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Geistliches Wort

Unsere Pfarrerinnen und Pfarrer kommen hier im Wechsel zu Wort. Somit können Sie sich als Leser aus unterschiedlichen Perspektiven der Kirchengemeinden in unserer Stadt und deren Ortsteilen anregen lassen.

Zweier Zeiten Schlachtgebiet

„Sein Geist ist zweier Zeiten Schlachtgebiet, mich wundert’s nicht, dass er Dämonen sieht“, das sagt Ulrich von Hutten in Conrad Ferdinand Meyers Gedicht über Martin Luther.

Er trifft damit den Kern, dass Luther im Grenzgebiet zwischen Mittelalter und Neuzeit beheimatet ist, im Alten fest verwurzelt und manchmal ahnungsvoll das Neue wagend. Sein Teufelsglaube mutet uns vorsintflutlich an, sein Gebrauch der damals modernen Medien macht ihn zum Sohn der Neuzeit. Dass er das damals in Italien aufkommende neue Banken- und Wirtschaftssystem so strikt ablehnt, dass er Kunst und Architektur der Renaissance auf seiner einzigen Auslandsreise nach Italien nicht einmal wahrzunehmen scheint, verweist wiederum nach rückwärts.

Manchmal hört man Menschen sagen, sie hätten ja nun mit Kirche wenig am Hut, aber Luther, das sei doch einer der Wegbereiter der Aufklärung gewesen

Wie steht es damit? Nach gängiger Auffassung  geht mit der Aufklärung ein allgemeines Toleranzgebot einher. Da aber stehen uns nun zunächst Luthers Äußerungen über die Vernunft im Wege: Nach dem Reformator ist die Vernunft eine Teufelshure, eine Teufelsbraut, ein lästerliches Weibstück. Sie sei als Prinzip des Erkennens blind, völlig verblendet, nur blinde Finsternisse vermittelnd. Die natürliche Vernunft sei nichts, total nichts. Wie um Himmels willen, oder besser: um des Menschen willen kann da die Herausführung des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit gelingen?

Nein, Luther geht nach rückwärts, zu den Ursprüngen, zum Urtext, zur Urkirche. Mit dem Fortschritt an sich hat er nichts oder nur sehr wenig zu tun.

Was bedeutet das für uns im angehenden Jubiläumsjahr der Reformation? Zurück mit Luther?

Es mag hier hilfreich sein zu bedenken, dass Luther in vielem zu den Wurzeln zurückgehen möchte und gegangen ist: zur Ursprache, zur Schrift, zum Herrn der Kirche. Dass wir also 2017 zum Anlass nehmen können und sollten, nach unseren Wurzeln zu fragen, sie neu zu entdecken. Zu spüren, wo und wie sie uns tragen – und wo wir gar dringend einer Wurzelbehandlung bedürfen…

Dr. Ulrich Becke

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