kleine Schriftgröße normale Schriftgröße große Schriftgröße

Profil

Regelmäßig widmen wir uns im Gemeindebrief einem theologischen Thema. Hier lesen Sie die aktuelle Ausgabe:

Rettet die Reformation - Teil 6: Probleme und Perspektiven

Wer von Schalheim nach Ockstadt ging, hatte ein Problem. Er musste sich vergewissern, welcher Kalender der richtige ist. Im katholischen Ockstadt galt der gregorianische Kalender, im evangelischen der julianische. Die Wochentage waren die gleichen. Aber 11 Tage Unterschied galt es zu überwinden. Die Evangelischen feierten Weihnachten anderthalb Wochen nach den römisch-katholischen Christen. Dieser Zustand dauerte 118 Jahre an, fast überall im Reich der Deutschen. Das Land der Reformation war gespalten. Die Kalenderfrage ist dafür nur ein Beispiel. Seit dem 14. Jahrhundert gab es Bemühungen, den alten, von Julius Cäsar eingerichteten Kalender zu verbessern, der nicht genau genug war. Der Frühling begann nicht mehr zur Tag- und Nachtgleiche des Jahres. Damit lag auch Ostern immer häufiger nicht mehr richtig. 1582 hatte Papst Gregor XIII. die Erneuerung des Kalenders aufgerufen: Das Jahr 1600 sollte Schaltjahr sein, nicht mehr aber 1700, 1800 und 1900. Diese Änderung wurde für die Zukunft getroffen. Die evangelischen Teilstaaten machten diese Veränderungen nicht mit, allein weil sie vom Papst eingeführt wurde. Dass die Reform mathematisch und astronomisch stimmig war, hatte niemand ernsthaft bestritten.

Fehlende Verständigung

So festgefahren waren die Fronten. Die gegenüberliegende Konfession galt als schlecht, sie wurde verteufelt. Auch die Protestanten übten sich darin. Selbst untereinander wurde es immer schwieriger, Einigungen zu finden, weswegen Deutschland nicht nur zwei-, sondern sogar dreigeteilt war: Neben den Altgläubigen etablierten sich die Lutheraner, die ihrerseits die Reformierten attackierten. Das protestantische Lager hatte sich theologisch aufgespalten. Weil das Luthertum sich ab Ende des 16. Jahrhunderts so sehr hinter den Aussagen Luthers verschanzte, das gesellschaftliche Reformen kaum noch möglich waren, galt das aus Oberdeutschland und der Schweiz stammende reformierte Christentum als anpassungsfähiger. Beispielsweise hatte Luther in mittelalterlicher Manier den zinsbasierten Verleih von Geld abgelehnt. Calvin, der prominente Vertreter der Reformierten, sah es genau anders: Weil der berufliche Erfolg auf Erden zeige, dass man für das Reich Gottes vorgesehen sei, dürfe man Dinge nicht verfemen, die das berufliche Fortkommen unterbinden könnten. Geld auf Zukunft hin zu verliehen war der Sache dienlich.

Nur politisch fanden die Protestanten noch Übereinstimmungen. Das Reich war trotz seiner Spaltung faktisch dominiert von den in Wien thronenden Kaisern, die die oberste Gerichtsbarkeit beeinflussten. Außerdem galten auch die Bischöfe von Mainz, Trier und Köln als starke Kurfürsten. Die Protestanten sahen sich politisch zunehmend isoliert. Deswegen gelang es Lutheranern und Reformierten, sich zumindest politisch zu einem Zweckbündnis zu vereinen. Sie nannten es „Union“. Ziel war es, den Glauben zu verteidigen. Und da die Kommunikation mit den römisch-katholischen Ständen kaum noch stattfand, galt dies auch für einen möglichen Krieg. Besser vernetzt war die andere Seite, angeführt durch das österreichische und bayerische Herrscherhaus. Der Papst und der spanische König waren natürliche Verbündete. Die Protestanten suchten Mitstreiter in den Niederlanden und - was schwieriger war - in England, Dänemark sowie Schweden.

