworden, seit Gott unsere Wunden trägt.

Seit Gott unsere Gestalt angenommen hat, ist alles wichtig geworden: Brot und Wasser, Glück und Wunden, Zerstörung des Lebens und seine ganze Fülle,

Die Bibel erzählt uns, dass der kleine König gesiegt hat – er ist auferstanden, die Mächte des Todes haben verloren. Die Geschichte von der machtlosen Liebe, die das Leben gewinnt, ist schwer zu glauben. Was wir immer wieder erfahren, spricht gegen sie. Aber wie könnten wir leben ohne sie. Sie ist der versprochene Segen, wenn uns das Leben in die Knie zwingt. Sie ist Ausgangspunkt und Ziel zugleich.

Der Weihnachtsbaum, die Gewalt in Berlin oder Syrien, die Weihnachtsgeschichte. Sie passt in unsere heutige Welt. Schon zu Zeiten von Jesus war Frieden ein wahres Wunder, etwas Verletzliches und Bedrohtes – wie heute. Kurz nach seiner Geburt geschah der bethlehemitische Kindermord. Grausam wie die Kriege heute. Deshalb wird der kleine König so demütig angebetet: ‚Friede auf Erden‘ – das ist ein himmlisches Geschenk. Wir müssen lernen, ihn zu bauen und seinen Wert zu ermessen. Er entsteht nicht durch Ausgrenzung und nicht durch Rechthaberei.

Es ist der Triumph der Milde über die Macht, der Klugheit über die Bosheit, des Kindes über den Krieg. Ein pragmatisches Miteinander der Religionen, wie es bei der Trauerfeier in Berlin sichtbar geworden ist.

Und der Baum? Er ist Symbol für den Paradiesbaum. Das Paradies ist nicht mehr verschlossen, der Engel steht nicht mehr davor, die Tür ist geöffnet. Deshalb hängen wir Paradiesfrüchte an diesen Baum, Äpfel oder rote Kugeln. Hier in unserem Baum sind übrigens immer noch zwei Vogelnester versteckt. Er hat also zwei Vogelfamilien im Vogelsberg, wo er gewachsen ist, eine Heimat geboten.

Und wenn wir dann vom Weihnachtsbaum aus auf die andere Seite gehen zu unserer Weihnachtskrippe, dann haben wir dort die Liebe Gottes vor Augen mit dem Kind in der Krippe. Mehr braucht es nicht, damit es Weihnachten werden kann.

Mehr braucht es nicht, damit so manche Unstimmigkeit oder Einsamkeit in unserem Leben heil wird. Denn Gott betrachtet unser unvollkommenes und gewöhnliches Leben mit liebevollen Augen und mit Wertschätzung, wohlwollend. Beim ihm gilt Gnade vor Recht – für jeden von uns. Das ist seine Art, unsere heillose Welt heil zu machen: Mit Menschlichkeit und Liebe. Das wollen wir heute feiern, heute am Heiligen Abend! Amen.

Adventsandacht am 17.12.2016 von Pfarrer Rainer Böhm

Fürchte dich nicht

I. Vom Unmöglichen getroffen

Manchmal passiert einem etwas Unerwartetes.

Manchmal wird man vom Unmöglichen getroffen.

Was bedeutet es wohl: schwanger zu werden?  Plötzlich ist alles anders, plötzlich verändert sich der ganze Körper, das ganze Leben. Alles muss umgestellt werden: die Ernährung, die Lebensweise. Und man merkt, wie da etwas Neues heranwächst.

Vielleicht können wir der Erfahrung nachspüren, die Maria gemacht hat, nämlich Christus in uns Raum zu geben, zu erfahren wie das ist, wenn das Wort Fleisch wird.

Doch beginnen wir noch einmal von vorne.

Da steht ein Engel im Raum und äußert einen ungewöhnliches Gruß:
„Sei gegrüßt, du Begnadete des Herrn, der Herr ist mit Dir!“

„Sie erschrak über das Wort und sann darüber nach.“

Der Schrecken ist eine der häufigsten Reaktionen, von denen die Bibel berichtet, wenn jemand eine Gottesbegegnung hatte. Weniger die Angst vor einem strengen Richter oder einem unendlichen Wesen, sondern vielmehr der Adrenalinschub, der einen durchfährt, wenn man im Dunkeln etwas neben sich spürt, wenn man merkt: diese Silhouette dort, dieser Schatten dort – da steht jemand. Die Gedankenfetzen, die einem kommen, wenn man sich alleine wähnte und doch ist dort jemand.

Umso erstaunlicher, dass berichtet wird, wie Maria weniger über das Engelswesen erschrak, als über diesen rätselhaften Gruß. Sie ließ sich verwirren, führte nicht das Unbekannte in das eigene Weltbild zurück, sie ließ sich ein auf das Gesagte. Auf das schier Unmögliche.

„Fürchte dich nicht, denn Du hast Gnade gefunden bei Gott!“

Es gibt viel Furchteinflößendes: in der Welt, im eigenen Leben und auch in dieser Begegnung. Es geht hier vielleicht auch um die Furcht, die einem befällt, wenn etwas Neues entsteht, etwas, dass noch keine festen Konturen hat.

Fürchte dich nicht, denn hier ist Gnade, fürchte dich nicht, denn du bist angenommen, fürchte dich nicht, denn hier entsteht etwas Neues, etwas Heilsames!

Und dann lesen wir die Beschreibungen dieser mysteriösen Empfängnis: „der Heilige Geist wird über dich kommen, die Kraft des Höchsten wird dich überschatten“. So wie der Heilige Geist aus dem Chaos der Urflut, das Leben schaffte, so soll hier in einer chaotischen Welt etwas völlig Neues entstehen. Gott will hier zur Welt kommen.

II. Raum geben

Wenn man Unglaubliches erlebt, ist man gezwungen Antworten zu finden. Man muss sich dazu verhalten. Maria fand eine Antwort indem sie sagte: „Mir geschehe nach deinem Wort!“.

Raum geben heißt, dass da etwas in uns wachsen darf, dass zugleich innig mit uns verbunden ist und doch fremdartig, doch etwas Neues, ist. Etwas, das wir uns nicht so recht ausmalen können. Etwas, worüber wir nicht verfügen können.

Raum geben bedeutet, dass etwas in uns Resonanz finden kann und unsere ständig um uns kreisenden Gedanken unterbricht.

Raum geben heißt vor allem, dass wir bereit sind, der Ort zu sein, an dem etwas Neues in die Welt treten kann.

Es bedeutet, dass wir Gott zutrauen, dass er mitten in der Unaufgeräumtheit unserer Leben, Gestalt gewinnen will.

Und Raum machen für Gott  ist nicht zu trennen davon, dass man Raum macht für den anderen.

Das kann schon damit beginnen, einander richtig zuzuhören, der Stimme des Anderen Raum zu geben. Oder es kann heißen, dass wir einen Raum schaffen, an dem der Andere aufatmen kann, an dem er sich zeigen darf. An dem er nicht fürchten muss, meinen Vorstellungen unterworfen zu werden, an dem er mein Urteil nicht fürchten muss.

Raum geben heißt eben auch: Zeit geben, Aufmerksamkeit geben, gute und hilfreiche Worte geben, manchmal auch kritische Worte.

III. Der Aufruhr

Etwas weiter im Evangelium des Lukas steht das Magnifikat, das Gebet der schwangeren Maria. Und das ist ein äußerst aufrührerisches Gebet:
„Er vollbringt mit seinem Arm machtvolle Taten: Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.“

Die Metapher des Raum Gebens wird schief, wenn man nicht betont, dass sich dadurch auch etwas ändert. Dort, wo Gott Gestalt gewinnen darf, da können auch Welten ins Wanken geraten. Da bekommen plötzlich Menschen Raum, die sonst gar nicht im Licht der Öffentlichkeit stehen: Die, die sich im Zentrum der Aufmerksamkeit wähnen, die die sich selbst für wichtig halten, müssen auch mal zurücktreten und die, die am Rand standen kommen plötzlich ins Rampenlicht. Die Privilegierten gehen plötzlich leer aus und die Hungernden werden gesättigt. Man entfernt den kritischen Stachel aus der Adventszeit, wenn man aus ihr nur eine besinnliche Zeit macht..

Advent ist eine gefährliche Zeit, in der Fragen aufgeworfen werden, in der wir in Frage gestellt werden. Denn wo einem Gott zustößt, da werden Leben geöffnet und da kommen Welten ins Wanken.

Und manchmal passiert einem etwas Unerwartetes.

Manchmal wird man vom Unmöglichen getroffen.

Fürchte dich nicht.

zum Buß- und Bettag 16.11.16 von Pfarrer Dr. Ulrich Becke

Buße und Gnade – kein größerer Gegensatz ist denkbar.

Das fängt schon beim Klang an: Buße: dumpf, trüb niederdrückend wie das Tuba mirum im Requiem, der Ruf zum Gericht Gottes. Althochdeutsch büezen bedeutet „bessern, wiedergutmachen, vergüten“. Im NT steht hier metanoia, „Sinnesänderung, Umkehr“, also der Blick nicht auf die Aktion des Wiedergutmachens gerichtet, sondern nach innen. Gnade: das klingt dagegen hell und klar, gleichsam ein wie ein Trompetenruf. Althochdeutsch genade bedeutet „Rast, Behagen, Gunst, Erbarmen“. Vielleicht hören wir dabei zu Recht Händels Arie Ombra mai fu aus der Oper Serse oder Xerxes, wo jemand überraschend und erquickend Schatten und Frieden unter einem Baum findet. Im NT steht charis, das hat also mit Charisma zu tun, der hellen Ausstrahlung, die jemand verschenkt – wie eine große unverdiente Gnade eben für den, der das Charisma hat und den, den er damit beschenkt.

Wo reden wir heute von Buße, von Gnade – außerhalb der Kirche?

Buße: ein Bußgeldbescheid kommt ins Haus – jemand verbüßt eine Haftstrafe– ein anderer erlebt eine Einbuße am Lohn – das wirst du mir büßen! droht uns jemand

Gnade: der eine erhält das Gnadenbrot, der andere den Gnadentod – eine andere wird begnadigt – es gab den Richter Gnadenlos in Hamburg - ob die Gnadenhochzeit (70 Jahre) wirklich Gnade ist, sei dahingestellt – gnädige Frau stirbt als Anrede in der Hallo- und Tschüss-Zeit aus.

Ein großer Schritt nun zurück – zu dem, mit dem alles anfing: Martin Luther.

Was ihm Buße und Gnade bedeutete, was er darüber am eigenen Leib, an der eigenen Seele erlernt und weitergegeben hat, das ist Fundament des Protestantismus – und Protestanten sind wir ja schließlich alle - aus gutem Grund, oder?

Wie kriege ich einen gnädigen Gott? Mit dieser Frage quält sich Luther ein halbes Leben lang herum. Sein Grundgedanke: Gott ist absolut gerecht – wir Menschen absolut unvollkommen. Also heißt Gerechtigkeit Gottes: am Ende aller Zeiten macht uns Gott gründlich fertig für alle unsere Sünden und Unvollkommenheiten.

Im Bild, das damals in vielen Kirchen zu sehen war, Luther war es von Kindheit an unheimlich vertraut: Gott hat ein Schwert, das aus seinem Mund dringt, um die Bösen – und damit eigentlich uns alle – kräftig zu strafen.

So sieht ihn der junge Martin von klein an in vielen Kirchen abgebildet als einen terroristischen Gott, der nur Furcht auslöst, ein Gott wirklich und wahrhaftig  zum Abgewöhnen. Das aber will Martin gerade nicht, er will diesen Gott lieben und kann es doch nicht. So beginnt er ihn zu hassen eben wie ein völlig unerreichbares und auch völlig unwürdiges Liebesobjekt, weil er sich nicht traut, vor sich selber einzugestehen: ich hasse Gott,  sagt er – als Projektion und Umkehrung - : Gott hasst mich.

Sein therapeutischer Novizenmeister Johann von Staupitz (ohne ihn: keine Reformation!) hält ihm entgegen: nicht Gott hasst Dich, er ist die Liebe, nein: du hasst Gott! Und jetzt sucht Martin verzweifelt nach Gründen, Gott lieben zu können in einer langen und spannenden Suche.

Auf der Klosterkloake, dem einsamen Mönchsabort erhält er schließlich die Erkenntnis geschenkt: Gott straft nicht in seiner absoluten Gerechtigkeit, nein, er schenkt sie uns aus freien Stücken, um uns frei zu sprechen von allem.

Das ist die reformatorische Grunderkenntnis – ABER: da ist eben noch etwas: da ist das freie Geschenk der Gnade Gottes, ohne Ablasszettel, ohne Wallfahrten, ohne Rackern und Mühen mit guten Werken und Klosteraskese.

Aber da ist doch auch eine grundlegende Vor-Bedingung bei uns Menschen nötig: eben die BUSSE!

Eigentlich ist der Gedanke kinderleicht: nur einem Kind, das sagt, ich hab was falsch gemacht, können wir sagen: halb so schlimm oder gar nicht schlimm, beim nächsten Mal machst Du es besser!

Ohne Reue keine Verhaltensänderung, ohne Buße keine Gnade

Wer nur Buße! Buße! denkt und fordert und die Gnade vergisst, wird zur verkrüppelten Seele oder zum Masochisten

Wer aber nur Gnade! Gnade! betont, der (oder die) verliert alle Maßstäbe für das richtige eigene Handeln, verliert jede Kritikfähigkeit gegenüber sich selbst.

Das wird brisant im Politischen, je und je in unserer Gegenwart und Gesellschaft: Was ist mit einem uralten Mann, der Naziverbrechen mitverübt hat und jetzt noch vor Gericht und in den Knast soll? Wo Gnade zu billig und unter jedem Preis verschenkt wird, verliert sie ihren kostbaren Wert. Wo wir gnädig umgehen mit einem, der bereut und Buße zeigt, können wir das nur, weil Gott selbst uns seine kostbare Gnade schenkt, wo wir Buße getan haben.

Martin Luther sagt in den 95 Thesen:

 Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: "Tut Buße" usw. (Matth. 4,17), hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sein soll

Also sollen, nein: dürfen wir nachdenken über uns und unsere Kriterien und unser Handeln Tag um Tag, konzentriert und offen für Kritik und Selbstkritik.

Buße, griechisch metanoia, neues Bewusstsein, das lässt uns umdenken, so wie einst die Perestroika in Russland, umdenken und umgestalten. Das verleiht uns Freiheit der Selbstreflexion.

Das öffnet uns und anderen Wege in ein neues Sein der Freiheit, in eine neue und bessere, für alle bessere Welt!

Das ist der Weg hin zum Horizont, an dem alle von uns gesetzten engen Grenzen schwinden, wo die Freiheit eines Christenmenschen, ja die Freiheit aller Menschen, die guten Willens sind, recht eigentlich beginnt.

AMEN

zum Reformationstag 2016 von Pfarrerin Susanne Pieper

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn und Bruders Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Liebe Gemeinde,

„Not lehrt beten“. So behauptet der Volksmund. Das meint: wenn uns der Schuh drückt, wenn uns etwas auf den Nägeln brennt, wenn es uns schlecht geht, dann wenden wir uns an Gott. Kürzlich erzählte mir ein alter Herr, den ich zu seinem Geburtstag besuchte, dazu eine Geschichte. Er war in seinem aktiven Berufsleben ein Seemann. War zuhause auf den vielen Meeren dieser Erde. Und er sagte zu mir: „Wissen Sie, die Leute an Land meinen, Seeleute seien rauhe Kerle. Das sind sie auch. Aber sie sind gottgläubig. Wenn man auf See in Bedrängnis kommt, dann faltet man die Hände und betet. Auf dem Meer ist man Gott näher als an Land.“

Not lehrt beten. Was für den alten Mann noch selbstverständlich ist, ist es für viele Jüngere längst nicht mehr. Das Beten ist heute bei vielen Menschen aus der Mode gekommen. Man kann den Eindruck bekommen, dass wir eher „Not mit dem Beten“ haben. Das sagen mir jedenfalls manche Konfirmandinnen und Konfirmanden, wenn wir im Unterricht über das Beten sprechen: „Früher haben die Eltern mit mir vor dem Einschlafen gebetet. Aber das ist ja lange her.“ Oder sie sagen: „Wenn wir bei den Großeltern zu Besuch sind, dann beten wir vor dem Essen. Zuhause kommt das eher selten vor.“

Es ist nicht leicht mit dem Beten. Oft nehmen wir uns keine Zeit dafür: am Morgen nicht, weil alles schnell, schnell gehen muss. Bei Tisch nicht, weil die Mittagspause eh nur so kurz ausfällt. Und am Abend sind wir zu erschöpft dazu.

Es ist nicht leicht mit dem Beten. Wie können wir es machen? Wie ist es stimmig für uns? Was geht? Was nicht?

Den Jüngern Jesu ist es ähnlich ergangen. Eines Tages bitten sie Jesus: „Lehre uns beten!“ Und Jesus gibt ihnen das Vaterunser an die Hand. So wird es zum Gebet schlechthin. Kurz. Konzentriert. Das Wesentliche zusammengefasst. „Damit ihr nicht plappert wie die Heiden“, wie Jesus es an anderer Stelle betont. Es geht nicht darum, viele Worte zu machen. Es geht nicht darum, andere mit der eigenen Beredsamkeit zu beeindrucken.

Wer betet, geht zunächst nicht nach außen. Das Beten – das ist nicht etwas, was sich hören lassen will. Was sich sehen lassen will. Es ist etwas sehr Privates. Ja Intimes. Deshalb fordert Jesus die Jünger auf, sich zum Beten zurückzuziehen, ins stille Kämmerlein zu gehen.

Beim Beten bin ich nur für mich. Niemand hört mich sonst. Niemand sieht mich. Ich gehe hinein in die Besinnung. Ich brauche wirklich nur zu sagen, was mir auf dem Herzen liegt. Und Gott, der ins Verborgene sieht, wird es hören und wahrnehmen. Für das, was wir sagen sollen, dafür hat Jesus uns das Vaterunser ans Herz gegeben und ans Herz gelegt.

Auch die Menschen zur Zeit Martin Luthers hatten es nicht leicht mit dem Beten. Luther kannte ihre Schwierigkeiten. Einerseits trauten sie sich nicht, Gott mit ihren Anliegen zu bedrängen. Andererseits meinten sie, Gott wisse sowieso schon alles. Er sei schon im Bilde, wisse, was der Einzelne nötig habe und was ihm fehle. Daher sei es gleichgültig, ob man sich an ihn wende oder nicht. Es mache keinen Unterschied.

Doch Luther widerspricht. Er erinnert die Menschen an die biblische Verheißung aus Psalm 50, 15 (an die „Telefonnummer Gottes“), wo es heißt: „Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten und du sollst mich preisen.“ Luther kann sagen: „Du musst Gott mit seiner Verheißung die Ohren reiben, bis sie heiß sind.“ Martin Luther macht Mut, zu beten, das Beten zu wagen, Tag für Tag. Am Morgen, am Mittag und am Abend. Dabei bedeutet Beten nicht nur die fromme Ergebung in Gottes Willen. Es kann auch die Frage und Klage sein: „Wo bist du jetzt, Gott? Warum mutest du mir das zu?“

Im Sinne Luthers können wir Gott anvertrauen, was uns gerade beschäftigt, was uns bewegt, was uns Druck macht, und was uns nicht zur Ruhe kommen lässt. Von Luther selbst stammt der Spruch: „Heute habe ich viel Arbeit. Deshalb muss ich viel beten!“

So zu beten, das ist wie ein unsichtbares Band, das uns mit Gott verbindet. Das da ist, auf das wir uns jederzeit zurückbesinnen können. Es kann sein, dass wir nur in Gedanken und ganz still und leise mit Gott im Gespräch sind. Es kann auch sein, dass wir halblaut dabei vor uns hin murmeln. Und es kann sein, das wir uns einfach am Geländer des Vaterunsers festhalten, weil wir sonst gerade keine eigenen Worte finden. Entscheidend ist es, im Kontakt zu sein.

„Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe.“ Die wichtigsten Dinge zuerst: so ist der Anfang jeden ernsthaften Gebetes, sagt Jesus: Gott die Ehre geben. Es geht um ihn. Mir bewusst machen, wem ich mein Leben verdanke, wer der Grund meines Lebens ist, wer mich hält, wer mich trägt, noch bevor ich den Mund aufmache. Sein Name steht über allen anderen Namen. Nichts ist wichtiger als er. Er soll größer werden; bekannt und geachtet werden. Dein Name werde geheiligt.

In seinem kleinen Katechismus, den Martin Luther verfasste, um den Menschen seiner Zeit einen Leitfaden an die Hand zu geben für ihr evangelisches Denken und Leben, schrieb er: „Gottes Name ist zwar an sich heilig, aber wir bitten, dass er auch bei uns heilig werde.“

Das bedeutet: Die Heiligung des Namens Gottes, die Wertschätzung und Ehre seines Namens ist nicht begrenzt auf heilige Orte, auf Kirchen oder Andachtsstätten. Und sie ist nicht begrenzt auf heilige Zeiten, auf Sonntage oder auf Feiertage. Die Heiligung des Namens Gottes geschieht im Alltag der Welt: dass wir auch am Montag oder Mittwoch oder Freitag die Welt und unsere Umgebung sehen und fragen: „Wie will Gott sie haben? Was ist sein Wille für diese, unsere Welt? Wie möchte er, dass wir miteinander leben? Als Familie, als Nachbarn, als Arbeitskollegen und -kolleginnen? Als Menschen verschiedener Herkunftsländer? Was will er von uns als Kirche?“

Die Heiligung des Namens Gottes bewährt sich im Alltag unserer Welt. Darin, dass wir die Versöhnung suchen nach einem Streit, darin, dass wir einander das Leben leichter machen, nicht schwerer. Darin, dass wir liebevoll und heilsam miteinander umgehen.

Das 500. Jubiläum der Reformation wird mit dem heutigen 31. Oktober eingeläutet. Vor uns liegt ein großes Jahr mit vielen Erinnerungen an die Reformationszeit, aber auch mit vielen Ereignissen, Angeboten und besonderen Gottesdiensten. Und mit der Frage, was „Reformation heute“ denn bedeuten könne. Für mich gehört auch dazu, für ein besseres Miteinander der Konfessionen einzutreten und dazu beizutragen, alte, verletzende Gräben und Spannungen zu überwinden und in der Gegenwart neue Wege miteinander zu beschreiten.

Darum ist es z.B. gut, dass Papst Franziskus sich am heutigen Tag in der schwedischen Stadt Lund aufhält und dort zusammen mit dem Präsidenten des Lutherischen Weltbundes einen ökumenischen Gottesdienst feiert zum Thema „Vom Konflikt zur Gemeinschaft.“ Diese ökumenische Geste ist ein großes Hoffnungszeichen in unserer Gegenwart.

