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31.10.2017

Reformationstag 2017

"Volles Haus" beim ökumenischen Versöhnungsgottesdienst

Der vielleicht anrührendste Moment im insgesamt beeindruckenden Gottesdienst zum Gedenken an die Reformation in der Bad Nauheimer Dankeskirche war gekommen, als Parrer David Rühl, Seelsorger der katholischen Gemeinde, an das Mikrofon trat und als nächstes Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“ ankündigte: Es ist jenes von Luther selbst geschriebene Lied, das am Reformationstag in keiner evangelischen Kirche fehlen darf und das über Jahrhunderte hinweg gewissermaßen zur Hymne des Protestantischen schlechthin geworden ist. „Warum soll ich als Katholik dieses Lied mitsingen?“, fragte Pfarrer Rühl und wies zu Recht darauf hin, dass der teilweise martialische Luther-Text wohl auch für heutige evangelische Christen nicht ganz unproblematisch sein dürfte. Aber: „Dieses Lied bestärkt auch mich in meinem Glauben, und so lade ich auch die anwesenden katholischen Gemeindemitglieder ein, mit mir und uns gemeinsam dieses Lied zu singen.“, fuhr er fort.

Kaum etwas kann die in den vergangenen Jahrzehnten erreichten Fortschritte in der Ökumene deutlicher machen, als die gemeinsame Feier eines Gottesdienstes evangelischer und katholischer Christen im Gedenken an die Veröffentlichung der Thesen Luthers als Ausgangspunkt der Reformation. Auch wenn die Kirchenspaltung gewiss nicht die Intention Luthers war, nahm sie doch mit eben jenen Thesen ihren Anfang. Auf den Tag genau 500 Jahre später war der Gottesdienst ganz der Versöhnung zwischen den beiden Konfessionen gewidmet. Eingeladen hatten die evangelischen Gemeinden von Bad Nauheim sowie Steinfurth und Wisselsheim und die katholische Gemeinde. Wie wichtig den Menschen die Selbstvergewisserung ihres Glaubens und ökumenische Eintracht zwischen den Konfessionen gleichermaßen sind, war schon daran abzulesen, dass etwa 900 Besucher die gewiss nicht kleine Dankeskirche bis zum letzten Platz füllten und einige von ihnen den Gottesdienst sogar stehend verfolgen mussten. Pfarrerin Susanne Pieper erinnerte in ihrer Predigt an das viele Leid, das Christen der verschiedenen Konfessionen einander in den vergangenen 500 Jahren angetan haben, konnte aber auch konstatieren, dass Abgrenzungen wie der Boykott „andersgläubiger“ Ladenbesitzer, den es noch vor einigen Jahrzehnten gab, inzwischen nicht mehr denkbar sind. Katholische Christen erkennen heute in der Lutherischen Rechtfertigungslehre einen wichtigen Impuls auch für ihr Glaubensverständnis, bekannte Gemeindereferentin Stephanie Veith. Evangelische Christen blicken manchmal etwas neidisch auf die weltumspannende Wirkung der katholischen Kirche und wünschen sich wohl in ihren Kirchen mitunter einen Schuss katholischen Humors, wie er etwa in der Karnevalszeit sichtbar wird.

Bei allem ökumenischen Fortschritt wurden die bleibenden Unterschiede zwischen den Konfessionen nicht verschwiegen. Dass eine Frau als Pfarrerin den Gottesdienst gestaltet, ist in der Dankeskirche Normalität, in der Bonifatiuskirche dagegen nicht möglich. Auch die noch immer fehlende Möglichkeit, miteinander Abendmahl zu feiern, schmerzt. Daran weiter zu arbeiten, die Gemeinsamkeiten zu stärken und alles zu unterlassen, was neue Zwietracht zwischen den Konfessionen säen könnte, versprachen Pfarrer Rainer Böhm von der evangelischen Gemeinde und sein katholischer Amtsbruder David Rühl im Namen ihrer Gemeinden, bevor die Gottesdienstbesucher mit Unterstützung der Kantorei mit „Nun danket alle Gott“ einen weiteren Klassiker des christlichen Liederkanons anstimmten. Auch der Ausklang des Gottesdienstes war ökumenisch geprägt: Die vierhändige Interpretation eines Orgelstückes durch Kantor Frank Scheffler (evangelisch) und Kantorin Eva-Maria Anton (katholisch) animierte die Besucher zu einem kräftigen und lang anhaltenden Beifall. Der Wunsch, dass sich diese Art von Ökumene im Alltag bewähren möge, war in den anschließenden Gesprächen bei Kaffee, Sekt und Keksen häufig zu hören.

Die Predigt von Pfarrerin Susanne Pieper kann hier nachgelesen werden.

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