Krise und Katastrophe

Aus dem Glaubenskonflikt wurde eine politische Krise. Die konfessionell unterschiedlich geprägten Monarchen deutscher Zunge machten das Reich zu einem Spielball internationaler Machtinteressen. Und es genügte ein kleiner Anlass in Prag, dass sich aus der krisenhaften Situation ein großer Krieg entwickelte. Die katholischen „Liga“ wollte nicht akzeptieren, dass der Herrscher der Kurpfalz auch Machthaber in Prag würde. Jetzt marschierten die Teilstaaten des Reiches mit Waffen aufeinander. Söldner marodierten durch das Land. Verschiedene europäische Mächte beteiligten sich an den vielfältigen Auseinandersetzungen. In der Summe sollten sie dreißig Jahre andauern, von 1618 bis 1648. Regionen in Deutschland waren entvölkert.

Der Friedensschluss sorgte dafür, dass die konfessionellen Konflikte nicht mehr kriegerisch ausgetragen wurde - zu schlimm war die Katastrophe des 17. Jahrhunderts. Von einem Miteinander waren die Konfessionen noch weit entfernt. Meist bestimmte der Herrscher, welchen Glauben die Untertanen zu leben hatten. Gerade die Fürsten in den lutherischen Landen wollten davon keinen Abstand nehmen. Schließlich waren sie auch oberste Bischöfe und konnten damit die Kirche kontrollieren.

Im Schatten der politischen Macht

Damit einher ging eine Tradition im Protestantismus, die sich kaum von den herrschaftlichen Interessen distanzieren konnte: Geistliche Kritik an den Herrschern war nicht möglich, weil die Monarchen Dienstherren der Pfarrer waren. Gleichzeitig stärkten die evangelischen Kirchen im 19. Jahrhundert dem Reichskanzler Bismarck den Rücken, der im „Kulturkampf“ zahlreiche Gesetze verfügte, die sich gegen die römisch-katholische Kirche stellten. Nach dem Verlust der Privilegien war die evangelische Kirche eine jener Interessensgruppen, die das demokratische Selbstverständnis der ersten deutschen Republik ab 1919 als gottlos charakterisierte. Ein wesentlicher Teil der Protestanten hieß die nationalsozialistische Machtübernahme 1933 gut (gerade in protestantischen Wahlkreisen hatte die NSDAP gute Ergebnisse erzielt, auch in Hessen). Und der Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR ließ sich mit dem diktatorischen SED-Regime auch die Formel „Kirche im Sozialismus“ ein. Damit wurden Theologen attackiert, die sich kritisch mit dem Staat auseinandersetzten.

Ist die fehlende Distanz zu den Herrschenden Erbe der Reformation? Ja, muss man sagen. Aus der Not im 16. Jahrhundert geboren, etablierte sich das System des landesherrlichen Kirchenregiments und rettete sich bis in die neueste Zeit hinein. Allerdings prägte der Protestantismus die Kultur und Wissenschaft über Jahrhunderte. Sich im Sinne Luthers auf das Gewissen zu berufen wurde zu einem ethischen Prinzip. Von der Gemeindeorganisation der Calvinisten gingen Demokratisierungstendenzen in Holland und den USA aus. Pfarrer durften heiraten und der Pfarrberuf stand ab dem 20. Jahrhundert auch Frauen offen. Überall sind die Ursprünge direkt in der Reformation zu suchen. Das wichtigste Erbe unterdessen ist der Anfangsgedanke der Reformation, die Theologen die Rechtfertigungslehre nennen. Luther erkannte: Der Mensch ist nicht vom eigenen Tun abhängig. Das Wesentliche im Leben erhält er geschenkt. Aus der Gnade Gottes wird uns alles zuteil.

Neu gefundene Gemeinsamkeiten

Die kirchlichen Auseinandersetzungen im 21. Jahrhundert - etwa 500 Jahre nach Beginn der Reformation - werden neue sein, nicht zuletzt weil die Kirche an gesellschaftlicher Bedeutung verlieren wird. In etwa zwei Jahrzehnten werden die Christen die Minderheit in Deutschland darstellen. Umso mehr werden die Kirchen untereinander Gemeinsamkeiten finden. Eine Vereinigung der lutherischen und reformierten Kirchen konnte sich ab dem 19. Jahrhundert entwickeln und war 1973 abgeschlossen. Vielleicht werden Protestanten und römisch-katholische Christen auf ähnlichen Wegen gehen können, wohlwissend dass beide eine schuldhafte Geschichte mit sich tragen. Was könnte da ein Anknüpfungspunkt sein? Vermutlich ist das Luthers Schlüsselidee, die er dem Römerbrief des Paulus entnahm (Röm 3,28): „So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht wird ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben“.

 

Hans-Winfried Auel

TOP

© 2017 Die Evangelischen Kirchengemeinden in Bad Nauheim  ·  Kontakt