Darum ist es z.B. gut, dass im März nächsten Jahres ein ökumenischer Gottesdienst, gemeinsam von der EKD und der Deutschen Bischofskonferenz, gefeiert wird, mit dem Thema „Healing of Memories“ – lasst uns anstreben, dass Erinnerungen heilen können; dass Wunden heilen können, die unsere Konfessionen sich in der Vergangenheit zugefügt haben.

Gemeinsam Gott die Ehre geben, gemeinsam den Namen Gottes heilig halten, das macht unser Herz weit und lässt uns einander die Hände reichen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, er bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

Die Psalmen: Psalm 126 (20.11.2016 von Pfarrer Rainer Böhm)

Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten

Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird,
so werden wir sein wie die Träumenden.

Dann wird unser Mund voll Lachens
und unsre Zunge voll Rühmens sein.

Dann wird man sagen unter den Heiden:
Der Herr hat Großes an ihnen getan!

Der Herr hat Großes an uns getan;
des sind wir fröhlich.

Herr, bringe zurück unsre Gefangenen,
wie du die Bäche wiederbringst im Südland.

Die mit Tränen säen,
werden mit Freuden ernten.

Sie gehen hin und weinen
und streuen ihren Samen

und kommen mit Freuden
und bringen ihre Garben.

Mit Tränen gesät.

Der Tag der Beerdigung.
In den Arm genommen werden.
Andere in den Arm nehmen.

Mit Tränen gesät.
Briefe bekommen.
Dankbriefe schreiben.
Versicherungsunterlagen sortieren.
Mit Tränen gesät.

Die Bilder der Verstorbenen ansehen.
Durch die leere Wohnung gehen.
Das Grab besuchen.

Mit Tränen gesät.
Wohnung auflösen.
Altkleider wegbringen.
Überlegen, was bleiben soll.

Mit Tränen gesät.
Dasitzen und traurig sein.
An früher denken.
Ein kleines Lachen wagen.

Mit Tränen gesät.
Verstehen, dass Trauer Zeit braucht.
An die Toten denken.
Spüren, dass die Schmerzen weniger werden.
Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.
Verstehen, dass auch die Freude Zeit braucht.
Ein größeres Lachen wagen.

Von der Zukunft träumen.
Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.

Gebet

Gott, hier sind wir.
Warten auf die Ernte.
Weinen, lachen – je nachdem.
Heute eher weinen.
Weil wir an unsere Toten denken.
Weil es immer noch wehtut.
Aber sie sind bei dir.
Du hast sie erlöst.
Manchmal vergessen wir das.
Ob du mit unseren Toten lachst?
Das würde trösten.
Schenk uns das Lachen wieder.
Schenk uns das Lachen.

Psalm 126 am Ewigkeitssonntag

Ein großzügiger, grüner Landstrich, viele sanfte Hügel, eine Küste vielleicht, ein Strand, und keine Grenzen für einen Blick, der in die Weite gehen will; ein bunter Garten, voller Düfte und Blüten, in allen Farben – und Pfirsichbäume darin. Pfirsichbäume müssen sein und Erdbeerfelder.

Ein helles Haus, mit großen Fenstern, hohen Decken, mit Balkonen und Terrassen; die Haustüre hat kein Schloss und Jalousien braucht es keine. Ein Tal, zum Meer hin offen – und Abend- und Morgenrot strahlt von den Hängen. Und immer, immer ist Zeit für Begegnungen und Gespräche, morgens am Tisch und abends am Kamin, Gespräche mit meinem Vater, der vor zwölf Jahren gegangen ist, meiner Großmutter, die sich auf mich freut, mit Freunden, die ich lange schon vermisse.

So stelle ich mir das vor. So erträume ich mir das, was etwas verlegen »die Ewigkeit« heißt, das Leben im Jenseits, die Zeit nach dieser Zeit.

Ob es so sein wird – ich weiß es nicht. Keiner weiß es und keiner – heißt es ganz richtig in einer alten Weisheit – ist je zurückgekehrt, um davon zu erzählen. Aber ich nehme mir die Freiheit zu träumen. Der 126. Psalm, den wir eben gehört haben, der gibt mir die Erlaubnis dazu. »Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden.« Zu träumen ist also gestattet, wir dürfen uns unsere Bilder machen, dürfen uns diese Ewigkeit ausmalen mit den Pinselstrichen und Farben, die uns zur Verfügung stehen, mit all unserer Phantasie und Kreativität. Zu träumen ist erlaubt.

Ich bin sehr froh, erleichtert geradezu, dass da kein Gott steht, mit erhobenem Zeigefinger und strenger Mine, der uns mahnt: »Mach dir bloß keine Illusionen, es kommt ja doch anders als du denkst; du wirst doch nicht glauben, dass du Menschlein, mit deinem begrenzten Verstand, deinem beschränkten Gemüt, deinem überschaubaren Gefühl, dass du je erahnen wirst, wie es zugeht nach deiner Zeit. Wart’s ab, halt still, bleib bescheiden!« Im Grunde wär das ja vernünftig, denn wir wissen eben nichts.

Und so fühlt sich das auch an, wenn wir vor Särgen und Urnen, wenn wir an Gräbern stehen: Wir wissen nichts und sind ratlos. In uns breitet sich eine tiefe Trauer aus wie ein Schatten, der sich langsam und kalt auf die Seele legt; und wir haben keine Antworten mehr. Viele von Ihnen haben an Sterbebetten ausgeharrt, haben einen Menschen, mit dem Sie verbunden waren, gepflegt und begleitet, bis es nicht mehr ging. Bis die Kraft zu Ende war und der Tod den Schlusspunkt setzte. Ihnen sind unsere menschlichen Grenzen schmerzhaft bewusst; auf die braucht niemand Sie zu verweisen. Auch Gott nicht.

Aber der tut es auch nicht, nein, er lässt unsre Träume gelten. Und mit unseren Träumen doch auch: unsere Hoffnungen.

Wenn ich Menschen an Sterbebetten besuche, wenn ich mit Trauernden spreche, wenn wir Abschiede vorbereiten müssen und des Menschen gedenken, der nun gegangen ist, wenn große und kleine Geschichten erzählt werden von dem, mit dem Sie verbunden waren, dem Vater, der Mutter, Tochter und Sohn, dann spüre ich jedes Mal sehr: Das, was die Mühe durchhalten lässt, das was die Kraft gibt, Pflege und Abschied durchzustehen, das ist eine Liebe, die sich wünscht, auch über den Tod hinaus zu gelten; das ist eine Hoffnung, die nicht bereit ist zu glauben, dass mit dem Tod eines Menschen alles gesagt und getan sei. Liebe und Hoffnung, die träumen sich ein Jenseits jenseits der Schwelle, die ersehnen sich ein Leben nach dem Schmerz, nach Tod und Abschied.

Und sie tun es zurecht. Gott sagt uns das zu.

Im letzten Buch der Bibel, in der Offenbarung des Johannes, macht Gott den Horizont ganz weit, und lässt er uns durch Johannes sagen: »Und Gott wird bei ihnen wohnen – und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein!« (Offb 21,3 f.)

Gott sagt uns das zu. Und wenn er das tut, wenn er uns sein Wort gibt, dann ist das nicht bloß eine vage Hoffnung, nicht nur leichthin gesagtes, nach dem Motto »Schau’n wir mal! Kommt Zeit, kommt Rat! Abwarten!«

Nein, Gott lässt unsere Träume jetzt schon gelten, und er gibt unserer Sehnsucht und unserer Hoffnung jetzt schon Recht. Im 126. Psalm höre ich alte, vertraute Bilder vom Säen und Ernten, von Aussaat, Frucht und Erntedank: »Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen und streuen ihren Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.« Es klingt, als sei das ganz selbstverständlich so, ganz folgerichtig und fraglos: Wer sät, wird ernten, wer weint, wird lachen, wer Schmerz erträgt, wird erfüllt sein von Glück. So ist das: Gott sagt es, Gott sorgt dafür. Ganz einfach.

So einfach fühlt sich das freilich nicht an. Weine ich, dann bin ich aufgelöst in Tränen; muss ich Abschied nehmen, reißt der Verlust mir eine schmerzliche Wunde ins Herz, steh ich vor einem Grab, schau ich ins Dunkle und weiß ich mir keinen Rat, ich schaue über das Kreuz mit dem wohl vertrauten Namen nicht hinaus. Das ist nicht einfach – das tut weh.

Doch in allem  atmet auch eine leise Hoffnung, durch alle Ratlosigkeit zieht sich eine zaghafte Sehnsucht, in aller Trauer regt sich ein vorsichtiger Traum. Dieser Traum, dass wir einander wiedersehen, dass wir uns an Leib und Seele gesund wieder in die Arme schließen. Ein Traum vom Lachen und von glücklichen Augen, in denen nicht mehr Leid und Schmerz stehen, sondern Liebe und Dankbarkeit; ein Traum vom Erkennen und Wieder-beieinander-Sein, als geheilte Menschen, die viel zu erzählen haben, die Zeit haben füreinander – eine ganze Ewigkeit lang.

Ein Traum – und Gott gibt unseren Träumen Recht.

Träumen wir also, träumen wir mutig. Denn wenn wir träumen und unserer Sehnsucht vertrauen, dann ist es, als öffne sich die Tür einen Spalt weit und als falle schon etwas Licht herein von diesem Leben nach dem Tod, vom Licht der Ewigkeit, die unsre Heimat ist. Es ist, als hebe sich der Nebel ein wenig, als strahle durch die Finsternis ein erstes Morgenlicht, und wir sähen schon ein wenig über den Horizont, hinüber ins neue, ins Gelobte Land; als dämmere der herrliche Tag schon heran, in dessen Licht wir glücklich sein werden.

Das alles, liebe Gemeinde, sind nur Bilder, Traumbilder – aber Gott ermutigt uns dazu, gibt uns das Recht, zu träumen.

Denn genau so, mit diesen Träumen, mit dieser Sehnsucht in den Seelen, mit dieser Hoffnung im Herzen lässt es sich leben hier und jetzt, da wir nur träumen können und noch nicht schauen. Mit diesen Träumen können wir getrost sein.

Der 126. Psalm hat eine Überschrift; die zeigt an, wofür er gedichtet wurde, bei welchen Gelegenheiten er gesungen wurde. »Ein Wallfahrtslied« steht über dem Psalm, er ist ein Lied für Wege. Jeder Schritt, den wir gehen, ob wir weit ausgreifen und mutig schreiten oder ob wir fast kraftlos einen Fuß vor den anderen setzen, wie wir es getan haben, traurig auf den Friedhöfen bis zum Grab – welchen Weg auch immer wir zu gehen haben, dieses Lied und sein Versprechen begleitet uns. Gott gibt uns sein Wort: Wir werden lachen und ernten, wir werden allen Schmerz vergessen und die Liebe feiern.

Und träum ich jetzt von Pfirsichbäumen und Erdbeeren, von Freunden und Gesprächen im Abendlicht, dann weiß ich, Gott spottet dieser Träume nicht, nein, mit mehr, mit viel mehr als meinen Träumen wird er mich überraschen.

Wir werden sein wie die Träumenden. Bitte, träumen Sie!

AMEN

Die Psalmen: Psalm 139 (6.11.2016 von Pfarrer Dr. Ulrich Becke)

5 Von allen Seiten umgibst du mich
und hältst deine Hand über mir.
6
 Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch,
ich kann sie nicht begreifen.
7
 Wohin soll ich gehen vor deinem Geist,
und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?
8
 Führe ich gen Himmel, so bist du da;
bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da.
9
 Nähme ich Flügel der Morgenröte
und bliebe am äußersten Meer,
10
 so würde auch dort deine Hand mich führen
und deine Rechte mich halten.
11
 Spräche ich: Finsternis möge mich decken
und Nacht statt Licht um mich sein –,
12
 so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir,
und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht.
16
 Deine Augen sahen mich,
als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war.
17
 Aber wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken!
Wie ist ihre Summe so groß!
18
 Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als der Sand:
Am Ende bin ich noch immer bei dir.
23
 Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz;
prüfe mich und erkenne, wie ich's meine.
24
 Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin,
und leite mich auf ewigem Wege.

Wie finden sie amerikanische Fernsehprediger? Ich finde sie nicht so gut. Sie sind für mich ähnlich einer nicht so geglückten deutschen Fernsehshow etwas älteren Formats: pathetisch, im Tone eines Stadionsprechers, inhaltlich wenig reflektiert, doch gewiss massenwirksam, vielleicht gerade wegen der kitschigen Musik.

Dennoch war da ein Moment in meinem Leben, wo mich ein amerikanischer Fernsehprediger zutiefst angerührt hat, und das war morgens am Sonntag weit draußen auf hoher See, im südchinesischen Meer.

Wieder einmal war ich als Bordseelsorger an Bord der MS EUROPA mit dabei. Der Gottesdienst auf dem Schiff mit Abendmahlsfeier war gehalten, ich zurück in der Kabine, oder wie auf MS EUROPA üblich, der „Suite“. Meine Reiselektüre war ausgelesen, zufällig wurde im Moment keine weitere Mahlzeit auf dem Programm angesagt: also tat ich etwas, was ich zuhause nie mache: mich auf dem Fernseher durch die Programme zappen. Und da war er, der predigende Mitbewerber aus den Staaten, vor einigen tausend Menschen in einer Art Sporthalle, und da war der eingeblendete Text zu seiner etwas pathetischen Lesung:

If I take the wings of the morning, and dwell in the uttermost parts of the sea; Even there shall thy hand lead me, and thy right hand shall hold me.

Genau das war meine Lage: auf Flügeln der Morgenröte (oder eher: mit einem Jumbojet) ans andere Ende der Welt gereist, jetzt am äußersten Meer unterwegs, und den Satz von Herzen spürend, ihm in Gedanken nachsinnend so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten - ein Moment, dessen Dichte ich nach Jahren noch in der Erinnerung spüre.

Bei diesem Psalm ist etwas eigentümlich: es ist ein Text mit Fans und Kritikern – anders als der 23. Psalm.

Und da geht ein Riss durch manche Familien. Die einen sagen. Das ist doch wohl ein bedrängendes Gottesbild, das uns körperlich-seelisch zu nahe rückt, ja, eine Art Stasi-Gott: Von allen Seiten umgibst du mich.

Auf der anderen Seite heißt es: das gibt mir ein Gefühl totaler Geborgenheit, ur-kindlichen Vertrauens.

Gewiss: so gewaltig und übermächtig ist Gott in diesem Psalm, dass der Beter glaubt, vor ihm fliehen zu müssen: Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht?

Aber in Höhen und Tiefen eines Lebens bleibt Gott der erfahrbar Nahe, das persönliche Gegenüber, zu dem wir DU sagen dürfen.

Himmel und Totenreich – das sind gewiss Glaubensaussagen, aber auch Bilder für Höhen und Tiefen menschlichen Lebens: oben wie unten ist und bleibt Gott erfahrbar.

Ob diese Bilder auch für ein Leben nach dem Tod stehen, das erscheint mir im Alten Testament fraglich! Denn es ist höchst vorsichtig in seiner Rede über das, was nach dem Tode kommt – oder nicht kommt…

Dass aber über allem und allen – schon lange vor und noch lange nach uns -  ein ewig gültiger Plan Gottes waltet, ist im AT unbestritten. Der Psalmbeter fragt hier nicht nach Ungerechtigkeiten oder Widersprüche zum freien Willen des Menschen – diese Debatte der Reformationszeit ist ihm völlig fremd: alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war.

Vielleicht hat er hier weniger die individuelle Biographie des einzelnen Menschen im Blick als das gesicherte unendliche Kontinuum der Zeit, schlechthin, also: die Ewigkeit, ganz im Sinne der Kernaussagen des 90. Psalms.

Und jetzt kommt ein Aufschrei des Beters, der bis dahin schwankte zwischen Bestürzung und Geborgenheit angesichts der Größe und Unendlichkeit Gottes:

Aber wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken!
Wie ist ihre Summe so groß!
Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als der Sand

Wie kann ich diesem gewaltigen unfasslichen verborgenen Gott gegenübertraten, gar mit ihm rechten wie einst Hiob? Wie das? Luther hat das getan, dessen Thesenanschlag wir im nächsten Jahr 2017 weltweit gedenken.

Im tiefsten Hader mit einem allmächtigen und allwissenden gerechten Gott, der im Gericht am Ende aller Zeiten die Menschen prüfen und strafen wird, beginnt der junge Luther Gott zu hassen mit ganzem Herzen.

Bis ein Mensch ihm begegnet, der ihn rettet und herausreißt aus Schwermut und Depression im Kloster: sein Novizenmeister und lebenslanger Freund Johann von Staupitz, der seinem Schüler allerdings nicht folgen wird in die Reformation…

Man muss den Mann anschauen, der da heißt Christus, sagt Staupitz zu Luther. Nur der sich in Christus aus freien Stücken selbst geoffenbarte Gott ist wichtig, der deus revelatus, nicht der deus absconditus, der dennoch bleibt unserer Vernunft verborgen bleibt.

Was dich erschreckt und ängstigt, kann nie und nimmer Gott sein, denn Christus tröstet uns und erschreckt uns nicht – so redet Staupitz mit Luther und rettet so dessen Glauben und dessen Seele.

Und jetzt zurück zum 139. Psalm:

Am Ende bin ich noch immer bei dir.

Es scheint mir, als ob hier das AT behutsam und aus der Ferne vom Geheimnis der Auferstehung rede: Am Ende bin ich noch immer bei dir. Am Anfang und am Ende unserer kleinen Endlichkeit steht und bleibt Gott, dessen Geheimnisse wir nicht entschlüsseln können und dürfen.

Was schreibt Luther am Ende eines langen Wirkens?

Die Hirtengedichte Vergils kann niemand verstehen, er sei denn fünf Jahre Hirte gewesen. Die Vergilschen Dichtungen über die Landwirtschaft kann niemand verstehen, er sei denn fünf Jahre Ackermann gewesen. Die Briefe Ciceros kann niemand verstehen, er habe denn 25 Jahre in einem großen Gemeinwesen sich bewegt. Die Heilige Schrift meine niemand genügsam geschmeckt zu haben, er habe denn hundert Jahre lang mit Propheten wie Elias und Elisa, Johannes dem Täufer, Christus und den Aposteln die Gemeinden regiert. Versuche nicht diese göttliche Aeneis, sondern neige dich tief anbetend vor ihren Spuren! Wir sind Bettler, das ist wahr.

Gott selbst bleibt Richtschnur und Prüfstein unseres Handels, an ihn wendet sich noch einmal das Gebet des Psalmisten am Ende des 139. Psalms:

Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz;
prüfe mich und erkenne, wie ich's meine.
Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin,
und leite mich auf ewigem Wege.

AMEN

Die Psalmen: Psalm 148 (30.10.2016 von Pfarrerin Meike Naumann)

Liebe Gemeinde,

Sie haben es sicher gemerkt, nicht nur die Würmer sollen Gott loben und die Planeten – und wir Menschen stehen daneben und drehen Däumchen. Nein, nicht nur die Vögel und die Regentropfen sollen Gott loben mit ihren Klängen, sondern auch wir, die Menschen! Wir sollen einstimmen in den großen Chor aller Geschöpfe. Darauf zielt der Psalm ab. Die ganze Schöpfung lobt ihren Schöpfer, zum Teil mit Stimmen, die wir Menschen hören können, wie zum Beispiel die Nachtigallen ganz am Anfang heute oder das Meeresrauschen. Und zum Teil mit Tönen, die wir nicht hören können. Schon die Ultraschallfrequenzen von Fledermäusen liegen ja knapp außerhalb des Bereichs, den das menschliche Ohr wahrnehmen kann – erst recht der Gesang von Sternen und Milchstraßen. Oder eben das Halleluja der Regenwürmer. Oder das kaum hörbare Geräusch von Schneeflocken. Ich finde es eine erstaunliche Vorstellung, die uns der Psalm da vor Augen stellt – oder eher vor die Ohren stellt: dieses gewaltige vielstimmige Loblied von allen Geschöpfen in allen Tonlagen von laut bis leise, von kaum Wahrnehmbarem bis zum Donnergetöse!

Mir persönlich fällt es am leichtesten, im vielstimmigen Gesang der Vögel ein Loblied für Gott zu erkennen. Wenn ich in freier Natur Vogelstimmen höre und ganz bewusst darauf achte, auf Distelfink, Rotkehlchen, Zaunkönig oder Blaumeise, das ist für mich eine Lobpreisband der Extraklasse. Da brauche ich keine Orgel und kein Symphonieorchester, wenn ich ein Nachtigallenkonzert live miterleben kann. (Liebe Musiker, nicht beleidigt sein. Es gibt auch Psalmen, da wird ausdrücklich dazu aufgefordert, mit allen Arten von Instrumenten Gott zu loben!) Oder wenn ich auf das Rascheln der Blätter im Wind horche, zum Beispiel auf den Lindenbaum vor unserm Haus oder auf das Rauschen eines Tannenwalds, auch da fällt es mir noch einigermaßen leicht, ein Loblied für Gott drin zu erahnen. »Lobt den Herrn, fruchttragende Bäume und alle Zedern. Laubbäume und Nadelbäume, lobt euren Schöpfer!«

Aber wie loben die Berge? Im Fernsehen habe ich letzthin eine Sendung über die Alpen gesehen und da wurde auch über die Gletscher berichtet und das leise Rauschen, dass in den Gletschern durch das Schmelzen des Eises zu hören ist. Ich habe es leider noch nie live gehört. Aber vielleicht ist das das Lob der Berge.

Wie gesagt, es gibt auch Loblieder jenseits von meiner Vorstellungskraft. »Lobt ihn, Sonne und Mond! (?) Lobt ihn, Engel (?) oder Nebel (?)!« Aber auch wenn wir die Stimmen mancher Geschöpfe nicht hören können, sind wir trotzdem eingeladen, unsre eigene Stimme hören zu lassen. »Lobt den Herrn, ihr Könige und alle Völker, Jünglinge und Jungfrauen, Alte mit den Jungen!« Irgendwo in dieser Aufzählung komme auch ich vor, in meinem Fall irgendwo zwischen den Alten und den Jungen. Da ist auch mein Einsatz dabei im vielstimmigen Chor von Welt und Weltall! Lobt ihn, ihr Menschen, auch du, ja du!

Halleluja, lobt den Herrn! Preist seinen Namen! Warum ist es in der Bibel eigentlich immer so wichtig, dass wir Gott loben? »Halleluja« dürfte eines der häufigsten Wörter in der Bibel überhaupt sein. »Lobt den Herrn!« Warum spielt das so eine große Rolle? Die Antwort kann man in einem kurzen Satz zusammenfassen: Loben zieht nach oben. Loben tut gut. Und zwar dem, der lobt, und dem, der gelobt wird. Loben zieht nach oben.

Können Sie sich erinnern an ein Lob, das sie bekommen haben? Als Erwachsene oder als Kinder? Vielleicht hat Sie Ihr Papa gelobt, wenn Sie im Garten mitgeholfen haben, Blumen gegossen, Laub zusammengerecht oder Nüsse geerntet haben. Vielleicht hat Sie eine Lehrerin gelobt, wenn sie gemerkt hat, wie sehr sie sich angestrengt haben. Vielleicht hat Sie ein Trainer gelobt, wenn Sie gedacht haben: Ich gebe es auf, ich  bin nicht gut genug. Vielleicht hat Sie Ihr Enkel gelobt für ein Essen, das Sie gekocht haben. Vielleicht hat Sie ihr Mann gelobt und Ihnen gesagt, wie gut Sie heute aussehen. Ich hoffe, es fallen Ihnen Beispiele ein für manches Lob, das Sie bekommen haben.

Allerdings gibt es umgekehrt auch Erinnerungen an Situationen, wo ein Lob wichtig gewesen wäre – und nie gekommen ist. Mein Querflötenlehrer hat mich zum Beispiel nie gelobt. Wenn er zufrieden war mit dem Ergebnis meiner Bemühungen – ich vermute zumindest rückblickend, dass er dann zufrieden war – dann sagte er: »So, jetzt können wir weitermachen.« Und dann gab es ein neues Stück zum Üben. Es gibt Menschen, denen fällt es sehr schwer, andere zu loben. Vielleicht weil sie selber zu wenig gelobt worden sind. Mir fällt dazu eine Großmutter ein, die nach einem Krippenspiel, das von Kindern und ehrenamtlichen Mitarbeitern wochenlang eingeübt worden war, aufstand mit den Worten: »Jetzt müsste man anfangen, mit ihnen zu proben.« Und ich frage mich: Wenn jemand nicht in der Lage ist, andere zu loben, wenn jemand nicht bereit ist, das Gute wahrzunehmen an Gottes Schöpfung und an seinen Geschöpfen – und dazu gehört ja auch der Mensch und der Mitmensch –, wenn jemand das nicht sehen und nicht sagen will, kann er dann wirklich von Herzen Gott, den Schöpfer loben? Ich habe da meine Zweifel. Mir scheint, es gibt durchaus einen Zusammenhang zwischen dem Lob für die lieben Mitmenschen und dem Lob für den lieben Gott. Wer den Schöpfer loben will, darf seine Geschöpfe nicht verachten.

Und für Christen gilt ganz bestimmt nicht der schwäbische Spruch: »Net gemeckert isch gnug globt!« Auf hochdeutsch: »Nicht gemeckert ist schon genug gelobt.« Die Schwaben sind zwar ein frommes Völkchen, aber das ist nicht biblisch. Bei Gott gilt die Devise: »Halleluja! Lobt!« Deshalb spart nicht mit Lob. Lobt eure Mitmenschen, denn es zieht sie nach oben. Es spornt sie an. Es ermutigt sie. Entdeckt das Lobenswerte in eurer Nachbarschaft, in eurer Familie, bei euren Kollegen, in eurem Verein, in eurer Gemeinde! Lernt das Gute sehen – und redet auch darüber. Denkt es nicht nur, sondern sagt es auch. Lobt eure Mitmenschen, wenn es Gelegenheit dazu gibt. Lobt sie nicht dann erst, wenn ihnen das Bundesverdienstkreuz verliehen wird … ganz nebenbei wird es auch Ihnen selber besser gehen, wenn Sie lernen, das Gute um Sie herum bewusst wahrzunehmen.

Und lobt Gott, denn das zieht nach oben. Das muntert  auf. Richtet den Blick auf die Schönheit in Gottes Schöpfung. Überseht auch die kleinen Dinge nicht, die  gut tun. Lernt das Staunen neu über die großen und kleinen Wunder diese Erde. Wenn schon die Würmer im Dreck Gott loben, dann erst recht du, Menschenkind, Mann oder Frau! Die ganze Schöpfung lobt den Herrn mit lauter oder mit leiser Stimme, mit Klang, mit Gesang oder mit Gekrächze. Darum mach mit und lobe auch du deinen Schöpfer!

AMEN

Die Psalmen: Psalm 8 (23.10.2016 von Pfarrerin Barbara Wilhelmi)

Von der Würde der Menschen, vom Selbstwert und vom Großen des Kleinen.

Liebe Gemeinde!

Ein Psalm ist ein Lied – immer verbunden mit einem künstlerischen Ausdruck im Gesang, mit Musik, mit Beteiligung des Körpers... oft beim Gehen, auf jeden Fall wurde er immer gesungen. Über unserem Psalm 8, den wir heute gemeinsam erfahren wollen, steht der Hinweis für den Chormeister: Es soll auf der Gittit nach der Melodie des „Kelterliedes“ angestimmt werden. Da wir ein Lied eigentlich nur sinnlich erfassen können und um einen Eindruck davon zu erhalten, hören wir in das Spiel eines orientalischen Saiteninstrumentes hinein:

CD Al – Tarab Die Musik Ägyptens, 2000 Heidelberg: Palmyra-verlag, Nr.2, Taqsin (2 Minuten).

Bitte schlagen Sie nun die Nummer 705 im Gesangbuch auf, dort finden Sie den Psalm, den wir gemeinsam nun so lesen, dass er dem Singen sehr ähnlich kommt.

In den Klöstern werden ja die Psalmen immer gesungen oder auf einem Ton zumindest gesprochen. Also wollen wir diesen Psalm nicht „kernig“ lesen, sondern so melodiös, wie wir können.

Gemeinsame L E S U N G von Psalm 8 

(1 Für den Chormeister: Nach dem Kelterlied (zu singen), ein Psalm Davids auf der Gittit):
2  Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name auf der ganzen
Erde, über dem Himmel breitest du deine Hoheit aus.
3  Aus dem Munde der Kinder und Säuglinge, hast du eine Macht

zugerichtet, deinen Gegnern zum Trotz,
deine Feinde und Widersacher müssen verstummen.
4  Seh` ich den Himmel, das Werk deiner Finger, den Mond

und die Sterne, die Du bereitet hast:
5  Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst und des Menschen 

Kind, dass du dich seiner annimmst?
6  Du hast die Menschen nur wenig geringer gemacht als Gott, hast

sie mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt.
7  Du hast sie als Herrscher eingesetzt über das Werk deiner

Hände, hast ihnen alles zu Füßen gelegt:
8  All die Schafe, die Ziegen und Rinder und auch die wilden Tiere,

9  die Vögel des Himmels und die Fische im Meer, alles, was auf den
Pfaden der Meere hindurchzieht.
10 Gott, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen!

Der achte Psalm beginnt mit dem Lobpreis Gottes.

Luther übersetzte sehr massiv: Herr, unser Herrscher wie herrlich... in einer alten poetischen Reimform. Ursprünglich ist im Hebräischen die Anrede wesentlich einfacher: Gott, Adonai, wie groß ist dein Name auf der ganzen Erde... und Deine Hoheit am Himmel!  Und im Gegenüber dieses großartigen Gottes stehen nun die Menschen, die hier in ihrer Kleinheit benannt werden: Aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge hast Du eine Macht....

Wir Menschen kommen auf die Welt als sehr Abhängige - von der Pflege und Sorge der Erwachsenen – ein Säugling, die alten Griechen sagten „Ein Milchtrinker“, denn der Mensch ist kein Nestflüchter, sondern er bleibt jahrelang im Nest und bedarf lange der Fürsorge und erlebt eine lange Zeit der Hilfsbedürftigkeit.

Und doch oder vielleicht gerade deshalb wird ausgerechnet dieses Lebewesen von Gott ausgesucht, der Zeit seines Lebens die Erinnerung des eigenen Klein-Seins und der eigenen Abhängigkeit bewahren kann.

Der Psalm 8 verbindet immer wieder den Himmel mit der Erde und lässt uns den Blick in den Himmel richten... zu Gott.. und wieder hinunter auf die Erde... Wir spüren das Verbindende... aus der Entfernung zwischen der „Hoheit im Himmel Gottes“ und den „kleinen Menschen“ entsteht eine Nähe. Wieder wendet der Psalm den Blick hoch in die Weite: Wenn ich sehe die Himmel, Deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne....

Ausgerechnet dabei denkt Gott an die Menschen und macht sie zu Partnern über Deiner Finger Werk – in anderen Worten: Gott macht die Menschen zu Partnerinnen und Partnern für die Gestaltung der Welt.

Was ist der Mensch, dass Du, Gott, seiner gedenkst?

Und des Menschen Kind, dass Du sich seiner annimmst..

Du hast die Menschen wenig niedriger gemacht als Gott selbst und hast diese Menschen sogar selbst als Herrscher eingesetzt über die Natur und über andere Lebewesen – die Schafe, Ziegen, Rinder allzumal“.

Das bedeutet: Die Menschen sind auch Schöpfer und Schöpferinnen. Wir müssen uns klarmachen, dass diese Sätze vor dreitausend Jahren auch daran denken, dass Menschen ja die Ackerbaukultur und die Weidewirtschaft erfunden hatten, zu der es notwendig war, dass die Tiere Gottes zu Haustieren gezüchtet wurden. In diesem Psalm werden sie aufgezählt: Die Schafe, Ziegen, Rinder allzumal und auch die wilden Tiere, die ja dazu herhalten mussten, die Haustiere zu züchten. Die Menschen als SchöpferInnen... da könnte man glauben, dass das ja wirklich Fähige und Mächtige sein müssten.

Aber ich gehe noch einmal zurück zum ersten Teil des Psalms, in dem die Menschen gerade nicht als Mächtige benannt werden. In dem Satz: Was ist der Mensch, dass Du, Gott, seiner gedenkst – steht im Hebräischen ein Wort, was eher den „Sterblichen“ bezeichnet - also den anfälligen Menschen „Enosch“ und des Menschen Kind „Ben-Adam“ - der Sohn/der aus Erde gemachte Mensch. Ich formuliere diesen Satz deshalb einmal so:  

Was ist mit dieses Sterblichen, das Du ausgerechnet seiner gedenkst?

Das bedeutet: Wir sind Geschöpfe mit unseren Grenzen – angewiesen auf die Fürsorge der anderen und das kann nur heißen, dass wir diese Phase unseres Lebens – das Klein-Sein und Sich-Klein-Fühlen, einfließen lassen sollen in das spätere Tätigsein – in das „Herrschen über die Welt“!

Es geht hier um das Wissen um die Schwachen, die von uns Abhängigen, die Kleinen, die uns anvertraut sind. Die Erinnerung an unserer eigene frühe Geschichte bereit zu halten in den späteren Situationen, in denen wir Entscheidungen fällen, z.B. bei der Arbeit, bei der Gestaltung der Natur, im Umgang mit Tieren und auch im Umgang miteinander.

Der Psalm mahnt gleichermaßen wie er auch die Menschen selbstbewusst machen will:

Denn sie (die Menschen) sind wenig niedriger als Gott selbst, sie sind also auch Mächtige.

Das bedeutet, die eigene „Stärke“ als Menschen einzugestehen, die „Macht“ als Auftrag zur Gestaltung zu spüren und auch wahrzunehmen, wie wir Verantwortung tragen und sich dabei zu erinnern, wie es war „von anderen abhängig zu sein – wie ein Säugling“.

Wir merken, dass sich mit dieser Erinnerung ein anderes Verhalten ergeben müsste – gegenüber den Nutz-Tieren und gegenüber allen Lebewesen in der Natur... im Umgang mit den Pflanzen und auch gegenüber den Energiequellen auf der Erde.  

Der Psalm befragt uns Menschen:

Wie leben wir Menschen denn unser Auserwählt-Sein von Gott als Schöpferinnen und Schöpfer? ..in unseren kreativen Möglichkeiten, die immer auch eine Gefahr bedeuten, Macht auszuüben.

Was geschieht, wenn die Zeit des eigenen Angewiesenseins ausgeblenden oder überspielen? Wenn wir diese Phasen negativ sehen, in denen wir „nichts leisten“ und eher angewiesen sind auf andere, könnten wir dazu kommen, nur einen Wert zu haben, wenn ich funktioniere und produktiv bin....

Und das kann Folgen haben, auch für die Gesundheit.

Als Seelsorgerin begegnen mir viele Menschen, die durch Krisen und Krankheiten sich gerade nicht stark fühlen. Sie können nicht mehr, was sie früher konnten und werden gepeinigt von Erinnerungen, was früher einmal war, noch ging oder auch was schief ging. Sehr oft verbinden sie den jetzigen Zustand der Schwäche und des Angewiesenseins auf Hilfe mit dem Gefühl

„Nicht-mehr-viel-wert“ zu sein. .. und verlieren an Selbstbewusstsein.....

Da könnte dieser Psalm Licht bringen. In einer Übersetzung dieses Psalm 8 fand ich die Überschrift: Die Herrlichkeit des Schöpfers und die Würde der Menschen: Die Aufgabe von Gott, die wir Menschen bekommen haben, liegt nicht nur im „Machen“ - viel mehr im „Sein“.

Diese Verse beschreiben die Menschen als Kinder, als Säuglinge, aus deren Mund Gott gelobt werden will. Damit wird einerseits gesagt, dass es um diese sehr jungen Menschen geht, die einfach da sind und noch nichts arbeiten können und sich gerade nicht „nützlich“ machen – aber die so gerade zum Lobe Gottes da sind... Und sie können genau so für die Menschen schon etwas Machtvolles haben und das Miteinander menschlich machen.. Kinder können Menschen positiv verändern: Sie bereiten Freude , können Herzen öffnen, lächeln oder die wichtigen Fragen stellen... die Welt verändern. Erich Kästner hat einmal sinngemäß gesagt, doch vom Kindsein etwas zu behalten „Erwachsen wird man nur als Kind“ - z.B. das Staunen zu behalten, die Unmittelbarkeit, das Begeistertsein-Können... Den anderen zu brauchen und gleichzeitig sehr frei zu sein..

Wünschen wir uns das für unser Leben, das aus dem diesem Psalm aufzunehmen:

Beides geht zusammen - Gleichermaßen unser Wert-Sein zu spüren, das Gemeintsein von Gott, ob wir nun klein sind in frühen Jahren oder auch klein sind in späteren Jahren, in einer Lebenskrise – oder aber in der Lebensblüte, in der wir die frühere Zeit nicht vergessen:

Immer den eigenen Selbstwert zu spüren und dabei in Gott zu sein...

AMEN

Die Psalmen: Psalm 121 (16.10.2016 von Pfarrerin Susanne Pieper)

Ein Lied für die Pilgerfahrt

Ich erhebe meine Augen zu den Bergen.
Woher kommt mir Hilfe?
Meine Hilfe kommt von Adonai her,
dem Schöpfer von Himmel und Erde.
Er lässt nicht zu, dass dein Fuß wankt,
dein Hüter schlummert nicht ein,
siehe, nicht schlummert ein und nicht schläft
der Hüter Israels.
Adonai ist dein Hüter,
Adonai ist dein Schatten über deiner rechten Hand.
Am Tag schlägt dich die Sonne nicht,
und nicht der Mond in der Nacht.
Adonai behüte dich vor allem Bösen,
er behüte deine Seele.
Adonai behüte dein Hinausgehen
und dein Hineinkommen - von nun an bis in Ewigkeit.

Gottes Liebe, die Gnade Jesu Christi und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

ich bitte Sie, den ausgedruckten Psalm während der Predigt in Ihren Händen zu halten.

Sicher kennen Sie diesen Moment, kurz bevor man aufbricht in etwas ganz Neues, etwas Unbekanntes. Von Zuhause ausziehen. Umziehen in eine neue Stadt. Eine neue Arbeitsstelle antreten. Der Eintritt in den Ruhestand. Das sind große Aufbrüche. Oder es gibt auch kleine:

Jeder Weg morgens aus dem Haus ist schon ein Aufbruch, und manchmal auch ein Angang.

In solchen Situationen brauchen wir Stärkung! Sätze wie: Es wird gut werden. Ich werde es schaffen! Eine gute Vision gegen die Ängste und gegen die Zweifel. Die hilft uns, aufzubrechen und den Weg zu wagen.

Der Psalm 121 ist ein Gebet für solch einen Aufbruchsmoment. Generationen von Menschen haben sich diese Worte weitergesagt, haben sich damit für einen Neuanfang gestärkt. Dieses Gebet nun erzählt von einem besonderen Aufbruch: zurück nach Hause, nach dem Besuch des Tempels. Stellen Sie sich den alten Tempel in Jerusalem einen Moment lang vor: das hohe Gebäude steht imposant auf einem Berg. Sonne ist da. Wärme. Hohes Bergland drum herum. Ein Pilger steht am Tor dieses Gotteshauses. Hier war er angekommen, im Heiligtum Gottes. Dem Ziel seiner langen Pilgerreise. Doch nun geht der Weg zurück. Nach Hause. Über die Berge geht es. Sie sind monumental. Und sie flößen Respekt ein. „Werde ich hinüberkommen? Wird meine Kraft groß genug sein dafür? Schaffe ich es, mich den Gefahren zu stellen? Wilde Tiere, Räuber, unwegsames Gelände, abschüssige Pfade, Schluchten?“

Fragen, die ihm kommen. „Ich erhebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?“ Wenn man in den Bergen unterwegs ist, dann werden die Augen nach oben geleitet. Der Blick wird hoch gezogen: hoch zu den Bergzügen. Zur Silhouette des Gebirges, zur Grenze zwischen den Bergen und den Wolken. Himmel und Erde – da oben grenzen sie aneinander. Von den Bergen selbst kann keine Hilfe kommen, doch sie kommt von der Macht, die all diese großartigen, weiten Gebirgsformationen hervorgebracht und angestoßen hat: dem Erschaffer der Erde und des Kosmos. „Meine Hilfe kommt von Adonai, dem Herrn, dem Schöpfer von Himmel und Erde.“

In diesem Psalm ist es wichtig, dass Gottes Schöpferhandeln in der Form der Gegenwart beschrieben wird: Gott schafft fortwährend Himmel und Erde. Er ist ständig dabei, zu schaffen. (Hebr.: osseh) Würde er auch nur einen Augenblick ausfallen, so fiele unsere Erde in den Abgrund. Gott also erhält die Erde am Leben, er erneuert sie und er schützt sie. Seine Schöpfung ist nicht nur ein Ereignis der fernen Vergangenheit; sie geschieht genauso in der Gegenwart, permanent. Mit seiner Schöpfungskraft ist er noch immer dabei, das Chaos zu bekämpfen. Weil er die Welt erhält, darum kann er auch dem einzelnen Menschen in der Gegenwart eine Hilfe sein, wenn der mit den Bergen seines Lebens konfrontiert ist.

So ist Gott auch der Wächter und Hüter der Gegenwart: „Dein Hüter schlummert nicht ein, siehe, der Hüter Israels schläft nicht“, sagt der Priester am Tempeltor zum Pilger.

In der altorientalischen Götterwelt, in Mesopotamiens Vorstellung, da ist es anders: da haben die Götter das Recht auf einen ungestörten Schlaf. Da ist es göttlich, sich um nichts kümmern zu müssen, einfach schlafen zu können. Nachdem sie die Welt erschaffen haben, wenden sie sich von ihr ab, drehen sich zur anderen Seite und haben kein Interesse mehr an ihr. Doch Adonai, der Gott Israels, ist anders: er erhält Himmel und Erde. Auch nach dem ersten Schöpfungswerk kümmert er sich. Und lässt die Sonne an jedem Morgen neu aufgehen. Auf diesen „Hüter“ kann Israel sich verlassen, aber auch jeder Einzelne, jede Einzelne. Gott trägt Sorge dafür, dass Israels gefahrvoller Weg durch die Geschichte nicht scheitert. Er bleibt zugewandt.

Dies gilt für Tag und Nacht: immerzu. „Am Tag schlägt dich die Sonne nicht, und nicht der Mond in der Nacht.“ Du sollst geschützt sein am Tag: davor, dass die Sonne dich verbrennt, vor Kollaps und lebensgefährlicher Sonnenglut. Und du sollst geschützt sein des Nachts: vor den gefährlichen Kräften des Mondes. Dazu zählt die Mondsüchtigkeit, das Schlafwandeln im unbewussten Zustand. (Die zeitgenössischen Babylonier waren übrigens auch der Meinung, dass ein eigener Mondgott verantwortlich war für das Fieber und den Aussatz bei Menschen). Diese Worte meinen also: dass du bewahrt bleibst inmitten des Wechsels von Tag und Nacht; dass du Ruhe findest und Schlaf; dass du nicht herausfällst aus dem heilsamen Rhythmus von Schlafen und Wachen. Dass du in der Nacht die nötige Kraft findest für den nächsten Tag.

Liebe Gemeinde,

an einer Stelle dieses Psalms bin ich ins Stocken geraten: „Er lässt nicht zu, dass dein Fuß wankt“, heißt es da. Was aber, wenn es doch geschieht? Wenn ich stolpere, mich verletze, mir die Schulter breche oder den Fuß…? Das passiert ja einfach, solch ein Unglück. Aus vielen Gründen. Was dann? Dann komme ich ins Grübeln, Fragen: wie soll ich das verstehen? Wollte ich zu viel in zu kurzer Zeit? Brauchte ich eine Pause, um wieder zu mir selbst zu kommen? Will Gott mir gar etwas damit sagen? Habe ich einen Wink von ihm übersehen? Hat er nicht auf mich aufgepasst?

Diese Verse in Ps 121 haben eine überschießende Sprache. Ihre Aussagen sind nicht wörtlich, sondern metaphorisch zu verstehen. Sicher ist, dass der Psalm keine Grundversicherung gegen Krankheit ist. Und sicher ist auch, dass er von einem besonderen Gottesverständnis erfüllt und getragen ist: Gott ist der, der mir und dir Gutes will. In einem anderen Psalm heißt es: „Der Herr hält alle, die fallen. Und richtet alle auf, die niedergeschlagen sind.“ D.h.: er ist und bleibt mit seiner Kraft da, auch wenn ein Mißgeschick oder ein Unglück geschehen ist. Er wendet sich nicht ab und schläft nicht. Er hilft mir, mich wieder aufzuraffen, aufzustehen, neue Kräfte zu finden und meinen Weg weiter zu gehen. Und wenn ich ihn im Rücken habe, dann gehe ich anders: innerlich aufrecht. Bekomme Selbstvertrauen. Und mein Vertrauen wird gestärkt.

Stellen wir uns ihn nun zum Schluss noch einmal vor: den Pilger am Ausgang des Tempels. Da steht er. Er hat sein Bündel geschnürt und die Sandalen an den Füßen. Reisefertig steht er an der Pforte. Da tritt der Priester zu ihm und gibt ihm seinen Reisesegen: „Adonai behüte deine Seele. Adonai behüte dein Hinausgehen und Hineinkommen - von nun an bis in Ewigkeit.“

„Er behüte deine Seele“ - das hebr. Wort Nefesch für Seele meint auch Kehle - ganz leiblich, ganz irdisch. Die Kehle ist das Organ, durch das alle Nahrung geht und fließt. Das Organ, durch das wir atmen, sprechen und singen. „Er behüte deine Kehle“, d.h. dann: er behüte und fördere dich in allen deinen Lebensbezügen; was durch dich hindurchgeht, was du von dir gibst an Gedanken und Worten.

Und „er behüte deine Seele“ - deinen inneren Menschen. „Er behüte dich in deiner Ganzheit, mit allem, was dich ausmacht.“ „Er behüte den Weg, den du hinausgehst, und er behüte dein Ankommen an deinem Ziel, bis in Ewigkeit.“  Das ist ein Segen für den ganzen Menschen, ein Segen für den ganzen Weg, ein Segen für alle vorstellbare Zeit.

Der Psalm 121 enthält eine Fülle, die man in einer Predigt nicht ausloten kann. Er ist ein großartiges Gebet des Vertrauens; er kann Kraft geben und Gelassenheit inmitten aller Unsicherheiten oder Ängste, die zu unserem Leben gehören. Dieser Psalm kann das Bewusstsein unseres Glaubens vertiefen.

Und vielleicht machen wir es so wie Dorothee Sölle, und kauen im besten Sinne weiter auf ihm herum: nehmen eine Zeile mit in die neue Woche, meditieren sie immer wieder einmal zwischendurch und lassen uns davon überraschen, wie sie uns verändert.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus. Amen.

am 18.9.2016 im Gospel-Gottesdienst von Pfarrer Rainer Böhm

Erntedankzeit:

In diesem Sommer habe ich Kartoffeln geerntet, nur so viele, wie wir gerade brauchten. Sie wuchsen in dem Garten, in dem wir ein paar Tage Urlaub machten. Man muss mit der Hand in der Erde Graben, manche Knolle liegt noch ganz tief. Danach duftet man nach Erde, in der man gewühlt hat und hat ganz frische Kartoffeln im Topf.

Hier in Bad Nauheim haben wir einen Mirabellenbaum im Garten. Letztes Jahr hatte er nur so etwa zehn Mirabellen; dieses Jahr vielleicht 15 kg. Mirabellen gehören zu meinen Lieblingsfrüchten.. Ich habe Marmelade und Likör von den Früchten gemacht.

„Herr, wie sind deine Werke so groß und viel.“

Süßmost, Süßer heißt der ja hier eigentlich, ist Heimat für mich. Und nie vergesse ich die Abende in einem kleinen südfranzösischen Hotel, als nach dem Essen der Besitzer und Koch in der Küche immer noch eine halbe Stunde lang Nüsse knackte …

Ich weiß auch, dass man Erschreckendes sagen könnte darüber, dass ausgerechnet in dieser Erntezeit Bayer den amerikanischen Saatguthersteller Monsanto für eine große Geldsumme gekauft hat: Ernte ist heute Politik und natürlich Geschäft... Und der Bauer auf seinem Traktor mit den riesigen Reifen sitzt zwei Meter über der Erde, von der wir leben.

„Du hast alles weise geordnet und die Erde ist voll deiner Güter!“

Ich denke an ein älteres Lied aus der Friedensbewegung,  … „Es ist genug für alle da“ … Das ist unsere Hoffnung, unser Traum: es reicht für alle.

Ernte im eigenen Leben

Wir selbst sind ein lebendiger Teil der Natur: Wir wachsen Jahr für Jahr, bis zum Ende hin, werden reich an Erfahrungen und Eindrücken. Die Eindrücke, die wir behalten und die uns prägen: Innere Bilder von Menschen und Landschaften, von Räumen und Dingen, natürlichen und hergestellten. Der Geschmack des Weines und der Küsse, der Mittelmeerküche und der Pflaumenknödel; das Geräusch des Regens und des Windes, das ganze Universum der Musik.

Wir sind wunderbar gemacht. „Und Gottes Augen sahen uns, als wir noch nicht bereitet waren.“

Dieses positive Menschenbild drückt Hermann Hesse auch in seinem Gedicht Stufen aus:

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.  

Und weiter:

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

Ich bin oft unzufrieden mit mir selbst. Damit, wie ich bin. Unzulänglich so oft in meinen Augen. Wie ich mich verhalte. Was ich nicht gebacken kriege. Was ich vergesse oder auch versäume. Mannomann - wieder die Liste nicht abgearbeitet, aufgeräumt. Was weggeschafft.

Und auch äußerlich. Diese Unzufriedenheit darüber wie ich aussehe. Wie unbeweglich und unsportlich ich bin, Fehler hier und Fehler da. Aber Gott  sagt ja zu mir. Ich darf gnädiger mit mir sein und mich mit seinen Augen sehen.

Erntedank in meinem eigenen Leben: Dank für die Gemeinschaft, die ich erleben darf; danke dafür, dass ich so sein darf wie ich bin; danke auch dafür, dass ich anders sein darf, danke für Nähe und Liebe, für Düfte und Geschmack – danke für mein Leben.

15 Jahre Gospelchor

Erntedankzeit – Das gilt nicht nur für die Natur und für uns Menschen.

Ich denke an die Anfänge des Gospelchores. Eine Kantorei gab es irgendwie ja schon immer. Da war aber noch dieser nette kleine Jugendchor, der zu einer Art Gospelchor wurde. Es gab den Punkt, an dem Frank, kurz nachdem er zu uns gekommen war, sagte: also entweder lohnt sich das jetzt und es kommen mehr Leute – oder ich stelle die Arbeit mit diesem Chor ein. Wenn da immer nur 10 oder 12 kommen, lohnt es sich nicht. Und dann hast Du bei einer Probe gesagt: „Wenn das nächste Mal keine 20 Leute da sind, hör ich auf. Dann gibt’s keinen festen Chor.“ –

Am Anfang war also das Wort. - Und beim nächsten Mal waren 27 Leute da. Ein klares Wort – eine eindeutige Reaktion. 15 Jahre ‚For Heaven’s Sake‘.

Wir denken an alle Mitglieder des Chores, voller Dank für ihre Freude und ihr Engagement. Voller Bewunderung hast Du mir vor ein paar Tagen gesagt: „Die besuchen sich gegenseitig, wenn sie krank sind!“ Wir denken an die, die jetzt dazu gehören und an die, die heute nicht hier sein können. Wir denken an alle die jemals dabei waren in diesen 15 Jahren und die weiter gezogen sind. Das ist eine große Schar begeisterter Menschen. Begeistert für das Singen, für das Lob Gottes. Für seine Anbetung im Gesang.

Wir denken an die begeisterten Zuhörer in Gottesdiensten und Konzerten, hier und woanders. Ihr wirkt weit über unsere Gemeindegrenzen hinaus für Überall legt Ihr Zeugnis ab für die Frohe Botschaft von Jesus Christus.

Wir denken an die Wochenenden. An gelebtes Miteinander, Reich Gottes im Kleinen. Lebendiges Miteinander in Jesus Christus – Freude an seinem Wort.

AMEN

am 18.9.2016 von Pfarrer Rainer Böhm

Brief an die Gemeinde in Rom

9 Wenn du aber mit deinem Mund öffentlich erklärst, dass es Jesus ist, dem wir gehören, und mit deinem Herzen vertraust, dass Gott ihn von den Toten geweckt hat, dann wirst du gerettet. 10 Vertrauen, das aus dem Herzen kommt, führt zur Gerechtigkeit. Sich mit dem Mund öffentlich zu erklären, führt zur Rettung. 11 Denn die Schrift spricht: Wer auf Gott vertraut, wird nicht scheitern.

12 Deshalb gibt es keinen Unterschied zwischen jüdischen und griechischen Menschen, denn die Lebendige ist Gott aller Menschen. Alle, die zu ihr rufen, haben Teil an ihrem Reichtum: 13 Denn alle, die den Namen der Lebendigen anrufen, werden gerettet. 14 Wie kann das geschehen? Sie können doch nur zu ihr rufen, wenn sie ihr vertrauen. Vertrauen entwickeln können sie aber nur dann, wenn sie von ihr gehört haben. Von ihr hören können sie aber nur dann, wenn es Menschen gibt, die die Botschaft über sie verkünden. 15 Verkündet werden kann sie aber nur, wenn es Menschen gibt, die dazu ausgesandt werden. So ist es geschrieben: Willkommen sind die Füße derer, die gute Nachrichten bringen. 16 Aber nicht alle haben die Freudenbotschaft angenommen. Schon Jesaja spricht: Lebendige, wer findet Vertrauen in das, was wir verkündet haben? 17 Folglich erwächst Vertrauen aus dem Hören auf die Verkündigung; das Wort des Messias begründet, dass Menschen auf die Verkündigung hören.

Liebe Gemeinde,

Hebt euch eure Grundsätze für die wenigen Augenblicke im Leben auf, in denen es auf Grundsätze ankommt. Für das meiste genügt ein wenig Barmherzigkeit.“ Der Satz, der Albert Camus zugeschrieben wird, ist ein freundlicher Satz. Ich stimme ihm gern zu – im Alltag. Für das allermeiste im Leben genügt ein bisschen Barmherzigkeit: Mir selbst gegenüber und anderen gegenüber.

Aber auch die Grundsätze sind wichtig – in manchen Momenten.

In seinem Brief an die Gemeinde in Rom legt Paulus einige seiner Grundsätze dar. Er erklärt der Gemeinde, die ihn nicht persönlich kennt, die ihm aber wichtig ist, was aus seiner Sicht zentral ist im Leben als Christ und als christliche Gemeinde. Die Rechtfertigungslehre, das „Gerechtwerden aus Gnade im Glauben“ hat Martin Luther in diesem Brief entdeckt. Und auch in den Versen, die uns heute als Epistel und Predigtwort gegeben sind, spielen Vertrauen und Glauben eine wichtige Rolle – und ebenso das Bekenntnis zu den Grundsätzen, die Bereitschaft, „sich öffentlich zu erklären“.

Wir hören das Predigtwort nach der Übersetzung der Bibel in gerechter Sprache (Röm 10, 9-17).

Glauben und Bekennen – das genügt. Das klingt einfach – und sehr fremd. Öffentlich erklären, dass und woran ich glaube – das gehört nicht zu meinem Alltag. Und trotzdem ist das Vertrauen in Gott Teil meines Lebens. Woher kommt der Glaube, das Vertrauen, dass wir zu Gott und zu Jesus, dem Christus, gehören? Wie kann dieser Glaube geweckt werden und wachsen?

Vorsichtig hält der junge Vater das Kind auf seinem Arm. Summt leise. Gerade hat seine Tochter getrunken. Aufgestoßen. Geschmatzt. Behutsam streichelt er den Rücken. Das kleine Wesen schläft jetzt und atmet ruhig. Mehr passiert nicht. Nach einiger Zeit blinzeln die kleinen Augen. Als sie sich öffnen, schauen sie in ein freundliches, zugewandtes Gesicht. Das Kind lächelt und er lächelt zurück. Leise, strahlend.

Diese Minuten, diese Sekunden, diese halben Stunden sind es, auf die unser Vertrauen ins Leben, in die Lebendige aufbaut. Jeder Mensch, jede Frau, jeder Mann lebt davon, dass er, dass sie so gehalten, so geliebt, so angesehen wurde als Säugling, als Kind, als Jugendliche – und auch heute noch.

Wie schön, wie wichtig ist es, wenn eine dem andern sagt: Du bist wunderschön für mich. Ich sehe dich mit Freude an... Wie schön, dass Du da bist...

Wie schön ist es, wenn es klingelt und ein unverhofftes Päckchen abgegeben wird: Jemand hat an mich gedacht, mir einen Gruß geschickt, ich packe einen Schal aus und die Liebe für mich, die damit verbunden ist…

Dieses Gesehenwerden, Umsorgtwerden, Geliebtwerden als Kind und auch als Erwachsene weckt das Vertrauen: Ja, ich bin gewollt. Ja, ich bin geliebt. Ja, ich darf sein, die ich bin und werden, die ich werden kann... Ich bin geliebt und Teil einer Gemeinschaft. Ich bin getragen und gehalten und lebe daraus …

Aus diesem Erleben wächst Glauben, Vertrauen in mich selbst, mein Sein und auch in die Menschen und die liebende Wirklichkeit, die mich hält und trägt, in Gott, in die Ewige.

Wer waren die Menschen, die Ihnen den Glauben verkündigt haben?

Am Anfang sind es allermeist Eltern, die „verkündigen“: Mit dem, was sie tun und wie sie es tun: Lieben, sorgen, nähren. Sie sind wichtig. Und natürlich kommen sie auch an ihre Grenzen: Ungeduld, Eigensinn, fehlende Kraft…

Denn: Nie ist es genug. – Auch das ist eine Erfahrung, die unser Menschsein begleitet.

Und nicht jede, nicht jeder erlebt diese Geborgenheit. Nicht in jedem Leben darf das Grundvertrauen von klein an wachsen.

In jedem Menschen lebt aber die Sehnsucht nach dem Vertrauen, das aus dem Geliebt- und Versorgtwerden wächst. Und für manche wird die Sehnsucht nach diesem Vertrauen zum Segel, in das der Wind des Lebens bläst. Mal mehr, mal weniger stark spüren wir die Sehnsucht nach Liebe und Bestätigung durchs Leben hindurch.

Es ist wichtig, das zu entdecken: Ein Mensch und auch mehrere Menschen sind nicht in der Lage, diese tiefe Sehnsucht letztlich zu stillen. Das überfordert jede und jeden. Und selbst wenn jemand reichlich Vertrauen „getankt“ hat. Die Sicherheit, die Menschen geben, auch die Selbstsicherheit kommt an ihre Grenzen.

Zwei Begegnungen kommen mir in Erinnerung:

Weinend steht er da – durch die Prüfung gefallen. Das gibt’s doch nicht. Er weiß, dass seine Eltern ihm daraus wahrscheinlich keinen Strick drehen werden – und trotzdem: Wie steht er da? Was denken seine Freunde? Wie blöd ist das nur…

Der Krankenhausgeruch steckt fest in der Nase. Die Diagnose gellt in den Ohren. Das kann doch nicht sein. Mit 45 Jahren? Wie soll das werden? Wie kann ich das den Kindern sagen?

Wenn das Vertrauen erschüttert wird, finden Zorn und Zweifel Raum. Das ist so, darf und muss auch so sein. Und zugleich ist auch in diesen Momenten das „Verkündigen“ wichtig, der Hinweis: Was kein Mensch kann – bei Gott ist es möglich – und in dem Menschen Jesus hat er das gezeigt. „Geweckt“ – auferweckt, den Tod überwunden.... Worte, die etwas ausdrücken wollen, was nicht zu fassen ist. Die Liebe Gottes ist stärker als der Tod. Der Glaube lebt aus diesem Vertrauen.

Wer hat das Vertrauen in den barmherzigen und sich zuwendenden Gott für Sie hörbar und spürbar gemacht?

Eine Pfarrerin? Ein Jungscharleiter? Eine Großmutter? Ein Freund aus der Jungen Gemeinde? Frauen und Männern, Jungen und Alten vertraut Gott seine gute Nachricht an: Du bist geliebt von Gott, mit allem, was zu Dir gehört und mehr als je ein Mensch es könnte. Wenn Du es zulässt, dann durchdringt und verwandelt Dich Gottes Geistkraft. Denn: Gott braucht Dich, auf Deine ganz eigene und besondere Weise. Als eine Frau, einen Mann, die die frohe Botschaft glauben und verkünden mit Herz und Mund, mit Hand und Fuß.

Könnte das auch Ihre Aufgabe sein: Öffentlich bekennen? Anderen davon zu erzählen, was Sie glauben, worauf Sie vertrauen?

Paulus formuliert:

Sich mit dem Mund öffentlich zu erklären, führt zur Rettung. 11 Denn die Schrift spricht: Wer auf Gott vertraut, wird nicht scheitern. (Röm 10, 9-10 BIGS)

Der junge Mann nach der missglückten Prüfung biegt auf dem Weg nach Hause in eine offene Kirche ab. Grade will er niemand sehen und hören. Er hockt sich ein Bank und die Tränen fließen noch einmal. Als er irgendwann den Kopf hebt und das Altarbild vor sich anschaut, kommt ihm, trotz allem, ein Lachen: „Du bist mein geliebter Sohn“, steht da auf dem Spruchband, das vom offenen Himmel herabwedelt…

Und wenn nichts mehr zu lachen gibt wie bei der Frau mit der schlimmen Diagnose (,wie bei der kanaanäischen Frau aus dem Evangelium)?

Wenn mir die Worte im Hals stecken bleiben und fehlen, dann weiß ich, dass trotzdem gebetet wird um Gott zu bewegen. Trotz allem.

Wenn wir gemeinsam das Vaterunser/ Glaubensbekenntnis sprechen, dann leuchtet in den alten Worten dieses trotzige Vertrauen auf. Sie beschreiben einen Raum des gemeinsamen Betens/ Glaubens durch Raum und Zeit. Nicht mit allem bin ich immer einverstanden. Nicht alles ist mir zu allen Zeiten gleich vertraut und sicher. Meine ganz eigenen Worte wären andere – und Ihre wahrscheinlich auch. Aber wir stellen uns mit dem gemeinsamen Gebet/ Bekenntnis unseres Glaubens zusammen und feiern Gottesdienst - im Vertrauen auf den Gott, den keine Worte fassen können und der sich doch sichtbar gemacht hat, in dem Menschen Jesus.

Amen.

am 28.8.2016 von Pfarrer Dr. Ulrich Becke

Im Wasser und mit dem Wasser geht es los: die NASA sucht Spuren von H2O auf fremden Planeten, ohne Wasser kein Leben.

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.
Die Erde war noch leer und öde,
Dunkel bedeckte sie und wogendes Wasser,
und über den Fluten schwebte Gottes Geist.

So sagt die Bibel – und auch hier: ohne Wasser geht es nicht, am Anfang das Wasser.

Am Anfang das Wasser. Auch ein gutes Motto für Taufen, wie wir sie heute im Gottesdienst feiern. Die Kindertaufe ist bei uns das Übliche geworden, der alte Taufstein dort drüben zeigt uns, dass ganz früher auch noch Erwachsene getauft wurden.

Eine Sage erzählt vom Anfang im Wasser:

Gold ruht auf dem Grunde des Rheins von Anfang an, ein Teil der Schöpfung, funkelnd und schön, bewacht von drei Nixen, Mischwesen, Töchtern des Rheins, bewacht vor Neid und Habgier der Menschen. Im Licht der Sonne funkelt das Rheingold wunderschön in der Riefe des Flusses. Da kommt aus einer anderen Welt ein hässlicher Zwerg. Er beginnt mit den Nixen zu flirten, sie provozieren ihn, necken ihn, ohne ihn irgendwie ernst zu nehmen. Allerdings verplappern sie sich und erzählen dem Zwerg ein Geheimnis: wer das Gold im Fluss an sich reißt und dann ein Leben lang auf Liebe verzichtet, der kann sich daraus einen Ring schmieden, mit dem er die Welt beherrscht.

(Da klingelt es bei Kinobesuchern und Lesebegeisterten:

Ein Ring sie zu knechten,
sie alle zu finden,
ins Dunkel zu treiben
und ewig zu binden.)

Der abgewiesene Zwerg, frustriert wegen der Erfolglosigkeit seiner Anmache, sieht in diesem Moment das glitzernde Strahlen des Goldes in der Tiefe. Er verflucht die Liebe, rafft das Gold an sich und flieht.

Hier sollten wir innehalten: Gold oder Liebe – das scheint oft die Alternative im Leben zu sein.

Und: alles beginnt im Wasser – so auch 16 Stunden Operngeschichte, der „Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner – gerade haben wir einen Teil von dessen Vorabend, dem „Rheingold“, in Kurzfassung gehört.

Gold oder Liebe: dass der blinde Wille zur Macht Menschen und andere Kreaturen bösartig macht, zeigt auch der schon erwähnte Roman von Tolkien, Der Herr der Ringe, im Kino nicht ganz 10 Stunden… Wagners Ring des Nibelungen, etwa 16 Stunden, vier davon, die letzten, die „Götterdämmerung“ habe ich vorletzte Woche in Bayreuth erlebt.

Liebe Taufeltern, auch die Entscheidung für ein oder mehrere Kinder folgt der Alternative: Gold oder Liebe.

Wer hat, will noch mehr haben, wer hat, neidet jedem anderen das, was der hat, ist nur  noch darauf aus, ihm das zu nehmen. Anschaulich wird das im Herrn der Ringe geschildert, aber auch schon in Richard Wagners Ring des Nibelungen. Dass der Wille zum Gold, zur Macht die Natur, die Schöpfung zerstört, auch das zeigt Wagners Ring des Nibelungen: der Gott Wotan beschädigt den Ur-Baum, die Weltesche, um sich einen Speer daraus zu machen: eine Waffe, die der friedlichen Urordnung entgegensteht.

Er schreibt seine eigenen Gesetze darauf in Runen, und nun gelten die Urgesetze der Schöpfung auf einmal nicht mehr. Wotan wird an seiner eigenen Gesetzgebung scheitern, die keinen Menschen besser gemacht hat, und abdanken. Am Ende der Handlung wird der Ring, wird das Gold dem Wasser, dem Ursprung zurückgegeben, die Schuld ist gesühnt, die Einheit der Schöpfung wiederhergestellt, ein Neuanfang ist möglich.

Im Wasser und mit dem Wasser geht es los – auch in unserer Stadt in Bad Nauheim. Quellendank feiern wir heute. Dank an Gott, der uns die Quellen unseres Lebens schenkt: H2O – eine gesunde Umwelt – Liebe und Fürsorge der Mitmenschen.

Die Zeichen seiner Liebe sind das Abendmahl und die Taufe.

Auf Gottes Geheiß aus der Tiefe geboren, der Lebenden Leiden zu lindern erkoren… Dank gebührt Otto Wissig für seinen Vers, dafür, dass er die Idee hatte, diese Kirche, unsere Dankeskirche vor über 100 Jahren zu erbauen.

Nicht nur ein Fenster in der Sakristei zeugt von ihm, durch das er patriarchalisch-entrüstet schaute, wenn es vor Beginn des Gottesdienstes in der Dankeskirche zu laut wurde – dann verstummten alle sofort, so wird es jedenfalls erzählt…

Auf die Quellen verweist dieser Tag. Was sind die Quellen unseres Lebens? Wer hat uns gesegnet? Wer hat uns geprägt? Wer begleitet uns in der Art, wie wir leben?

Tag der Taufe unserer Kinder: Anlass genug, darüber, jede und jeder für sich, nachzudenken:

Was sind die Wurzeln unserer einzelnen Existenz?

Aus welchen Quellen speist sich unser Leben?

Wo erfahren wir Bedrohung und Verschmutzung unserer Quellen?

Wie gehen wir dagegen an?

Tauftexte sind da Leuchtfeuer, die uns Wege aufzeigen und Fragen beantworten.                                                                                                         

Gott helfe uns dabei. Amen

am 10.7.2016 von Pfarrer Rainer Böhm

Apg 2, 41-47

41Die nun sein Wort annahmen, ließen sich taufen; und an diesem Tage wurden hinzugefügt etwa dreitausend Menschen.42Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet. 43Es kam aber Furcht über alle Seelen und es geschahen auch viele Wunder und Zeichen durch die Apostel. 44Alle aber, die gläubig geworden waren, waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam. 45Sie verkauften Güter und Habe und teilten sie aus unter alle, je nachdem es einer nötig hatte. 46Und sie waren täglich einmütig beieinander im Tempel und brachen das Brot hier und dort in den Häusern, hielten die Mahlzeiten mit Freude und lauterem Herzen 47und lobten Gott und fanden Wohlwollen beim ganzen Volk. Der Herr aber fügte täglich zur Gemeinde hinzu, die gerettet wurden.

Liebe Gemeinde,

so war es also früher, am Anfang.  Lukas wollte davon erzählen. Damit man in den späteren Zeiten ermessen kann, was gewesen ist. Und ahnt, worauf alles hinaus läuft.

Die Erzählungen von früher neigen zur Übertreibung Einem Großvater gleich, der irgendwo anfängt zu erzählen und sich nicht damit genug tun kann, hinzuzufügen und auszuschmücken. Aber: Lukas ist kein Großvater, er will einfach sagen, wie es war. Der Reihe nach. Und auch nicht nach dem Motto: früher war alles besser. Nein, er erzählt einfach. Von dem, der die Menschen zusammen bringt. Und was sie darauf hin tun. Zum Beispiel in ihren Häusern das Brot brechen. So wie früher.

Von früher würde  ich auch gerne erzählen. Wie es in meinem Heimatort auf der Langestraße den Bäcker Roth gegeben hat, den wir in der ersten  Klasse besucht haben. Und wie der den Teig noch mit der Hand formte für die Brötchen und wie es da roch in der alten Bäckerei und wie die Krüstchen und Mohrenköpfe schmeckten.

Früher: in Chile – das sagt ein Flüchtlingsjunge in einem Gedicht von Dorothee Sölle. „Bei uns in Chile sind die Weihnachtsbäume viel größer … und alle kriegen was, verstehst du, keiner kriegt nix, verstehst du – gar keiner.“

In der Pfingstgeschichte können sich  Menschen öffnen, die zuvor verschlossen waren. Offene Türen, offene Worte, offene Ohren. „Und sie wurden alle erfüllt vom Heiligen Geist..“ Bei den ersten christlichen Gemeinden führt die Offenheit für Gottes Geist auch zu einer offenen Hand. Von der Urgemeinde des Petrus und des Bruders Jesu wird eine Offenheit berichtet, die sehr weit gegangen ist: sie teilten alles miteinander. In der Fachliteratur wird es ’Liebeskommunismus‘ genannt.

Das Wort Ich kommt in unserem Abschnitt nicht vor. Die Vorstellung, man müsste für sich selbst sorgen, fehlt. Stattdessen Sätze wie „Sie waren beieinander und hatten alle Dinge gemeinsam“. Oder: „Sie teilten aus unter alle, je nach dem es einer nötig hatte“. Es war genug für alle da.

Eine solche Gemeinde ist eine Solidargemeinschaft. Sie ist Kirche für Andere und nicht für sich selbst. Sie öffnet ihre Türen, und es kommen Bedürftige an Leib und Seele: Hier in den Kirchenraum, aber auch in unsere Gruppen und Kreise. Menschen, die einen Riss in ihrem Leben erfahren haben, eine Beschädigung. Und wer gehörte nicht dazu? Kirche begleitet bei den Übergängen des Lebens. Sie fragt nicht nur nach den Nächsten, sondern auch nach den Übernächsten: in unseren Partnerkirchen in Frankreich und Indien, bei den Flüchtlingen in unserer Stadt, bei den Bedürftigen, die aus den sozialen Netzen heraus gefallen sind und am Bahnhof betreut werden.

Eine solche Gemeinde ist zweitens eine Lerngemeinschaft. Sie fragt sich, was Christsein heute bedeutet. Sie ist gleichsam im Gespräch mit der Bibel, nicht nur in unseren Gottesdiensten. Auch wenn wir nicht auf alle Fragen gleich eine Antwort finden – wir wollen miteinander nach Lösungen suchen, gemeinsam.

Drittens ist Kirche für uns Mahlgemeinschaft. Bei uns in der evangelischen Kirche in beiderlei Gestalt, seit der Reformation. Und im großen Kreis um den Altar, auch als Zeichen dafür, dass wir alle gleich weit von Gott entfernt sind. Bzw. gleich nah bei ihm, unabhängig von Amt und Geschlecht. .

Und schließlich ist christliche Kirche eine Gemeinschaft des Gebetes. Aus Indien und den USA kenne ich es, dass die Gemeinde in der Fürbitte auch eigene Anliegen nennt, bevorstehende Operationen, überstandene Krankheiten, Freude und Leid.. Und so werden auch Gäste vorgestellt oder Neuzugezogene, die zum ersten Mal dabei sind. Auch die Musik ist wie ein Gebet, die Lieder der Kantorei. Und jede Kerze hier vorne am Kerzenbaum ist ein Gebetswunsch an Gott.

Die christliche Gemeinschaft kann nicht Gemeinde sein, ohne auf Gottes Wort zu hören; sie kann nicht  das Abendmahl feiern, ohne auch im Alltag die Güter des Lebens zu teilen; sie kann nicht ihren Kirchturm reparieren, ohne über ihn hinaus zu schauen und für andere da zu sein; sie kann nicht christlich und diakonisch handeln, ohne sich im Gebet zu vergewissern.

Aus heutiger Sicht vielleicht eine Utopie. In einer schönen Kirche und einer reichen Stadt ist das nicht so leicht darzustellen. Gütergemeinschaft? Wo gibt es das denn – in deiner Wohngemeinschaft aus den 70er Jahren vielleicht. Oder in einem Orden, wo die Mitglieder keinen Privatbesitz haben. In einem Kibbuz in Israel oder einer Basisgemeinde in Südamerika. Kleine Inseln im Meer des Kapitalismus.

Die Theologin, die das für mich verkörpert, ist Dorothee Sölle. Für manche ein rotes Tuch, Feministin, Sozialistin, Christin – lauter Etiketten. Ich habe sie in Kalifornien kennen gelernt. Sie kam mit dem Bus aus Los Angeles. Als sie ausstieg war  ich überrascht, wie klein sie war. In Deutschland hat sie keine Professur bekommen. In New York hatte sie eine Gastprofessur. Viele protestantische Gemeinden nahmen in diesen Jahren illegale Flüchtlinge auf, um sie vor der Abschiebung zu schützen. Sie stellten sich also gegen ihren eigenen Staat, der in Mittelamerika einen ungerechten Krieg unterstützte. Sölle vertrat diese Option für die Armen, weil Jesus auf der Seite der Armen stand. Sie war oft in den Basisgemeinden Lateinamerikas.

Ich fuhr sie ein paar Tage mit dem kleinen Auto unserer Vermieterin durch die Gegend um San Francisco. In einer Gemeinde in Berkeley hielt sie einen Vortrag: zum Thema Aktion und Kontemplation, Beten und Handeln. Als wir zu der Kirche in Berkeley kamen, wo sie ihren Vortrag hielt, war ich überrascht, wie voll sie war und wie viele Menschen sie persönlich dort begrüßte. „und alle kriegen was, verstehst du, keiner kriegt nix, verstehst du – gar keiner.“

Die Gemeinde als Solidargemeinschaft. Die Spanne zwischen arm und reich wird immer größer. Wir erleben, dass die Mittelschicht  schrumpft -  an der Entwicklung der Immobilienpreise. Das untere Drittel der Gesellschaft gehört schon gar nicht mehr dazu. Bei der Integration der Geflüchteten sind wir als Gemeinde genau so gefordert wie die Urgemeinde in Jerusalem vor 2000 Jahren. Dabei erleben wir, wie Populisten Angst schüren und ganze Gruppen auszuschließen versuchen.

Das Leitbild aus dem Predigttext sagt etwas anderes: Wir werden das Leben miteinander teilen. Die Tür öffnen und den Wein, die Herzen und das Portemonnaie. Wir werden uns weiter einsetzen für diejenigen, die am Rand stehen. Werden weiterhin versuchen, Not zu lindern.

Und früher? Damals in Jerusalem hat sich ein Konflikt zwischen den jüdischen und den griechischen Mitgliedern aufgebaut. Es ging um die Sprache, die Lebensweise, die Ausdrucksformen, das Anderssein. Zur Geschichte der ganz frühen Christenheit gehören die Fremden, die Meinungsunterschiede, das unterschiedliche Einkommen und Vermögen. Aber auch die Bereitschaft, den Konflikt zu lösen. die Anstrengung, sich nicht zu verlieren. Es galt das Konsensprinzip: man hat so lange verhandelt und miteinander geredet, bis alle einer Lösung zustimmen konnten.

Früher, so wird man einmal erzählen, hat England zur europäischen Gemeinschaft gehört. Aber Einheit lässt sich nicht verordnen, lässt sich nicht von oben organisieren.

Sie will gelebt werden. Was verbindet uns, muss man fragen, mit einem Interesse, das nicht nachlässt, nach jener Menschlichkeit und Gerechtigkeit zu fragen, die in dem Erzählen von früher anklingt wie Glocken, die den Sonntag einläuten: „Es war keiner unter ihnen, der Mangel hatte, sie brachten das Geld, legten es zu der Apostel Füße, und man gab einem jeglichen, je nachdem er in Not war“ (Act. 4,34f).

Amen.

zu den Jubelkonfirmationen am 22.5.2016 von Pfarrer Rainer Böhm

Liebe Jubelkonfirmandinnen, liebe Jubelkonfirmanden, liebe Gemeinde,

heute ist ein richtiger Weißt-du-noch-Tag. Ich bin sicher, viele von den Gesprächen, die Sie heute führen, werden mit diesem Satz beginnen: Weißt du noch? Du hast Zöpfe getragen. Weißt du noch – die vielen Lieder, die wir haben auswendig lernen müssen? Weißt du noch – unsere Freizeit auf der Burg Hohensolms. Und das Nachtgespenst. Und wie wir dort Kartoffeln geschält haben. Und Fußball gespielt mit Pfarrer Schnabel.

Weißt du noch – mit diesen Worten werden heute viele Erinnerungen wach. Erinnerungen an den Konfirmandenunterricht: Streng ging es zu. Lernen und nochmals Lernen wurde gefordert, der kleine Katechismus, Psalmen, Lieder in großer Zahl, und wer die Fragen nicht flüssig beantworten konnte, stand betröpfelt da. .

Jeden Sonntag musste man den Gottesdienst besuchen.. Mancher verlor da die Lust. Aber im Hintergrund waren auch die Eltern, die sehr darauf achteten, dass man sich ordentlich benahm und der Familie keine Schande machte. Und natürlich war da auch die Vorfreude auf die Geschenke, das neue Kleid, der erste Anzug mit weißem Hemd und schwarzer Fliege.. Dann kam die Konfirmandenprüfung – aufregend war das, wusste doch keiner, was und wann er gefragt werden würde. Und manchmal ist es auch schief gegangen – aber durchgefallen ist trotzdem niemand …

Und als das geschafft war, kam er endlich: der Tag der Konfirmation. Die Prozession von der Wilhelmkirche zur Dankeskirche durch unsere Stadt. Zu Hause gab es viel vorzubereiten: Kuchen wurden gebacken, das Festmenü geplant. Es war immer etwas Besonderes, auch wenn die Zeiten schwerer waren. Und manche fehlten an der Festtafel, weil sie aus dem Krieg nicht heimgekehrt waren. Anfang und Mitte der sechziger Jahre haben Sie miterlebt, was man heute als Wirtschaftswunder bezeichnet, und haben vielleicht hier in Bad Nauheim Elvis Presley gesehen und später die Beatles gehört.

Die Geschenke blieben über die Jahre hinweg ähnlich: Die Mädchen bekamen Sammeltassen und etwas für die Aussteuer, die Jungs die erste eigene Uhr. Und Taschentücher. Und wie Sie da so saßen als Mädchen im Konfirmationskleid, als Junge im Anzug, da haben Sie bemerkt: Es ist ja wirklich anders. Die Erwachsenen betrachten mich jetzt mit anderen Augen.

Heute schauen wir zurück. Und Sie werden heute an viele Menschen, Orte, Erfahrungen denken, die Ihre Lebensjahrzehnte geprägt haben. In der Feier der Jubelkonfirmation ist die Dankbarkeit ein Leitmotiv. Dankbar können wir zurückblicken, weil wir erkennen, dass das, was uns bei der Konfirmation zugesagt wurde, die Begleitung Gottes, auf vielen Wegstrecken unseres Lebens erfahrbar geworden ist. Gott war da, in dieser ganzen Zeit. Dankbar kann man heute sein für viel Bewahrung, für Schutz, für Gutes, das geschenkt wurde.

Wir haben als Lesung eine Geschichte gehört, in der es auch um Dankbarkeit geht. Jesus heilt zehn Aussätzige; Menschen, die aufgrund ihrer Krankheit völlig am Rande stehen und von allen gemieden werden. Doch nach dieser Heilung kehrt nur einer zu Jesus zurück und dankt Jesus, und das ist auch noch ausgerechnet Samariter, einer, um den man in Israel einen Bogen macht. Ein Fremder.

Wir alle haben heute Grund, dankbar zu sein. Wir sind hier. Wir haben viel Gutes in unserem Leben erfahren. Aber manchmal ist es so wie in der Geschichte: Die Dankbarkeit macht nur einen Teil aus. Aber es gibt da noch einen anderen Teil; dieser Teil bleibt stumm und findet nicht zur Dankbarkeit. Ich bin sicher, manche von Ihnen werden das verstehen. Eigentlich müsste ich dankbar sein. Aber ich finde noch so viel anderes in mir: Klage oder Stummheit oder Bedauern oder auch Trauer.

Mitten im Glück der anderen kann man sich allein und verlassen fühlen.. Der Ehepartner schon lange tot. Die Gesundheit lässt Reisen nicht mehr zu. Und Bilder von Enkelkindern lassen sich vielleicht auch nicht vorweisen.

Vielleicht haben Sie auch schon so gedacht. Vielleicht haben Sie auch schon zu den neun gehört, die nicht dankbar sein konnten.

Vielleicht denken Sie: Ich habe Angst vor der Zukunft. Ich spüre, wie meine Gesundheit nachlässt, und das macht mir Angst.

Vielleicht denken Sie: Mit fehlen so viele Menschen, die mir im Laufe meines Lebens verlorengegangen sind oder ein ganz bestimmter Mensch, den ich heute so gern an meiner Seite hätte. Sie werden traurig, wenn Sie an Ihre Jugend denken, die so verflogen ist. Sie blicken zurück auf Ihr Leben und denken: Was ich manches ist mir nicht geglückt.

Es gibt viele Gründe dafür, dass einem der Dank nicht recht gelingen mag: Ich denke das betrifft uns auch alle.

Aber ich glaube, wir sind alle auch wie der zehnte: der heute aus vollem Herzen »danke« sagen kann, danke für das viele Gute und Schöne in meinem Leben, für das Geglückte, für mein Leben mit seinen Irrtümern und Umwegen, mit seiner Schwere und seiner Freude. Gott segne Sie in Ihrer Freude.

Jesus sagt nicht: Warum sind die neun so undankbar? Er sagt: Wo sind die anderen neun? Warum sind sie nicht hier, mit ihrer Klage und ihrer Einsamkeit, mit ihrer Angst und ihrer Trauer? Und das heißt: Zu Jesus können wir nicht nur kommen, wenn unser Herz voller Dankbarkeit und Lob ist. Zu Jesus können wir gerade dann kommen, wenn wir stumm, voller Klage oder voller Unsicherheit sind. Und gerade das wird ein Lob Gottes sein, wenn wir unser Herz öffnen und ihm zeigen: So sieht es in mir aus, mach etwas daraus, mach etwas aus mir.

Und darum ist es gut, dass wir uns heute vor Gottes Angesicht versammeln und kommen, so wie wir sind. Wenn wir uns so zeigen können: als Menschen voller Dankbarkeit und Glück, als Menschen, die ihre Schatten und Nöte mitbringen, als Menschen voller Hoffnung oder Menschen voller Angst, als Menschen mit einer geglückten Geschichte oder einem Leben voller Umwege.

Bei ihm sind wir willkommen, so wie wir sind. Wenn wir unser Herz und unser Leben Christus öffnen, dem Auferstandenen, so dass das heilende Osterlicht auch auf uns fällt, dann gilt uns auch das, was Jesus dem einen sagt, der danken konnte: Steh auf und geh in Frieden, dein Glaube hat dich gerettet.

Amen

zur Konfirmation am 8.5.2016 von Pfarrerin Susanne Pieper

Die Liebe Gottes, die Gnade unsres Herrn und Bruders Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Liebe Konfirmandinnen und liebe Konfirmanden, liebe Gemeinde,

das war ein intensives Jahr, das hinter euch und hinter uns allen liegt - dieses Konfijahr: ihr habt neue Leute kennengelernt, in eurer Gruppe und in eurem großen Jahrgang. Ihr habt Vieles erlebt in diesen letzten 11 Monaten: seid am Felsen geklettert oder probeweise im Rollstuhl durch Bad Nauheim gefahren, ihr habt in Frankfurt die Welt der blinden Menschen entdeckt, habt weihnachtliche Tüten für geflohene Menschen gebastelt oder habt Himmelskisten auf der Freizeit gebaut. Und ihr alle seid im März durch die Straßen unserer Stadt gezogen und habt die Menschen an ihren Haustüren um eine Spende für die Diakonie gebeten.

Und weil es schon zum Ritual meiner Konfipredigten gehört, meinen Konfis die Gesamtsumme der Sammlung weiterzusagen, darum tue ich es auch heute: euer Jahrgang hat insgesamt 1.156,35 Euro zusammengebracht, und eure Gruppe hat dazu entscheidend beigetragen! Ich sage das nicht, weil das Geld mir so wichtig wäre, sondern weil ich euch heute für euren Einsatz danken möchte, besonders im Namen des Diakonischen Werkes. Mit diesem Geld kann es eine qualifizierte Arbeit mit psychisch kranken Menschen in Bad Nauheim leisten. Ihr habt damit praktische Nächstenliebe geübt; ihr habt da etwas Großartiges geleistet!

Auf meine Bitte hin habt ihr mir in der vorletzten Stunde ein Feedback dieses Konfijahres geschrieben. Die Einen ausführlicher. Die Anderen kürzer. Ich habe mich darüber gefreut, denn der Tenor war, dass euch dieses Jahr gut gefallen hat. Die Kritikpunkte, die ihr mir genannt habt, werde ich bedenken und Einiges im nächsten Jahr sicher verändern. Ein Punkt aber, der jemandem, von euch nicht behagt hat, der ist für mich wirklich bemerkenswert. Da stand tatsächlich geschrieben: „Was mir nicht gefallen hat, das war der Laufweg zur Kirche.“ Als ich das las, dachte ich: nun gut, eine so große Leidenszeit kann das letzte Jahr für euch nicht gewesen sein…

Eine jede von euch, ein jeder von euch erinnert sich an etwas Anderes aus dem letzten Jahr. Für jede und jeden bleibt etwas Anderes im Gedächtnis. Vielleicht ist es eine Begegnung oder ein Bild, das ihr vor Augen habt. Vielleicht ist es euer Konfispruch, den ihr euch selbst ausgewählt habt, oder ein Gedanke. Oder einer der Merksätze, die ihr notiert habt.(Das ist übrigens mein großer Wunsch an euch, dass ihr dieses Blatt in eurer Konfimappe ab und zu aufschlagt und es lest. Denn diese Sätze sind wie ein Konzentrat, wie eine Vitamintablette fürs Leben.) An einen dieser Gedanken will ich heute noch einmal anknüpfen. Zum Thema der Taufe heißt es da: „Gott hat mich gewollt. Ich bin sein geliebter Sohn. Ich bin seine geliebte Tochter.“

„Du bist geliebt.“ Das ist das Zentrum des Glaubens für mich, das Zentrum des Evangeliums, der guten Botschaft. „Du bist geliebt“ - egal, was du manchmal von dir selbst denkst, egal, wie du dich selbst einschätzt. „Du bist geliebt“ - egal, was Andere über dich sagen, oder was irgendwelche Leute auf facebook über dich schreiben. Und du bist ein Original: mit deinem besonderen Lachen, mit den vielen Fähigkeiten, die du hast, selbst mit der Art, wie du gehst und dich bewegst. Du bist ein Original. Keine Kopie. Dich gibt es nur ein einziges Mal auf dieser Welt. Darum steh zu dem, was du selbst denkst. Steh zu dem, was du glaubst und wovon du überzeugt bist.

Gott hat dich gewollt. Du bist sein Kind. Er schätzt dich wert. Dein Leben ist unendlich wertvoll.

Ihr werdet innerlich sehr stark sein, wenn ihr diese Liebe Gottes tief in euch hineinfallen lasst. Ihr werdet stark sein und aufrecht gehen und euch nicht kirre machen lassen, wenn euch dieser Gotteszuspruch berührt hat. Und eure innere Überzeugung wird groß sein , dass niemand das Recht hat, euch weh zu tun.

Gott hat euch gewollt. Ihr seid seine Kinder. Er schätzt euch wert.

Meine liebe Konfigruppe, ein Jahr lang waren wir auf dem Weg miteinander. Haben zusammen gelacht, gesungen, gespielt und nachgedacht. Haben zusammen die Bibel gelesen. Nun ist eure Konfirmation da. Ein Meilenstein auf eurem Weg. Jetzt bekommt ihr mehr Verantwortung. Ihr habt euch aus freien Stücken entschieden, das ihr euch zum christlichen Glauben und zur Kirche halten wollt, dass das gut ist für euch und richtig. Einige sind den Weg nicht weiter mit uns gegangen, aber ihr seid dabei geblieben. Ihr habt euch entschlossen, dass ihr euch an Jesus Christus ausrichten wollt, an dem, dessen Worte aus der Bergpredigt wir vorhin gehört haben. Der allen Menschen ohne Vorurteile begegnet ist, der ein großes und der ein so weites Herz hatte.

Jetzt bekommt ihr mehr Verantwortung. Mehr und mehr seid ihr nun herausgefordert und gefragt, verantwortungsvoll mit euch selbst umzugehen. Mit eurer Gesundheit auch, mit eurem Kopf und eurem Leben. Erwachsen werden, d.h. Verantwortung übernehmen. Selber denken. Und darüber nachdenken: was tut mir gut? Und was tut mir nicht gut? Erwachsen werden, heißt unterscheiden lernen zwischen dem, was mir gut tut und was mir nicht gut tut.

Am Beispiel des Smartphones kann man das gut sehen. Es ist praktisch. Völlig unkompliziert kann man mit anderen schreiben, reden oder Quizduell spielen. Und die vielen verfügbaren Apps machen das Leben leichter und schöner: Stadtpläne, Wettervorhersagen, Fahrpläne, Rezepte oder Musiktitel und noch Vieles mehr. Mir selbst macht das z.B. Spaß, mit meiner Familie durch die FamilienApp in Verbindung zu sein und sofort mit allen kommunizieren zu können, wo auch immer sie sind. Im Durchschnitt schauen Menschen heute dreimal pro Minute auf den Bildschirm, ob es etwas Neues gibt. Und 80 % aller Jugendlichen schlafen neben ihrem Smartphone. Kritisch aber wird es mit dem Smartphone im Straßenverkehr, ja lebensgefährlich, wenn man mit dem Kopf nicht mehr in der dreidimensionalen wirklichen Wirklichkeit ist, sondern nur noch in der zweidimensionalen Wirklichkeit des Bildschirms. Und Autofahrer, die meinen, multitasking zu sein und mit ihrem Handy am Steuer hantieren, sind zu einem der größten Unfallrisiken im Straßenverkehr geworden. Es geht schnell, es geht sehr schnell, dass wir über der digitalen Welt unsere reale Welt vergessen, in der wir uns bewegen. Und es kann fatale Folgen haben.

Deshalb ist es z.B. wichtig, über die Frage nachzudenken: wann tut mir das Smartphone gut und wann nicht?

Erwachsen werden, das heißt, unterscheiden lernen: was und wann tut mir etwas gut, was und wann auch nicht?

Ihr werdet Jahr für Jahr größere Freiheiten bekommen. Werdet sicher den Führerschein machen und abends länger unterwegs sein dürfen. Und wenn euch dann z.B. auf einer Party Dinge angeboten werden, die ihr nicht kennt - dann schaut genau hin, und fragt nach, was das ist und ob euch das wirklich gut tut. Und denkt daran, dass nicht der stark ist, der alles mitmacht, sondern der, der auch Nein sagen kann. Erwachsen werden heißt, Verantwortung für sich übernehmen und zu fragen: „Was tut mir gut? Und was definitiv nicht?“

Gott ist euer Schöpfer. Er hat euch beschützt und euch mit seiner Liebe begleitet bis zum heutigen Tag. Er hat euch euer Leben geschenkt. Und das ist einmalig. Darum geht gut und ganz, ganz liebevoll um mit diesem großen Schatz.

Der Glaube gibt euch dabei einen festen Grund unter die Füße. Auf ihm könnt ihr stehen, in guten wie genauso auch in schwierigen Tagen.

Und Gottes Liebe geht weiter mit euch. An jedem Tag. Sie macht euch stark für unsere Welt. Gottes Liebe und die Liebe seines Sohnes geht mit euch. Er hat es gesagt: „Seht, ich bin bei euch alle Tage und bis an das Ende der Welt.“ Nehmt das mit.

Es ist eure KonfiApp: „Seht, ich bin bei euch alle Tage und bis an das Ende der Welt.“

Amen.

an Christi Himmelfahrt 2016 von Pfarrer Rainer Böhm

Eine Umfrage bestätigt das: Dort verbinden zwar immerhin 39 % der Befragten den Himmelfahrtstag mit der Auffahrt Jesu in den Himmel, für 48 % aber – also für fast jeden zweiten Deutschen – ist Himmelfahrt der Vatertag. Und dann gibt es noch 5 %, die dabei an eine Luftfahrtschau denken. Wir müssen zur Kenntnis nehmen: Himmelfahrt ist kein einfaches Fest. Wahlen könnte man damit nicht gewinnen.

Doch auch innerkirchlich ist es kein unbefangenes Fest. Man könnte sagen: Himmelfahrt hat zwei Gesichter. Das eine Gesicht zeigen uns etwa unsere Lieder: Gen Himmel aufgefahren ist, halleluja, der Erdenkönig Jesu Christ, halleluja. Himmelfahrt als Freudenfest. Gotteslob und Halleluja. Denn Christus sitzt nun zur Rechten Gottes. Und uns steht der Himmel offen. So dichtet jedenfalls Philipp Friedrich Hiller über uns Christenleute: …ihnen steht der Himmel offen, welcher über alles Hoffen, über alles Wünschen ist.

Himmelfahrt als Freudenfest. Mit einem  Schlussakkord  lässt Lukas sein Evangelium ausklingen: Er aber führte sie hinaus nach Betanien und hob die Hände auf und segnete sie. Und es geschah, als er sie segnete, da schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel. Sie aber beteten ihn an und kehrten zurück nach Jerusalem mit großer Freude und waren allezeit im Tempel und priesen Gott. Freude schöner Götterfunken. Und so, das ist wohl die Absicht des Lukas, mögen wir es dann auch nehmen. Als Einladung, nun auch in diese Freude einzustimmen. Jeder in seiner Stimmlage, die Brummbären genauso wie die Amseln unter uns.

Es gibt noch ein anderes Gesicht von Himmelfahrt. Das ist gedrückter. Wieder ist es Lukas, der davon berichtet.  Aber auf einmal klingt anderes an. Da ist nicht mehr die große Freude bei denen, die zurückbleiben. Da ist nicht Enthusiasmus im Tempel und Lobpreis Gottes. Da ist Ratlosigkeit. Da stehen die Jünger wie gelähmt und starren Jesus hinterher. Starren hinauf zum Himmel, als könnte man das Rad der Geschichte noch einmal zurückdrehen. Und es müssen schon Engel auftreten, um dieses Erstarren zu unterbrechen und um die Blicke wieder auf die Erde zu richten. Dorthin, wo unser aller Leben spielt, wo wir gefordert sind und wo unser Platz ist. „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?“

Himmelfahrt ist hier wie ein Schock, eine Überrumpelung. Eine Geschichte vom Verlassen werden: Einer geht und andere bleiben zurück. Und so stehen sie dann und spüren, wie ihnen aus der Hand gleitet, was sie nach Ostern wieder sicher bei sich glaubten. Eben dachten sie noch: Jetzt haben wir das Leben fest in der Hand – und plötzlich ist es entschwunden, so ähnlich wie ein Luftballon einem kleinen Kind aus der Hand gleitet und in die Wolken steigt. Und wie das Kind seinem Luftballon hinterher sieht mit einer Mischung aus Staunen und Traurigkeit, so sehen die Jünger in den Himmel. Auch wenn gar nichts mehr zu sehen ist. Aber der Blick bleibt haften. Er sucht nach einem Punkt, der Halt verspricht.

Zwei Gesichter von Himmelfahrt. Welches ist Ihnen heute näher?

Noch einmal zurück zur Umfrage. Die Koalition von Vatertag und Luftfahrtschau bringt 53% der Stimmen zusammen. Eine stabile Mehrheit also. Manche Parlamente träumen davon. Es spiegelt sich darin etwas davon wieder, was man moderne „Himmelsvergessenheit“ nennen könnte. Der Theologe Eberhard Jüngel sagt das so: „Als Kinder der Aufklärung haben wir inzwischen das Diesseits lieben gelernt. Die Moderne hat Abschied vom Himmel genommen und sich ganz der Erde verschrieben.“ Sie hat nämlich zugleich das Band zwischen Himmel und Erde zerrissen, das wir nötig haben, um getrost und froh zu leben auch in einer zerrissenen Welt. Ein Mensch kann nicht auf Erden leben, wenn er nicht im Herzen ein Stückchen Himmel hat.

Deshalb feiern wir Himmelfahrt. Um ein solches Stück Himmel für unsere Erde zurückzugewinnen. Es uns schenken lassen. Vieles ist zum Himmel schreiend. Wer mitfühlen kann, der kann sich dem nicht entziehen. Himmelschreiend ist das Flüchtlingselend und ebenso himmelschreiend unsere Hilflosigkeit und Ratlosigkeit manchmal auch Trägheit, der Not zu begegnen. Himmelschreiend ist, dass weltweit und auch bei uns die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinandergeht; himmelschreiend ist die Gewalt und der Terror, der uns aus Nachrichten entgegenschlägt; himmelschreiend ist oft auch das, was wir selbst anrichten  in dieser Welt; himmelschreiend ist der Raubbau mit unseren Ressourcen und manchmal auch mit unsrer eigenen Gesundheit.

Weil so vieles zum Himmel schreit, braucht es Menschen, die den Himmel wieder in den Blick nehmen. Die in der Nachfolge Christi und in seinem Namen zum Himmel schreien und beten, die den offenen Himmel suchen und die aus dem Himmel ihre Kraft ziehen.

Ich weiß nun nicht, welches der beiden Gesichter von Himmelfahrt Ihnen heute näher ist. Das heitere, leichte, oder das erdenschwere. Und wohin wir besser unseren Blick lenken sollten: Zum Himmel, um von dort her neue Hoffnung und Kraft zu finden. Oder zur Erde als dem Ort, wo wir uns gegen himmelschreiendes Unrecht einsetzen sollen.

Wir gehören nicht nur zur Welt. Himmelfahrt erinnert daran: Wir haben eine doppelte Bürgerschaft. Hier auf Erden und nun auch im Himmel. Die kann uns keiner nehmen. Und der Himmel ist dabei nicht so fern, wie wir glauben. Wir müssen ihn jedenfalls nicht jenseits der Wolken suchen als einen Ort somewhere over the rainbow. Gott sei Dank.

Amen

 

zur Konfirmation am 1.5.2016 von Pfarrerin Meike Naumann

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,

es ist kaum zu glauben, wie schnell die Zeit vergeht. Irgendwie haben wir uns doch gerade erst beim Konfi-Begrüßungstag kennengelernt und jetzt werdet ihr schon konfirmiert.

Die Zeit ist – jedenfalls für mich – rasend schnell vergangen. Und so vieles an Inhalten hätten wir noch durchnehmen können oder vielleicht auch müssen??? Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ein bisschen werde ich euch vermissen. Die Dienstagnachmittage mit euch waren alles andere als langweilig.

Ihr seid eine nette, unkomplizierte und immer gut gelaunte Gruppe gewesen. Vielleicht manchmal zu gut gelaunt, so dass es auch mir schwer gefallen ist, immer ernst zu bleiben und auf den Lernstoff zu achten. Ich werde euch vermissen  -  und ich bin auch ein bisschen froh…. So ein Dienstagnachmittag ohne Konfi-Unterricht ist ja auch nicht zu verachten.

Doch alles in allem war es mir ein Vergnügen, ein Stück eures Lebensweges mit euch gemeinsam gegangen zu sein. Die Konfirmation ist ein Passageritus. Etwas geht zu Ende und Neues beginnt. Aus Kindern werden Leute, zumindest äußerlich haben wir es heute mit jungen Damen und Herren zu tun.

Ums Gehen-Lassen geht es für die einen. Ums Gehen, immer mehr auf eigenen Füßen stehen und eigene Verantwortung zu übernehmen – geht es für euch. Keiner hat das Recht, euch reinzureden in die Sache mit Gott. Euer Ja heute ist eure Entscheidung, eure Verantwortung. Immer mehr auf eigenen Füßen stehen…

Ich möchte euch von Ronja erzählen. Vielleicht kennt ihr sie, erinnert euch noch an sie – dunkel, damals in grauer Vorzeit als ihr noch Kinder ward… Erinnert ihr euch an Astrid Lindgrens Ronja Räubertochter und ihren Freund Birk Borkason? Kinderkram, denkt ihr? Dann hört mal zu!

Die Familie samt Räuberbande von Ronja und die Borkasons leben auf einer Burg in den riesigen Wäldern Schwedens. Ronja soll zum ersten Mal allein in den dunklen Wald dürfen. Ronjas Vater Mattis macht sich große Sorgen um sein Kind.

„Hüte dich vor den Wilddruden und den Graugnomen und den Borkaräubern!“ sagt er. „Woher soll ich wissen, wer die Wilddruden und die Graugnome und die Borkaräuber sind??“, fragt Ronja. „Das merkst du schon“, antwortet Mattis. „Na dann“, sagt Ronja.

„Und dann hütest du dich davor, in den Fluss zu plumpsen“, sagt Mattis. „Und was tu ich, wenn ich in den Fluss plumpse?“, fragt Ronja. „Schwimmst“, sagt Mattis. „Na, dann“, sagt Ronja.

„Und dann hütest du dich davor, in den Höllenschlund zu fallen“, sagt Mattis. Er meinte den Abgrund, der die Mattisburg in zwei Hälften teilte. „Und was tu ich, wenn ich in den Höllenschlund falle?“, fragt Ronja. „Dann tust du gar nichts mehr“, antwortet Mattis und stößt ein Gebrüll aus, als säße der Schmerz der Welt in seiner Brust. So sehr sorgt er sich um seine Ronja. „Na, dann“, sagt Ronja, nachdem Mattis ausgebrüllt hat. „Dann falle ich eben nicht in den Höllenschlund. Sonst noch was?“

„O ja“, sagt Mattis. „Aber das merkst du schon selber so allmählich. Geh jetzt!“

Ronja macht sich also auf den Weg, zum ersten Mal allein auf sich gestellt. Selbst kann sie und muss sie nun ihre Entscheidung treffen. Geht es hier lang oder da? Oder ist das vielleicht ein Irrweg? Führt er womöglich sogar in einen Abgrund?

Schon klar, bei uns gibt es keine Wilddruden und Graugnome und keine Borkaräuber. Auch vor großen dunklen Wäldern, in denen man sich hoffnungslos verirren kann, müssen wir uns hier eher nicht fürchten.

Aber auch ohne Gnome und Höllenschlunde hält das Leben die eine oder andere Herausforderung bereit. Immer weitreichendere Entscheidungen werdet ihr treffen – jetzt fängt es an: Welche Ausbildung soll ich machen? Wo kann ich mich für ein Praktikum bewerben? Bleibe ich auf der Schule, die ich gerade besuche? Manch einer weiß schon etwas davon …

Ronja macht sich auf den Weg. Na dann – ich krieg das schon hin. Genau wie Birk. Die beiden werden Freunde.

Die Eltern Lovis und Mattis lassen Ronja gehen, ebenso Undis und Borka ihren Sohn Birk. Beide mit Sorge und Wehmut und mit dem Vertrauen: Du machst das schon. Ihr macht das schon. Wir können sie ja nicht festhalten und ewig beschützen. Wir können ihnen erzählen von den Gefahren da draußen, von den Wilddruden und Höllenschlunden, und dass das Leben kein Ponyhof ist – erfahren können sie es nur selbst. Gut, wenn sie wie Ronja und Birk wissen, sie können jederzeit nach Hause kommen.

Konfirmation ist ein wichtiges Ereignis auf eurem Lebensweg. Auf dem Weg ins Erwachsenenleben. Auf dem Weg mit Gott. Ihr sagt heute Ja. Ja, ich will meinen Weg mit Gott gehen. Ich will an ihm festhalten und ihn an meiner Seite wissen auf meinem Weg ins Leben. Wenn ich Graugnomen begegne oder sonst etwas, das mich erschreckt, wenn ich nicht weiter weiß. Mich vielleicht verirrt habe, wenn mal ein Abgrund sich auftut, oder es so dunkel ist, dass ich nicht weiß, wie es weitergehen soll. Dann will ich mich erinnern: Gott ist an meiner Seite. Ja, mit Gottes Hilfe.

Und auch dann, wenn alles gut ist, wenn ich Spaß habe, das Leben gerade rund läuft … mal kurz innehalten, danke sagen. Glaubt mir, das macht froh, zu merken, was alles da ist an Gutem und Schönem, Liebe und Freundschaft. Immer wieder mal Danke sagen. Danke, Gott.

Ein Wort von Gott hat jede und jeder von euch sich ausgesucht. Leitsätze, Wegbegleiter wollen sie sein, eure Konfirmationssprüche.

Ich möchte euch heute noch ein Wort von Gott mitgeben – ein Wort aus dem 18. Psalm: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen!“ Mit meinem Gott zusammen bin ich stark. Mit ihm an meiner Seite kann ich Hindernisse überwinden und jede Hürde nehmen.

Ihr habt so viel Energie in euch. Sicher habt ihr auch andere, zB eure Eltern schon viel Energie gekostet. Vielleicht ist ja heute auch ein guter Tag, auch mal Danke zu sagen. Danke für die Liebe und die Kraft, für die Freude und auch für manchen ausgehaltenen Schmerz.

Mit Gott über Mauern springen.

Ich wünsche euch, dass ihr mit Gott an eurer Seite einen Weg findet, eine Richtung für die Energie, die in euch steckt.

Dass ihr gut überlegt, wofür ihr eure Energie einsetzt und wofür lieber nicht. Dass Starksein  viel mehr und vielleicht auch ganz etwas anderes  bedeutet als das, was unsere Gesellschaft euch vorlebt. Es bedeutet eben nicht: höher – schneller- weiter – mehr.

Ich wünsche euch, dass ihr eure Stärken herausfindet, dass ihr sie nutzt und sie nicht verkümmern lasst. Dass ihr sie nutzt, auch für die, die schwächer sind.

Mit Gott über Mauern springen.

Dass ihr nicht jedem Hindernis aus dem Weg geht. Euch auch mal auf unbequeme Wege traut. Dass ihr aufrecht durchs Leben gehen könnt. Dass ihr euren eigenen Weg findet, auch durch die dunklen Wälder und auch durch reißende Flüsse und – trotz der Wilddruden und Gaugnome, die gibt in dieser Welt und auch in uns selbst. Mit Gottes Hilfe.

Amen.

zur Konfirmation am 24.4.2016 von Pfarrer Rainer Böhm

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Gemeinde,

»Alles Gute« – diesen Wunsch werdet ihr heute oft hören. Prima Zusammenfassung, damit ich nicht alles aufzählen muss. Ich wünsche dir Gesundheit, denkt vielleicht Oma oder Opa. Ich wünsche dir eine passende Ausbildung und einen guten Beruf, denken vielleicht deine Eltern. Ich wünsche dir etwas, was man teilen kann, denken vielleicht deine Geschwister. Dass du dich immer auf jemanden verlassen kannst, denken vielleicht deine Freundinnen und Freunde. Alles gut. Aber nicht genug. Das reicht noch nicht. Da fehlt noch etwas.

Als vor fast 500 Jahren die ersten Konfirmationen gefeiert wurden, gab es einen Mann, der sich sehr lange überlegt hat, was man euch wünschen und zusprechen soll.

Dieser Mann, Martin Bucer, hat weiter gedacht. Das ganze Leben liegt vor euch: Was braucht ihr dafür? Gesundheit, Freunde, Beruf, Humor, Geld, Freizeit, Hobbys – alles gut. Aber nicht genug.

Und er kam auf folgenden Satz: »Nimm hin den heiligen Geist, Schutz und Schirm vor allem Argen, Stärke und Hilfe zu allem Guten aus der gnädigen Hand Gottes, des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geistes.«

Bevor es um das Gute geht, spricht er erst einmal davon, dass ihr Schutz und Schirm braucht vor allem Argen. Ein altes Wort, wir benutzen es nur ab und zu. Wenn jemand arg krank ist, ist er schlimm krank, lebensbedrohlich. Wenn uns jemand arglistig täuscht, dann lügt und betrügt er uns nach Strich und Faden. Ganz übel.

Dagegen braucht ihr Schutz und Schirm.

Niemand, der etwas von Computern versteht, geht ins Netz ohne Antivirenprogramm. Sonst fängst du dir Spione, Trojaner und andere Schädlinge ein. Wer von anderen schon einmal gemobbt wurde, in der Schule zum Beispiel, braucht Schutz von Familie und Freunden. Antivirensoftware für die Seele.

Bei Martin Bucer heißt das: Heiliger Geist. Geistesgegenwart. Gott selbst ist bei dir mit seinem heiligen Geist, um dich in Schutz zu nehmen. »Nimm hin den heiligen Geist, Schutz und Schirm vor allem Argen.«

Erst dann kommt bei Martin Bucer »alles Gute«. Stärke und Hilfe zu allem Guten. Es ist ja nicht immer leicht zu erkennen, was gut ist. Was in der einen Situation gut ist, ist es in einer anderen vielleicht nicht.

Im Lukasevangelium werden nacheinander zwei Szenen erzählt, in denen man meinen könnte, Jesus würde sich total widersprechen.

Szene 1: Jesus erzählt von einem Raubüberfall auf dem Weg zwischen Jericho und Jerusalem. Das Opfer liegt blutend am Boden. Zwei Leute gehen erst mal vorbei. Dann kommt einer und packt an. Dieser Samariter verbindet den Verletzten und schafft ihn in eine Herberge. Stärke und Hilfe zu allem Guten.

Szene 2: Gleich anschließend kehrt Jesus mit seinen Jüngern bei den beiden Schwestern Maria und Marta ein. Marta packt an und organisiert, Maria setzt sich zu Jesus und hört ihm zu. Da stoppt Jesus Marta in ihrer Aktivität. Stärke und Hilfe zu allem Guten: Setz dich zu uns und entspann dich.

Was ist jetzt das Gute?

Was wäre gewesen, wenn der Samariter sich zu dem Verletzten gesetzt hätte und gesagt hätte: Ich hab Zeit, ich hör dir zu? Erzähl doch mal ein bisschen. Der hätte das wohl kaum gut gefunden.

Und im zweiten Fall: Wäre das gut und gastfreundlich gewesen, immer nur herumzurennen und keine Zeit für die Gäste zu haben?

»Stärke und Hilfe zu allem Guten« – da muss ich zuallererst einmal sehen, was jetzt gut ist. Darum geht es hier nicht um eine allgemeine Regel, was gut ist. Sondern in der Konfirmation bekommt ihr gesagt: »Nimm hin den heiligen Geist« – der wird dir erkennen helfen, was gut ist. Was jeweils richtig ist und angemessen. Wie so eine Art innerer Berater.

Erkennen, was gut für euch ist. Und dann auch sehen, wo ihr für andere gut seid. Wenn andere euch brauchen mit eurer Zeit, mit eurer Hilfe, mit eurem Zuhören. Wenn andere beleidigt oder gemobbt werden. Da brauchen die Freunde Stärke, um aufzustehen und Partei zu ergreifen. Das ist nicht leicht. Vielleicht gerate ich ja dann selbst ins Kreuzfeuer. Für andere einzutreten, die angegriffen werden, das erfordert eigene Stärke. Ganz egal, ob es um körperliche oder seelische Attacken geht. Für andere einzutreten braucht Mut. Woher nehmen?

»Aus der gnädigen Hand Gottes, des Vaters«, sagt Martin Bucer.

Von diesem Vater also, der sein Kind in die Arme schließt, wenn es sich verlaufen hatte; der offen ist für ein Gespräch und sich nach dir erkundigt; der verständnisvoll ist, der auf die eigene Freiheit vorbereitet und sie dann auch  respektiert; der vergibt, noch bevor man sich ganz klein und krumm machen musste. So ist Gott, wie wir von Jesus wissen. Wir Eltern sind leider manchmal anders. Und wollen das gar nicht. Naja, Ihr wisst schon und spürt: wir geben uns jede Mühe. Aber gut, dass es diesen Vater im Himmel gibt, dieses Eltern-Ideal, das jeder sich wünscht und wir zugleich nicht immer entsprechen können.

Die Hand Gottes ist ein Symbol dafür, Gutes auszuteilen. Gottes Hand schöpft aus der Quelle und teilt aus. Gott vertrauen hilft dann dabei, auch sich selbst zu vertrauen, mutig zu sein.

Die gnädige Hand Gottes liegt auf eurem Kopf und nimmt euch in Schutz vor allem Argen. Ich stelle nachher meine Hände zur Verfügung und werde sie euch auf den Kopf legen. Aber eigentlich ist es die Hand Gottes. Meine Hände werden euch nur kurz berühren. Die Hand Gottes bleibt über euch, nimmt euch in Schutz und stärkt euch. Für immer.

Amen

am 13.3.2016 von Pfarrerin Susanne Pieper

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn und Bruders Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

mit dem heutigen Sonntag Judika sind wir nun mitten in der Kirchenjahreszeit der Passion angekommen. Wenn ich ganz ehrlich bin, so tue ich mich manchmal mit der Passionszeit schwer. Ich sehe so viel Leid im Fernsehen, ich lese von so viel Leid in den Zeitungen. Da frage ich mich manchmal: soll meine Seele sich nun auch noch mit dem Leiden Jesu beschweren? Worin liegt der tiefere Sinn davon, dass wir so intensiv und sieben Wochen lang der Leidenszeit Jesu gedenken und uns mit ihr auseinandersetzen?

Es kann doch nicht der Grund sein, dass die Kirche etwa verliebt ist in das Leiden, in die Schwere der Welt. Es kann doch nicht der Grund sein, dass die Kirche ihren Mitgliedern eine wie auch immer geartete Theologie des Bedrücktseins verordnet.

Wenn ich aber weitergehe in meinen Überlegungen über diese besondere Zeit, erkenne ich: als Kirche, hier und heute, kommen wir her von der Passion Jesu und von Ostern. Niemals können wir das Leiden und das Sterben Jesu von seiner Auferweckung trennen. Hinter Ostern können wir gar nicht mehr zurück.

Und dann heißt die entscheidende Frage: welcher Hoffnungsimpuls liegt darin, dass wir die Passion und das Ostergeschehen bedenken? Inwiefern helfen uns das Leiden und das Auferstehen Jesu, unser Leben heute zu leben? Unseren Alltag zu bewältigen, hier, in unserer Welt?

Auf diesem Fragehintergrund hören wir noch einmal den Predigttext dieses Tages: (Hebr. 5,7-9 und 6,18.19)

„Jesus lebte als Mensch unter uns. In den Tagen seines irdischen Lebens hat er sein Bitten und Flehen unter Tränen zu Gott gebracht. Zu dem, der ihn allein vom Tod erretten konnte. Und sein Gebet ist auch erhört worden; denn Jesus hielt Gott in Ehren.

Auch Jesus, der doch Gottes Sohn war, musste in seinem Leiden Gehorsam lernen. Und als er zu Gott zurückkehrte, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, zur Quelle des ewigen Heils geworden. Nun haben wir einen starken Trost. Wir halten fest an der Hoffnung, die uns von Gott angeboten worden ist. Und wir haben diese Hoffnung als einen sicheren und festen Anker unserer Seele.“

Wir haben einen starken Trost. Denn Gott hat Einen zu uns geschickt, dem war nichts Menschliches fremd. Der war ganz Mensch, wie wir. Er kannte Angst, in allen Variationen, kannte gar Lebensbedrohung, kannte Tränen, Bitten und Flehen. Und ließ doch den Glauben an Gott nicht los. Gab doch Gott als Gegenüber nicht auf und blieb dran am Gespräch mit ihm. Er stellte sich dem Leiden, er hielt es durch, er hielt fest an Gott, trotz alledem. Und er wurde dafür belohnt. Gott hat ihn von seinem Tod errettet, wenn auch anders, als er es sich gewünscht hätte. Doch er hat ihm neues Leben geschenkt.

„Nun haben wir einen starken Trost.“ Denn nun wissen wir: Gott bleibt da. Auch wenn wir leiden, auch wenn wir einmal schwach sind, auch wenn es uns einmal nicht gut geht, fängt er uns mit seinen Händen auf und trägt uns.

Nun wissen wir: Mit dem Tod ist nicht alles zuende. Denn Gott bleibt stärker als der Tod, als alle Gewalt, als alle Zerstörung - sei es in Syrien, im Irak oder in Somalia. Als aller Vernichtungswille - sei es durch das Assadregime oder durch die Terroristen. Als alle Todesverliebtheit, die uns Tag für Tag in den Medien entgegenschlägt.

Gott allein ist unsere Zukunft. Und einmal wird alles gut sein.

Und nicht nur von Trost ist hier die Rede, sondern auch von der Hoffnung. „Wir haben die Hoffnung. Sie ist ein sicherer und fester Anker unserer Seele.“

Die Hoffnung als Anker: das ist ein großartiges Bild. Unwillkürlich denke ich dabei an die Dreigestalt von Kreuz, Herz und Anker, dass die Seemänner im Norden, an der Küste, als Kette um den Hals tragen oder sich auf ihren Oberarm tätowieren lassen. Als Symbol für Glaube, Liebe und Hoffnung.

Wir haben die Hoffnung als Anker: ich denke dabei genauso an meine Kindheit. Da nahm mein Vater, der sehr gern angelte, mich und meinen Bruder manchmal mit, wenn er in seinem kleinen Motorboot zum Fischen auf die Ostsee hinausfuhr. Und wenn wir eine Viertelstunde gefahren waren, dann warf er den Anker aus. Das war wichtig, damit wir nicht durch die Strömung des Meeres abgetrieben wurden. Und damit wir vor allem nicht in die Nähe der Fahrrinne kamen, dort, wo die großen Schiffe und die Fähren unterwegs waren, zwischen Kiel und Skandinavien und zurück. Denen hätten wir nicht ausweichen können. Wie gut, dass wir einen Anker hatten. Wie gut, dass wir uns mit ihm festmachen konnten am Meeresgrund!

„Wir haben die Hoffnung als einen sicheren und festen Anker unserer Seele.“ Manchmal ist unsere Seele selbst wie ein schaukelndes, kleines Boot auf dem Wasser, wie eine Nussschale auf dem Meer. Nach außen wirken wir vielleicht stark und souverän und selbstsicher. Als könnte uns nichts erschüttern. Doch unser Inneres ist manches Mal unsicher, schwankt hin und her, fühlt sich klein, zerzaust und voller Selbstzweifel. Wie wichtig ist es dann, dass unsere Seele Halt findet an einem festen Grund. Wie wichtig ist dann ein starker Anker, der uns Stabilität gibt und Sicherheit.

Die christliche Hoffnung ist solch ein Anker. Sie sagt uns: Gott ist da. Er ist deine Gegenwart. Er ist dein Gegenüber. Er versteht dich. Er versteht auch, wie du das meintest, was du in einer bestimmten Situation gesagt hast. Er begleitet dich. Und er ist deine Zukunft. Er führt dich in ein gutes Land. Darauf kannst du fest hoffen.

Diese Hoffnung haben wir als einen festen und sicheren Anker unserer Seele.

Und fragen wir, worin diese Hoffnung nun wiederum ihren Grund hat, so ist die Antwort: sie liegt in nichts weniger als in der Passion, im Tod und in der Auferstehung Jesu Christi. An seinem Weg erkennen wir, dass Gott auch uns mitnehmen will in eine gute und helle Zukunft. An seinem Weg erkennen wir, dass Gott alles neu machen will. Das ist die Hoffnung unseres Glaubens.

Dietrich Bonhoeffer hat einmal gesagt: „So gewiss der Mensch glaubt, so gewiss hofft er. Und es ist keine Schande, zu hoffen, grenzenlos zu hoffen.“

Und Jürgen Moltmann schrieb in seinem berühmten Buch „Theologie der Hoffnung“: „Hoffnung zu haben, ist keine Jugendtorheit. Wir sollten die Hoffnung nicht als Schwärmerei abtun. Sie ist ein Lebenselixier. Und die Hoffnung auf Gottes Zukunft für die ganze, bedrohte Welt ist heute die Lebenskraft der christlichen Existenz und der christlichen Gemeinde.“

Ja, ich glaube, wir können nur von der Hoffnung leben. Tag für Tag. Sie hilft uns, nach Lösungen zu fragen und nicht vor den Problemen zu kapitulieren. Sie gibt uns einen langen Atem. Die Hoffnung hilft uns, nach dem Licht Ausschau zu halten, nicht nach der Dunkelheit. Sie hilft uns, jeden neuen Tag zu sehen als Chance für einen neuen Anfang.

Und so möchte ich schließen mit einem Satz aus dem 15. Kapitel des Römerbriefes, der wie ein Segen ist. Er ist zugleich mein Konfirmationsspruch:

„Der Gott der Hoffnung erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, damit ihr immer reicher werdet an Hoffnung, durch die Kraft des heiligen Geistes.“

Amen.

am 17.1.2016 von Pfarrerin Susanne Pieper

Predigttext: 2. Korinther 4, 6-10

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn und Bruders Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Liebe Gemeinde,

ob Sie es gestern Vormittag auch gesehen haben? Mitten in diesem trüben Himmel riss plötzlich die Wolkendecke auf. Und die Sonne schien mir mit ihren hellen Strahlen gerade ins Gesicht. Einen Augenblick nur. Doch es war ein Moment, der unendlich schön war.

An diesen Augenblick muss ich zurückdenken, wenn ich die Worte des Paulus lese, die er im 2. Korintherbrief schreibt: „Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben.“

Einen hellen Schein - in unser Gesicht. Einen hellen Schein – in unser Herz. An jedem Morgen geht mir das so: wenn ich die Fensterläden öffne, wenn ich die Vorhänge zurückziehe: dann genieße ich das Licht des neuen Tages. Dann genieße ich das Licht der Schöpfung Gottes neu für mich. Ein neuer Tag ist mir geschenkt. Eine neue Chance, mein Leben zu leben. Und es ist, als würde dieses Licht mitten in mein Herz treffen: „Gott hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben.“

Paulus knüpft mit diesen Worten an die Schöpfungsgeschichte an. Als das Licht in die Welt kam, als Gott das Licht aus der Finsternis rief und alles begann.

Doch Paulus knüpft mit diesen Worten auch an ein anderes Ereignis an, an ein Ereignis seiner Biographie, das schlichtweg alles veränderte. Helligkeit erlebte er - nur für einen kurzen Augenblick. Doch so heftig, doch so mächtig, das es ihm den Boden unter den Füßen wegriss. Paulus war da auf dem Weg nach Damaskus, als ihn ein unfassbares Licht blendete. Und mit dem Licht war da eine Stimme, die sagte: „Saul, was verfolgst du mich?“ Paulus fragte: „Wer bist du?“ Und die Stimme antwortete: „Ich bin Jesus, den du verfolgst. Steh auf, geh nach Damaskus, dort wird man dir alles erzählen, was du tun sollst.“

In diesem wahrhaft umstürzenden Ereignis erlebt Paulus das helle Licht Jesu Christi. Es greift in sein Leben ein, es erreicht sein Herz. „Gott hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben.“ Und es verändert ihn grundlegend. Doch zunächst einmal wird Paulus nach seinem Damaskuserlebnis blind. Angewiesen auf andere. Äußerlich schwach, alles andere als autonom. Das ändert sich wieder. Später. Doch es bleibt etwas Charakteristisches in seinem Leben, auch als Apostel der Völker, dass er hier beides ist: erleuchtet und blind, geblendet. Stark im Glauben und schwach von Gestalt. Er predigt von Jesus Christus wie kein Zweiter und wird dennoch ständig infrage gestellt: „Du willst Bote der frohen Botschaft sein? Sie wirkt doch viel überzeugender, wenn sie durch gesunde, wohlgestaltete Menschen verbreitet wird!“ So wird Paulus angegriffen. Denn die Gegner meinen, eine starke Botschaft verlange auch einen starken Apostel.

Doch Paulus ist kein Strahlemann. Licht und Dunkelheit begleiten ihn von Anfang an. In überschwänglichen Worten kann er predigen von der Herrlichkeit seines Verkündigungsamtes, und zugleich leidet er unter seinem Auftrag. Da gibt es ein Ineinander von Glanz und Zerbrechlichkeit, von Herrlichkeit und Verhüllung in ihm selbst. Sein Körper ist ihm oft hinderlich in seinen Aufgaben. Er ist schmächtig, gebrechlich. Wenig ansprechend. Wenig glamourös. Doch sein Geist ist beweglich wie ein Schmetterling, und sein Glaube ist stark und frei. Paulus weiß, dass es ein großer Schatz ist, den er in sich trägt. Gott hat ihm diesen Schatz ins Herz gelegt, in diesem einen, lichten Moment vor Damaskus: den Glauben an Jesus Christus. So wie Gott aus dem Nichts das Licht geschaffen hat, so hat er Licht gemacht im Herzen des Apostels.

Und Paulus hat erkannt: Jesus Christus ist der eine, der Grund, auf dem er stehen kann. Hier liegt der Schatz. „Gott hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben.

Durch uns sollen nun die Menschen Gottes Herrlichkeit erkennen, die in Jesus Christus aufstrahlt. Doch diesen kostbaren Schatz haben wir nur in irdenen, zerbrechlichen Gefäßen.“

Liebe Gemeinde, wir kommen von Weihnachten her. Mit diesem Sonntag, dem letzten in der Epiphaniaszeit, endet der Weihnachtsfestkreis. Und auch die vertraute Geschichte von Bethlehem, die wir wieder gehört haben, auch sie erzählt vom Schatz in irdenen, tönernen, zerbrechlichen Gefäßen: das göttliche, glanzvolle Kind - in der Krippe für die Tiere. Kein Raum in der Herberge. Arme Hirten. Und weise Männer, die einen Säugling auf Stroh finden, aber keinen Herrscher mit Gold, Samt und Schatzkisten. Gott hat offenbar seine eigenen Wege, seinem Schatz in dieser Welt einen Ort zu geben. Und sein Glanz findet seinen Weg. Zu uns. „Wir haben diesen Schatz in irdenen, zerbrechlichen Gefäßen.“

Ein Schatz in einem irdenen Gefäß. Das ist für mich ein großartiges Bild. Da wandern meine Gedanken zum Wetterauer Museum in Friedberg. Und ich denke an den „Wetterauer Münzschatz“, jenen großen Krug aus Ton, der aus der Römerzeit stammt. Und der gefunden wurde im Kastell Ober – Florstadt. Es waren wohl römische Soldaten, die ihn im 3. Jahrhundert aus Angst vor den Germanen dort versteckten. Nun liegt der Krug da, hinter Glas, und in ihm und um ihn herum liegen viele Geldstücke: 1.136 Denare. Ein historisch unendlich wertvoller Schatz in einer töneren Umhüllung. „Wir haben diesen Schatz des Glaubens an Jesus Christus in irdenen, zerbrechlichen Gefäßen.“

Auch wir sind wie ein Gefäß aus Ton. Auch unser Leben kann einen Riss bekommen, so wie ein Tongefäß. Das kann eine Krankheit sein, mit der wir zurecht kommen müssen, oder es kann eine Schuld sein, die wir im Rückblick erkennen, und die nun zu unserem Leben gehört, und auch wenn sie vergeben ist, tragen wir sie weiter wie eine Narbe mit uns. Wir sind wie ein Gefäß aus Ton. Von einem Moment auf den anderen kann ein Riss in unserem Lebensgefäß entstehen, und ein Leid, das uns getroffen hat, raubt uns viele Kräfte. Oder ein Schicksalsschlag verlangt uns viel ab. Sodass wir achtgeben müssen, unsere Lebensenergien zusammen zu halten, nicht buchstäblich auseinander zu fallen. Sodass wir alle Kraft Gottes brauchen, damit der Riss heilen kann.

Wir sind Menschen. Wir sind nicht immer stark. Wir sind auch verletzlich. Und unsere seelischen und körperlichen Kräfte sind begrenzt.

„Wir haben diesen Schatz in irdenen Gefäßen“. Ja, unser Leben ist auch fragmentarisch. Wenn wir die to – do – Listen lesen, die wir uns gemacht haben, so sehen wir, wir schaffen oft nicht all das, was wir uns vorgenommen haben. Beruf und Familie und Ehe und Haushalt und Ehrenamt und soziale Beziehungen pflegen. Wir bleiben hinter unseren Zielen zurück. Wir können nicht all die Pläne verwirklichen, die wir uns gemacht haben. Wir bleiben auch Fragment.

Vielleicht haben dies die Erzähler des Alten Testaments schon im Kopf gehabt, als sie – lange vor Paulus – die Menschen mit Tongefäßen verglichen haben. So heißt es bei Jesaja (64,7): „Wir sind Ton, du bist unser Töpfer, und wir alle sind das Werk deiner Hände.“ Ja, mit allem, was wir sind und haben, sind wir das Werk seiner Hände. So wie wir sind. Mit unseren starken Seiten und mit unseren zerbrechlichen Seiten. Mit unseren schönen Seiten und mit unseren schlichten Seiten. Und als solche Menschen dürfen wir seinen Schatz in uns tragen. „Wir haben diesen Schatz in irdenen Gefäßen.“

Es ist der Schatz des Glaubens, wie sein Sohn ihn uns gezeigt hat. Er, der durch das Dunkel gegangen ist und neues Licht gesehen hat. Dieser Glaubensschatz ist eine enorme Kraftquelle. Dieser Glaubensschatz ist eine Kraft, die uns davor schützt, zu zerbrechen. Wir können widerstehen, auch wenn Belastungen uns niederdrücken wollen. Unser innerer Mensch kann sich aufrichten, auch wenn andere uns kleinmachen wollen. „Wir werden bedrängt, aber nicht überwältigt. Wir sind oft ratlos, aber wir verzweifeln nicht,“ schreibt der Apostel.

Der Glaubensschatz ist eine enorme Kraft, die unser Leben tragen kann. Denn auch als Christinnen und als Christen kommen wir an unsere Grenzen. Wir können Gott um diese überschwängliche Kraft bitten, die uns tragen kann, auch durch Täler hindurch. Und er wird uns beschenken mit neuer Hoffnung und mit einem neuen Vertrauen. So haben wir einen Schatz bei uns in unseren irdenen Gefäßen.

Und täglich neu können wir mit Gottes Kraft auferstehen mitten in unserem Leben.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

zur Christvesper 2015 von Pfarrer Rainer Böhm

11Denn es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen

12und nimmt uns in Zucht, dass wir absagen dem ungöttlichen Wesen und den weltlichen Begierden und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben

13und warten auf die selige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und unseres Heilands Jesus Christus,

14der sich selbst für uns gegeben hat, damit er uns erlöste von aller Ungerechtigkeit und hätte ein Volk, das eifrig wäre zu guten Werken. (Titus 2,11-14)

 

Liebe Gemeinde am Heiligen Abend!

„Heilsam” - ein Wort, bei dem vieles anklingt und mitschwingt wie beim Klang einer Glocke zu Weihnachten: Erinnerungen an die Kindheit, wenn ein gutes Wort von vielen Wehwehchen heilte; wenn ein Pflaster den Schmerz vergessen ließ... Erinnerungen eher an kühlende Umschläge, lindernde Salben und selbstgekochte Säfte - an „Heilmittel” eher als an Medikamente oder Apparate. „Heilsam” so manches, das tiefer reicht als bis zum Körper, das die kleinen oder großen Verwundungen der Seele heilt - das zerstörtes Vertrauen wiederherstellt, Trennung überwindet, Schuld vergibt.. Viele haben solches Heil nötig.

Manche hängen noch dem Bild an, als sei der Körper so etwas wie eine Maschine, auf deren Reparatur wir ein Recht haben; oder wir meinen unbewusst vielleicht, Gesundheit sei ein Anspruch wie die Leistung der Krankenkassen.

Aber, Gesundheit ist Gabe, gesund werden ist Geschenk, Heilung ist Gnade.

Paulus - selber von schwerer Krankheiten geplagt - weiß das. Und darum nimmt er dieses Wort auf, wenn er davon spricht, was Gott für für uns Menschen getan hat – nämlich das, was erschienen ist in Bethlehem, im Stall, in der Krippe und was an jedem Weihnachtsfest neu erscheint: Die „heilsame Gnade Gottes”.

Das Geschehen der Heiligen Nacht heilt das, was verletzt ist - das Verhältnis zwischen Mensch und Gott:

Verletzt ist es - weil schon die ersten Menschen sich einreden ließen, sie könnten ohne Gott auskommen, weil sie selber Gott werden, Gott sein wollten, im Paradies und in Babylon.

Alle Generationen danach haben dies geerbt - und es hat schreckliche Folgen gehabt für das Miteinander der Menschen - wie die Geschichte der ersten menschlichen Brüder Kain und Abel schon zeigt - und wie wir es erleben in all dem, was Menschen einander antun bis heute.

Der Mensch macht sich zum Gott - bestimmt über gut und böse - bestimmt über das Leben seiner Mitmenschen und meint, alles im Griff zu haben.

Gottes Antwort darauf kehrt alles um: Auf den Versuch des Menschen, Gott zu werden, antwortet Gott mit seiner großen Möglichkeit: Er wird Mensch.

Er wird Mensch, genau so, wie auch wir Menschen wurden: Geboren als kleines Kind. Er wird Mensch, wie es viele Menschen werden: Im Notquartier in der Fremde: weil der römische Kaiser, der sich als Gott verehren läßt, die zählen lassen will, über die er herrscht! Wegen der Steuer... Er wird Mensch, wie es vielen Menschen geht: Kaum zur Kenntnis genommen. Irgendwo im Dreck, mit Verlaub.

Das ist - aus Gottes Sicht - eher etwas wie eine schwere, eine lebensgefährliche Operation: Gott wird Mensch - und Menschen verfolgen ihn mit ihrem Hass von Geburt an und bringen ihn ans Kreuz.

Mir geht nach, dass Quirinius Statthalter in Syrien war.

Ich denke daran, dass die syrische Familie, an die wir Anfang des Jahres eine Wohnung vermietet haben, ein paar Monate später ihr drittes Kind bekam, ein Mädchen. Geflohen sind sie aus dem völlig zerstörten Homs. Und dann von Ägypten mit dem Schlauchboot über das Mittelmeer, 15 Tage ist es auf dem Meer getrieben, südlich von Kreta, bis die Insassen von einem Fischerboot gerettet wurden.

Aus dem gleichen Ägypten, in dem das Kind mit seinen Eltern Asyl gefunden hat vor einem mörderischen Diktator, vor 2000 Jahren.

Es ist das gleiche Meer, südlich von Kreta, in dem vor fast 2000 Jahren Paulus trieb und Schiffbruch erlitt und gerettet wurde, bei Malta, wie es die Bibel berichtet.

Und es ist tatsächlich auch das gleiche Kreta, wohin etwa 100 Jahre nach Christi Geburt unser Predigttext geschrieben wird.

Paulus schreibt an Titus, seinen Schüler: „Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes, dass sie uns zu einem besonnenen, gerechten und frommen Leben führe.“ Titus wird sich gefragt haben: Wem ist die heilsame Gnade Gottes erschienen? Lukas sagt: „den Hirten“.

Hirten verlassen ihre Herden, so ist darin zu lesen. Wie Kinder blindlings glauben, so glauben sie dem Engel und wie Kinder Gefahren nicht sehen, verlassen sie einfach ihre Schafe. Sie vertrauen, dass alles gut geht.

Dieser Gang „von den Hürden“ über die Felder nach Bethlem. Hier die Klarheit der Engel und die Aufforderung, alles stehen und liegen zu lassen, dort die Hirten, die sich in das Unbekannte hinein begeben. Die Hirten gehen - und dieses Gehen, dieses Hinüberschreiten klingt in vielen Weihnachtsliedern nach, diese Aufforderung: Herbei oh ihr Gläubigen; Kommt und lasst uns Christus ehren. ‚Kommt lasst uns von den Hürden weg gehen. Wir wollen das Stroh hier liegen lassen und dorthin gehen, wo wir gebraucht werden.“

Können wir, kann ich über diese Hürden springen? Was würde geschehen, wenn man zu Jesus geht?

Viele von uns sind in diesem Sommer einfach losgegangen. In München, in Passau, überall im Land, und auch in unserer Stadt. Vielen Fragen begegnen sie dabei: Nach Verständigung zunächst, nach Zeitaufwand und eigener Kraft, nach dem Sinn und danach, wie eigentlich Integration funktioniert. Auch nach dem schlimmen Schicksal der Christen im ganzen Nahen Osten. Von wo das Christentum einmal zu uns gekommen ist: aus dem Morgenland ins christlich geprägte Abendland. Sie sind Menschen begegnet, vor allem aus dem Land, in dem Quirinius einmal Statthalter war. Und in jedem Fremden begegnet uns Jesus selbst.

Man geht also los und kommt zu den Nächsten, das sind die, die uns am meisten brauchen. Gut ist es, wenn man dabei einen klaren Kopf behält: Besonnen, gerecht und fromm, wie es Paulus dem Titus empfohlen hat.

Die Weihnachtsgeschichte ist „heilsam” für uns. Sie will uns als Einzelne heilen, aber auch als Gemeinschaft aus vielen Verschiedenen und Fremden.

Darum wohl empfinden wir auch den Stall und die Krippe als Idyll, als „heile Welt”; darum wohl wünschen wir uns Weihnachten so feierlich und freundlich; darum versuchen wir einander Freude zu machen, Zuneigung zu zeigen, menschliche Nähe, Wärme, Helligkeit - eben weil wir es spüren, dass Gott uns heil machen will durch seine Gnade.

am Ewigkeitssonntag 2015 von Pfarrerin Susanne Pieper

Die Liebe Gottes, die Gnade unseres Herrn und Bruders Jesus Christus und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen! Amen.

Liebe Gemeinde,

ein Jahr geht seinem Ende zu. Diese Tage um den Ewigkeitssonntag herum, sie sind für uns Tage der besonderen Erinnerungen. Wir besuchen die Friedhöfe. Wir schmücken die Gräber mit Liebe und Achtsamkeit. Wir erinnern uns in diesen Tagen besonders intensiv der Verstorbenen, von denen wir Abschied nehmen mussten. Von den Angehörigen, von den Freundinnen und Freunden, die uns nahe waren, von Schwestern und Brüdern aus unserer Gemeinde.

Viele Menschen gehen gerade jetzt auch nach draußen: in den Park, in den Wald, in die Natur, um Kraft zu finden. Um freien Atem zu schöpfen, im Gehen oder im Wandern.

Von einem besonderen Erlebnis in freier Natur erzählt uns Jörg Zink, der bekannte Pfarrer und Autor. In einem seiner Bücher hat er ein Bild veröffentlicht, das mich sehr angerührt hat. Und das mich nicht mehr loslässt, seitdem ich es gesehen habe. Da ist ein Baumstamm zu sehen, der Stamm eines lebendigen Baumes. Und in seiner Mitte ein friedvolles Gesicht Jesu. Aus Holz geschnitzt. Jörg Zink schreibt dazu:
„Auf einer Wanderung stand ich einmal vor einem Baum: in ihm war eine Christusfigur eingewachsen.  Vor mehr als 100 Jahren muss jemand sie dort am Stamm befestigt haben. Nun wächst der Baum, und er schließt die Figur ein. Unmerklich und still wächst die Rinde um sie herum. Und auch die offene Stelle wird vielleicht eines Tages ganz zusammengewachsen sein, und der Baum wird wieder wie unversehrt stehen, wenn auch verändert. Und Christus ist in ihm.“

„Bei diesem Bild,“ schreibt Zink, „denke ich besonders an dich. Denn die Trauer, die du empfindest, sie ist wie die Rinde bei diesem Baum. Sie umschließt unsere Lieben, nachdem sie gegangen sind, und sie lässt sie in uns hineinwachsen.“

Liebe Gemeinde, die Trauer um unsere Verstorbenen hat viele Seiten. Sie ist wie Berg und Tal, gerade in der ersten Zeit. Trauer ist auch ein langer Weg, auf dem wir zu gehen haben. Und doch kann die Trauer auch eine heilsame Kraft in sich tragen, von der Jörg Zink in diesem Bild spricht.

Wie jener Baum die Christusgestalt in sich trägt, so tragen wir die Menschen, die uns so lieb waren und es sind, in uns: wir erinnern uns an sie. Wir tragen ihre Schönheit in uns. Ihre Zärtlichkeit. Ihre Weisheit. Wir tragen ihren Kampf um mehr Gerechtigkeit in dieser Welt in uns. Aber auch ihre Lebensfreude . Ihren Humor, der ihnen eigen war. Wir tragen ihre Worte in uns. Ihre tröstenden Worte und ihre Gesten. Ihren Glauben, vielleicht auch ihren kritischen Glauben. Und den Segen, den sie uns hier und da gegeben haben, alles, mit dem sie uns beschenkt haben.

So werden sie ein Teil von uns. Sie geben uns ihre Worte, sie geben uns ihre Liebe, sie geben uns ihre Kraft. Sie bleiben unsichtbar in uns bewahrt. Wir tragen sie in uns.

Der Sänger Herbert Grönemeyer hat in seinem leidenschaftlichen Lied „Der Weg“ die Trauer um seine Ehefrau zum Ausdruck gebracht. Und er formuliert es ganz ähnlich: „Ich gehe nicht weg. Hab meine Frist verlängert. Neue Zeitreise. Offene Welt. Habe dich sicher in meiner Seele. Ich trage dich bei mir, bis der Vorhang fällt.“

Ja. Wir sind in diesem Jahr mit der Lebensgrenze konfrontiert worden. Ja. Wir wissen, was Vergänglichkeit bedeutet. Aber die Bitterkeit soll nicht das letzte Wort haben. Denn all das Schöne, das wir gemeinsam erlebt haben, das kann uns niemand nehmen. Es bleibt bei uns. Es bleibt tief in uns verborgen. Wir behüten es und wir beschützen es. Unsere Seele wird größer daran. Trotz allem Schmerz. Unsere Seele und unser Herz wird reifer daran, und wir verstehen noch einmal ganz anders, worauf es im Leben wirklich ankommt: nämlich reicher an der Liebe zu werden.

Schließlich aber, und das ist nicht von ungefähr, stellt Jörg Zink uns eine Christusfigur vor Augen, die da von einem Baum umschlossen wird.

„Auf einer Wanderung stand ich vor einem Baum, in den eine Christusfigur eingewachsen war.“ Mit diesem Bild, mit diesem Eindruck bietet Jörg Zink uns eine Botschaft an: Jesus Christus ist es, der dieser Welt sagt: „Ich bin das A und das O, ich bin der Erste und der Letzte, ich bin der Anfang und das Ende.“ Von Christus ist uns gesagt, dass er den Tod überwunden hat in der Nacht von Ostern. An ihm hat Gott uns schon beispielhaft gezeigt, dass seine Schöpferkraft zuletzt stärker bleibt als der Tod es sein kann. Neues Leben ist uns verheißen. Ein neue, eine andere, eine unvergängliche Existenz in Gottes Licht und in Gottes Gegenwart. Der Himmel ist offen. Der Himmel ist weit.

„Ich bin der Erste und der Letzte.“ So wie die Christusfigur in den Baum hineingewachsen ist, so will die Lebenskraft Christi in uns wachsen. In uns Raum gewinnen. Möchte in unserem Inneren sein. Diese Lebenskraft Christi ist nicht sichtbar, aber sie kann uns von innen her stärken. Uns trösten. Uns aufrichten.

„Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an das Ende der Welt.“
Sein Friede in unserer Unruhe.
Seine Hoffnung in unserem Gebeugtsein.
Seine Kraft in unserer Schwäche.
Sein Licht in unseren Tränen.

„Nun wächst der Baum und schließt die Figur des Christus ein. Unmerklich wächst die Rinde um sie herum. So steht der Baum da. Und Christus ist in ihm.“

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

am 15.11.2015 von Vikarin Evelin Talmon

Gnade sei mit Euch und Friede, von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen.

 

„Ach wissen Sie“, sagte der Vater, der in einem Taufgespräch dem Pfarrer gegenübersaß, „mit dem ‚lieben Gott‘ kann ich nicht so viel anfangen.“

Der Pfarrer hatte wie dann und wann vorkommt wenig bedacht in einem Nebensatz vom „lieben Gott“ gesprochen.

„Warum nicht?“, fragt der Pfarrer nach, „glauben Sie, dass Gott nicht lieb ist?“

Darauf der Vater: „Wenn ich auf einer Geschäftsreise bin und ich finde etwas, das ich meiner kleinen Tochter mitbringen kann, dann freue ich mich darüber. Und meine Tochter freut sich auch, wenn sie das Geschenk von mir bekommt. Wenn meine Tochter aber kaputt macht, was ich ihr geschenkt habe, dann bin ich ärgerlich. Ich schimpfe dann auch schon mal. Und dann bin ich gar nicht nur der ‚liebe Vater‘.

Ich denke oft, dass Gott doch gar nicht nur der ‚liebe Gott‘ sein kann, wenn der sieht, was hier auf der Erde los ist. Er hat uns die Erde geschenkt. Und was machen wir daraus? Und wie gehen wir miteinander um?

Ich kann mir gut vorstellen, dass Gott auch der zornige, der wütende Gott sein kann. Die Rede vom ‚lieben Gott‘ erschreckt mich manchmal. Ich glaube, dass wir Gott nicht gerecht werden, wenn wir einfach weglassen, dass es nun wirklich genug Fakten und Anlässe gibt, über die Gott zornig sein könnte.“

So der Vater, der seine Tochter gerne beschenkt.

Der Predigttext des heutigen Sonntages greift die Frage nach dem auf, wie wir mit uns selbst und unseren Mitmenschen gut umgehen, was uns zum Segen gereicht – und zwar in einem Bild, in einem Bild, aus einem Gerichtsprozess:

Mt 25,31-46

Wenn aber der Menschensohn kommen wird in seiner Herrlichkeit und alle Engel mit ihm, dann wird er sitzen auf dem Thron seiner Herrlichkeit, und alle Völker werden vor ihm versammelt werden. Und er wird sie voneinander scheiden, wie ein Hirt die Schafe von den Böcken scheidet, und wird die Schafe zu seiner Rechten stellen und die Böcke zur Linken.

Da wird dann der König sagen zu denen zu seiner Rechten: Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbt das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt!

Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen.

Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen.

Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und haben dir zu essen gegeben, oder durstig und haben dir zu trinken gegeben?

Wann haben wir dich als Fremden gesehen und haben dich aufgenommen, oder nackt und haben dich gekleidet?

Wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen?

Und der König wird antworten und zu ihnen sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.

Dann wird er auch sagen zu denen zur Linken: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln!

Denn ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir nicht zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir nicht zu trinken gegeben.

Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich nicht aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich nicht gekleidet. Ich bin krank und im Gefängnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht.

Dann werden sie ihm auch antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig gesehen oder als Fremden oder nackt oder krank oder im Gefängnis und haben dir nicht gedient?

Dann wird er ihnen antworten und sagen: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr mir auch nicht getan.

Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben.

Hungrige speisen, Durstigen zu trinken geben, Fremde beherbergen, Nackte kleiden, Kranke und Gefangene besuchen!

Das sind Verhaltensweisen, an denen wir uns in der Nachfolge Jesu Christi zu orientieren haben – nicht nur als Einzelne, sondern auch als Kirche insgesamt.

Und in diesem Jahr hören wir an dieser Stelle besonders hin: „Fremde aufnehmen“ – bis Freitagnacht das seit Wochen brennende Thema, das in fast jeder Kommune Deutschlands aktuell ist und die nächsten Wochen und Monate dringend bleiben wird.

Doch der Horizont der Rede Jesu vom Weltgericht übersteigt weit das, was in den kommunalen oder größeren öffentlichen Diskussionen über Armut, Flucht, Asyl verhandelt wird. Die Rede Jesu wirft die ganz existentielle Frage auf: wer ist gesegnet – und dazu: wer ist verflucht?

Dabei stehen alle Menschen, alle Völker vor dem Richterstuhl Jesu Christi: Ein Bild, das in scharfem Kontrast zur Rede vom „lieben Gott“ steht, der alles durchgehen lässt: Gottes Gerechtigkeit unterscheidet ganz genau.

Der Gerichtsgedanke gehört unauflöslich zum christlichen Glauben: „Er wird kommen zu richten die Lebenden und die Toten!“

Über unser Leben richten wir nicht selbst. Was uns ausmacht, kommt uns von Gott entgegen. Am Ende und in der Tiefe erfährt unser Leben die rechte Ausrichtung von Gott her.

Das kann ein ganz tröstlicher Gedanke sein. Nicht mit dem eigenen eingefleischten, zeitbedingten und wie immer vorläufigen Urteilsvermögen sich selbst richten zu müssen, sondern Einsicht und Klarheit über das eigene Leben von Gott her zu bekommen. Er schaut uns und unser Leben an – vielleicht so ähnlich wie ein Vater seine Tochter.

So verbleibt das Gericht nicht in der Vorstellungswelt einer weltlichen Gerichtsbarkeit.

Was unser Leben ausmacht und wer wir sind, wird nicht abgeschlossen mit dem gelebten Leben. Erst in der Vollendung durch Gott als dem ganz Anderen werden sich der Sinn und unsere wahre Identität zeigen. Das Leben hier und jetzt steht unter dem Vorzeichen der Ewigkeit.

Hinter dem Gericht steht die Hoffnungsvision auf eine versöhnte Menschheit.

Doch wie verträgt sich der Gerichtsgedanke mit dem der Versöhnung? – Versöhnung ist nur möglich durch Aufdeckung, durch Offenbarwerden der Wahrheit. Im Kino ist dieser Tage der Film „Der Staat gegen Fritz Bauer“ angelaufen. Ein wichtiger Film, der neben der Hauptfigur die Schwierigkeiten aufdeckt, sich Schuld zu stellen und konsequent zu benennen.

„Wir werden alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi!“

Der Wochenspruch entstammt demselben Kapitel wie der Folgende:

„Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.“ (2 Kor 5,19)

Wer ist gesegnet? – Zu Beginn des Evangeliums nach Matthäus hält Jesus seine wohl berühmteste Rede, die Bergpredigt – einen Ausschnitt, die Seligpreisungen – haben wir vorhin zusammen gesprochen.

Selig, glückselig, sind diejenigen, die Leid tragen, sich um Frieden bemühen, die Hunger und Durst nach Gerechtigkeit haben, die selbst barmherzig sind.

»Was ihr den Geringsten unter den Geschwistern getan habt …« – Am Umgang mit den Geringsten entscheidet sich unser Leben. In ihnen begegnet uns Christus.

Man mag an Mutter Theresa oder Albert Schweitzer erinnern, an die vielen „Tafeln“ in unseren Städten und Gemeinden, an die Heilsarmee, an die Flüchtlingsheime, die Krankenhausseelsorge und Besuchsdienste, die Gefängnisseelsorge.

„Die leisen Kräfte sind es, die das Leben tragen.“ (Romano Guardini) Die Stillen im Lande, die da sind, wo es nötig ist, die zupacken, ohne viele Worte zu machen! Sie können von sich selbst absehen, nehmen sich nicht so wichtig, handeln selbstlos und uneigennützig, nehmen Abschied von dem Motto: „Sei dir selbst der Nächste!“

Gesegnet sind wir – so Jesus am Ende seines Wirkens in der Endzeitrede bei Matthäus, - gesegnet sind wir, wenn wir uns aus Mitgefühl leiten lassen. Wenn das unser Antrieb ist. Nicht aus Nützlichkeitserwägungen wie z.B. „Flüchtlinge sind langfristig gut für unsere Volkswirtschaft“. Gesegnet sind wir, wenn wir eben nicht berechnen: „was bringt mir, was bringt uns das“.

Was ihr einem der Geringsten getan habt …“ „… das habt ihr mir getan.“

Wir begegnen Christus. Das ist mehr als Pflichterfüllung. Es kommt nicht auf die Menge der Hilfeleistungen an. Wahre Menschlichkeit kommt aus der Herzensgüte, die fühlt, fremdes Leid nicht vom eigenen trennt.

Ich bin nicht der überlegene Helfer, nicht die alleskönnende und alleswissende Helferin, die anderen „armen und bedauernswerten“ Geschöpfen hilft. Vielmehr lasse ich mich berühren vom Mangel und der Bedürftigkeit – und begegne so dem eignen Menschsein in der Verwundbarkeit und Verletzbarkeit, im (leiblichen und seelischen) Hunger und Durst nach Leben, im eignen Fremdsein in der Welt und im eignen Gefangensein und Verstricksein.

Deswegen entspringt das eigene Tun nicht der Furcht vor Bestrafung – weder vor dem Jüngsten Gericht Gottes noch vor einem weltlichen.

Volkstrauertag.

Vor 100 Jahren tobte der erste Weltkrieg, ihm folgte der Zweite. Die massenhafte Tötung von Menschen mit hoher Kriegstechnik: Soldaten an der Front, in den Gefangenenlagern, Männer, Frauen, Kinder in den Bombenkeller, bei der Flucht und Vertreibung, in den Gaskammern, den Konzentrationslagern. Unbarmherziges, trostloses, sinnloses Sterben. Die Folgen sind mit den Kriegskindern und -enkeln noch mitten unter uns. Soll dies alles im Nichts enden, im toten Vergessen?

Nicht bei uns. Und vor allem nicht bei Gott.

Es wird ein Gericht geben. Es wird zur Rechenschaft gezogen – wie auch immer das aussehen wird.

Es wird ein Gericht geben.

Ein zurecht richten unseres Lebens durch Gott.

„… als wollte er belohnen, so richtet er die Welt.

Gott selbst richtet uns – auf.

Und der Friede Gottes welcher höher ist als alle menschliche Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

am 18.10.2015 von Pfarrer Rainer Böhm

Von der Ehescheidung 

„Und er bricht von dort auf und kommt in das Gebiet von Judäa jenseits des Jordan, und wieder strömen ihm die Leute zu. Und wie es seine Gewohnheit war, lehrte er sie wieder.

Und es kamen Pharisäer zu ihm und fragten, um ihn auf die Probe zu stellen, ob es einem Mann erlaubt sei, seine Frau zu entlassen. Er antwortete ihnen: Was hat Mose euch geboten? Sie sagten: Mose hat erlaubt, einen Scheidebrief zu schreiben und sie zu entlassen. Jesus aber sagte zu ihnen: Angesichts eurer Hartherzigkeit hat er für euch dieses Gebot aufgeschrieben. Doch vom Anfang der Schöpfung an hat er sie als Mann und Frau geschaffen. Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhangen, und die beiden werden ein Fleisch sein. Also sind sie nicht mehr zwei, sondern sie sind ein Fleisch. Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden.

Im Haus fragten ihn die Jünger ihrerseits danach. Und er sagt zu ihnen: Wer seine Frau entlässt und eine andere heiratet, der begeht Ehebruch an ihr. Und wenn sie ihren Mann entlässt und einen anderen heiratet, begeht sie Ehebruch.“

Liebe Gemeinde, 

am liebsten hätte ich mich gedrückt und einen anderen Predigttext genommen. Ich bin ja selbst sozusagen Betroffener, geschieden und wieder verheiratet.

Und da sind Frauen und Männer, die zwar noch verheiratet sind, aber in ihrer Ehe Enttäuschung, Gewalt und Verletzung erfahren. Es gibt Frauen und Männer, die allein leben, ihr Gegenüber verloren oder gar nie gefunden haben. Und es gibt Frauen die mit Frauen, Männer die mit Männern zusammenleben in einer liebevollen Gemeinschaft. Was müssen sie alle empfinden, wenn sie die grossen, steilen Worte hören, die Jesus über die Ehe sagt: „Vom Anfang der Schöpfung an hat er sie als Mann und Frau geschaffen ... und die beiden werden ein Fleisch sein..“

Viele Gründe also, diesen unzeitgemässen Text beiseite zu legen. Aber dann könnte man, weil es unter uns Kranke, Behinderte, Gelähmte, Blinde und Gehörlose gibt, auch nicht gut über jene Geschichten predigen, die davon erzählen, wie Jesus Kranke und Behinderte geheilt, Blinden die Augen und Tauben das Gehör geöffnet hat. Müssten sie dann nicht ihre Krankheit oder Behinderung erst recht schmerzlich spüren? Wir kommen mit dem Evangelium ganz schön ins Gedränge, nicht nur im Blick auf Ehe und Ehescheidung. Denn es ist radikal, was Jesus uns zumutet.

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Mit ihrer Frage, ob es einem Mann erlaubt sei, seine Frau zu entlassen, wollen die Pharisäer Jesus aufs Glatteis führen. Antwortet er: Ja, es ist erlaubt, dann rechtfertigt er die Ehescheidung und untergräbt die gesellschaftliche Bedeutung der Ehe. Antwortet er: Nein, es ist nicht erlaubt, dann setzt er sich in Widerspruch zu einem Gesetz, das im Deuteronomium (24,1) überliefert ist. Dieses Gesetz sieht vor, dass ein Mann seiner Frau einen Scheidebrief schreibt und sie verstösst, weil er etwas Anstössiges an ihr gefunden hat.

Zur Zeit Jesu gab es im Judentum verschiedene Auffassungen darüber, was unter diesem „Anstössigen“ zu verstehen sei. Jesus lässt sich auf diesen Auslegungsstreit nicht ein. Gewiss, es gibt in der Bibel ein Gesetz, das die Fälle regelt, in denen eine Ehe geschieden werden darf. Aber das ist ein Menschengesetz, das notdürftig versucht, der Tatsache gescheiterter Ehen Rechnung zu tragen. „Angesichts eurer Hartherzigkeit hat er für euch dieses Gebot aufgeschrieben.“ Aber der gute Wille Gottes ist das nicht. Vor Gott gibt es keinen einzigen Grund für die Scheidung einer Ehe. Schon für die frühen Christengemeinden war diese Haltung eine Zumutung. Matthäus hat in seinem Evangelium diesen Abschnitt von Markus übernommen. Aber er hat ihn abgeschwächt.

Jesus denkt völlig anders als wir über den Zusammenhang von Scheidung und Ehebruch. Bei uns gilt Ehebruch als Grund für die Scheidung einer Ehe. Jesus sieht das anders: